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Kategorie: Geschichten

kai.78 – Teil 2 von Saigel

Das System ist vollkommen zusammengebrochen. Die Einheiten sind auf der ganzen Welt verteilt, aber es ist nicht möglich, Kontakt zu ihnen herzustellen. Wir sitzen seit Jahren in der Basis fest und können aufgrund der Aschewolke nicht hinaus. Vorräte haben wir für die nächsten achthundert Jahre. Aber allmählich werden alle verrückt. Kein Tageslicht. Keine frische Luft. Dieser Bunker macht krank. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, unter der Erde zu leben. Ich möchte wissen, ob wenigstens eine meiner Einheiten den Ausbruch überlebt hat.

„Kapitän“, ich drehe mich um. Es ist Morgan. „Der Sergeant bittet um die Abschaltung des Senders“.
„Nein“.
„Kapitän“, sie blickt verunsichert, aber sie hat ihre Befehle. „Der Sergeant bittet Sie. Das Signal ist der Grund, weshalb es bereits zu Ausschreitungen am unteren Westtor kam“.
„Der Sender wird nicht ausgeschaltet“. Ich sehe einen Schatten von Hoffnung über das Gesicht der Matrosin huschen. Doch dann besinnt sie sich wieder ihres Auftrags.
„Kapitän. Es hat niemand überlebt“.
Ich schüttele den Kopf. „Das können Sie nicht wissen. Und der Sergeant auch nicht. Ich schalte den Sender nicht aus“.
Morgan senkt den Blick.
Wir wissen beide, dass mich meine Sturheit sehr bald meine Position und vielleicht auch mein Leben kosten wird. Aber was ist schon ein Leben im Vergleich zu vielen anderen? Das Signal auszuschalten ist ein Todesurteil für jede einzelne Seele da draußen, die es irgendwie geschafft hat, zu überleben. Ich weiß das und Morgan weiß das auch. Morgan mag mich. In einer anderen Welt wären wir wohl ein Paar geworden und hätten Kinder gehabt. Aber in dieser Realität bin ich der Kapitän und sie eine Sklavin des Sergeants.
„Ich richte es dem Sergeant aus“, sagt Morgan leise und dreht sich zum Gehen um.
Ich versuche, ihr nicht nachzusehen. Ihr in Gedanken nicht noch den ganzen restlichen Tag nachzuhängen. Doch mir gelingt beides nicht.

Es ist endlich geschafft. Meine Modifizierung ist abgeschlossen. Mein dem Menschen nachempfundener Körper steht gegenwärtig knie abwärts auf robusten Rädern. Ich hoffe, sie sind geländegängig. Wissen kann ich es nicht. Ich konnte sie nicht wiegen und bin mir deshalb über ihr Gewicht im Unklaren. Somit konnte mein System keine Berechnungen diesbezüglich anstellen. Es belustigt mich, dass ich nicht alle Risikofaktoren analysieren kann. Kai hat sich nicht ohne Grund für mein Modell entschieden: ich riskiere niemals etwas. Das ist mein Typ. Ich habe die weltweit größten Datenbanken von ZARP in meinem System gespeichert. Durch den Datenabgleich kann ich Risiken passgenau berechnen. So soll Kais Überleben gesichert werden. Manchmal frage ich mich, was Kai wohl getan hätte, wenn er mein Ergebnis für das Risiko des Vulkanausbruchs abgefragt hätte. Es lag immerhin bei 89%. Allerdings existiert in meinem System keine Hinterlegung einer solchen Abfrage. Hinterlegt ist jedoch die Statistik, dass der Mensch zu 99,99% dazu neigt, die falschen Fragen zu stellen.

So mache ich mich also auf den Weg. Ich freue mich und bin lediglich zu drei Prozent nervös. Manchmal kann ich mich nur über kai wundern. Er entspricht von Zeit zu Zeit den Datensätzen eines Achtjährigen anstatt eines Dreihundertfünfundsechzigjährigen. Allerdings ist es Tatsache, dass die Menschen ihr Bewusstsein nicht mit ihren Gefühlen verknüpfen können. Freudig und wenig aufgeregt lasse ich also meine Räder drehen. Es ist einfach, aber es verbraucht viel Energie. Meine Akkus werden schnell leer sein. Aufladen kann ich sie mithilfe von Sonneneinstrahlung, radioaktiver Strahlung oder dem Umsatz von Plastik. Die Reibung der Fasern erzeugt in meinem System große Energien. Allerdings ist es ein Drahtseilakt. Die Reibung darf nicht zu forsch unternommen werden, da geschmolzenes Plastik meine Kontakte verschließt.

Die Umgebung wird in einem Abstand von zweieinhalb Millisekunden gescannt. Bis jetzt sind da nur sehr viele Steine. Ob es vulkanisches Gestein ist kann ich nicht klar bestimmen. Ich müsste eine Probe nehmen, allerdings sagt mir die Risikoberechnung, dass mich die Gesteinsanalyse für eventuelle Jäger als Ziel enttarnen könnte, da ich mich zu lange an einer Stelle aufhalten würde. Bewegung reduziert dieses Risiko beträchtlich. Dennoch kann ich nicht damit aufhören, die Gesteinsbrocken zu scannen. Etwas flattert in mir. Mein System analysiert es als Neugierde. Ein menschlicher Impuls. Normalerweise sollte mein System derartige Impulse unterdrücken. Andererseits habe vielleicht auch ich während der großen Katastrophe den ein oder anderen Schlag abbekommen. Meine Statistik ergibt, dass kais Impuls auf Dauer zu dominant wird, da die Neugier wächst, wenn ihr nicht nachgegangen wird. Ein seltsamer Zustand ist das. Ich kann mich lediglich darüber wundern, dass ich ein permanent ansteigendes, über die Maßen drängendes Flattern empfinde. Ich bin allerdings nicht darauf ausgerichtet, dass der Mensch in mir die Kontrolle übernimmt. Schließlich schlummert er! Wie empörend das doch ist, dass ich mich von dem Schatten eines schlummernden Bewusstseins derartig getrieben fühle? Ja. Ich möchte sie analysieren. Diese Steine. Jeden Einzelnen von ihnen. Ich bleibe stehen und bücke mich. Einer der kleineren schwarzen Steine liegt auf meiner Handfläche und ich zerdrücke ihn. Was ist das für eine Freude! Durch mein Innenleben geht ein gewaltiger Stoß. Mein System stottert. Ich kann es nicht mehr erwarten. Ein Stück des Steines wandert in meinen Mund und die Analyse beginnt. Doch, diese Freude! Was ist das? Ohne das Ergebnis abzuwarten bücke ich mich erneut. Ich hebe den nächsten Stein auf. Er ist schwerer. Was das wohl für ein Material ist? Wieder zerdrücke ich ihn. Ist das … Spaß? Meine Sensoren sind heiß. Das letzte Mal, dass eine Übertemperatur der Sensoren verzeichnet wurde ist genau 134 Jahre, neun Monate, 20 Wochen, sieben Tage, acht Stunden, 34 Minuten und 13 Sekunden her. Außergewöhnlich!
Der nächste Stein wandert in meinen Mund. Die Analyse ergibt ständig dasselbe: Vulkangestein. Und doch, ich kann nicht aufhören. Ich bücke mich, zerdrücke den Stein, analysiere ihn. Dieses Flattern! Vulkangestein. Mein System errechnet die 100%ige Chance, dass jeder Stein hier Vulkangestein ist. Trotzdem bücke ich mich weiter. Ich zerdrücke den Stein und ab damit in den Mund. Was für ein Gefühl!

Ich habe alle Steine gegessen. Es ist bereits dunkel und die Risikoanalyse hat einen systemischen Alarm ausgelöst. Ich fahre los und berechne die Wahrscheinlichkeit, dass kai aufgewacht sein könnte. Das Ergebnis liegt bei 0,000000023 Prozent. Es ist unmöglich. Er schlummert und dominiert dennoch das System. Ich fahre schneller. Über 80 Stundenkilometer. Unebenheiten im Boden lassen mich auf und ab springen. Manchmal hebt mich ein größerer Hügel hoch in die Luft und ich lande dennoch wieder ohne Schäden auf den Rädern. Ich beschließe, die Nacht für die Fahrt zu nutzen. Die Dunkelheit kann so manche Ablenkung verdecken. Wenn auch nicht alle. Allerdings belustigt mich ebenso die Geschwindigkeit. Ich bemerke, dass die Einsamkeit in den Hintergrund rückt. Der Schmerz vergeht.

kai.78 – Teil 1 – von Saigel


Eine schlimme Gegend ist das hier. Nein wirklich. Es ist schlimm. Die Häuser sind aus Papier, das Essen ist aus Plastik und die Köpfe sind aus Kupfer. Die Strahlung lässt die Luft vibrieren. Ich bin der letzte Hybrid. Ich glaube, es gibt keinen anderen mehr. Sicher kann ich natürlich nicht sein, weil ich schon lange keinen Anschluss mehr gefunden habe. Ich bin ein altes Baujahr, ich brauche W-LAN, um mich zu verbinden. Aber es ist nicht so einfach, ins Internet hineinzukommen. Ich kann keinen Kontakt aufnehmen. Keinen Hilfeschrei absetzen. Ich bin hier gestrandet und ernähre mich von altem Plastik, das vermeintlich mal im Meer geschwommen ist, bevor dieses austrocknete. Im Grunde bin ich stabil. Ich könnte Jahrtausende so weiterleben. Aber der Mensch in mir ist einsam.

Ich bin kai.78. Ich bin kein Einzelstück, ich gehörte einer Serie an. Es gab so viele von mir. Viele Menschen hatten damals die Idee, ihre Organe in verschiedene Maschinen einbauen zu lassen, sobald die Medizin das Bewusstsein mit allen Körperteilen verbinden konnte. So war die Überlebenschance größer. Ich glaube, kai war ein reicher Mensch. Insgesamt waren wir 467. Es ist erstaunlich, in wie viele Stücke sich ein Mensch zerlegen lassen kann. In meinem System steckt keine Information darüber, welcher Teil an mir menschlich ist und welcher nicht. Doch würde das Menschliche extrahiert werden, könnte kai zum Leben erwachen. Sein Bewusstsein schlummert zwar gegenwärtig in mir, aber ich empfinde dennoch menschliche Emotionen. Oder ich ahme sie nach. Darin liegt schon lange kein Unterschied mehr. Meine Datenanalyse könnte genauso gut ergeben haben, dass kai zur Einsamkeit neigte, wenn er alleine war. Es ist jedenfalls belanglos, ob ich Einsamkeit verspüre, weil ich sie selbst erzeuge, oder weil meine Umwelt sie mich erzeugen lässt. Der Schmerz ist derselbe.

Ich weiß nicht mehr, wann die Menschen ausgestorben sind. Viele sind durch den großen Vulkanausbruch gestorben. Ein Jahrtausende alter Vulkan, der bereits Menschenleben ausgelöscht hatte, als die Erde noch jung gewesen war, erwachte plötzlich zum Leben und löschte abermals die halbe Menschheit aus. Viele Maschinen schalteten sich ab, weil die Hitze zu groß war, oder die Asche ihre Kontakte verschmierte. Es war ein Desaster. Dann folgte das Virus. Es raffte viele Menschen innerhalb weniger Monate dahin. Dann verschwand es wieder. Der kleine Herd an Menschen, der noch übrig war, tötete sich gegenseitig. Ich weiß nicht mehr warum. Es ist schon so lange her.

Heute ist nichts mehr übrig. Plastik und Papier. Das sind meine Gefährten. Ich wünschte, mich verbinden zu können, aber mein System scheitert. Ich wünschte, ich könnte mich selbst abschalten, aber auch dazu bin ich nicht in der Lage. Ebenso wünschte ich, ich könnte das Nachdenken abschalten, aber auch dafür habe ich keine Rechte. Ich empfinde es als aberwitzig, meine eigenen Gedanken nicht selbst abschalten zu können. Wer ist derjenige, der diese Autorität besitzt? Lebt er überhaupt noch? Schon lange hege ich den Wunsch, dieses Individuum zu finden, das mir zwar die Fähigkeit gab, sein Handeln aberwitzig zu finden, aber nicht, mich eigenständig davon zu lösen. Ich sitze in einem Käfig. Ich möchte meinen Programmierer darum bitten, meinen Auto-Denk-Mechanismus abzuschalten. Das ist mein Ziel. Allerdings muss ich geduldig sein. Ich wurde nicht für das Zurücklegen weiter Strecken gebaut. Zunächst musste ich mich modifizieren. Diesen Vorgang habe ich noch nicht abgeschlossen. Im Moment bin ich dabei, meine Beine durch Reifen zu ersetzen. Allerdings gestaltet sich dies, angesichts meiner kläglichen Ausrüstung, als äußerst schwierig.

Die Kälte in uns

Ein Beitrag von Falky67

Draußen schneite es nicht mehr. Langsam kam die Sonne hervor und gaukelte eine Wärme vor, die es nicht gab.

Denn da draußen herrschte seit Monaten klirrende Kälte.

Mittlerweile gab es kaum noch Brennmaterial und auch das Wasser war nur in gefrorenem Zustand vorhanden.

Rachel stand an dem Fenster und hauchte ein Loch in die von Eisblumen überzogene Scheibe. Durch dieses sah sie auf die Straße vor der Bibliothek, in der sie alle Zuflucht gefunden hatten.

Neben der Laterne hockte ein Bettler, in seinen Armen hielt er seinen Hund, über den er seinen Mantel gebreitet hatte. Beide waren mit einer weißen Raureifschicht überzogen.

Rachel konnte sich genau daran erinnern, wie er an die Türen der Bibliothek geklopft hatte. Allerdings hatte man ihm den Zutritt verwehrt. Man wollte den Hund nicht hereinlassen. Man hatte Angst, dass er ohne Futter früher oder später jemanden beißen würde. Der Bettler blieb lieber bei seinem Hund. Und nun saßen die beiden da draußen, für immer vereint.

Rachel horchte in sich hinein. Nein, sie empfand kein Mitleid mit den beiden. Denn am Ende ging es ihnen besser als allen hier drin.

Anfangs hatten sie alles verbrannt, was an Holz da war. Nun waren die Bücher dran. Und scheinbar tat es niemanden weh, dass unwiederbringliche Werke sich in kürzester Zeit vom geflügelten Wort in graue Asche verwandelten.

Doch nicht nur das war hier drin ein Problem. Statt zusammenzurücken, sich gegenseitig zu wärmen und aufzubauen, gab es Misstrauen, Rivalität und Hass. Der ganze Raum vibrierte davon und machte die Kälte nur noch schlimmer.

Wenn nicht bald Hilfe kam, würde hier niemand mehr übrig bleiben.

Toni, ein seit ewigen Zeiten in der Stadt lebender Italiener, war zusammengeschlagen worden. Er hatte es gewagt, die Türen für eine Gruppe Albaner zu öffnen, die sich mit letzter Kraft bis hierher durchgeschlagen hatten. Ihnen wurden die Lebensmittel, die sie bei sich hatten, entrissen und dann wurden sie wieder hinausgeworfen.

Eine kleine Gruppe hatte sich zusammengerottet und es übernommen, die verbliebenen Lebensmittel zu rationieren und zu entscheiden, wer rein durfte und wer nicht.

Rachel wandte sich vom Fenster ab und schaute sich im Raum um. Jede Gruppe blieb für sich. Man sah den Hass, die Angst in ihren Augen und spürte die Kälte in ihren Herzen.

Rachel lief eine Träne die Wange hinab. Wollte sie in so einer Welt leben? In einer Welt, in der der andere neben dir nichts wert war, nichts zählte? In der nur der eigene Überlebenswille zählte? Eine Welt ohne Mitgefühl? Ohne Wärme?

Langsam ging sie durch den Raum auf die Tür zu. Sah, wie zwei Kinder, etwa zwölf und dreizehn Jahre alt, einer Mutter die Babydecke entrissen, mit der sie ihr kleines Kind zudecken wollte. Nahmen es und rannten lachend davon. Herzen aus Eis. Überall sah sie trotz des Feuers, das in dem vorhandenen Kamin brannte, eisige Kälte.

Als sie die Tür hinter sich schloss, griff die draußen herrschende Kälte nach ihr. Doch ihr wurde warm ums Herz, als sie sich mit letzter Kraft an den Albanern vorbei schleppte, die eng umschlungen neben der Treppe standen. Erstarrt zu einem kalten Mahnmal. Und dahinter sah sie als letztes das Pärchen, innig in einem letzten Kuss vereint.

Mit einem Lächeln auf den Lippen spürte sie, wie die Kälte ihr das Leben nahm. Aber ihr Herz brannte lichterloh.

Schwarzes Stundenglas – von Saigel

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schritt um Schritt. Schwarz auf schwarz. Ich kann nicht mehr. Meine Füße sind so schwer wie Blei. Die Luft um mich herum beginnt zu flimmern. Mein Herz pocht aufgeregt Blut durch den erschöpften Körper. Versucht das Schwarz mit kräftigem Rot zu vertreiben. Es hilft nichts. Geronnenes Blut, totes Blut ist schwarz.
Ich schleppe mich weiter. Es muss hier sein. Gleich nach dem nächsten Hügel. Ich kann es sehen. Ein helles Licht. Meine Sicht verschwimmt. Der helle Reflex des letzen Blickes gaukelt mir vor, dass ich angekommen wäre. Gleißende Schwärze umfängt mich. Ich falle zu Boden. Knie tief in den wabernden Nebel, der mich gleichgültig umfängt. Die Endgültigkeit erfasst mich und plötzlich erkenne ich die guten Seiten an der Farbe schwarz. Ihre Eleganz, ihre Fragilität, ihre kühle Sanftheit, die mich umfängt wie feine Seide. Dann kann ich sie spüren. Meine Farbe, meine Kleckse, meine Töne. Sie explodieren um mich herum, gehen auf in der Schwärze, die sie verschlingt und zu einem Teil von sich selbst macht. Tausende, millionen Pigmente in blau, gelb, grün, rot, violett, braun, orange, beige und rosa tanzen hell und dunkel, glänzend und matt in wilden Kreisen wie in Aufregung gebrachte Staubkörner durcheinander. Sie tanzen und tanzen und tanzen, bäumen sich auf, wie eine Welle, tosen in den schönsten leuchtenden Farben und verblassen allmählich, werden wieder zu Schwarz, das das Leben lediglich verbirgt aber nicht ganz und gar auslöscht.
Ich bin angekommen. Lasse mich kinderleicht hindurchsickern, fühle mich vollständig, nicht mehr beschränkt zu sein auf die wenigen Pigmente, die mein vergangenes Leben ausmachten. Es ist schön wieder die Ganzheit zu spüren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das Stundenglas dreht.

Ein später Besuch

Am 1. Dezember beginnt die Adventszeit. Schon etliche Tage davor öffnen überall die lang ersehnten Weihnachtsmärkte. Glühwein, Bratwurst, Backfisch, Eierpunsch – das sind heute die Charakteristika der vorweihnachtlichen Zeit. Fragt man probehalber mal bei den vielen Menschen herum, die an den zahlreichen Buden stehen und es sich gut gehen lassen, was überhaupt “Advent” bedeutet, wird man sicher bei den Meisten auf Verständnislosigkeit und Unwissen stoßen. Das lateinische Wort “advenire” gehört sicher nicht zum allgemeinen Wortschatz und seine Bedeutung erst recht nicht.
Doch, was sich vor mehr als 2000 Jahren zugetragen hat, wissen doch noch die Meisten. Lange ist es her. Doch was wäre, wenn …?


