Autorinnen und Autoren im Netz

Kategorie: Geschichten (Seite 1 von 2)

SGZ-Woche 16 Was für ein Lauf!

Der Läufer nimmt souverän eine Hürde nach der anderen. Sieben Patzer gehen bisher auf sein Konto, doch er liegt gut in der Zeit, sehr gut. Wird er das letzte Hindernis meistern? Das Publikum hält den Atem an, wagt noch nicht zu klatschen, um den Sportler nicht in seiner Konzentration zu stören.
Jetzt setzt er zum Sprung an, herrlich glänzen seine Muskeln in der Sonne, und ja – das war es, das war es, das war das letzte Hindernis! Es bleibt stehen ohne einen einzigen Wackler. Schon hat er die Ziellinie überquert und es gilt nur noch, auszulaufen.
Ingo S. Anders gewinnt den Lauf der hundert Geschichten! Tosender Applaus bricht los, man versteht die Durchsagen der Lautsprecher nicht mehr. Erschöpft nimmt der umjubelte Läufer Danksagungen entgegen. Gönnen wir ihm ein paar Minuten, bevor wir ihn zu einem Interview bitten.
(Werbespot.)
(Musik.)
(Werbespot.)
»Glückwunsch zum ersten Platz! Herr Anders, was hat Sie zu diesem Lauf motiviert?«
»Ich weiß nicht, ich muss eine Wette verloren haben.« (Keucht.)
»Was für eine Wette?«
»Spaß! Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich es kann.« (Lächelt.)
»Welche Bedeutung messen Sie persönlich den Hindernissen bei, die Sie nicht genommen haben?«
»Warum fragen Sie mich nach den 7 Hindernissen, die gefallen sind, und nicht nach den 93, die stehen geblieben sind?« (Zieht die Stirn kraus.)
»Haben Sie mit dieser riesigen medialen Aufmerksamkeit gerechnet?«
»Nein, auf gar keinen Fall.« (Zwinkert.)
»Welche Pläne haben Sie als Nächstes?«
»Ausruhen. Duschen. Mich vor eine Glotze werfen.« (Grinst.)
»Herr Anders, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 15 Sieben mal sieben

»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte er leise.
»Gehen Sie von meinem Kind weg!«, rief die Mutter des Dreijährigen dem etwa zehn Mal so alten Mann zu.
»Nur spielen!«, gab der zurück.
»Na, Sie sind doch sicher drei mal sieben Jahre alt! Da ist das nichts mehr für Sie, im Sandkasten zu spielen. Schon gar nicht mit meinem Sohn!«
»Hören Sie, junge Frau«, sagte ein weißhaariger Mann auf der Bank neben ihr, »mein Sohn ist 34 Jahre alt und hat dasselbe Recht, im Sandkasten zu spielen wie Ihrer!«
»Hat er nicht! Der Spielplatz ist nur für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre zugelassen.«
»Das bezieht sich auf die Spielgeräte, aufgrund des Gewichts. Ich habe mich bei der Stadt erkundigt. Und im Übrigen habe ich eine Sondergenehmigung für Jakob aufgrund seiner Behinderung.«
»Was für eine Behinderung? Ich sehe keine.«
»Sie sehen einen erwachsenen Mann auf dem Spielplatz im Sand sitzend in aller Seelenruhe sieben und Ihnen fällt nichts daran auf?«
»Na ja, in seinem Alter würde ich eher erwarten, dass er dort mit eigenen Kindern sitzt und diese spielen lässt.«
»Woher wissen Sie, dass Ihr Sohn sich jedes Jahr weiterentwickeln wird?«
»Na malen Sie den Teufel nicht an die Wand!«
»Das tue ich nicht. Das tun Sie.«
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte Jakob und lächelte glücklich.

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SGZ-Woche 14 Sie ist eine Hexe!

Sie waren besessen davon, die angebliche Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Jedes Mittel war ihnen recht. Die heiligen Männer zogen ihre Zähne, verbrannten ihre Haut, brachen ihre Knochen. Die Rothaarige blieb standhaft.
»Du hast einen Zaubertrank gebraut und am Tag darauf ist des Müllers Sohn am Fieber gestorben. Leugne nicht!«
»Einen Scheiß hab ich!« Martha spuckte Blut aus. »Tötet mich doch, wenn ihr wollt! Niemals werde ich eure Lügen wiederholen!«
Ja, das Kind war gestorben. Aber sie hatte es nicht angefasst. Nicht einmal, um ihm zu helfen. Sie wusste, was passieren konnte. Neulich erst hatten sie die Elsbeth verhört, weil sie einem Alten Salbe aufgetragen hatte, um sein Leiden zu lindern. Die Schuld an seinem Tod gab man ihr und sie hatte unter der Folter gestanden. Dabei waren es nur harmlose Kräuter gewesen und der Mann schon lange krank.
Martha litt so starke Schmerzen wie noch nie in ihrem Leben und hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Elsbeth hatten sie ertränkt, um ihren Glauben zu prüfen. Ihr würde der Scheiterhaufen blühen, wenn sie kein Geständnis erfand.
»Der Abt selbst hat gesehen, wie du Zauber gewirkt hast, Hexe!«
Der Kirchenobere hatte sie grob vergewaltigt, als sie ihm nicht für Geld zu Willen sein wollte. Sie hatte sich danach gereinigt und einen Sud aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Kräutern bereitet. Hätte sie das nicht getan, wäre das Sitzen auf dem Spanischen Pferd jetzt weitaus peinvoller.
Sie starrte den Folterknecht finster an, wich seinem Blick nicht aus.
»Du bist des Teufels!«, geiferte der Mönch.
»Ich bin eine ehrbare Frau. Wenn einer besessen ist, dann du.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 13 LEUCHTTURM (Ohne Titel)

Seit fünf Jahren bin ich jetzt Leuchtturmwärterin. Anders als meine Kollegen halte ich mich an das Verbot, Touristen hineinzulassen. Ich mag sie auch nicht, diese umhertrampelnden Massen. Ich liebe das Meer und im Winter habe ich es für mich allein.
Mein Mann hat die Einsamkeit nicht ausgehalten. Er ist mit unserer Tochter in die Stadt gezogen. Ausgerechnet in die Hauptstadt. Als gebe es keine kleineren. Das ist typisch für ihn.
In meinem Leuchtturm habe ich nicht viel zu tun. Es ist ja nicht mehr wie früher, alles läuft computergestützt. Ich bin nur da, um die Maschinen am Leben zu erhalten. Ab und zu ein Kontrollgang zwischen Kabeln und Metall und fertig.
Von außen sieht der Turm noch romantisch aus wie eh und je. Wenn ich der Typ dafür wäre, könnte ich hier Gemüse anbauen und Hühner und Ziegen halten. Lieber lasse ich einmal die Woche aus dem Supermarkt liefern.
Ob es unbedingt Australien hat sein müssen, weiß ich nicht. Für mich ist ein Leuchtturm wie der andere. Weit weg von anderen Menschen.

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SGZ-Woche 12 Brühwarme Drabbles

(Wer keine Lust auf meinen Gedankensalat hat, überscrollt den kursiv markierten Text.)
Die Minuten rasen dahin, während die Zeilen, die ich schreibe, eher kriechen. Zu oft verwerfe ich erdachte Richtungen, in die die Geschichte gehen könnte, schreibe Sätze nicht, führe sie anders fort.
Wäre ich jetzt wirklich in Eile aufgrund eines anstehenden Termins, könnte ich das jetzt als »fertig« erklären und einfach nicht weiterschreiben. Aber ist ein Dreizeiler eine Geschichte? Nein, nicht wirklich. Selbst für ein Drabble fehlen mir noch einige Wörter, denn das muss aus exakt hundert Wörtern bestehen.
Reicht überhaupt eine reine Innenschau, ohne, dass etwas passiert? Gleich wird etwas passieren, dann stehe ich auf und gehe spazieren. Ende Geschichte.

Drabble fertig, aber richtig, richtig schlecht. Wenn man jetzt nur den ersten Abschnitt zählt. Und mit Rasen oder rasen hat der Text auch nur entfernt zu tun. Wie man merkt, bin ich wirklich im Schreibfluss und rotze jeden Mist raus.
Mal überlegen, ob mir noch was Gescheites einfällt.
»Hach, ist die Wiese schön grün.« Kennt ihr den? Loriot. Klassiker. Muss man gesehen haben. Meine Drabbles muss man nicht gelesen haben. Vielleicht sind sie so scheiße, dass sie schon wieder geil sind. Aber das steht mir nicht zu, zu beurteilen. Das muss das Publikum entscheiden. Noch vier Wörter. Ende.

Mal sehen, wie viele Drabbles ich schaffe. Rasen. Auf Rasen konzentrieren. Rasen nennt man auch Wiese. Auf eine Wiese kann man sich legen. Eine schöne Wiese mit Gänseblümchen. Ohne Hundekacke bitte. Mit Picknickdecke und Love Interest. Picknick mit Hund ist lustig. Der benimmt sich dann wie eine Katze und läuft über den »Tisch«, schnüffelt hier und da, klaut die Wurst und so. Es sei denn, der ist gut erzogen. Dann benimmt der sich natürlich einwandfrei. Gell. Das tun sie doch alle. Vor allem die, die nur spielen wollen. Ich könnte also eine Geschichte über ein Picknick auf dem Rasen schreiben.

Gute Idee. Picknick auf dem kurz geschorenen Rasen im Vorgarten eines feindlich gesinnten Nachbarn gefällt mir noch besser. Das bietet mehr Konfliktpotenzial als der Hund, aber der kann gern bleiben. Hunde sind drollig.
Der Nachbar also. Ich hab so eine Postkarte mit zwei Farmern, die mit Schrotflinten bewaffnet sind und richtig übel dreinschauen. Ich weiß den Spruch dazu nicht mehr, verdammt. Der war richtig gut, der Spruch. »Der Nachbar bleibt immer«, oder so. Könnte man ja auch als Titel nehmen für eine Geschichte. Dann hätte ich mal wieder eine mit Titel. Aber stört wohl die wenigsten meiner Leser, ihr Fehlen.

Paar mit Hund picknickt auf dem ondulierten Vorgartenrasen des griesgrämigen Nachbarn, der eben noch mit der Nagelschere die Rasenkanten begradigt hat. Oder so. Ja, das wird lustig. Und dann laufen lassen.
Sie trägt ein rosa Kleid und weißen Sommerhut, er blaues Hemd und Jeans. Zu kitschig. Er trägt Anzug. Echt, und dann auf die Wiese? Wenn er selbst in der Nachbarschaft wohnt, holt er sich doch bestimmt zu Hause was bequemeres. Badesachen? Nee, zu nackelig. Kleid und T-Shirt, vielleicht Muscle-Shirt zu Jeans. Kurze Jeans.
Fünftes Drabble übrigens. Ich brauche also fünf Sechstel Schrott im Kopf für eine Story, die funzt.

Amanda setzte sich vorsichtig auf die Picknickdecke, die Jim auf dem frisch ondulierten Rasen platziert hatte. Sie achtete darauf, ihr hübsches rosafarbenes Kleid nicht zu versauen, denn ein grünes Freestyle-Muster würde nicht dazu passen.
Jim kniete vor ihr und entkorkte gerade den Champagner. Würde er sie heute fragen? Aber doch nicht in Muscle-Shirt und Jeans-Shorts? Obwohl, zum Anbeißen sah er schon aus, wie er ihr lachend die Schüssel mit den Erdbeeren reichte, damit sie sich bedienen konnte.
Hoffentlich war der alte Griesgram von nebenan heute nicht da oder im Keller mit seiner Modelleisenbahn beschäftigt.
»Was fällt Ihnen ein?! Verschwinden Sie hier!«

»Herr Patzke, immer mit der Ruhe«, versuchte Jim, zu beschwichtigen. »Sie wissen doch, wir haben keinen eigenen Garten.«
»Das ist mir doch egal! Runter von meinem Grundstück!« Er trat einen Schritt näher. »Oder muss ich Ihnen Beine machen?«
»Nein, schon gut«, sagte Amanda und raffte ihr Kleid zusammen, um aufzustehen.
»Bleib sitzen, Schatz. Ich kläre das.« Er drückte ihr die Flasche in die Hand.
Der Alte bückte sich und zerrte an einer Ecke der Decke, woraufhin klirrend das Geschirr zusammenstieß.
»Herr Patzke, ich bitte Sie. Was ist es, dass Sie wollen?«
»Sind Sie schwerhörig?« Er wurde lauter. »Verpissen Sie sich von meinem Grundstück!«

»Schatz, wirklich, wir sollten gehen, Jim.« Sie begann, all ihre Habseligkeiten einzupacken.
»Amanda …«
»Wir gehen, bevor er noch die Polizei holt oder Schlimmeres passiert.«
Jim versuchte es ein letztes Mal. »Herr Patzke, wenn wir Ihnen etwas anbieten können …«
»Weg hier! Sofort!«
Amanda erhob sich, klappte den Picknickkorb zu und begann, die Decke zusammenzufalten. »Jim, hilf mir bitte mal.«
»So hab ich mir den Tag wirklich nicht vorgestellt.«
»Das macht nichts. Es ist ja nicht unsere Goldene Hochzeit oder so etwas.«
Er grinste.
»Es war einfach eine dumme Idee, hierherzukommen. Entschuldigen Sie bitte, Herr Patzke.«

Okay, das waren jetzt, meinem Anspruchsdenken nach keine richtigen Drabbles, weil ein Drabble ja eine Geschichte in exakt hundert Wörtern sein sollte und nicht irgendwelcher Text. Aber zum Messen des Verhältnisses von gedanklichem Ausschuss und brauchbarem Text ist das schon echt praktisch. Mittlerweile bin ich bei einem Verhältnis von fünf zu drei angekommen, also drei Achtel sind brauchbarer Text.
Jetzt versuche ich noch, das ganze in ein einziges Drabble zu stopfen. Zeit habe ich nicht mehr viel, aber das beflügelt mich geradezu. Was kann ich jetzt weglassen und was ist wirklich wichtig für die Story? Nicht ganz einfach. Mal sehen.

Um Amanda einen Heiratsantrag zu machen, hatte Jim sie zu einem Picknick mit Erdbeeren und Champagner eingeladen. Sie hatten es sich gerade gemütlich gemacht, da kam Fiesling Patzke von nebenan, auf dessen Rasen sie saßen und wollte sie verjagen.
»Runter von meinem Grundstück!«
Jim versuchte, mit dem alten Herrn zu reden und zu einer diplomatischen Lösung für sie alle zu finden. Vielleicht hätten sie ihm einen Gefallen tun können oder er wäre an Geld interessiert? Doch keine Chance.
Amanda hatte gleich erkannt, dass es nur die Möglichkeit gab, rasch alles einzupacken und von hier wieder zu verschwinden.
Auf gute Nachbarschaft!

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 11 FUNKEN (Ohne Titel)

Feuer prasselte im Kamin, Funken stoben, als Vater die Scheite neu schichtete und Maximilian erfasste ein nie gekanntes Gefühl. Er streckte die Hände nach den Flammen aus, wollte ihnen nahe sein. Kaum spürte er die Hitze, hielt ihn seine Mutter zurück.
»Nein! Das ist zu gefährlich«, sagte sie.

Sobald Max erwachsen war, hielt seine Mutter ihn nicht mehr auf.
Die Frauen, mit denen er sich gelegentlich einließ, konnte er nur vor dem offenen Kamin befriedigen. In Gedanken umhüllte das Feuer sie, tränten ihre Augen vom beißenden Qualm, hörte er ihre angsterfüllten Schreie.
Er wollte nie wirklich jemandem schaden. Angezündet hatte er nur alte Schuppen und auch mal eine Lagerhalle.
Vom Geruch verkohlten Fleisches wurde ihm übel. Das wusste er von Experimenten in der Küche. Auf Grillfeiern mit anderen ließ er sich nicht mehr blicken, seit aufgefallen war, dass er den ganzen Abend ins Feuer starrte und die anwesenden Frauen – auch die Männer – keines Blickes würdigte.

Im Grunde seines Herzens war Max unglücklich. Als Teenager wäre er, wie alle anderen, gerne gewesen wie alle anderen. Als junger Mann verlangte er, so akzeptiert zu werden, wie er war. Mit Mitte dreißig hatte er den Wahnwitz dieser Idee erkannt. Es blieb ihm nur, sein Verlangen so langsam zu steigern, wie nur irgend möglich. Er onanierte Abend für Abend vor dem Kamin und fühlte sich doch unbefriedigt.

