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Schlagwort: Kurzgeschichten

Die Bestellung des Generals (1/2)

„Was soll das heißen, keine Bestellung hinterlegt?“

Jeff zuckte zusammen und hob beschwichtigend die Arme. Sie standen kurz vor einer Katastrophe.

„Liebes, bitte beruhige dich!“

Ex-Generalin Shalyra Raschach-Albedo wandte sich von der kaugummikauenden Verkäuferin mit den fellbewachsenen Wangen ab und funkelte ihn mit ihrem verbleibenden Auge an. Die gefletschten Zähne und ihre wilde Mähne verliehen ihr das Aussehen eines harenarischen Sandwolfes.

Jeff schluckte und tat so, als wollte er die Angebote an der Wand bestaunen. Bunte Holodarstellungen der verkäuflichen Wesen säumten die Mauern der Tierhandlung. Beim Anblick des Angebots war Jeff froh, die Exemplare nicht wirklich vor sich zu haben.

Diese Tierhandlung war ihm zutiefst unheimlich. Selbst nach jahrhundertelanger Nachforschung war es dem Imperium nie gelungen, in die Tiefen der Taschendimension vorzudringen. Selbst die hochrangigsten Aristokraten bekamen nur diese Theke und die kaugummikauende Verkäuferin zu Gesicht, deren Herkunft ebenso wie die Beschaffenheit der Dimension vollkommen im Dunkeln lag. Jeff lief ein Schauer über den Rücken und vermied den Blickkontakt mit ihr. Auf den ersten Blick erschien sie ihm desinteressiert und unerfahren, doch auf den zweiten spürte er die unverhohlene Wachsamkeit, die in ihren Augen glomm.

Wie alt sie wohl ist? Selbst der erste Imperator hat schon von ihr berichtet …

Shalyra schien die Aura der Verkäuferin ebenso zu spüren, denn sie straffte sich und schluckte ihren Ärger mit sichtlicher Anstrengung hinunter. Dabei strich ihre behandschuhte Faust reflexartig über die Augenklappe. Die Geste betrübte Jeff ein wenig.

Die Heldin Shalyra Raschach-Albedo kann sich nicht einmal ein bionisches Auge leisten, schoss es ihm durch den Kopf, während er seine eigenen mechanischen Augen aktivierte und ihre Umgebung erneut scannte. Er konnte keine Gefahren erkennen und die Verkäuferin schien auch unbewaffnet zu sein. Jeff beruhigte sich und trat mit hämmerndem Herzen vor. Er wollte diesen unheimlichen Ort so schnell wie möglich verlassen.

Shalyra schien ebenfalls dieser Auffassung zu sein. „Der General hat uns angeheuert, um seine Bestellung abzuholen! Ist das hier nun eine Tierhandlung oder nicht?“

„Wenn Sie mir den Namen des Generals verraten, kann ich ihnen vielleicht weiterhelfen“, erwiderte die Verkäuferin quälend langsam. Ihre Stimme erinnerte Jeff an seine Zeit in der Assassinenakademie auf Mortis Sextus. Die Dozentin im Fach Tödliche Gifte hatte genauso geklungen.

„Das ist ja genau das Problem!“, stöhnte Shalyra. „Wir kommen im Auftrag des Maskierten! Des Maskierten, verstehen Sie? Niemand kennt seinen Namen!“

Wie in Zeitlupe wanderte eine Augenbraue der Verkäuferin nach oben und sie hielt einen Augenblick lang im Kauvorgang inne.

„Das Imperium unterhält Generäle, obwohl es ihre Identität nicht kennt?“ Nun klang sie sogar beinahe interessiert.

„Herrgott, ja!“, fluchte Shalyra und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Sie müssen ihn doch kennen!“

Die Verkäuferin zog einen Augenblick lang die Stirn kraus und schien angestrengt nachzudenken. Im nächsten Moment erklang das Schmatzgeräusch erneut und sie zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Shalyras Militärrüstung leuchtete rot auf und ihre Hand zuckte zu ihrer Magma F-7. Da Jeff schon oft gesehen hatte, was diese modifizierte Streitaxt anrichten konnte, trat er beschwichtigend zwischen Shalyra und den Tresen. Seit ihrer Entlassung aus dem Militärdienst war sie stets leicht reizbar.

„Shaly, Liebes“, sagte er sanft. „Wir haben doch die Rechnungsnummer, nicht? Das sollte gehen!“

Shalyra sah ihn verdutzt an. Endlich hellte sich ihre Miene auf und sie baute sich triumphierend vor der Verkäuferin auf, deren Augenbraue erneut nach oben schwebte.

