Schreibkommune

Autorinnen und Autoren im Netz

Schlagwort: Kurzgeschichte

… doch Petrus fand den Schalter nicht

Dieser kleine Text ist im Rahmen unserer letzten Schreibübung entstanden, wo es darum gehen sollte, einen Charakter unserer Wahl in einen dunklen Raum zu sperren und anschließend darzustellen, was unter diesen heiklen Umständen mit ihm passiert.
Das diese Aufgabenstellung sehr dehnbar sein kann, zeigt der nun nachfolgende Text. Viel Spaß beim Lesen und möge euch der Himmel nicht auf den Kopf fallen!



Scheiße, ist das dunkel! Ganz ruhig jetzt, Petrus, altes Haus. Tief durchatmen. Bloß nichts überstürzen. Trotz dieser wahnwitzigen Vorsätze, stolperte er noch im nächsten Moment über etwas am Boden liegendes. Ein gezischter Fluch flog über seine Lippen, dann musste er glucksen. »Und du hast den Leuten wirklich erzählt, du hättest das Licht als erstes erschaffen, ja? Die glauben auch wirklich alles, was man ihnen serviert. Sogar wenn sie nicht einmal wissen, was Licht überhaupt sein soll. Der Gott, der hat das gemacht, schon gewusst? Na klar!« 

Mühsam erhob sich Petrus vom Boden und kniff angestrengt die Augen zusammen. 
Das pechschwarze Wasauchimmer, in dem er sich gerade befand, bot scheinbar genügend Möglichkeiten, um sich ordentlich zum Volldeppen zu machen. 
Sein launischer Arbeitgeber verbesserte diese verzwickte Situation nicht wirklich. »Die altägyptische Abteilung hat angerufen. Ein Herr Ra fordert dringend Licht«, hieß es seitens der Chefetage.
Nun durfte Petrus wieder für die Nachbarabteilung schuften, obwohl er sich doch auf sein Kerngeschäft konzentrieren wollte. 
Kein Wunder, dass dieser Saftladen nicht läuft.
Der Heilige ließ es zu, dass ein Seufzer über seine Lippen wich. Dann tastete er sich vorwärts durch die Dunkelheit. Petrus war sich nicht einmal sicher, ob das ein Boden war, auf dem er gerade wandelte, oder doch nur eine weitere überirdische Konsistenz. 
Bei dem Strukturwandel in letzter Zeit schien nichts mehr gewiss. 
So irrte er eine unendliche Unendlichkeit durch das triste Schwarz. 
Aber irren ist nun einmal menschlich oder nicht?
Die Antwort darauf kannte wohl nur sein Arbeitgeber…

Plötzlich summte eine eingehende Nachricht durch Petrus Kopf. Genervt stöhnte er auf. 
»Geschichtsabteilung hier, ein Herr Hades beanstandet, dass immer noch nicht notariell beurkundet wurde, dass er bereits vor Gott existiert hat«, summte es durch seinen Schädel.
»Wenden Sie sich mit derlei Anliegen bitte an unser Sekretariat, ich bitte um Ihr Verständnis.« Petrus legte auf und atmete tief ein und aus. 
Das ist die Dunkelheit. Kein Vitamin D mehr. Ich kriege hier drin noch Zustände. 
Was brachte sein Job nur für Strapazen mit sich? Noch fünf Jahre und er lief endgültig auf dem Zahnfleisch. Doch bis er in Ruhestand gehen konnte, musste Gott erst noch einen Himmel und rechtliche Rahmenbedingungen für einen Einlass in ebendiesen erschaffen. Petrus befürchtete, dass hier vermutlich noch eine Menge Papierkram auf ihn zukommen würde. 

Zähneknirschend pirschte er sich vorwärts. 
Irgendwo hier muss doch der Schalter sein?
Langsam aber sicher zweifelte er an sich selbst. 
Viermal links abbiegen, dann an der Gabelung rechts halten. Oder andersherum? Aber welche Gabelung? Oder war es hinter dem zweiten Baum geradeaus?

Wieder summte es in seinem Kopf. »Außendienst, Petrus«, meldete er sich barsch. Nicht mal für einen Kaffee hatte es heute gereicht.
»Vertriebsabteilung hier, die neuen Ablassverträge sind erstellt und bereit für den Versand. Wir bräuchten nur noch die Kundenadressen«, flötete es durch sein Hirn.
»Danke, ich komme schon selber nicht zurecht!«, kläffte Petrus kaltschnäuzig und legte abermals auf. 
Soll sie doch der Teufel ho… nein, er verwarf den Gedanken. Zu viel Papierkram. 

Die Dunkelheit nagte an seiner Substanz, das merkte Petrus. Die Menschen schienen einfach nicht für sie geschaffen. Er sollte zu gegebener Zeit über eine Gehaltserhöhung nachdenken. 
Dann, endlich, nachdem Äonen verstrichen sein mussten, in Mittelerde schrieben sie bereits das siebzehnte Zeitalter, stieß er auf etwas, das ihm neue Hoffnung verlieh: Den Schalter!
Hätte Petrus Kopf und Kragen riskieren wollen, hätte er jetzt einen Freudentanz aufgeführt. Doch er entschied sich für die nüchterne Variante und aktivierte den Knopf. 

Und wahrlich, es ward Licht… man hoffe er bereut es nicht.

Natürlich bereute er es. Nachdem Petrus sich an die brachiale Helle gewöhnt hatte, wurde ihm das Bild einer Welt offenbart, die offenkundig den Verstand verloren hatte. Riesige Bürogebäude ragten in den Himmel und überall taten es die Menschen ihrem Schöpfer gleich. Und das obwohl sie sich kein Abbild schaffen sollten! Instinktiv schaltete Petrus das Licht wieder aus. Seine nächste Amtshandlung war die offizielle Kündigung.

Aufrufe: 3

Die Wölfe von Asgard – Der Wald der Geister

Das blinzelnde Morgenlicht des aufkommenden Frühlings streckte seine wärmenden Fühler nach ihm aus und weckte ihn aus den Träumen der vergangenen Nacht. 
Gähnend wandte sich Yorrik unter den Fellen hervor und rieb sich den Schlaf aus den Augen. 
Der heutige Tag würde ihm eine Menge Arbeit bescheren, denn als Schiffsbaumeister oblag ihm die Verantwortung über Jarl Islavs Flotte. 
Dieser hatte ein weiteres Drachenboot in Auftrag gegeben, um den anstehenden Viking mit noch mehr Männern auszustatten. 
Doch Arbeit war Yorrik wahrlich willkommen, sicherte sie ihm und seiner Familie doch den Lebensunterhalt. Er schlüpfte aus dem Bett und hinein in seine Kleidung, ein dickes Wollhemd und ein Mantel darüber, dazu feste Stiefel aus Wildschweinleder. 
Astrithr und seine beiden Töchter, Svea und Maer begrüßten ihn am Esstisch, welcher mit Brot, Käse, Gemüse aus dem Garten und Aegirs gutem Fisch gedeckt war. Mehrere Kerzen und ein kleines Feuerchen in der eingelassenen Kochnische erfüllten den fensterlosen Raum mit ihrem flackernden Schein. 
»Vater, ich habe heute Nacht ein Alb getroffen!«, krähte die fünfjährige Svea, während sie mit ihrem dicken braunen Zopf herumspielte und ihn mit eisblauen Augen musterte.
»Dass das Kind immer solche Flausen im Kopf haben muss«, seufzte der Schiffsbaumeister, tätschelte seiner Tochter den Kopf und reichte ihr eine Schale mit Milch, die kurzerhand von der Kleinen verputzt wurde. 
Dann setzte er sich auf seinen Schemel.
»Ich will auch!«, meldete sich ihre große Schwester zu Wort und wedelte mit der leeren Schale herum. Mit ihrem blonden Haar und den braunen Knopfaugen bot Maer einen auffälligen Gegensatz zu ihrer Schwester, der Yorrik stets verblüffte, wenn er die beiden mit liebevollem Blick betrachtete. Sie sind beide so wunderschön, auf ihre ganz eigene Art.
»Nur die Ruhe, Kind. Wer Unrast säht, wird Eile ernten. Und mir schwebt da schon etwas vor«, kicherte er mit einem diebischen Blick auf die Tür, die in den kleinen Vorgarten führte. 
Das Unkraut dort galt es noch zu beseitigen. 
»Und du sagst, du hast wieder von ihr geträumt?«, erkundigte er sich dann interessiert. »Wenn das kein Zeichen der Götter ist!«, Yorrik lachte bellend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann griff er nach Brot und Käse und beförderte beides mit geräuschvollem Schmatzen in sich hinein. 
»Erschreck doch die Kinder nicht so. Nur weil sie noch an etwas glauben«, meckerte seine Frau mit tadelndem Finger. Astrithr nahm der Kleinen die Schale ab, bevor sie lautstark nach einem weiteren Nachschlag verlangen konnte, und brachte sie in den Zuber. 
»Sie waren da. Wie immer«, protestierte Svea und verschränkte trotzig die Arme. 
»Wer? Die Wassermänner? Die Waldgeister? Odin persönlich? Oder hat er dir nur seine Wölfe geschickt?«, witzelte Yorrik, nur um von einem liebevollen Klaps seiner Frau zum Schweigen angehalten zu werden. 
Den Kochlöffel in den Händen haltend, wuselte Astrithr um ihn herum, um den gedeckten Tisch abzuräumen. »Wenn du weiter so schlechte Witze von dir gibst, wird Thor dir noch einen Blitz schicken«, ermahnte sie ihn, nur um dann ihrer jüngsten Tochter einen Kuss auf die Stirn zu geben. »Hör nicht auf deinen Vater, Liebes. Du weißt, er mag es dir Unsinn zu erzählen. Er könnte glatt ein Skalde werden.«
Yorrik lachte schallend. »Davon haben wir einen zu viel. Du weißt, ich halte nichts von diesen Märchenerzählern. Und er windet sich förmlich um des Jarls Stiefel. Seit Islav seine geliebte Hagebutte verloren hat, ist er nicht mehr derselbe. Dasselbe könnte man vom Fischer meinen. Heh, ein Dorf voller Trauerschnepfen, die gemeinsam zur See fahren. Man soll ihr Geheule schon von weitem vernehmen können, klagen die Inselmänner mit schmerzenden Ohren. Das wäre doch mal eine gelungene Geschichte, über die es sich zu singen lohnt.«
»Und du baust diesen Schnepfen ein weiteres prachtvolles Drachenboot«, schmunzelte seine Frau und gab ihm einen Kuss. »Wenn das mal kein Zufall ist.«
Wieder musste Yorrik lachen. Er hatte seine Frau schon geliebt, bevor er überhaupt das erste Mal zur See gefahren war. Und seitdem waren schon einige Jahre ins Land gegangen, ohne dass sich etwas daran geändert hatte. Wer konnte ihn an düsteren Tagen zum Lachen bringen, wenn nicht sie? Wer konnte tiefer in seine Seele schauen als sie? 
Astrithr war das Beste, was ihm je widerfahren war und er würde sie bis in die Ewigkeit als seine Frau ehren.

Als es an der Zeit war, erhob er sich aus seinem Schemel und griff nach der großen Axt, die ihn seit jeher in den düsteren Wald begleitete. 
Yorrik befand es immer schon als die oberste Pflicht eines jeden Bootsbauers, die Stämme, die später das Boot bilden sollten, selber auszuwählen und zu fällen. Nur in harter Arbeit fand sich ein so schnelles und wendiges Schiff wieder und er würde den Jarl auch dieses Mal nicht enttäuschen. Er verabschiedete sich von seiner Familie und setze einen ersten Schritt nach draußen.

Auch wenn der Frühling vor der Tür stand und der Schnee schon geschmolzen war, so blieb es dennoch zunächst angenehm frisch draußen und feuchte Atemwolken waberten aus seinem Mund. 
Der blaue Himmel schien heute unbedeckt zu sein, ein klarer und doch kalter Tag kündigte sich an. 
Die Axt in festen Händen, stampfte Yorrik durch das Dorf. Der winzige Markt in dessen Mitte, mit einer Handvoll verwaisten Ständen, schien zu dieser Tageszeit noch wie leergefegt und so behinderte niemand den Schiffsbaumeister auf seinem Weg in den nahgelegenen Wald. 

Doch als er Aegirs Haus passierte, das etwas abgelegen lag, vernahm er plötzlich Stimmen, die wüst miteinander zu schimpfen schienen
»Du kannst ja wieder zu Knutson gehen und ihm die Zunge in den Hals stecken!«, fluchte eine Männerstimme, die nur dem betagten Fischer gehören konnte.
»Und vielleicht mache ich das auch, wenn du nicht endlich aufhörst zu heulen wie ein Kleinkind. Was ist mit meinem Mann geschehen, den ich liebte, dem Reisen, dem Felsen in der tosenden Brandung, dem selbst die Götter ihren Respekt zollten?«, zeterte eine Frauenstimme, die demnach Ylvie gehören musste.
Yorrik horchte gespannt. Er wusste, dass ihn derlei Scherereien nichts angingen, aber auch er hatte mitbekommen, was während des Banketts vorgefallen war und so war seine Neugier geweckt. 
»Er fischt und sorgt sich um seine Familie«, knurrte Aegir wütend. 
»Mit einer Handvoll Krebsen am Tag? Und etwas Dorsch für die Nachbarn? Sieh dir meinen Mantel an, er fällt bereits in sich zusammen. Soll ich frieren, wenn der nächste Winter kommt?«
Yorrik presste sich dicht an die Hauswand, damit die beiden Streithähne ihn nicht bemerkten, dann spitzte er wieder die Ohren.
»Nein…«, begann Aegir zu erklären, doch seine Frau schnitt ihm das Wort ab.
»Du hast die Wahl. Knutson wird sehr wohl für mich sorgen und du weißt, wenn ich meinen Vater nur genug anflehe, wird er unser Bündnis auflösen. Islav ist vielleicht ein alter Mann, aber seiner Tochter wird er nichts abschlagen.«
»Ylvie, tu das nicht. Ich kann das einfach nicht…«, in Aegirs Stimme schwang nun die Verzweiflung mit.
Irgendwie tat er Yorrik Leid. Was nur mit ihm los ist? 
»Du hast die Wahl. Es liegt allein an dir und bleibt deine Entscheidung. Nur triff sie endlich!«, die Tür wurde aufgerissen und jemand trat heraus. 
Schnell machte sich Yorrik daran, unbemerkt zu verschwinden. 

Erst als der Wald vor ihm auftauchte, hörte er auf zu rennen. Schwer atmend hielt er inne, lauschte für eine Sekunde dem pochenden Schlagen seines eigenen Herzens. Du wirst zu alt für sowas.
Er richtete sich auf. Der Weg, der in den Wald führte, war von seinen Lehrlingen bereits mit kleineren Stämmen ausgelegt worden, damit ein größerer Baum schnellstmöglich durch den Wald transportiert werden konnte. 
Yorrik blickte für einen kurzen Moment in die aufgehende Sonne. Ihrem Stand nach zu urteilen, würden seine Jungs bald hier auftauchen. 
Aber bis dahin konnte er sich schon mal ein vielversprechendes Exemplar aussuchen und damit beginnen es zu fällen. 

Die kahlen Äste der Eichen räkelten sich ihm in ihrem uralten Schlaf entgegen, als er die ersten Schritte in den Wald trat, und bald hatten ihn die Stämme umzingelt, rückten immer dichter an ihn heran als würden sie seine Ankunft mit flüsternder Neugierde betrachten. 
Die Luft roch nach feuchter Erde und Laub und war erfüllt von dem morgendlichen Gezwitscher der Vögel. 
Noch hing der Morgentau auf den Gräsern und Farnen, die den Winter überdauert hatten, und spiegelte das frühe Sonnenlicht in tausenden leuchtenden Tränen aus durchsichtigem Kristall wieder. 
Das sanfte Plätschern eines Baches drang in Yorriks Ohr, während er einen schlanken Pfad einschlug, der ihn in den abgelegenen Fichtenhain führen würde. 
Das Holz dieser Bäume eignete sich hervorragend für den Schiffsbau, denn es war robust, aber auch formbar und dadurch wie geschaffen für die Planken, die längsschiff am großen Kiel angebracht wurden. 
Diesen hatten sie schon aus einer riesigen Eiche herausgeschlagen und er wartete im Dorf bereits sehnsüchtig auf seine Fertigstellung.

Das nunmehr eindringliche Rauschen des Baches holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Das kristallklare Wasser schlängelte sich vorbei an großen, moosbedeckten Felsen und ächzenden Baumstämmen, bis es sich schließlich, in einiger Entfernung, tosend ins Meer ergoss. 
Yorrik passierte eine kleine hölzerne Brücke, die über das plätschernde Nass führte, und bereits grün vom Moos war. 
Doch die Vertäuung war erst letzten Sommer ausgetauscht worden und somit stellte sie einen robusten Pfad über den Bach dar.

Nachdem er die Brücke überquert hatte, musste er nur noch die große Felswand hinter sich lassen, die urplötzlich auftauchte und den Wald teilte wie ein grauer Vorhang. 
Selbst bis in diesen tiefen Abschnitt des Forstes hatten seine Lehrlinge die dicken Äste gelegt, denn Yorrik wusste genau, wo es die besten Bäume gab und wie man sie bis zum Schiff transportierte. 
Und nur die besten Bäume wurden für seine Schiffe verwendet, so viel stand fest. 
Der massive Fels verschluckte urplötzlich das Sonnenlicht und der Pfad wurde zunehmend steiler und enger. Zu seiner Linken befand sich die Anhöhe, zu seiner Rechten fiel das Gelände steil ab. 
Dichter Farn wucherte aus dem Boden wie ein Teppich aus wallender grüner Seide, die sich im Spiel des Windes räkelte. Immer wieder ragten große Findlinge der aufgehenden Morgensonne entgegen, nur ihre Spitzen jedoch fingen etwas von dem warmen Licht ein. 
Und schlagartig wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, warum seine Arbeit ihn so sehr beflügelte. Es war dieser Ort, an den er immer wieder zurückkehren durfte, um etwas großartiges aus ihm zu erschaffen. 
Im Stillen dankte er dem Wald für seine großzügige Gabe, denn von den Asen hielt Yorrik nicht sonderlich viel. Kein Platz hatten sie in ihren Hallen, für diejenigen, die keine besungenen Heldentaten vollbrachten und ihre Willkür kannte keinerlei Grenzen. 
Es fiel ihm schwer, den Glauben seiner Frau zu tolerieren, doch er wusste genau, dass ihm ein zu großer Unmut über die Götter vermutlich Pech bescheren würde. 
Die Felswand fiel so urplötzlich wieder ab wie sie vor ihm aufgeragt war und nun war Yorrik fast an seinem Ziel angelangt. Vor ihm erstreckten sich die Wipfel der dicht an dicht stehenden Kiefern. 
Wenn er genau hinsah, konnte er erkennen, wie sie, in einiger Entfernung, die Sonne in zwielichtigen Strahlen hindurchließen, denn dort fiel das Gelände zu einer steilen Klippe ab, von wo aus man eine vorzügliche Aussicht über die Skiringssaler Bucht genießen konnte. 
Ein dumpfes Grollen riss ihn aus seiner Faszination. Entsetzt taumelte Yorrik einen Schritt rückwärts, erst dann bemerkte er die Felsbrocken, die sich aus ihrer Verankerung gelöst hatten und auf ihn zugeschossen kamen. 
Er spürte nur noch einen kreischenden Schmerz, als ein faustgroßer Stein seine Schläfe traf und er ohne eine weitere Regung zu Boden ging. 
Dann wurde alles schwarz.

Yorrik wusste nicht, wie lange er so dalag, regungslos schlief, nicht lebendig und doch nicht tot. Er öffnete blinzelnd die Augen, denn das Licht schien ihn förmlich zu durchdringen, so hell strahlte es durch die grünen Wipfel der riesigen Bäume, die sich raunend bewegten. 
Er erkannte die Adern der einzelnen Blätter, durch die das Leben pulsierte, sie spielten ihm ein gemeinsames Lied, das von Glückseligkeit zeugte. Und dann wurde er stutzig. 
Es war doch erst Frühling? Es müsste eigentlich bitterkalt sein und die Bäume karg! Er war in einem Teil des Waldes, den er nicht kannte. Wo waren die Fichten oder die Felswand, unter der er zu Boden gegangen war? Yorrik bemerkte nichts dergleichen. Nur die riesigen Bäume, deren dichtes grünes Blätterdach ihn bei weitem überragte.
Und die Wärme. Es war wohlig warm. Viel zu warm für diese Jahreszeit. 
Die Sonne schien problemlos zu ihm durchzudringen, ihre strahlende Berührung prickelte angenehm auf seiner Haut. 
Verdutzt rappelte sich der Schiffsbaumeister auf. 
Saftiger Farn spross aus dem Boden, verwandelte sich vor seinen Augen, und aus kleinen Winzlingen wuchs schlagartig ein dichtes Gebüsch, das die Bäume erklomm, sie umschlängelte wie ein riesiges Tier. 
Immer mehr Farne drangen aus dem Boden und schossen in die Höhe. 
Eine sanfte Stimme drang durch den Wald, formte eine Melodie, die Yorrik das Herz zerriss und es gleichzeitig in Wallung brachte. 
Er setzte vorsichtig den ersten Schritt, ungläubig darüber, was ihm gerade widerfuhr. Er traute seinen Augen nicht, dies musste ein Streich der Götter sein, die er doch stets geleugnet hatte. 
Bedacht darauf, keine der Pflanzen zu berühren, trat er vorwärts, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Die Melodie führte ihn ganz von alleine, immer tiefer in den Wald hinein. 
Die wuchernden Blätter streckten sich ihm entgegen, strichen über seine Haut als wollen sie ihn umarmen, ihn willkommen heißen. 
Mit offenem Mund wandelte Yorrik durch das dichte Gebüsch, dies musste wahrlich ein Zauber sein. Wo bin ich hier? Schlafe ich oder weile ich unter den Geistern meiner toten Ahnen?