Zu seinem Vierzigsten machte er sich ein besonders Geschenk: Er trat bei der Freiwilligen Feuerwehr ein. Zu seiner Überraschung rückten sie nur höchst selten zu Bränden aus. Es blieben ihm in verlässlicher Regelmäßigkeit die Übungen.
Anders als die meisten, die davon träumten, eine Frau zu retten, die sich in sie verlieben sollte, wünschte Max sich eine Partnerin an seiner Seite, die ebenso dem Feuer ergeben war.
Er fand sie in Tina, einer Feuerwehrfrau. Gemeinsam loteten sie die Grenzen ihrer Fantasien neu aus.
Bei einem ihrer Abenteuer kamen sie in den Flammen um. Die Decke der Scheune, in der sie sich liebten, stürzte früher ein als von ihnen erwartet.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 10 KELLERFENSTER (Ohne Titel)

Durch das Kellerfenster sehe ich einen Streifen Mondlicht hereinscheinen. Ich wollte, ich würde hindurchpassen, dann wäre meine Gefangenschaft hier zu Ende.
Um mich abzulenken und auch zu beschäftigen, schreibe und schreibe ich, bis mir die Sehnenscheiden brennen. Wenn es soweit ist, komme ich wieder ins Nachdenken. Darüber, wie ich hier hereingeraten bin.
Ich nahm an einem Wettbewerb teil. Einzureichen waren Exposé und Leseprobe, dazu eine Vita. Ich nahm all meinen Mut zusammen und reichte ein frisch erdachtes Projekt ein, von dem es erst zwölf Seiten gab. Das war eigentlich aus Jux und Dollerei, weil ich mir selbst eine Deadline setzen wollte, indem ich mir vorstellte, meine Geschichte würde ausgewählt und man wolle drei Monate später mein Gesamtmanuskript sehen.
Tja. Dass es wirklich so kommen würde, daran hätte ich nie geglaubt.
Ich konnte dann natürlich nicht liefern, als der Termin verstrichen war. Man setzte mir eine Nachfrist. Einmal, zweimal. Dann lud man mich freundlich, aber bestimmt, zu einem »Schreibcamp« ein. Dort seien viele aufstrebende Autoren wie ich, mit denen ich mich austauschen könne.
Von wegen. Wir sind alle in Einzelkerkern untergebracht. Es gibt nicht mal Internet, nur einen hauseigenen Rechercheserver. Man Handy haben sie mir auch weggenommen. Ich habe eine Eieruhr, mit der ich mir zu Schreibsprints die Zeit stoppen kann. Das heißt, ich hatte – ich warf sie während der ersten Tage in einem Wutanfall an die Wand. Mittlerweile tut es mir leid, denn ich hätte sie gut brauchen können.
Zu trinken gibt es hier ausreichend, Essen geht so, nur das Bett knarzt erbärmlich, sodass ich nachts aufwache, wenn ich mich umdrehe. Das soll der Kreativität förderlich sein. Schlechter Schlaf befördert die Fantasie. Lassen Sie das nur keinen Maniker hören.
Ich bin froh, dass sie uns das Tageslicht gelassen haben, auch wenn es nur spärlich durch das Kellerfenster dringt. Doch so weiß ich wenigstens, wann Tag und Nacht ist. Ich bin Herr über meine Zeit, die hier vergeht. So weiß ich, dass ich schon seit 193 Tagen hier unten hocke. Es fehlt nicht mehr viel. Nur ein gutes Ende.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 9 Die Unglücks-Diät

Da hatte Ella sich vielleicht etwas aufgehalst. Zehn Kilo abspecken bis zum nächsten Klassentreffen. Eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Ein eigentlich realistisches Ziel und zwei Kilo hatte sie auch schon geschafft, nur dass schon zehn Monate rum waren. Zwei Monate also noch und noch acht Kilo zu viel auf den Rippen.
Warum musste sie auch immer den Mund so weit aufreißen? Wem wollte sie damit etwas beweisen? Jörg liebte sie so, wie sie war. In den letzten Monaten hatte sie sich in ein zuckergieriges Monster verwandelt, dass für ein Stück Schokolade hätte töten können. Und das für diesen lächerlichen Erfolg. Dieser ständige Verzicht machte sie noch wahnsinnig.
Kohlenhydrate waren tabu. Zu viel Fett war tabu. Junkfood war tabu. Bei fast jedem Bissen hatte sie ein schlechtes Gewissen.
Wie sollte sie nur in zwei Monaten acht Kilo loswerden? Vier Kilo pro Monat!
Das Schlimmste war, dass Jörg dieselbe Diät mitmachte und schon zwölf Kilo abgenommen hatte. Er strahlte aus jeder Pore und strotzte nur so vor Tatendrang. Er ging sogar wieder ins Fitnessstudio.
Jörg umschlang sie von hinten mit seinen Armen. »Einen Penny für deine Gedanken, Ella.«
»So billig kommst du mir nicht davon!« Sie machte sich los und verschränkte die Arme.
»Was habe ich dir denn getan, Chérie?« Aus seinen kastanienbraunen Augen sah er sie an.
Sie hasste sich zwar selbst am meisten, aber er war im Augenblick der einzige, an dem sie es rauslassen konnte, seit sie sich nicht mehr mit Süßigkeiten ruhigstellte. »Du bist mir einfach zu dünn geworden, Mann!«
»Aber du wolltest doch …«
»Ja, wollte ich.« Sie schluckte. »Ich wollte nicht alleine leiden.« Sie rührte einen dieser widerlichen Eiweißshakes an, von denen sie nur Dünnpfiff und miese Laune bekam. »Es ist für mich schwer zu ertragen, dass du ständig nur gute Laune hast, und mir geht es so beschissen.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Aber Ella, freust du dich denn gar nicht für mich?«
Natürlich sollte sie sich für ihn freuen, aber sie konnte einfach nicht. Sie hatte an gar nichts mehr Freude. Erst recht nicht an der verdammten Bewegung!
»Natürlich freue ich mich«, log sie. Mit Tränen in den Augen stapfte sie auf dem Trampolin herum.
»Ach, Chérie, komm mal her.« Jörg breitete die Arme aus.
Sie reagierte nicht, walkte verbissen weiter.
»Komm sofort da runter, Ella! Ich meine es ernst. Sieh dich doch mal an!«
Sie begann zu hüpfen.
»Jetzt reicht es mir!« Er hob sie vom Trampolin und stellte sie auf dem Fußboden ab, hielt sie fest in seinen Armen. »Hör zu, Ella. Wir müssen die Diät abbrechen. Das geht so nicht.«
»Und wenn es die nächsten acht Wochen nur noch Kohlsuppe gibt? Dann schaffe ich es bestimmt!«
»Du machst dir viel zu viel Druck.«
»Aber was sollen denn die Mädels denken? Die halten mich doch für eine Versagerin!«
»Nein, das tun sie bestimmt nicht. Die einzige, die das denkt, bist du.«

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SGZ-Woche 8 ENGEL (Ohne Titel)

Save the date: Heiligabend ist dieses Jahr am 24.12.!
Unter einem Engel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine stocksteife Gestalt, die einer besseren Klorolle ähnelte, beklebt mit rauen Fasern. Das sollte angeblich das beste Stück von all unserem Weihnachtsschmuck sein und ausgerechnet diese Hässlichkeit sollte nun oben auf unserem Baum thronen, nur weil sie noch von Muttern (also meiner Großmutter) stammt? Hat sie dieses Ding im Alter von fünf Jahren gebastelt?
Wir haben doch so schöne rot, golden und silbern glänzende Kugeln. Dazu passt dieser Bastelunfall von Flatterviech doch gar nicht.

So dachte ich damals. Und heute denke ich, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie anders die Zeit war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – und schon gar meine Großeltern. Woher auch?
Heute wäre es ein Leichtes, ein »Opa erzählt von Corona«-Vlog anzulegen, damit die noch nicht geborenen Enkel sich das später, nicht mehr live, aber in Farbe, anschauen können. Da kann man die Masken in die Kamera halten und die Vorzüge der verschiedenen Modelle erklären. Man kann dies und das verlinken. Das macht es sicher anschaulicher. So bekommt man auch einen Eindruck von dem Menschen, der Opa war, bevor er Opa wurde.
Meine Oma hat gern vom Krieg erzählt. Da starben Menschen (also nix gewaltfrei), suchten vor den Bomben Zuflucht in den Kellern (Oma und Opa hatten noch einen eigenen Bunker im Keller), zitterten dort vor Angst und sie als Säuglingskrankenschwester musste zeitweise auswählen, wem noch geholfen werden kann und wem nicht mehr. Triage. Das, wovor heute allen graut. Das zeigt nur, wie lange das nicht mehr notwendig war.
Die Weltkriege waren sicher die für meine Oma prägendste Zeit und die jetzige dürfte es für unsere Kinder und Jugendlichen sowie junge Erwachsene sein. Eigentlich für uns alle, aber die älteren Semester werden dieses frisch gepackte Säcklein nicht mehr so weit in die kommenden Generationen tragen, denke ich.

Sollte also das diesjährige Weihnachtsfest so stattfinden dürfen wie vor 2020, dann besorge ich mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum und bastel eigenhändig aus einer nackten Klorolle einen Engel, der dann ganz oben thronen darf.

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SGZ-Woche 7 PRESSE (Ohne Titel)

Um ihn herum war alles dunkel. Es roch nach Benzin, Öl und Leder. Er klopfte und trat gegen die Wände seines Gefängnisses und rief nach Leibeskräften um Hilfe. Vergeblich.
Vermutlich hatte er auf eine der Fragen eine falsche Antwort gegeben und sie hatten ihn in einen Kofferraum gesteckt. Dabei war er nur ehrlich gewesen!
Er hörte das tiefe Brummen großer Maschinen und etwas, da sich mit Quietschen näherte. Als es zuschlug, kreischte Metall und ein Beben erschütterte das Auto, in dem er gefangen war. Nun ging es aufwärts, als ob er in einem Aufzug nach oben führe.
»Nein! Tut mir das nicht an! Ich flehe euch an!« Seine Blase entleerte sich.
Das Auto fiel, er stieß mit dem Kopf hart an. Das Brummen war jetzt ohrenbetäubend und das kreischende Metall allgegenwärtig. Er bat um Vergebung für seine Sünden.
Mehrere Knochen waren gebrochen und der Druck auf seine Lunge nahm immer mehr zu, da platzte ihm endlich der Schädel.

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SGZ-Woche 6 In Erwartung

Der Arzt war unter einem Vorwand hergebeten worden. Stephanie Woodbrocks hatte dem Boten nicht gesagt, was genau der medizinische Notfall sei.
»Seht euch Nala an!«
Das Hausmädchen verbarg ihren Leib seit Wochen in weiten Kleidern und ließ sich nur blicken, wenn zwingend nötig.
»Seit wann bist du in Erwartung?«, herrschte die Hausherrin sie an.
»Verzeihung, Miss Stephanie.« Offenbar verstand das junge Ding gar nicht, was in ihrem Körper vorging.
»Wer hat dich bestiegen, Nala?«, wollte Miss Woodbrocks wissen.
Beschämt blickte das Mädchen zu Boden, wagte keinen der Herren zu benennen.
»Doktor, können Sie es wegmachen?«
Er verstand nicht gleich. »Ich soll die Schwangerschaft beenden?«
»Ja. Ich dulde keinen Bastard in diesem Haus«, erklärte Stephanie Woodbrocks.
»Ich weiß nicht.« Der junge Arzt drehte seinen Hut in der Hand. »Dieses Verfahren ist noch sehr neu und nicht ungefährlich für die Patientin. Sind Sie sicher, dass Sie das Kind nicht in einem Waisenhaus abgeben wollen? Wenn es so weit ist, meine ich.«
»Ich bin sicher, Herr Doktor. Sonst hätte ich Sie nicht rufen lassen. Wenn Sie dann bitte anfangen wollen.«
Mit angstvoll aufgerissenen Augen hielt das Hausmädchen sich den Bauch. Die Frucht war fast ausgereift. Der Gynäkologe beschloss, ihr noch etwas Zeit zu schenken.
»Ich muss um Verzeihung bitten, Miss Woodbrocks. Ich benötige spezielle Instrumente und einen Assistenten.«
»Es sind genügend Knechte, die Ihnen assistieren können, Herr Doktor.«
»Bitte nehmen Sie es mir nicht übel, Miss Woodbrocks, aber ich habe einen Assistenten, der geschult ist auf den Umgang mit Äther. Ich erwarte ihn in den nächsten Tagen von einer Bildungsreise zurück. Es wird nicht ohne ihn gehen.«
»Äther für ein Hausmädchen!«
»Ich kann nicht in Ruhe arbeiten, wenn sie sich in Schmerzen windet. Womöglich verletze ich lebenswichtige Gefäße und sie verblutet mir auf dem Tisch.«
»Und seis drum! Darüber hätte sie nachdenken sollen, bevor sie sich bespringen lässt!«
»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden.« Damit zog der Arzt sich zurück.

Vier Tage später kam Nala nieder und brachte einen gesunden Jungen zur Welt. Schweren Herzens trennte sie sich von ihm, um ihn in die Obhut des örtlichen Krankenhauses zu entlassen.

21 Jahre später sprach ein junger Arzt beim Anwesen der Woodbrocks vor …

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SGZ-Woche 5 Der Perlentaucher

In unserem Dorf lebten die meisten von dem, was sie in ihren Netzen und Reusen fanden. Unsere Familie züchtete Muscheln, seit mein Urgroßvater einmal eine Perle gefunden hatte, die ihn reich gemacht hatte. Mein Vater züchtete sie. Dafür gab es schon mehr als für die Muscheln alleine. Doch das richtige Geld gab es für echte Perlen, also suchten meine Brüder und ich danach.
Wir tauchten mit nichts als dem Messer zwischen den Zähnen ins Dunkel hinab. Ich hatte schon die ein oder andere Auseinandersetzung mit einem Hai hinter mir, da traute ich eines Tages meinen Augen nicht: Ich sah eine fußballgroße Perle in einer Muschel, so groß wie eine Badewanne. Das hört sich nicht nur ungeheuerlich an, das war auch ein Ungeheuer. Dieses Ding konnte ich natürlich nicht mal eben in die Hand nehmen und ihm das Prachtexemplar entreißen.
Ich sah mich um, so gut ich da unten etwas erkennen konnte. Das Auto! Hier ganz in der Nähe lag das Wrack eines Pkw, das vor einigen Jahren von einer Klippe gestürzt war. Vielleicht fand ich dort irgendeinen Hebel, den ich anstelle meines Messers einsetzen konnte. Ich tauchte auf, um Luft zu holen, und fand dann im Kofferraum einen Wagenheber. Versorgt mit frischer Luft schwamm ich zurück zur Muschel.
Mein Versuch, sie zu öffnen, schlug fehl. Doch nicht nur das: Das Biest schnappte nach mir und ehe ich mich versah, war ich in ihr gefangen. Jetzt machte sich bezahlt, dass ich von klein auf nach Muscheln tauchte und länger die Luft anhalten konnte als die meisten anderen Männer im Dorf.
Das Einzige, das mir geblieben war, waren das Messer und der Wagenheber. In meiner Verzweiflung fing ich an, diesen einzusetzen, als wolle ich einen Reifen wechseln. Offensichtlich war genau das der richtige Weg, denn die Muschel gab nach.
Mit meinem Messer trennte ich die Perle heraus, befreite mich aus dem Monster und schaffte es unter Darbietung all meiner verbleibenden Kräfte, aufzutauchen und die rettenden Atemzüge zu tätigen.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Mir persönlich hat “Anfänge” (SGZ 28)  besser gefallen, aber das hier ist der Publikumsliebling. ;

SGZ-Woche 4 STURMSCHÄDEN (Ohne Titel)

Wir hatten nicht mehr viel, als wir von zu Hause fortmussten. Nur das, was wir tragen konnten. Mein Spielzeugauto durfte ich mitnehmen.
Wir trugen unsere Habseligkeiten, bis wir in eine große Zeltstadt kamen. Dort war der Boden matschig von den Schritten so vieler Menschen. Uns wurden Schlafstätten zugeteilt und es gab Plumpsklos, die furchtbar stanken, weshalb manche dennoch in die Büsche gingen. Die Männer sowieso. Abends, wenn sie getrunken hatten, umso häufiger.
Ein wenig abseits des Lagers floss ein Bach, in dem wir uns wuschen und aus dem wir unser Trinkwasser holten.

