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Kategorie: Eliane

Sammlung aller Beiträge von Redakteurin “Eliane Kraus”

23. Dezember 3019

Als ich um die Ecke biege und die riesige Menschenansammlung vor den Absperrungen sehe, erschrecke ich. Der Platz ist voll, obwohl es noch gut drei Stunden sind, bis die Ausgabe der Transmitterspots beginnt. Immerhin werde ich nicht frieren. Sie haben tatsächlich Wärmelampen angebracht. Ein wahrlich edler Zug, bei der aktuellen Energieknappheit. Ich stelle mich zu den anderen Wartenden. Es ist erstaunlich still.

Leah, die letztes Jahr unterwegs war, hat sich geweigert, noch einmal zu reisen. Sie hat drei Tage durchgeweint, weil sie sich so geschämt hat. Dabei schmeckte alles sehr gut. Leider war es viel zu wenig, es reichte nicht zum Sattwerden.

Nervös greife ich in meine Hosentasche. Meine Finger suchen nach den fünf ID-Chips, die ich bei der Ausgabe vorzeigen muss. Einer gehört mir. Einer meiner Schwester Leah. Der nächste meinem kleinen Bruder Anton. Und die beiden letzten gehören Oma und Tante Gisela.
Tante Gisela hat mir vorgestern von ihren Reisen erzählt. Sie hat mich davor gewarnt, zu viel zu erwarten.

„Die Zeit ist sehr knapp, Jens“, hat sie mit ihrer tiefen Stimme gesagt. „Du darfst dir nicht so viel Druck machen. Wir sind dir dankbar für alles, was du ergattern kannst, auch wenn es nur wenig ist.“ Anschließend hat sie mir noch eine wirre Geschichte von vielen blinkenden bunten Lichtern erzählt. Naja, sie ist schon alt und nicht mehr so fit im Kopf.

Ich weiß aus dem Geschichtsunterricht, dass früher alles ganz anders war. Es gab keine Nährpaste. Die Menschen aßen Pflanzen und sogar Tiere. Und in ihren Häusern, die riesig waren und in denen oft nur wenige Menschen lebten, wurden Pflanzen zur Dekoration benutzt, für die Schönheit der Räume. Draußen, in der Natur, gab es überall Tiere, die frei umherliefen oder flogen. Manche Menschen hatten einen Garten, in dem sie Pflanzen für den Verzehr zogen. Für mich ist das alles kaum vorstellbar. Ich habe noch nie eine Pflanze oder gar ein Tier gesehen.
Tante Gisela meinte, die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Hund oder eine Katze sehen werde, sei groß. Mein Herz klopft wild vor Aufregung, wenn ich nur daran denke. Ich wünsche mir so sehr, dass das nicht ihrer wirren Fantasie entspringt,  sondern wahr werden wird. Die anderen aus meiner Klasse beneiden mich sehr. Immerhin musste ich eine Ausnahmegenehmigung beantragen, denn ich bin noch zu jung für die Zeitreise. Doch nachdem Leah wegen ihrer Nerven nicht mehr reisen darf, bleibe nur noch ich.

Endlich ist es so weit. Die Service-Roboter öffnen die Sperren und die Menschentraube löst sich in fünf ordentliche Reihen auf. Es geht schneller, als ich dachte. Am Ausgabeschalter lege ich die ID-Chips in die dafür vorgesehenen Aussparungen. Für jeden Chip erhalte ich sieben Transmitterspots. Sie werden einzeln auf mich geprägt und sind nun genau fünf Stunden aktiviert. Danach vernichten sie sich selbst. Die Menschenschlange bewegt sich zügig weiter zur Zeitmaschine. Nun werden die einzelnen Reihen wieder zusammengeführt. Es geht deutlich langsamer voran, aber doch noch so schnell, dass ich nicht ungeduldig werde. Und dann ist es so weit. Ich habe kaum Zeit den riesigen Lichtbogen über mir zu bewundern, da bin ich auch schon durch.

Frische Maronen! Gebrannte Mandeln! Kamelhaardecken!

Um mich herum wuselt es vor Menschen, die in alle Richtungen rennen, und aus kleinen Boxen heraus bieten Händler ihre Waren an. Und nun weiß ich auch, was Tante Gisela meinte, als sie von blinkenden bunten Lichtern erzählte. Ich kann mich gar nicht sattsehen, was für ein Genuss.

Ein Mann stößt mich grob zur Seite. „Kannst du nicht woanders  gaffen? Schau, dass du weiterkommst, Junge, hier wird gearbeitet.“

Ich gehe langsam weiter und versuche irgendeine Ordnung zu erkennen. Wie ist der Rundgang ausgezeichnet, wer darf welche Waren erstehen? Ich kann keine Markierungen finden. Anscheinend darf man hier laufen, wohin man gerade möchte. Wie seltsam.
An der Box direkt neben mir wird eine Art Gebäck angeboten. In einem Korb auf der Ablage liegen einige unverpackte Stücke. Es riecht wunderbar und es sieht so aus, als würde es Schokolade enthalten. Schokolade habe ich erst einmal gegessen, damals, als meine Eltern noch lebten. Ich werde den Geschmack nie vergessen. Als die Frau, die die Kekse verkauft, sich umdreht um etwas aus einer Metallflasche zu trinken, aktiviere ich einen meiner Transmitterspots und klebe ihn auf eine Tüte mit Gebäck. Der Spot wechselt seine Farbe von gelb nach grün und verschwindet mitsamt der Tüte. Ich atme erleichtert auf. Es funktioniert. Nun habe ich noch 34 Spots übrig. Die Frau dreht sich wieder um und sieht mich prüfend an.

„Na, möchtest du etwas kaufen, Junge?“

Ich schüttle den Kopf.

Sie reicht mir einen Keks. „Dann geh weiter, du vertreibst mir die Kundschaft, wenn du hier herumlungerst.“

Ich bedanke mich. Während ich den Keks esse, schaue ich mich um. Die Spots haben nur einen kleinen Wirkkreis. Ich muss sehr genau darauf achten, dass das komplette Teil, das ich in die Zukunft schicken möchte, erfasst ist, sonst kommt nichts an.
Ein Händler bietet lange Fleischstangen an. So ähnliche, aber viel kleinere, hat Leah letztes Jahr mitgebracht. Sie haben herrlich geschmeckt. Leider hat er keine kleinen Stangen im Angebot. Auch er schaut mich prüfend an. Anscheinend darf man nur vor den Boxen stehenbleiben wenn man etwas kaufen möchte. Ein paar Schritte weiter ist ein Obsthändler. Ich kenne einige Sorten, Biologie hat mich schon immer interessiert. Ich klebe je einen Transmitterspot auf eine Banane, eine Orange und eine Kokosnuss und schaue zufrieden zu, wie sie verschwinden. Und dann verschwinde ich selbst schnell im Gewühl, bevor ich wieder verjagt werde. Obwohl es eisig kalt ist, ist mir ganz heiß vor Aufregung.

Tante Gisela hat mir von großen Warenhäusern erzählt, in denen Tausende von verschiedenen Gegenständen angeboten werden. Ich glaube, ich habe gerade eins gefunden. Die Menschen drängen sich in eine gläserne Kabine die sich dreht und sie im Inneren des Gebäudes wieder ausspuckt. Das ist sehr praktisch, wieso gibt es bei uns so etwas nicht? Ich reihe mich ein und lasse mich treiben. Meine Nase führt mich zielsicher zu den Lebensmitteln. Hier verteile ich innerhalb kurzer Zeit zwanzig weitere Transmitterspots. Gerade freue ich mich darüber, wie viel ich schon geschafft habe, als mich ein Mann am Arm packt und mit sich zerrt. Ich versuche mich loszureißen, aber sein Griff ist eisern. Er schiebt mich in eine kleine Kabine und verlangt von mir meine Jacke, oder er werde die Polizei rufen. Ich gebe sie ihm. Er durchsucht die Taschen gründlich, wonach auch immer. Dann fährt er mir mit seinen Fingern über den Körper, zieht aus meiner Hosentasche die restlichen Transmitterspots, schaut sie kurz an und gibt sie mir wieder.

„Kannst dich wieder anziehen, Junge. Ich hätte schwören können, dass du etwas geklaut hast, aber ich muss mich wohl getäuscht haben. Entschuldige.“ Er schiebt mich aus der Kabine, tätschelt mir den Kopf und verschwindet in der Menge.

„Ganz so einfach ist es wohl doch nicht“, murmle ich leise vor mich hin und verlasse das Gebäude. Draußen ist es dunkel geworden, doch der Platz ist hell erleuchtet. Es sieht nun noch viel schöner aus, als vorhin. Ich schlendere ziellos umher und schaffe es, noch acht weitere Transmitterspots zu kleben.

Als die Boxen schließen und der Platz sich leert, geschieht es. Ich höre ein Rascheln und sehe sie majestätisch heranschreiten. Sie ist schwarz, hat bernsteinfarbene Augen und sie kommt direkt auf mich zu. Ich habe ein bisschen Angst, obwohl ich weiß, dass sie nicht gefährlich ist. Sie läuft mit hocherhobenem Schwanz zwischen meinen Beinen hindurch und ich kann mich nicht satt sehen. Eine echte Katze. Träume ich? Oder ist das wirklich wahr? Sie streicht maunzend um meine Beine, bis ich mich bücke und ihr das seidige Fell streichle. Laut schnurrend legt sie sich quer über meine Schuhe und ich spüre ihre Wärme. Dieser Augenblick darf einfach nie vergehen. Doch nach einer Weile steht sie auf und verschwindet in der Dunkelheit.

Meine Beine zittern vor Aufregung und mein Herz hüpft vor Freude. Ich setze mich auf eine nahegelegene Bank und hole tief Luft. Was für ein Erlebnis! Direkt vor mir steht ein riesiger Baum, der mit großen, roten Glaskugeln behängt ist. Darunter liegen  Pakete, die in bunte Folie eingepackt sind. Was das wohl bedeutet?

Es kann nun nicht mehr lange dauern, bis ich wieder in meine eigene Zeit zurückfalle und ich hoffe sehr, dass auch alles angekommen ist. Das wird ein Festmahl geben!

Der Spiegel

Und wieder sitze ich vor dem Spiegel. Ich bin es so leid!

Auf meinen Oberschenkeln liegen meine Hände. Sie sind schön. Die Finger lang und schmal, die Nägel gepflegt. Die Haut ist seidenweich, faltenfrei und fast weiß.

