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Schlagwort: Horror

Die Kinder Kains (1/3)

„Untersteht euch!“, rief die Heldin, die die Welt gerettet hatte. „Wehe, ihr rührt mich auch nur a…“ Ihr Protest versank in einem hysterischen Lachanfall, als die Kleinen sich auf sie stürzten und unter Freudenschreien kitzelten. Die Menschenmasse wurde von einem Berg aus Kissen verschlungen, der lautlos in sich zusammenfiel.

Ich saß hilflos neben dem Sofa und wusste nicht recht, was ich tun sollte. Während Tiphareth Sefer Qadmon sich der unzähligen kleinen Händchen zu erwehren versuchte, kratzte ich mich verlegen am Hinterkopf und musterte diskret das digitale Kaminfeuer. Das warmherzige Knistern ließ mich wohlig erschauern. Ein Blick aus dem Fenster des großen Hauses verriet mir, dass es immer noch schneite. In der Ferne zeichneten sich die weißen Gipfel der Alpen ab. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob die Wärme im Wohnzimmer von der Heizung oder von dem sanft glühenden, kreuzförmigen Breitschwert an der Wand kam.

Tiphareths Kreischen nahm beängstigende Ausmaße an und endete erst, als neben mir ein lauter Gongschlag ertönte. Ich zuckte zusammen. In Windeseile standen die Kinder artig und mit gesenkten Köpfen vor Binah Sefer Qadmon, Tiphareths bester Freundin. Sie war die Köchin in der Villa Paradiso und trug eine lange Schürze. Einzig ihre blau glühenden Augen verrieten ihre Herkunft.

„Was soll das werden?“, knurrte sie wütend. Ich wandte den Blick ab. Obwohl meine Kindheit schon Jahre zurücklag, fühlte ich mich wieder in unangenehme Situationen zurückversetzt – damals, vor der Eklipse.

„Entschuldigung, Tante Nah“, erwiderten die Kinder im Chor.

Binah verdrehte die Augen und warf ihr rostbraunes Haar zurück. Mit einem Wink bedeutete sie den Kindern, mitzukommen. „Wenn ihr so viel Energie habt, könnt ihr mir beim Kochen helfen. Heute Abend gibt es Schnitzel!“

Ich musste mich noch immer daran gewöhnen, dass ein außerirdischer Erzengel fünf Jahre nach der Eklipse seine Zeit damit verbrachte, für Waisenkinder Schnitzel zu klopfen.

Die Botschaft löste triumphierendes Jubelgeschrei aus. Binah bedachte mich mit einem entschuldigenden Blick, während sie die aufgeregten Kinder aus dem behaglichen Wohnzimmer führte. Das Geschrei wurde leiser, als die Tür hinter ihnen zufiel. Ich atmete erleichtert auf und sank kaum merklich auf meinem Stuhl zurück.

Mir reichten bereits Amelie und Jonas. Beim Gedanken, so viele Kinder erziehen zu müssen, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Neugierig ließ ich meinen Blick über die braun gestrichenen Wände schweifen. Wie viele Einrichtungsgegenstände hatte die Rasselbande wohl schon zerstört?

Meine Überlegungen endeten, als sich Tiphareth keuchend aufrappelte. Ihr feuerrotes Haar hing ihr wirr ins Gesicht und verdeckte die rubinfarbenen Augen, deren mattes Leuchten meine Blicke schon die ganze Zeit über auf sich zog. Ungeschickt zupfte sie an ihrem Pullover herum. Ich zwang mich wegzusehen, als ihr Rock kurz mehr als üblich offenbarte.

Dann stand Tiphareth auf. Kein Geräusch ertönte, als ihre nackten Füße den dicken Wollteppich berührten. Sie lachte verlegen.

„Entschuldigung!“, rief sie. „Destiny und Viktor haben letzte Woche herausgefunden, dass ich kitzelig bin und seitdem …“ Sie räusperte sich vielsagend und versuchte, ein seriöses Gesicht aufzusetzen. Der Anblick brachte mich zum Schmunzeln.

„Darf ich diesen … Vorfall in meinen Artikel aufnehmen, Frau Qadmon?“

Sie winkte ab. „Tiph reicht. Und mach dir keine Gedanken. Solange du unseren Standort nicht verrätst, kannst du alles detailgetreu wiedergeben. Ich weiß schließlich, dass ich dir vertrauen kann, David.“

Ich sah sie überrascht an. Ich hatte mich noch nicht vorgestellt.