Dann kam der Sturm.
Der Himmel wurde schwarz, als wäre es der letzte Tag. Wind heulte auf und verwandelte sich in ein Tosen, in dem das Prasseln des Regens unterging. Es schüttete so heftig, dass unsere Füße nass wurden. Das dachten wir, bis jemand rief, der Bach sei über die Ufer getreten.
Jetzt liefen wir um unser Leben, nur mit dem, was wir am Leib trugen. Wir fanden eine Anhöhe, auf der wir sicher waren, bevor die Flut uns von den Füßen reißen konnte.

Uns blieb nichts, bis auf Vatis Brieftasche mit den Pässen, Mutters wertvolle Kette und mein Spielzeugauto. Doch das wurde erst später wichtig.
Wir hatten jetzt kein Trinkwasser mehr, weil das Wasser jetzt überall stand und der Bach nicht mehr sauber war. Damit kamen die Krankheiten. Wir alle schissen uns die Seele aus dem Leib und bangten erneut um unser Leben.
Meine Mutter verlor diesen Kampf. Mein Vater zerbrach daran, da er sich die Schuld gab. Ich danke beiden für ihre Opfer, die mir eine bessere Zukunft ermöglichten.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 3 Ein runder Sarg

»Ich will einen runden Sarg!«
»Opa, bitte!«
»Meine Beerdigung muss etwas Besonderes sein. Ich will einen runden Sarg!«
»Bitte entschuldigen Sie, das Alter …«
»Ach, das ist kein Problem. Es gibt durchaus Särge, die an den Ecken abgerundet sind. Die sind geflochten, wie Körbe.«
»Ich will einen runden Sarg! Kreisrund!«
»Opa!«
»Meinen Sie vielleicht eine Urne? Da haben wir hier verschiedene hübsche Modelle …«
»Nein, keine Urne! Einen Sarg! Kreisrund!«
»Wie wäre es denn stattdessen mit einem runden Grabstein? Der Sarg kommt doch sowieso unter die Erde.«
»Ich will einen runden Sarg!«
»Ich meine ja nur …«
»Tja, der Opa …«
»Also es tut mir leid, Herr …?«
»Miesbach. Anton Miesbach.«
»Und das ist Herr Miesbach Senior, nehme ich an?«
»Ja, ganz recht.«
»Herr Miesbach, es tut mir leid, kreisrunde Särge haben wir nun wirklich nicht. Da müssen Sie sich wohl noch ein wenig gedulden.«
»Ich bin 102 Jahre alt. 102!«
»Oh, ich gratuliere.«
»Und was ist das hier? Das ist doch kreisrund!«
»Das ist ein Blumengesteck. Interessieren Sie sich für Trauerkränze, Herr Miesbach?«
»Ja, kreisrund!«
»Die sind fast immer ringförmig, also kreisrund, wenn Sie so wollen. Soll ich Ihnen eins einpacken, ja? Welches hätten Sie denn gerne?«
»Kreisrund!«
»Herr Miesbach, nun sagen Sie doch auch mal was.«
»Opa, ich glaube, das dort wäre ganz nett für den Karl-Heinz. Mit der blauen Schleife. Ein ehemaliger Schulfreund meines Großvaters ist gestorben, müssen Sie wissen. Schreiben Sie einfach: ›Dein Freund Hans‹, dann weiß die Familie Bescheid.«
»Möchten Sie auch unseren Särge-Katalog mitnehmen?«
»Nein, danke. Opa will seebestattet werden.«
»Also doch kein Sarg?«
»Bei jeder Beerdigung kaufen wir den Kranz woanders und ich lasse ihm die Freude.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 2 Autoren und Protagonisten unter sich

»Warum muss eigentlich jede scheißverdammte Geschichte ein Happy End haben?« Fiete zerknüllte seinen letzten Entwurf.
»Muss sie nicht«, sagte August, der Mälzer. »Wenn du mich am Ende opfern willst, dann tu das eben.« Er deutete eine Verneigung an, wie sie eher zu einem Japaner aus einem Jackie-Chan-Film gepasst hätte.
»Aber du bist doch meine Hauptfigur!« Fiete kritzelte August Japaner? auf seinen Notizblock. »Welche Aussage mache ich denn damit? Den strahlenden Helden kann ich nicht einfach so sterben lassen, das muss auch einen Sinn ergeben.«
»Dann eben Happy End, wie du willst.«
»Will ich nicht!« Fiete raufte sich die Haare. »Der Leser soll das Buch noch lange in Erinnerung behalten.«
»Das geht auch mit Happy End.« Der Mälzer schaute ins Mahlwerk.
»He, da passt was nicht!« Fiete strich Mälzer und ersetzte es durch Müller.
»Augustus, der Müller. Das ist mir auch lieber als Bier zu brauen. Alkohol ist nicht so meins. Daran gehen viele Familien zugrunde.«
Fiete notierte Alkohol!.
Neugierig sah Fietes Protagonist auf die unsortierten Notizen des Autors. »Hast du es mal mit einem Mind Map versucht?«
»Klappe, August!«
»Ich mein ja nur.« Er zuckte mit den Schultern.
»Du fällst gleich ins Mahlwerk!«
»Das ist ein schönes, blutiges Ende. Damit bin ich einverstanden.«
»Ich frag dich aber gar nicht.«
»Und warum falle ich da rein? Einfach so, aus Versehen? Ist es ein Unfall? Oder ein Mordkomplott?«
August verschlug es die Sprache. »So, nun ist Ruhe.«

August, der Müller, war nicht gut angesehen im Dorf. Die Menschen waren auf ihn angewiesen, weil sie Mehl brauchten. Deshalb wahrten sie den Schein und taten freundlich, doch ihnen gefiel nicht, wie er mit Frau und Tochter umging und auch der Sohn musste regelmäßig grundlos Prügel einstecken. Hermann war ein guter Junge von gerade vierzehn Jahren, als es passierte.
Irgendwie musste August ins Mahlwerk gestürzt sein. Alles war rot von Blut und das Mehl nicht zu gebrauchen. Niemand verstand, warum der Alte nicht gebrüllt hatte wie ein Schwein. Der junge Müller musste alles sorgfältig reinigen, bevor er Mehl herstellen konnte.
Neun Monate später gebar Hermanns unverheiratete Schwester ein Kind. Welch eine Schande! Auf die Fragen, wer denn der Vater sei, schwieg sie beharrlich. Das konnte ja nur August gewesen sein.
Das Kind trug an versteckter Stelle dasselbe Muttermal wie seine Großmutter.

Fiete zerknüllte auch diesen Entwurf. SHOW DONT TELL schrieb er auf das nächste Blatt und umkreiste es mehrmals.
Happy End?

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 1 GEDÄCHTNIS (ohne Titel)

Ein lieber Freund von mir – genau genommen mein Trauzeuge oder eigentlich der meiner besseren Hälfte, meine Trauzeugin ist verstorben – hat mir heute eine SMS geschickt. Er hat an mich gedacht. Ich habe ihm ein frohes Neues gewünscht – ist ja erst der zehnte, da geht das noch – und mir fällt auf, dass ich sehr lange nicht an ihn gedacht habe. Nicht mal zum Jahreswechsel.
Ich weiß nicht, wann er Geburtstag hat, und habe mir auch seinen Hochzeitstag – wir waren damals, ich weiß schon gar nicht mehr wann, auch bei seiner Hochzeit dabei – nicht gemerkt. Wenn das nur mein Gedächtnis wäre. Ich meine, so was kann man sich doch aufschreiben. Mache ich aber nicht. Weil ich mich dann drum kümmern müsste. Kontakt aufnehmen, halten, pflegen. Liegt mir nicht. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass mir lieber wäre, wenn Leute auf mich zukommen – am liebsten ist mir, ich bin für mich allein.
Natürlich nicht so ganz allein wie jetzt gerade beim Schreiben, ich besuche schon gerne meine Gruppen. Singen und Autorenstammtische. Da muss ich auch nicht dran denken, das findet regelmäßig statt und steht im Kalender. Ich hab einen Kalender für unterwegs und einen an der Wand und nachdem ich es zweimal aufgeschrieben hab, hab ich es meistens auch im Kopf.
Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Vom Kniffeln mit meiner ungeduldigen Ergotherapeutin habe ich bereits erzählt. Neulich habe ich etwas beim Verlassen der Wohnung vergessen – was, das habe ich vergessen – und bin schnell noch einmal hinein, um es zu holen. Ich weiß nicht, ob ich daran gedacht habe, das Fenster in meinem Schreibatelier zu schließen.

Ob meiner einmal gedacht werden wird, wenn ich nicht mehr bin? Höchst unwahrscheinlich. Dazu müsste ich schon Außergewöhnliches schreiben und da gehört ein Selbstmitleidsepos über Konzentrationsstörungen sicher nicht dazu.
Zu einem Leben als Schriftsteller gehören auch Tage, an denen ich nur Mist schreibe. Relativen Mist vielleicht. Nicht unbedingt solchen, auf dem ein Hahn kräht.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

kai.78 – Teil 2 von Saigel

Das System ist vollkommen zusammengebrochen. Die Einheiten sind auf der ganzen Welt verteilt, aber es ist nicht möglich, Kontakt zu ihnen herzustellen. Wir sitzen seit Jahren in der Basis fest und können aufgrund der Aschewolke nicht hinaus. Vorräte haben wir für die nächsten achthundert Jahre. Aber allmählich werden alle verrückt. Kein Tageslicht. Keine frische Luft. Dieser Bunker macht krank. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, unter der Erde zu leben. Ich möchte wissen, ob wenigstens eine meiner Einheiten den Ausbruch überlebt hat.

„Kapitän“, ich drehe mich um. Es ist Morgan. „Der Sergeant bittet um die Abschaltung des Senders“.
„Nein“.
„Kapitän“, sie blickt verunsichert, aber sie hat ihre Befehle. „Der Sergeant bittet Sie. Das Signal ist der Grund, weshalb es bereits zu Ausschreitungen am unteren Westtor kam“.
„Der Sender wird nicht ausgeschaltet“. Ich sehe einen Schatten von Hoffnung über das Gesicht der Matrosin huschen. Doch dann besinnt sie sich wieder ihres Auftrags.
„Kapitän. Es hat niemand überlebt“.
Ich schüttele den Kopf. „Das können Sie nicht wissen. Und der Sergeant auch nicht. Ich schalte den Sender nicht aus“.
Morgan senkt den Blick.
Wir wissen beide, dass mich meine Sturheit sehr bald meine Position und vielleicht auch mein Leben kosten wird. Aber was ist schon ein Leben im Vergleich zu vielen anderen? Das Signal auszuschalten ist ein Todesurteil für jede einzelne Seele da draußen, die es irgendwie geschafft hat, zu überleben. Ich weiß das und Morgan weiß das auch. Morgan mag mich. In einer anderen Welt wären wir wohl ein Paar geworden und hätten Kinder gehabt. Aber in dieser Realität bin ich der Kapitän und sie eine Sklavin des Sergeants.
„Ich richte es dem Sergeant aus“, sagt Morgan leise und dreht sich zum Gehen um.
Ich versuche, ihr nicht nachzusehen. Ihr in Gedanken nicht noch den ganzen restlichen Tag nachzuhängen. Doch mir gelingt beides nicht.

Es ist endlich geschafft. Meine Modifizierung ist abgeschlossen. Mein dem Menschen nachempfundener Körper steht gegenwärtig knie abwärts auf robusten Rädern. Ich hoffe, sie sind geländegängig. Wissen kann ich es nicht. Ich konnte sie nicht wiegen und bin mir deshalb über ihr Gewicht im Unklaren. Somit konnte mein System keine Berechnungen diesbezüglich anstellen. Es belustigt mich, dass ich nicht alle Risikofaktoren analysieren kann. Kai hat sich nicht ohne Grund für mein Modell entschieden: ich riskiere niemals etwas. Das ist mein Typ. Ich habe die weltweit größten Datenbanken von ZARP in meinem System gespeichert. Durch den Datenabgleich kann ich Risiken passgenau berechnen. So soll Kais Überleben gesichert werden. Manchmal frage ich mich, was Kai wohl getan hätte, wenn er mein Ergebnis für das Risiko des Vulkanausbruchs abgefragt hätte. Es lag immerhin bei 89%. Allerdings existiert in meinem System keine Hinterlegung einer solchen Abfrage. Hinterlegt ist jedoch die Statistik, dass der Mensch zu 99,99% dazu neigt, die falschen Fragen zu stellen.

So mache ich mich also auf den Weg. Ich freue mich und bin lediglich zu drei Prozent nervös. Manchmal kann ich mich nur über kai wundern. Er entspricht von Zeit zu Zeit den Datensätzen eines Achtjährigen anstatt eines Dreihundertfünfundsechzigjährigen. Allerdings ist es Tatsache, dass die Menschen ihr Bewusstsein nicht mit ihren Gefühlen verknüpfen können. Freudig und wenig aufgeregt lasse ich also meine Räder drehen. Es ist einfach, aber es verbraucht viel Energie. Meine Akkus werden schnell leer sein. Aufladen kann ich sie mithilfe von Sonneneinstrahlung, radioaktiver Strahlung oder dem Umsatz von Plastik. Die Reibung der Fasern erzeugt in meinem System große Energien. Allerdings ist es ein Drahtseilakt. Die Reibung darf nicht zu forsch unternommen werden, da geschmolzenes Plastik meine Kontakte verschließt.

Die Umgebung wird in einem Abstand von zweieinhalb Millisekunden gescannt. Bis jetzt sind da nur sehr viele Steine. Ob es vulkanisches Gestein ist kann ich nicht klar bestimmen. Ich müsste eine Probe nehmen, allerdings sagt mir die Risikoberechnung, dass mich die Gesteinsanalyse für eventuelle Jäger als Ziel enttarnen könnte, da ich mich zu lange an einer Stelle aufhalten würde. Bewegung reduziert dieses Risiko beträchtlich. Dennoch kann ich nicht damit aufhören, die Gesteinsbrocken zu scannen. Etwas flattert in mir. Mein System analysiert es als Neugierde. Ein menschlicher Impuls. Normalerweise sollte mein System derartige Impulse unterdrücken. Andererseits habe vielleicht auch ich während der großen Katastrophe den ein oder anderen Schlag abbekommen. Meine Statistik ergibt, dass kais Impuls auf Dauer zu dominant wird, da die Neugier wächst, wenn ihr nicht nachgegangen wird. Ein seltsamer Zustand ist das. Ich kann mich lediglich darüber wundern, dass ich ein permanent ansteigendes, über die Maßen drängendes Flattern empfinde. Ich bin allerdings nicht darauf ausgerichtet, dass der Mensch in mir die Kontrolle übernimmt. Schließlich schlummert er! Wie empörend das doch ist, dass ich mich von dem Schatten eines schlummernden Bewusstseins derartig getrieben fühle? Ja. Ich möchte sie analysieren. Diese Steine. Jeden Einzelnen von ihnen. Ich bleibe stehen und bücke mich. Einer der kleineren schwarzen Steine liegt auf meiner Handfläche und ich zerdrücke ihn. Was ist das für eine Freude! Durch mein Innenleben geht ein gewaltiger Stoß. Mein System stottert. Ich kann es nicht mehr erwarten. Ein Stück des Steines wandert in meinen Mund und die Analyse beginnt. Doch, diese Freude! Was ist das? Ohne das Ergebnis abzuwarten bücke ich mich erneut. Ich hebe den nächsten Stein auf. Er ist schwerer. Was das wohl für ein Material ist? Wieder zerdrücke ich ihn. Ist das … Spaß? Meine Sensoren sind heiß. Das letzte Mal, dass eine Übertemperatur der Sensoren verzeichnet wurde ist genau 134 Jahre, neun Monate, 20 Wochen, sieben Tage, acht Stunden, 34 Minuten und 13 Sekunden her. Außergewöhnlich!
Der nächste Stein wandert in meinen Mund. Die Analyse ergibt ständig dasselbe: Vulkangestein. Und doch, ich kann nicht aufhören. Ich bücke mich, zerdrücke den Stein, analysiere ihn. Dieses Flattern! Vulkangestein. Mein System errechnet die 100%ige Chance, dass jeder Stein hier Vulkangestein ist. Trotzdem bücke ich mich weiter. Ich zerdrücke den Stein und ab damit in den Mund. Was für ein Gefühl!