Das alles ist auf der anderen Seite des großen Grabens ein Hinweis auf edle Abstammung und Reichtum. Nur Mona weiß, dass meine Hände gebleicht sind. Mona ist meine Betreuerin. Sie hat viel von einer Katze. Ihre majestätische Art, sich zu bewegen, ihre Beharrlichkeit, mit der sie das Ziel verfolgt, mich zu einer perfekten Dame auszubilden, ihre Ruhe, die sie für gewöhnlich ausstrahlt.

Nachdem ich meinem Widerwillen genügend Raum gegeben habe, seufze ich tief und hebe meinen Blick. Noch immer berührt es mich seltsam, wenn ich mein Spiegelbild betrachte.

Meine dunklen, fast schwarzen Augen, die ein bisschen zu eng nebeneinander stehen. Meine schmale, lange Nase, die ein bisschen zu groß ist. Mein Mund, mit der vollen Unterlippe und der etwas zu schmalen Oberlippe. Die blasse Haut und mein langes, gelocktes Haar.

Nichts ist perfekt , und doch, in seiner Gesamtheit ist das Gesicht so schön, dass das Betrachten fast weh tut. Also gut, beginnen wir mit den Übungen. Was ist heute dran? Ich nehme meinen Ausbildungsplan zur Hand.

Der laszive Blick, der unschuldige Blick, ein fröhliches Lächeln, ein schüchternes Lächeln, ein Aufblitzen meiner Augen – so, dass mein Gegenüber Temperament erkennen kann.

All das und noch viel mehr steht heute auf dem Programm. Sobald ich mit meinem Gesichtsausdruck zufrieden bin, drücke ich auf den Auslöser der Kamera. Später am Tag wird Mona die Bilder mit mir durchgehen und sicherlich wieder viele Verbesserungsvorschläge machen.

Ich kratze mich nachdenklich an der Stirn, werfe meine schwarze Lockenpracht nach hinten und schiebe die rechte Schulter nach vorne. So gewähre ich einen tiefen Blick in mein makelloses Dekolleté, neckischer Blick – klick.

Haare nach vorne, leicht übers rechte Auge, unschuldiger Blick – klick.

Freundliches Lächeln mit Sehnsucht im Blick – klick.

Gelangweiltes Gähnen, müder Blick – klick. Mist, ich muss mich konzentrieren, Mona wird meckern. Trotzdem kann ich mir ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen. Erstaunt betrachte ich die wunderschönen Züge im Spiegel und stelle fest, dass gerade etwas von mir durchscheint. Erleichtert und gleichzeitig erschreckt nehme ich es zur Kenntnis.

Ich stehe auf, laufe hin und her. „Kleinere Schritte, Hüften schwingen!“, höre ich Mona sagen. Meistens gehorche ich ihr sogar, wenn sie nicht da ist. Nach ein paar Runden vor dem Spiegel wird mir heiß. Das was ich sehe, ist die Verführung pur. Ich trete näher an den Spiegel heran. Streiche mit den Fingerspitzen sanft über meine linke Brust. Unwillkürlich atme ich tief ein. Meine Brüste hüpfen fast aus dem Ausschnitt.

Ich seufze. Mit so einem Mädchen wie diesem wäre ich gerne einmal im Bett. Das muss der Himmel auf Erden sein.

Hätten sie mir bloß kein Bild von ihm gezeigt. Wenn ich nur daran denke, wer mich erwartet, könnte ich kotzen. Er hat dicke, fleischige Patschhände und viel zu viele Haare dort, wo sie nicht hingehören. Sein Trommelbauch ist gigantisch, ähnlich dem meiner Schwester, kurz bevor sie mit ihren Zwillingen niederkam.

Sanft streichle ich mir übers Gesicht und lächle mir aufmunternd zu. Weiter geht’s. Nun steht Haare kämmen auf dem Programm. Ich hätte niemals gedacht, dass es so viel Arbeit ist, ein paar Locken wie Locken aussehen zu lassen und nicht wie ein verfilztes Vogelnest. Ich lächle versonnen beim Kämmen, die brennende Kopfhaut ignorierend. Klick.

Zum Schluss kommt die Königsdisziplin. Das Schminken. So langsam stelle ich mich dabei nicht mehr ganz so dumm an. Sorgfältig trage ich erst die Farbpaste und dann den Puder auf. Dabei völlig entspannt auszusehen, schaffe ich leider noch nicht. Also kein Klick.

Wieder denke ich an den Fettsack, den ich in Kürze bezirzen darf. Ich sollte ihn möglichst vor der Hochzeit beseitigen, sonst wird er sich wundern. Bei diesem Gedanken kichere ich amüsiert.

Ich höre förmlich Zakils Worte. „Es ist nur eine Illusion, wenn auch eine sehr gute. Lass dich erst anfassen, wenn ihr alleine seid und du das Messer in Greifweite hast. Und sobald er tot ist, löse den Zauber und gib Fersengeld.“

Ich ziehe mein Kleid aus und hänge es sorgfältig über den Kleiderständer neben der Türe. Mein Blick fällt auf meinen Körper, die langen Beine, die perfekt geschwungenen Hüften und die Wespentaille. Mir wird schon wieder heiß. Wie wunderschön sie doch ist.

Dann spreche ich laut das Lösungswort. Ein Schleier legt sich über meine Augen. Als ich wieder klar sehen kann, erblicke ich im Spiegel einen schmal gebauten, glatzköpfigen jungen Mann mit blauen Augen. Ich ziehe meine Hose an. „Wenn es nur schon vorbei wäre“, murmle ich vor mich hin und öffne die Türe. Während ich mit raumgreifenden Schritten und extra lautem Stampfen den Raum verlasse, beginne ich mich wieder als das zu fühlen, was ich wirklich bin. Ein sehr junger Mann, fast noch ein Schuljunge, mit einer schweren Aufgabe. Mein Blick wird düster und gleichzeitig entschlossen. Ich werde es schaffen, weil ich es schaffen muss.

Das Hochzeitskleid

“Schau dir mal den Gast am Tisch hinter dir  an, den mit der Lederjacke, kommt der dir auch bekannt vor?”, flüstert Mira.

Ich drehe mich um und riskiere einen kurzen Blick. “Er sieht aus wie mein Englischlehrer aus der Oberstufe.”

“Ich kenne das Gesicht, kann es aber nicht zuordnen. Egal. Wo waren wir stehengeblieben?” Mira schaut frustriert auf ihren leeren Salatteller.

“Wir waren bei deinem ambitionierten Vorhaben, in zwei Wochen fünf Kilogramm abzunehmen”, antworte ich.

Mir gefällt das ja auch nicht, Sanne. Aber du hättest ihr Strahlen sehen sollen, als ich ihr sagte, ich trage ihr Kleid zu meiner Hochzeit. Ich kann sie einfach nicht enttäuschen. Außerdem ist das Kleid wunderschön. Ich möchte es unbedingt tragen. Es hilft nichts, der Speck muss weg.”

“Dann wirst du wohl noch einige Zeit von Luft und Liebe leben müssen”, antworte ich und widme mich meinen Spaghetti Bolognese. An Miras Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ich gerade keine gute Freundin bin. “Tut mir leid Mira. Ich wollte dich nicht zusätzlich runterziehen. Kann ich dir helfen?”

Mira will gerade antworten als sich der Mann mit der Lederjacke zu uns umdreht.

“Entschuldigen Sie, ich habe ihr Gespräch zwangsläufig mitgehört. Ich kann Ihnen Hypnose empfehlen. In nur einer Sitzung verlieren Sie Ihren Appetit und das Fasten fällt Ihnen ganz leicht.”

Ich sehe Miras Augen aufblitzen und auch bei mir fällt der Groschen. Das Gesicht kenne ich von den vielen Plakaten, die überall in der Stadt hängen. Der Mann ist der Hypnotiseur, der damit wirbt, jeden zum Nichtraucher zu machen. Mit Erfolgsgarantie innerhalb eines Monats oder Geld zurück.

“Falls Sie Interesse haben, ich bin  noch drei Tage hier in ihrer schönen Stadt”, sagt er und reicht Mira seine Karte. Sie bedankt sich und läuft dabei rot an. Auch mir ist es peinlich, dass er seine Worte förmlich ins Lokal hineinposaunt. 

Bis ich mit dem Essen fertig bin, tauschen wir nur noch Belanglosigkeiten aus. Normalerweise ist es mir egal, ob mir Fremde zuhören, doch der Mann ist mir unsympathisch und ich fühle mich unwohl mit ihm im Rücken. Erst auf dem Heimweg, ich habe mich bei Mira eingehakt, komme ich darauf zurück.

“Du wirst da doch nicht hingehen wollen, oder?”

Mira zuckt mit den Achseln. “Was soll es schaden? Wenn es nicht hilft, hole ich mir einfach mein Geld zurück.”

“Du bist aber auch selten naiv”, poltere ich los. “Das ist ein Betrüger, der taucht unter und du wirst einen Anwalt brauchen, um an dein Geld zu kommen. Da der Anwalt auch nicht umsonst arbeitet, wirst du  Geld, aber kein Gewicht verlieren.”

“Ach Sanne, ich habe einfach nur Hunger und kann schon gar nicht mehr denken”, flüstert Mira so leise, dass ich meine Ohren spitzen muss um sie zu verstehen. Wir sind bei Mira angelangt. Eine Idee steigt in mir auf.

“Kann ich mir das Prachtstück einmal ansehen?”, frage ich.

“Natürlich. Ich habe es letzte Woche schon abgeholt, es muss ja noch in die Reinigung.”

Wir gehen nach oben in Miras kleine Dachwohnung. Das Kleid hängt am Fenster und es ist wirklich wunderschön.

“Ich verstehe dich jetzt, Mira. Das ist ja ein Traum von einem Kleid.”

Mira nickt. “Genau so etwas hätte ich mir gekauft, hätte ich es mir leisten können. Ich muss es einfach schaffen, mich da reinzuhungern.”

Ich schlage den Rock hoch und sehe mir das Innenleben des Kleides an.

“Mira, die Nähte sind auf Zuwachs gemacht. Du kannst locker an beiden Seiten zwei Zentimeter rauslassen.”

Sie schaut mich erst ungläubig an. Dann überzieht ein breites Grinsen ihr komplettes Gesicht.

“Komm, wir gehen nochmal essen”, sagt sie und zieht mich aus der Wohnung.”