„Sie kennen meinen Namen?“

Tiph hob drohend einen Zeigefinger. „Offenbar. Und duzt du mich? Bitte?“

Ich schluckte. Ich hatte sie mir anders vorgestellt.

„Wenn es Ih- … dir Freude macht.“

Tiph nickte zufrieden und kuschelte sich auf das gemütliche Sofa. Ich musterte sie unsicher, bis sie eine einladende Bewegung machte und mir zunickte.

„Komm schon, dein Stuhl ist steinhart. Ich sage Nah schon seit Ewigkeiten, dass wir ihn entsorgen müssen.“

„Ist schon in Ordnung.“

Tiph hob eine Augenbraue. „Glaub ich dir nicht.“

Ich seufzte und erhob mich mit einem Stöhnen. Seit Jahren verfolgten mich nun schon Schmerzen im Rücken. Harte Stühle und Bänke waren dabei nicht hilfreich. Ich seufzte erleichtert, als ich mich neben Tiph niederließ. Ein wohliger Schauer wogte über meine Haut. In ihrer Nähe war die Luft wärmer.

„Chessed meinte, ich kann mich auf dich verlassen“, sagte sie erklärend. Ich nickte erleichtert. Chessed Sefer Qadmon war der dritte im Bunde. Er zeigte sich als einziger in der Öffentlichkeit. Ich war überrascht, dass er sich mein Gesicht offenbar gemerkt hatte.

„Also habe ich ihm dieses Interview zu verdanken“, murmelte ich.

Tiph nickte. „Binah war natürlich dagegen, aber Chessed versicherte uns hoch und heilig, dass dieses Gespräch deinem Seelenfrieden helfen würde. Also konnte ich nicht ablehnen.“

Mein Innerstes gefror. Meinem Seelenfrieden? Wie viel wusste sie?

Außerdem entging mir nicht, dass sie bezüglich der Entscheidung nur von sich selbst sprach. Tiph wirkte zwar tollpatschig, aber ihre Führungsposition schien nicht infrage zu stehen.

„Also“, sagte Tiph, als ich schwieg. „Was willst du wissen, David?“

Einen Moment lang schloss ich die Augen und genoss die wohlige Wärme, die sie verströmte. Das war meine letzte Gelegenheit. Die letzte Chance, Vergebung zu finden.

„Was passierte wirklich während der Eklipse?“, fragte ich wie einstudiert. Dabei holte ich einen altertümlichen Schreibblock hervor und zückte einen Kugelschreiber. Mein Tablet und mein Aufnahmegerät waren mir nicht gestattet worden.

Tiph spielte mit einer ihrer feuerroten Locken. Sie wirkte entsetzlich jung. Sie hätte meine Tochter sein können.

„Du kennst die offizielle Version, David.“

Ich schluckte. Würde sie sich weigern?

„Es sind fünf Jahre vergangen“, erwiderte ich mit zitternder Stimme. „Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht auf die Wahrheit!“

Tiph seufzte und zog die Beine an. Sie schlang die Arme um ihre Knie und stützte ihr Kinn darauf, während sie mich betrübt musterte.

„Das ist eine lange und traurige Geschichte“, sagte sie kaum hörbar. „Und ich kann dir nicht erlauben, sie anderen zu erzählen.“

Die Luft erhitzte sich weiter und ich fühlte Angstschweiß auf meiner Haut. Ich wich instinktiv zurück, ließ aber nicht locker.

„Du sagtest doch, dass du mir wegen meines Seelenfriedens weiterhelfen willst, oder nicht? Ich kann dir versichern, dass die Eklipse viele Menschen mit ähnlichen Empfindungen zurückgelassen hat. Willst du ihnen nicht helfen?“

Tiphs Augen wirkten wie kaltes Feuer. Dann wandte sie sich ab und seufzte. Ich zuckte zusammen, als sie mich plötzlich umarmte.

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht.

Das Zittern meines Körpers beruhigte sich, als sie mich fest an sich zog. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich wieder geborgen.

Dann ließ sie los und der Moment endete.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Was dir zugestoßen ist, was allen Menschen zugestoßen ist – es tut mir unendlich leid. In jener Nacht vor fünf Jahren … hat sich alles verändert.“ Sie schloss einen Moment lang die Augen. Sie wirkte wie eine Feuerlilie in einer Schneelandschaft.

„Ich werde es dir erzählen“, flüsterte sie und stand auf.

