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Schlagwort: Mehrteilige Geschichte (Seite 1 von 5)

Der neunte Attentäter (2/2)

Der Premierminister ist da.

Sie formierten sich und gingen gemeinsam die Treppe zum Ausgang hinab. Johannes wollte den Lift nehmen, aber Flinn brachte ihn mit einem drohenden Blick davon ab. Drachengardisten nahmen traditionell keine technischen Hilfsmittel in Anspruch. Auch wenn die Zahl der Halbblute drastisch geschrumpft war und die meisten Gardisten mittlerweile Pistolen verwendeten, konnten sie immerhin auf andere Bequemlichkeiten verzichten.

Im Vorbeigehen erhaschte Finn einen Blick auf mehrere Gruppen Jugendlicher, die verschwörerisch auf ihn deuteten und dabei ihr Handy präsentierten. Vermutlich zirkulierte seine Stichflamme bereits in einer Compilation in sämtlichen sozialen Medien der Welt. Finn seufzte. In Asien war es zum Trend geworden, sich von einem Halbblut mit Feuer anniesen zu lassen. In Europa existierten nicht genug, um ihn auch hier zu etablieren.

Ich hoffe, es kommt nie soweit.

Sie erreichten den Ausgang und setzten ihre Atemmasken auf. Finn hasste die unbequemen Stoffstücke genauso, wie er sie liebte. Einerseits konnte er unter ihnen kaum atmen, andererseits beschützten sie seine Nase vor dem intensiven Schwefelgeruch am Flugplatz.

Außerhalb des Gebäudes reihten sich die Leibwächter nach Vorschrift auf und salutierten. Finns Herz schlug aufgeregt, als er seinen alten Freund wiedererkannte.

Der Premierminister der Hochrepublik Island räkelte sich müde auf dem warmen Asphalt. Zwischen seinen Schuppen drang Dampf hervor und seine massiven Klauen steckte er in die vorgesehenen Wasserrillen am Boden, um sich abzukühlen. Ein Lastwagen brachte bereits seine Flügelpfeife. Gungnir öffnete sein gewaltiges Maul und nahm einen vollen Zug. Rauch stob aus dem anderen Ende der Pfeife.

Finn stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den so entstehenden Luftzug. Markus und Johannes strauchelten.

„Ahhhhh!“, machte Gungnir und streckte seine Glieder. „Was fürrr ein Flug!“ Er hob seine monumentale Google-Brille an und entblößte zwei blinzelnde, scharlachrot glitzernde Augen. „Wie ich sehe, steht mein menschliches Empfangskomitee schon berrreit.“ Er lächelte, als er Finn erkannte. „Scheinbarrr bist du noch immerrrr nicht gewachsen.“

„Scheinbar hat sich dein Akzent noch immer nicht verflüchtigt“, erwiderte Finn reglos. Einen Moment lang starrten sie sich nur an. Die Luft knisterte vor Spannung. Markus und Johannes tauschten ängstliche Blicke.

Dann brach Gungnir in Gelächter aus. Vorsorglich nahm er einen tiefen Zug an seiner Pfeife. Bei solchen Ausbrüchen konnte ein Drache sonst leicht einen Feuerschwall emittieren.

„Jungchen, du hast dich nicht verändert.“ Gungnir beugte sich ein wenig tiefer herab. Die Dämpfe aus seinem Maul ließen die übrigen Leibwächter einen Schritt zurückweichen. Finn blieb, wo er war. Als Halbblut erschien ihm dieser Geruch vertraut. Er schloss einen Moment lang die Augen. Ihn erinnerte er an Nestwärme, an das knisternde Geräusch eines selbstentfachten Feuers und an gewaltige Städte, deren Gebäude für einen Menschen wie die kolossalen Bauten eines Riesen wirkten.

Ich vermisse Island, dachte er bei sich.

„Erweise mir die Ehre.“ Gungnir hob eine Klaue zu ihm herunter und stellte sich auf die Hinterbeine. Finn spürte Johannes‘ und Markus‘ überraschte Blicke in seinem Rücken, als er ohne zu Zögern hinaufkletterte. Gungnir hob ihn sanft auf den Stuhl auf seiner Schulter. Er war fest gegurtet und für intime Gespräche mit Menschen gedacht.

„Ich habe eine Überraschung für dich“, knurrte der Premierminister, als Finn auf den weichen Stuhl kletterte.

Finn hob den Kopf. Der andere Sitz war nicht unbesetzt. Sein Herz stockte, als sich ein blonder Lockenschopf in sein Sichtfeld schob.

„Mina!“, rief er überrascht. Freude durchzuckte sein Herz, aber gleichzeitig nistete sich auch Furcht darin ein.

