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Schlagwort: kurze Geschichte

SGZ-Woche 16 Was für ein Lauf!

Der Läufer nimmt souverän eine Hürde nach der anderen. Sieben Patzer gehen bisher auf sein Konto, doch er liegt gut in der Zeit, sehr gut. Wird er das letzte Hindernis meistern? Das Publikum hält den Atem an, wagt noch nicht zu klatschen, um den Sportler nicht in seiner Konzentration zu stören.
Jetzt setzt er zum Sprung an, herrlich glänzen seine Muskeln in der Sonne, und ja – das war es, das war es, das war das letzte Hindernis! Es bleibt stehen ohne einen einzigen Wackler. Schon hat er die Ziellinie überquert und es gilt nur noch, auszulaufen.
Ingo S. Anders gewinnt den Lauf der hundert Geschichten! Tosender Applaus bricht los, man versteht die Durchsagen der Lautsprecher nicht mehr. Erschöpft nimmt der umjubelte Läufer Danksagungen entgegen. Gönnen wir ihm ein paar Minuten, bevor wir ihn zu einem Interview bitten.
(Werbespot.)
(Musik.)
(Werbespot.)
»Glückwunsch zum ersten Platz! Herr Anders, was hat Sie zu diesem Lauf motiviert?«
»Ich weiß nicht, ich muss eine Wette verloren haben.« (Keucht.)
»Was für eine Wette?«
»Spaß! Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich es kann.« (Lächelt.)
»Welche Bedeutung messen Sie persönlich den Hindernissen bei, die Sie nicht genommen haben?«
»Warum fragen Sie mich nach den 7 Hindernissen, die gefallen sind, und nicht nach den 93, die stehen geblieben sind?« (Zieht die Stirn kraus.)
»Haben Sie mit dieser riesigen medialen Aufmerksamkeit gerechnet?«
»Nein, auf gar keinen Fall.« (Zwinkert.)
»Welche Pläne haben Sie als Nächstes?«
»Ausruhen. Duschen. Mich vor eine Glotze werfen.« (Grinst.)
»Herr Anders, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 15 Sieben mal sieben

»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte er leise.
»Gehen Sie von meinem Kind weg!«, rief die Mutter des Dreijährigen dem etwa zehn Mal so alten Mann zu.
»Nur spielen!«, gab der zurück.
»Na, Sie sind doch sicher drei mal sieben Jahre alt! Da ist das nichts mehr für Sie, im Sandkasten zu spielen. Schon gar nicht mit meinem Sohn!«
»Hören Sie, junge Frau«, sagte ein weißhaariger Mann auf der Bank neben ihr, »mein Sohn ist 34 Jahre alt und hat dasselbe Recht, im Sandkasten zu spielen wie Ihrer!«
»Hat er nicht! Der Spielplatz ist nur für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre zugelassen.«
»Das bezieht sich auf die Spielgeräte, aufgrund des Gewichts. Ich habe mich bei der Stadt erkundigt. Und im Übrigen habe ich eine Sondergenehmigung für Jakob aufgrund seiner Behinderung.«
»Was für eine Behinderung? Ich sehe keine.«
»Sie sehen einen erwachsenen Mann auf dem Spielplatz im Sand sitzend in aller Seelenruhe sieben und Ihnen fällt nichts daran auf?«
»Na ja, in seinem Alter würde ich eher erwarten, dass er dort mit eigenen Kindern sitzt und diese spielen lässt.«
»Woher wissen Sie, dass Ihr Sohn sich jedes Jahr weiterentwickeln wird?«
»Na malen Sie den Teufel nicht an die Wand!«
»Das tue ich nicht. Das tun Sie.«
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte Jakob und lächelte glücklich.

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SGZ-Woche 14 Sie ist eine Hexe!

Sie waren besessen davon, die angebliche Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Jedes Mittel war ihnen recht. Die heiligen Männer zogen ihre Zähne, verbrannten ihre Haut, brachen ihre Knochen. Die Rothaarige blieb standhaft.
»Du hast einen Zaubertrank gebraut und am Tag darauf ist des Müllers Sohn am Fieber gestorben. Leugne nicht!«
»Einen Scheiß hab ich!« Martha spuckte Blut aus. »Tötet mich doch, wenn ihr wollt! Niemals werde ich eure Lügen wiederholen!«
Ja, das Kind war gestorben. Aber sie hatte es nicht angefasst. Nicht einmal, um ihm zu helfen. Sie wusste, was passieren konnte. Neulich erst hatten sie die Elsbeth verhört, weil sie einem Alten Salbe aufgetragen hatte, um sein Leiden zu lindern. Die Schuld an seinem Tod gab man ihr und sie hatte unter der Folter gestanden. Dabei waren es nur harmlose Kräuter gewesen und der Mann schon lange krank.
Martha litt so starke Schmerzen wie noch nie in ihrem Leben und hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Elsbeth hatten sie ertränkt, um ihren Glauben zu prüfen. Ihr würde der Scheiterhaufen blühen, wenn sie kein Geständnis erfand.
»Der Abt selbst hat gesehen, wie du Zauber gewirkt hast, Hexe!«
Der Kirchenobere hatte sie grob vergewaltigt, als sie ihm nicht für Geld zu Willen sein wollte. Sie hatte sich danach gereinigt und einen Sud aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Kräutern bereitet. Hätte sie das nicht getan, wäre das Sitzen auf dem Spanischen Pferd jetzt weitaus peinvoller.
Sie starrte den Folterknecht finster an, wich seinem Blick nicht aus.
»Du bist des Teufels!«, geiferte der Mönch.
»Ich bin eine ehrbare Frau. Wenn einer besessen ist, dann du.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 13 LEUCHTTURM (Ohne Titel)