Walpurgisnacht

Man möchte meinen, dass es in einem beschaulichen kleinen Dorf wie Krähenflügel wenig Anlass zu Selbstjustiz gibt. Auch ich erlag in der Vergangenheit diesem Fehlschluss, als ich beschloss, mich hier zur Ruhe zu setzen. Ich hatte meine Kindheit in der Stadt Krähenberg verbracht und schätzte die Nähe zu meiner alten Heimat. Krähenflügel lag nur wenige Meilen entfernt. Man konnte sogar die beeindruckenden Zwillingstürme der Krähenberger Kathedrale vom Rathausplatz aus sehen.

Das Dorf selbst ist schwer zu beschreiben, denn Worte scheinen ihm nie gerecht zu werden. Zum einen wirkt es altehrwürdig und edel mit seinen stuckverzierten Häusern und den steinernen Wasserspeiern, zum anderen auch ungezähmt und wild, was vor allem an den ungezügelt wuchernden Sträuchern und Bäumen liegt, die ohne jede Vorwarnung zwischen den alten Gebäuden hervorbrechen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen Abend lang mit meiner Familie in Krähenflügel einen Gasthof besuchte. Damals jagte mir der Anblick der emporgestreckten Zweige eiskalte Schauer über den Rücken. Mein Bruder verlachte mich, aber auch ihm waren sie nicht geheuer – zu sehr erinnerten sie uns an knochige Arme, die sich langsam nach den Passanten ausstreckten.

Krähenflügel besitzt auch mehrere Hügel, die ursprünglich das Dorf begrenzten und heute größtenteils bebaut sind. Nur einer verbleibt bis heute von jeglicher menschlichen Architektur verschont – es ist der Galgenhügel, an dem man vor etlichen Jahrhunderten die namenlose Frau aus Krähenberg hingerichtet wurde.

Wenn ich in der Dämmerung noch einen geruhsamen Spaziergang unternahm, führte mich der Weg direkt am Fuße des Hügels vorbei. Hier stand kein Haus und es gab keine Viehweide, nur ungezügelte Natur. Als ich zum ersten Mal dort vorbeikam, hielt ich unbedachterweise auf einem Baumstumpf Rast. Ich tupfte mir gerade die Stirn ab, als ich im Wispern des Windes plötzlich eine Stimme vernahm. Sie war leise und kaum hörbar, doch hörte ich die unverwechselbaren Klänge eines alten Kinderliedes. Ich versuchte, der Stimme zu folgen, doch schon bald veränderte sie sich. Sie klang abscheulich und bestialisch verzerrt, wie eine Steigerungsform blutrünstigen Knurrens. Mit einem Mal schienen die Zweige nach mir zu greifen und ich floh, so schnell ich konnte. Als ich endlich zu Hause ankam, raste mein Herz wie wild in meiner Brust.

Damals wäre es mir als lächerlich erschienen, irgendjemandem davon zu erzählen. Heute hingegen wünsche ich mir inständig, es getan zu haben. Vielleicht hätte ich die folgenden Ereignisse verhindern können.

Krähenflügel besitzt einen äußerst romantischen Friedhof, der, zwischen üppiger Vegetation versteckt, zwischen dem Rathaus und der Kirche verborgen liegt. Metallene Kreuze erheben sich aus dem Schotterboden, während die Pflanzen sie umschlingen. Der Totengräber ist zugleich mit einer Heckenschere ausgestattet, die er bei jedem meiner Besuche tatkräftig einzusetzen pflegte. Er war damals bereits ein stets betrübter Mann mit faltigem Gesicht und dürrem Körperbau, dem man das Führen einer Schaufel kaum zutraute. Dazu kam eine unnatürliche Blässe, die ihm ein nahezu gespensterhaftes Aussehen verlieh. Einmal konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Er seufzte dabei, schnitt ein vorstehendes Ästchen mit der Heckenschere ab und sagte dabei mit flüsterleiser Stimme: „Es sind die Gräber, Sibelius. Früher haben sie mich angeschwiegen; heutzutage lassen sie mich nachts nicht mehr schlafen.“

Ich glaubte zuerst, dass er nur in Metaphern sprach und fragte scherzhaft, welches Grab denn am lautesten sei. Daraufhin deutete er mit einem knochigen Finger mitten ins Dickicht.