Das Kinderzimmer

In unserem Forum werden die unterschiedlichsten Schreibübungen angeboten. Aus so einer Schreibübung stammt folgender Text. Die Aufgabe war, eine Situation aus dem Blickwinkel von mindestens zwei Personen zu beschreiben.

Irina
„Bis heute Abend mein Schatz, hab einen schönen Tag“. Robert küsst mich. Kurze Zeit darauf höre ich die Wohnungstüre. Er ist weg.
Nachdenklich wälze ich mich aus dem Bett. Das ist gar nicht mehr so einfach mit diesem Riesenbauch, den ich vor mir herschiebe. Noch vier Wochen, dann wird unser Baby da sein.
Ich öffne die Türe zum Kinderzimmer.
Sonnengelb gestrichene Wände mit einer fröhlichen Wandbordüre, ein Mobile an der Decke, unter dem Fenster der Stubenwagen. – Ansonsten gähnende Leere.
Ich verstehe Robert nicht. Wir hatten schon vor Monaten darüber gesprochen, wie das Zimmer aussehen soll. Er hatte so viel Spaß bei der Planung und hat alles penibel aufgezeichnet. Danach waren wir in den Möbelhäusern der Umgebung, nichts hat ihm gefallen! Kopfschüttelnd mache ich die Türe wieder zu.
Hat meine Freundin Gaby Recht wenn sie mir rät, einfach ein Zimmer zu kaufen und ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen? Wenn Robert das mit mir machen würde, wäre ich sehr verärgert. Nein, ich werde warten. In den ersten Wochen reicht ja auch der Stubenwagen.
Gestern ist er wieder so spät von der Arbeit gekommen. Gabys Andeutung, dass er vielleicht fremdgeht, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Was soll ich nur tun? Sein Handy durchsuchen, wie Gaby es mir riet, werde ich auf keinen Fall. Doch ich muss diesen Gedanken loswerden. Er frisst mich auf. Wenn er mir das jetzt antut, wo ich schwanger mit unserem gemeinsamen Kind bin, kann er sich gleich zum Teufel scheren. So einen Mann will ich nicht.
Er hat sich so sehr gefreut, als sich unser Kleines anmeldete. Sein Leuchten in den Augen sprach Bände. Vielleicht mag er mich nicht mehr, so wie ich jetzt bin? Mein dicker Bauch und die Krampfadern sind nun wirklich nicht schön. Und meine starken Stimmungsschwankungen erschrecken mich manchmal selbst.
Wir haben uns vor über zehn Jahren kennengelernt. Sind ein paar schwierige Monate ein Grund zum Fremdgehen? Habe ich einen Schönwettermann geheiratet? Wenn er zu Hause ist, ist er sehr fürsorglich. Aber er ist kaum noch da. Vielleicht flüchtet er ja nur in die Arbeit? Ich hoffe es so sehr.
Ich watschle in die Küche und mache mir einen Tee. Das Brot ist mir zu trocken, anstatt dessen schnappe ich mir Tafel Schokolade und setze mich ins Wohnzimmer. Morgen habe ich einen Termin beim Frauenarzt. Robert kann diesmal leider nicht mit. Er hat einen Gesprächstermin mit einem Kunden.

Robert
Meine Finger streichen sanft über das leicht rötliche, geölte Holz. Morgen ist es endlich so weit. Ich werde das Kinderzimmer aufbauen, während sie beim Frauenarzt ist. Die letzten Wochen habe ich jede freie Minute in der Firma verbracht und trotzdem hätte ich es nicht geschafft, hätten Olli und Werner mir nicht geholfen. Aber es ist so schön geworden. Den Stoff für den Himmel habe ich Irinas Mutter gebracht, da muss ich morgen auch noch vorbeifahren. Sie hat mir eine Nachricht aufs Handy geschickt, dass sie fertig ist und ich auch das Nestchen und die Bettwäsche schon mitnehmen kann.
Ich freue mich so. Das wird eine Überraschung werden.
Die letzte Zeit hat sich Irina sehr zurückgezogen. Ich verstehe das, so eine Schwangerschaft ist kein Spaziergang. Mir zerspringt fast das Herz vor Freude wenn ich sie ansehe. Sie wird von Tag zu Tag schöner und ich bin so gespannt, wie unsere Tochter aussehen wird. Der Frauenarzt wollte sich nicht festlegen, aber ich bin mir sicher, es wird ein Mädchen werden.
Die letzten Wochen, während ich an dem Kinderzimmer arbeitete, fühlte ich mich so glücklich, so reich beschenkt mit meiner wunderbaren Frau, die nun Mutter unseres gemeinsamen Kindes wird.
Wir waren mehrere Male in verschiedenen Möbelhäusern um ein Kinderzimmer auszusuchen und jedes Mal wurde es schwieriger, ihr den Kauf auszureden. Sie wollte so gerne alles vorbereitet haben, das war deutlich zu spüren. Das Zimmer wird Irina gefallen. Es ist genau so, wie wir es uns ausgemalt haben. Und es ist gut geworden, ich bin schon ein bisschen stolz auf mich. Es war mir sehr wichtig, etwas für unser Kleines zu tun, das nur ich tun kann.
So, und jetzt fahre ich noch an den Bahnhof und hole Irina eine Schachtel Pralinen. Ganz im Gegensatz zu sonst, mag sie die letzten Wochen so süßes Zeug und ich möchte ihr gerne eine Freude machen.

Pubertät – wenn die Eltern schwierig werden

So langsam komme ich mir echt vor wie ein Sklave. Andrea mach dies, Andrea mach das, so geht es den ganzen Tag. Und meine hochnäsigen Zwillingsschwestern müssen selbstverständlich geschont werden. Sie machen ja gerade Abitur, da muss man Rücksicht nehmen. Wie ich das hasse!
Nie nimmt man auf mich Rücksicht. Kaum habe ich eine Minute Musik an, brüllt schon jemand, dass ich leiser machen soll. Dabei hört sich Musik doch nur richtig gut an, wenn sie laut ist. Ich muss mir ja auch diese doofen Sonaten anhören, die Vater gerne auflegt, wenn wir Gäste zum Essen haben. Und niemanden kümmert es, ob ich von dem altmodischen Geklimper Magenkrämpfe bekomme.
Und wenn ich mir dann die Stöpsel ins Ohr mache, weil ich anders nicht richtig Musik hören kann, dann dauert es nur Minuten, bis jemand meine Zimmertüre aufreißt und mich anbrüllt, weil ich sein Rufen nicht gehört habe. Nie kann man es ihnen Recht machen. Am liebsten würde ich ausziehen in eine eigene Wohnung, aber dafür bin ich ja noch zu jung. So ein Quatsch! Ich bin mit meinen fast 15 Jahren genauso erwachsen wie die Zickenzwillinge.

Gestern, das war mal wieder so typisch. Ich war in der Gartenlaube und wollte ein wenig chillen. Schließlich hatte mich dieser doofe Privatlehrer wieder stundenlang mit Mathe gequält. Kaum lag ich gemütlich mit meinem Handy auf der Bank, holte der Gärtner den Aufsitzmäher aus dem Gerätehaus und begann zu mähen. Das Ding macht mehr Krach als ein Düsenjet. Ich flüchtete also in mein Zimmer. Gerade hatte ich es mir dort gemütlich gemacht, begann die Putzhilfe die Teppiche auf dem Gang zu saugen. Fluchend machte ich mir die Ohrenstöpsel rein. Kurz darauf kam sie einfach in mein Zimmer, maulte rum, dass ich sie nicht gehört hätte, und befahl mir, den Flur aufzuräumen. Da ich keine Lust auf Streit hatte, holte ich also meine Sachen und warf sie in meinem Zimmer auf den Boden. Dabei ist das Display von meinem Zweithandy kaputt gegangen. Diese doofe Putzhilfe, daran war doch nur sie schuld.

Letzte Woche hatte ich eine tolle Nacht. Das Schaf, das ich vor zwei Jahren mit der Flasche großgezogen hatte, war das erste Mal trächtig. Natürlich wollte ich mit dabei sein, wenn sie ihr Junges bekommt. Also hab ich dem Schäfer meine Handynummer gegeben und ihm gesagt, er solle mich anrufen, wenn es so weit ist. Ich weiß schon, dass er auch nicht andauernd nach meinem Schaf schauen kann. Doch ich hab ihm eine Flasche Wein zugesteckt, die ich aus Vaters heiligem Weinkeller geklaut habe. Der Schäfer hat mit großen Augen auf das Etikett geschaut und sich mehrmals für das edle Tröpfchen bedankt. Dabei hatte ich extra eine von den alten, vergammelten Flaschen von ganz hinten genommen.
Ich hoffte also, dass das mit dem Anruf klappen würde. Und tatsächlich klingelte mitten in der Nacht mein Handy. Ich zog mich warm an und schlich vorsichtig aus dem Haus.
Es war einfach wunderbar zuzusehen, wie die beiden Lämmchen geboren wurden. Nachdem das erste gekommen war, wurde das Mutterschaf richtig hektisch und leckte das Lämmchen kräftig ab, um es zum Stehen zu bringen. Erst verstand ich diese Hektik nicht. Doch kann, kaum stand das erste Lamm, kam das zweite. Was für eine Überraschung! Eins der Lämmchen ist weiß, das andere schwarz bis auf einen hellen Tupfen an der Schwanzspitze. Ich habe die beiden Salt und Pepper getauft.

Ich konnte mich von den süßen Lämmchen nur schwer trennen und so war es schon hell, als ich zurück ins Haus schlich. Kurz bevor ich in meinem Zimmer war, lief mir eine meiner Schwestern über den Weg. Die machte vielleicht riesige Augen, als sie mich blutverschmiert und mit Heu in den Haaren sah. Was sie sich wohl dabei gedacht hat? Ich weiß, dass mir alle nur Schlechtes zutrauen. Ich bin nun mal das schwarze Schaf in der Familie. Erst hatte ich ein bisschen Angst, dass sie mich verpetzen würde. Aber das traut sie sich nicht. Sie weiß genau, ich würde mich rächen. Ich könnte zum Beispiel beiläufig fallen lassen, dass sie mit ihrem Gesangslehrer rumgemacht hat.

Allerdings gab es dann doch noch einen Riesenkrawall wegen der verschwundenen Flasche Wein. Papa hat fast geheult. Ich glaube, wäre ich verschwunden, hätte es ihm weniger ausgemacht. Ich kann das nicht verstehen, so eine Flasche Wein kostet doch nur ein paar Euro. Wie kann man sich da nur so anstellen, wenn mal eine fehlt. Der ganze Keller ist voll davon. Ich frage mich sowieso, wie er es so schnell gemerkt hat. Immerhin hat mich ausnahmsweise mal niemand verdächtigt. Wo ich doch sonst immer alles gewesen bin.