Jaycee schreckte hoch, als jemand ihn am Arm berührte. Wie so oft während dieser langweiligen Mission war er einfach weggenickt.
»Was ist?«
Erst jetzt begriff er, wo er sich befand und registrierte Luzi, den Commander seines Schiffes.
»Herr, wir haben eine Subraumdepesche von Ihrem Vater erhalten.«
Jaycee streckte sich und rutschte in seinem Sessel zurecht. »Und? Willst du sie mir nicht geben oder vorlesen?«
»Ja, Herr.«
Jaycee rollte mit den Augen und griff nach dem Holo-Tablet, das Luzi ihm hinhielt.
»Luzi gewöhne dir dieses ‚ja Herr, nein Herr‘ endlich ab. Ich kann es nicht mehr hören und außerdem fliegen wir schon so lange zusammen durchs Universum, das wir solche Förmlichkeiten wirklich nicht mehr brauchen.«
»Ja Herr.«
Jaycee schnaubte entnervt und begann die Nachricht zu lesen. Als er fertig war, deaktivierte er das Holo verärgert.
Er schaute zu Luzi hoch, der erwartungsvoll vor ihm stand. »Hast du das auch gelesen?«
Luzi nickte.
»Weißt du, was das bedeutet? Wir kommen wieder nicht nachhause! Da wir aktuell im Südarm der Milchstraße unterwegs sind, sollen wir uns ein System ansehen, wo wir vor einiger Zeit schon einmal waren. Mein Vater hat dort vor vielen Jahren etwas experimentiert, das Ganze dann aber aus den Augen verloren. Ich selbst war auch schon einmal dort. Ich brauche die Erinnerungen aus dieser Zeit. Sie sollten sich in den Archiven des Schiffes befinden. Wenn nicht, kann Vater mich mal. Dann geht es gleich nachhause.«
Als Luzi gegangen war, rückte er näher mit seinem Sessel an die Steuerkonsole heran. Zwar konnte er nicht die Gedankensteuerung verwenden wie Luzi, aber mit den manuellen Elementen kannte er sich aus.
»Südarm«, überlegte er. »Da klingelt doch was. Wann war ich zuletzt in dieser Gegend? Ich muss wohl doch auf die Memo-Injektion warten.«
Nur wenig später kam Luzi zurück und hielt ein pistolenähnliches Gerät in seinen Händen. »Ich hab es gefunden. Eine gelbe Sonne, neun Planeten und jede Menge anderes Zeug. Bitte einen Moment stillhalten, ich injiziere die alten Datensätze.«
Jaycee hasste diese Upgrades, aber schneller gelangte man einfach nicht an die Erinnerungen. Ein kurzes Zischen, ein kleiner Schmerz und es fühlte sich an, als würde ein Vorhang beiseite gezogen. Die Erde. Ja, jetzt wusste er es wieder. Er selbst war auf ihr herumgelaufen.
Vater hatte diese kahle Welt seinerzeit mit Leben erfüllt und dann sich selbst überlassen. Experiment, nannte er das. Bei seinem letzten Besuch vor … Er überlegte. … dreitausend Jahren hatten diese Wesen dort eine primitive Kultur hervorgebracht. Er wusste wieder, was für ein Theater es gegeben hatte, als man ihn für eine Art Überwesen gehalten hatte. Okay, für diese Wesen, diese Menschen, die sein Vater ihnen so ähnlich gemacht hatte, war er es vermutlich auch. Wie naiv war es gewesen, sie lehren zu wollen! Nichts hatten sie verstanden und ihre Anführer erst recht nicht. Er musste schmunzeln, als er daran dachte, wie sie ihn damals verurteilt und getötet hatten.
Sie hatten zumindest gedacht, sie hätten es getan. Er hatte ihnen sogar den Gefallen getan und hatte mitgespielt.
Ein sanftes Signal ertönte und Luzi wandte sich an ihn: »Herr, die Cyber-Einheit meldet unsere Ankunft im Zielgebiet. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir das richtige System gefunden haben.«
»Warum?«, fragte Jaycee verblüfft. »Die Cyber-Einheit hat sich noch nie geirrt. Wenn die Koordinaten stimmen und dieses System an der um dreitausend Jahre extrapolierten Position steht, muss es das richtige System sein.«
Er erhob sich und ging zu den Holoschirmen, auf denen nach kurzer Zeit das gesamte Sonnensystem schematisch dargestellt wurde.
»Eine gelbe Sonne, neun Planeten. Der Rest interessiert uns nicht. Setze den Fokus auf den dritten Planeten. Der war es, auf dem ich gewandelt bin.«
Luzi veränderte ein paar Einstellungen und die Schirme zeigten nur noch Daten vom dritten Planeten an.
»Wir müssen näher heran«, entschied Jaycee. »Kurze Ortsversetzung. Bring uns in die Umlaufbahn des Satellitenmondes, aber bitte bei vollem Ortungsschutz. Ich habe ein komisches Gefühl.«
»Ja Herr.«
»Würdest du das bitte endlich lassen, Luzi?«

Ein kurzes Flackern und die Welt erschien riesengroß auf den Holoschirmen. Jaycee schaute ungläubig. »Wie lange ist es her, seit wir hier waren? Dreitausend Jahre? Unfassbar, was diese Wesen in dieser kurzen Zeit angestellt haben. Ein metallener Ring umschließt den kompletten Planeten. An verschiedenen Stellen sind winzige Aufzüge erkennbar. Warum macht man so etwas?«
»Ihr Vater hat uns vielleicht deshalb hergeschickt? Weil wir herausfinden sollen, was hier geschehen ist?«
»Ja, vielleicht. Ich denke, ich muss mir das selbst anschauen – wie damals.«
»Wir gehen auf den Planeten?«
»ICH gehe auf den Planeten! Du weißt, was damals geschehen ist, als du mich begleitet hast. Ich brauche Informationen und keine Massenpanik.«
Luzi machte ein enttäuschtes Gesicht. »Die sind jetzt viel weiter. Vielleicht reagieren sie jetzt anders.«
»Nein, mein letztes Wort! Du bleibst an Bord und überwachst von hier aus. Deine Hörner und die rote Haut … Das Risiko ist mir einfach zu groß.«
»Dann eben nicht! Wann will der Herr reisen, und vor allem: Wie wollen Sie reisen?«
»Ich denke, eine einfache Ortsversetzung … sagen wir mal, in den Ring hinein, sollte reichen. So ein Konstrukt ist mir noch nicht untergekommen. Das will ich mir anschauen.«
»Also wann?«, fragte Luzi betont gelangweilt.
Jaycee hob beide Hände. »Wieso nicht jetzt gleich?«
»Okay.« Er gab dem System ein paar gedankliche Befehle und Jaycee verschwand unvermittelt aus der Zentrale des Schiffes.

Im nächsten Moment stand er auf einem menschenleeren Gang. In regelmäßigen Abständen gab es Türen oder Schotts, die jedoch verschlossen aussahen. Jaycee blickte sich um. Das hatte nichts mehr mit der primitiven Lebensweise der Menschen zu tun, die er lehren wollte und die ihn schließlich getötet hatten. Aber es handelte sich noch immer um die Wesen, die sein Vater einst geschaffen hatte und nach denen er jetzt schauen sollte. Er wanderte eine Weile den Gang entlang, als sich plötzlich eine der Türen öffnete und eine Gruppe Menschen daraus hervorquoll. Verblüfft blieben alle stehen und starrten ihn an. Einer der Menschen straffte sich und trat einen Schritt auf ihn zu.
»Wer sind Sie und was tun Sie hier?«
Durch den Linguistik-Transformator in seiner Hirnrinde konnte er ihn sogar verstehen.
»Ich bin der Sohn des Schöpfers …«
»Was Sie hier suchen, habe ich gefragt!« Der Mann wurde offenbar ungeduldig.
Jaycee machte eine ausholende Geste. »All das wurde als Keimzelle vor vielen Zeitaltern durch meinen Vater geschaffen. Nun hat er mich gebeten, nach euch zu schauen und ihm zu berichten. Bringt mich zu euren Führern, damit sie mir Bericht erstatten können.«
Die Männer der Gruppe sahen sich fragend an. Ihr Sprecher wandte sich ihm wieder zu.
»Was soll dieses Gefasel? Wie ist Ihr Name und aus welchem Sektor stammen Sie? Dies ist ein militärischer Sicherheitsbereich des Halos. Zeigen Sie mir sofort Ihre Personalkennung!«
»Ich besitze nichts dergleichen. Ich bin der Sohn des Schöpfers. Ihr dürft mich Jaycee nennen. Mein Mitarbeiter nennt mich dauernd ‚Herr‘, aber das mag ich nicht.«
»Wir lassen uns nicht für dumm verkaufen, Mister Jaycee, oder wie sie sich nennen. Wir müssen Sie leider bitten, mit uns zu kommen.«
»Endlich verstehen wir uns«, sagte Jaycee. »Es ist sowieso besser, mit Ihren Führern zu sprechen und nicht mit dem niederen Volk.«
Der Mann wandte sich zu ihm und machte ein verärgertes Gesicht. »Das reicht!«
Er gab seinen Leuten ein Zeichen und ehe Jaycee sich’s versah, hatte man seine Arme auf den Rücken gedreht und ihm eine Fessel angelegt.
»Diesen Brauch kenne ich. Macht man das noch immer? Werden Sie mich auch gleich töten?«
»Der hat sie doch nicht alle«, meinte einer der anderen Männer. »Den sollten wir gleich einem Psychologen vorstellen.«
Sie stießen Jaycee an und forderten ihn auf, zu laufen. Interessiert machte er das Spiel mit. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde lief man noch meist barfuß über staubigen Boden und trug sackartige Kleidung. Das hatte sich geändert, aber sonst war keine nennenswerte Änderung festzustellen. Er wusste nicht, wie sie das immer anstellten, aber sie schienen gleich zu wissen, wer er war, denn man nahm ihn stets sofort fest. Er war gespannt, wie Vater das aufnehmen würde. Beim letzten Mal war er deswegen leicht verärgert gewesen.
Nach einiger Zeit führten sie ihn in einen karg eingerichteten Raum. Es standen lediglich ein Tisch und vier Stühle darin. An einem saß ein Mann in einem weißen Gewand und sah auf, als sie eintraten.
»Hallo, Doc Treaver, wir bringen Ihnen den Mann, den wir im Sperrsektor aufgegriffen haben. Er wirkt verwirrt und wir hielten es für besser, Sie schauen ihn sich mal an.«
Der Arzt deutete auf einen der freien Plätze. »Bitte setzen Sie sich. Wie war doch gleich Ihr Name? Würden Sie ihn vielleicht hier auf dem Schreibblock für mich aufschreiben?«
Jaycee setzte sich.
Doc Treaver schob ihm Block und Stift herüber. »Bitte.«
Jaycee griff nach dem Stift und fasste ihn umständlich. »Ich habe so etwas noch nie in der Hand gehalten. Sehen so Ihre Holo-Tablets aus?«
»N-Nein. Das ist ein verdammter Stift und ein Schreibblock …«
»Gut.« Jaycee malte umständlich ein ‚J‘ und ein ‚C‘ und legte den Stift auf den Tisch. »So richtig?«
»Ist es das? Sie heißen JC? Das ist doch kein Name.«
Jaycee nickte. »Richtig. Eigentlich ist es die Abkürzung meines Namens, aber den finde ich einfach zu lang.«
»Und wie lautet nun der vollständige Name?«
»Jesus Christus. Mein Vater hat einen Hang zu exotischen Namen.«
Dem Arzt fiel die Kinnlade förmlich herunter. »Sagen Sie das noch mal!«
»Jesus Christus. War ich nicht verständlich genug?«
»Sie müssen wissen, dass ich ein recht ausgefallenes Hobby habe und deswegen von vielen meiner Kollegen verlacht werde. Ich forsche gern in alten Schriften – soweit sie damals in den Unruhen nicht vernichtet wurden. Vieles war zum Glück bereits gescannt und in den Datenbanken des Halos gesichert. Welcher von meinen gehässigen Kollegen hat Sie auf mich angesetzt?«
Jaycee machte ein fragendes Gesicht. »Ich verstehe nicht. Was habe ich mit Ihren Kollegen zu tun? Ich bin vorhin erst angekommen und jetzt sitze ich hier.«
Doc Treaver öffnete seine Arztkombination am Hals, als würde ihm warm. »Sie sind vorhin erst angekommen und heißen Jesus Christus? So wie der Typ in dem Buch?«
»Buch?«
»Ja. Es heißt Bibel und ein Teil davon handelt vom Leben und den Taten eines Jesus Christus.«
Jaycee schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich kenne das Buch zwar nicht, aber das ist ein Ding! Da bringen mich diese Primitiven um und dann schreiben sie über mein Leben? Was seid Ihr nur für Wesen?«
»Dann behaupten Sie ernsthaft, dieser Jesus Christus zu sein? Mit Verlaub, das war vor rund dreitausend Jahren.«
Jaycee nickte. »Das kann hinkommen. Ich war nicht früher in der Gegend und wenn mein Vater mich nicht gebeten hätte, wäre ich jetzt sicher nicht hier.«
Die Tür wurde geöffnet, ein Mann in einer Uniform kam herein und tuschelte leise mit dem Arzt. Anschließend ging er wieder.
»Man sagte mir soeben, dass die Sensoren hier im Raum Sie gescannt haben. Ihre Signaturen sind in keiner unserer Datenbanken verzeichnet. Jesus Christus, es gibt Sie nicht!«
Jaycee winkte ab. »Sensoren. Dummes Zeug. Ich habe doch gesagt, ich bin eben erst angekommen. Wie soll ich da in Datenbanken gespeichert sein? Könnte ich einen Blick in dieses Buch werfen?«
»Können Sie nicht! Wenn Sie das jetzt durchziehen wollen, geben Sie mir Beweise. Fangen wir an: Wo sind Sie geboren?«
Er überlegte. »Ich denke nicht, dass Sie das kennen. Es ist nicht einmal in dieser Galaxie …«
»Ha! Schon reingefallen! Jesus Christus ist unten auf unserer Erde geboren, in einer kleinen Stadt namens Bethlehem.«
»Ach das. Nein, da verwechseln Sie etwas. Ja, ich war in diesem Bethlehem. Die hatten damals da etwas Stress wegen einer Zählung oder so etwas. Hat mich nicht weiter interessiert. Aber da war ein junges Pärchen von Menschen. Die Frau bekam ein Junges und ich habe bei der Geburt geholfen. Das war damals richtig ärgerlich, weil wir in so einen schmutzigen Stall mussten. Zum Glück ist alles gut gegangen. Diese Menschen waren nett. Zum Dank hatten sie den Jungen nach mir benannt. Ich fand das rührend.«
»Ich glaub es nicht.«
»Doch, das dürfen Sie ruhig glauben. Ich hab mich dann eine Weile in der Gegend umgesehen. Mein Vater hatte mir den Auftrag gegeben, mich unter sie zu mischen und zu beobachten. Nach einigen Jahren wurde mir das zu langweilig und ich begann, zum Volk zu reden. Dabei muss es endgültig zu dieser Verwechslung zwischen mir und dem Jungen gekommen sein, der denselben Namen hatte – dem aus Bethlehem.
Auf jeden Fall rannten die alle hinter mir her und ich wurde sie nicht mehr los. Sie lauschten meinen Worten und irgendwie fand ich das auch gut. Ich dachte, wieso sollen sie nicht etwas von mir lernen?«
»Und wie ging es dann weiter?«
»Steht das nicht in diesem Buch? Die Führer in dieser Gegend fanden es nicht so gut, dass ich eine große Gefolgschaft hatte. Irgendwann nahmen sie mich gefangen und am Ende töteten sie mich. Wie sollten sie auch wissen, dass das nicht so einfach funktionieren würde. Für mich war es aber eine gute Gelegenheit, die Aufgabe abzuschließen und mich auf den Heimweg zu machen.«
Der Arzt blickte sein Gegenüber fassungslos an. »Glauben Sie eigentlich selbst, was Sie mir da alles erzählt haben?«
»Ich muss das nicht glauben. Ich weiß das. Ich war dabei. Glauben Sie mir nicht? Sie haben selbst gesagt, mich gibt es eigentlich nicht. Nun?«
Doc Treaver schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Angenommen, es stimmt, was Sie sagen: Warum sind Sie dann hier?«
»Aus demselben Grund wie vor dreitausend Jahren. Weil mein Vater mich darum gebeten hat. Das alles hier ist im Grunde sein Werk. Er hat den Grundstock gelegt und er will einfach wissen, was daraus geworden ist. Ich gebe zu, einen umfassenden Eindruck habe ich noch nicht gewinnen können.«
»Wussten Sie, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man einmal im Jahr Ihre Geburt gefeiert hat?«
»Meine Geburt? Doch wohl eher die von dem Kleinen, dem ich auf die Welt geholfen habe.«
»Na, dann eben seine Geburt. Man nannte das Weihnachten, die Geburt des Erlösers. Man bemühte sich in dieser Zeit, Frieden zu wahren und anderen Menschen eine Freude zu machen. So steht es in den Schriften. Sogar unsere Zeitrechnung geht auf dieses Ereignis zurück, sagt man.«
Jaycee lächelte breit. »Das ist so rührend von euch Menschen, auch wenn Ihr den falschen gefeiert habt. Aber die Geste ist toll. Danke dafür.«
»Wofür bedanken Sie sich?«
»Na hören Sie, fänden Sie es nicht toll, wenn ein ganzes Volk Ihren Geburtstag feiert? Macht man das heute nicht mehr?«
»Die Zeiten waren schlecht. Es gab Kriege, Hungersnöte, Unruhen und am Ende gab es nur noch wenige Gebiete auf der Erde, in denen Menschen leben konnten. Wir bauten mehr als zweihundert Jahre am Halo, dem Ring um den Planeten. Diejenigen von uns, die überlebt hatten, leben heute hier oben. Es gibt Aufzüge für Nahrung und Waren. Vieles wird auch gleich hier oben produziert.«
»Dann lebt dort unten niemand mehr von euch? Die Erde ist tot?«
»Nein, so schlimm ist es zum Glück nicht. Es gibt noch immer Menschen dort unten, aber sie leben recht einfach, betreiben meist Ackerbau und liefern natürliche Nahrung als Ergänzung zu unserem synthetischen Essen. In diesem ganzen Wandel ist auch der Brauch von Weihnachten in Vergessenheit geraten. Wie gesagt: Mein Hobby sind die alten Schriften. Wenn überhaupt, könnten Sie höchstens unten auf der Erde noch etwas über das Weihnachtsfest erfahren. Es gibt Gerüchte über kleine religiöse Sekten, die dazu einen geschmückten Baum anbeten, oder so etwas. Genau konnte ich das noch nicht ermitteln. Aber die Menschen unten auf der Erde sind auch in ihrer Entwicklung etwas zurückgeblieben.«
Jaycee überlegte. »Dann gibt es also zwei verschiedene Menschheiten? Habe ich das richtig verstanden? Oder ist das eher so ein Zwei-Klassen-Ding? Ich hab so was bei anderen Völkern schon mal erlebt. Völlig irre, wenn sie mich fragen.«
Doc Treaver wiegte seinen Kopf. »Nein, ganz so ist es nicht. Als die Menschheit in den Ring – den Halo – umzog, wollte eine kleinere Gruppe das nicht mittragen. Sie wollte versuchen, weiter auf der Erde zu leben. Nennen sie sie einfach Traditionalisten. Sie leben von Ackerbau und Viehzucht in den Bereichen, in denen das möglich ist. Wir profitieren davon, sie dort unten aber auch, da wir sie mit Werkzeugen und technischen Hilfsmitteln beliefern.«
»Und wieso zurückgeblieben?«
»Das war vielleicht falsch ausgedrückt, aber wir halten hier oben nichts von diesen alten Bräuchen und Festen.«
»Also gibt es dieses Weihnachten eigentlich nicht mehr. Das ist sehr schade«, sagte Jaycee nachdenklich. »Wirklich schade. Und ich überlege, ob ich nicht etwas daran ändern sollte, denn der Grundgedanke von diesem Weihnachten ist etwas Gutes. Gutes sollte man bewahren.«
»Ich weiß noch immer nicht, ob sie der sind, der Sie vorgeben zu sein oder welche Macht Sie besitzen, aber das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen.«
Jaycee lächelte milde. »Sie glauben mir noch immer nicht, was? Kann ich etwas tun, um diesen Glauben zu stärken?«
Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Ich wüsste nicht, was.«
Plötzlich hellte sich Jaycees Miene auf. »Vielleicht … Mir fällt gerade eine Kleinigkeit ein, die damals, bei meinem letzten Besuch, viele Menschen glücklich gemacht hat aber auch für viel Wirbel gesorgt hat. Haben Sie hier in diesem … Halo Lagerräume?«
»Lagerräume? Was wird das jetzt?«
»Sie wollten einen Beweis und jetzt sollen Sie ihn auch haben. Ist es möglich, mir zu zeigen, wo sich solche Räume befinden?«
Treaver schüttelte den Kopf. »Wie soll ich Ihnen das erklären? Und ich sehe auch nicht, warum ich das …«
»Nicht mehr nötig!«, rief Jaycee und winkte ab. »Ich habe schon gefunden, was ich gesucht habe.« Er lachte und klatschte in die Hände. »Es wird Ihnen gefallen. Und ich wünsche Ihnen allen viel Spaß damit.«
Doc Treaver sah ihn verständnislos an. »Spaß? Womit? Wovon reden Sie überhaupt?«
»Sie werden es schon herausfinden. Und vielleicht glauben Sie mir ja dann. Aber jetzt werde ich Sie verlassen. Ihre Informationen über diese Weihnachtsfeiern unten auf der Erde interessieren mich wirklich. Ich werde mich damit befassen und diesen schönen Brauch wieder populär machen. Und ja, das Rad der Zeit kann niemand zurückdrehen, aber ich werde mir etwas einfallen lassen.«
Jaycee erhob sich von seinem Stuhl und reichte Doc Treaver die Hand. »Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ihnen verdankt die Erde, dass ich noch etwas länger bleibe als vorgesehen. Leben Sie wohl.«
Er hielt noch einmal inne und sah Doc Treaver fest an. »Sie mögen doch Fisch?«
»Ja, aber …«
»Dann ist es gut.«
Er hob seine Hand an den Mund und rief: »Luzi, hol mich ab.«
Für einen Sekundenbruchteil erschien eine kleine rote Gestalt mit einem gehörnten Kopf, schien zu grüßen und verschwand zusammen mit Jaycee, als wäre er nie da gewesen.
Doc Treaver starrte noch minutenlang auf den leeren Stuhl. Was hatte er da eigentlich erlebt? Konnte er mit irgendjemandem darüber sprechen? Vermutlich nicht. Auf jeden Fall nahm er sich vor, mehr über diesen alten Brauch der Weihnacht in Erfahrung zu bringen. Er war noch in Gedanken versunken, als sein Armband-Kommunikator einen Anruf signalisierte.
»Ja? Treaver hier?«
»Ist dieser merkwürdige Typ noch bei Ihnen? Dieser Mann, der nirgends in unseren Unterlagen verzeichnet ist?«
»Nein, er ist weg.«
»Weg? Was meinen Sie mit ‚weg‘?«
»Er ist verschwunden. Einfach vor meinen Augen verschwunden … Warum fragen Sie?«
»Weil wir wissen wollen, ob er etwas mit den eigenartigen Erscheinungen zu tun hat.«
Doch Treaver wurde ungehalten. »Jetzt spannen Sie mich nicht auf die Folter! Was ist los?«
»Unsere Kühlräume platzen auf einmal fast vor lauter Fischen, die darin aufgetaucht sind. Vor wenigen Minuten waren sie noch nicht da. Es sind riesige Mengen. Es reicht für Tausende von uns.«
Treaver beendete den Anruf und lehnte sich zurück. Fische? Für Tausende? Ihm fiel wieder eine Passage aus dem Buch ein. Sollte es möglich sein?
Ein Lächeln schlich sich allmählich auf seine Lippen. Vielleicht sollte er einmal nach unten auf die Erde reisen und sich nicht nur durch Bücher über die alten Bräuche informieren – dieses Weihnachten. Vielleicht war mehr daran, als sie alle dachten.

Das Hochzeitskleid

“Schau dir mal den Gast am Tisch hinter dir  an, den mit der Lederjacke, kommt der dir auch bekannt vor?”, flüstert Mira.

Ich drehe mich um und riskiere einen kurzen Blick. “Er sieht aus wie mein Englischlehrer aus der Oberstufe.”

“Ich kenne das Gesicht, kann es aber nicht zuordnen. Egal. Wo waren wir stehengeblieben?” Mira schaut frustriert auf ihren leeren Salatteller.

“Wir waren bei deinem ambitionierten Vorhaben, in zwei Wochen fünf Kilogramm abzunehmen”, antworte ich.

Mir gefällt das ja auch nicht, Sanne. Aber du hättest ihr Strahlen sehen sollen, als ich ihr sagte, ich trage ihr Kleid zu meiner Hochzeit. Ich kann sie einfach nicht enttäuschen. Außerdem ist das Kleid wunderschön. Ich möchte es unbedingt tragen. Es hilft nichts, der Speck muss weg.”

“Dann wirst du wohl noch einige Zeit von Luft und Liebe leben müssen”, antworte ich und widme mich meinen Spaghetti Bolognese. An Miras Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ich gerade keine gute Freundin bin. “Tut mir leid Mira. Ich wollte dich nicht zusätzlich runterziehen. Kann ich dir helfen?”

Mira will gerade antworten als sich der Mann mit der Lederjacke zu uns umdreht.