„Es ist die Krypta“, wisperte er, während seine Augen sich vor Schrecken weiteten. „Mein Vorgänger hat sie zuwachsen lassen. Ich habe sie einmal besucht und seither tue ich nachts kein Auge mehr zu.“

Meine Neugier war geweckt. Ich wusste von keiner Krypta in Krähenflügel und bohrte hartnäckig nach. Doch der Totengräber zuckte bei jeder Frage zusammen und nahm mir schließlich mit bebenden Lippen das Versprechen ab, sie niemals aufzusuchen. Ich empfand sein Verhalten als befremdlich, respektierte seinen Wunsch jedoch und besuchte lediglich das schlichte Grab meiner Kindheitsfreundin. Ich bin froh, dass niemand ein Foto an das Kreuz geheftet hatte. Ich weiß nicht, ob ich die Tränen sonst hätte zurückhalten können.

Es geschah um diese Zeit, dass eines Nachts ein grässlicher Schrei meinen Schlaf störte. Der Mond hielt sich hinter dunklen, unheilschwangeren Wolken verborgen. Ich eilte sofort hinaus und blickte in die müden Gesichter vieler anderer Bewohner. Der Bürgermeister stand im Nachthemd neben seinem Sekretär und dem Feuerwehrkommandanten. Er begrüßte mich mit einem gewichtigen Nicken. Schließlich war ihm bestens bekannt, dass ich im Auffinden verlorener Personen und Dinge durchaus geübt war.

Mein geschultes Gehör war zu diesem Zeitpunkt zwar bei weitem nicht mehr so gut wie früher, doch meine Fertigkeiten reichten aus, um den Schrei beim Rathaus zu lokalisieren. Wenn ich heute zurückdenke, erscheint es mir ein wenig seltsam, dass sämtliche Dorfbewohner den Drang verspürten, nach der Quelle des Schreis zu suchen. Damals erschien es mir als völlig natürlich. Dem Schrei wohnte dermaßen fürchterliche Todesangst inne, dass uns der Klang alleine die Haare zu Berge stehen ließ. In dieser schrillen Stimme verbarg sich ein Funken jenes menschlichen Leides, das niemals die Schwelle unseres Unterbewusstseins übertreten sollte und die Seele eines Menschen verzehrt, wenn es dennoch in sein Herz gelangt.

Der Bürgermeister, der Feuerwehrkommandant und ich stürmten in den Rathauskeller. Man hatte ihn seit Jahrzehnten nicht mehr betreten. Wie ich wohl wusste, hatten sich in archaischen Zeiten darin die Zellen befunden – und die Folterkammer.

Der Feuerwehrkommandant und zwei seiner Jungspunde traten die morschen Türen ein und wir betraten die alten Räume mit zusammengepressten Lippen und geballten Fäusten.

Wenn ich mich heute frage, zu welchem Zeitpunkt der Wahnsinn sich in mein Innerstes schlich, so würde ich diesen Anblick angeben. Ein Mensch kann nur eine gewisse Anzahl an Anblicken ertragen – weitaus weniger, als die endlosen Weiten des Universums und der Realität ihn auszusetzen vermögen. In jenem Augenblick durchfuhren mich die rätselhaften Zeilen einer alten Krähenberger Steintafel, die ich vor Jahren entziffert hatte.

Post mortem manet ecclesia. Nach dem Tod bleibt die Versammlung.

In der feuchten Kammer bot sich uns ein Bild unaussprechlichen Grauens und Liebreizes. Wir sahen eine lächelnde junge Frau in weißen Gewändern, die uns aus treuherzigen Augen aufrichtig anblickte. Sie wirkte so zerbrechlich und unschuldig wie eine Elfe. Als ich meinen Blick senkte, wollte mein Gehirn das Bild zunächst nicht annehmen. Erst der metallische Gestank brachte mich zur Vernunft.

Zu Füßen der elfenhaften Frau kauerte ein blutiges Bündel, das kaum noch als Lebewesen zu erkennen war. Ich wage nicht, den Zustand dieses menschlichen Körpers zu beschreiben, dieses armen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchens. Bis heute kann ich nicht ermessen, welche gottlosen Teufelsmaschinen einen Menschen sosehr verdrehen können, dass die Glieder in dermaßen widernatürlicher Position hervorragen wie knochige, reglose Zweige. Allein der Gedanke an den Schmerz, den dieses Geschöpf vor unserer Ankunft hatte erdulden müssen, bringt mich heute an den Rand der Ohnmacht.

Von uns allen bewies allein der Feuerwehrkommandant die nötige Geistesgegenwart, den Rettungsdienst zu rufen. Wir anderen waren wie versteinert. Die elfenhafte Frau lächelte uns verführerisch an und ging. Ich kann mir noch immer nicht erklären, wie sie an uns vorbeikam, doch mit einem Mal stand sie hinter uns. Ich wandte mich wie gesteuert um, als sie mit einem Mal zu singen begann.

