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Kategorie: Corvus

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 14 – Exelion (Finale)

Knirschend bahnte sich die Atharymn einen Weg durch den Eisensturm. Die Reibungshitze der Teilchen, die von außen über die Bordwand schabten, war mittlerweile deutlich zu spüren, denn selbst die internen Notkühlleitungen gelangten allmählich an ihre Grenzen. Auch wenn alle Schotts geschlossen worden waren, wussten die Crewmitglieder auf der Brücke dennoch, dass ihnen der Feind im Nacken saß. Der rote Punkt auf dem Radar hatte kaum Anstalten gemacht, zurückzufallen. 
Doch glücklicherweise verhinderte der Sturm, dass der feindliche Impulsschlag ihnen weiter zusetzte, da die Unmengen an Eisenteilchen den Strom in undefinierbare Richtungen weiterleiteten. Scheinbar war es dem Monster nicht wert, das Risiko einzugehen, sich selbst in die Luft zu jagen.
Doch auch die Atharymn litt unter den neuen Umständen. Sich bei der Geschwindigkeit kontinuierlich der Reibungshitze auszuliefern, setzte dem Kreuzer arg zu. Vor allem der Bug drohte unter der Hitze zu kollabieren. Der Bereich war bereits evakuiert worden.
Archweyll begutachtete eingehend die Monitore und Hologrammanalysen. Seit Clynnt vor einem Tag restlos zusammengebrochen war, lag es an ihm, zu navigieren. Alarmsirenen ertönten und ließen den Kommandanten für den Bruchteil einer Sekunde zusammenzucken. Wenn das so weiter ging, würde sich ihr Bug bald verabschieden. 
Ein Fluch entwich seinen Lippen. Seit fünf Tagen spielten sie nun Katz und Maus im Eisensturm. Jedes Mal, wenn ihr Gegner zu nahe kam, aktivierten sich die Torpedobatterien, um ihn zurückzutreiben. Nun war ihre Munition fast völlig erschöpft. 
Einmal war einer der Köpfe so nahe herangekommen, dass er die Atharymn fast zwischen seinem geifernden Kiefer zermalmt hätte, hätte Archweyll nicht für den Bruchteil einer Sekunde einen Warpsprung gewagt. Unter der Last war das Schiff schwer beschädigt worden und eine glühende Hitze erfüllte die Gänge des Kreuzers. 
»Wir müssen hier raus und uns stellen.« Daisy Lee schien diese Aussicht kaum mehr zu gefallen, als Archweyll selbst. Sie war angesichts der tagelangen Belastung kaum noch dazu in der Lage, ihre Augen offen zu halten und kämpfte gegen die Müdigkeit. »Aber noch ein paar Stunden hier drin und unser Schiff bricht in sich zusammen«, sagte sie mit spröder Stimme.
»Ein paar Stunden sind vielleicht alles, was wir brauchen«, erwiderte Archweyll. Er war froh, dass sie sich wenigstens nicht auf ein nervenaufreibendes Kreuzfeuer einlassen mussten. 
»Aber was ist, wenn keine Hilfe kommt?« Daisy schien der Verzweiflung nahe. 
»Wenn sich Magnus Theyssen nicht auf so einen Kampf einlässt, heiße ich Kunibert der Behaarungslose«, sagte Archweyll und strich grinsend über seine Glatze. 
»Er kommt hierher?«, keuchte die Chefmechanikerin atemlos. 
»Ich kenne Magnus schon unfreiwillig lange. Dieser Mann ist eine Bestie. Er hat mit seiner Flotte sowohl die Briganten, als auch die Dunklen Engel zurückgeworfen und noch dazu ein Dutzend Lager der Herrlichkeit ausgelöscht. Niemand verdient es mehr, den Titel Oberster Flottenkommandant zu tragen und gleichzeitig ist niemand ungeeigneter. Obwohl er zwei Herzen besitzt, schlagen sie nicht vor Menschlichkeit. Ich bezweifle, dass er sich einen solchen Kampf entgehen lassen wird. Allerdings sollten wir versuchen, aus seiner Reichweite zu gelangen, denn ich bezweifle ebenfalls, dass er auf unsere Nussschale Rücksicht nehmen wird, angesichts dieses Feindes.« Archweyll zuckte mit den Achseln. »Wir waren immer schon zu gering für das Spiel der Großen.« 
Auf einmal ging ein schauderhaftes Knacken durch das Raumschiff, das klang wie berstendes Metall. Schriller Alarm ertönte und tauchte die Kommandobrücke in ein rotes Licht. 
»Der Kahn ist kurz davor, abzusaufen«, fluchte Daisy lautstark. »Archweyll, ich befürchte uns bleibt keine Zeit mehr zum Warten. Wenn wir das hier irgendwie überleben wollen, müssen wir den Eisensturm verlassen!« 
Grübelnd ging Archweyll alle Möglichkeiten, die ihm verblieben waren, im Kopf durch. Fieberhaft suchte er nach einer Möglichkeit, sie neu zu kombinieren, doch es schien alles nichts zu nutzen. Wenn das so weiterging, waren sie am Ende. 
Plötzlich eilte ein geduckter Mann aus der Navigatorenkabine, die Augen weit aufgerissen. Hechelnd blieb er vor dem Kommandanten stehen. »Sir, die Exelion und die Bonesaw haben gerade Funkkontakt zu uns aufgenommen, sie sind 0,12 Parsec nahe unserer Position.«
Grinsend wandte sich Archweyll an Daisy. »Was habe ich gesagt?«, lachte er schallend. »Der Schlächter kommt zum Bankett und wir haben kalt serviert. Soldat, bringen Sie uns aus diesem Sturm.« Dann wurde seine Miene ernst. 
Also beginnt es.



***


Lord Castellant Magnus Theyssen saß auf seinem mit golden Insignien überhäuften Kommandothron und beobachtete das Schauspiel, das sich unter ihm abspielte. Er residierte in einer gläsernen Kuppel, die sich direkt über der Kommandobrücke befand. Von hier aus konnte der aschgraue, muskelbepackte Riese der Mannschaft und seinen Generalstabsmarschällen bei ihrer unbedeutenden Arbeit zusehen. Während er sich umsah, ächzte der Kabelbaum, der durch das Rückenmark direkt in sein Hirn eintrat und ihn mit sämtlichen Funktionen der Exelion verband. Rote Leuchten an seinen Schläfen pulsierten im Takt der zwei Herzen, die in seiner Brust verankert lagen. Sämtliche Farbe war im Laufe der Jahrhunderte aus seinem Körper verschwunden und einem einheitlichen Grauton gewichen. 
Der Lord Castellant war, wie für gewöhnlich immer, in seine goldene Titanenkampfrüstung gehüllt, die ihm das Aussehen eines strahlenden Gottes verlieh. Und wie ebenso ein Gott herrschte er über sein Schiff, wachte über die Schafe, beseitigte die Krankheiten, welche die Welt mit ihrer süßen Verlockung überfielen, und setzte Mahnmale, damit die Menschen seiner Gedachten. Seine gepanzerten Fäuste ruhten stets einsatzbereit auf den Konsolen seines Thrones, mit denen er seine Anweisungen in den psionischen Vortex seiner Kampfstation fließen ließ. Hellscreamer per Funk zu steuern, war kaum machbar, wenn man bedachte, dass sie auf mindestens 50.000 Frequenzen senden mussten, um sich nicht zu überschneiden. Also bediente er sich anderer Mittel. 
Wer Dienst auf der Exelion, dem Flaggschiff der galaktischen Föderation, leisten wollte, musste sich bereit erklären, mit diesen Mitteln zurechtzukommen, auch wenn das eine Gehirnoperation bedeutete, die einem den beschränkten Zugriff auf den Vortex ermöglichte. 
Magnus Theyssen war keiner der Männer, die einen Feind entkommen ließen. Er saß in dieser Kuppel und herrsche über Leben und Tod wie ein Gott. 
Der kalte Blick seines Hextech-Auges studierte die neusten Meldungen. Darunter war ein Scan ihres Gegners, sowie der Funkverlauf mit der Atharymn, jenes Schiff, welches ihnen diesen Ärger eingebrockt hatte. 
Archweyll. Dieses Mal werde ich dich nicht davonkommen lassen.
Doch mit der Mannschaft würde er später abrechnen. Zuerst gab es einen Feind der Föderation zu vernichten. Ein Lächeln spiegelte sich auf Magnus aschgrauen Lippen wieder. 
Bestrafung war etwas Ehrenhaftes. Bestrafung belehrte die Schuldigen und je nach ihrem Ausmaß erzielte sie mehr Auswirkungen als der blanke Tod. Bestrafung war etwas, dass durch seine Hände erfolgte und in diesen Momenten war sich Magnus bewusst, dass er überhaupt noch so etwas wie Leidenschaft verspüren konnte. Das aufgesetzte schwache Lächeln, das er bis zur Perfektion trainiert hatte und keine Spur von Freude enthielt, huschte über seine Lippen, während er den Angriffsbefehl erteilte. Erneut würde Gottes Auserwählter den Tod über die Feinde der Föderation bringen. 



***


Das Kreischen, mit welchem die Hellscreamer aus dem Nichts in die Realität geschossen kamen, verlieh ihrem Namen alle Ehre. Sogar Archweyll deaktivierte für eine Sekunde seine Hörgeräte und zog die Stille des Taubseins vor. Als er wieder hören konnte, waren die beiden Schiffe bereits nahe ihrer Flanke. Die Exelion war eine beeindruckende Wunderwaffe. Die Form des Raumschiffes beschrieb drei ineinander gekreuzte Halbmonde aus Titan und Glas, die langsam in ihren Gelenken rotierten und vorne spitz zuliefen. In ihrer Mitte befand sich eine riesige Glaskuppel, das Herz des Raumschiffes. Von hier befahl Magnus Theyssen die Armada der Föderation. Wenn alle Module des Schiffs gemeinsam agierten, konnten sie ein grausames Geschoss aktivieren: Die Urknallkanone.
Eine Waffe, die die Atomstruktur ihres Opfers bis ins bizarre Verändern konnte, um ihn dann als eine bedeutungslose Singularität ins Immaterium zu verbannen, jener unerforschter Raum, der sich öffnen konnte, wenn man einen Sprung durch den Warp wagte, und voller Abscheulichkeiten war.
Die Bonesaw glich ihrem größeren Vetter in Form und Farbe, war jedoch mit anderen Waffensystemen ausgestattet, wie zum Beispiel dem riesigen hydraulischen Kettenschwert, dass sich selbst mühelos durch Raumschiffe wie die Atharymn hindurchfräsen konnte. Gemeinsam wurde dieses Geschwader auch als die Schwestern des Mordes bezeichnet. Aus dem Bauch des Flaggschiffes ergossen sich nun ströme von Fliegern, sowohl Arrows, als auch größere Schiffe, in Form von Patrouillenkreuzern, die an Form und Größe der Atharymn ähnelten. 
Binnen einer Sekunde schien ihr Feind das Interesse an Archweylls Kreuzer zu verlieren und sich der neuen Herausforderung zu widmen. 
Der Kommandant atmete aus, die Erleichterung schien ihm auf die Stirn geschrieben.
Auf der Kommandobrücke brach lauter Jubel aus. 
Doch dann aktivierte die Kreatur den Kristall auf ihrer Stirn und der Energiestrahl schoss auf die Exelion zu. 
»Verdammte Scheiße, nein!«, brüllte Archweyll mit zitternder Stimme. 
Wenn sie das Flaggschiff verlieren würden, war alles am Ende. Mit einem tosenden Röhren traf der Strahl auf die Deflektorschilde des Schiffes und zerbarst mit tausend Farben. 
Archweyll schluckte. Wenn der Impuls die Stärke besaß, einen Planeten zu fragmentieren, so wollte er nicht darüber nachdenken wie viel Energie vonnöten war, um ihn abzuleiten. 
Die Schwestern des Mordes näherten sich ihrer Position, die ersten Torpedosalven detonierten und hüllten das Monster ein in eine Wolke der Zerstörung.
Doch es näherte sich unbeugsam der Formation. Blitze schossen aus ihm hervor und verwandelten sowohl Arrows als auch Kreuzer in Aschehäufchen. 
»Wir müssen ihnen helfen!«, fauchte Daisy und zeigte mit dem Finger auf das Massaker. »Jedes Raumschiff bedeutet 10.000 Leben. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen!« 
Archweyll gab ihr Recht, doch die Atharymn war angeschlagen und ihre Munition fast gänzlich verbraucht. »Die kommen ohne uns klar. Lieber halte ich mich heraus, als meine Leute in einen Kampf zu führen, den sie nicht gewinnen können. Ich weiß, es passt so gar nicht zu mir, oder?« Er grinste. »Aber möglicherweise können wir ja ein paar Torpedos abfeuern, so als Abschiedsgruß?« 
»Schon erledigt«, erwiderte die Chefmechanikerin. Blitzend detonierten ihre Geschosse, doch noch schien der Deflektorschild ihres Feindes zu halten. 
»Khael-Tzr-Kormarohn.«
Archweyll blickte sich irritiert um. »Hast du was gesagt?«, fragte er Daisy.
Sie schaute ihn kopfschüttelnd an.
»Vasec-Mkh-Arakh.«
»Lass den Scheiß, das ist nicht witzig«, knurrte der Kommandant bissig. 
»Lass ihn selber!«, fuhr ihn die Chefmechanikerin an. »Wenn du glaubst, das ist der richtige Zeitpunkt, um schlechte Witze zu reißen, kannst du mich mal kreuzweise.«
Verunsichert blieb Archweyll stehen. Weitere Torpedos krachten in ihren Feind, sein Deflektorschild schien am Ende zu sein. Aber er hatte sich die Stimme doch nicht eingebildet?
»Callas-Hant-Kzullek.«
Sie kommt aus meinem Kopf! Aber kann es denn wirklich sein?
Er blickte aus der Glasscheibe.
Es spricht mit mir.
Hastig übertrug er die Worte auf ein Tablet, bevor er sie womöglich vergessen würde. Auf Prospecteus konnte er diese Worte eventuell übersetzen lassen. 
Kurz nachdem das letzte Wort gesprochen war, drehte das riesige Wesen bei. 
Die Bonessaw war jetzt in Schlagdistanz und ihr riesiges Kettenschwert geriet knirschend in Bewegung. Der Greifarm schoss nach vorne und trennte dem Wesen ein Bein ab.
Der aus der Wunde austretende, elektrische Impuls wurde durch die Deflektorschilde aufgefangen. 
Es gab kein Raumschiff auf Prospecteus, dass eine bessere Verteidigung aufweisen konnte als die Bonesaw. Kreischend wandte sich der Arm mit dem Kettenschwert und fuhr wieder und wieder auf den Feind nieder. Lebewesen und Raumschiff waren jetzt auf einer Höhe.
Es gruselte den Kommandanten, dass das riesige Kampfschiff dennoch nicht die Größe dieser Bestie übertreffen konnte. Aber immerhin schien es technisch ausgefeilter zu sein. 
Auf einmal durchstieß das Schwert die Bauchdecke ihres Feindes. Ein elektrischer Schlag, den Archweyll bis zu ihrer Position vibrieren spürte, knallte mit unfassbarer Macht durch den Warp. Für eine Sekunde schien er in einer fernen Realität zu verweilen. Dann brach der Kettenarm der Bonesaw aus seiner Verankerung und das Schiff explodierte in einer Welle aus Detonationen und Feuer. 
Eine Millionen Menschenleben, genommen binnen einer Sekunde, schoss es durch Archweylls Kopf. Er ächzte entsetzt. Eine Beklommenheit, wie er sie noch nie gespürt hatte, machte sich in ihm breit und er merkte, wie sein Hals trocken und kratzig wurde. Sein Herz begann zu pochen und allmählich wurde ihm klar, dass er den Feind weit unterschätzt hatte. 
Aus der aufgerissenen Bauchdecke ergossen sich tausende Fliegen, die in etwa die Größe eines Abfangjägers besaßen. Surrend schossen sie in Schwärmen auf ihre Feinde zu und eröffneten das Feuer. 
Das sind Raumschiffe! Was für ein Spiel wird hier gespielt? 
Helle Farben erfüllten den Warp, als die ersten Explosionen die Finsternis mit ihrem Licht erstrahlten.
»Es ist immer noch nicht tot?« Daisy knirschte mit den Zähnen, während sie betrachtete, wie sich beide Seiten Torpedos entgegenschleuderten. 
»Nein, und es schickt uns Besucher!«, fluchte Archweyll mit einem besorgten Blick nach draußen. 
Der Fliegenschwarm war mittlerweile so groß, dass er auch auf die Atharymn Kurs nahm. 
»Alle Gefechtsstationen einsatzbereit!«
Surrend schossen die Fliegen über sie hinweg und hinterließen dabei eine einzige Spur der Verwüstung. 
»Sektor drei meldet Brände!«, knisterte es lautstark aus der Schiffskommunikationsanlage. 
Archweyll stieß einen Fluch aus. »Alle verbliebenen Arrows aktivieren, manuellen Beschuss einleiten!«, bellte er in den Funk. »Außerdem sollen die Techniki das Feuer löschen und zwar schnell!« 
Daisy war schon auf dem Weg zu den Fahrstühlen. »Ich organisiere das!«, rief sie ihm noch im Vorbeigehen zu. Ein Krachen schüttelte den Kreuzer durch, als weitere Geschosse sie trafen. 
Die Atharymn erwiderte mit Laserfeuer und Kurzstreckentorpedos, die ihre Feinde regelrecht in ihre Einzelteile zerfetzten. 
»Was zur Hölle sind das für Viecher?!«, Archweyll war drauf und dran die Fassung zu verlieren.
»Bemannte Kampfschiffe, Klasse unbekannt«, analysierte der Scan. 
»Danke aber auch. Ich habe ja ganz vergessen, dass ich Augen habe«, knirschte Archweyll mit den Zähnen.
»Lebensformen sind teilweise menschlich«, erwiderte der Computer, als wolle er den Kommandanten für seinen Konter quittieren. Jetzt wurde es interessant. 
Aber wenn wir gegen Menschen kämpfen, woher kam dann die Stimme in meinem Kopf?
Binnen weniger Minuten wurde aus dem Raum um die Atharymn herum ein tosendes Schlachtfeld. Arrows und Fliegen verwickelten sich in tödliche Duelle und immer wieder geriet der Kreuzer in die Schussbahn. In den unteren Decks tobte ein wütendes Feuer und es war hungrig. Geschosse erhellten den Warp, Laser krachten in Fliegen und ließen sie für eine Sekunde zu Glühwürmchen werden, bevor sie für immer erloschen. 
Fluchend riss Archweyll das Funkgerät an sich. Er musste unbedingt mit Daisy sprechen.
»Kannst du mich hören?«, fragte er lautstark. Es antwortete nur das Knistern.



***


»Kannst du mich hören?« Archweyll fragte jetzt das vierte Mal. 
Aber unter einer Sauerstoffmaske inmitten des tosenden Infernos zu antworten, war etwas kompliziert. Einer der Löschroboter war zu Bruch gegangen und Daisy schraubte mit wahrlich feurigem Eifer daran herum. Schweiß tropfte aus jeder Pore ihres Körpers und die Hitze war trotz Schutzanzug fast unerträglich.
Surrend erhob sich das Gerät auf die Beine. 
»Jetzt nur noch die Löschfunktion aktivieren … Na bitte!«
Weißer Schaum attackierte die Flammen und dränge sie langsam zurück.
»Ja, Archweyll? Ich muss gestehen, ich bin gerade ganz heiß«, kicherte die Chefmechanikerin in den Funk. Eine Sekunde hörte man, dass der Kommandant versuchte klare Worte zu fassen und es ihm nicht gelang. Er konnte wirklich süß sein, wenn er in Verlegenheit geriet. 
»Wie steht es um das Feuer?«, fragte er dann unsicher. 
»Wirklich? Ich flirte und du schaffst es nicht mal zu einer deiner berühmten, schlagfertigen Antworten? Wie schade. Das Feuer ist groß, aber ich kriege das hin. Du kannst dich auf mich verlassen.« Sie beendete den Funkkontakt für eine Sekunde. 
»Okay, aber dann bewege deinen prächtigen Hintern wieder hierher, ich brauche dich«, erwiderte Archweyll bemüht.
»Na also, geht doch«, lobte Daisy lachend. 
Vielleicht kriegst du ihn dann auch. Und dann habe ich, was ich brauche.



***


Verwirrung kam in Archweyll auf. 
Was war das gerade? Hat sie sich so offen an mich herangegraben?
Detonationen unweit der Kommandobrücke rissen ihn aus seinen Gedanken. Das Feuerwerk ging weiter und die rettende Hilfe schien weit entfernt, in einen eigenen Kampf verwickelt zu sein. 
Wo ist das Monster? 
Ein Blick verriet ihm, dass es auf die Exelion zusteuerte und dabei Kreuzer und Arrows in Schutt und Asche verwandelte. 
Der Kommandant ballte die Fäuste. Das durfte nicht passieren. Sie mussten gewinnen, kostete es, was es wolle. Archweyll fasste einen folgeschweren Entschluss. 
»Feuert aus allen Rohren, wir wagen einen Ausbruch!«, befahl er durch den Funk. 
Binnen Sekunden erfüllten Explosionen den Warp, welche die Fliegen in Stücke schossen. Die Arrows schafften es, die verbliebenen Angreifer außer Gefecht zu setzen. 
»Sir, wir haben keine Munition mehr«, knisterte es aus dem Funk. So eine verdammte Scheiße. 
»Wir fliegen zur Exelion«, verkündete er. »Dort sind wir sicher, wir haben schließlich immer noch die Deflektorschilde.« 
Beinahe sofort glich sich der Kurs der Atharymn seinen Befehlen an und steuerte dem Schlachtfeld entgegen. 
Hoffentlich tue ich das Richtige. 
Wrackteile segelten ihnen entgegen. Eine Sekunde später verfluchte Archweyll sich selbst. Der ramponierte Kreuzer drehte gefährlich steil bei und wendete genau auf das Schlachtfeld zu. Torpedos und Laserbeschuss fegten über die Atharymn hinweg und belasteten die Deflektorschilde bis auf das Äußerste. 
Und dann erschien das riesige Monster wie aus dem Nichts und seine bedrohlichen Kiefer kamen ihnen bedrohlich nahe. 
Panisch versuchte der Kommandant beizudrehen, doch es war schon zu spät, die Zähne würden sich jede Sekunde in sie hineinbohren, die Außenbordwand zerfetzen und die Crew in den Tod stürzen lassen. 
Archweyll schloss die Augen. Jetzt war alles zu spät. 
Schreie wurden lauter und lauter, schwollen an zu einem Getöse der Agonie. Doch dann war es stumm. Blinzelnd öffnete er die Augen. Was ist passiert? 
Das Monster war fort. 
Die Urknallkanone, schoss es ihm durch den Kopf. Sie haben das Monster in das Immaterium verbannt. 
Er ging in die Knie. Während vor seinen Augen die verbliebenen Fliegen zunichte gemacht wurden, segelten sie langsam auf das große Flaggschiff zu. 
»Ich bin hier unten fertig. Das Feuer ist gelöscht. Ich schwinge meinen süßen Hinter dann mal wieder nach oben«, knistere es durch den Funk.
Archweyl atmete tief durch. 
Ich habe es geschafft. Jetzt müssen wir nur schauen, was Magnus Theyssen mit mir anstellen wird, wenn er erfährt, dass ich für das Ganze hier verantwortlich bin.
Doch das war Archweyll in diesem Moment so unbeschreiblich egal. 
Ich habe mich schon einmal mit ihm angelegt. Ich schaffe es wieder. 
Das wichtigste war, dass er seine Crew retten konnte und das Schiff halbwegs intakt war. Viel mehr konnte Theyssen ihm nicht vorwerfen. 
Der Aufzug öffnete sich surrend und Daisy kam heraus. Sie war voller Ruß und hatte gerade den Schutzanzug abgelegt. Unter der langen Unterwäsche ließen sich dennoch ihre Reize erahnen und sie schritt zielsicher auf Archweyll zu. Dabei ignorierte sie die Blicke, die auf ihr ruhten vollständig. »Ich muss kurz mit dir reden«, sagte sie und schleifte ihn mit sich.
»Worum geht es?«, erkundigte sich der Kommandant, während der Aufzug in die Tiefen raste. 
Sie fixierte ihn mit ihren Augen, die brannten wie Feuer.
Er konnte nicht darum herum, sich in diesem Blick zu verlieren. Dann bemerkte er einen sonderbaren Geruch von Daisy ausgehen. Er roch wie die lieblichste Blüte, die er je zu Gesicht bekommen hatte, und zog ihn wie magisch an.  
Dann schritt Daisy langsam auf ihn zu, wobei sie es sich nicht nehmen lassen konnte, ihre runden Kurven spielerisch zu bewegen. Sie legte ein verruchtes Lächeln auf und presste sich an seinen Körper, ließ es nicht aus, ihre Brüste an ihn zu pressen.
Das muss ein Zauber sein.
Archweyll wusste nicht, wie ihm geschah. Sein Blut geriet in Wallungen, obwohl er es nicht beabsichtigte.
Dieser Geruch macht mich wahnsinnig.
Er schloss die Augen.
Dann küsste sie zärtlich seinen Hals. »Wenn wir unten angekommen sind, darfst du mit mir machen, was du willst«, flüsterte sie spielerisch in sein Ohr. 
Was soll ich nur tun? 
Archweyll wusste, dass noch nie so viel durch seine Entscheidung auf dem Spiel stand, wie in diesem Moment.
Das letzte, an das er sich bewusst erinnerte, bevor alles schwarz und rot wurde, waren Daisys geschwungene Lippen. 

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 12 – Die Erdentilger

Die Manticor segelte galant in die Stratosphäre und ließ den Wolkenschleier des Planeten schnell hinter sich. Archweyll machte es sich auf der Brücke bequem, während die Atharymn immer größer wurde. 
Endlich lasse ich dieses verdammte Höllenloch hinter mir. 
Im Warp fühlte er sich wie zuhause, jedes Sternenfunkeln bedeutete ein Stück Heimat zu erblicken. 
Clynnt Volker trat an ihn heran. »Sie ist aufgewacht«, flüsterte er dem Kommandanten ins Ohr. 
»Ich danke dir«, erwiderte Archweyll und ließ sich entschuldigen. Während er nach hinten eilte, merkte er, wie Nervosität in ihm aufkeimte. Wie würde sie reagieren?
Tamara lag in einer offenen Schlafnische, ihr Kopf ruhte auf einem weichen Daunenkissen. 
Um ihre Stirn war eine Bandage gewickelt, die auch die Augen bedeckte und ein Zugang versorgte sie mit den notwendigen Elektrolyten. Die Schwellungen waren zurückgegangen und die Krampfadern verblasst. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem flachen Rhythmus. Als der Kommandant eintrat, sah sie sich irritiert um.
Es zerriss Archweyll das Herz. Er konnte nicht anders, als sich eine Träne zu verdrücken. Dann griff er sich einen fest montierten Rollsessel und setzte sich neben sie. 
»Arch?«, flüsterte die Stoßtruppführerin mit zittriger Stimme. Ihre Hände griffen ziellos durch die Luft, um wenigstens etwas auszumachen. 
»Ich bin hier«, sagte er sanft und ergriff ihre Hand.
Instinktiv schien Tamara sich zu beruhigen. »Kann ich nicht den Verband abnehmen? Ich finde ihn furchtbar«, seufzte die junge Frau und griff mit der freien Hand nach ihren Bandagen, doch Archweyll hielt sie fest. Er holte tief Luft.
Er konnte durch den Warp reisen und Schlachten führen, doch auf diese Prüfung war er nicht vorbereitet. Er fühlte sich hilflos und entwaffnet und seine Brust drohte vor Kummer zu zerreißen. »Tamara…ich…«, begann er zu stottern. 
»Du lebst«, ihre wunderschönen Lippen formten ein bedingungsloses Lächeln. »Wie schön.«
Jetzt kam ihm doch eine Träne. Archweyll war froh, dass ihn so niemand sehen konnte und in der nächsten Sekunde strafte er sich schon dafür, auch nur diesen Gedanken geformt zu haben. »Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal getroffen haben?«, fragte er sie stattdessen, um irgendwie eine Brücke zwischen ihnen zu schaffen. 
»Wie könnte ich das vergessen«, kicherte sie spitzbübisch. »Ich habe dir eine reingehauen.«
»Ich habe eine Affinität mich in Schwierigkeiten zu bringen«, lächelte er matt. 
Und eine Affinität andere mit hineinzuziehen. 
Er ballte die Faust bis es wehtat. 
Das darf nie wieder passieren. Was für ein Kommandant lässt zu, dass seinen besten Leuten so etwas passiert? 
»Das stimmt. Ich fand das immer sehr bemerkenswert«, sagte Tamara und ihr Griff um seine Hand wurde etwas stärker. 
Er betrachtete ihre feuerrote Mähne und wollte sie schon streicheln, als ein innerer Instinkt ihn zurückfahren ließ. 
Du hast noch etwas zu erledigen. 
»Haben wir unsere Mission erfüllt?«, fragte die Stoßtruppführerin kaum vernehmbar.
»Das Skelett ist in die Tiefe gestürzt, aber die Frequenzen wurden trotz der Torpedierung weiterhin versendet. Sogar vermehrt. Ich hoffe, wir handeln uns damit keinen Ärger ein.«
Sie nickte matt. »Verstehe«, gab sie zurück.
Archweyll wusste sofort, dass es sie genauso ärgerte wie ihn. »Ich denke, es waren irgendwelche hochentwickelten Stoffe in den Knochenzellen, die sie in gewisser Weise zum Sprechen gebracht haben«, überlegte der Kommandant laut. »Ein Funksender im Gerippe, eindeutig praktisch.«
Wie lange willst du es noch hinauszögern, du alter Narr? 
»Was haben die Behörden gesagt?«, erkundigte sich Tamara. 
»Sie wollten Clynnt nicht glauben. Herr im Himmel, ich habe noch nie ein Lebewesen so üble Flüche und Verwünschungen per Funk versenden hören. Er hat mir die Aufzeichnungen gezeigt. Allerdings sind sie relativ kleinlaut geworden, als er ihnen die Scans übermittelt hat. 
Prospecteus wurde in Alarmbereitschaft versetzt.« 
Sie quittierte ihn mit einem schwachen Nicken. »Dann haben wir zumindest etwas erreicht«, seufzte sie. 
»Und dafür einen hohen Preis bezahlt.« Es war an der Zeit, sich dem Thema zu stellen. »Was du getan hast …«, begann er, doch sie winkte ab. 
»Was ich getan habe, hast du auch getan. Sonst wäre ich nicht hier, schon lange nicht mehr. Es ist etwas selbstverständliches.« 
Sein Griff wurde fester, bis Archweyll merkte, dass er zitterte. »Ich wusste direkt, dass du besonders bist«, gestand er und plötzlich merkte er, dass seine Kehle trocken wie Wüstenstaub war. 
»Deswegen hast du dir auch eine gefangen«, schmunzelte Tamara liebevoll. 
»Was ich dir sagen werde, wird dich möglicherweise schockieren«, Archweyll holte tief Luft.
»Es ist doch niemand gestorben?«, fragte Tamara erschrocken. 
Selbst jetzt sorgt sie sich noch mehr um ihre Leute, als um sich selbst. Verdammt Archweyll, warum nur kannst du es ihr nicht so vergüten, wie sie es verdient hätte? 
»Nein …«, begann er zögerlich. »Es ist so: du warst dort unten sehr lange dem Wasserdruck ausgesetzt. Ich habe sofort versucht dich da rauszuholen, aber ich war zu spät. Bitte verzeih mir.«
»Wieso warst du zu spät?« 
Sie weiß es noch nicht.
Um Archweyll schien sich alles zu drehen, während er ihr erklärte, was die Folgen ihres Abenteuers sein würden. 
Als Tamara seine Worte vernahm, wurde sie leichenblass. 
Jedes gesprochene Wort trieb einen Keil in Archweylls Brust, der sein Herz durchbohrte. 
Tamara nahm es kommentarlos entgegen, doch er bemerkte, wie ihr ganzer Körper unter einem Zittern erbebte. 
Sie weint, wurde ihm klar.
Sachte strich er über ihre Hand. 
»Ich werde alles erdenkliche geben, damit du wieder gesund wirst. Ich werde dich nicht verlieren, hörst du?« 
Schluchzte ich gerade? 
Vermutlich war es sein Körper nicht mehr gewöhnt, Emotionen dieser Art zu verarbeiten. 
Oder ist es, weil sie mich schwach macht? 
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieser Gedanke falsch war. 
Sie macht mich stark, wurde ihm deutlich, bei dem Gedanken an die seltsame Stimme in seinem Kopf, als er fast vor dem Scheitern stand. Das war sie gewesen.
»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Tamara und Verzweiflung kam in ihrer Stimme auf. 
Soldaten, die nicht mehr kampffähig waren, wurden gnadenlos ausgemustert. 
»Werde ich dich verlassen müssen? Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich kann kämpfen, ich werde es dir beweis…«, überrascht verstummte sie, als Archweyll sie in seine breiten Arme schloss und sie zärtlich an sich drückte.
»Wir finden einen Weg«, sagte er. »Verlass dich auf mich.« 
Nach einer Sekunde der Überraschung erwiderte sie seine Annäherung und versank seufzend in seiner Umarmung. So sollten sie den Rest des Fluges verbringen, bis sie die Atharymn erreichten.

 »Bebsy, ich bin zuhause!«, frohlockte Archweyll mit dröhnender Stimme, als er die Kommandobrücke betrat. 
Die Mannschaft begrüßte ihn mit jubelndem Beifall. 
»Aber, aber, ich werde ja scharlachrot!«, feixte er weiter. Dann wurde sein Blick ernst. »Wir sollten verschwinden«, rief er den Navigatoren zu. »Clynnt, an die Arbeit. Du trödelst mir schon viel zu lange hier herum.« 
Er richtete seinen Blick in den Warp, der mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten vor ihm lag. Und erstarrte.
»Das … Das kann doch nicht sein« Archweylls Stimme war kaum mehr als ein Wispern. 
Auf der Brücke war es plötzlich totenstill. Sämtliche Arbeit wurde zugunsten eines Blickes aus der Frontscheibe eingestellt. 
Der Kommandant bemerkte, wie ein kalter Schauder seinen Rücken herunterlief und, wohin er auch kam, eine Gänsehaut hinterließ. Entsetzt taumelte er ein paar Schritte rückwärts. 
»Das kann doch nicht sein«, wiederholte er sich.
Das Entsetzen wurde allmählich zur Panik, als die Kreatur am Horizont größer und größer wurde. 
Und größer. Und größer. Und GRÖßER! 
»Sofort Scannen, Maschinen auf volle Leistung und Zielkoordinaten festlegen«, befahl der Kommandant. Es hatte einiges an Überwindung gekostet, sich aus der Schockstarre zu lösen.
Er stürzte förmlich in die Navigatorenkabine. 
»Was ist das?!«, brüllte Clynnt ihm entgegen, mit einer Lautstärke, die Archweyll sich nie von ihm erträumt hätte. Der Blick des Chefnavigatoren vergrub sich tief in seinen Monitoren, um dann wieder panisch zu Archweyll zu wechseln, in der Hoffnung, er könne ihm die Frage jetzt beantworten. 
»Keine Ahnung, bring uns hier weg!«, fluchte der Kommandant lautstark zurück. Er betrachte den Scann und das Ergebnis ließ seinen Magen flau werden. 
Das Wesen besaß drei Köpfe, die übereinander angeordnet und an unterschiedlich langen Hälsen befestigt waren. Jeder Kopf besaß den Umfang eines mittelgroßen Meteors und war von riesigen gelben Flecken übersäht, die wohl so etwas wie Augen sein mochten. Der unterste Schädel war mit einem auffällig leuchtenden Edelstein versehen, der elektrische Ladungen von sich gab, die alleine gereicht hätten, um eine Großstadt mit Energie zu versorgen. Im massigen beschuppten Bauch der Kreatur maß der Scan weitere Energieladungen, die zu noch weitaus mehr fähig waren, und nebenbei noch so etwas wie untergeordnete Lebensformen, die es sich darin gemütlich machten. Die Mäuler des Monsters waren gigantisch, groß genug, um die Atharymn mit einem beiläufigen Happs zu verschlingen. Mehrere Fangarme- , oder Beine, glitten, einem Insekt gleichend, aus ihr hinaus. Auf dem Rücken saßen käferähnliche Flügel, die jedoch gerade nicht in Benutzung waren. Das gesamte Wesen schien mit gepanzerten Dornen übersäht zu sein. Energie trat aus Öffnungen am ganzen Körper der Kreatur aus und hüllte sie gänzlich damit ein, tauchte sie in einen matten elektrischen Schimmer, der wie ein eigener Stern erstrahlte und von ungeheurer Macht erfüllt war. Mit einer Länge von fast zweieinhalb Kilometern war dieser Koloss deutlich größer als ihr Fund unter Wasser. Diese Kreatur strotzte jeder Logik.
»Das ist der Papa!«, Archweyll wurde so panisch, dass er die Kontrolle über seinen Humor verlor. 
Mit den Armen rudernd, gab Clynnt Befehle in seine Konsolen ein. 
Plötzlich veränderte sich das Energiegefüge des ganzen Warps um sie herum und für eine Sekunde hatte Archweyll das Gefühl, als würden die Sterne der Galaxie ihren Glanz verlieren. Der funkelnde Edelstein auf der Stirn des Monsterkopfes schien die gesamte Energie der Sterne angezapft zu haben. Für den Bruchteil eines Momentes stand die Zeit vollkommen still. Dann ertönte ein Rauschen das All, als würden sämtliche Realitäten in sich zusammenfallen, während die Energie aus dem Edelstein impulsartig austrat und Nautilon in eine Welt aus Scherben verwandelte. 
Angesichts der Fragmentierung eines gesamten Planeten vor ihren Augen, erstarrte die Mannschaft zu Eis. Niemand wagte es zu sprechen oder gar laut zu atmen. Manche hatten die Hände fassungslos über den Kopf geschlagen, andere schüttelten stumm den Kopf oder wandten sich ab. Das war eine Macht, die ihr Verständnis übertraf. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. 
»Ich … wir … sollten verschwinden«, durchbrach Archweyll die Stille. 
Doch dann wurde ihm bewusst, was für ein schwerwiegender Fehler das wäre. 
Wenn sie jetzt fliehen würden, würde ihnen das Monster mühelos nach Prospecteus folgen. 
Und was dann geschehen würde, war kaum auszumahlen. 
Ein eiskaltes Gefühl umklammerte sein Herz, als Archweyll klar wurde, dass er seinen Heimatplaneten nie wiedersehen würde.

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 11 – Häppchenweise

Daisy Lee hatte ihn zuerst entdeckt.
»Verdammte Scheiße, was ist das?«, fragte sie argwöhnisch, als sie die vielen ballongleichen Pflanzen wahrnahm, mit denen Archweylls Scherenpanzer in die Höhe trieb.
»Das ist ein Aushängeschild. Ich wusste doch, dass er es schafft«, atmete Clynnt Volker aus und ballte triumphierend die Fäuste. Eine maßlose Erleichterung überkam ihn bei diesem Anblick.
Ich hoffe nur, er hat Tamara dabei.
Eine Hoffnung, die sich bestätigte, als die beiden geborgen wurden. 
»Ich brauche hier sofort einen Apothekaris!«, schrie Clynnt aus voller Kehle, als er ihren Gesundheitszustand erkannte. Tamaras Körper war von schwarzen Adern durchzogen und lag in einer verkrampften Haltung hinter dem Kommandanten. Blut floss aus ihrer Nase und ihren Ohren und sie war mit einer unbändigen Vielzahl verschiedenfarbiger Hämatome bedeckt, die ihr das Aussehen eines bewusstlosen Regenbogens verliehen. 
Um Archweyll stand es noch schlechter, doch Clynnt war sich bewusst, dass der Kommandant fast alles wegstecken konnte. Man musste ihm schon in den Kopf schießen, um ihn aufzuhalten. Hektische Schritte ließen den Boden erbeben, während Menschen hin- und her hetzten, um den Vermissten zu helfen. Archweyll und Tamara wurden schnellstmöglich im Krankenflügel des Zyklopen untergebracht. Dieser bestand aus einem kleinen, kreisrunden Saal mit zehn sterilen Betten und einer Arztstation, in der silberne Instrumente im trüben Neonlicht funkelten und ratternde Generatoren die Monitore und Gerätschaften mit Energie versorgten. Der Arzt begrüßte sie mit einem steifen Nicken und machte sich unverzüglich an die Arbeit. 
Clynnt merkte gar nicht, wie lange er da stand und ihm dabei zusah. Er wollte einfach nur sicherstellen, dass nicht schon wieder etwas schiefging. Doch irgendwann riss er sich zusammen und ließ den Mann seine Arbeit machen. 
»Wir machen uns auf den Weg zurück«, befahl der Chefnavigator, während er zurück auf die Kommandobrücke eilte.
»Verstehe, ihr habt noch ein Hühnchen zu rupfen«, erwiderte Daisy und machte sich auf den Weg zum Steuer. 
Clynnt klopfte ihr auf die Schulter. 
»WIR haben noch ein Hühnchen zu rupfen. Du bist jetzt Teil der Mannschaft und somit warst auch du hier unten in unnötiger Gefahr.« 
Auch wenn sie es zunächst verbergen wollte, konnte Daisy doch nicht umher, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. »Wir … Das ist ein Wort, an das ich mich gewöhnen könnte«, sagte sie lachend, während sie sich auf den Weg zur Forschungseinrichtung machten.



                                                                ***


Schwarze Schleier durchzogen sein Hirn und marterten es. Dinge passierten um ihn herum, am Rande seiner Wahrnehmung. Dem unaushaltbaren Druck der Schmerzen war eine bleierne Schwere gewichen, die alles belanglos erscheinen ließ. So lag er da und ruhte. 
Wenige Stunden fühlten sich wie Äonen an, während die Apothekaris seinen ruinierten Körper begutachteten, scannten und reaktivierten. Das Leben zog an ihm vorbei. Dann wurde wieder alles schwarz.


Archweyll öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein. 
Die Tatsache, dass er in einem Bett lag und frischen Sauerstoff einatmete, erfüllte ihn zumindest mit etwas Genugtuung. Die trübe Beklommenheit des dunkeln Schlafes im Narkotikum wich Schritt für Schritt, auch wenn seine Glieder nach wie vor kaum zu einer Bewegung fähig waren. 
Immerhin muss ich nicht wieder Jaulen wie ein Seehund, dachte er verdrossen und dankte den Betäubungsmitteln in stiller Heimlichkeit. Sein Blick ging umher. Er befand sich eindeutig wieder in der Forschungsstation, sachter Regen prasselte gegen die große Glaskuppel, welche einen verschwommenen Ausblick auf den dahinterliegenden Ozean preisgab. Erst jetzt registrierte er das Team aus Ärzten, dass ein Bett am anderen Ende des Raumes belagerte. 
Clynnt Volker war unter ihnen und schien eine hitzige Diskussion zu führen. Als er Archweyll erspähte, verfinsterte sich seine Miene dramatisch und er eilte zum Kommandanten herüber.
»Schön, dich wach zu sehen«, sagte der Chefnavigator. Seinem Tonfall ließ sich direkt anmerken, dass ihn etwas zu bekümmern schien.
»Was ist los?«, keuchte Archweyll. Sprechen war noch keine der angenehmen Aufgaben. Aber er kannte seinen Körper, in weniger als ein paar Tagen würde er wieder auf den Beinen sein. 
»Du kannst mich hören? Das ist gut, denn es bedeutet, dass die Geräte funktionieren.« 
Archweyll schaute seinen Chefnavigator mit einer Mischung aus Angst und Belustigung an. »Bitte was?«, fragte er ungläubig. 
»Dein Gehör hat einen irreparablen Schaden erlitten. Wir haben einen Sensor eingebaut, der Schall empfängt und frequentiert. Dadurch bist du in der Lage mich zu verstehen. Außerdem solltest du dein Herz in nächster Zeit schonen. Es hat nach der Behandlung so unrhythmisch geschlagen, das wir es ersetzen mussten, andernfalls wärst du draufgegangen. Vor drei Tagen ist ein föderaler Medikus eingetroffen, er hat dich operiert.«
Erst jetzt fiel Archweyll auf, dass er ein steriles weißes Leinenhemd trug. Darunter befand sich ein Verband, der um die ganze Brust reichte.
»Gegen Infektionen, die Wunde hat sich durch Gerinnungshormone innerhalb von zwei Tagen versiegelt. Du dürftest nur noch wenig spüren«, merkte der Chefnavigator an.
»Wie lange liege ich schon hier?«, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. 
»Fast zwei Wochen«, erwiderte Clynnt kopfschüttelnd.
»Tamara?« Archweyll saß bei dem Gedanken an seine Stoßtruppführerin plötzlich kerzengerade im Bett. 
Abermals schüttelte Clynnt den Kopf. 
»Sag mir was hier los ist!«, fluchte der Kommandant ungehalten. »Sie ist doch nicht etwa …?« Bei dem Gedanken daran, sie verloren zu haben, drehte sich alles um ihn. 
»Sie wird wieder aufwachen«, begann Clynnt.
Der Kommandant bemerkte, dass er bis gerade die Luft angehalten hatte. 
»Aber sie hat ebenfalls irreparable Schäden erlitten.« Man merkte dem Chefnavigator an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen.
»Ihr Gehirn hat Schäden erlitten, ebenso wie ihr Herz, ihr Trommelfell und ihre Muskeln. Sie war einfach zu lange dem Druck ausgesetzt.« 
Archweyll griff mit der Hand nach Clynnts Kragen und schüttelte ihn. Doch nach einem Moment verließ ihn die Kraft dazu. »Was hat das zu bedeuten?!«, fuhr er den Navigator an. 
»Sie wird für immer blind sein, Arch. Außerdem ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und sie braucht ebenfalls Hörgeräte. Die Hirnstruktur lässt sich leider nicht mehr medizinisch zusammenfügen. Es tut mir Leid.« Man merkte Clynnt an, dass er fest damit rechnete, gleich von Archweyll einen Schlag zu kassieren, denn er zuckte merklich zusammen. 
Doch Archweyll blieb ruhig. Er lehnte sich, ohne etwas zu sagen, in sein Kissen zurück und schloss die Augen. 
»Crowler?«, war das einzige Wort, was seinen Mund noch verlassen sollte.
»In Gewahrsam. Bewacht im Kommunikationsraum«, antwortete Clynnt und sein Gesicht nahm etwas Düsteres an. 