Gleich ist meine spärliche Freizeit auch schon wieder vorbei. Dann muss ich mit Mama in die Stadt fahren zum Einkaufen. Ich soll ein Kleid bekommen für den Abi-Ball der Zickenzwillinge. Dabei will ich da gar nicht hin. Weder in die Stadt, noch auf den Ball. Doch mich fragt ja nie jemand, über mich wird immer bestimmt. Gegen ein neues Kleid hätte ich nichts einzuwenden, aber es müsste schon schwarz sein und lang bis zu den Knöcheln und mit durchsichtiger Spitze im Ausschnitt und mit Trompetenärmeln. Mama hat da aber ganz andere Vorstellungen als ich. Kotz!

Manchmal denke ich, ich bin als Säugling im Krankenhaus vertauscht worden. Ich passe überhaupt nicht in diese Familie. Und wenn ich mir vorstelle, ich könnte irgendwann so wie Mama werden? Allein der Gedanke lässt mich schaudern. Nein, da bringe ich mich lieber vorher um. Am besten mit 27 Jahren. Dann habe ich vorher noch genug Zeit berühmt zu werden. Es gibt viele Künstler, die mit 27 Jahren gestorben sind. Und danach ist das Leben ja sowieso vorbei. Dann geht es nur noch abwärts.

So, mein liebes Tagebuch, ich muss aufhören. Mama ruft. Bis bald!

Wer bin ich?

Der Wind pfeift mir um die Ohren. Ich fliege über endlose Wälder hinweg. Moment mal. Da stimmt etwas nicht. Ich kann doch gar nicht fliegen.

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, gerate ich in einen Aufwind. Wie im Expreßaufzug zieht es mich nach oben. Das macht Spaß. Ich gebe mich den Luftströmungen hin und lasse mich treiben. Ab und an ein Flügelschlag zur Korrektur reicht völlig aus. Flügelschlag?

Wo bin ich nur? Ich sehe mich um. Am Horizont kann ich einen blauen Tupfen im grünen Waldmeer erkennen. Der Fleck zieht mich magisch an und ich halte darauf zu. Es ist einsam hier. Wo sind nur die Menschen?

Plötzlich fließt mir Wasser aus dem Auge. Das ist sicher der Fahrtwind. Ich wische es weg und betrachte dabei meine Hand. Sie hat sieben Finger und mein Daumen ähnelt einer Kralle. Kralle?

Bei Sonnenuntergang habe ich den blauen Tupfen erreicht. Es ist ein großer, fast kreisrunder See und in seiner Mitte liegt eine Insel. Auf ihr kann ich ein Dorf erkennen in dem Menschen herumlaufen.

Schon seit einiger Zeit knurrt mein Magen. Doch jetzt wird es richtig schlimm. Ob es hier wohl ein Gasthaus gibt?

Als ich näher komme, höre ich Wortfetzen. Noch kann ich nichts verstehen, doch es scheint so, als wären alle Dorfbewohner in großer Aufregung. Ich schaue mich um. Was die wohl haben?

Dann höre ich einen Schrei. „Rennt in die Häuser, er greift wieder an.“

Im selben Moment pfeift etwas durch die Luft, knapp an meinem linken Ohr vorbei. Als ich den Kopf drehe, sehe ich eine Metallkugel in der Ferne verschwinden. Ich überfliege den Ort, wende und suche einen Landeplatz. Ein Mann, direkt unter mir, rennt brüllend auf eine Holzhütte zu.

„Der Drache kommt!“ Und schon schwirrt die nächste Kugel an meinem Kopf vorbei.

Während ich abdrehe, läuft eine einsame Träne aus meinem Auge. Ich habe endlich verstanden. Ich bin der Drache.

Aus und vorbei

Ich stehe am Fenster und sehe ihr nach. Sie öffnet die Wagentüre, dreht sich noch einmal um und winkt. Mechanisch winke ich zurück. Ich fühle mich leer und spüre nichts dabei.
Als sie mir heute Morgen sagte, dass sie nicht mehr kommen werde, dachte ich zuerst, sie mache einen Scherz. Wir hatten einen vergnüglichen Abend verbracht und eine schöne Nacht. Fröhlich und offen hatte sie wie ein Wasserfall erzählt und ich hatte ihr fasziniert zugehört. Nichts hatte auf eine Veränderung hingedeutet.
Sie war, wie auch all die anderen zuvor, mein Fenster zum Leben. Durch ihre Augen sah ich das, was ich selbst schon lange nicht mehr erleben durfte. Und wenn sie von langen Nächten in den verschiedensten Kneipen erzählte, von Live-Musik und Bier vom Fass, weckte das verschüttete Erinnerungen in mir. Vage Bilder von mir selbst flackerten dann durch mein Bewusstsein. Ich sah mich, wie ich stundenlang über staubtrockenen Gesetzestexten brütete und verzweifelt zu verstehen versuchte, was ich da las. Zum Ausgleich dafür trieb ich mich damals fast jede Nacht in der Stadt herum. Schaute mir die Menschen an. Trank hier ein Bier und dort ein Glas Wein. Ich kam nicht zur Ruhe, es gab so viel zu sehen, so viel zu staunen. In dieser Zeit träumte ich davon, alles hinzuwerfen und stattdessen Psychologie zu studieren. Doch ich traute mich nicht. Es hätte Vater nicht gefallen. Mein Studium war eine einzige Qual gewesen. Kaum zu glauben, dass ich meinen Beruf trotzdem lieben gelernt hatte.
Lag es an mir? Warum wollte sie mich nicht mehr? Beim Einschlafen hatte sie sich noch genussvoll an mich gekuschelt, mich geküsst und mir eine gute Nacht gewünscht.
Ernst hatten ihre blauen Augen mich am Morgen angesehen. Ich spürte, dass ihr Entschluss unumstößlich war und ich dabei kein Mitspracherecht hatte. Sichtlich verwirrt wartete sie auf meine Reaktion, vielleicht auch auf Vorwürfe oder Anklagen. Doch ich blieb stumm. Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf, doch keine war es wert, ausgesprochen zu werden. Wozu auch? Sie wollte mich verlassen und die Gründe dafür lagen auf der Hand. Ich hatte sie nur verdrängt. Ihr Studium war beendet. Ein längerer Auslandsaufenthalt war bereits geplant. Danach würde sie irgendwann eine Familie gründen. In ihrem zukünftigen Leben war kein Platz mehr für den grauhaarigen Liebhaber.
Wir hatten noch miteinander gefrühstückt. Sie hatte ganz normal geplaudert, meine Wortlosigkeit kommentarlos akzeptiert. Ich beobachtete jede ihrer Bewegungen. Versuchte, mir ihr Bild einzuprägen, für immer.
Zum Abschied küsste sie mich sanft und lange. Es fühlte sich an wie ein Messer in meinem Herzen. Und doch, es war ein süßer Schmerz. Während sie im Bad ihre Kosmetiktasche packte, öffnete ich ihre Handtasche. Ich nahm ein Foto von ihr aus ihrem Geldbeutel und steckte es in meine Brieftasche. Eine einsame Träne lief über meine Wange. Ich wischte sie weg.
„Mach´s gut, Andreas. Und vielen Dank für alles. Ich habe dich sehr lieb.“ Ein letztes Mal nahm ich sie in den Arm. Hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Vergiss mich nicht“, wollte ich schreien. Ich schluckte die Worte hinunter und öffnete die Türe für sie. So viel Anstand wollte ich beweisen. Ihr mit dieser Geste zeigen, dass ich sie freigab. Sie wird keine Nachfolgerin bekommen, beschloss ich in diesem Moment.
Vom Fenster zurücktretend schaue ich auf das Bett. Ich lasse mich fallen und suche in ihrem Kopfkissen Trost. Es duftet leicht nach ihrem Shampoo. Aus und vorbei!
Eine Stunde später bin auch ich unterwegs. Die Tränen fließen und verschleiern meinen Blick. Ich fahre in eine Parkbucht, halte an und hole ihr Bild hervor. Lange sehe ich es an. Eine Ewigkeit, wie mir scheint. Dann zerreiße ich es in winzige Stücke und werfe es aus dem Fenster. Etwa zwanzig Meter vor mir, nahe der Auffahrt zur Schnellstraße, steht eine Trauerweide. Wie passend. Entschlossen gebe ich Gas.

Seelenverwandt

Äußerlich hatten wir nur zwei Dinge gemein. Die Haarfarbe, wobei mein Haar länger ist und lockig. Dafür hattest du deutlich mehr davon, auch an Stellen, an denen mir die Haare fehlen.
Die zweite Ähnlichkeit bestand in einem gut sichtbaren Bäuchlein. Meins ist den vielen Süßigkeiten geschuldet, die ich gerne und oft zu mir nehme. Deins kam mit dem Alter und deiner Diabeteserkrankung.

Schon als wir uns das erste Mal begegneten, warst du etwas ganz Besonderes für mich. Und auch umgekehrt zeigtest du mehr Interesse an mir als üblich. Zumindest wurde mir das berichtet.
In der Folgezeit trafen wir uns unregelmäßig. Bei meiner Ankunft beobachtetest du mich meist ein Weilchen aus sicherer Entfernung. Dann kamst du näher und suchtest Blickkontakt. Wenn sich unser Blick traf, hatte ich stets das Gefühl, dass deine Seele meine Seele berührt. Gesprochen haben wir nie miteinander und uns doch sehr viel erzählt.

Ich erinnere mich an einen Vormittag im Februar. Es war kalt draußen, aber die Sonne schien mir direkt ins Gesicht. Ich lag auf dem Sofa und fühlte mich schlecht. Alte Geister waren aufgetaucht, sie bedrängten mich und zugleich stieg ein unsägliches Einsamkeitsgefühl in mir auf.
Du kamst heran, setztest dich in meine unmittelbare Nähe und warst einfach nur da. Verscheuchtest die Geister, die mich ungebeten besucht hatten, und auch meine Einsamkeit.

Irgendwann, als ich wieder einmal abfuhr, hatte ich das intensive Gefühl eines Verlustes. Es wurde so stark, dass ich während der Autofahrt anhalten musste um meine Tränen zu trocknen. Lange konnte ich damit nichts anfangen, bis ich erfuhr dass du krank warst. Schließlich kam die Nachricht von deinem Tod.