Bevor er weiter darüber sinnieren konnte, vernahm Yorrik das Rauschen eines Wasserfalls. Bin ich wieder bei dem Bach angelangt?
Schnell wurde ihm klar, dass dem nicht so war. 
Vor ihm erstreckte sich eine Lichtung, in der sich ein kleiner Wasserfall durch schneeweißes Gestein arbeitete, um sich dann in einen kleinen Weiher zu ergießen. 
Unter dem rauschenden Wasser stand eine gedrungene Gestalt, die eine goldene Fiedel spielte. Der herzzerreißende Klang musste von dort stammen. 
Vorsichtig schlich sich der Schiffsbaumeister näher heran, bis er eine Stimme vernahm, die zu singen schien.

Durch Dunkelheit gebunden, von Götterhand erwählt,
Die großen Augen funkeln, verschleppt in ihre Welt.
Doch oh weh, auch dieses Mal die Kette bricht erneut.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, und fressen wird er euch!

Die Götter, sie verzweifeln und leisten einen Schwur.
Den Fenriswolf zu geißeln, und das mit einer Schnur.

Doch oh weh, auch dieses Mal, der Fen wittert Betrug.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da und fordert ein Tribut.

Die Götter sind verwegen, nur trauen tut sich Tyr.
Die Hand ins Maul zu legen, zu binden das Getier. 
Doch oh weh, auch dieses Mal, der Arm er reißt entzwei.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, bis Ragnar ist er frei.

Als das Männchen erkannte, dass sich jemand an seinem Weiher befand, verstummte es und beäugte den Neuankömmling mit neugierigen Augen, so klar wie die See an einem windstillen Tag, wobei es den Kopf leicht schief legte und seltsam lächelte. Ein Bart aus Algen wucherte in seinem grünlichen Gesicht und es konnte die Fiedel, trotz seiner Schwimmhäute an den Fingern, gar zu vortrefflich spielen. »Was haben wir denn da?«, fragte es mit froschigem Quaken. »Einen Zweifler?« Es schien den Kopf noch ein kleines Stückchen schiefer zu legen, wobei das Grinsen in seinem Gesicht sich im gleichen Maße ausbreitete. 
»Bist du… ein Wassermann?«, keuchte Yorrik atemlos. Das konnte doch nicht möglich sein. Solche Wesen gab es doch nur in Erzählungen. Oder etwa nicht?
Das Männchen watschelte mit seinen kleinen Beinen aus dem Wasserfall heraus und setzte sich auf einen nahgelegenen Fels. 
»Das bin ich. Und ich bin schrecklich hungrig«, erklärte es mit einem Seufzer. »Hast du nicht Lust mir ein Tischlein zu decken, mit Hammelfleisch, dass du einen Mond lang jeden siebten Tag aus dem Hause des Nachbarn stielst? Dafür zeige ich dir, wie man die Fiedel spielt, bis die Hände bluten und selbst Großmütterchens lahme Beine einen wilden Tanz anstimmen.« 
Yorrik wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte und stammelte eine Antwort.
»Dir das Singen beizubringen, wird eine harte Arbeit«, seufzte das Männchen kopfschüttelnd. »Aber sie wird getan. Hammelfleisch ist, was ich dafür brauche.«
Endlich erlangte Yorrik seine Sprache wieder. »Ich bin aber Schiffsbaumeister. Ich brauche das Singen nicht zu lernen. Dafür haben wir einen Skalden. Ich würde lieber erfahren, wo ich hier bin und was das Ganze soll. Ich muss ein Drachenboot fertigstellen und dafür muss ich Heim. Ich befürchte, ich habe mich verirrt.«
»Nicht mal eine einzige saftige Keule willst du mir bringen?«, der Wassermann schien ehrlich enttäuscht. 
Yorrik erwiderte nur mit einem fassungslosen Kopfschütteln. »Nun, nein, befürchte ich. Es sei denn, du kannst mich hier herausgeleiten.«
»Nein, nein, nein! Das kann ich nicht!«, zeterte das Männchen vehement. »Ich bin ein Mann der Kunst, ein Meister der Verse. Wenn du Hilfe brauchst, musst du schon zur Mutter des Waldes gehen.«
»Und wo finde ich die?«, allmählich tanzte ihm der Kleine auf der Nase herum.
»Na im Wald«, das Männchen kicherte spitzbübisch, dann zeigte es auf einen Baum. »Da biegst du rechts ab. Dann immer geradeaus, dann wieder rechts. Dann linksherum und wieder geradeaus, bis du angekommen bist. Verstanden?«
»Nicht im geringsten. Aber ich werde sie schon finden«, gestand der Schiffsbaumeister seufzend. Dann machte er sich auf den Weg.
»Warum habe ich dafür keine Keule verlangt?«, vernahm er noch das Grübeln des Wassermannes, während er sich wieder durch das Gebüsch arbeitete. 

Der Wald nahm ihn wieder vollständig für sich ein und es kam Yorrik wie eine Ewigkeit vor, während er ziellos durch ihn hindurchstreifte. 
Dunkelgrünes Moos bedeckte den Boden und jeder seiner Schritte erschien ihm plötzlich federleicht. Wenn es die Mutter des Waldes wirklich gab, so musste sie doch irgendwo hier zu finden sein? 
Er traute sich nicht zu rufen. Wer wusste schon, was dieser Wald noch alles beheimatete?

Dann erinnerte er sich wieder an die ersten Worte, die ihm der Wassermann zugerufen hatte. 
Ich… ein Zweifler? Vielleicht hätte ich Svea öfter zuhören sollen. Yorrik verfluchte seine Blindheit. 
Seine Frau trug eben mehr Weisheit in sich, als er es je gekonnt hätte. Und nun wurde er dank seiner Narretei von den Göttern verhöhnt, gefangen an diesem Ort, wo jeder seinen Schabernack mit ihm trieb, wie es ihm beliebte. 
Er trat, in düsteren Gedanken versunken und ohne es zu merken, auf einen Ast, der knackend entzweibrach. Yorrik fuhr stocksteif zusammen und blickte sich um. Sein Herz pochte eine wilde Melodie. 
Und dann wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, dass er nicht mehr alleine war.

Er befand sich abermals auf einer Lichtung, vor ihm ragte eine einzige riesige Eiche in den Himmel, ihr Stamm musste dicker sein als sein Haus in Skiringssal und das dichte Blätterdach erstreckte sich so hoch, dass es den Himmel zweifelsohne berühren musste. 
Der uralte Baum war durchzogen von Moos und dicken Efeuranken, auch hier wucherte der mystische Farn am Stamm entlang, welcher zudem mit Pilzen besetzt war, die in einem hellen orangen Licht erstrahlten. 
Dicke Wurzeln, breit wie sein ganzer Körper, stießen durch die Erde und traten an den unterschiedlichsten Stellen wieder aus ihr heraus. 
Leuchtende Käfer summten geschäftig über die Lichtung und fast urplötzlich verschwand die Sonne am Horizont und wich der beginnenden Abenddämmerung. 
Was Yorriks Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich zog, war eine Bewegung zu Füßen des Baumes. 
Eine Frau stand dort. Ihr Körper, aus Wurzeln, Farn und Moos gemacht, räkelte sich ihm entgegen. Grüne Augen, in denen eine unendliche Weisheit lag, durchdrangen ihn förmlich, tauchten ein, in die tiefsten Abgründe seiner Seele. Auf ihren roten Lippen lag ein wissendes Lächeln. Sie wusste, wer er war.
Der Schiffsbaumeister ging auf die Knie. »Die Mutter des Waldes«, keuchte er und verbeugte sich tief. Diese Erscheinung musste eine Gottheit sein und sie hatte sich ihm offenbart. »Es gibt sie wirklich«, eine Demut erfasste Yorrik, wie er sie noch nie verspürt hatte. »Meine Kleine hatte Recht.«
»Sei willkommen auf meiner Lichtung. Dies ist ein Ast des großen Yggdrasil, der unser aller Welten trägt«, sprach die Frau und deutete auf den riesigen Baum. Ihre Stimme war das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, die Tiefe der Wurzeln, die das Erdreich durchdrangen. »Dies sind meine Kinder«, sie weitete die moosbedeckten Arme aus und es schien Yorrik so, als würde der Wald plötzlich näher an sie heranrücken. 
»Verzeiht, ich wollte euch nicht stören«, stotterte der Schiffsbaumeister. Seine Handflächen verwandelten sich in morastige Tümpel und er zitterte am ganzen Körper. Diese Erscheinung war von einer Macht, die sein Verstand nicht begriff. 
»Dieser Ort obliegt meiner wachsamen Hand. Zeige deine Demut, wenn du ihn betrittst, dich von ihm labst. Nehme von ihm, wie es dir beliebt, doch lasse immer ein Zeichen deiner Dankbarkeit zurück. So verlangt es der Kreislauf des Lebens.«
»Ich verstehe, Herrin. Verzeiht mir, dass ich an euch gezweifelt habe«, wisperte Yorrik unterwürfig, während er seine Stirn in der feuchten Erde versenkte. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Erst der Wassermann, nun die Herrin des Waldes. Ich bin ein blinder Narr.
Nun musste die Dame lachen, ein Laut, so klar wie ein Bergkristall. Sie schritt anmutig auf ihn zu, machte dicht vor ihm Halt und legte ihm eine moosdurchwucherte Hand an die Wange. 
Ihre Berührung fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an, gar nicht so wie er sich das vorgestellt hätte.
»Sieh mich an«, hauchte die Moosfrau.
Er gehorchte ohne zu zögern. Für einen Moment blickte der Schiffsbaumeister in ihre Augen und ergab sich dem Gefühl, das ihn durchströmte. 
»Sag mir wer du bist«, forderte sie ihn auf. 
»Ich bin niemand, Herrin«, wieder senkte er sein Haupt, den es war nicht würdevoll genug, um ihrer göttlichen Schönheit entgegengestreckt zu werden.
Wieder lenkte sie seinen Blick auf sich, diesmal energischer. »Sag mir wer du bist!«, forderte sie erneut.
»Yo… Yorrik.«
»Wer?«, wiederholte sie ein letztes Mal.
»Yorrick. Yorrick!«, und dann war ihm klar, was sie wollte. Er schloss die Augen und lächelte. 

»Yorrick! Yorrick!«, klang es da wieder. Die Stimme war vertraut. »Meister Yorrick! Steht doch auf, Ihr blutet! So helft mir doch, faules Pack!«
Das ist Grundolf. Einer meiner Lehrlinge.
Blinzelnd öffnete er ein Auge. Das Licht überwältige ihn für einen Moment und ein kreischender Schmerz breitete sich zwischen seinen Schläfen aus. 
Um ihn herum standen fünf Männer versammelt, seine Lehrlinge, und blickten ihn mit sorgenschweren Gesichtern an. Als er sich an den Kopf fasste, spürte er Blut. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen und er fühlte Schwindel aufkommen.
»Meister, Ihr lagt ohnmächtig auf dem Boden. Sagt, was ist geschehen? Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.« 
Grummelnd ließ Yorrik sich auf die Beine helfen. »Das habe ich vermutlich auch«, murmelte er in sich hinein. 
Eines stand fest: Er würde seiner kleinen Svea jetzt einen Besuch abstatten und ihr etwas wichtiges erzählen.
»Ruht euch für heute aus, wir machen später weiter«, verkündete der Schiffsbaumeister. »Und bringt Feuerholz und Wein mit euch, wenn ihr morgen kommt, wir opfern Herdflamme und Gastfreundschaft an diesen Ort, der uns so fürsorglich ernährt, verstanden?« 
Er sah seinen Lehrlingen die Verwunderung an, niemand jedoch wagte es, dem Schiffsbaumeister zu widersprechen. Dann trat er lächelnd den Weg nach Hause an.

Aufrufe: 5

Die Wölfe von Asgard – Sie ging fort mit dem Nebel

Byarne zog mit seinen zierlichen Fingern an den Saiten der Leier und räusperte sich kaum vernehmlich. Dass ihm zunächst niemand im Raum seine Aufmerksamkeit schenkte, kümmerte den jungen Skalden wenig. 
Seine Kunst war etwas, das den Intellekt der durchschnittlichen Männer, die bei diesen Gelagen reihenweise die Bänke besetzten, bei weitem überstieg. 
Sie erfreuten sich an Fraß und Bier, den Schenkeln der Frau, die sie bediente, und grölenden Versen über die tosende Schlacht. 

Gut für Byarne, dass Jarl Islav nicht zu diesen Leuten zählte und ihn in seiner Mitte willkommen geheißen hatte. 
Der Jarl saß auf einem Thron aus geschnitzter Eiche, der eine Verkörperung der Seeschlange Jörmungandr selbst darstellte, die sich einmal um den gesamten Sitz wandte. 
Rote Seide polsterte den Stuhl aus, ein Mitbringsel aus Konstantinopel, das sich für einen hochrangigen Adeligen geziemte. 
Der Thron befand sich auf einem erhöhten Podest, auf dem sich ein großer Tisch befand, der mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt war.
Byarne erkannte Körbe voll dampfendem Brot, silberne Platten, auf denen Dorsch und Hering gereicht wurden, Schalen voller gekochter Wachteleier und in der Mitte des Raumes hing ein saftiges Ferkel in einer offenen Feuerstelle, von dem das Fett zischend in die Flammen tropfte. Das Knacken des Kiefernfeuers wurde nur von einem munteren Stimmengewirr und dem berauschenden Aufeinandertreffen von Trinkhörnern übertönt.

Islav war von den ranghöchsten Kapitänen, sowie den Kriegern umgeben, die auf der letzten Fahrt besonders ehrenhaft gekämpft hatten. Eine Garde, wie sie Walhall würdig war. 
Byarne saß am äußersten Ende der Runde und würde gleich für sie musizieren und ein paar Verse vortragen. 
Doch bis es soweit war, nutzte er die Gelegenheit um sich etwas umzusehen.

Unter dem Podest erstreckten sich zwei lange Tafeln, auf denen die restlichen freien Männer saßen und tranken. 
Regelmäßig erhob sich einer von ihnen, prostete dem Jarl zu und wünschte ihm Gesundheit, Schlachtenglück oder ein sich nie leeren wollendes Fass Met. 
Letzterer Wunsch wurde mit heiterem Gelächter quittiert, zeugte er doch von der fortgeschrittenen Trunkenheit des Fürbitters. 
Islavs begegnete diesen Wünschen stets höflich, aber nie überschwänglich. Er war ein nachdenklicher Mann, auch wenn man es seiner rauen Erscheinung, mit dem imposant geflochtenen, rabenschwarzen Bart und dem vernarbten Gesicht, kaum anzusehen vermochte. 
Mittlerweile kannte Byarne die meisten Gesichter in Skiringssal, auch wenn er für viele noch als fremder Sonderling mit einem gewissen Händchen für die Poesie galt. 
So erkannte er den Ältesten, Reighyr, der, von einer Menge erfahrener Krieger umgeben, eine Geschichte über die Tücken der Skagerrakwinde zum Besten gab. 
Die jüngeren Männer, die bald auf ihren ersten Viking fahren würden, hatten sich neben ihnen niedergelassen und schwelgten in Träumen von ruhmreichen Siegen, wofür sie von den alten Hasen stumm belächelt wurden. 
Denn insgeheim gedachten sie doch, von den erfahrenen Seeleuten etwas abschauen zu können oder einen geheimen Trick mitzubekommen, mit dem sich die Meere angenehmer befahren ließen.
Die zweite Tafel, die sich vor dem Podest befand, beherbergte eine bunt durchwürfelte Menge, die sich einen erbitterten Wettstreit um den Posten des Trunkenboldes lieferte. 
Grölendes Gejohle hallte durch das Langhaus, als Olaf der Gehörnte gleich zwei der Trinkgefäße gleichzeitig an seine Lippen setzte und trank, was unter seinen zunehmenden Gleichgewichtsstörungen eine beachtliche Leistung darstellen musste, denn jedermann klopfte ihm auf die Schultern oder feuerte ihn weiter an. Woher Olafs Spitzname herrührte, war somit also kein offenes Geheimnis. 

Byarnes neugieriger Blick jedoch konzentrierte sich zunehmend auf einen großgewachsenen Mann, der am Ende der Tafel saß und mit einem griesgrämigen Gesicht in seinen halbvollen Becher starrte. 
Das Essen auf seinem Teller hatte er kaum angerührt und auch nach Gesprächen schien ihm nicht zu sein. 
Von dem habe ich schon gehört. Er wird Aegir der Sauertopf genannt. 
Kein schöner Name für einen Krieger solch mächtiger Statur. Auch wenn seine riesigen Pranken die harte Arbeit auf dem Boot abzeichneten, so war sein Blick doch ein flackerndes Tor nach Hel.
Einst hatte er den Namen Riese getragen, abgeleitet von den großen Monster, aus dem Himmel und Erde und Meer geschaffen worden waren, doch seit seinem letzten Viking hatte sich das schlagartig geändert. 
Was wohl mit ihm passiert ist? Welche Geschichte erzählt von deinem vereisten Herzen? 
Eindringliches Kichern, das vom Frauentisch herrührte, der sich hinter dem Podest befand, und somit einen abgespaltenen Bereich darstellte, lenkte Byarne für einen Moment ab. 
Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er Ylvie erblickte, eine Frau wie es unter tausenden keine zweite gab. 
Sie bemerkte seine Geste allerdings nicht und schnatterte angeregt weiter mit ihrer Tischnachbarin.
Achselzuckend widmete sich der Skalde wieder seiner Leier. Er erhob sich und stimmte einen leichten Singsang, gefolgt von ein paar Akkorden an. 
Schlagartig wurde es ruhiger im Raum, auf das auch den hinteren Reihen es vergönnt war, dem Klang der Melodie zu lauschen. 
»Ruhe, der Skalde singt jetzt!«, bekräftigte jemand Byarnes Voranschreiten.
»Das sehe ich selbst. Die Frage ist, ob man ihn hören will«, kicherte ein anderer. 
Der erste knuffte ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Byarne ignorierte den Affront und ließ seine herzzerreißende Stimme wie ein Licht, wie ein Zeichen der Götter durch den Raum wandern. Gold und Silber flossen ineinander, während seine Stimme einen jeden für sich einnahm. 

Durch Torf und Gras und hohen Schlamm,
kämpft sich ein einsamer Nordemann.
Die Kälte berührt ihn mit silbernen Schleiern.
Die Bäume des Moores stöhnen bedauernd.

Und so ging er fort, mit dem Herzen voll Gram.
Die Liebe verlorn, was blieb war die Qual.
Das Lied seiner Seele verstummte so jäh.
Er nahm sich ein Seil, machte sich auf den Weg.

Im Moor sucht ihn das Ende.

Totenstille herrschte. Jeder lauschte, hing an seinen Lippen. Alle gemeinsam. Jeder für sich allein. Gefangen im Klang.
Und so sang er weiter, während seine Leier eine tieftraurige Melodie anstimmte.

Zu richten sich selbst, aufgrund des Verlusts,
nimmt Hela ihn mit, an ihre trauernde Brust.
Doch kurz bevor der letzte Schritt ist getan,
sieh, der Nebel, er regt sich, oh Nordemann!

Mit kräuselnden Schritten, die zierlich Gestalt,
kommt auf ihn zu, macht dicht vor ihm Halt. 
Ihr graues Lachen, nicht mehr als ein Schemen,
durchsichtige Lippen lächeln verlegen.

Im Moor hat ihn der Zauber gefunden.

Byarne bemerkte, wie Islav ihn mit steinerner Miene anstarrte. 
Eine unendliche Bewegtheit lag tief verborgen hinter seinen Augen, auch wenn der Rest seines Körpers ihm zu verbieten schien, eine Regung zu zeigen. 

Er streichelt ein letztes Mal ihr wallendes Haar,
blickt in zwei Augen, so blau wie das Mar.
Sie formt mit den Lippen einen endlosen Kuss
und sagt ihm dann, dass er Abschied nehmen muss. 

Sie gleitet aus seinen Händen, hinein in den Nebel,
dem Nordemann kommt eine einzige Träne.
Er fasst sich ein Herz und macht sich von ihr frei.
Auf der feuchten Erde verrottet einsam ein Seil.

Im Moor dämmert ein neuer Tag. 

Byarne verneigte sich tief. 
Nach einem kurzen Moment der Besinnung erhoben sich die Männer und applaudierten lautstark. 
Der Blick des Skalden richtet sich jedoch nur auf einen.
Islav hatte sich erhoben und neigte ihm den Kopf zu. Eine Geste des Respekts für seine Darstellung und ein Dank für diesen besonderen Moment und die Ehrung seiner verstorbenen Frau.
»Ich danke dir für deine Darbietung, Skalde. Iss und trink von meiner Tafel, wie es dir beliebt. Und nun spiele uns etwas fröhliches.«
Wieder verfiel die Menge in ausgewachsenen Jubel, während Byarne einen schnelleres Stück anstimmte und das Lied vom schlafenden Bären und der Fischerstochter spielte. 
Einige der Damen ließen sogar mit sich tanzen und so bewegte sich ein freudiger Tumult zwischen den Bänken umher. 
Aus dem Augenwinkel registrierte der Skalde, wie Ylvie zu ihrem Mann stieß und ihn mit freudigem Lachen zum Tanzen bewegen wollte.
Doch Aegir wies sie mit einer schroffen Handbewegung ab. 
Sie schien verärgert ein paar deutliche Worte zu fällen, dann ließ sie sich von einem der Männer zum Tanz auffordern und verschwand in der bunten Menge. 