                                                                  ***


Schlechte Kunde ist schlechter Gast. Das war Clynnt so bewusst wie die Tatsache, dass Archweyll ihn vermutlich köpfen würde. 
Wie konnte er nur entkommen? Er war rund um die Uhr bewacht. 
Vor einer halben Stunde hatte die Wache ihn alarmiert, sie hatten den Kommunikationsraum abgesucht, aber keine Spur von Mantis J. Crowler entdecken können. Clynnt betrat den Krankenflügel, doch bis auf einen Arzt, der Tamaras Infusion wechselte, war niemand zu sehen. 
Wo ist Arch? 
Langsam wurde die Sache interessant. Er fand den Kommandanten draußen, es war ausnahmsweise nur bewölkt und regnete nicht in Strömen. Archweyll saß, immer noch nur in ein Nachthemd gekleidet, auf einem Anlegesteg. In einiger Ferne ruhte die Manticor, in deren Bauch der Zyklop einer strengen Reparatur unterzogen wurde. Daisy hatte das ganze veranlasst, nachdem mehrere Scherenpanzer und ihr Steuer arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. 
Neben Archweyll lag ein Eimer voller roter Pampe und deformierten Fleischbrocken. Eine einzelne Rippe ragte daraus hervor. Der Kommandant langte hinein und warf sie ins Wasser.
Direkt kam ein schillernder, türkiser Fisch daraus hervorgeschossen und schnappte sich die wertvolle Beute. 
»Was zur Hölle machst du hier? Solltest du nicht im Bett liegen?«, fragte Clynnt aufgebracht, während er sich neben den Kommandanten setzte.
Archweyll begrüßte ihn mit einem Grunzen.
Erst jetzt fiel dem Chefnavigator auf, dass Archweylls Hemd voller Blut war. »Was hast du angestellt?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
»Ich brauchte etwas, um die Fische zu füttern und Möhren kamen nicht infrage. Also habe ich mich etwas in der Speisekammer ausgetobt«, erwiderte der Kommandant gelassen. 
Dann warf er noch ein Häppchen ins Wasser.
Gierig verschlang der große Fisch den Fleischbrocken. 
Clynnt schluckte. Er hoffte nur, Archweyll würde ihn nicht direkt hinterherwerfen. Er räusperte sich verlegen. »Der Doktor ist entkommen. Spurlos verschwunden. Niemand hat ihn gesehen oder gehört.« Er atmete aus. Gleich würde es ein Donnerwetter geben.
Doch wieder einmal überraschte ihn der Kommandant. 
»Ist es nicht schön hier? All die bunten Fische«, antwortete Archweyll und warf abermals ein Häppchen Fleisch in die See. 
Sanft trugen es die Wellen gen Grund und hinterließen dabei rote Schlieren im Wasser. 
Verliert er jetzt völlig den Verstand?
Plötzlich eilte ein Soldat zu ihnen. Völlig außer Puste hielt er vor ihnen an. »Sir, wir haben Überreste einer Leiche gefunden und gehen stark davon aus, dass es Crowler ist. Er scheint sich suizidiert zu haben, indem er sich selbst in seinem eigenen Labor durch den Fleischwolf gejagt hat.«
Erst jetzt fiel Clynnt auf, wie weiß der Mann um die Nase war. 
»Der Anblick muss zum Fürchten gewesen sein«, erwiderte Archweyll mitleidig und erhob sich.
»Sir, es war furchtbar. Ich glaube so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Der Kommandant klopfte dem Mann auf die Schulter. »Sorgen Sie dafür, dass die Sauerei beseitigt wird. Und dann ruhen Sie sich aus.«
Der Soldat salutierte und verschwand. 
Archweyll ließ seine Augen schelmisch in Richtung des Eimers wandern, dann trat er ihn um und versank den Inhalt achselzuckend im Meer. 
Clynnt schaute ihn entgeistert an. »Die Speisekammer hat wahrlich noch ergiebige Mengen erübrigt«, seufzte er und kopfschüttelnd folgte er dem Kommandanten hinein.

 

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 10 – Waghalsiger Einsatz

Ein lautes Knacken ging durch den Scherenpanzer. Bald würden die Würmer die Außenbordwand durchdringen und sie holen kommen. Tamara hoffte, dass sie schon vorher tot sein würde, zerquetscht vom Druck oder durch eintretende Wassermassen. 
Immer mehr dieser abartigen Bestien wuselten sich windend um sie herum, quetschten ihre Rüssel gierig an die Scheibe und gruben ihre Fangzähne in ihren Kampfanzug. Aber sie sah gar nicht mehr hin.
Gut, dass es hier unten fast schwarz wie die Nacht ist. Dann muss ich wenigstens nicht genau mit ansehen, was hier passiert. 
Tamaras anfängliche Panik war einer gewissen Akzeptanz gewichen, darüber, dass sie hier unten sterben würde. Vor ihrem inneren Auge reflektierte sie ihr Leben und kam zu dem Schluss, dass es durchaus gute Seiten gehabt hatte, neben all den Schlachten, die sie ausfechten musste. Sie dachte an all die Schlagabtäusche mit Archweyll, die Momente, in denen sie gemeinsam gelacht oder geweint hatten. An die haarsträubenden Abenteuer im Warp und an die Atharymn, die für sie zur Heimat geworden war. Das alles würde sie nun hinter sich lassen. Doch wer wusste schon, was der Tod brachte? Möglicherweise lag nur ein weiteres Abenteuer vor ihr. Ein Lächeln huschte über Tamaras Lippen, bei dem Gedanken daran. Das Bohren der Würmer rückte in den Hintergrund und sie war ganz bei sich. 
Hoffentlich hat es Archweyll geschafft. Er hat es verdient, weitermachen zu dürfen. Wenn es einer verdient hat, dann er. 
Auch wenn er ihr Boss war, so war der Kommandant doch stets viel mehr als das für sie gewesen. Er war wie ein Vater, bester Freund und… sie weigerte sich, den Gedanken fortzuführen. Doch dann musste sie von ganzem Herzen lachen. 
Knallkopf. Vor allem bist du ein Knallkopf, schmunzelte sie. 
Plötzlich blendete sie ein Licht.
Ist es schon soweit? Bin ich tot? 
Das Schwarz hinter ihren geschlossenen Augenliedern verwandelte sich allmählich in ein glühendes rot. Angestrengt blinzelte sie den Lichtern entgegen. 
»Das kann nicht sein.« Staunend betrachtete sie das Gefährt, dass ihr aus dem Höhleneingang, den die Würmer geschaffen hatten, entgegenstampfte. Seine Scheinwerfer waren ein Hoffnungsfunke, der die Finsternis durchtrennte wie einen seidenen Faden. 
Das war eindeutig ein Scherenpanzer, nur fehlte ihm ein Arm. Darin saß Archweyll, doch er sah irgendwie merkwürdig aus. Seine Pupillen waren riesige schwarze Löcher und aus seinem Mund tropfte Schaum. Außerdem schien er manisch zu lachen und sie gar nicht wirklich wahrzunehmen.
»Hier unten!«, schrie Tamara aus vollem Halse. 
Hat er wieder Drogen genommen? 
Mit wedelnden Armen versuchte sie die Aufmerksamkeit des Kommandanten zu gewinnen. 
Doch jeder Versuch blieb erfolglos. Ein Knacken, lauter als zuvor noch, kündigte an, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. 
Was macht er denn nur? 
Jetzt, wo der Lebenswille sie erneut gepackt hatte, merkte Tamara, dass sie panisch wurde. »ARCH!«, schrie sie aus vollem Halse. »AAARCH!«

 

                                                                     ***


Er schwebte auf einem Regenbogen. 
Das Spektrum sämtlicher Farben breitete sich vor ihm aus und er war ihr Meister. Sie formten sich nach seinem Willen und Archweyll musste pausenlos kichern, während er den nörgelnden Kopf von Clynnt Volker in eine lila Tomate verwandelte oder eine Armada aus Raumschiffen in die Weiten des Warp entsandte. Wolken aus blauem Nebel hüllten ihn ein und von irgendwoher rief etwas nach ihm. Es war mehr ein inneres Ziehen, eine Sehnsucht, die ihn erfüllte. Dann erschien in einiger Höhe eine Lichtkugel vor ihm, die einen trüben Schimmer von sich gab und Archweyll wusste, dass war die Quelle der Macht des Ozeans. Je näher sie ihm kam, desto stärker wurde das Pochen seines Herzens. Mit einem erwartungsvollen Lachen und offenen Armen hieß er sie willkommen. Eine weitere Lichtkugel kam auf ihn zugeschossen. Von ihr ging ein Summen aus, dass ihn zutiefst befriedigte. Bald würde er auch ein Lichtwesen sein. Der Kommandant kicherte, bei dem Gedanken daran. 



                                                               *** 


Mit Entsetzen musste Tamara feststellen, wie die ganze Felsformation um sie herum plötzlich zum Leben erwachte. Schlote öffneten sich pumpend, als würden sie atmen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie Bewegungen. Dort, wo einmal nackter Fels zu sein schien, befand sich nun grelles Fleisch und lange Fühler tasteten sich vorwärts. 
Zwei riesige Tentakeln schlichen sich an Archweyll heran, an ihrer Spitze befand sich ein trüber Lichtkörper. 
Vermutlich eine Falle. Die sind bestimmt zweihundert Meter lang. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. 
Die Würmer waren nur ein Vorgeschmack. 
Ein Knurren entwich ihrer Kehle. Dann versuchte sie wieder auf sich aufmerksam zu machen, doch der Kommandant schien in seiner eigenen Welt zu sein. 
»Hast du Lack gesoffen? Du musst verschwinden!«, schrie Tamara so laut, dass es in ihren eigenen Ohren schmerzte. 
Aber Archweyll sah den Lichtern wie ein Kleinkind entgegen, das auf seine Weihnachtsgeschenke wartete. 
Wenn sie nichts unternahm, würde Tamara mit ansehen müssen, wie dieses Wesen ihrem Kommandanten den Kopf abriss. 
Und danach bin ich dran. 
Eine Idee begann sich in ihren Kopf zu schleichen, aber die gefiel ihr ganz und gar nicht. 
Das ist mein Ende. So oder so. Dann kann ich wenigstens verhindern, dass es ihn auch erwischt.
Tamara ballte die Fäuste. Ihre Entscheidung war gefallen. 
Sie griff sich einen Schraubenschlüssel und eilte zur großen Frontscheibe. Selbst ein genetisch optimierter Superkörper wie ihrer, war nicht in der Lage, in solchen Tiefen zu überleben. Der Druck war zu enorm. Vielleicht blieben ihr wenige Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit und dann würde sie sterben. Aber das würde sie ohnehin. Zeit genug, um eine der Leuchtfeuerraketen zu aktivieren. 
Also gut. 
Tamara atmete tief durch. Dann öffnete sie manuell die Frontscheibe.



                                                                 ***



Archweyll lachte wie ein Kind. Maßloses Glück überkam ihn in Wogen der Wollust. »Nehmt mich auf, in eure Arme«, rief er sabbernd. 
Der Boden unter ihm geriet in Bewegung, senkte sich auf und ab, als würde er leben. 
Plötzlich zischte etwas auf ihn zu und explodierte in einem lauten Knall. Helles Licht erhellte den Meeresboden und er wurde rückwärts in seinen Sitz gepresst. 
Es war so, als wäre er damit auch rückwärts aus dem schönsten Traum seines Lebens gedrängt worden. Keuchend kam er zu Besinnung. Der Schreck saß tief in seinen Knochen.
Dem Farbenspektakel war ein dunkles Flimmern am Rande seiner Wahrnehmung gewichen und dröhnender Schmerz fraß sich durch sein Hirn wie Gewürm. 
Binnen einer Sekunde realisierte der Kommandant die Situation. 
Das Licht kam aus einem Sternenfeuertorpedo, den ein Scherenpanzer abgefeuert haben musste. Unter ihm fraß sich Getier durch den Boden, welcher sich auffällig bewegte. 
Die zwei trüben Lichter, die gerade noch auf ihn zugeschossen waren, schreckten zurück, angesichts der Helligkeit der Explosion. Was war hier los? 
Wo bin ich, was verdammt nochmal mache ich hier?
Die Erinnerung traf ihn wie ein Blitz. 
Das Gas! Verdammt! 
Und wer war hierfür verantwortlich? Kamen seine Retter, um ihn mitzunehmen?
Tamara? Nein! 
Maßlose Gräuel überkam den Kommandanten, als ihr lebloser Körper an ihm vorbeitrieb. Das durfte nicht passieren. Es wäre ein Verlust, den er nicht ertragen könnte. Mit einem gewaltigen Satz beförderte er den Scherenpanzer zu ihr.  
Ich bin zu spät. 
Er pustete sämtliche Luft aus den Lungen, damit sie nicht kollabierten. 
Dann öffnete er die Frontscheibe. Die Macht des Wasserdrucks überkam Archweyll wie ein Hammerschlag, sie drängte ihn zurück, trommelte wie Fäuste auf seinen Körper ein. 
Er spürte, wie Adern in ihm platzten und sein Herz aussetzte. 
Mit Anstrengung all seiner Willenskraft gelang es ihm, das Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Denn er musste durchhalten. Tamra war alles, was ihm hier unten geblieben war, und seine treuste Gefährtin. Wenn er jetzt versagte, dann war es für immer.
Mit einem Ruck zerrte er sie in seinen Anzug. Schmerz fraß sich durch seinen Körper und machte ihn langsam. Mit aller Mühe, die er aufbringen konnte, verschloss der Kommandant die Scheibe, aktivierte die Pumpe und den Notfall-Dekompressor. 
Die Maschine analysierte den Schaden in seinem Körper und stellte sich auf die richtigen Verhältnisse ein. Binnen Sekunden wurde das Wasser aus dem Anzug befördert. 
Röchelnd griff er nach Tamara, die angesichts der Raumverhältnisse eng an ihn geschmiegt lag. Sie war alles, was zählte. Er prüfte sie auf Herzschlag und Atmung.
Sie lebt. Wenn auch gerade noch. Ich muss vorsichtig sein, sonst platzt sie wie eine reife Frucht. Ich muss hier verschwinden. Irgendwie. 
Sein Sichtfeld verschwamm erneut und Archweyll stöhne auf. Er platzierte seine Freundin so, dass sie an seinen massigen Rücken gelehnt lag, ihr Kopf ruhte regungslos auf seiner Schulter und die Arme legten sich ohne ein Zeichen von Leben um ihn. Archweyll atmete tief ein und aus, der Schmerz erfüllte jede Faser seines Körpers.Er fühlte sich restlos ruiniert an. Seine Lunge rasselte und sein Herz klopfte in unglaublichen Arrhythmien. Blut tropfte aus sämtlichen Öffnungen seines Gesichts und erschrocken stellte Archweyll fest, dass er außer einem strengen Summen nichts mehr hören konnte. Für eine Sekunde setzte er aus, sackte in seinem Sessel zusammen und wollte einfach nur tot sein. Sämtliche Adern in seinem Körper verkrampften sich simultan zu seinen Muskeln und jede Bewegung erfolgte schwerfällig und unter Aufwand all seiner Kräfte. 
Für eine Sekunde schoss ein scharfer Gedanke durch seinen Kopf. 
Ich muss hier weg, bevor es mich holt! 
Er sah die Fühler auf sich zurasen, aber Archweylls Bewegungen waren zu träge. Die Erschütterung des Treffers rumorten durch seinen ganzen Körper und der Kommandant verkrampfte sich vor Schmerz, während sein Scherenpanzer fortgeschleudert wurde. Ein tonloser Schrei entwich seiner Kehle und ein penetrantes Summen nahm alles für sich ein. 
Es weiß nicht, dass ich einen Panzer habe. Es denkt, ich wäre Beute!, schoss es durch seinen Kopf. Dann tauchte sich sein Sichtfeld für einen Moment in ein eindringliches Rot. Kreischend versuchte er, die Konsolen zu betätigen, aber der Schmerz drohte ihn zu überwältigen. Aus dem Augenwinkel registrierte er Bewegungen, die aus dem Fels auf ihn zukamen. 
Das ist kein Fels. Das ist nacktes Fleisch. Verdammt soll dieser Planet sein!
Tausende Fühler, die aussahen wie längliche Würmer mit Saugrüsseln, schossen auf ihn zu. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und zwang sich zum Weitermachen. Wieder setzte er für einen Moment aus, sein Bewusstsein verabschiedete sich langsam von ihm. 
Der Dekompressor arbeitet nicht effektiv genug. Nicht in diesen Tiefen. 
Sein Blick wandte sich besorgt zu Tamara, die aussah wie eine Leiche, die von schwarzen Adern durchzogen war. Ihr Blick war starr und Blut floss in Strömen aus ihrer Nase.
Ich werde nicht zulassen, dass es sie holt. Wir sind kein Futter.
Langsam erhob er sich, wobei jeder Zentimeter mit unerträglichen Qualen verbunden war. 
Archweyll heulte auf vor Schmerz, sein Brüllen musste noch den hintersten Winkel des Planeten durchdringen. Doch das Summen unterdrückte alle Geräusche. 
Erneut schossen die Fühler auf ihn zu und im Schimmer seines Lichtstrahles glaubte Archweyll in der Ferne eine Ansammlung riesiger liedloser Augen zu erkennen, die ihn hungrig anstarrten. Er setzte zu einem selbstmörderischen Sprint an, aber seine Bewegungen erschienen ihm bleiern und schwer. Öffnungen vor ihm gaben weitere Fühler frei, die sich auf ihn stürzten. 
Der Kopf eines Wurm-Fühlers krachte gegen seine Fensterscheibe. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und vergrub seine Klinge tief im Rachen der Kreatur. 
Blut und Schädelteile bröckelten in Richtung der Wasseroberfläche. 
Was zur Hölle ist das für ein Lebewesen? Gehört das alles zusammen? 
Oder war das Ganze ein riesiges Ökosystem, dass symbiosierte? 
Er konnte die Frage nicht weiter verfolgen, denn weitere Fühler warfen sich auf ihn. 
Einer der Würmer griff nach seinem Bein und wickelte sich darum. 
Fast wäre Archweyll gestolpert. Mit Anstrengung all seiner Kräfte zerrte er sich frei und zerriss das Wesen dabei in seine Einzelteile.
Sein Messer wirbelte herum und spaltete den Kopf eines weiteren Angreifers. 
Weiter. Immer weiter. 
Nur der Schmerz antwortete ihm.
Über sich nahm er nun das vertraute Leuchten der augäpfeligen Pflanzen war. Sein Ziel schien so nah und doch so weit entfernt. Panisch drehte er sich um. 
Die riesigen Fühler waren in der Finsternis nicht auszumachen, doch nach wie vor schienen die Würmer zu versuchen, ihn zu packen. Archweyll unterdrückte einen Aufschrei. 
Sein Körper war eine Ruine und der Schmerz erfüllte jede noch funktionstüchtige Nervenfaser in seinem Körper. Ein Taubheitsgefühl überkam ihn und seine Wahrnehmung schien ihm Streiche zu spielen. Langsam näherte er sich dem Vorsprung.
Auf einmal krachte etwas gegen seine Frontscheibe. Ein Saugrüssel bedeckte das Fenster fast gänzlich. Rote Alarmleuchten signalisierten, dass der Scherenpanzer einen schweren Treffer kassiert hatte. Risse bildeten sich langsam auf der Scheibe. Der Druck hier unten würde sehr bald sein Werk vollrichten. 
Pumpend und schmatzend fuhr die Maulhöhle über die Scheibe, suchte nach einem Weg, um ins Innere zu gelangen. Panisch fuhr Archweyll herum. So einen großen Wurm hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Für eine Sekunde nahm sein Herzschlag alles für sich ein. Blut tropfte aus seiner Nase und klatschte auf die Anzeigen. 
Durchhalten. Durchhalten.
Der Wurm rang ihn nieder.
Archweylls Panzer ging in die Knie und war kurz vor einer gänzlichen Kapitulation. Schwarze Punkte tanzten vor seinem Auge einen Tanz des Todes. 
Plötzlich vernahm er Tamaras Stimme. Irritiert blickte er sich um, doch die Stoßtruppführerin war nach wie vor bewusstlos. Sie schien in seinem Kopf zu sprechen und verdrängte für den Bruchteil einer Sekunde das gequälte Summen, das seinen Schädel fast zum Platzen brachte. 
»Arch…«, flüsterte sie, dann verstummte die Stimme in seinem Kopf. 
Eine Einbildung, wurde ihm klar. Doch irgendwie gab ihm das Kraft. Die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten. Er war nicht alleine hier unten, Tamara hatte alles für ihn gegeben und wer wäre er, wenn er sie jetzt enttäuschen würde? Brüllend steuerte er seinen Greifarm in Richtung des grauseligen Saugnapfes und riss ihn einfach vom Körper. Heulend kam der Kommandant auf die Beine. Alles an ihm war dem Ende nahe. Schweiß und Blut vermengten sich zu einem Rinnsal des Schmerzes. Doch jetzt durfte er nicht aufgeben. Er setzte die letzten Schritte und erreichte den Hang. 
Hoffentlich ist das Gestein.
Stöhnend robbte er sich daran empor. Warum war auch der verdammte Antrieb defekt? 
Unter ihm nahmen die Fühler die Verfolgung auf. Auch jetzt war er nicht in Sicherheit. 
Sie strömten aus fast jeder erdenklichen Öffnung und schienen einfach nicht gewillt ihn aufzugeben. Er war so nahe. 
So nahe.
Mit den letzten verbliebenen Kräften erreichte er das Ende des Hanges. Archweyll zog sich auf die Beine und schleppte seinen Panzer zu den glühenden Leuchtkörpern. Er schwankte mehr, als das er lief und sein Blickfeld wurde in regelmäßigen Abständen gänzlich in Schwarz getaucht. Das Summen wurde schlimmer und schlimmer, wie tausende Hornissen brummte es in seinem Kopf. Er ließ seine Klinge auf den Stängel eine der Pflanzen sausen und trennte ihn durch. Wie er erwartet hatte, tauchte sie in Richtung Wasseroberfläche auf. 
Bingo.
Er sammelte immer mehr Pflanzen ein, bis er einen riesigen Haufen aus leuchtenden Augen um sich versammelt hatte. Langsam driftete sein Körper nach oben. 
Die Würmer, die unter ihm nach ihm geiferten, kassierten einen Mittelfinger und ein schmerzverzerrtes Grinsen. Jetzt musste der Zyklop ihn nur noch finden, dann wäre er in Sicherheit. Der Schmerz und die Überlastung forderte ihren Tribut. 
Archweyll übergab sich heftig und war nicht mehr in der Lage, sich dagegen zu wehren. Seine Augen fielen zu und er geriet in einen Dämmerzustand. Sein Bewusstsein verließ ihn. 
Das letzte, was er wahrnahm, waren zwei glühende Lichter, die sich auf ihn zubewegten. 
Verdammt, ich dachte es hätte aufgegeben?, war der letzte Gedanke, den er fassen konnte, bevor er regungslos zusammenbrach.

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 7 – Der Gigantyras

»Verdammt, es ist mitten in der Nacht. Du bist dir schon im Klaren darüber, was hier nach Einbruch der Dämmerung unterwegs ist, oder?«, fluchte Daisy lautstark. 
Für Clynnt Volker war diese Diskussion verschwendete Zeit. Zeit, die sie brauchen würden, um Archweyll, Tamara und die anderen zu finden. 
»Was auch immer hier passiert ist, wir haben weder Funkkontakt, noch sind ihre elektronischen Signale auf unseren Scans. Archweyll hat sich mal wieder bravurösen Ärger eingehandelt und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht schaffen sollte, ihn aus der Scheiße zu ziehen«, erwiderte der Chefnavigator mit einem funkelnden Blick aus seinen eisenharten Augen. 
»Alte Männer, die gerne sterben wollen. Macht das, aber haltet mich da raus!«, zischte Daisy wütend. 
Für eine Sekunde überlegte Clynnt ernsthaft, ob er sie einfach erschießen sollte. So ein ausgeprägter Egoismus hatte in seinen Reihen keinen Platz und selbst wenn Daisy den Zyklopen steuerte, hatte Archweyll ihm das Kommando übertragen. Es war eine blamable Schande, dass Daisy austreten wollte, jetzt wo es erst einmal brenzlig wurde. 
»Du bist in der Armee, Mäuschen. Auf Nautilon, einen Kilometer unter der Meeresoberfläche. Und nicht auf Prospecteus, in deinem warmen Bett. Das lernst du besser schnell. Weil du so ein blutiger Anfänger bist, will ich dir deinen Ausrutscher verzeihen, aber wenn du nicht augenblicklich tust, was ich dir sage, werde ich deinen süßen Arsch aus der Kommandobrücke befördern. Und ich warne dich nur einmal vor, meine Füße sind wirklich groß und ich habe eine Vorliebe für feste Stiefel.«
Die Chefmechanikerin schien drauf und dran auf ihn loszugehen. Ihr Kopf lief vor Wut hochrot an und sie machte einen festen Schritt in seine Richtung. »Wie hast du mich genannt? Wenn du gerne selber steuern möchtest, nur zu. Steuer den Kahn und deine Crew in den sicheren Tod. Aber setzt mich vorher da oben ab und verschone mich mit dem geistigen Brei eines dementen Tattergreises.« 
Die Ohrfeige traf sie so unerwartet, dass sie zusammenfuhr. 
Clynnt Volker hatte noch nie eine Frau geschlagen. Gut, er hatte schon ein paar erschossen, aber Piraten und Mutanten zählten normalerweise nicht zu der vornehmen Gesellschaft. 
Daisy scheinbar auch nicht. Der Chefnavigator merkte, wie er vor Wut am ganzen Körper zitterte. So ein unglaubliches Verhalten hatte er noch nie erlebt. Diese Bereitwilligkeit, andere einfach sterben zu lassen, um seinen Arsch ins bequeme Trockene zu hieven, empfand er als verachtenswert. 
Die Chefmechanikerin schaute ihn entgeistert an und rieb sich das rot angelaufene Ohr. Für einen Moment schien es, als wolle sie ein Messer ziehen, um Clynnt die Kehle durchzutrennen, doch dann machte sie Kehrt und verschwand von der Brücke.
In der Kommandozentrale trat ein betretenes Schweigen ein.
»Sie übernehmen«, wies der Navigator den Copiloten an. 
Mit einem zögerlichen Nicken nahm dieser Platz und verlinkte sich mit der Steuerung. 
»Das Radar soll nun manuell arbeiten. Sucht nach Herzfrequenzen. Ich weiß, dass es mühselig ist, aber wir haben keine Wahl. Wir tauchen ab.«

                                                                 ***

N’Kahlu stieß einen energischen Fluch aus. 
Die Energiequelle der Scherenpanzer zu manipulieren war eine fast wahnwitzige Sabotage. 
Zweifelsohne würde der Kommandant den Verantwortlichen in Stücke reißen, wenn sie denn überleben sollten. Glücklicherweise hatte der Sog ihn nicht so stark erwischt und es hatte ihn nicht über den Rand des Abgrunds getrieben. Während er auf dem pechschwarzen Dünensand verharrte, bemerkte er, dass weitere Krebsanzüge neben ihm auf Grund liefen. Hastig zählte er durch.
Zehn Stück, also hatten zwei von uns weniger Glück. 
Ein Knurren entwich seiner Kehle. Hoffentlich wussten seine neuen Vorgesetzten, was zu tun war. In einer solchen Situation war es wichtig, die Fassung zu bewahren. Spätestens, wenn sie in die Tiefen hinabsteigen würden, um die Vermissten zu bergen. Plötzlich bewegte sich einer der Scherenpanzer. 
Hat es ihn nicht erwischt? 
Zielsicher steuerte das Gerät auf ihn zu und N‘kahlu erkannte Phillista, einen seiner besten Männer, hinter dem Steuer.
»Verdammt sollst du sein, du alter Teufelskerl«, feixte der Sergeant. 
Mit Fingersprache stimmten sie sich ab. Worte waren überflüssig, da scheinbar unschwer zu erkennen war, was das Problem darstellte.
Mit einem routinierten Handgriff machte sich der Soldat an N‘kahlus Anzug zu schaffen, während unterschiedliche Werkzeuge durch seine Greifer rotierten. Wenige Minuten später war die Energieversorgung wiederhergestellt. 
Ein Unterbrecher-Chip also? Kein schlechter Schachzug. Aber kein Hindernis, für ein Expertenteam. 
Und Experten waren seine Männer wahrlich. Auf Orian II hatten sie den Tod mit sich gebracht, wohin sie auch kamen. Niemand beherrschte die Scherenpanzer so gut wie seine Truppe. 
Was dem Sergeant allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass die Dämmerung mittlerweile der pechschwarzen Nacht gewichen war. Die Schatten waren länger geworden, bis sie den Meeresgrund völlig für sich einnahmen. 
Eilig schloss sich N‘Kahlu seinem Kameraden an, um die Scherenpanzer aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Per Funk informierte sich der Sergeant, warum sein Soldat nicht von den Problemen betroffen war. 
»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte Phillista gelassen. »Möglicherweise hat der Saboteur gepfuscht oder wusste nicht haargenau, was zu tun war. Ich möchte es ihm nicht verübeln.«
Der Soldat wurde mit einem Lachen quittiert. 
Dann tauchte ein Leuchten vor ihnen auf und der Zyklop näherte sich mit eiliger Geschwindigkeit.
»Wir sind in Ordnung«, berichtete N’kahlu angespannt. »Aber zwei von uns sind in die Tiefe gestürzt.« 
Nach einem schnellen Durchzählen stellte sich heraus, dass es sich bei den Vermissten um Archweyll Dorne und Tamara Vex handelte. 
»Verdammt, gerade die Anfänger werden es nicht einfach haben. Ich hoffe, sie finden einen Weg, um dort unten klarzukommen, bis wir eintreffen«, sagte der Sergeant angespannt.
»Wir werden uns sofort auf den Weg machen«, die Stimme des Chefnavigators knisterte durch den Funk. 
N’Kahlu konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, jetzt wo der Nervenkitzel einsetzte. »Aye, fahrt die Halterungen aus. Wir springen auf. Schließlich wissen wir ja nicht, auf was wir alles stoßen könnten.«

                                                                   ***

Clynnts Lippen entwich ein Seufzer der Erleichterung, als die Einheiten sich meldeten. Zumindest mussten sie nicht alle Crewmitglieder in den Tiefen wiederfinden. Doch die Tatsache, dass Tamara und Archweyll noch dort unten waren, bereitete ihm Unbehagen. Nervös ging er auf der Brücke auf und ab. Das lief alles nicht nach Plan.
Die Chefmechanikerin hatte sich als herber Rückschlag erwiesen und der Copilot war fast so angespannt wie er selbst. Und vor ihnen ging es sieben Kilometer in die düstere Tiefe eines ihm unbekannten Planeten. 
Ein Ruck zog sich durch das U-Boot, als die Scherenpanzer auf die ausgefahrenen Schienen sprangen. Dann sanken sie hinab. 
»Scheinwerfer deaktivieren und Radarsysteme hochfahren«, befahl der Chefnavigator lautstark. Auf einen Schlagabtausch mit der hiesigen Tierwelt konnte er getrost verzichten. 
Der Copilot führte seine Befehle aus und zunehmend wurde alles um sie herum von einem  schwarzen Seidentuch verhüllt. Nur das Flimmern der Monitore erhellte die Brücke und tauchte sie in ein trübes Licht.
»Komm schon, Arch, lass dich endlich blicken«, flüsterte Clynnt gedankenversunken. 
Vor seinem inneren Auge sah er den Kommandanten, wie er ihnen mit frivolem Grinsen entgegensprang, den kompletten Scherenpanzer zerlegt, und mit Tamara im Arm. 
»Sir, wir haben ein Problem. Um ehrlich zu sein, es ist ein riesiges Problem!«, krächzte der Copilot plötzlich mit trockener Stimme und vergewisserte sich wieder und wieder, ob die Scans ihn nicht belogen. Sein Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und seine Hände zitterten spürbar, während er Befehle in die Konsole eintippte. 
»Spukst schon aus. Ich hatte gerade das größte Problem beseitigt, es dürstet mich förmlich nach einem neuen«, knurrte Clynnt. 
Als der Copilot nicht antwortete, fuhr er ihn an. »Na, was ist? Hat es dir die Sprache verschlag…?«, sein Blick wanderte über den Monitor und die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht mutierten zu Schluchten der Befürchtungen. »Sofort Alarmstufe rot ausrufen und die Torpedobatterien bereithalten. Ich informiere die Jungs da draußen, wir werden zügig fahren müssen. Außerdem möchte ich im Umkreis von einer Meile Leuchtkörper im Wasser haben, unsere Taktik, nur mit Radar zu manövrieren, ist ab jetzt Geschichte.« Er griff nach dem Funkgerät. »An alle Einheiten, wir kriegen Besuch. Bereitet euch darauf vor dem Tod ins Angesicht zu blicken.«
Er wurde von einem Brüllen unterbrochen, das direkt aus seinem Kopf zu stammen schien. 
»Leuchtkörper online, Feuer frei!«, bestätigte der Copilot. 
Zischend bahnten sich die Geschosse wie Sternschnuppen ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Explosion war kaum vernehmbar, doch dann breitete sich ein sattes Licht aus, das den Ozean in ein Meer aus Gold verwandelte. 
Gerade noch rechtzeitig, um den Blick auf einen riesigen Schemen freizugeben, der über den Zyklopen hinwegschwamm. 
»Kategorie: Gigantyras. Länge: 357 Meter. Warnung, extrem aggressiv«, spukte die Sprachausgabe der Scanerkennung knisternd aus. 
»Schalt das aus. Wenn es nochmal zu mir spricht, bringe ich es um!«, befahl der Chefnavigator energisch. »Und dann bring uns runter, wir müssen verschwinden!«
Dröhnend entfaltete die Maschine ihre volle Leistung und schob den stählernen Riesen vorwärts. Eingehend studierte der Chefnavigator den Scan. Was er sah, ließ ihn schlucken. 
Der Gigantyras war ein längliches, sehr schlankes Wesen von der Gestalt einer Seeschlange, das sich, von seiner riesigen Schwanzflosse angetrieben, elegant durch das Wasser wandte. Auf seinem Rücken befand sich ein durchgehender, stromlinienförmiger Zackenkamm, der von der Schwanzflosse bis zum Kopf reichte. Weitere Flossen, zu seinen Seiten, verliehen ihm den benötigten Auftrieb. Aber das wirklich furchteinflößende war der Kopf. Fünf Paar kohlrabenschwarzer Augen musterten sie angriffslustig und ein riesiges Maul, voller Reihen spitzer Zähne, öffnete und schloss sich im Gleichtakt. Das Wesen besaß bebende Nüstern, die in einer kaum ausgeprägten Schnauze mündeten. Auf seiner Stirn befand sich ein großes spitzes Horn und um den Schädel herum saßen vier spinnenbeinartige, klauenbesetzte Greifarme im Fleisch verankert, welche die Beute packen und in den Schlund des Monsters befördern konnten. Ihre Klauen wirkten wie die das lange Blatt einer Sense, schreckliche Werkzeuge des Todes. Sie zuckten schon vor Mordlust und blutiger Vorfreude. 
Dann brüllte das Tier dem Zyklopen eine Herausforderung entgegen und setzte ihm nach. 
»Welche Torpedos können wir auf diese Distanz benutzen?«, fragte Clynnt Volker hektisch. 
Die Anspannung nahm ihn gänzlich für sich ein, er spürte merklich seinen Puls rasen und die Innenseiten seiner Handflächen hatten sich in morastige Tümpel verwandelt.
»Die Vendetta-Klasse auf kurze Distanz und Tsunamibringer auf mittlere Distanz. Aber er holt auf, es wird schwierig genug sein, uns überhaupt in Schussposition zu bringen«, erklärte der Copilot mit zitternder Stimme. Es klang fast so, als würde er gerade aus einem Lehrbuch zitieren und nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht war es doch verkehrt gewesen, Daisy von der Brücke zu jagen? 
Clynnt knirschte mit den Zähnen Er durfte seine Entscheidungen jetzt nicht anzweifeln. »Haben wir also gerade nichts, was wir unserem Freund hier entgegensetzen können?«, fragte er gereizt. Wie konnte es überhaupt sein, dass es am Heck keine Torpedobatterie gab? Hatte niemand aus den schlechten Filmen gelernt?
»Ich … Ich weiß es nicht genau. Das ist mein erster Einsatz, Sir«, stammelte ihm der Copilot entgegen. 
Erst jetzt wurde Clynnt bewusst, dass er nur ein Junge war. »Welcher Idiot schickt mir denn einen Frischling an das Steuer eines riesigen U-Bootes, der sich noch nicht einmal darüber im Klaren ist, über welche Waffensysteme es verfügt?«
»Nunja, ich denke, das waren Sie, Sir«, erwiderte der Junge trocken. 
Clynnt konnte nicht anders, als zu lachen. »Na, wenn du es sagst, werden wir wohl beide als Idioten sterben«, kicherte er, dann sank er auf einem Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. 
»Heute stirbt mir hier keiner!«, drängte plötzlich eine Stimme zu ihnen durch. »Weder wir, noch die Leute, die wir suchen und finden werden!« Daisy Schritt in die Kommandobrücke, ihre Ausstrahlung hatte sich gänzlich verändert. Von dem trotzigen Mädchen war kaum noch ein Funke übrig. Es war der puren Entschlossenheit gewichen. 
Clynnt wollte etwas erwidern, doch sie winkte ab. 
»Ich weiß, was du sagen willst, und du hast Recht. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Ich habe es mir zu leicht gemacht.« Sie schien kurz in sich zu gehen. »Geniale Dinge zu entwerfen ist die eine Sache. Explosionen, riesige Roboter und Induktionsgewehre können einen schon echt glauben lassen, man sei ein taffer Mensch. Das dachte ich zumindest. Angsthasen habe ich schon immer gehasst. Aber gerade, als mir bewusst geworden ist, wie gefährlich es wird, habe ich mir fast in die Hose gemacht.« Sie nickte in Richtung des Hecks, wo ein weiteres Brüllen ertönte. »Und irgendwie schien ich ja auch Recht zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach davonlaufen darf. Bereit, wenn du es bist.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Clynnt den Copiloten aus der Steuervorrichtung geworfen. Er ergriff ihre Hand. 
»Bereit«, sagte er nüchtern. »Enttäusch mich nicht.« 
Daisy lächelte und der Chefnavigator spürte wieder dieses lodernde Feuer in ihr. 
Wie hat sie sich so schnell umentschieden?
Sie holte einmal tief Luft. »Dann wollen wir dieser Bestie mal zeigen, dass es dumm war, sich mit uns anzulegen.«

 

 

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 6 – Verloren in den Tiefen von Nautilon

Der Scherenpanzer sank unaufhörlich in die Tiefe. Mittlerweile war es so schwarz um ihn herum, dass man nichts mehr von der Außenwelt erkennen konnte. Nur das kleine Licht seiner Taschenlampe erhellte die Fahrerkabine wie ein Funke der Hoffnung. 
Archweyll hatte auf seinen massigen Kampfanzug verzichten müssen, als er in den engen Panzer stieg, aber mit einer Notfallausrüstung war er immer ausgestattet. Er vergeudete keine Zeit und begann direkt damit, einen Plan auszuarbeiten. Denn ohne würde er hier unten sterben. Durch eine elektronische Verbindung hatte er vor ihrer Mission alle Daten des Scherenpanzers auf seine eigene Festplatte gebrannt, nun rief er diese holographisch ab. Er war kein Mechaniker und die Struktur des Anzuges war alles andere als unkompliziert, aber langsam hatte er den Dreh raus. 
Die Hauptstromversorgung saß kurz über dem Heckantrieb, zwischen den Schultern des Scherenpanzers, und war durch zwei Isolationsschichten von seiner Kabine getrennt. Es knisterte leise, während sein kleiner Handbrenner die erste Schicht durchstieß.
Wenn das noch länger dauert, kann ich auch einfach die Frontscheibe öffnen, dachte Archweyll ungeduldig. Aber diesen Gefallen würde er weder Crowler, noch diesem unnachgiebigen Planeten erfüllen. Der Kommandant biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich mit einem eisernen Willen auf sein Ziel. Als der Brenner soweit war, riss Archweyll die Platte einfach heraus. Er konnte von Glück reden, dass die massive Aspexylpanzerung sich an der Außenwand befand und ihn vor Druck und Kälte schützte, während er das Innenleben des Scherenpanzers auseinandernahm.
Die zweite Isolationsschicht bestand aus einer schaumartigen Masse und Archweyll wurde das Gefühl nicht los, in fremden Eingeweiden herumzuwühlen, während seine Hand den Kunststoff beiseitefegte. Mit der Taschenlampe im Mund und dem Brenner in der rechten Hand, lugte er in das klaffende Loch seiner Innenbordwand. Kabel kamen ihm wie Lianen entgegengesprungen, aber dem Kommandanten war klar, dass er sie gefahrlos berühren konnte. Mit einer fast väterlichen Fürsorge tastete er sich voran, bis er die Energieversorgung fand. Die Propeller der Kühlelemente verrieten ihm, dass er hier richtig war. Währenddessen studierten seine Augen die Hologrammaufnahme seiner externen Festplatte, als hinge sein Leben davon ab. 
Moment … das tut es.
Sein Arm verschwand mittlerweile fast gänzlich in der Öffnung und seine Wange lag in einer sonderbaren Haltung gegen die Rückwand gepresst. Keuchend ließ er seine Finger noch tiefer hineinwandern, wohl wissend, was für einen Anblick er gerade abgeben musste. Aber das war jetzt völlig nebensächlich. Dann stießen sein Pranke auf einen breiten Kabelbaum, der sich wie eine kupferne Wirbelsäule durch den Anzug schlängelte.
»Hier muss es doch irgendwo sein«, keuchte Archweyll nervös. Wenn er den Unterbrecher nicht bald fand, konnte er Lebewohl sagen. Plötzlich stießen seine Finger auf eine eigenartige Form. Sofort krallte sich sein Griff daran fest. In seiner Hand lag ein fingernagelgroßer, ovaler Chip, der sachte vibrierte.
»Therodax-3«, schmunzelte der Kommandant. »Einfach, aber effizient.« 
Mit einem Ruck versuchte er den Chip zu entfernen, doch dieser wollte sich scheinbar nicht so einfach ergeben. 
Das Magnetfeld habe ich fast vergessen. Jetzt war Vorsicht geboten. 
Wenn er die Kabelstränge zerriss, war es mehr als ungewiss, ob die Maschine noch funktionieren würde. Fieberhaft suchte Archweyll nach einer Lösung für das Problem. 
Während er innig das Hologramm analysierte, kam ihm eine Idee. Eilig griff er nach seinem Schraubenzieher und schlug ein kleines Loch in die Bordwand, dort, wo der linke Greifarm verankert lag. Die Hologrammanalyse zeigte ihm, dass er dort einen Elektromagneten finden würde, der ihm für seine Zwecke dienlich sein konnte. Wenn er diesen mit genug Spannung auflud, konnte er den Therodax-3-Chip entmagnetisieren, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Aber das würde genügen. 
Ärgerlicherweise hatte er dann womöglich nur noch einen Arm zur Verfügung, aber alles war besser als hier unten zu versauern. Mit dem Schraubenzieher drang er in das Loch ein, wühlte sich durch Kabel und stählerne Vorrichtungen, bis er auf den Magneten stieß. Sofort wurde sein Schraubenzieher davon abgestoßen, doch Archweyll war unnachgiebig. 
Mit einem unglaublichen Ruck und einem mechanischen Kreischen riss der Magnet aus seiner Verankerung, als Archweyll mit aller Kraft, die ihm verliehen wurde, an ihm zerrte. 
»Hab ich dich«, schmunzelte er. 
Jetzt kam der schwierige Teil: er musste den Magneten mit genug elektrischer Energie aufladen, um die beiden Magnetfelder langsam zu neutralisieren. 
Leider würde dafür seine Festplatte mit Hologrammanalysator und dessen kleiner Generator herhalten müssen. Da der linke Arm ohnehin defekt war, zerrte der Kommandant ein Kabel daraus hervor und schnitt es mit dem Messer in zwei gleichlange Hälften. 
Mit dem Schraubenzieher verging er sich an der Kiste, die ihm bis gerade noch treue Dienste geleistet hatte, und legte die äußere Hülle fein säuberlich ab, bis der summende Generator zu sehen war. Archweyll entfernte die Kabel, welche die Energiequelle mit dem Hologrammgenerator verbanden und klemmte die Kupferdrähte daran. Mit einem unflätigen Fluch quittierte er jeden Elektroimpuls, der wie eine zischende Energieschlange durch seinen Körper jagte. Dann verband er den Magneten mit dem Kabel, auch wenn dieser sich zunächst streng weigerte, und lud ihn mit Energie auf. Unter Aufwand all seiner Kräfte hielt er das Stück Metall umklammert, damit es nicht verloren ging. Doch das erforderte eine Menge Kraft. Blaue Adern traten aus Archweylls Schläfen aus und er schwitzte bestialisch, doch dann war es vollbracht. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um die eigene Achse und steckte den Magneten in das Loch. Sofort stieß er auf Widerstand, aber jetzt war er so kurz davor. Das entstandene Wechselfeld würde den Unterbrecher kurzzeitig destabilisieren.
Archweyll drückte den Magneten wie ein Besessener immer weiter vorwärts. 
Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so verharrte, ließ er ihn los, um nach dem Chip zu greifen. Mit seinen letzten Kräften zerrte er daran. Doch der Chip wollte nicht nachgeben. 
Ein zorniger Aufschrei entwich seiner Kehle. 
Nochmal. Es muss funktionieren! 
Abermals zerrte der Kommandant an dem Unterbrecher. 
Mit einem Ruck löste sich der Chip von den Kabeln und lag nun trügerisch in seinen Händen, als könne er kein Wässerchen trüben. Archweyll wischte sich den Schweiß von der Stirn, spukte aus und traf dabei versehentlich die Frontscheibe. 
Blöde Angewohnheit von mir. 
»Du kleiner Bastard«, fluchte er triumphierend. »Das hast du nicht kommen sehen, was?« 
Er legte den Unterbrecherchip auf seinen Schraubenzieher und binnen einer Minute reaktivierte er sich und heftete daran wie ein Parasit an seiner Beute. 
Archweyll setzte sich in den Sitz und drückte die Anwendung für die Energiequellenaktivierung. Es passierte nichts. Mit einem gequälten Aufschrei hämmerte er mit seiner Faust immer wieder auf den Knopf. Wie tief er mittlerweile wohl schon abgetaucht war? Noch hatte er den Grund nicht erreicht, doch die Strömung schien ihn immer weiter nach draußen zu treiben. Als hätte irgendetwas seine Gedanken erraten, ertönte plötzlich in weiter Ferne ein bedrohliches Grollen. Archweyll spitzte die Ohren und eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Nacken, als ihm klar wurde, dass es sich um ein Lebewesen handeln musste. Angespannt lauschte der Kommandant dem Schlag seines eigenen Herzens. Er war hier unten nicht alleine und beileibe nicht der Stärkste. 
Also nichts wie weg von hier.
Nach drei weiteren gescheiterten Versuchen aktivierte sich endlich die Energieversorgung. 
Ein Schwall der Erleichterung brach aus Archweyll Kehle und mündete in ein triumphierendes Gelächter. »Bevor ich Crowler nicht den Arsch versohlt habe, holst du mich nicht!«, rief er herausfordernd in die Dunkelheit. Eilig begann er damit, die Anzeigen und Scans zu aktivieren. Fluchend wurde ihm bewusst, dass sich seine Torpedobatterie am linken Arm befand und somit nutzlos war. Aber immerhin funktionierten die Messwerte. 
»Fast sechs Kilometer unter der Oberfläche. Wir tief bin ich nur gesunken?«, seufzte Archweyll, bis ihm sein grottenschlechter Wortwitz den Anflug eines Lächelns auf die Lippen zauberte. 
»Radarzustand kritisch. Frequenz auf Notleistung gedrosselt«, ertönte plötzlich eine kratzende Stimme und der Kommandant zuckte vor Schreck zusammen. Dann räusperte er sich verlegen, als hätte ihn jemand in einer peinlichen Situation erwischt. »Schön, dass mal wieder jemand mit mir redet«, begrüßte er den Bordcomputer, als wäre es ein alter Freund. Dann entwich seinen Lippen ein Fluch. Der Antrieb war aus ihm unersichtlichen Gründen nicht funktionstauglich. 
»Soll das ein schlechter Witz sein? Jetzt ersticke ich nicht, sondern verdurste?«, grunzte er verdrießlich. Doch eine innere Stimme mahnte ihn zum Weitermachen. 
»Dann wollen wir mal« Er verband sich mit dem Scherenpanzer, rechter Arm und Beine gehorchten intuitiv seinem Befehl. 
Vielleicht klappt es ja mit Brustschwimmen? 
Doch dann wurde ihm klar, dass der defekte Arm wohl etwas dagegen hatte. Plötzlich nahm der Kommandant unter sich einen matten Schimmer wahr. Archweyll wendete seinen Anzug in der Strömung, sodass er einen besseren Ausblick hatte. Und er traute seinen Augen nicht. 
Riesige glühende Pflanzen streckten sich vom Grund aus in die Höhe und erleuchteten ihn in den unterschiedlichsten Farben. Ihre Form glich der eines Augapfels, der mit seinem Nerv am Meeresgrund verankert war. Sie waren überzogen von ädrigen Linien, die im Schein des Lichtes pulsierten. Die ballartigen Pflanzen hatten die unterschiedlichsten Größen. 
Manche besaßen nur zwei, andere bestimmt zehn Meter Durchmesser und sie tanzten sachte in der Strömung. Wabernde Schlote öffneten sich aus der Erde, aus ihnen entwich ein grüner Dampf und sie waren übersät mit krebsroten Pocken. Geisterhafte Silhouetten winziger Lebewesen huschten umher und als Archweyll näher herankam, bemerkte er, dass ihre Körper aus einer durchsichtigen, gallertartigen Konsistenz zu bestehen schienen. Das Gestein unter ihm bildete ein undurchschaubares Wirrwarr aus Höhlen und Kavernen, welche die abstraktesten Formationen bildeten und ihn wie ein gähnender Mund empfingen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er in weiter Ferne ein metallisches Glitzern wahrnehmen, doch als er näher hinschauen wollte, war es wieder verschwunden.
Ein weiterer Scherenpanzer?
Wenn sie alle hier unten gefangen waren, konnte das nur in einer Katastrophe enden. Die Strömung könnte sie mittlerweile meilenweit auseinandergedriftet haben und es der Truppe in dem Zyklopen dadurch fast unmöglich machen, sie zu finden. Außerdem hatten sie nach wie vor das Problem, dass Frequenzen aus dem sonderbaren Leichnam in den Warp vordrangen. Bei dem Gedanken daran geriet Archweyll ins Grübeln. Wie konnte es sein, dass Knochen eine Art Nachricht ins All versenden konnten? Mit was für einem Lebewesen hatten sie es hier zu tun? Seine Gedanken drifteten zu Tamara. Ob es ihr wohl gut ging? 
Archweyll bemerkte, wie sehr er sich danach sehnte, sie wohlauf zu finden. 
Zwar ebenso wie die anderen vermissten Mitglieder des Trupps, aber doch irgendwie anders. 
Der Kommandant fasste einen Entschluss. Er würde den Ursprung des metallischen Glitzerns ausfindig machen und für das Wohlergehen seiner Kameraden sorgen. Möglicherweise waren die anderen nicht so erfolgreich mit ihren Unterbrecherchips fertiggeworden. Er durchbrach die dichte Decke aus Pflanzen und zu seinem Erstaunen riss eine von ihnen auf, als er sie mit dem Greifarm streifte, und es entwichen Gasblasen, die in Richtung Oberfläche strömten. Archweyll entblößte ein freudiges Grinsen. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Antrieb nach oben zu gelangen. Zumal die Pflanzen so grell leuchteten, dass sie wie ein Aushängeschild fungieren würden. Aber nun musste er sich darauf fokussieren, die anderen Mitglieder zu finden. Und Tamara. Er setzte den ersten Schritt und war noch nie so entschlossen etwas zu tun.

Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (2/2)

Das dämmrige Licht in der Kajüte des Jarls zeugte von einer gewissen Trostlosigkeit. Die dunklen Planken waren mit Teer bestrichen worden und schienen das Licht regelrecht zu verschlucken. Ein großes Bett thronte in einer Ecke des Raums, ebenso wie ein edel geschnitzter Stuhl aus Eichenholz. 
Islav steuerte zu einem auf einer Vorrichtung ruhenden Fass und hielt Aegir einen Becher hin. »Bier?«, fragte er mit trockener Stimme.
Aegir bestätigte. 
Der Jarl öffnete den Verschluss und eine goldgelbe Flüssigkeit tropfte aus dem Fass. Dann hielt er dem Riesen den Becher hin. Tiefe Sorgenfalten zogen sich durch Islavs Gesicht und schwere blaue Tränensäcke zeugten von einer rastlosen Müdigkeit, die ihn befallen zu haben schien. 
Aegir war sich im Klaren darüber, dass er nach wie vor von der Trauer über den Verlust seiner Gattin aufgefressen wurde, jetzt jedoch schien es sich um etwas anderes zu handeln.
Der Jarl musste im Laufe der Fahrt um zehn Jahre gealtert sein. Islavs Bart schickte sich an, sich in filzige Knoten zu verheddern und sein Blick schien sich ins Leere zu verlieren, während er langsam auf dem Stuhl Platz nahm.
»Weshalb habt ihr mich gerufen, mein Herr?«, fragte Aegir mit harter Stimme. Wenn er den Jarl von der Gefahr überzeugen wollte, durfte er weder zögern noch Schwäche zeigen.
»Du wurdest vermisst«, blaffte Islav, während er eine ausladende Handbewegung vollführte. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus dem Becher, wobei das Bier in seinen Bart tropfte. Ungeschickt wischte er sich diesen mit dem Handrücken ab.
»Mit Verlaub, aber geht es Euch gut?«, fragte Aegir zögerlich. Niemals zuvor hatte er den Jarl in solch schlechter Verfassung vorgefunden. 
Islav starrte ihn an wie ein Geisteskranker. »Das sollte ich dich fragen. Kommst an Bord, nimmst dir Brot und Trank und als Dank dafür bleibst du auf dem Schiff, sobald es drauf ankommt?« Zorn spiegelte sich in seiner Stimme wieder.
Aegir sammelte seine Worte. Er wollte diesen Teil der Plünderfahrt gerne überspringen und stattdessen lieber über die eigentliche Gefahr sprechen. Er durfte sich jetzt nicht in einen Streit verwickeln lassen. Dann kam ihm eine Idee.
»Und die Götter sollen es preisen, denn ich habe etwas herausgefunden, was uns alle bekümmern sollte. Die Ustenströmer planen Verrat. Noch heute Nacht werden sie uns allen die Kehle aufschlitzen, wenn wir nichts unternehmen.«
Der Riese musterte Islav genaustens, um seine Reaktion einschätzen zu können.
Die Miene des Jarl verzog sich vor Wut. »Unsinn. Das Gebelle eines dummen Köters, der sein Herrchen verloren hat. Weißt du, was du Magnar da vorwirfst?«
Was Aegir weniger Sorge bereitete, als die unnötig harsche Zurechtweisung, war ein Zucken, das kurz durch Islavs Augen wanderte, während sie sprachen.
Weiß er es bereits? Aber warum? Und wieso will er nichts dagegen unternehmen?
Der Jarl erhob sich und langsamen Schrittes steuerte er auf die Tür zu.
Mit einem Knarren fiel sie hinter sich ins Schloss. »Wir sollten reden«, krächzte er mühsam.
Aegir verstand nicht. Es fiel ihm schwer, Islavs Verhalten einzuordnen. Dem Riesen kam es so vor, als könne die Stimmung in jedem Moment in eine beliebige Richtung kippen. 
Hoffentlich in die richtige. Ich muss ihm die Augen öffnen.
»Mit wem hast du bereits darüber gesprochen?«, verlangte Islav zu wissen.
»Mit niemandem. Ich hielt es für ratsam, zunächst Euch nach Eurer Meinung zu befragen«, log Aegir.
»Das ist gut.« Der Jarl drehte eine Runde durch die Kajüte. »Wir wollen ja nicht, dass die Männer durchdrehen. Und du wirst schweigen, hast du verstanden?« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch.
Aegir konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Das verlief nicht gerade wunschgemäß. Er musste nun alles auf eine Karte setzen, ansonsten würde er den Jarl nicht überzeugen können. »Mein Herr, sie halten Eure Tochter auf Hjalmaers Schiff gefangen. Ich fand sie, während ihr das Kloster ausgeraubt habt. Nehmt ein paar Männer mit und vergewissert Euch selbst.«
Die Augen des Jarl weiteten sich für einen Moment. »Nein, das kann nicht sein. Meiner kleinen Ylvie würden sie kein Haar krümmen, das wagen sie nicht! Ich habe es ihnen doch gesagt. Nicht meine Tochter!«
Aegir runzelte die Stirn. »Ich rede von Deila«, erwiderte er zähneknirschend. »Und nun heraus damit. Was wird hier gespielt und was hast du ihnen gesagt? Du wusstest es die ganze Zeit, habe ich Recht?«
»Also haben sie die Falsche. Das ist gut.« Islav schien Aegirs Frage einfach übergehen zu wollen. 
Er strahlte eine Gleichgültigkeit aus, die den Riesen vor Wut rasen ließ. Er packte den Jarl auf nichts achtend am Kragen und schmetterte ihn mit einer solchen Wucht gegen die Wand, dass sich die Luft keuchend aus seinen Lungen presste. »Ich habe bei Gott geschworen, niemandem mehr ein Leid zuzufügen, aber du lässt mich über diese Aussage gerade reichlich nachdenklich werden. Wenn du mir nicht schleunigst erzählst, was hier vor sich geht, reiße ich dir den Schädel vom Kopf!« Aegirs Augen versprühten reines Gift. Eine Verschwörung war hier im Gange und wenn Islav nichts unternehmen wollte, hatte er als Jarl versagt. 
Hustend richtete der Häuptling sich auf. »Du Narr hast ja keine Ahnung, was du da tust. Dass du es wagst, deine dreckige Hand an mich zu legen. Du! Ein Fischer! Pah!«, zischte er heiser, dann spuckte er Aegir vor die Füße. 
»Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich nicht auf der Stelle vierteilen lasse! Du glaubst also, die Ustenströmer werden über uns herfallen, ja? Das hätten sie schon längst getan, hätte ich nicht mit Magnar eine Vereinbarung getroffen. Ich habe Hjalmaer die Hand meiner Tochter versprochen, sodass er der neue Jarl von Skiringssal wird, sollte ich einmal nicht mehr sein.«
Diese Worte trafen Aegir wie ein Schlag ins Gesicht. Das erklärte alles. Islav hatte Deila achselzuckend als Tribut angeboten, um das Dorf vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Doch dann wurde er stutzig. »Aber Deila ist nicht deine älteste Tocher«, grübelte er laut. 
Dann verstand er. Langsam wanderte Aegirs Hand zu seinem Dolch. 
»Du hast es erfasst. Und von daher gibt es ein letztes Problem, dem ich mich entledigen muss«, gestand Islav mit einem üblen Lächeln auf den Lippen. »Zum Wohle des Dorfes wirst du als mein Nachfolger abdanken müssen. Dass ich meinen kostbarsten Schatz, meine wundervolle Tochter Ylvie, in die Hände eines derartigen Tölpels gelegt habe, lässt mich doch stark an meiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Es ist an der Zeit, die Fehler der Vergangenheit zu begradigen.«
Die Tür flog auf und eine Handvoll Männer stürmte mit erhobenen Waffen in den Raum.
Aegir erkannte unter ihnen seine Waffenbrüder, mit denen er von Kindesbeinen an aufgewachsen war. Mit denen er etliche Schlachten geschlagen und endlose Meilen auf See hinter sich gelassen hatte. Nun betrachteten sie ihn mit harten Mienen, während sie ihn langsam umkreisten. 
Aegirs Versuch sich zu wehren erschlaffte. Gegen sie konnte er nicht die Hand erheben, ohne sich dabei in schwerer Sünde zu suhlen. Und dann, plötzlich, schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Ein kleiner Funke, der den letzten Rest der Erleuchtung in dieses verwirrende Spiel blies. 
Er hatte sich sofort gefragt, warum Islav ihn zum Schutze des Dorfes nicht direkt enteignet hatte, um Hjalmaer mit Ylvie zu verheiraten. 
Er wollte sie nicht hergeben. Also hat er Deila verkauft, um den Jarl von Ustenström zu täuschen. Ein netter Versuch, doch Magnar hat dich längst durchschaut. Und nun dürfte er tosen vor Wut. Eure Vereinbarung ist dahin und unsere Männer werden dafür mit dem Leben bezahlen. 
Bevor er aussprechen konnte, was er dachte, rammte ihm einer der Männer den Knauf seiner Axt in den ungeschützten Bauch. 
Ächzend ging Aegir auf die Knie. Sein Magen verkrampfte sich und Wellen der Übelkeit schwangen durch seinen Körper. »Du hast dich geirrt. Sie werden uns alle töten«, keuchte er schwer, bevor ein weiterer Schlag ihm das Bewusstsein raubte und sich alles in ein trostloses Schwarz tauchte. 


***


»Sie haben was?!«, kreischte Snorri außer sich. Er packte seinen Kameraden am Kragen. 
»Es ist wahr«, keuchte der zweite der beiden Männer, die Snorri zur Geri geschickt hatte, um mit dem Jarl zu beratschlagen. »Sie haben Aegir in eine Zelle gesperrt. Von den anderen weiß niemand etwas über die drohende Gefahr. Zudem sagten sie uns, dass Islav gerade beschäftigt sei.«
Mit einem entsetzlichen Aufschrei ließ Snorri von seinem Kameraden ab und schlug gegen die nächstgelegene Tanne. 
Schmerz pochte durch seine Hand aber der tat ihm gerade richtig gut.
Sie hatten sich etwas abseits der anderen versammelt, um sich für die bevorstehende Nacht vorzubereiten. Nun ließ die Entfernung zum Lager es zu, dass er seine ganze aufgestaute Wut gewähren ließ. 
»Ich sage dir, da ist was faul«, brummte Knutson nachdenklich. Seit sie an Land gegangen waren, schien er in düstere Gedanken vertieft.
Doch Snorri vermutete, dass sein Kamerad sie nach wie vor nicht mit ihm teilen wollte.
Ein Plan muss her und zwar schnell. Wir sind ihnen drei zu eins unterlegen, wenn es drauf ankommt. 
Die Tatsache, dass sein Bruder zum Schweigen gebracht wurde, bestätigte für Snorri umso mehr, in welcher Gefahr sie gerade schwebten. Seine Augen wanderten durch den dichten Wald. 
Sie hatten eine steile Anhöhe erklommen, unter welcher das heutige Nachtlager lag. Als Snorri genau hinsah, konnte er die Ustenströmer unter sich erkennen, wie sie ihre Zelte aufschlugen und Feuer schürten. Wenn er sich einmal um sich selbst drehte, konnte er auf die offene See blicken, die in trügerisch stillen Wellenbewegungen an ihnen vorbeizog. Doch auch diese malerische Kulisse vermochte es nicht, ihm etwas Ruhe zu verleihen. 
»Wenn wir sie hier hochlocken, könnten wir ihnen eine Falle stellen«, überlegte Knutson laut, während er sich nach einem geeigneten Ort dafür umsah.
Snorri folgte ihm dichtauf. Als sie noch kleine Kinder gewesen waren, hatte Aegir ihm beigebracht, wie man Hasen und andere kleine Tiere mit Fallen erlegte. Jetzt konnte dieses Wissen womöglich von Nutzen sein. 
Sie erreichten eine moosbewachsene Felsgruppe, die in etwa die Höhe von zwei Männern besaß. Ein perfekter Ort für einen Hinterhalt. 
»Wie stellen wir es an?«, murmelte Knutson gedankenversunken, während er um die Findlinge herumschritt.
»Zwei von euch sammeln Steine. Je größer, desto besser. Am Ende des Durchgangs positionieren wir angespitzte Pfähle. Sobald sie hier hineinlaufen«, er vollführte eine Handbewegung, »riegeln wir den schmalen Eingang ab und bewerfen sie mit den Felsen.«
»Und wie sollen wir den Eingang abriegeln?«, warf einer der Männer zögerlich in die Runde.
Snorri vermutete, dass er die Antwort bereits wusste. Dennoch sprach er aus, was alle dachten. »Wir müssen es selber tun. Mit Axt und Schwert. Aber so haben wir immerhin einen erheblichen Vorteil.« Er blickte bedeutungsvoll in die Runde. 
Die Gesichter der Männer spiegelten ihre Furcht wieder. Viele von ihnen waren wie er das erste Mal mit dabei. Mit so etwas hätten sie kaum rechnen können. Er wollte gerade etwas sagen, als Knutson ihm ins Wort fiel.
»Na los, ihr habt ihn gehört. Eine bessere Gelegenheit wird sich uns so schnell nicht bieten. Ich stelle außerdem ein paar Pfähle bei weiteren Hindernissen im Wald auf, sodass wir eine Möglichkeit haben, uns im Notfall zurückzuziehen«, mit einer Handbewegung entließ er die Männer, damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dann wandte er sich Snorri zu. »Hast du auch schon überlegt, wie du sie hierherlocken willst?«, fragte er mit skeptischem Blick.
Der junge Nordmann musste schlucken. Über diesen Teil des Plans hatte er am längsten nachgedacht und er gefiel ihm am wenigsten.
»Aye, das habe ich. Außerdem will ich unsere Männer ebenfalls wecken und aus den Zelten hervorlocken. Ich habe eine Idee und ihr müsst mir vertrauen. Auch, wenn es das gefährlichste wird, was wir jemals getan haben.«


***


Snorri lugte durch den schmalen Schlitz in seinem Zelt, dass er sich eigentlich mit vier anderen Männern teilte. Nun war er alleine. 
Die anderen hatten sich im Wald versteckt und warteten auf ihn.
Snorri war sich im Klaren darüber, dass ihr Überleben an seinem Erfolg hing. Wenn er es nicht schaffen würde, genügend Männer fortzulocken und die übrigen zu wecken, hatten sie so gut wie verloren. Er betrachtete die beiden Fackeln in seiner Hand als wären sie der Hammer Thors persönlich. Dann atmete er tief durch. Sein Herz pochte wie verrückt gegen seine Brust. So stark, dass er befürchtete, jederzeit entdeckt zu werden. 
So harrte er aus und wartete. Durch die Wipfel der Bäume, konnte er den Sternen auf ihrer Reise durch den Himmel zusehen. 
Das Feuer in der Mitte des Lagers war mittlerweile fast herunter gebrannt.
Nun lasst euch nicht so viel Zeit. Ich brauche die restlichen Flammen.
Instinktiv kam die Hoffnung in ihm auf, dass Aegir sich womöglich doch getäuscht hatte. Dass er etwas falsch verstanden hatte.
Doch diese Hoffnung wurde ihm zunichte gemacht, als sich in den Zelten langsam etwas regte.
Und dann erblickte er Magnar, wie er, in im Mondlicht glitzernde Ketten gehüllt, aus seiner Behausung trat. Die Axt, die er in seiner Hand hielt, sprach tausend Worte. Und jedes einzelne davon stand für Unheil. 
Snorri merkte, wie sich sein ganzer Körper unwillkürlich zusammenzog. Seine Kehle trocknete aus und sein Herz verfiel in einen ungesund schnellen Rhythmus. Für einen kurzen Augenblick zog sein bisheriges Leben an seinem inneren Auge vorbei. Er atmete ein letztes Mal tief ein. Dann zog er den Stoff des Zelteingangs beiseite und trat langsam ins Freie.

Die Taschenwelt (Kindergeschichte)

»Bleib doch mal stehen, kleiner Angsthase!« Dennis grinste verschmitzt, während er, mit zwei anderen Jungen im Schlepptau, auf Lisa zusteuerte. 
Lisa wusste, was nun geschehen würde. 
Dennis und sie gingen in die gleiche Klasse und wie die meisten anderen, blickte er verächtlich auf sie herab. Er hatte es sich scheinbar zur persönlichen Aufgabe gemacht, ihr Leben in die Hölle selbst zu verwandeln und an dieser Aufgabe übertraf er sich jeden Tag aufs Neue. 
Noch bevor Lisa etwas dagegen unternehmen konnte, schnappte er sich ihren Rucksack und leerte seinen Inhalt auf dem Schulhof aus. 
»Das ist gemein!« Lisa ärgerte sich, dass sie so schwach klang. Das tat sie doch immer. Sie wollte nach dem Rucksack greifen, aber einer der Jungs hielt sie ohne Schwierigkeiten zurück. 
Mit einem genüsslichen Schmatzen ließ Dennis seinen Fuß auf ihr Etui niedersausen und sie hörte wie Stifte und Füller zu Bruch gingen. Tränen rannen an ihrer Wange hinab.
»Hört endlich auf!«, flehte sie mit zittriger Stimme. Doch jede Gegenwehr schien zwecklos. 
Ihr Einknicken schien Dennis nur noch weiter anzuheizen. »Dir ist doch wohl klar, dass du das verdient hast, nicht?«, kicherte er hämisch und schleuderte ihren Rucksack hoch in eine Baumkrone, wo er sich zwischen den Ästen verhakte. Dann stieß er sie auf den Boden, sodass Lisa hart auf den Knien landete. »Ich freue mich schon auf morgen«, hauchte er ihr ins Gesicht und tätschelte fast väterlich ihre Wange. 
Dann zogen sie endlich ab. 
Lisa kroch langsam zu ihren Sachen und versuchte sie so gut es ging zusammenzusammeln. Ein Blick in ihr Etui verriet ihr, dass fast alles darin zerstört war. Den Rucksack würde sie auch nicht wiederkriegen. Sie konnte nicht anders, als für einen Moment am Boden auszuharren und zu schluchzen. Als sie sich endlich erhob, stellte sie fest, dass ihre Strumpfhose an den Knien gerissen war und sich eine blutende Schürfwunde gebildet hatte. 
Wie sollte sie das nur ihrer Mutter erklären? Sie hatte diese wehleidigen Blicke so satt, ebenso wie die Gespräche ihrer Eltern, die sie hinter ihrem Rücken führten. Was sollen wir nur mit ihr machen?
Lisa wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und machte sich auf den Heimweg. 
Sie beschloss, noch einen Umweg über den Schreibwarenladen einzulegen, um wenigstens einen neuen Füller zu kaufen. Sie hoffte nur, dass ihr Geld reichen würde. Außerdem war der Besitzer, der alte Herr Dirk, bisher immer recht nett zu ihr gewesen. 
Als sie den Laden betrat, füllte er gerade die Zigaretten hinter der Ladentheke auf und musterte sie mit einem besorgten Blick. »Beim heiligen Himmel, was ist denn mit dir geschehen? Man könnte fast meinen du wärst von einem Rudel rasender Raptoren überfallen worden.« 
Lisa hörte ihm gerne beim Sprechen zu. Das klang immer so lustig. »Nein«, seufzte sie dann, »nur von einem Klassenkameraden.«
»Schon wieder? Du musst dich wehren, mein Kind«, Herr Dirk strich nachdenklich durch seinen grauen Bart.
»Aber das kann ich nicht. Nicht alleine. Und befreundet sein will niemand mit mir.« Lisa merkte, wie ihr wieder die Tränen ins Gesicht traten. Einsam sein fühlte sich so richtig blöd an.
»Dann habe ich was für dich. Ja, das wird genau das Richtige sein. Eine Schachtel für die junge Dame«, Herr Dirk schien mit sich selbst zu sprechen.
»Ich bin zu jung zum Rauchen«, entgegnete Lisa entrüstet. Wurde er langsam tüdelig? 
Herr Dirk verschwand für einen Moment, dann zauberte er eine kleine, unscheinbare Blechschachtel hervor, die mit einem winzigen Schlösschen versehen war. Der Schlüssel dazu, hing um seinen Hals und mit einer fast feierlichen Geste übereichte er ihn ihr. »Es wird Zeit, dass sie mal wen Neues kennenlernen. Etwas frischen Wind bekommen«, schmunzelte er verträumt. Noch bevor Lisa ihn fragen konnte, was er meinte, fuhr er fort: »Du musst die Dose heute um Punkt Mitternacht öffnen, verstanden? Und erzähle niemandem davon. Es ist ein wohlgehütetes Geheimnis.«
Schluckend versprach sie es. Was hatte sie sich da nur wieder eingehandelt? Grübelnd darüber, was sich wohl in der Kiste verbarg, eilte sie nach Hause. 
Die wehleidigen Blicke ihrer Eltern, bekam sie nur am Rande mit. Es musste einfach Mitternacht werden, um jeden Preis. Die Zeit schien förmlich stillzustehen, während sie, fast platzend vor Neugier, auf die Stunde des Mondes wartete. Einzuschlafen kam nicht infrage.
Dann endlich war es soweit. Lisa kramte die Schachtel unter dem Kopfkissen hervor und knipste das Nachtlicht an. Anschließend ließ sie den Schlüssel langsam in das Schloss gleiten und öffnete die Dose. 
Sofort ergriff sie etwas mit unsichtbaren, zerrenden Händen und riss sie mit sich in die Dose hinein. Lisa wollte aufschreien, doch jeder Laut erstickte in ihrer Kehle. Dann verschwand sie mit einem lauten Plop in der Schachtel und alles wurde schwarz.

Als sie stöhnend die Augen öffnete, wurde ihr bewusst, dass sie träumen musste. Sie befand sich in einem unendlichen, dunklen Raum, der über und über mit den verschiedensten Lampenschirmen zugestellt worden war. Manche besaßen die Form von Trichtern, andere waren kugelrund, andere eckig. Manche bestanden aus Stoff, andere wiederum aus Glas. Und es gab sie in den unterschiedlichsten Größen. Der erste war nur groß wie ihre Faust, der zweite schon größer als mehrere Erwachsene übereinandergestapelt. Gemeinsam verwandelten sie den unendlichen Raum in ein flackerndes Lichtermeer. Dazwischen befanden sich immer wieder kleine Treppen aus glitzerndem Glas. 
Lisa merkte, dass sie keinen Boden unter sich spürte und auch keinen Himmel erkennen konnte. Dennoch gelang es ihr, auf die Lampen zuzuschreiten. 
Nachdem sie die ersten Schirme hinter sich gelassen hatte, traute sie sich, nach jemandem zu rufen. »Hallo? Ist hier irgendwer?« Ihr erster Anlauf zu Sprechen erschien ihr kaum mehr als ein Kratzen in der Kehle. Doch dann wurde sie lauter und lauter. 

Nach dem vierten oder fünften Anlauf vernahm Lisa auf einmal ein Getuschel und Geraschel. Kleine Schemen wuselten um die Schirme herum und schienen sich neugierig zu nähern. Dann lugte plötzlich ein kleiner Kopf um die Ecke, dann noch einer und noch einer. Alle besaßen sie grüne Haut, lange spitze Ohren, eine Knollennase und wirres weißes Haar, das in den undenkbarsten Frisuren zusammengesteckt worden war. Ihre gelb leuchtenden Augen musterten den Neuankömmling interessiert und sie schienen miteinander zu beratschlagen, was zu tun war. 
Dann torkelte plötzlich einer von ihnen aus der Reihe und hielt sich die Nase zu. Mit einem irren Lärm nieste er voller Inbrunst und hob dabei einige Meter vom Boden ab. 
Mit vor Staunen offenen Mund verfolgte Lisa seine Flugbahn.
Sanft wie eine Feder landete er vor ihr und verbeugte sich vornehm. »Killefitz Knisterfunk mein Name. Und unter uns .. «, er blickte sich schelmisch um, »der vornehmste und bestaussehenste aller Laternenlumpis.«
»Das ist gelogen!«, krähten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Killefitz hob beschwichtigend die Hände. »Und wen schickt uns Dirk da, hm?«, fragte er mit einer nachdenklichen Geste. »Doch wohl nicht wieder einen hämischen Herausforderer für den kraftstrotzenden Kampfsportkünstler Killefitz? Ich habe schon tausende Titanen tollwütig in den Tod gestoßen.« Er knuffte in die Luft wie ein Profiboxer.
»Das ist gelogen!«, johlten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Der Gnom ließ gespielt entnervt die Schultern hängen. 
Irgendwie konnte Lisa nicht anders, als schallend zu lachen. Diese kleinen Wesen waren wirklich merkwürdig. Und lustig. »Wer seid ihr? Und wo bin ich hier?«, fragte sie erstaunt.
»Du bist in der leuchtenden Lichterstadt. Und wir sind die legendären Laternenlumpis«, Killefitz vollführte eine untertänige Verbeugung. »Aber das hat Dirk dir sicher erzählt? Ein famoser Freund ist er, hah! Ich habe ihm nur unendliche Male das Leben gerett …«
Er hielt abrupt inne und blickte sich mit einem grimmigen Blick unter den anderen Lumpis um. »Ihr habt ja schon Recht, ihr Rabauken, ich bin ja schon ruhig«, knurrte er feixend. 
»Und ihr lebt wirklich in einer Dose?«, fragte Lisa ungläubig. Das konnte sie sich immer noch nicht vorstellen.
»Pah, jetzt werde nicht arrogant«, tadelte sie der Gnom. »Wer sagt denn, dass die morbiden Menschen nicht auch alle nur in einer Dose leben?«, er zwinkerte ihr verschlagen zu. 
»Die Wissenschaftler«, gab Lisa zurück.
Gejohle brauch über Killefitz zusammen und er gab sich geschlagen. »Ich sehe schon, dich kann man nicht so leicht beeindrucken«, lobte er feierlich. »Du bist ein mutiges Mädchen. Dann laden wir dich ein. Sei unser gepriesener Gast.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu einer Lampe, welche die Form eines riesigen Kürbisses besaß, größer als ein zweistöckiges Haus. 
Die anderen Laternenlumpis folgten ihnen.
»Das mit dem Nießen gerade, wie hast du das gemacht?«, erkundigte sich Lisa interessiert. 
»Nießen? Nie davon gehört. Das war mein Nitro-Nasketenantrieb«, er lachte verschmitzt. »Damit man nicht immer die Treppe nehmen muss.« 
Das Mädchen fiel in sein Lachen mit ein. »Redet ihr eigentlich immer so komisch daher?«, fragte sie neckisch.
»Du meinst, unsere Art alles in affige Alliterationen zu verpacken? Damit sind wir groß herausgekommen, hah! Frag mal die Bild, wo sie wäre, ohne die legendären Laternenlumpis!«
Lisa beließ es lieber dabei. 

In der Lampe angekommen, empfing sie ein gedämmtes Licht und eine riesige, gedeckte Festtafel. Lisa erkannte exorbitante Torten, Schüsseln voller Bonbons und Berge von Schokolade. 
»Das wollt ihr alles essen?«, fragte Lisa ungläubig. »Ist das nicht ungesund?«
»Nun, du musst wissen, wir Laternenlumpis reagieren allergisch auf alles, was gesund ist«, grübelte Killefitz laut. 
»Das ist gelogen!«, lachten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor. Dann machten sie sich in einem Affenzahn über das Festmahl her.
Während sie Unmengen an Bonbons in sich hineinstopfte, erzählte Lisa den Lumpis aus ihrem Leben. Vor allem von Dennis und ihren Eltern, aber auch von Herr Dirk und dass sie sich Freunde wünschte. 
»Na dasch ischt doch kein penibelesch Problem. Jede neue Nascht um schwölf kommscht du vorbei. Und dann laschen wir die Schau rausch«, nuschelte Killefitz, während er versuchte mit den drei Tortenstücken in seinem Mund fertigzuwerden. Er schluckte eifrig herunter. »Aber das mit diesem dämlichen Dennis klingt ja wirklich übel. Wir sollten ihm eine lehrreiche Lektion erteilen, findest du nicht?«
»Aber wie? Er ist groß und gemein.« Lisa wusste wirklich nicht, wohin das hier führen sollte. Sie kam die Lumpis gerne besuchen, aber sie waren doch noch kleiner als sie? Wie sollten sie ihr gegen Dennis helfen? Und er wusste dann doch auch, dass die Lumpis existierten, oder nicht?
»Ich sage dir mal was. Wir Lumpis haben eine zartbesaitete Zauberkraft«, erklärte Killefitz mit geschwollener Brust. »Wir können uns in die genialen Gedanken der Kinder verwandeln. Wollen wir es mal ausprobieren? Stelle dir einfach etwas vor. Nicht zu groß bitte, die dreimal-verfluchte-Decke, du verstehst?«
Lisa nickte, wobei sie nicht ansatzweise verstand, wie das, was Killefitz da erzählte, irgendwie möglich sein sollte. Dann formte sie einen Gedanken. »Bereit«, gab sie zu verstehen. 
»Und eins, zwei, drei«, Killefitz schnippte mit dem Finger.
Lisa entwich ein aufgeregtes Stöhnen, als der weiße Tiger aus ihren Gedanken direkt vor ihrer Nase auftauchte und ihr zärtlich über die Stirn leckte. Es kitzelte so sehr, dass sie nicht anders konnte als zu lachen. Sie vergrub ihr Kopf in seinem weichen Fell und vergaß für einen Augenblick jeden anderen Gedanken. 
»Nun, äh, du machst mich ja ganz verlegen«, lachte der Tiger mit Killefitz Stimme. Dann stand er wieder vor ihr. 
Da kam Lisa auf eine Idee. »Nun, vielleicht kannst du mir doch bei meinem Problem helfen«, kicherte sie diebisch. »Aber jetzt sollte ich fürs Erste in mein Bett zurück. Nicht, dass meine Eltern sich noch fragen, wo ich bin. Und morgen habe ich Schule.«
»Schule stinkt nach schnöder Socke. Aber wenn du unbedingt möchtest, schicke ich dich natürlich wieder zurück«, gab der Gnom achselzuckend zu verstehen. 
Draußen angekommen, griff er ihre Hand. »Mach dich bereit, das wird ein Ordentlicher«, erklärte Killefitz ernst, während er sich die Nase zuhielt.
Mit pochendem Herzen wartete Lisa ab, was geschehen würde. 
Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, als sie vom Boden abhoben und mit einer unfassbaren Geschwindigkeit in das schwarze Nichts katapultiert wurden. 
»Bis morgen!«, verabschiedete sich Killefitz, dann schleuderte er sie von sich. 
Wieder griffen unsichtbare Hände nach Lisa, doch dieses Mal erschien es ihr nicht so beängstigend. Nach einem weiteren heftigen Ruck riss sie die Augen auf und stellte überrascht fest, dass sie sich wieder in ihrem Zimmer befand. Ungläubig betrachtete sie den Schatz in ihren Händen. Die kleine, unscheinbare Schachtel, in der sich die Welt der Laternenlumpis befand. Schnell verstaute sie die Dose unter ihrem Kopfkissen und schleif sofort ein. 

Am nächsten Tag fiel es Lisa überhaupt nicht schwer, in die Schule zu gehen. Sie rannte den Weg fast. Dann bemerkte sie Dennis, wie er ihr, mit den beiden Jungs im Schlepptau, in einem versteckten Winkel des Schulhofes auflauerte.
Na warte!
Als er sie erblickte, kam er ihr hämisch grinsend entgegen. »Na, kleiner Angsthase. Heute schon nach Mama geheult?«, rief er zu ihr herüber. 
Schnell öffnete Lisa die Dose und dachte dabei an den großen weißen Tiger, in all seiner Pracht.
Mit einem majestätischen Brüllen fegte Killefitz über die Straße und rannte den Jungs mit gefletschten Zähnen entgegen. 
Dennis brachte nur noch ein Quicken zustande, während er panisch kreischend versuchte, sein Leben zu retten. »Mamaaa!«
Die anderen Jungs folgten ihm dichtauf.
Lisa kamen die Tränen vor Lachen. »Ich danke dir«, hauchte sie, gerührt vom Einsatz des Laternenlumpis.
»Hat er dich gerade Angsthase genannt?«, erwiderte Killefitz lachend, während er an ihr vorbeieilte und schnell wieder in der Dose verschwand. 
Dann rauschte auch schon Dennis aus dem Schulgebäude, in Begleitung der Klassenlehrerin. »Ich sage es doch, der Tiger war hier, Frau Jeken«, versuchte er wieder und wieder zu erklären, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
Auf den fragenden Blick der Lehrerin erwiderte Lisa nur: »Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon er spricht.« Sie tastete nach der Dose in ihrer Tasche und lächelte kurz. Dann schritt sie an ihnen vorbei ins Schulgebäude.

Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (1/2)

Deila betrachtete ihre Fingernägel, von denen kaum mehr als blutige Fetzen übrig waren. 
Nachdem Hjalmaer und seine Männer das Schiff zum Plündern verlassen hatten, hatte sie sich so wild gegen die Tür geworfen wie nur irgendwie möglich. Ihre Schultern schmerzten noch von dem unnachgiebigen Holz, das sich unter ihrem Gewicht keinen Deut gerührt hatte. Nachdem Deila festgestellt hatte, dass sie ihr Gefängnis nicht würde verlassen können, hatte sie es mit Rufen versucht, bis ihre Stimme brüchig und heiser geworden war. Am Ende blieb ihr nur noch das verzweifelte Kratzen an den Dielen. Einfach raus hier, irgendwie. Doch auch das hatte nicht funktioniert. 
Deila betrachtete die Planken, dort, wo ihre Tränen noch im Begriff waren zu trocknen. Sie merkte sich am Ende ihrer Kräfte. 
Gerade in dem Moment, wo ihre Gedanken sich darauf zu richten begannen, ihr Leben zu beenden, bevor alles noch schlimmer werden würde, vernahm sie Schritte von draußen. 
Irgendwer schlich über das Deck und kam dabei beständig näher. Dann hörte sie, wie jemand die Treppe herunterhuschte. 
Ruckartig setzte sie sich auf und presste sich dicht neben die Tür. Wenn jemand sich an ihr vergehen wollte, musste er zunächst in die Kajüte gelangen. Vielleicht konnte sie ihn überwältigen. Womöglich ihre einzige und letzte Gelegenheit, hier lebendig herauszukommen. Dann vernahm sie eine bekannte Stimme und eine endlose Erleichterung überkam sie.
»Deila? Deila, bist du hier unten?«, raunte Aegir grimmig.
»Bei den Göttern, ich bin es«, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf für einen Moment voller Dankbarkeit gegen die Tür. 
»Ich habe dich rufen hören. Wir haben wenig Zeit, bald sind die Männer zurück. Warum zum Donner bist du hier unten?« In Aegirs Stimme schwangen seine ärgsten Befürchtungen mit.
Es war als hätte man in ihr einen Wasserfall aufgestaut und nun den einen, wichtigen Stein losgetreten, der den Damm entzweibrach. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und überschlugen sich förmlich dabei. Deila merkte, wie sie zu zittern begann, während sie dem Riesen erzählte, was ihr seit dem Aufbruch wiederfahren war.
Aegir unterbrach sie nicht ein einziges Mal. 
Als sie fertig war mit erzählen, legte sich für einen Moment eine unheilverkündende Stille über das Schiff.
Dann krachte Aegirs Faust mit einer solchen Wucht gegen das Holz, dass sie erschrocken zusammenfuhr.
»Hunde, alle miteinander! Ich habe von Anfang an geahnt, dass hier etwas faul ist.« Er brüllte fast, dann mäßigte er seine Stimme wieder. 
»Was machen wir jetzt?«, wisperte Deila besorgt. Wenn die Falle der Ustenströmer zuschlug, würde es kaum eine Möglichkeit mehr geben ihr lebendig zu entkommen. 
Wieder herrschte Stille. 
»Ich werde mir etwas überlegen. Lass mich zunächst schauen, ob ich dich nicht hier herausholen kann«, antwortete der Riese. 
Er schien Anlauf zu nehmen, dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Das Holz knirschte, doch noch gab sie nicht nach.
»Noch einmal!« Deila merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Er musste es schaffen. Er musste einfach. Sonst würde man sie für immer hier unten einpferchen und sich nach Belieben an ihr vergehen. Der Gedanke daran ließ sie vor Bitterkeit würgen.
Doch auch die weiteren Versuche des Riesen blieben ohne Erfolg.
Dann vernahm sie lautes Gegröle in der Ferne und alles in ihr zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie kommen zurück! Du musst verschwinden und die anderen warnen!«, zischte sie hastig.
»Und was ist mit dir?« Er klang verunsichert. 
Als Deila aussprach, was sie dachte, drehte sich ihr Magen um. »Ich bleibe hier unten und spiele ihr Spiel mit.« Dann nahm ihre Stimme etwas an, das im Vergleich selbst die Dunkelheit ihrer Zelle zu einem lichtdurchfluteten Ort werden ließ. »Und wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bringe ich sie alle um.«

***

Yorrick wischte sich die nasse Stirn mit dem Handrücken ab. 
Die beiden Bäume über die steilen und dicht bewucherten Klippen zu befördern, hatte einen immensen Kraftaufwand gefordert und sie um fast einen halben Tag zurückgeworfen. Doch die Planken des Bugs mussten erneuert werden und das Ruder galt es ebenfalls zu reparieren. Aufgaben, die, in Anbetracht der sommerlichen Hitze, nicht ohne Folgen blieben. Die Tatsache, dass ihre Wasserreserven begrenzt waren, verbesserte die Umstände nicht wirklich ungemein. 
Yorrick sog scharf die salzige Seeluft ein, die durch die an Land geschwemmten Algen eine gewisse Strenge angenommen hatte, dann ließ er seine Axt wieder auf den Baum krachen. 
Zwei junge Kiefern hatten sie gefällt, nun mussten sie diese notdürftig in etwas brauchbares formen. Das junge Holz bot die benötigte Dehnbarkeit, um es in Planken zu verarbeiten. Hätte der Schiffsbaumeister sein Werkzeug dabeigehabt, wäre diese Aufgabe sicherlich leichter zu bewältigen gewesen. 
Eine gute Idee für die nächste Fahrt.
Nun erforderte jeder Hieb gewaltige Präzision und nicht jeder der Männer war für diese Art von Arbeit geschaffen. 
Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Olaf es wohl angestellt hätte, musste Yorrick kurz schmunzeln. Gut, dass er an Bord gewesen war. Die Mannschaft hätte kaum genug Bier herankarren können, um Olafs ungeduldigen Zorn zu ertränken.
Mittlerweile bedeckten die ersten Bretter den groben, gelben Sand des Strandes und der Schiffsbaumeister sah sich unter ihnen nach besonders vielversprechenden Exemplaren um. Nachdem er eine sorgfältige Auslese durchgeführt und die Männer damit beauftragt hatte, sie in die entsprechende Form zu biegen, widmete er sich dem zerstörten Ruder. Achselzuckend stellte er fest, dass es völlig hinüber war und sie ein neues anbringen mussten. Angesichts der wenigen Zeit, die sie noch besaßen, bevor die Vorräte ausgingen, würden sie mit einem spärlichen Ersatz vorlieb nehmen müssen. 
»Ich brauche ein Seil, so dünn und fest wie möglich!«, rief er niemand bestimmtem zu. »Und einen Ast, dick wie mein Arm.«
Es dauerte nicht lange, bis Jorleif ihm die geforderten Gegenstände knapp nickend in die Hand drückte. 
Dann machte er sich auf die Suche nach einem, für sein Vorhaben ideal geeignetem Stück Kiefer, das er als Ruderbrett verwenden konnte. 
Yorrick nahm das eine Ende des Astes und bearbeitete ihn solange mit der Axt, bis er eine handgroße Fuge in ihn hineingeschnitzt hatte. Gerade groß genug, dass das Ruder hineinpasste, auch wenn er mit väterlichen Klopfern nachhelfen musste. 
Dass es nicht von alleine herausrutscht, ist von Vorteil. Aber wenn wir es noch einmal mit einem ausgewachsenen Sturm zu tun bekommen, wird das kaum ausreichen.
Bitter lachend spuckte er aus. Dass er noch nicht der Rán in die Hände gefallen war, verdankte er seinem Geschick. Doch irgendwann würde er der alten Mutter einen Besuch abstatten. 
Mit einem enormen Aufwand von Geduld, Fingerfertigkeit und Erfahrung wickelte er fürsorglich das Seil um den Punkt, wo Planke und Ast sich verbanden, wobei er das ein oder andere Mal zusätzlich einen Knoten schlug, um die Last hinterher besser zu verteilen. Dann, zufrieden mit seinem Werk, vertäute er das Ruder an der hinteren Reling und widmete sich der anderen Aufgabe. 
Denn auch der Bug erforderte seine Aufmerksamkeit. 
Unter Yorricks Aufsicht rissen die Männer die ramponierten Planken heraus und ersetzten sie durch neue. Eine Feinarbeit, die nicht ohne gedämpfte Flüche, gedrungenes Gestöhne und genervte Aufschreie vollendet wurde. 
Olaf verlor fast einen Finger, als er mit dem Hammer ungenau zielte und Jorleif verhedderte sich mit dem Bart in einem Nagel, was zur Folge hatte, dass er sich brüllend wie ein gereizter Bär ein ganzes Büschel Haare herausriss. 
Dann endlich, als die Sonne dem Horizont bereits einen roten Kuss schenkte, schien ihre Arbeit vollendet. 
Schwer atmend ließ Yorrick sich in den Sand fallen.
»Du hast es mal wieder geschafft, du alter Sauhund!«, lobte Olaf feierlich, während er sich erschöpft neben ihn pflanzte. 
»Ein Hoch auf den Schiffbaumeister!«
Die Menge johlte ihm zu. 
Yorrick hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich habe mich mal wieder selbst übertroffen«, feixte er grinsend. »Jetzt rastet, in der Früh brechen wir auf. Sollten wir morgen untergehen, ist das natürlich diesem Pfuscher hier zu verdanken.« Er klopfte Olaf freundschaftlich auf die breite Schulter. 
Alle mussten lachen, Olaf am lautesten. 
Yorricks Blick wanderte von den Männern zu dem Schiff, auf die offene See hinaus. Trügerisch ruhig glitzerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der sanften Brandung. 
Mögen die Götter uns gnädig sein, dachte er wehmütig, während er im Himmel sorgenschwer nach weiteren Anzeichen für einen Sturm suchte. 
Und beten, dass sie uns den morgigen Tag überstehen lassen.

Die Wölfe von Asgard – Das Koster (2/2)

Snorri spürte, wie sein Herzschlag vor Aufregung gegen die Brust trommelte, als er das Kloster in der Ferne ausmachte, während er sich eifrig in das Ruder stemmte. Die Zeit war gekommen. Nun galt es für ihn, sich vor den Göttern zu beweisen, um ihre Gunst zu erlangen, damit sich eines Tages ihre Tore für ihn öffnen würden. Seine Hand wanderte für einen kurzen Moment zu seinem Schwert, bevor er wieder das Ruder griff, um nicht aus dem Takt zu geraten. Er fühlte sich bereit. Bereit, wie ein tapferer Seemann nur sein konnte. 
Sein Blick steuerte zu Knutson, der ihn bedächtig betrachtete.
»Nun, Snorri Naseweis, wird sich dir offenbaren, für welches Handwerk du bestimmt bist. Ist es das Schlachten? Ist es das Plündern? Oder ist es die Gnade?« 
Snorri runzelte die Stirn. Manchmal konnte sein Steuermann wirklich seltsam sein. »Ich werde tun, was ich tun muss«, erwiderte er achselzuckend. 
Dann bemerkte er, dass einer der Ustenströmer ihn mit einem vor Abscheu triefenden Blick betrachtete. 
Als er jedoch genauer hinsah, wendete der Mann sich ab.
Komische Vögel, alle miteinander. Nicht besonders helle und streitlustig obendrein. 
Er seufzte.
Islav wird schon wissen was er tut. Wenigstens haben sie seit unserem ersten Aufeinandertreffen nicht noch einmal versucht mich totzuprügeln.
Snorri richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den grünen Fleck, der immer näher an sie herankroch und mittlerweile eine graue Spitze in seiner Mitte aufwies. 
Das Kloster. Endlich. 

»Seichtes Gewässer voraus. Mast kippen und bereitmachen zum Anlanden!«, brüllte Knutson aus voller Kehle.
Sofort führten die Männer seine Befehle aus. 
Das Eiland, das sich nun vor ihnen erstreckte, bedeckten saftige grüne Weiden und auf einem Hügel über ihnen thronte das Kloster wie ein trotziger steinerner Wächter, der ihr Kommen bereits erwartete. 
Als Snorri genau hinhörte, vernahm er das Läuten einer Glocke. 
Sie wissen, dass wir kommen. Aber jetzt ist es zu spät für sie.
Das Schiff steuerte in eine Bucht. Von hier aus würden es ein Leichtes werden, den Hügel zu stürmen.
»Ruder einholen!« Knutson gab dem Steuer einen letzten Ruck, dann traf der Bug auch schon auf den weichen Küstensand und pflügte elegant durch ihn hindurch, bis das Boot schließlich zum Stillstand kam. 