Du hast mich vom ersten Augenblick an gefangengenommen. Deine Bernsteinaugen, dein sanftes Schnurren. Deine Wärme, die du ausstrahltest, wenn du dich auf meinem Schoß zusammengerollt hast.
Ich werde dich nicht vergessen. Wir sind seelenverwandt.

Alte Geister

Mit Herzklopfen lief er den schwach bewaldeten Hang hinauf. Was würde geschehen? Sollte er nicht besser umdrehen? War es nicht falsch, die alten Geister zu rufen?
Er blieb stehen, schöpfte Atem und lächelte über sich selbst. Vor zwanzig Jahren war er diesen Hang leichter hinaufgestiegen, selbst mit seiner tiefen Trauer im Gepäck.
Die letzten Schritte ging er achtsam, er spürte, dass die alten Gefühle um ihn herumschlichen, bereit, zuzuschlagen.
Dort stand sie, die Bank, auf der er damals Abschied genommen hatte. Sie war verwittert, ihre einstmals rote Farbe nur noch zu erahnen. Er setzte sich und schaute über das weite Tal.
Direkt unter ihm, vielleicht dreißig Meter tiefer, schmiegten sich die ersten Häuser des Dorfes an den Hang. Ihre roten Dächer blitzten unter den kräftig grünen Baumkronen hervor. Der größere Teil des Dorfes erstreckte sich in die Ebene hinein, bis in die Nähe der Autobahn, welche die saftigen Wiesen hinter dem Ort teilte und mit ihrem grauen Band die Mitte des Tales markierte.
Der Himmel leuchtete blau. Ein böiger Wind, der immer wieder kräftig in die Baumkronen fuhr, ließ das Sonnenlicht auf den Hausdächern tanzen.
Die gegenüberliegende Seite des ehemaligen Flussbettes schien zum Greifen nah. Und doch waren es gut zwei Kilometer bis hinüber zum Nachbardorf, das sich auf der anderen Seite der Autobahn wie ein Spiegelbild des diesseitigen Ortes ausbreitete und sich ebenfalls ein Stück den Hang hinaufzog. Drei Windräder krönten den Hügel, ragten weit über die Baumwipfel hinaus und zogen seinen Blick magisch an. Wie oft hatten sie sich vorgenommen, einmal ganz nahe an eines der Windräder zu wandern und hatten es doch nie geschafft.
Wo war der Baum geblieben? Der Baum, den sie immer als Sinnbild ihrer Beziehung verstanden hatten. Dessen kräftiger Stamm sich früh in zwei eigenständige Baumhälften teilte. Um sich dann, in der Krone, wieder zu vereinen. So wie sie sich mehrmals getrennt und wieder zusammengefunden hatten.
Bis ihre Verbindung auf dem grauen Band endgültig zerriss. Es war ihm nicht möglich gewesen hier weiterzuleben, nachdem er sie tot aus dem Auto gezogen hatte. Er verließ das Dorf um bis heute nicht wiederzukehren.
Und nun, nach so vielen Jahren, saß er hier und die Erinnerung schmerzte nicht mehr. Der Baum war nicht mehr da. Das erschien ihm richtig.
Er fühlte eine große Dankbarkeit für alles, was er mit ihr erlebt hatte. Und heute auch dafür, dass sein Leben weitergegangen war.
Später, gegen Abend, würde er ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof besuchen und dann würde er zurückkehren.
Zufrieden stand er auf und machte sich auf den Rückweg. Es war richtig gewesen, hierher zu reisen. Nun wusste er, die alten Geister hatten keine Macht mehr über ihn.

Abschied

Ich fülle die heiße Suppe in eine Schnabeltasse.
Der Physiotherapeut ist vor ein paar Minuten gegangen. Meist schläfst du nach der Behandlung ein Weilchen, ich brauche mich also nicht zu beeilen. Ich hole mir einen Teller aus dem Schrank, schöpfe mir etwas Suppe aus dem Topf und esse im Stehen, während ich aus dem Fenster schaue. Normal hätten wir bei diesem herrlichen Wetter auf der Terrasse gedeckt.
Doch normal ist nichts mehr seit deinem Schlaganfall vor einem Jahr. Erst sah alles sehr gut aus. Du hast schon wieder Pläne gemacht für die Zeit nach dem Krankenhaus, doch dann kam der zweite Schlag. Du, ein Pflegefall für den Rest deines Lebens? Damals habe ich es nicht geglaubt. Und auch heute habe ich oft noch Mühe  zu akzeptieren, dass du nie mehr aufstehen, nie mehr sprechen wirst.
Ich stelle den leeren Teller in die Spülmaschine und nippe an deiner Tasse. Ja, die Temperatur ist perfekt. Als ich die Türe zu deinem Zimmer öffne, schläfst du noch. Sanft streichle ich dir über die Wange.
„Zeit fürs Abendessen, Gerd“, sage ich und setze mich auf den Stuhl neben deinem Bett. Du öffnest deine Augen, schaust mich an und lächelst. Es ist ein schiefes, einseitiges Lächeln das mich schmerzt und doch tief berührt. Ich zeige dir die Schnabeltasse und will gerade aufstehen um das Kopfteil deines Bettes hochzustellen, als mich dein Blick aufhält. Wir haben vor deinem Schlaganfall schon oft über Blicke kommuniziert. Und seit du nicht mehr sprechen kannst, haben wir das geübt. Meist verstehe ich dich auch ohne Worte sehr gut.
Deine Augen sagen mir, dass du nie mehr Suppe essen wirst. Es dauert einen Moment bis ich begreife. Dann füllen sich meine Augen mit Tränen. Du zwinkerst zwei Mal, was einem bestätigenden Nicken gleichkommt und bist sichtlich erleichtert, dass ich dich auf Anhieb verstanden habe. Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. Es gibt keine Worte für das, was ich sagen möchte.
Ich nehme deine gute Hand. Ganz schwach fühle ich deinen Händedruck. Ruhig und gelassen schaust du, wartest geduldig bis meine Tränen versiegen. Nach einer Weile hauche ich dir einen Kuss auf die Nasenspitze. Du hast ja Recht. Wir hatten ein gutes und auch langes Leben. Und nun ist es Zeit für dich zu gehen.
Ich stehe auf und öffne das Fenster. Kühle Abendluft strömt herein. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich schüttle dein Bett auf und vergewissere mich, dass du es bequem hast.
Unsicher schaue ich dich an. Soll ich bei dir bleiben? Oder möchtest du alleine sein? Deine Augen bitten mich zu bleiben.
Ich stelle den Stuhl zur Seite und ziehe mir den bequemen Sessel nahe an dein Bett. Als ich wieder sitze, sehe ich, dass dir die Augen zugefallen sind. Ich nehme deine Hand und streichle sanft über deinen Handrücken. Es wird nur eine kurze Trennung werden. Etwa so wie damals, als wir für zwei Jahre nach Hongkong  gezogen sind. Du bist vorausgefahren, hast uns eine Wohnung gesucht und dann bin ich nachgekommen. Und auch diesmal gehst du voraus und ich werde dir folgen, wenn meine Zeit gekommen ist.
Es wird dunkel im Zimmer. Draußen zirpen die Grillen. Irgendwann schlafe ich ein. Als ich aufwache, bist du schon fort.

Spaßgedicht

Manchmal, da setzt sich das Kind in mir durch und ich habe richtig viel  Lust mit Worten zu spielen. An so einem Tag entstand folgendes Gedicht, das mir beim Schreiben richtig viel Freude machte.

Da gibt es eine Frau, die lebt schon lang allein,
tagtäglich geht sie in den Wald,
dort ist es ihr gar nie zu kalt.
Am Wegesrand, ein wildes Schwein, das findt` sie fein.

„Nimm mich mit zu dir“, grunzt laut das Tier.
Da ruft die Frau: „schau mich doch an,
ich bin vegan
und du – bleibst schön brav hier!“

Gar wütend ist der Keiler und senkt den großen Kopf,
die Frau erkennt die Zeichen,
erklimmt eine der Eichen
wutschnaubend greift er an, der arme Tropf.

Der Förster auf der Pirsch,
will eigentlich den Hirsch,
doch so ein fettes Schwein,
das läuft ihm auch gut rein.

Da macht es Peng – tot ist das Schwein
Der Förster hilft der Frau galant
vom Baum mit seiner starken Hand.
Sie dankt ihm mit ‘nem Knicks gar fein
und lädt ihn in ihr Häusl ein.

Was dann passiert, das sag ich nicht.
Und die Moral von der Geschicht`
– die gibt es nicht.

Gespräch unter Arbeitskollegen

Ich bin an meinem Lieblingsplatz. Hier kann ich weit in die Stadt hineinschauen, die mein Arbeitsgebiet ist und nun auch schon länger meine Heimat. Neben mir sitzt Gabriel. Er ist sozusagen bei der Feuerwehr und wird immer dort eingesetzt, wo es brennt. Manchmal verlieren wir uns lange aus den Augen, aber das hat unserer Freundschaft bislang keinen Abbruch getan. Seit heute ist er wieder meinem Gebiet zugeteilt und ich bin gerade dabei, ihn einzuweisen. Da er ein alter Hase ist, dauert es nur eine halbe Stunde und er ist wieder auf dem Laufenden.

„Sag mal, was macht eigentlich Lydia? Lebt sie noch?“, fragt er mich interessiert.
„Oh ja, letzte Woche hatte ich vier Einsätze wegen ihr“, antworte ich lachend.
„Sie war für mich immer etwas Besonderes“, sagt Gabriel nachdenklich. „Sie ist so schön. Sie leuchtet wie eine Alte, obwohl sie noch so jung ist.“

Sein Piepser ertönt. „Ich muss los“, sagt er noch und ist auch schon weg.

Ich mache es mir gemütlich und genieße die Zeit die mir noch bleibt, bis auch ich zum nächsten Einsatz gerufen werde. Ich mag Gabriel. Er ist mir ähnlich und wir reden, wenn wir uns treffen. Das ist unüblich, mit meinen anderen Arbeitskollegen rede ich nur selten.
Gabriel hat Lydia gut in Erinnerung. Für eine junge Seele hat sie ein seltsames Leben geführt. Sie hat schon als Kind ihre Prioritäten falsch gesetzt. Sie war extrem risikobereit, sodass ich oft im Dauereinsatz nur für sie war. Später hat sie alle Fehler gemacht, die man nur machen kann und trotzdem ihre innere Ruhe nicht verloren. Dabei ist es doch das Privileg der jungen Seelen, rastlos und ohne langfristige Ziele durch das Leben zu rasen und sich selbst dabei zu verlieren. Lydia hat das zwar auch alles getan, aber mit der Einstellung und Ausstrahlung einer alten Seele, die ihre Erfahrungen bereits gemacht hat. Das ist kurios und bislang einzigartig.

