„Untersteht euch!“, rief die Heldin, die die Welt gerettet hatte. „Wehe, ihr rührt mich auch nur a…“ Ihr Protest versank in einem hysterischen Lachanfall, als die Kleinen sich auf sie stürzten und unter Freudenschreien kitzelten. Die Menschenmasse wurde von einem Berg aus Kissen verschlungen, der lautlos in sich zusammenfiel.

Ich saß hilflos neben dem Sofa und wusste nicht recht, was ich tun sollte. Während Tiphareth Sefer Qadmon sich der unzähligen kleinen Händchen zu erwehren versuchte, kratzte ich mich verlegen am Hinterkopf und musterte diskret das digitale Kaminfeuer. Das warmherzige Knistern ließ mich wohlig erschauern. Ein Blick aus dem Fenster des großen Hauses verriet mir, dass es immer noch schneite. In der Ferne zeichneten sich die weißen Gipfel der Alpen ab. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob die Wärme im Wohnzimmer von der Heizung oder von dem sanft glühenden, kreuzförmigen Breitschwert an der Wand kam.

Tiphareths Kreischen nahm beängstigende Ausmaße an und endete erst, als neben mir ein lauter Gongschlag ertönte. Ich zuckte zusammen. In Windeseile standen die Kinder artig und mit gesenkten Köpfen vor Binah Sefer Qadmon, Tiphareths bester Freundin. Sie war die Köchin in der Villa Paradiso und trug eine lange Schürze. Einzig ihre blau glühenden Augen verrieten ihre Herkunft.

„Was soll das werden?“, knurrte sie wütend. Ich wandte den Blick ab. Obwohl meine Kindheit schon Jahre zurücklag, fühlte ich mich wieder in unangenehme Situationen zurückversetzt – damals, vor der Eklipse.

„Entschuldigung, Tante Nah“, erwiderten die Kinder im Chor.

Binah verdrehte die Augen und warf ihr rostbraunes Haar zurück. Mit einem Wink bedeutete sie den Kindern, mitzukommen. „Wenn ihr so viel Energie habt, könnt ihr mir beim Kochen helfen. Heute Abend gibt es Schnitzel!“

Ich musste mich noch immer daran gewöhnen, dass ein außerirdischer Erzengel fünf Jahre nach der Eklipse seine Zeit damit verbrachte, für Waisenkinder Schnitzel zu klopfen.

Die Botschaft löste triumphierendes Jubelgeschrei aus. Binah bedachte mich mit einem entschuldigenden Blick, während sie die aufgeregten Kinder aus dem behaglichen Wohnzimmer führte. Das Geschrei wurde leiser, als die Tür hinter ihnen zufiel. Ich atmete erleichtert auf und sank kaum merklich auf meinem Stuhl zurück.

Mir reichten bereits Amelie und Jonas. Beim Gedanken, so viele Kinder erziehen zu müssen, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Neugierig ließ ich meinen Blick über die braun gestrichenen Wände schweifen. Wie viele Einrichtungsgegenstände hatte die Rasselbande wohl schon zerstört?

Meine Überlegungen endeten, als sich Tiphareth keuchend aufrappelte. Ihr feuerrotes Haar hing ihr wirr ins Gesicht und verdeckte die rubinfarbenen Augen, deren mattes Leuchten meine Blicke schon die ganze Zeit über auf sich zog. Ungeschickt zupfte sie an ihrem Pullover herum. Ich zwang mich wegzusehen, als ihr Rock kurz mehr als üblich offenbarte.

Dann stand Tiphareth auf. Kein Geräusch ertönte, als ihre nackten Füße den dicken Wollteppich berührten. Sie lachte verlegen.

„Entschuldigung!“, rief sie. „Destiny und Viktor haben letzte Woche herausgefunden, dass ich kitzelig bin und seitdem …“ Sie räusperte sich vielsagend und versuchte, ein seriöses Gesicht aufzusetzen. Der Anblick brachte mich zum Schmunzeln.

„Darf ich diesen … Vorfall in meinen Artikel aufnehmen, Frau Qadmon?“

Sie winkte ab. „Tiph reicht. Und mach dir keine Gedanken. Solange du unseren Standort nicht verrätst, kannst du alles detailgetreu wiedergeben. Ich weiß schließlich, dass ich dir vertrauen kann, David.“

Ich sah sie überrascht an. Ich hatte mich noch nicht vorgestellt.