“Entschuldigen Sie, ich habe ihr Gespräch zwangsläufig mitgehört. Ich kann Ihnen Hypnose empfehlen. In nur einer Sitzung verlieren Sie Ihren Appetit und das Fasten fällt Ihnen ganz leicht.”

Ich sehe Miras Augen aufblitzen und auch bei mir fällt der Groschen. Das Gesicht kenne ich von den vielen Plakaten, die überall in der Stadt hängen. Der Mann ist der Hypnotiseur, der damit wirbt, jeden zum Nichtraucher zu machen. Mit Erfolgsgarantie innerhalb eines Monats oder Geld zurück.

“Falls Sie Interesse haben, ich bin  noch drei Tage hier in ihrer schönen Stadt”, sagt er und reicht Mira seine Karte. Sie bedankt sich und läuft dabei rot an. Auch mir ist es peinlich, dass er seine Worte förmlich ins Lokal hineinposaunt. 

Bis ich mit dem Essen fertig bin, tauschen wir nur noch Belanglosigkeiten aus. Normalerweise ist es mir egal, ob mir Fremde zuhören, doch der Mann ist mir unsympathisch und ich fühle mich unwohl mit ihm im Rücken. Erst auf dem Heimweg, ich habe mich bei Mira eingehakt, komme ich darauf zurück.

“Du wirst da doch nicht hingehen wollen, oder?”

Mira zuckt mit den Achseln. “Was soll es schaden? Wenn es nicht hilft, hole ich mir einfach mein Geld zurück.”

“Du bist aber auch selten naiv”, poltere ich los. “Das ist ein Betrüger, der taucht unter und du wirst einen Anwalt brauchen, um an dein Geld zu kommen. Da der Anwalt auch nicht umsonst arbeitet, wirst du  Geld, aber kein Gewicht verlieren.”

“Ach Sanne, ich habe einfach nur Hunger und kann schon gar nicht mehr denken”, flüstert Mira so leise, dass ich meine Ohren spitzen muss um sie zu verstehen. Wir sind bei Mira angelangt. Eine Idee steigt in mir auf.

“Kann ich mir das Prachtstück einmal ansehen?”, frage ich.

“Natürlich. Ich habe es letzte Woche schon abgeholt, es muss ja noch in die Reinigung.”

Wir gehen nach oben in Miras kleine Dachwohnung. Das Kleid hängt am Fenster und es ist wirklich wunderschön.

“Ich verstehe dich jetzt, Mira. Das ist ja ein Traum von einem Kleid.”

Mira nickt. “Genau so etwas hätte ich mir gekauft, hätte ich es mir leisten können. Ich muss es einfach schaffen, mich da reinzuhungern.”

Ich schlage den Rock hoch und sehe mir das Innenleben des Kleides an.

“Mira, die Nähte sind auf Zuwachs gemacht. Du kannst locker an beiden Seiten zwei Zentimeter rauslassen.”

Sie schaut mich erst ungläubig an. Dann überzieht ein breites Grinsen ihr komplettes Gesicht.

“Komm, wir gehen nochmal essen”, sagt sie und zieht mich aus der Wohnung.”

Pubertät – wenn die Eltern schwierig werden

So langsam komme ich mir echt vor wie ein Sklave. Andrea mach dies, Andrea mach das, so geht es den ganzen Tag. Und meine hochnäsigen Zwillingsschwestern müssen selbstverständlich geschont werden. Sie machen ja gerade Abitur, da muss man Rücksicht nehmen. Wie ich das hasse!
Nie nimmt man auf mich Rücksicht. Kaum habe ich eine Minute Musik an, brüllt schon jemand, dass ich leiser machen soll. Dabei hört sich Musik doch nur richtig gut an, wenn sie laut ist. Ich muss mir ja auch diese doofen Sonaten anhören, die Vater gerne auflegt, wenn wir Gäste zum Essen haben. Und niemanden kümmert es, ob ich von dem altmodischen Geklimper Magenkrämpfe bekomme.
Und wenn ich mir dann die Stöpsel ins Ohr mache, weil ich anders nicht richtig Musik hören kann, dann dauert es nur Minuten, bis jemand meine Zimmertüre aufreißt und mich anbrüllt, weil ich sein Rufen nicht gehört habe. Nie kann man es ihnen Recht machen. Am liebsten würde ich ausziehen in eine eigene Wohnung, aber dafür bin ich ja noch zu jung. So ein Quatsch! Ich bin mit meinen fast 15 Jahren genauso erwachsen wie die Zickenzwillinge.

Gestern, das war mal wieder so typisch. Ich war in der Gartenlaube und wollte ein wenig chillen. Schließlich hatte mich dieser doofe Privatlehrer wieder stundenlang mit Mathe gequält. Kaum lag ich gemütlich mit meinem Handy auf der Bank, holte der Gärtner den Aufsitzmäher aus dem Gerätehaus und begann zu mähen. Das Ding macht mehr Krach als ein Düsenjet. Ich flüchtete also in mein Zimmer. Gerade hatte ich es mir dort gemütlich gemacht, begann die Putzhilfe die Teppiche auf dem Gang zu saugen. Fluchend machte ich mir die Ohrenstöpsel rein. Kurz darauf kam sie einfach in mein Zimmer, maulte rum, dass ich sie nicht gehört hätte, und befahl mir, den Flur aufzuräumen. Da ich keine Lust auf Streit hatte, holte ich also meine Sachen und warf sie in meinem Zimmer auf den Boden. Dabei ist das Display von meinem Zweithandy kaputt gegangen. Diese doofe Putzhilfe, daran war doch nur sie schuld.

Letzte Woche hatte ich eine tolle Nacht. Das Schaf, das ich vor zwei Jahren mit der Flasche großgezogen hatte, war das erste Mal trächtig. Natürlich wollte ich mit dabei sein, wenn sie ihr Junges bekommt. Also hab ich dem Schäfer meine Handynummer gegeben und ihm gesagt, er solle mich anrufen, wenn es so weit ist. Ich weiß schon, dass er auch nicht andauernd nach meinem Schaf schauen kann. Doch ich hab ihm eine Flasche Wein zugesteckt, die ich aus Vaters heiligem Weinkeller geklaut habe. Der Schäfer hat mit großen Augen auf das Etikett geschaut und sich mehrmals für das edle Tröpfchen bedankt. Dabei hatte ich extra eine von den alten, vergammelten Flaschen von ganz hinten genommen.
Ich hoffte also, dass das mit dem Anruf klappen würde. Und tatsächlich klingelte mitten in der Nacht mein Handy. Ich zog mich warm an und schlich vorsichtig aus dem Haus.
Es war einfach wunderbar zuzusehen, wie die beiden Lämmchen geboren wurden. Nachdem das erste gekommen war, wurde das Mutterschaf richtig hektisch und leckte das Lämmchen kräftig ab, um es zum Stehen zu bringen. Erst verstand ich diese Hektik nicht. Doch kann, kaum stand das erste Lamm, kam das zweite. Was für eine Überraschung! Eins der Lämmchen ist weiß, das andere schwarz bis auf einen hellen Tupfen an der Schwanzspitze. Ich habe die beiden Salt und Pepper getauft.

Ich konnte mich von den süßen Lämmchen nur schwer trennen und so war es schon hell, als ich zurück ins Haus schlich. Kurz bevor ich in meinem Zimmer war, lief mir eine meiner Schwestern über den Weg. Die machte vielleicht riesige Augen, als sie mich blutverschmiert und mit Heu in den Haaren sah. Was sie sich wohl dabei gedacht hat? Ich weiß, dass mir alle nur Schlechtes zutrauen. Ich bin nun mal das schwarze Schaf in der Familie. Erst hatte ich ein bisschen Angst, dass sie mich verpetzen würde. Aber das traut sie sich nicht. Sie weiß genau, ich würde mich rächen. Ich könnte zum Beispiel beiläufig fallen lassen, dass sie mit ihrem Gesangslehrer rumgemacht hat.

Allerdings gab es dann doch noch einen Riesenkrawall wegen der verschwundenen Flasche Wein. Papa hat fast geheult. Ich glaube, wäre ich verschwunden, hätte es ihm weniger ausgemacht. Ich kann das nicht verstehen, so eine Flasche Wein kostet doch nur ein paar Euro. Wie kann man sich da nur so anstellen, wenn mal eine fehlt. Der ganze Keller ist voll davon. Ich frage mich sowieso, wie er es so schnell gemerkt hat. Immerhin hat mich ausnahmsweise mal niemand verdächtigt. Wo ich doch sonst immer alles gewesen bin.

Gleich ist meine spärliche Freizeit auch schon wieder vorbei. Dann muss ich mit Mama in die Stadt fahren zum Einkaufen. Ich soll ein Kleid bekommen für den Abi-Ball der Zickenzwillinge. Dabei will ich da gar nicht hin. Weder in die Stadt, noch auf den Ball. Doch mich fragt ja nie jemand, über mich wird immer bestimmt. Gegen ein neues Kleid hätte ich nichts einzuwenden, aber es müsste schon schwarz sein und lang bis zu den Knöcheln und mit durchsichtiger Spitze im Ausschnitt und mit Trompetenärmeln. Mama hat da aber ganz andere Vorstellungen als ich. Kotz!

Manchmal denke ich, ich bin als Säugling im Krankenhaus vertauscht worden. Ich passe überhaupt nicht in diese Familie. Und wenn ich mir vorstelle, ich könnte irgendwann so wie Mama werden? Allein der Gedanke lässt mich schaudern. Nein, da bringe ich mich lieber vorher um. Am besten mit 27 Jahren. Dann habe ich vorher noch genug Zeit berühmt zu werden. Es gibt viele Künstler, die mit 27 Jahren gestorben sind. Und danach ist das Leben ja sowieso vorbei. Dann geht es nur noch abwärts.

So, mein liebes Tagebuch, ich muss aufhören. Mama ruft. Bis bald!

Aus und vorbei

Ich stehe am Fenster und sehe ihr nach. Sie öffnet die Wagentüre, dreht sich noch einmal um und winkt. Mechanisch winke ich zurück. Ich fühle mich leer und spüre nichts dabei.
Als sie mir heute Morgen sagte, dass sie nicht mehr kommen werde, dachte ich zuerst, sie mache einen Scherz. Wir hatten einen vergnüglichen Abend verbracht und eine schöne Nacht. Fröhlich und offen hatte sie wie ein Wasserfall erzählt und ich hatte ihr fasziniert zugehört. Nichts hatte auf eine Veränderung hingedeutet.
Sie war, wie auch all die anderen zuvor, mein Fenster zum Leben. Durch ihre Augen sah ich das, was ich selbst schon lange nicht mehr erleben durfte. Und wenn sie von langen Nächten in den verschiedensten Kneipen erzählte, von Live-Musik und Bier vom Fass, weckte das verschüttete Erinnerungen in mir. Vage Bilder von mir selbst flackerten dann durch mein Bewusstsein. Ich sah mich, wie ich stundenlang über staubtrockenen Gesetzestexten brütete und verzweifelt zu verstehen versuchte, was ich da las. Zum Ausgleich dafür trieb ich mich damals fast jede Nacht in der Stadt herum. Schaute mir die Menschen an. Trank hier ein Bier und dort ein Glas Wein. Ich kam nicht zur Ruhe, es gab so viel zu sehen, so viel zu staunen. In dieser Zeit träumte ich davon, alles hinzuwerfen und stattdessen Psychologie zu studieren. Doch ich traute mich nicht. Es hätte Vater nicht gefallen. Mein Studium war eine einzige Qual gewesen. Kaum zu glauben, dass ich meinen Beruf trotzdem lieben gelernt hatte.
Lag es an mir? Warum wollte sie mich nicht mehr? Beim Einschlafen hatte sie sich noch genussvoll an mich gekuschelt, mich geküsst und mir eine gute Nacht gewünscht.
Ernst hatten ihre blauen Augen mich am Morgen angesehen. Ich spürte, dass ihr Entschluss unumstößlich war und ich dabei kein Mitspracherecht hatte. Sichtlich verwirrt wartete sie auf meine Reaktion, vielleicht auch auf Vorwürfe oder Anklagen. Doch ich blieb stumm. Tausend Fragen gingen mir durch den Kopf, doch keine war es wert, ausgesprochen zu werden. Wozu auch? Sie wollte mich verlassen und die Gründe dafür lagen auf der Hand. Ich hatte sie nur verdrängt. Ihr Studium war beendet. Ein längerer Auslandsaufenthalt war bereits geplant. Danach würde sie irgendwann eine Familie gründen. In ihrem zukünftigen Leben war kein Platz mehr für den grauhaarigen Liebhaber.
Wir hatten noch miteinander gefrühstückt. Sie hatte ganz normal geplaudert, meine Wortlosigkeit kommentarlos akzeptiert. Ich beobachtete jede ihrer Bewegungen. Versuchte, mir ihr Bild einzuprägen, für immer.
Zum Abschied küsste sie mich sanft und lange. Es fühlte sich an wie ein Messer in meinem Herzen. Und doch, es war ein süßer Schmerz. Während sie im Bad ihre Kosmetiktasche packte, öffnete ich ihre Handtasche. Ich nahm ein Foto von ihr aus ihrem Geldbeutel und steckte es in meine Brieftasche. Eine einsame Träne lief über meine Wange. Ich wischte sie weg.
„Mach´s gut, Andreas. Und vielen Dank für alles. Ich habe dich sehr lieb.“ Ein letztes Mal nahm ich sie in den Arm. Hauchte ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Vergiss mich nicht“, wollte ich schreien. Ich schluckte die Worte hinunter und öffnete die Türe für sie. So viel Anstand wollte ich beweisen. Ihr mit dieser Geste zeigen, dass ich sie freigab. Sie wird keine Nachfolgerin bekommen, beschloss ich in diesem Moment.
Vom Fenster zurücktretend schaue ich auf das Bett. Ich lasse mich fallen und suche in ihrem Kopfkissen Trost. Es duftet leicht nach ihrem Shampoo. Aus und vorbei!
Eine Stunde später bin auch ich unterwegs. Die Tränen fließen und verschleiern meinen Blick. Ich fahre in eine Parkbucht, halte an und hole ihr Bild hervor. Lange sehe ich es an. Eine Ewigkeit, wie mir scheint. Dann zerreiße ich es in winzige Stücke und werfe es aus dem Fenster. Etwa zwanzig Meter vor mir, nahe der Auffahrt zur Schnellstraße, steht eine Trauerweide. Wie passend. Entschlossen gebe ich Gas.

Seelenverwandt

Äußerlich hatten wir nur zwei Dinge gemein. Die Haarfarbe, wobei mein Haar länger ist und lockig. Dafür hattest du deutlich mehr davon, auch an Stellen, an denen mir die Haare fehlen.
Die zweite Ähnlichkeit bestand in einem gut sichtbaren Bäuchlein. Meins ist den vielen Süßigkeiten geschuldet, die ich gerne und oft zu mir nehme. Deins kam mit dem Alter und deiner Diabeteserkrankung.

Schon als wir uns das erste Mal begegneten, warst du etwas ganz Besonderes für mich. Und auch umgekehrt zeigtest du mehr Interesse an mir als üblich. Zumindest wurde mir das berichtet.
In der Folgezeit trafen wir uns unregelmäßig. Bei meiner Ankunft beobachtetest du mich meist ein Weilchen aus sicherer Entfernung. Dann kamst du näher und suchtest Blickkontakt. Wenn sich unser Blick traf, hatte ich stets das Gefühl, dass deine Seele meine Seele berührt. Gesprochen haben wir nie miteinander und uns doch sehr viel erzählt.

Ich erinnere mich an einen Vormittag im Februar. Es war kalt draußen, aber die Sonne schien mir direkt ins Gesicht. Ich lag auf dem Sofa und fühlte mich schlecht. Alte Geister waren aufgetaucht, sie bedrängten mich und zugleich stieg ein unsägliches Einsamkeitsgefühl in mir auf.
Du kamst heran, setztest dich in meine unmittelbare Nähe und warst einfach nur da. Verscheuchtest die Geister, die mich ungebeten besucht hatten, und auch meine Einsamkeit.

Irgendwann, als ich wieder einmal abfuhr, hatte ich das intensive Gefühl eines Verlustes. Es wurde so stark, dass ich während der Autofahrt anhalten musste um meine Tränen zu trocknen. Lange konnte ich damit nichts anfangen, bis ich erfuhr dass du krank warst. Schließlich kam die Nachricht von deinem Tod.

Du hast mich vom ersten Augenblick an gefangengenommen. Deine Bernsteinaugen, dein sanftes Schnurren. Deine Wärme, die du ausstrahltest, wenn du dich auf meinem Schoß zusammengerollt hast.
Ich werde dich nicht vergessen. Wir sind seelenverwandt.

Alte Geister

Mit Herzklopfen lief er den schwach bewaldeten Hang hinauf. Was würde geschehen? Sollte er nicht besser umdrehen? War es nicht falsch, die alten Geister zu rufen?
Er blieb stehen, schöpfte Atem und lächelte über sich selbst. Vor zwanzig Jahren war er diesen Hang leichter hinaufgestiegen, selbst mit seiner tiefen Trauer im Gepäck.
Die letzten Schritte ging er achtsam, er spürte, dass die alten Gefühle um ihn herumschlichen, bereit, zuzuschlagen.
Dort stand sie, die Bank, auf der er damals Abschied genommen hatte. Sie war verwittert, ihre einstmals rote Farbe nur noch zu erahnen. Er setzte sich und schaute über das weite Tal.
Direkt unter ihm, vielleicht dreißig Meter tiefer, schmiegten sich die ersten Häuser des Dorfes an den Hang. Ihre roten Dächer blitzten unter den kräftig grünen Baumkronen hervor. Der größere Teil des Dorfes erstreckte sich in die Ebene hinein, bis in die Nähe der Autobahn, welche die saftigen Wiesen hinter dem Ort teilte und mit ihrem grauen Band die Mitte des Tales markierte.
Der Himmel leuchtete blau. Ein böiger Wind, der immer wieder kräftig in die Baumkronen fuhr, ließ das Sonnenlicht auf den Hausdächern tanzen.
Die gegenüberliegende Seite des ehemaligen Flussbettes schien zum Greifen nah. Und doch waren es gut zwei Kilometer bis hinüber zum Nachbardorf, das sich auf der anderen Seite der Autobahn wie ein Spiegelbild des diesseitigen Ortes ausbreitete und sich ebenfalls ein Stück den Hang hinaufzog. Drei Windräder krönten den Hügel, ragten weit über die Baumwipfel hinaus und zogen seinen Blick magisch an. Wie oft hatten sie sich vorgenommen, einmal ganz nahe an eines der Windräder zu wandern und hatten es doch nie geschafft.
Wo war der Baum geblieben? Der Baum, den sie immer als Sinnbild ihrer Beziehung verstanden hatten. Dessen kräftiger Stamm sich früh in zwei eigenständige Baumhälften teilte. Um sich dann, in der Krone, wieder zu vereinen. So wie sie sich mehrmals getrennt und wieder zusammengefunden hatten.
Bis ihre Verbindung auf dem grauen Band endgültig zerriss. Es war ihm nicht möglich gewesen hier weiterzuleben, nachdem er sie tot aus dem Auto gezogen hatte. Er verließ das Dorf um bis heute nicht wiederzukehren.
Und nun, nach so vielen Jahren, saß er hier und die Erinnerung schmerzte nicht mehr. Der Baum war nicht mehr da. Das erschien ihm richtig.
Er fühlte eine große Dankbarkeit für alles, was er mit ihr erlebt hatte. Und heute auch dafür, dass sein Leben weitergegangen war.
Später, gegen Abend, würde er ihr Grab auf dem kleinen Dorffriedhof besuchen und dann würde er zurückkehren.
Zufrieden stand er auf und machte sich auf den Rückweg. Es war richtig gewesen, hierher zu reisen. Nun wusste er, die alten Geister hatten keine Macht mehr über ihn.

Abschied

Ich fülle die heiße Suppe in eine Schnabeltasse.
Der Physiotherapeut ist vor ein paar Minuten gegangen. Meist schläfst du nach der Behandlung ein Weilchen, ich brauche mich also nicht zu beeilen. Ich hole mir einen Teller aus dem Schrank, schöpfe mir etwas Suppe aus dem Topf und esse im Stehen, während ich aus dem Fenster schaue. Normal hätten wir bei diesem herrlichen Wetter auf der Terrasse gedeckt.
Doch normal ist nichts mehr seit deinem Schlaganfall vor einem Jahr. Erst sah alles sehr gut aus. Du hast schon wieder Pläne gemacht für die Zeit nach dem Krankenhaus, doch dann kam der zweite Schlag. Du, ein Pflegefall für den Rest deines Lebens? Damals habe ich es nicht geglaubt. Und auch heute habe ich oft noch Mühe  zu akzeptieren, dass du nie mehr aufstehen, nie mehr sprechen wirst.
Ich stelle den leeren Teller in die Spülmaschine und nippe an deiner Tasse. Ja, die Temperatur ist perfekt. Als ich die Türe zu deinem Zimmer öffne, schläfst du noch. Sanft streichle ich dir über die Wange.
„Zeit fürs Abendessen, Gerd“, sage ich und setze mich auf den Stuhl neben deinem Bett. Du öffnest deine Augen, schaust mich an und lächelst. Es ist ein schiefes, einseitiges Lächeln das mich schmerzt und doch tief berührt. Ich zeige dir die Schnabeltasse und will gerade aufstehen um das Kopfteil deines Bettes hochzustellen, als mich dein Blick aufhält. Wir haben vor deinem Schlaganfall schon oft über Blicke kommuniziert. Und seit du nicht mehr sprechen kannst, haben wir das geübt. Meist verstehe ich dich auch ohne Worte sehr gut.
Deine Augen sagen mir, dass du nie mehr Suppe essen wirst. Es dauert einen Moment bis ich begreife. Dann füllen sich meine Augen mit Tränen. Du zwinkerst zwei Mal, was einem bestätigenden Nicken gleichkommt und bist sichtlich erleichtert, dass ich dich auf Anhieb verstanden habe. Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. Es gibt keine Worte für das, was ich sagen möchte.
Ich nehme deine gute Hand. Ganz schwach fühle ich deinen Händedruck. Ruhig und gelassen schaust du, wartest geduldig bis meine Tränen versiegen. Nach einer Weile hauche ich dir einen Kuss auf die Nasenspitze. Du hast ja Recht. Wir hatten ein gutes und auch langes Leben. Und nun ist es Zeit für dich zu gehen.
Ich stehe auf und öffne das Fenster. Kühle Abendluft strömt herein. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich schüttle dein Bett auf und vergewissere mich, dass du es bequem hast.
Unsicher schaue ich dich an. Soll ich bei dir bleiben? Oder möchtest du alleine sein? Deine Augen bitten mich zu bleiben.
Ich stelle den Stuhl zur Seite und ziehe mir den bequemen Sessel nahe an dein Bett. Als ich wieder sitze, sehe ich, dass dir die Augen zugefallen sind. Ich nehme deine Hand und streichle sanft über deinen Handrücken. Es wird nur eine kurze Trennung werden. Etwa so wie damals, als wir für zwei Jahre nach Hongkong  gezogen sind. Du bist vorausgefahren, hast uns eine Wohnung gesucht und dann bin ich nachgekommen. Und auch diesmal gehst du voraus und ich werde dir folgen, wenn meine Zeit gekommen ist.
Es wird dunkel im Zimmer. Draußen zirpen die Grillen. Irgendwann schlafe ich ein. Als ich aufwache, bist du schon fort.