Der Abend wurde immer ausgelassener, mittlerweile waren die meisten so betrunken, dass sich der Tanz in ein wildes Getorkel verwandelt hatte. 
Byarne spielte Alle Segel hoch, gefolgt von einem humorvollen Festlied über Geri und Freki, die Wölfe Asgards und seines großen Herrschers, dem machtvollen Odin. 
Der Blick des Skalden wanderte durch die Reihen und plötzlich stieß er auf etwas, das ihn erschaudern ließ. 
In einer abgelegenen Ecke hatte Ylvie es sich mit jemandem gemütlich gemacht, sie hatte die Arme um ihn geschlungen, er seine auf ihrer Hüfte ruhen. 
Nach leidenschaftlichem Partnertanz sah das ganz und gar nicht aus.
Sie steckten ihre Köpfe zusammen und schienen nur Augen füreinander zu haben. 
Vermutlich eine Folge des Alkohols und der Verschmähung durch ihren Mann.
Byarne schaute verstohlen zu Aegir, der nach wie vor an der Tafel saß und der Schmollerei verfallen war. 
Was für ein Mann lässt so etwas zu?

Plötzlich tauchte Aegirs jüngerer Bruder an seiner Seite auf und sie schienen ein ernstes Gespräch zu beginnen. Snorri gestikulierte wild mit den Händen und deutete auf die abgelegene Ecke.
Der Blick des großen Mannes verfinsterte sich, das Flackern, das Byarne schon zuvor bei ihm gesehen hatte, verwandelte sich in Surts tosendes Untergangsinferno.
Das gibt gleich furchtbaren Ärger.
Mit einem eindrucksvollen Ruck sprang Aegir auf, wobei er sich den Stuhl griff, auf dem er bis gerade noch gesessen hatte. In Windeseile hatte er die abgelegene Ecke erreicht. 
Byarne hörte nur noch einen wütenden Aufschrei und ein lautes Krachen, als der Stuhl sein Ziel fand und daran zerbarst. 
»Du Hundesohn!«, fluchte Aegir brüllend. »Hast dich wie eine Schlange an meine Frau herangeschlichen?«
Die Musik brach ab und alles wendete sich den beiden Streithähnen zu.
Der andere Mann kam keuchend auf die Beine, wischte sich das Blut von seiner Nase. »Sie wählte mich aus, weil du sie verschmähtest. Siehst vielleicht wie einer aus, aber ein echter Mann benimmt sich nicht so wie du, Sauertopf! Und jeder hier weiß das!«
Die Menge stimmte mit Gejohle ein. 
Der Faustschlag traf den Mann so unerwartet, dass er ächzend zu Boden ging. 
Aegir griff nach seinem Bart, zog ihn wieder zu sich empor, nur um ihn mit einer Kopfnuss abermals zu Boden zu schicken. »Kein Mann, eh? Spricht dieser Tölpel die Wahrheit?«, blaffte er seine Frau an. 
Ylvies Augen weiteten sich vor Furcht und sie versuchte eine Antwort zu zittern, was ihr jedoch nicht direkt gelang.
Mittlerweile hatte auch Islav das geschehen bemerkt. Noch schien er sich ruhig zu verhalten, doch seine Männer bahnten sich bereits einen Weg durch die Menge, die ihnen nur widerwillig Platz machte. Alle wollten hören, was Sauertopf zu sagen hatte.
»Denkt ihr das alle? Seid ihr so blind und taub? Könnt ihr die Zeichen nicht lesen? Ein Gott hat mich berührt und ich weiß, dass ich auf ihn hören muss. Jeder, der diese Entscheidung anfechten möchte, darf gerne vortreten und sprechen.« 
Der große Mann verschränkte die mächtigen Arme. 
Mit versöhnlicher Geste trat Snorri hervor und stellte sich zwischen die beiden. »Du bringst ihn ja gleich um«, sagte er milde, dann schaute er seinen Bruder eindringlich an. »Du scheinst mir von deinem Pfad abgekommen. Auch als wir heute miteinander sprachen, wirktest du so verändert. Sag mir, seit wann ist Fischen die Lieblingsbeschäftigung vom axtschwingenden Riesen? Komm mit auf unsere nächste große Fahrt und werde wieder du selbst. Ein Krieger Tyrs, dem großen Helden. Werde dem Sehnen deiner Frau gerecht und auch dem deines Bruders. Ich bitte dich.«
Einige der Männer verfielen in unterstützendes Gemurmel. Viele von ihnen konnten sich wahrlich bestens daran erinnern, wie es war, mit Aegir auf Beutefahrt zu segeln.
Dieser jedoch funkelte Snorri nur an. »Du kennst die Antwort«, sagte er und griff nach seiner Frau. Er zog sie mit sich auf den Ausgang zu. 

Vor Islavs Podest machte er kurz Halt. »Verzeiht mir, dass ich die gute Stimmung derart tosend unterbrochen habe, mein Herr. Es lag nicht in meiner Absicht«, dabei blickte er seine Frau scharf an, die mittlerweile blass wie Pergament geworden war.
»Versprich mir, dass du sie auf dem Heimweg nicht schlecht behandeln wirst und ich werde dir verzeihen. Und versprich mir auch, dass du die Worte deines Bruders bedenken wirst«, sprach der Jarl von Skiringssal mit ernstem Tonfall.
»Was mein törichtes Weib angeht, so möchte ich euch versichern, dass ich ihr kein Haar krümmen werde«, sprach Aegir mit einer leichten Verbeugung. 
»Doch mein Entschluss für die Plünderfahrten steht fest. Ich habe Frau und Kinder und gedenke nicht, sie wieder zu verlassen. Es tut mir Leid, mein Herr.« 
Mit diesen Worten schritt er, in Begleitung seiner Frau, aus der Halle. 
Für einen Moment war es totenstill. 
Byarne befürchtete, dass der heutige Abend womöglich gerade sein jähes Ende gefunden hatte. 
Der Jarl entließ ihn für heute aus seinen Pflichten und so widmete er sich dem Bier. 
Was ist nur mit diesem Aegir los? Ein Gott hat ihn also berührt?
Noch lange grübelte der Skalde über das Geschehene nach, doch die heutige Nacht würde ihm keine Antwort mehr liefern können.

Aufrufe: 1

Die Wölfe von Asgard – Die Rückkehr

Und am Ende wurde es etwas ganz anderes. 🙂

Die Wölfe von Asgard beinhaltet 8 Kurzgeschichten, die miteinander verknüpft sind. Und es geht um ein Volk, das nicht nur mehrere Jahrhunderte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hat, sondern auch zu den bedeutsamsten Entwicklungen seiner Zeit beigetragen hat. Willkommen, in der Welt der Nordmänner.


Die Rückkehr

Mit all seiner Kraft zog Aegir an dem salzverkrusteten Seil, das ihm heute sein Abendessen garantieren sollte. Platschend durchbrach der Reusenkorb die schäumende Wasseroberfläche und offenbarte sein dürftiges Inneres. Fluchend hob Aegir seinen mageren Fang aus dem eiskalten Wasser. Die abgelegene Bucht, an der er sich am gestrigen Abend dazu entschieden hatte, seine Fallen auszuwerfen, hatte ihm kein Glück eingebracht.
Njörðr war ihm heute nicht gewogen.
Vielleicht lässt er ja auch noch mein Boot kentern. Der muskulöse Mann spuckte aus. Die paar Krebse, die er bis jetzt in sein kleines Ruderboot gehievt hatte, reichten kaum für ihn selbst. Ganz zu schweigen von seiner Frau und den zwei Kindern, die ihm sämtliche Haare vom Kopf fraßen. Aegir ließ es zu, das ein Seufzer seinen Lippen entwich. Die Fischerei war ein ehrbarer Lebensunterhalt, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem Ruhm und dem Reichtum einer siegreichen Schlacht und der Aussicht auf die prasselnden Feuer in den Hallen der Götter. Vielleicht sollte ich… ein letztes Mal?, schoss es ihm durch den Kopf. Er verwarf diesen flüchtigen Gedanken und zog den letzten Korb nach oben.
Wieder nichts.
Aegir vergrub für einen Moment das Gesicht in den Händen. Dann verwünschte er sich für seine Schwäche. »Wenn dein Weib dich jetzt sehen könnte«, mahnte er sich grollend. Dann setzte er sich an die Ruder und pflügte mit kräftigen Zügen durch das Wasser. Heimwärts.

Die Skiringssaler Buchten boten nicht nur einen idealen Rückzugsort, sie waren auch von den Göttern mit besonderer Schönheit und Fruchtbarkeit gesegnet worden. Kleine Inseln, kaum länger als zwei Drachenboote, trotzten mutig der rauschenden See und den meist rauen Winden, welche die Felsformationen im Laufe der Jahrhunderte gemeinsam geschliffen hatten. Die große Bucht, die er jetzt aus einem Seitenarm ansteuerte, vollzog sich noch eine lange Strecke in das Landesinnere hinein. Ihre Seiten waren gesäumt von großen Klippen, auf denen die Kiefern sich aufreihten wie die Soldaten zweier Schlachtreihen, die sich zu den sanften Klängen des Windes sachte räkelten. Der morgendliche Nebel, der auf der Wasseroberfläche lag, verlieh der Bucht fast etwas gespenstisches. Doch Aegir segelte und fischte hier schon, seit er als kleiner Junge das erste Mal in ein Boot steigen durfte. Er passierte den großen Raeg, einen massiven Findling auf jener Insel,auf der das regelmäßige Thing abgehalten wurde, und ruderte dann tiefer in den tristen Nebel hinein.
Als würden die Alben heute Fangen spielen. Aegir spürte es in den Knochen,  roch es in der salzigen Luft, das rauschende Wasser flüsterte es ihm zu. Der heutige Tag war von einer vorbestimmten Bedeutung. Der große Mann runzelte die Stirn und wanderte für einen Moment nachdenklich mit der Hand durch den Bart, spähte in die Ferne als wäre dort etwas fremdartiges auszumachen. Überlegte. Dann setzte er sich achselzuckend zurück an die Ruder.

Es dauerte nicht mehr lange und die Dächer von Skiringssal tauchten vor ihm auf. Schornsteine, aus denen dichter Rauch waberte, und einladendes Licht, aus offenen Kiefernfeuern, empfingen Aegir und hießen ihn willkommen. Das Dorf selbst zählte kaum mehr als ein paar Dutzend fensterloser Hütten, über denen sich das imposante Langhaus des Jarls aufbäumte. Gezimmerte Stege reichten vom Ufer bis in das tiefere Wasser, hier ankerten in der Regel die Knorrs, die Drachenboote, der ganze Stolz ihres Dorfes. Jetzt jedoch waren sie verlassen. Mit den Männern war das  Leben aus dem Dorf verschwunden. Warum nur bin ich nicht mit ihnen gesegelt? Aegir zog das Boot ans Ufer und watete durch den feuchten Sand, der an seinen Stiefeln zerrte und seinen Marsch verlangsamte. Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem des Rauches aus den zahlreichen Feuerstellen. Der Frühling hatte sich noch kaum aus seinem Nest geschält und so bildeten sich feuchte Dampfschwaden vor seinem Gesicht, während Aegir durch das Dorf ging. Er schnürte seinen Mantel enger, rückte die gepolsterte Mütze aus Eichhörnchenfell zurecht und beschleunigte seinen Gang. Die Arbeit würde seinen Knochen schon noch etwas Wärme spenden. Er erreichte seine Hütte und begann sofort damit, seinen Fang zu schälen. Krebse konnten einem wirklich lästige Arbeit bescheren, aber immerhin hatte er etwas gefangen. Er betäubte seine Beute durch einen Schlag auf den Kopf und puhlte dann das Fleisch aus ihrem Panzer. So verbrachte er in der Regel die meisten Morgen. Er richtete sich erst auf, als die Sonne schon hoch stand und plötzlich ein eindringlicher Ruf aus dem Hafen ertönte. Ein Horn verkündete die Ankunft Islavs und seiner Männer.
Die Drachenboote waren zurückgekehrt.


***

Snorri fegte wie der Wind durch den Hafen.
Der Nebel hatte sich mittlerweile gelichtet und gab den Blick auf drei schlanke Boote frei, die elegant durch die Wellen manövrierten. An ihrem Bug thronte der furchteinflößende Drachenkopf der Nordmänner. Rufe wurden laut, während die Segel eingeholt und die Masten umgelegt wurden. Den Rest der Strecke legten die Männer mit Rudern zurück. 
Mit schlagendem Herzen verfolgte Snorri jede ihrer Bewegungen. Dann rief er sich allerdings ins Gewissen, dass er jetzt ein Mann war und kein aufgeregtes Kleinkind mehr. Dennoch konnte ernicht umhin, ein strahlendes Lächeln an den Tag zu legen, als die Schiffe beidrehten und endlich in den Hafen steuerten.
Mittlerweile hatte sich eine dichte Traube von Menschen gebildet, die den Männern ein warmes Willkommen entgegenrief. Alle hatten sich versammelt.
Snorri blickte durch die Reihen.
Alle, außer seinem großen Bruder Aegir.
Du elender Feigling. Snorri ballte die Fäuste bis es wehtat. Dann verdrängte er den Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen.
Die Männer hatten mittlerweile angelegt und damit begonnen, die wertvolle Fracht aus den Bäuchen der Drachenboote zu entladen.
Snorri erkannte Säcke voller Schmuck, Kelchen und Münzen, Fässer von fränkischem Wein und Kisten voller duftender Gewürze aus Konstantinopel. Der appetitliche Duft der mitgebrachten Speisen wurde nur von dem des ruhmreichen Sieges der Wiederkehrenden überdeckt und für einen Moment verweilte Snorri mit geschlossenen Augen in heldenhaften Tagträumen.
Dann stieg Islav von Bord und die Menge verfiel in tosenden Beifall. Der Jarl von Skiringssal war zurückgekehrt, von Thyr als Günstling in der Schlacht auserlesen. Sein Pelzmantel wehte spielerisch im Wind und er streckte seine blutverschmierte Axt gen Himmel, eine Posse des Siegreichen. Am heutigen Tage hatte er sich einen Platz an der Seite der Götter verdient.
»Wo ist denn dein Bruder?«, riss jemand den jungen Snorri aus seiner Faszination.
Er drehte sich irritiert um und erkannte Ylvie, das Weib, das sich Aegir zur Frau genommen hatte. Sie trug ihr langes rostrotes Haar zurückgekämmt und war in einen wärmenden Pelz gehüllt, den ihr Aegir irgendwann mal von einer Raubfahrt mitgebracht hatte. Mittlerweile war er jedoch alt und die ersten geflickten Stellen offenbarten sich bereits. Ihr hübsches Gesicht hatte in den verstrichenen Jahren etwas jugendliches beibehalten und niemand im Dorf kannte so derbe Scherze wie sie.
»Das solltest du doch besser wissen als ich, schließlich teilt ihr euch ein Bett«, frotzelte Snorri mit keckem Grinsen. Wäre sie damals nicht zu alt gewesen, hätte er sie sich vermutlich zu Eigen gemacht. Er hatte es aber dabei belassen, dem Älteren den Vortritt beider Brautschau zu lassen, so wie es sich für echte Männer geziemte. Und sie war mit ihren dreißig Jahren immerhin acht Jahre älter als er.
Ylvie legte ein mattes Lächeln auf. »Vielleicht solltest du mal mit ihm reden, damit er seinen Allerwertesten aus diesem alten Kahn hievt und ihn wieder dorthin schleppt, wo er hingehört. Ein Mann mit einer Axt in der Hand ist so viel aufregender als einer mit dem Fischmesser.«
Lachend versprach Snorri es ihr. Doch erst würde er mit den Männern reden und herausfinden, welche Abenteuer sie auf der Fahrt erlebt hatten.


***

Fertig. Das war der letzte Krebs. Selbst wenn es ein magerer Fang gewesen war, so hatte er ihn doch bis in die Mittagsstunden beschäftigt. Aegir legte das Messer zurück auf den mit Krebsresten verunreinigten Tisch und lehnte sich mit seinem Schemel an die Hauswand. In Gedanken fragte er sich, warum Snorri nicht längst aufgekreuzt war, um ihm mit belanglosem Gefasel ein Ohr abzukauen. Vielleicht verschont er mich ja heute?
Sein Blick wanderte zu der Schale mit dem Krebsfleisch, das er gleich braten und in Salz einlegen musste, damit es nicht schlecht wurde. Dann seufzte er und schloss für einen Moment die Augen.
Das Geräusch von Stiefeln, die durch die matschige Straße pflügten, weckte Aegir aus seinem halbschlafähnlichen Zustand. Irritiert setzte er sich auf, dann kam sein jüngerer Bruder auch schon um die Ecke gebogen.
»Dein Weib hat dich vermisst«, grüßte Snorri und klopfte ihm verheißungsvoll auf die Schulter. »Und Islav hat nach dir gefragt. Ich habe ihm gesagt, du seist noch in dringender Angelegenheit mit dem Tagesfang beschäftigt«, er lehnte sich grinsend an die Wand und blickte Aegir eindringlich an. Dann wich sein Lächeln einem gewissen Maß an Besorgtheit. »Was ist los mit dir? Verkriechst dich hier oben, während die Männer ruhmreich nach Hause zurückkehren? Sind es nicht auch deine Waffenbrüder?«
Aegir erwiderte mit einem unverständlichen Brummeln. »Unsere Waffenbrüder, ja? Sag, bist du schon einmal auf einen Viking gefahren, du vorlauter Rotzlöffel? Hast das Blut der Feinde vergossen? Brüder sterben sehen? Wind und Wellen getrotzt? Du bist ein Narr,der seinen Kopf in den Wolken stecken hat! Wenn Islav dich wirklich mitnehmen will, bringe ich ihn eigenhändig um.«
Für einen Moment blitzte der Zorn durch Snorris Augen, dann jedoch schien er sich eines Besseren zu besinnen. »Ich werde mitfahren, ob du willst oder nicht. Sie haben die Inselmänner angegriffen, wehrlose Feiglinge allesamt, aber reich sollen sie sein. Und du wirst es nicht glauben…«
Aegir verzog eine seiner buschigen Augenbrauen. »Was werde ich nicht glauben?«, fragte er forsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Snorri etwas wusste, das ihm nicht bekannt war, hielt er für relativ gering.
»Sie beten zu einem Toten. Ihr Gott ist am Kreuz gestorben und hat sie zurückgelassen. Wie die Lämmer auf der Schlachtbank. Was für blamable Schwächlinge«, Snorri reckte die Faust in die Luft als würde er ihr eine Abreibung verpassen.
Aegir schüttelte mit dem Kopf. »Die Inselmänner sind nicht so wehrlos, wie du vielleicht glauben magst. Man muss rasch zuschlagen, sich krallen was man kriegt und verschwinden, bevor sie einen aufknüpfen. Und auch wenn wir ihren Glauben nicht verstehen, er verleiht ihnen dieselbe Kraft, wie es die unseren Götter tun.«
»Du sprichst wie ein Ungläubiger!«,wütete Snorri und schlug mit der Faust laut krachend auf den Tisch. »Ich habe schon einen Bruder, der in Hel verrottet, ich will dich nicht auch noch an die Dunkelheit verlieren. Aber die Tore von Walhall verschließen sich vor dir. Sag,mit wem soll ich anstoßen, wenn ihr nicht mehr seid?«
»Lass Dyggur aus dem Spiel, bevor Mutter dich mit dem Besen verprügelt. Die Namen der Toten zu nennen, schickt sich nicht. Die Lepra ist ein Feind, gegen den wir nicht ankämpfen können, nicht mit Axt und nicht mit Schild. Das weißt du ganz genau.« Aegir spürte, wie die Wut in ihm aufkochte und er schob sich mit einem kräftigen Ruck aus seinem Schemel.
Jeder andere hätte das aufgrund seiner Körpergröße vermutlich als Drohung verstanden, nicht jedoch Snorri, der ihn seltsam ruhig beäugte. »Wir reisen zu einem Kloster der Inselmänner. In ein paar Monden geht es los. Ich werde dabei sein, denn sie sind keine Gegner für uns. Wir sind die Gefahr, die aus dem Norden zuschlägt. Wikinger nennen sie uns und ich will verflucht sein, wenn sie diesen Namen nicht mit Furcht aussprechen. Ich werde nicht in Hel versauern und mich von meinen Ahnen bedauern lassen!« Er legte Aegir fast zutraulich eine Hand auf die Schulter. »Lass uns Wölfe sein, Bruderherz. Wölfe aus Asgard, die den Tod und den Schrecken bringen, wohin sie auch segeln. Und dann stoßen wir in Walhall auf unseren Bruder an.«   
Für einen Moment sagte Aegir nichts, stand nur da und war ganz bei sich. Dann knurrte er: »Nein!«, griff sich die Krebse, schritt ohne ein weiteres Wort zu verschwenden an Snorri vorbei und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen.