Dem Imperator sei Dank, dass sie ein fotografisches Gedächtnis hat.

Während Shalyra die sechzehnstellige Zahl aufsagte, atmete Jeff tief durch und beglückwünschte sich selbst zur Abwendung der Apokalypse. Zum wiederholten Male fragte er sich, warum er sich ausgerechnet eine krude Kriegerin wie die Generalin zur Kampfpartnerin genommen hatte. Eine ruhige Klassenkameradin von Mortis Sextus, die sich im Hintergrund hielt und stets wohlüberlegt handelte, passte besser zu ihm.

Wenn es denn so eine Klassenkameradin gegeben hätte, flüsterte eine hämische Stimme.

Jeff seufzte. Wem machte er etwas vor? Alle Schüler auf Mortis Sextus waren entweder traumatisierte Waisenkinder oder abgrundtief böse Sadisten.

Ich hätte nie Assassine werden sollen. In einem Bürojob auf einem Sternenkreuzer würde ich wenigstens normale Menschen kennenlernen.

Ein grässliches Quietschen riss ihn aus seinen Überlegungen. Die Verkäuferin öffnete in ihrer gewohnten Geschwindigkeit ein Fach unter dem Tresen und beförderte einen viel zu großen Käfig zu Tage, der mit einem Tuch verhängt war. Jeff starrte das Fach an. Er war sich vollkommen sicher, dass ein solches Objekt dort nicht hineinpassen würde.

Das hat man davon, wenn man in fremde Taschendimensionen einbricht, um illegale Aufträge zu erledigen …

Als die Verkäuferin diesmal sprach, klang ihre Stimme fest und nahezu scharf. Ihre Augen funkelten wie die Warnblinkanlage eines Passagierschiffs vor dem Absturz und ihr Schmatzen war vollständig verstummt.

„Dieses Wesen wird der Gefahrenstufe sieben zugeordnet. Hochtoxisch, intelligent, dazu telepathisch begabt und unsterblich. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir für Schäden in der Haltung nicht haften.“

Jeff verdrehte die Augen. Wen sollte der General schon verklagen, wenn der Betreiber der Tierhandlung dem Imperium unbekannt war?

„Ich werde das Tuch nun entfernen“, kündigte die Verkäuferin an und riss die Abdeckung mit einem Ruck herunter.

Jeff war noch nie sonderlich sportlich gewesen, doch in diesem Moment sprang er beinahe bis an die Zimmerdecke. Instinktiv schnellten seine Finger zu dem kleinen Toaster an seinem Gürtel. Entsetzen lähmte seine Glieder.

Was zur Hölle läuft beim General falsch, dass er sich so etwas ins Haus stellen will?

In dem vorsintflutlichen Käfig hockte ein Mischwesen, dessen Unterleib dem einer haarigen Riesenspinne glich. Acht fadenverklebte Beine trippelten aufgeregt umher, während aus winzigen Körperöffnungen stetig Gift tropfte. Wie betäubt nahm Jeff einen kleinen Abfluss wahr, in dem die Flüssigkeit träge verschwand.

Er hob den Blick in Erwartung eines monsterhaften Gesichts und erkannte einen Eulenkopf, der nahtlos in den arachnoiden Körper überging. Zwei kluge Augen taxierten ihn. Auf dem Schnabel saß eine altmodische Brille.

„Ich grüße Sie, meine Käufer“, sagte der Eulenkopf. Die Spinnenbeine hielten in ihrer steten Bewegung inne. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“

Jeff kämpfte das Verlangen aufzuschreien krampfhaft nieder. Er hatte zwar bereits von genmanipulierten sprechenden Tieren in imperialen Geheimlabors gehört, von Chimären war jedoch nie die Rede gewesen.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Wesen sogar Eulenflügel besaß.

„Dies ist Doktor Arachno Medicus“, stellte die Verkäuferin vor. „Er hat vor zweiundfünfzig Jahren an einer außerdimensionalen Universität molekulare Biochemie und Trizellulargenetik studiert. Wollen Sie einen Behälter oder wohnen Sie in der Nähe?“

Die folgende Stille wurde nur vom erneuten Trippeln der Spinnenbeine durchbrochen. Jeff wechselte unwillkürlich einen verwirrten Blick mit Shalyra, die ihn mit offenem Mund anstarrte. Die Ereignisse überstiegen ihren Horizont.

„Arachmed für meine Freunde“, fügte der Eulenkopf der Erklärung der Verkäuferin hinzu.

