Und am Ende wurde es etwas ganz anderes. 🙂

Die Wölfe von Asgard beinhaltet 8 Kurzgeschichten, die miteinander verknüpft sind. Und es geht um ein Volk, das nicht nur mehrere Jahrhunderte lang Europa in Angst und Schrecken versetzt hat, sondern auch zu den bedeutsamsten Entwicklungen seiner Zeit beigetragen hat. Willkommen, in der Welt der Nordmänner.


Die Rückkehr

Mit all seiner Kraft zog Aegir an dem salzverkrusteten Seil, das ihm heute sein Abendessen garantieren sollte. Platschend durchbrach der Reusenkorb die schäumende Wasseroberfläche und offenbarte sein dürftiges Inneres. Fluchend hob Aegir seinen mageren Fang aus dem eiskalten Wasser. Die abgelegene Bucht, an der er sich am gestrigen Abend dazu entschieden hatte, seine Fallen auszuwerfen, hatte ihm kein Glück eingebracht.
Njörðr war ihm heute nicht gewogen.
Vielleicht lässt er ja auch noch mein Boot kentern. Der muskulöse Mann spuckte aus. Die paar Krebse, die er bis jetzt in sein kleines Ruderboot gehievt hatte, reichten kaum für ihn selbst. Ganz zu schweigen von seiner Frau und den zwei Kindern, die ihm sämtliche Haare vom Kopf fraßen. Aegir ließ es zu, das ein Seufzer seinen Lippen entwich. Die Fischerei war ein ehrbarer Lebensunterhalt, wenn auch nicht zu vergleichen mit dem Ruhm und dem Reichtum einer siegreichen Schlacht und der Aussicht auf die prasselnden Feuer in den Hallen der Götter. Vielleicht sollte ich… ein letztes Mal?, schoss es ihm durch den Kopf. Er verwarf diesen flüchtigen Gedanken und zog den letzten Korb nach oben.
Wieder nichts.
Aegir vergrub für einen Moment das Gesicht in den Händen. Dann verwünschte er sich für seine Schwäche. »Wenn dein Weib dich jetzt sehen könnte«, mahnte er sich grollend. Dann setzte er sich an die Ruder und pflügte mit kräftigen Zügen durch das Wasser. Heimwärts.

Die Skiringssaler Buchten boten nicht nur einen idealen Rückzugsort, sie waren auch von den Göttern mit besonderer Schönheit und Fruchtbarkeit gesegnet worden. Kleine Inseln, kaum länger als zwei Drachenboote, trotzten mutig der rauschenden See und den meist rauen Winden, welche die Felsformationen im Laufe der Jahrhunderte gemeinsam geschliffen hatten. Die große Bucht, die er jetzt aus einem Seitenarm ansteuerte, vollzog sich noch eine lange Strecke in das Landesinnere hinein. Ihre Seiten waren gesäumt von großen Klippen, auf denen die Kiefern sich aufreihten wie die Soldaten zweier Schlachtreihen, die sich zu den sanften Klängen des Windes sachte räkelten. Der morgendliche Nebel, der auf der Wasseroberfläche lag, verlieh der Bucht fast etwas gespenstisches. Doch Aegir segelte und fischte hier schon, seit er als kleiner Junge das erste Mal in ein Boot steigen durfte. Er passierte den großen Raeg, einen massiven Findling auf jener Insel,auf der das regelmäßige Thing abgehalten wurde, und ruderte dann tiefer in den tristen Nebel hinein.
Als würden die Alben heute Fangen spielen. Aegir spürte es in den Knochen,  roch es in der salzigen Luft, das rauschende Wasser flüsterte es ihm zu. Der heutige Tag war von einer vorbestimmten Bedeutung. Der große Mann runzelte die Stirn und wanderte für einen Moment nachdenklich mit der Hand durch den Bart, spähte in die Ferne als wäre dort etwas fremdartiges auszumachen. Überlegte. Dann setzte er sich achselzuckend zurück an die Ruder.

Es dauerte nicht mehr lange und die Dächer von Skiringssal tauchten vor ihm auf. Schornsteine, aus denen dichter Rauch waberte, und einladendes Licht, aus offenen Kiefernfeuern, empfingen Aegir und hießen ihn willkommen. Das Dorf selbst zählte kaum mehr als ein paar Dutzend fensterloser Hütten, über denen sich das imposante Langhaus des Jarls aufbäumte. Gezimmerte Stege reichten vom Ufer bis in das tiefere Wasser, hier ankerten in der Regel die Knorrs, die Drachenboote, der ganze Stolz ihres Dorfes. Jetzt jedoch waren sie verlassen. Mit den Männern war das  Leben aus dem Dorf verschwunden. Warum nur bin ich nicht mit ihnen gesegelt? Aegir zog das Boot ans Ufer und watete durch den feuchten Sand, der an seinen Stiefeln zerrte und seinen Marsch verlangsamte. Der Geruch des Meeres vermischte sich mit dem des Rauches aus den zahlreichen Feuerstellen. Der Frühling hatte sich noch kaum aus seinem Nest geschält und so bildeten sich feuchte Dampfschwaden vor seinem Gesicht, während Aegir durch das Dorf ging. Er schnürte seinen Mantel enger, rückte die gepolsterte Mütze aus Eichhörnchenfell zurecht und beschleunigte seinen Gang. Die Arbeit würde seinen Knochen schon noch etwas Wärme spenden. Er erreichte seine Hütte und begann sofort damit, seinen Fang zu schälen. Krebse konnten einem wirklich lästige Arbeit bescheren, aber immerhin hatte er etwas gefangen. Er betäubte seine Beute durch einen Schlag auf den Kopf und puhlte dann das Fleisch aus ihrem Panzer. So verbrachte er in der Regel die meisten Morgen. Er richtete sich erst auf, als die Sonne schon hoch stand und plötzlich ein eindringlicher Ruf aus dem Hafen ertönte. Ein Horn verkündete die Ankunft Islavs und seiner Männer.
Die Drachenboote waren zurückgekehrt.