„Hallo, Nestbrüderchen!“

Mina schien keine Bedenken zu haben. Sie trug ein schneeweißes Kleid und grinste ihn verschmitzt an. Auch sie trug eine Googlebrille.

Finn starrte sie verwirrt an. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte mir die Schweiz ansehen“, erwiderte sie lächelnd. „Papa meint, dass ich vielleicht hier studieren werde.“

Gungnir brummte etwas Unverständliches, während er sich langsam in Bewegung setzte. Die übrigen Leibwächter mussten sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.

„In der Schweiz? Nicht an der himmlischen Universität in Reykjavik?“

Mina verzog das Gesicht. „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte – ich habe keine Flügel.“

Das war ein triftiger Grund. Die meisten Teile der Hochrepublik Island lagen an für Menschen unerreichbaren Orten, weil ein Großteil ihrer Einwohner aus Drachen bestand.

Finn grinste hämisch. „Du könntest einen Kommilitonen als Reittier anstellen. Das wäre dann quasi Fifty Shades of Mina …“

Mina entblößte scharfe Zähne und Rauch drang zwischen ihren schneeweißen Zähnen hervor. „Wir sehen uns jahrelang nicht und das ist deine beste Antwort?“

Finn lachte. „Ich kenne dich eben. Erinnerst du dich noch an den Vorfall mit Sorsals Höhle? Die Jungdrachen haben deine Lieblingspuppe verbrannt und du hast sie dafür verprügelt …“

„Hör auf! Sie haben mich dafür richtig fies gekratzt!“ Mina entblößte ihren Oberarm. Blutrote Schlieren überzogen die gebräunte Haut.

Finn überging den Kommentar. „Oder als du an Weihnachten dachtest, das böse Christkind kommt dich holen und du dich unter dem Weihnachtsbaum vor den Glocken versteckt hast …“

Finn wich instinktiv aus, als Mina so tat, als ob sie ihre Googlebrille nach ihm werfen würde.

„Nicht!“, mischte sich plötzlich Gungnir ein. „Die war teuer.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Mina legte sie behutsam in ihren Schoß, während Gungnir den Flugplatz verließ und auf die Innenstadt zusteuerte. Die Straßen waren für den Staatsbesuch gesperrt. Finn hatte Bern noch nie so leer erlebt. Dafür drängten sich in den freien Straßen die Schaulustigen. Gungnir bedachte sie mit einem breiten Lächeln.

„Und?“, fragte Finn lachend. „Wie viele Folgen hast du während des Fluges geschafft?“

Mina errötete. „Woher weißt du das?“

„Wie gesagt, ich kenne dich.“

Mina verdrehte die Augen und seufzte. „Ich verlange einen Anwalt. Verrate du mir mal lieber, wo du die letzten vier Jahre gesteckt hast!“

Finn wurde ernst. Kurz hatten sie wieder ihre alten Rollen eingenommen – die der zwei Halbblute im Nest Gungnirs des Einzigartigen. Sie hatten sich gegenseitig ihre Sprachen gelehrt und eine wunderbare Zeit fernab anderer Menschen miteinander verbracht, bis … bis …

„Ich war an der drakonischen Militärakademie in New York“, erklärte Finn. „Zwischendurch auch in Peking und Tokio. Das hat dir Gungi doch sicher verraten.“

„Nenn mich nicht so“, fauchte Gungnir, ohne sein Lächeln zu unterbrechen. Finn grinste entschuldigend.

Mina verschränkte die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund. „Du weißt genau, was ich meine. Du bist einfach abgereist, ohne ein Wort zu sagen! Gerade hatten wir noch das Lichtfest für den Allvater gefeiert und am nächsten Tag warst du einfach weg! Ohne mir Bescheid zu geben!“

Finn wollte bereits kontern, aber er räusperte sich nur verlegen, als er ihren verletzten Blick bemerkte. Er hätte ihr zu gern die Gründe verraten, aber das musste bis nach dem Staatsbesuch warten.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

Mina erwiderte nichts. Sie ritten eine Zeit lang schweigend, bis sie zwischen mehreren Wolkenkratzern der DracArchiCorp vorbeikamen und den Menschen die Sicht auf den Drachen kurz genommen wurde.

„Rechnest du mit der MJM?“, fragte Gungnir unvermittelt.

Finn sah ihn überrascht an. „Ja“, erwiderte er überrumpelt.