Nur eine Minute

»Nur noch eine Minute, Schatz.«

»Eine Minute?« Sie schwieg. Ich wandte mich wieder dem Bildschirm zu und tippte weiter. Nur diese Szene noch, ein letzter Absatz.

»Von wegen eine Minute!« Sie stampfte mit dem Fuß auf. In mir verschmolz ihr Tritt mit dem Trampeln der Pferde, deren Reiter aufeinanderzuhielten und ging dann im Tosen der Menge unter, als einer der Männer den anderen mit der Lanze nur knapp verfehlte.

Ein flüchtiger Blick auf mein Mädchen zeigte mir ihren Schmollmund und die verschränkten Arme. Die erdachte holde Jungfer, um die beide Ritter kämpften, schrie entsetzt auf, da sie um ihren Favoriten bangte.

»Du hast mich gar nicht lieb!« Der Film auf meiner inneren Leinwand erlosch augenblicklich, ich wirbelte herum und sah sie ernst an.

»Andrea, natürlich hab ich dich lieb.« Ich breitete die Arme aus. Sie sah mich mit einem Stirnrunzeln an. Enttäuscht ließ ich die Arme sinken. »Warum glaubst du, ich hätte Dich nicht lieb?«

Sie funkelte mich an für ein »Mama hat immer Zeit für mich« und blickte dann zu Boden.

Immer. Soso. Ich wartete.

»Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich!«, trumpfte meine Kleine auf.

Der Satz war mir aus dem Mund meiner Exfrau geläufig. Was meiner Tochter allerdings entgangen war, war die Tatsache, dass ich soeben meine Arbeit Arbeit sein gelassen hatte und mir Zeit für mein Kind nahm. Um dies zu verdeutlichen, drückte ich zwei Tasten, um meine Arbeit zu sichern, klappte den Laptop zu und stand auf.

»Andrea«, ich reichte ihr die Hand, »Draußen scheint die Sonne.«

Sie sah mich misstrauisch an und blinzelte.

»Wir könnten einen kleinen Spaziergang durch den Park machen und vielleicht ein Eis essen.«

Bei »Eis« hellte sich ihre Miene auf.

»Als Arbeitsessen sozusagen«, witzelte ich.

Jetzt nahm sie meine Hand.

Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Das Abtippen der ohnehin fast fertig erdachten Geschichte war ja nur noch die Drecksarbeit, andererseits auch die einzige Tätigkeit, die mein Produkt und somit jeglichen Arbeitsfortschritt überhaupt fassbar machte. Spazieren gehen und Eis essen und währenddessen die Passanten beobachten, die ich später als Vorbilder für Figuren verwenden konnte, sah genauso wenig nach Arbeit aus wie die drei Stunden, die ich während der Zeit der großen Schreibblockade auf der Toilette verbracht hatte in der Hoffnung auf gute Einfälle. Judith hatte sich sicherlich nicht nur deshalb von mir getrennt, weil ich in meiner Besessenheit unser gemeinsames Kind bei der Nachbarin aufs Klo geschickt hatte.

»Woran denkst du?«

»Das willst du nicht wissen, Kleines.«

»Ich bin nicht klein!«, maulte sie.

»Siehst du, du willst nichtmal hören, was ich sage.« Ich sah sie herausfordernd an, aber da ihr Eis in der Sonne schmolz, war sie vollauf damit beschäftigt und legte zur Abwechslung mal nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage. Dabei war sie besser darin als mein Lektor, der auch noch Geld für seine gezähmte Korinthenkackerei bekam.

»Also gut«, versuchte ich es, »Ich denke nicht an ein rotes Fahrrad.«

»Geht ja gar nicht«, erwiderte sie gelangweilt.

Der Witz hatte aber auch schon einen Bart. In ihrem Alter war sie nicht mehr so leicht zu begeistern.

»Ich denke an die Geschichte, die ich vorhin aufschreiben wollte«, gab ich zu.

»Worum geht’s da?«, fragte sie.

Mir war nicht klar, ob sie nur höflich sein wollte, aber ich fasste kurz zusammen:

»Zwei Ritter sind in die selbe Frau verliebt. Sie aber nur in einen von beiden. Die Männer kämpfen gerade.«

»Und wer gewinnt?«

»Na der, in den sie verliebt ist.«

»Das ist klar, sonst gibt’s ja kein Happy End. Aber wer ist es?«

»Das weiß ich auch noch nicht. Und wenn ich Dir alles verrate, macht es ja keinen Spaß mehr, die Geschichte aufzuschreiben.«

»Heiraten die am Ende?«

»Klar.«

»So wie du und Mama?«

»Nein, anders. Damals gab es ja noch kein Standesamt und da feierte das ganze Dorf zusammen.«

Und Liebesgeschichten enden normalerweise, bevor das Brautpaar sich wieder scheiden lässt.

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, fragte Andrea:

»Bist du noch traurig?«

Ich fühlte mich ertappt und zögerte. »Ja, manchmal. Und du?«

»Hmm«, nuschelte sie in die letzten Krümel der Waffel.

Plötzlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf die bevorstehende Veröffentlichung, die anschließende bereits geplante Lesereise und die verdammte Abgabefrist und würde am liebsten fortan und für alle Zeit auf den schnöden Mammon verzichten. Spätestens beim nächsten Saunabesuch wäre ich jedoch wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen, da ich mir mit Geld eben nicht nur Eis kaufen konnte, sondern es mich eben auch in die Lage versetzte, das tun zu können, was ich gerne tat. Dass man sich einen Spaziergang mit der eigenen Tochter nicht kaufen konnte, stand auf einem anderen Blatt.

»Müssen wir uns nicht beeilen?«

Ich sah auf die Uhr. »Noch nicht«, erklärte ich. »Deine Mutter kommt Dich erst in zwei Stunden abholen.«

»Papa, wo ist mein grüner Pullover?«

»Meinst du den mit dem Herz drauf oder mit den Bärchis?«

»Papa! Den mit den Bärchis hab ich schon ewig nicht mehr!«

›Ewig‹ war gerade mal ein Dreivierteljahr, aber trotzdem ging der Punkt an Andrea. »Keine Ahnung, Schatz. Bist du sicher, dass Du den grünen dabei hattest?«

»Ja! Den hatte ich am Freitag in der Schule an und die Natalie fand den voll toll.«

Auch die Zeit, während der das Herz aus pinken Pailetten angesagt war, würde ihr Ende finden. Das gehörte zum Lauf der Welt, aber daran, dass meine Tochter nur alle zwei Wochen zu Besuch kam und ich bei meiner Familie nicht mehr zu Hause war, wollte ich mich nicht gewöhnen.

Es klingelte und vor der Tür stand die Frau, die mir eines Tages ihr Wort gegeben hatte, in guten wie in schlechten Zeiten zu mir zu stehen.

»Ich hab ihn!«, rief Andrea. Nun war es also soweit. Meine Tochter stand mit gepackter Tasche neben mir und ihre Mutter, meine ehemals Angetraute, mir gegenüber.

Ich wollte Judith von dem dämlichen Schreibwettbewerb erzählen, der maßgeblich zu unserer Trennung geführt hatte und den ich dann trotz aller Bemühungen natürlich doch nicht gewonnen hatte – aber ich entschied mich dagegen, um den Moment nicht mit den Scherben unserer Ehe zu verderben.

»Judith.« Ich legte ihr die Hand auf die Schulter.

Sie sah mich an.

»Du bist eine gute Mutter.«

Sie lächelte.

Weihnachten, das Fest der Freude

Bald ist es wieder soweit. Der christliche Teil unserer Bevölkerung feiert sein zweithöchstes religiöses Fest, die Geburt des Erlösers Jesu Christi.
Bereits in der davor liegenden Zeit der Ankunft, dem Advent, steigern wir uns in froher Erwartung auf dieses jährlich begangene Ereignis.
Als Symbol der Freude tauschen wir mit unseren Lieben kleine Geschenke aus, um auch ihnen eine Freude zu machen und das Fest in friedlicher Eintracht zu begehen.
Bereits im Advent wird in unseren Städten durch das Aufstellen kleiner Hütten eine heimelige Atmosphäre geschaffen, indem dort handgefertigte Weihnachtsartikel erstanden werden können. Weihnachtsmärkte fördern die advendliche Stimmung und bereiten uns so Schritt für Schritt auf das große Ereignis vor.

Nun, soweit die Theorie. Die folgende, fiktive Aneinanderreihung von Gesprächsfetzen zeigt ein anderes Bild, wie es leider durchaus real erscheint, bummelt man tatsächlich mal über einen normalen Innenstadt-Weihnachtsmarkt, wie sie in den Einkaufszonen entlang der Geschäftszeilen aufgebaut werden.


Beliebige Fußgängerzone einer deutschen Großstadt im Ruhrgebiet.
Dunkelheit.
Holzhütten säumen den Weg.
Dahinter: beleuchtete Schaufenster.
LED-Weihnachtsmotive überspannen die Straße.
Leise Musik ertönt allgegenwärtig aus verborgenen Lautsprechern.
Es ist kühl.
Leichtes Nieseln lässt die Dächer der Hütten und die Straße im Licht der Hütten und Schaufenster glänzen.
Menschenmassen schieben sich zwischen den Hütten hindurch. Immer wieder kommt es zu Staus. Passanten eilen quer über die Straße, andere versuchen, die zähe Masse der Schauenden zu überholen. Gesprächsfetzen dringen von überall ans Ohr. Zusammenhanglos und doch …

»Wir müssen noch nach Primark.«
»Bitte nich’, ich hab keine Lust mehr.«

»Ich brauch jetzt’n Glühwein.«
»Ja, aber mit Schuss.«

»Für dich auch ne Wurst?«

»Schau mal, ein Holzschnitzer!«
»Komm weiter! Wer stellt sich denn sowas in die Bude?«

»Die Wurst sieht aber lecker aus.«
»Was kostet die Schokobanane?«

»Mama, ich kann nich’ mehr.«
»Schluss jetzt, sonst gibt’s gleich keine Pommes!«

»… hab ich von H&M. War ’n Angebot.«
»Was? Jetzt schon runtergezeichnet?«

»Willze jetz überall stehnbleibn? Wirsse ja nie fertich …«

»Eine Spende für krebskranke Kinder?«
»Diese Bettelei geht mir auf den Sack!«
»Das war ein Bettler, Papa?«
»Komm weiter …«

»Watt soll der Aal kosten? Soll wohl’n Scherz sein?«

»Wer war der Eierpunsch?«
»Ich krieg ‘n Glühwein mit Schuss!«
»Eierpunsch?«
»Ach, gib schon her!«

»Mama, ich will aufs Karussell!«
»Heute nicht, du warst erst gestern.«
»Ich will aber!«

»Habt ihr schon alle Geschenke?«
»Wir schenken uns sowieso nur Geld. Gibt sons’ immer nur Stress.«

»Hört ma, hier fragt einer, worum datt bei Weihnachten geht!«
»Datt ist doch mit den Nikkelaus. Wo krisse sons die Geschenke her?«
»Du bis’n Blödmann. Echt. Du checks’ auch garnix. Weihnachten is’ doch Jesus gestorben.«
»Echt? Wusst’ ich garnich.«

»Wer ist der Nächste?«
»Noch jemand ein Nutella-Crêpe?«

»Mensch, tun mir die Füße weh!«
»Wird auch Zeit, nach Hause. Gleich kommt Voice-of-Germany.«
»Reicht jetzt auch mit Weihnachtsmarkt.«

»Bis die Tage: Seid ihr Donnerstag auch wieder am Glühweinstand?«
»Jau, bis dann …«

Elfe Elli

Elli saß hinter einem Holzstapel, eingeklemmt zwischen dem Holz und einer großen Schneewehe. Sie zitterte und weinte bitterlich. Was sollte sie nur tun? Sie hatte heute einen so großen Unfug verbockt. Wenn die anderen Elfen merkten, was heute Nacht schiefgelaufen war, würde sie vor dem Rat der Oberelfen erscheinen müssen. Die Oberelfen würden über sie Gericht halten,  ihr das rote Elfenkleid und ihre grüne Elfenmütze wegnehmen. Anschließend würden sie ihr die spitzen Ohren rund schneiden, sodass sie wie Menschenohren aussahen und dann … dann würden sie sie aus dem Weihnachtsland verbannen. Ein heftiges Zittern überfiel den kleinen Elfenkörper. Elli zog sich die grüne Elfenmütze tief ins Gesicht und schluchzte herzerweichend.
Mit einem lauten Platsch landete etwas Schweres neben Elli in der Schneewehe. Das konnte nur Bert sein, ihr bester Freund. Bert liebte alles Süße und er roch wie eine Zuckerstange mit Zimtgeschmack. Bert und sie waren zusammen zur Elfenschule gegangen. Danach begann Bert eine Lehre bei den Postelfen und Elli lernte bei den Packelfen.
„Hallo Elli“, begann er aufgeregt. „Wie war deine Schicht? Oh, meine war cool. Endlich sind wir keine Lehrlingselfen mehr und können ordentlich arbeiten. Ich habe heute so einen riesigen Berg Wunschzettel in den Computer eingegeben. Das hat Spaß gemacht.“
Bert Stimme war voller Übermut. Elli konnte hören, wie begeistert Bert über seine Arbeit als Postelf war. Als Bert merkte, dass Elli nicht antwortete, verstummte er. Bert schaute erstaunt zu Elli.
„Elli, was ist los mit Dir?“, fragte er verwundert.
Elli war eine lustige Elfe, immer zu Scherzen aufgelegt. Ihr Lachen klang hell durch das Weihnachtsland. Wenn Elli stumm Berts Erzählungen zuhörte und ihn gar nicht aufzog, konnte das nur eins bedeuten.
„Elli, bist du krank?“
Eine kranke Elfe so kurz vor dem Weihnachtsfest war gar nicht gut.
„Wenn du krank bist, musst du zu den Heilerelfen.“
Mit einen Ruck zog Bert Elli die Mütze vom Gesicht und schaute erstaunt auf die verweinte Elli.
„Was ist passiert, Elli?“, fragte Bert alarmiert.
Elli schnappte sich ihre Mütze und zog sie sich bis zu ihrem Kinn. Dann nuschelte sie irgendwas Unverständliches.
Jetzt war Bert mehr als alarmiert. Er musste kurz mit Elli kämpfen, aber dann hatte er ihr die Mütze entwunden und schaute in ihre verweinten Augen.
„Elli, erzähle, was ist los!?“, fragte Bert und reichte Elli sein klebriges Taschentuch.
Elli pulte ein paar Schokostücken aus dem Tuch, bevor sie sich damit ihre kleine Elfennase putzte.
„Ach, Bert“, sagte Elli, mit Tränen in der Stimme. „Ich habe ein ganz großes Durcheinander angerichtet. Wenn die Oberelfen das merken, werde ich aus dem Weihnachtsland verbannt.“
Elli begann wieder bitterlich zu weinen und Bert nahm sie in seine Arme.
„Elli, komm, erzähl, was dir passiert ist. Ich kann dir bestimmt helfen.“ Tröstend klangen Berts Worte und in Elli glomm eine kleine Hoffnung auf. Sie schnäuzte in Berts Taschentuch und begann zu erzählen.
„Heute Nacht hat Förderband 14 gesponnen. Anstatt die Pakete zum Schlitten zu transportieren, wurden die Geschenke immer wieder ins Lager gebracht.“
Bert hatte eine große Zuckerstange aus seiner Jackentasche gezogen und nuckelte daran. Einladend hielt er sie Elli hin, doch die schüttelte den Kopf.
„Ja, das war toll. Ich konnte nicht weiterarbeiten und hatte Zeit in den Speisesaal zu flitzen.“ Bert strahlte. „Ich habe 5 Tassen Kakao mit Zimtgeschmack geschafft.“
„Ach, Bert,“seufzte Elli, „Du bist und bleibst ein Schleckermaul.“
Bert nickte und nuckelte weiter an seiner Zuckerstange.
„Na ja, wir mussten alle Bänder stoppen und Monika hat sich den Schlamassel angesehen. Als alles repariert war, hat sie mir ein Zeichen gegeben, damit ich die Bänder neu starte“, erzählte Elli weiter.
„Oh cool, Elli. Gleich in deiner ersten Schicht bekommst du eine solch verantwortungsvolle Aufgabe.“
Elli rannen die Tränen übers Gesicht. Ihr Kinn zitterte.
Schluchzend antwortet sie: „Ich habe die Ländercodes vertauscht. Die Geschenke für die Kinder aus Schweden landeten in den Schlitten für Deutschland, die Geschenke für Deutschland liegen jetzt in den Schlitten für Südafrika. Alle Geschenke sind in falschen Schlitten gelandet.“
Elli schlug sich die Hände vor das Gesicht und weinte bitterlich.
Berts Gesicht war ganz blass geworden. Der Weihnachtsmann hatte am Weihnachtstag viele Geschenke auszuliefern. Natürlich passten die nicht alle in einen Schlitten. Deshalb gab es überall auf der Erde Verstecke für die Schlitten. Immer, wenn ein Schlitten leer war, flog der Weihnachtsmann zum nächsten Versteck und wechselte den Schlitten. Wenn aber in den Schlitten nicht die richtigen Geschenke lagen … diese Katastrophe wollte Bert sich gar nicht vorstellen.
„Das ist übel”, sagte Bert.
Bert steckte die Zuckerstange in seine Jackentasche und schaute Elli ernst an.
„Das ist wirklich übel”, wiederholte er.
Elli nickte. „Sie werden mich zu den Menschen verbannen.“
Bert sprang auf. Das konnte er nicht zulassen. Seine beste Freundin, verbannt aus dem Weihnachtsland. Nein, das durfte nicht geschehen.
Er zerrte die weinende Elli hinter sich her in den großen Speisesaal. Fast alle Tische waren besetzt. Auf den Tischen lagen körbeweise Plätzchen, Zimtsterne und viele andere Nascherein. Vor den Elfen standen dampfende Tassen gefüllt mit Milch oder leckerem Kakao. Aber Bert hatte keinen Blick für die Köstlichkeiten.
An ihren Tisch saßen Fionna und Nils beim Frühstück. Erstaunt sahen sie auf Elli, die noch immer heftig schluchzte. Bert schob ihr einen Tasse Milch mit Honig hin und dann erzählte er den beiden, was Elli in ihrer Schicht passiert war. Fionna und Nils wurden immer blasser. Das war so übel.
Es gab einen furchtbar wichtigen Plan, nach dem der Weihnachtsmann die Geschenke verteilte. Wenn er in Deutschland war und die Geschenke für die Kinder waren nicht im Schlitten … Oh weh, das gäbe eine Katastrophe.
Fionna überlegte kurz. „Bert, du bleibst bei Elli. Nils, komm mit mir. Wir trommeln unsere Freunde zusammen.“
Sie schnappte Nils am Arm und zog ihn mit sich. Es dauerte nicht lange und immer mehr Elfen sammelten sich um Elli und Bert.
Zuletzt kam Vicky angerannt. Vicky gehörte zu den Koordinationselfen, sie stellten die optimalen Flugrouten für den Weihnachtsmann zusammen und waren für die ganzen organisatorischen Dinge zuständig.
„Ich habe Listen erstellt”, begann Vicky, „wo die Pakete jetzt sind und wo sie hingehören.“
Sie winkte mit den vielen Listen, die sie in der Hand hatte.
„Wir bilden jetzt Teams und dann werden die Pakete in die richtigen Schlitten umgeräumt.“
Schnell hatte Vicky die Elfen zu Teams zusammengestellt und ihnen ihre Liste in die Hand gedrückt. Die Elfen gingen los, um die Pakete in die richtigen Schlitten zu räumen. Sie brauchten fast den ganzen Tag dazu. Am späten Nachmittag legte Elli das letzte Paket an seinen Platz. Erleichtert atmete sie auf. Bert, der mit ihr zusammengearbeitet hatte, war feuerrot im Gesicht und hatte seit mindestens einer Stunde keine Zuckerstangen mehr gegessen.
Erschöpft lehnte er sich an den Schlitten und sagte: „Elli, lass bloß die nächsten Tage deine Finger von den Ländercodes.“
„Das werde ich“, versprach sie.
Nach und nach kamen alle Elfen, die Elli geholfen hatten. Elli bedankte sich überschwänglich bei allen.
„Wir sind im Weihnachtsland. Da hilft man sich“, sagte Fionna. „Jetzt darfst du uns alle zu einer Tasse Kakao einladen.“
Elli nickte und sie gingen zusammen in den Speisesaal. Dort saßen sie zwischen den geschmückten Tannenbäumen, schlürften Kakao und aßen Plätzchen. Bert hatte wie immer eine Zuckerstange im Mund. Elli schaute zu ihren Freunden und war glücklich. Alle Pakete waren an ihrem Platz, die Kinder auf der Erde würden ihre Geschenke bekommen und sie durfte im Weihnachtsland bleiben. Freudestrahlend steckte sie sich eine Zuckerstange in den Mund und dachte: „Habe ich ein Glück, dass ich so viele liebe Freunde habe!“

In meinem Traum

Alle Menschen sind gleich viel wert. Jeder bekommt, was er zum Leben braucht. Wir werden geliebt dafür, dass es uns gibt, unabhängig von der Leistung, die wir erbringen. Jeder darf das tun, was er gerne macht und gut kann.

Nachdenklich schaue ich auf die Zeilen, die ich bisher geschrieben habe. Ich schiele auf das Blatt meiner Nachbarin Susa. Sie schreibt von einem Tag, den sie damit verbringt, so viel einzukaufen wie sie möchte. Das ist tatsächlich ein Traum. Ich frage mich, wie das früher wohl war, damals, als man einfach so einkaufen gehen konnte. Wir bekommen alles zugeteilt.