Ich erkannte das gottlose Kinderlied, das ich zum letzten Mal auf dem Galgenhügel gehört hatte. Ohne dass ich es wollte, formten meine Lippen dieselben Worte und wir sangen, marschierten in einer Prozession an den staunenden Dorfbewohnern vorbei und sangen dabei ununterbrochen. Das Ereignis wirkte in seiner Unverständlichkeit wie ein paradoxer Albtraum auf mich. Dennoch hat sich jedes Bild in meinen Verstand eingeprägt, wie nur die Realität es zu tun vermag. Selbst an den Text des Liedes erinnere ich mich, doch wage ich nicht, ihn hier aufzuschreiben. Wir sangen abscheuliche, gotteslästerliche Worte in einer Sprache, die mir seither immer wieder unwillkürlich die Zunge verdreht. Nicht umsonst schrieb Bruder Petronius über die Hexen Krähenbergs: Dicunt bonum malum et malum bonum.

Die Frau führte uns zum Krähenberger Friedhof. Wir durchschritten das schmiedeeiserne Tor und erkannten aus den Augenwinkeln den Totengräber, der zwischen den Vorhängen seines Häuschens hervorlugte und dabei ein Kruzifix zitternd vor sich hielt. Wir beachteten ihn nicht länger und steuerten sofort auf das Dickicht zu, während der Gesang sich als gewaltiges, im Echo widerhallendes Klangnetz über den Gräbern aufspannte. Plötzlich bildeten wir eine große Versammlung aus geisterhaften Gestalten, die furchtlos ins Dickicht stürzten.

Endlich sahen wir die Krypta. Heute bin ich mir sicher, dass sie niemals als Grabmal, sondern als Gefängnis gedacht war. Ein rostiges, schmiedeeisernes Tor versperrte den Eingang, während Heiligenbildnisse und von zitternden Händen eingeritzte Psalmen dem Bösen Einhalt gebieten sollten. Steinerne Dämonen starrten wütend auf uns herab, doch sie waren kalt und tot, ungeboren, ohne jede Macht. Singend stiegen wir hinter der Frau die Treppe hinab und fanden uns schließlich in einem kreisrunden, unterirdischen Raum wieder. Er war leer, bis auf einen Sarg in der Mitte. Die Frau ließ sich darauf nieder, klatschte in die Hände und mit einem Mal entstiegen Geister den steinernen Wänden.  

Bis zum Zeitpunkt dieser Niederschrift klammere ich mich mit größter Verzweiflung an die Illusion, Opfer einer kollektiven Halluzination geworden zu sein. Doch in meinem Innersten weiß ich es besser. Einmal nur will ich diese Geschichte vollständig erzählen, um danach nie wieder daran denken zu müssen.

Die Geister waren schrecklich missgestaltet. Manche humpelten, aus manchen wuchsen grotesk verdrehte Glieder, andere wiederum krochen als formlose Masse über den steinernen Boden. Ich wollte fliehen, wollte diesem grässlichen Anblick entkommen, aber stattdessen hob ich auffordernd die Arme. Ein schrecklich entstelltes Mädchen taumelte auf mich zu, ich schloss es in die Arme und wir tanzten, ich singend, sie kehlig röchelnd, während abscheuliche Töne aus dem Sarg drangen. Ich weiß noch immer nicht, welche Instrumente solches Grauen heraufbeschwören können, doch in jenem Moment trieben die Klänge mich in einen seltsamen Zustand abstruser Glückseligkeit. Meine Gedanken erloschen wie Kerzen im Wind und ich lächelte, lächelte mit dem Wahnsinn um mich herum. Vor meinem inneren Auge zogen weitläufige, unvorstellbare Landschaften in mir völlig unbekannten Farben vorbei, während sich die trägen, flötenspielenden Körper alter Götter in schattenhafter Ekstase zwischen den Sternen wanden.

Ich hätte bis zum Hungertod weitergetanzt, wenn mich nicht ein weiteres Klatschen der elfenhaften Frau aus meiner Trance gerissen hätte. Ich blinzelte verwirrt und sah den Geist vor mir zum ersten Mal mit klaren Augen. Dabei erschrak ich beinahe zu Tode, nicht wegen der grausam verrenkten Glieder oder der verunstalteten Haut, sondern weil ich die in entsetzlichen Qualen verzerrten Gesichtszüge wiedererkannte.