Brüllend sprangen die Männer über die Reling, jene von den anderen Schiffen taten es ihnen gleich. Wie eine Flut aus Helmen, Schwertern, Speeren, Äxten und Schildern preschten sie den Hügel empor. 
Snorri stieg ein Gefühl in die Brust, das ihn federleicht machte. Unbesiegbar. Er rannte an die Spitze der Kolonne und war einer der ersten, der die massive Pforte des Klosters erreichte. »Verschlossen! Holt eure Äxte und zeigt diesen Mistkerlen, dass sie uns nicht aufhalten können!« 
Er wurde mit Gejohle quittiert, dann ertönte das erste Krachen, als die Waffen gegen das Holz donnerten. 
»Nehmt euch alles, was ihr greifen könnt! Jeder, der sich uns in den Weg stellt, ist des Todes!«, verkündete Islav lautstark. 
Dann gab die Pforte nach und mit einem Ächzen flog sie aus ihren Angeln.

»Hinein! Schlachte sie alle ab!« Magnars Stimme grollte als wäre er Tyr in Person. Sein eiserner Blick allein hätte gereicht, um ein Dutzend Feinde zu töten.
Plötzlich trat ein Mann in einer braunen Kutte aus der Dunkelheit hervor. Er hob beschwichtigend die Hände, kniete sich vor ihnen nieder und wiederholte Worte in einer fremdartigen Sprache. 
Magnar bäumte sich lachend vor ihm auf. Dann hackte er mit dem Schwert wieder und wieder auf ihn ein, bis von dem Mann nur noch abstrakte Fetzen und eine große rote Lache übrigblieben. 
»Das war der Erste!«, johlte er. Blutspritzer bedeckten sein gesamtes Gesicht und entstellten es auf eine tierische Art und Weise. 
Snorri merkte, wie sich bei diesem Anblick eine Gänsehaut auf seinem Nacken formte, die langsam in Richtung seines Rückens kroch. 
Dieser Mann ist ein Monster. Ich sollte mich hüten, ihm in die Quere zu kommen. 
»Hinein!« 
Die Schar stürmte an Magnars Seite in das Innere des Klosters. 
Snorri folgte ihnen dichtauf. 
Die hohen Decken und kunstvollen Verzierungen des Gebäudes ließen ihn den Atem anhalten. Wer immer hier lebte, er musste reich sein. Prunkvolle Säulen griffen nach dem Himmel und bunte Fenster aus Mosaik ließen ein spielerisches Licht durch die Hallen glitzern. 
Doch dann begannen die ersten Schreie das Kloster mit ihrem Klagelied zu erfüllen, das anschwoll zu einem Chor der Agonie. 
Die Männer fielen über die wehrlosen Mönche her und veranstalteten ein Massaker unter ihnen. Jene, die nicht zu fliehen vermochten, wurden zusammengetrieben und erschlagen. Ihr Blut färbte den Boden rot.
Snorris Ansturm endete so jäh wie er begonnen hatte. Er blickte in furchterfüllte Gesichter unterschiedlichen Alters, voller Verzweiflung und Todesangst. Manche schienen zu beten, andere winselten, andere wiederum wirkten wie in Stein gemeißelt. Ungefähr die Hälfte der Mönche lag regungslos auf dem Boden, ihre Kutten in ein nasses rot gefärbt. Leblose Augen starrten den jungen Nordmann klagend an.
»Was machen wir mit dem hier?«, der fettleibige Ustenströmer, der sich vor ein paar Tagen mit Snorri eingelassen hatte, zerrte eifrig einen weiteren Mann an den Haaren herbei. »Hat sich in einem Schrank versteckt. Soll ich ihm die Zähne aus dem Maul prügeln und ihn daran ersticken lassen? Oder soll er seine Zunge fressen?«, er zückte quiekend vor Begeisterung ein Messer, während er sprach. 
Snorri wandte sich ab. Das wollte er nicht mit ansehen. Seine Kampfeslust gefror wie eine Pfütze, die vom ersten Hauch des Winters geküsst wurde.
Die gurgelnden Schreie, die im Anschluss durch die Halle hallten, waren das schlimmste, was er je gehört hatte. Sie brannten sich wie ein glühendes Eisen durch seinen Kopf und schienen nicht enden zu wollen. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kehrte eine bedächtige Ruhe im Kloster ein. 
Angeekelt drehte Snorri sich um. 
Von dem Gesicht des Mannes war kaum etwas an der richtigen Stelle geblieben. 
Er merkte, wie sein Magen zu rebellieren drohte. Die Worte Islavs, das Kloster auf weitere Schätze zu untersuchen und die restlichen Mönche auf die Schiffe zu treiben, bekam er nur am Rande mit. 
Dann merkte er plötzlich, wie jemand an ihn herantrat. 
»Nicht gerade angenehm, hm?« Knutson spuckte aus. »Brutale Bastarde, allesamt. Wir kamen um zu plündern, nicht um zu morden. Einige scheinen das vergessen zu haben. Tu gut daran, etwas nach Hause mitzubringen. Das ehrt deine Taten und du kannst es womöglich gebrauchen. Lass das hier nicht umsonst gewesen sein. Und …«, er schien kurz zu grübeln, dann lächelte er, »ich werde keinem von deinem Gesichtsausdruck erzählen, versprochen.« Er wandte sich ab.
Snorri schluckte, dann klopfte er Knutson noch einmal auf die Schulter. »Ich danke dir«, presste er leise hervor.
Der alte Nord nickte ihm kurz zu, dann verschwand er durch eine Tür, die in den Keller zu führen schien. 
Snorri fasste sich ein Herz und tat es ihm gleich. 

Er eilte durch einen schmalen Gang, der sich einmal durch das gesamte Kloster winden musste, so lang war er, vorbei an Türen und einer Treppe. Der junge Nordmann beschloss ihr zu folgen und erreichte einen weiteren Korridor, der mit seltsamen Gemälden versehen war. Wieder und wieder erschien darauf ein Mann, der zu Tode geschunden wurde. Zunächst trug er ein Kreuz auf dem Rücken und wurde durch die Stadt gejagt. Später nagelte man ihn an ebendieses Kreuz und ließ ihn qualvoll verenden. Als er zu Grabe getragen wurde, trauerten die seinen um ihn. Doch besonders das letzte Gemälde zog Snorri in seinen Bann. Der Mann musste sein Grab verlassen haben, obwohl ihn der Tod bereits ereilt hatte. 
Sein Gott hat ihn zu sich gerufen. Obwohl er so jämmerlich starb. 
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn ein Winseln, unweit von seiner Position entfernt, zurück in die Gegenwart. 
Das kommt aus einer der Kammern.
Snorri griff nach seinem Schwert und pirschte sich an die Tür heran. Zögerlich öffnete er sie. 
Dahinter befand sich ein karger Raum, kaum mehr als eine Zelle, mit einem winzigen Fenster und einer Matratze aus Stroh, unter der sich ein Mönch verbarg, die Hände zum Gebet gefaltet, während er wieder und wieder dieselben Worte winselte. 
Ein kurzer Blick sagte Snorri, dass es hier nichts zu holen gab. 
Auf einmal ertönten Schritte auf der Treppe. »Vorwärts, Hunde!« Snorri erkannte die Stimme sofort. Die gehörte seinem neuen besten Freund, dem fettleibigen Ustenströmer. Er blickte in die Augen des Mönches, das flehende Flackern von Lebensfreude lag darin. 
Dann bogen die Männer um die Ecke.
Snorri ließ schnaubend die Tür ins Schloss fallen. »Hier oben haben die Mistkerle an Prunk gespart. Die Bilder könnten etwas wert sein, aber in ihren Zellen findet ihr höchstens einen Verrichtungseimer voller Scheiße!«, zeterte er wüst und hoffte die Männer würden ihm nicht ansehen, dass er log. 
»Viel mehr hast du auch nicht verdient, du Zwerg«, höhnte der Dicke und kam dabei gefährlich nahe an ihn heran. 
Doch zu Snorris Erleichterung beließ er es bei dem gehässigen Kommentar und sah davon ab, sich selbst zu überzeugen. 
»Die Gemälde gehören jetzt Magnar. Irgendwelche Einwände?«, kläffte er stattdessen.
Snorri verneinte.
»Braves Hündchen. Vielleicht findest du ja doch einen Platz an unserer Seite.« Die Ustenströmer lachten kurz, dann verschwanden sie so schnell wie sie aufgetaucht waren. 
Erst in diesem Moment merkte der junge Nordmann, dass er die Luft angehalten hatte. Gierig saugte er sie ein. Sein Blick steuerte ein letztes Mal zu der Tür, hinter der sich der Mönch verbarg. Über ihr war ein goldenes Kreuz angebracht worden. Und da überkam ihn schlagartig die Gewissheit, dass es sich hierbei nur um ein Zeichen handeln konnte. 
Du bist wie sie. Du hast deine eigenen Worte verraten. 
»Verdammt sollst du sein, Bruderherz«, grummelte er, während er danach griff. Das Kreuz lag schwer in seiner Hand, es musste also etwas von Wert sein. Heimlich ließ Snorri es in seine Tasche gleiten. Kopfschüttelnd machte er sich daran, wieder zu den anderen zu stoßen. 

Die Männer drängten gerade die verbliebenen Mönche aus dem Kloster, ihre Arme in Ketten gelegt, ihre Mienen versteinert und blutverschmiert. 
Knutson gesellte sich zu ihm, er trug einen Sack über der Schulter und grinste verschmitzt. »Ein Altar«, er nickte in Richtung des Sackes, »im Keller. Gab ordentlich was zu holen. Und bei dir?«
Snorri griff in die Tasche, dort wo das Kreuz lag. »Auch ich habe etwas gefunden«, murmelte er gedankenversunken. 
Verdammt, Aegir, warum nur vermochte ich nicht die Wahrheit zu sehen?
Zu seinem Glück beharrte Knutson nicht weiter auf einer Antwort, wofür er eine gewisse Dankbarkeit verspürte. 
Als sie die Schiffe erreichten, konnte Snorri nicht anders als sich instinktiv nach seinem Bruder umzusehen. Sie mussten reden.
Als hätte er ihn gehört, eilte der Riese auch schon auf ihn zu. 
»Wir müssen reden!«, Aegir zog Snorri hinter einen Baum. 
»Du hast Recht, Bruder, ich … ich …«, plötzlich fielen Snorri keine Worte mehr ein, um zu erklären, was ihm passiert war.
»Keine Zeit. Wir stecken tief in der Scheiße«, erklärte Aegir mit sorgenschwerem Gesicht. Er sah sich nervös um.
Islav kam auf sie zugesteuert. »Aegir! In meine Kajüte! Sofort!«, blaffte er harsch. 
»Was meinst du?«, flüsterte Snorri aufgeregt.
»Hüte dich vor den Ustenströmern, und sag es auch den anderen. Sie werden uns hintergehen, wenn die Zeit gekommen ist. Wir müssen uns vorbereiten. Ich werde versuchen Islav zu überzeugen.« Mit diesen gezischten Worten wandte er sich ab und ließ seinen kleinen Bruder allein.
Snorri schluckte. Ein bitteres Gefühl, schwer von Vorahnung, machte sich auf seiner Zunge breit und hinterließ einen faden Geschmack. 
Als er zu den Schiffen zurückkehrte, empfing ihn Gejohle.
Einige der Ustenströmer hatten sich einen Mönch geschnappt und tauchten ihn wieder und wieder unter Wasser, bis er wie ein Wilder zappelte. Lautstark wurden Wetten abgeschlossen und die ersten erbeuteten Münzen wechselten bereits ihren Besitzer. 
Irgendwann regte er sich nicht mehr. Murrend wandten sich die Männer von ihm ab. 
Snorri spürte einen maßlosen Ekel in sich aufkeimen. Er würde Knutson und den anderen berichten, was Aegir ihm erzählt hatte. Und da wurde ihm bewusst, dass die Schlacht, für die er eigentlich vorhergesehen war, gerade erst begonnen hatte.

Die Wölfe von Asgard – Das Kloster (1/2)

Das Knarren der Planken weckte sie aus einem düsteren Traum. Als sie Hjalmaers Stimme vernahm, während er gerade dabei war, den Posten vor ihrer Tür zu verscheuchen, breitete sich ein eisiges Gefühl in ihrer Brust aus, das sich langsam bis in ihre Fingerspitzen schlich. Sofort richtete sie sich in eine aufrechte Position auf, wie man es von einer Dame höheren Standes erwartete. 
Wo ist dein Stolz geblieben? Sie biss sich auf die Zähne und schluckte ihn herunter. Den gesamten gestrigen Tag hatte sie hier unten verbracht, einsam und eingesperrt, bis ihre Tränen getrocknet waren. Wartend.
Doch er war den ganzen Tag nicht aufgetaucht, um nach ihr zu sehen. 
Dort, wo Hjalmaer an diesem von den Göttern bezeugten Abend einen Funken der Hoffnung in sie hineingeblasen hatte, war nur ein ausgebranntes Aschekleid geblieben. Erloschen.

Angestrengt blinzelte Deila durch die Dunkelheit. Das ständige Auf und Ab des Schiffes erschien ihr mittlerweile nicht mehr gewöhnungsbedürftig, doch in der Kajüte kam ihr alles so fremdartig vor. Sogar sie selbst. 
Das flackernde Licht einer Laterne begleitete den Sohn von Magnar, als er hastigen Schrittes in die kleine Kajüte trat. »Noch ein paar Stunden, dann haben wir unser Ziel erreicht. Bei Sonnenaufgang wird Blut fließen«, begann er zu sprechen.
Er ist betrunken, wurde Deila klar. Sie antwortete nicht. Der Klang seiner Stimme konnte ferner nicht sein. Sie traute sich nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen, wenn sie es genau bedachte. Traute sich nicht die Fragen zu stellen, nach deren Antworten sie dürstete.
Hjalmaer entkleidete sich und legte sich zu ihr. 
Er roch so als hätte er den Vorrat einer Taverne im Alleingang geleert und am liebsten hätte Deila sich einfach von ihm abgewandt. Doch auch das traute sie sich nicht. Sie war wieder einfach nur Deila, das Pferd, auf dem man herumreiten konnte wie es einem beliebte. Islavs missgebildete Tochter. 
Als sie spürte wie seine Hand zwischen ihre Schenkel wanderte, konnte sie nicht anders als erschrocken zusammenzufahren. Sie blickte in seine Augen, hart wie Fels, und er legte ein abstoßendes Lächeln auf.
»Komm, meine kleine Valkyrja, machen wir mir einen kleinen Gott und dich zu einer grunzenden Sau« kicherte er betrunken, drehte sie um und gab ihr einen gönnerhaften Klaps auf den Hintern. 
Deila spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wie konnte er nur so sein? Sie den ganzen Tag hier unten einsperren und sich dann mit einer ekelhaften Lüsternheit an ihr vergehen. Sollte das ihr neues Leben sein? Sie konnte ein klagendes Schluchzten nicht unterdrücken.
Er gab ihr noch einen Klaps. »Halt bloß die Klappe!«, knurrte er böse. »Und dreh dich von mir weg. Dann muss ich nicht in deine Fratze gucken, während ich es dir besorge.«
Übelkeit stieg in ihr auf. Fassungslosigkeit. Wut. Ekel. Hass. Angst. 
Sie war auf ihn hereingefallen. Und nun hatte er sie in seiner Gewalt. Auf seinem Schiff. Ohne Hilfe. Und ihr Hoher Vater würde sich sicherlich einen Dreck um sie scheren. Sie spürte, wie seine Hände sie erforschten, sie konnte die Berührung nicht ertragen. Angeekelt versuchte sie von ihm wegzurücken, doch er kam sofort hinterher. 
» Valkyrja«, kicherte er, belustigt von ihrer Gegenwehr. »Du hast das wirklich geglaubt, ja?« Er schlug ihr hart in die Seite, so dass es schmerzte. 
Keuchend presste Deila die Luft zwischen den Zähnen hervor.
»Dann wach mal wieder auf«, Hjalmaers Stimme nahm etwas grausames an und er grinste ihr schadenfroh entgegen. »Denn morgen ist ein großer Tag und du solltest ihn gut in Erinnerung behalten.« Er kam ganz nahe an sie heran.
Deila musste würgen. Ihr Magen drehte sich um und sie bemerkte, dass sie vor Angst zitterte. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. 
Ein nasser Fleck breitete sich auf dem Fell unter ihr aus.
»Denn wir werden sie alle umbringen. Die Priester, die Frauen, die Kinder, wenn sie welche haben«, er strich ihr fast zärtlich über die Wange. »Und dann seid ihr dran. Einer nach dem anderen. Deinen Vater nehme ich zuerst. Und ganz am Ende …«, er strich ihr abermals über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals. 
Seine Lippen waren wie Eis auf ihrer Haut. 
» … kehren wir Heim und ich mache mit deiner Schwester das, wofür du einfach zu hässlich bist. Manchmal lohnt sich das Warten. Sie wird sich später bei mir dafür bedanken«, kicherte er hämisch. Dann schob er sich achselzuckend aus dem Bett, als wäre das alles gerade nicht geschehen, und kleidete sich an. 
Nachdem sich die Tür hinter ihm schloss, brach Deilas Welt in sich zusammen. Röchelnd versuchte sie zu atmen, was ihr einfach nicht gelingen wollte. Ihr Körper zitterte und perlengroße Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie fühlte sich dreckig, unrein und benutzt, obwohl er doch von ihr abgelassen hatte. Und dann wurde ihr schlagartig bewusst, was Hjalmaers Worte bedeuteten und eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken. Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, dann würde es morgen ein Massaker geben. Und sie war die Einzige, die es eventuell verhindern konnte.
Du bist zu schwach, schallte sie ihre innere Stimme. Deila das Pferd. Deila die Missgeburt. Deila die Hure.
»Hört auf«, ihre Stimme glich einem gequälten Stöhnen. Hauchzart nur, als würde das Leben mit ihrem Odem entweichen. Nicht stark genug, um das Flüstern in ihrem Kopf zu verdrängen. Deila rollte sich auf den Rücken und die Erkenntnis, dass dies womöglich von nun an ihr Leben sein sollte, ließ sie krampfhaft schluchzend zusammenbrechen. Dann brachen die ersten Lichtstrahlen durch die Planken und mit ihnen drang die Gewissheit durch sie hindurch. Der heutige Tag würde ihr aller Ende besiegeln.

***

Aegir lehnte am Bug der Geri und starrte angestrengt in die Ferne. Der Himmel hatte, von den ersten Zeichen des Sonnenaufgangs erhellt, eine tiefenblaue Färbung angenommen und hier und dort räkelten sich dicke Wolkenberge träge aus ihrem gemütlichen Schlaf. 
Wie trügerisch friedlich das Meer doch heute ist.
Er spuckte über die Reling und suchte nach Anzeichen von Land am Horizont. Noch gab sich nichts zu erkennen, doch nur allzu bald würde das Kloster vor ihnen auftauchen und das Schlachten beginnen. 
Sie sind alle so blind. Was hat die Gier nur aus ihnen gemacht?
Warum Islav so streng darauf beharrt hatte, ihn unbedingt zu diesem Unternehmen zu nötigen, ließ Aegir immer noch rätseln. Es befand sich fernab seiner Vorstellungen von einem genügsamen Leben. Er blickte in seine vom Krieg und der Arbeit gezeichneten Handflächen und seufzte. Musste er sie wieder in Blut tränken? Durch seinen Kopf schossen grausame Bilder von Schmerz, Verlust und Tod. Herbeigeführt durch seine Hand. 
Doch der Gott der Christen kannte, anders als die Götter der Nord, das wohltuende Heil der Vergebung. Warum also sollte er ihm nicht auch vergeben können? 
Der Riese seufzte. Nachdenklich verlor sich sein Blick in den Wolken und für einen Moment schien sein Kopf träge und leer. Dann fasste er einen Entschluss. Bis zu ihrer Heimkehr würde er dieses Schiff nicht verlassen und wenn es seinen Tod bedeutete. Sollte Islav sich doch alleine um diese närrische Unternehmung kümmern. 
Gott sei mein Zeuge, heute werde ich meine Hände nicht mit dem Blut der Unschuldigen beflecken.
Snorri konnte sich seinen Spott schenken. Wenn er ihm noch einmal auf der Nase herumtanzen wollte, würde er die seines Bruders vorzeitig verbiegen. Der Junge war einfach noch zu jung und heißblütig, um etwas derartiges zu verstehen oder überhaupt einen wertvollen Gedanken daran zu verschwenden. 


Plötzlich tauchte eine rote Sonne vor ihnen auf. Langsam aber beständig eroberte der rote Riese den Horizont.
Ein böses Omen. Aegir gelang es nicht, seine finsteren Vorahnungen zu unterdrücken. Ein blutendes Auge, das uns bedauernd bei unseren Taten zusieht. Noch am heutigen Tage wird es zu einem entsetzlichen Gemetzel kommen.
Bevor er den Gedanken beendet hatte, tauchte ein grüner Punkt am Horizont auf und gewann rasch an Größe. 
Aegir ballte die Fäuste zusammen. Die hungrige Bande würde über das Kloster fegen wie ein Sturm und niemanden verschonen. 
Der Tod hatte ihn abermals eingeholt.

Die Wölfe von Asgard – Der falsche Gott

»Sie sind der Rán in die Hände gefallen! Allesamt vom Meer verschlungen!«, ächzte Snorri, während er sich keuchend die Hände in die Hüften stemmte. Als er die Nachricht erfahren hatte, hatte er sich abseits des kargen Lagers befunden, das für heute ihre Ruhestätte sein sollte, und war sofort losgeeilt, um es den anderen mitzuteilen.
Yorriks Schiff galt seit dem schweren Sturm als verschwunden. 
Nun hatte Islav öffentlich bekanntgegeben, dass sie nicht mehr warten und bei Tagesanbruch Segel setzten würden. 
Die Mienen der Männer wirkten im flackernden Schein des Feuers wie versteinerte Masken, denen sämtliche Gefühle aus dem Gesicht gemeißelt worden waren. 
Für einen Moment kam es Snorri so vor, als würden die dichten Kiefern noch näher an sie heranrücken. Als würden sie atmen. Sie belauern. 
Nur das funkenspuckende Feuer schien ihm eine Antwort geben zu wollen, indem es rote Glühwürmchen in den dunklen Abendhimmel sandte.

»Das will mir ganz und gar nicht gefallen«, durchbrach Holmger endlich die Stille. »Nun sind es noch mehr Ustenströmer als vorher. Und die benehmen sich jetzt schon als wäre das ihr Viking. Wenn ihr mich fragt, ist Islavs Gewicht in dieser Unternehmung höchstens noch in Scheiße aufzuwiegen.« Er spuckte wütend ins Feuer. 
»Yorrik ist ein zäher Hund, niemand von uns hat so viel Erfahrung wie er. Der kommt schon zurecht«, versuchte Völund zu beschwichtigen, doch sein nervöser Blick sprang zwischen den Bäumen umher, als erwarte er jeden Moment einen Überfall. 
Snorri klopfte sich auf die Brust. »Sollen sie kommen, wenn sie wollen. Wir werden kämpfen wie die Wölfe, ohne einen Schritt zu weichen.«
»Mögen die Götter deinen Mut besingen, Snorri Naseweis, doch das Lied des Stahls ist eines, dass dich nur allzu früh in ihre Arme führen kann«, Knutson lehnte sich mit gerunzelter Stirn an einen Baum, während er mit geschickten Schnitzbewegungen einen Knochen zu einer Spitze verarbeitete. 
Für einen Moment überlegte der junge Nord, ob sein Schiffsmeister ihn schon wieder provozieren wollte, verwarf den Gedanken aber. 
Knutson hatte gezeigt, dass in ihm mehr stecken konnte als ein verächtlicher Sklavenschinder. 
»Wir sollten uns überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen«, bestätigte Snorri, während er sich nachdenklich über den Bartansatz strich. »Auch wenn wir Kämpfen wie die Götter, noch ist es für uns zu früh, um ihrer Tafel beizuwohnen.«
»Verdammt sollen sie sein! Die Ustenströmer, der Sturm, Yorricks Verschwinden, das sind böse Omen. Sehr ihr das nicht?«, Aegir trat aus dem Schatten der Kiefern. Der Schein des Feuers beleuchtete sein sorgenschweres Gesicht und dennoch fanden sich darin nur die Schatten der vergangenen Ereignisse wieder. 
»Der Schwarzseher ist wieder da«, Knutson verdrehte die Augen. Einige der Männer fielen in sein Gemurre ein.
»Du!«, Snorri sprach dieses Wort aus wie einen Fluch. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er merkte wie es in seinen Adern zu kochen begann. »DU!« Er setzte zum Sprung an und binnen eines Augenblicks hatte er seinen großen Bruder erreicht. »Dass du es wagst über die Götter zu urteilen, denen du doch so fleißig abgeschworen hast. Was ist nur in dich gefahren?«, zischte er Aegir entgegen, während er kurz vor seinem Gesicht Halt machte.
Der Riese wich keinen Schritt zurück, stand nur dort und regte sich nicht. Doch sein Blick bohrte sich förmlich durch Snorri hindurch wie ein abgefeuerter Pfeil auf der Suche nach dem Herzen. »Du hast es ihm also gesagt, ja?« Er wandte sich Knutson nicht zu, während er sprach. »Hast du ihm auch meine Gründe genannt?«
Noch bevor sein Schiffsmeister etwas erwidern konnte, fuhr Snorri ihm über den Mund. »Was für Gründe sollen das schon sein? Haben sie dein Eheweib das Betrügen gelehrt? Oder dich das Fischen? Oder gewährten sie dir Einzug in Walhall, als Held, als Riesen und du lehntest ab vor Undankbarkeit?« Er spuckte die Worte förmlich aus. 
Noch in diesem Moment packte Aegir ihn am Schlafittchen und hob ihn mühelos in die Luft, sodass seine Füße den Boden unter sich verloren. »Du willst wissen, was die Götter mich lehrten?«, knurrte Aegir und seine Stimme glich dabei einem Donnerschlag. 
»Die Wahrheit will ich hören, aus deinem eigenen Munde. Du elender Feigling!«, keuchte Snorri wutentbrannt, während er versuchte sich aus dem Griff seines Bruders zu winden. 
Aegir stieß ihn rückwärts, sodass er hart auf dem Boden aufschlug. Schlagartig presste sich die Luft aus seinen Lungen und er konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
»Die Wahrheit? Die Wahrheit über die Götter? Bist du wirklich so ein Naseweis wie Knutson dich schimpft? Von meinem Bruder habe ich mir öfter sagen lassen, dass er vorlaut sei und unbedacht. Doch bist du derart blind? Prügelst dich mit Ustenströmern wie ein kleines Kind und doch willst du über die Götter reden. Willst ein Held sein und in ihrem Namen töten?« Der Ton in Aegirs Stimme veränderte sich, während er sprach. Das grollende Gewitter wich der lauernden Ruhe von tiefen Gewässern.
Empört raffte Snorri sich auf. »Ich mag jung sein, doch blind bin ich nicht. Du hast dich den Lämmern verschrieben! Den Feiglingen! Jenen, die zittern, wenn wir über sie hinwegfegen!« Der junge Nord spürte, wie nichts als die pure Verachtung aus ihm heraustropfte. Wann hatte es sein Bruder nur vollbracht, sich in eine kriecherische Made zu verwandeln? 
»Aus dir spricht nichts, außer Unwissenheit, Dummkopf!«, tadelte Aegir ihn mit erhobenem Finger. »Das hier ist kein Spiel, der Krieg ist keine Leidenschaft und das Töten bereichert dich nicht. Woher nur haben sie all die Geschichten, die dir so den Verstand verdrehen?«
»Wessen Verstand ist hier verkehrt?!«, kreischte Snorri außer sich.
Einige der Männer murmelten ihm unterstützende Worte zu, andere enthielten sich bedächtig. 
Waschweiber, alle miteinander!
»Unsere Götter sind Helden und wir tun es ihnen auf Erden nach! Was gibt es schon, was größer ist, als den wohlverdienten Ruhm in der tosenden Schlacht zu gewinnen? Als das Leben des Feindes zu nehmen?« Snorri wusste, dass er Recht behalten würde. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatte er diesem Moment entgegengefiebert, sich endlich vor Tyr beweisen zu können und von den Valkyren in die Hallen Odins geführt zu werden.
Aegir zögerte mit seiner Antwort keinen Augenblick. »Was es Größeres gibt, als das Leben eines anderen zu nehmen?« Es ihm zu geben, du Narr!« Der Riese krempelte sein Leinenhemd um, sodass sich seine recht Flanke entblößte. Sie war übersät mit riesigen dunkelfarbenen Narben.
»Können Lämmer solche Wunden reißen? Oder ist dies von der Waffe eines Mannes, der selbst mich an Größe und Wildheit übertroffen hat? Sag du es mir!« Noch bevor Snorri eine Antwort geben konnte, fuhr er fort: »Diese Wunde hätte mich dorthin geschickt, wo die Toten ruhen sollen. Einen derartigen Schmerz habe ich noch nie verspürt. Doch die Pforten nach Walhall, Bruderherz, haben sich nicht gezeigt. Da war nichts, außer dem Schmerz. Ich wurde bewusstlos und nur Gott weiß, warum ich an dem Tag nicht gestorben bin. Als ich erwachte, lag ich im Haus eines Mannes. Meine Wunde war versorgt worden und er hatte mir Brot und Bier bereitgestellt. Einfach so!«
Snorri runzelte die Stirn. »Er hat sich gefürchtet. Wikinger nennen sie uns voller Angst und beugen tun sie sich, wenn wir kommen! Eine andere Erklärung gibt es nicht!« Was Aegir da erzählte, machte keinen Sinn. Verlor sein Bruder langsam den Verstand? 
Der Riese schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Möge Gott dir beistehen, damit du deine erste Fahrt trotz deiner Blauäugigkeit überlebst«, murrte er in keine bestimmte Richtung. »Besitzt du nicht die Fähigkeit deinen Kopf zu benutzen? Wenn du die Gelegenheit hast, einen Feind niederzustrecken, dann tust du es. Das wird uns seit jeher gelehrt. Nimm von den Schwächeren, denn sie haben es verdient, dass der Stärkere an ihrer statt herrscht. An diesem Tag war ich der Schwächere und doch wurde mir etwas gegeben. Der Mann, seinen Namen verstand ich nicht, hätte mich noch an Ort und Stelle ermorden können. Stattdessen brachte er mich in ein Gotteshaus und pflegte meine Wunden. Ich sah ein Emblem an seinem Hals, das er mir wortlos vermachte. Und da wurde es mir zum ersten Mal bewusst«, während er sprach, griff Aegir in seinen Ausschnitt und zog eine kleine Kette hervor, an der ein silbernes Kreuz hing.
Snorri keuchte auf. »Du hast … Das ist …«, stotterte er entsetzt. Er brachte keinen vernünftigen Ton heraus. 
»An jenem Tag war nur ein Gott bei mir und ihm verdanke ich mein Leben! Wer dagegen Einwände erheben möchte, soll nun vortreten und sprechen oder für immer schweigen!«, Aegir blickte mit einem Blick durch die Runde, der selbst das knisternde Feuer versengte. 
Snorri folgte ihren Blicken, die seltsamerweise von Betroffenheit zeugten. Da muss noch etwas anderes passiert sein. Er nahm sich ein Herz und fragte danach. 
»Willst du das wirklich wissen?«, raunte ihm Aegir entgegen und sein Blick nahm etwas grausames an. Etwas wissendes. 
Snorri schluckte einen Klos herunter, der ihm für einen Augenblick die Luft abschnürte. Aber egal was passiert war, sein Bruder ging den falschen Weg. Die Götter gaben das Leben und forderten es wieder für sich ein, doch eine derartige Respektlosigkeit würden sie wohl kaum dulden. So liefen die Dinge nun einmal. »Sag es mir«, forderte er Aegir auf. 
Dieser nickte ihm zu. »Islav hat nach mir gesucht. Drei Tage und drei Nächte lang. Als sie mich fanden, hatte mein Retter gerade das Abendgebet begonnen. Eine Tradition, die er täglich absolvierte. Als die Männer ihn erblickten, hielten sie in für leichte Beute, plünderten sein Heim hingen ihn an ebenjenes Kreuz, das er anbetete, und rammten ihm ein Messer in den Bauch. Das Plätschern seines Blutes, das auf die Holzdielen tropft, seine Schreie, die langsam ersticken, sie haben sich für immer in meinen Geist eingebrannt. Und da ist es mir klar geworden: Er war die Reinkarnation Jesu Christi. Die Geschichte hat sich wiederholt. Ihr Gott, und nicht die unseren, haben mich in der Not erhört. Und ich werde für das Ende meines Lebens dafür Buße zahlen müssen.« Der Riese schaute ernst durch die Runde.
Snorri merkte, dass er unterbewusst die Luft angehalten hatte, während er den Worten seines Bruders gelauscht hatte. Sein Magen verkrampfte sich zu einem flauen Etwas. Dieses Ereignis hatte Aegir verändert, daran bestand kein Zweifel.
»Und deswegen werde ich auf dieser Fahrt keine Hand an jemanden legen. Vergesst es einfach. Hätte Ylvie mich nicht gedrängt, würde ich jetzt auf meinem Boot sitzen und Reusen einholen, so wie ich es geplant hatte!«, schnaubend wandte sich der Riese zum Gehen.
Snorri merkte, wie die Wut ihm zum Schäumen brachte. Er ballte die Fäuste und ließ sie gewähren.
Aegir hatte sich als ein kompletter Verräter entlarvt. Sein eigener Bruder!
»Ja, geh nur! Aber eines versichere ich dir: wenn du versuchst, die Lämmer zu verteidigen, wirst du es noch bitter bereuen!«, rief er ihm hinterher.
Aegir hielt für einen Moment inne, als wolle er noch etwas sagen, dann aber beließ er es dabei und verschwand in der Dunkelheit.
Fluchend stampfte Snorri in die andere Richtung davon.

… doch Petrus fand den Schalter nicht

Dieser kleine Text ist im Rahmen unserer letzten Schreibübung entstanden, wo es darum gehen sollte, einen Charakter unserer Wahl in einen dunklen Raum zu sperren und anschließend darzustellen, was unter diesen heiklen Umständen mit ihm passiert.
Das diese Aufgabenstellung sehr dehnbar sein kann, zeigt der nun nachfolgende Text. Viel Spaß beim Lesen und möge euch der Himmel nicht auf den Kopf fallen!



Scheiße, ist das dunkel! Ganz ruhig jetzt, Petrus, altes Haus. Tief durchatmen. Bloß nichts überstürzen. Trotz dieser wahnwitzigen Vorsätze, stolperte er noch im nächsten Moment über etwas am Boden liegendes. Ein gezischter Fluch flog über seine Lippen, dann musste er glucksen. »Und du hast den Leuten wirklich erzählt, du hättest das Licht als erstes erschaffen, ja? Die glauben auch wirklich alles, was man ihnen serviert. Sogar wenn sie nicht einmal wissen, was Licht überhaupt sein soll. Der Gott, der hat das gemacht, schon gewusst? Na klar!« 

Mühsam erhob sich Petrus vom Boden und kniff angestrengt die Augen zusammen. 
Das pechschwarze Wasauchimmer, in dem er sich gerade befand, bot scheinbar genügend Möglichkeiten, um sich ordentlich zum Volldeppen zu machen. 
Sein launischer Arbeitgeber verbesserte diese verzwickte Situation nicht wirklich. »Die altägyptische Abteilung hat angerufen. Ein Herr Ra fordert dringend Licht«, hieß es seitens der Chefetage.
Nun durfte Petrus wieder für die Nachbarabteilung schuften, obwohl er sich doch auf sein Kerngeschäft konzentrieren wollte. 
Kein Wunder, dass dieser Saftladen nicht läuft.
Der Heilige ließ es zu, dass ein Seufzer über seine Lippen wich. Dann tastete er sich vorwärts durch die Dunkelheit. Petrus war sich nicht einmal sicher, ob das ein Boden war, auf dem er gerade wandelte, oder doch nur eine weitere überirdische Konsistenz. 
Bei dem Strukturwandel in letzter Zeit schien nichts mehr gewiss. 
So irrte er eine unendliche Unendlichkeit durch das triste Schwarz. 
Aber irren ist nun einmal menschlich oder nicht?
Die Antwort darauf kannte wohl nur sein Arbeitgeber…

Plötzlich summte eine eingehende Nachricht durch Petrus Kopf. Genervt stöhnte er auf. 
»Geschichtsabteilung hier, ein Herr Hades beanstandet, dass immer noch nicht notariell beurkundet wurde, dass er bereits vor Gott existiert hat«, summte es durch seinen Schädel.
»Wenden Sie sich mit derlei Anliegen bitte an unser Sekretariat, ich bitte um Ihr Verständnis.« Petrus legte auf und atmete tief ein und aus. 
Das ist die Dunkelheit. Kein Vitamin D mehr. Ich kriege hier drin noch Zustände. 
Was brachte sein Job nur für Strapazen mit sich? Noch fünf Jahre und er lief endgültig auf dem Zahnfleisch. Doch bis er in Ruhestand gehen konnte, musste Gott erst noch einen Himmel und rechtliche Rahmenbedingungen für einen Einlass in ebendiesen erschaffen. Petrus befürchtete, dass hier vermutlich noch eine Menge Papierkram auf ihn zukommen würde. 

Zähneknirschend pirschte er sich vorwärts. 
Irgendwo hier muss doch der Schalter sein?
Langsam aber sicher zweifelte er an sich selbst. 
Viermal links abbiegen, dann an der Gabelung rechts halten. Oder andersherum? Aber welche Gabelung? Oder war es hinter dem zweiten Baum geradeaus?

Wieder summte es in seinem Kopf. »Außendienst, Petrus«, meldete er sich barsch. Nicht mal für einen Kaffee hatte es heute gereicht.
»Vertriebsabteilung hier, die neuen Ablassverträge sind erstellt und bereit für den Versand. Wir bräuchten nur noch die Kundenadressen«, flötete es durch sein Hirn.
»Danke, ich komme schon selber nicht zurecht!«, kläffte Petrus kaltschnäuzig und legte abermals auf. 
Soll sie doch der Teufel ho… nein, er verwarf den Gedanken. Zu viel Papierkram. 

Die Dunkelheit nagte an seiner Substanz, das merkte Petrus. Die Menschen schienen einfach nicht für sie geschaffen. Er sollte zu gegebener Zeit über eine Gehaltserhöhung nachdenken. 
Dann, endlich, nachdem Äonen verstrichen sein mussten, in Mittelerde schrieben sie bereits das siebzehnte Zeitalter, stieß er auf etwas, das ihm neue Hoffnung verlieh: Den Schalter!
Hätte Petrus Kopf und Kragen riskieren wollen, hätte er jetzt einen Freudentanz aufgeführt. Doch er entschied sich für die nüchterne Variante und aktivierte den Knopf. 

Und wahrlich, es ward Licht… man hoffe er bereut es nicht.

Natürlich bereute er es. Nachdem Petrus sich an die brachiale Helle gewöhnt hatte, wurde ihm das Bild einer Welt offenbart, die offenkundig den Verstand verloren hatte. Riesige Bürogebäude ragten in den Himmel und überall taten es die Menschen ihrem Schöpfer gleich. Und das obwohl sie sich kein Abbild schaffen sollten! Instinktiv schaltete Petrus das Licht wieder aus. Seine nächste Amtshandlung war die offizielle Kündigung.

Die Wölfe von Asgard – Der Sturm

Der Wind frischt auf. Yorrik schauderte. 
Stürme, die vom Meer aus kamen, stellten eine unsagbare Gefahr dar, selbst wenn die Drachenboote dazu ausgelegt waren, ihnen zu trotzen. Da es auf der offenen See nichts gab, was den tosenden Wind brach, konnten heftige Böen sie in außerordentliche Schwierigkeiten bringen. 
Und der alte Seebär spürte es in seinen erfahrenen Knochen. 
Heute Morgen braut sich etwas zusammen.
Ihr heutiges Ziel bestand aus einer winzigen Insel, die ihre letzte Rast vor der großen Überfahrt darstellen würde. 
Er griff das Ruder der Hefring, der aufsteigenden Tochter des Meeresriesen, fester und suchte den Horizont nach Wolken ab. Sollte es soweit sein, war er bereit Islavs drittes Schiff durch den Sturm zu segeln. 
Da der Wind heute direkt von bugseits kam, mussten sie kreuzen, was ihre Fahrt zusätzlich verlangsamte. Und eine Seitenwindböe konnte ein Schiff bei unerfahrener Handhabung kinderleicht zum Kentern bringen. Die nordischen Langschiffe waren jedoch besonders für diese Winde ausgelegt. 
Er orientierte sich am Kurs der Flotte und beschloss dennoch die Segel zu reffen, um die Fahrt zu verlangsamen und nicht zu dicht an die anderen aufzuschließen. Die Nähe zu anderen Booten konnte sich im Sturm als eine tückische Todesfalle erweisen, wenn die Macht der Gezeiten die Schiffe rücksichtslos gegeneinanderwarf und krachend zum Bersten brachte.
Und dann hörte er den Donner. Yorrik zischte einen unflätigen Fluch aus, als er die Wolkenberge am Horizont sah, welche die Farbe eines Blutergusses angenommen hatten. »Ruder einholen! Ladung sichern! Mast kippen!«, brüllte er gegen den Wind an. »Und dann gut festhalten. Das wird der Sturm eures Lebens!«

***

Deila räkelte sich träge unter ihrem Fell als wolle sie gegen das Aufstehen protestieren. Ihre Lenden brannten noch von Hjalmaers Liebe und alles kam ihr so unendlich warm vor. Plötzlich erschien es ihr nicht mehr gerecht. 
Er hat etwas Besseres verdient als mich, eine halbe Jötun bin ich, plump und ohne Zierde. Ein Mann wie er sollte mit einer der tosenden Töchter der Meere vermählt werden.
Sein Begehren nach ihrer Person verstand sie bis heute nicht. Jeder gesunde Mensch, der mindestens ein Auge besaß, konnte über ihre Hässlichkeit Zeuge leisten. Was also empfand er für sie?
Als er sich heute Morgen von ihr heruntergewälzt hatte, schwitzend und nach Mann riechend, hatte sie noch nichts als bedingungslose Leidenschaft empfunden. Nun, seitdem er fort war, blieb ihr nur der nagende Zweifel. 
Er ist der Befehlshaber über das Schiff, natürlich muss er früh raus, schimpfte sie sich. Deila versuchte ihre Gedanken neu zu sortieren, was ihr einfach nicht gelang. Umso mehr erfreute es sie, als sie auf einmal Stimmen vor der Tür vernahm. Auch wenn sie nicht verstand, was sie sagten, boten sie doch willkommene Abwechslung. 
Zwei Männer schienen angeregt miteinander zu plaudern, dann stieß ein dritter dazu. »Haltet gefälligst eure Plappermäuler, die Tochter des Jarls ist hier unten. Wenn sie das erfährt, war alles umsonst!«, war alles, was Deila verstehen konnte, bevor die Stimmen sich wieder entfernten. 
Sofort wanderte ihr bei diesen Worten ein kalter Schauder über den Rücken. Die haben über mich gesprochen.
Ernüchterung überkam sie, als ihr bewusst wurde, dass es sich bei dem Gespräch vermutlich nur um weitere Verschmähungen ihrer Person gehandelt haben konnte. 
Wartet nur, bis Hjalmaer davon erfährt. Ich sorge schon dafür, dass er euch zur Rechenschaft zieht, beschloss sie bebend und vergrub sich mit düsteren Gedanken unter ihrem Fell, wo sie noch eine ganze Zeit lang liegen blieb. 
Deila erwachte davon, dass sich der Boden unter ihr gefährlich auf und ab senkte. Vom Deck ertönten gedämpfte Schreie. Sofort sprang sie auf und schlüpfte in ihre Kleidung. 
Als sie die Tür der Kajüte öffnete, pfiff ihr sofort ein mächtiger Wind um die Ohren. Selbst für einen frühsommerlichen Morgen erschien ihr der Himmel zu dunkel und Blitze teilten den Horizont mit ohrenbetäubendem Getöse in zwei Hälften. Regen peitschte prasselnd auf sie herab, Wellen schlugen gegen die Reling und Wasser tropfte zischend ins Boot. 
Binnen eines Momentes war Deila komplett durchnässt. 
Hjalmaer bemannte das Ruder und versuchte mit gefletschten Zähnen dem Sturm zu trotzen. Seine Hände krallten sich so fest in das Holz, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Doch in seinen Augen lag eine feurige Entschlossenheit. Als er sie erblickte, schien jedoch ein Funke des Zorns durch sein aristokratisches Gesicht zu sprühen. »Ich hatte doch angeordnet, sie soll unter Deck bleiben!«, fauchte er wüst und warf einer Handvoll Männer, die gerade das Wasser aus dem Boot schöpften, einen giftigen Blick zu.
»Aye, wir hatten hier nur eine andere Beschäftigung, die unsere unmittelbare Aufmerksamkeit erforderte. Wie Ihr seht, mein Herr«, antwortete einer der Männer, während er einen Eimer Wasser über der Reling ausschüttete. 
Deila schlug das Gespräch jetzt schon auf den Magen. War sie an Deck nicht erwünscht? Hatte Hjalmaer ihr nicht geschworen, ihr die See zu zeigen? Wann schon konnte man sie mit solch brüllender Kraft erleben, wenn nicht im tosenden Sturm der Götter? Sie warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu, doch ihr zukünftiger Gemahl schien ihre Anwesenheit nicht weiter zu bemerken.
Abermals pflügte sich eine Welle unter dem Schiff hindurch und ließ es bedrohlich steil abfallen.
Deila verlor den Halt auf den nassen Planken und rutschte dem Bug entgegen. 
In letzter Sekunde griff einer der Männer nach ihr und zog sie auf die Füße. 
»Für ein Pferd bist du wenig standfest«, schätzte er sie mit einem gehässigen Blick ab, bevor er sie in Richtung der Kajüte schob. »Unser Herr hat angeordnet, dass du unter Deck bleiben sollst, bis sich der Sturm gelegt hat. So wichtig ist ihm seine Kleine«, höhnte er. Sein Atem stank furchtbar, fast hätte Deila gewürgt. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu lösen, doch der Kerl war ein Fleischberg und musste fast das doppelte auf den Rippen haben wie sie. Mit einem flehenden Blick ließ sie sich vor den Augen ihres Gemahls hinabführen. Als Deila bemerkte, wie verschwinden gering Hjalmaers Interesse an ihr plötzlich zu sein schien, musste sie schlucken. Tränen kämpften sich durch ihre Augen und fast wäre sie in die Knie gegangen. Wenigstens regnete es, da war es nicht so offensichtlich. 
Als der Mann sie in ihr Zimmer zurückstieß und die Tür verriegelte, konnte Deila nicht anders, als einen krampfhaften Schrei von sich zu geben. In ihm manifestierten sich Wut und Verzweiflung zu einem entsetzlichen Klagelaut. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein, anzunehmen, dass auf einmal alles anders werden würde? Tränen kullerten ihre Wangen hinab, vermengten sich mit jenen des Himmels.
Er hat mich bedauert. Wenigstens einer.
Wieder senkte sich das Schiff im Spiel der Gezeiten und nun ließ sie es zu, dass sie doch auf die Knie fiel. So schwach, wie in diesem Moment, hatte sie sich noch nie gefühlt. Viel hatte sie gewagt, für einen sehnsüchtigen Traum. Nur um hier aufzuwachen, verraten und verkauft. Noch heute Morgen schien es ihr, als sei sie etwas Besonderes, eine Königin, eine Valkyrja, bereit diese Welt zu entdecken. Nun wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie die Ketten, die sie eisern umklammerten, niemals würde ablegen können. Deila wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 
Wieder hob sich das Boot, bereit einer neuen Welle zu trotzen.
In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass der Sturm die gesamte Flotte in den schrecklichsten aller Tode stürzen ließ.