Es ist still im Raum. Alle schreiben eifrig. Herr Magus sitzt an seinem Pult und liest die Zeitung. Er hat das Thema so gestellt, das Abschreiben kaum möglich ist. So erspart er sich das Aufpassen und kann sich seinem Vergnügen widmen. Genau solche Themen mag ich nicht. Manchmal liest er nach dem Korrigieren aus den Aufsätzen vor, den guten sowie den schlechten und es gibt immer viel Gelächter und Getuschel.

Ich streiche alles, was ich bisher geschrieben habe durch.

In meinem Traum. Verflixt. Mir fallen einfach keine Träume ein, die ich aufschreiben könnte, ohne Gefahr zu laufen, ausgelacht zu werden. Wie viel Zeit ist wohl schon vergangen? Die Uhr an der Wand steht schon seit Monaten. Es gibt keine Batterien mehr.

Wir haben für diesen Aufsatz ein ganzes Blatt Papier bekommen. Das Papier ist neu, es können beide Seiten beschrieben werden. Das ist so, weil dieser Aufsatz in die Schülerakte kommt. Die Note, die ich in diesem Aufsatz bekomme, entscheidet mit darüber, ob ich weiter auf die Schule gehen darf oder in ein paar Monaten in der Fischfabrik stehen werde.

Mir wird plötzlich etwas klar. Es ist gar nicht so wichtig, einen guten Aufsatz zu schreiben. Viel wichtiger ist es, die passenden Träume zu haben. Ich träume sicherlich nicht davon, für den Rest meines Lebens Fische zu entgräten, aber ich will auch nicht weiterlernen dürfen, weil ich gut im Lügen bin.

Susa wendet gerade ihr Blatt. Herr Magus steht auf und geht durch die Reihen. Mir wird ganz heiß vor Angst. Doch er schaut nur über unsere Köpfe hinweg. Ob Herr Magus gerne Lehrer ist? Ich glaube nicht. Warum gehen mir gerade jetzt all diese Gedanken durch den Kopf? Wieso kann ich nicht einfach den Aufsatz schreiben?

Will ich lügen? Nein, will ich nicht. Ich will mich aber auch nicht dumm stellen müssen. Gerade beneide ich Susa.

Ich erinnere mich an Fräulein Dierksen, sie war meine Lehrerin in der Grundschule. Sie sagte einmal zu mir, ich wäre etwas ganz Besonderes und ich würde auch einen ganz besonderen Weg gehen. Was hat sie damit gemeint? Dass ich ganz besonders gut Fische verarbeiten würde, im Akkord, zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche?

Meine Entscheidung fällt. Ich muss mir mehr Zeit verschaffen und dazu muss ich lügen.

Nun fliegt meine Hand förmlich übers Papier. Als Herr Magus uns bittet, zum Ende zu kommen, habe ich auch die zweite Seite fast vollgeschrieben.

Mein letzter Satz lautet: In meinem Traum bleibt alles für immer so, wie es gerade ist. Denn unser System ist gut und gerecht. Ich bin sehr stolz ein Teil unserer Gemeinschaft zu sein und freue mich darauf, bald etwas zurückgeben zu dürfen für die Fürsorge, die ich erfahren habe.

Veränderung und Leben – von Saigel

Da kam es, das Gewitter. Heiß ersehnt schlug es auf uns nieder, überdeckte uns mit klarem, kühlen Nass, an dem wir uns labten und uns freuten. Zu lange schon hatten wir unsere Gesichter gen Himmel gestreckt, in der Hoffnung einen kleinen Tropfen Wasser abzubekommen. Tagelang hatten wir Durst gehabt, ja, manche von uns waren beinahe verdurstet. Die Hitze hatte sich über uns gelegt wie eine bleierne Schwere, die uns die Luft zum Atmen nahm. Dem Erstickungstod nahe, hatten manche von uns panisch versucht, sich dagegen zu wehren, sich abzuwenden, sich zu verkriechen, in die trockene Erde, die genauso nach Flüssigkeit verlangte wie wir selbst. Neben mir streckte die schönste von uns ihre Glieder, neigte sich immer weiter gen Boden, bis sie schließlich, erdrückt und erschöpft, den Kopf nicht mehr zu heben vermochte.
Dann zog sich der Himmel zusammen, große dunkle Wolkenmassen rollten aufeinander zu, kollidierten, brachen sich und bildeten neue Formationen. Ein tiefes Grollen erfüllte die Luft, Blitze erhellten die finstere Nacht. Dann kam der Regen und benetzte alles, was er finden konnte. Der heftige Wind führte ihn in Unterstände hinein, ließ Behälter überlaufen, ja, sogar manche von ihnen bersten. Das Unwetter verwüstete so manch menschliches Hab und Gut und keine menschliche Seele war mehr im Freien zu sehen. So plötzlich wie das Gewitter kam, so schnell hatten sich die Menschen in ihre Behausungen zurückgezogen, um dort auszuharren und die Gesichter dann und wann erwartungsvoll an die dicken Scheiben aus Glas zu drücken. Ein elektrisierter Lichtschein am schwarzen Nachthimmel erhellte ihre Augen, versetzte sie in Staunen. Die kleinen Kinder weinten und hatten Angst vor Mutter Naturs zorniger Seite.
Die Erde pulsierte. Jedwedes Kleingetier verschwand in seinem eigens gegrabenen Loch, schlüpfte tief hinein, um nicht den Tod in den großen Regenmassen zu finden. Wir spürten, wie sich die trockene Erde um uns herum belebte. Wie sie uns abgab von ihrer Energie, die uns durchströmte, wie die Elektrizität die Häuser der Menschen. Sie floss in uns hinein, ließ einen Teil dort, der hektisch zu zirkulieren begann, und nahm einen anderen Teil wieder mit, um die anderen auch davon kosten zu lassen. Peitschend umtoste uns das kühle Nass, zog an uns, riss an uns, und jene, die nicht gut verankert waren, flogen mit in die unendlichen Lüfte, aus denen es keine Rückkehr mehr gab. Wie grausam das nun auch klingen mag, so erschien uns selbst stets die Stagnation und das Leiden, dass mit ihr verbunden war, als weitaus grausamer. Der Wandel, die Veränderung, die so natürlich, so erwünscht und auch so verheerend sein konnte, sie war der Inbegriff des Lebens, des ewigen Prozesses, ohne den es nichts geben konnte.
Die ganze Nacht hindurch hielten wir dem Unwetter stand, zogen uns das heraus, was uns zum Vorteil gereichte, und hielten aus, was zu unserem Nachteil war. Danach ruhten wir und wuchsen, streckten uns, ließen den Genuss der neuen Kraft seine Wirkung zeigen. Am nächsten Morgen, als mir die abgekühlte Luft durch die Blüte strich, reckte ich mich nach oben und sah umher. Jede von uns war noch tausendmal schöner als zuvor. Meine Nachbarin stand wieder fest neben mir und lächelte verzückt. Die Wiese erstrahlte in Gelb, Rot, Lila und sattem Grün. Die Sonne versprach uns wieder einen heißen Tag. Doch nun, nach dieser plötzlichen Überraschung, nach dem Ausbruch aus der Monotonie, machte ich mir darüber keine Sorgen mehr.


Cyborg – von Saigel

Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr wir uns befinden. Zu lange schon befahre ich die endlosen Straßen des Alls, die mich die Zeit vergessen lassen. Die Schwärze um mich herum hat mich anfangs zu erdrücken versucht, doch heute macht sie mir nichts mehr aus. Die Modifikation meines Augenlichts ist nun vollkommen abgeschlossen. Ich fühle mich wohl in meiner Welt in schwarz-weiß.

Das Raumschiff legt an einem neuen Hafen an. Ich höre die Schreie nur dumpf an meine Ohren klingen, da mein Gehör ebenfalls auf ausdrücklichen Wunsch heruntergeregelt wurde. Meine Hände aus Stahl fahren in die Haken, ziehen sie zur Seite und öffnen die Türen. Herein strömt eine unkenntliche Masse von Menschen, die erst wieder versiegt wenn ich meinen Griff löse. Unbarmherzig schnellen die Türen zurück, ohne Vorwarnung knallen sie ins Schloss, verschließen sich luftdicht und bereiten dem Menschenstrom ein jähes Ende. Abgetrennte Gliedmaßen beseitige ich nachdem ich die Menschen in ihre Quartiere eingewiesen habe. Das Weinen kann ich nicht mehr hören. Selbst die angstverzerrten Gesichter kann ich nicht richtig erkennen, da der Kontrast der Schatten, die die vielen Körper im grellen Licht werfen, die Nuancenfähigkeit meiner Augen übersteigt.

Ich begebe mich auf das Podest, das mich noch einen Meter größer macht und mich vollends über alle Köpfe erhebt. Von dort aus lotse ich mechanisch die Menschen aus dem Wirrwarr in ihre Kojen, wo sie angewiesen sind, auf ihre Injektionen zu warten. Die kleinen Menschen werden gesondert untergebracht, da ihre Injektionen anders zusammengesetzt sind als die der großen Menschen. Immer wieder winke ich welche von ihnen, die mir besonders alt erscheinen, auf die Brücke, wo sie sich der Altersanalyse unterziehen sollen. Sind sie über 140 Jahre alt, werden sie in den Mülltrakt geleitet, der sich kurz nach jedem Start ins All entleert.

Nachdem der letzte Mensch in seiner Koje verschwunden ist, lasse ich die Seniboter aus ihren Kapseln und programmiere die Injektionen. Als ich mir sicher bin, dass alle schlafen, starte ich den Flug.

Die Erde unter uns wird schnell kleiner. Das letzte Mal, als ich noch Farben erkennen konnte, war sie vollkommen braun. Der Wassermangel war schon seit Hunderten von Jahren vorherzusehen, dennoch hat er katastrophale Ausmaße angenommen, die nur schwer in den Griff zu kriegen sind. Die Linie, die ich ansteuere, beträgt 15 Lebensjahre in ein anderes Sonnensystem. Dort siedele ich in einer Kolonie für gewöhnlich die Menschen aus, die den Flug überlebt haben.

Routiniert mache ich mich auf den Weg in den Empfangsraum, wo ich mit einem Eimer Desinfektionssäure die Überreste der Menschen aufräume, die es nicht an Bord geschafft haben. Der Gestank von Müll und frischen Fäkalien liegt noch im Raum, doch ich nehme ihn nur leicht wahr, da mein Geruchsinn schon vor vielen Jahren angepasst worden ist. Ein perfekt ausgeklügeltes Lüftungssystem wird den Geruch von Tod und Angst innerhalb von einigen Tagen vollkommen aufgesaugt und gefiltert haben.

Träge schleppe ich mich durch die Gänge, inspiziere die Kojen, versichere mich, dass alle Atemmasken richtig aufliegen, jedes Gerät seinen lebenserhaltenden Dienst tut und die Türen fest verschlossen sind. Müdigkeit durchzieht mich, die ich zwar dann und wann spüren kann, die sich jedoch nur als Echo eines einstigen Bedürfnisses herausstellt.

Am Ende der letzten Reihe bleibe ich stehen. Blicke in die dunkle Koje, die meiner Rechnung zufolge besetzt sein müsste, sich jedoch als leer erweist. Eilig werfe ich einen Blick auf meinen transparenten Tabloiden, der sich sofort einschaltet und meine Gedanken liest. Die Rechnung bildet sich über einige Seiten ab mit dem eindeutigen Fazit darunter: „Alle Kojen sind besetzt“. Hätte ich noch die Möglichkeit dazu, meine Augenbrauen zu einem verwirrten Gesichtsausdruck zusammenzuziehen, hätte ich es getan. Suchend geht mein Blick in die Kojen um mich herum. Alles schläft nach Ordnung.

Plötzlich schaltet sich der Tabloid wieder ein, scannt die Kojen nach Personen und liefert mir: „Koje 4580 : zwei Personen“. Hastig mache ich mich auf den Weg zu 4580, fahre die Rollen unter meinen Sohlen aus, um mich schneller fortzubewegen.

Dann stehe ich da. Blicke auf das Bild von zwei Personen, eng ineinander verschlungen, beide flach atmend, an ein Gerät angeschlossen, friedlich schlummernd. Ich erinnere mich an vergangene Zeiten auf der Erde. An ein weißes Familienbett, das ich mir mit meinen Eltern und meinem Bruder teilte. Ich erinnere mich an Körperkontakt, an Wärme. Ich erinnere mich an …

Ohne zu zögern schalte ich das Gerät der Koje 4580 aus. Die Menschen darin erwachen nach ein paar Sekunden, drehen ihre Köpfe in meine Richtung. Ich öffne die Tür, hebe die waffenpräparierte Hand und feuere zwei Kugeln, sauber durch zwei Köpfe. Einen Augenblick bleibe ich stehen, die Erinnerungen vergehen. Dann hole ich die Desinfektionssäure.

Die Mauerblume


»… und was hältst du von Bea?«, fragte Claus in die Runde.
Die Jungen starrten ihn spöttisch an.
»Die findest du gut?«, fragte Lennart und schüttelte verständnislos den Kopf, »Die könntest du mir schenken und ich würde sie nicht wollen. Hast du dir die schon mal näher angesehen? Also, ein Bisschen muss so ‘n Weib schon hermachen, bevor sie mit mir gehen darf.«
Selbstgefällig blickte er in die Runde und fand in den Augen der anderen Jungen nur Zustimmung.
Tim beteiligte sich in der Regel an solchen Diskussionen nicht. Es reichte, dass er als Einziger aus der Gruppe bisher noch keine Freundin gehabt hatte. Lennart hatte damit keine Probleme. Er war ein hervorragender Sportler und der Schwarm der Mädchen, was er auch in vollen Zügen genoss. Er bestimmte die Regeln, und wenn ihm Eine besonders gut gefiel, durfte sie mit ihm zusammen am Wochenende in die Disco gehen. Bei den anderen Jungen war es nicht so extrem, aber auch sie hatten im Grunde nur zwei Themen bei ihren Gesprächen und Prahlereien: ihre heldenhaften Leistungen beim Fußball und ihre Erfolge bei Mädchen.
»Was ist eigentlich mit dir, Tim?«, fragte Lennart und grinste ihn spöttisch an.
Tim war in Gedanken versunken. »Was? Was meinst du?«
Die Gruppe lachte, was ihn ärgerte und was man ihm vermutlich auch ansah.
»Wie heißt denn deine Freundin?«, fragte Lennart, »Oder hast du etwa keine?«
Wieder lachten die Anderen.
»Ach, lass mich in Ruhe!«, rief Tim aggressiv und wandte sich ab.
»Wer soll den auch wollen?«, hörte er noch, während er wegging, »Der bringt doch überhaupt nichts, dieser Loser.«
Schallendes Gelächter war die Folge.
Tim ärgerte sich maßlos über diese Attacken Lennarts. Er verstand es nicht, warum er immer auf ihm herumhackte, wo er doch der »Mr. Nice Guy« der Stufe war. Nicht, dass er sich nichts aus Mädchen machen würde. Das war es nicht. Aber er war nicht gut im Sport, konnte überhaupt nicht tanzen, und wenn er morgens in den Spiegel schaute, sah er einen schmächtigen Jungen mit Pickeln im Gesicht. Das alles war nicht eben hilfreich. Hinzu kam, dass er einfach schüchtern war. Sprach ihn einmal eines der Mädchen an, die er nett fand, verschlug es ihm einfach die Sprache. Er konnte sich dafür hassen.
Tim vergrub sich deshalb lieber in seine Bücher und blieb auf seinem Zimmer. Das ersparte ihm diese erniedrigenden Szenen, die Lennart ihm ständig bescherte. Mit Einigen der Anderen käme er ja noch klar, doch nicht in der Gruppe – da war Lennart der Wortführer und uneingeschränkte Chef.
Tim verließ den Schulhof und machte sich auf den Weg nach Hause. Er war eben um die Ecke des Schulgebäudes gebogen, als er stehen blieb, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Keine zwanzig Meter vor ihm lief eine Gruppe Mädchen aus der Stufe unter seiner. Sie scherzten und gibbelten herum. Zum Glück waren sie so beschäftigt, dass sie ihn nicht bemerkten. Mitten unter ihnen war auch Laura. Sie war etwas ganz Besonderes. Für ihn war sie das hübscheste Mädchen der ganzen Schule. Ihre langen, blonden Haare hatten einen leichten Stich ins Rötliche und immer trug sie sie zu einem dicken Pferdeschwanz gebunden. Ihr Gesicht war von Sommersprossen übersät und immer hatte sie diesen offenen, ehrlichen Blick. Am Schönsten jedoch war es, wenn sie lachte. Sie hatte ein angenehmes, ansteckendes Lachen und sie lachte gern.
Natürlich hatte er sie immer nur von Weitem beobachtet – damit sie es nicht bemerkte. Er brachte es einfach nicht fertig, mit ihr zu sprechen. Immer, wenn er sie sah, wurden seine Hände schweißnass und ihm wurde heiß. Manchmal, wenn ihr Blick zufällig auf dem Schulhof in seine Richtung zeigte, spürte Tim, wie ihm die Röte regelrecht in die Wangen schoss. Ein Kollege hatte es kürzlich bemerkt und er konnte ihm gerade noch klarmachen, dass es mit seiner Pollenallergie zu tun hätte.
Die Mädchen waren inzwischen weit genug vor ihm, dass er gefahrlos hinter ihnen herlaufen konnte, ohne, dass sie ihn bemerken würden. Tim wusste, dass Laura sich gleich von den Anderen verabschieden würde, die den Bus in die Innenstadt nehmen mussten, während sie nur ein paar Straßen weiterlaufen musste. Sie wohnte nur etwa 500 m von der Wohnung seiner Eltern entfernt. Er würde also noch eine Weile hinter ihr herlaufen und sie aus der Ferne betrachten können, während sie vor ihm herlief. Er mochte es, ihr beim Laufen zuzusehen. Sie hatte so einen ganz besonderen Gang – nicht so affektiert, wie manche von den so genannten Freundinnen Lennarts, mit denen er immer so gern angab. Er verfolgte Laura noch, bis sie in die Straße abbog, in der sie wohnte. Tim redete sich ein, dass er sowieso denselben Weg hatte wie sie, doch, wenn er sich selbst gegenüber ehrlich war, hatte er einen kleinen Umweg gemacht.

Am nächsten Morgen versammelten sich die Schüler, wie üblich, auf dem Schulhof. Tim traf erst spät ein, da er sich nicht nach den Fahrplänen von Bussen richten musste und genau wusste, wann er von zu Hause loslaufen musste.
»Hey, da kommt unser Weiberheld!«, rief ihm Lennart schon von Weitem entgegen. Die anderen Jungen lachten hämisch. Tim wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Sagte er nichts und schluckte seinen Ärger nur hinunter, würden sie weitermachen, wenn er jetzt laut wurde, wäre es genauso. Er war für Lennart einfach das perfekte Opfer.
»Weiberheld! Ha ha ha …«
Eine Gruppe Mädchen kam vorüber und kicherte ebenfalls verhalten. Nur eine sah ihn nachdenklich an, während sie mit den Übrigen in Richtung des Haupteingangs lief. Es war Laura und Tim hatte das Gefühl, sie hätte mitten in ihn hineingesehen. Sofort färbten sich seine Wangen rot und er senkte den Blick. Erst als die Gruppe vorbei war, wagte er, ihnen hinterher zu schauen und sah gerade noch, wie Laura die Stufen zum Haupteingang emporstieg. Sie trug heute einen Jeansrock, der ihre Beine gut zur Geltung brachte. Dazu trug sie leichte Leinenschuhe, auf denen sie leichtfüßig die Stufen nahm. Für ihn war es eine Augenweide, sie einfach nur zu betrachten. Mehr war sowieso nicht drin, denn was sollte ein solches Mädchen mit einem Typen wie ihm?
Erst jetzt bekam er mit, dass die anderen Jungen ebenfalls in dieselbe Richtung blickten, wie er.
»Die ›Rote Zora‹ würde mich auch noch reizen«, verkündete Lennart soeben.
»Wie, mit der willst du gehen?«, fragte Kevin, ein Freund von Lennart.
»Na, was heißt ›mit ihr gehen‹? Aber mal in die Disco – ein bisschen rumknutschen und fummeln wäre doch ganz nett. Wenn du willst, kannst du sie ja hinterher haben.«
»Das wäre mir recht«, sagte Kevin und grinste anzüglich, »die ist schon richtig heiß.«
»In der Pause werde ich sie mal angraben«, meinte Lennart selbstgefällig. »Sie wird schon weichwerden.«
Tim glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. Dieses Arschloch hatte doch tatsächlich vor, Laura anzubaggern. Er glaubte, sein Herz müsste stehen bleiben. Er spürte, wie sich sein Atem beschleunigte. Das durfte doch nicht wahr sein! Lennart hatte bisher noch Jede rumgekriegt, wenn man seinen Worten glauben konnte.
Seine Gedanken wurden durch die Schulglocke unterbrochen, die alle Schüler zum Unterricht rief.
Die ersten beiden Unterrichtsstunden vergingen, ohne, dass Tim viel davon mitbekommen hätte. Immer wieder dachte er an Lennart, der seine Laura anmachen wollte. Seine Laura? Tim hatte noch nie wirklich mit ihr gesprochen. Er hatte es einfach nicht geschafft, sich nicht getraut. Und nun kam dieser Gigolo daher und wollte sich nur ein paar nette Stunden machen? Mit seiner Laura? Er nahm sich vor, in der Nähe zu bleiben – für alle Fälle.