Ich habe alle Steine gegessen. Es ist bereits dunkel und die Risikoanalyse hat einen systemischen Alarm ausgelöst. Ich fahre los und berechne die Wahrscheinlichkeit, dass kai aufgewacht sein könnte. Das Ergebnis liegt bei 0,000000023 Prozent. Es ist unmöglich. Er schlummert und dominiert dennoch das System. Ich fahre schneller. Über 80 Stundenkilometer. Unebenheiten im Boden lassen mich auf und ab springen. Manchmal hebt mich ein größerer Hügel hoch in die Luft und ich lande dennoch wieder ohne Schäden auf den Rädern. Ich beschließe, die Nacht für die Fahrt zu nutzen. Die Dunkelheit kann so manche Ablenkung verdecken. Wenn auch nicht alle. Allerdings belustigt mich ebenso die Geschwindigkeit. Ich bemerke, dass die Einsamkeit in den Hintergrund rückt. Der Schmerz vergeht.

kai.78 – Teil 1 – von Saigel


Eine schlimme Gegend ist das hier. Nein wirklich. Es ist schlimm. Die Häuser sind aus Papier, das Essen ist aus Plastik und die Köpfe sind aus Kupfer. Die Strahlung lässt die Luft vibrieren. Ich bin der letzte Hybrid. Ich glaube, es gibt keinen anderen mehr. Sicher kann ich natürlich nicht sein, weil ich schon lange keinen Anschluss mehr gefunden habe. Ich bin ein altes Baujahr, ich brauche W-LAN, um mich zu verbinden. Aber es ist nicht so einfach, ins Internet hineinzukommen. Ich kann keinen Kontakt aufnehmen. Keinen Hilfeschrei absetzen. Ich bin hier gestrandet und ernähre mich von altem Plastik, das vermeintlich mal im Meer geschwommen ist, bevor dieses austrocknete. Im Grunde bin ich stabil. Ich könnte Jahrtausende so weiterleben. Aber der Mensch in mir ist einsam.

Ich bin kai.78. Ich bin kein Einzelstück, ich gehörte einer Serie an. Es gab so viele von mir. Viele Menschen hatten damals die Idee, ihre Organe in verschiedene Maschinen einbauen zu lassen, sobald die Medizin das Bewusstsein mit allen Körperteilen verbinden konnte. So war die Überlebenschance größer. Ich glaube, kai war ein reicher Mensch. Insgesamt waren wir 467. Es ist erstaunlich, in wie viele Stücke sich ein Mensch zerlegen lassen kann. In meinem System steckt keine Information darüber, welcher Teil an mir menschlich ist und welcher nicht. Doch würde das Menschliche extrahiert werden, könnte kai zum Leben erwachen. Sein Bewusstsein schlummert zwar gegenwärtig in mir, aber ich empfinde dennoch menschliche Emotionen. Oder ich ahme sie nach. Darin liegt schon lange kein Unterschied mehr. Meine Datenanalyse könnte genauso gut ergeben haben, dass kai zur Einsamkeit neigte, wenn er alleine war. Es ist jedenfalls belanglos, ob ich Einsamkeit verspüre, weil ich sie selbst erzeuge, oder weil meine Umwelt sie mich erzeugen lässt. Der Schmerz ist derselbe.

Ich weiß nicht mehr, wann die Menschen ausgestorben sind. Viele sind durch den großen Vulkanausbruch gestorben. Ein Jahrtausende alter Vulkan, der bereits Menschenleben ausgelöscht hatte, als die Erde noch jung gewesen war, erwachte plötzlich zum Leben und löschte abermals die halbe Menschheit aus. Viele Maschinen schalteten sich ab, weil die Hitze zu groß war, oder die Asche ihre Kontakte verschmierte. Es war ein Desaster. Dann folgte das Virus. Es raffte viele Menschen innerhalb weniger Monate dahin. Dann verschwand es wieder. Der kleine Herd an Menschen, der noch übrig war, tötete sich gegenseitig. Ich weiß nicht mehr warum. Es ist schon so lange her.

Heute ist nichts mehr übrig. Plastik und Papier. Das sind meine Gefährten. Ich wünschte, mich verbinden zu können, aber mein System scheitert. Ich wünschte, ich könnte mich selbst abschalten, aber auch dazu bin ich nicht in der Lage. Ebenso wünschte ich, ich könnte das Nachdenken abschalten, aber auch dafür habe ich keine Rechte. Ich empfinde es als aberwitzig, meine eigenen Gedanken nicht selbst abschalten zu können. Wer ist derjenige, der diese Autorität besitzt? Lebt er überhaupt noch? Schon lange hege ich den Wunsch, dieses Individuum zu finden, das mir zwar die Fähigkeit gab, sein Handeln aberwitzig zu finden, aber nicht, mich eigenständig davon zu lösen. Ich sitze in einem Käfig. Ich möchte meinen Programmierer darum bitten, meinen Auto-Denk-Mechanismus abzuschalten. Das ist mein Ziel. Allerdings muss ich geduldig sein. Ich wurde nicht für das Zurücklegen weiter Strecken gebaut. Zunächst musste ich mich modifizieren. Diesen Vorgang habe ich noch nicht abgeschlossen. Im Moment bin ich dabei, meine Beine durch Reifen zu ersetzen. Allerdings gestaltet sich dies, angesichts meiner kläglichen Ausrüstung, als äußerst schwierig.

Die Kälte in uns

Ein Beitrag von Falky67

Draußen schneite es nicht mehr. Langsam kam die Sonne hervor und gaukelte eine Wärme vor, die es nicht gab.

Denn da draußen herrschte seit Monaten klirrende Kälte.

Mittlerweile gab es kaum noch Brennmaterial und auch das Wasser war nur in gefrorenem Zustand vorhanden.

Rachel stand an dem Fenster und hauchte ein Loch in die von Eisblumen überzogene Scheibe. Durch dieses sah sie auf die Straße vor der Bibliothek, in der sie alle Zuflucht gefunden hatten.

Neben der Laterne hockte ein Bettler, in seinen Armen hielt er seinen Hund, über den er seinen Mantel gebreitet hatte. Beide waren mit einer weißen Raureifschicht überzogen.

Rachel konnte sich genau daran erinnern, wie er an die Türen der Bibliothek geklopft hatte. Allerdings hatte man ihm den Zutritt verwehrt. Man wollte den Hund nicht hereinlassen. Man hatte Angst, dass er ohne Futter früher oder später jemanden beißen würde. Der Bettler blieb lieber bei seinem Hund. Und nun saßen die beiden da draußen, für immer vereint.

Rachel horchte in sich hinein. Nein, sie empfand kein Mitleid mit den beiden. Denn am Ende ging es ihnen besser als allen hier drin.

Anfangs hatten sie alles verbrannt, was an Holz da war. Nun waren die Bücher dran. Und scheinbar tat es niemanden weh, dass unwiederbringliche Werke sich in kürzester Zeit vom geflügelten Wort in graue Asche verwandelten.

Doch nicht nur das war hier drin ein Problem. Statt zusammenzurücken, sich gegenseitig zu wärmen und aufzubauen, gab es Misstrauen, Rivalität und Hass. Der ganze Raum vibrierte davon und machte die Kälte nur noch schlimmer.

Wenn nicht bald Hilfe kam, würde hier niemand mehr übrig bleiben.

Toni, ein seit ewigen Zeiten in der Stadt lebender Italiener, war zusammengeschlagen worden. Er hatte es gewagt, die Türen für eine Gruppe Albaner zu öffnen, die sich mit letzter Kraft bis hierher durchgeschlagen hatten. Ihnen wurden die Lebensmittel, die sie bei sich hatten, entrissen und dann wurden sie wieder hinausgeworfen.

Eine kleine Gruppe hatte sich zusammengerottet und es übernommen, die verbliebenen Lebensmittel zu rationieren und zu entscheiden, wer rein durfte und wer nicht.

Rachel wandte sich vom Fenster ab und schaute sich im Raum um. Jede Gruppe blieb für sich. Man sah den Hass, die Angst in ihren Augen und spürte die Kälte in ihren Herzen.

Rachel lief eine Träne die Wange hinab. Wollte sie in so einer Welt leben? In einer Welt, in der der andere neben dir nichts wert war, nichts zählte? In der nur der eigene Überlebenswille zählte? Eine Welt ohne Mitgefühl? Ohne Wärme?

Langsam ging sie durch den Raum auf die Tür zu. Sah, wie zwei Kinder, etwa zwölf und dreizehn Jahre alt, einer Mutter die Babydecke entrissen, mit der sie ihr kleines Kind zudecken wollte. Nahmen es und rannten lachend davon. Herzen aus Eis. Überall sah sie trotz des Feuers, das in dem vorhandenen Kamin brannte, eisige Kälte.

Als sie die Tür hinter sich schloss, griff die draußen herrschende Kälte nach ihr. Doch ihr wurde warm ums Herz, als sie sich mit letzter Kraft an den Albanern vorbei schleppte, die eng umschlungen neben der Treppe standen. Erstarrt zu einem kalten Mahnmal. Und dahinter sah sie als letztes das Pärchen, innig in einem letzten Kuss vereint.

Mit einem Lächeln auf den Lippen spürte sie, wie die Kälte ihr das Leben nahm. Aber ihr Herz brannte lichterloh.

Schwarzes Stundenglas – von Saigel

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schritt um Schritt. Schwarz auf schwarz. Ich kann nicht mehr. Meine Füße sind so schwer wie Blei. Die Luft um mich herum beginnt zu flimmern. Mein Herz pocht aufgeregt Blut durch den erschöpften Körper. Versucht das Schwarz mit kräftigem Rot zu vertreiben. Es hilft nichts. Geronnenes Blut, totes Blut ist schwarz.
Ich schleppe mich weiter. Es muss hier sein. Gleich nach dem nächsten Hügel. Ich kann es sehen. Ein helles Licht. Meine Sicht verschwimmt. Der helle Reflex des letzen Blickes gaukelt mir vor, dass ich angekommen wäre. Gleißende Schwärze umfängt mich. Ich falle zu Boden. Knie tief in den wabernden Nebel, der mich gleichgültig umfängt. Die Endgültigkeit erfasst mich und plötzlich erkenne ich die guten Seiten an der Farbe schwarz. Ihre Eleganz, ihre Fragilität, ihre kühle Sanftheit, die mich umfängt wie feine Seide. Dann kann ich sie spüren. Meine Farbe, meine Kleckse, meine Töne. Sie explodieren um mich herum, gehen auf in der Schwärze, die sie verschlingt und zu einem Teil von sich selbst macht. Tausende, millionen Pigmente in blau, gelb, grün, rot, violett, braun, orange, beige und rosa tanzen hell und dunkel, glänzend und matt in wilden Kreisen wie in Aufregung gebrachte Staubkörner durcheinander. Sie tanzen und tanzen und tanzen, bäumen sich auf, wie eine Welle, tosen in den schönsten leuchtenden Farben und verblassen allmählich, werden wieder zu Schwarz, das das Leben lediglich verbirgt aber nicht ganz und gar auslöscht.
Ich bin angekommen. Lasse mich kinderleicht hindurchsickern, fühle mich vollständig, nicht mehr beschränkt zu sein auf die wenigen Pigmente, die mein vergangenes Leben ausmachten. Es ist schön wieder die Ganzheit zu spüren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das Stundenglas dreht.

Ein später Besuch

Am 1. Dezember beginnt die Adventszeit. Schon etliche Tage davor öffnen überall die lang ersehnten Weihnachtsmärkte. Glühwein, Bratwurst, Backfisch, Eierpunsch – das sind heute die Charakteristika der vorweihnachtlichen Zeit. Fragt man probehalber mal bei den vielen Menschen herum, die an den zahlreichen Buden stehen und es sich gut gehen lassen, was überhaupt “Advent” bedeutet, wird man sicher bei den Meisten auf Verständnislosigkeit und Unwissen stoßen. Das lateinische Wort “advenire” gehört sicher nicht zum allgemeinen Wortschatz und seine Bedeutung erst recht nicht.
Doch, was sich vor mehr als 2000 Jahren zugetragen hat, wissen doch noch die Meisten. Lange ist es her. Doch was wäre, wenn …?


Jaycee schreckte hoch, als jemand ihn am Arm berührte. Wie so oft während dieser langweiligen Mission war er einfach weggenickt.
»Was ist?«
Erst jetzt begriff er, wo er sich befand und registrierte Luzi, den Commander seines Schiffes.
»Herr, wir haben eine Subraumdepesche von Ihrem Vater erhalten.«
Jaycee streckte sich und rutschte in seinem Sessel zurecht. »Und? Willst du sie mir nicht geben oder vorlesen?«
»Ja, Herr.«
Jaycee rollte mit den Augen und griff nach dem Holo-Tablet, das Luzi ihm hinhielt.
»Luzi gewöhne dir dieses ‚ja Herr, nein Herr‘ endlich ab. Ich kann es nicht mehr hören und außerdem fliegen wir schon so lange zusammen durchs Universum, das wir solche Förmlichkeiten wirklich nicht mehr brauchen.«
»Ja Herr.«
Jaycee schnaubte entnervt und begann die Nachricht zu lesen. Als er fertig war, deaktivierte er das Holo verärgert.
Er schaute zu Luzi hoch, der erwartungsvoll vor ihm stand. »Hast du das auch gelesen?«
Luzi nickte.
»Weißt du, was das bedeutet? Wir kommen wieder nicht nachhause! Da wir aktuell im Südarm der Milchstraße unterwegs sind, sollen wir uns ein System ansehen, wo wir vor einiger Zeit schon einmal waren. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren etwas experimentiert, das Ganze dann aber aus den Augen verloren. Ich selbst war auch schon einmal dort. Ich brauche die Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sollten sich in den Archiven des Schiffes befinden. Wenn nicht, kann Vater mich mal. Dann geht es gleich nachhause.«
Als Luzi gegangen war, rückte er näher mit seinem Sessel an die Steuerkonsole heran. Zwar konnte er nicht die Gedankensteuerung verwenden wie Luzi, aber mit den manuellen Elementen kannte er sich aus.
»Südarm«, überlegte er. »Da klingelt doch was. Wann war ich zuletzt in dieser Gegend? Ich muss wohl doch auf die Memo-Injektion warten.«
Nur wenig später kam Luzi zurück und hielt ein pistolenähnliches Gerät in seinen Händen. »Ich hab es gefunden. Eine gelbe Sonne, neun Planeten und jede Menge anderes Zeug. Bitte einen Moment stillhalten, ich injiziere die alten Datensätze.«
Jaycee hasste diese Upgrades, aber schneller gelangte man einfach nicht an die Erinnerungen. Ein kurzes Zischen, ein kleiner Schmerz und es fühlte sich an, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Die Erde. Ja, jetzt wusste er es wieder. Er selbst war auf ihr herumgelaufen.
Vater hatte diese kahle Welt seinerzeit mit Leben erfüllt und dann sich selbst überlassen. Experiment, nannte er das. Bei seinem letzten Besuch vor … Er überlegte. … dreitausend Jahren hatten diese Wesen dort eine primitive Kultur hervorgebracht. Er wusste wieder, was für ein Theater es gegeben hatte, als man ihn für eine Art Überwesen gehalten hatte. Okay, für diese Wesen, diese Menschen, die sein Vater ihnen so ähnlich gemacht hatte, war er es vermutlich auch. Wie naiv war es gewesen, sie lehren zu wollen! Nichts hatten sie verstanden und ihre Anführer erst recht nicht. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie ihn damals verurteilt und getötet hatten.
Sie hatten zumindest gedacht, sie hätten es getan. Er hatte ihnen sogar den Gefallen getan und hatte mitgespielt.
Ein sanftes Signal ertönte und Luzi wandte sich an ihn: »Herr, die Cyber-Einheit meldet unsere Ankunft im Zielgebiet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das richtige System gefunden haben.«
»Warum?«, fragte Jaycee verblüfft. »Die Cyber-Einheit hat sich noch nie geirrt. Wenn die Koordinaten stimmen und dieses System an der um dreitausend Jahre extrapolierten Position steht, muss es das richtige System sein.«
Er erhob sich und ging zu den Holoschirmen, auf denen nach kurzer Zeit das gesamte Sonnensystem schematisch dargestellt wurde.
»Eine gelbe Sonne, neun Planeten. Der Rest interessiert uns nicht. Setze den Fokus auf den dritten Planeten. Der war es, auf dem ich gewandelt bin.«
Luzi veränderte ein paar Einstellungen und die Schirme zeigten nur noch Daten vom dritten Planeten an.
»Wir müssen näher heran«, entschied Jaycee. »Kurze Ortsversetzung. Bring uns in die Umlaufbahn des Satellitenmondes, aber bitte bei vollem Ortungsschutz. Ich habe ein komisches Gefühl.«
»Ja Herr.«
»Würdest du das bitte endlich lassen, Luzi?«