Seit fünf Jahren bin ich jetzt Leuchtturmwärterin. Anders als meine Kollegen halte ich mich an das Verbot, Touristen hineinzulassen. Ich mag sie auch nicht, diese umhertrampelnden Massen. Ich liebe das Meer und im Winter habe ich es für mich allein.
Mein Mann hat die Einsamkeit nicht ausgehalten. Er ist mit unserer Tochter in die Stadt gezogen. Ausgerechnet in die Hauptstadt. Als gebe es keine kleineren. Das ist typisch für ihn.
In meinem Leuchtturm habe ich nicht viel zu tun. Es ist ja nicht mehr wie früher, alles läuft computergestützt. Ich bin nur da, um die Maschinen am Leben zu erhalten. Ab und zu ein Kontrollgang zwischen Kabeln und Metall und fertig.
Von außen sieht der Turm noch romantisch aus wie eh und je. Wenn ich der Typ dafür wäre, könnte ich hier Gemüse anbauen und Hühner und Ziegen halten. Lieber lasse ich einmal die Woche aus dem Supermarkt liefern.
Ob es unbedingt Australien hat sein müssen, weiß ich nicht. Für mich ist ein Leuchtturm wie der andere. Weit weg von anderen Menschen.

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SGZ-Woche 12 Brühwarme Drabbles

(Wer keine Lust auf meinen Gedankensalat hat, überscrollt den kursiv markierten Text.)
Die Minuten rasen dahin, während die Zeilen, die ich schreibe, eher kriechen. Zu oft verwerfe ich erdachte Richtungen, in die die Geschichte gehen könnte, schreibe Sätze nicht, führe sie anders fort.
Wäre ich jetzt wirklich in Eile aufgrund eines anstehenden Termins, könnte ich das jetzt als »fertig« erklären und einfach nicht weiterschreiben. Aber ist ein Dreizeiler eine Geschichte? Nein, nicht wirklich. Selbst für ein Drabble fehlen mir noch einige Wörter, denn das muss aus exakt hundert Wörtern bestehen.
Reicht überhaupt eine reine Innenschau, ohne, dass etwas passiert? Gleich wird etwas passieren, dann stehe ich auf und gehe spazieren. Ende Geschichte.

Drabble fertig, aber richtig, richtig schlecht. Wenn man jetzt nur den ersten Abschnitt zählt. Und mit Rasen oder rasen hat der Text auch nur entfernt zu tun. Wie man merkt, bin ich wirklich im Schreibfluss und rotze jeden Mist raus.
Mal überlegen, ob mir noch was Gescheites einfällt.
»Hach, ist die Wiese schön grün.« Kennt ihr den? Loriot. Klassiker. Muss man gesehen haben. Meine Drabbles muss man nicht gelesen haben. Vielleicht sind sie so scheiße, dass sie schon wieder geil sind. Aber das steht mir nicht zu, zu beurteilen. Das muss das Publikum entscheiden. Noch vier Wörter. Ende.

Mal sehen, wie viele Drabbles ich schaffe. Rasen. Auf Rasen konzentrieren. Rasen nennt man auch Wiese. Auf eine Wiese kann man sich legen. Eine schöne Wiese mit Gänseblümchen. Ohne Hundekacke bitte. Mit Picknickdecke und Love Interest. Picknick mit Hund ist lustig. Der benimmt sich dann wie eine Katze und läuft über den »Tisch«, schnüffelt hier und da, klaut die Wurst und so. Es sei denn, der ist gut erzogen. Dann benimmt der sich natürlich einwandfrei. Gell. Das tun sie doch alle. Vor allem die, die nur spielen wollen. Ich könnte also eine Geschichte über ein Picknick auf dem Rasen schreiben.

Gute Idee. Picknick auf dem kurz geschorenen Rasen im Vorgarten eines feindlich gesinnten Nachbarn gefällt mir noch besser. Das bietet mehr Konfliktpotenzial als der Hund, aber der kann gern bleiben. Hunde sind drollig.
Der Nachbar also. Ich hab so eine Postkarte mit zwei Farmern, die mit Schrotflinten bewaffnet sind und richtig übel dreinschauen. Ich weiß den Spruch dazu nicht mehr, verdammt. Der war richtig gut, der Spruch. »Der Nachbar bleibt immer«, oder so. Könnte man ja auch als Titel nehmen für eine Geschichte. Dann hätte ich mal wieder eine mit Titel. Aber stört wohl die wenigsten meiner Leser, ihr Fehlen.

Paar mit Hund picknickt auf dem ondulierten Vorgartenrasen des griesgrämigen Nachbarn, der eben noch mit der Nagelschere die Rasenkanten begradigt hat. Oder so. Ja, das wird lustig. Und dann laufen lassen.
Sie trägt ein rosa Kleid und weißen Sommerhut, er blaues Hemd und Jeans. Zu kitschig. Er trägt Anzug. Echt, und dann auf die Wiese? Wenn er selbst in der Nachbarschaft wohnt, holt er sich doch bestimmt zu Hause was bequemeres. Badesachen? Nee, zu nackelig. Kleid und T-Shirt, vielleicht Muscle-Shirt zu Jeans. Kurze Jeans.
Fünftes Drabble übrigens. Ich brauche also fünf Sechstel Schrott im Kopf für eine Story, die funzt.