Als das Pausenzeichen kam, stürzte Tim förmlich auf den Pausenhof. Es dauerte nicht lange und auch die Mädchen der Stufe unter seiner erschienen. Sie versammelten sich dort, wo sie meistens standen und sich unterhielten. Tim näherte sich ihnen, wobei er darauf achtete, niemanden direkt anzusehen. Als er schließlich doch aufsah und nach Laura Ausschau hielt, konnte er sie in der Gruppe nicht entdecken. Ratlos ließ er seinen Blick umherschweifen. Sie musste irgendwo sein. Sie war immer auf dem Pausenhof. Dann endlich entdeckte er sie ganz in der Nähe des Haupteingangs. Lennart stand bei ihr und redete mit ihr.
Tim ließ alle Vorsicht fahren und rannte zu ihnen hinüber, bis er hören konnte, was gesprochen wurde.
»Ich wollte dir nur mitteilen, dass du am Samstag etwas vorhast, Kleine«, sagte Lennart eben zu Laura, die ihn aus zusammengekniffenen Augen anblitzte.
»Ich … bin … nicht … deine Kleine!«, zischte sie ihn an. »Und meine Wochenenden plane ich immer noch selbst.«
Lennart lachte leise. »Hab dich nicht so, Laura. Du siehst doch richtig heiß aus. Da würdest du doch wirklich gut zu mir passen. Außerdem hatte ich noch nie eine Rote … Oder bist du etwa eine Lesbe?«
Laura war einen Moment sprachlos, dann zeigte sie auf ihre Stirn. »Kannst du lesen, was hier steht, Lennart Büchner? Da steht ›Verpiss dich du Arschloch‹! Und jetzt zieh Leine.«
Lennarts Lächeln fror ein. Eine Abfuhr hier in der Schule, vor allen seinen Kumpels war nicht das, was er jetzt akzeptieren wollte. Er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren.
»Ich hab es gern, wenn sich Frauen erst etwas sträuben«, sagte er. »Ich werde dir wohl erst zeigen müssen, was gut für dich ist.«
Er machte einen Schritt auf sie zu. Laura wich zurück.
»Lennart, ich meine es ernst«, sagte sie gefährlich ruhig. »Lass mich in Frieden und zieh Leine. Wenn du mich anfasst, bist du reif.«
»Reif?«, lachte Lennart, »Wenn hier jemand reif ist, dann bist du das, mein Engel. Du bist dermaßen reif für mich …«
Er trat noch einen Schritt näher.
Tim, der diesen Dialog die ganze Zeit über verfolgt hatte, war unschlüssig, was er tun sollte. Wie immer in solchen Situationen war die Pausenaufsicht nirgends zu sehen. Plötzlich traf er eine Entscheidung. Mit wenigen Sätzen war er bei den beiden und stellte sich zwischen sie.
Lennart war einen Moment verblüfft. »Was willst du Wicht denn, wenn Erwachsene sich unterhalten? Mach die Fliege, ich will mich mit meiner zukünftigen Freundin unterhalten.«
»Es reicht«, sagte Tim mit zitternder Stimme. »Lass Laura in Ruhe!«
»Tim, lass«, sagte Laura leise. »Er ist viel stärker als du.«
Tim atmete tief durch. Sie hatte ja recht und wahrscheinlich machte er einen Fehler.
»Nein!«, rief er, »Du lässt sie in Ruhe und machst hier die Fliege. Du fasst sie nicht an!«
Lennarts Verblüffung war verschwunden. Er fasste Tim am Kragen und schüttelte ihn.
»Dich lasse ich unter dem Arm verhungern, du Weiberheld.«
Er stockte einen Moment, dann lachte er laut los.
»Jetzt weiß ich, was hier los ist«, sagte er. »Du Blödmann bist in dieses Weib verknallt. Ausgerechnet eine Wurst wie du. Jetzt pass mal auf, wie ein Mann das regelt …«
Tim sah auf einmal nur noch rot und schlug mit seiner Faust zu. Er traf Lennart an der Augenbraue. Seine Hand schmerzte und ehe er sich versah, prügelte Lennart mit beiden Fäusten auf ihn ein.
»Weg, Tim!«, rief Laura mit einem Mal laut und zog ihn beiseite, sodass er sofort zu Boden stolperte. Lennart, der noch zu einem weiteren Schlag ausgeholt hatte, sah sich plötzlich einem äußerst wütenden Mädchen gegenüber, das seine Schlaghand griff und mit aller Kraft daran zog. Lennart verlor das Gleichgewicht. Laura verdrehte ihm den Arm und trat ihm unterhalb der Knie von hinten auf die Wade. Lennart klappte zusammen und stürzte zu Boden. Laura setzte sich auf seinen Rücken, Lennarts Arm hoch erhoben. Sein Gesicht klebte am Boden und er ächzte laut.
»Ich habe dir gesagt, du bist reif, du Großmaul«, sagte Laura im Plauderton. »Wenn du noch einmal Schwierigkeiten machst, breche ich dir den Arm. Hast du das verstanden?«
»Ja«, keuchte Lennart. »Ich habe verstanden. Lass meinen Arm los! Es tut weh!«
»Das soll auch wehtun«, sagte Laura. »Und komm mir nicht auf den Gedanken, dich an Tim zu rächen! Ich kann noch mehr als das hier.«
»Nein, nein, aber lass mich bitte los.«
Laura ließ von ihm ab und Lennart erhob sich. Man konnte deutlich sehen, dass er Tränen in den Augen hatte. Schnell war er verschwunden. Seine Freunde, die seine Niederlage mitbekommen hatten, sagten keinen Ton.
Laura hockte sich neben Tim auf den Boden.
»Ich danke dir, Tim«, sagte sie. »Das hättest du nicht tun müssen.«
»Doch«, sagte Tim und leckte sich etwas Blut von seiner Unterlippe, »Ich konnte nicht mit ansehen, wie er dich bedrängt hat, weil …«
»Weil?«, fragte Laura. »Weil du mich schon seit Wochen beobachtest? Weil du mich auf dem Heimweg verfolgst und weil du immer rot wirst, wenn ich dich ansehe?«
Die Hitze stieg Tim wieder in die Wangen. Eine weitere Demütigung vor allen Leuten – jetzt auch noch von Laura – würde er jetzt nicht ertragen. Er spürte die Blicke der gesamten Schülerschaft auf sich gerichtet. Sein Puls beschleunigte sich. Hätte er in diesem Moment einen Wunsch frei gehabt, er hätte sich an einen Ort, weit weg von hier, gewünscht. Doch er hatte diesen einen Wunsch nicht und Laura sah ihn forschend an. Diese Augen hielten seinen Blick einfach fest.
»… ich habe dich nicht … also ich wollte nie … Ich habe dich nicht verfolgt. Ich wohne doch auch …«
»Ja?«, fragte Laura auffordernd.
»Ich habe doch denselben Weg wie du.«
»Denselben Weg also«, sagte Laura mit ernstem Gesicht. In ihren Augen war kein Anzeichen von Spott zu erkennen. »Tim, wir wohnen nicht in derselben Straße. Du hast einen Umweg gemacht, oder etwa nicht?«
Tim fühlte sich, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Er erkannte, dass es keinen Zweck hatte, es weiter zu leugnen. Inzwischen hatten es sowieso alle mitbekommen.
»Ich wusste nicht, dass du es bemerkt hast«, sagte er resignierend. »Ich war doch so vorsichtig.«
Ein leichtes Lächeln stahl sich auf Lauras Lippen.
»Also hast du mich absichtlich verfolgt«, stellte sie fest. »Aber warum hast du es getan?«
Sie zögerte einen Moment, um ihm Gelegenheit zu geben, etwas zu sagen, doch er schwieg und kaute auf seiner Unterlippe.
»Vielleicht, weil du mich magst?«, fragte sie vorsichtig. Tim begann zu begreifen, dass sich dieses Gespräch in eine für ihn vollkommen unerwartete Richtung bewegte. Ihm wurde wieder heiß und sein Puls war bis in den Hals zu spüren. Sein Hals fühlte sich trocken an.
»Ja«, gab er leise zu.
»Ich hatte mich schon gefragt, wann du mich endlich einmal ansprechen würdest«, sagte sie.
»Ich?«, wunderte sich Tim.
»Ja, du«, sagte Laura lächelnd und angelte in ihrer Tasche nach einem Papiertaschentuch. »Du bist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen. Du warst ernster als die anderen Jungen und hast dich nicht an den Macho-Sprüchen der anderen beteiligt. Ich mag deine stille, zurückhaltende Art. Wie ich gehört habe, liest du viel. Das tue ich auch. Ich dachte allerdings nicht daran, dass du dich erst für mich prügeln müsstest, bevor wir uns unterhalten können.«
Sie begann, das Blut aus Tims Gesicht zu tupfen, was ihm unglaublich gut tat.
»Na, du wusstest dir aber durchaus gegen Lennart zu helfen«, meinte Tim.
Laura lachte leise. »Kampfsport. Manchmal ist er zu etwas gut. Ich mach das schon seit ein paar Jahren im Verein. Komm, wir gehen ins Gebäude. Du musst dir unbedingt das Gesicht waschen.«
Er erhob sich und zog Laura mit der Hand hoch. Sie standen ganz dicht voreinander. Tim konnte ihren Duft riechen. Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte:
»Laura, würdest du denn mit mir am Samstag etwas zusammen unternehmen?«
Sie strahlte ihn an und entblößte dabei eine Zahnspange, was Tim unglaublich süß fand.
»Sehr gern, Tim«, sagte sie. »Sehr gern unternehme ich etwas mit dir. Was hast du dir denn vorgestellt? Wollen wir zur Disco gehen?«
Tim druckste herum. »Ja … vielleicht …«
Laura machte ein enttäuschtes Gesicht. »Das klingt nicht begeistert.«
»Doch«, beeilte sich Tim zu sagen, »es ist nur … nur … Ich kann nicht tanzen.«
Laura starrte ihn einen Moment lang schweigend an, dann hellte sich ihre Miene auf. »Dann sind wir jetzt schon zwei. Richtig tanzen kann ich auch nicht. Aber das, was man dort tanzt, bekommen wir beide schon hin. Hauptsache wir tun es zusammen. Was denkst du?«
»Dann haben wir jetzt ein richtiges Date?«, fragte Tim, der es immer noch nicht glauben konnte, »Nur wir beide?«
Laura nickte heftig, wobei ihr Pferdeschwanz heftig wippte. »Ja, das haben wir.«
Tim blickte in die Runde. Etliche Mitschüler hatten sich seit dem Streit mit Lennart eingefunden und blickten neugierig zu den beiden herüber. Es war ihm egal. Lachend wandte er sich wieder zu Laura und nahm sie in in den Arm. Sie ließ es lachend geschehen und schmiegte sich an ihn.
Einige Schüler applaudierten. Sie bemerkten es nicht. Sie waren einfach glücklich. Erst als es zum Unterricht schellte, trennten sie sich wieder.
»Wie viele Stunden hast du heute?«, fragte Tim.
»Fünf«, antwortete Laura, »und du?«
»Auch fünf.«
»Dann können wir nachher gemeinsam nach Hause gehen, nicht wahr?«, fragte sie. »Und lass dir nicht einfallen, wieder in fünfzig Metern Abstand hinter mir herzuschleichen.«
»Nie wieder!«, sagte er lächelnd und gab ihr einen zaghaften Kuss auf die Wange. Mehr traute er sich vor all den Leuten doch nicht.
Er winkte ihr noch einmal zu, als sie in ihrer Klasse verschwand, dann ging auch er in seine Klasse, wo er an Lennart vorbeikam, der ihm nicht in die Augen sah. Tim fühlte sich großartig und beschwingt. Irgendwie kam er sich auf einmal größer vor – und nach der Schule würde er mit dem tollsten Mädchen der Schule nach Hause gehen.

Das Leben konnte so schön sein.

Sie soll Luna heißen

Nach einem gemütlichen Abendessen mit Kerzenschein laufen wir zurück ins Hotel. Die Straßen des kleinen Urlaubsortes sind hell beleuchtet, Kinder rennen um die kreuz und quer abgestellten Autos herum und ich fühle mich wie in einem Traum. Obwohl aus fast jedem Haus laute Musik herausdröhnt, höre ich auf einmal das Meer. Ein großes Schild mit einem roten Pfeil weist uns den Weg zum Strand. Ich ziehe Bernd hinter mir her.

„Lena, das ist um diese Zeit gefährlich. Wir sind hier in Brasilien, nicht in Deutschland. Du erinnerst dich, was uns der Reiseleiter gestern gesagt hat?“

 Ich lasse ihn reden und gehe weiter. Nach ein paar Sätzen gibt er seufzend auf und schüttelt den Kopf. Zärtlich drücke ich seine Hand. Ich weiß genau, was er nun denkt.

„Wofür habe ich denn einen Meister im Aikido geheiratet?“, frage ich ironisch und kuschle mich an ihn. Der Mond ist voll und wirft wunderschöne Reflexe auf die schäumenden Wellen. Wir laufen langsam an der Wasserlinie entlang und ich genieße den leichten Wind, den salzigen Geruch und die Leere. So schön ich unseren Urlaubsort auch finde, es ist hektisch, laut und voller Menschen und das stresst mich mehr, als ich gedacht hätte. Vielleicht liegt es auch daran, dass unsere hellblonden Haare hier selten zu sehen sind, und wir deshalb  mehr Aufsehen erregen als mir recht ist.

„So ist das eben mit uns Landeiern“, murmle ich leise vor mich hin.

Bernd zieht mich näher an sich heran und küsst mich. „Du wirst dich daran gewöhnen, wir sind ja erst angekommen“, flüstert er in mein Ohr.

Von irgendwoher kommen Geräusche. Ich höre Trommeln und Gesangsfetzen. Wir gehen um eine Düne herum und schauen direkt auf ein großes Feuer, um das etwa 30 Menschen tanzen.

„Lass uns umdrehen“, flüstert Bernd, doch ich bin verzaubert von diesem Anblick. Zwei Gestalten lösen sich aus dem Lichtkreis und kommen auf uns zu. Es sind Mädchen, fast noch Kinder. Sie fassen uns an den Händen und ziehen uns freundlich lächelnd in die Gruppe. Der Rhythmus der Trommeln ändert sich ständig und hat etwas Hypnotisches. Alles wird unwichtig. Meine Welt schrumpft auf ein Feuer, die Trommeln und das Stampfen vieler Füße. Irgendwann, nach Minuten – oder sind es Stunden – kann ich nicht mehr und lasse mich in den Sand fallen. Bernd legt sich neben mich. Er keucht vor Anstrengung und als sein Atem ruhiger wird, schläft er ein. Ich streichle ihm übers nassgeschwitzte Haar, kuschle mich an ihn und schließe die Augen. Die jungen Leute tanzen weiter. Ich fühle mich wohl und willkommen in dieser mir völlig fremden Gemeinschaft.

Viel später hört das Trommeln auf. Ich muss eingeschlafen sein. Als ich aufwache, dämmert es bereits. Bernd hat sich zur anderen Seite gedreht und mir ist kalt. Ich setze mich auf. In etwa 10 Meter Entfernung sitzt eine ältere Frau. Sie und ein alter Mann sind wohl die Begleitpersonen dieser Jugendgruppe und beide haben uns im Verlaufe des Abends immer mal wieder gemustert. Sie winkt mir. Ich stehe auf und setze mich neben sie. Sie spricht ein kindliches Englisch und ich verstehe sie gut.

„Wo kommt ihr her?“, fragt sie mich.

„Aus Deutschland.“

„Wo ist das?“

„In Europa“, antworte ich doch ich merke, dass ihr das auch nichts sagt.

„Wir kommen von der anderen Seite der Erde.“

„Wir leben am Amazonas, in den Wäldern. Manchmal sind wir hier, um uns unserer Wurzeln zu versichern. Wir kommen schließlich alle aus dem Meer.“

Ich nicke nachdenklich.

„Wenn wir feiern, laden wir gerne Fremde dazu ein. Damit wir nicht vergessen, dass es nicht nur unsere Art zu leben gibt und viele Wege zum Glück. Und ihr zwei seid glücklich.“

 Ich nicke abermals.

„Wir haben gemeinsam getanzt. Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir an euch denken werden.“ Nach einer Weile des Schweigens steht die Frau auf und geht.

Monate später bin ich alleine im Taxi unterwegs ins Krankenhaus. Unser erstes Kind meldet sich an und Bernd ist ausgerechnet heute nicht da. Ich bin ein wenig aufgeregt, aber alles in allem doch froh, dass es endlich so weit ist.

Die Geburt kostet mich viel Kraft, immer wieder rieche ich Feuer, was mich irritiert, und als das Kind endlich kommt, bin ich völlig erschöpft. Irgendetwas stimmt nicht. Die Hebamme legt mir das Kind nicht auf den Bauch, sie nimmt es hoch und geht mit ihm fort.

„Was ist los?“, flüstere ich, doch ich bin alleine. Heiße Tränen fließen mir über die Wangen.

Die Türe öffnet sich und eine junge Schwester kommt in den Raum. Sie ist sichtlich überfordert mit mir, doch ihr Mitgefühl tut mir gut. Sie wäscht mich und ich lasse mir apathisch alles gefallen. Ich bin völlig am Ende.

Nach ewig langen Minuten kommt die Hebamme mit dem Kind zurück und legt es mir in den Arm.

„Es tut mir leid, es sah so aus, als gäbe es ein Problem, aber es ist alles gut. Sie haben eine wunderschöne, gesunde Tochter“, sagt sie und streicht mir mitfühlend über das Haar.

Neugierig schiebe ich das Handtuch zur Seite und betrachte mein Kind. Das kleine Gesicht ist noch ganz verdrückt von der Geburt. Ihre Haare sind voll, lang und schwarz. Ihre Haut ist dunkel und die geschlossenen Augen sind seltsam geformt, fast asiatisch.

„Was ist mit ihr?“, frage ich irritiert. „Ist das wirklich mein Kind?“

Das Mädchen verzieht den Mund und gähnt. Sie öffnet die Lider und tiefschwarze Augen blicken mich an. Und plötzlich wird mir alles klar. Eine längst vergessene Stimme erklingt in meinem Kopf.

Früchte werden reifen, in und unter unseren Herzen. Und ihr werdet euch immer an uns erinnern, genauso, wie wir immer an euch denken werden.

Die unterschiedlichsten Gefühle beherrschen mich gleichzeitig. Unglaube, Angst, Stolz, Freude. Sie ist meine Tochter und doch trägt sie ein fremdes Erbe in sich. Und während ich hilflos zu lachen beginne, spüre ich, wie sie meinen kleinen Finger mit ihrer winzigen Hand umfasst.

Die Hebamme beobachtet mich aufmerksam. Was sie wohl denken mag? Vermutlich überlegt sie gerade, ob sie mir ein Beruhigungsmittel spritzen soll.

Tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Ob wohl heute Nacht irgendwo am Amazonas ein hellhäutiges Mädchen geboren wurde? Oder ein kleiner Junge mit blauen Augen?

„Sie soll Luna heißen“, presse ich immer noch haltlos lachend hervor.

Wozu Schreibspiele führen können: Eine Ein-Satz-Geschichte

Es war einmal eine hässliche, hirnlose Schmeißfliege. Sie lebte in einem weit entfernten Königreich im Schweinestall des Schlosses. Der Schweinehirt war unsterblich in sie verliebt. Immer, wenn ihm die Schmeißfliege um die Nase surrte, machte sein Herz einen Hüpfer vor Freude.

Und dann atmete er sie ein. Nun war sie noch näher bei seinem Herzen, das vor Wonne gegen seine Rippen trommelte.

Die Prinzessin beobachtete dies in rasender Eifersucht. Sie stürmte ihm rasend entgegen, stolperte aber über eine quiekende Sau. Obwohl sie es nicht wusste, rettete die Sau dem Hirten damit das Leben, denn so traf das Messer, das die Prinzessin ihm ins Herz rammen wollte, nur seinen Fuß. “Verdammter Scheißdreck!”, fluchte die Prinzessin.

Der Schweinehirte brach über ihr zusammen. Die Fliege summte immer noch durch seine Lunge und suchte nach dem Ausgang oder wenigstens einer Tasse Kaffee.

Die Prinzessin bekam unter der Last kaum Luft, freute sich jedoch über so viel Körperkontakt zu ihrem Angebeteten und drehte sich um, um die Lage zu ihren Gunsten auszunutzen.

Er erbrach die Fliege zwischen ihre zum Kuss gespitzten Lippen.

Sie verzog angeekelt das Gesicht und spuckte die Fliege in eine Ecke mit Schweinemist, hielt dabei aber ihren Liebsten mit kräftigem Griff an den Oberarmen fest.

Derweil gönnte die Sau sich seinen Fuß.

“Summ”, sagte die Fliege.

Die Augen der Prinzessin weiteten sich vor Erschrecken, als sie sah, was mit dem Fuß des Schweinehirten vor sich ging.

Der Fuß interessierte den Hirten aber kaum, schließlich hatte sich die Fliege gerade den Kopf gestoßen! Plötzlich musste er mitansehen, wie eine andere Fliege vorbeikam und beide Insekten sich heißblütig aufeinander stürzten.

Wie paralysiert starrte die Prinzessin auf den Fuß.

Wutentbrannt nahm der Hirte die auf dem Boden liegende Fliegenklatsche und erschlug die beiden brünstigen Schmeißfliegen.

“Ewald”, hauchte die Prinzessin entzückt.

Ewald drehte sich zu ihr um und sah, dass er ein Messer und ein Schwein in seinem Fuß stecken hatte. Ihr Atem roch nach frischem Kaffee. “Isolde.” Ewald musste sich jetzt zwischen Isolde und seinem Fuß entscheiden. Während er nachdachte, kam seine Sekretärin herein und fragte: “Möchtest du einen Kaffee?”

Das Messer nahm die Prinzessin wieder an sich.

Die Sekretärin wurde leichenblass und verließ wieder den Raum.

Fröhlich sprudelte das Blut aus Ewalds Fuß.

Im Büro des Schweinehirten wählte die Sekretärin den Notruf und sagte: “Isolde hier, bitte schicken Sie schnell einen Krankenwagen!”

ENDE.

Diese Geschichte haben wir erstellt, in dem wir zu dritt nacheinander jeweils einen Satz geschrieben haben. Wenn ihr Lust habt, sie fortzusetzen, könnt ihr das gleich hier in den Kommentaren tun! Aber bitte jeder nur einen Satz, danke. 🙂

Das braucht der Mensch – von Saigel

Der Mensch braucht Brot,

der Mensch braucht Spiele,

Spiele Brot und Spiele.

Der Mensch braucht Illusion,

der Mensch braucht Zeit.

Zeit, die er in seiner Illusion verschwenden kann und die unwiderruflich verloren, außerhalb des Traumes von anderen ohne sein Einvernehmen benutzt, nie wieder gewonnen, für immer verstrichen ist.

Die Gladiatoren rennen aufeinander zu, sie sind bewaffnet mit scharfen Klingen, sie schreien, rufen in die Menge und sich selbst den letzten Funken Mut aus ihren Körpern. Sie sind getrieben vom Überlebenswillen, der jede Hoffnung, mag sie auch noch so klein und unscheinbar sein, zu einem lodernden Feuer aufkeimen lässt. Sie preschen aufeinander zu, wie das Pferd, das kurze Zeit zuvor, seine treuen Dienste geleistet hat und nun laut röchelnd in der finsteren Ecke der Arena den Tod willkommen heißt, ohne das ein Zuschauer es auch nur eines Blickes würdigt.