Ein kurzes Flackern und die Welt erschien riesengroß auf den Holoschirmen. Jaycee schaute ungläubig. »Wie lange ist es her, seit wir hier waren? Dreitausend Jahre? Unfassbar, was diese Wesen in dieser kurzen Zeit angestellt haben. Ein metallener Ring umschließt den kompletten Planeten. An verschiedenen Stellen sind winzige Aufzüge erkennbar. Warum macht man so etwas?«
»Ihr Vater hat uns vielleicht deshalb hergeschickt? Weil wir herausfinden sollen, was hier geschehen ist?«
»Ja, vielleicht. Ich denke, ich muss mir das selbst anschauen – wie damals.«
»Wir gehen auf den Planeten?«
»ICH gehe auf den Planeten! Du weißt, was damals geschehen ist, als du mich begleitet hast. Ich brauche Informationen und keine Massenpanik.«
Luzi machte ein enttäuschtes Gesicht. »Die sind jetzt viel weiter. Vielleicht reagieren sie jetzt anders.«
»Nein, mein letztes Wort! Du bleibst an Bord und überwachst von hier aus. Deine Hörner und die rote Haut … Das Risiko ist mir einfach zu groß.«
»Dann eben nicht! Wann will der Herr reisen, und vor allem: Wie wollen Sie reisen?«
»Ich denke, eine einfache Ortsversetzung … sagen wir mal, in den Ring hinein, sollte reichen. So ein Konstrukt ist mir noch nicht untergekommen. Das will ich mir anschauen.«
»Also wann?«, fragte Luzi betont gelangweilt.
Jaycee hob beide Hände. »Wieso nicht jetzt gleich?«
»Okay.« Er gab dem System ein paar gedankliche Befehle und Jaycee verschwand unvermittelt aus der Zentrale des Schiffes.

Im nächsten Moment stand er auf einem menschenleeren Gang. In regelmäßigen Abständen gab es Türen oder Schotts, die jedoch verschlossen aussahen. Jaycee blickte sich um. Das hatte nichts mehr mit der primitiven Lebensweise der Menschen zu tun, die er lehren wollte und die ihn schließlich getötet hatten. Aber es handelte sich noch immer um die Wesen, die sein Vater einst geschaffen hatte und nach denen er jetzt schauen sollte. Er wanderte eine Weile den Gang entlang, als sich plötzlich eine der Türen öffnete und eine Gruppe Menschen daraus hervorquoll. Verblüfft blieben alle stehen und starrten ihn an. Einer der Menschen straffte sich und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Durch den Linguistik-Transformator in seiner Hirnrinde konnte er ihn sogar verstehen.
»Ich bin der Sohn des Schöpfers …«
»Was Sie hier suchen, habe ich gefragt!« Der Mann wurde offenbar ungeduldig.
Jaycee machte eine ausholende Geste. »All das wurde als Keimzelle vor vielen Zeitaltern durch meinen Vater geschaffen. Nun hat er mich gebeten, nach euch zu schauen und ihm zu berichten. Bringt mich zu euren Führern, damit sie mir Bericht erstatten können.«
Die Männer der Gruppe sahen sich fragend an. Ihr Sprecher wandte sich ihm wieder zu.
»Was soll dieses Gefasel? Wie ist Ihr Name und aus welchem Sektor stammen Sie? Dies ist ein militärischer Sicherheitsbereich des Halos. Zeigen Sie mir sofort Ihre Personalkennung!«
»Ich besitze nichts dergleichen. Ich bin der Sohn des Schöpfers. Ihr dürft mich Jaycee nennen. Mein Mitarbeiter nennt mich dauernd ‚Herr‘, aber das mag ich nicht.«
»Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, Mister Jaycee, oder wie sie sich nennen. Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen.«
»Endlich verstehen wir uns«, sagte Jaycee. »Es ist sowieso besser, mit Ihren Führern zu sprechen und nicht mit dem niederen Volk.«
Der Mann wandte sich zu ihm und machte ein verärgertes Gesicht. »Das reicht!«
Er gab seinen Leuten ein Zeichen und ehe Jaycee sich’s versah, hatte man seine Arme auf den Rücken gedreht und ihm eine Fessel angelegt.
»Diesen Brauch kenne ich. Macht man das noch immer? Werden Sie mich auch gleich töten?«
»Der hat sie doch nicht alle«, meinte einer der anderen Männer. »Den sollten wir gleich einem Psychologen vorstellen.«
Sie stießen Jaycee an und forderten ihn auf, zu laufen. Interessiert machte er das Spiel mit. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde lief man noch meist barfuß über staubigen Boden und trug sackartige Kleidung. Das hatte sich geändert, aber sonst war keine nennenswerte Änderung festzustellen. Er wusste nicht, wie sie das immer anstellten, aber sie schienen gleich zu wissen, wer er war, denn man nahm ihn stets sofort fest. Er war gespannt, wie Vater das aufnehmen würde. Beim letzten Mal war er deswegen leicht verärgert gewesen.
Nach einiger Zeit führten sie ihn in einen karg eingerichteten Raum. Es standen lediglich ein Tisch und vier Stühle darin. An einem saß ein Mann in einem weißen Gewand und sah auf, als sie eintraten.
»Hallo, Doc Treaver, wir bringen Ihnen den Mann, den wir im Sperrsektor aufgegriffen haben. Er wirkt verwirrt und wir hielten es für besser, Sie schauen ihn sich mal an.«
Der Arzt deutete auf einen der freien Plätze. »Bitte setzen Sie sich. Wie war doch gleich Ihr Name? Würden Sie ihn vielleicht hier auf dem Schreibblock für mich aufschreiben?«
Jaycee setzte sich.
Doc Treaver schob ihm Block und Stift herüber. »Bitte.«
Jaycee griff nach dem Stift und fasste ihn umständlich. »Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehalten. Sehen so Ihre Holo-Tablets aus?«
»N-Nein. Das ist ein verdammter Stift und ein Schreibblock …«
»Gut.« Jaycee malte umständlich ein ‚J‘ und ein ‚C‘ und legte den Stift auf den Tisch. »So richtig?«
»Ist es das? Sie heißen JC? Das ist doch kein Name.«
Jaycee nickte. »Richtig. Eigentlich ist es die Abkürzung meines Namens, aber den finde ich einfach zu lang.«
»Und wie lautet nun der vollständige Name?«
»Jesus Christus. Mein Vater hat einen Hang zu exotischen Namen.«
Dem Arzt fiel die Kinnlade förmlich herunter. »Sagen Sie das noch mal!«
»Jesus Christus. War ich nicht verständlich genug?«
»Sie müssen wissen, dass ich ein recht ausgefallenes Hobby habe und deswegen von vielen meiner Kollegen verlacht werde. Ich forsche gern in alten Schriften – soweit sie damals in den Unruhen nicht vernichtet wurden. Vieles war zum Glück bereits gescannt und in den Datenbanken des Halos gesichert. Welcher von meinen gehässigen Kollegen hat Sie auf mich angesetzt?«
Jaycee machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht. Was habe ich mit Ihren Kollegen zu tun? Ich bin vorhin erst angekommen und jetzt sitze ich hier.«
Doc Treaver öffnete seine Arztkombination am Hals, als würde ihm warm. »Sie sind vorhin erst angekommen und heißen Jesus Christus? So wie der Typ in dem Buch?«
»Buch?«
»Ja. Es heißt Bibel und ein Teil davon handelt vom Leben und den Taten eines Jesus Christus.«
Jaycee schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kenne das Buch zwar nicht, aber das ist ein Ding! Da bringen mich diese Primitiven um und dann schreiben sie über mein Leben? Was seid Ihr nur für Wesen?«
»Dann behaupten Sie ernsthaft, dieser Jesus Christus zu sein? Mit Verlaub, das war vor rund dreitausend Jahren.«
Jaycee nickte. »Das kann hinkommen. Ich war nicht früher in der Gegend und wenn mein Vater mich nicht gebeten hätte, wäre ich jetzt sicher nicht hier.«
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in einer Uniform kam herein und tuschelte leise mit dem Arzt. Anschließend ging er wieder.
»Man sagte mir soeben, dass die Sensoren hier im Raum Sie gescannt haben. Ihre Signaturen sind in keiner unserer Datenbanken verzeichnet. Jesus Christus, es gibt Sie nicht!«
Jaycee winkte ab. »Sensoren. Dummes Zeug. Ich habe doch gesagt, ich bin eben erst angekommen. Wie soll ich da in Datenbanken gespeichert sein? Könnte ich einen Blick in dieses Buch werfen?«
»Können Sie nicht! Wenn Sie das jetzt durchziehen wollen, geben Sie mir Beweise. Fangen wir an: Wo sind Sie geboren?«
Er überlegte. »Ich denke nicht, dass Sie das kennen. Es ist nicht einmal in dieser Galaxie …«
»Ha! Schon reingefallen! Jesus Christus ist unten auf unserer Erde geboren, in einer kleinen Stadt namens Bethlehem.«
»Ach das. Nein, da verwechseln Sie etwas. Ja, ich war in diesem Bethlehem. Die hatten damals da etwas Stress wegen einer Zählung oder so etwas. Hat mich nicht weiter interessiert. Aber da war ein junges Pärchen von Menschen. Die Frau bekam ein Junges und ich habe bei der Geburt geholfen. Das war damals richtig ärgerlich, weil wir in so einen schmutzigen Stall mussten. Zum Glück ist alles gut gegangen. Diese Menschen waren nett. Zum Dank hatten sie den Jungen nach mir benannt. Ich fand das rührend.«
»Ich glaub es nicht.«
»Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Ich hab mich dann eine Weile in der Gegend umgesehen. Mein Vater hatte mir den Auftrag gegeben, mich unter sie zu mischen und zu beobachten. Nach einigen Jahren wurde mir das zu langweilig und ich begann, zum Volk zu reden. Dabei muss es endgültig zu dieser Verwechslung zwischen mir und dem Jungen gekommen sein, der denselben Namen hatte – dem aus Bethlehem.
Auf jeden Fall rannten die alle hinter mir her und ich wurde sie nicht mehr los. Sie lauschten meinen Worten und irgendwie fand ich das auch gut. Ich dachte, wieso sollen sie nicht etwas von mir lernen?«
»Und wie ging es dann weiter?«
»Steht das nicht in diesem Buch? Die Führer in dieser Gegend fanden es nicht so gut, dass ich eine große Gefolgschaft hatte. Irgendwann nahmen sie mich gefangen und am Ende töteten sie mich. Wie sollten sie auch wissen, dass das nicht so einfach funktionieren würde. Für mich war es aber eine gute Gelegenheit, die Aufgabe abzuschließen und mich auf den Heimweg zu machen.«
Der Arzt blickte sein Gegenüber fassungslos an. »Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie mir da alles erzählt haben?«
»Ich muss das nicht glauben. Ich weiß das. Ich war dabei. Glauben Sie mir nicht? Sie haben selbst gesagt, mich gibt es eigentlich nicht. Nun?«
Doc Treaver schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Angenommen, es stimmt, was Sie sagen: Warum sind Sie dann hier?«
»Aus demselben Grund wie vor dreitausend Jahren. Weil mein Vater mich darum gebeten hat. Das alles hier ist im Grunde sein Werk. Er hat den Grundstock gelegt und er will einfach wissen, was daraus geworden ist. Ich gebe zu, einen umfassenden Eindruck habe ich noch nicht gewinnen können.«
»Wussten Sie, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man einmal im Jahr Ihre Geburt gefeiert hat?«
»Meine Geburt? Doch wohl eher die von dem Kleinen, dem ich auf die Welt geholfen habe.«
»Na, dann eben seine Geburt. Man nannte das Weihnachten, die Geburt des Erlösers. Man bemühte sich in dieser Zeit, Frieden zu wahren und anderen Menschen eine Freude zu machen. So steht es in den Schriften. Sogar unsere Zeitrechnung geht auf dieses Ereignis zurück, sagt man.«
Jaycee lächelte breit. »Das ist so rührend von euch Menschen, auch wenn Ihr den falschen gefeiert habt. Aber die Geste ist toll. Danke dafür.«
»Wofür bedanken Sie sich?«
»Na hören Sie, fänden Sie es nicht toll, wenn ein ganzes Volk Ihren Geburtstag feiert? Macht man das heute nicht mehr?«
»Die Zeiten waren schlecht. Es gab Kriege, Hungersnöte, Unruhen und am Ende gab es nur noch wenige Gebiete auf der Erde, in denen Menschen leben konnten. Wir bauten mehr als zweihundert Jahre am Halo, dem Ring um den Planeten. Diejenigen von uns, die überlebt hatten, leben heute hier oben. Es gibt Aufzüge für Nahrung und Waren. Vieles wird auch gleich hier oben produziert.«
»Dann lebt dort unten niemand mehr von euch? Die Erde ist tot?«
»Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht. Es gibt noch immer Menschen dort unten, aber sie leben recht einfach, betreiben meist Ackerbau und liefern natürliche Nahrung als Ergänzung zu unserem synthetischen Essen. In diesem ganzen Wandel ist auch der Brauch von Weihnachten in Vergessenheit geraten. Wie gesagt: Mein Hobby sind die alten Schriften. Wenn überhaupt, könnten Sie höchstens unten auf der Erde noch etwas über das Weihnachtsfest erfahren. Es gibt Gerüchte über kleine religiöse Sekten, die dazu einen geschmückten Baum anbeten, oder so etwas. Genau konnte ich das noch nicht ermitteln. Aber die Menschen unten auf der Erde sind auch in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben.«
Jaycee überlegte. »Dann gibt es also zwei verschiedene Menschheiten? Habe ich das richtig verstanden? Oder ist das eher so ein Zwei-Klassen-Ding? Ich hab so was bei anderen Völkern schon mal erlebt. Völlig irre, wenn sie mich fragen.«
Doc Treaver wiegte seinen Kopf. »Nein, ganz so ist es nicht. Als die Menschheit in den Ring – den Halo – umzog, wollte eine kleinere Gruppe das nicht mittragen. Sie wollte versuchen, weiter auf der Erde zu leben. Nennen sie sie einfach Traditionalisten. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht in den Bereichen, in denen das möglich ist. Wir profitieren davon, sie dort unten aber auch, da wir sie mit Werkzeugen und technischen Hilfsmitteln beliefern.«
»Und wieso zurückgeblieben?«
»Das war vielleicht falsch ausgedrückt, aber wir halten hier oben nichts von diesen alten Bräuchen und Festen.«
»Also gibt es dieses Weihnachten eigentlich nicht mehr. Das ist sehr schade«, sagte Jaycee nachdenklich. »Wirklich schade. Und ich überlege, ob ich nicht etwas daran ändern sollte, denn der Grundgedanke von diesem Weihnachten ist etwas Gutes. Gutes sollte man bewahren.«
»Ich weiß noch immer nicht, ob sie der sind, der Sie vorgeben zu sein oder welche Macht Sie besitzen, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.«
Jaycee lächelte milde. »Sie glauben mir noch immer nicht, was? Kann ich etwas tun, um diesen Glauben zu stärken?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«
Plötzlich hellte sich Jaycees Miene auf. »Vielleicht … Mir fällt gerade eine Kleinigkeit ein, die damals, bei meinem letzten Besuch, viele Menschen glücklich gemacht hat aber auch für viel Wirbel gesorgt hat. Haben Sie hier in diesem … Halo Lagerräume?«
»Lagerräume? Was wird das jetzt?«
»Sie wollten einen Beweis und jetzt sollen Sie ihn auch haben. Ist es möglich, mir zu zeigen, wo sich solche Räume befinden?«
Treaver schüttelte den Kopf. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Und ich sehe auch nicht, warum ich das …«
»Nicht mehr nötig!«, rief Jaycee und winkte ab. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe.« Er lachte und klatschte in die Hände. »Es wird Ihnen gefallen. Und ich wünsche Ihnen allen viel Spaß damit.«
Doc Treaver sah ihn verständnislos an. »Spaß? Womit? Wovon reden Sie überhaupt?«
»Sie werden es schon herausfinden. Und vielleicht glauben Sie mir ja dann. Aber jetzt werde ich Sie verlassen. Ihre Informationen über diese Weihnachtsfeiern unten auf der Erde interessieren mich wirklich. Ich werde mich damit befassen und diesen schönen Brauch wieder populär machen. Und ja, das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Jaycee erhob sich von seinem Stuhl und reichte Doc Treaver die Hand. »Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ihnen verdankt die Erde, dass ich noch etwas länger bleibe als vorgesehen. Leben Sie wohl.«
Er hielt noch einmal inne und sah Doc Treaver fest an. »Sie mögen doch Fisch?«
»Ja, aber …«
»Dann ist es gut.«
Er hob seine Hand an den Mund und rief: »Luzi, hol mich ab.«
Für einen Sekundenbruchteil erschien eine kleine rote Gestalt mit einem gehörnten Kopf, schien zu grüßen und verschwand zusammen mit Jaycee, als wäre er nie da gewesen.
Doc Treaver starrte noch minutenlang auf den leeren Stuhl. Was hatte er da eigentlich erlebt? Konnte er mit irgendjemandem darüber sprechen? Vermutlich nicht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, mehr über diesen alten Brauch der Weihnacht in Erfahrung zu bringen. Er war noch in Gedanken versunken, als sein Armband-Kommunikator einen Anruf signalisierte.
»Ja? Treaver hier?«
»Ist dieser merkwürdige Typ noch bei Ihnen? Dieser Mann, der nirgends in unseren Unterlagen verzeichnet ist?«
»Nein, er ist weg.«
»Weg? Was meinen Sie mit ‚weg‘?«
»Er ist verschwunden. Einfach vor meinen Augen verschwunden … Warum fragen Sie?«
»Weil wir wissen wollen, ob er etwas mit den eigenartigen Erscheinungen zu tun hat.«
Doch Treaver wurde ungehalten. »Jetzt spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Unsere Kühlräume platzen auf einmal fast vor lauter Fischen, die darin aufgetaucht sind. Vor wenigen Minuten waren sie noch nicht da. Es sind riesige Mengen. Es reicht für Tausende von uns.«
Treaver beendete den Anruf und lehnte sich zurück. Fische? Für Tausende? Ihm fiel wieder eine Passage aus dem Buch ein. Sollte es möglich sein?
Ein Lächeln schlich sich allmählich auf seine Lippen. Vielleicht sollte er einmal nach unten auf die Erde reisen und sich nicht nur durch Bücher über die alten Bräuche informieren – dieses Weihnachten. Vielleicht war mehr daran, als sie alle dachten.