Ein drittes Klatschen ertönte und die Geister verschwanden. Sie glitten in den Stein zurück, so als ob es sie niemals gegeben hätte. Als wir uns zum Sarg umwandten, erblickten wir statt der elfenhaften Frau eine einsame Urne auf dem Sarg.

Nach dieser Nacht besuchte ich täglich das Grab meiner Kindheitsfreundin. Der Totengräber hält den Kopf stets gesenkt, wenn ich durch das Tor trete und verweigert auch sonst sämtliche Kommunikation mit mir. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Erst heute habe ich eine Rose auf das Grab gelegt. Ich kann nicht aufhören, ihren Tod zu beweinen. Wenn sie damals, vor meinem Umzug nach Berlin, nicht ein derart grausames Ende gefunden hätte, hätten wir dann vielleicht tatsächlich einmal miteinander getanzt?

Die Aneignung des Lebens

Ich könnte nun die Geschichte einer mutigen jungen Frau erzählen. Die Geschichte einer Frau, die sich entgegen aller Erwartungen unbegreiflichen Schrecknissen entgegenstemmt und letztlich mit wehenden Haaren aus den Fängen ihrer Häscher entkommt und auf dem Rücken eines Pferdes in die Nacht reitet. Das wäre eine finstere, dunkle Geschichte, aber sie hätte immerhin ein gutes Ende und einen sympathischen Hauptcharakter, der an den ihm auferlegten Prüfungen wächst.

Ich bedaure zutiefst, dass das Leben ein schlechter Autor ist.

Ich weiß nicht, warum ich die Begebenheiten hier aufschreibe. Meine Kerze ist beinahe heruntergebrannt und ich darf nicht annehmen, dass jemals irgendjemand diese vergilbten Pergamentseiten finden wird. Ich befinde mich tief unter der Erde in einem Raum ohne Fenster. Ich sitze auf dem einzigen Stuhl vor einem altertümlichen Schreibpult. Die einzige Tür ist fest verschlossen und ich werde sie niemals öffnen. Dieser Raum wird meine letzte Ruhestätte.

Ich habe mir immer gewünscht, vor meinem Tod etwas hinterlassen zu können. Doch ich hätte niemals vermutet, dass die Geschichte der Frau M. die letzte sein würde, die aus meinen Fingern fließt. Dennoch, ihr Gesicht, ihre Miene und ihr Name gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich will ihr meine letzten Stunden widmen.

Eigentlich wollte ich meinen Lebensabend in der Nähe des Schwarzen Buchs mit all seinen Versuchungen zubringen, doch es liegt unerreichbar weit entfernt in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit meines Lebens. Es ist auch nicht nötig, einen weiteren Blick hineinzuwerfen. Die süßen Lehren auf diesen Seiten werden bis auf alle Ewigkeit in meinen Gedanken widerhallen. Auch in diesem Moment höre ich das Flüstern der verbotenen Worte in meinem Gedächtnis. Ich will sie hier nicht aufschreiben, denn das Aussprechen dieser Silben könnte den Verstand eines leichtfertigen Abenteurers sprengen und ihn bis an sein Lebensende zu einem zitternden Nervenbündel verdammen.

Als ich M. zum ersten Mal sah, saß ich tagsüber in einem Restaurant in einem Einkaufszentrum. Damals genoss ich ein Leben, das zur einen Hälfte aus eintönigem Arbeitsalltag und zur anderen aus dem Reiz nächtlicher Geheimnisse bestand, die in regelmäßigen Abständen einen bestimmten Tribut forderten. In diesem Einkaufszentrum befand ich mich auf Pirsch, hinter einer Zeitung und einer dampfenden Tasse Kaffee verborgen, und behielt alle möglichen Kandidaten im Auge. Ich tat dies nicht zum ersten Mal und hätte es unter Gewissheit auch nicht zum letzten Mal getan, wenn das Schicksal mich nun nicht zu diesem einsamen Tod unter der Erde verdammen würde.

Die Kriterien einer geeigneten Person sind mannigfaltig und doch dermaßen simpel, das ein perfekter Tribut auf den ersten Blick erkannt werden kann. Als ich M. sah, wusste ich, dass meine Suche zu Ende war.