Jeff war noch immer stockstarr, als Shalyra sich räusperte.

„Einen Behälter, bitte.“

Kauend verstaute die Verkäuferin den Doktor in einer großen Plastikbox mit durchsichtigen Scheiben und reichte ihnen den Henkel. In derselben Bewegung legte sie vor sich ein Blatt Papier auf den Tresen.

„Wir brauchen noch Ihre Unterschrift, dass Sie die Bestellung entgegengenommen haben. Rufen Sie bei Problemen einfach an oder hinterlassen Sie eine Nachricht. Umtausch ist ausgeschlossen.“

Shalyra erteilte Jeff mit dem Kinn den Befehl und er nickte. Hastig setzte er seine Unterschrift unter einen langen Text, der so klein gedruckt war, dass er nicht einen einzigen Buchstaben entziffern konnte. Er verwendete sein Pseudonym, falls die Behörden hinter ihre ungenehmigte Operation kamen. Dann folgte er seiner Partnerin aus der Tierhandlung.

 

„Ihr Gefährt hat durchaus Stil“, bemerkte der schaurige Doktor, als sie die Box auf der Rakshasa verluden.

Jeff senkte beschämt den Blick, während Shalyras Auge tödliche Strahlen auszusenden schien. Sie waren nur zwei einfache Söldner in einer gewaltigen Galaxis. Das einzige vorgesehene Teil an ihrem Raumschiff bildete der Überlichtantrieb.

Die Rakshasa hatten sie vor zwei Monaten auf Harenaria gekauft. Ihr bärtiger Besitzer war Hobbymechaniker und baute sie einst aus den Überresten eines uralten Speeders und eines Abfangjägers zusammen. Daher wirkte das Schiff wie eine Seeschlange mit abgehacktem Schwanz, deren Kopf auf die doppelte Größe angeschwollen war.

Außerdem stinkt es drin nach Sandwölfen, die Sitzbezüge sind verschlissen, das Cockpit wirkt wie aus einem Vorkriegs-Holofilm und im Laderaum könnte man nicht einmal eine Packung Haschaschiri verstecken.

Jeff hätte die Liste der unliebsamen Merkmale noch lange fortsetzen können, wenn Shalyra ihm nicht mit einem ihrer Todesblicke bedeutet hätte, sich anzuschnallen. Die Ex-Generalin saß vor dem Steuer, Jeff nahm den Kopilotensitz und hoffte, keines der blinkenden Lämpchen auf dem Armaturenbrett beachten zu müssen. Ihr Schiff war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Mit der Box zwischen ihnen startete Shalyra das Schiff. Die Triebwerke ächzten und husteten, als hätte Jeff sie mit seinem Lieblingsmesser vergiftet und wie immer musste Shalyra ein zweites Mal den Startknopf bedienen, bis die Rakshasa endlich abhob. Jeff wandte sich kurz um und sah aus dem hinteren Fenster. Langsam verschwand das Portal zur Tierhandlung aus ihrem Blickfeld.

Ich frage mich, wieso der General dieses unbewachte Portal kennt. Alle Zugänge unterliegen doch strengster Geheimhaltung … Die Frage erlosch, so schnell sie gekommen war. Er hatte bereits früh gelernt, dass man das Fragenstellen in seinem Gewerbe besser Menschen mit Todessehnsucht überließ.

„Ein Wüstenplanet!“, kommentierte der Doktor. Seine Stimme drang klar und deutlich durch die Luftlöcher. Jeff fragte sich unwillkürlich, wie er aus seiner Position durch die Fenster blicken konnte. „Wie faszinierend! Ist dies das berühmte Harenaria?“

„Ja.“ Shalyra war offenkundig nicht in der Stimmung für ein Gespräch.

„Sie sind Generalin Shalyra Raschach-Albedo, richtig?“

Jeff starrte den Doktor erstaunt an. Shalyras Miene verhärtete sich, doch sie hielt sich unter Kontrolle.

„Ehemals.“

„Ich habe schon von Ihnen gehört. Waren Sie nicht eine Kriegsheldin, die die Rebellen von Harenaria besiegte?“

„Ja.“

„Dabei hielt man sie während Ihrer Gefangenschaft hier schon für tot …“

Das Schiff vollführte einen Schlenker, als Shalyra das Steuer verriss. Die Konstruktion knirschte, wie um zu protestieren. Furcht überkam Jeff und seine Hände krallten sich krampfhaft in die verschlissene Sitzlehne.