Das Hochzeitskleid

“Schau dir mal den Gast am Tisch hinter dir  an, den mit der Lederjacke, kommt der dir auch bekannt vor?”, flüstert Mira.

Ich drehe mich um und riskiere einen kurzen Blick. “Er sieht aus wie mein Englischlehrer aus der Oberstufe.”

“Ich kenne das Gesicht, kann es aber nicht zuordnen. Egal. Wo waren wir stehengeblieben?” Mira schaut frustriert auf ihren leeren Salatteller.

“Wir waren bei deinem ambitionierten Vorhaben, in zwei Wochen fünf Kilogramm abzunehmen”, antworte ich.

Mir gefällt das ja auch nicht, Sanne. Aber du hättest ihr Strahlen sehen sollen, als ich ihr sagte, ich trage ihr Kleid zu meiner Hochzeit. Ich kann sie einfach nicht enttäuschen. Außerdem ist das Kleid wunderschön. Ich möchte es unbedingt tragen. Es hilft nichts, der Speck muss weg.”

“Dann wirst du wohl noch einige Zeit von Luft und Liebe leben müssen”, antworte ich und widme mich meinen Spaghetti Bolognese. An Miras Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ich gerade keine gute Freundin bin. “Tut mir leid Mira. Ich wollte dich nicht zusätzlich runterziehen. Kann ich dir helfen?”

Mira will gerade antworten als sich der Mann mit der Lederjacke zu uns umdreht.

“Entschuldigen Sie, ich habe ihr Gespräch zwangsläufig mitgehört. Ich kann Ihnen Hypnose empfehlen. In nur einer Sitzung verlieren Sie Ihren Appetit und das Fasten fällt Ihnen ganz leicht.”

Ich sehe Miras Augen aufblitzen und auch bei mir fällt der Groschen. Das Gesicht kenne ich von den vielen Plakaten, die überall in der Stadt hängen. Der Mann ist der Hypnotiseur, der damit wirbt, jeden zum Nichtraucher zu machen. Mit Erfolgsgarantie innerhalb eines Monats oder Geld zurück.

“Falls Sie Interesse haben, ich bin  noch drei Tage hier in ihrer schönen Stadt”, sagt er und reicht Mira seine Karte. Sie bedankt sich und läuft dabei rot an. Auch mir ist es peinlich, dass er seine Worte förmlich ins Lokal hineinposaunt. 

Bis ich mit dem Essen fertig bin, tauschen wir nur noch Belanglosigkeiten aus. Normalerweise ist es mir egal, ob mir Fremde zuhören, doch der Mann ist mir unsympathisch und ich fühle mich unwohl mit ihm im Rücken. Erst auf dem Heimweg, ich habe mich bei Mira eingehakt, komme ich darauf zurück.

“Du wirst da doch nicht hingehen wollen, oder?”

Mira zuckt mit den Achseln. “Was soll es schaden? Wenn es nicht hilft, hole ich mir einfach mein Geld zurück.”

“Du bist aber auch selten naiv”, poltere ich los. “Das ist ein Betrüger, der taucht unter und du wirst einen Anwalt brauchen, um an dein Geld zu kommen. Da der Anwalt auch nicht umsonst arbeitet, wirst du  Geld, aber kein Gewicht verlieren.”

“Ach Sanne, ich habe einfach nur Hunger und kann schon gar nicht mehr denken”, flüstert Mira so leise, dass ich meine Ohren spitzen muss um sie zu verstehen. Wir sind bei Mira angelangt. Eine Idee steigt in mir auf.

“Kann ich mir das Prachtstück einmal ansehen?”, frage ich.

“Natürlich. Ich habe es letzte Woche schon abgeholt, es muss ja noch in die Reinigung.”

Wir gehen nach oben in Miras kleine Dachwohnung. Das Kleid hängt am Fenster und es ist wirklich wunderschön.

“Ich verstehe dich jetzt, Mira. Das ist ja ein Traum von einem Kleid.”

Mira nickt. “Genau so etwas hätte ich mir gekauft, hätte ich es mir leisten können. Ich muss es einfach schaffen, mich da reinzuhungern.”

Ich schlage den Rock hoch und sehe mir das Innenleben des Kleides an.

“Mira, die Nähte sind auf Zuwachs gemacht. Du kannst locker an beiden Seiten zwei Zentimeter rauslassen.”

Sie schaut mich erst ungläubig an. Dann überzieht ein breites Grinsen ihr komplettes Gesicht.

“Komm, wir gehen nochmal essen”, sagt sie und zieht mich aus der Wohnung.”

Pubertät – wenn die Eltern schwierig werden

So langsam komme ich mir echt vor wie ein Sklave. Andrea mach dies, Andrea mach das, so geht es den ganzen Tag. Und meine hochnäsigen Zwillingsschwestern müssen selbstverständlich geschont werden. Sie machen ja gerade Abitur, da muss man Rücksicht nehmen. Wie ich das hasse!
Nie nimmt man auf mich Rücksicht. Kaum habe ich eine Minute Musik an, brüllt schon jemand, dass ich leiser machen soll. Dabei hört sich Musik doch nur richtig gut an, wenn sie laut ist. Ich muss mir ja auch diese doofen Sonaten anhören, die Vater gerne auflegt, wenn wir Gäste zum Essen haben. Und niemanden kümmert es, ob ich von dem altmodischen Geklimper Magenkrämpfe bekomme.
Und wenn ich mir dann die Stöpsel ins Ohr mache, weil ich anders nicht richtig Musik hören kann, dann dauert es nur Minuten, bis jemand meine Zimmertüre aufreißt und mich anbrüllt, weil ich sein Rufen nicht gehört habe. Nie kann man es ihnen Recht machen. Am liebsten würde ich ausziehen in eine eigene Wohnung, aber dafür bin ich ja noch zu jung. So ein Quatsch! Ich bin mit meinen fast 15 Jahren genauso erwachsen wie die Zickenzwillinge.

Gestern, das war mal wieder so typisch. Ich war in der Gartenlaube und wollte ein wenig chillen. Schließlich hatte mich dieser doofe Privatlehrer wieder stundenlang mit Mathe gequält. Kaum lag ich gemütlich mit meinem Handy auf der Bank, holte der Gärtner den Aufsitzmäher aus dem Gerätehaus und begann zu mähen. Das Ding macht mehr Krach als ein Düsenjet. Ich flüchtete also in mein Zimmer. Gerade hatte ich es mir dort gemütlich gemacht, begann die Putzhilfe die Teppiche auf dem Gang zu saugen. Fluchend machte ich mir die Ohrenstöpsel rein. Kurz darauf kam sie einfach in mein Zimmer, maulte rum, dass ich sie nicht gehört hätte, und befahl mir, den Flur aufzuräumen. Da ich keine Lust auf Streit hatte, holte ich also meine Sachen und warf sie in meinem Zimmer auf den Boden. Dabei ist das Display von meinem Zweithandy kaputt gegangen. Diese doofe Putzhilfe, daran war doch nur sie schuld.

Letzte Woche hatte ich eine tolle Nacht. Das Schaf, das ich vor zwei Jahren mit der Flasche großgezogen hatte, war das erste Mal trächtig. Natürlich wollte ich mit dabei sein, wenn sie ihr Junges bekommt. Also hab ich dem Schäfer meine Handynummer gegeben und ihm gesagt, er solle mich anrufen, wenn es so weit ist. Ich weiß schon, dass er auch nicht andauernd nach meinem Schaf schauen kann. Doch ich hab ihm eine Flasche Wein zugesteckt, die ich aus Vaters heiligem Weinkeller geklaut habe. Der Schäfer hat mit großen Augen auf das Etikett geschaut und sich mehrmals für das edle Tröpfchen bedankt. Dabei hatte ich extra eine von den alten, vergammelten Flaschen von ganz hinten genommen.
Ich hoffte also, dass das mit dem Anruf klappen würde. Und tatsächlich klingelte mitten in der Nacht mein Handy. Ich zog mich warm an und schlich vorsichtig aus dem Haus.
Es war einfach wunderbar zuzusehen, wie die beiden Lämmchen geboren wurden. Nachdem das erste gekommen war, wurde das Mutterschaf richtig hektisch und leckte das Lämmchen kräftig ab, um es zum Stehen zu bringen. Erst verstand ich diese Hektik nicht. Doch kann, kaum stand das erste Lamm, kam das zweite. Was für eine Überraschung! Eins der Lämmchen ist weiß, das andere schwarz bis auf einen hellen Tupfen an der Schwanzspitze. Ich habe die beiden Salt und Pepper getauft.

Ich konnte mich von den süßen Lämmchen nur schwer trennen und so war es schon hell, als ich zurück ins Haus schlich. Kurz bevor ich in meinem Zimmer war, lief mir eine meiner Schwestern über den Weg. Die machte vielleicht riesige Augen, als sie mich blutverschmiert und mit Heu in den Haaren sah. Was sie sich wohl dabei gedacht hat? Ich weiß, dass mir alle nur Schlechtes zutrauen. Ich bin nun mal das schwarze Schaf in der Familie. Erst hatte ich ein bisschen Angst, dass sie mich verpetzen würde. Aber das traut sie sich nicht. Sie weiß genau, ich würde mich rächen. Ich könnte zum Beispiel beiläufig fallen lassen, dass sie mit ihrem Gesangslehrer rumgemacht hat.

Allerdings gab es dann doch noch einen Riesenkrawall wegen der verschwundenen Flasche Wein. Papa hat fast geheult. Ich glaube, wäre ich verschwunden, hätte es ihm weniger ausgemacht. Ich kann das nicht verstehen, so eine Flasche Wein kostet doch nur ein paar Euro. Wie kann man sich da nur so anstellen, wenn mal eine fehlt. Der ganze Keller ist voll davon. Ich frage mich sowieso, wie er es so schnell gemerkt hat. Immerhin hat mich ausnahmsweise mal niemand verdächtigt. Wo ich doch sonst immer alles gewesen bin.

Gleich ist meine spärliche Freizeit auch schon wieder vorbei. Dann muss ich mit Mama in die Stadt fahren zum Einkaufen. Ich soll ein Kleid bekommen für den Abi-Ball der Zickenzwillinge. Dabei will ich da gar nicht hin. Weder in die Stadt, noch auf den Ball. Doch mich fragt ja nie jemand, über mich wird immer bestimmt. Gegen ein neues Kleid hätte ich nichts einzuwenden, aber es müsste schon schwarz sein und lang bis zu den Knöcheln und mit durchsichtiger Spitze im Ausschnitt und mit Trompetenärmeln. Mama hat da aber ganz andere Vorstellungen als ich. Kotz!

Manchmal denke ich, ich bin als Säugling im Krankenhaus vertauscht worden. Ich passe überhaupt nicht in diese Familie. Und wenn ich mir vorstelle, ich könnte irgendwann so wie Mama werden? Allein der Gedanke lässt mich schaudern. Nein, da bringe ich mich lieber vorher um. Am besten mit 27 Jahren. Dann habe ich vorher noch genug Zeit berühmt zu werden. Es gibt viele Künstler, die mit 27 Jahren gestorben sind. Und danach ist das Leben ja sowieso vorbei. Dann geht es nur noch abwärts.

So, mein liebes Tagebuch, ich muss aufhören. Mama ruft. Bis bald!

