Das blinzelnde Morgenlicht des aufkommenden Frühlings streckte seine wärmenden Fühler nach ihm aus und weckte ihn aus den Träumen der vergangenen Nacht. 
Gähnend wandte sich Yorrik unter den Fellen hervor und rieb sich den Schlaf aus den Augen. 
Der heutige Tag würde ihm eine Menge Arbeit bescheren, denn als Schiffsbaumeister oblag ihm die Verantwortung über Jarl Islavs Flotte. 
Dieser hatte ein weiteres Drachenboot in Auftrag gegeben, um den anstehenden Viking mit noch mehr Männern auszustatten. 
Doch Arbeit war Yorrik wahrlich willkommen, sicherte sie ihm und seiner Familie doch den Lebensunterhalt. Er schlüpfte aus dem Bett und hinein in seine Kleidung, ein dickes Wollhemd und ein Mantel darüber, dazu feste Stiefel aus Wildschweinleder. 
Astrithr und seine beiden Töchter, Svea und Maer begrüßten ihn am Esstisch, welcher mit Brot, Käse, Gemüse aus dem Garten und Aegirs gutem Fisch gedeckt war. Mehrere Kerzen und ein kleines Feuerchen in der eingelassenen Kochnische erfüllten den fensterlosen Raum mit ihrem flackernden Schein. 
»Vater, ich habe heute Nacht ein Alb getroffen!«, krähte die fünfjährige Svea, während sie mit ihrem dicken braunen Zopf herumspielte und ihn mit eisblauen Augen musterte.
»Dass das Kind immer solche Flausen im Kopf haben muss«, seufzte der Schiffsbaumeister, tätschelte seiner Tochter den Kopf und reichte ihr eine Schale mit Milch, die kurzerhand von der Kleinen verputzt wurde. 
Dann setzte er sich auf seinen Schemel.
»Ich will auch!«, meldete sich ihre große Schwester zu Wort und wedelte mit der leeren Schale herum. Mit ihrem blonden Haar und den braunen Knopfaugen bot Maer einen auffälligen Gegensatz zu ihrer Schwester, der Yorrik stets verblüffte, wenn er die beiden mit liebevollem Blick betrachtete. Sie sind beide so wunderschön, auf ihre ganz eigene Art.
»Nur die Ruhe, Kind. Wer Unrast säht, wird Eile ernten. Und mir schwebt da schon etwas vor«, kicherte er mit einem diebischen Blick auf die Tür, die in den kleinen Vorgarten führte. 
Das Unkraut dort galt es noch zu beseitigen. 
»Und du sagst, du hast wieder von ihr geträumt?«, erkundigte er sich dann interessiert. »Wenn das kein Zeichen der Götter ist!«, Yorrik lachte bellend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann griff er nach Brot und Käse und beförderte beides mit geräuschvollem Schmatzen in sich hinein. 
»Erschreck doch die Kinder nicht so. Nur weil sie noch an etwas glauben«, meckerte seine Frau mit tadelndem Finger. Astrithr nahm der Kleinen die Schale ab, bevor sie lautstark nach einem weiteren Nachschlag verlangen konnte, und brachte sie in den Zuber. 
»Sie waren da. Wie immer«, protestierte Svea und verschränkte trotzig die Arme. 
»Wer? Die Wassermänner? Die Waldgeister? Odin persönlich? Oder hat er dir nur seine Wölfe geschickt?«, witzelte Yorrik, nur um von einem liebevollen Klaps seiner Frau zum Schweigen angehalten zu werden. 
Den Kochlöffel in den Händen haltend, wuselte Astrithr um ihn herum, um den gedeckten Tisch abzuräumen. »Wenn du weiter so schlechte Witze von dir gibst, wird Thor dir noch einen Blitz schicken«, ermahnte sie ihn, nur um dann ihrer jüngsten Tochter einen Kuss auf die Stirn zu geben. »Hör nicht auf deinen Vater, Liebes. Du weißt, er mag es dir Unsinn zu erzählen. Er könnte glatt ein Skalde werden.«
Yorrik lachte schallend. »Davon haben wir einen zu viel. Du weißt, ich halte nichts von diesen Märchenerzählern. Und er windet sich förmlich um des Jarls Stiefel. Seit Islav seine geliebte Hagebutte verloren hat, ist er nicht mehr derselbe. Dasselbe könnte man vom Fischer meinen. Heh, ein Dorf voller Trauerschnepfen, die gemeinsam zur See fahren. Man soll ihr Geheule schon von weitem vernehmen können, klagen die Inselmänner mit schmerzenden Ohren. Das wäre doch mal eine gelungene Geschichte, über die es sich zu singen lohnt.«
»Und du baust diesen Schnepfen ein weiteres prachtvolles Drachenboot«, schmunzelte seine Frau und gab ihm einen Kuss. »Wenn das mal kein Zufall ist.«
Wieder musste Yorrik lachen. Er hatte seine Frau schon geliebt, bevor er überhaupt das erste Mal zur See gefahren war. Und seitdem waren schon einige Jahre ins Land gegangen, ohne dass sich etwas daran geändert hatte. Wer konnte ihn an düsteren Tagen zum Lachen bringen, wenn nicht sie? Wer konnte tiefer in seine Seele schauen als sie? 
Astrithr war das Beste, was ihm je widerfahren war und er würde sie bis in die Ewigkeit als seine Frau ehren.