Amanda setzte sich vorsichtig auf die Picknickdecke, die Jim auf dem frisch ondulierten Rasen platziert hatte. Sie achtete darauf, ihr hübsches rosafarbenes Kleid nicht zu versauen, denn ein grünes Freestyle-Muster würde nicht dazu passen.
Jim kniete vor ihr und entkorkte gerade den Champagner. Würde er sie heute fragen? Aber doch nicht in Muscle-Shirt und Jeans-Shorts? Obwohl, zum Anbeißen sah er schon aus, wie er ihr lachend die Schüssel mit den Erdbeeren reichte, damit sie sich bedienen konnte.
Hoffentlich war der alte Griesgram von nebenan heute nicht da oder im Keller mit seiner Modelleisenbahn beschäftigt.
»Was fällt Ihnen ein?! Verschwinden Sie hier!«

»Herr Patzke, immer mit der Ruhe«, versuchte Jim, zu beschwichtigen. »Sie wissen doch, wir haben keinen eigenen Garten.«
»Das ist mir doch egal! Runter von meinem Grundstück!« Er trat einen Schritt näher. »Oder muss ich Ihnen Beine machen?«
»Nein, schon gut«, sagte Amanda und raffte ihr Kleid zusammen, um aufzustehen.
»Bleib sitzen, Schatz. Ich kläre das.« Er drückte ihr die Flasche in die Hand.
Der Alte bückte sich und zerrte an einer Ecke der Decke, woraufhin klirrend das Geschirr zusammenstieß.
»Herr Patzke, ich bitte Sie. Was ist es, dass Sie wollen?«
»Sind Sie schwerhörig?« Er wurde lauter. »Verpissen Sie sich von meinem Grundstück!«

»Schatz, wirklich, wir sollten gehen, Jim.« Sie begann, all ihre Habseligkeiten einzupacken.
»Amanda …«
»Wir gehen, bevor er noch die Polizei holt oder Schlimmeres passiert.«
Jim versuchte es ein letztes Mal. »Herr Patzke, wenn wir Ihnen etwas anbieten können …«
»Weg hier! Sofort!«
Amanda erhob sich, klappte den Picknickkorb zu und begann, die Decke zusammenzufalten. »Jim, hilf mir bitte mal.«
»So hab ich mir den Tag wirklich nicht vorgestellt.«
»Das macht nichts. Es ist ja nicht unsere Goldene Hochzeit oder so etwas.«
Er grinste.
»Es war einfach eine dumme Idee, hierherzukommen. Entschuldigen Sie bitte, Herr Patzke.«

Okay, das waren jetzt, meinem Anspruchsdenken nach keine richtigen Drabbles, weil ein Drabble ja eine Geschichte in exakt hundert Wörtern sein sollte und nicht irgendwelcher Text. Aber zum Messen des Verhältnisses von gedanklichem Ausschuss und brauchbarem Text ist das schon echt praktisch. Mittlerweile bin ich bei einem Verhältnis von fünf zu drei angekommen, also drei Achtel sind brauchbarer Text.
Jetzt versuche ich noch, das ganze in ein einziges Drabble zu stopfen. Zeit habe ich nicht mehr viel, aber das beflügelt mich geradezu. Was kann ich jetzt weglassen und was ist wirklich wichtig für die Story? Nicht ganz einfach. Mal sehen.

Um Amanda einen Heiratsantrag zu machen, hatte Jim sie zu einem Picknick mit Erdbeeren und Champagner eingeladen. Sie hatten es sich gerade gemütlich gemacht, da kam Fiesling Patzke von nebenan, auf dessen Rasen sie saßen und wollte sie verjagen.
»Runter von meinem Grundstück!«
Jim versuchte, mit dem alten Herrn zu reden und zu einer diplomatischen Lösung für sie alle zu finden. Vielleicht hätten sie ihm einen Gefallen tun können oder er wäre an Geld interessiert? Doch keine Chance.
Amanda hatte gleich erkannt, dass es nur die Möglichkeit gab, rasch alles einzupacken und von hier wieder zu verschwinden.
Auf gute Nachbarschaft!

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SGZ-Woche 11 FUNKEN (Ohne Titel)

Feuer prasselte im Kamin, Funken stoben, als Vater die Scheite neu schichtete und Maximilian erfasste ein nie gekanntes Gefühl. Er streckte die Hände nach den Flammen aus, wollte ihnen nahe sein. Kaum spürte er die Hitze, hielt ihn seine Mutter zurück.
»Nein! Das ist zu gefährlich«, sagte sie.

Sobald Max erwachsen war, hielt seine Mutter ihn nicht mehr auf.
Die Frauen, mit denen er sich gelegentlich einließ, konnte er nur vor dem offenen Kamin befriedigen. In Gedanken umhüllte das Feuer sie, tränten ihre Augen vom beißenden Qualm, hörte er ihre angsterfüllten Schreie.
Er wollte nie wirklich jemandem schaden. Angezündet hatte er nur alte Schuppen und auch mal eine Lagerhalle.
Vom Geruch verkohlten Fleisches wurde ihm übel. Das wusste er von Experimenten in der Küche. Auf Grillfeiern mit anderen ließ er sich nicht mehr blicken, seit aufgefallen war, dass er den ganzen Abend ins Feuer starrte und die anwesenden Frauen – auch die Männer – keines Blickes würdigte.