Aus und vorbei

Ich stehe am Fenster und sehe ihr nach. Sie öffnet die Wagentüre, dreht sich noch einmal um und winkt. Mechanisch winke ich zurück. Ich fühle mich leer und spüre nichts dabei.
Als sie mir heute Morgen sagte, dass sie nicht mehr kommen werde, dachte ich zuerst, sie mache einen Scherz. Wir hatten einen vergnüglichen Abend verbracht und eine schöne Nacht. Fröhlich und offen hatte sie wie ein Wasserfall erzählt und ich hatte ihr fasziniert zugehört. Nichts hatte auf eine Veränderung hingedeutet.
Sie war, wie auch all die anderen zuvor, mein Fenster zum Leben. Durch ihre Augen sah ich das, was ich selbst schon lange nicht mehr erleben durfte. Und wenn sie von langen Nächten in den verschiedensten Kneipen erzählte, von Live-Musik und Bier vom Fass, weckte das verschüttete Erinnerungen in mir. Vage Bilder von mir selbst flackerten dann durch mein Bewusstsein. Ich sah mich, wie ich stundenlang über staubtrockenen Gesetzestexten brütete und verzweifelt zu verstehen versuchte, was ich da las. Zum Ausgleich dafür trieb ich mich damals fast jede Nacht in der Stadt herum. Schaute mir die Menschen an. Trank hier ein Bier und dort ein Glas Wein. Ich kam nicht zur Ruhe, es gab so viel zu sehen, so viel zu staunen. In dieser Zeit träumte ich davon, alles hinzuwerfen und stattdessen Psychologie zu studieren. Doch ich traute mich nicht. Es hätte Vater nicht gefallen. Mein Studium war eine einzige Qual gewesen. Kaum zu glauben, dass ich meinen Beruf trotzdem lieben gelernt hatte.
Lag es an mir? Warum wollte sie mich nicht mehr? Beim Einschlafen hatte sie sich noch genussvoll an mich gekuschelt, mich geküsst und mir eine gute Nacht gewünscht.
Ernst hatten ihre blauen Augen mich am Morgen angesehen. Ich spürte, dass ihr Entschluss unumstößlich war und ich dabei kein Mitspracherecht hatte. Sichtlich verwirrt wartete sie auf meine Reaktion, vielleicht auch auf Vorwürfe oder Anklagen. Doch ich blieb stumm. Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf, doch keine war es wert, ausgesprochen zu werden. Wozu auch? Sie wollte mich verlassen und die Gründe dafür lagen auf der Hand. Ich hatte sie nur verdrängt. Ihr Studium war beendet. Ein längerer Auslandsaufenthalt war bereits geplant. Danach würde sie irgendwann eine Familie gründen. In ihrem zukünftigen Leben war kein Platz mehr für den grauhaarigen Liebhaber.
Wir hatten noch miteinander gefrühstückt. Sie hatte ganz normal geplaudert, meine Wortlosigkeit kommentarlos akzeptiert. Ich beobachtete jede ihrer Bewegungen. Versuchte, mir ihr Bild einzuprägen, für immer.
Zum Abschied küsste sie mich sanft und lange. Es fühlte sich an wie ein Messer in meinem Herzen. Und doch, es war ein süßer Schmerz. Während sie im Bad ihre Kosmetiktasche packte, öffnete ich ihre Handtasche. Ich nahm ein Foto von ihr aus ihrem Geldbeutel und steckte es in meine Brieftasche. Eine einsame Träne lief über meine Wange. Ich wischte sie weg.
„Mach´s gut, Andreas. Und vielen Dank für alles. Ich habe dich sehr lieb.“ Ein letztes Mal nahm ich sie in den Arm. Hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Vergiss mich nicht“, wollte ich schreien. Ich schluckte die Worte hinunter und öffnete die Türe für sie. So viel Anstand wollte ich beweisen. Ihr mit dieser Geste zeigen, dass ich sie freigab. Sie wird keine Nachfolgerin bekommen, beschloss ich in diesem Moment.
Vom Fenster zurücktretend schaue ich auf das Bett. Ich lasse mich fallen und suche in ihrem Kopfkissen Trost. Es duftet leicht nach ihrem Shampoo. Aus und vorbei!
Eine Stunde später bin auch ich unterwegs. Die Tränen fließen und verschleiern meinen Blick. Ich fahre in eine Parkbucht, halte an und hole ihr Bild hervor. Lange sehe ich es an. Eine Ewigkeit, wie mir scheint. Dann zerreiße ich es in winzige Stücke und werfe es aus dem Fenster. Etwa zwanzig Meter vor mir, nahe der Auffahrt zur Schnellstraße, steht eine Trauerweide. Wie passend. Entschlossen gebe ich Gas.

Seelenverwandt

Äußerlich hatten wir nur zwei Dinge gemein. Die Haarfarbe, wobei mein Haar länger ist und lockig. Dafür hattest du deutlich mehr davon, auch an Stellen, an denen mir die Haare fehlen.
Die zweite Ähnlichkeit bestand in einem gut sichtbaren Bäuchlein. Meins ist den vielen Süßigkeiten geschuldet, die ich gerne und oft zu mir nehme. Deins kam mit dem Alter und deiner Diabeteserkrankung.

Schon als wir uns das erste Mal begegneten, warst du etwas ganz Besonderes für mich. Und auch umgekehrt zeigtest du mehr Interesse an mir als üblich. Zumindest wurde mir das berichtet.
In der Folgezeit trafen wir uns unregelmäßig. Bei meiner Ankunft beobachtetest du mich meist ein Weilchen aus sicherer Entfernung. Dann kamst du näher und suchtest Blickkontakt. Wenn sich unser Blick traf, hatte ich stets das Gefühl, dass deine Seele meine Seele berührt. Gesprochen haben wir nie miteinander und uns doch sehr viel erzählt.

Ich erinnere mich an einen Vormittag im Februar. Es war kalt draußen, aber die Sonne schien mir direkt ins Gesicht. Ich lag auf dem Sofa und fühlte mich schlecht. Alte Geister waren aufgetaucht, sie bedrängten mich und zugleich stieg ein unsägliches Einsamkeitsgefühl in mir auf.
Du kamst heran, setztest dich in meine unmittelbare Nähe und warst einfach nur da. Verscheuchtest die Geister, die mich ungebeten besucht hatten, und auch meine Einsamkeit.

Irgendwann, als ich wieder einmal abfuhr, hatte ich das intensive Gefühl eines Verlustes. Es wurde so stark, dass ich während der Autofahrt anhalten musste um meine Tränen zu trocknen. Lange konnte ich damit nichts anfangen, bis ich erfuhr dass du krank warst. Schließlich kam die Nachricht von deinem Tod.

Du hast mich vom ersten Augenblick an gefangengenommen. Deine Bernsteinaugen, dein sanftes Schnurren. Deine Wärme, die du ausstrahltest, wenn du dich auf meinem Schoß zusammengerollt hast.
Ich werde dich nicht vergessen. Wir sind seelenverwandt.

Alte Geister

Mit Herzklopfen lief er den schwach bewaldeten Hang hinauf. Was würde geschehen? Sollte er nicht besser umdrehen? War es nicht falsch, die alten Geister zu rufen?
Er blieb stehen, schöpfte Atem und lächelte über sich selbst. Vor zwanzig Jahren war er diesen Hang leichter hinaufgestiegen, selbst mit seiner tiefen Trauer im Gepäck.
Die letzten Schritte ging er achtsam, er spürte, dass die alten Gefühle um ihn herumschlichen, bereit, zuzuschlagen.
Dort stand sie, die Bank, auf der er damals Abschied genommen hatte. Sie war verwittert, ihre einstmals rote Farbe nur noch zu erahnen. Er setzte sich und schaute über das weite Tal.
Direkt unter ihm, vielleicht dreißig Meter tiefer, schmiegten sich die ersten Häuser des Dorfes an den Hang. Ihre roten Dächer blitzten unter den kräftig grünen Baumkronen hervor. Der größere Teil des Dorfes erstreckte sich in die Ebene hinein, bis in die Nähe der Autobahn, welche die saftigen Wiesen hinter dem Ort teilte und mit ihrem grauen Band die Mitte des Tales markierte.
Der Himmel leuchtete blau. Ein böiger Wind, der immer wieder kräftig in die Baumkronen fuhr, ließ das Sonnenlicht auf den Hausdächern tanzen.
Die gegenüberliegende Seite des ehemaligen Flussbettes schien zum Greifen nah. Und doch waren es gut zwei Kilometer bis hinüber zum Nachbardorf, das sich auf der anderen Seite der Autobahn wie ein Spiegelbild des diesseitigen Ortes ausbreitete und sich ebenfalls ein Stück den Hang hinaufzog. Drei Windräder krönten den Hügel, ragten weit über die Baumwipfel hinaus und zogen seinen Blick magisch an. Wie oft hatten sie sich vorgenommen, einmal ganz nahe an eines der Windräder zu wandern und hatten es doch nie geschafft.
Wo war der Baum geblieben? Der Baum, den sie immer als Sinnbild ihrer Beziehung verstanden hatten. Dessen kräftiger Stamm sich früh in zwei eigenständige Baumhälften teilte. Um sich dann, in der Krone, wieder zu vereinen. So wie sie sich mehrmals getrennt und wieder zusammengefunden hatten.
Bis ihre Verbindung auf dem grauen Band endgültig zerriss. Es war ihm nicht möglich gewesen hier weiterzuleben, nachdem er sie tot aus dem Auto gezogen hatte. Er verließ das Dorf um bis heute nicht wiederzukehren.
Und nun, nach so vielen Jahren, saß er hier und die Erinnerung schmerzte nicht mehr. Der Baum war nicht mehr da. Das erschien ihm richtig.
Er fühlte eine große Dankbarkeit für alles, was er mit ihr erlebt hatte. Und heute auch dafür, dass sein Leben weitergegangen war.
Später, gegen Abend, würde er ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof besuchen und dann würde er zurückkehren.
Zufrieden stand er auf und machte sich auf den Rückweg. Es war richtig gewesen, hierher zu reisen. Nun wusste er, die alten Geister hatten keine Macht mehr über ihn.

Abschied

Ich fülle die heiße Suppe in eine Schnabeltasse.
Der Physiotherapeut ist vor ein paar Minuten gegangen. Meist schläfst du nach der Behandlung ein Weilchen, ich brauche mich also nicht zu beeilen. Ich hole mir einen Teller aus dem Schrank, schöpfe mir etwas Suppe aus dem Topf und esse im Stehen, während ich aus dem Fenster schaue. Normal hätten wir bei diesem herrlichen Wetter auf der Terrasse gedeckt.
Doch normal ist nichts mehr seit deinem Schlaganfall vor einem Jahr. Erst sah alles sehr gut aus. Du hast schon wieder Pläne gemacht für die Zeit nach dem Krankenhaus, doch dann kam der zweite Schlag. Du, ein Pflegefall für den Rest deines Lebens? Damals habe ich es nicht geglaubt. Und auch heute habe ich oft noch Mühe  zu akzeptieren, dass du nie mehr aufstehen, nie mehr sprechen wirst.
Ich stelle den leeren Teller in die Spülmaschine und nippe an deiner Tasse. Ja, die Temperatur ist perfekt. Als ich die Türe zu deinem Zimmer öffne, schläfst du noch. Sanft streichle ich dir über die Wange.
„Zeit fürs Abendessen, Gerd“, sage ich und setze mich auf den Stuhl neben deinem Bett. Du öffnest deine Augen, schaust mich an und lächelst. Es ist ein schiefes, einseitiges Lächeln das mich schmerzt und doch tief berührt. Ich zeige dir die Schnabeltasse und will gerade aufstehen um das Kopfteil deines Bettes hochzustellen, als mich dein Blick aufhält. Wir haben vor deinem Schlaganfall schon oft über Blicke kommuniziert. Und seit du nicht mehr sprechen kannst, haben wir das geübt. Meist verstehe ich dich auch ohne Worte sehr gut.
Deine Augen sagen mir, dass du nie mehr Suppe essen wirst. Es dauert einen Moment bis ich begreife. Dann füllen sich meine Augen mit Tränen. Du zwinkerst zwei Mal, was einem bestätigenden Nicken gleichkommt und bist sichtlich erleichtert, dass ich dich auf Anhieb verstanden habe. Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. Es gibt keine Worte für das, was ich sagen möchte.
Ich nehme deine gute Hand. Ganz schwach fühle ich deinen Händedruck. Ruhig und gelassen schaust du, wartest geduldig bis meine Tränen versiegen. Nach einer Weile hauche ich dir einen Kuss auf die Nasenspitze. Du hast ja Recht. Wir hatten ein gutes und auch langes Leben. Und nun ist es Zeit für dich zu gehen.
Ich stehe auf und öffne das Fenster. Kühle Abendluft strömt herein. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich schüttle dein Bett auf und vergewissere mich, dass du es bequem hast.
Unsicher schaue ich dich an. Soll ich bei dir bleiben? Oder möchtest du alleine sein? Deine Augen bitten mich zu bleiben.
Ich stelle den Stuhl zur Seite und ziehe mir den bequemen Sessel nahe an dein Bett. Als ich wieder sitze, sehe ich, dass dir die Augen zugefallen sind. Ich nehme deine Hand und streichle sanft über deinen Handrücken. Es wird nur eine kurze Trennung werden. Etwa so wie damals, als wir für zwei Jahre nach Hongkong  gezogen sind. Du bist vorausgefahren, hast uns eine Wohnung gesucht und dann bin ich nachgekommen. Und auch diesmal gehst du voraus und ich werde dir folgen, wenn meine Zeit gekommen ist.
Es wird dunkel im Zimmer. Draußen zirpen die Grillen. Irgendwann schlafe ich ein. Als ich aufwache, bist du schon fort.

Nur eine Minute

»Nur noch eine Minute, Schatz.«

»Eine Minute?« Sie schwieg. Ich wandte mich wieder dem Bildschirm zu und tippte weiter. Nur diese Szene noch, ein letzter Absatz.

»Von wegen eine Minute!« Sie stampfte mit dem Fuß auf. In mir verschmolz ihr Tritt mit dem Trampeln der Pferde, deren Reiter aufeinanderzuhielten und ging dann im Tosen der Menge unter, als einer der Männer den anderen mit der Lanze nur knapp verfehlte.

Ein flüchtiger Blick auf mein Mädchen zeigte mir ihren Schmollmund und die verschränkten Arme. Die erdachte holde Jungfer, um die beide Ritter kämpften, schrie entsetzt auf, da sie um ihren Favoriten bangte.

»Du hast mich gar nicht lieb!« Der Film auf meiner inneren Leinwand erlosch augenblicklich, ich wirbelte herum und sah sie ernst an.

»Andrea, natürlich hab ich dich lieb.« Ich breitete die Arme aus. Sie sah mich mit einem Stirnrunzeln an. Enttäuscht ließ ich die Arme sinken. »Warum glaubst du, ich hätte Dich nicht lieb?«

Sie funkelte mich an für ein »Mama hat immer Zeit für mich« und blickte dann zu Boden.

Immer. Soso. Ich wartete.

»Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich!«, trumpfte meine Kleine auf.

Der Satz war mir aus dem Mund meiner Exfrau geläufig. Was meiner Tochter allerdings entgangen war, war die Tatsache, dass ich soeben meine Arbeit Arbeit sein gelassen hatte und mir Zeit für mein Kind nahm. Um dies zu verdeutlichen, drückte ich zwei Tasten, um meine Arbeit zu sichern, klappte den Laptop zu und stand auf.

»Andrea«, ich reichte ihr die Hand, »Draußen scheint die Sonne.«

Sie sah mich misstrauisch an und blinzelte.

»Wir könnten einen kleinen Spaziergang durch den Park machen und vielleicht ein Eis essen.«

Bei »Eis« hellte sich ihre Miene auf.

»Als Arbeitsessen sozusagen«, witzelte ich.

Jetzt nahm sie meine Hand.

Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Das Abtippen der ohnehin fast fertig erdachten Geschichte war ja nur noch die Drecksarbeit, andererseits auch die einzige Tätigkeit, die mein Produkt und somit jeglichen Arbeitsfortschritt überhaupt fassbar machte. Spazieren gehen und Eis essen und währenddessen die Passanten beobachten, die ich später als Vorbilder für Figuren verwenden konnte, sah genauso wenig nach Arbeit aus wie die drei Stunden, die ich während der Zeit der großen Schreibblockade auf der Toilette verbracht hatte in der Hoffnung auf gute Einfälle. Judith hatte sich sicherlich nicht nur deshalb von mir getrennt, weil ich in meiner Besessenheit unser gemeinsames Kind bei der Nachbarin aufs Klo geschickt hatte.

»Woran denkst du?«

»Das willst du nicht wissen, Kleines.«

»Ich bin nicht klein!«, maulte sie.

»Siehst du, du willst nichtmal hören, was ich sage.« Ich sah sie herausfordernd an, aber da ihr Eis in der Sonne schmolz, war sie vollauf damit beschäftigt und legte zur Abwechslung mal nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage. Dabei war sie besser darin als mein Lektor, der auch noch Geld für seine gezähmte Korinthenkackerei bekam.

»Also gut«, versuchte ich es, »Ich denke nicht an ein rotes Fahrrad.«

»Geht ja gar nicht«, erwiderte sie gelangweilt.

Der Witz hatte aber auch schon einen Bart. In ihrem Alter war sie nicht mehr so leicht zu begeistern.

»Ich denke an die Geschichte, die ich vorhin aufschreiben wollte«, gab ich zu.

»Worum geht’s da?«, fragte sie.

Mir war nicht klar, ob sie nur höflich sein wollte, aber ich fasste kurz zusammen:

»Zwei Ritter sind in die selbe Frau verliebt. Sie aber nur in einen von beiden. Die Männer kämpfen gerade.«

»Und wer gewinnt?«

»Na der, in den sie verliebt ist.«

»Das ist klar, sonst gibt’s ja kein Happy End. Aber wer ist es?«

»Das weiß ich auch noch nicht. Und wenn ich Dir alles verrate, macht es ja keinen Spaß mehr, die Geschichte aufzuschreiben.«

»Heiraten die am Ende?«

»Klar.«

»So wie du und Mama?«

»Nein, anders. Damals gab es ja noch kein Standesamt und da feierte das ganze Dorf zusammen.«

Und Liebesgeschichten enden normalerweise, bevor das Brautpaar sich wieder scheiden lässt.