Als es an der Zeit war, erhob er sich aus seinem Schemel und griff nach der großen Axt, die ihn seit jeher in den düsteren Wald begleitete. 
Yorrik befand es immer schon als die oberste Pflicht eines jeden Bootsbauers, die Stämme, die später das Boot bilden sollten, selber auszuwählen und zu fällen. Nur in harter Arbeit fand sich ein so schnelles und wendiges Schiff wieder und er würde den Jarl auch dieses Mal nicht enttäuschen. Er verabschiedete sich von seiner Familie und setze einen ersten Schritt nach draußen.

Auch wenn der Frühling vor der Tür stand und der Schnee schon geschmolzen war, so blieb es dennoch zunächst angenehm frisch draußen und feuchte Atemwolken waberten aus seinem Mund. 
Der blaue Himmel schien heute unbedeckt zu sein, ein klarer und doch kalter Tag kündigte sich an. 
Die Axt in festen Händen, stampfte Yorrik durch das Dorf. Der winzige Markt in dessen Mitte, mit einer Handvoll verwaisten Ständen, schien zu dieser Tageszeit noch wie leergefegt und so behinderte niemand den Schiffsbaumeister auf seinem Weg in den nahgelegenen Wald. 

Doch als er Aegirs Haus passierte, das etwas abgelegen lag, vernahm er plötzlich Stimmen, die wüst miteinander zu schimpfen schienen
»Du kannst ja wieder zu Knutson gehen und ihm die Zunge in den Hals stecken!«, fluchte eine Männerstimme, die nur dem betagten Fischer gehören konnte.
»Und vielleicht mache ich das auch, wenn du nicht endlich aufhörst zu heulen wie ein Kleinkind. Was ist mit meinem Mann geschehen, den ich liebte, dem Reisen, dem Felsen in der tosenden Brandung, dem selbst die Götter ihren Respekt zollten?«, zeterte eine Frauenstimme, die demnach Ylvie gehören musste.
Yorrik horchte gespannt. Er wusste, dass ihn derlei Scherereien nichts angingen, aber auch er hatte mitbekommen, was während des Banketts vorgefallen war und so war seine Neugier geweckt. 
»Er fischt und sorgt sich um seine Familie«, knurrte Aegir wütend. 
»Mit einer Handvoll Krebsen am Tag? Und etwas Dorsch für die Nachbarn? Sieh dir meinen Mantel an, er fällt bereits in sich zusammen. Soll ich frieren, wenn der nächste Winter kommt?«
Yorrik presste sich dicht an die Hauswand, damit die beiden Streithähne ihn nicht bemerkten, dann spitzte er wieder die Ohren.
»Nein…«, begann Aegir zu erklären, doch seine Frau schnitt ihm das Wort ab.
»Du hast die Wahl. Knutson wird sehr wohl für mich sorgen und du weißt, wenn ich meinen Vater nur genug anflehe, wird er unser Bündnis auflösen. Islav ist vielleicht ein alter Mann, aber seiner Tochter wird er nichts abschlagen.«
»Ylvie, tu das nicht. Ich kann das einfach nicht…«, in Aegirs Stimme schwang nun die Verzweiflung mit.
Irgendwie tat er Yorrik Leid. Was nur mit ihm los ist? 
»Du hast die Wahl. Es liegt allein an dir und bleibt deine Entscheidung. Nur triff sie endlich!«, die Tür wurde aufgerissen und jemand trat heraus. 
Schnell machte sich Yorrik daran, unbemerkt zu verschwinden. 