***

Snorri fegte wie der Wind durch den Hafen.
Der Nebel hatte sich mittlerweile gelichtet und gab den Blick auf drei schlanke Boote frei, die elegant durch die Wellen manövrierten. An ihrem Bug thronte der furchteinflößende Drachenkopf der Nordmänner. Rufe wurden laut, während die Segel eingeholt und die Masten umgelegt wurden. Den Rest der Strecke legten die Männer mit Rudern zurück. 
Mit schlagendem Herzen verfolgte Snorri jede ihrer Bewegungen. Dann rief er sich allerdings ins Gewissen, dass er jetzt ein Mann war und kein aufgeregtes Kleinkind mehr. Dennoch konnte ernicht umhin, ein strahlendes Lächeln an den Tag zu legen, als die Schiffe beidrehten und endlich in den Hafen steuerten.
Mittlerweile hatte sich eine dichte Traube von Menschen gebildet, die den Männern ein warmes Willkommen entgegenrief. Alle hatten sich versammelt.
Snorri blickte durch die Reihen.
Alle, außer seinem großen Bruder Aegir.
Du elender Feigling. Snorri ballte die Fäuste bis es wehtat. Dann verdrängte er den Gedanken und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Geschehen.
Die Männer hatten mittlerweile angelegt und damit begonnen, die wertvolle Fracht aus den Bäuchen der Drachenboote zu entladen.
Snorri erkannte Säcke voller Schmuck, Kelchen und Münzen, Fässer von fränkischem Wein und Kisten voller duftender Gewürze aus Konstantinopel. Der appetitliche Duft der mitgebrachten Speisen wurde nur von dem des ruhmreichen Sieges der Wiederkehrenden überdeckt und für einen Moment verweilte Snorri mit geschlossenen Augen in heldenhaften Tagträumen.
Dann stieg Islav von Bord und die Menge verfiel in tosenden Beifall. Der Jarl von Skiringssal war zurückgekehrt, von Thyr als Günstling in der Schlacht auserlesen. Sein Pelzmantel wehte spielerisch im Wind und er streckte seine blutverschmierte Axt gen Himmel, eine Posse des Siegreichen. Am heutigen Tage hatte er sich einen Platz an der Seite der Götter verdient.
»Wo ist denn dein Bruder?«, riss jemand den jungen Snorri aus seiner Faszination.
Er drehte sich irritiert um und erkannte Ylvie, das Weib, das sich Aegir zur Frau genommen hatte. Sie trug ihr langes rostrotes Haar zurückgekämmt und war in einen wärmenden Pelz gehüllt, den ihr Aegir irgendwann mal von einer Raubfahrt mitgebracht hatte. Mittlerweile war er jedoch alt und die ersten geflickten Stellen offenbarten sich bereits. Ihr hübsches Gesicht hatte in den verstrichenen Jahren etwas jugendliches beibehalten und niemand im Dorf kannte so derbe Scherze wie sie.
»Das solltest du doch besser wissen als ich, schließlich teilt ihr euch ein Bett«, frotzelte Snorri mit keckem Grinsen. Wäre sie damals nicht zu alt gewesen, hätte er sie sich vermutlich zu Eigen gemacht. Er hatte es aber dabei belassen, dem Älteren den Vortritt beider Brautschau zu lassen, so wie es sich für echte Männer geziemte. Und sie war mit ihren dreißig Jahren immerhin acht Jahre älter als er.
Ylvie legte ein mattes Lächeln auf. »Vielleicht solltest du mal mit ihm reden, damit er seinen Allerwertesten aus diesem alten Kahn hievt und ihn wieder dorthin schleppt, wo er hingehört. Ein Mann mit einer Axt in der Hand ist so viel aufregender als einer mit dem Fischmesser.«
Lachend versprach Snorri es ihr. Doch erst würde er mit den Männern reden und herausfinden, welche Abenteuer sie auf der Fahrt erlebt hatten.