„Sie kennen meinen Namen?“

Tiph hob drohend einen Zeigefinger. „Offenbar. Und duzt du mich? Bitte?“

Ich schluckte. Ich hatte sie mir anders vorgestellt.

„Wenn es Ih- … dir Freude macht.“

Tiph nickte zufrieden und kuschelte sich auf das gemütliche Sofa. Ich musterte sie unsicher, bis sie eine einladende Bewegung machte und mir zunickte.

„Komm schon, dein Stuhl ist steinhart. Ich sage Nah schon seit Ewigkeiten, dass wir ihn entsorgen müssen.“

„Ist schon in Ordnung.“

Tiph hob eine Augenbraue. „Glaub ich dir nicht.“

Ich seufzte und erhob mich mit einem Stöhnen. Seit Jahren verfolgten mich nun schon Schmerzen im Rücken. Harte Stühle und Bänke waren dabei nicht hilfreich. Ich seufzte erleichtert, als ich mich neben Tiph niederließ. Ein wohliger Schauer wogte über meine Haut. In ihrer Nähe war die Luft wärmer.

„Chessed meinte, ich kann mich auf dich verlassen“, sagte sie erklärend. Ich nickte erleichtert. Chessed Sefer Qadmon war der dritte im Bunde. Er zeigte sich als einziger in der Öffentlichkeit. Ich war überrascht, dass er sich mein Gesicht offenbar gemerkt hatte.

„Also habe ich ihm dieses Interview zu verdanken“, murmelte ich.

Tiph nickte. „Binah war natürlich dagegen, aber Chessed versicherte uns hoch und heilig, dass dieses Gespräch deinem Seelenfrieden helfen würde. Also konnte ich nicht ablehnen.“

Mein Innerstes gefror. Meinem Seelenfrieden? Wie viel wusste sie?

Außerdem entging mir nicht, dass sie bezüglich der Entscheidung nur von sich selbst sprach. Tiph wirkte zwar tollpatschig, aber ihre Führungsposition schien nicht infrage zu stehen.

„Also“, sagte Tiph, als ich schwieg. „Was willst du wissen, David?“

Einen Moment lang schloss ich die Augen und genoss die wohlige Wärme, die sie verströmte. Das war meine letzte Gelegenheit. Die letzte Chance, Vergebung zu finden.

„Was passierte wirklich während der Eklipse?“, fragte ich wie einstudiert. Dabei holte ich einen altertümlichen Schreibblock hervor und zückte einen Kugelschreiber. Mein Tablet und mein Aufnahmegerät waren mir nicht gestattet worden.

Tiph spielte mit einer ihrer feuerroten Locken. Sie wirkte entsetzlich jung. Sie hätte meine Tochter sein können.

„Du kennst die offizielle Version, David.“

Ich schluckte. Würde sie sich weigern?

„Es sind fünf Jahre vergangen“, erwiderte ich mit zitternder Stimme. „Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht auf die Wahrheit!“

Tiph seufzte und zog die Beine an. Sie schlang die Arme um ihre Knie und stützte ihr Kinn darauf, während sie mich betrübt musterte.

„Das ist eine lange und traurige Geschichte“, sagte sie kaum hörbar. „Und ich kann dir nicht erlauben, sie anderen zu erzählen.“

Die Luft erhitzte sich weiter und ich fühlte Angstschweiß auf meiner Haut. Ich wich instinktiv zurück, ließ aber nicht locker.

„Du sagtest doch, dass du mir wegen meines Seelenfriedens weiterhelfen willst, oder nicht? Ich kann dir versichern, dass die Eklipse viele Menschen mit ähnlichen Empfindungen zurückgelassen hat. Willst du ihnen nicht helfen?“

Tiphs Augen wirkten wie kaltes Feuer. Dann wandte sie sich ab und seufzte. Ich zuckte zusammen, als sie mich plötzlich umarmte.

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht.

Das Zittern meines Körpers beruhigte sich, als sie mich fest an sich zog. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich wieder geborgen.

Dann ließ sie los und der Moment endete.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Was dir zugestoßen ist, was allen Menschen zugestoßen ist – es tut mir unendlich leid. In jener Nacht vor fünf Jahren … hat sich alles verändert.“ Sie schloss einen Moment lang die Augen. Sie wirkte wie eine Feuerlilie in einer Schneelandschaft.

„Ich werde es dir erzählen“, flüsterte sie und stand auf.