Im Grunde seines Herzens war Max unglücklich. Als Teenager wäre er, wie alle anderen, gerne gewesen wie alle anderen. Als junger Mann verlangte er, so akzeptiert zu werden, wie er war. Mit Mitte dreißig hatte er den Wahnwitz dieser Idee erkannt. Es blieb ihm nur, sein Verlangen so langsam zu steigern, wie nur irgend möglich. Er onanierte Abend für Abend vor dem Kamin und fühlte sich doch unbefriedigt.

Zu seinem Vierzigsten machte er sich ein besonders Geschenk: Er trat bei der Freiwilligen Feuerwehr ein. Zu seiner Überraschung rückten sie nur höchst selten zu Bränden aus. Es blieben ihm in verlässlicher Regelmäßigkeit die Übungen.
Anders als die meisten, die davon träumten, eine Frau zu retten, die sich in sie verlieben sollte, wünschte Max sich eine Partnerin an seiner Seite, die ebenso dem Feuer ergeben war.
Er fand sie in Tina, einer Feuerwehrfrau. Gemeinsam loteten sie die Grenzen ihrer Fantasien neu aus.
Bei einem ihrer Abenteuer kamen sie in den Flammen um. Die Decke der Scheune, in der sie sich liebten, stürzte früher ein als von ihnen erwartet.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 10 KELLERFENSTER (Ohne Titel)

Durch das Kellerfenster sehe ich einen Streifen Mondlicht hereinscheinen. Ich wollte, ich würde hindurchpassen, dann wäre meine Gefangenschaft hier zu Ende.
Um mich abzulenken und auch zu beschäftigen, schreibe und schreibe ich, bis mir die Sehnenscheiden brennen. Wenn es soweit ist, komme ich wieder ins Nachdenken. Darüber, wie ich hier hereingeraten bin.
Ich nahm an einem Wettbewerb teil. Einzureichen waren Exposé und Leseprobe, dazu eine Vita. Ich nahm all meinen Mut zusammen und reichte ein frisch erdachtes Projekt ein, von dem es erst zwölf Seiten gab. Das war eigentlich aus Jux und Dollerei, weil ich mir selbst eine Deadline setzen wollte, indem ich mir vorstellte, meine Geschichte würde ausgewählt und man wolle drei Monate später mein Gesamtmanuskript sehen.
Tja. Dass es wirklich so kommen würde, daran hätte ich nie geglaubt.
Ich konnte dann natürlich nicht liefern, als der Termin verstrichen war. Man setzte mir eine Nachfrist. Einmal, zweimal. Dann lud man mich freundlich, aber bestimmt, zu einem »Schreibcamp« ein. Dort seien viele aufstrebende Autoren wie ich, mit denen ich mich austauschen könne.
Von wegen. Wir sind alle in Einzelkerkern untergebracht. Es gibt nicht mal Internet, nur einen hauseigenen Rechercheserver. Man Handy haben sie mir auch weggenommen. Ich habe eine Eieruhr, mit der ich mir zu Schreibsprints die Zeit stoppen kann. Das heißt, ich hatte – ich warf sie während der ersten Tage in einem Wutanfall an die Wand. Mittlerweile tut es mir leid, denn ich hätte sie gut brauchen können.
Zu trinken gibt es hier ausreichend, Essen geht so, nur das Bett knarzt erbärmlich, sodass ich nachts aufwache, wenn ich mich umdrehe. Das soll der Kreativität förderlich sein. Schlechter Schlaf befördert die Fantasie. Lassen Sie das nur keinen Maniker hören.
Ich bin froh, dass sie uns das Tageslicht gelassen haben, auch wenn es nur spärlich durch das Kellerfenster dringt. Doch so weiß ich wenigstens, wann Tag und Nacht ist. Ich bin Herr über meine Zeit, die hier vergeht. So weiß ich, dass ich schon seit 193 Tagen hier unten hocke. Es fehlt nicht mehr viel. Nur ein gutes Ende.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 9 Die Unglücks-Diät