***

»Festhalten!« Mit einem Ächzen kippte der Mast in seine dafür vorgesehene Verankerung. Bei diesen Windböen entpuppte sich diese sonst so kinderleichte Arbeit als eine echte Herausforderung. 
Zumal ihre zusammengewürfelte Truppe keine eingespielte Mannschaft darstellte. 
Snorri spürte, dass er trotz des Wetters und der tosenden Gischt schwitzte wie ein Schwein. Es lief in seine Augen und unter seinen Wams und er fühlte sich von oben bis unten unrein. 
Der zweite Tag und bisher ist das Leben an Bord nicht gerade eine rosige Angelegenheit.
Er biss die Zähne zusammen. 
Sollte die Rán doch kommen und versuchen, was selbst der Hela nicht vergönnt war. Auch ihrem seelenfangenden Netz, mit denen sie die Gefallen aus den tosenden Gezeiten in ihr nasses Grab zog, würde er entrinnen. 
Snorri erwischte sich dabei, wie er sich heimlich erhoffte, Dyggur würde ihm von irgendwo dort unten zusehen und seinen Kampf aufgeregt verfolgen. Sei stolz auf mich, Bruderherz!
Der schallende Klang einer verhassten Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück. »Vertauen, du Hornochse!«, brüllte Knutson trotz des Sturms viel zu laut und drückte ihm ein wenig Vertrauen erweckendes Seil in die Hand.
»Ich habe dich schon verstanden. Meine Ohren funktionieren noch recht gut«, erwiderte Snorri spitz. 
Knutson trat an ihn heran, seine Augen nicht mehr als ein alles versengendes Lodern. »Eine Welle und du gehst zufällig über Bord. Kannst deinem Bruder folgen. Er wurde doch schließlich nach dem Meeresriesen benannt…« 
Noch bevor Snorri verstand, dass es Knutson eigentlich um Aegir ging, langte er zu. 
Die fliegende Faust traf seinen Gegenüber so unerwartet, dass er zu Boden ging. Doch dieses Mal schien sich Knutson nicht so einfach geschlagen zu geben. »Snorri Naseweiß, du bist der Bruder eines Verräters, eines räudigen Christen! Ein Bruder jener Lämmer, die wir abzuschlachten gedenken! Und du bist auf meinem Schiff ein toter Mann!«, er spuckte verächtlich einen Schwall aus Blut auf das Deck, während er sich langsam erhob. Dann zückte er sein Schwert und vollzog eine grausame Grimasse. 
Snorri schmerzten diese Worte mehr als jede Faust. Es erklärte einfach alles. Aegir hatte sich auf seinem letzten Viking dem Christentum zugewandt. Ein Gott habe ihn berührt, sagte er. Und er wollte nicht mit auf die Fahrt, weil er kein Mörder sein wollte, auch nicht, wenn sie es sein mussten. Doch vor den Männern durfte er sich das nicht anmerken lassen und es als Beleidigung auffassen. Sie würden ihn sonst direkt den Fischen zum Fraß vorwerfen.
Die Ustenströmer haben noch eine Rechnung mit mir offen. Doch auch heute werde ich sie enttäuschen müssen.
Mittlerweile hatte sich eine Traube von Leuten um sie gebildet. Jeder hielt sich irgendwo fest, doch die unbändige Mordlust war seit den gestrigen Ereignissen nicht aus ihren Gesichtern gewichen.
»Und du bist der Bruder einer Wildsau, die von einer Ziege und einem Ochsen gezeugt wurde«, spotte Snorri zurück.
Knutson fletschte die Zähne und rannte ihm mit gezogener Waffe entgegen.
In diesem Moment traf sie eine Welle und dieses Mal wurde das gesamte Boot von ihrer Kraft überschwemmt. 
Im letzten Augenblick gelang es Snorri, sich an einem Seil festzukrallen. Das Schiff schaukelte und kurz konnte er nichts ausmachen, außer einem Brennen, das sich durch seine Augen fraß.
Als Snorri die Augen öffnete, war Knutson spurlos verschwunden. Er eilte zur Reling und stieß ein entsetztes Keuchen aus.
Knutson krallte sich mit aller Macht an einer Planke fest, doch die rutschige Oberfläche bot ihm kaum Halt. »Hilf mir!«, dem Nordmann stand die Angst ins Gesicht geschrieben. 
Geistesgegenwärtig griff Snorri nach seiner Hand, doch sie zu packen erwieß sich als schwierig und der tosende Seegang machte ihm wieder und wieder einen Strich durch die Rechnung. 
Knutson wurde für einen Augenblick vom Meer verschluckt, dann tauchte er prustend und Salzwasser spuckend wieder auf. 
Panisch stellte Snorri fest, dass sein Steuermann bald kaum noch eine Möglichkeit haben würde, um sich an Deck zu hieven, denn das Schiff entfernte sich immer mehr von ihm. Noch ein Blitz fegte über sie hinweg und ein mächtiger Donnerschlag erschütterte Snorri in seinen Grundfesten. Er spürte sein Herz pochen, sein Atem ging unregelmäßig. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Und dann kam ihm eine Idee. Er riss sich von der Reling los und packte das Tau, das Knutson ihm hingeworfen hatte. Als er zurückkehrte, konnte er seinen Kameraden nicht mehr ausmachen. »Knutson!«, er brüllte gegen die Elemente an. »Knutson!« Fieberhaft blickte Snorri sich um. 
Wellenberge nahmen ihm die Sicht und der Regen tat sein Übriges dazu. Noch mehr Blitze zischten über den Horizont.
»Knutson!« Keine Antwort. 
Die restliche Mannschaft schien sich bereits mit seinem Tod abgefunden zu haben, denn sie wendeten sich ab. 
Dann sah er einen Kopf aus dem Wasser auftauchen, sein verhasster Kamerad war mittlerweile beängstigend weit nach draußen abgetrieben. 
Snorri nahm all seine Kraft und schleuderte das Seil in seine Richtung. Der Wind schien glücklicherweise auf seiner Seite zu sein und zog das Tau mit sich. 
Platschend traf es auf die Wasseroberfläche und straffte sich, als der Nordmann es ergriff. 
Snorri zog mit Leibeskräften, niemand machte Anstalten ihm zu helfen. Hoffentlich hält das Seil. Er versuchte, nicht daran zu denken und zerrte es weiter zu sich.
Einen Moment später hievte sich Knutson keuchend an der Reling empor und rollte sich schwer atmend auf das Deck. »Eines muss ich dir lassen, Snorri Naseweiß«, japste er atemlos, während er Wasser ausspuckte wie ein Springbrunnen. »Du stehst deiner Klappe an Größe in nichts nach.«
Dieser grinste und reichte ihm die Hand. 
Der Nord ergriff sie dankbar und zog sich auf die Beine. 
»Die wirst du ab jetzt wohl auch ertragen müssen, Steuermann. Schließlich hocken wir beide auf demselben Schiff«, lachte Snorri.
Doch dann verfinsterte sich seine Miene, als er in der Ferne Islavs Flaggschiff erkannte. Er ballte die Fäuste bis es wehtat. 
Mit Aegir hatte er noch eine Rechnung offen und er wollte verdammt sein, wenn diese nicht beglichen werden würde. 

*** 

Die Wassermassen donnerten gegen den Bug, der unter ihrem Gewicht bedrohlich Ächzte. Eine Welle hatte sie ungünstig erwischt und das Ruder beschädigt, seitdem spielten die Gezeiten ihr eigenes Spiel mit ihnen. 
Yorrik merkte, wie die Angst an Deck umging wie eine Krankheit. Und jeder gab sie an jeden weiter. 
Es musste mittlerweile später Nachmittag sein und den vorgegeben Kurs hatten sie längst verlassen. Im Spiel der Wellen stellte ihr Schiff nur ein zerbrechliches Spielzeug dar. Auch wenn die Langboote dafür ausgelegt waren, Wind und Wellen zu trotzen, so ein ausgewachsener Sturm brachte für sie dennoch sämtliche Gefahren mit sich, die es auf See zu bewältigen gab. 
Sie tauchten auf und ab, mittlerweile zählte Yorrik die Wellen nicht mehr mit, die sie durchpflügten. Das einzige, was zählte, stellte für ihn das Überleben seiner Mannschaft dar und zwar um jeden Preis. Er kniff die Augen zusammen. In der Ferne manifestierte sich eine graue Masse, die er zunächst als Regenvorhang oder Gewitterwolken abgetan hatte, doch je näher sie darauf zuhielten, desto mehr stachen die Umrisse einer Insel empor. 
Yorrik hielt die Luft an. Aber sie hatten ihren Kurs doch verlassen? Es musste sich um einen Streich der Götter handeln. 
Doch sie kam immer näher. Schroffe Felsklippen und ausladende Sandbänke vollzogen sich in das Landesinnere, wo eine undurchdringliche Vegetation wucherte. Kaum ein Mensch konnte je einen Fuß auf dieses Eiland gesetzt haben. Doch gerade erschien sie dem Schiffsbaumeister wie ein Segen. Wenn sie es an Land schafften, könnten sie die Schäden am Boot reparieren und der Flotte nachsetzen. Ihm war bestens bewusst, dass Islav nicht auf ihn warten würde, denn der Brauch verlangte es von ihm. Zu viel wertvolle Zeit ging verloren, um beschädigte Schiffe zu suchen, die bestenfalls schon auf dem Grund des Meeres ruhten. In der Regel mitsamt ihrer Mannschaft. 
Yorrik biss die Zähne zusammen. Diesen Gefallen würde er der Rán nicht machen. Diese Männer vertrauten ihm und es lag ihm fern, sie enttäuschen zu wollen. »Ich brauche zwei starke Jungs und zwei Ruder von den Bänken!«, befahl er lautstark. Wenn sie in Küstennähe manövrierten, konnten sie ihr Schiff so an das sichere Ufer stemmen oder zumindest etwas gegen die Strömung halten, um die Insel sicher zu erreichen. 
Olaf und Jorleif eilten zu ihm und begannen einen gnadenlosen Kampf mit den Gezeiten. Wieder und wieder bäumte sich das Boot über den Wellen auf und der beschädigte Bug drohte unter ihnen zu brechen, so stark drückten sie dagegen. Dann stießen sie endlich auf festen Grund.
»Anlanden!«, befahl Yorrik und stürzte sich in das kalte Wasser. 
Die Männer zogen das Boot gemeinsam an Land und der Schiffsbaumeister fühlte plötzlich, wie die Anspannung der vergangenen Stunden etwas von ihm wich. Hier befanden sie sich zunächst in Sicherheit und konnten hoffentlich das Schiff reparieren. Denn wenn nicht, waren sie hier unausweichlich gefangen. Und Yorrik bezweifelte stark, dass sie hier jemals jemand finden würde.

Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (2/2)

Der dumpfe, monotone Schlag einer mächtigen Trommel riss ihn mit sich ins Jenseits. Rauschende Gefühle, deren Ursprung er nicht einordnen konnte, erfüllten seinen Körper. 
Wonne und Angst vermengten sich zu einem grotesken Klumpen in seiner Brust, er stürzte und doch landete er. Steuerte an einen Ort, der nicht für ihn bestimmt war. 
Er öffnete die Augen, die sich nicht sofort an die vollkommene Finsternis, die diesen Ort erfüllte, gewöhnen wollten. Ein Wort schnitt durch seinen Kopf, scharf wie ein Schwert und doch nur ein Flüstern. Hel.
Das Echo der Stimme hallte in seinem Kopf wie das Aufeinandertreffen zweier rostiger Klingen. Hel. Hel. Hel. 

Snorri blinzelte angestrengt, um in der Dunkelheit etwas auszumachen. Die Finsternis löste in ihm eine ungewöhnliche Angst aus, die er nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft verdrängen konnte. 
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er keine Trommeln hörte, sondern lediglich seinem eigenen Herzschlag lauschte. 
Der junge Nordmann vernahm Bewegungen am Rande seiner Wahrnehmung, schleichende Schatten, die sich an seine Brust schmiegten wie ein zahmes Kätzchen. 
Dann zog ihn etwas vorwärts und seine Beine bewegten sich wie von Götterhand gelenkt. Er ließ es passieren. Musste es passieren lassen. 

In der Ferne erspähte Snorri einen matten Lichtkegel, der beständig an Größe gewann. Im Schein des Lichtes kristallisierten sich zunehmend Konturen heraus, welche die Form zweier riesiger Monolithen annahmen, die wie ein Bollwerk in die Höhe ragten. Ihre schroffe Oberfläche bedeckten ätzende Runen, die giftgrün leuchteten. Doch bis er sie erreichen würde, lag noch ein weiter Weg vor ihm, der ihn durch morbides Gestein und gähnende Höhlen führte. Schwarzer Fels verschluckte ihn und wieder blieb nur die Finsternis. 
Doch Snorri wusste, dass er einem Pfad folgte. 
Irgendetwas bestimmte seinen Weg und er folgte seinem Ruf. 
Wacker setzte er einen Fuß vor den anderen, gab sich ganz der Dunkelheit hin. Und plötzlich merkte er, dass er nicht mehr alleine war. 
Schwarze Silhouetten tauchten mit steifen Bewegungen vor ihm auf, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ihre blassen Gesichter hatten etwas ausdruckloses angenommen und sie schienen zunehmend in einen monotonen Singsang zu verfallen, dessen tristes Klagen die gesamte Höhle erfüllte. 
Auf einmal tauchte eine weitere Gestalt unter ihnen auf, deren Gesicht Snorri verdächtig bekannt vorkam. Er musste schlucken. Ist das etwa Dyggur? Was macht er an diesem Ort?
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, glitt der Schemen seines verstorbenen Bruders wieder in die Dunkelheit hinein und verschwand.
»Dyggur, warte auf mich!« Snorri versuchte ihm hinterherzueilen, doch seine Füße klebten förmlich am Boden fest, fast so als wolle man es ihm nicht vergönnen, den Pfad der Toten weiter zu beschreiten.
Eine bleierne Schwere legte sich auf ihm ab und das erste Mal wurde ihm die Last dieses Ortes gänzlich bewusst. Sie saugte die Lebenskraft förmlich aus seinen Knochen heraus. Er wollte einen weiteren Schritt in die Finsternis setzen, als ihn ein unheilverheißender Instinkt innehalten ließ. 

Ein grollendes Knurren ertönte, nicht weit von seiner Position entfernt. »Die Toten heißen es nicht willkommen, wenn die Lebenden hier wandeln!«, donnerte eine wütende Stimme.
Snorri zuckte unwillkürlich zusammen. Dann erspähte er ein blitzendes Augenpaar, das ihm einen feurigen Blick zuwarf. 
Darunter befand sich ein gähnendes Maul, voller spitzer Reißzähne, die wie Nadeln daraus hervorstachen. Der Körper des riesigen schwarzen Hundes, der sich langsam an ihn heranschlich, war in der Dunkelheit kaum auszumachen, so geschmeidig bewegte er sich. 
Der junge Nordmann blieb wie angewurzelt stehen. So eine große Töle hatte er zu Lebzeiten noch nie gesehen. Er merkte, wie sein Herz zu rasen begann. »Wie lautet dein Name?«, brachte er mühsam hervor. Seine Stimme drohte zu versagen und er taumelte entsetzt einen Schritt rückwärts. Ein Klos bildete sich in seinem Hals, groß genug, um ihn in Atemnot zu versetzen. »Und was ist dies für ein Ort?«
»Sie nennen mich Garm und ich wache im Namen der Herrin über diese Gänge. Du befindest dich in Gnipahellir, dem Vorhof von Helheim. Durch diese Höhlen wandern jene, die keinen Herzschlag mehr besitzen, um der Herrin vorgeführt zu werden. Also nenne mir dein Begehr und dann verschwinde von hier!«
»Ich suche meinen Bruder. Er hat es nicht verdient, hier unten zu verrotten«, entgegnete Snorri tapfer. Auch wenn sich der große Hund immer näher an ihn heranschlich, so musste er doch irgendwie an ihm vorbeigelangen. 
Dyggur befand sich irgendwo dort unten und Snorri wollte verdammt sein, wenn er ihn nicht retten konnte. 
»Die Lebenden haben kein Recht, hier zu wandeln«, wiederholte Garm knurrend. Dann machte er plötzlich einen Satz und sprang den jungen Nordmann an. 
Snorri konnte nicht schnell genug reagieren und der Höllenhund begrub ihn unter sich. Geifernde Zähne streckten sich ihm entgegen und nur mit Mühe und Not gelang es ihm, sie von seiner Kehle fernzuhalten. Er trat mit dem Stiefel nach der Schnauze der Bestie und knurrend wich sie einen Schritt zurück. Für einen Augenblick konnte Snorri aufatmen und es gelang ihm, sich aufzurappeln. 
Diesen Moment nutzte Garm aus, um sich abermals auf ihn zu werfen. Er traf den jungen Nord direkt vor der Brust und erneut stürzte Snorri zu Boden. Die Luft wich aus seinen Lungen und vor Schmerz musste er aufschreien. Schwarze Sterne spielten vor seinen Augen fangen. Er bemerkte erst im letzten Moment, wie sich das zähnefletschende Maul um seinen Stiefel schloss. 
Garm vergrub die Zähne in ihm und Snorri jaulte auf vor Pein. 
Er wandte sich in Qualen, warmes Blut lief sein Bein hinab. Dann vollführte er eine unbeholfene Drehung und schaffte es irgendwie, aus seinem Stiefel zu schlüpfen. Snorri rappelte sich auf und rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Vorbei an schwarzen Silhouetten, immer tiefer in die Finsternis hinein. Hinter sich vernahm er das Hecheln des Höllenhundes, er musste ihn jeden Augenblick eingeholt haben. Snorri verdoppelte seine Anstrengungen, auch wenn seine Lungen wie Feuer brannten, und doch gelang es ihm, vorne zu bleiben. Er passierte Kavernen und Tunnel, bis er irgendwann durch einen Spalt in der Wand schlüpfte, der für Garm einfach zu klein war. 
Wütend heulte ihm der Hund hinterher, während er sich schleunigst davonmachte.
Schwer atmend hielt Snorri für einen Moment inne. 
Die Luft hier unten war so kalt, dass sich Dampfwolken vor seinem Mund bildeten. Und dennoch schien er die Höhlen hinter sich gelassen zu haben, denn abermals erspähte er den Schimmer der Monolithen. Er war den großen Steinen ein ganzes Stück nähergekommen und irgendwie wusste Snorri, dass sie sein Ziel darstellten.
In einiger Entfernung begann eine gepflasterte Straße, die sich wie ein niederträchtiges Tier durch das schwarze Gestein schlängelte. Ein Tunnel führte von ihr aus zurück in die Kavernen, aus denen er gerade noch entkommen war. 
Auf der Straße wandelten die dunkeln Schemen, verdammte Seelen, denen der Zutritt zu Walhall endgültig verwehrt bleiben sollte. Selbst aus der Entfernung drang ihr Gesang in sein Ohr. Wieder und wieder formten sie Worte der Verzweiflung. 

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Irgendwo dort unter ihnen befand sich sein Bruder. Snorri musste ihn finden und zurückbringen, koste es was es wolle. Er konnte einfach nicht zulassen, dass Dyggur hier unten verrotten sollte. 
Langsam machte er sich an den Abstieg, das brüchige Gestein bot ihm keinen festen Tritt. Doch je länger er den Fels herunterkraxelte, desto besser kam er voran. Dann erreichte er endlich die Straße. 
Als er sich genauer umsah, stellte Snorri fest, dass es schwierig werden würde, unter all diesen Schemen seinen Bruder auszumachen. 
»Dyggur!«, er schrie so laut er konnte, doch der Gesang der Silhouetten schien alles zu übertönen. Wer war er schon, sie herauszufordern? Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, beschloss Snorri, seine Taktik zu ändern. Der Straße bis zu ihrem Ende zu folgen, stellte vermutlich die beste Möglichkeit dar, die er besaß. Er schauderte bei dem Gedanken daran, was ihn dort womöglich erwarten mochte. Er biss die Zähne zusammen. 
Ich tue das für meinen kleinen Bruder, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis. Diese Tatsache gab ihm die Kraft, die er brauchte, um weiterzumachen. 

Nachdem er eine Weile dem Verlauf der Straße gefolgt war, vollzog diese plötzlich eine steile Kurve. Als Snorri sie passierte, fand er sich unweit von den großen Monolithen wieder, die er schon zuvor gesehen hatte. Er erkannte die Runen auf dem Stein nicht, doch von ihnen ging eine unheimliche Aura aus. Es kam ihm so vor als würde sie das lebendige Fleisch von seinem Körper schälen und er verkniff sich nur mit Mühe einen gequälten Aufschrei. Der junge Nordmann zwang sich dazu, seinen Marsch zu beschleunigen, und kurz darauf stellte er fest, dass zwischen den beiden Monolithen eine Brücke aus reinem Gold verlief, die über einen reißenden Fluss pechschwarzen Wassers führte. Als er genauer hinsah, bemerkte er auf dieser Brücke eine riesige Frau, welche die Schemen etwas zu fragen schien, bevor sie ihnen gewährte zu passieren. Das muss eine Jötun sein.
Ihr Haar war so weiß wie ein Leichentuch und ihr Gesicht bedeckte eine seltsam deformierte Maske aus reinem Silber, die ihr ein tierisches Aussehen verlieh. Schwarze, kreisrunde Löcher stellten Augen und Mund dar und ihren sehnigen Körper bedeckten unzählige Narben. Sie lehnte auf einer Axt, die Snorri an Größe übertraf. Diese Magd lebte für den Kampf. 
»Welchen Namen trägst du, dass du erbittest die goldene Brücke Gjallarbrú zu überqueren?«, fragte sie wieder und wieder, wenn eines der Schemen sie passieren wollte. 
Diese antworteten aufrichtig und die Riesin ließ sie passieren. 
In Snorri jedoch keimten Zweifel auf. Je näher er der Jötun kam, desto ärger befürchtete er, sie würde ihn womöglich nicht passieren lassen oder sogar schlimmeres mit ihm anstellen. Seine Beine zitterten wie Espenlaub, während er immer näher an sie herantrat. Dann vernahm er jedoch etwas, das sein Feuer wieder entfachte.
»Dyggur aus Skiringssal erbittet Einlass«, krächzte eine Stimme mühsam hervor. 
Er war schon immer so labil, so nahe am Reich der Toten gebettet. Doch keiner vermochte es, mit Wort und Tat so viel Freude auszustrahlen wie er. Dann kam die Lepra und nahm ihm sein Leben.
Snorri schluckte, als ihn die Bilder der Vergangenheit einholten. 
Bilder, die allesamt damit endeten, dass der Körper seines Bruders langsam verfiel, bis er sämtliches Leben ausgehaucht hatte. Seine Gefühle bahnten sich einen Weg durch seinen Körper, bis sie sich in seiner Kehle zu einem entsetzlichen Schrei manifestierten. 
»Dyggur! Bleib stehen! Warte auf mich! Ich hole dich hier raus!« Snorri brüllte wie er noch nie in seinem Leben gebrüllt hatte. Er setzte sich in Bewegung und schoss auf die Riesin zu. Wenn es eine Gelegenheit gab, um seinen Bruder vor Hela zu bewahren, dann war sie nun gekommen. 
»Du wagst es, der Modgudr entgegenzutreten? Ich wache über die goldene Brücke und niemand, der lebt, darf sie passieren!« 
Das Hallen ihrer mächtigen Stimme fegte wie ein Sturm über Snorri hinweg. Ächzend ging er in die Knie. Die riesige Axt zischte ihm entgegen und für einen Augenblick sah er sein Leben an sich vorbeiziehen. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. 
Mit einem entsetzlichen Kreischen traf die Schneide auf die Brücke und knackend brach diese entzwei. Risse bildeten sich im Gestein, bis es gänzlich zerbarst. 
Snorri versuchte panisch, sich in Sicherheit zu bringen, doch die Trümmer zogen ihn mit sich, in die alles ertränkende Tiefe. 
Er erhaschte einen letzten flüchtigen Blick auf Ghyddur, der an Modgudrs Hand in die Finsternis schritt. 
Ein alles erstickender Schrei entwich Snorris Kehle, als er ins Bodenlose stürzte. Dann drückte eine gewaltige Kraft sämtliche Luft aus seinen Lungen, bis er nicht mehr atmen konnte. Röchelnd und keuchend tauchte Snorri in ein alles verhüllendes Schwarz. 

Als er die Augen aufriss, dämmerte bereits der Morgen. 
Ein Traum, wurde ihm schnell klar. Mit pochendem Herzen versuchte er seine Erlebnisse wieder vor sein geistiges Auge zu rufen, während er sich den Schlaf aus dem Gesicht wischte. 
Ghyddur. Ich war zu schwach, um ihn zu retten.
Er ballte die Fäuste. Sollte die Hela ihn jemals wieder zu sich rufen, würde sie dafür bitter bezahlen. Mühsam schälte er sich aus seinem Schlafsack. Die aufregende Nacht hatte ihm kaum Erholung beschert.
Draußen bellte jemand Befehle. 
Knutson. Bei dem Gedanken an seinen heuchlerischen Schiffsmeister überkam ihn der Groll. Und eines war Snorri vollauf bewusst: Sollte es so weitergehen wie bisher, steuerten sie geradewegs in ihr Unheil hinein. 
Und böse Omen waren wahrhaft nichts, was er an Bord gebrauchen konnte.

Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (1/2)

Das ganze Kapitel zu schreiben habe ich diese Woche einfach nicht geschafft, aber ich möchte euch das bisherige Geschehen nicht vorenthalten. Also habe ich mich doch dazu entschieden, das Kapitel zu splitten. Der Rest folgt dann nächsten Donnerstag. 🙂






Die erste Nacht brach über sie herein. Der volle Mond spiegelte sich spielerisch auf der Wasseroberfläche des Meeres und verwandelte sie in glänzendes Glas. 
Das Rauschen der See wurde in regelmäßigen Abständen lediglich durch das eindringliche Knarren der Ruder unterbrochen, die das Schiff vorwärts zogen. 
Solange sie noch in Küstennähe blieben, konnten sie auch nachts noch etwas Strecke machen, bevor sie die Schiffe an Land zogen, um zu rasten. 
Snorri ließ es zu, dass ein inniges Gähnen über seine Lippen wich. Den ganzen Tag hatte er die Ruderbank bemannt und hinaus auf das Meer gestarrt. 
Jedes Mal, wenn er glaubte eine Insel auszumachen, stellte sich dieser Gedanke als trügerische Fehleinschätzung heraus. Nun schmerzten seine Knochen von der harten Arbeit an Deck. 
Wer nicht ruderte, musste sich um andere Dinge kümmern.
Knutson schien jede noch so nichtige Aufgabe einzufallen, um ihn zu beschäftigen. Deck schrubben. Vorräte inspizieren. Waffen putzen.
Snorri spuckte aus. Wäre dieser Mistkerl nicht unser Steuermann, würde ich ihn eigenhändig von Bord schmeißen. Soll Njörðr sich seiner erbarmen.
Seit Beginn ihrer Fahrt wirkte der erfahrene Nordmann so, als nagte der Zorn an ihm. 
Harsche Befehle schienen alles zu sein, was Knutson durch den Kopf ging, und einige der Männer begannen schon damit, hinter vorgehaltener Hand über seine Führung zu murren. 
Eine Tatsache, die Snorri in Alarmbereitschaft versetzte, denn schließlich waren die Männer aus Ustenström ihnen an Zahl dreifach überlegen. 
Dann endlich drehten sie bei und hielten auf einen seichten Strand zu, der ein einfaches Lager versprach. 

Als Snorri das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder festen Boden unter den Füßen fand, konnte er nicht umhin, etwas Erleichterung zu empfinden. 
Seine Stiefel versanken im weichen Sand und er begann damit, den Männern beim Entladen des Schiffes zu helfen. 
»He Bengel, das ist für uns, also pass besser drauf auf!«, bellte ihm ein wuchtiger Kerl aus Ustenström entgegen, bevor er ihm einen Beutel voll Stoff zwischen die Füße warf. Zelte für die Nacht. 
»Danach kannst du Holz hacken und, wenn du kannst, auch ein Feuer entzünden. Meine Männer wollen Fleisch, verstanden?« Der Krieger baute sich mit einem triumphierenden Grinsen vor Snorri auf, wobei er ihn bestimmt um einen Kopf überragte. 
Ein übler Gestank drang aus seinem Mund und seine fleischigen Wangen wackelten auf und ab, während er sprach, was Snorri instinktiv an ein Wildschwein auf Futtersuche erinnerte. 
»Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder mir lieber ernsthafte Sorgen über deinen Frauengeschmack machen sollte, wenn du mich wirklich für dein Weib hältst«, entgegnete er frech. 
Eine Handvoll Männer neigte bei diesen Worten den Kopf in seine Richtung. 
In einigen Gesichtern fand Snorri einen undefinierbaren Ausdruck. Er roch förmlich nach Gefahr. 
Noch bevor er reagieren konnte, packte ihn der Mann am Kragen. »Sag das nochmal und ich mache dich wirklich zu einer Frau«, grunzte er. In seinem Blick schwang eine unbändige Mordlust mit. 
»Loslassen!«, knurrte Snorri wutentbrannt. Was fiel diesem Kerl ein?
»Wie du meinst«, lachte der Mann und stieß ihm hart in die Rippen, sodass er keuchend in den Sand stürzte. 
Ein paar der Männer lachten derbe. »Einen Krug auf mich, wenn er das überlebt«, feixte einer von ihnen. 
Snorri spürte, wie die Wut in ihm aufkochte. »Na warte!« Er griff sich eine Handvoll Sand und schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht.
Fluchend bedeckte der Mann seine Augen.
Diesen Moment nutzte Snorri, um ihm die Faust ins Gesicht zu rammen. Schmerz pochte durch seine Hand, doch er verdrängte ihn. 
Aber der Nord ging nicht zu Boden. Er wischte sich den Sand aus den Augen und es gelang ihm Snorri zu packen. »Du bist ein toter Mann«, versicherte er und griff nach seinem Messer.
Panisch versuchte Snorri sich aus dem festen Griff zu lösen, doch es gelang ihm nicht. Dieses Mal schien das Glück nicht auf seiner Seite zu sein. »Du Bastard! Willst du mich etwas umbringen?!«, fluchte er lautstark, in der Hoffnung ihm würde jemand zur Hilfe eilen. Sein Blick traf auf Knutson, der dem ganzen Treiben mit gebleckten Zähnen zusah. Ist er wirklich so ein Hund? Liefert mich an die Ustenströmer aus? Ein grollendes Knurren entwich seiner Kehle. 

»Aufhören, alle beide! Sofort!«, schnitt plötzlich eine Stimme durch die Luft, scharf wie ein Schwert. Islav schritt an die Gruppe heran, Aegir und ein paar weitere bekannte Gesichter folgten ihm dichtauf. 
Snorri atmete erleichtert aus. Heute würde er noch nicht sterben. 
Der Griff seines Gegenüber erschlaffte. »Ein vorlauter Bengel wie er hier sollte sich lieber zweimal überlegen, ob er einen Mann aus Ustenström verärgert!«, rief er der Menge schäumend entgegen. 
Die anderen Männer, die sich noch an Bord der Donnermaid befunden hatten, stellten sich mit verschränkten Armen hinter ihm auf.
Die sind viel mehr als wir. Ich hoffe das geht gut aus. Snorri merkte, wie sich sein Körper verkrampfte. Das Pochen in seiner Hand nahm an Intensität zu, bis er letztendlich sogar ein eindringliches Rauschen in den Ohren wahrnahm.
Er biss sich ungewollt auf die Lippe. Ein bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. 
»Du bist nicht mein Jarl. Ich pfeife drauf was du sagst!«, fauchte der Mann in Islavs Richtung und sein Griff um das Messer versteinerte sich. 
Aufgeregte Schrei ertönten und plötzlich warfen sich beide Seiten wüste Beschimpfungen an die Köpfe. Einige der Männer griffen nach ihren Waffen. 
Islav rief seine Männer zur Ordnung auf, doch die Situation drohte zu eskalieren. 
Snorri fletschte die Zähne. Wenn sie sich dazu entscheiden würden, anzugreifen, war er bereit. 
»Kommt doch!«, bellte Yorrik, während er seine Axt durch die Handfläche kreisen ließ. 
Ein Mann aus Ustenström quittierte seine Herausforderung mit einem unflätigen Fluch.

Dann schritt Magnar in die Menge und hob beschwichtigend die Hände. »Knarr, du hältst jetzt dein dreckiges Maul und steckst sofort das Messer weg, haben wir uns verstanden?«
Snorri bemerkte sofort, dass dieser Mann es gewohnt war Befehle zu erteilen. 
Ohne ein Widerwort gehorchte Knarr. Für einen Moment herrschte eine bedrückte Stille. 
»Ich denke, das sollte reichen«, der Jarl aus Ustenström nickte Islav kurz zu, dann winkte er seine Männer fort und befahl ihnen ein Lager zu errichten. 
Auf Snorris Nacken formte sich eine Gänsehaut. Magnar war ihm unheimlich. Dieser Blick. Darin lag eine eisenharte Grausamkeit.
Er versuchte den Gedanken auszublenden, was ihm nicht sofort gelang. 

Dann packte ihn jemand bei der Schulter. »Willst du dich unbedingt umbringen lassen?«, zischte ihm Aegir ins Ohr. 
»Was soll ich denn sonst tun? Mich wie ein Mädchen behandeln lassen? Er hat mich herausgefordert und bekommen, was er verdient hat.« Auf den Tadel seines Bruders konnte Snorri jetzt getrost verzichten.
»Er hätte dich fast ausgeweidet. Ich will nicht mit ansehen müssen, wie jemand meinen kleinen Bruder ermordet, bevor er überhaupt das erste Mal wirklich zur See gefahren ist. Du reißt dich jetzt besser zusammen«, forderte der Riese eindringlich. »Auch Islavs Geduld kann ihr Ende finden und dann wehe dir Gott.« Er wandte sich ab und stampfte davon. 

Snorri blickte ihm ungläubig hinterher. Was hat er da gerade gesagt? Wehe mir Gott? Diese Floskel war ihm bisher noch nie untergekommen. Kann es sein, dass…? 
Finstere Gedanken voller übler Vorahnung legten sich um ihn und drückten schwer auf sein Gemüt. Selbst als das Zelt stand und ein fetttriefender Keiler über dem Feuer brutzelte, verbesserte sich seine Stimmung nicht. 
Die Gespräche der anderen, über den heutigen Vorfall mit den Ustenströmern, bekam er nur am Rande mit. Alle seine Gedanken drehten sich um seinen großen Bruder Aegir und das flaue Gefühl in seinem Magen. 
Irgendwann beschloss Snorri, dass es vermutlich besser war den heutigen Tag einfach zu vergessen. Er verabschiedete sich von den anderen und legte sich schlafen. Unruhig wälzte er sich auf und ab, bis er in einen dunklen Traum stürzte.

Die Wölfe von Asgard – Wo die Riesen wohnen

Das große Langschiff, das Yorrik pünktlich zum anstehenden Viking fertiggestellt hatte, konnte sich in seiner Größe und Pracht wahrhaft sehen lassen und hob sich deutlich von den anderen im Hafen liegenden Drachenbooten hervor. Das nach Odins Wolf benannte Schiff Gerri, der Gierige, würde ihnen auf See gute Dienste leisten. Auf jeder seiner Seiten gab es Platz für dreißig Ruder und es lag so flach im Wasser, dass es auch seichte Strände und Flüsse befahren können würde. Der Mast ließ sich umstürzen, um selbst Hindernisse wie Brücken zu passieren, und laut des Schiffsbaumeisters war das blutrote Rahsegel in der Lage, den harschesten Seewinden standzuhalten. Am Bug thronte der Drachenkopf, seine grimmigen Augen blickten hinaus in die Bucht. Er schien bereit, alles und jeden darin mit einem hungrigen Bissen zu verschlingen. 

Knutson folgte dem Blick des Drachen hinaus in die Weite, während er sein Schwert an einem Schleifstein wetzte. Das übliche Ritual, das er abhielt, bevor er zur See fuhr. 
Die Skiringssaler Klippen glühten rot im Abendlicht einer untergehenden Sonne, die ihnen den baldigen Sommer verkündete. Bald würde es selbst in der Nacht nicht mehr vollends dunkel werden. 
Ein warmer Wind strich sachte, fast zärtlich durch sein Haar und für einen Moment schien es Knutson so, als seien es die liebevollen Berührungen seiner einst geliebten Stjarna. Als wäre sie noch bei ihm. 
Verstohlen sah er sich um, hoffte nur für einen vergänglichen Moment einen Blick auf sie erhaschen zu können, doch niemand offenbarte sich ihm, bis ihm schließlich wieder einmal bewusst wurde, dass sie fortgegangen war. 
Die Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes hatte sie nicht überlebt.
Hela hatte sie mit sich genommen und dazu verdammt, bis an das Ende ihrer Tage in der Unterwelt zu verrotten. 
Leif, der Junge, den sie ihm einst schenkte, war mittlerweile acht Jahre alt. 
So lange ist es schon her? Knutson hielt für einen Moment inne und betrachtete das Schwert in seinen Händen. Noch ein bisschen. 
Schwarze Wolken hatte sie in seinem Kopf hinterlassen, undurchdringbar und schwer vor Bitterkeit. Und nicht einmal der flüchtige Kuss einer hübschen Frau wie Ylvie konnte diese lindern. Knutson spuckt aus. 
Ylvie. Dieser Name klang wie Gift in seinen Ohren. 
Alles in diesem Dorf drehte sich um die hübsche Tochter des Jarls und sie wiederum drehte sich um das gesamte Dorf. Das spürte Knutson in seinen kampferprobten Knochen. 
Aegir hat sich eine kleine Göttin ins Haus geholt. Und wie eine kleine Göttin hat sie ihn fallen lassen. Sie sind ja so wählerisch mit ihrer Gunst und wem sie diese zuteilwerden lassen.
Für einen Moment musste er schmunzeln, über seinen doch so törichten, ehemals besten Freund. 
Du kamst mit deinen Geheimnissen immer zu mir, eines dämlicher als das andere. Doch dieses Mal hast du dich selbst übertroffen, du elender Dummkopf!
Es musste ein ironischer Wink der Götter sein, dass sich Islavs bester Krieger, der einst noch der mächtige Riese genannt worden war, letztendlich als verkappter Denker und Schwarzmaler erwies.
Knutson wendete die Klinge und für einen Augenblick betrachtete er sein eigenes Abbild darin. Nun, da Aegir nicht mehr zur See fahren würde, stellte er den erfahrensten Kämpfer in Islavs Mannschaft dar. 
Endlich war seine Zeit gekommen. Zufrieden schob er das Schwert in die Scheide und erhob sich. Leif wartete vermutlich schon auf ihn.
Der Nordmann lächelte matt. 
Der Junge steckte voller Neugierde und Tatendrang. Er würde bald schon einen vortrefflichen Seefahrer abgeben. Besonders interessierten den Kleinen jedoch die Geschichten, die Knutson ihm mitbrachte, wenn er nach einem langen Tag heimkehrte. Geschichten über tapfere Helden, grimmige Riesen und furchteinflößende Seeschlangen. 
Knutson betrachtete sich selbst nicht als Geschichtenerzähler, wie es die Skalden waren. Jedoch erinnerte er sich gerne daran zurück, wie er noch in der Kinderstube gelegen hatte, mit dicken Fellen eingepackt, damit die Kälte nicht in seine Knochen dringen konnte, und den abenteuerlichen Geschichten seiner Mutter gelauscht hatte. Da der Junge seine eigene nie kennenlernen durfte, wollte Knutson ihm dennoch etwas von ihr mitgeben. Auch wenn es nur einen bescheidenen Ersatz darstellte. 

Er machte sich auf und stiefelte durch das Dorf. Auf seinem Weg begegneten ihm Yorrick und Snorri, die sich angeregt unterhielten. 
Der Nordmann grinste. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie aufregend der Abend vor seinem ersten Viking gewesen war. 
»Werden wir wirklich bis in die Flüsse vorstoßen?«, fragte Snorri mit einem begeisterten Funkeln in den Augen.
»Dafür sind die Schiffe zumindest ausgelegt«, begann Yorrick zu erzählen. »Ihr Tiefgang ist so gering, dass du selbst seichte Gewässer befahren kannst. Und Brücken sind auch kein Problem für die Boote. Aber möglicherweise brauchen wir gar nicht erst so weit zu segeln, um Beute zu machen. Es gibt viele kleine Inseln vor der Küste, die nur darauf warten von echten Nord geplündert zu werden. Stell du nur sicher, dass deine Axt schön scharf ist und diese Welt gehört dir.«
Snorri nickte eifrig. »Das werde ich«, gelobte er feierlich, dann bemerkte er Knutson und wandte sich zu ihm. »Ah, der Inseltöter. Mit der Zunge so schnell wie mit dem Schwert«, frotzelte er mit verschlagenem Grinsen. 
Eine Anspielung auf die Geschehnisse bei Islavs Bankett. 
Knutson knurrte wie ein Wachhund. »Dein Bruder hat sich mit diesem Weib wahrlich ins eigene Fleisch geschnitten. Sollen die Wölfe über seinen Entschluss heulen oder Freya, wenn sie merkt, dass er ihr vermutlich nie wieder ein Kind in den Bauch setzen wird. Was für ein Verlust für das Dorf.«
»Meine Herren, bitte. Es gibt keinen Grund für Streitigkeiten«, versuchte Yorrik zu beschwichtigen. Seine eisenharten Augen musterten sie streng. 
Prügeleien wurden vom Jarl stark geahndet, das wusste Knutson und genau da lag das Problem. Als Aegir ihn damals auf dem Bankett eine Abreibung verpasst hatte, schien es Islav nicht besonders zu interessieren. Wer mit der Tochter des Jarl vögelte, konnte sich also neuerdings alles erlauben. 
Knutson spuckte aus. »Wir werden noch sehen, was hinter deinem losen Mundwerk steckt, Snorri Naseweis. Axt und Schwert zählen auf der Fahrt mehr als freche Worte und von denen kennst du wahrlich zu viele. Irgendwann wird dir jemand dafür die Zunge herausschneiden, das solltest du besser beherzigen.«
Der junge Nord rollte mit den Augen. »Aber selbstverständlich, mein Hoher Vater«, witzelte er, doch dabei schien er es zu lassen. 
Knutson war sich im Klaren darüber, dass Snorri bestens wusste, wann er lieber seine vorlaute Klappe halten sollte. Er nickte Yorrik noch im Vorbeigehen zu, denn schließlich hatten sie lange auf demselben Schiff gedient, dann schritt er ungehindert zu seiner Hütte herüber. 

»Vater, bist du das?«, begrüßte ihn eine fröhliche Stimme. Und schon kam Leif um die Ecke geschossen, mit einem unbändigen Eifer in den blauen Augen. Der Knabe war kaum Drei-Käse-Hoch und doch hatte er etwas an sich, das Knutson tief in seinem Innersten berührte. 
Das hat er von seiner Mutter, diese entwaffnende Fröhlichkeit. Die Lebensfreude. Unwillkürlich musste er an seine verstorbene Frau denken, an ihre unverhofft kurze gemeinsame Zeit. 
Einen Sommer hielt ihre Liebe und es war der schönste Abschnitt in Knutsons bisherigem Leben gewesen. Er erinnerte sich daran, wie sie im eiskalten Wasser planschten, Beeren pflückten oder sich auf einer Lichtung liebten, die nur ihr gemeinsamer, geheimer Ort gewesen war. Fast kam ihm eine Träne. Aber vor seinem Sohn wollte er keinen Schwermut äußern, also zwang er sich zu einem Lächeln. »Willst du eine Geschichte hören, bevor wir schlafen gehen?« 
Die Aussicht darauf verlieh ihm etwas Zuversicht.
»Ja!«, rief der Knirps begeistert. »Erzähl mir wo die Riesen wohnen.«
»Na schön, dann ab ins Bett mit dir«, schmunzelte Knutson. Die Geschichte von den Riesen war auch seine liebste und im Laufe der Jahre konnte er sie immer aufregender erzählen.
Leif gehorchte so augenblicklich wie immer, wenn er eine Geschichte hören wollte, und kuschelte sich mit einem erwartungsvollen Blick in seine Felle.
Knutson setzte sich an das andere Ende des Bettes und überlegte für einen Moment, wo er anfangen sollte. »Am Anfang war das alles um uns herum nicht, es gab kein Leben in dieser Welt, nur Feuer und Eis. Ein uraltes Gleichgewicht, zwischen dem eine riesige Schlucht klaffte, die wir Ginnungagap nennen«, begann er mit ruhiger Stimme zu erzählen. 
»War das eine große Schlucht?«, erkundigte sich Leif neugierig.
»Sie war so tief, dass man von oben nicht den Boden gesehen hätte. Auf der einen Seite grollten die Gletscher aus Niflheim ihr uraltes Lied, die andere Seite stellte das tosende Feuer von Muspellr dar. Dort, wo sie sich küssten, tropfte das erste Wasser in die Klamm. Eiszapfen, groß wie ein Drachenboot, ragten in die Tiefe.«
»Aber wo kommt das ganze Eis her?«
»Du bist ein aufgeweckter Junge. Stjarna hätte das gefallen. Also gut, ich werde es dir erzählen, wie meine Mutter es mir erzählte. Tief im Lande Niflheim gibt es eine uralte Quelle von unheimlicher Macht. Wir Nordmänner nennen sie Hvergelmir. Sie speist alle Gewässer dieser Welt. Elf Flüsse strömen durch das eiskalte Land und gefrieren im Laufe der Zeitalter im Ginnungagap. Doch das Feuer brachte das Eis zum Schmelzen. Tropfen für Tropfen plätscherte es in die Tiefe und formte ein Wesen von entsetzlicher Größe. Den ersten Riesen, der den Namen Ymir trug.« Knutson schaute seinen Sohn eindringlich an, um ihm zu verdeutlichen, dass die eigentliche Geschichte nun erst begann. 
»Und er war ganz alleine?«, Leif verzog traurig das Gesicht. »Er tut mir Leid.«
Der Nordmann lächelte verschmitzt. »Wer sagt denn, dass er das war? Denn auch ein Riese braucht etwas, um in dieser Schlucht bestehen zu können. Er nährte sich am Euter Audhumlas, um zu überleben. Die Mutter allen Lebens gab ihm die Kraft, die er brauchte. Ymir ging es so gut, dass er unwillentlich Leben hervorbrachte, wenn er schlief. Er schwitzte so stark, dass aus seinen Achseln ein Mann und eine Frau hervorgingen, die irgendwann mal das sein sollten, was wir jetzt sind.«
»Heißt das, ich komme auch aus dem Körper eines Riesen?«, Leif zuckte entsetzt zusammen. 
Knutson tätschelte ihm lachend den Kopf. »Keine Sorge, mein Sohn, du kommst aus deiner Mutter. Sie schenkte dir das Leben. Und so wie sie dir das Leben schenkte, schenkte Audhumla unseren ersten Göttern das Leben, indem sie Búri aus dem Eis befreite. Drei Tage lang leckte sie am Eis und befreite dadurch seinen gigantischen Körper. Er war ein Mann von solcher Pracht und Schönheit, dass er nur etwas göttliches erschaffen konnte. Sein Sohn nahm eine Riesin zur Frau und zeugte mit ihr drei Kinder. Einer davon war Odin, der Vater unserer Götter.«
»Aber wieso steckte er im Eis fest? Ist das nicht viel zu kalt?«, fragte Leif aufgeregt. Seine strahlenden Augen musterten seinen Vater voller Neugierde. 
»Nun, auch er war ein Riese. Also konnte er es vermutlich überleben«, erklärte Knutson nachdenklich. Sein Sohn stellte Fragen, über deren Antwort er noch nie nachgedacht hatte.
»Also gab es schon Riesen, bevor es überhaupt Götter gab? Was haben die Götter mit den Riesen gemacht? Waren sie Freunde?«, es sprudelte nur so aus Leif heraus. 
»Mitnichten«, Knutson hob tadelnd den Finger. »Obwohl sie als erste Lebewesen die Welt erblickten, galten die Riesen seit jeher als böse und gefürchtet. Ihr Eis brachte den Tod, genauso wie ihr Feuer. Traue nie einem Riesen, wenn du einem begegnest. Es ist dein sicherer Untergang.«
Leif versprach es. »Was haben die Götter denn mit ihnen gemacht?«, wollte er wissen. 
»Odin und seine Brüder, Vili und Ve erschlugen Ymir, formten aus seinem Blut das Meer und aus seinem Leib die Welt. Die Flut ertränkte alle Eisriesen, bis auf Bergelmir, der nach Jötunheimr floh, ein Land der ewigen Schneestürme, um dort der neue Stammvater der Reifriesen zu werden. Und so gab Ymir sein Leben, um etwas Neues beginnen zu lassen.«
»Das ist interessant«, grübelte Leif gedankenversunken. »Also verdanken wir nicht nur den Göttern, sondern auch den Riesen unser Leben. Aber alle finden, dass sie böse sind. Sind wir dann auch böse?«
Dieser Gedanke machte Knutson stutzig. Er wusste nicht genau, was er darauf erwidern sollte. »Möglicherweise haben die Riesen uns etwas gegeben, das uns in etwas Böses verwandelt. Surt, der Herrscher des Feuers, wird am Ende aller Tage die Götter herausfordern und über sie richten. Aber die Götter bekämpfen die Bosheit, wohin sie nur kommen.« Er tippte Leif auf die Brust. »Da drin kämpfen sie für dich, damit du etwas Gutes sein kannst. Also ehre sie dafür.«
»Mache ich gewiss, Vater. Versprochen«, der Junge gähnte ausgiebig. 
»Und jetzt wird geschlafen, keine Widerrede«, Knutson strich Leif durch das weiche Haar und pustete die Kerze aus, die den Raum bisher in ein flackerndes Licht getaucht hatte.
»Vater?«, drang es ein letztes Mal aus der Dunkelheit.
»Ja, mein Sohn?«
»Komm bald wieder nach Hause.«
»Ich verspreche es dir, Leif.« Dann schloss er die Tür hinter sich. 