„Das ist etwas, worüber meine Partnerin nicht gerne spricht, Doktor“, sagte er mit gezwungener Höflichkeit, ohne das Zittern ganz aus seiner Stimme verbannen zu können.

„Aber trotzdem sind Sie hierher zurückgekehrt“, stellte Arachmed ungerührt fest. „Sie wollen wohl Rache üben?“

Kurz herrschte Stille im Cockpit. Einen Augenblick lang meinte Jeff, Shalyra würde nach ihrer Axt greifen und den Doktor zu Asche verbrennen, doch es verkrampften sich nur ihre Finger. Ihre Arme zitterten.

„Ich kann mich an die Zeit meiner Gefangenschaft nicht mehr erinnern“, erwiderte sie knapp.

Jeff warf ihr einen überraschten Blick zu. Über dieses Kapitel ihres Lebens sprach Shalyra für gewöhnlich mit niemandem.

Mit niemandem außer mir.

„Ich verstehe“, murmelte Arachmed. „Sie wollen Nachforschungen anstellen.“

Unvermittelt ruckte sein Eulenkopf herum und musterte Jeff. Die Spinnenbeine trippelten erneut wild herum.

„Und wer sind Sie, mein junger Freund? Dieses merkwürdige Gerät an ihrer Hüfte kenne ich nicht.“

Natürlich erwähnte der Doktor zunächst den kleinen Toaster. Jeffs Gesichtszüge und Aussehen waren dermaßen durchschnittlich, dass sie im Gegensatz zu Shalyra keinerlei Gesprächsstoff boten.

Stolz klopfte er auf sacht auf das Gerät. Die polierte Oberfläche glitzerte im Licht des Wüstenmondes.

„Das ist eine uralte Vorrichtung, mit der Eingeborene im sternenlosen Zeitalter Brotscheiben erhitzten“, erklärte er. „Ein altes Familienerbstück.“

Eine Augenbraue der Eule wanderte nach oben. „Nur ein Erbstück?“

„Nur ein Erbstück.“ Er wollte lieber nicht näher auf die Funktionsweise des Geräts eingehen. Er hatte es schon vor langer Zeit umgebaut und zweckentfremdet. Auch wenn der Doktor scheinbar nur als Haustier dienen sollte, wollte er ihm nicht zu viel verraten.

„Bevor Sie weitere Fragen stellen“, sagte auf einmal Shalyra. „würde mich interessieren, wer Sie eigentlich sind. Wieso darf ein Haustier studieren?“

Als hätte sie ein verfluchtes Wort ausgesprochen, begannen die Spinnenbeine erneut wild zu trippeln. Sorgenvoll sah Jeff, dass Gifttropfen die durchsichtigen Wände des Behälters benetzten.

„Eine solche Bezeichnung weise ich entschieden von mir!“, entgegnete Arachmed bestimmt. „Ich bin ein intelligentes Wesen, ein Forscher und Mann größter Kultur! Wissen Sie, was ich in meinem langen Leben bereits erfunden habe? Trizellulare Genmanipulation für Bipedie, des weiteren Genduplikation und diverse Möglichkeiten zur Heilung von Erbkrankheiten sowie …“

Shalyra würgte ihn mit einer wüsten Geste ab. „Können Sie auch Wörter benutzen, die man versteht?“

„Können Sie Ihre Nase in ein Buch stecken, anstatt Sandwölfe zu jagen?“

O, verdammt. Er kennt den Geruch.

Sorgenvoll blickte Jeff seine Partnerin an. Shalyra starrte die Box an und steuerte das Schiff blind über die weitläufige Wüste. Dann breitete sich mit einem Mal ein Grinsen auf ihrem Gesicht auf und sie lachte. Jeffs Kinnlade fiel nach unten. Er hatte sie noch nie lachen gehört.

„Der Punkt geht an Sie, Doktor!“, erwiderte Shalyra und wandte sich wieder der mehrfach ausgebesserten Windschutzscheibe zu.

„Ein Sieg ist nur so viel wert wie seine Rezeption“, zitierte Arachmed.

Jeff zog seine Stirn kraus. „Ist das von De Libro?“

Arachmed gab ein Geräusch von sich, das sich am ehesten noch als das erstickte Lachen eines Ertrinkenden interpretieren ließ. „Ihr Begleiter ist scheinbar ein Mann von Kultur, Generalin.“

Shalyra verdrehte die Augen. „Erinnern Sie mich nicht daran.“

Dennoch lächelte sie dabei. Jeff atmete erleichtert aus. Die Anspannung war überstanden.

„Wie weit ist es noch bis zum Treffpunkt?“, fragte er.