Da hatte Ella sich vielleicht etwas aufgehalst. Zehn Kilo abspecken bis zum nächsten Klassentreffen. Eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Ein eigentlich realistisches Ziel und zwei Kilo hatte sie auch schon geschafft, nur dass schon zehn Monate rum waren. Zwei Monate also noch und noch acht Kilo zu viel auf den Rippen.
Warum musste sie auch immer den Mund so weit aufreißen? Wem wollte sie damit etwas beweisen? Jörg liebte sie so, wie sie war. In den letzten Monaten hatte sie sich in ein zuckergieriges Monster verwandelt, dass für ein Stück Schokolade hätte töten können. Und das für diesen lächerlichen Erfolg. Dieser ständige Verzicht machte sie noch wahnsinnig.
Kohlenhydrate waren tabu. Zu viel Fett war tabu. Junkfood war tabu. Bei fast jedem Bissen hatte sie ein schlechtes Gewissen.
Wie sollte sie nur in zwei Monaten acht Kilo loswerden? Vier Kilo pro Monat!
Das Schlimmste war, dass Jörg dieselbe Diät mitmachte und schon zwölf Kilo abgenommen hatte. Er strahlte aus jeder Pore und strotzte nur so vor Tatendrang. Er ging sogar wieder ins Fitnessstudio.
Jörg umschlang sie von hinten mit seinen Armen. »Einen Penny für deine Gedanken, Ella.«
»So billig kommst du mir nicht davon!« Sie machte sich los und verschränkte die Arme.
»Was habe ich dir denn getan, Chérie?« Aus seinen kastanienbraunen Augen sah er sie an.
Sie hasste sich zwar selbst am meisten, aber er war im Augenblick der einzige, an dem sie es rauslassen konnte, seit sie sich nicht mehr mit Süßigkeiten ruhigstellte. »Du bist mir einfach zu dünn geworden, Mann!«
»Aber du wolltest doch …«
»Ja, wollte ich.« Sie schluckte. »Ich wollte nicht alleine leiden.« Sie rührte einen dieser widerlichen Eiweißshakes an, von denen sie nur Dünnpfiff und miese Laune bekam. »Es ist für mich schwer zu ertragen, dass du ständig nur gute Laune hast, und mir geht es so beschissen.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Aber Ella, freust du dich denn gar nicht für mich?«
Natürlich sollte sie sich für ihn freuen, aber sie konnte einfach nicht. Sie hatte an gar nichts mehr Freude. Erst recht nicht an der verdammten Bewegung!
»Natürlich freue ich mich«, log sie. Mit Tränen in den Augen stapfte sie auf dem Trampolin herum.
»Ach, Chérie, komm mal her.« Jörg breitete die Arme aus.
Sie reagierte nicht, walkte verbissen weiter.
»Komm sofort da runter, Ella! Ich meine es ernst. Sieh dich doch mal an!«
Sie begann zu hüpfen.
»Jetzt reicht es mir!« Er hob sie vom Trampolin und stellte sie auf dem Fußboden ab, hielt sie fest in seinen Armen. »Hör zu, Ella. Wir müssen die Diät abbrechen. Das geht so nicht.«
»Und wenn es die nächsten acht Wochen nur noch Kohlsuppe gibt? Dann schaffe ich es bestimmt!«
»Du machst dir viel zu viel Druck.«
»Aber was sollen denn die Mädels denken? Die halten mich doch für eine Versagerin!«
»Nein, das tun sie bestimmt nicht. Die einzige, die das denkt, bist du.«

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SGZ-Woche 8 ENGEL (Ohne Titel)

Save the date: Heiligabend ist dieses Jahr am 24.12.!
Unter einem Engel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine stocksteife Gestalt, die einer besseren Klorolle ähnelte, beklebt mit rauen Fasern. Das sollte angeblich das beste Stück von all unserem Weihnachtsschmuck sein und ausgerechnet diese Hässlichkeit sollte nun oben auf unserem Baum thronen, nur weil sie noch von Muttern (also meiner Großmutter) stammt? Hat sie dieses Ding im Alter von fünf Jahren gebastelt?
Wir haben doch so schöne rot, golden und silbern glänzende Kugeln. Dazu passt dieser Bastelunfall von Flatterviech doch gar nicht.

So dachte ich damals. Und heute denke ich, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie anders die Zeit war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – und schon gar meine Großeltern. Woher auch?
Heute wäre es ein Leichtes, ein »Opa erzählt von Corona«-Vlog anzulegen, damit die noch nicht geborenen Enkel sich das später, nicht mehr live, aber in Farbe, anschauen können. Da kann man die Masken in die Kamera halten und die Vorzüge der verschiedenen Modelle erklären. Man kann dies und das verlinken. Das macht es sicher anschaulicher. So bekommt man auch einen Eindruck von dem Menschen, der Opa war, bevor er Opa wurde.
Meine Oma hat gern vom Krieg erzählt. Da starben Menschen (also nix gewaltfrei), suchten vor den Bomben Zuflucht in den Kellern (Oma und Opa hatten noch einen eigenen Bunker im Keller), zitterten dort vor Angst und sie als Säuglingskrankenschwester musste zeitweise auswählen, wem noch geholfen werden kann und wem nicht mehr. Triage. Das, wovor heute allen graut. Das zeigt nur, wie lange das nicht mehr notwendig war.
Die Weltkriege waren sicher die für meine Oma prägendste Zeit und die jetzige dürfte es für unsere Kinder und Jugendlichen sowie junge Erwachsene sein. Eigentlich für uns alle, aber die älteren Semester werden dieses frisch gepackte Säcklein nicht mehr so weit in die kommenden Generationen tragen, denke ich.