Aufrufe: 1

Die Mauerblume


»… und was hältst du von Bea?«, fragte Claus in die Runde.
Die Jungen starrten ihn spöttisch an.
»Die findest du gut?«, fragte Lennart und schüttelte verständnislos den Kopf, »Die könntest du mir schenken und ich würde sie nicht wollen. Hast du dir die schon mal näher angesehen? Also, ein Bisschen muss so ‘n Weib schon hermachen, bevor sie mit mir gehen darf.«
Selbstgefällig blickte er in die Runde und fand in den Augen der anderen Jungen nur Zustimmung.
Tim beteiligte sich in der Regel an solchen Diskussionen nicht. Es reichte, dass er als Einziger aus der Gruppe bisher noch keine Freundin gehabt hatte. Lennart hatte damit keine Probleme. Er war ein hervorragender Sportler und der Schwarm der Mädchen, was er auch in vollen Zügen genoss. Er bestimmte die Regeln, und wenn ihm Eine besonders gut gefiel, durfte sie mit ihm zusammen am Wochenende in die Disco gehen. Bei den anderen Jungen war es nicht so extrem, aber auch sie hatten im Grunde nur zwei Themen bei ihren Gesprächen und Prahlereien: ihre heldenhaften Leistungen beim Fußball und ihre Erfolge bei Mädchen.
»Was ist eigentlich mit dir, Tim?«, fragte Lennart und grinste ihn spöttisch an.
Tim war in Gedanken versunken. »Was? Was meinst du?«
Die Gruppe lachte, was ihn ärgerte und was man ihm vermutlich auch ansah.
»Wie heißt denn deine Freundin?«, fragte Lennart, »Oder hast du etwa keine?«
Wieder lachten die Anderen.
»Ach, lass mich in Ruhe!«, rief Tim aggressiv und wandte sich ab.
»Wer soll den auch wollen?«, hörte er noch, während er wegging, »Der bringt doch überhaupt nichts, dieser Loser.«
Schallendes Gelächter war die Folge.
Tim ärgerte sich maßlos über diese Attacken Lennarts. Er verstand es nicht, warum er immer auf ihm herumhackte, wo er doch der »Mr. Nice Guy« der Stufe war. Nicht, dass er sich nichts aus Mädchen machen würde. Das war es nicht. Aber er war nicht gut im Sport, konnte überhaupt nicht tanzen, und wenn er morgens in den Spiegel schaute, sah er einen schmächtigen Jungen mit Pickeln im Gesicht. Das alles war nicht eben hilfreich. Hinzu kam, dass er einfach schüchtern war. Sprach ihn einmal eines der Mädchen an, die er nett fand, verschlug es ihm einfach die Sprache. Er konnte sich dafür hassen.
Tim vergrub sich deshalb lieber in seine Bücher und blieb auf seinem Zimmer. Das ersparte ihm diese erniedrigenden Szenen, die Lennart ihm ständig bescherte. Mit Einigen der Anderen käme er ja noch klar, doch nicht in der Gruppe – da war Lennart der Wortführer und uneingeschränkte Chef.
Tim verließ den Schulhof und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war eben um die Ecke des Schulgebäudes gebogen, als er stehen blieb, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Keine zwanzig Meter vor ihm lief eine Gruppe Mädchen aus der Stufe unter seiner. Sie scherzten und gibbelten herum. Zum Glück waren sie so beschäftigt, dass sie ihn nicht bemerkten. Mitten unter ihnen war auch Laura. Sie war etwas ganz Besonderes. Für ihn war sie das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Ihre langen, blonden Haare hatten einen leichten Stich ins Rötliche und immer trug sie sie zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden. Ihr Gesicht war von Sommersprossen übersät und immer hatte sie diesen offenen, ehrlichen Blick. Am Schönsten jedoch war es, wenn sie lachte. Sie hatte ein angenehmes, ansteckendes Lachen und sie lachte gern.
Natürlich hatte er sie immer nur von Weitem beobachtet – damit sie es nicht bemerkte. Er brachte es einfach nicht fertig, mit ihr zu sprechen. Immer, wenn er sie sah, wurden seine Hände schweißnass und ihm wurde heiß. Manchmal, wenn ihr Blick zufällig auf dem Schulhof in seine Richtung zeigte, spürte Tim, wie ihm die Röte regelrecht in die Wangen schoss. Ein Kollege hatte es kürzlich bemerkt und er konnte ihm gerade noch klarmachen, dass es mit seiner Pollenallergie zu tun hätte.
Die Mädchen waren inzwischen weit genug vor ihm, dass er gefahrlos hinter ihnen herlaufen konnte, ohne, dass sie ihn bemerken würden. Tim wusste, dass Laura sich gleich von den Anderen verabschieden würde, die den Bus in die Innenstadt nehmen mussten, während sie nur ein paar Straßen weiterlaufen musste. Sie wohnte nur etwa 500 m von der Wohnung seiner Eltern entfernt. Er würde also noch eine Weile hinter ihr herlaufen und sie aus der Ferne betrachten können, während sie vor ihm herlief. Er mochte es, ihr beim Laufen zuzusehen. Sie hatte so einen ganz besonderen Gang – nicht so affektiert, wie manche von den so genannten Freundinnen Lennarts, mit denen er immer so gern angab. Er verfolgte Laura noch, bis sie in die Straße abbog, in der sie wohnte. Tim redete sich ein, dass er sowieso denselben Weg hatte wie sie, doch, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, hatte er einen kleinen Umweg gemacht.

Am nächsten Morgen versammelten sich die Schüler, wie üblich, auf dem Schulhof. Tim traf erst spät ein, da er sich nicht nach den Fahrplänen von Bussen richten musste und genau wusste, wann er von zu Hause loslaufen musste.
»Hey, da kommt unser Weiberheld!«, rief ihm Lennart schon von Weitem entgegen. Die anderen Jungen lachten hämisch. Tim wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Sagte er nichts und schluckte seinen Ärger nur hinunter, würden sie weitermachen, wenn er jetzt laut wurde, wäre es genauso. Er war für Lennart einfach das perfekte Opfer.
»Weiberheld! Ha ha ha …«
Eine Gruppe Mädchen kam vorüber und kicherte ebenfalls verhalten. Nur eine sah ihn nachdenklich an, während sie mit den Übrigen in Richtung des Haupteingangs lief. Es war Laura und Tim hatte das Gefühl, sie hätte mitten in ihn hineingesehen. Sofort färbten sich seine Wangen rot und er senkte den Blick. Erst als die Gruppe vorbei war, wagte er, ihnen hinterher zu schauen und sah gerade noch, wie Laura die Stufen zum Haupteingang emporstieg. Sie trug heute einen Jeansrock, der ihre Beine gut zur Geltung brachte. Dazu trug sie leichte Leinenschuhe, auf denen sie leichtfüßig die Stufen nahm. Für ihn war es eine Augenweide, sie einfach nur zu betrachten. Mehr war sowieso nicht drin, denn was sollte ein solches Mädchen mit einem Typen wie ihm?
Erst jetzt bekam er mit, dass die anderen Jungen ebenfalls in dieselbe Richtung blickten, wie er.
»Die ›Rote Zora‹ würde mich auch noch reizen«, verkündete Lennart soeben.
»Wie, mit der willst du gehen?«, fragte Kevin, ein Freund von Lennart.
»Na, was heißt ›mit ihr gehen‹? Aber mal in die Disco – ein bisschen rumknutschen und fummeln wäre doch ganz nett. Wenn du willst, kannst du sie ja hinterher haben.«
»Das wäre mir recht«, sagte Kevin und grinste anzüglich, »die ist schon richtig heiß.«
»In der Pause werde ich sie mal angraben«, meinte Lennart selbstgefällig. »Sie wird schon weichwerden.«
Tim glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Dieses Arschloch hatte doch tatsächlich vor, Laura anzubaggern. Er glaubte, sein Herz müsste stehen bleiben. Er spürte, wie sich sein Atem beschleunigte. Das durfte doch nicht wahr sein! Lennart hatte bisher noch Jede rumgekriegt, wenn man seinen Worten glauben konnte.
Seine Gedanken wurden durch die Schulglocke unterbrochen, die alle Schüler zum Unterricht rief.
Die ersten beiden Unterrichtsstunden vergingen, ohne, dass Tim viel davon mitbekommen hätte. Immer wieder dachte er an Lennart, der seine Laura anmachen wollte. Seine Laura? Tim hatte noch nie wirklich mit ihr gesprochen. Er hatte es einfach nicht geschafft, sich nicht getraut. Und nun kam dieser Gigolo daher und wollte sich nur ein paar nette Stunden machen? Mit seiner Laura? Er nahm sich vor, in der Nähe zu bleiben – für alle Fälle.

Als das Pausenzeichen kam, stürzte Tim förmlich auf den Pausenhof. Es dauerte nicht lange und auch die Mädchen der Stufe unter seiner erschienen. Sie versammelten sich dort, wo sie meistens standen und sich unterhielten. Tim näherte sich ihnen, wobei er darauf achtete, niemanden direkt anzusehen. Als er schließlich doch aufsah und nach Laura Ausschau hielt, konnte er sie in der Gruppe nicht entdecken. Ratlos ließ er seinen Blick umherschweifen. Sie musste irgendwo sein. Sie war immer auf dem Pausenhof. Dann endlich entdeckte er sie ganz in der Nähe des Haupteingangs. Lennart stand bei ihr und redete mit ihr.
Tim ließ alle Vorsicht fahren und rannte zu ihnen hinüber, bis er hören konnte, was gesprochen wurde.
»Ich wollte dir nur mitteilen, dass du am Samstag etwas vorhast, Kleine«, sagte Lennart eben zu Laura, die ihn aus zusammengekniffenen Augen anblitzte.
»Ich … bin … nicht … deine Kleine!«, zischte sie ihn an. »Und meine Wochenenden plane ich immer noch selbst.«
Lennart lachte leise. »Hab dich nicht so, Laura. Du siehst doch richtig heiß aus. Da würdest du doch wirklich gut zu mir passen. Außerdem hatte ich noch nie eine Rote … Oder bist du etwa eine Lesbe?«
Laura war einen Moment sprachlos, dann zeigte sie auf ihre Stirn. »Kannst du lesen, was hier steht, Lennart Büchner? Da steht ›Verpiss dich du Arschloch‹! Und jetzt zieh Leine.«
Lennarts Lächeln fror ein. Eine Abfuhr hier in der Schule, vor allen seinen Kumpels war nicht das, was er jetzt akzeptieren wollte. Er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
»Ich hab es gern, wenn sich Frauen erst etwas sträuben«, sagte er. »Ich werde dir wohl erst zeigen müssen, was gut für dich ist.«
Er machte einen Schritt auf sie zu. Laura wich zurück.
»Lennart, ich meine es ernst«, sagte sie gefährlich ruhig. »Lass mich in Frieden und zieh Leine. Wenn du mich anfasst, bist du reif.«
»Reif?«, lachte Lennart, »Wenn hier jemand reif ist, dann bist du das, mein Engel. Du bist dermaßen reif für mich …«
Er trat noch einen Schritt näher.
Tim, der diesen Dialog die ganze Zeit über verfolgt hatte, war unschlüssig, was er tun sollte. Wie immer in solchen Situationen war die Pausenaufsicht nirgends zu sehen. Plötzlich traf er eine Entscheidung. Mit wenigen Sätzen war er bei den beiden und stellte sich zwischen sie.
Lennart war einen Moment verblüfft. »Was willst du Wicht denn, wenn Erwachsene sich unterhalten? Mach die Fliege, ich will mich mit meiner zukünftigen Freundin unterhalten.«
»Es reicht«, sagte Tim mit zitternder Stimme. »Lass Laura in Ruhe!«
»Tim, lass«, sagte Laura leise. »Er ist viel stärker als du.«
Tim atmete tief durch. Sie hatte ja recht und wahrscheinlich machte er einen Fehler.
»Nein!«, rief er, »Du lässt sie in Ruhe und machst hier die Fliege. Du fasst sie nicht an!«
Lennarts Verblüffung war verschwunden. Er fasste Tim am Kragen und schüttelte ihn.
»Dich lasse ich unter dem Arm verhungern, du Weiberheld.«
Er stockte einen Moment, dann lachte er laut los.
»Jetzt weiß ich, was hier los ist«, sagte er. »Du Blödmann bist in dieses Weib verknallt. Ausgerechnet eine Wurst wie du. Jetzt pass mal auf, wie ein Mann das regelt …«
Tim sah auf einmal nur noch rot und schlug mit seiner Faust zu. Er traf Lennart an der Augenbraue. Seine Hand schmerzte und ehe er sich versah, prügelte Lennart mit beiden Fäusten auf ihn ein.
»Weg, Tim!«, rief Laura mit einem Mal laut und zog ihn beiseite, sodass er sofort zu Boden stolperte. Lennart, der noch zu einem weiteren Schlag ausgeholt hatte, sah sich plötzlich einem äußerst wütenden Mädchen gegenüber, das seine Schlaghand griff und mit aller Kraft daran zog. Lennart verlor das Gleichgewicht. Laura verdrehte ihm den Arm und trat ihm unterhalb der Knie von hinten auf die Wade. Lennart klappte zusammen und stürzte zu Boden. Laura setzte sich auf seinen Rücken, Lennarts Arm hoch erhoben. Sein Gesicht klebte am Boden und er ächzte laut.
»Ich habe dir gesagt, du bist reif, du Großmaul«, sagte Laura im Plauderton. »Wenn du noch einmal Schwierigkeiten machst, breche ich dir den Arm. Hast du das verstanden?«
»Ja«, keuchte Lennart. »Ich habe verstanden. Lass meinen Arm los! Es tut weh!«
»Das soll auch wehtun«, sagte Laura. »Und komm mir nicht auf den Gedanken, dich an Tim zu rächen! Ich kann noch mehr als das hier.«
»Nein, nein, aber lass mich bitte los.«
Laura ließ von ihm ab und Lennart erhob sich. Man konnte deutlich sehen, dass er Tränen in den Augen hatte. Schnell war er verschwunden. Seine Freunde, die seine Niederlage mitbekommen hatten, sagten keinen Ton.
Laura hockte sich neben Tim auf den Boden.
»Ich danke dir, Tim«, sagte sie. »Das hättest du nicht tun müssen.«
»Doch«, sagte Tim und leckte sich etwas Blut von seiner Unterlippe, »Ich konnte nicht mit ansehen, wie er dich bedrängt hat, weil …«
»Weil?«, fragte Laura. »Weil du mich schon seit Wochen beobachtest? Weil du mich auf dem Heimweg verfolgst und weil du immer rot wirst, wenn ich dich ansehe?«
Die Hitze stieg Tim wieder in die Wangen. Eine weitere Demütigung vor allen Leuten – jetzt auch noch von Laura – würde er jetzt nicht ertragen. Er spürte die Blicke der gesamten Schülerschaft auf sich gerichtet. Sein Puls beschleunigte sich. Hätte er in diesem Moment einen Wunsch frei gehabt, er hätte sich an einen Ort, weit weg von hier, gewünscht. Doch er hatte diesen einen Wunsch nicht und Laura sah ihn forschend an. Diese Augen hielten seinen Blick einfach fest.
»… ich habe dich nicht … also ich wollte nie … Ich habe dich nicht verfolgt. Ich wohne doch auch …«
»Ja?«, fragte Laura auffordernd.
»Ich habe doch denselben Weg wie du.«
»Denselben Weg also«, sagte Laura mit ernstem Gesicht. In ihren Augen war kein Anzeichen von Spott zu erkennen. »Tim, wir wohnen nicht in derselben Straße. Du hast einen Umweg gemacht, oder etwa nicht?«
Tim fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er erkannte, dass es keinen Zweck hatte, es weiter zu leugnen. Inzwischen hatten es sowieso alle mitbekommen.
»Ich wusste nicht, dass du es bemerkt hast«, sagte er resignierend. »Ich war doch so vorsichtig.«
Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Lauras Lippen.
»Also hast du mich absichtlich verfolgt«, stellte sie fest. »Aber warum hast du es getan?«
Sie zögerte einen Moment, um ihm Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen, doch er schwieg und kaute auf seiner Unterlippe.
»Vielleicht, weil du mich magst?«, fragte sie vorsichtig. Tim begann zu begreifen, dass sich dieses Gespräch in eine für ihn vollkommen unerwartete Richtung bewegte. Ihm wurde wieder heiß und sein Puls war bis in den Hals zu spüren. Sein Hals fühlte sich trocken an.
»Ja«, gab er leise zu.
»Ich hatte mich schon gefragt, wann du mich endlich einmal ansprechen würdest«, sagte sie.
»Ich?«, wunderte sich Tim.
»Ja, du«, sagte Laura lächelnd und angelte in ihrer Tasche nach einem Papiertaschentuch. »Du bist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen. Du warst ernster als die anderen Jungen und hast dich nicht an den Macho-Sprüchen der anderen beteiligt. Ich mag deine stille, zurückhaltende Art. Wie ich gehört habe, liest du viel. Das tue ich auch. Ich dachte allerdings nicht daran, dass du dich erst für mich prügeln müsstest, bevor wir uns unterhalten können.«
Sie begann, das Blut aus Tims Gesicht zu tupfen, was ihm unglaublich gut tat.
»Na, du wusstest dir aber durchaus gegen Lennart zu helfen«, meinte Tim.
Laura lachte leise. »Kampfsport. Manchmal ist er zu etwas gut. Ich mach das schon seit ein paar Jahren im Verein. Komm, wir gehen ins Gebäude. Du musst dir unbedingt das Gesicht waschen.«
Er erhob sich und zog Laura mit der Hand hoch. Sie standen ganz dicht voreinander. Tim konnte ihren Duft riechen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte:
»Laura, würdest du denn mit mir am Samstag etwas zusammen unternehmen?«
Sie strahlte ihn an und entblößte dabei eine Zahnspange, was Tim unglaublich süß fand.
»Sehr gern, Tim«, sagte sie. »Sehr gern unternehme ich etwas mit dir. Was hast du dir denn vorgestellt? Wollen wir zur Disco gehen?«
Tim druckste herum. »Ja … vielleicht …«
Laura machte ein enttäuschtes Gesicht. »Das klingt nicht begeistert.«
»Doch«, beeilte sich Tim zu sagen, »es ist nur … nur … Ich kann nicht tanzen.«
Laura starrte ihn einen Moment lang schweigend an, dann hellte sich ihre Miene auf. »Dann sind wir jetzt schon zwei. Richtig tanzen kann ich auch nicht. Aber das, was man dort tanzt, bekommen wir beide schon hin. Hauptsache wir tun es zusammen. Was denkst du?«
»Dann haben wir jetzt ein richtiges Date?«, fragte Tim, der es immer noch nicht glauben konnte, »Nur wir beide?«
Laura nickte heftig, wobei ihr Pferdeschwanz heftig wippte. »Ja, das haben wir.«
Tim blickte in die Runde. Etliche Mitschüler hatten sich seit dem Streit mit Lennart eingefunden und blickten neugierig zu den beiden herüber. Es war ihm egal. Lachend wandte er sich wieder zu Laura und nahm sie in in den Arm. Sie ließ es lachend geschehen und schmiegte sich an ihn.
Einige Schüler applaudierten. Sie bemerkten es nicht. Sie waren einfach glücklich. Erst als es zum Unterricht schellte, trennten sie sich wieder.
»Wie viele Stunden hast du heute?«, fragte Tim.
»Fünf«, antwortete Laura, »und du?«
»Auch fünf.«
»Dann können wir nachher gemeinsam nach Hause gehen, nicht wahr?«, fragte sie. »Und lass dir nicht einfallen, wieder in fünfzig Metern Abstand hinter mir herzuschleichen.«
»Nie wieder!«, sagte er lächelnd und gab ihr einen zaghaften Kuss auf die Wange. Mehr traute er sich vor all den Leuten doch nicht.
Er winkte ihr noch einmal zu, als sie in ihrer Klasse verschwand, dann ging auch er in seine Klasse, wo er an Lennart vorbeikam, der ihm nicht in die Augen sah. Tim fühlte sich großartig und beschwingt. Irgendwie kam er sich auf einmal größer vor – und nach der Schule würde er mit dem tollsten Mädchen der Schule nach Hause gehen.

Das Leben konnte so schön sein.

Aufrufe: 0

Sie soll Luna heißen

Nach einem gemütlichen Abendessen mit Kerzenschein laufen wir zurück ins Hotel. Die Straßen des kleinen Urlaubsortes sind hell beleuchtet, Kinder rennen um die kreuz und quer abgestellten Autos herum und ich fühle mich wie in einem Traum. Obwohl aus fast jedem Haus laute Musik herausdröhnt, höre ich auf einmal das Meer. Ein großes Schild mit einem roten Pfeil weist uns den Weg zum Strand. Ich ziehe Bernd hinter mir her.

„Lena, das ist um diese Zeit gefährlich. Wir sind hier in Brasilien, nicht in Deutschland. Du erinnerst dich, was uns der Reiseleiter gestern gesagt hat?“

 Ich lasse ihn reden und gehe weiter. Nach ein paar Sätzen gibt er seufzend auf und schüttelt den Kopf. Zärtlich drücke ich seine Hand. Ich weiß genau, was er nun denkt.

„Wofür habe ich denn einen Meister im Aikido geheiratet?“, frage ich ironisch und kuschle mich an ihn. Der Mond ist voll und wirft wunderschöne Reflexe auf die schäumenden Wellen. Wir laufen langsam an der Wasserlinie entlang und ich genieße den leichten Wind, den salzigen Geruch und die Leere. So schön ich unseren Urlaubsort auch finde, es ist hektisch, laut und voller Menschen und das stresst mich mehr, als ich gedacht hätte. Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere hellblonden Haare hier selten zu sehen sind, und wir deshalb  mehr Aufsehen erregen als mir recht ist.

„So ist das eben mit uns Landeiern“, murmle ich leise vor mich hin.

Bernd zieht mich näher an sich heran und küsst mich. „Du wirst dich daran gewöhnen, wir sind ja erst angekommen“, flüstert er in mein Ohr.

Von irgendwoher kommen Geräusche. Ich höre Trommeln und Gesangsfetzen. Wir gehen um eine Düne herum und schauen direkt auf ein großes Feuer, um das etwa 30 Menschen tanzen.

„Lass uns umdrehen“, flüstert Bernd, doch ich bin verzaubert von diesem Anblick. Zwei Gestalten lösen sich aus dem Lichtkreis und kommen auf uns zu. Es sind Mädchen, fast noch Kinder. Sie fassen uns an den Händen und ziehen uns freundlich lächelnd in die Gruppe. Der Rhythmus der Trommeln ändert sich ständig und hat etwas Hypnotisches. Alles wird unwichtig. Meine Welt schrumpft auf ein Feuer, die Trommeln und das Stampfen vieler Füße. Irgendwann, nach Minuten – oder sind es Stunden – kann ich nicht mehr und lasse mich in den Sand fallen. Bernd legt sich neben mich. Er keucht vor Anstrengung und als sein Atem ruhiger wird, schläft er ein. Ich streichle ihm übers nassgeschwitzte Haar, kuschle mich an ihn und schließe die Augen. Die jungen Leute tanzen weiter. Ich fühle mich wohl und willkommen in dieser mir völlig fremden Gemeinschaft.