Shalyra warf einen Blick auf die Holokarte, die zwischen den leuchtenden Knöpfen glomm. Die Projektion sollte eigentlich dreidimensional sein, doch der Projektor war seit langem defekt und zeigte nur den Boden ohne jegliche Erhebungen an.

„Nur noch ein paar Minuten“, erwiderte sie und deutete mit dem Kinn nach vorn. „Man kann ihn schon sehen.“

Jeff starrte mit zusammengekniffenen Augen angestrengt durch die Windschutzscheibe. Erst jetzt erkannte er am Horizont einige unnatürliche Erhebungen, die er zuvor für weitere Dünen gehalten hatte. Gewellte Dächer bogen sich über die Spitzen gewaltiger Turmbauten, die im Sandmeer verschüttet lagen.

„Die Ruinen von Alt-Harenaria“, kommentierte Arachmed mit ernster Stimme.

Jeff blinzelte überrascht. „Wie können Sie sie sehen?“

Erneut löste sich ein lachendes Geräusch aus dem Eulenschnabel. „Das kann ich nicht, mein junger Freund. Aber wofür bin ich Telepath? Ich habe die Bilder in euren Köpfen gesehen.“

„Sie können Gedanken lesen?“, fragte Jeff entgeistert.

Die Miene des Doktors verhärtete sich. „Das ist eine äußert vulgäre und unpassende Bezeichnung für die überragende Komplexität dieser Praktik. Ich bin lediglich dazu in der Lage, starke Eindrücke durch eure Augen wahrzunehmen, das ist alles.“

Shalyra schwieg. Jeff bemerkte, wie sich ein harter Zug um ihre Mundwinkel bildete. In diesen Ruinen hatten sich die Rebellen verschanzt und sie gefangen gehalten.

Was auch immer sie mit ihr angestellt haben, niemand lebt mehr, um davon zu berichten …

Sie verfielen in unangenehmes Schweigen, bis Shalyra die Rakshasa überraschend sanft auf dem Sand zum Stehen brachte. Die Triebwerke übergaben sich ein letztes Mal, dann verstummte das rauchige Ächzen und Stöhnen. Jeff fragte sich, ob sie Harenaria mit diesem Schiff je wieder würden verlassen können.

„Bringen wir es hinter uns“, seufzte Jeff und löste seinen Sicherheitsgurt. „Wenn wir uns jetzt beeilen, haben wir vielleicht noch ein paar Stunden für die Erkundung.“

„Ihr wollt in ein Sperrgebiet einbrechen?“, fragte Arachmed überrascht. „Das kann der General doch wohl nicht dulden, oder?“

„Das war unsere Übereinkunft“, sagte Shalyra leise. Ihre verkrampften Hände umklammerten nach wie vor das Steuer. „Wir übernehmen Eure Eskorte, Doktor, und dürfen dafür eigene Nachforschungen anstellen.“

„Eine Nacht lang“, fügte Jeff hinzu und betrachtete den Sternenhimmel. „Bis zum ersten Sonnenstrahl haben wir noch Zeit.“

„Und Sie lassen sich darauf ein, mein junger Freund?“, fragte Arachmed an Jeff gewandt. „Ich ging immer davon aus, dass ein Söldner lediglich nach Geld und Reichtum giert.“

Jeff lächelte säuerlich. „Sie sollten Ihre Disposition noch einmal überdenken, Doktor.“

Ohne ein weiteres Wort nahm Shalyra die Box und kletterte aus dem Cockpit. Die Ladeluke öffnete sich unter sichtlicher Anstrengung und Jeff seufzte erleichtert, als sie endlich unbeschädigt den Boden berührte. Vorsichtig traten sie in die Nacht hinaus.

Sie befanden sich inmitten einer endlosen Ödnis aus Sand, die nur von den drei Turmspitzen vor ihnen unterbrochen wurde. Die kunstvoll gewellten Dächer reflektierten das silbrige Mondlicht und ließen Jeff einen Augenblicklang innehalten.

Könnte sich unter dem Sand eine vergessene Stadt verbergen? Vielleicht eine ganze Zivilisation? Er wagte einen schnellen Seitenblick auf Shalyra, die die Bauwerke mit unergründlicher Miene musterte. Kehrten ihre Erinnerungen bereits zurück?

Kurz entschlossen scannte Jeff ihre Umgebung mit seinen bionischen Augen. Zu seiner Überraschung waren die Türme abgeschirmt. Selbst sein kybernetischer Blick konnte nicht durch die Außenlegierung dringen.