Die ganze Nacht wälzte sich Knutson im Bett hin und her. Ein großer Riese stampfte um das Haus herum und brachte es dadurch allein beinahe zum Einsturz. Ihrer grollenden Stimme nach zu urteilen, musste es sich um eine Frau handeln, die ihn zu rufen schien. Ihre Macht war grenzenlos und sie herrschte über den Tod. 
Er wusste dies mit ebenjener Gewissheit, die ihm verdeutlichte, dass er in einem Albtraum gefangen war. Eine unsagbare Bosheit kroch in sein Herz und lähmte es mit schwarzem Gift. 
Dann vernahm Knutson noch eine weitere Stimme, brüchig und schwach, kaum mehr als ein kratzender Klagelaut. Stjarna!
Plötzlich riss die Riesin mit einem unsagbaren Beben das Dach vom Haus. 
Knutson spürte sein Herz rasen, es pochte so stark, dass es aus seiner Brust zu brechen drohte. Ein panischer Angstschrei erstickte in seiner Kehle. Wo ist Leif? Ich muss ihn beschützen! 
Er konnte sich nicht rühren. Er war nicht in der Lage jemanden vor Unheil zu bewahren. 
Dachbalken stürzten ihm entgegen und krachten zu Boden. Dann bäumte sich die Riesin über dem Haus auf, die eine Hälfte ihres Gesicht bestand nur aus fauligem Fleisch, das ihr allmählich vom Körper fiel. Ein totes und ein lebendiges Auge durchbohrten Knutson mit einem anklagenden Blick. In der anderen Hälfte des Gesichts erkannte er Ylvie, die hübsche Tochter des Jarls. 
Hunderte schwarze Krähen bedeckten den Himmel und sangen ein schrilles Lied der Verdammnis. Blitze zuckten über das Firmament. 
Knutson konnte die Seelen der Toten seinen Namen rufen hören. Endlich wich der Schrei aus seiner Kehle, der ihm bisher verwehrt geblieben war. Das Leben wich mit seinem Odem aus seinem Körper, hinterließ nur eine leere Hülle. 
Dann tauchte sich alles in Schwarz. 

Knutson fuhr jäh aus dem Schlaf. Kalter Schweiß rann an seinem Rücken hinab wie Gletscherwasser. Er tastete nach seinem Schwert und horchte. Draußen blieb es totenstill. Er vernahm nur das eindringliche Pochen seines Herzens, das seine Brust durchfuhr wie ein Schmiedehammer. Keuchend ließ er sich wieder ins Bett fallen. Durch die winzige Luke, die im Sommer etwas frische Luft in das Haus transportierte, konnte er erkennen, dass bald die Sonne aufgehen würde. 
Vorsichtig schlüpfte er in seine Stiefel und schlich sich in das Zimmer seines Sohnes.
Leif schlummerte den friedlichen Traum eines Kindes. Er schmunzelte leicht im Schlaf. 
Immerhin er kann diese Nacht genießen. 
Während Knutson zur See fuhr, würde der Junge bei Yilma bleiben. Die Kammerdienerin besaß ein geschicktes Händchen für den Jungen.
Im Stillen verabschiedete er sich von seinem Sohn und schwor ihm, bald nach Hause zurückzukehren. Durch unsere Adern fließt das gleiche Blut. Du wirst deine Eltern ehren und sie stolz machen. So wie ich versuche, meinen Sohn stolz zu machen. 
Er schloss leise die Tür und trat an die Truhe, wo er seine Ausrüstung bereithielt. Einen Rundschild, in dessen Rückseite ein Dolch verborgen lag, ein Helm mit Schutz für Nase und Augen und einen Lederharnisch, der schon etliche Male geflickt worden war. Schwere Rüstung behinderte einen Nord ohnehin viel zu sehr, denn sie mussten schnell zuschlagen und dann wieder verschwinden. Weite Strecken in Metall gehüllt zu rennen, war für die wenigsten Krieger wirklich zu schaffen. 
Nachdem er sich seine Ausrüstung angelegt hatte, schritt er hinaus. Nebel lag über den Dächern und die frische Luft war angenehm kühl. 
Noch herrschte eine trügerische Ruhe im Dorf, das sollte sich aber mit dem Voranschreiten der Sonne ändern.

Knutson schritt zu den Anlegestellen, wo die Drachenboote ruhten. Als er feststellte, dass über Nacht drei weitere Boote dazugestoßen waren, mutmaßte er, dass es sich dabei nur um die Schiffe des Magnar handeln konnte, die mit ihnen segeln würden. 
Er erspähte Hjalmaer auf einem von ihnen, neben ihm stand ein deutlich kleinerer Soldat, dessen Gesicht durch einen Helm verdeckt wurde. Für einen Augenblick gedachte Knutson, etwas bekanntes darin erkannt zu haben, doch er wollte nicht starren. 
Er hob die Hand zum Gruße und der Sohn des Magnar erwiderte ihn kurz, bevor er mit seinem Kameraden unter Deck verschwand. 
»Ob wir ihre Hilfe wirklich brauchen? Ich hoffe Islav weiß, was er tut«, drang plötzlich eine nur zu vertraute Stimme an Knutsons Ohr. 
Dieser drehte sich ruckartig um. Das konnte doch nicht sein? »Was machst du hier? Ich dachte du hütest die Fische, bis wir wieder zurück sind?«, zischte er seinem ehemals besten Freund entgegen.
Aegir hatte sich ebenfalls in seine Rüstung gehüllt, die aus vernieteten Ketten bestand, welche an Armen und Beinen mit Lederbändern umwickelt waren. Seinen Kopf schützte ein eindrucksvoller Helm und auf seinem Rücken heftete die todbringende Dänenaxt, die er schon in etlichen Schlachten geschwungen hatte. Aegir war einer dieser Männer, die es fertigbrachten, auch gepanzert zu marschieren. 
»Es freut mich zu wissen, dass du meinen Beistand schätzt. Doch ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten«, erwiderte der Riese.
»Ach nein? Deine bloße Anwesenheit ist Grund genug für Streit. Hast du nicht in jener metschweren Nacht gestanden, dass du nie wieder Hand an einen Christen legen würdest? Hast du deine Meinung wieder geändert oder bist du ein Heuchler?«
Bevor Aegir etwas erwidern konnte, schritt Islav mit ausgebreiteten Händen auf den Platz. »Da ist er ja, mein Sohn der in der Schlacht geboren wurde. Es freut mich, den tödlichen Riesen wieder an meiner Seite zu wissen.« Er marschierte geradewegs zwischen die beiden. »Warst du schon an Deck der Gerri? Ein prächtiges Schiff, das muss man Yorrick lassen. Selbst Magnar scheint beeindruckt. Mit ihr zu segeln ist ein Privileg. Eines, das ich dir gerne erteilen möchte. Kraft meines Amtes wirst du Knutsons Platz als meine Rechte Hand einnehmen. Knutson, du wirst die Donnermaid befehligen. Das Schiff wird mit den jüngeren Kriegern besetzt, sowie einer Handvoll Männer aus Ustenström.«
Der Nordmann merkte, wie in diesem Moment etwas in ihm zerbrach. 
»Aber Herr, ich kenne diese Leute nicht einmal«, versuchte er etwas zu erwidern. Das war das kleinste Schiff der Flotte. Wollte Islav ihn demütigen? Oder hatte Aegir seine Finger im Spiel? 
Knutson begann zu zittern vor Wut und er merkte, wie an seiner Schläfe eine Ader zu pochen begann. Nur mit Mühe schluckte er Worte herunter, die ihm nur zu leicht über die Lippen gekommen wären. 
Für einen Augenblick wanderte seine Hand gedanklich zu seinem Schwert.
»Du wirst sie kennenlernen. Magnars Männer sind mutig und kampferprobt und ich brauche jemanden, der sie zu nehmen weiß.« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch und immer mehr Männer fanden sich mittlerweile im Hafen ein. 
Ein Wutausbruch brächte wohl nur ungemütliche Konsequenzen mit sich. 
Knutson starrte Aegir mit einer blinden Bosheit an, dieser hatte einen undefinierbaren Gesichtsausdruck aufgesetzt. Fast so als quäle ihn etwas. 
Ich hoffe es frisst dich von innen auf, Freund.
Er verneigte sich steif vor dem Jarl und ließ sich entschuldigen. 

Die Donnermaid stellte das kleinste Schiff der Flotte dar, jede Seite bot Platz für fünfzehn Männer. Eine Kajüte gab es nicht. 
Als Knutson die Mannschaft in Empfang nahm, stellte er fest, dass er niemanden an Deck wirklich kannte, außer Snorri und fünf weiteren Jünglingen, die das erste Mal segelten. 
Der freche Bursche begrüßte ihn mit einem kecken Grinsen uns einem »Bereit wenn Ihr es seid, Kapitän.«
Und dann auch noch der. Thor vergelte es mir mit einem Blitz, wenn ich ihm nicht den Hals umdrehe!
Die restlichen Männer, die die Ruderbänke bemannen würden, stammten aus Ustenström. Derbe Kerle von harter Art und bis an die Zähne bewaffnet. Ob das gutgeht? Irgendwie bezweifelte Knutson das.
»Taue lösen, Segel bereitmachen, Ruderbänke bemannen!«, schrie er in alter Manier, während er zum Steuer trat, und seine Worte hallten wie ein Kriegsruf durch den Hafen. Zu seiner Überraschung gehorchten die Männer sofort. 
Dann löste sich die Donnermaid vom Steg und segelte, gemeinsam mit dem Rest der Flotte, aus der Skiringssaler Bucht heraus. Der Viking hatte begonnen!

Soldaten spielen nicht!

Allen unter euch, die auf den 5 Teil von “Die Wölfe von Asgard” warten, kann ich schon einmal mitteilen, dass es vermutlich nächsten Donnerstag den neuen Teil geben wird 🙂
Solange möchte ich diese Kurzgeschichte mit euch teilen, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Viel Vergnügen beim Lesen!

Das morgendliche Licht brach durch die grauen Riesen, spiegelte sich in den großen Pfützen und den Tropfen des Morgentaus, auf das der zerstörte Hinterhof, der einst einen Teil seiner Heimat dargestellt hatte, erstrahlte wie ein Festsaal im Glanze der Kronleuchter.
Toki war gerne hier. Wenn die Sonne schien, konnte er vergessen, was vor oder hinter ihm lag.
Das Geräusch, das der Fußball aus Lumpen jedes Mal hinterließ, wenn er gegen die Wand der Ruine prallte, hatte etwas beruhigendes und ließ ihn die Explosionen, welche die Stadt Futuria in regelmäßigen Abständen erschütterten, beinahe vergessen. 
Er war jetzt sechs Jahre alt, ein Kind des Krieges, hatte nie etwas anderes erlebt, bis es zum Normalzustand geworden war.
Das einzige, wonach Toki sich sehnte, war ein Spielkamerad. Ein echter Freund, der gemeinsam mit ihm Ball spielen mochte. 
Die Tage konnten so schrecklich langweilig sein und wenn der Fliegeralarm ihn mal wieder dazu zwang, sich zu verstecken und die Hölle über ihn hereinbrach, gab es kein schlimmeres Gefühl, als die Einsamkeit.

Tock! Der Ball prallte abermals gegen die Mauer aus Stein, Toki hatte mittlerweile einen guten Schuss drauf, wie er fand. 
Der Lumpenfetzen segelte über ihn hinweg und landete in einem Gebüsch, eines der wenigen, das es noch wagte den beständigen Feuern in der Stadt zu trotzen. 
Der Junge rannte hinterher und kramte nach dem Ball, Dornen ritzten seine Arme auf, doch ohne dieses Stück Stoff hatte er nichts mehr zum Spielen. 
Mit einem Aufschrei zerrte er den Ball hervor, dieser rollte langsam auf die Straße. Die Luft über dem heißen Asphalt war schon am frühen Morgen schwummrig. 
Vorsichtig schlich Toki ihm nach, sah sich dabei kalkulierend um, damit niemand ihn erwischen konnte.

Aber eigentlich war seit ein paar Monaten schon niemand mehr hier gewesen. Er war allein. 
Wie auch an diesem Tage, so schien es ihm. Die großen Ruinen der Häuser ragten wie faule Zähne in einem morbiden Gebiss vor ihm auf, viele waren bereits eingestürzt und verlassen. 
Verlassen.
Toki erblickte den Ball, wie er hinter die Überreste eines Autowracks rollte. 
Der alte Landrover hatte die Bombeneinschläge nicht überstanden und war nur noch ein graues Abbild seiner selbst.
Der Junge erreichte das Fahrzeug ohne aufgehalten zu werden und kroch vorsichtig unter das Auto, damit er seinen geliebten Ball endlich wiederfand. Doch Anstelle eines Fußballs, erblickte er den gähnenden Lauf eines Gewehres, das auf ihn zielte.

Angst erfüllte jede Faser von Tokis Körper, der Anblick des Gewehres, das auf ihn zielte, lähmte in gänzlich. 
Er wollte noch nicht gehen, er hatte Angst davor. Auch wenn seine Eltern ihm verraten hatten, dass es der Weg zu einem besseren Ort war. 
Der Soldat, der es in seinen Händen hielt, blickte ihn ungläubig an, es war ein junger Mann, dem gerade erst der Bart wuchs. 
Aber seine grauen Augen waren hart wie Stahl, geprägt durch einen Krieg, der sein Leben geformt hatte.
„Mein Fußball….“, bibberte der kleine Junge und eine Träne rann seine Wange hinab. „Bitte, ich habe doch sonst nichts.“ 
Als der Soldat merkte, das er von dem Winzling keine Gefahr zu befürchten hatte, legte er sich das Gewehr um die Schulter. 
Toki griff sich blitzschnell seinen Ball und krabbelte unter dem Auto hervor. Also ist der Mann doch nicht böse. Endlose Erleichterung überkam ihn. Vielleicht hatte er ja endlich einen Spielkameraden gefunden?

„Magst du mit mir Ball spielen?“, fragte Toki zögerlich und hielt langsam seinen wertvollen Schatz in die Höhe. Der Mann winkte ab. 
„Ein Soldat spielt nicht, Junge. Das ist was für Kinder.“
„Musst du denn immer Soldat sein?“, fragte Toki neugierig. 
„Ja, ich muss jederzeit bereit sein, um mein Viertel zu verteidigen“, erwiderte der Mann scharf. 
Für eine Sekunde musste der Junge zu überlegen. „Das tut mir Leid“, sagte er dann, ohne auf das verdutzte Gesicht seines Gegenübers zu reagieren.
„Häh?“
„Nun, wenn ich immer etwas sein müsste, das mir verbietet ein Kind zu sein, wäre ich ganz schön traurig.“ 
Der Mann erstarrte.
„Wie heißt du Knirps eigentlich?“, fragte er dann und das erste Mal huschte ein Lächeln über sein Gesicht. 
„Toki und du?“
„Ich bin Rynn“, stellte der Mann sich vor. „Und zu welcher Seite gehörst du? Du hast doch hoffentlich nichts mit den Belias zu schaffen, oder? Sag mir, dass du ein Turak bist.“
Wieder überlegte Toki fieberhaft. „Ist das denn wichtig?“, fragte er.
„Natürlich! Für welche Seite kämpfst du?“
„Ich möchte für beide Seiten sein“, lächelte Toki.
„Sag mal spinnst du? Das geht unmöglich!“, schimpfte Rynn und sein Gesicht versprühte Funken des Zorns.
„Warum? Es muss sich doch einfach nur jemand trauen, den Anfang zu machen“, erwiderte der Junge strahlend. 
Der Soldat schien verdutzt darüber nachzudenken. Dann erhob er sich. 
„Ich muss jetzt los, aber ich bin öfters hier, vielleicht sehen wir uns ja mal, Toki.“ Er winkte zum Abschied .
„Und dann spielen wir Ball“, grinste der Junge. Rynn war wirklich nett.

Am nächsten Tag erspähte Toki den Soldaten, wie er an einer Mauer gelehnt die Straße beobachtete. 
„Spielen wir heute Ball?“, fragte er gespannt. Er wollte doch nur ein bisschen spielen.
„Nichts da!“, blaffte Rynn und verzog das Gesicht. „Ein Soldat spielt nicht!“
„Warum bist du denn Soldat geworden?“, erkundigte sich der Junge, während er seinen Ball gegen die Mauer pölte. 
„Um mein kleine Schwester zu verteidigen. Ich muss immer bereit sein, das Gewehr immer scharf halten. Denn wer weiß schon, was kommt?“ Als er bemerkte, das Toki wieder angestrengt nachdachte, fügte er noch hinzu: „Du heckst doch schon wieder etwas aus?“
„Naja“, erwiderte der Junge nachdenklich. „Würde Frieden sie nicht besser beschützen, als ein Gewehr?“
Rynn zögerte ob seiner Antwort. „Du… hast Recht“, antwortete er zähneknirschend. „Aber manchmal ist das Gewehr der einzige Weg zum Frieden. Wir lassen uns nicht unterkriegen, denn es wird immer böses geben, gegen das man kämpfen muss.“ 
Stumm bearbeitete Toki sein Spielzeug. Er ist sehr traurig, wurde ihm klar. Ansonsten würde er nicht so denken.

Am folgenden Morgen war Toki schon früh auf, er hatte unruhig geschlafen. Wieder und wieder waren Bomben in der Ferne detoniert. 
Der Krieg war allgegenwärtig und mit ihm die Angst, den nächsten Morgen nicht mehr erleben zu dürfen.
Rynn erwartete ihn bereits, seine Miene war eine Maske der Furcht. „Sie ist fort. Sie haben sie mir genommen“, der junge Mann kämpfte mit den Tränen und verlor. Er sackte auf die Knie. „Meine Schwester ist fort.“
Eine tiefe Traurigkeit berührte Toki dort, wo sein Herz war. „Es tut mir Leid“, nuschelte er, er wusste nicht ganz, was er diesem Mann sagen sollte.
„Ich habe meine Eltern verloren, als ich noch ganz klein war“, gestand Toki und auch ihm kam eine Träne. „Aber ich glaube, es geht ihnen gut“, er lächelte matt.
Rynn raffte sich auf. „Hier geht es niemandem gut, Kleiner“, spukte er aus. 
Wieder musste Toki lächeln. „Hier nicht. Aber sie sind ja woanders.“
Als er merkte, dass es dem Soldaten die Sprache verschlagen hatte, ging er auf ihn zu und ergriff seine Hand. „Wir dürfen uns nicht fürchten. Wir müssen mutig sein“, sagte er, denn er war es seit sechs Jahren. 
„Aber mutig sein heißt auch, sich erlauben zu trauern“, erwiderte Rynn niedergeschlagen. 
„Du hast Recht, glaube ich“, antwortete der Junge und setzte sich neben den Soldaten. „Dann lass uns zusammen mutig sein.“

Der darauffolgende Tag brachte einen trüben Nebel mit sich, der sich wie die Silhouetten von Geistern stumm durch die Straßen schlängelte. 
Doch auch am heutigen Tage trafen sich Toki und Rynn im Hinterhof.
„Spielen wir heute Ball?“, fragte Toki. Er konnte es nicht mehr ertragen alleine zu spielen.
Der Mann blickte auf. „Nun gut, aber nur kurz. Wir müssen aufpassen“, sagte er vorsichtig und griff sich den Ball. 
Gemeinsam tollten sie durch den Hinterhof und Toki hatte noch nie so viel Spaß gehabt, wie in diesem Moment. Kann das für immer sein?, fragte er sich nachdenklich. 

Plötzlich landete etwas mit hartem Knall neben ihm, eine tickende Granate kullerte über den asphaltierten Boden.
„RUNTER!“, schrie Rynn und warf den Jungen zu Boden.
Die Explosion, die sie erschütterte, tauchte alles in ein glänzendes Weiß. 
Toki erblickte das Gesicht von seinem neuen Freund, den er soeben verloren hatte. 
„Danke“, hauchte Rynn schwach, sämtliche Lebensgeister verließen seinen entstellten Körper. Blut sickerte aus seinem Mund und formte rote Rosen auf dem Asphalt. „Danke, dass ich noch einmal Kind sein durfte.“ 
Dann wurde langsam alles in ein schwarzes Kleid gehüllt. Toki merkte, wie er zitterte. Es war nicht einmal mehr Schmerz da, der ihn erfüllte. Nur die Leere. „Soldaten spielen nicht“, ächzte er, dann war es mit ihm vorbei.

Die Wölfe von Asgard – Die Nordmaid

Der Kamm scherte mit brüsken Bewegungen über ihren Kopf als wolle er ihr sämtliche Haare herausreißen. 
»Ich habe in meinen langen Jahren als Kammerdienerin noch nie so eine Wolle bearbeiten dürfen«, zeterte Yilma, während sie mit ihren eisenharten Fingern die grazile Schnitzerei aus Buchenholz in ein monströses Todeswerkzeug verwandelte.
»Aua, das tut weh!«, zischte Deila zurück und versuchte sich vergeblich aus dem festen Griff der Dienerin zu lösen. 
Yilma ließ nicht mit sich diskutieren. »Ihr benehmt euch wie ein Kleinkind. Stur wie ein Esel und bockig wie eine Ziege. Aber ich habe dem Jarl versprochen, heute eine ansehnliche Dame aus Euch zu machen und möge Freya es bezeugen, ich habe ihm noch nie den Dienst versagt. Auch wenn Ihr mir diese Aufgabe, wie immer, zu einer Herausforderung macht. Jetzt kommt, das Bad wartet. Hopp Hopp!« 
Stöhnend schälte Deila sich aus dem gepolsterten Stuhl und folgte der Kammerdame im respektablen Abstand. Wenn Yilma erst einmal erzürnte, konnte sie sich in einen tosenden Seedrachen verwandeln. 

Der große Zuber war mit dampfendem Wasser gefüllt worden und der verspielte Duft von Lavendel und Kiefernnadeln lag in der Luft. 
»Ausziehen, Kind! Und dann hereinspaziert«, befahl Yilma und bugsierte ihren massigen Körper mit einladender Geste hinter die hölzerne Wanne. 
Bei diesen Worten zuckte die junge Frau unwillkürlich zusammen.
»Aber, aber. Da gibt es doch nichts, wofür Ihr euch schämen müsstet.« Der Ton der Kammerdienerin nahm für den Bruchteil eines Moments so etwas wie Mitgefühl an.
Deila begann widerwillig damit, ihr graues, schmuckloses Wollkleid über den Kopf zu ziehen. Sie hasste ihren Körper. Die kleinen Brüste würden kaum ein Kind ernähren können, dafür waren ihre Arme viel zu kräftig und ihre Schultern breit wie die eines Bauern. Das Gesicht eines jungen Knaben besaß sie, nur die strahlenden blauen Augen, in welchen die tosende Kraft des Meeres schäumte, so sagte ihr Vater stets, hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Deila kam sich jedoch ausschließlich abstoßend vor, ein Mann und doch eine Frau, vereint in einem unausgeglichenen Verhältnis. Da vermochte auch ein derartiges Kompliment nicht viel dran zu ändern. Vermutlich hatte sie bisher nur deswegen keine Schmach über sich ergehen lassen müssen, weil sie, mit nunmehr 23 Jahren, die jüngste Tochter des Jarl war. 
Als sie sich auch ihrer Unterwäsche entledigt hatte, stieg sie, so schnell es ihr nur möglich erschien, in den dampfenden Zuber. Das Wasser ließ zumindest den Großteil ihres Körpers verschwinden und sie besaß eine Ausrede für die Schamesröte, die ihr womöglich gerade ins Gesicht stieg. 

Plötzlich öffnete sich die Tür und Ylvie schritt in das von Dampfschwaden durchzogene Zimmer, ein roter Wasserfall aus Seidentuch wehte spielerisch hinter ihr her.
Sie sieht wirklich umwerfend aus.
»Hallo, Schwesterherz. Sei mir gegrüßt, Yilma«, begrüßte sie die beiden lächelnd. »Schon bereit für deinen großen Auftritt heute Abend? Vater redet nur noch davon. Der Jarl aus Ustenström wird bald hier eintreffen und mit sich bringt er einen wahren Leckerbissen. Soweit ich weiß, soll Hjalmaer von prächtiger Statur sein, ein Mann wie ihn sich jede Frau nur wünschten könnte. Manieren hat er und ein Schwert zu führen, vermag er auch. Ob auf dem Schlachtfeld oder im Ehebett. Das kann einem nur Recht sein.« Sie vollführte eine spielerische Drehung und grinste kokett. 
»Doch warum sollte er nur einen müden Blick auf mich werfen, wenn doch meine Schwester neben mir sitzt?« Manchmal fühlte sich Deila so unendlich müde. Es war doch immer dasselbe und am Ende ging sie leer aus. 
Nicht, dass sie sich für einen der Männer, interessiert hätte, aber das Gefühl nicht gewollt zu werden und diese Demütigung auch noch bis an ihr Lebensende ertragen zu müssen, war ein Schicksal, das die Götter verflucht haben mussten. 
»Lasst uns für einen Moment alleine, Yilma«, ordnete Ylvie an.
Mit einer unbeholfenen Verbeugung entfernte sich die Kammerdame, bis die Tür hinter ihr ins Schloss fiel.
»Darf ich heute deine Haare waschen? Sie müssen glänzen, musst du wissen. Wir wollen Vater doch nicht im Stich lassen.« Ohne weiter zu fragen, begann Ylvie damit, ihre Schwester zu schrubben.
Ihre Bewegungen erschienen Deila weit weniger rustikal als die ihrer Kammerdame und so hieß sie sie willkommen, auch wenn sie längst durchschaut hatte, was die Absichten ihrer großen Schwester darstellten. »Vater schickt dich, nicht wahr? Du sollst mir Mut zureden. Wie immer.«
»Scharfsinnig wie eh und je, meine kleine Deila«, schmunzelte Ylvie, während sie die Seife aus den Haaren wusch. »Aber auch liegt es mir am Herzen dich glücklich zu wissen. Schließlich sind wir Schwestern und achten aufeinander.«
»Hättest du mich jemals wirklich geachtet, hättest du mir vermutlich geraten zu verschwinden, bevor Vater es wieder mit einer Heirat versucht«, grummelte die junge Dame verdrießlich. »Schließlich bist du es, die mit dem großen Helden Aegir Jötunson, dem Riesen von Skiringssal verheiratet wurde. Jeder Mann, der mein Antlitz erblickt, hat entweder Mitleid oder lacht mich aus.«
Ylvie spülte ein letztes Mal das mausbraune Haar aus, bevor sie ein Tuch heranholte, mit dem sie Deila abtrocknen konnte. »Großer Held? Das ich nicht lache. Ein Feigling ist er geworden, träge und trübselig. Ich musste ihm sogar mit der Auflösung unseres Bundes drohen, ehe er einwilligte mit zur See zu fahren.« Sie begann damit, das nasse Haar ihrer Schwester zu trocknen. »Er will kaum noch mit mir reden und das Bett teilen wir auch nur noch selten. Er ist in tiefe Gedanken verstrickt und seine Aussage, ein Gott soll ihn berührt haben, macht mir Sorge.« Für einen Augenblick nahm ihr wunderschönes Gesicht etwas finsteres an.
»Da hat dein Auftritt auf dem letzten Bankett sicherlich zur Linderung beigetragen«, erwiderte Deila bissig. »Ich habe Vater selten so wütend erlebt.«
Ylvie winkte ab. »Soll er doch heulen wie ein Seehund. Eine Dame muss kämpfen, wenn sie in dieser Gesellschaft etwas haben will!«
Die junge Frau nickte matt. »Kämpfen, ja«, murmelte sie nur in sich hinein. Dass Deila seit Jahren mit dem Speer übte, hatte sie ihrer Schwester und jedem anderen Skiringssaler bisher verschwiegen. Eines Tages wollte sie als erste Frau der Nord zur See fahren. Wäre da nicht die anstehende Hochzeit. Vermutlich will er mich eh nicht.
Seltsamerweise gab ihr dieser Gedanke etwas Trost.
»Dann mal raus aus der Wanne«, zwitscherte Ylvie und zog sie beinahe an den Armen empor. »Ein passendes Kleid sollten wir dir suchen«, sie blickte Deila abschätzend an. »Vielleicht etwas, was den Körper nicht so sehr betont? Vater hat Seide aus Konstantinopel mitgebracht, ein paar der Kleider sollten selbst dir passen.«
»Du findest stets die passenden Worte, um mich aufzubauen, Schwesterherz«, knirschte Deila, schluckte ihren aufwallenden Zorn jedoch herunter. Ylvie konnte sie, von Freya mit besonderer Schönheit gesegnet, einfach nicht verstehen. Niemand konnte das. Sie konnte es ja schließlich selbst nicht. Seufzend ließ sie sich an den Ankleidestuhl führen und ihre Schwester überhäufte sie mit Seide und Schmuck, aber vor allem mit Elend.
»Das sieht furchtbar aus! Können wir nicht etwas aus Wolle nehmen?«, klagte Deila gequält.
»Kommt nicht in Frage! Wolle ist kratzig und grob…«
»Ich auch!«, wurde sie von ihrer Schwester unterbrochen. »Und du weißt das! Warum nur könnt ihr mich nicht in Ruhe lassen?« Fast kam ihr eine Träne.
Ylvie hielt für einen kurzen Moment inne. Dann kniete sie sich vor ihre Schwester und für einen Moment waren ihre Augen auf gleicher Höhe. »Es kommt der Tag, an dem eine Frau akzeptieren muss, dass sie nun eine Frau ist. Vater hat Erwartungen an dich und die solltest du ihm nicht abschlagen. Er hat so viel für dich getan.«
»Du hast diesen Erwartungen immer getrotzt und doch bist du hier«, antwortete Deila verdrießlich. Sie war diese falschen Worte leid. Dieses falsche Mitleid. Sie wollte nur fort, egal wohin. Sich verstecken und nie wieder gesehen werden. Doch das würde ihr Vater wohl kaum erlauben. Sie verdrängte die Tränen, ergab sie sich ihrem Schicksal und entschied sich schweren Herzens für ein luftiges blaues Kleid mit grüner Spitze und lang ausgeschnittenen Ärmeln. Darin sah sie zumindest nicht aus wie ein Ochse, der in Seidenstoff gepresst wurde. 
Ylvie befestigte ihr einen mit Perlen verzierten Kamm im Haar, und legte ihr ein silbernes Amulett der Freya um, als Gabe der Fruchtbarkeit und der Fortpflanzung. 
Deila schauderte, als das kalte Metall ihre Haut berührte. Es fühlte sich falsch an. nach etwas fremden, das nicht zu ihr gehörte.
»Bist du bereit? Der Jarl und sein Sohn werden bald hier sein«, fragte Ylvie ihre Schwester.
»Ja«, log Deila, dann folgte sie Ylvie in die große Halle. 
Ich hoffe das ist schnell vorbei.

»Da ist er ja, mein kleiner Stern!«, Islav umarmte Ylvie innig, bevor er sich an Deila wandte. »Fühlst du dich bereit, deinen zukünftigen Bräutigam kennenzulernen?«, fragte er sie mit eindringlichem Blick.
»Ja, Vater«, sie schlug die Augen nieder und glaubte sich ihre eigene Lüge nicht. 
»Das ist meine Tochter!«, lobte der Jarl und klopfte ihr auf die Schulter. In der Berührung steckte keine Liebe. 
Wann kämpfe ich endlich? Sie bohrte ihre Fingernägel in die Hand bis es wehtat.

Die große Halle erschien ihr heute überraschend leer. Der nackte Stein der Wände strahlte keine Behaglichkeit aus und die Wärme des Kamins drang nicht zu Deilas Herzen vor. Sie starrte in die Flammen und verlor sich für einen Moment in ihrem knisternden Spiel. 
Ylvie riss sie aus ihren Tagträumen. »Hjalmaer wird gleich hier sein. Ich kann es kaum erwarten«, schwärmte sie aufmunternd, doch als sie in Deilas Gesicht sah, stoppte sie jäh. »Gut, ich habe es wirklich versucht. Ich kann Vaters Wort nicht ungeschehen machen, das weißt du…?«
Bevor Deila etwas erwidern konnte, trat auf einmal eine Gestalt aus dem Schatten einer Säule. »Welch verzückender Anblick«, schnurrte Byarne, während sein Blick Ylvie förmlich die Kleider vom Leib riss.
»Tausende Lieder würde ich für Euch schreiben, um doch nur das eine zu sagen. Eine Lied auf Eure gottgleiche Schönheit, wenn Ihr gestattet?« Er zupfte an der Leier.
Und jetzt auch noch der. Irgendwer sollte ihn erdrosseln.
»Lieber nicht, spart Euch das für unsere Gäste auf«, winkte Ylvie ab.
Deila war ihr unendlich dankbar dafür. Sie zog ihrer Schwester unauffällig am Kleid und dirigierte sie zu dem Podest, wo sie heute ausnahmsweise neben ihrem Vater residieren würden. 
Ohne ein weiteres Wort ließen sie den Skalden stehen und suchten sich ihre Plätze. 

Es dauerte nicht mehr lange, bis von draußen eindringliche Stimmen ertönten, gepaart mit Dutzenden Stiefeln, die durch den Matsch pflügten. Die Pforte der großen Halle wurde aufgerissen und Jarl Magnar von Ustenström trat in die Halle, dicht gefolgt von etlichen Männern. 
Deilas Blick richtete sich jedoch nur auf einen. 
Hjalmaer war ein ansehnlicher Bursche, groß, selbst für einen Mann der Nord. Sein aristokratisches Gesicht, mit den hohen Wangenknochen, besaß eine gewisse Härte, jedoch strahlten seine grauen Augen in einem unberechenbaren Glanz. Sein langes dunkles Haar hing in einem imposant geflochtenen Zopf über seine Schultern und ein flauschiger schwarzer Pelz hüllte ihn gänzlich ein. Zweifelsohne war dies ein Mann, der sich jede Frau aussuchen konnte, die er haben wollte. 
Deila konnte sich nicht entscheiden, ob sie das gut finden sollte. Zwar erschien ihr die Aussicht, heute doch nicht verheiratet zu werden, irgendwie als ein tröstender Gedanke, jedoch folgte dem stets die Schmach und die bittere Einsamkeit. Irgendetwas schnitt Deila plötzlich die Luft ab, sie merkte, wie sie keuchen musste, doch zwang sich zur Ruhe. 
»Seid mir gegrüßt, Islav Sturmtöter, Jarl von Skiringssal. Ich bringe Geschenke mit und meinen Sohn, um ihn mit Eurer bezaubernden Tochter zu vermählen.« Der groß gewachsene Mann, der seinem Sohn unwahrscheinliche Ähnlichkeit entgegenbrachte, verneigte sich wie es die Etikette verlangte. 
»Seid mir gegrüßt, Magnar von Ustenström. Ich biete euch Fleisch und Met aus meinen Hallen und meine bezaubernde Tochter, um sie mit Eurem Sohn zu vermählen«, erwiderte Islav die Geste und forderte seine Gäste auf, sich zu setzen. 
Magnar jedoch schritt kurz auf das Podest zu und verbeugte sich auch vor Ylvie. »Ihr seid bezaubernd. Sicher werdet Ihr meinem Sohn eine gute Frau sein.« Er lächelte freundlich.
Deila wollte sich einfach nur noch übergeben. Wein wäre jetzt genau das Richtige dafür, aber erst musste sie das Ganze hier über sich ergehen lassen. Alles beim Alten. Ein Gefühl der Ohnmacht schlich sich durch ihr Empfinden und machte sie taub gegenüber allen Empfindungen. Ihr aufgesetztes Lächeln gefror, bis es starb. 
»Ihr macht mich ganz verlegen, doch ich befürchte meine Hand ist bereits vergeben. Die Ehre euren Sohn zu begatten, gebührt meiner Schwester.« Sie deutete auf Deila. 
Plötzlich erfüllte eine bedrückende Stille den Raum. Das muntere Stimmengewirr erstarb für einen Moment. Alle Augen richteten sich auf sie.
Die junge Frau musste schlucken. Jetzt war es soweit. Der Augenblick der hässlichen Wahrheit, die keiner wirklich erfahren wollte.
Der Blick von Magnar richtete sich auf sie und für einen Moment flackerte etwas undefinierbares in seinen Augen, bevor er sich wieder fing und der Höflichkeit halber auch vor ihr niederkniete. »So sei es!«, verkündete er laut, bevor er Islav steif zunickte und Platz nahm. 
Deila folgte ihm mit einem müden Blick. Er empfindet mich als abstoßend, schlimmstenfalls als eine Beleidigung, die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz.
Dann schaute sie zu Hjalmaer und stellte fest, dass dieser sie schon mit einem undefinierbaren Blick anstarren musste, seit er in der Halle aufgetaucht war. Sein Vater schritt an ihn heran, flüsterte ihm etwas ins Ohr und doch er blickte unbewegt zu ihr empor.
Deila wandte sich ab. Sicher konnte er kaum fassen, was er da sehen musste. Ich an seiner statt wäre vermutlich ebenso enttäuscht gewesen. Sie biss sich auf die Lippen. 

Dann läutete Islav das Bankett ein. Er bot seinen Gästen Met aus erlesenstem Honig und saftiges Wild, mit Pilzen und Preiselbeeren. Er hatte scheinbar keine Kosten gescheut, um das Bekenntnis zur Vermählung gebührend zu feiern. 
Warum auch nicht? Die Geschenke lenken von der Braut ab. 
Deila stocherte nur in ihrem Essen herum. Ein Speer in der Hand wäre jetzt genau das richtige. Die Kraft der Eiche zu spüren, wie sie durch Panzer, Fleisch und Knochen trat. Den Ruhm zu kosten, von dem ein jeder Mann im Dorf des Nachts auch nur zu träumen wagte. Eine unbeugsame Wut schoss urplötzlich durch ihre Adern und sie merkte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wut über ihren Vater, ihre Schwester, ihren neuen Gatten und vor allem war sie wütend auf sich selbst. Deila schluckte mühsam einen Fluch herunter, er schmeckte bitter im Abgang. Dann geriet eine hitzige Diskussion in ihr Augenmerk, die sich unweit von ihr abspielte. 
Einige der neuen Gäste redeten angeregt auf Hjalmaer ein.
Angestrengt spitzte sie die Ohren, um unter all den Stimmen etwas auszumachen.
»Die ist doch eher ein Pferd, als eine Dame. Nur reiten wollen würde ich sie nicht.«
Deila musste schlucken. Es schien also alles beim Alten zu sein. Es würde dasselbe passieren wie es seit jeher üblich war. 
»Ich finde, sie hat eher etwas von einem Wildschwein. Nur die Haare fehlen ihr noch, aber bei der würde ich auch nicht danach suchen wollen.«
Andere Männer kicherten.
Nur Hjalmaer nicht. Er schaute sie einfach nur an. Dann deutete er seinen Männern an zu schweigen.
Deila merkte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. Sie verbot sie sich. Das würde sie ihnen nicht gönnen, nicht schon wieder.
Auf einmal legte sich eine Hand auf ihre Schulter, wie ein Schatten, der übles prophezeite. 
»Wollen wir an deinen neuen Gatten herantreten und ihn kennenlernen?«, die Stimme ihres Vaters schloss aus, dass sie etwas dazu zu sagen hatte. 
Wortlos erhob sie sich. Sie schritten einmal um das Podest herum und steuerten dann auf die Fremden zu.
Spöttische Gesichter beäugten sie kritisch und Deila merkte, wie sie unter diesen Blicken schrumpfte. 
Eingesperrt, für den Rest meines Lebens, mit einem Mann, der mich nicht liebt. Mit einem Volk, das mich verabscheut.
Sie konnte die Gedanken nicht mehr aufhalten. Tränen schossen ihr unkontrolliert in die Augen und für einen Moment wünschte Deila sich, einfach im Boden versinken zu können. 
»Komm jetzt! Streng dich etwas mehr an!«, zischte Islav und sie konnte den Groll in seiner Stimme hören. 
Das war der Moment, in dem sich alles in ihr überschlug.
»Nein!«, schrie sie so laut sie konnte, riss sich aus dem Griff ihres überraschten Vaters, stürzte auf die Pforte zu und warf sie krachend hinter sich ins Schloss.

Deila rannte wie sie noch nie in ihrem Leben gerannt war. Salzige Tränen benetzten ihre Wangen wie ein silberner Trauerschleier. Sie wollte fort! Nur fort!
Erst als ihre Lungen wie Feuer brannten, hielt sie endlich inne. Schwer atmend ließ Deila sich auf einen Fels fallen, sie hatte gar nicht darauf geachtet, wo sie überhaupt hingerannt war. 
Fichten umringten sie wie Fremde. Stumme Zeugen ihrer Verzweiflung. Mittlerweile legte sich die Dunkelheit mit einem alles verhüllenden Tuch um die Welt und entzog ihr sämtliche Farbe.
Deila schaute schluchzend auf ihre Handflächen. »Du Missgeburt!«, fluchte sie. »Du hässliche Missgeburt!« Sie schrie fast. 
Irgendwo über ihr stießen ein paar Vögel klagend in den Abendhimmel. 

Sie schob das Kleid empor, fingerte den Dolch aus seiner Scheide an ihrem Oberschenkel und schnitt das unliebsame Gewand in Fetzen, bis fast nichts mehr davon übrig war. Trotz ihrer Wut drang sofort die Kälte in sie hinein, tastete sich mit eisigen Fingern nach ihrem Herzen. 
Das junge Mädchen griff sich einen länglichen Ast. Fast so gut wie ein Speer. Da wollte etwas aus ihr hinaus, dass sich jahrelang angestaut hatte, sie seit jeher wie ein Geist heimsuchte. Die Wut. 
Mit einem Aufschrei hatte sie ihren ersten Feind durchbohrt, mit präzisen Bewegungen steuerte sie auf den nächsten zu. Brüllend stieß sie ihm den langen Ast zwischen die Rippen. Der dritte ließ nicht lange auf sich warten. Deila wirbelte um die eigene Achse und pfählte den nächsten im Sprung. Niemand entkam ihrer blutigen Rache.
Irgendwann sank sie entkräftet zu Boden und die Kälte kehrte zu ihr zurück, riss sie zurück in die Wirklichkeit. Schweiß dampfte von ihrem Körper, doch nun kühlte sie schnell ab. Von dem Kleid war nur ein Fetzen übrig geblieben, sie offenbarte Beine, Schultern, Brust und Bauch, doch es kümmerte sie nicht. Bei der Kälte würde sie den nächsten Tag hoffentlich nicht mehr erleben. Deila sackte in sich zusammen und wischte sich die Tränen fort. Dann hörte sie die Schritte. 

Hjalmaer kam geradewegs auf sie zugelaufen. Er schob sich durch das dichte Geäst, dann war er bei ihr. Seine Augen musterten sie, wie sie da stand, fast nackt und schweißgebadet. 
Instinktiv hielt sich Deila die Hände vor den Körper. Beschämt schaute sie zu Boden. Die Kriegerin in ihr verschwand und ließ sie zurück. »Verzeiht…«, begann sie zu stottern, doch Hjalmaer regte sich nicht, stand nur da und schaute sie an.
Ihr stieg erneut die Röte ins Gesicht. Instinktiv ging ein Beben durch Deilas Körper, wo es herrührte, konnte sie nicht ausmachen. Die Kälte, versuchte sie sich zu erklären. Die Kälte.
Er machte einen Schritt auf sie zu.
»Bleibt fort!«, Deila machte zwei Schritte rückwärts und sah ihn flehend an. »Bitte!«
Hjalmaer sagte nichts, doch blickte ihr direkt in die Augen. Dann legte er seinen Mantel ab und warf ihn zu ihr herüber. 
Für einen Augenblick schaute Deila ihn nur verdutzt an. 
»Mit einer Kriegerin von deiner Größe möchte ich gerne teilen«, sprach er, seine Stimme war sanft und strahlte eine unendliche Ruhe aus. »Ich habe noch nie gesehen, dass ein Mann auf diese Weise derart geübt einen Speer führen könnte.«
»Was?«, keuchte sie. Hatte er das gerade wirklich gesagt? Wollte er sie zum Narren halten? Zitternd stand sie da und beäugte den Mantel. Er sah so warm aus. Doch sie würde standhaft bleiben. Mit Mühe und Not gelang es ihr, ihren Körper zu bedecken. 
»Hast du dir einmal überlegt wie es sein könnte, einmal auf das tosende Meer zu fahren?«, er machte einen Schritt auf sie zu.
Deila machte zwei Schritte zurück. »Ich stelle es mir wunderbar vor«, hauchte sie ehrlich. »Es ist alles, was ich begehre.«
»Ich möchte dir diesen Wunsch erfüllen, Valkyrja, Kriegsgeborene. Dein Herz brennt für den Kampf und du fechtest mit einer Leidenschaft, die selbst die Götter das Fürchten lehrt.« Er machte wieder einen Schritt auf sie zu.
Deila wich einen Schritt zurück. Wie hatte er sie gerade genannt? Valkyrja? Benannt nach den Schildmaiden Odins, welche die ehrenvollen Krieger nach Walhall führten? Sie suchte in seinen Augen nach den Anzeichen von Belustigung, von Spott und Hohn. Sie fand nichts darin, außer bedingungslose Zuneigung. 
»Lasst mir die Ehre zuteilwerden, Euch auf meinem Schiff zu wissen, wenn wir segeln«, Hjalmaer machte einen Schritt auf sie zu. 
»Ich möchte Euch zu den entferntesten Orten bringen und die wildesten Schlachten erleben. Und gemeinsam gehen wir in die Geschichte ein.«
Sie blieb stehen. Ließ den Ast fallen. War das gerade ein Traum? War sie schon tot oder hatte sie Wahnvorstellungen?
»Ich habe dich in der Halle erblickt und ich wusste sofort, dass du von der Macht der Götter durchflutet sein musst. So ein unbändiger Wille muss entfesselt werden.« Er machte einen Schritt auf sie zu.
Sie blickte in den Himmel. Er war getaucht in das grüne Götterlicht, den tanzenden Flammen, die das Firmament erhellten. Und das zu dieser Jahreszeit. Es war ein Zeichen der Götter! Ein Zeichen, das alles, was gerade in diesem Moment passierte, vorhergesehen war.
Sie kam ihm entgegen. 
Er schloss sie in seinen Arm und Deila versank darin. Auch ohne seinen Mantel war er warm und sie vergaß die Kälte, schloss sie aus ihrem Herzen aus. 
»Ich kann es kaum abwarten«, hauchte sie. »Das Meer wird uns auf ewig binden.«

Wird Fantasy bald aussterben? Mein Tipp für Autoren

Zunächst einmal… Tja, ihr habt mich erwischt. Kein “Die Wölfe von Asgard” heute. Ganz einfach deshalb, weil ich es zeitlich nicht geschafft habe, das neue Kapitel fertigzustellen und ich niemandem meine halbgaren Texte servieren möchte. Ich hoffe, ich schaffe es bis nächsten Donnerstag. 🙂
Ich kann nur vorweg schon einmal verraten: Ich möchte mich im nächsten Kapitel mit der Schildmaid beschäftigen. 