Viel später hört das Trommeln auf. Ich muss eingeschlafen sein. Als ich aufwache, dämmert es bereits. Bernd hat sich zur anderen Seite gedreht und mir ist kalt. Ich setze mich auf. In etwa 10 Meter Entfernung sitzt eine ältere Frau. Sie und ein alter Mann sind wohl die Begleitpersonen dieser Jugendgruppe und beide haben uns im Verlaufe des Abends immer mal wieder gemustert. Sie winkt mir. Ich stehe auf und setze mich neben sie. Sie spricht ein kindliches Englisch und ich verstehe sie gut.

„Wo kommt ihr her?“, fragt sie mich.

„Aus Deutschland.“

„Wo ist das?“

„In Europa“, antworte ich doch ich merke, dass ihr das auch nichts sagt.

„Wir kommen von der anderen Seite der Erde.“

„Wir leben am Amazonas, in den Wäldern. Manchmal sind wir hier, um uns unserer Wurzeln zu versichern. Wir kommen schließlich alle aus dem Meer.“

Ich nicke nachdenklich.

„Wenn wir feiern, laden wir gerne Fremde dazu ein. Damit wir nicht vergessen, dass es nicht nur unsere Art zu leben gibt und viele Wege zum Glück. Und ihr zwei seid glücklich.“

 Ich nicke abermals.

„Wir haben gemeinsam getanzt. Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir an euch denken werden.“ Nach einer Weile des Schweigens steht die Frau auf und geht.

Monate später bin ich alleine im Taxi unterwegs ins Krankenhaus. Unser erstes Kind meldet sich an und Bernd ist ausgerechnet heute nicht da. Ich bin ein wenig aufgeregt, aber alles in allem doch froh, dass es endlich so weit ist.

Die Geburt kostet mich viel Kraft, immer wieder rieche ich Feuer, was mich irritiert, und als das Kind endlich kommt, bin ich völlig erschöpft. Irgendetwas stimmt nicht. Die Hebamme legt mir das Kind nicht auf den Bauch, sie nimmt es hoch und geht mit ihm fort.

„Was ist los?“, flüstere ich, doch ich bin alleine. Heiße Tränen fließen mir über die Wangen.

Die Türe öffnet sich und eine junge Schwester kommt in den Raum. Sie ist sichtlich überfordert mit mir, doch ihr Mitgefühl tut mir gut. Sie wäscht mich und ich lasse mir apathisch alles gefallen. Ich bin völlig am Ende.

Nach ewig langen Minuten kommt die Hebamme mit dem Kind zurück und legt es mir in den Arm.

„Es tut mir leid, es sah so aus, als gäbe es ein Problem, aber es ist alles gut. Sie haben eine wunderschöne, gesunde Tochter“, sagt sie und streicht mir mitfühlend über das Haar.

Neugierig schiebe ich das Handtuch zur Seite und betrachte mein Kind. Das kleine Gesicht ist noch ganz verdrückt von der Geburt. Ihre Haare sind voll, lang und schwarz. Ihre Haut ist dunkel und die geschlossenen Augen sind seltsam geformt, fast asiatisch.

„Was ist mit ihr?“, frage ich irritiert. „Ist das wirklich mein Kind?“

Das Mädchen verzieht den Mund und gähnt. Sie öffnet die Lider und tiefschwarze Augen blicken mich an. Und plötzlich wird mir alles klar. Eine längst vergessene Stimme erklingt in meinem Kopf.

Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir immer an euch denken werden.

Die unterschiedlichsten Gefühle beherrschen mich gleichzeitig. Unglaube, Angst, Stolz, Freude. Sie ist meine Tochter und doch trägt sie ein fremdes Erbe in sich. Und während ich hilflos zu lachen beginne, spüre ich, wie sie meinen kleinen Finger mit ihrer winzigen Hand umfasst.

Die Hebamme beobachtet mich aufmerksam. Was sie wohl denken mag? Vermutlich überlegt sie gerade, ob sie mir ein Beruhigungsmittel spritzen soll.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ob wohl heute Nacht irgendwo am Amazonas ein hellhäutiges Mädchen geboren wurde? Oder ein kleiner Junge mit blauen Augen?

„Sie soll Luna heißen“, presse ich immer noch haltlos lachend hervor.

Aufrufe: 0

Heimkehr

Ich hatte die Nase voll. Inzwischen hielt der Computer höchstens noch ein paar Tage durch, bevor ich mich wieder um ihn kümmern musste. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Jedes Mal, wenn der Rechner wieder verrückt spielte, wirkte sich das auf die Temperaturkontrolle der Umwälzanlage aus. Diesmal war es besonders schlimm – die Temperatur hatte fast 300 C erreicht.

Mürrisch startete ich den Computer neu und betrachtete desinteressiert die Anzeigen auf dem Bildschirm. Es war nichts zu entdecken. Wie es schien, würde diesmal ein einfacher Neustart die Probleme lösen. Sowie die Systeme nach und nach wieder online waren, hatte ich auch Zugriff auf die Steuerung der Umweltparameter. Ich regelte die Temperatur zurück auf angenehme 200 C und blieb in meinem Sessel sitzen, bis es angenehmer wurde. Ich hatte schließlich auch nichts Besseres zu tun.

Einige Zeit später blickte ich mich um. Die Zentrale glich einer Müllhalde. Es war mir vollkommen gleich. Was spielte es noch für eine Rolle? Mit welchem Enthusiasmus waren wir vor ein paar Jahren gestartet. Nachdem man mithilfe der großen Radioteleskope Signale aufgefangen hatte, die man nur als Antwort auf die zahllosen Sendungen verstehen konnte, die man von der Erde ins All abgestrahlt hatte. Man hatte die Antennen insbesondere auf Sterne gerichtet, von denen man sicher war, dass dort ein Planetensystem existieren musste. Trotz intensivster Bemühungen gelang es zwar nicht, den Inhalt der Sendungen zu entschlüsseln, doch stand fest, dass sie nur von intelligentem Leben erzeugt worden sein konnten. Ein internationales Konsortium setzte schließlich durch, eine Expedition auszustatten, um nachzuschauen, wer der Menschheit eine Antwort auf ihre Sendungen geschickt hatte. Als Quelle der Sendungen, die selbst jetzt noch empfangen werden konnten, hatte man den Stern Proxima Centauri identifiziert, den uns am nächsten gelegenen Stern. Irgendjemand war dort draußen und wollte Kontakt zu uns aufnehmen. Trotzdem war es eine schwierige Mission, denn zwischen der Erde und dem Ziel lagen über vier Lichtjahre. Wer war schon bereit, Jahre seines Lebens zu opfern, nur um außerirdische Lebensformen zu treffen, deren Beschaffenheit nicht einmal bekannt war?

Es kam dem Konsortium entgegen, dass die Wissenschaft einen weiteren Schritt in der Entwicklung gemacht und einen atomaren Antrieb entwickelt hatte, der die Aussicht versprach, ein Raumschiff bis nahe an die Lichtgeschwindigkeit zu beschleunigen. Das Problem war allerdings die Brennstoffversorgung, denn ein Raumschiff, das bis an die Geschwindigkeit des Lichts beschleunigt werden sollte, unterlag damit bereits in verstärktem Maße relativistischen Problemen. Einstein hatte bereits vor dem zweiten Weltkrieg mathematisch bewiesen, dass ein Schiff zum Erreichen der Lichtgeschwindigkeit seine gesamte Masse aufwenden müsse – immer unter der Annahme, die Materie würde vollständig in Energie umgesetzt. Genau das kam natürlich überhaupt nicht infrage – schließlich wollten Raumfahrer nicht ihr Schiff und sich selbst in Energie umwandeln. Es schien erst, als wenn sich dieses Problem nicht lösen lassen würde, doch dann hatte der Physiker und Astronom Rudyard Allan Falkner seine Theorie veröffentlicht, wonach das Weltall möglicherweise nicht so leer war, wie man immer angenommen hatte. Er stellte ein Modell vor, wonach die Dichte des Raumes außerhalb des solaren Kuiper-Gürtels erheblich höher sein könnte, als vermutet.

Der Kuiper-Gürtel umgibt das gesamte Sonnensystem jenseits der Bahnen seiner äußeren Planeten wie ein weiträumiger Ring, der bis zu zwei Lichtjahre in den interstellaren Raum hineinreicht. Viele, der beobachteten Asteroiden und Kometen haben ihren Ursprung in diesem Gürtel, der noch immer weitgehend unerforscht ist. Falkner stellte nun die These auf, dass dieser Gürtel uns von der Feinstmaterie außerhalb des Sonnensystems abschirmt und innerhalb des Sonnensystems in den Milliarden von Jahren, die es bereits existiert, diese Materie bereits durch die Planeten, Monde und von der Sonne selbst eingesammelt worden ist.

Er meinte sogar, dass es bei steigender Geschwindigkeit eines Raumschiffes möglich sein müsste, diese Materiepartikel einzufangen und sie für den Antrieb nutzbar zu machen. Falkner wurde zunächst von der Fachwelt verlacht, doch ein paar Jahre später brachte eine der Voyager-Sonden, die im Jahre 1977 gestartet wurden und die noch immer funktionierte, den Beweis: Die Dichte des Raumes nahm mit zunehmender Entfernung von der Sonne tatsächlich wieder zu. Zwar sprechen wir hier nicht von einer Dichte, die auch nur in die Nähe der Beschaffenheit von fester Materie gelangt, doch sah man eine Chance für die von Falkner propagierten Thesen.

Fünfzehn Jahre später war es dann soweit: Das erste interstellare Raumschiff der Erde – die Milestone – war fertiggestellt. Eine Crew von zwanzig freiwilligen Männern und Frauen ging an Bord und machte sich auf den langen Weg nach Proxima Centauri.
Ein kurzes Signal schreckte mich aus meinen Gedanken. Diesmal war es die Energieversorgung der hydroponischen Anlage. Allmählich gab ein System nach dem Anderen seinen Geist auf. Die Milestone war am Ende, das wusste ich genau, aber solange ich noch in der Lage war, meinen Job zu machen, würde ich versuchen, jeden Schaden zu beheben. Ich wollte nicht ausgerechnet jetzt noch aufgeben – so kurz vor dem Ziel. Wenn meine Berechnungen stimmten, würde die Milestone in höchstens einem Monat den Rand des heimatlichen Sonnensystems erreichen. Sicher, ich wäre dann noch lange nicht zu Hause, doch theoretisch wäre ich auch nicht mehr im Leerraum zwischen den Sternen. Es wäre zumindest ein Hauch von Heimat.

Die hydroponischen Anlagen waren eines der wichtigsten Systeme der Milestone, denn sie sorgten für die Aufbereitung der Atemluft und bescherten mir das eine oder andere frische Gemüse. Die Aussicht darauf, dass ein Ausfall der Quarzlampen den empfindlichen Pflanzen schaden könnte, trieb mich zur Eile an. Ich bewegte mich durch scheinbar endlose leere Gänge, in denen meine Füße Abdrücke im Schmutz hinterließen, der hier überall zu finden war. Das war nicht immer so gewesen. Als die Milestone startete, damals vor elf Jahren, war alles blitzblank und sauber. Es hatte kleine automatische Reinigungsmaschinen gegeben, die ständig herumwuselten und dem Schmutz keine Chance gaben. Zudem hatte sich die Crew während der langen und langweiligen Reise zum Proxima Centauri darum gekümmert, alles in Ordnung zu halten. Schließlich war die Milestone ihr Zuhause für die folgenden Jahre und sie hatten auch eine Beschäftigung gebraucht.

In der ersten Zeit war es noch interessant gewesen. Es hatte Kontakt zur Erde bestanden, wenn auch das Antwortzeitverhalten mit zunehmender Entfernung immer schlechter wurde. Dann war die Verbindung zur Erde endgültig abgebrochen. Wir hatten damit gerechnet und uns darauf eingestellt. Mit Feuereifer hatten wir uns auf die Forschung gestürzt, denn noch nie hatte ein bemanntes Raumschiff das heimatliche Sonnensystem verlassen. Alles, was wir über die Struktur des Raumes weit draußen, jenseits des Kuiper-Gürtels wussten, stammte von uralten Sonden, die längst ihre Arbeit hätten einstellen müssen. Bald hatten wir alles erfasst, was es zu erforschen gab. Die Dichte des sogenannten Leerraumes hatte allmählich zugenommen und so testeten wir die größte Neuerung unseres Schiffes: den Materieschirm. Er war kein Schirm im wörtlichen Sinne, denn er tat das exakte Gegenteil von einem Regenschirm auf der Erde. Es handelte sich um einen spezielle Konstruktion, die vor der Milestone wie ein riesiger, umgekehrter Schirm entfaltet wurde. Voll ausgefahren sah es so aus, als würde ein umgekehrter Regenschirm ohne Bespannung durchs All fliegen. Die Schirmkonstruktion wurde elektrisch aufgeladen, um ein dichtes Magnetfeld zu erzeugen. Mit zunehmender Geschwindigkeit der Milestone fing dieser Schirm immer mehr von der frei im All umherfliegenden Materie ein und führte sie dem Reaktor zu, der sie in seinem Konverter zu Energie verarbeitete. Bei der Materie handelte es sich um kleinste Teilchen, oft nur im molekularen, oder sogar atomaren Bereich, die durch das Magnetfeld so abgelenkt werden konnten, dass sie im Reaktor genutzt werden konnten.
Die Pflege dieses Systems war meine Aufgabe gewesen, doch im Laufe der Zeit hatte es sich ergeben, dass ich zu einem Mädchen für alles geworden war. Ich möchte behaupten, dass niemand die Milestone so gut kannte – und noch kennt – wie ich.

In der Nähe der hydroponischen Abteilung war die Luft definitiv besser, als im Rest des Schiffes. Ich vermutete, dass die Luftverteilung auch wieder eine Überholung nötig hatte. Den Einstieg in die Anlage bildete ein großes, rundes Schott, das mit einem großen Handrad entriegelt werden musste. Ich drehte an dem Rad und zog die schwere Tür auf. Im Innern des Raumes war es stockfinster, was ich jedoch auch erwartet hatte. Also ließ ich die Tür wieder zufallen und griff nach meiner Taschenlampe, die ich stets an meinem Gürtel trug. Ein Versorgungsschacht mündete wenige Meter vom Einstieg entfernt. In ihn führten einige dicke Kabelstränge hinein und verschwanden im Dunkeln. Ich leuchtete in den Schacht hinein und war überrascht, dass mittlerweile selbst hier Moos an den Wänden und auf dem Boden zu finden war. Es gab hier kaum jemals Licht. Ich wusste, dass am Ende dieses Schachts ein Schaltschrank zu finden war, der die Sicherungen für die gesamte Hydroponik enthielt. Ich biss die Zähne zusammen und kletterte hinein. Die Stufen der Leiter waren feucht und schlüpfrig. Ich mochte diesen Ort nicht, seit ich einmal von der Leiter gestürzt war und mir den Unterarm gebrochen hatte. Man mag es eigenartig finden, in einem Raumschiff eine Leiter hinunterzustürzen, denn man denkt unwillkürlich an Schwerelosigkeit. Doch die Milestone beschleunigte oder verzögerte fast ständig – andernfalls hätte die Reise ewig gedauert. Dadurch hatten wir jedenfalls immer eine gewisse Schwerkraft im Schiff.
Damals war Indira noch da gewesen und hatte mir den Arm geschient. Ich seufzte. Indira war die Ärztin an Bord der Milestone gewesen.

Ich hangelte mich bis zu dem, inzwischen von Flechten überzogenen, Schaltschrank und entfernte die Flechten an der Klappe vor den Sicherungen. Ich vergewisserte mich, dass es wirklich die Sicherungen waren, die wieder einmal durchgebrannt waren, und schaute in den kleinen Kasten mit den Ersatzsicherungen, der neben mir auf dem Boden stand. Während ich die defekten Teile austauschte, zählte ich den Bestand und stellte fest, dass ich mir solche Defekte nicht mehr oft leisten konnte. Meine Vorräte an Ersatz waren fast aufgebraucht. Ich aktivierte die Schaltkreise der Reihe nach und erkannte an den aufleuchtenden Kontrolllämpchen, dass die Hydroponik wieder funktionierte. Ich schloss die Klappe und machte mich auf den Rückweg. Als ich wieder im Hauptgang war, stieß ich zischend meinen Atem aus. Ich mochte diesen Ort eben nicht.

Zur Kontrolle betrat ich die hydroponische Abteilung dann doch noch und starrte zur Decke, wo die hellen Quarzlampen nun wieder brannten. Ich zählte fünf Strahler, die den Stromausfall nicht überstanden hatten. Für sie würde ich keinen Ersatz mehr in den Lagern finden – das wusste ich genau. Ich hoffte, dass die restlichen Lampen für das Gedeihen der Pflanzen ausreichen würden. Ich blickte mich um. Viele der Pflanzen hatten eine Größe erreicht, die sie niemals haben sollten. Die Anlage sah regelrecht verwildert aus.

Marian schoss mir durch den Kopf. Marian. Es schmerzte mich noch immer, wenn ich an sie dachte. Marian war die Biologin des Teams gewesen. Sie war immer so ausgeglichen und fröhlich gewesen. Wir hatten uns gleich von Anfang an gut verstanden. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie ich anfangs immer nach Ausreden gesucht hatte, um mich in der hydroponischen Anlage aufzuhalten, wo Marian fast immer zu finden gewesen war. Anfangs hatte sie manchmal genervt gewirkt, wenn ich immer wieder dort erschienen war, doch nach einiger Zeit hatte es sie amüsiert und dann kam der Zeitpunkt, als wir ein Paar wurden. Es war die schönste Zeit in meinem Leben gewesen. Ich seufzte wieder. Es war schon so lange her.

Die Mission der Milestone hatte von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden. Bereits auf dem Weg zum Proxima Centauri hatte es ständig technische Probleme gegeben. Im Gegensatz zu den meisten Anderen der Crew hatte ich alle Hände voll zu tun gehabt. Karim, der Navigator hatte irgendwann die Vermutung geäußert, ich würde die Reparaturen absichtlich nicht ordentlich ausführen, um eine Beschäftigung zu haben. Die Anderen hatten zwar gelacht, doch etwas davon war hängengeblieben und der Neid derjenigen, die nichts zu tun hatten, war immer größer geworden.

Die Stimmung in der Crew war immer schlechter geworden. Wir hatten uns trotz der relativen Größe der Milestone nicht aus dem Weg gehen können und so hatte unser Psychologe Thomas eine Menge Arbeit, aus uns ein Team zu machen. Zu diesen Problemen war dann noch der Raum selbst hinzugekommen. Die Beschaffenheit des Raumes hatte sich bei der Annäherung an unser Ziel derart verändert, dass wir schließlich gezwungen waren, den Schirm einzuklappen. Glücklicherweise war das zu einem Zeitpunkt geschehen, als wir bereits deutlich unterhalb der Lichtgeschwindigkeit gelegen hatten und wir mit relativistischen Schwierigkeiten nicht mehr rechnen mussten.

Ich konnte mich noch gut daran erinnern, dass ein regelrechter Ruck durch unser Team gegangen war, als es uns erstmals gelungen war, das Vorhandensein von Planeten im Proxima Centauri-System festzustellen. Nach unseren Messungen sollte es mindestens vier Planeten geben und noch immer hatten unsere Instrumente die Signalgruppen empfangen, die letztlich dafür verantwortlich waren, dass wir überhaupt hier waren. Unser Schwede Bo, der für die Kommunikation zuständig gewesen war, hatte die Sendungen immer wieder aufgenommen und sie über unsere Antennen zurückgeschickt. Wir hatten gehofft, dass die Urheber der Sendungen vielleicht anhand unserer Antwort feststellen würden, dass wir auf dem Weg zu ihnen waren. Wir hatten jedoch nie etwas anderes empfangen, als die schon bekannten Symbolgruppen, die wir schon von der Erde her kannten.