Erst als der Wald vor ihm auftauchte, hörte er auf zu rennen. Schwer atmend hielt er inne, lauschte für eine Sekunde dem pochenden Schlagen seines eigenen Herzens. Du wirst zu alt für sowas.
Er richtete sich auf. Der Weg, der in den Wald führte, war von seinen Lehrlingen bereits mit kleineren Stämmen ausgelegt worden, damit ein größerer Baum schnellstmöglich durch den Wald transportiert werden konnte. 
Yorrik blickte für einen kurzen Moment in die aufgehende Sonne. Ihrem Stand nach zu urteilen, würden seine Jungs bald hier auftauchen. 
Aber bis dahin konnte er sich schon mal ein vielversprechendes Exemplar aussuchen und damit beginnen es zu fällen. 

Die kahlen Äste der Eichen räkelten sich ihm in ihrem uralten Schlaf entgegen, als er die ersten Schritte in den Wald trat, und bald hatten ihn die Stämme umzingelt, rückten immer dichter an ihn heran als würden sie seine Ankunft mit flüsternder Neugierde betrachten. 
Die Luft roch nach feuchter Erde und Laub und war erfüllt von dem morgendlichen Gezwitscher der Vögel. 
Noch hing der Morgentau auf den Gräsern und Farnen, die den Winter überdauert hatten, und spiegelte das frühe Sonnenlicht in tausenden leuchtenden Tränen aus durchsichtigem Kristall wieder. 
Das sanfte Plätschern eines Baches drang in Yorriks Ohr, während er einen schlanken Pfad einschlug, der ihn in den abgelegenen Fichtenhain führen würde. 
Das Holz dieser Bäume eignete sich hervorragend für den Schiffsbau, denn es war robust, aber auch formbar und dadurch wie geschaffen für die Planken, die längsschiff am großen Kiel angebracht wurden. 
Diesen hatten sie schon aus einer riesigen Eiche herausgeschlagen und er wartete im Dorf bereits sehnsüchtig auf seine Fertigstellung.

Das nunmehr eindringliche Rauschen des Baches holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Das kristallklare Wasser schlängelte sich vorbei an großen, moosbedeckten Felsen und ächzenden Baumstämmen, bis es sich schließlich, in einiger Entfernung, tosend ins Meer ergoss. 
Yorrik passierte eine kleine hölzerne Brücke, die über das plätschernde Nass führte, und bereits grün vom Moos war. 
Doch die Vertäuung war erst letzten Sommer ausgetauscht worden und somit stellte sie einen robusten Pfad über den Bach dar.