Wie sollte ich sie beschreiben? Wenn ich sie vorher als Frau bezeichnet habe, so war das gnädiger Selbstschutz. M. war ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das vor Lebenslust geradezu übersprühte. Sie besuchte das Restaurant an diesem Tag mit einigen Schulfreunden und wirkte geradezu wie eine elektrisierende Laterne reinsten Lichts zwischen den übrigen Jugendlichen. Sie trug lockere, bunte Kleidung, die ihre physischen Vorzüge auf sehr unschickliche Art und Weise hervorhob, dazu ein kleines Täschchen, in dem sie wohl ihr Handy und ihre Geldbörse aufbewahrte. Auf ihrem Kopf saß ein weißer Sommerhut, der mit den rabenschwarzen Haaren kontrastierte. Doch am meisten bannten mich ihre Augen – diese saphirblauen, schimmernden Augen! Das Leben schien geradezu aus ihnen herauszufließen wie klares Wasser aus einer Gebirgsquelle.

Als Apostel des einzig Wahren haben wir stets das Leben gesucht, denn es zerfloss uns zwischen den Fingern. Jeden Monat erinnert mich mein schwacher Körper an meine eigene Unwürdigkeit. Der Gott des Schwarzen Buches tauscht Leben gegen Leben, aber er ist unersättlich und unerbittlich.

Ich beschattete M. eine Zeitlang und schlich mich sogar in der Verkleidung eines Installateurs in ihre Schule. Allein die bloße Nähe zu ihr ließ mein Herz höher schlagen. Kein Zweifel, sie war die Person unserer Träume. Als ich in einer Pause ihr Lachen hörte, wählte ich die Nummer des Abts.

»Gut«, sagte er nur. Er sprach wie üblich mit dunkler, rasselnder Stimme und erinnerte mich dabei, dass auch seine Kräfte mit jedem Atemzug schwanden.

Die folgenden drei Nächte verbrachte ich nie im Bett. Gemeinsam mit meinen Brüdern beschattete ich M. und kundschaftete ihr Zuhause – ein schöner, weiß gestrichener Bungalow mit großer Glasfassade – aus. Unsere Sehnsucht einte uns auf unseren Beobachtungsposten. Wir alle wurden von dem Verlangen nach ihrem Licht verzehrt.

Zwei Nächte später war der große Augenblick gekommen. Wir alle boten einen schrecklichen Anblick und verhüllten unsere Mienen mit den dunklen Kapuzen, um nicht unsere bleichen, ausgemergelten Gesichter mit den hervortretenden Augäpfeln voller Gier und Mordlust sehen zu müssen. Die schwarzen Kutten streiften über den Boden und alarmierten den Vater, der uns auf dem Gang überraschte. Nach einem kurzen Handgemenge und einem erstickten Schrei erklang nur noch das Tropfen des Bluts auf den Stufen.

Es gab auch noch eine Mutter und einen Bruder, doch beide interessierten uns wenig. Selbst Bruder Malach, der eine große Liebe für Knaben hegt, war völlig auf unsere Auserwählte fixiert.

M. erwachte erst, als wir sie in ihrem Bett schon gefesselt und geknebelt hatten. Den Ausdruck des übermächtigen Entsetzens in ihren saphirblauen Augen werde ich niemals vergessen. In dem Moment, als sie sich aufbäumte und gegen die Ketten wehrte, spürten wir alle unsere Kräfte zurückehren.

Unentdeckt verließen wir das Haus und brachten M. mit dem Lastwagen einer Metzgerei (einer von uns besaß einen Schlachthof und ein Geschäft) ins Verlies. Auf dem Altar entkleideten wir sie zunächst, bevor wir die Ketten befestigten.

M. war völlig starr vor Schreck und schien bereits jegliche Gegenwehr aufgegeben zu haben. Erst während des Rituals kehrte ihre Energie zurück.

Der Abt las mit seiner wie üblich sonoren Stimme aus dem Schwarzen Buch, während wir unsere Rollen ausfüllten. Ms Schreie umschmeichelten unsere Ohren wie Wasser die Kehle eines Verdurstenden und erzeugten mit dem Geräusch klirrender Ketten, gegen die sie sich stemmte, ein blasphemisches Orchester. Kurz vor dem Höhepunkt flehte sie mich um Gnade an, während ihre saphirblauen Augen sich beinahe in die Höhlen drehten und das freudvolle Licht der Iris brach. Ihre Worte erfreuten mich besonders und wärmten mein Herz. Zum Dank erwies ich ihr besonders viel Zärtlichkeit.

Unsere Kräfte wuchsen und wuchsen. Meine Haut straffte sich, meine Hände gewannen ihre alte Kraft und Gewandtheit und mein Atem ging leicht, ohne zu rasseln. Es geschah zu diesem Zeitpunkt, dass der Herr des Schwarzen Buchs unter uns wandelte.