Deswegen möchte ich mich heute kurz mit etwas anderem befassen. Nämlich mit der Frage, ob Fantasy vor dem Aussterben steht und wie man als Autor dagegen anstinken kann. Und jetzt mag mich vielleicht jemand fragen: Bist du bekloppt? Liegt doch bei Talia in jedem Regal und bald kommt die neue Staffel Game of Thrones.

Tja, wenn es so einfach wäre, würde ich vermutlich nicht diesen Beitrag schreiben, oder? Ich glaube jeder, der sich mal etwas genauer mit der Materie auseinandersetzt, wird erkennen, dass immer nur die üblichen Verdächtigen die Bücherregale bemannen. In der Regel englischsprachige Autoren, die mit ihren Werken den Markt dominieren. Das einige dieser Bücher qualitativ hervorragend sind, möchte ich niemandem absprechen. Aber bei mir stellt sich beim Lesen oft die Frage: Habe ich diese Geschichte nicht schon zig Mal gehört? Dann ist halt aus Frodo Beutelin ein Tyrion Lennister geworden und niemandem ist es aufgefallen. Na und? “Wen juckts”? Verkauft sich ja… 

Wenn man sich nun also doch mal in ein eher heimeliges Büchergeschäft, abseits der großen Einkaufspassage, verirrt, wird einem schnell bewusst, dass die meisten durchaus schmucken Fantasyromane, die es dort noch zu finden gibt, mittlerweile schon ein beträchtliches Alter erreicht haben. 
Ich stelle mir also die Frage: Wie lange dauert es noch, bis die Leute restlos die Lust verloren haben? Bin ich nach Herr der Ringe, Harry Potter und Game of Thrones noch bereit, mich in eine vierte Saga fallen zulassen, ohne beständig die Parallelen zu identifizieren? Stört mich das überhaupt? Und was bedeutet das für die ganzen Autoren weltweit und ihren unerzählten Geschichten, die ein eben solches Meisterwerk darstellen könnten, würde man sie bloß entdecken?

Ich habe mich eigentlich explizit dagegen entschieden, Schreibratgeber zu erstellen, aber ich möchte mich dennoch in einem Tipp für jene Autoren versuchen: suche dein Alleinstellungsmerkmal! Baue es aus und sorge dafür, dass es eine Quintessenz deines Buches wird. Wenn die Geschichte fesselt, begeistert, den Leser in Atem hält, dann können doch ruhig Elfen darin vorkommen?
Nicht jedes Rad muss neu erfunden werden, wenn die Karre einen neuen Motor bekommt, der unglaublich leistungsstark ist. Aber nur den Lack neu anzusprühen, reicht natürlich an dieser Stelle nicht. Ich hoffe es ist klar, was ich damit meine. Die Quintessenz macht den Motor deiner Geschichte aus und du fütterst ihn mit dem Treibstoff, den er braucht, um ein einzigartiges Werk darzustellen. 

Es ist wichtig, dass du dir dieser Alleinstellungsmerkmale vollständig bewusst bist, den viele Verlage fragen explizit danach. Stell es dir wie bei einem Bewerbungsgespräch vor. “Und warum sollten wir Ihr Buch nehmen?” – Das muss der Moment sein, auf den du schon gewartet hast. Dem du sehnlichst entgegengefiebert hast. Vergleiche dich nicht mit anderen Autoren , sondern berichte von etwas, das noch niemand gehört hat – einfach weil das deine Story ist!

Die Wölfe von Asgard – Sie ging fort mit dem Nebel

Byarne zog mit seinen zierlichen Fingern an den Saiten der Leier und räusperte sich kaum vernehmlich. Dass ihm zunächst niemand im Raum seine Aufmerksamkeit schenkte, kümmerte den jungen Skalden wenig. 
Seine Kunst war etwas, das den Intellekt der durchschnittlichen Männer, die bei diesen Gelagen reihenweise die Bänke besetzten, bei weitem überstieg. 
Sie erfreuten sich an Fraß und Bier, den Schenkeln der Frau, die sie bediente, und grölenden Versen über die tosende Schlacht. 

Gut für Byarne, dass Jarl Islav nicht zu diesen Leuten zählte und ihn in seiner Mitte willkommen geheißen hatte. 
Der Jarl saß auf einem Thron aus geschnitzter Eiche, der eine Verkörperung der Seeschlange Jörmungandr selbst darstellte, die sich einmal um den gesamten Sitz wandte. 
Rote Seide polsterte den Stuhl aus, ein Mitbringsel aus Konstantinopel, das sich für einen hochrangigen Adeligen geziemte. 
Der Thron befand sich auf einem erhöhten Podest, auf dem sich ein großer Tisch befand, der mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt war.
Byarne erkannte Körbe voll dampfendem Brot, silberne Platten, auf denen Dorsch und Hering gereicht wurden, Schalen voller gekochter Wachteleier und in der Mitte des Raumes hing ein saftiges Ferkel in einer offenen Feuerstelle, von dem das Fett zischend in die Flammen tropfte. Das Knacken des Kiefernfeuers wurde nur von einem munteren Stimmengewirr und dem berauschenden Aufeinandertreffen von Trinkhörnern übertönt.

Islav war von den ranghöchsten Kapitänen, sowie den Kriegern umgeben, die auf der letzten Fahrt besonders ehrenhaft gekämpft hatten. Eine Garde, wie sie Walhall würdig war. 
Byarne saß am äußersten Ende der Runde und würde gleich für sie musizieren und ein paar Verse vortragen. 
Doch bis es soweit war, nutzte er die Gelegenheit um sich etwas umzusehen.

Unter dem Podest erstreckten sich zwei lange Tafeln, auf denen die restlichen freien Männer saßen und tranken. 
Regelmäßig erhob sich einer von ihnen, prostete dem Jarl zu und wünschte ihm Gesundheit, Schlachtenglück oder ein sich nie leeren wollendes Fass Met. 
Letzterer Wunsch wurde mit heiterem Gelächter quittiert, zeugte er doch von der fortgeschrittenen Trunkenheit des Fürbitters. 
Islavs begegnete diesen Wünschen stets höflich, aber nie überschwänglich. Er war ein nachdenklicher Mann, auch wenn man es seiner rauen Erscheinung, mit dem imposant geflochtenen, rabenschwarzen Bart und dem vernarbten Gesicht, kaum anzusehen vermochte. 
Mittlerweile kannte Byarne die meisten Gesichter in Skiringssal, auch wenn er für viele noch als fremder Sonderling mit einem gewissen Händchen für die Poesie galt. 
So erkannte er den Ältesten, Reighyr, der, von einer Menge erfahrener Krieger umgeben, eine Geschichte über die Tücken der Skagerrakwinde zum Besten gab. 
Die jüngeren Männer, die bald auf ihren ersten Viking fahren würden, hatten sich neben ihnen niedergelassen und schwelgten in Träumen von ruhmreichen Siegen, wofür sie von den alten Hasen stumm belächelt wurden. 
Denn insgeheim gedachten sie doch, von den erfahrenen Seeleuten etwas abschauen zu können oder einen geheimen Trick mitzubekommen, mit dem sich die Meere angenehmer befahren ließen.
Die zweite Tafel, die sich vor dem Podest befand, beherbergte eine bunt durchwürfelte Menge, die sich einen erbitterten Wettstreit um den Posten des Trunkenboldes lieferte. 
Grölendes Gejohle hallte durch das Langhaus, als Olaf der Gehörnte gleich zwei der Trinkgefäße gleichzeitig an seine Lippen setzte und trank, was unter seinen zunehmenden Gleichgewichtsstörungen eine beachtliche Leistung darstellen musste, denn jedermann klopfte ihm auf die Schultern oder feuerte ihn weiter an. Woher Olafs Spitzname herrührte, war somit also kein offenes Geheimnis. 

Byarnes neugieriger Blick jedoch konzentrierte sich zunehmend auf einen großgewachsenen Mann, der am Ende der Tafel saß und mit einem griesgrämigen Gesicht in seinen halbvollen Becher starrte. 
Das Essen auf seinem Teller hatte er kaum angerührt und auch nach Gesprächen schien ihm nicht zu sein. 
Von dem habe ich schon gehört. Er wird Aegir der Sauertopf genannt. 
Kein schöner Name für einen Krieger solch mächtiger Statur. Auch wenn seine riesigen Pranken die harte Arbeit auf dem Boot abzeichneten, so war sein Blick doch ein flackerndes Tor nach Hel.
Einst hatte er den Namen Riese getragen, abgeleitet von den großen Monster, aus dem Himmel und Erde und Meer geschaffen worden waren, doch seit seinem letzten Viking hatte sich das schlagartig geändert. 
Was wohl mit ihm passiert ist? Welche Geschichte erzählt von deinem vereisten Herzen? 
Eindringliches Kichern, das vom Frauentisch herrührte, der sich hinter dem Podest befand, und somit einen abgespaltenen Bereich darstellte, lenkte Byarne für einen Moment ab. 
Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er Ylvie erblickte, eine Frau wie es unter tausenden keine zweite gab. 
Sie bemerkte seine Geste allerdings nicht und schnatterte angeregt weiter mit ihrer Tischnachbarin.
Achselzuckend widmete sich der Skalde wieder seiner Leier. Er erhob sich und stimmte einen leichten Singsang, gefolgt von ein paar Akkorden an. 
Schlagartig wurde es ruhiger im Raum, auf das auch den hinteren Reihen es vergönnt war, dem Klang der Melodie zu lauschen. 
»Ruhe, der Skalde singt jetzt!«, bekräftigte jemand Byarnes Voranschreiten.
»Das sehe ich selbst. Die Frage ist, ob man ihn hören will«, kicherte ein anderer. 
Der erste knuffte ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Byarne ignorierte den Affront und ließ seine herzzerreißende Stimme wie ein Licht, wie ein Zeichen der Götter durch den Raum wandern. Gold und Silber flossen ineinander, während seine Stimme einen jeden für sich einnahm. 

Durch Torf und Gras und hohen Schlamm,
kämpft sich ein einsamer Nordemann.
Die Kälte berührt ihn mit silbernen Schleiern.
Die Bäume des Moores stöhnen bedauernd.

Und so ging er fort, mit dem Herzen voll Gram.
Die Liebe verlorn, was blieb war die Qual.
Das Lied seiner Seele verstummte so jäh.
Er nahm sich ein Seil, machte sich auf den Weg.

Im Moor sucht ihn das Ende.

Totenstille herrschte. Jeder lauschte, hing an seinen Lippen. Alle gemeinsam. Jeder für sich allein. Gefangen im Klang.
Und so sang er weiter, während seine Leier eine tieftraurige Melodie anstimmte.

Zu richten sich selbst, aufgrund des Verlusts,
nimmt Hela ihn mit, an ihre trauernde Brust.
Doch kurz bevor der letzte Schritt ist getan,
sieh, der Nebel, er regt sich, oh Nordemann!

Mit kräuselnden Schritten, die zierlich Gestalt,
kommt auf ihn zu, macht dicht vor ihm Halt. 
Ihr graues Lachen, nicht mehr als ein Schemen,
durchsichtige Lippen lächeln verlegen.

Im Moor hat ihn der Zauber gefunden.

Byarne bemerkte, wie Islav ihn mit steinerner Miene anstarrte. 
Eine unendliche Bewegtheit lag tief verborgen hinter seinen Augen, auch wenn der Rest seines Körpers ihm zu verbieten schien, eine Regung zu zeigen. 

Er streichelt ein letztes Mal ihr wallendes Haar,
blickt in zwei Augen, so blau wie das Mar.
Sie formt mit den Lippen einen endlosen Kuss
und sagt ihm dann, dass er Abschied nehmen muss. 

Sie gleitet aus seinen Händen, hinein in den Nebel,
dem Nordemann kommt eine einzige Träne.
Er fasst sich ein Herz und macht sich von ihr frei.
Auf der feuchten Erde verrottet einsam ein Seil.

Im Moor dämmert ein neuer Tag. 

Byarne verneigte sich tief. 
Nach einem kurzen Moment der Besinnung erhoben sich die Männer und applaudierten lautstark. 
Der Blick des Skalden richtet sich jedoch nur auf einen.
Islav hatte sich erhoben und neigte ihm den Kopf zu. Eine Geste des Respekts für seine Darstellung und ein Dank für diesen besonderen Moment und die Ehrung seiner verstorbenen Frau.
»Ich danke dir für deine Darbietung, Skalde. Iss und trink von meiner Tafel, wie es dir beliebt. Und nun spiele uns etwas fröhliches.«
Wieder verfiel die Menge in ausgewachsenen Jubel, während Byarne einen schnelleres Stück anstimmte und das Lied vom schlafenden Bären und der Fischerstochter spielte. 
Einige der Damen ließen sogar mit sich tanzen und so bewegte sich ein freudiger Tumult zwischen den Bänken umher. 
Aus dem Augenwinkel registrierte der Skalde, wie Ylvie zu ihrem Mann stieß und ihn mit freudigem Lachen zum Tanzen bewegen wollte.
Doch Aegir wies sie mit einer schroffen Handbewegung ab. 
Sie schien verärgert ein paar deutliche Worte zu fällen, dann ließ sie sich von einem der Männer zum Tanz auffordern und verschwand in der bunten Menge. 

Der Abend wurde immer ausgelassener, mittlerweile waren die meisten so betrunken, dass sich der Tanz in ein wildes Getorkel verwandelt hatte. 
Byarne spielte Alle Segel hoch, gefolgt von einem humorvollen Festlied über Geri und Freki, die Wölfe Asgards und seines großen Herrschers, dem machtvollen Odin. 
Der Blick des Skalden wanderte durch die Reihen und plötzlich stieß er auf etwas, das ihn erschaudern ließ. 
In einer abgelegenen Ecke hatte Ylvie es sich mit jemandem gemütlich gemacht, sie hatte die Arme um ihn geschlungen, er seine auf ihrer Hüfte ruhen. 
Nach leidenschaftlichem Partnertanz sah das ganz und gar nicht aus.
Sie steckten ihre Köpfe zusammen und schienen nur Augen füreinander zu haben. 
Vermutlich eine Folge des Alkohols und der Verschmähung durch ihren Mann.
Byarne schaute verstohlen zu Aegir, der nach wie vor an der Tafel saß und der Schmollerei verfallen war. 
Was für ein Mann lässt so etwas zu?

Plötzlich tauchte Aegirs jüngerer Bruder an seiner Seite auf und sie schienen ein ernstes Gespräch zu beginnen. Snorri gestikulierte wild mit den Händen und deutete auf die abgelegene Ecke.
Der Blick des großen Mannes verfinsterte sich, das Flackern, das Byarne schon zuvor bei ihm gesehen hatte, verwandelte sich in Surts tosendes Untergangsinferno.
Das gibt gleich furchtbaren Ärger.
Mit einem eindrucksvollen Ruck sprang Aegir auf, wobei er sich den Stuhl griff, auf dem er bis gerade noch gesessen hatte. In Windeseile hatte er die abgelegene Ecke erreicht. 
Byarne hörte nur noch einen wütenden Aufschrei und ein lautes Krachen, als der Stuhl sein Ziel fand und daran zerbarst. 
»Du Hundesohn!«, fluchte Aegir brüllend. »Hast dich wie eine Schlange an meine Frau herangeschlichen?«
Die Musik brach ab und alles wendete sich den beiden Streithähnen zu.
Der andere Mann kam keuchend auf die Beine, wischte sich das Blut von seiner Nase. »Sie wählte mich aus, weil du sie verschmähtest. Siehst vielleicht wie einer aus, aber ein echter Mann benimmt sich nicht so wie du, Sauertopf! Und jeder hier weiß das!«
Die Menge stimmte mit Gejohle ein. 
Der Faustschlag traf den Mann so unerwartet, dass er ächzend zu Boden ging. 
Aegir griff nach seinem Bart, zog ihn wieder zu sich empor, nur um ihn mit einer Kopfnuss abermals zu Boden zu schicken. »Kein Mann, eh? Spricht dieser Tölpel die Wahrheit?«, blaffte er seine Frau an. 
Ylvies Augen weiteten sich vor Furcht und sie versuchte eine Antwort zu zittern, was ihr jedoch nicht direkt gelang.
Mittlerweile hatte auch Islav das geschehen bemerkt. Noch schien er sich ruhig zu verhalten, doch seine Männer bahnten sich bereits einen Weg durch die Menge, die ihnen nur widerwillig Platz machte. Alle wollten hören, was Sauertopf zu sagen hatte.
»Denkt ihr das alle? Seid ihr so blind und taub? Könnt ihr die Zeichen nicht lesen? Ein Gott hat mich berührt und ich weiß, dass ich auf ihn hören muss. Jeder, der diese Entscheidung anfechten möchte, darf gerne vortreten und sprechen.« 
Der große Mann verschränkte die mächtigen Arme. 
Mit versöhnlicher Geste trat Snorri hervor und stellte sich zwischen die beiden. »Du bringst ihn ja gleich um«, sagte er milde, dann schaute er seinen Bruder eindringlich an. »Du scheinst mir von deinem Pfad abgekommen. Auch als wir heute miteinander sprachen, wirktest du so verändert. Sag mir, seit wann ist Fischen die Lieblingsbeschäftigung vom axtschwingenden Riesen? Komm mit auf unsere nächste große Fahrt und werde wieder du selbst. Ein Krieger Tyrs, dem großen Helden. Werde dem Sehnen deiner Frau gerecht und auch dem deines Bruders. Ich bitte dich.«
Einige der Männer verfielen in unterstützendes Gemurmel. Viele von ihnen konnten sich wahrlich bestens daran erinnern, wie es war, mit Aegir auf Beutefahrt zu segeln.
Dieser jedoch funkelte Snorri nur an. »Du kennst die Antwort«, sagte er und griff nach seiner Frau. Er zog sie mit sich auf den Ausgang zu. 

Vor Islavs Podest machte er kurz Halt. »Verzeiht mir, dass ich die gute Stimmung derart tosend unterbrochen habe, mein Herr. Es lag nicht in meiner Absicht«, dabei blickte er seine Frau scharf an, die mittlerweile blass wie Pergament geworden war.
»Versprich mir, dass du sie auf dem Heimweg nicht schlecht behandeln wirst und ich werde dir verzeihen. Und versprich mir auch, dass du die Worte deines Bruders bedenken wirst«, sprach der Jarl von Skiringssal mit ernstem Tonfall.
»Was mein törichtes Weib angeht, so möchte ich euch versichern, dass ich ihr kein Haar krümmen werde«, sprach Aegir mit einer leichten Verbeugung. 
»Doch mein Entschluss für die Plünderfahrten steht fest. Ich habe Frau und Kinder und gedenke nicht, sie wieder zu verlassen. Es tut mir Leid, mein Herr.« 
Mit diesen Worten schritt er, in Begleitung seiner Frau, aus der Halle. 
Für einen Moment war es totenstill. 
Byarne befürchtete, dass der heutige Abend womöglich gerade sein jähes Ende gefunden hatte. 
Der Jarl entließ ihn für heute aus seinen Pflichten und so widmete er sich dem Bier. 
Was ist nur mit diesem Aegir los? Ein Gott hat ihn also berührt?
Noch lange grübelte der Skalde über das Geschehene nach, doch die heutige Nacht würde ihm keine Antwort mehr liefern können.

Die Wölfe von Asgard – Die Rückkehr

Und am Ende wurde es etwas ganz anderes. 🙂

Die Wölfe von Asgard beinhaltet 8 Kurzgeschichten, die miteinander verknüpft sind. Und es geht um ein Volk, das nicht nur mehrere Jahrhunderte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hat, sondern auch zu den bedeutsamsten Entwicklungen seiner Zeit beigetragen hat. Willkommen, in der Welt der Nordmänner.


Die Rückkehr

Mit all seiner Kraft zog Aegir an dem salzverkrusteten Seil, das ihm heute sein Abendessen garantieren sollte. Platschend durchbrach der Reusenkorb die schäumende Wasseroberfläche und offenbarte sein dürftiges Inneres. Fluchend hob Aegir seinen mageren Fang aus dem eiskalten Wasser. Die abgelegene Bucht, an der er sich am gestrigen Abend dazu entschieden hatte, seine Fallen auszuwerfen, hatte ihm kein Glück eingebracht.
Njörðr war ihm heute nicht gewogen.
Vielleicht lässt er ja auch noch mein Boot kentern. Der muskulöse Mann spuckte aus. Die paar Krebse, die er bis jetzt in sein kleines Ruderboot gehievt hatte, reichten kaum für ihn selbst. Ganz zu schweigen von seiner Frau und den zwei Kindern, die ihm sämtliche Haare vom Kopf fraßen. Aegir ließ es zu, das ein Seufzer seinen Lippen entwich. Die Fischerei war ein ehrbarer Lebensunterhalt, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem Ruhm und dem Reichtum einer siegreichen Schlacht und der Aussicht auf die prasselnden Feuer in den Hallen der Götter. Vielleicht sollte ich… ein letztes Mal?, schoss es ihm durch den Kopf. Er verwarf diesen flüchtigen Gedanken und zog den letzten Korb nach oben.
Wieder nichts.
Aegir vergrub für einen Moment das Gesicht in den Händen. Dann verwünschte er sich für seine Schwäche. »Wenn dein Weib dich jetzt sehen könnte«, mahnte er sich grollend. Dann setzte er sich an die Ruder und pflügte mit kräftigen Zügen durch das Wasser. Heimwärts.

Die Skiringssaler Buchten boten nicht nur einen idealen Rückzugsort, sie waren auch von den Göttern mit besonderer Schönheit und Fruchtbarkeit gesegnet worden. Kleine Inseln, kaum länger als zwei Drachenboote, trotzten mutig der rauschenden See und den meist rauen Winden, welche die Felsformationen im Laufe der Jahrhunderte gemeinsam geschliffen hatten. Die große Bucht, die er jetzt aus einem Seitenarm ansteuerte, vollzog sich noch eine lange Strecke in das Landesinnere hinein. Ihre Seiten waren gesäumt von großen Klippen, auf denen die Kiefern sich aufreihten wie die Soldaten zweier Schlachtreihen, die sich zu den sanften Klängen des Windes sachte räkelten. Der morgendliche Nebel, der auf der Wasseroberfläche lag, verlieh der Bucht fast etwas gespenstisches. Doch Aegir segelte und fischte hier schon, seit er als kleiner Junge das erste Mal in ein Boot steigen durfte. Er passierte den großen Raeg, einen massiven Findling auf jener Insel,auf der das regelmäßige Thing abgehalten wurde, und ruderte dann tiefer in den tristen Nebel hinein.
Als würden die Alben heute Fangen spielen. Aegir spürte es in den Knochen,  roch es in der salzigen Luft, das rauschende Wasser flüsterte es ihm zu. Der heutige Tag war von einer vorbestimmten Bedeutung. Der große Mann runzelte die Stirn und wanderte für einen Moment nachdenklich mit der Hand durch den Bart, spähte in die Ferne als wäre dort etwas fremdartiges auszumachen. Überlegte. Dann setzte er sich achselzuckend zurück an die Ruder.

Es dauerte nicht mehr lange und die Dächer von Skiringssal tauchten vor ihm auf. Schornsteine, aus denen dichter Rauch waberte, und einladendes Licht, aus offenen Kiefernfeuern, empfingen Aegir und hießen ihn willkommen. Das Dorf selbst zählte kaum mehr als ein paar Dutzend fensterloser Hütten, über denen sich das imposante Langhaus des Jarls aufbäumte. Gezimmerte Stege reichten vom Ufer bis in das tiefere Wasser, hier ankerten in der Regel die Knorrs, die Drachenboote, der ganze Stolz ihres Dorfes. Jetzt jedoch waren sie verlassen. Mit den Männern war das  Leben aus dem Dorf verschwunden. Warum nur bin ich nicht mit ihnen gesegelt? Aegir zog das Boot ans Ufer und watete durch den feuchten Sand, der an seinen Stiefeln zerrte und seinen Marsch verlangsamte. Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem des Rauches aus den zahlreichen Feuerstellen. Der Frühling hatte sich noch kaum aus seinem Nest geschält und so bildeten sich feuchte Dampfschwaden vor seinem Gesicht, während Aegir durch das Dorf ging. Er schnürte seinen Mantel enger, rückte die gepolsterte Mütze aus Eichhörnchenfell zurecht und beschleunigte seinen Gang. Die Arbeit würde seinen Knochen schon noch etwas Wärme spenden. Er erreichte seine Hütte und begann sofort damit, seinen Fang zu schälen. Krebse konnten einem wirklich lästige Arbeit bescheren, aber immerhin hatte er etwas gefangen. Er betäubte seine Beute durch einen Schlag auf den Kopf und puhlte dann das Fleisch aus ihrem Panzer. So verbrachte er in der Regel die meisten Morgen. Er richtete sich erst auf, als die Sonne schon hoch stand und plötzlich ein eindringlicher Ruf aus dem Hafen ertönte. Ein Horn verkündete die Ankunft Islavs und seiner Männer.
Die Drachenboote waren zurückgekehrt.


***

Snorri fegte wie der Wind durch den Hafen.
Der Nebel hatte sich mittlerweile gelichtet und gab den Blick auf drei schlanke Boote frei, die elegant durch die Wellen manövrierten. An ihrem Bug thronte der furchteinflößende Drachenkopf der Nordmänner. Rufe wurden laut, während die Segel eingeholt und die Masten umgelegt wurden. Den Rest der Strecke legten die Männer mit Rudern zurück. 
Mit schlagendem Herzen verfolgte Snorri jede ihrer Bewegungen. Dann rief er sich allerdings ins Gewissen, dass er jetzt ein Mann war und kein aufgeregtes Kleinkind mehr. Dennoch konnte ernicht umhin, ein strahlendes Lächeln an den Tag zu legen, als die Schiffe beidrehten und endlich in den Hafen steuerten.
Mittlerweile hatte sich eine dichte Traube von Menschen gebildet, die den Männern ein warmes Willkommen entgegenrief. Alle hatten sich versammelt.
Snorri blickte durch die Reihen.
Alle, außer seinem großen Bruder Aegir.
Du elender Feigling. Snorri ballte die Fäuste bis es wehtat. Dann verdrängte er den Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen.
Die Männer hatten mittlerweile angelegt und damit begonnen, die wertvolle Fracht aus den Bäuchen der Drachenboote zu entladen.
Snorri erkannte Säcke voller Schmuck, Kelchen und Münzen, Fässer von fränkischem Wein und Kisten voller duftender Gewürze aus Konstantinopel. Der appetitliche Duft der mitgebrachten Speisen wurde nur von dem des ruhmreichen Sieges der Wiederkehrenden überdeckt und für einen Moment verweilte Snorri mit geschlossenen Augen in heldenhaften Tagträumen.
Dann stieg Islav von Bord und die Menge verfiel in tosenden Beifall. Der Jarl von Skiringssal war zurückgekehrt, von Thyr als Günstling in der Schlacht auserlesen. Sein Pelzmantel wehte spielerisch im Wind und er streckte seine blutverschmierte Axt gen Himmel, eine Posse des Siegreichen. Am heutigen Tage hatte er sich einen Platz an der Seite der Götter verdient.
»Wo ist denn dein Bruder?«, riss jemand den jungen Snorri aus seiner Faszination.
Er drehte sich irritiert um und erkannte Ylvie, das Weib, das sich Aegir zur Frau genommen hatte. Sie trug ihr langes rostrotes Haar zurückgekämmt und war in einen wärmenden Pelz gehüllt, den ihr Aegir irgendwann mal von einer Raubfahrt mitgebracht hatte. Mittlerweile war er jedoch alt und die ersten geflickten Stellen offenbarten sich bereits. Ihr hübsches Gesicht hatte in den verstrichenen Jahren etwas jugendliches beibehalten und niemand im Dorf kannte so derbe Scherze wie sie.
»Das solltest du doch besser wissen als ich, schließlich teilt ihr euch ein Bett«, frotzelte Snorri mit keckem Grinsen. Wäre sie damals nicht zu alt gewesen, hätte er sie sich vermutlich zu Eigen gemacht. Er hatte es aber dabei belassen, dem Älteren den Vortritt beider Brautschau zu lassen, so wie es sich für echte Männer geziemte. Und sie war mit ihren dreißig Jahren immerhin acht Jahre älter als er.
Ylvie legte ein mattes Lächeln auf. »Vielleicht solltest du mal mit ihm reden, damit er seinen Allerwertesten aus diesem alten Kahn hievt und ihn wieder dorthin schleppt, wo er hingehört. Ein Mann mit einer Axt in der Hand ist so viel aufregender als einer mit dem Fischmesser.«
Lachend versprach Snorri es ihr. Doch erst würde er mit den Männern reden und herausfinden, welche Abenteuer sie auf der Fahrt erlebt hatten.


***

Fertig. Das war der letzte Krebs. Selbst wenn es ein magerer Fang gewesen war, so hatte er ihn doch bis in die Mittagsstunden beschäftigt. Aegir legte das Messer zurück auf den mit Krebsresten verunreinigten Tisch und lehnte sich mit seinem Schemel an die Hauswand. In Gedanken fragte er sich, warum Snorri nicht längst aufgekreuzt war, um ihm mit belanglosem Gefasel ein Ohr abzukauen. Vielleicht verschont er mich ja heute?
Sein Blick wanderte zu der Schale mit dem Krebsfleisch, das er gleich braten und in Salz einlegen musste, damit es nicht schlecht wurde. Dann seufzte er und schloss für einen Moment die Augen.
Das Geräusch von Stiefeln, die durch die matschige Straße pflügten, weckte Aegir aus seinem halbschlafähnlichen Zustand. Irritiert setzte er sich auf, dann kam sein jüngerer Bruder auch schon um die Ecke gebogen.
»Dein Weib hat dich vermisst«, grüßte Snorri und klopfte ihm verheißungsvoll auf die Schulter. »Und Islav hat nach dir gefragt. Ich habe ihm gesagt, du seist noch in dringender Angelegenheit mit dem Tagesfang beschäftigt«, er lehnte sich grinsend an die Wand und blickte Aegir eindringlich an. Dann wich sein Lächeln einem gewissen Maß an Besorgtheit. »Was ist los mit dir? Verkriechst dich hier oben, während die Männer ruhmreich nach Hause zurückkehren? Sind es nicht auch deine Waffenbrüder?«
Aegir erwiderte mit einem unverständlichen Brummeln. »Unsere Waffenbrüder, ja? Sag, bist du schon einmal auf einen Viking gefahren, du vorlauter Rotzlöffel? Hast das Blut der Feinde vergossen? Brüder sterben sehen? Wind und Wellen getrotzt? Du bist ein Narr,der seinen Kopf in den Wolken stecken hat! Wenn Islav dich wirklich mitnehmen will, bringe ich ihn eigenhändig um.«
Für einen Moment blitzte der Zorn durch Snorris Augen, dann jedoch schien er sich eines Besseren zu besinnen. »Ich werde mitfahren, ob du willst oder nicht. Sie haben die Inselmänner angegriffen, wehrlose Feiglinge allesamt, aber reich sollen sie sein. Und du wirst es nicht glauben…«
Aegir verzog eine seiner buschigen Augenbrauen. »Was werde ich nicht glauben?«, fragte er forsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Snorri etwas wusste, das ihm nicht bekannt war, hielt er für relativ gering.
»Sie beten zu einem Toten. Ihr Gott ist am Kreuz gestorben und hat sie zurückgelassen. Wie die Lämmer auf der Schlachtbank. Was für blamable Schwächlinge«, Snorri reckte die Faust in die Luft als würde er ihr eine Abreibung verpassen.
Aegir schüttelte mit dem Kopf. »Die Inselmänner sind nicht so wehrlos, wie du vielleicht glauben magst. Man muss rasch zuschlagen, sich krallen was man kriegt und verschwinden, bevor sie einen aufknüpfen. Und auch wenn wir ihren Glauben nicht verstehen, er verleiht ihnen dieselbe Kraft, wie es die unseren Götter tun.«
»Du sprichst wie ein Ungläubiger!«,wütete Snorri und schlug mit der Faust laut krachend auf den Tisch. »Ich habe schon einen Bruder, der in Hel verrottet, ich will dich nicht auch noch an die Dunkelheit verlieren. Aber die Tore von Walhall verschließen sich vor dir. Sag,mit wem soll ich anstoßen, wenn ihr nicht mehr seid?«
»Lass Dyggur aus dem Spiel, bevor Mutter dich mit dem Besen verprügelt. Die Namen der Toten zu nennen, schickt sich nicht. Die Lepra ist ein Feind, gegen den wir nicht ankämpfen können, nicht mit Axt und nicht mit Schild. Das weißt du ganz genau.« Aegir spürte, wie die Wut in ihm aufkochte und er schob sich mit einem kräftigen Ruck aus seinem Schemel.
Jeder andere hätte das aufgrund seiner Körpergröße vermutlich als Drohung verstanden, nicht jedoch Snorri, der ihn seltsam ruhig beäugte. »Wir reisen zu einem Kloster der Inselmänner. In ein paar Monden geht es los. Ich werde dabei sein, denn sie sind keine Gegner für uns. Wir sind die Gefahr, die aus dem Norden zuschlägt. Wikinger nennen sie uns und ich will verflucht sein, wenn sie diesen Namen nicht mit Furcht aussprechen. Ich werde nicht in Hel versauern und mich von meinen Ahnen bedauern lassen!« Er legte Aegir fast zutraulich eine Hand auf die Schulter. »Lass uns Wölfe sein, Bruderherz. Wölfe aus Asgard, die den Tod und den Schrecken bringen, wohin sie auch segeln. Und dann stoßen wir in Walhall auf unseren Bruder an.«   
Für einen Moment sagte Aegir nichts, stand nur da und war ganz bei sich. Dann knurrte er: »Nein!«, griff sich die Krebse, schritt ohne ein weiteres Wort zu verschwenden an Snorri vorbei und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen.

Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 10: Auge um Auge (Finale)

Aeola dürstete gnadenlos nach Blut. Ihre Klauen schnitten durch Fleisch und Panzer gleichermaßen, während Archweyll sie unter animalischen Aufschreien auf seine Feinde niederkommen ließ. Der Kopf eines Tiermenschen segelte durch die Luft, als der Kommandant ihn von seinem Körper trennte. Archweyll vollführte einen Satz und seine Klinge sauste wie eine Sense über das Schlachtfeld, um Leben zu ernten.
Ein tentakelbewachsener Mutant sank blutüberströmt zu Boden.
Doch sein Kampf schien kein Ende zu finden und langsam nagte die Erschöpfung an ihm.
Immer mehr Mutanten stürzten sich auf ihn, aber sämtliche Magazine des Induktionsrevolvers waren mittlerweile geleert und der Kampfanzug hatte seine elektronischen Modifikationen aufgrund mangelnder Energiezufuhr verloren. Nur noch sein Schwertarm leistete Archweyll treue Dienste. Kreischender Motorenlärm erfüllte den Hangar, während unzählige Kampfschiffe in den Warp vordrangen, um die Atharymn unter Beschuss zu nehmen.
Ein stierköpfiger Tiermensch stellte sich dem Kommandanten in den Weg, einen rostigen Hammer im Anschlag. Krachend ging die brutale Waffe unweit von Archweyll auf den Boden nieder.
Er wollte kontern, aber ein weiterer Feind stellte sich ihm in den Weg und drängte ihn zurück. Wenn das so weiter ging, würde er bald unterliegen.

***

„Wie weit ist der Reaktor?“, fragte Clynnt Volker hektisch. Auf der Kommandobrücke der Atharymn herrschte reges Treiben. Als die Stromversorgung wieder stabil war, hallte ein feierlicher Aufschrei der Erleichterung durch die gesamte Fregatte. Doch nun sahen sie sich gefährlichen Feinden gegenüberstehen und der Hauptantrieb funktionierte nicht einwandfrei, was auch bedeutete, dass die Deflektorschilde nach wie vor inaktiv waren. Torpedobeschuss war das letzte, was Clynnt jetzt gebrauchen konnte.
„76 Prozent, Sir“, meldete einer der Navigatoren, während er eifrig seine Hologrammmonitore studierte. „Derzeit 34 feindliche Schiffe in näherer Umgebung. Tendenz exponentiell steigend.“
Der Chefnavigator unterdrückte einen Fluch. Was hatte Archweyll ihnen da angeschleppt? „Haupthangar informieren, wir brauchen unsere Leute dort draußen. Deflektorschilde sind nach wie vor inaktiv, entsendet die Arrows. Außerdem brauchen wir eine Entertruppe. Eine große.“ Sein Blick ging durch die Menge. „ Archweyll steckt in Schwierigkeiten.“

***

Aus dem Augenwinkel durfte Tamara mit ansehen, wie ihrem Kommandanten die Puste ausging. „Komm schon, Arch“, flüsterte sie.
„Halt dein blödes Maul, Weib“, fauchte sie ein rattenähnlicher Tiermensch an und fuchtelte mit seinem Gewehr herum. Aus seinem Maul tropfte der Geifer der Vorfreude.
Tamara war sich im Klaren darüber, dass sie ihn ohne mit der Wimper zu zucken töten konnte, auch in ihrer jetzigen Situation. Wären da nicht noch die anderen zwanzig Mutanten und die potentielle Möglichkeit, dass sie die verbliebene Mannschaft sofort massakrieren würden. Ihr blieb nicht viel übrig, außer abwarten und hoffen, dass ihr Kommandant durchhalten würde, bis Clynnt ihnen Verstärkung schicken konnte.
Ein Schrei hallte durch den Hangar, als Archweylls Klinge einen Mutanten durchbohrte. Aber das änderte vermeintlich wenig an ihrer aussichtslosen Situation.
Plötzlich bemerkte Tamara aus dem Augenwinkel eine Bewegung, doch bevor sie sich vergewissern konnte, was sie da hinter einem der Kampfschiffe aufblitzen sah, war es wieder verschwunden. Eine Sekunde später erfüllte eine Explosion den Hangar, gefolgt von einem ohrenbetäubenden Knall. Die Hitze strich über ihre Haut wie Schmirgelpapier, als einer der kleinen Kampfflieger auf dem Fließband in Flammen aufging. Metall knirschte protestierend, als der folgende Flieger mit dem Wrack kollidierte und in die Tiefe stürzte. Eine zweite Explosion erschütterte das Laufband und ließ es restlos in sich zusammenklappen. Tamara merkte, dass sie die ganze Zeit den Atem angehalten hatte.
War Clynnt gekommen, um sie hier rauszuholen?
„Was zur Hölle war das?!“, hörte sie Bering fluchen. „Sofort die Quelle ausfindig machen und eliminieren. Dann verschwinden wir von hier, die Jungs sind gleich fertig.“
Fünf schwer gepanzerte Mutanten marschierten in die Richtung, aus der Tamara die Bewegung vernommen hatte.
Hoffentlich krepiert ihr, dachte sie hasserfüllt.
Als wolle eine schicksalhafte Begebenheit ihren Wunsch erfüllen, ertönten plötzlich Schüsse. Ihnen folgten unsagbare Schmerzensschreie.
Das war kein Induktionsgewehr, schoss es der Spähtruppführerin durch den Kopf. Aber was war es dann?

***

Howard Bering stieß einen Fluch aus. Der Verlust der Kampfflieger war etwas, das er nicht hinnehmen konnte. Er wusste um die Fähigkeiten der Arrows, die ihnen in Kürze den Garaus machen konnten.
Seine Männer waren keine erfahrenen Kampfpiloten, wie es die der föderalen Armee waren, und auch nicht geschult in den Fliegern der Dunkeln Engel, an denen sie sich so vorzüglich bedienen konnten.
Howard hatte auf Quantität gesetzt, um die Atharymn möglichst lange beschäftigt zu halten. Was auch immer die Explosionen verursacht hatte, es musste ausfindig gemacht und vernichtet werden. Eifrig studierte er seinen Scanner, wie ein fürsorglicher Vater sein Kind betrachtete. Mit den
Daten auf den Servern und den Ressourcen der Herrlichkeit würde es ihm möglich sein, der galaktischen Föderation das Handwerk zu legen. Sie betrachteten sich als eine Art heiliges Imperium, aber in Wahrheit waren die Menschen verkommenere Kreaturen, als die Mutanten, die sie gezüchtet hatten. Nun wendete sich ihre Waffe gegen sie und der Tag würde kommen, da sie ihrer Fehler gedenken würden.
Plötzlich erfüllten Schmerzensschreie den Hangar mit ihrem Lied des Wehklagens.
Eilig hastete Howard zur Schiffspforte. Was war hier nur los? Sein Gesichtsausdruck wurde aschfahl, als er erkannte, dass seine größte Faszination sich gegen sie wandte.
Ein Dunkler Engel schoss anmutig über sie hinweg, sein Körper war von Pilzen ganzheitlich durchwuchert, was Howard darauf schließen ließ, dass der Parasit bereits die Kontrolle übernommen hatte. Ratternd aktivierte der Engel ein Maschinengewehr, das an seinem Arm befestigt war und eine Salve unbekannter Projektile ließ seine Männer dahinsiechen.
„Und dabei fing doch alles so gut an“, seufzte der Chefmechaniker und entledigte sich seiner Kutte. Auch wenn er stets gebückt ging, war dies doch nur ein Vorwand, um Gebrechlichkeit vorzugaukeln. Um seinen sehnigen Unterarm war eine Vorrichtung mit intravenösem Zugang eingerichtet, mit dem er seine größte Schaffung, das Monamarte, direkt in seinen Kreislauf injizieren konnte. Dagegen waren Archweylls Stimulanzmittel ein feuchter Witz. Er hatte die Experimente der föderalen Apothekaris optimiert und mit modernster Wissenschaft perfektioniert. Nun würden seine Feinde es am eigenen Leib zu spüren bekommen.

***

Die Arrows leisteten ganze Arbeit. Wie silberne Pfeilspitzen schossen sie durch den Warp und hinterließen nichts als brennende Wracks. Lichtblitze erfüllten die Dunkelheit. Cylnnt Volker verfolgte das Spektakel von der Kommandobrücke aus und ein zufriedenes Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Den Piloten der Atharymn hatten diese Missgeburten nichts entgegenzusetzen. Glücklicherweise war ihre Anzahl deutlich zurückgegangen. Zunächst hatte Clynnt befürchtet, dass die zahlenmäßige Überlegenheit ihrer Feinde ein Problem darstellen könnte, aber irgendwas hatte verhindert, dass sich ihr Schwarm weiterhin aus der Raumstation ergoss, als wäre es ein aufgestochenes Wespennest. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er die Entermannschaft ungefährdet entsenden konnte, um Archweyll zur Hilfe zu eilen.

***

Als der Dunkle Engel die Reihen der Feinde lichtete, war sich Archweyll fast sicher, dass sich das Schicksal zum Guten wandte. Aber schnell hatte er festgestellt, dass er genauso im Visier des Zeringhety geraten war wie alle anderen auch. Als das Maschinengewehr ihn ins Fadenkreuz nahm, wurde sein Kampfanzug von einer Salve aus Schüssen durchsiebt.
Keuchend floh der Kommandant in Deckung. Zwar war sein Anzug kugelfest, aber die Projektile waren wie göttliche Faustschläge auf ihn niedergehagelt.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er, wie Howard Bering auf den Dunklen Engel zumarschierte. „Dann lauf doch in dein Verderben, wenn du es drauf anlegst“, zischte Archweyll still in sich hinein. Zu seinem Entsetzen veränderte sich Howards menschliche Form, während er in einen rasenden Ansturm verfiel. Sein Fleisch schien förmlich zu explodieren. Muskelmasse bildete sich exponentiell und Händen und Füßen wichen geifernde Klauen. Berings rattenähnliches Gesicht nahm noch intensiver die Form eines Nagetiers an und Pelz begann auf seiner nackten Haut zu wuchern. Es knackte vernehmlich, als seine Knochen wuchsen und ihm zu beeindruckenden fünf Metern Größe verhalfen. Bering machte einen gewaltigen Satz und seine Pranke zerfetzte den Zeringhety in seine Einzelteile. Wieder und wieder schlug Howard zu, bis von der eigentlichen Gestalt nicht mehr viel zu erkennen war. Dann stieß er ein markerschütterndes Heulen aus.
Archweyll überkam eine Gänsehaut. Ohne einwandfrei funktionierenden Kampfanzug hatte er hier keine Chance. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg.
Sein Nachdenken wurde von einem Aufschrei unterbrochen, als weitere Dunkle Engel in den Hangar stürmten und die Mutanten ins Visier nahmen. Die Abscheulichkeiten wehrten sich verbissen, doch viele ihrer Nahkampfwaffen waren nutzlos und nicht viele besaßen Gewehre. Ein Teil der Herrlichkeit floh in das Raumschiff.
Archweyll ballte die Fäuste. Verdammte Bastarde. Ihr kommt auch noch dran.
Ratternd aktivierten sich die Verteidigungsanlagen des Raumschiffes und Geschosse nahmen die Zeringhety ins Fadenkreuz.
Mehrere Dunkle Engel fielen, doch mittlerweile waren es mindestens zwei Dutzend. Allmählich wurde die Zeit knapp. Der Kampflärm würde immer mehr Feinde anlocken und dann war die Aussicht auf ein Entkommen nahezu unmöglich.

***

Tamara witterte ihre Gelegenheit. Als mehrere der Dunklen Engel ihre Bewacher in die Defensive drängten, erhob sie sich und unter Aufwand all ihrer Kräfte und mit Verstärkung ihres Kampfanzuges brachte sie die Ketten um ihren Körper zum Bersten.
Als der Rattenmensch, der sie vorhin noch so angeschnauzt hatte, bemerkte, was passiert war, war es bereits zu spät.
Tamaras Faust verankerte sich in seinem Gesicht und pulverisierte jede Faser seines Schädels.
Der Tiermensch konnte nicht einmal mehr schreien.
Die Spähtruppführerin schnappte sich sein Gewehr und eröffnete das Feuer.
Mehrere Tiermenschen fielen, von ihren eigenen primitiven Kugeln durchsiebt. Mittlerweile pflasterte ein Teppich aus Leichen den Hangar.
Mutanten wie Dunkle Engel gleichermaßen würden hier ihre letzte Reise antreten.
Als Tamara die Zone gesichert hatte, half sie ihren Kameraden auf. „Haltet euch bedeckt, wartet auf die Verstärkung“, befahl sie. „Dort drüben ist Deckung, alle Einheiten folgen mir.“ Sie deutete auf ein größeres Raumschiff und setzte sich in Bewegung. Es hatte oberste Priorität, die Leben ihrer Kameraden zu sichern. Viel zu viele waren gefallen. Erst dann würde sie mit Bering abrechnen.