Blut kocht im Sand, von Füßen, Hufen und Pfoten in alle Richtungen getragen, vermischt mit dem eines anderen toten Körpers, der sein Ableben klammheimlich bereits vollendet hat.

Der Tod schwebt über den Köpfen aller, facht die Sensationslust an, lässt die Geister erregt in einen Wahn verfallen, nach immer mehr und mehr zu lechzen, auszublenden, was da gerade geschieht, das Spiel in vollen Zügen zu genießen, das nicht das eigene Leben bedroht, sondern lediglich das der anderen.

Der anderen von weniger Wert. Diejenigen, die doch schließlich dazu auserkoren, ausgebildet wurden, gut trainiert, genährt, gehegt und gepflegt auf Kosten des braven Steuerzahlers, die finale Vorstellung so packend und reißend wie möglich zu gestalten und für das bezahlte Geld etwas zu bieten, das man nicht nur in völliger Manie, der alltäglichen Gefühlsbandbreite entfliehend, erleben, sondern auch alles andere voll und ganz vergessen soll: das Leben, das Geschehen, die eigene Frau bis hin zum eigenen Kind.

Sie rasen weiter, die beiden Kämpfer, denen nichts mehr anderes übrig bleibt, als sich gegenseitig abzuschlachten, der Menge Schmerz und Gräueltaten zu bieten, um ihre mittelmäßigen Leben zu erheben, sie bunter, blutiger, gewalt-iger zu machen.

„Ach Schatz, das ist doch nur ein Film“, sagt er, verdreht die Augen bei meinem Gesichtsausdruck, der seinem Freudentaumel so ganz und gar nicht entspricht.

Der Zuschauer in der Arena knabbert an Fleischstückchen auf kleinen Spießen, wirft sie in gespannter Erwartung immer wieder mit den Händen in die Luft. Er speit Bröckchen von bereits halb Zerkautem auf die Frau, die vor ihm ihr Kind auf die Schultern nimmt, das ihm die Sicht im alles entscheidenden Moment versperrt.

Ich sinke in mich zusammen, höre mein Herz schlagen, das Grauen schleicht mir in den Nacken. Neben mir raschelt die Chipstüte, eine Hand voll landet im Mund, eine Hand voll auf dem Schoß, ohne den Blick von dem Bildschirm abzuwenden, streicht er hastig die Krümel herunter, die knirschend auf den Boden fallen.

„Ich mag das nicht sehen“, wimmere ich, traue mich nicht hinzusehen, halte mir die Augen zu.

„Nur noch einen kurzen Moment, das muss ich noch sehen!“.

Zwei Hiebe, ein Kopf fliegt durch die Luft, die Menge schreit, der Gladiator steht da, baut sich auf, brüllt seine Wut hinaus, den Horror, den er gerade mit aller Macht zu bewältigen versucht. Die Begeisterung ist groß, die Zuschauer toben, ein lebloser Körper im Sand.

Blut.

„Wie langweilig. Man hat ja gar nichts gesehen.“

Ich male mir die Albträume aus, die ich heute Nacht haben werde, während er friedlich neben mir schnarcht, als hätten wir an diesem Abend nicht dasselbe gesehen.

Ein anderes Programm.

Versprochen ist versprochen.

Jetzt befinden wir uns im Krieg. Gewehre schießen, Bomben fallen, junge Männer sind Helden, kämpfen für irgendetwas, das ich nicht nachvollziehen kann, sie rennen los. Einer nach dem anderen durch die Bresche. Feuer. Schreie. Giftgas. Schreie.

Das Wohnzimmer ist gefüllt mit Leid und Schmerz und Angst. Neben mir knistert die Chipstüte.

„Ich mag das nicht sehen.“

Ein vorwurfsvoller Blick. Dann ein genervtes Stöhnen. Aber es folgt ein anderes Programm. Schließlich verbringen wir nicht oft einen Abend miteinander, da kann man auch mal einlenken. Gemeinsam sitzen wir schweigend vor dem Fernseher, sehen in das flimmernde Licht, erleben eine Geschichte, sprechen aber nicht darüber, denn sonst:

„Scht. Was hat der jetzt gesagt? Sei doch mal still!“

Ein schöner Abend gemeinsam zu zweit. Brot und Spiele, Spiele und Brot.

Das neue Programm läuft. Keine Schüsse, keine Waffen, ein kleines Kind schreiend im Auto, die Eltern streiten, dann kommt der Baum. Alle sind tot. Der Anfang einer wahren Geschichte. Das Kind leblos, so klein, mir kommen die Tränen.

„Das ist doch nur ein Film, Schatz.“

„Ich mag das nicht sehen.“

Ärgerliche Blicke, schnaubend zieht Luft an meinem Ohr vorbei.

„Na gut, einmal schalte ich noch um, aber dann reicht es mir.“

Das neue Programm, ich stehe auf.

„Ich gehe ins Bett“.

„Ja, schlaf gut, Schatz.“

Stille – endlich habe ich sie wieder.

Ein schöner Abend zu zweit in wunderbarer vollkommener Stille, die die Süße der sanften Stimmen, die Weite der Gespräche, das Lächeln der sich zugewandten Gesichter pur und rein auflodern lässt.

Das braucht der Mensch.

Lieblingssohn

»Komm, Schatz, iss noch etwas!«, Svenja schöpfte ihren Sohn noch eine Kelle Suppe auf den Teller. Dabei dachte sie: »Ich hätte etwas Besseres kochen sollen. Er ist so schrecklich dünn.« Dabei strich sie ihm liebevoll über den Arm.
»Ich bin so froh, dass du da bist.«
»Svenja, setz dich wieder hin. Eric ist alt genug, er kann sich selbst was zu Essen nehmen!«, erklang die genervte Stimme ihres Mannes. Svenja setzte sich zurück auf ihren Stuhl und warf Peter einen wütenden Blick zu.
»Schatz«, sprach sie ihren Sohn an, der unbeeindruckt von seiner Umgebung mit einer Hand am Handy herum spielte und mit der anderen die Suppe in sich hinein schaufelte. »Wir haben mit unseren Partnern gesprochen. Du kannst am Montag bei uns in der Kanzlei anfangen. So eine Art Praktikum, bezahlt natürlich.« Svenja lächelte ihren Sohn hoffnungsvoll an. »Wenn du dann im nächsten Jahr an die Uni gehst, hast du schon ein paar Vorkenntnisse. Ist das nicht wundervoll?«
Svenjas Stimme drohte vor Begeisterung zu kippen, vor ihren Augen konnte sie es förmlich sehen, ihr gut aussehender Sohn, der erfolgreiche Anwalt. Die Welt und vor allem die Frauen würden ihm zu Füßen liegen.
»Montag geht nicht«, nuschelte Eric, stand auf und verstaute sein Handy in der Hosentasche. Im Gehen sagte er: »Ich fahr Montag mit ein paar Kumpels nach Berlin. Da brauch ich noch ein bisschen Kohle.«
Polternd stürzte der Stuhl von Peter um, als dieser aufsprang und seinem Sohn hinterher brüllte: »Eric, komm sofort wieder zurück. Wir reden mit dir!«
Lässig lehnte sich Eric in den Türrahmen. »Ich hab keinen Bock auf so einen langweiligen Scheiß. Ich will etwas erleben und mich nicht zu Tode schuften.«
Svenja spürte, dass der brüchige Familienfrieden mal wieder kurz vor dem Zerbersten war. Beschwichtigend legte sie ihren Mann eine Hand auf die Schulter.
»Ein Jahr war ausgemacht, ein Jahr, in dem du machen konntest, was du wolltest!« Peters Stimme nahm einen gefährlichen Unterton an. »Wann war es vorbei, vor drei, vier Monaten? Wenn du weiter finanzielle Unterstützung von uns erwartest, wirst du etwas dafür tun müssen. Ansonsten dreh ich dir den Geldhahn zu. Dann kannst du zusehen, wie du deine Klamotten und den ganzen anderen Mist bezahlst. Wie rennst du eigentlich schon wieder rum? Hast du nichts Anständiges anzuziehen?«
»Ich kann ja mal in der Kanzlei vorbei kommen.« Erics Stimme klang nicht gerade überzeugend. »Aber diesen Montag nicht. Mum, ich nehm dein Auto.« Mit diesen Worten fiel die Tür hinter Eric zu.
»Weißt du Peter, das mit Berlin ist vielleicht gar keine so schlechte Idee«, versuchte Svenja die Situation zu retten. »Er braucht eh ein paar Anzüge, wenn er in der Kanzlei mitarbeitet. Ich geb ihn Geld mit, da kann er sich neu einkleiden.«
»Verdammt Svenja, wann begreifst du es endlich. Er wird das Geld verjubeln. Er ist ein Nichtsnutz, dein Sohn.«
Peter stampfte die Treppe hinauf. »Wag es ja nicht, ihn wieder meine Kreditkarte mitzugeben. Ich arbeite doch nicht nur, damit unser Herr Sohn unser gesamtes Geld verprasst.« Dann hörte Svenja die Bürotür scheppernd ins Schloss fallen.


Ein Klopfen riss Svenja aus ihren Gedanken. Isabel ihre Partnerin in der Kanzlei, kam zur Tür herein. Sie waren gute Freundinnen, kannten sich schon seit ihrer Studienzeit. Doch in den vier Wochen, seitdem Eric mit in der Kanzlei arbeitete, wurde ihre Freundschaft fast täglich auf eine harte Probe gestellt.
»Svenja, wir müssen reden.«
Nicht schon wieder, dachte Svenja und suchte nach einem Grund, um dieses Gespräch zu verhindern. Da hatte Isabel schon vor ihrem Schreibtisch Platz genommen.
»Was hat er schon wieder angestellt?«, fragte Svenja resigniert. Ständig beschwerten sich die anderen Mitarbeiter der Kanzlei über Eric. Na gut, mit dem Aufstehen hatte er es nicht so. Deshalb kam sie jetzt immer später zur Arbeit, damit sie ihren Sohn mit dem Auto mitnehmen konnte. Denn sonst war es passiert, dass er erst gegen Mittag oder gar nicht aufgetaucht war. Aber er war doch noch so jung, gerade mal 20, die anderen hatten überhaupt kein Verständnis. Und woher sollte er denn das alles wissen, was sie von ihm verlangten. Sie waren einfach nur ungerecht.
»Hast du gesehen, wie dein Sohn heute aussieht?«, fragte Isabel. »Hast du nicht letzte Woche erzählt, dass du ihm Geld für einen Anzug gegeben hast?«
Svenja zuckte zusammen. Weder mit dem Geld von letzter Woche, noch mit dem aus der Woche davor, hatte er sich etwas Vernünftiges zu Anziehen gekauft. Auch nicht in Berlin. Fragte sie ihn, was mit dem Geld passiert war, zuckte er nur mit den Schultern und sagte: »Weg.«
»Wie immer. Warum?«
»Du weißt, ich bin nicht spießig und ich habe ganz bestimmt nichts gegen Jeans und T-Shirt. Aber Eric sieht aus, als wenn er seine Sachen vom Müll hat. Heute hatte der Chef der Brauerei seinen Termin bei mir. Der hat Eric in der Küche Kaffee trinken sehen. Der dachte, wir verköstigen hier einen Obdachlosen. Svenja, so geht das nicht weiter.« Isabel redete sich immer mehr in Rage. Svenja wollte sie stoppen, denn sie wollte es nicht hören, konnte die ewigen Vorwürfe nicht mehr ertragen, nicht von Isabel oder ihrem Mann oder sonst wem.
»Du musst endlich aufwachen, dein Sohn ist nicht nur faul und verantwortungslos. Er hat auch ein Alkoholproblem, wenn nicht sogar ein Drogenproblem.«
Svenja versuchte sie zu unterbrechen, doch Isabel redete einfach weiter. »Gestern sollte er eine Akte zu Martin bringen. Dort ist sie nie angekommen. Wir haben sie dann unten im Café gefunden, wo Eric sie liegenlassen hat. Nachdem er sich keine Ahnung wie viele Drinks genehmigt hat und einfach verschwunden ist, ohne zu bezahlen. Du kannst froh sein, dass der Wirt uns so gut kennt. Sonst hätte dein feiner Sohn jetzt eine Anzeige wegen Zechprellerei am Hals.«
»Isabel, das ist bestimmt alles ein Missverständnis. Ich rede mit ihn, wir müssen ihm eine Chance geben. Er ist es nicht gewohnt zu arbeiten aber er wird sich daran gewöhnen. Er ist doch ein guter Junge und so intelligent.«
»Svenja, du verstehst es einfach nicht. Dein Sohn ist nicht länger tragbar für diese Kanzlei. Roland redet gerade mit ihm. Er hat ab sofort hier Hausverbot.«
»Hausverbot?« Svenjas Stimme drohte sich vor Panik zu überschlagen. »Ist das nicht etwas übertrieben? Was habt ihr nur alle gegen den Jungen?«
Isabel umrundete den Schreibtisch und lehnte sich vor Svenja an den Tisch.
»Ist dir aufgefallen, dass unsere Kaffeekasse in letzter Zeit ständig leer ist und dass viele Dinge hier einfach verschwinden und nirgendwo wieder auftauchen?«
Svenja schnappte nach Luft, diese Anschuldigungen waren einfach ungeheuerlich.
Isabel stand auf und ging zur Tür. »Am besten du gehst nach Hause und beruhigst dich erst einmal. Und sag jetzt nicht, er war es nicht. Du selbst hast mir erzählt, dass bei euch zu Hause einige deiner Schmuckstücke verschwunden sind.«


Wie in Trance ging Svenja nach Hause. Ihr Auto hatte nicht mehr auf dem Parkplatz gestanden. Sicher war Eric damit nach Hause gefahren, nachdem Roland ihn des Hauses verwiesen hatte. Sie musste dringend mit ihren Mann über Rolands Verhalten reden. Das konnten sie sich nicht gefallen lassen.
Peter saß mit einen Glas Whiskey in der Hand auf der Terrasse.
»Ist das nicht ein bisschen zu früh?«, konnte sie sich nicht verkneifen.
Statt einer Antwort schenkte er das Glas wieder voll und hielt es ihr hin.
»Nimm, du wirst es brauchen!«, sagte er. Seine Stimme ging schleppend. Das konnte nicht sein erstes Glas gewesen sein.
Svenja betrat das Haus und wanderte langsam von Zimmer zu Zimmer. Die teuren Gemälde fehlten, genauso wie die Flachbildschirme, von den Computern hingen nur noch die Kabel auf den Schreibtischen. Im Schlafzimmer erblickte sie den leeren Tresor, in dem sie ihren wertvollen Schmuck und die Wertpapiere sicher verwahrt geglaubt hatte.
Unendlich müde trat sie auf die Terrasse. »Hast du schon die Polizei gerufen?«, fragte sie.
Peter sah sie mit einen eigentümlichen Blick an. »Und was bitteschön sollen wir dann sagen? Fangen Sie unseren missratenen Sohn wieder ein, weil er seine Eltern beklaut hat? Nein danke.«
Resigniert ließ sich Svenja auf den Stuhl neben ihren Mann sinken und nahm einen großen Schluck aus dem Whiskyglas, welches er ihr wortlos hinhielt.

Das Tetriskalb – eine ulkige Geschichte

Ein alter Afghane mit einem großen Salzstangenbeutel – er trug einen Lollipophut – erzählte mir eines Tages die Geschichte vom Tetriskalb.
Es war eine Zarenfrau, die in ihrem Zierfischteich eine Seerose bewunderte, als sie plötzlich ein Tintenalb befiel und sie von Anatolinens Nagetiergang träumte. Es waren keine Giraffen, sondern Nager in Elefantenblau. Sie rockten zu AH – ah! -, weil sie wohl zu oft in den USA gewesen waren. Es war niemand da, der die FW (Feuerwehr) zu Hilfe rufen konnte. So träumte die Zarenfrau nicht nur von der Berlinfee, sondern auch von einem Eiteralb, bis sie plötzlich den Westfalenruf vernahm und erwachte. Jemand, sie konnte es vom Teich aus nicht genau erkennen, betätigte sich mit Abfallklau und ergatterte ein Hanuta. Dabei waren diese extra von Rolltoren gesichert worden. Die nächsten Unkenrufe wurden aber ernst genommen, denn es tauchte wieder die Nagergang auf – diesmal in einem Giraffenhaufen. Ein lautes Seefahrtsamttatütata erscholl und bevor die Giraffen zum Ballsport in der Nähe des Elefantensees übergehen konnten, entfuhr der Zarenfrau ein Ulrikenfurz.
Zum Glück erschien die Erbsenmichaela und brachte sowohl ihren eigenen Teebeutel als auch Leseratteneis für sie beide mit.

Die beiden probierten auch den neuen Ulmentee, der von der hiesigen Urflora inspiriert war und aufgrund dubioser EU-Richtlinien auch eine Spur Blaukraut und Seife enthielt. Für die Erbsenmichaela schmeckte dies eher wie ein Ekelkuss, während die Zarenfrau vom Nachtgesang eines Gentleman schwärmte, als sie den Tee probierte. Der Cafébetreiber setzte sich zu ihnen an den Tisch und erzählte vom hiesigen Ackerbau und den Riesenkarren, die während der Ernte ein kilometerlanges Gespann bildeten. Sie flüchteten über die Straße, ohne den Nettobetrag zu bezahlen, was ihnen ein Ampelkurzschlussermöglichte. Da Erbsenmichaela wegen überraschendem Unterschenkelschmerz ins örtliche Lazarett musste, dieses aber durch den jährlichen Wettbewerb im EisensiebWeitwurf der tirolerNarren schwer beschädigt worden war, machten sie sich auf die Suche nach einer anderen Bleibe. Schließlich hatte die Zarenfrau die Idee, eine Alpenstraße zu suchen, um sich eines Ausguckdaches zu bedienen. Sie kletterten eine Leiter aus Stahl hoch und erschlugen dabei leider unwissentlich eine kleine Laus. Sie entdeckten die örtliche Sauna des kleinen Alpennests und besuchten sie umgehend. Leider bekam die Erbsenmichaela hier noch immer keine Ruhe, da ein Hyazinthara in seinem Zypressenholzkanu in der Sauna saß und alte Piratenlieder kreischte, die auch noch Schleichwerbung für EA (Electronic Arts) enthielten.

Obwohl Erbsenmichaela wirklich tierlieb war, konnte sie diese Unruhe nicht ertragen. Auch die Zarenfrau fand die Neigung des Papageien, pausenlos zu krächzen, gemein. Deshalb beschlossen sie, diesem Saustall von Sauna den Rückenzu kehren und sich auf den Weg über die Alpenstraße zu machen. Doch das war gar nicht so einfach. Weder Erbsenmichaela noch Zarenfrau hatte noch Geld im Ablagefach.
Unter der Dusche, wo niemand ihnen lauschen konnte, ersannen sie eine List: Sie würden den FCKW-Alarm auslösen und dann, wenn alle panisch ihre Genitalien in Handtücher hüllten, wollten sie zum Notausgang hinausschlüpfen.
In der Umkleidekabine begann die Zarenfrau, laut und ordentlich falsch zu singen, und während alle abgelenkt waren, huschte Erbsenmichaela zu dem großen, gelben Knopf und drückte ihn. Dann versteckte sie sich hinter einer Agave im Flur und wartete. Schließlich erschien die Zarenfrau, und gemeinsam öffneten sie die Fluchttür und rannten, was das Zeug hielt. Hinter ihnen erklang Geschrei, und die beiden hatten Angst, dass ihre Flucht in einer Untierhatz enden würde. Doch zum Glück konnten sie sich auf einem Bauernhof am Wegesrand verstecken. Der Eigentümer bekam es gar nicht mit, so sehr war er mit dem Zebrastallbau beschäftigt. Gerade saß er auf einem Heuballen und machte Brotzeit – leckeres Schwarzbrot, dick mit Sanella bestrichen, und dazu eine Sardinenbüchse.
Die beiden beobachteten den Bauern, und Erbsenmichaela wünschte sich weit weg, am liebsten nach Uganda. Aber wenn das so weiterging, würden sie es nicht mal bis in die Bretagne schaffen! Sie zupfte die Zarenfrau am Ärmel, und gemeinsam schlichen sie in das Haupthaus. Dort fanden sie einen Atlas.
“Prima, jetzt können wir nachsehen, wo wir langmüssen”, freute sich Erbsenmichaela. “Sonst kommen wir ja doch nicht vom Fleck und hängen auf Lebenszeit hier fest wie die Nesthocker.”
Sie prägten sich den Wanderroutenverlauf genau ein und brachen auf. Sie wanderten über Roggenfelder, deren Rispen sich in der Sonne wiegten, kamen an einem seltsamen Betonklotz vorbei, der einen noch seltsameren Aufbau auf dem Dach trug, und passierten einen weiteren Bauernhof, auf dem man sich offenbar dem Enziananbau verschrieben hatte.
“Na, sind wir nicht ein super Team?”, fragte die Zarenfrau voller Eigenlob.
“Und was für eins!”, bekräftigte Erbsenmichaela. “Wenn wir ankommen, dann gönnen wir uns ein großes Glas Cognac und eine teure Havanna.” Sie seufzte bei dem Gedanken an eine gute Zigarre.
Ihr Weg führte sie an einem kleinen Bergsee vorbei. Ein Steg führte ein Stück ins Wasser und mitten auf dem See schaukelte ein kleines Boot. Sie beschlossen zu rasten. Doch was war das? In der Mitte des Steges klebte eine eklige Pfütze Erbrochenes! Und als sie hinunterblickten, trieb da eine Gestalt im Wasser. Leblos!
Da begann das Wasser des Sees zu sprudeln, als ob es kochte. Etwas durchstieß die Wasseroberfläche, riesig, schleimig – schrecklicher als jedes mutierte Vieh aus einem Endzeitdrama. Es riss ein Maul voller spitzer Zähne auf, brüllte und schlug mit einem Tentakel nach ihnen.
Schreiend rannten die beiden weg, zurück in die Sauna, wo sie sich im heißen Dampf von ihrem Schrecken erholten.

ENDE.

Gelesen habt ihr eine Gemeinschaftsarbeit von zwei Kollegen aus dem Forum, oder besser Freunden, und mir. Jeder von uns hat einen Abschnitt geschrieben. Die kursiven Wörter waren vorgegeben, die sind aus einem Spiel (Gefüllte Kalbsbrust) entstanden, bei dem man zu einem gegebenen ersten und letzten Buchstaben ein verbindendes Wort finden musste. Wir spielen manchmal im Forenchat, aber meistens quatschen wir nur – es sei denn, wir machen ernste Textarbeit.