Nachdem er die Brücke überquert hatte, musste er nur noch die große Felswand hinter sich lassen, die urplötzlich auftauchte und den Wald teilte wie ein grauer Vorhang. 
Selbst bis in diesen tiefen Abschnitt des Forstes hatten seine Lehrlinge die dicken Äste gelegt, denn Yorrik wusste genau, wo es die besten Bäume gab und wie man sie bis zum Schiff transportierte. 
Und nur die besten Bäume wurden für seine Schiffe verwendet, so viel stand fest. 
Der massive Fels verschluckte urplötzlich das Sonnenlicht und der Pfad wurde zunehmend steiler und enger. Zu seiner Linken befand sich die Anhöhe, zu seiner Rechten fiel das Gelände steil ab. 
Dichter Farn wucherte aus dem Boden wie ein Teppich aus wallender grüner Seide, die sich im Spiel des Windes räkelte. Immer wieder ragten große Findlinge der aufgehenden Morgensonne entgegen, nur ihre Spitzen jedoch fingen etwas von dem warmen Licht ein. 
Und schlagartig wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, warum seine Arbeit ihn so sehr beflügelte. Es war dieser Ort, an den er immer wieder zurückkehren durfte, um etwas großartiges aus ihm zu erschaffen. 
Im Stillen dankte er dem Wald für seine großzügige Gabe, denn von den Asen hielt Yorrik nicht sonderlich viel. Kein Platz hatten sie in ihren Hallen, für diejenigen, die keine besungenen Heldentaten vollbrachten und ihre Willkür kannte keinerlei Grenzen. 
Es fiel ihm schwer, den Glauben seiner Frau zu tolerieren, doch er wusste genau, dass ihm ein zu großer Unmut über die Götter vermutlich Pech bescheren würde. 
Die Felswand fiel so urplötzlich wieder ab wie sie vor ihm aufgeragt war und nun war Yorrik fast an seinem Ziel angelangt. Vor ihm erstreckten sich die Wipfel der dicht an dicht stehenden Kiefern. 
Wenn er genau hinsah, konnte er erkennen, wie sie, in einiger Entfernung, die Sonne in zwielichtigen Strahlen hindurchließen, denn dort fiel das Gelände zu einer steilen Klippe ab, von wo aus man eine vorzügliche Aussicht über die Skiringssaler Bucht genießen konnte. 
Ein dumpfes Grollen riss ihn aus seiner Faszination. Entsetzt taumelte Yorrik einen Schritt rückwärts, erst dann bemerkte er die Felsbrocken, die sich aus ihrer Verankerung gelöst hatten und auf ihn zugeschossen kamen. 
Er spürte nur noch einen kreischenden Schmerz, als ein faustgroßer Stein seine Schläfe traf und er ohne eine weitere Regung zu Boden ging. 
Dann wurde alles schwarz.

Yorrik wusste nicht, wie lange er so dalag, regungslos schlief, nicht lebendig und doch nicht tot. Er öffnete blinzelnd die Augen, denn das Licht schien ihn förmlich zu durchdringen, so hell strahlte es durch die grünen Wipfel der riesigen Bäume, die sich raunend bewegten. 
Er erkannte die Adern der einzelnen Blätter, durch die das Leben pulsierte, sie spielten ihm ein gemeinsames Lied, das von Glückseligkeit zeugte. Und dann wurde er stutzig. 
Es war doch erst Frühling? Es müsste eigentlich bitterkalt sein und die Bäume karg! Er war in einem Teil des Waldes, den er nicht kannte. Wo waren die Fichten oder die Felswand, unter der er zu Boden gegangen war? Yorrik bemerkte nichts dergleichen. Nur die riesigen Bäume, deren dichtes grünes Blätterdach ihn bei weitem überragte.
Und die Wärme. Es war wohlig warm. Viel zu warm für diese Jahreszeit. 
Die Sonne schien problemlos zu ihm durchzudringen, ihre strahlende Berührung prickelte angenehm auf seiner Haut. 
Verdutzt rappelte sich der Schiffsbaumeister auf. 
Saftiger Farn spross aus dem Boden, verwandelte sich vor seinen Augen, und aus kleinen Winzlingen wuchs schlagartig ein dichtes Gebüsch, das die Bäume erklomm, sie umschlängelte wie ein riesiges Tier. 
Immer mehr Farne drangen aus dem Boden und schossen in die Höhe. 
Eine sanfte Stimme drang durch den Wald, formte eine Melodie, die Yorrik das Herz zerriss und es gleichzeitig in Wallung brachte. 
Er setzte vorsichtig den ersten Schritt, ungläubig darüber, was ihm gerade widerfuhr. Er traute seinen Augen nicht, dies musste ein Streich der Götter sein, die er doch stets geleugnet hatte. 
Bedacht darauf, keine der Pflanzen zu berühren, trat er vorwärts, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Die Melodie führte ihn ganz von alleine, immer tiefer in den Wald hinein. 
Die wuchernden Blätter streckten sich ihm entgegen, strichen über seine Haut als wollen sie ihn umarmen, ihn willkommen heißen. 
Mit offenem Mund wandelte Yorrik durch das dichte Gebüsch, dies musste wahrlich ein Zauber sein. Wo bin ich hier? Schlafe ich oder weile ich unter den Geistern meiner toten Ahnen?