Wir nahmen ihn nur als schattenhafte Figur wahr, deren Oberfläche sich kontinuierlich verwandelte. Wie lebendiger Rauch zeigten sich in seiner Körperform verschiedenste Umrisse. Ich glaubte, die Gesichter vergangener Tribute darin zu sehen, während Bruder Malach verzückt den Namen eines verstorbenen Knaben rief.

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles auf gewohnte Art und Weise. Jedoch begannen nun aus völlig unerfindlichen Gründen Zweifel in mir zu sprießen. Sie kamen nicht in Form von Worten oder vernünftigen Gedanken, sondern in Form von Bildern, die ich längst vergessen glaubte. Da erkannte ich mit einem Mal, woran mich M. wirklich erinnerte und warum ich mich so zu ihr hingezogen fühlte. Entferntes Kinderlachen drang in jenem Moment an meine Ohren. Beinahe glaubte ich, eine kleine Hand zwischen meinen Fingern zu spüren.

Ich kann mich nur noch schemenhaft an das Folgende erinnern. Meine sanften Zweifel lösten eine Kakophonie des Grauens aus, als es an mir lag, Ms Blut dem Herrn darzubieten. Grässliches Geschrei ertönte und einen Augenblick lang hüllte mich ein dunkles Meer aus wutverzerrten Gesichtern ein. Schattenhafte Hände griffen nach mir und meinen Brüdern und im nächsten Augenblick hörte ich ein seltsames Geräusch aus der Kehle des Abts, so als ob eine gewaltige Menge Körperflüssigkeit unter Zwang durch eine viel zu enge Öffnung nach außen gedrückt werden würde. Die anderen Brüder erlitten ähnliche Schicksale.

Blind vor Panik eilte ich davon. Ich fand eine Tür und stieß sie hinter mir zu. Ehe ich mich versah, wurde sie von außen abgesperrt. Ich zog und zerrte an dem Schloss herum, doch es erklang nur schauriges Gelächter.

Ich bin hier eingesperrt und dazu verdammt, elend zu verdursten. Der Herr des Schwarzen Buchs mag mich beim Ritual verschont haben, doch das war kein Akt der Gnade. Er lauert im Verborgenen und sieht mir zu, sieht mir dabei zu, wie meine Schrift immer fahriger und mein Atem immer unregelmäßiger wird. Immer wenn der Kerzenschein flackert, vermeine ich in der Dunkelheit seine schattenhafte Gestalt zu erkennen, aber immer nur aus den Augenwinkeln, sodass ich nie Gewissheit haben kann.

Mir fehlt die Kraft, mich gegen das Schicksal aufzulehnen. Ich besaß nie die nötige Kraft dazu. Als das Schwarze Buch mir auf meine brennenden Fragen blasphemische Antworten bot, ließ ich mich nur allzu gern davon führen. Wie hätte ich sonst auch in dieser grausamen Welt überleben sollen? Nur das Schwarze Buch konnte mir die nötige Kraft verleihen.

Doch es ist noch nicht vorbei. Ich höre etwas auf der anderen Seite der Tür – ein Klirren von Ketten. M. ist vielleicht noch am Leben. Wenn sie mich befreit, könnte ich Vergebung erbitten …

 

Anmerkung von Damian von Liebgard

Meinen Quellen nach zu urteilen wurde dieses Schreiben vor einigen Jahren in einem alten Verlies unterhalb der Rabengruft-Villa in Krähenberg gefunden. Daneben lag die Leiche eines erwachsenen Mannes, mit stacheligen Ketten umschlungen. Außerdem fand man die blutigen Kleider eines jungen Mädchens – ein rosarotes T-Shirt und eine kurze Hose. Auffallend war zudem ein steinerner Altar mit geschwärzter Oberfläche.

Bei der männlichen Leiche handelt es sich um den Bürger Hans S. Die Überreste seiner Ordensbrüder konnten wir nicht finden. Hans S. war auch der einzige Bürger Krähenbergs, der an jenem Tag den Tod fand. Könnten die Ordensbrüder aus einer anderen Stadt stammen?

Die Archive verraten auch nichts von einem Einbruch, einem Mord oder einer Entführung in sämtlichen Städten der Umgebung zu diesem Zeitpunkt.

Wie weit sind die Ordensbrüder gefahren? Was hat sich in dieser Nacht tatsächlich ereignet?

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