Sollte also das diesjährige Weihnachtsfest so stattfinden dürfen wie vor 2020, dann besorge ich mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum und bastel eigenhändig aus einer nackten Klorolle einen Engel, der dann ganz oben thronen darf.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 7 PRESSE (Ohne Titel)

Um ihn herum war alles dunkel. Es roch nach Benzin, Öl und Leder. Er klopfte und trat gegen die Wände seines Gefängnisses und rief nach Leibeskräften um Hilfe. Vergeblich.
Vermutlich hatte er auf eine der Fragen eine falsche Antwort gegeben und sie hatten ihn in einen Kofferraum gesteckt. Dabei war er nur ehrlich gewesen!
Er hörte das tiefe Brummen großer Maschinen und etwas, da sich mit Quietschen näherte. Als es zuschlug, kreischte Metall und ein Beben erschütterte das Auto, in dem er gefangen war. Nun ging es aufwärts, als ob er in einem Aufzug nach oben führe.
»Nein! Tut mir das nicht an! Ich flehe euch an!« Seine Blase entleerte sich.
Das Auto fiel, er stieß mit dem Kopf hart an. Das Brummen war jetzt ohrenbetäubend und das kreischende Metall allgegenwärtig. Er bat um Vergebung für seine Sünden.
Mehrere Knochen waren gebrochen und der Druck auf seine Lunge nahm immer mehr zu, da platzte ihm endlich der Schädel.

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SGZ-Woche 6 In Erwartung

Der Arzt war unter einem Vorwand hergebeten worden. Stephanie Woodbrocks hatte dem Boten nicht gesagt, was genau der medizinische Notfall sei.
»Seht euch Nala an!«
Das Hausmädchen verbarg ihren Leib seit Wochen in weiten Kleidern und ließ sich nur blicken, wenn zwingend nötig.
»Seit wann bist du in Erwartung?«, herrschte die Hausherrin sie an.
»Verzeihung, Miss Stephanie.« Offenbar verstand das junge Ding gar nicht, was in ihrem Körper vorging.
»Wer hat dich bestiegen, Nala?«, wollte Miss Woodbrocks wissen.
Beschämt blickte das Mädchen zu Boden, wagte keinen der Herren zu benennen.
»Doktor, können Sie es wegmachen?«
Er verstand nicht gleich. »Ich soll die Schwangerschaft beenden?«
»Ja. Ich dulde keinen Bastard in diesem Haus«, erklärte Stephanie Woodbrocks.
»Ich weiß nicht.« Der junge Arzt drehte seinen Hut in der Hand. »Dieses Verfahren ist noch sehr neu und nicht ungefährlich für die Patientin. Sind Sie sicher, dass Sie das Kind nicht in einem Waisenhaus abgeben wollen? Wenn es so weit ist, meine ich.«
»Ich bin sicher, Herr Doktor. Sonst hätte ich Sie nicht rufen lassen. Wenn Sie dann bitte anfangen wollen.«
Mit angstvoll aufgerissenen Augen hielt das Hausmädchen sich den Bauch. Die Frucht war fast ausgereift. Der Gynäkologe beschloss, ihr noch etwas Zeit zu schenken.
»Ich muss um Verzeihung bitten, Miss Woodbrocks. Ich benötige spezielle Instrumente und einen Assistenten.«
»Es sind genügend Knechte, die Ihnen assistieren können, Herr Doktor.«
»Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, Miss Woodbrocks, aber ich habe einen Assistenten, der geschult ist auf den Umgang mit Äther. Ich erwarte ihn in den nächsten Tagen von einer Bildungsreise zurück. Es wird nicht ohne ihn gehen.«
»Äther für ein Hausmädchen!«
»Ich kann nicht in Ruhe arbeiten, wenn sie sich in Schmerzen windet. Womöglich verletze ich lebenswichtige Gefäße und sie verblutet mir auf dem Tisch.«
»Und seis drum! Darüber hätte sie nachdenken sollen, bevor sie sich bespringen lässt!«
»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.« Damit zog der Arzt sich zurück.

Vier Tage später kam Nala nieder und brachte einen gesunden Jungen zur Welt. Schweren Herzens trennte sie sich von ihm, um ihn in die Obhut des örtlichen Krankenhauses zu entlassen.

21 Jahre später sprach ein junger Arzt beim Anwesen der Woodbrocks vor …

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SGZ-Woche 5 Der Perlentaucher

In unserem Dorf lebten die meisten von dem, was sie in ihren Netzen und Reusen fanden. Unsere Familie züchtete Muscheln, seit mein Urgroßvater einmal eine Perle gefunden hatte, die ihn reich gemacht hatte. Mein Vater züchtete sie. Dafür gab es schon mehr als für die Muscheln alleine. Doch das richtige Geld gab es für echte Perlen, also suchten meine Brüder und ich danach.
Wir tauchten mit nichts als dem Messer zwischen den Zähnen ins Dunkel hinab. Ich hatte schon die ein oder andere Auseinandersetzung mit einem Hai hinter mir, da traute ich eines Tages meinen Augen nicht: Ich sah eine fußballgroße Perle in einer Muschel, so groß wie eine Badewanne. Das hört sich nicht nur ungeheuerlich an, das war auch ein Ungeheuer. Dieses Ding konnte ich natürlich nicht mal eben in die Hand nehmen und ihm das Prachtexemplar entreißen.
Ich sah mich um, so gut ich da unten etwas erkennen konnte. Das Auto! Hier ganz in der Nähe lag das Wrack eines Pkw, das vor einigen Jahren von einer Klippe gestürzt war. Vielleicht fand ich dort irgendeinen Hebel, den ich anstelle meines Messers einsetzen konnte. Ich tauchte auf, um Luft zu holen, und fand dann im Kofferraum einen Wagenheber. Versorgt mit frischer Luft schwamm ich zurück zur Muschel.
Mein Versuch, sie zu öffnen, schlug fehl. Doch nicht nur das: Das Biest schnappte nach mir und ehe ich mich versah, war ich in ihr gefangen. Jetzt machte sich bezahlt, dass ich von klein auf nach Muscheln tauchte und länger die Luft anhalten konnte als die meisten anderen Männer im Dorf.
Das Einzige, das mir geblieben war, waren das Messer und der Wagenheber. In meiner Verzweiflung fing ich an, diesen einzusetzen, als wolle ich einen Reifen wechseln. Offensichtlich war genau das der richtige Weg, denn die Muschel gab nach.
Mit meinem Messer trennte ich die Perle heraus, befreite mich aus dem Monster und schaffte es unter Darbietung all meiner verbleibenden Kräfte, aufzutauchen und die rettenden Atemzüge zu tätigen.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Mir persönlich hat “Anfänge” (SGZ 28)  besser gefallen, aber das hier ist der Publikumsliebling. ;