Ein paar Monate später hatten wir das Planetensystem von Proxima Centauri erreicht. Unsere Stimmung hatte irgendwo zwischen der Enttäuschung darüber gelegen, dass wir keine gezielten Reaktionen bekommen hatten und der Erwartung dessen, was wir finden würden. Bo hatte inzwischen genau ermitteln können, dass die Signale vom ersten Planeten des Systems stammen mussten. Proxima Centauri ist ein sogenannter Zwergstern, der viel weniger Energie abstrahlt, als unsere heimatliche Sonne. Es war daher nicht überraschend, dass der innerste Planet dieses Systems bewohnt war – sofern es sich um Leben handelte, das unserem auch nur im Entferntesten ähnelte. Wir hatten also diesen Planeten angesteuert und uns in seine Umlaufbahn begeben. Was unsere Fernortungsinstrumente angezeigt hatten, war eine echte Sensation: Wir entdeckten große Städte von fremdartigem Aussehen, ein dichtes Verkehrsnetz. Breite Bänder verbanden die Städte miteinander. Wir hatten vermutet, dass es sich um Straßen handelte. Wir hatten es jedoch beunruhigend gefunden, dass wir selbst in der stärksten Vergrößerung keine Lebewesen entdecken konnten. Unser Kommandant Dimitri hatte entschieden, dass es nur eine Möglichkeit gab, dieses Rätsel zu lüften. Wir mussten mit Hilfe eines unserer beiden Landemodule nachschauen, was dort los war. Wir hatten Sonden in die Atmosphäre des Planeten entsandt und so erfahren, dass wir das Glück hatten, einen Sauerstoffplaneten zu finden, dessen Atmosphäre sogar für uns atembar war. Voller Euphorie wurden die Vorbereitungen für die Landung durchgeführt. Es war ein Schlag ins Gesicht, als mir Dimitri eröffnet hatte, dass ich nicht bei diesem Landeunternehmen dabei sein würde. Einer sollte auf jeden Fall zurückbleiben, für den Fall, dass es an Bord zu Zwischenfällen kommen würde. Ich kann mich noch gut an Marians trauriges Gesicht erinnern, als sie erfuhr, dass ich nicht mitkommen durfte.
Nachdem die Landefähre abgelegt hatte, konnte ich einfach nicht mehr. Schon seit Jahren waren wir in dieser Konservendose eingesperrt gewesen und jetzt, da es eine Möglichkeit gab, sich einmal gepflegt die Beine zu vertreten, durfte ich nicht mit. Wir hatten während unseres Fluges aus reiner Langeweile begonnen, aus Produktabfällen unserer hydroponischen Anlage Schnaps zu brennen. Ich holte ihn aus unserer Kombüse und nahm erst mal einen ordentlichen Schluck davon. Es hatte gebrannt wie die Hölle, doch ich hatte mich anschließend besser gefühlt. Ich hatte mich zur Zentrale bewegt und über die Instrumente den Verlauf der Landung verfolgt. Wir hatten unsere Hausaufgaben gemacht. Das Wetter war ruhig und stabil, und in Reichweite der Landefähre hatte sich ein Platz befunden, der durchaus eine Art Flugplatz sein konnte. Dort sollte die Landung stattfinden. Marco, unser Pilot, hatte etwas von seinem Fach verstanden. Er hatte die Fähre durch die fremde Atmosphäre bewegt, als wenn er sich auf der Erde befinden würde. Marian hatte mir über Funk ständig durchgegeben, was sie sahen. Alles hatte nach einer reinen Routinesache ausgesehen. Marian hatte irgendwann gesagt, dass sie nun gelandet wären und die Fähre verlassen würden. Sie waren auf eine Reihe von Gebäuden zugelaufen, die am Rand des Platzes standen. Marian hatte berichtet, dass die Gebäude vergleichsweise klein waren und auf dem Platz kleine Fahrzeuge standen, die eventuell Flugzeuge sein könnten. Alles war verlassen. Niemand hatte von ihnen Notiz genommen. Die Gebäude waren ebenfalls verlassen. Ihre Einrichtung war zwar fremdartig, hatte jedoch darauf hingedeutet, dass die Erbauer der Gebäude nicht so fremdartig sein konnten, wie man befürchtet hatte.

Ich hatte das alles lediglich über Funk miterleben müssen. Sie waren später weitergeflogen, um aus der Luft nach Zeichen von Leben zu suchen. Ein Alarm hatte mich aus meinen Gedanken abgelenkt. Es war ein stark erhöhter Sonnenwind registriert worden, wie man es im Sonnensystem während der Sonnenfleckaktivitäten ebenfalls feststellen konnte. Ich hatte den Alarm abgestellt und mich wieder dem Funkgerät zugewandt. Es dauerte nicht lange und der Alarm war erneut ertönt. Ich hatte ihn abgeschaltet und einen Blick auf die Messgeräte geworfen. Ich hatte geglaubt, meinen Augen nicht zu trauen. Die Werte waren so hoch gewesen, dass man befürchten musste, die Sonne könnte eine Plasmafackel ausstoßen. Auch das kam im Sonnensystem häufig vor, doch war man zu Hause auch viel weiter von der Sonne entfernt als hier. Mir war mulmig geworden und ich hatte den Alarm über Funk an unseren Kommandanten gemeldet. Er hatte der Erscheinung keine große Bedeutung beigemessen und erklärt, sie hätten soeben eine Art Flugfeld gefunden, auf dem sie Hunderte von brandigen Flecken entdeckt hatten, fast, als wenn von hier eine größere Zahl an Raumschiffen gestartet wäre. Irgendwie ergab das alles keinen Sinn.

Sie hatten die Gegend noch mehrere Tage lang untersucht, während ich regelmäßig neue Höchstwerte der Sonnenaktivität messen konnte. Ich hatte dem Zeitpunkt entgegen gefiebert, wenn die Anderen und besonders Marian wieder bei mir sein würden. Während der Tage, in denen meine Gefährten auf dem Planeten verweilt hatten, wurden die Meldungen immer spärlicher. Immer häufiger hatte ich von mir aus darauf drängen müssen, dass sie mich ins Bild setzten. Selbst Marian hatte sich nicht mehr von sich aus gemeldet. Ich hatte das nicht verstanden. Endlich hatte Dimitri angerufen und mitgeteilt, dass sie zurückkehren würden. Nervös hatte ich im Schleusenbereich auf die Ankunft der Fähre gewartet.

Als sie dann endlich eingetroffen waren, waren sie wieder da und doch auch wieder nicht. Nacheinander hatten sie die Milestone betreten und schwebten an mir vorbei. Sie hatten mich überhaupt nicht beachtet. Mir war ganz anders geworden. Was ging hier vor?
In den folgenden Tagen hatte ich meine Freunde und Partner immer misstrauischer beobachtet. Sie hatten sich, so oft es ging, in der Messe der Milestone versammelt, wo sie schweigend beieinandersaßen. Mich hatten sie völlig ausgeschlossen. Es war ja nicht so gewesen, dass sie sich nicht mehr mit mir unterhielten. Wenn ich sie gezielt angesprochen hatte, erhielt ich auch eine – wenn auch recht einsilbige – Antwort. Meine Verzweiflung war während dieser Zeit immer größer geworden, besonders weil auch Marian für mich immer fremder wurde.

Ich hatte damals noch die Hoffnung, dass sich das Blatt noch wenden würde, wenn wir erst auf dem Heimweg sein würden, und hatte deshalb darauf gedrängt, die Milestone für den Rückweg startklar zu machen. Niemand hatte auf mein Drängen reagiert, oder mir in irgendeiner Weise geholfen. Jetzt hatte es sich ausgezahlt, dass ich während der Anreise nach und nach in allen nur erdenklichen Bereichen gearbeitet hatte. Ganz allein hatte ich das Schiff für den Rückflug vorbereitet. Eine unbestimmte Angst hatte mich erfasst, dass meine Kollegen auf dem Planeten von einem Erreger infiziert worden sein könnten und das eigenartige Verhalten Anzeichen einer Erkrankung war.

Ein Geräusch holte mich in die Wirklichkeit zurück. Ich sah zur Konsole des Funkers hinüber. Im Geiste sah ich noch immer Bo, wie er dort auf seinem Sitz festgeschnallt gesessen hatte. Bo, unser Mann für die Kommunikation, war immer sehr sympathisch gewesen. Ich konnte mir noch immer keinen Reim darauf machen, was eigentlich auf Proxima Centauri 1 geschehen war. Aber was spielte das jetzt für eine Rolle? Bo lag – genau wie die Anderen – in der Kühlzone bei einer Temperatur von nur knapp über dem absoluten Nullpunkt. Eine Signalleuchte auf der Konsole blinkte rythmisch auf. Ein eingehender Ruf auf einer der irdischen Frequenzen! War ich etwa schon innerhalb der Reichweite von Sendern der Erde? Ich konnte es mir eigentlich nicht vorstellen. Ich warf einen Blick auf den Geschwindigkeitsmesser der Milestone. Es zeigte noch immer ein Viertel der Lichtgeschwindigkeit an. Ich wusste, dass das nur ein hypothetischer Wert sein konnte, rechnerisch ermittelt aus der bekannten Triebwerksleistung und der bisherigen Dauer des Bremsvorgangs. Nervös wechselte ich meinen Platz und setzte mich an die Kommunikationskonsole, wo ich mit zittrigen Fingern den Eingangskanal des Funkgerätes öffnete. Was ich zu hören bekam, war nur ein hochfrequentes Zirpen. Verstehen konnte ich nichts. Ratlos sah ich auf die Konsole. Wer auf der Erde sendete einen solchen Müll? Ich begann, zu verstehen, dass diese Sendungen nicht für mich bestimmt sein konnten. Trotzdem gaben sie mir ein gewisses, beruhigendes Gefühl. Es gab die Erde und ihre Menschen offensichtlich noch.

Enttäuscht nahm ich erneut auf meinem Pilotensessel Platz, auf dem ich seit Marcos Tod häufig saß und vor mich hin döste. Marco war der Erste gewesen. Er hatte etwa vier Monate nach unserem Start von Proxima Centauri aufgehört, Nahrung und Wasser zu sich zu nehmen. Ich hatte wirklich alles versucht, aber mir hatten einfach die Mittel und Kenntnisse gefehlt, etwas Wirkungsvolles dagegen zu unternehmen. Anfangs hatte ich es noch geschafft, die Aufmerksamkeit Indiras, unserer Bordärztin, zu erwecken und von ihr einige Tipps zu bekommen, doch dann hatte auch sie die Nahrungsaufnahme eingestellt. Von da an ging alles ganz schnell. Innerhalb von wenigen Tagen waren fast alle Besatzungsmitglieder so weit geschwächt, dass sie dem Tode nahe waren. Ich hatte mich nach Kräften bemüht, ihnen wenigstens etwas Wasser einzuflößen, doch nach einer gewissen Zeit hatten sie nicht einmal mehr die nötigen Schluckreflexe. Hätte ich während dieser Zeit nicht so viel zu tun gehabt, ich glaube, ich wäre verrückt geworden.

Als ich unserm Kommandanten Dimitri die Augen für immer schloss, hatte ich eine Bewegung hinter mir bemerkt. Es war Marian.
»Marian«, hatte ich gesagt und mein Herz hatte einen Satz gemacht, »dir geht es wieder besser?«
Ich war aufgesprungen und hatte sie in meine Arme genommen, doch sie hatte meine Umarmung nicht erwidert.
»Wir werden alle gehen«, hatte sie gesagt. »Du musst mir jetzt genau zuhören.«
»Was meinst du, Marian? Was soll das bedeuten: Wir werden alle gehen? Wenn es eine Krankheit ist – vielleicht kann man sie heilen?«
Ein schwaches Lächeln hatte ihre Lippen umspielt.
»Marian, ja, so wurde ich genannt«, hatte sie leise gesagt und für einen Moment war der alte Schimmer in ihre Augen getreten, doch nur für einen Augenblick, dann war es vorbei gewesen.
»Du würdest es eine Krankheit nennen, Collin, aber es ist keine. Das, was geschehen ist, sollte niemals in dieser Form geschehen. Es tut uns unendlich leid, aber ihr seid nicht sie und uns fehlt das Wissen.«
Mir hatte sich alles im Kopf gedreht. Was erzählte Marian da für ein verworrenes Zeug?
»Marian, du machst mir Angst«, hatte ich geantwortet. »Wovon redest du eigentlich? Von welchem Wissen redest du?«
Sie hatte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen gebracht und weitergeredet: »Collin, mir fehlt die Zeit. Die Anderen sind schon auf dem Weg. Ich wurde bestimmt, als Letzte zu gehen, da wir eng verbunden waren. Mir würdest du zuhören. Also tu bitte genau, was ich dir sage: Bring jeden, der gegangen ist, unverzüglich in die Kältezone. Warte nicht. Es ist wichtig. Du wirst es verstehen – später.«
Ich hatte ihre Worte vernommen, doch war ich noch nicht bereit, zu akzeptieren, dass Marian auch von sich selbst gesprochen hatte. Ich wollte sie nicht verlieren.
»Marian, was hindert dich daran, die Rückreise mit mir gemeinsam zu machen? Du scheinst dich doch etwas erholt zu haben.«
»Sie haben gesagt, dass du so reagieren wirst, aber glaub mir, ich spüre meine Kräfte schwinden, während ich hier mit dir spreche.«
Marian war plötzlich etwas in sich zusammengesackt und ich war ihr zu Hilfe gesprungen, um sie zu stützen. Sie hatte mich von unten angesehen und gelächelt. Da war sie – meine Marian, wie ich sie gekannt hatte. Sie hatte meinen Kopf in ihre Hände genommen und ihr Gesicht an meine Schulter gebettet. Ein Schluchzen hatte ihren Körper geschüttelt. Sie hatte mich anschließend ein Stück von sich weg geschoben und mich aus tränenerfüllten Augen angesehen.
»Collin, ich liebe dich«, hatte sie noch gesagt. »Verzeih uns und denke an die Kältezone.«

Dann war sie in sich zusammengesackt und war tot. Ich hatte sie noch Minuten lang in meinen Armen gehalten, erfüllt von Trauer und völliger Ratlosigkeit.
In den Tagen danach hatte ich genug damit zu tun, meine verstorbenen Kollegen in die Kältezone zu schaffen. Ich hatte zwar nicht verstanden, warum Marian mich immer wieder daran erinnert hatte, denn normalerweise erhielten verstorbene Raumfahrer eine Raumbestattung. Das heißt, dass sie aus der Schleuse ins All katapultiert wurden, um für alle Zeiten dort zu treiben. Ich wollte jedoch Marians letzten Willen respektieren und so hatte ich nach und nach alle Verstorbenen in die Kältezone geschafft, wo sie innerhalb von wenigen Sekunden zu einem Eisblock gefroren waren.

Ein Gedanke unterbrach meine geistige Reise durch die Vergangenheit: Doppler-Effekt. Wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen? Dieses Gezirpe in der Funkanlage – das waren Funksignale, die dem Doppler-Effekt unterworfen waren. Der österreichische Mathematiker und Physiker Christian Doppler hatte bereits in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts festgestellt, dass sich die Wahrnehmung von Frequenzen verändert, wenn sich die Quelle und der Empfänger von Signalen aufeinander zu oder voneinander wegbewegen. Die Milestone raste mit einem Viertel der Lichtgeschwindigkeit auf das Sonnensystem zu. Da war es doch vollkommen klar, dass sich die Signale am Empfänger verzerren mussten. Ich flog förmlich zur Kommunikationskonsole hinüber, um zu sehen, ob es die Signale noch gab. Ich hatte Glück und drückte sofort auf die automatische Aufzeichnung. Ich durfte gar nicht daran denken, was ich möglicherweise an wichtigen Informationen verpasst haben konnte. Ich wartete eine Weile und schaltete die Wiedergabe ein, wobei ich in Stufen die Geschwindigkeit beim Abspielen immer langsamer einstellte, bis ich etwas verstehen konnte. Die Qualität der empfangenen Nachricht war schlecht, aber größtenteils verständlich. Offenbar war es eine automatische Sendung, die sich ständig wiederholte:
»Dies ist eine automatische Mitteilung der Orbitalstation auf Titan. Im solaren Sonnensystem herrscht derzeit der Ausnahmezustand. Einfliegende Schiffe von jenseits der Grenzen des Systems müssen zwingend zunächst die Orbitalstation auf Titan anfliegen. Eine direkte Reise zu den inneren Planeten Mars, Erde oder Venus ist nicht gestattet.«

Danach wiederholte sich der Text der Meldung. Ich fragte mich, was das nun wieder zu bedeuten hatte. Ich war nicht über viele Jahre durch’s All geflogen, um dann nicht direkt nach Hause zu fliegen. Orbitalstation auf Titan. Was sollte das sein? Als die Milestone ihre Reise angetreten hatte, hatte es solche Stationen auf Saturnmonden überhaupt noch nicht gegeben. Nun, ich war auch schon lange unterwegs – viel zu lange.
Die Bordroutine war jeden Tag gleich. Wach werden, frühstücken, Rundgang durch das gesamte Schiff, notwendigste Reparaturen vornehmen – sofern möglich. Danach dösen im Pilotensessel der Zentrale. Es kotzte mich inzwischen an. Ich war mir sicher, dass ich mich nie wieder weiter vom Erdboden entfernen würde, als ein Flugzeug in die Luft steigen würde. Immer häufiger träumte ich davon, was ich tun würde, wenn ich wieder auf der Erde gelandet wäre. Die Geschwindigkeit der Milestone war inzwischen bereits sehr stark reduziert. Ich konnte die Sendungen vom Titan schon fast ohne Hilfsmittel verstehen – und das nicht allein deswegen, weil ich bereits innerhalb der Grenzen des Systems war.

Eines der größten Probleme bei Reisen, wie ich sie unternahm, war, dass ich viel zu viel Zeit zum Nachdenken hatte. Unendlich oft hatte ich bereits diese letzten Gespräche mit meinen Kollegen, und insbesondere mit Marian, im Kopf durchgespielt. Auch nach Jahren verstand ich noch nicht, was Marian mit ihren letzten Worten gemeint hatte. Ich fragte mich, ob sich die ganze Mühe der Reise zum Proxima Centauri eigentlich gelohnt hatte, und beantwortete sie mir selbst ganz energisch mit Nein. Wir hatten gehofft, Brüder im All zu finden, aber waren scheinbar zu spät gekommen. Fast die ganze Besatzung hatte die Reise nicht überlebt und ich selbst hatte viele Jahre meines Lebens für einen Traum vergeudet. Doch ich sollte nicht undankbar sein, denn schließlich war ich zurückgekehrt und hatte auch nicht den Verstand verloren. Und Marian? Die hatte ich wirklich verloren. Sie war der wichtigste Mensch in meinem bisherigen Leben gewesen. Warum kam ich einfach nicht darüber hinweg? Sagt man nicht immer, dass die Zeit alle Wunden heilt?

Ich war gerade dabei, den großen Materieschirm einzufahren, da er bei der inzwischen geringen Geschwindigkeit keine Funktion mehr hatte. Außerdem war die Materiedichte innerhalb des Systems viel zu gering. Da ging der Alarm los.
Ich fluchte, denn man konnte am Alarm nicht erkennen, worum es sich handelte. Also hastete ich durch die völlig verdreckten Gänge zurück zur Zentrale. Die früher einmal hier arbeitenden Reinigungsmaschinen hatten schon vor Jahren ihren Geist aufgegeben und in den Lagern hatten sich keinerlei Ersatzteile dafür befunden. Ich muss gestehen, dass ich auch überhaupt kein Interesse daran hatte, hier für Sauberkeit zu sorgen. Es war mir im Grunde auch vollkommen egal, was mit der Milestone nach meiner Ankunft auf der Erde geschehen würde.

In der Zentrale angekommen, erkannte ich, dass eine neue Mitteilung eingegangen war. Klugerweise hatte ich nach der letzten Funknachricht die permanente Aufzeichnung aktiviert gelassen. Es war eine weitere Nachricht vom Titan, doch diesmal war es offensichtlich keine automatische Mitteilung.
»Fremdes Raumschiff mit Kurs auf das Saturnsystem, bitte identifizieren sie sich!«
Es war mir klar, dass auch aus dieser Entfernung ein Funkspruch noch einige Zeit unterwegs sein würde, aber ich antwortete sofort:
»Hier spricht Collin Porter vom interstellaren Raumschiff Milestone. Ich befinde mich auf dem Rückweg von Proxima Centauri.«

Nach einiger Zeit traf die Antwort ein: »Milestone, wir haben sie schon seit einiger Zeit erwartet. Wir werden ihnen nun einige Kursdaten übermitteln und bitten sie, ihren Kurs entsprechend zu ändern. Die Milestone ist nicht für einen Weiterflug zur Erde vorgesehen, sondern verbleibt auf Titan.«
Es verschlug mir die Sprache. Was bildeten sich diese Leute eigentlich ein? Nach allem, was ich erlebt hatte, wollte ich einfach nur nach Hause und nun bestand die Aussicht, noch lange hier draußen – mitten im Sonnensystem – bleiben zu müssen. Wütend schlug ich auf die Antworttaste. »Was bilden sie sich eigentlich ein? Ich will nicht aus einer Blechbüchse in eine andere umsteigen – ich will endlich wieder einen blauen Himmel sehen, frische Luft atmen. Ich fliege zur Erde!«

»Mr. Porter, sie werden nicht zur Erde fliegen – jedenfalls nicht mit der Milestone. Seien sie kooperativ. Um so schneller können sie auch dorthin reisen, wo sie hinwollen. Wenn sie nicht freiwillig zu uns kommen, wird man sie holen. Ich denke, das können wir uns gegenseitig ersparen. Bitte legen sie den neuen Kurs an.«
Ich wollte schon abschalten, als die Stimme am andern Ende noch eine Frage stellte:
»Mr. Porter, wie geht es ihren Mitreisenden? Sind sie auch gut untergebracht?«
Ich spürte, wie sich mir die Nackenhaare aufstellten und ich leicht fröstelte. Was war das jetzt wieder? Was war das für eine eigenartige Frage?

»Ich bin der einzige Überlebende der Expedition, falls sie das wissen wollen!«, rief ich ins Mikrophon, »Was soll diese blöde Frage nach der Unterbringung?«
Ich war einfach nicht in der Lage, höflich und freundlich zu bleiben.
»Mr. Porter, uns ist bekannt, dass nur noch sie aktiv sind. Wir sind ihnen dafür auch dankbar. Was ich wissen wollte, ist, ob Ihre Mitreisenden gut untergebracht sind.«
»Verdammt noch mal, meine Mitreisenden sind tot! Verstehen sie? Tot! Sie stecken in der Kältezone der Milestone.«
»Das ist gut«, sagte der Mann vom Titan, »Mr. Porter, sie haben ihre Arbeit sehr gut gemacht.«

Ich stutzte. Wieso wusste man auf Titan, dass ich als Einziger an Bord noch aktiv bin? Die Rätsel hatten mich wieder eingeholt. Die Ereignisse der vergangenen Jahre zogen wieder an meinem geistigen Auge vorbei. Ich beschloss, mich zunächst dumm zu stellen und den Titan anzufliegen. Ich hatte auch nicht wirklich viele Alternativen.
Ein Blick auf die Navigationskontrolle zeigte mir, dass die neuen Zielkoordinaten inzwischen eingetroffen waren. Ich war fast dankbar dafür, dass ich etwas tun musste und nicht weiter nachdenken konnte. Ich war so froh gewesen, meinen Verstand behalten zu haben und nun stand ich doch noch an der Schwelle zum Wahnsinn. Die Steuerung der Milestone war mir im Laufe der langen Zeit so geläufig geworden, dass ich fast beiläufig den neuen Kurs setzte. Die Korrekturtriebwerke begannen zu arbeiten und die gesamte Schiffszelle begann zu vibrieren und zu ächzen. Die Milestone war mittlerweile eine alte Dame geworden. Ich hoffte, dass sie nicht auf den letzten Metern noch schlapp machte.