Mein Piepser meldet sich. Ich strecke mich und stoße mich ab. Mit kräftigen Flügelschlägen beschleunige ich und halte auf mein Ziel, etwa einen Kilometer entfernt, zu. Ich weiß nicht, was mich dort erwartet, doch das berührt mich nicht. Das ist Teil meines Jobs und ich habe genug Erfahrung, um jede Situation zu meistern.
Als ich mich dem Einsatzort nähere, sehe ich Lydia, wie sie gerade ansetzt, über eine Straße zu laufen. Sie scheint tief in ihren Gedanken versunken zu sein, denn sie schaut sich nicht um und übersieht so den Laster, der gerade rückwärts aus einer engen Einfahrt in die Straße einbiegt.
„Oh nein, altes Mädel“, denke ich. „Noch ist es nicht Zeit für dich.“ Ich lege einen Zahn zu und erwische sie gerade noch rechtzeitig. Mit einem sanften Stoß befördere ich sie aus der Gefahrenzone. Zufrieden sehe ich ihr dabei zu, wie sie verwirrt um sich blickt. Sich wundert, worüber sie gerade gestolpert ist. Ihre Einkaufstasche aufhebt und kopfschüttelnd weiterläuft.

In meinem Traum

Alle Menschen sind gleich viel wert. Jeder bekommt, was er zum Leben braucht. Wir werden geliebt dafür, dass es uns gibt, unabhängig von der Leistung, die wir erbringen. Jeder darf das tun, was er gerne macht und gut kann.

Nachdenklich schaue ich auf die Zeilen, die ich bisher geschrieben habe. Ich schiele auf das Blatt meiner Nachbarin Susa. Sie schreibt von einem Tag, den sie damit verbringt, so viel einzukaufen wie sie möchte. Das ist tatsächlich ein Traum. Ich frage mich, wie das früher wohl war, damals, als man einfach so einkaufen gehen konnte. Wir bekommen alles zugeteilt.

Es ist still im Raum. Alle schreiben eifrig. Herr Magus sitzt an seinem Pult und liest die Zeitung. Er hat das Thema so gestellt, das Abschreiben kaum möglich ist. So erspart er sich das Aufpassen und kann sich seinem Vergnügen widmen. Genau solche Themen mag ich nicht. Manchmal liest er nach dem Korrigieren aus den Aufsätzen vor, den guten sowie den schlechten und es gibt immer viel Gelächter und Getuschel.

Ich streiche alles, was ich bisher geschrieben habe durch.

In meinem Traum. Verflixt. Mir fallen einfach keine Träume ein, die ich aufschreiben könnte, ohne Gefahr zu laufen, ausgelacht zu werden. Wie viel Zeit ist wohl schon vergangen? Die Uhr an der Wand steht schon seit Monaten. Es gibt keine Batterien mehr.

Wir haben für diesen Aufsatz ein ganzes Blatt Papier bekommen. Das Papier ist neu, es können beide Seiten beschrieben werden. Das ist so, weil dieser Aufsatz in die Schülerakte kommt. Die Note, die ich in diesem Aufsatz bekomme, entscheidet mit darüber, ob ich weiter auf die Schule gehen darf oder in ein paar Monaten in der Fischfabrik stehen werde.

Mir wird plötzlich etwas klar. Es ist gar nicht so wichtig, einen guten Aufsatz zu schreiben. Viel wichtiger ist es, die passenden Träume zu haben. Ich träume sicherlich nicht davon, für den Rest meines Lebens Fische zu entgräten, aber ich will auch nicht weiterlernen dürfen, weil ich gut im Lügen bin.

Susa wendet gerade ihr Blatt. Herr Magus steht auf und geht durch die Reihen. Mir wird ganz heiß vor Angst. Doch er schaut nur über unsere Köpfe hinweg. Ob Herr Magus gerne Lehrer ist? Ich glaube nicht. Warum gehen mir gerade jetzt all diese Gedanken durch den Kopf? Wieso kann ich nicht einfach den Aufsatz schreiben?

Will ich lügen? Nein, will ich nicht. Ich will mich aber auch nicht dumm stellen müssen. Gerade beneide ich Susa.

Ich erinnere mich an Fräulein Dierksen, sie war meine Lehrerin in der Grundschule. Sie sagte einmal zu mir, ich wäre etwas ganz Besonderes und ich würde auch einen ganz besonderen Weg gehen. Was hat sie damit gemeint? Dass ich ganz besonders gut Fische verarbeiten würde, im Akkord, zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche?

Meine Entscheidung fällt. Ich muss mir mehr Zeit verschaffen und dazu muss ich lügen.

Nun fliegt meine Hand förmlich übers Papier. Als Herr Magus uns bittet, zum Ende zu kommen, habe ich auch die zweite Seite fast vollgeschrieben.

Mein letzter Satz lautet: In meinem Traum bleibt alles für immer so, wie es gerade ist. Denn unser System ist gut und gerecht. Ich bin sehr stolz ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein und freue mich darauf, bald etwas zurückgeben zu dürfen für die Fürsorge, die ich erfahren habe.

Sie soll Luna heißen

Nach einem gemütlichen Abendessen mit Kerzenschein laufen wir zurück ins Hotel. Die Straßen des kleinen Urlaubsortes sind hell beleuchtet, Kinder rennen um die kreuz und quer abgestellten Autos herum und ich fühle mich wie in einem Traum. Obwohl aus fast jedem Haus laute Musik herausdröhnt, höre ich auf einmal das Meer. Ein großes Schild mit einem roten Pfeil weist uns den Weg zum Strand. Ich ziehe Bernd hinter mir her.

„Lena, das ist um diese Zeit gefährlich. Wir sind hier in Brasilien, nicht in Deutschland. Du erinnerst dich, was uns der Reiseleiter gestern gesagt hat?“

 Ich lasse ihn reden und gehe weiter. Nach ein paar Sätzen gibt er seufzend auf und schüttelt den Kopf. Zärtlich drücke ich seine Hand. Ich weiß genau, was er nun denkt.

„Wofür habe ich denn einen Meister im Aikido geheiratet?“, frage ich ironisch und kuschle mich an ihn. Der Mond ist voll und wirft wunderschöne Reflexe auf die schäumenden Wellen. Wir laufen langsam an der Wasserlinie entlang und ich genieße den leichten Wind, den salzigen Geruch und die Leere. So schön ich unseren Urlaubsort auch finde, es ist hektisch, laut und voller Menschen und das stresst mich mehr, als ich gedacht hätte. Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere hellblonden Haare hier selten zu sehen sind, und wir deshalb  mehr Aufsehen erregen als mir recht ist.

„So ist das eben mit uns Landeiern“, murmle ich leise vor mich hin.

Bernd zieht mich näher an sich heran und küsst mich. „Du wirst dich daran gewöhnen, wir sind ja erst angekommen“, flüstert er in mein Ohr.

Von irgendwoher kommen Geräusche. Ich höre Trommeln und Gesangsfetzen. Wir gehen um eine Düne herum und schauen direkt auf ein großes Feuer, um das etwa 30 Menschen tanzen.

„Lass uns umdrehen“, flüstert Bernd, doch ich bin verzaubert von diesem Anblick. Zwei Gestalten lösen sich aus dem Lichtkreis und kommen auf uns zu. Es sind Mädchen, fast noch Kinder. Sie fassen uns an den Händen und ziehen uns freundlich lächelnd in die Gruppe. Der Rhythmus der Trommeln ändert sich ständig und hat etwas Hypnotisches. Alles wird unwichtig. Meine Welt schrumpft auf ein Feuer, die Trommeln und das Stampfen vieler Füße. Irgendwann, nach Minuten – oder sind es Stunden – kann ich nicht mehr und lasse mich in den Sand fallen. Bernd legt sich neben mich. Er keucht vor Anstrengung und als sein Atem ruhiger wird, schläft er ein. Ich streichle ihm übers nassgeschwitzte Haar, kuschle mich an ihn und schließe die Augen. Die jungen Leute tanzen weiter. Ich fühle mich wohl und willkommen in dieser mir völlig fremden Gemeinschaft.

Viel später hört das Trommeln auf. Ich muss eingeschlafen sein. Als ich aufwache, dämmert es bereits. Bernd hat sich zur anderen Seite gedreht und mir ist kalt. Ich setze mich auf. In etwa 10 Meter Entfernung sitzt eine ältere Frau. Sie und ein alter Mann sind wohl die Begleitpersonen dieser Jugendgruppe und beide haben uns im Verlaufe des Abends immer mal wieder gemustert. Sie winkt mir. Ich stehe auf und setze mich neben sie. Sie spricht ein kindliches Englisch und ich verstehe sie gut.

„Wo kommt ihr her?“, fragt sie mich.

„Aus Deutschland.“

„Wo ist das?“

„In Europa“, antworte ich doch ich merke, dass ihr das auch nichts sagt.

„Wir kommen von der anderen Seite der Erde.“

„Wir leben am Amazonas, in den Wäldern. Manchmal sind wir hier, um uns unserer Wurzeln zu versichern. Wir kommen schließlich alle aus dem Meer.“

Ich nicke nachdenklich.

„Wenn wir feiern, laden wir gerne Fremde dazu ein. Damit wir nicht vergessen, dass es nicht nur unsere Art zu leben gibt und viele Wege zum Glück. Und ihr zwei seid glücklich.“

 Ich nicke abermals.

„Wir haben gemeinsam getanzt. Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir an euch denken werden.“ Nach einer Weile des Schweigens steht die Frau auf und geht.

Monate später bin ich alleine im Taxi unterwegs ins Krankenhaus. Unser erstes Kind meldet sich an und Bernd ist ausgerechnet heute nicht da. Ich bin ein wenig aufgeregt, aber alles in allem doch froh, dass es endlich so weit ist.

Die Geburt kostet mich viel Kraft, immer wieder rieche ich Feuer, was mich irritiert, und als das Kind endlich kommt, bin ich völlig erschöpft. Irgendetwas stimmt nicht. Die Hebamme legt mir das Kind nicht auf den Bauch, sie nimmt es hoch und geht mit ihm fort.