Nach all der Zeit … ?

„Da kommen sie“, sagte Arachmed mit einem Mal. Jeff wandte sich um und entdeckte einige geisterhafte Schemen, die sich wachsam auf sie zubewegten. Scheinbar waren sie aus dem mittleren Turm gekommen.

„Doktor?“, sagte einer der Soldaten. Seine Stimme klang merkwürdig verzerrt. Er trug vermutlich eine Atemmaske.

Eine Atemmaske? Dabei herrscht doch kein Sandsturm.

„Ich bin hier“, sagte Arachmed vergnügt. „Ihr könnt sie jetzt ihrem Schöpfer vorstellen.“

Jeff besaß genügend Geisteskraft, um den Satz als weiteres Zitat von De Libro zu identifizieren, als Shalyra ihn bereits zur Seite stieß. Die Schemen hoben ihre Schusswaffen und Jeff sah grell leuchtende Feuerbälle durch die Nacht blitzen. Einer von ihnen durchschnitt die Luft knapp über seinem Kopf und versengte seine Haare.

Was zur Hölle?

Die Aneignung des Lebens

Ich könnte nun die Geschichte einer mutigen jungen Frau erzählen. Die Geschichte einer Frau, die sich entgegen aller Erwartungen unbegreiflichen Schrecknissen entgegenstemmt und letztlich mit wehenden Haaren aus den Fängen ihrer Häscher entkommt und auf dem Rücken eines Pferdes in die Nacht reitet. Das wäre eine finstere, dunkle Geschichte, aber sie hätte immerhin ein gutes Ende und einen sympathischen Hauptcharakter, der an den ihm auferlegten Prüfungen wächst.

Ich bedaure zutiefst, dass das Leben ein schlechter Autor ist.

Ich weiß nicht, warum ich die Begebenheiten hier aufschreibe. Meine Kerze ist beinahe heruntergebrannt und ich darf nicht annehmen, dass jemals irgendjemand diese vergilbten Pergamentseiten finden wird. Ich befinde mich tief unter der Erde in einem Raum ohne Fenster. Ich sitze auf dem einzigen Stuhl vor einem altertümlichen Schreibpult. Die einzige Tür ist fest verschlossen und ich werde sie niemals öffnen. Dieser Raum wird meine letzte Ruhestätte.

Ich habe mir immer gewünscht, vor meinem Tod etwas hinterlassen zu können. Doch ich hätte niemals vermutet, dass die Geschichte der Frau M. die letzte sein würde, die aus meinen Fingern fließt. Dennoch, ihr Gesicht, ihre Miene und ihr Name gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich will ihr meine letzten Stunden widmen.

Eigentlich wollte ich meinen Lebensabend in der Nähe des Schwarzen Buchs mit all seinen Versuchungen zubringen, doch es liegt unerreichbar weit entfernt in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit meines Lebens. Es ist auch nicht nötig, einen weiteren Blick hineinzuwerfen. Die süßen Lehren auf diesen Seiten werden bis auf alle Ewigkeit in meinen Gedanken widerhallen. Auch in diesem Moment höre ich das Flüstern der verbotenen Worte in meinem Gedächtnis. Ich will sie hier nicht aufschreiben, denn das Aussprechen dieser Silben könnte den Verstand eines leichtfertigen Abenteurers sprengen und ihn bis an sein Lebensende zu einem zitternden Nervenbündel verdammen.

Als ich M. zum ersten Mal sah, saß ich tagsüber in einem Restaurant in einem Einkaufszentrum. Damals genoss ich ein Leben, das zur einen Hälfte aus eintönigem Arbeitsalltag und zur anderen aus dem Reiz nächtlicher Geheimnisse bestand, die in regelmäßigen Abständen einen bestimmten Tribut forderten. In diesem Einkaufszentrum befand ich mich auf Pirsch, hinter einer Zeitung und einer dampfenden Tasse Kaffee verborgen, und behielt alle möglichen Kandidaten im Auge. Ich tat dies nicht zum ersten Mal und hätte es unter Gewissheit auch nicht zum letzten Mal getan, wenn das Schicksal mich nun nicht zu diesem einsamen Tod unter der Erde verdammen würde.

Die Kriterien einer geeigneten Person sind mannigfaltig und doch dermaßen simpel, das ein perfekter Tribut auf den ersten Blick erkannt werden kann. Als ich M. sah, wusste ich, dass meine Suche zu Ende war.