SGZ-Woche 4 STURMSCHÄDEN (Ohne Titel)

Wir hatten nicht mehr viel, als wir von zu Hause fortmussten. Nur das, was wir tragen konnten. Mein Spielzeugauto durfte ich mitnehmen.
Wir trugen unsere Habseligkeiten, bis wir in eine große Zeltstadt kamen. Dort war der Boden matschig von den Schritten so vieler Menschen. Uns wurden Schlafstätten zugeteilt und es gab Plumpsklos, die furchtbar stanken, weshalb manche dennoch in die Büsche gingen. Die Männer sowieso. Abends, wenn sie getrunken hatten, umso häufiger.
Ein wenig abseits des Lagers floss ein Bach, in dem wir uns wuschen und aus dem wir unser Trinkwasser holten.

Dann kam der Sturm.
Der Himmel wurde schwarz, als wäre es der letzte Tag. Wind heulte auf und verwandelte sich in ein Tosen, in dem das Prasseln des Regens unterging. Es schüttete so heftig, dass unsere Füße nass wurden. Das dachten wir, bis jemand rief, der Bach sei über die Ufer getreten.
Jetzt liefen wir um unser Leben, nur mit dem, was wir am Leib trugen. Wir fanden eine Anhöhe, auf der wir sicher waren, bevor die Flut uns von den Füßen reißen konnte.

Uns blieb nichts, bis auf Vatis Brieftasche mit den Pässen, Mutters wertvolle Kette und mein Spielzeugauto. Doch das wurde erst später wichtig.
Wir hatten jetzt kein Trinkwasser mehr, weil das Wasser jetzt überall stand und der Bach nicht mehr sauber war. Damit kamen die Krankheiten. Wir alle schissen uns die Seele aus dem Leib und bangten erneut um unser Leben.
Meine Mutter verlor diesen Kampf. Mein Vater zerbrach daran, da er sich die Schuld gab. Ich danke beiden für ihre Opfer, die mir eine bessere Zukunft ermöglichten.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 3 Ein runder Sarg

»Ich will einen runden Sarg!«
»Opa, bitte!«
»Meine Beerdigung muss etwas Besonderes sein. Ich will einen runden Sarg!«
»Bitte entschuldigen Sie, das Alter …«
»Ach, das ist kein Problem. Es gibt durchaus Särge, die an den Ecken abgerundet sind. Die sind geflochten, wie Körbe.«
»Ich will einen runden Sarg! Kreisrund!«
»Opa!«
»Meinen Sie vielleicht eine Urne? Da haben wir hier verschiedene hübsche Modelle …«
»Nein, keine Urne! Einen Sarg! Kreisrund!«
»Wie wäre es denn stattdessen mit einem runden Grabstein? Der Sarg kommt doch sowieso unter die Erde.«
»Ich will einen runden Sarg!«
»Ich meine ja nur …«
»Tja, der Opa …«
»Also es tut mir leid, Herr …?«
»Miesbach. Anton Miesbach.«
»Und das ist Herr Miesbach Senior, nehme ich an?«
»Ja, ganz recht.«
»Herr Miesbach, es tut mir leid, kreisrunde Särge haben wir nun wirklich nicht. Da müssen Sie sich wohl noch ein wenig gedulden.«
»Ich bin 102 Jahre alt. 102!«
»Oh, ich gratuliere.«
»Und was ist das hier? Das ist doch kreisrund!«
»Das ist ein Blumengesteck. Interessieren Sie sich für Trauerkränze, Herr Miesbach?«
»Ja, kreisrund!«
»Die sind fast immer ringförmig, also kreisrund, wenn Sie so wollen. Soll ich Ihnen eins einpacken, ja? Welches hätten Sie denn gerne?«
»Kreisrund!«
»Herr Miesbach, nun sagen Sie doch auch mal was.«
»Opa, ich glaube, das dort wäre ganz nett für den Karl-Heinz. Mit der blauen Schleife. Ein ehemaliger Schulfreund meines Großvaters ist gestorben, müssen Sie wissen. Schreiben Sie einfach: ›Dein Freund Hans‹, dann weiß die Familie Bescheid.«
»Möchten Sie auch unseren Särge-Katalog mitnehmen?«
»Nein, danke. Opa will seebestattet werden.«
»Also doch kein Sarg?«
»Bei jeder Beerdigung kaufen wir den Kranz woanders und ich lasse ihm die Freude.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 2 Autoren und Protagonisten unter sich