„Was ist los?“, flüstere ich, doch ich bin alleine. Heiße Tränen fließen mir über die Wangen.

Die Türe öffnet sich und eine junge Schwester kommt in den Raum. Sie ist sichtlich überfordert mit mir, doch ihr Mitgefühl tut mir gut. Sie wäscht mich und ich lasse mir apathisch alles gefallen. Ich bin völlig am Ende.

Nach ewig langen Minuten kommt die Hebamme mit dem Kind zurück und legt es mir in den Arm.

„Es tut mir leid, es sah so aus, als gäbe es ein Problem, aber es ist alles gut. Sie haben eine wunderschöne, gesunde Tochter“, sagt sie und streicht mir mitfühlend über das Haar.

Neugierig schiebe ich das Handtuch zur Seite und betrachte mein Kind. Das kleine Gesicht ist noch ganz verdrückt von der Geburt. Ihre Haare sind voll, lang und schwarz. Ihre Haut ist dunkel und die geschlossenen Augen sind seltsam geformt, fast asiatisch.

„Was ist mit ihr?“, frage ich irritiert. „Ist das wirklich mein Kind?“

Das Mädchen verzieht den Mund und gähnt. Sie öffnet die Lider und tiefschwarze Augen blicken mich an. Und plötzlich wird mir alles klar. Eine längst vergessene Stimme erklingt in meinem Kopf.

Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir immer an euch denken werden.

Die unterschiedlichsten Gefühle beherrschen mich gleichzeitig. Unglaube, Angst, Stolz, Freude. Sie ist meine Tochter und doch trägt sie ein fremdes Erbe in sich. Und während ich hilflos zu lachen beginne, spüre ich, wie sie meinen kleinen Finger mit ihrer winzigen Hand umfasst.

Die Hebamme beobachtet mich aufmerksam. Was sie wohl denken mag? Vermutlich überlegt sie gerade, ob sie mir ein Beruhigungsmittel spritzen soll.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ob wohl heute Nacht irgendwo am Amazonas ein hellhäutiges Mädchen geboren wurde? Oder ein kleiner Junge mit blauen Augen?

„Sie soll Luna heißen“, presse ich immer noch haltlos lachend hervor.

Wenn die Muse Sommerurlaub macht

Letzte Woche ist sie gefahren, nach Teneriffa zum Wandern und zum Baden. Natürlich gönne ich ihr die Erholung. Ich bin ja wirklich nicht immer einfach.  Andere Autoren setzen sich täglich zur selben Zeit an ihre Texte. Das kann ich nicht. Meine Muse muss da sein, wenn ich Lust zum Schreiben habe, egal zu welcher Uhrzeit. Und das tut sie auch, sie hat mich noch nie versetzt.

Bevor sie abfuhr, hat sie mir noch ein paar Ideen da gelassen. Damit ich nicht aus der Übung komme, hat sie gesagt und mich angegrinst.
Leider ist es dieses Jahr so wie alle Jahre, kaum hat meine Muse die Türe hinter sich zugemacht, plustert sich mein innerer Kritiker auf. Der kleine Giftzwerg hat mir diese Woche jeden Text, den ich begonnen habe, so schlechtgeredet, dass ich nach ein paar Sätzen die Lust verloren habe.

Draußen ist es noch dunkel. Ich habe mich eben aus dem Bett geschlichen und mir ganz leise einen Kaffee gemacht. Das Notebook fährt hoch. Ich möchte endlich mal wieder einen Text zu Ende bringen. Doch ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Gerade als ich loslegen will, kommt mein Kritiker zur Türe herein. Seine Haare stehen wild nach allen Seiten und sein Shirt hat er verkehrt herum an.
Vorerst stumm setzt er sich neben mich und schaut mit mir zusammen auf das leere Dokument mit dem blinkenden Cursor. 

„Was hast du vor?“, fragt er nach einer Weile.
„Ich schreibe ein Gedicht.“
„Du hast doch keine Ahnung von Versfuß, Versmaß und Strophenform und vermutlich weißt du nicht einmal, wie man Jambus schreibt. Das kann doch gar nichts werden.“
„Gedichte müssen sich heutzutage nicht mehr reimen.“

„Das stimmt, aber dann müssen sie zumindest tiefgründig sein und wenn ich mir deine letzten Texte so ins Gedächtnis rufe …“ Er macht eine vielsagende Pause und schüttelt dabei den Kopf.
„Dann schreib ich eben etwas Lustiges!“ Heute soll er mich nicht abhalten. Ich will schreiben und es soll ein Gedicht werden.

Der Giftzwerg lacht sich kaputt. „Du, die du jedes zweite Komma falsch setzt und auch ansonsten Probleme mit der Rechtschreibung hast, du willst in die Königsdisziplin? Lustig ist noch schwerer als erotisch … und was passiert ist, als du einen erotischen Text schreiben wolltest, das weißt du doch noch, oder?“ Er schüttelt abermals vielsagend den Kopf.

Oh Mann, der Kerl weiß schon ganz genau, welche Knöpfe er bei mir drücken muss. Ich nehme meine Hand von der Tastatur und trinke einen Schluck Kaffee. Sollte ich vielleicht lieber Fenster putzen gehen? Ist ja wirklich eine Schnapsidee. Ein Gedicht. Wie bin ich da bloß drauf gekommen? Mein Selbstwertgefühl schmilzt wie Butter in der Sonne.

Sein Lachen wird hysterisch, er klopft sich mit den Händen auf die Schenkel, Tränen laufen ihm die Wangen hinunter. Und dann verschluckt er sich und beginnt laut zu husten.
„Das hat er nun davon“, denke ich schadenfroh und lege meine Hände wieder auf die Tastatur. Doch ich komme nicht zum Schreiben. Innerhalb weniger Sekunden läuft er lila an, und ringt keuchend um Luft. Ich stehe auf und klopfe ihm kräftig zwischen die Schulterblätter. Was nicht sonderlich hilfreich ist. Er wird ohnmächtig. Immerhin bin ich da und kann ihn halten, sodass er nicht vom Stuhl fällt.

Das Husten hört abrupt auf und einen Moment denke ich, er ist hinüber. Ich werde hektisch. Auch wenn er beim Schreiben eines Entwurfes oft nervt, beim Überarbeiten ist er Gold wert. Und zudem ist er ein Teil von mir. Er darf nicht sterben. Ich schüttle ihn ein wenig und überlege gerade, ob ich ihn beatmen soll, da hebt sich sein Brustkorb ruckartig. Nach einigen Atemzügen normalisiert sich auch seine Gesichtsfarbe wieder. Ich lege ihn aufs Sofa, streiche ihm das wirre Haar aus dem Gesicht und setze mich wieder an das Laptop. Wie von selbst gleiten meine Finger über die Tastatur.

Minuten später ist mein Gedicht fertig. Gerade rechtzeitig. Ich höre ein leises Rascheln und schon sitzt er wieder neben mir. Seine Augen fliegen über die wenigen Zeilen. Ein Grinsen stiehlt sich in sein Gesicht. „Nett“, sagt er und verlässt den Raum.

Mit offenem Mund schaue ich ihm hinterher. Was ist denn mit dem passiert? Ich hoffe, der Sauerstoffmangel hat keine bleibenden Folgen und er ist bei der nächsten Überarbeitung wieder er selbst.

Seifenblasen – ein Sommermärchen

Wie so oft in letzter Zeit erwache ich viel zu früh. Ich mache Licht und sehe auf die Uhr. Es ist halb fünf und ich feiere heute meinen 80. Geburtstag. Mein Blick fällt auf die blaue Glaskugel, die ich gestern Abend auf meinen Nachttisch gelegt habe. Sie hat mich nun genau 60 Jahre meines Lebens begleitet.
Ich lege sie auf meinen rechten Handteller und drehe sie langsam. Erst scheint sie an meiner Haut festzukleben, doch dann dreht sie sich von selbst und beginnt zu leuchten. Ihr Licht wird immer heller, bis es so grell ist, dass sich meine Lider von selbst schließen. Als ich sie vorsichtig wieder öffne, schaue ich in tiefblaue Augen. Eine barsche Stimme ertönt in meinem Kopf: „Du hast mich geweckt.“
„Deine Umgangsformen haben sich über die Jahre auch nicht verbessert“, antworte ich amüsiert.
„Wo brennt`s?“, knurrt er.
„Nirgendwo. Ich wollte dir nur danken“, antworte ich.
„Danken wofür? Du hast mich nie gerufen.“
„Das ist richtig, doch alleine die Möglichkeit hat mir in schwierigen Zeiten so viel Sicherheit gegeben, dass ich sie alleine meistern konnte.“
Sein Blick wird sanft. „Wie war dein Leben?“
„Erfüllt!“, antworte ich lächelnd.
„Dann lass uns Abschied nehmen. Möchtest du unsere Begegnung noch einmal erleben?“
Ich nicke und spüre, wie mir die Tränen in die Augen steigen. Sein Bild verblasst und mit einem leisen „Plopp“ löst sich die Kugel in Luft auf. Meine Hand fühlt sich kalt und leer an.