Es dauerte noch fast vier Wochen, bis ich mit dem Teleskop der Milestone zum ersten Mal einen Blick auf die Orbitalstation des Titan werfen konnte. Sie musste wahrhaft riesig sein. Sie bestand aus einer Kugel sowie einem dicken Torus darum herum, der an drei Stellen mit der Kugel verbunden war. Da sich die Station gemächlich um ihre Achse drehte, wirkte sie wie ein großes Rad. An den Polen der zentralen Kugel befanden sich Vorrichtungen, die möglicherweise zum Andocken von Schiffen geeignet waren. Ich nahm nach langer Zeit wieder eine Funkverbindung zur Station auf:
»Hier Milestone. Ich stehe quasi schon vor eurer Tür. Es wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, mir zu sagen, wie ich bei euch anlegen kann.«

Die Antwort kam fast augenblicklich: »Mr. Porter, wir haben sie auf unseren Ortungsschirmen. Wir empfehlen, einen Service-Kanal zu ihrem Autopiloten zu öffnen und uns Zugriff darauf zu geben. Wir holen sie dann automatisch herein. Sie können dann schon zur Hauptschleuse gehen, wenn sie möchten.«

Ich war mir nicht sicher, ob es sich wirklich um eine Empfehlung, oder eher um einen Befehl gehandelt hatte, aber es spielte letztlich keine Rolle mehr. Ich hatte die weitere Entwicklung nicht mehr in der Hand. Ich fühlte mich unglaublich müde und wollte nur noch meine Ruhe. Nicht mehr denken und endlich auf der Erde sein. Ich schaltete den Autopiloten auf den Service-Kanal und gab die Steuerung über mein Schiff endgültig ab. Ich blieb noch eine Weile im Pilotensessel sitzen und verfolgte die Manöver der Milestone, die nicht mehr von mir, sondern von außen veranlasst wurden. Ich musste allerdings zugeben, dass sie etwas vom Fach verstanden, denn die Milestone passte sich perfekt der Rotation der Station an, bevor sie endgültig andockte.
Hatte ich es mir so vorgestellt, nach Hause zu kommen? Eigentlich nicht. Ich erhob mich von meinem Sitz. Es war ein eigenartiges Gefühl. Die Triebwerke waren nun abgeschaltet und das Schiff rotierte leicht. Jede Außenwand schien nun unten zu sein. Ich griff nach meiner Tasche, in der ich die wichtigsten Unterlagen hatte. Es war schon komisch – da flog man viele Jahre durch das All und alles Wichtige aus dieser ganzen Zeit passte in eine kleine Tasche. Zum letzten Mal hangelte ich mich durch die schmutzigen Gänge, um zur Hauptschleuse zu kommen. Als ich dort ankam, wurde ich dort bereits erwartet. Man hatte die Schleuse – nachdem der Druckausgleich hergestellt war – von außen geöffnet.

Der Mann, der mich erwartete, machte auf mich einen ganz normalen Eindruck. Sein Blick war offen und drückte Freundlichkeit aus.
»Willkommen auf Titan, Mr. Porter«, sagte er mit wohlklingender Stimme, »folgen sie mir bitte in unsere Station. Sie haben sicher eine Menge Fragen und ich werde mich bemühen, sie zu beantworten.«

Ich folgte ihm und betrat die Titan-Station. Ich bemerkte gleich, dass es eine andere Welt war, die ich betrat. Alles wirkte sauber, ordentlich und nagelneu. Ich sah Geräte und Instrumente, deren Funktion ich nicht bestimmen konnte.
»Welches Jahr haben wir?«, fragte ich.
Der Mann drehte sich um. »Sie würden wohl sagen, wir hätten das Jahr 2050, doch wir rechnen nicht mehr nach diesem Zählsysten.

Das würde bedeuten, dass ich mit der Milestone stark relativistischen Einflüssen ausgesetzt war, denn ich hatte den Bordkalender noch gut im Gedächtnis und der hatte zuletzt den 11. Juli 2035 angezeigt. Erst jetzt wurde mir bewusst, dass der Mann gesagt hatte, man würde nicht mehr nach diesem Kalender rechnen.
»Moment mal«, sagte ich, »was soll das bedeuten, ihr rechnet nicht mehr nach diesem Kalender. Wer seid ihr überhaupt?«

Der Mann lächelte. »Mein Name ist 4-Rehlog-3569, falls es sie interessiert. Lassen sie uns in unsere Kantine gehen und dort etwas trinken oder essen – wir haben eine gute Küche. Dort werde ich ihnen alles erklären.«

Ich ging hinter diesem 4-irgendwas her und verstand überhaupt nichts mehr. Ich registrierte, dass die Anziehungskraft allmählich größer wurde, also näherten wir uns dem äußeren Rad der Station, wo die Fliehkraft annähernd Erdschwere simulierte. Immer häufiger begegneten wir Menschen, die mich und meinen Führer freundlich grüßten. Endlich erreichten wir die Kantine, die mäßig besucht war. Sie wirkte noch genauso, wie ich Kantinen noch von früher kannte. Wir setzten uns und ein hübsches junges Mädchen nahm unsere Bestellung auf. Zumindest darin hatte sich in den vergangenen Jahren nichts geändert.

»Also«, sagte ich, »dann fangen sie mal an zu erklären, Herr 4-…«
»Nennen sie mich einfach Rehlog«, sagte er, »hier in der Station wird dies sicherlich nicht zu Verwechslungen führen. Ich bin ein fast reiner Glii, deshalb der eigenartige Name. Die meisten Anderen haben ihre alten menschlichen Namen beibehalten.«
Ich starrte mein Gegenüber an. »Was ist ein Glii?«, fragte ich mit leicht belegter Stimme.

»Was haben sie gefunden, als sie auf Proxima Centauri eintrafen?«, fragte Rehlog, »Oder anders gefragt, was haben sie dort nicht gefunden?«
Ich sah den Mann aus zusammengekniffenen Augen an.
»Dort war niemand«, sagte ich. »Wir fanden die Reste einer großen Zivilisation, doch war alles verlassen. Als meine Freunde dann vom Planeten zurück kamen, waren sie krank und starben. Nur ich habe überlebt.«
»Ganz so war es nicht«, sagte Rehlog. »Ich werde es mal in Kurzform erklären. Wir Glii stammen ursprünglich vom Planeten Glii, das ist der erste Planet der Sonne, die ihr Proxima Centauri nennt. In unserer früheren Heimat lebten wir in Symbiose mit einer Primatenspezies, die jedoch nur eine geringe Intelligenz entwickelt hatte. Wir Glii sind eigentlich eine Art Kollektivintelligenz. Ihr würdet sagen, wir sind so etwas wie Viren oder Bakterien. Einzeln sind wir nichts, doch als geballte Masse entwickelten wir Intelligenz. Irgendwann im Laufe unserer eigenen Entwicklung stellten wir fest, dass wir individuelle Intelligenz entwickeln und sogar unsere Umwelt manipulieren können, wenn wir die Primaten unseres Planeten infizieren. So gingen wir eine Symbiose ein und konnten so gemeinsam eine Zivilisation schaffen, die eurer in nichts nachsteht. Leider hatten wir unsere Rechnung ohne unsere Sonne gemacht. Proxima Centauri ist eine sehr instabile Sonne. Häufig schleudert sie Plasmafackeln weit in den Raum und überschüttete unsere Welt mit harter Strahlung. Der Allgemeinzustand unserer Wirtskörper wurde von Generation zu Generation immer schlechter. Auch unsere Mediziner waren nicht mehr in der Lage, die vielen degenerativen Erkrankungen zu heilen. Etwa in diesem Stadium erreichten uns eure ersten Funksignale. Wir begriffen, dass es weit draußen im All Wesen gab, die Kontakt zu uns aufnehmen wollten. Unsere Forscher fanden heraus, dass eure Sonne ein stabiler Typus ist und in diesem System eventuell eine Chance für uns zum Überleben bestand. Wir beschlossen daher, eine Raumflotte zu bauen und unseren Planeten zu evakuieren. Leider machte uns auch dabei unsere Sonne einen Strich durch die Rechnung. Ihre Aktivität nahm von Jahr zu Jahr zu und immer mehr unserer Körper versagten bereits in der Jugend. Mit äußerster Mühe schafften wir es, wenigstens eine kleine Flotte fertigzustellen und zu starten. Während der Jahre, die wir benötigten, dieses Sonnensystem hier zu erreichen, starben die Meisten von uns. Ich drücke das so aus, weil zwar die Summe unserer Teilelemente wieder dem Pool zugeführt werden konnte, doch diese Teilelemente mit dem Tod des Wirtskörpers ihre Individualität verloren haben. Sie wurden wieder Bestandteil der Mutterintelligenz, die wir in speziellen Behältern mitführten.«

Ich hatte den Ausführungen Rehlogs bisher gebannt gelauscht und empfand die Situation als völlig absurd. Konnte es wirklich sein, dass ich hier einem Außerirdischen gegenübersaß, der ebenso gut ein alter Bekannter hätte sein können. Er erzählte mir eine haarsträubende Geschichte, als wäre es eine kleine Anekdote, die man zwischen Suppe und Nachtisch zum Besten gab.

»Sie glauben mir nicht«, sagte Rehlog. »Ich spüre das genau.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich noch glauben soll. Würden sie es an meiner Stelle glauben?«

Rehlog lächelte. Es war ein warmes und verständnisvolles Lächeln. Wenn das wirklich ein Außerirdischer war, konnte es zumindest kein Monster sein. Ich zuckte bei dem Gedanken innerlich zurück. Monster? Warum dachten Menschen bei außerirdischem Leben immer zuerst an Monster? Ich sollte es besser wissen. Ich hatte aus dem Orbit des fremden Planeten die Spuren der Zivilisation mit eigenen Augen gesehen.
»Mr. Porter«, sagte Rehlog, »lassen sie mich erst zu Ende erzählen. Danach will ich ihnen gern alle Fragen beantworten.

Wir müssen uns unterwegs begegnet sein, doch auch wir hatten sie und ihr Schiff nicht bemerkt. Bereits vor Jahren trafen unsere Schiffe hier ein und sorgten zunächst bei den Menschen für einige Aufregung. Es kostete uns viel Mühe, sie davon zu überzeugen, dass wir keine Invasionsflotte waren, sondern dass wir auf die Hilfe der Menschen angewiesen waren. Wir gingen in einen Orbit um den vierten Planeten – Mars und nahmen diplomatische Verhandlungen auf. Wir legten unsere Karten offen auf den Tisch – ich mag diese blumigen irdischen Metaphern – und zeigten den Verantwortlichen, wie es um uns bestellt war. Unsere letzten überlebenden Körper starben wenige Monate nach unserem Eintreffen. Wir machten das Angebot, Menschen zu infizieren und uns von ihren Körpern assimilieren zu lassen. Wir stellten in Aussicht, dass ein betroffener Mensch seine Eigenständigkeit behalten und gleichzeitig eine Steigerung seiner Intelligenz erleben würde. Es gab viele Freiwillige, aber auch Menschen, die sich scheuten, uns in sich aufzunehmen. Im Laufe der Zeit lernten wir, dass es auch menschliche Hüllen gab, die offenbar keine eigenständige Individualität mehr besaßen. Bei ihnen heißt das wohl Koma. Wir stellten einen Antrag, zu prüfen, ob wir nicht solche Körper beseelen dürften. Nach langen Debatten wurde uns diese Erlaubnis erteilt. Ich bin ein solches Exemplar. Ich trage nur eine rudimentäre menschliche Seele in mir, deshalb auch der für sie merkwürdige Name.«

»Sie wollen mir also allen Ernstes sagen, dass ihre ganze Rasse sich mit uns Menschen verschmolzen hat?«, fragte ich verständnislos.
»Genau so ist es«, bestätigte Rehlog, »ich betone jedoch ausdrücklich, dass wir der Menschheit in keiner Weise ihre Eigenständigkeit genommen haben. Wir sind nur hinzugetreten.«
Ich hatte noch immer Probleme, die Informationen zu verarbeiten, die ich soeben erhalten hatte.
»Hat das mit dem sogenannten Ausnahmezustand zu tun, in dem in der automatischen Sendung die Rede war, die ich empfangen habe?«, wollte ich wissen.
»Das mag etwas zu dramatisch klingen«, räumte Rehlog ein, »denn es gibt natürlich nicht wirklich einen Ausnahmezustand, wie die Menschen ihn bisher verstanden haben. Die Formulierung hat allerdings bisher schon häufig dazu geführt, dass Piloten von Schiffen, die von der Entwicklung hier nichts wussten, tatsächlich erst unsere Station hier angeflogen haben.«
Ich zuckte mit den Schultern. »Und? Wozu ist das so wichtig?«
»Wir sind der Ansicht, dass wir niemanden unvorbereitet ins innere System einfliegen lassen sollten.«
»Werdet ihr mich auch infizieren?«, fragte ich vorsichtig. Rehlog muss mir wohl angesehen haben, dass mich dieser Gedanke ängstigte.
»Nicht, wenn sie das nicht wünschen«, sagte er. »Es gibt viele Menschen wie sie, die uns nicht in sich tragen. Wir respektieren den Willen unserer Gastgeber, das dürfen sie mir glauben.«
Mir kam mit einem Mal ein Gedanke. »Rehlog, als meine Kollegen ihren Exkurs zu eurem Planeten gemacht haben, kamen sie krank zurück. Kann es sein, dass sie dort noch von restlichen Glii infiziert wurden? Oder seid ihr vollständig von eurem Planeten geflohen?«
Rehlog schüttelte den Kopf. »Nein, ein Kollektivwesen wie wir Glii kann niemals vollständig von einem Ort an den anderen reisen. Immer bleiben Reste unserer Wesenheit irgendwo zurück. Ein solcher Verlust ist auch unerheblich. Sie liegen mit Ihrer Vermutung ganz richtig. Ein Teil der Zurückgebliebenen hat die Chance ergriffen, den Planeten zu verlassen, als die Menschen dort eintrafen.«
»Wie können Sie da so sicher sein?«, wollte ich wissen, »Proxima Centauri ist etwa vier Lichtjahre weit entfernt. Wollen sie mir jetzt weismachen, sie stünden mit diesen Artgenossen in Verbindung?«
»Oh, ich nicht«, sagte Rehlog und machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand, »ich bin Bestandteil dieses Körpers, der hier vor Ihnen sitzt. Damit habe ich meine Verbindung zur Mutterintelligenz eingebüßt, aber die Mutterintelligenz, die es in einem Bunker auf der Erde noch gibt, spürt ihre Bestandteile auch über große Entfernungen. Sie hat gespürt, dass sich weitere Teile auf den Weg hierher gemacht haben. Sie hat auch gespürt, dass diese Teile der Glii zu Wenige waren, um das Wissen zur gefahrlosen Infizierung von Organismen zu besitzen. Mit anderen Worten gesagt, die Glii in Ihren Kollegen waren zu dumm. Sie schadeten ihren Wirtskörpern, weil sie an die Primatenspezies auf unserem alten Planeten gewohnt waren. Die Mutterintelligenz hat ihre ganze Kraft aufbringen müssen, wenigstens über eines der infizierten Individuen Kontakt aufzunehmen. Sie gab die Anweisung aus, die Körper einzufrieren. Ich bin glücklich, dass sie das auch getan haben. Unsere Leute haben die Körper während unseres Gesprächs bereits von ihrem Schiff geholt. Sie werden zur Zeit erwärmt und viele Glii aus dem Bunker der Mutterintelligenz kümmern sich darum, den Organismus der Menschen wieder zu beleben.«

»Sie machen was?«, fragte ich aufgeregt. »Sie wollen tote Körper beleben? Ich bin schon traurig genug über den Tod meiner Freunde. Sie müssen mich nicht auch noch auf diese geschmacklose Art und Weise veralbern!«
»Ich will sie nicht veralbern, Mr. Porter«, sagte Rehlog. »Nichts liegt mir ferner. Mit etwas Glück sind ihre Kollegen nicht tot. Speziell das Individuum, mit dem die Mutterintelligenz Kontakt aufgenommen hatte, sollte noch leben. Da bin ich sicher.«
»Marian!?«, entfuhr es mir. »Sie meinen, Marian lebt?«
»Wenn das der Name des Individuums ist – ja.«
»Kann ich sie sehen?«

Mir war plötzlich alles egal. Die Erde, die Außerirdischen, eine Invasion oder auch nicht – wenn ich nur Marian zurückbekommen konnte.
Rehlog musste mir angesehen haben, wie erregt ich war, denn er erhob sich und kam um den Tisch herum. Sanft legte er mir eine Hand auf die Schulter.
»Wir müssen noch warten«, sagte er. »Der Prozess ist kompliziert und wir dürfen keinen Fehler machen. Meine Mitarbeiter werden sich melden, wenn es soweit ist. Es wäre auch im Sinne ihrer Marian, wenn sie etwas ruhiger wären, wenn wir sie nachher aufsuchen. Möchten Sie vielleicht jetzt etwas essen oder trinken?«

Ich blickte zu ihm hoch. Es war ein Mensch – zweifellos und doch entstammte das Meiste seiner Seele einer völlig fremden Zivilisation. In meinem Kopf drehte sich alles. Waren wir Menschen wirklich noch dieselben Menschen, die wir vorher waren, oder war die Menschheit so etwas wie ein Mischprodukt geworden? Mein Blick schwenkte umher. Überall saßen Leute an Tischen, aßen und unterhielten sich, manche lachten. Alles war so, wie er es kannte.
»Ich könnte einen Whisky vertragen«, sagte ich, »Ich glaube, den habe ich mir jetzt verdient. Gibt es hier so was?«
Rehlog lachte. »Einen Whisky also – den ersten nach vielen Jahren. Den sollen sie haben, Mr. Porter.«
Ich sah ihn an und musterte ihn. Rehlog war so natürlich und normal. Ich hatte bei ihm das Gefühl, einem Freund gegenüberzusitzen. Ich traf eine Entscheidung. »Wissen sie was? Nennen sie mich Collin.«

Rehlog winkte der Bedienung und bestellte zwei alte Glenfarclas.
»Ihr habt hier tatsächlich echten schottischen Single Malt Whisky?«, wunderte ich mich. »Und du – ich sage jetzt einfach du – trinkst das sogar? Ich fass es nicht.«
»Wieso Collin? Ich betrachte mich als Menschen und nicht als Glii. Da werde ich doch auch das Recht haben, die Errungenschaften der Erde zu schätzen und zu lieben.«
Die Drinks kamen und wir prosteten uns zu.

Stunden saßen wir so beisammen und Rehlog erzählte mir, was sich seit meiner Abreise und vor allem seit der Ankunft der Glii alles verändert hatte und was immer noch so war, wie eh und je. Die Welt hatte sich weitergedreht, doch wie es schien, war es immer noch meine Welt und ich saß hier bei einem Außerirdischen in menschlicher Gestalt und plauderte mit ihm, wie mit einem alten Freund.
Schließlich war es soweit. Rehlog erhielt einen Anruf. Anschließend nickte er mir zu.
»Bist du so weit, Collin?«, fragte er. »Deine Freundin fragt nach dir.«

Ich sprang auf und stieß dabei fast den Tisch um.
»Wo ist sie?«, brüllte ich meine Frage durch den Raum, worauf die Gespräche an den Nachbartischen verstummten und mich alle anstarrten.
»Komm mit«, sagte Rehlog und zupfte an meinem Ärmel. »Ich führ dich hin.«
Ich weiß noch, dass wir durch endlose Gänge dieser riesigen Station liefen, jedoch kann ich mich nicht mehr an Einzelheiten erinnern. Meine Gedanken kreisten nur noch um einen Namen: Marian.

Wir betraten eine Abteilung, die auf den ersten Blick bereits als Krankenabteilung zu erkennen war. Manche Dinge ändern sich auch nach Jahren nicht wesentlich. Rehlog deutete mit der Hand auf eine Tür. Eine Krankenschwester wollte mich erst am Betreten des Raumes hindern, doch sie trat beiseite, als Rehlog ihr sagte, dass es in Ordnung wäre.

Mit zittrigen Händen drückte ich auf den Öffnerkontakt und die Tür fuhr zur Seite. Da war sie – meine Marian, genau so schön, wie ich sie in Erinnerung hatte. Sie saß in einem Rollstuhl und sah mich lächelnd an, als ich eintrat.
»Collin«, sagte sie und hob ihre Hände in meine Richtung.
Ich eilte zu ihr, kniete mich hin und drückte ihren warmen Körper an mich. Ich konnte nichts sagen, so dick war der Kloß in meinem Hals. Tränen rannen mir über die Wangen. Ich konnte es nicht verhindern und ich wollte es auch gar nicht. Mein Herz schlug bis zum Hals. Ich konnte mein Glück noch nicht fassen.
Ich löste mich etwas von ihr und sah sie an.
Marian sah meinen Blick. »Der Rollstuhl ist nur vorübergehend. Ich bin noch zu schwach, um aufzustehen.«

»Ich hatte geglaubt, du wärst tot«, flüsterte ich. »Es ist ein Wunder, dass ich dich wiederhabe. Ich werde nicht zulassen, dass wir jemals wieder getrennt werden.«
Marians Augen strahlten mich an. »Das will ich auch nicht. Ich möchte nur noch dieses ganze Weltall hinter mir lassen und mit dir auf der Erde neu anfangen.«
Wir küssten uns immer wieder. Die Gespräche, die wir dabei führten, dürften für die Nachwelt nicht sehr interessant gewesen sein. Uns war es gleich. Wir fühlten uns wohl dabei.