»Warum muss eigentlich jede scheißverdammte Geschichte ein Happy End haben?« Fiete zerknüllte seinen letzten Entwurf.
»Muss sie nicht«, sagte August, der Mälzer. »Wenn du mich am Ende opfern willst, dann tu das eben.« Er deutete eine Verneigung an, wie sie eher zu einem Japaner aus einem Jackie-Chan-Film gepasst hätte.
»Aber du bist doch meine Hauptfigur!« Fiete kritzelte August Japaner? auf seinen Notizblock. »Welche Aussage mache ich denn damit? Den strahlenden Helden kann ich nicht einfach so sterben lassen, das muss auch einen Sinn ergeben.«
»Dann eben Happy End, wie du willst.«
»Will ich nicht!« Fiete raufte sich die Haare. »Der Leser soll das Buch noch lange in Erinnerung behalten.«
»Das geht auch mit Happy End.« Der Mälzer schaute ins Mahlwerk.
»He, da passt was nicht!« Fiete strich Mälzer und ersetzte es durch Müller.
»Augustus, der Müller. Das ist mir auch lieber als Bier zu brauen. Alkohol ist nicht so meins. Daran gehen viele Familien zugrunde.«
Fiete notierte Alkohol!.
Neugierig sah Fietes Protagonist auf die unsortierten Notizen des Autors. »Hast du es mal mit einem Mind Map versucht?«
»Klappe, August!«
»Ich mein ja nur.« Er zuckte mit den Schultern.
»Du fällst gleich ins Mahlwerk!«
»Das ist ein schönes, blutiges Ende. Damit bin ich einverstanden.«
»Ich frag dich aber gar nicht.«
»Und warum falle ich da rein? Einfach so, aus Versehen? Ist es ein Unfall? Oder ein Mordkomplott?«
August verschlug es die Sprache. »So, nun ist Ruhe.«

August, der Müller, war nicht gut angesehen im Dorf. Die Menschen waren auf ihn angewiesen, weil sie Mehl brauchten. Deshalb wahrten sie den Schein und taten freundlich, doch ihnen gefiel nicht, wie er mit Frau und Tochter umging und auch der Sohn musste regelmäßig grundlos Prügel einstecken. Hermann war ein guter Junge von gerade vierzehn Jahren, als es passierte.
Irgendwie musste August ins Mahlwerk gestürzt sein. Alles war rot von Blut und das Mehl nicht zu gebrauchen. Niemand verstand, warum der Alte nicht gebrüllt hatte wie ein Schwein. Der junge Müller musste alles sorgfältig reinigen, bevor er Mehl herstellen konnte.
Neun Monate später gebar Hermanns unverheiratete Schwester ein Kind. Welch eine Schande! Auf die Fragen, wer denn der Vater sei, schwieg sie beharrlich. Das konnte ja nur August gewesen sein.
Das Kind trug an versteckter Stelle dasselbe Muttermal wie seine Großmutter.

Fiete zerknüllte auch diesen Entwurf. SHOW DONT TELL schrieb er auf das nächste Blatt und umkreiste es mehrmals.
Happy End?

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 1 GEDÄCHTNIS (ohne Titel)

Ein lieber Freund von mir – genau genommen mein Trauzeuge oder eigentlich der meiner besseren Hälfte, meine Trauzeugin ist verstorben – hat mir heute eine SMS geschickt. Er hat an mich gedacht. Ich habe ihm ein frohes Neues gewünscht – ist ja erst der zehnte, da geht das noch – und mir fällt auf, dass ich sehr lange nicht an ihn gedacht habe. Nicht mal zum Jahreswechsel.
Ich weiß nicht, wann er Geburtstag hat, und habe mir auch seinen Hochzeitstag – wir waren damals, ich weiß schon gar nicht mehr wann, auch bei seiner Hochzeit dabei – nicht gemerkt. Wenn das nur mein Gedächtnis wäre. Ich meine, so was kann man sich doch aufschreiben. Mache ich aber nicht. Weil ich mich dann drum kümmern müsste. Kontakt aufnehmen, halten, pflegen. Liegt mir nicht. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass mir lieber wäre, wenn Leute auf mich zukommen – am liebsten ist mir, ich bin für mich allein.
Natürlich nicht so ganz allein wie jetzt gerade beim Schreiben, ich besuche schon gerne meine Gruppen. Singen und Autorenstammtische. Da muss ich auch nicht dran denken, das findet regelmäßig statt und steht im Kalender. Ich hab einen Kalender für unterwegs und einen an der Wand und nachdem ich es zweimal aufgeschrieben hab, hab ich es meistens auch im Kopf.
Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Vom Kniffeln mit meiner ungeduldigen Ergotherapeutin habe ich bereits erzählt. Neulich habe ich etwas beim Verlassen der Wohnung vergessen – was, das habe ich vergessen – und bin schnell noch einmal hinein, um es zu holen. Ich weiß nicht, ob ich daran gedacht habe, das Fenster in meinem Schreibatelier zu schließen.

Ob meiner einmal gedacht werden wird, wenn ich nicht mehr bin? Höchst unwahrscheinlich. Dazu müsste ich schon Außergewöhnliches schreiben und da gehört ein Selbstmitleidsepos über Konzentrationsstörungen sicher nicht dazu.
Zu einem Leben als Schriftsteller gehören auch Tage, an denen ich nur Mist schreibe. Relativen Mist vielleicht. Nicht unbedingt solchen, auf dem ein Hahn kräht.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

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