Wie sollte ich sie beschreiben? Wenn ich sie vorher als Frau bezeichnet habe, so war das gnädiger Selbstschutz. M. war ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das vor Lebenslust geradezu übersprühte. Sie besuchte das Restaurant an diesem Tag mit einigen Schulfreunden und wirkte geradezu wie eine elektrisierende Laterne reinsten Lichts zwischen den übrigen Jugendlichen. Sie trug lockere, bunte Kleidung, die ihre physischen Vorzüge auf sehr unschickliche Art und Weise hervorhob, dazu ein kleines Täschchen, in dem sie wohl ihr Handy und ihre Geldbörse aufbewahrte. Auf ihrem Kopf saß ein weißer Sommerhut, der mit den rabenschwarzen Haaren kontrastierte. Doch am meisten bannten mich ihre Augen – diese saphirblauen, schimmernden Augen! Das Leben schien geradezu aus ihnen herauszufließen wie klares Wasser aus einer Gebirgsquelle.

Als Apostel des einzig Wahren haben wir stets das Leben gesucht, denn es zerfloss uns zwischen den Fingern. Jeden Monat erinnert mich mein schwacher Körper an meine eigene Unwürdigkeit. Der Gott des Schwarzen Buches tauscht Leben gegen Leben, aber er ist unersättlich und unerbittlich.

Ich beschattete M. eine Zeitlang und schlich mich sogar in der Verkleidung eines Installateurs in ihre Schule. Allein die bloße Nähe zu ihr ließ mein Herz höher schlagen. Kein Zweifel, sie war die Person unserer Träume. Als ich in einer Pause ihr Lachen hörte, wählte ich die Nummer des Abts.

»Gut«, sagte er nur. Er sprach wie üblich mit dunkler, rasselnder Stimme und erinnerte mich dabei, dass auch seine Kräfte mit jedem Atemzug schwanden.

Die folgenden drei Nächte verbrachte ich nie im Bett. Gemeinsam mit meinen Brüdern beschattete ich M. und kundschaftete ihr Zuhause – ein schöner, weiß gestrichener Bungalow mit großer Glasfassade – aus. Unsere Sehnsucht einte uns auf unseren Beobachtungsposten. Wir alle wurden von dem Verlangen nach ihrem Licht verzehrt.

Zwei Nächte später war der große Augenblick gekommen. Wir alle boten einen schrecklichen Anblick und verhüllten unsere Mienen mit den dunklen Kapuzen, um nicht unsere bleichen, ausgemergelten Gesichter mit den hervortretenden Augäpfeln voller Gier und Mordlust sehen zu müssen. Die schwarzen Kutten streiften über den Boden und alarmierten den Vater, der uns auf dem Gang überraschte. Nach einem kurzen Handgemenge und einem erstickten Schrei erklang nur noch das Tropfen des Bluts auf den Stufen.

Es gab auch noch eine Mutter und einen Bruder, doch beide interessierten uns wenig. Selbst Bruder Malach, der eine große Liebe für Knaben hegt, war völlig auf unsere Auserwählte fixiert.

M. erwachte erst, als wir sie in ihrem Bett schon gefesselt und geknebelt hatten. Den Ausdruck des übermächtigen Entsetzens in ihren saphirblauen Augen werde ich niemals vergessen. In dem Moment, als sie sich aufbäumte und gegen die Ketten wehrte, spürten wir alle unsere Kräfte zurückehren.

Unentdeckt verließen wir das Haus und brachten M. mit dem Lastwagen einer Metzgerei (einer von uns besaß einen Schlachthof und ein Geschäft) ins Verlies. Auf dem Altar entkleideten wir sie zunächst, bevor wir die Ketten befestigten.

M. war völlig starr vor Schreck und schien bereits jegliche Gegenwehr aufgegeben zu haben. Erst während des Rituals kehrte ihre Energie zurück.

Der Abt las mit seiner wie üblich sonoren Stimme aus dem Schwarzen Buch, während wir unsere Rollen ausfüllten. Ms Schreie umschmeichelten unsere Ohren wie Wasser die Kehle eines Verdurstenden und erzeugten mit dem Geräusch klirrender Ketten, gegen die sie sich stemmte, ein blasphemisches Orchester. Kurz vor dem Höhepunkt flehte sie mich um Gnade an, während ihre saphirblauen Augen sich beinahe in die Höhlen drehten und das freudvolle Licht der Iris brach. Ihre Worte erfreuten mich besonders und wärmten mein Herz. Zum Dank erwies ich ihr besonders viel Zärtlichkeit.