Bald würden wir eine Passage vom Titan zur Erde bekommen – nach Hause, doch bereits jetzt hatte ich das überwältigende Gefühl, heimgekehrt zu sein.

Ende

Aufrufe: 0

Merkmale einer Kurzgeschichte

Kurzgeschichten gibt es viele. Man könnte fast schon sagen, dass es so viele wie Sand am Meer gibt.
Den Eindruck bekommt man aufgrund der etlichen Genre oder auch Sparten genannt, aber auch durch die etlichen Anthologien*, zu denen die verschiedensten Verlage das komplette Jahr über aufrufen.

Für den ein oder anderen Hobbyautor ist diese Form der Epik ein Buch mit sieben Siegeln. Das führt dazu, dass sich manch einer nicht an eine Kurzgeschichte heranwagt, weil er einfach unsicher ist was ihn dabei erwartet.

Ich habe ein wenig im Internet recherchiert und eine kleine Übersicht erarbeitet, die vielleicht als Informationsquelle oder Sprungbrett dient.

Um es in wenige Worte zu fassen, die ich nun endlich los werden möchte, ist eine Kurzgeschichte eine Art der Prosa. Diese Form der Schreibkunst besticht mit ihrer Kürze sowie ihrer knappen und präzisen Sprache.
Durch ihren geringen Umfang, meist ein bis zwei Buchseiten (selten wesentlich länger), ist sie schnell gelesen. Der Inhalt der Kurzgeschichte ist meist fantastischer oder gruseliger Natur.

In der Handlung gibt es in der Regel nur einen Protagonisten**, der, anders als in Romanen, eine Person des Alltags ist. Ihm begegnet man in einem angepassten Szenario, das unmittelbar und ohne jegliche Einführung beginnt.
Die Umstände der Handlung sind weder dramatisch noch ungewöhnlich und doch steht ein besonders Ereignis im Mittelpunkt des Geschehens.
Die Orte und Schauplätze, die der Autor in seiner Kurzgeschichte aufzeigt, werden häufig nicht näher benannt.
Durch den Ablauf des Geschriebenen führt ein personalisierter Erzähler***.

Dem Leser einer Kurzgeschichte muss bewusst sein, dass die Schilderung des Konfliktes während der Handlung mit Metaphern sowie Leitmotiven umschrieben wird. D. h., dass sich der Leser dies selbst erarbeiten muss.
In kurzen Worten: Die Kernaussage ist nicht wörtlich dem Text zu entnehmen.

Während der Leser mit einem erhöhten Erzähltempo durch die Handlung des Geschehens geführt wird, meist ist der Zeitraum hierbei auf einige Minuten oder gar Stunden begrenzt, kommt es zum Ende hin zu einem meist unverhofften Ende.

Begriffserklärung:

1. Anthologie
Die Anthologie ist eine Sammlung von Gedichten oder Texten meist in einem Band zusammengefasst. Es gibt hin und wieder solche Sammelbände, die sich bei Erfolg des ersten, fortsetzen.
2.Protagonisten
Bei dem Protagonisten handelt es sich um die Hauptperson eines Filmes, Buches oder wie in diesem Fall einer Kurzgeschichte.
3.personalisierter Erzähler
Der personalisierte Erzähler beschreibt eine Handlung aus der Perspektive einer einzelnen oder gar mehreren Personen. Ihm ist nicht alles bekannt. D. h., dass ihm nicht alle Informationen vorliegen und informiert den Leser über Näheres, wie Rückblenden, wenn sich die Figur selbst daran erinnert oder an die Vergangenheit erinnert wird. Zudem kommentiert er das was geschieht nicht.



Aufrufe: 0

Geschichten aus dem wahren Leben und ganz persönlicher Erfahrung



Das war filmreif!

Ich denke diese Momente kennt jede und jeder. In denen man am liebsten alles was passiert wie einen Film im Gehirn abspeichern möchte. Um kein Detail zu vergessen und sich das immer wieder ansehen zu können.

Bei mir war das zum Beispiel so, als ich mit zwei Freundinnen nachts vor langer Zeit eine super illegale (nicht!) Sprühkreide-Aktion vor dem Haus des „Dorf-Nazis“ gestartet habe. Wir waren noch nicht ganz fertig mit unserem Kunstwerk, als der Dorfsheriff um die Ecke fuhr. Also haben wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht. Aber da er uns auf dem Weg nach Hause noch drei weitere Male begegnet ist, haben wir uns natürlich gleich Gedanken darüber gemacht, ob die Regierung wohl unsere Handys getrackt hat, als wir unseren Sprühkreide-Plan ausgeheckt haben. Arg dramatisch (und ernst gemeint) war das Ganze nicht, und wahrscheinlich war er auch nur zufällig dauernd in unserer Nähe. Wir haben uns damals aber dermaßen reingesteigert, dass es im Nachhinein einfach spannend und sehr lustig war.

Es gibt so viele solcher Situationen im Leben! Und die sind bereichernd. Natürlich, weil sie unser Leben ein Stück weit interessant und auf jeden Fall einmalig machen (und wir etwas zu erzählen haben). Aber auch weil das eine sehr einfache -weil wir nichts anderes tun müssen als Leben :D- und wichtige Inspirationsquelle ist.

Besondere, aber auch alltägliche Situationen als Inspiration

Ich habe etwas erlebt und davon inspiriert schreibe ich einen kreativen Text daraus. Zum Beispiel eine Szene, in der das von mir Erlebte die Handlung ist, oder ich spinne eine Kurzgeschichte daraus. Oder ich schreibe ein Gedicht, welches die Atmosphäre wiederspiegelt. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, im Grunde sind einem da keine Grenzen gesetzt. Manchmal wird das so etwas wie ein kreativer Tagebucheintrag, manchmal sind es allein kleine Details, die man für das Schreiben gebrauchen kann.

Da gibt es die ganz besonderen Momente, die meist mit vielen Emotionen verbunden sind. Die von Anfang bis Ende interessant, spannend, tragisch, dramatisch, lustig, fröhlich, komisch usw. sind. Oder ganz kurze Augenblicke, fast unscheinbar, die uns auffallen und faszinieren. Oder eher banale alltägliche Situationen, die trotzdem interessant sind – schließlich haben unsere Charaktere ja auch einen Alltag zu bewältigen, oder wir wollen uns im Bereich der Poesie kreativ am Thema Alltag austoben.

Begegnungen mit Menschen als Inspiration

Wann immer ich auf Menschen treffe fasziniert mich, wie unterschiedlich sie sind. In ihrer Persönlichkeit, ihrem Denken, ihrer Art zu Leben.

Jeder Mensch hat seine eigene ganz individuelle Geschichte, die ihn zu dem Menschen macht, der er/sie ist.

Begegnungen mit Menschen können unglaublich inspirierend sein. Denn jeder Mensch hat ja seine eigenen Geschichten und Erfahrungen, sein eigenes Weltbild, seine eigene Meinung. Einfach seinen ganz einzigartigen Horizont. Wenn wir uns mit Menschen unterhalten, dann dringen wir ein Stück weit in den Horizont ein, lernen etwas dazu. Und geben natürlich auch ein wenig von unserem Horizont preis.

Wenn ich eine Kurzgeschichte oder einen Roman schreibe, dann kommen da (mehr oder weniger) viele verschiedene Charaktere vor. Auch sie haben alle ihren eigenen Horizont. Um die Charaktere möglichst differenziert gestalten zu können, brauche ich also viele verschiedene Ideen. Und zwar nicht nur dafür, wie die Person zum Zeitpunkt meiner Geschichte denkt und fühlt, sondern auch wie seine/ihre Kindheit und Jugend aussah, welche Folgen, Probleme, Stärken etc. das für die Gegenwart mit sich bringt. Also wie und warum er sich zu dem Menschen entwickelt hat, den ich in meinem Text darstelle. Und um zu verstehen warum Menschen wie ticken, müssen wir uns nicht unbedingt großartig mit Psychologie auskennen. Meistens reicht es, wenn wir lernen, Menschen denen wir begegnen zu verstehen, über sie zu lernen und das als Inspiration für uns zu nutzen.

Eigene Erfahrungen machen Texte authentisch

Ich kann nur glaubwürdig  darüber schreiben, wie mein Protagonist sich fühlt während er seine große Liebe trifft, wenn ich selbst einmal verliebt war. Zumindest kann ich nur dann wirklich ins Detail gehen und mehr schreiben als „Er hatte Schmetterlinge im Bauch und sie verdrehte ihm sofort den Kopf.“ . Und es sind eben gerade die Details, die einen Text gut und tiefsinnig machen.

Das machen persönliche Erfahrungen und Erlebnisse auch so wichtig, wenn es ums Schreiben geht. Ich habe mich lange gefragt, woher Autor*innen ihre Ideen nehmen und seit ich die Erfahrung gemacht habe, dass es viel im eigenen Leben gibt, was gut in eine Geschichte passen würde, gehe ich viel aufmerksamer durch die Welt und kann auch ein Stück weit dankbarer sein.
Wie oft habe ich mir gewünscht mit meinen Lieblingscharakteren den Platz tauschen zu können und ein Leben zu leben, wie es im Buche steht.  Aber mittlerweile ist es andersherum: Meine Charaktere erleben Dinge, die sich erlebt habe. Sie treffen Menschen, die mich persönlich faszinieren. Und meine Gedichte tragen Stimmungen, die ich gefühlt und kennen gelernt habe.

Klar, wenn ich eine Entführungsszene schreibe, dann kann ich nicht unbedingt meine Erfahrungen mit einfließen lassen, wenn ich noch nie entführt wurde, worüber ich sehr froh bin. Aber zum kleinen Teil eben doch: Ich hatte in meinem Leben mit Sicherheit schonmal Angst, kann also dieses Gefühl beschreiben, ich weiß, wie es in einem Auto riechen könnte etc.

Beim Schreiben kann man also nicht auf eigene Erfahrungen verzichten!

Aufrufe: 0

Ein kleiner Leitfaden für eine gute Kurzgeschichte



Als ich meine ersten Kurzgeschichten schreiben wollte, habe ich einfach drauflos geschrieben. Aber am Ende waren sie dann fast alle zu langweilig, oder zu vollgestopft, oder die Handlung war nicht ganz logisch, die Charaktere zu oberflächlich.

Also musste ich mir zu aller erst die Frage stellen:

Worum geht es beim Schreiben einer Kurzgeschichte?

Kurzgeschichten gehören zur literarischen Form der Prosa. Die Sprache ist also nicht gereimt, besonders rhythmisch oder ähnliches. Und wie der Name schon sagt handelt es sich ganz schlicht um eine kurze Geschichte.

Wichtig dabei ist, dass der Fokus dieser Geschichte nicht etwa wie bei einem Roman auf einer ganzen Heldenreise, einer Entwicklung, einer Vielzahl von Ereignissen etc. liegt. Die Handlung einer Kurzgeschichte konzentriert sich auf eine bestimmte Situation, auf ein bestimmtes Ereignis, das möglichst spannend, dramatisch, emotional, lustig, romantisch etc. ist.

Also in einer Kurzgeschichte wird nicht beschrieben, wie Finn sich beim Abschlussball plötzlich in Lisa verliebt, die beiden nach diesem Abend aber getrennte Wege gehen, Finn dann monatelang nach ihr sucht, er während seinem Roadtrip in einen Raubüberfall verwickelt wird, sich mit seinem ehemaligen Erzfeind versöhnt, er einen streunenden Hund aufnimmt etc. und Lisa schließlich doch lesbisch war, woraufhin Finn in eine Sinnkrise verfällt, Depressionen bekommt und nach Amerika auswandert..

Das könnte man nur dann in eine Kurzgeschichte packen, wenn man jedes Ereignis nur ganz knapp und ohne viel Details und andere Charaktere beschriebe. Allerdings wäre das dann, wenn überhaupt, nur halb so gut, wie wenn man das ganze in einen Roman gepackt hätte.

Stattdessen könnte es in einer Kurzgeschichte nur um den Moment gehen, in dem Finn herausfindet, dass das Mädchen, in das er verliebt ist, nicht auf Männer steht und was das mit seiner Gefühlswelt anstellt. Oder man konzentriert sich darauf, wie Finn merkt, dass er viel mehr für Lisa empfindet als bisher gedacht.

Wie gehe ich vor beim Schreiben einer Kurzgeschichte?

Bei mir beginnt meistens alles mit einer Idee, die ich habe. Meistens ist es eine Szene, die sich in meinem Kopf abspielt, oder ich lasse mich vom Leben selbst inspirieren.

Die schreibe ich mir dann zuerst auf. Egal ob es ein Thema, ein Charakter usw. ist, was mir einfällt, ich schreibe es so genau wie möglich auf. Dann sammle ich weitere Ideen. Hier mache ich mir oft Mind-Maps.

Wenn ich hier schon merke, dass es zu viele Ideen, Charaktere, Ereignisse für eine Kurzgeschichte sind, dann überlege ich mir, worauf ich den Fokus setzen will und kürze alles andere raus.

Dann schreibe ich zu jedem Charakter einen Steckbrief mit allen Informationen, die für die Kurzgeschichte wichtig sind. Dabei sind unter Umständen auch Dinge aus der Vergangenheit wichtig, die in der Kurzgeschichte gar nicht erwähnt werden. Die den Charakter aber zu dem Menschen machen, die er zum Zeitpunkt der Handlung sein soll.

Und schließlich schreibe ich mir auf, was genau und wann passieren soll. Dabei überlege ich mir auch, aus welcher Perspektive die Kurgeschichte geschrieben wird.
Und dann formuliere ich das ganze aus.

So habe ich das zumindest eine Zeit lang gemacht. Mittlerweile reichen mir manchmal (nicht immer) auch grobe Stichpunkte zu meinen Ideen, um eine gute Kurzgeschichte zu schreiben. Aber das hängt oft vom Tag, meiner Stimmung und der Idee selbst ab :D.

(Eine Kurzgeschichte hat bestimmte Merkmale, worauf man beim Schreiben achten sollte. Darauf gehe ich bei diesem Artikel allerdings nicht ein, da zu diesem Thema noch ein anderer Beitrag kommt.)

Ich hoffe, ihr könnt aus meinem Beitrag etwas für das Schreiben einer Kurzgeschichte mitnehmen!

Viele Grüße und vor allem viel Spaß beim Kurzgeschichten schreiben,

Wolverine ^_^

Bild lizenzfrei von: canstockphoto.ch

Aufrufe: 24

Die letzte Reise

Ich schlug die Augen auf. Wo war ich? Ein Blick an mir herab ließ mich stutzen. Wo waren die lahmen Beine, die Schmerzen, die mein schwacher Körper mir stets bereitet hatte? Ich bemerkte nichts dergleichen. Endlich, ich war frei. Unter meinen nackten Zehen spürte ich den Boden aus Stein, er war angenehm warm. Ich war schon einmal hier, fast zumindest, glaube ich. Doch hatte ich mich nie getraut zu sehen. Zu fühlen. Zu erkennen.

Ich drehte mich einmal um mich selbst und sah mich um.

Ich befand mich auf einem Balkon aus sandfarbenen Gestein.

Die Balustrade erschien mir aufwendig bearbeitet, mit kleinen Mustern aus ineinander verschlungenen Linien, die sich wie Flammen an den kleinen Säulen entlangzüngelten. Der Himmel hatte ein strahlendes dunkelblau angenommen und hohe Wolken türmten sich, bestrahlt vom letzten Licht einer untergehenden Sonne, zu wunderschönen roten Riesen bis in die Unendlichkeit des Horizonts empor. Das Flüstern einer leisen Briese drang in mein Ohr, erzählte mir vom Klang der Blätter, welche im Spiel des Windes wehten.

Ich bemerkte, dass der Balkon, auf welchem ich mich befand, zu einem riesigen, in den Stein geschlagenen Gebäude gehörte. Unter mir erstreckten sich ineinander verschlungene Säulengänge und Treppen, kleine Eingänge und Kavernen. Es musste Ewigkeiten gedauert haben das alles zu errichten.

Dazwischen ragten riesige Bäume mit schneeweißer Rinde und blutrotem Blätterdach in die Höhe. Ihre alten Wurzeln durchzogen den gesamten Stein und hauchten ihm Leben ein. Soweit mein Auge reichte, war der riesige Fels, der ein einziges unendlich großes Gebäude darstellte, umringt von einem endlosen Ozean. Die Farbe des Wassers hatte das dunkle Blau des Himmels angenommen, das Abendrot spiegelte sich darin und hinterließ diesem Ort ein Farbenspektakel. Sanft schlugen die Wellen der Brandung gegen den Fels. Wenn ich genau hinhörte, verband sich ihr Rauschen mit dem der Blätter und eine endlose Ruhe überkam mich. Ich schloss für einen Moment die Augen, um zu genießen. So fühlte sich Freiheit an.

Plötzlich hielt ich inne. Da war eine Stimme. War ich nicht alleine, an diesem wundersamen Ort? Sie schien nach mir zu rufen, mit einer spielerischen Melodie. Ich kannte diese Stimme. Doch woher? Ich beschloss, ihr zu folgen und stieg eine Treppe hinab, die vom Balkon ausging. Je weiter ich kam, desto genauer konnte ich die Stimme hören. Ihr Lied war wunderschön und doch gleichzeitig so tieftraurig. Ich wollte lachen und weinen, zur selben Zeit, ich war so unendlich glücklich und doch zerriss es mir das Herz. Ich passierte die knorrigen Bäume und bestaunte ihre Blätterkronen, spazierte durch einen Säulengang, der zur linken Seite steil abfiel. Darunter spielten nur noch die Gezeiten mit dem nackten Fels. Gischt stieg zu mir empor, das Wasser prickelte angenehm warm auf der Haut. Je weiter ich voranschritt, desto stärker drang diese verlockende Melodie zu mir. Sie durchfuhr meinen Körper und ich spürte ein Kribbeln, an dem Platz wo mein Herz saß. Am Ende des Ganges führte mich eine Wendeltreppe hinab, ich stützte mich auf dem goldenen Geländer ab und nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal.

Ich fand mich auf einem lichtdurchfluteten Platz wieder. Er war kreisrund und aus demselben hellen Gestein gefertigt wie der Balkon. Darum herum befand sich nur noch die unendliche See. In einem kleineren Kreis darin befanden sich sieben Säulen, die alle in einem goldenen, spitz zulaufendem Dach mündeten.

Darin war eine Konstruktion, die ich nicht sofort erkannte.

Als ich näher darauf zu lief, wurde mir bewusst was es war. In dem Gebäude stand eine riesige Sanduhr. Sie war fest im Boden verankert, mit einem massiven Bronzering, von dem Krallen ausgingen, die das Glas in der Luft hielten. Als ich es erreicht hatte, stellte ich fest, dass der Sand darin schon durchgelaufen war und sich nur noch im unteren Teil des Stundenglases befand. Die Melodie war jetzt ganz nah, ich spürte es.

„Wer ist da?“, rief ich. Ich musste es einfach wissen.
Die Melodie verstummte.
„Du kennst das Lied“, raunte eine Stimme, die von überall hätte kommen können. Sie strahlte die herzlichste Wärme und die eisigste Kälte zugleich aus. „Es ist das Lied des Lebens, mit seinen Höhen und Tiefen. Das Leben kennt nicht nur eine Seite, es bringt dir immer die beiden.“
Plötzlich trat eine Gestalt hinter dem Stundenglas hervor. Es war eine wundersame Frau. Die eine Hälfte ihres Gesichts war wunderschön, mit einem strahlenden blauen Auge, das die Farbe des Meeres besaß und geschwungenen vollen Lippen, die ein Lächeln formten. Ihr langes braunes Haar schien wie ein Wasserfall über ihre Schultern zu fließen. Die andere Hälfte des Gesichts war von Warzen entstellt, ihr Auge war wässerig und leer. Ein dunkler Ring zeichnete sich darum ab. Die Lippen waren verschrumpelt und das Haar zerzaust und spröde. „Ich bin das Leben“, sagte die Frau. „Ich trage die schönste Blüte mit mir und die welksten Dornen.“
Ich war überrascht von dieser Gestalt, doch ich verstand, was sie mir sagen wollte.
Die Frau zeigte auf ein kleines Boot, das direkt vor dem Platz ankerte. „So wie ich einst zu dir kam, so werde ich dich nun verlassen“, erklärte sie. „Du bist am Ende deiner beschwerlichen Reise angekommen und darfst nun in diesen Gefilden den Rest der Zeit überdauern. Es ist das letzte Geschenk, das ich dir machen kann.“ Mit diesen Worten stieg sie in das Boot und löste das Tau. Ganz von selbst steuerte es auf den weiten Ozean hinaus und war bald nur noch ein winziger Fleck, der im Abendrot verschwand.
Ich wusste, was es bedeutete, doch ich trug keine Angst in mir. Meine Zeit war abgelaufen und ich durfte nun, an diesem wunderschönen Ort, meine letzte Ruhe genießen. Das Licht war angenehm warm, so wie der Wind, der durch mein Haar ging. Und ich war glücklich. Wunschlos glücklich.

Aufrufe: 1

© 2019 Schreibkommune

Theme von Anders NorénHoch ↑

error

Gefällt Dir unser Blog? Bitte sage es weiter ;)

Zur Werkzeugleiste springen