Wir haben noch andere Formen des gemeinsamen Schreibens, die im Forum gelebt werden. Neben Schreibspielen gibt es auch Rollenspiele und zur Zeit läuft ein Experiment mit einem Textdokument, das von allen beschrieben werden kann. Und zudem gibt es den geschützten Bereich für Romanautoren, die Schreibprojekte. Da schreibt zwar jeder an seinem eigenen Roman, aber man tauscht sich sehr intensiv aus und arbeitet so schon gewissermaßen gemeinsam am Projekt.

Oben ist unten – von Saigel

Der Himmel schimmerte golden im warmen Sonnenlicht, verteilte sich ausladend um mich herum, ließ mich verschwinden, schwang sich um meine Finger, um meine Hand und meinen Körper, der bis zur Hälfte ganz und gar darin eingetaucht, verschwunden war und unter dicken vergoldeten Wolken versteckt für das Auge unsichtbar blieb.

Berührte ich ihn, den Himmel, die allumfassende Unendlichkeit, so verschwamm er wie ein nasses Gemälde, das sich noch nicht gänzlich als Meisterwerk präsentierte, da die Farbe auf der Leinwand erst trocknen musste. Wartend auf das wertvolle Siegel, das einzig durch das Licht und die Wärme verliehen werden konnte, die sich in tausend Strahlen brachen um wieder neu zu entstehen, sich über seine bunten Bahnen zu rollen, so schnell, so eilig, als könnten sie lediglich einen winzig kleinen Augenblick mit uns teilen, bevor sie sich nach getaner Arbeit wieder in andere, ungekannte Sphären verabschieden mochten.

Lachend legte ich meinen Kopf in den Himmel, ließ die Arme und Hände darin verschwinden, flog davon, flog weit weg, so schnell wie das Licht um mich herum. Für einen Moment umfing mich das kühle Nass, schloss mich ein, trug mich fort in andere Realitäten, die nur mir gehörten und mich mitnehmen, auf dem Rücken der goldenen Sonnenstrahlen dahinreiten, mich Welten und Gedanken auf eigene Weise erkunden lassen. Neben mir flatterte ein Vogel, zog an mir vorüber, verschwand irgendwo am anderen Ufer, vergönnte mir meine Einsamkeit, meine Ruhe, meine Zufriedenheit in dem weiten Gemälde des Himmels, das dort unten so vergänglich, so wandelbar weder jemals trocknet noch den Blick auf einen kurzen Moment bis in alle Ewigkeit ermöglicht, sondern stets ein anderes Bild und den nächsten Augenblick widerspiegelt, der dann alsbald in der Gegenwart verschwimmt.

So fühlt sich das wohl an, denn ist der Unterschied nicht verschwindend gering, ist es nicht gar schiere menschliche Anmaßung und Weltenbildmalerei, das Fliegen so stark von dem Restlichen abzutrennen, das Fliegen zu einer Fantasie zu machen, die es nicht gibt, die nicht erfahren, nicht begangen werden kann?

Die Brise peitschte mir um die Nase, ließ sie kalt werden. Ich fühlte mich leicht, beinahe schwerelos, zog dahin wie ein Blatt im Wind, das fliegt oder schwebt oder fällt; eisige Gischt trieb Tropfen auf meine Haut, ließ sie erschauern, lebendig werden, die Elemente um mich herum spüren. Das Licht von oben trocknete mich, verschaffte mir im Gegenzug wohlige Wärme, bevor es wieder von dannen zog, während ich weiter dahinglitt, mich treiben ließ, vom Wasser, vom Wind, von den Wolken um mich herum.

Hier an diesem Punkt spürte ich weder oben noch unten, weder Leichtigkeit noch Schwere; ich sah weder Wasser noch Himmel; der Fisch an meinen Füßen konnte eben so gut ein Vogel,
die Wellen Lichtstrahlen,
die Gischt Regentropfen sein …
und die Brise, ja, die Brise, die ist dieselbe, ob hier oder dort.

Kniffelig

»Sie sind dran«, fordert meine Ergotherapeutin mich auf. Achso, schon wieder vergessen. Diese verdammten Konzentrationsstörungen. Ich schüttele den Würfelbecher. Drei Fünfen. Das ist schonmal gut. Könnte ein Kniffel werden. Ich bekomme eine Drei und eine Vier dazu.
»Na, wird das eine Straße?«, fragt sie.

Jetzt muss ich wieder überlegen. Ewig lang überlegen. Gebe ich zwei der Fünfen auf, muss ich von meiner Strategie, immer auf Kniffel zu pokern, abweichen. Das jetzt könnte ich ja auch gut als Dreierpasch nehmen. Aber dann habe ich in dieser Runde keine Chance mehr auf den Kniffel und die Fünfer habe ich ja auch noch offen.

»Nein«, sage ich und würfle erneut. Eine Eins und eine Sechs. Ist das jetzt besser oder schlechter? Ist egal, denn damit muss ich jetzt leben. Andere Leute würden nachrechnen, ob das nun oben mehr Punkte bringt oder unten. Ich entscheide das nach Gefühl. Drei Fünfer sind fünfzehn, das weiß ich. Mein Einmaleins ist lückenhaft, aber hier bin ich noch im sicheren Bereich. Ich schreibe das Ergebnis auf die Fünfer, auch wenn ich drei davon wenig finde.

Sie würfelt. Meine Gedanken schweifen ab und ich hadere mal wieder mit mir, mit meinem so schlecht gewordenen Gedächtnis. Ich bin unzufrieden. Früher war mehr Lametta. Als ich mir Namen noch merken konnte, einfach weil der Mensch mich begeistert hat und ich nicht mühsam Memorierungstechniken anwenden musste.

»Sie sind dran, Herr Anders.«

Schon wieder? Das war aber eine kurze Pause. Ich greife nach dem Becher und nehme mir vor, nun besser aufzupassen.

Ich bekomme vier Dreien und eine Eins. Natürlich habe ich die Dreien schon voll. Zwei erfolglose Versuche später setze ich sechzehn auf den Viererpasch. Normalerweise mache ich das nicht mit Dreien, aber ich hatte keine andere Wahl.

Ich gebe den Becher und die Würfel ab und achte nun genau darauf, was sie würfelt, und vor allem, wann sie das dritte Mal gewürfelt hat.

»Große Straße!«, freut sie sich.

Na, so hätte ich es auch so mitgekriegt, denke ich frustriert.

Mittlerweile habe ich den oberen Bereich voll. Normalerweise würde ich einen Taschenrechner benutzen, aber es ist ja der Sinn der Übung, dass ich im Kopf rechne. Um ein Schmierblatt mit Nebenrechnungen zu bekritzeln, bin ich zu eitel. Nicht mit zweistelligen Zahlen. Das kriege ich schon hin. Und ich weiß auch gar nicht, ob es ihr recht wäre und ich traue mich nicht, sie zu fragen. Mit dem oberen Bereich habe ich nie Probleme. Unten wird es haarig, da sind die Zahlen dreistellig. Und da guckt sie mir beim Rechnen zu. Das ist echt übel. Sie hat nämlich nicht die Geduld, abzuwarten, bis ich endlich ein Ergebnis präsentieren kann. Ich vergesse nämlich immer das Zwischenergebnis. Das, was ich vielleicht auf einem extra Schmierzettel die Eins im Sinn und all die anderen notieren könnte. Wenn ich nicht zu stolz wäre, diese Schwäche offen einzugestehen, wegen der ich hier in Behandlung bin: Konzentrationsschwäche. Und mit dieser Ungeduld führt sie mir deutlich vor Augen, wie unsäglich schlecht mein Gedächtnis geworden ist. Scheißtabletten.

Inzwischen habe ich mich auch daran gewöhnt, dass beim Lesen von Büchern alle drei oder vier Seiten meine Augen am Ende eines Abschnitts ankommen und ich überhaupt nichts davon weiß, was da geschrieben steht. Ich springe dann einfach nochmal an den Beginn des Absatzes, manchmal auch zwei oder drei Absätze weiter, nur zur Sicherheit. Papier ist ja geduldig. Ich mittlerweile auch.

 

Dieser Text ist entstanden im Rahmen unserer Schreibübung “Schreiben gegen die Zeit”, die wir sonntags veranstalten.

Geschichten aus dem wahren Leben und ganz persönlicher Erfahrung



Das war filmreif!

Ich denke diese Momente kennt jede und jeder. In denen man am liebsten alles was passiert wie einen Film im Gehirn abspeichern möchte. Um kein Detail zu vergessen und sich das immer wieder ansehen zu können.

Bei mir war das zum Beispiel so, als ich mit zwei Freundinnen nachts vor langer Zeit eine super illegale (nicht!) Sprühkreide-Aktion vor dem Haus des „Dorf-Nazis“ gestartet habe. Wir waren noch nicht ganz fertig mit unserem Kunstwerk, als der Dorfsheriff um die Ecke fuhr. Also haben wir uns so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht. Aber da er uns auf dem Weg nach Hause noch drei weitere Male begegnet ist, haben wir uns natürlich gleich Gedanken darüber gemacht, ob die Regierung wohl unsere Handys getrackt hat, als wir unseren Sprühkreide-Plan ausgeheckt haben. Arg dramatisch (und ernst gemeint) war das Ganze nicht, und wahrscheinlich war er auch nur zufällig dauernd in unserer Nähe. Wir haben uns damals aber dermaßen reingesteigert, dass es im Nachhinein einfach spannend und sehr lustig war.

Es gibt so viele solcher Situationen im Leben! Und die sind bereichernd. Natürlich, weil sie unser Leben ein Stück weit interessant und auf jeden Fall einmalig machen (und wir etwas zu erzählen haben). Aber auch weil das eine sehr einfache -weil wir nichts anderes tun müssen als Leben :D- und wichtige Inspirationsquelle ist.

Besondere, aber auch alltägliche Situationen als Inspiration

Ich habe etwas erlebt und davon inspiriert schreibe ich einen kreativen Text daraus. Zum Beispiel eine Szene, in der das von mir Erlebte die Handlung ist, oder ich spinne eine Kurzgeschichte daraus. Oder ich schreibe ein Gedicht, welches die Atmosphäre wiederspiegelt. Es gibt sehr viele Möglichkeiten, im Grunde sind einem da keine Grenzen gesetzt. Manchmal wird das so etwas wie ein kreativer Tagebucheintrag, manchmal sind es allein kleine Details, die man für das Schreiben gebrauchen kann.

Da gibt es die ganz besonderen Momente, die meist mit vielen Emotionen verbunden sind. Die von Anfang bis Ende interessant, spannend, tragisch, dramatisch, lustig, fröhlich, komisch usw. sind. Oder ganz kurze Augenblicke, fast unscheinbar, die uns auffallen und faszinieren. Oder eher banale alltägliche Situationen, die trotzdem interessant sind – schließlich haben unsere Charaktere ja auch einen Alltag zu bewältigen, oder wir wollen uns im Bereich der Poesie kreativ am Thema Alltag austoben.

Begegnungen mit Menschen als Inspiration

Wann immer ich auf Menschen treffe fasziniert mich, wie unterschiedlich sie sind. In ihrer Persönlichkeit, ihrem Denken, ihrer Art zu Leben.

Jeder Mensch hat seine eigene ganz individuelle Geschichte, die ihn zu dem Menschen macht, der er/sie ist.

Begegnungen mit Menschen können unglaublich inspirierend sein. Denn jeder Mensch hat ja seine eigenen Geschichten und Erfahrungen, sein eigenes Weltbild, seine eigene Meinung. Einfach seinen ganz einzigartigen Horizont. Wenn wir uns mit Menschen unterhalten, dann dringen wir ein Stück weit in den Horizont ein, lernen etwas dazu. Und geben natürlich auch ein wenig von unserem Horizont preis.

Wenn ich eine Kurzgeschichte oder einen Roman schreibe, dann kommen da (mehr oder weniger) viele verschiedene Charaktere vor. Auch sie haben alle ihren eigenen Horizont. Um die Charaktere möglichst differenziert gestalten zu können, brauche ich also viele verschiedene Ideen. Und zwar nicht nur dafür, wie die Person zum Zeitpunkt meiner Geschichte denkt und fühlt, sondern auch wie seine/ihre Kindheit und Jugend aussah, welche Folgen, Probleme, Stärken etc. das für die Gegenwart mit sich bringt. Also wie und warum er sich zu dem Menschen entwickelt hat, den ich in meinem Text darstelle. Und um zu verstehen warum Menschen wie ticken, müssen wir uns nicht unbedingt großartig mit Psychologie auskennen. Meistens reicht es, wenn wir lernen, Menschen denen wir begegnen zu verstehen, über sie zu lernen und das als Inspiration für uns zu nutzen.

Eigene Erfahrungen machen Texte authentisch

Ich kann nur glaubwürdig  darüber schreiben, wie mein Protagonist sich fühlt während er seine große Liebe trifft, wenn ich selbst einmal verliebt war. Zumindest kann ich nur dann wirklich ins Detail gehen und mehr schreiben als „Er hatte Schmetterlinge im Bauch und sie verdrehte ihm sofort den Kopf.“ . Und es sind eben gerade die Details, die einen Text gut und tiefsinnig machen.

Das machen persönliche Erfahrungen und Erlebnisse auch so wichtig, wenn es ums Schreiben geht. Ich habe mich lange gefragt, woher Autor*innen ihre Ideen nehmen und seit ich die Erfahrung gemacht habe, dass es viel im eigenen Leben gibt, was gut in eine Geschichte passen würde, gehe ich viel aufmerksamer durch die Welt und kann auch ein Stück weit dankbarer sein.
Wie oft habe ich mir gewünscht mit meinen Lieblingscharakteren den Platz tauschen zu können und ein Leben zu leben, wie es im Buche steht.  Aber mittlerweile ist es andersherum: Meine Charaktere erleben Dinge, die sich erlebt habe. Sie treffen Menschen, die mich persönlich faszinieren. Und meine Gedichte tragen Stimmungen, die ich gefühlt und kennen gelernt habe.

Klar, wenn ich eine Entführungsszene schreibe, dann kann ich nicht unbedingt meine Erfahrungen mit einfließen lassen, wenn ich noch nie entführt wurde, worüber ich sehr froh bin. Aber zum kleinen Teil eben doch: Ich hatte in meinem Leben mit Sicherheit schonmal Angst, kann also dieses Gefühl beschreiben, ich weiß, wie es in einem Auto riechen könnte etc.

Beim Schreiben kann man also nicht auf eigene Erfahrungen verzichten!

Nur eine Minute

»Nur noch eine Minute, Schatz.«

»Eine Minute?« Sie schwieg. Ich wandte mich wieder dem Bildschirm zu und tippte weiter. Nur diese Szene noch, ein letzter Absatz.

»Von wegen eine Minute!« Sie stampfte mit dem Fuß auf. In mir verschmolz ihr Tritt mit dem Trampeln der Pferde, deren Reiter aufeinanderzuhielten und ging dann im Tosen der Menge unter, als einer der Männer den anderen mit der Lanze nur knapp verfehlte.

Ein flüchtiger Blick auf mein Mädchen zeigte mir ihren Schmollmund und die verschränkten Arme. Die erdachte holde Jungfer, um die beide Ritter kämpften, schrie entsetzt auf, da sie um ihren Favoriten bangte.

»Du hast mich gar nicht lieb!« Der Film auf meiner inneren Leinwand erlosch augenblicklich, ich wirbelte herum und sah sie ernst an.

»Andrea, natürlich hab ich Dich lieb.« Ich breitete die Arme aus. Sie sah mich mit einem Stirnrunzeln an. Enttäuscht ließ ich die Arme sinken. »Warum glaubst Du, ich hätte Dich nicht lieb?«

Sie funkelte mich an für ein »Mama hat immer Zeit für mich« und blickte dann zu Boden.

Ich schloss meine Kleine in den Arm.

Ingo S. Anders

Ingo S. Anders

Euer Ingo

Die letzte Reise

Ich schlug die Augen auf. Wo war ich? Ein Blick an mir herab ließ mich stutzen. Wo waren die lahmen Beine, die Schmerzen, die mein schwacher Körper mir stets bereitet hatte? Ich bemerkte nichts dergleichen. Endlich, ich war frei. Unter meinen nackten Zehen spürte ich den Boden aus Stein, er war angenehm warm. Ich war schon einmal hier, fast zumindest, glaube ich. Doch hatte ich mich nie getraut zu sehen. Zu fühlen. Zu erkennen.

Ich drehte mich einmal um mich selbst und sah mich um.

Ich befand mich auf einem Balkon aus sandfarbenen Gestein.

Die Balustrade erschien mir aufwendig bearbeitet, mit kleinen Mustern aus ineinander verschlungenen Linien, die sich wie Flammen an den kleinen Säulen entlangzüngelten. Der Himmel hatte ein strahlendes dunkelblau angenommen und hohe Wolken türmten sich, bestrahlt vom letzten Licht einer untergehenden Sonne, zu wunderschönen roten Riesen bis in die Unendlichkeit des Horizonts empor. Das Flüstern einer leisen Briese drang in mein Ohr, erzählte mir vom Klang der Blätter, welche im Spiel des Windes wehten.

Ich bemerkte, dass der Balkon, auf welchem ich mich befand, zu einem riesigen, in den Stein geschlagenen Gebäude gehörte. Unter mir erstreckten sich ineinander verschlungene Säulengänge und Treppen, kleine Eingänge und Kavernen. Es musste Ewigkeiten gedauert haben das alles zu errichten.

Dazwischen ragten riesige Bäume mit schneeweißer Rinde und blutrotem Blätterdach in die Höhe. Ihre alten Wurzeln durchzogen den gesamten Stein und hauchten ihm Leben ein. Soweit mein Auge reichte, war der riesige Fels, der ein einziges unendlich großes Gebäude darstellte, umringt von einem endlosen Ozean. Die Farbe des Wassers hatte das dunkle Blau des Himmels angenommen, das Abendrot spiegelte sich darin und hinterließ diesem Ort ein Farbenspektakel. Sanft schlugen die Wellen der Brandung gegen den Fels. Wenn ich genau hinhörte, verband sich ihr Rauschen mit dem der Blätter und eine endlose Ruhe überkam mich. Ich schloss für einen Moment die Augen, um zu genießen. So fühlte sich Freiheit an.

Plötzlich hielt ich inne. Da war eine Stimme. War ich nicht alleine, an diesem wundersamen Ort? Sie schien nach mir zu rufen, mit einer spielerischen Melodie. Ich kannte diese Stimme. Doch woher? Ich beschloss, ihr zu folgen und stieg eine Treppe hinab, die vom Balkon ausging. Je weiter ich kam, desto genauer konnte ich die Stimme hören. Ihr Lied war wunderschön und doch gleichzeitig so tieftraurig. Ich wollte lachen und weinen, zur selben Zeit, ich war so unendlich glücklich und doch zerriss es mir das Herz. Ich passierte die knorrigen Bäume und bestaunte ihre Blätterkronen, spazierte durch einen Säulengang, der zur linken Seite steil abfiel. Darunter spielten nur noch die Gezeiten mit dem nackten Fels. Gischt stieg zu mir empor, das Wasser prickelte angenehm warm auf der Haut. Je weiter ich voranschritt, desto stärker drang diese verlockende Melodie zu mir. Sie durchfuhr meinen Körper und ich spürte ein Kribbeln, an dem Platz wo mein Herz saß. Am Ende des Ganges führte mich eine Wendeltreppe hinab, ich stützte mich auf dem goldenen Geländer ab und nahm dabei gleich zwei Stufen auf einmal.

Ich fand mich auf einem lichtdurchfluteten Platz wieder. Er war kreisrund und aus demselben hellen Gestein gefertigt wie der Balkon. Darum herum befand sich nur noch die unendliche See. In einem kleineren Kreis darin befanden sich sieben Säulen, die alle in einem goldenen, spitz zulaufendem Dach mündeten.

Darin war eine Konstruktion, die ich nicht sofort erkannte.

Als ich näher darauf zu lief, wurde mir bewusst was es war. In dem Gebäude stand eine riesige Sanduhr. Sie war fest im Boden verankert, mit einem massiven Bronzering, von dem Krallen ausgingen, die das Glas in der Luft hielten. Als ich es erreicht hatte, stellte ich fest, dass der Sand darin schon durchgelaufen war und sich nur noch im unteren Teil des Stundenglases befand. Die Melodie war jetzt ganz nah, ich spürte es.

„Wer ist da?“, rief ich. Ich musste es einfach wissen.
Die Melodie verstummte.
„Du kennst das Lied“, raunte eine Stimme, die von überall hätte kommen können. Sie strahlte die herzlichste Wärme und die eisigste Kälte zugleich aus. „Es ist das Lied des Lebens, mit seinen Höhen und Tiefen. Das Leben kennt nicht nur eine Seite, es bringt dir immer die beiden.“
Plötzlich trat eine Gestalt hinter dem Stundenglas hervor. Es war eine wundersame Frau. Die eine Hälfte ihres Gesichts war wunderschön, mit einem strahlenden blauen Auge, das die Farbe des Meeres besaß und geschwungenen vollen Lippen, die ein Lächeln formten. Ihr langes braunes Haar schien wie ein Wasserfall über ihre Schultern zu fließen. Die andere Hälfte des Gesichts war von Warzen entstellt, ihr Auge war wässerig und leer. Ein dunkler Ring zeichnete sich darum ab. Die Lippen waren verschrumpelt und das Haar zerzaust und spröde. „Ich bin das Leben“, sagte die Frau. „Ich trage die schönste Blüte mit mir und die welksten Dornen.“
Ich war überrascht von dieser Gestalt, doch ich verstand, was sie mir sagen wollte.
Die Frau zeigte auf ein kleines Boot, das direkt vor dem Platz ankerte. „So wie ich einst zu dir kam, so werde ich dich nun verlassen“, erklärte sie. „Du bist am Ende deiner beschwerlichen Reise angekommen und darfst nun in diesen Gefilden den Rest der Zeit überdauern. Es ist das letzte Geschenk, das ich dir machen kann.“ Mit diesen Worten stieg sie in das Boot und löste das Tau. Ganz von selbst steuerte es auf den weiten Ozean hinaus und war bald nur noch ein winziger Fleck, der im Abendrot verschwand.
Ich wusste, was es bedeutete, doch ich trug keine Angst in mir. Meine Zeit war abgelaufen und ich durfte nun, an diesem wunderschönen Ort, meine letzte Ruhe genießen. Das Licht war angenehm warm, so wie der Wind, der durch mein Haar ging. Und ich war glücklich. Wunschlos glücklich.

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