***

Seine eingeschränkte menschliche Wahrnehmung war durch einen roter Schleier des Zorns ersetzt worden. Rasend vor Aggression nahm er weder Schmerz, noch Mitgefühl war. Tausende Gerüche erfüllten seine Nase und jede Faser seines Körper strotzte nur so vor unnatürlicher Kraft. Jeder Feind, der sich ihm in den Weg stellte, starb eines grausamen Todes. Howards Klauen sägten durch Fleisch und Maschinenteile gleichermaßen. Ein Dunkler Engel attackierte seine linke Flanke, doch Howards Reflexe erlaubten es ihm, seinen Feind zu packen. Knirschend schloss sich sein Maul um den Hals seines Feindes und riss ihm den Kopf ab. Der Geschmack von Blut explodierte förmlich auf seiner Zunge.
Plötzlich hielt die riesige Kreatur inne. Da war ein vertrauter Geruch. Howard leckte sich über die Zähne. Archweyll.
Er stieß ein animalisches Brüllen aus und jede Faser seines Körpers zuckte erregt. Heute war der Tag der Abrechnung, für all die Erniedrigungen, die er erdulden musste. Mit einem Satz beförderte er sich in die Luft. Krachend kam er wenige Meter neben seinem Ziel auf dem Boden auf. Der heutige Tag würde das Ende des Kommandanten bringen, so viel stand fest.

***

Rasende Panik machte sich in Archweyll breit, als das riesige Ungetüm wie aus dem Nichts auf ihn zugestürmt kam. Sein Brüllen übertönte selbst den Schlachtenlärm und die ratternden Maschinengewehre um ein Vielfaches. Howards Pranken griffen nach ihm als wäre er ein Spielzeugsoldat.
In letzter Sekunde konnte Archweyll sich wegducken und dem sicheren Tod entgehen. Ein schneller Blick verriet ihm, dass keine Hilfe zu erwarten war. Sein Griff um Aeola versteinerte sich. Er war auf sich alleine gestellt.
Erneut schlug Howard nach ihm, der Kommandant rollte nach rechts, um dem tödlichen Streich zu entgehen. Der Luftzug des Angriffs war deutlich auf den Monitoren des Visiers verzeichnet. „Nicht schlecht“, knurrte Archweyll keuchend.
Sein Gegenüber erwiderte mit einem animalischen Fauchen. In der Ferne ertönte dröhnender Lärm, doch ihm blieb keine Zeit, zu erörtern, weshalb. Howard stürzte sich auf ihn und sein Schlag fegte den Kommandanten durch den halben Hangar. Schmerz zog pulsierende Bahnen durch jede Faser seines Körpers und er musste sich etwaige Knochen gebrochen haben. Für eine Sekunde blieb er regungslos liegen, nicht fähig, die Kraft seines Gegenübers zu begreifen. Kaum einer Bewegung fähig, versuchte Archweyll sich aufzurappeln, doch es wollte ihm trotz Kampfanzug nicht gelingen. Der Schmerz war zu groß.
Drohend baute sich Howard vor ihm auf. Ein dumpfes Knurren entwich seiner Kehle.
Die Panik in Archweyll erreichte ihren Höhepunkt, als er dem Tod ins Angesicht sah. Für eine Sekunde lauschte er seinem pochenden Herzschlag, spürte das Blut in seinen Ohren rauschen und war nicht fähig zu atmen. Alles in ihm schien zu protestieren.
Howard bäumte sich zu voller Größe auf. Sein bedrohlicher Schatten ließ alles verdunkeln. Seine Klauen fuhren auf Archweyll nieder, um seine Eingeweide durch den Hangar zu verteilen. Dieser schloss die Augen, bereit seinem Schöpfer entgegenzutreten.
Jetzt war es also doch gekommen, das Ende.
Ein Ruck ging durch seinen Körper und er stieß einen gequälten Schmerzensschrei aus. Dann riss ihn etwas in die Luft. Sein Körper protestierte vor Pein. Der Kommandant riss erschrocken die Augen auf. Er befand sich in schwindelerregender Höhe, in den festen Händen seiner Spähtruppführerin.
Tamara hatte Archweyll gegriffen und ihre Schubtriebwerke aktiviert, um ihn in sichere Entfernung zu geleiten. „Was ist mit deinem Anzug passiert?“, fragte sie ihn kritisch.
Es gelang ihm eine unverständliche Antwort zu brummeln. Die Schmerzen waren einfach zu stark.
„Festhalten!“, schrie Tamara, als ein Dunkler Engel das Feuer eröffnete. Tamara flog eine steile Kurve und schaffte es, den Geschossen auszuweichen. „Nimm meinen Revolver“, befahl sie.
Archweyll gelang es, an ihren Hafter zu greifen und zog die Waffe. Er feuerte zwei Schüsse ab, die ihren Feind zu Fall brachten.
Das dröhnende Geräusch, das er vorhin noch vernommen hatte, schwoll zu einem ohrenbetäubenden Getöse an, als die Silverhawk ihr Entermanöver ausführte.
Archweyll atmete tief durch.
Clynnt war gekommen, um ihnen mal wieder den Arsch zu retten. Erschöpft sank er in Tamaras Armen in einen dämmerigen Zustand.

***

Der Chefnavigator verfiel in einen manischen Jubelrausch, während sein Enterschiff das Feuer eröffnete. Torpedos schlugen in den Hangar ein und verwandelten ihn in eine brennende Hölle. Das Schiff der Hände der Herrlichkeit wurde von einem explodierenden Feuerball verschluckt.
Panik erfüllte die Mutanten und sie wuselten wie Ameisen umher, verzweifelt nach Deckung suchend.
Tamara hatte gut reagiert und die restliche Mannschaft außerhalb der Einschusszone untergebracht.
“Zielsuchraketen aktivieren. Ich will, das diese verdammten Engel im Staub kriechen“, befahl Clynnt. Ratternd aktivierten sich die Geschossbatterien und feuerten ihre deutlich kleineren Geschosse ab. Explosionen folgten und Dunkle Engel fielen. „Alle Gefechtsstationen, Feuer frei.“
Röhrend begannen die schweren Maschinengewehre damit, die restlichen Feinde unter Beschuss zu nehmen. “Das war‘s für euch“, kicherte der Chefnavigator. Diese Schlacht war so gut wie gewonnen.

***

Tamara hielt auf die Silverhawk zu. Das mittelschwere Kampfschiff war eine perfekte Wahl, wenn es darum ging, einen Hangar zu erobern.
Clynnt hatte mal wieder alles richtig gemacht. Pfeifend öffnete sich eine Pforte, um der Spähtruppführerin Einlass zu gewähren. Sachte ließ sie Archweyll in das Innere des Schiffes gleiten.
Auf einmal schoss ein riesiger Schatten auf sie zu und fegte sie vom Dach des Raumschiffes.
Keuchend schlug Tamara auf dem Boden auf, doch ihr Kampfanzug hatte die Kraft des Aufschlages deutlich reduziert.
„Ihr geht nirgendwo hin!“ die Laute aus Howards Kehle grollten wie Donnerschläge. Mit einem Satz stürmte er auf sie zu.
„Kampfanzug Level 1“, presste Tamara unter zusammengeknirschten Zähnen hervor. Gegen diesen Feind hieß es Geschwindigkeit an den Tag zu legen. Mit bloßer Kraft konnte sie dieses Monster nicht besiegen. Die Schubtriebwerke ihres Anzuges beförderten sie in die Luft.
Gerade noch rechtzeitig, bevor Howards Klauen sie zerfleischen konnten. Tamara stieß einen Fluch aus, als sie feststellte, dass Archweyll noch ihren Revolver bei sich hatte. Aus dem Augenwinkel bemerkte die Spähtruppführerin, wie die Silverhawk wendete, um das Monstrum unter Beschuss zu nehmen.
Aber Howard war nicht dumm. Er machte Kehrt und mit einer unfassbaren Agilität beförderte er sich unter das Schiff. Mit einem immensen Kraftaufgebot warf er sich wie ein Wilder gegen die Außenbordwand und der Bug der Silverhawk drehte gefährlich steil ab. Das Schiff geriet ins Schleudern und musste abdrehen.
Diese Sekunde nutzte Bering, um einen Versuch zu unternehmen, die Elektronik des Schiffes mit seinen Klauen zu zerfetzen.
Das konnte Tamara nicht zulassen. Zischend schoss sie auf den Chefmechaniker zu. „Kampfanzug Level 4, titanischer Koloss“, brüllte sie dem Monster entgegen. Noch im Flug fungierte ihre Rüstung um. Die Hydraulikgelenke schossen aus ihren Verankerungen und entfalteten sich zu voller Größe. Aspexylplatten legten sich schützen um sie und ein drittes Visier aus Panzerglas legte sich um ihr Sichtfeld. Mal wieder konnte Tamara nicht darum herum, die Technologie ihres Anzuges zu bewundern. Er konnte sich so vielfältig den Situationen anpassen, ohne sie dabei an Gewicht zu erdrücken, denn Aspexyl war federleicht. Mit einem entsetzlichen Schlag warf sie sich auf das Rattenungetüm.
Bering wuselte unter ihr, keifend und sabbernd. Doch er biss sich an ihrem Panzer die Zähne aus. Tamara setzte zum Schlag an. Wieder und wieder krachte ihre Faust auf Berings Kopf.
Doch er wollte einfach nicht sterben.
„Ich habe versprochen dich zur Strecke zu bringen“, keuchte die Spähtruppführerin unter Aufwand all ihrer verbliebenen Kräfte.
Doch auf einmal gelang es Howard, sie abzuschütteln.
Für eine Sekunde verlor Tamara die Orientierung. Lange genug, um Bering die Gelegenheit zu geben, seine Klauen in ihre Schaltkreise zu bohren.
Ein leises Summen ertönte, als ihre restliche Energie sie verließ. Der Anzug sackte in sich zusammen wie ein schlaffer Sack.
Mit einem einzigen Schlag zerfetzte Bering ihre Panzerglasscheibe.
Was für eine ungeheuerliche Kraft. Sie hatte ihn unterschätzt. Seine blutige Faust erhoben, holte der Chefmechaniker zum tödlichen Streich aus. Alles schien wie in Zeitlupe zu geschehen.
Plötzlich segelte ein Schatten aus der Luke der Silverhawk.
Mit einem Aufschrei versank Archweyll sein Schwert in den Rücken des Ungeheuers. Durch einem Knopfdruck aktivierte er die Stromzufuhr seiner Waffe und Howard wurde von der Spannung förmlich versengt.
Kreischend ging er zu Boden, bis er sich nicht mehr rührte.
Tamara fühlte, wie die Erschöpfung sie übermannte und ihre Augen schwer wurden. Dann verlor sie das Bewusstsein.

***

An Bord der Atharymn herrschte eine ausgelassene Stimmung. Auf der Kommandobrücke wurde er wie ein König in Empfang genommen. Jeder wollte seine Schulter klopfen und seine Geschichte erfahren.
Archweyll ließ sich die Zeit, um es allen genau zu erzählen. Noch nie war es einem föderalen Raumschiff gelungen, dem Ruf der Leere zu entkommen. Doch sie hatten es geschafft und würden voller Stolz Bericht erstatten.
„Wie geht es Tamara?“, erkundigte sich Clynnt bei ihm.
„Ihr fehlt nichts. Sie wird bald wieder wohlauf sein“, erwiderte der Kommandant.
Der Chefnavigator nickte zufrieden. „Diesmal waren es siebzehn Brüche, Arch. Du schlägst noch sämtliche Rekorde.“
Der Kommandant bellte ein Lachen. „Mein Körper hat schon schlimmeres weggesteckt. Aber wir können von Glück reden, dass du mir eine Energiezelle zur Verfügung gestellt hast, damit ich sie retten konnte“, lobte er dann.
„Ich hätte echt nicht gedacht, dass wir das schaffen. Wir haben uns mächtig was eingebrockt“, sagte Clynnt hochachtungsvoll.
Archweyll zuckte mit den Achseln. „Was ist das Leben, ohne ein kleines Risiko?“, fragte er lachend, während er in die unergründlichen Weiten des Warps blickte und ihn eine endlose Zufriedenheit überkam. Dann ertönte das wohlbekannte Rumoren der Reaktortriebwerke und es war fast wie ein Befreiungsschlag. „Maximale Leistung!“, rief Archweyll lautstark. „Wir fliegen nach Hause.“

Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 9: Die Hände der Herrlichkeit

Aufgrund feiertagstechnischer Aktivitäten mit einem Tag Verspätung:


Keuchend kam Archweyll auf die Beine. „Trottel. Hätte mir in den Kopf schießen sollen“, schnaufte er, während er sich langsam erhob. „Kampfanzug Level 3, mechanischer Medikus.“
Sirrend befolgte die Ausrüstung seine Anweisungen. Ein Scan analysierte seine Gewebestruktur und legte eine millimetergenaue Schablone auf seine Brust, dort, wo der Induktionsrevolver eine klaffende Wunde hinterlassen hatte. „Lunge und Herz verfehlt. Organzustand unkritisch. Parasitäre Fremdeinwirkung festgestellt. Blutverlust: hoch. Regeneriere“, krächzte die elektronische Stimme des Bordcomputers.
Archweyll schauderte bei dem Gedanken daran, dass die Pilze nun auch in ihm wachsen könnten, wenn der Anzug es nicht schaffen sollte sie zu neutralisieren.
Ein Laser begann damit, über die Wunde zu gleiten und die Hitze des Strahls versiegelte die Wunde.
“Verdammte Scheiße! Bering, das wirst du mir büßen“, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Auch wenn die Behandlung sein Überleben sicherte, war sie doch keinesfalls angenehm. Er verbiss sich einen Aufschrei, als das Fleisch verkohlte und sich der Riss in seiner Brust langsam schloss.
„Wunde versiegelt. Lege Zugang.“ Eine sterile Nadel bohrte sich in Archweylls Unterarm und versorgte ihn mit benötigten Mineralien, einem Stimulanzmittel und der erforderlichen Dosis Parazyklon, um den Pilz in seinem Körper zu eliminieren. Innerhalb weniger Sekunden spürte der Kommandant, wie seine Kräfte zurückkehrten. „Danke für die Aufputschmittel“, frohlockte er, als die Wirkung der Stimulanzien sich gänzlich entfaltet hatte, und machte sich daran, die einzelnen Funktionen des Kampfanzuges zu untersuchen. Bis auf einen Riss in der Brustplatte war dieser zu seinem Glück einsatzbereit. Archweyll aktivierte per Spracherkennung sein elektronisches Visier und leuchtend erwachte es zum Leben, versorgte ihn mit den Daten, die er brauchte.
Berings Scanner hatte gute Arbeit geleistet, zumindest was die Struktur der Raumstation anbelangte. Eine Sammlung roter Punkte zeigte dem Kommandanten, wo sich seine restlichen Kameraden befanden. Anscheinend hatte der Chefmechaniker sie zu einem Hangar, auf der Rückseite der Station verfrachtet. Seine Männer hatten sich ungesehen der Station genähert, als die Radarschirme der Atharymn ihren Dienst versagt hatten.
Bei dem Gedanken an die Hände der Herrlichkeit lief dem Kommandanten ein eisiger Schauder über den Rücken.
Howard Bering war ein vergleichsweise menschlicher Mutant, wenn man erst einmal die anderen gesehen hatte. Diese terroristische Organisation verhieß nichts Gutes, denn egal wo sie auch auftauchte, ihr folgte stets Tod und Verderben.
Archweyll musste sich beeilen, denn Howard Bering dürfte mittlerweile einen ansehnlichen Vorsprung innehaben. „Level 1“, befahl der Kommandant. Sofort veränderte sich der Kampfanzug, um ihm zu Diensten zu sein. Wenn man dem Scan trauen durfte, musste er durch einen Aufzugschacht und von dort weiter in den Haupthangar. Dort würde er vermutlich auch Bering und seine Meute sabbernder Abscheulichkeiten antreffen. Den Aufzug fand er schnell. Als Archweyll die stählernen Türen mit einer sommerlichen Einfachheit aufpresste, wurde ihm bewusst, dass es jetzt erst richtig los ging. Ein manisches Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen ab. Der Dämon war nur ein Vorgeschmack gewesen, wenn auch ein bitterer. Aber jetzt war er in seinem Element. Jetzt ging es nicht mehr um telepathische Fähigkeiten, sondern um Schlachtgeschick. Und davon besaß Archweyll mehr, als dem ein oder anderen lieb war. Das Adrenalin mischte sich mit den Substanzen in seinem Blut zu einem Feuerwerk der Leidenschaft.
Unter ihm klaffte ein finsterer Schlund, der ins Nichts zu führen schien, einem schwarzen Loch in nichts nachstehend. Mit einem Satz sprang Archweyll hinein. Die Haken auf seinem Anzug gruben sich kreischend in das Metall und sorgten dafür, dass er mit einem gemächlichen Tempo in die Tiefe sauste. Funken erhellten seinen Weg und der Lärm musste selbst auf Prospecteus noch vernehmbar sein. Archweyll war das egal. Ein Überraschungsangriff hatte seine Vorteile, das war dem Kommandanten durchaus bewusst, aber er hatte sich etwas Besseres überlegt.
Howard Bering war ein zutiefst paranoider Mensch. Wenn er frohlockend seinen Angriff ankündigte, würde das Nervosität bei seinen Feinden hervorrufen und ihre Fehlerwahrscheinlichkeit immens erhöhen. Archweyll hatte schließlich am eigenen Leibe erfahren müssen, dass Angst eine mächtigere Waffe war, als Heimlichkeit. Außerdem ließen die Stoffe in seiner Blutbahn keinerlei Ernsthaftigkeit mehr zu.
“Ich kooomme!“, rief der Kommandant mit aufgedrehter Stimme in den Schacht hinein, als würde er ein Versteckspiel beginnen. Es antwortete nur sein Echo und das Knirschen des Metalls. Als er auf der richtigen Ebene war, vollführte Archweyll einen gewaltigen Satz, zündete die Schubtriebwerke und brach mit einem lauten Knall durch die Aufzugstür, die zu beiden Seiten wegfegte, als wäre es nichts. Ohrenbetäubender Krach zog sich durch die gesamte Raumstation. „Pardon, wo sind meine Manieren?“, feixte Archweyll und salutierte, als er die Leiche eines Dunklen Engels passierte.
Dann blieb er wie angewurzelt stehen. Möglicherweise übernimmt er im Endstadium die Funktionen der wichtigsten Organe und dadurch letztendlich die vollständige Kontrolle über seinen Wirt.
Die Worte seines Chefmechanikers geisterten durch sein Erinnerungsvermögen wie Irrwische. Er blickte zu dem Leichnam und seine Vermutung wurde zu einer bösen Vorahnung. Intuitiv zog er den Induktionsrevolver und feuerte auf den Kopf des Dunklen Engels. Dann noch einmal. Sicher ist sicher. Und er konnte keine ungebetenen Gäste gebrauchen.
Vielleicht war die Aktion im Aufzug doch keine allzu gute Idee gewesen, schoss es durch seinen Kopf, doch er verdrängte diesen Gedanken und fokussierte sich wieder auf das Ziel.
Er befand sich in einem Korridor aus veredeltem Diamantglas, welcher einen Einblick in den Warp gewährte. Noch lag die Atharymn geduldig in der Leere. Allerdings war es nur eine Frage der Zeit, bis die Reaktoren wieder ihre volle Leistung entfesseln konnten, um dem Schiff die notwendige Energie zu verleihen. Dann würde es für Bering ungemütlich werden, also musste sein Plan vorsehen, entweder zu verschwinden, bevor dies geschah, oder die Atharymn zu überrumpeln und kampfuntauglich zu machen. Es wird nicht soweit kommen, beschloss der Kommandant in Gedanken, während er den Korridor entlangraste wie ein abgestochenes Wildschwein.
Vor ihm lag eines der riesigen Zusatzmodule der Raumstation. Wie ein halb eingeschlagener Nagel klaffte es aus der Raumstation und schien nur auf Arch zu warten. Er passierte eine weitere Pforte, bevor er endlich den Hangar erreichte.
Ein imposanter Anblick bot sich ihm: Das Ende der Halle war in der Ferne nicht auszumachen und die Decke in etwa so hoch wie einer der durchschnittlichen Wolkenkratzer auf seinem Heimatplaneten. Ein riesiges, durch ein semipermeables Energiefeld geschütztes Tor bot jedem Flieger die Möglichkeit, die Station zu betreten.
Im Normalfall hätte es nur kein feindlicher Flieger je bis hierher geschafft, schlussfolgerte Archweyll. Im Hangar selbst, befanden sich Kampfschiffe unterschiedlichster Größe und Ausstattung. Von kugelförmigen Einsitzern, die zu hunderten waffenbestückt auf Fließbändern ausharrten, bis hin zu imposanten Fregatten, die ungefähr die Größe der Atharymn erreichten, waren alle Fliegerklassen vertreten. Eine dieser Fregatten hatte bei ihrem gescheiterten Fluchtversuch eine Schneise der Verwüstung hinter sich hergezogen. Maschinenteile und Raumschiffwracks bedeckten den Boden des Hangars.
Langsam schlich Archweyll darauf zu und aktivierte sein Teleskopschwert. Heute würde er es mit hundertprozentiger Leistung benötigen. Ein kaum merkliches Vibrieren ging durch seinen Arm, als sich der Mini-Reaktor aktivierte, um die notwendige Energie zur Verfügung zu stellen. „Wärmekamera aktivieren“, flüsterte Archweyll, während er sich hinter einem Stück Weltraumschrott verschanzte. Der Scan zeigte mehrere Lebewesen in unmittelbarer Nähe. Hunde von Bering.
Archweyll atmete tief durch. Jetzt war es soweit. Für den Bruchteil einer Sekunde entwich seinen Lippen ein Lächeln. Dann stürzte er sich auf den Feind.
Die Mutanten waren große, menschenähnliche Wesen, die jeweils den unterschiedlichsten Experimenten ausgesetzt worden waren. Einer besaß den Kopf und den Rumpf einer Ziege, mit imposanten Hörnern, ein anderer war mit langen Fangarmen voller Saugnäpfe ausgestattet. Der dritte besaß vier Köpfe und der vierte eine Schuppenhaut. Als Archweyll auf sie zustürmte, stießen sie wütendes Geheule aus. Zweifelsohne musste Bering sie geschickt haben, um ihn aufzuhalten. „Hast du es nicht für nötig befunden, es mir etwas schwieriger zu machen?“, zischte der Kommandant beleidigt.
Plötzlich holte der Tiermensch eine Axt hervor, die größer war als er selbst. Und das bei beträchtlichen drei Metern Größe.
Der mit der Schuppenhaut zückte ein Induktionsgewehr und feuerte, um den Ansturm seines Kameraden zu decken.
Archweyll rutschte hinter einem Stück Schrott in Deckung. Eine Sekunde später wurde das Metallstück von der Schneise der Axt völlig zerfetzt. Der Luftzug der Waffe zauberte dem Kommandanten eine Gänsehaut auf den Nacken. Vielleicht würde der Kampf doch noch interessant werden. Er holte tief Luft, dann aktivierte er die Schubwerke. Mit einem Satz steuerte er auf seinen Gegner zu. Das Schwert riss dem Mutanten gleich zwei seiner Köpfe vom Körper. Blut besudelte den Boden und rote Tropfen zierten seinen Aspexylanzug.
Der nunmehr nur noch zweiköpfige Mutant machte Kurs auf ihn. Mit einer monströsen Kraft griff er nach Archweyll und schleuderte ihn gegen eines der kleineren Raumschiffe. Die Glasscheibe zerbarst mit einem schrillen Aufschrei und ließ ein Regen aus Scherben über den Kommandanten hinwegfegen.
Er spürte, wie sein Blut aus unzähligen kleinen Schnittwunden lief. Archweyll rappelte sich auf. Mit einem Satz entwich er der Großaxt des Tiermenschen um Haaresbreite. Seine Schubwerke leiteten ihn zu den Flügeln des Kampfschiffes, wo ein Dutzend Torpedos verankert lagen. Archweyll griff sich eine der Waffen, aktivierte manuell den Zünder und schleuderte sie von sich. Mit einem unsagbaren Knall explodierte der Torpedo und riss den zweiköpfigen Mutanten gänzlich in Stücke.
Doch sein Tod schien die anderen nur weiter anzustacheln. Weitere Schüsse aus dem Induktionsgewehr zwangen Archweyll in Deckung zu gehen, doch direkt war der Ziegenmensch zur Stelle, um ihn mit seiner riesigen Axt zu bearbeiten. Die Wucht dieser Waffe konnte Archweyll nicht parieren, also war er gezwungen auszuweichen, was sich als schwierig herausstellte. Ein Projektil traf seinen Arm, Schmerz zog seinen Körper zusammen wie ein Gummiband. Fluchend aktivierte der Kommandant die Schubwerke. „Maximale Leistung“, knurrte er verdrießlich. Er war die Mutanten leid. Mit einem unglaublichen Satz flog Archweyll durch den Hangar. Fast zu schnell, um noch gesehen zu werden. Das Schwert in seiner Hand löste einen kribbeligen Reflex aus.
Aeola wollte geschwungen werden. Sie dürste nach Blut.
Für eine Sekunde überlegte er fieberhaft, warum er seinen Lieblingsobjekten stets Frauennamen zuschrieb, und ob das sexistisch sei, doch dann verschwand der Gedanke wieder und wich einer Fontäne aus Blut, als er die Klinge in die Schulter des Echsenmenschen trieb. Sie trat am Rumpf wieder aus und hinterließ zwei Hälften aus leblosem Fleisch.
„500 Gramm Hack, halb und halb zum mitnehmen“, kicherte Archweyll zynisch, während er die Leiche mit seinen Fußspitzen anstieß. Die Stimulanzien in seinem Blut zeigten wahrlich ihre Wirkung.
„Du wirst leiden!“, kreischte der Tentakelmann wutentbrannt und rannte auf ihn zu. Archweyll drehte sich seelenruhig zu ihm um, ein fast zuvorkommendes Lächeln aufgelegt. „Dafür, dass du zu diesem Kampf noch nichts beigetragen hast, steht dein Maul verdammt weit offen“, sprach er seelenruhig.
Doch plötzlich tauchte der Tiermensch hinter ihm wie aus dem Nichts auf.
Angriff von zwei Seiten, wie originell. Für eine Sekunde war Archweyll abgelenkt.
Eine Sekunde zu lange, denn der Mutant packte ihn mit seinen abartigen Greifern und zerrte ihn mit sich. Wie in Zeitlupe sah der Kommandant, wie die riesige Klaue der Axt auf ihn zuraste, um seinen Kopf vom Rest seines Körper zu trennen. Doch das war Teil seines Plans. Er aktivierte die Schubwerke und rollte sich mit einem gewaltigen Satz über den Rücken des Mutanten ab.
Dessen Tentakeln rissen vom Körper, als der Kommandant sich so ruckartig von ihm entfernte. Der Mutant hatte jedoch keine Zeit, um dies zu beklagen, denn die Axt seines Kameraden durchtrennte seine Bauchdecke wie Butter. Röchelnd ging er zu Boden.
„Dich habe ich mir extra bis zum Schluss aufgehoben, du Missgeburt“, feixte Archweyll und für eine Sekunde schien ein Knistern in der Luft zu liegen, als sich ihre Blicke kreuzten. Dann stürmten sie aufeinander zu. Abermals sauste die Axt auf ihn zu.
Der Kommandant ließ sich auf die Knie fallen und aktivierte die Schubwerke. Er glitt unter dem Angriff des Tiermenschen hindurch und seine Klinge trennte dem Mutanten einen Arm ab. Krachend sank die schwere Axt zu Boden. Archweyll erhob sich in Sekundenschnelle und beendete es durch einen Stich in die Brust.
Schwer atmend blickte der Kommandant sich um. Dieser Kampf war erfrischend gewesen, aber noch nicht das, was er sich vorgestellt hatte. „Kampfanzug, Level 3“, forderte er grinsend. „Ich glaube, ich brauche noch ein paar Tropfen Stimmungsverstärker.“
Kurz nachdem die Nadel sich in seinen Arm gegraben hatte, wurde die Welt plötzlich klarer. Stimmen drangen an sein Ohr, aus undefinierbarer Ferne. “Batterieleistung kritisch. Kampfanzug auf Notstromreserve. Aufladung erforderlich“, knisterte die vertraute mechanische Stimme.
Archweyll schenkte ihr keine Beachtung. Notfalls hieß es: Er gegen den Rest der Welt. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss die Blitze und Ringe aus grellen Farben. Diese Welt ist so grau geworden, dachte er wehmütig. Dann eilte er weiter. Er fand die restlichen Mutanten, wie sie riesige, sich auf Rollbrettern befindende Rechner in ein großes Raumschiff lieferten, auf dessen Bordwand die violette Hand der Herrlichkeit prangte.
Seine Mannschaft kniete gefesselt auf dem Boden, umzingelt von zwei Dutzend Tiermenschen.
„Hat dir mein Empfangskomitee nicht gut bekommen?“, Howard Berings Stimme erschien aus dem Raumschiff. Der Chefmechaniker trat aus einer kleinen Pforte, begleitet von zwei in Aspexylpanzer gehüllten Mutanten. „Du schwankst ja von links nach rechts. Mein Gott, Archweyll, hast du dich wieder mit Stimulanzien abgeschossen?“ Howard ließ einen kehligen Laut ertönen, der auch als sein Lachen bekannt war.
„Das endet. Hier und jetzt.“ Dem Kommandanten war klar, dass die Provokation sinnloses Gewäsch war. Wenn er es zuließ, würden die Stimulanzien ihm eine unmenschliche Klarheit verschaffen und
Bering wusste das. Er war nervös.
„In der Tat“, bestätigte der Chefmechaniker. Dann brummte er etwas in ein Funkgerät.
Röhrend aktivierte sich das Fließband, auf dem sich die kleineren Flieger befanden. Zu seinem Entsetzen stellte Archweyll fest, dass sie mittlerweile bemannt worden waren. Sie greifen die Atharymn an.
Dann öffnete sich ein Gatter in dem großen Raumschiff und unzählige Abscheulichkeiten rasten brüllend auf ihn zu. Für eine Sekunde schloss Archweyll die Augen. Er war bereit, sein letztes Gefecht auszutragen.

Voidcall: Das Rufen der Leere – Kapitel 8: Der Xulthaquep

Die unnatürliche Finsternis schien Archweyll sämtliche Wärme zu entziehen. Er konnte die Hand vor Augen nicht erkennen, nur, dass er sich in einem riesigen Raum aufhalten musste. Der Boden unter ihm war uneben und schmatzte organisch, wenn er darauf trat. 
Wenn es wieder nur eine Halluzination war, warum fühlte sie sich so echt an? Er schluckte. Und was geschah gerade in der Realität?Was war überhaupt real? War er wieder vor versammelter Mannschaft zusammengebrochen? Diesen Anblick wollte er Howard nicht gönnen. 
Du hast Fragen. Das verstehe ich. Menschen sind so wissbegierig, gehen so leidenschaftlich ihrer natürlichen Neigung nach.Lass mich deine Leidenschaft spüren. 
»Wie bist du hierher gelangt? Wo sind wir hier?«,wollte Archweyll wissen.
Ich konnte die Einladung der Zeringhety einfach nicht ausschlagen. Ihr nennt sie auch Dunkle Engel. All dieser süße Schmerz, ich war ganz hingerissen. 
Aber ich habe schnell angefangen, mich zu langweilen, also habe ich mir neue Gäste gesucht. Es ist doch recht einsam hier.
 
»Du wirst dich noch wundern. Bald werden sie wieder aufstehen. Dann wird es hier ganz schön ungemütlich«, knurrte der Kommandant ungehalten. 
Huch, wie fürchterlich. Die Stimme triefte vor Sarkasmus. Dir sollte doch bewusst sein, dass ich längst ein Teil ihres Kollektivs geworden bin. Ich fresse mich durch ihre Körper und bereite ihnen das Geschenk des unsagbaren Leides. So wie ich es auch mit dir tue. Nur bist du ja zu engstirnig, um das zu erkennen.
»Also hast du die molekulare Verzerrung zu verursachen? Du hast sie benutzt, um uns herzulocken?«
Nicht direkt. Du musst wissen, dass die Zeringhety durch ihr Kollektiv nicht nur dazu in der Lage sind miteinander zu kommunizieren. Sie haben auch die besondere Fähigkeit entwickelt, die Struktur von Atomen zu beeinflussen. Eine Technik, deren Macht geradezu unheimlich ist. Allerdings steckte sie noch in den Anfängen fest. Aber durch mein Einmischen ist sie gereift, wie ein Kind, dem es bestimmt ist, etwas großartiges zu vollbringen. 
Allmählich verstand Archweyll die unheimliche Faszination seines Chefmechanikers für diese höhere Lebensform. »Zeig dich, wenn du dich traust«, knurrte er. Er war die Stimmen leid. War diese Raumstation leid. Und vor allem anderen fürchtete er sich davor, erneut diesen diabolischen Schmerzen ausgesetzt zu sein. 
Bist du dir sicher, dass du mich sehen willst? Die Stimme kicherte. Es könnte dir gefallen.
»Halt dein widerliches Maul und lass uns kämpfen!«, solange die Halluzination es zuließ, musste Archweyll Stärke zeigen. Sein eindringlicher Herzschlag verriet dem Kommandanten seine Anspannung. Doch noch war er entschlossen zu handeln.
So ein ungezogener Junge. Nein, kämpfen langweilt mich. Ich zeige dir, was mir Spaß macht. Schlagartig zog sich die Finsternis zurück. 
Als er realisierte, was passierte, schrie er panisch auf. Er stand vor einem Berg aus abgefertigten Leichen, genauso wie die Bilder in seinem Kopf es ihm schon vorher gezeigt hatten. Saugende Schläuche und Verkabelungen verbanden die einzelnen Leichen zu einem Kollektiv aus totem Fleisch. Der gesamte Boden dieser dämonischen Zwischenwelt schien aus Körpern zu bestehen. Blut sickerte in Strömen aus ihnen und machte den Untergrund rutschig. Röhrende, spinnenähnliche Maschinen musterten ihre Auslese mit roten Augen und surrenden Greifern.
Archweylls Magen kollabierte. Der Anblick überstieg seine schlimmsten Vorstellungen und die faule aber zeitgleich sterile Luft dieser Leichenabfertigungsfabrik bereitete ihm Kopfschmerzen. 
Sofort entlud sich sein Mageninhalt auf seine Stiefel. 
Das beste kommt doch erst noch. Du bist so enttäuschend. Ich dachte, du verstehst etwas von Kunst. 
Plötzlich rissen die Leichen ihre toten Augen auf. Vernetzt wie sie waren, stöhnten sie ihre Schmerzen frei heraus und schwollen gemeinsam zu einem schrillen Chor der Agonie an. Der gesamte Berg geriet in eine schleichende Bewegung des Leides, als die Glieder der Leichen sachte zu zucken begannen. 
Was für eine wunderbare Vorstellung. Ein vollkommenes Kunstwerk. Hast du jemals so ein zärtliches Lied vernommen? 
Instinktiv breitete sich brüllender Schmerz in Archweylls Kopf aus und er spürte, wie Blut aus seiner Nase austrat. Der Kommandant versuchte alle seine verbliebenen Kräfte zu mobilisieren. Er musste dem Dämon etwas entgegensetzen,sonst war es um den letzten Rest seines Verstandes geschehen. 
»Du bist ein Feigling«, keuchte er und hielt sich die Schläfen, um den Schmerz irgendwie auszublenden. »Du traust dich nicht, dich mir zu stellen. Was für eine armselige Vorstellung. Ich bin nicht amüsiert.«
Seine Provokation schien Wirkung zu zeigen. 
Wie kannst du es wagen? Die Stimme glich nun dem Zischen einer Schlange, die bereit war, ihre Zähne in ihn zu versenken. 
»Meine Bebsy singt viel besser«, kicherte Archweyll angestrengt. Für den Bruchteil einer Sekunde schwelgte er in vergangenen Tagen. Das gab ihm die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten. 
Ich habe mich wirklich um dich bemüht. Und so wird es mir gedankt? Was ist dein tristes Leben, in Relation zu all den explodierenden Farben des Schmerzes?
»Dein Gerede langweilt mich langsam.Lass mich deine Umwerbungen dennoch vergüten. Wie wäre es mit einem kleinen Tanz?« Er zog das Teleskopschwert. 
Erleichtert stellte er fest, dass sein Widerstand auch ein Abnehmen der Kopfschmerzen zur Folge hatte. Argwöhnisch bemerkte der Kommandant, dass die Maschinen ihre Arbeit eingestellt hatten. Wenn sie ihn angreifen würden, war er bereit. Doch dann geriet er ins Nachdenken. 
Wenn er nach wie vor in einer Halluzination gefangen war, konnte er den Dämon nicht vernichten. Er war in seiner Welt, hier galten die Regeln des Xulthaquep. Er musste einen Ausweg suchen. 
Die Stimme in seinem Kopf seufzte enttäuscht. Ich hätte dir so ein schönes Leben beschert, hättest du dich nicht geweigert, meine Geschenke anzunehmen. Du warst so ein vielversprechendes Exemplar, so ein ansehnlicher Mann. Ich werde mir einen anderen suchen müssen, nachdem ich dich in mein großes Lied etabliert habe. Nun wirst du nur eine Stimme von vielen sein. Wie bedauerlich.
»Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen. Aber mein Herz gehört Bebsy. Eine vollkommenere Ehefrau wird es wohl kaum geben«, erwiderte der Kommandant. 
Ein Mann, der für seine Pflicht lebt und bereit ist, dafür in den Tod zu gehen. Wie hinreißend. 
»Zeig dich endlich. Gewähre mir diesen letzten Tanz.« Ein grollendes Knurren entwich Archweylls Kehle. Er hatte genug von diesen Spielchen. 
Auf seinen Ruf hin, erschien eine Silhouette auf der Spitze des Leichenberges. Ein riesiger Thron aus schwarzem Granit und toten Schädeln formte sich vor ihm. 
Darauf saß der Xulthaquep. Er besaß den nackten Körper einer vollkommenen Frau, welcher ganzheitlich von violetten Dornenranken umschlossen wurde, an denen blutrote Rosen wuchsen. 
Ihr hübsches Gesicht wurde von hohen Wangenknochen und perfekten Konturen geprägt.
Tiefe violette Augen blickten auf den Kommandanten herab und sie hatte die blutroten Lippen zu einem verführerischen Lächeln aufgelegt. 
Gefalle ich dir? Du wärst nicht der erste Sterbliche, der diesem Anblick verfällt. Noch immer schien ihre Stimme aus Archweylls Kopf zusprechen. 
Während sie sprach, strichen ihre Hände sanft über ihre Reize. 
»Das einzige, was mir an dir gefällt, ist der Gedanke daran, dich in den Boden gestampft zu haben«, feixte der Kommandant. »Nur leider wirst du nicht dazu in der Lage sein, dein perverses Lied mit deiner heuchlerischen Stimme zu vervollständigen.Weil ich von deinem Kopf nicht mehr als Schnipsel übrig lasse.« 
»Genug!«, herrschte die Frau ihn an. »Ich werde deinen Wahnsinn heilen.« 
»Ich kann es kaum erwarten bei dir in Behandlung zu gehen.« Archweyll stürmte los. 
Mit einem kreischenden Aufschrei warfen sich ihm die Maschinen entgegen. Greifzangen schnappten nach dem Kommandanten, doch sie unterschätzten die Kraft des Teleskopschwertes. 
Krachend zerschmetterte Archweyll die Schaltkreise der angreifenden Drohne mit einem einzigen Hieb.
Sie rollte den Hügel hinab, als wäre sie funktionsloser Schrott. 
Weitere Roboterspinnen stürzten sich auf ihn. Erduckte sich unter einem Hieb weg, der seiner Schläfe gegolten hatte, und parierte den Angriff eines sensenartigen Greifarms. 
Sein Schwert konterte mit einem Aufwärtshaken, der den Kopf einer Drohne in zwei Hälften trennte.
Doch die Zahl seiner Gegner nahm drastisch zu. Immer mehr Spinnen brachten ihn gemeinsam in Bedrängnis. Ein Hieb traf seine Flanke, als sie eine Sekunde ungeschützt war. 
Bohrender Schmerz durchzog seinen Körper und Archweyll musste einen Schrei unterdrücken. Den gönnte er ihr nicht. Sein Leid würde enden, hier und jetzt. Plötzlich kam ihm eine Idee. 
»Kampfanzug Level 1«, befahl er lautstark. Erfreut stellte er fest, das seine Rüstung reagierte. Zischend aktivierten sich die Schubwerke und beförderten den Kommandanten in die Höhe. Mit einem Aufschrei seiner geballten Wut schoss Archweyll auf den Granit thron zu. 
Doch die Frau war verschwunden. 
Zornig bohrte sich sein Schwert in den Fels und zertrümmerte ihn unter einem lauten Beben. »War es dir schon zu viel?!«, schrie Archweyll herausfordernd. Seine Wut verlieh ihm unmenschliche Kräfte. 
»Mitnichten«, die Stimme kam direkt von hinten.
Noch bevor Archweyll sich umdrehen konnte, spürte er, wie sich eine Klinge in seinen Rücken bohrte. Er spuckte Blut aus. 
Schmerz und Überraschung brachen gleichermaßen über ihn herein. Er spürte warme Flüssigkeit aus seinem Körper in den Anzug strömen. 
Verwundert drehte er sich um. Diese Stimme kam ihm bekannt vor.
Er blickte in Tamaras Antlitz. Ihre Augen waren weit aufgerissen und auf ihrem Mund bildete sich ein diabolisches Lachen. In ihren Händen hielt sie eine der beiden geschwungenen Doppelklingen, mit denen sie bevorzugt kämpfte. Röchelnd ging er auf die Knie.
»Tamara…«, keuchte er. 
»Du hättest mich haben können«, hauchte die Stoßtruppführerin. Ihr Kampfanzug war einem nackten Körper gewichen, der von violetten Ranken umschlungen wurde. »Ich hätte dir jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, als wäre es ein liebender Kuss.« Dann verzog sich ihr Blick zu einer Grimasse des Wahnsinns. Das Gesicht bildete Risse, wie eine Maske aus Ton, die zerschellte. Tamaras äußere Hülle fiel von ihr ab und offenbarte das nackte Fleisch darunter. Es war durchzogen von fauligen Mäulern, voller nadelspitzer Zähne, und blutunterlaufenen Augen. «Aber du hast dich dagegen entschieden!«, Tamara kreischte so laut, dass es Archweyll das Gehör zerriss. 
Der Kommandant bemerkte, wie sie die zweite Klinge, die noch nicht in seinem Körper verschwunden war, hervorholte, um ihm den Rest zugeben. 
Sie holte zum Streich aus, doch ein letztes Mal hielt sie inne, um zu sprechen. »Du wirst leiden, Archweyll. Dein Tod ist erst der Anfang.«
Das Schwert sauste auf ihn nieder. Gleich war es um ihn geschehen.
»Level 2, Panzerkette«, presste der Kommandant unter zusammengeknirschten Zähnen hervor. 
Der Dämon weitete vor Entsetzen seine unzähligen Augen, als der Kampfanzug sich vollständig transformierte. Ketten aus Titan schossen durch eine Schulterklappe auf die Klinge zu und umwickelten sie wie ein Tier, das in der Falle saß. Knirschend zerbrach das Schwert entzwei.
»Du bist nicht Tamara«, stöhnte Archweyll,während der Anzug ihm vollautomatisch auf die Beine verhalf und sich durch ausfahrende Hydraulikgelenke zu guten vier Metern Höhe aufbäumte.
Die Klinge in seinem Rücken wurde von einem Greifarm entfernt und die offene Wunde sofort sterilisiert. Der Schmerz der Desinfektion ließ den Kommandanten aufheulen. 
Zischend verankerten sich die Gelenke neu, ohne Rücksicht auf ihn zu nehmen. Pulsierende Pein schoss in Wogen durch seinen Körper, doch Archweyll riss sich zusammen. Er holte zum Schlag aus. Sirrend krachte die servobetriebene Panzerfaust in das Gesicht des Xulthaquep und schleuderte ihn mit seiner unbändigen Kraft durch die Luft. Archweyll setzte sofort nach. Weitere Ketten rasselten aus ihren Verankerungen und schlossen ihren eisernen Griff um den Dämon.
Kreischend versuchte sich der Xulthaquep zu befreien. 
Mit einem Ruck zog der Kommandant ihn zu sich, während er eine lange Klinge aus einem mechanischen Gelenk ausfuhr, die dem Verlauf seines gesamten Unterarms folgte. 
Die Wucht des Aufpralls trennte den Kopf des Dämonen von seinen Schultern. Xulthaqueps waren niederträchtige Kreaturen, die ihre Opfer mit Visionen folterten, bis sie wahnsinnig wurden, aber im direkten Kampf waren sie unterlegen, so schien es Archweyll. 
Ein Gefühl der Erlösung überkam ihn, als die Halluzination sich langsam auflöste. Er hatte dieses psychische Duell für sich entschieden und den Dämon vertrieben. 
Aber der Xulthaquep war immer noch am Leben und stellte eine Gefahr dar. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich erholt hatte und sie erneut angreifen würde. Sie mussten ihn finden und unschädlich machen. 
Allmählich erkannte Archweyll wieder die Umrisse des Korridors, in dem sie vorher noch verharrt hatten. Ihm wurde schwindelig, als er erkannte, dass er gepflastert mit den Leichen seiner Männer war. Zu Dutzenden lagen sie leblos am Boden, badeten in ihrem eigenen Blut. 
»Was zur Hölle ist hier passiert?«, keuchte Archweyll ohnmächtig. 
»Der Xulthaquep ist tot. Du solltest mir danken. Zu schade, dass er dich nicht mit in sein Reich genommen hat, um dir diesen Anblick zu ersparen«, erwiderte eine Stimme aus dem Inneren der Kommandobrücke. 
»Howard«, spuckte der Kommandant aus. »Was ist hier passiert?« Mühsam erhob sich der Kommandant auf die Beine. 
»Ich würde sagen, große Ereignisse nehmen ihren Lauf«, verkündete Bering feierlich. Das Klacken seines Gehstabes hallte auf dem Boden wieder, wie ein treuer Freund, der ihm stets folgte. »Die Macht, die Eigenschaften von Atomstrukturen zu verändern, lasse ich mir doch nicht entgehen«, feixte der Chefmechaniker. Vor Archweyll machte er Halt, einen Induktionsrevolver in der Hand haltend. »Meine Männer laden die Server bereits ein. Mit ihnen wird es mir möglich sein, auf das Kollektiv der Dunklen Engel zuzugreifen und mir ihre Kräfte anzueignen. Und dann wird Prospecteus brennen. Die gesamte Föderation wird in Flammen aufgehen, Archweyll. Für das, was sie mir und meinen Brüder angetan hat.« Er deutete auf seine Tentakeln.
»Die Hände der Herrlichkeit sind hier?«, keuchte Archweyll entsetzt.
»Exakt. Auf meinen Geheiß. Ich habe das ganze hier jahrelang geplant. Habe die Pilzsporen verstreuen lassen, damit ihr Kollektiv zerbricht, eine Schwachstelle zulässt. Dass ein Dämon aufgetaucht ist, hat meine Chancen auf eine rasche Weiterentwicklung des Kollektivs nur umso zügiger beschleunigt. Hat mir wohl in die Karten gespielt. Eine gefälschte Auftragsmission, die eine Patrouille in die Leere befördert und das Löschen der Daten über die Atharymn waren eine Kleinigkeit.« Howard setzte das typische verschlagene Lächeln auf. 
»Was ist mit den anderen Soldaten?«, Archweyll merkte, dass ihm gegen seinen Willen die Tränen aufkamen. »Was ist mit Tamara?«
»Oh, keine Sorge. Sie sind in besten Händen. Und mein Pfand, um hier heile herauszukommen. Volker wird niemals schießen lassen, wenn eigene Männer an Bord sind. Das weißt du genauso gut, wie ich. Jetzt, da die Verzerrung deaktiviert ist, ist die Atharymn wieder kriegsbereit. Aber keine Sorge, ich werde mich ihrer noch schnell genug entledigen.« Howard lachte grausam. »Dich werde ich allerdings nicht mitnehmen. Ich brauche keine Hunde auf dem Deck.« Mit diesen Worten legte er den Revolver an und feuerte.

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