***

Fertig. Das war der letzte Krebs. Selbst wenn es ein magerer Fang gewesen war, so hatte er ihn doch bis in die Mittagsstunden beschäftigt. Aegir legte das Messer zurück auf den mit Krebsresten verunreinigten Tisch und lehnte sich mit seinem Schemel an die Hauswand. In Gedanken fragte er sich, warum Snorri nicht längst aufgekreuzt war, um ihm mit belanglosem Gefasel ein Ohr abzukauen. Vielleicht verschont er mich ja heute?
Sein Blick wanderte zu der Schale mit dem Krebsfleisch, das er gleich braten und in Salz einlegen musste, damit es nicht schlecht wurde. Dann seufzte er und schloss für einen Moment die Augen.
Das Geräusch von Stiefeln, die durch die matschige Straße pflügten, weckte Aegir aus seinem halbschlafähnlichen Zustand. Irritiert setzte er sich auf, dann kam sein jüngerer Bruder auch schon um die Ecke gebogen.
»Dein Weib hat dich vermisst«, grüßte Snorri und klopfte ihm verheißungsvoll auf die Schulter. »Und Islav hat nach dir gefragt. Ich habe ihm gesagt, du seist noch in dringender Angelegenheit mit dem Tagesfang beschäftigt«, er lehnte sich grinsend an die Wand und blickte Aegir eindringlich an. Dann wich sein Lächeln einem gewissen Maß an Besorgtheit. »Was ist los mit dir? Verkriechst dich hier oben, während die Männer ruhmreich nach Hause zurückkehren? Sind es nicht auch deine Waffenbrüder?«
Aegir erwiderte mit einem unverständlichen Brummeln. »Unsere Waffenbrüder, ja? Sag, bist du schon einmal auf einen Viking gefahren, du vorlauter Rotzlöffel? Hast das Blut der Feinde vergossen? Brüder sterben sehen? Wind und Wellen getrotzt? Du bist ein Narr,der seinen Kopf in den Wolken stecken hat! Wenn Islav dich wirklich mitnehmen will, bringe ich ihn eigenhändig um.«
Für einen Moment blitzte der Zorn durch Snorris Augen, dann jedoch schien er sich eines Besseren zu besinnen. »Ich werde mitfahren, ob du willst oder nicht. Sie haben die Inselmänner angegriffen, wehrlose Feiglinge allesamt, aber reich sollen sie sein. Und du wirst es nicht glauben…«
Aegir verzog eine seiner buschigen Augenbrauen. »Was werde ich nicht glauben?«, fragte er forsch. Die Wahrscheinlichkeit, dass Snorri etwas wusste, das ihm nicht bekannt war, hielt er für relativ gering.
»Sie beten zu einem Toten. Ihr Gott ist am Kreuz gestorben und hat sie zurückgelassen. Wie die Lämmer auf der Schlachtbank. Was für blamable Schwächlinge«, Snorri reckte die Faust in die Luft als würde er ihr eine Abreibung verpassen.
Aegir schüttelte mit dem Kopf. »Die Inselmänner sind nicht so wehrlos, wie du vielleicht glauben magst. Man muss rasch zuschlagen, sich krallen was man kriegt und verschwinden, bevor sie einen aufknüpfen. Und auch wenn wir ihren Glauben nicht verstehen, er verleiht ihnen dieselbe Kraft, wie es die unseren Götter tun.«
»Du sprichst wie ein Ungläubiger!«,wütete Snorri und schlug mit der Faust laut krachend auf den Tisch. »Ich habe schon einen Bruder, der in Hel verrottet, ich will dich nicht auch noch an die Dunkelheit verlieren. Aber die Tore von Walhall verschließen sich vor dir. Sag,mit wem soll ich anstoßen, wenn ihr nicht mehr seid?«
»Lass Dyggur aus dem Spiel, bevor Mutter dich mit dem Besen verprügelt. Die Namen der Toten zu nennen, schickt sich nicht. Die Lepra ist ein Feind, gegen den wir nicht ankämpfen können, nicht mit Axt und nicht mit Schild. Das weißt du ganz genau.« Aegir spürte, wie die Wut in ihm aufkochte und er schob sich mit einem kräftigen Ruck aus seinem Schemel.
Jeder andere hätte das aufgrund seiner Körpergröße vermutlich als Drohung verstanden, nicht jedoch Snorri, der ihn seltsam ruhig beäugte. »Wir reisen zu einem Kloster der Inselmänner. In ein paar Monden geht es los. Ich werde dabei sein, denn sie sind keine Gegner für uns. Wir sind die Gefahr, die aus dem Norden zuschlägt. Wikinger nennen sie uns und ich will verflucht sein, wenn sie diesen Namen nicht mit Furcht aussprechen. Ich werde nicht in Hel versauern und mich von meinen Ahnen bedauern lassen!« Er legte Aegir fast zutraulich eine Hand auf die Schulter. »Lass uns Wölfe sein, Bruderherz. Wölfe aus Asgard, die den Tod und den Schrecken bringen, wohin sie auch segeln. Und dann stoßen wir in Walhall auf unseren Bruder an.«   
Für einen Moment sagte Aegir nichts, stand nur da und war ganz bei sich. Dann knurrte er: »Nein!«, griff sich die Krebse, schritt ohne ein weiteres Wort zu verschwenden an Snorri vorbei und ließ die Tür krachend hinter sich ins Schloss fallen.