Unsere Kräfte wuchsen und wuchsen. Meine Haut straffte sich, meine Hände gewannen ihre alte Kraft und Gewandtheit und mein Atem ging leicht, ohne zu rasseln. Es geschah zu diesem Zeitpunkt, dass der Herr des Schwarzen Buchs unter uns wandelte.

Wir nahmen ihn nur als schattenhafte Figur wahr, deren Oberfläche sich kontinuierlich verwandelte. Wie lebendiger Rauch zeigten sich in seiner Körperform verschiedenste Umrisse. Ich glaubte, die Gesichter vergangener Tribute darin zu sehen, während Bruder Malach verzückt den Namen eines verstorbenen Knaben rief.

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles auf gewohnte Art und Weise. Jedoch begannen nun aus völlig unerfindlichen Gründen Zweifel in mir zu sprießen. Sie kamen nicht in Form von Worten oder vernünftigen Gedanken, sondern in Form von Bildern, die ich längst vergessen glaubte. Da erkannte ich mit einem Mal, woran mich M. wirklich erinnerte und warum ich mich so zu ihr hingezogen fühlte. Entferntes Kinderlachen drang in jenem Moment an meine Ohren. Beinahe glaubte ich, eine kleine Hand zwischen meinen Fingern zu spüren.

Ich kann mich nur noch schemenhaft an das Folgende erinnern. Meine sanften Zweifel lösten eine Kakophonie des Grauens aus, als es an mir lag, Ms Blut dem Herrn darzubieten. Grässliches Geschrei ertönte und einen Augenblick lang hüllte mich ein dunkles Meer aus wutverzerrten Gesichtern ein. Schattenhafte Hände griffen nach mir und meinen Brüdern und im nächsten Augenblick hörte ich ein seltsames Geräusch aus der Kehle des Abts, so als ob eine gewaltige Menge Körperflüssigkeit unter Zwang durch eine viel zu enge Öffnung nach außen gedrückt werden würde. Die anderen Brüder erlitten ähnliche Schicksale.

Blind vor Panik eilte ich davon. Ich fand eine Tür und stieß sie hinter mir zu. Ehe ich mich versah, wurde sie von außen abgesperrt. Ich zog und zerrte an dem Schloss herum, doch es erklang nur schauriges Gelächter.

Ich bin hier eingesperrt und dazu verdammt, elend zu verdursten. Der Herr des Schwarzen Buchs mag mich beim Ritual verschont haben, doch das war kein Akt der Gnade. Er lauert im Verborgenen und sieht mir zu, sieht mir dabei zu, wie meine Schrift immer fahriger und mein Atem immer unregelmäßiger wird. Immer wenn der Kerzenschein flackert, vermeine ich in der Dunkelheit seine schattenhafte Gestalt zu erkennen, aber immer nur aus den Augenwinkeln, sodass ich nie Gewissheit haben kann.

Mir fehlt die Kraft, mich gegen das Schicksal aufzulehnen. Ich besaß nie die nötige Kraft dazu. Als das Schwarze Buch mir auf meine brennenden Fragen blasphemische Antworten bot, ließ ich mich nur allzu gern davon führen. Wie hätte ich sonst auch in dieser grausamen Welt überleben sollen? Nur das Schwarze Buch konnte mir die nötige Kraft verleihen.

Doch es ist noch nicht vorbei. Ich höre etwas auf der anderen Seite der Tür – ein Klirren von Ketten. M. ist vielleicht noch am Leben. Wenn sie mich befreit, könnte ich Vergebung erbitten …

 

Anmerkung von Damian von Liebgard

Meinen Quellen nach zu urteilen wurde dieses Schreiben vor einigen Jahren in einem alten Verlies unterhalb der Rabengruft-Villa in Krähenberg gefunden. Daneben lag die Leiche eines erwachsenen Mannes, mit stacheligen Ketten umschlungen. Außerdem fand man die blutigen Kleider eines jungen Mädchens – ein rosarotes T-Shirt und eine kurze Hose. Auffallend war zudem ein steinerner Altar mit geschwärzter Oberfläche.

Bei der männlichen Leiche handelt es sich um den Bürger Hans S. Die Überreste seiner Ordensbrüder konnten wir nicht finden. Hans S. war auch der einzige Bürger Krähenbergs, der an jenem Tag den Tod fand. Könnten die Ordensbrüder aus einer anderen Stadt stammen?

Die Archive verraten auch nichts von einem Einbruch, einem Mord oder einer Entführung in sämtlichen Städten der Umgebung zu diesem Zeitpunkt.

Wie weit sind die Ordensbrüder gefahren? Was hat sich in dieser Nacht tatsächlich ereignet?

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