Bevor er weiter darüber sinnieren konnte, vernahm Yorrik das Rauschen eines Wasserfalls. Bin ich wieder bei dem Bach angelangt?
Schnell wurde ihm klar, dass dem nicht so war. 
Vor ihm erstreckte sich eine Lichtung, in der sich ein kleiner Wasserfall durch schneeweißes Gestein arbeitete, um sich dann in einen kleinen Weiher zu ergießen. 
Unter dem rauschenden Wasser stand eine gedrungene Gestalt, die eine goldene Fiedel spielte. Der herzzerreißende Klang musste von dort stammen. 
Vorsichtig schlich sich der Schiffsbaumeister näher heran, bis er eine Stimme vernahm, die zu singen schien.

Durch Dunkelheit gebunden, von Götterhand erwählt,
Die großen Augen funkeln, verschleppt in ihre Welt.
Doch oh weh, auch dieses Mal die Kette bricht erneut.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, und fressen wird er euch!

Die Götter, sie verzweifeln und leisten einen Schwur.
Den Fenriswolf zu geißeln, und das mit einer Schnur.

Doch oh weh, auch dieses Mal, der Fen wittert Betrug.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da und fordert ein Tribut.

Die Götter sind verwegen, nur trauen tut sich Tyr.
Die Hand ins Maul zu legen, zu binden das Getier. 
Doch oh weh, auch dieses Mal, der Arm er reißt entzwei.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, bis Ragnar ist er frei.

Als das Männchen erkannte, dass sich jemand an seinem Weiher befand, verstummte es und beäugte den Neuankömmling mit neugierigen Augen, so klar wie die See an einem windstillen Tag, wobei es den Kopf leicht schief legte und seltsam lächelte. Ein Bart aus Algen wucherte in seinem grünlichen Gesicht und es konnte die Fiedel, trotz seiner Schwimmhäute an den Fingern, gar zu vortrefflich spielen. »Was haben wir denn da?«, fragte es mit froschigem Quaken. »Einen Zweifler?« Es schien den Kopf noch ein kleines Stückchen schiefer zu legen, wobei das Grinsen in seinem Gesicht sich im gleichen Maße ausbreitete. 
»Bist du… ein Wassermann?«, keuchte Yorrik atemlos. Das konnte doch nicht möglich sein. Solche Wesen gab es doch nur in Erzählungen. Oder etwa nicht?
Das Männchen watschelte mit seinen kleinen Beinen aus dem Wasserfall heraus und setzte sich auf einen nahgelegenen Fels. 
»Das bin ich. Und ich bin schrecklich hungrig«, erklärte es mit einem Seufzer. »Hast du nicht Lust mir ein Tischlein zu decken, mit Hammelfleisch, dass du einen Mond lang jeden siebten Tag aus dem Hause des Nachbarn stielst? Dafür zeige ich dir, wie man die Fiedel spielt, bis die Hände bluten und selbst Großmütterchens lahme Beine einen wilden Tanz anstimmen.« 
Yorrik wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte und stammelte eine Antwort.
»Dir das Singen beizubringen, wird eine harte Arbeit«, seufzte das Männchen kopfschüttelnd. »Aber sie wird getan. Hammelfleisch ist, was ich dafür brauche.«
Endlich erlangte Yorrik seine Sprache wieder. »Ich bin aber Schiffsbaumeister. Ich brauche das Singen nicht zu lernen. Dafür haben wir einen Skalden. Ich würde lieber erfahren, wo ich hier bin und was das Ganze soll. Ich muss ein Drachenboot fertigstellen und dafür muss ich Heim. Ich befürchte, ich habe mich verirrt.«
»Nicht mal eine einzige saftige Keule willst du mir bringen?«, der Wassermann schien ehrlich enttäuscht. 
Yorrik erwiderte nur mit einem fassungslosen Kopfschütteln. »Nun, nein, befürchte ich. Es sei denn, du kannst mich hier herausgeleiten.«
»Nein, nein, nein! Das kann ich nicht!«, zeterte das Männchen vehement. »Ich bin ein Mann der Kunst, ein Meister der Verse. Wenn du Hilfe brauchst, musst du schon zur Mutter des Waldes gehen.«
»Und wo finde ich die?«, allmählich tanzte ihm der Kleine auf der Nase herum.
»Na im Wald«, das Männchen kicherte spitzbübisch, dann zeigte es auf einen Baum. »Da biegst du rechts ab. Dann immer geradeaus, dann wieder rechts. Dann linksherum und wieder geradeaus, bis du angekommen bist. Verstanden?«
»Nicht im geringsten. Aber ich werde sie schon finden«, gestand der Schiffsbaumeister seufzend. Dann machte er sich auf den Weg.
»Warum habe ich dafür keine Keule verlangt?«, vernahm er noch das Grübeln des Wassermannes, während er sich wieder durch das Gebüsch arbeitete. 