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, fragte Andrea:

»Bist du noch traurig?«

Ich fühlte mich ertappt und zögerte. »Ja, manchmal. Und du?«

»Hmm«, nuschelte sie in die letzten Krümel der Waffel.

Plötzlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf die bevorstehende Veröffentlichung, die anschließende bereits geplante Lesereise und die verdammte Abgabefrist und würde am liebsten fortan und für alle Zeit auf den schnöden Mammon verzichten. Spätestens beim nächsten Saunabesuch wäre ich jedoch wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen, da ich mir mit Geld eben nicht nur Eis kaufen konnte, sondern es mich eben auch in die Lage versetzte, das tun zu können, was ich gerne tat. Dass man sich einen Spaziergang mit der eigenen Tochter nicht kaufen konnte, stand auf einem anderen Blatt.

»Müssen wir uns nicht beeilen?«

Ich sah auf die Uhr. »Noch nicht«, erklärte ich. »Deine Mutter kommt Dich erst in zwei Stunden abholen.«

»Papa, wo ist mein grüner Pullover?«

»Meinst du den mit dem Herz drauf oder mit den Bärchis?«

»Papa! Den mit den Bärchis hab ich schon ewig nicht mehr!«

›Ewig‹ war gerade mal ein Dreivierteljahr, aber trotzdem ging der Punkt an Andrea. »Keine Ahnung, Schatz. Bist du sicher, dass Du den grünen dabei hattest?«

»Ja! Den hatte ich am Freitag in der Schule an und die Natalie fand den voll toll.«

Auch die Zeit, während der das Herz aus pinken Pailetten angesagt war, würde ihr Ende finden. Das gehörte zum Lauf der Welt, aber daran, dass meine Tochter nur alle zwei Wochen zu Besuch kam und ich bei meiner Familie nicht mehr zu Hause war, wollte ich mich nicht gewöhnen.

Es klingelte und vor der Tür stand die Frau, die mir eines Tages ihr Wort gegeben hatte, in guten wie in schlechten Zeiten zu mir zu stehen.

»Ich hab ihn!«, rief Andrea. Nun war es also soweit. Meine Tochter stand mit gepackter Tasche neben mir und ihre Mutter, meine ehemals Angetraute, mir gegenüber.

Ich wollte Judith von dem dämlichen Schreibwettbewerb erzählen, der maßgeblich zu unserer Trennung geführt hatte und den ich dann trotz aller Bemühungen natürlich doch nicht gewonnen hatte – aber ich entschied mich dagegen, um den Moment nicht mit den Scherben unserer Ehe zu verderben.

»Judith.« Ich legte ihr die Hand auf die Schulter.

Sie sah mich an.

»Du bist eine gute Mutter.«

Sie lächelte.

Weihnachten, das Fest der Freude

Bald ist es wieder soweit. Der christliche Teil unserer Bevölkerung feiert sein zweithöchstes religiöses Fest, die Geburt des Erlösers Jesu Christi.
Bereits in der davor liegenden Zeit der Ankunft, dem Advent, steigern wir uns in froher Erwartung auf dieses jährlich begangene Ereignis.
Als Symbol der Freude tauschen wir mit unseren Lieben kleine Geschenke aus, um auch ihnen eine Freude zu machen und das Fest in friedlicher Eintracht zu begehen.
Bereits im Advent wird in unseren Städten durch das Aufstellen kleiner Hütten eine heimelige Atmosphäre geschaffen, indem dort handgefertigte Weihnachtsartikel erstanden werden können. Weihnachtsmärkte fördern die advendliche Stimmung und bereiten uns so Schritt für Schritt auf das große Ereignis vor.

Nun, soweit die Theorie. Die folgende, fiktive Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen zeigt ein anderes Bild, wie es leider durchaus real erscheint, bummelt man tatsächlich mal über einen normalen Innenstadt-Weihnachtsmarkt, wie sie in den Einkaufszonen entlang der Geschäftszeilen aufgebaut werden.


Beliebige Fußgängerzone einer deutschen Großstadt im Ruhrgebiet.
Dunkelheit.
Holzhütten säumen den Weg.
Dahinter: beleuchtete Schaufenster.
LED-Weihnachtsmotive überspannen die Straße.
Leise Musik ertönt allgegenwärtig aus verborgenen Lautsprechern.
Es ist kühl.
Leichtes Nieseln lässt die Dächer der Hütten und die Straße im Licht der Hütten und Schaufenster glänzen.
Menschenmassen schieben sich zwischen den Hütten hindurch. Immer wieder kommt es zu Staus. Passanten eilen quer über die Straße, andere versuchen, die zähe Masse der Schauenden zu überholen. Gesprächsfetzen dringen von überall ans Ohr. Zusammenhanglos und doch …

»Wir müssen noch nach Primark.«
»Bitte nich’, ich hab keine Lust mehr.«

»Ich brauch jetzt’n Glühwein.«
»Ja, aber mit Schuss.«

»Für dich auch ne Wurst?«

»Schau mal, ein Holzschnitzer!«
»Komm weiter! Wer stellt sich denn sowas in die Bude?«

»Die Wurst sieht aber lecker aus.«
»Was kostet die Schokobanane?«

»Mama, ich kann nich’ mehr.«
»Schluss jetzt, sonst gibt’s gleich keine Pommes!«

»… hab ich von H&M. War ’n Angebot.«
»Was? Jetzt schon runtergezeichnet?«

»Willze jetz überall stehnbleibn? Wirsse ja nie fertich …«

»Eine Spende für krebskranke Kinder?«
»Diese Bettelei geht mir auf den Sack!«
»Das war ein Bettler, Papa?«
»Komm weiter …«

»Watt soll der Aal kosten? Soll wohl’n Scherz sein?«

»Wer war der Eierpunsch?«
»Ich krieg ‘n Glühwein mit Schuss!«
»Eierpunsch?«
»Ach, gib schon her!«

»Mama, ich will aufs Karussell!«
»Heute nicht, du warst erst gestern.«
»Ich will aber!«

»Habt ihr schon alle Geschenke?«
»Wir schenken uns sowieso nur Geld. Gibt sons’ immer nur Stress.«

»Hört ma, hier fragt einer, worum datt bei Weihnachten geht!«
»Datt ist doch mit den Nikkelaus. Wo krisse sons die Geschenke her?«
»Du bis’n Blödmann. Echt. Du checks’ auch garnix. Weihnachten is’ doch Jesus gestorben.«
»Echt? Wusst’ ich garnich.«

»Wer ist der Nächste?«
»Noch jemand ein Nutella-Crêpe?«

»Mensch, tun mir die Füße weh!«
»Wird auch Zeit, nach Hause. Gleich kommt Voice-of-Germany.«
»Reicht jetzt auch mit Weihnachtsmarkt.«

»Bis die Tage: Seid ihr Donnerstag auch wieder am Glühweinstand?«
»Jau, bis dann …«

Elfe Elli

Elli saß hinter einem Holzstapel, eingeklemmt zwischen dem Holz und einer großen Schneewehe. Sie zitterte und weinte bitterlich. Was sollte sie nur tun? Sie hatte heute einen so großen Unfug verbockt. Wenn die anderen Elfen merkten, was heute Nacht schiefgelaufen war, würde sie vor dem Rat der Oberelfen erscheinen müssen. Die Oberelfen würden über sie Gericht halten,  ihr das rote Elfenkleid und ihre grüne Elfenmütze wegnehmen. Anschließend würden sie ihr die spitzen Ohren rund schneiden, sodass sie wie Menschenohren aussahen und dann … dann würden sie sie aus dem Weihnachtsland verbannen. Ein heftiges Zittern überfiel den kleinen Elfenkörper. Elli zog sich die grüne Elfenmütze tief ins Gesicht und schluchzte herzerweichend.
Mit einem lauten Platsch landete etwas Schweres neben Elli in der Schneewehe. Das konnte nur Bert sein, ihr bester Freund. Bert liebte alles Süße und er roch wie eine Zuckerstange mit Zimtgeschmack. Bert und sie waren zusammen zur Elfenschule gegangen. Danach begann Bert eine Lehre bei den Postelfen und Elli lernte bei den Packelfen.
„Hallo Elli“, begann er aufgeregt. „Wie war deine Schicht? Oh, meine war cool. Endlich sind wir keine Lehrlingselfen mehr und können ordentlich arbeiten. Ich habe heute so einen riesigen Berg Wunschzettel in den Computer eingegeben. Das hat Spaß gemacht.“
Bert Stimme war voller Übermut. Elli konnte hören, wie begeistert Bert über seine Arbeit als Postelf war. Als Bert merkte, dass Elli nicht antwortete, verstummte er. Bert schaute erstaunt zu Elli.
„Elli, was ist los mit Dir?“, fragte er verwundert.
Elli war eine lustige Elfe, immer zu Scherzen aufgelegt. Ihr Lachen klang hell durch das Weihnachtsland. Wenn Elli stumm Berts Erzählungen zuhörte und ihn gar nicht aufzog, konnte das nur eins bedeuten.
„Elli, bist du krank?“
Eine kranke Elfe so kurz vor dem Weihnachtsfest war gar nicht gut.
„Wenn du krank bist, musst du zu den Heilerelfen.“
Mit einen Ruck zog Bert Elli die Mütze vom Gesicht und schaute erstaunt auf die verweinte Elli.
„Was ist passiert, Elli?“, fragte Bert alarmiert.
Elli schnappte sich ihre Mütze und zog sie sich bis zu ihrem Kinn. Dann nuschelte sie irgendwas Unverständliches.
Jetzt war Bert mehr als alarmiert. Er musste kurz mit Elli kämpfen, aber dann hatte er ihr die Mütze entwunden und schaute in ihre verweinten Augen.
„Elli, erzähle, was ist los!?“, fragte Bert und reichte Elli sein klebriges Taschentuch.
Elli pulte ein paar Schokostücken aus dem Tuch, bevor sie sich damit ihre kleine Elfennase putzte.
„Ach, Bert“, sagte Elli, mit Tränen in der Stimme. „Ich habe ein ganz großes Durcheinander angerichtet. Wenn die Oberelfen das merken, werde ich aus dem Weihnachtsland verbannt.“
Elli begann wieder bitterlich zu weinen und Bert nahm sie in seine Arme.
„Elli, komm, erzähl, was dir passiert ist. Ich kann dir bestimmt helfen.“ Tröstend klangen Berts Worte und in Elli glomm eine kleine Hoffnung auf. Sie schnäuzte in Berts Taschentuch und begann zu erzählen.
„Heute Nacht hat Förderband 14 gesponnen. Anstatt die Pakete zum Schlitten zu transportieren, wurden die Geschenke immer wieder ins Lager gebracht.“
Bert hatte eine große Zuckerstange aus seiner Jackentasche gezogen und nuckelte daran. Einladend hielt er sie Elli hin, doch die schüttelte den Kopf.
„Ja, das war toll. Ich konnte nicht weiterarbeiten und hatte Zeit in den Speisesaal zu flitzen.“ Bert strahlte. „Ich habe 5 Tassen Kakao mit Zimtgeschmack geschafft.“
„Ach, Bert,“seufzte Elli, „Du bist und bleibst ein Schleckermaul.“
Bert nickte und nuckelte weiter an seiner Zuckerstange.
„Na ja, wir mussten alle Bänder stoppen und Monika hat sich den Schlamassel angesehen. Als alles repariert war, hat sie mir ein Zeichen gegeben, damit ich die Bänder neu starte“, erzählte Elli weiter.
„Oh cool, Elli. Gleich in deiner ersten Schicht bekommst du eine solch verantwortungsvolle Aufgabe.“
Elli rannen die Tränen übers Gesicht. Ihr Kinn zitterte.
Schluchzend antwortet sie: „Ich habe die Ländercodes vertauscht. Die Geschenke für die Kinder aus Schweden landeten in den Schlitten für Deutschland, die Geschenke für Deutschland liegen jetzt in den Schlitten für Südafrika. Alle Geschenke sind in falschen Schlitten gelandet.“
Elli schlug sich die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich.
Berts Gesicht war ganz blass geworden. Der Weihnachtsmann hatte am Weihnachtstag viele Geschenke auszuliefern. Natürlich passten die nicht alle in einen Schlitten. Deshalb gab es überall auf der Erde Verstecke für die Schlitten. Immer, wenn ein Schlitten leer war, flog der Weihnachtsmann zum nächsten Versteck und wechselte den Schlitten. Wenn aber in den Schlitten nicht die richtigen Geschenke lagen … diese Katastrophe wollte Bert sich gar nicht vorstellen.
„Das ist übel”, sagte Bert.
Bert steckte die Zuckerstange in seine Jackentasche und schaute Elli ernst an.
„Das ist wirklich übel”, wiederholte er.
Elli nickte. „Sie werden mich zu den Menschen verbannen.“
Bert sprang auf. Das konnte er nicht zulassen. Seine beste Freundin, verbannt aus dem Weihnachtsland. Nein, das durfte nicht geschehen.
Er zerrte die weinende Elli hinter sich her in den großen Speisesaal. Fast alle Tische waren besetzt. Auf den Tischen lagen körbeweise Plätzchen, Zimtsterne und viele andere Nascherein. Vor den Elfen standen dampfende Tassen gefüllt mit Milch oder leckerem Kakao. Aber Bert hatte keinen Blick für die Köstlichkeiten.
An ihren Tisch saßen Fionna und Nils beim Frühstück. Erstaunt sahen sie auf Elli, die noch immer heftig schluchzte. Bert schob ihr einen Tasse Milch mit Honig hin und dann erzählte er den beiden, was Elli in ihrer Schicht passiert war. Fionna und Nils wurden immer blasser. Das war so übel.
Es gab einen furchtbar wichtigen Plan, nach dem der Weihnachtsmann die Geschenke verteilte. Wenn er in Deutschland war und die Geschenke für die Kinder waren nicht im Schlitten … Oh weh, das gäbe eine Katastrophe.
Fionna überlegte kurz. „Bert, du bleibst bei Elli. Nils, komm mit mir. Wir trommeln unsere Freunde zusammen.“
Sie schnappte Nils am Arm und zog ihn mit sich. Es dauerte nicht lange und immer mehr Elfen sammelten sich um Elli und Bert.
Zuletzt kam Vicky angerannt. Vicky gehörte zu den Koordinationselfen, sie stellten die optimalen Flugrouten für den Weihnachtsmann zusammen und waren für die ganzen organisatorischen Dinge zuständig.
„Ich habe Listen erstellt”, begann Vicky, „wo die Pakete jetzt sind und wo sie hingehören.“
Sie winkte mit den vielen Listen, die sie in der Hand hatte.
„Wir bilden jetzt Teams und dann werden die Pakete in die richtigen Schlitten umgeräumt.“
Schnell hatte Vicky die Elfen zu Teams zusammengestellt und ihnen ihre Liste in die Hand gedrückt. Die Elfen gingen los, um die Pakete in die richtigen Schlitten zu räumen. Sie brauchten fast den ganzen Tag dazu. Am späten Nachmittag legte Elli das letzte Paket an seinen Platz. Erleichtert atmete sie auf. Bert, der mit ihr zusammengearbeitet hatte, war feuerrot im Gesicht und hatte seit mindestens einer Stunde keine Zuckerstangen mehr gegessen.
Erschöpft lehnte er sich an den Schlitten und sagte: „Elli, lass bloß die nächsten Tage deine Finger von den Ländercodes.“
„Das werde ich“, versprach sie.
Nach und nach kamen alle Elfen, die Elli geholfen hatten. Elli bedankte sich überschwänglich bei allen.
„Wir sind im Weihnachtsland. Da hilft man sich“, sagte Fionna. „Jetzt darfst du uns alle zu einer Tasse Kakao einladen.“
Elli nickte und sie gingen zusammen in den Speisesaal. Dort saßen sie zwischen den geschmückten Tannenbäumen, schlürften Kakao und aßen Plätzchen. Bert hatte wie immer eine Zuckerstange im Mund. Elli schaute zu ihren Freunden und war glücklich. Alle Pakete waren an ihrem Platz, die Kinder auf der Erde würden ihre Geschenke bekommen und sie durfte im Weihnachtsland bleiben. Freudestrahlend steckte sie sich eine Zuckerstange in den Mund und dachte: „Habe ich ein Glück, dass ich so viele liebe Freunde habe!“

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