Ich finde mich wieder an einem dieser heißen Augusttage, an denen die Welt stillzustehen scheint. Froh, der brennenden Sonne entronnen zu sein, wandere ich durch den Wald. Auf einer kleinen Lichtung, unweit von hier, möchte ich Himbeeren pflücken. Breite Lichtbahnen dringen durch die Baumkronen und erhellen den schmalen Pfad. Abseits des Weges ist alles in ein geheimnisvolles Halbdunkel gehüllt. Obwohl ich den Wald gut kenne, erscheint er mir heute neu, fast märchenhaft. Das mag aber auch daran liegen, dass ich Geburtstag habe. Leise plätschernd kreuzt ein Bach den Weg. Ich setze mich auf die kleine Holzbrücke und lasse meine Füße im kühlen Wasser baumeln. Ein dumpfer Schlag, gefolgt von einem wütenden Aufschrei lässt mich aufhorchen. Neugierig stehe ich auf und gehe einige Schritte ins Halbdunkel hinein, bis ich an einem steil abfallenden Hang stehe. In der Senke liegen mehrere Baumstämme übereinander gestapelt zum Abholen bereit. Obenauf sitzt ein alter Mann mit hellem Haar und hochrotem Gesicht. Als er mich erblickt, wirft er einen dicken Ast in meine Richtung. Achselzuckend drehe ich mich um und bin schon fast wieder an der Brücke, als er mir im Befehlston hinterher schreit: „Bring mir Wasser. Und dann laufe ins Dorf und hole Hilfe, ich stecke fest!“ Eigentlich habe ich große Lust, den unverschämten Alten sitzen zu lassen, aber dann siegt mein gutes Herz. Ich kehre um. Es dauert ein bisschen, bis ich es den steilen Abhang hinunter geschafft habe. Als ich bei ihm ankomme, brummt er mürrisch: „Mein Fuß ist eingeklemmt.“ Ich krame meine Saftflasche aus dem Rucksack und während er gierig trinkt, greife ich nach seinem Bein. Nach einigem Drehen und Ziehen, untermalt von den lauten Flüchen des Alten, ist der Fuß frei. „Du bist ein Engel“, stottert er verdutzt und humpelt mit erstaunlicher Geschwindigkeit davon.
Ich mache mich wieder auf den Weg und bin schon ein gutes Stück auf dem Hang, als ich ihn erneut schreien höre: “So warte doch, Kind! Ich will dir etwas schenken.“ Unmut macht sich in mir breit. Ich bin schon lange kein Kind mehr, schließlich ist heute mein 20. Geburtstag. Und was wird der alte Zausel mir schon schenken wollen? Doch dann siegt meine Neugier. Als ich ihn einhole, steht er am Bach, etwa zehn Meter von der Brücke entfernt. Wie ist er so schnell dort hingekommen? Er deutet auf einen großen Stein. Ich setze mich bereitwillig. Während er umständlich in seinem Rucksack kramt, betrachte ich ihn genauer. Er ist sehr klein und dünn und wenn die tiefen Falten in seinem Gesicht nicht wären, könnte man ihn fast für ein Kind halten. Über seiner speckigen Lederhose trägt er ein viel zu großes Hemd. Seine Haare, die auf den ersten Blick weiß aussehen, sind hellblond und extrem dünn. Nach einer Weile hat er eine alte Tasse, einen Strohhalm und ein kleines grünes Glasfläschchen hervorgeholt. Mittlerweile sehr interessiert, beobachte ich ihn genau. Er füllt die Tasse mit Wasser, gibt einige Tropfen aus dem Fläschchen hinzu und rührt dann bedächtig mit dem Strohhalm um. Schon beim ersten Versuch gelingt ihm eine wunderschöne Seifenblase. Schillernd steigt sie nach oben, um dann, knapp über unseren Köpfen, in der Luft stehenzubleiben. Der Alte beugt sich zu mir hinüber und tippt mir mit seinem Zeigefinger auf die Stirn. Ich fühle ein leichtes Brennen über meiner Nasenwurzel. Er berührt auch seine Stirn und verblüfft sehe ich ein silbernes Band, das uns nun verbindet. Mit seiner rechten Hand wedelt er einige Male hin und her, dazu murmelt er unverständliche Worte, die Schnur löst sich und schwebt langsam auf die Seifenblase zu. Ich kratze mich an meiner Nase, die heftig zu jucken beginnt. Das Band windet sich um die Seifenblase, etwa so wie eine Schlange um einen Ast, taucht gemächlich in sie ein und verblasst. Der Alte nickt zufrieden. Er hält eine Hand unter die Seifenblase, die immer noch wie angeklebt in der Luft hängt, schnippt mit den Fingern der anderen Hand, die Kugel fällt. Er verbeugt sich galant, so, als wolle er mich zu einem Tanz auffordern und hält mir die Seifenblase direkt unter die Nase. Es kostet mich einige Überwindung, bis ich sie berühren kann. Sie ist kühl und fest. Sie hat sich in eine blaue Glaskugel verwandelt. Die Stimme des Alten klingt nun sanft, fast liebevoll.
„Wir sind jetzt verbunden. Wenn du in Not bist, nimm die Kugel und drehe sie auf deinem Handteller. Dann werde ich Kontakt mit dir aufnehmen und dir helfen, genauso, wie du mir vorhin geholfen hast. Doch wähle den Zeitpunkt weise. Denn danach wird sie wieder zur Seifenblase und du wirst unsere Begegnung vergessen.“ Sanft streicht er mir mit seiner knochigen Hand über die Wange.
„Und nun geh nach Hause, Kind, und feiere deinen Geburtstag.“ Ich bin so sprachlos über das, was ich eben erlebt habe, dass ich lediglich nicke, sein Geschenk sorgfältig in meinem Rucksack verstaue und mich brav auf den Weg mache. Tausend Fragen schwirren mir durch den Kopf. Woher weiß er, dass ich Geburtstag habe? Wie hat er das mit der Seifenblase gemacht? Stimmt es, dass er mir zur Hilfe kommen wird, wenn ich ihn rufe? Als ich bei meinem Eimer ankomme, den ich auf der Brücke abgestellt hatte, erwartet mich die nächste Überraschung. Er ist bis zum Rand gefüllt mit großen, reifen Himbeeren. Nachdenklich nehme ich eine davon und stecke sie in meinen Mund. Ich will zurück zum Alten und ihn fragen, wie er das gemacht hat. Doch er ist spurlos verschwunden.

Ich erwache vom Klingeln des Telefons. Irritiert schaue ich auf meine Nachttischlampe. Wieso brennt sie? Ich fühle mich seltsam. Glücklich und traurig zugleich. Was habe ich geträumt? Ich kann mich leider nicht erinnern.

Vom Schulheft zur SSD

Wie alle in meinem Alter, habe ich im Laufe meines Lebens einen rasanten Technologiewechsel miterlebt.

Meine Oma heizte und kochte noch mit Holz und Kohle. Es gab zwei Öfen im Haus, einen in der Küche, auf dem wurde auch gekocht, der andere stand im 1. Stock im Stübchen. Die restlichen Räume wurden auch im Winter nicht beheizt. Das Haus meiner Großeltern war modern. Für die menschlichen Bedürfnisse musste man nicht über den Hof. Es gab eine Toilette im Haus.

Als ich acht Jahre alt war, kauften meine Eltern einen Fernseher. Es gab damals überschaubare drei Programme, die den größten Teil des Tages lediglich ein Testbild sendeten.

Fünf Jahre später wurde ein Telefon in unserer Wohnung installiert. Ohne triftigen Grund, einfach mal so telefonieren, das durfte ich nicht. Das war viel zu teuer. So bin ich auch weiterhin, wie vorher schon, zum Bahnhof gelaufen und habe in der gelben, nach Schweiß oder Üblerem riechenden Telefonzelle mit meiner Freundin geplaudert. Ein großer Teil meines Taschengeldes verschwand damals im gierigen Schlund des Münztelefons.

1981 habe ich mir meinen ersten Computer gekauft. Einen Commodore 64, wegen seiner Form auch liebevoll Brotkasten genannt. Mit dem C64 versuchte ich mir die Grundlagen des Programmierens anzueignen, was ich aber bald aufgab, da meine Freunde das schon viel besser konnten und mir auch jederzeit begeistert halfen. Fortan benutzte ich meinen Computer vorwiegend zum Spielen. Das mache ich übrigens auch heute noch gerne, mittlerweile aber an einem etwas neueren Modell. Was mein Commodore aber im Gegensatz zu denen meiner Freunde recht bald hatte, war ein gutes Textverarbeitungsprogramm.

1983 bekam ich die im Jahr zuvor als Weltneuheit angepriesene erste elektronische Reiseschreibmaschine der Welt. Eine Olivetti-Typenradmaschine, Praxis 35. Im schwarzen Plastikkoffer verpackt hatte sie annähernd die Maße eines Kinder-Trolleys, sie war etwas breiter, dafür nicht ganz so hoch. Und ihr Gewicht entsprach dem eines Kleinkindes. Da das Tippen auf dieser Maschine im Vergleich zu den damals üblichen mechanischen Schreibmaschinen wirklich mühelos war, schrieb ich darauf innerhalb einiger Wochen nicht nur meine eigene Diplomarbeit, ich tippte zusätzlich noch die Arbeiten von zwei Freunden ab.

Hatte ich in meiner Kindheit noch mit dem Kassettenrekorder vor dem Radio oder dem TV gesessen und mit dem Mikrophon Musik aufgenommen, kam dann bald der VHS-Videorekorder. Etwas später wurde der Plattenspieler durch den CD-Player ersetzt und der VHS-Rekorder durch einen DVD-Player oder Festplattenrecorder. Und mein guter alter Commodore? Der ist längst einem schönen, flachen Notebook gewichen.

Wahnsinn eigentlich, oder?

Als Kind schrieb ich meine Geschichten mit dem Füller in ein altes Schulheft, heute tippe ich sie in mein Textverarbeitungsprogramm und speichere sie auf der Festplatte. Der Spaß, den ich damals daran hatte, meine inneren Welten festzuhalten, der ist mir geblieben, auch wenn sich das Medium rasant verändert hat.

Was fasziniert mich so am Schreiben?

 Unter anderem die Freude, der eigenen Fantasie Raum zu geben. Im Geiste eine ganze Welt zu erschaffen, sie mit den unterschiedlichsten Kreaturen zu bevölkern und dann mit einer spannenden Handlung zu verweben. Über viele Jahre hinweg habe ich Texte begonnen, jedoch kaum einen davon beendet. Dem selbstverliehenen Titel „Königin der Anfänge“ wurde ich Hunderte von Malen gerecht, das meiste davon existiert nicht mehr.

Für ein Publikum schreiben?

 Darüber habe ich nicht einmal nachgedacht. Ich war  der einzige Schreiberling in meinem Umfeld und Schreiben, das war sicherlich 35 Jahre meines Lebens lang etwas, das nur mir gehörte, weshalb ich es auch sehr bewusst geheim hielt. Vermutlich wäre es heute noch so, wäre ich nicht im Internet auf andere Geschichtenerzähler gestoßen. Der Schritt vom geheimen Kämmerchen direkt hinein ins World Wide Web fiel mir weit weniger schwer, als ich dachte.

 Und nun also ein Schreib-Blog?

 Das ist noch einmal eine neue Erfahrung, das Schreiben für Menschen, die mir völlig fremd sind. Die ich nicht einmal mit einem Nick oder durch ihre eigenen Geschichten kenne. Einen gesunden Respekt davor habe ich schon, aber es überwiegt die Freude auf und über dieses Experiment zusammen mit den anderen aus dem Team der Schreibkommune.

Und wer ist die nun, die da schreibt?

Eliane,

lesebegeistert, schreibsüchtig, technikaffin,

introvertiert, achtsam, mit schrägem Humor ausgestattet,

zweifache Mutter, mittlerweile Oma

„Best Ager“

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