Der Wald nahm ihn wieder vollständig für sich ein und es kam Yorrik wie eine Ewigkeit vor, während er ziellos durch ihn hindurchstreifte. 
Dunkelgrünes Moos bedeckte den Boden und jeder seiner Schritte erschien ihm plötzlich federleicht. Wenn es die Mutter des Waldes wirklich gab, so musste sie doch irgendwo hier zu finden sein? 
Er traute sich nicht zu rufen. Wer wusste schon, was dieser Wald noch alles beheimatete?

Dann erinnerte er sich wieder an die ersten Worte, die ihm der Wassermann zugerufen hatte. 
Ich… ein Zweifler? Vielleicht hätte ich Svea öfter zuhören sollen. Yorrik verfluchte seine Blindheit. 
Seine Frau trug eben mehr Weisheit in sich, als er es je gekonnt hätte. Und nun wurde er dank seiner Narretei von den Göttern verhöhnt, gefangen an diesem Ort, wo jeder seinen Schabernack mit ihm trieb, wie es ihm beliebte. 
Er trat, in düsteren Gedanken versunken und ohne es zu merken, auf einen Ast, der knackend entzweibrach. Yorrik fuhr stocksteif zusammen und blickte sich um. Sein Herz pochte eine wilde Melodie. 
Und dann wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, dass er nicht mehr alleine war.

Er befand sich abermals auf einer Lichtung, vor ihm ragte eine einzige riesige Eiche in den Himmel, ihr Stamm musste dicker sein als sein Haus in Skiringssal und das dichte Blätterdach erstreckte sich so hoch, dass es den Himmel zweifelsohne berühren musste. 
Der uralte Baum war durchzogen von Moos und dicken Efeuranken, auch hier wucherte der mystische Farn am Stamm entlang, welcher zudem mit Pilzen besetzt war, die in einem hellen orangen Licht erstrahlten. 
Dicke Wurzeln, breit wie sein ganzer Körper, stießen durch die Erde und traten an den unterschiedlichsten Stellen wieder aus ihr heraus. 
Leuchtende Käfer summten geschäftig über die Lichtung und fast urplötzlich verschwand die Sonne am Horizont und wich der beginnenden Abenddämmerung. 
Was Yorriks Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich zog, war eine Bewegung zu Füßen des Baumes. 
Eine Frau stand dort. Ihr Körper, aus Wurzeln, Farn und Moos gemacht, räkelte sich ihm entgegen. Grüne Augen, in denen eine unendliche Weisheit lag, durchdrangen ihn förmlich, tauchten ein, in die tiefsten Abgründe seiner Seele. Auf ihren roten Lippen lag ein wissendes Lächeln. Sie wusste, wer er war.
Der Schiffsbaumeister ging auf die Knie. »Die Mutter des Waldes«, keuchte er und verbeugte sich tief. Diese Erscheinung musste eine Gottheit sein und sie hatte sich ihm offenbart. »Es gibt sie wirklich«, eine Demut erfasste Yorrik, wie er sie noch nie verspürt hatte. »Meine Kleine hatte Recht.«
»Sei willkommen auf meiner Lichtung. Dies ist ein Ast des großen Yggdrasil, der unser aller Welten trägt«, sprach die Frau und deutete auf den riesigen Baum. Ihre Stimme war das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, die Tiefe der Wurzeln, die das Erdreich durchdrangen. »Dies sind meine Kinder«, sie weitete die moosbedeckten Arme aus und es schien Yorrik so, als würde der Wald plötzlich näher an sie heranrücken. 
»Verzeiht, ich wollte euch nicht stören«, stotterte der Schiffsbaumeister. Seine Handflächen verwandelten sich in morastige Tümpel und er zitterte am ganzen Körper. Diese Erscheinung war von einer Macht, die sein Verstand nicht begriff. 
»Dieser Ort obliegt meiner wachsamen Hand. Zeige deine Demut, wenn du ihn betrittst, dich von ihm labst. Nehme von ihm, wie es dir beliebt, doch lasse immer ein Zeichen deiner Dankbarkeit zurück. So verlangt es der Kreislauf des Lebens.«
»Ich verstehe, Herrin. Verzeiht mir, dass ich an euch gezweifelt habe«, wisperte Yorrik unterwürfig, während er seine Stirn in der feuchten Erde versenkte. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Erst der Wassermann, nun die Herrin des Waldes. Ich bin ein blinder Narr.
Nun musste die Dame lachen, ein Laut, so klar wie ein Bergkristall. Sie schritt anmutig auf ihn zu, machte dicht vor ihm Halt und legte ihm eine moosdurchwucherte Hand an die Wange. 
Ihre Berührung fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an, gar nicht so wie er sich das vorgestellt hätte.
»Sieh mich an«, hauchte die Moosfrau.
Er gehorchte ohne zu zögern. Für einen Moment blickte der Schiffsbaumeister in ihre Augen und ergab sich dem Gefühl, das ihn durchströmte. 
»Sag mir wer du bist«, forderte sie ihn auf. 
»Ich bin niemand, Herrin«, wieder senkte er sein Haupt, den es war nicht würdevoll genug, um ihrer göttlichen Schönheit entgegengestreckt zu werden.
Wieder lenkte sie seinen Blick auf sich, diesmal energischer. »Sag mir wer du bist!«, forderte sie erneut.
»Yo… Yorrik.«
»Wer?«, wiederholte sie ein letztes Mal.
»Yorrick. Yorrick!«, und dann war ihm klar, was sie wollte. Er schloss die Augen und lächelte. 

»Yorrick! Yorrick!«, klang es da wieder. Die Stimme war vertraut. »Meister Yorrick! Steht doch auf, Ihr blutet! So helft mir doch, faules Pack!«
Das ist Grundolf. Einer meiner Lehrlinge.
Blinzelnd öffnete er ein Auge. Das Licht überwältige ihn für einen Moment und ein kreischender Schmerz breitete sich zwischen seinen Schläfen aus. 
Um ihn herum standen fünf Männer versammelt, seine Lehrlinge, und blickten ihn mit sorgenschweren Gesichtern an. Als er sich an den Kopf fasste, spürte er Blut. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen und er fühlte Schwindel aufkommen.
»Meister, Ihr lagt ohnmächtig auf dem Boden. Sagt, was ist geschehen? Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.« 
Grummelnd ließ Yorrik sich auf die Beine helfen. »Das habe ich vermutlich auch«, murmelte er in sich hinein. 
Eines stand fest: Er würde seiner kleinen Svea jetzt einen Besuch abstatten und ihr etwas wichtiges erzählen.
»Ruht euch für heute aus, wir machen später weiter«, verkündete der Schiffsbaumeister. »Und bringt Feuerholz und Wein mit euch, wenn ihr morgen kommt, wir opfern Herdflamme und Gastfreundschaft an diesen Ort, der uns so fürsorglich ernährt, verstanden?« 
Er sah seinen Lehrlingen die Verwunderung an, niemand jedoch wagte es, dem Schiffsbaumeister zu widersprechen. Dann trat er lächelnd den Weg nach Hause an.