„Das dachte ich mir.“ Gungnir knurrte ein paar Worte in der Sprache seiner Ahnen. „Ich dachte eigentlich, dass mein Besuch im Vatikan ihnen den Wind aus den Flügeln nehmen würde, aber das war wohl ein Irrtum.“

„Religiöser Fanatismus braucht keine offiziell anerkannte Institution“, erwiderte Finn leise. „Nur weil Papst Franziskus dich als intelligentes Lebewesen anerkennt, gilt das nicht für alle Splittergruppen.“

Gungnir nickte. Seine Züge verhärteten sich. „Ich hätte meine Brüder mitnehmen sollen“, sagte er leise. „Aber wir konnten nur die Genehmigung für einen Drachen bekommen.“ Er warf einen Seitenblick auf Finns Truppe, die ihnen keuchend folgte. „Diese Menschen sind ein Witz.“

„Wir sind hier, um dich zu beschützen, Papa.“ Mina streichelte sanft seine Schnauze. „Aber du wirst sehen, es gibt keinen neunten Attentäter.“

Finn sah auf. „Wie meinst du das?“, fragte er.

Gungnir schnaubte. „Acht Menschen wollten mich bereits ermorden. Es ist überall dasselbe. In Israel, in den USA, sogar im Vatikan … der achte hat sich selbst in die Luft gesprengt und dabei drei Kardinäle getötet. Wie kann man als gläubiger Mensch nur so etwas Schreckliches tun?“

Finn erschauderte, als er die Verzweiflung in Gungnirs Augen sah. Einen Moment später hatten sie die Hochhäuser umrundet und der Premierminister zeigte wieder ein strahlendes Lächeln.

„Ich habe nachgelesen“, murmelte Mina verbittert. „Sie berufen sich auf eine Bulle von Papst Innozenz VIII.“

Summis desiderantes affectibus“, erwiderte Finn grimmig. „Aus dem Jahre 1484.“

Minas Augenbrauen hoben sich überrascht, doch sie ging nicht näher darauf ein. Die Stimmung war auf den Nullpunkt gesunken, als das Rathaus von Bern langsam in Sicht kam.

Finn seufzte. Es würde ihm so leichter fallen.

„Mina“, murmelte er. „Ich habe dir dein Medaillon nie zurückgegeben.“

Mina sah ihn überrascht an. Kurz glitzerten ihre Augen schelmisch. „Du hast es noch?“

„Natürlich.“ Finn holte es aus seiner Tasche hervor und lächelte. „Man weiß nie, wozu es gut ist.“

Dabei öffnete er das Medaillon und entließ das rot-orangene Licht in die Welt.

Minas Gesicht verklärte sich einen Moment lang. Sie sah wieder aus wie ein Kind. Zum ersten Mal hatte sie ihm das Medaillon bei seinem ersten Lichtfest für den Allvater gezeigt. Die Drachen erzeugten solche Lichtsäulen normalerweise mit ihrem Atem, aber Halbblute bekamen wegen ihrer geringeren Flammenkraft auf diese Weise einen Teil ihres drakonischen Elternteils.

Finn schloss die Augen. Ein Halbblut verschenkte dieses Medaillon nur aus einem einzigen Grund – genauso wie es auch nur aus einem einzigen Grund zurückgegeben wurde.

Minas hoffnungsvolle Augen vergossen eine einzige Freudenträne, als der erste Schuss gellte.

Es ging alles blitzschnell. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde setzte Finn über Gungnirs gewaltigen Kopf und stieß Mina von seiner Schulter. Sie realisierte erst im Fallen, was geschah. Unglauben und Verwirrung spiegelten sich in ihrem Gesicht, als sie unzählige Meter in die Tiefe stürzte und in einem Kugelhagel verschwand.

Gungnir war nicht schnell genug. Er wollte seine Tochter beschützen, aber Finn saß bereits auf seiner Schnauze und zog die Magnum aus seinem Stiefel. Er zielte genau zwischen die Augen.

Egal, ob Mensch oder Drache – so ein Schuss war tödlich.

Gungnir heulte auf, als er seine Tochter am Boden sah. Vermummte Gestalten in goldenen Uniformen stürmten die Straße. Finn sah, dass Markus und Johannes verzweifelt Widerstand leisteten, aber schon nach kurzer Zeit waren sie umzingelt und ließen die Waffen fallen.

„Warum?“, rief Gungnir mit donnernder Stimme. Trauer und Schmerz wogten darin wie Wellen giftigen Wassers. „Ich habe dich nach dem Massaker aufgezogen wie meinen Sohn. Warum hast du das getan?“

„Erinnerst du dich noch an unser letztes gemeinsames Lichtfest?“, fragte Finn mit kalter Stimme. „Du hast mir endlich erzählt, was meine Eltern getötet hat. Nicht die MJM, sondern die Drachen, die ihre Eier beschützen wollten. Als die MJM ihre Nachkommenschaft stahl, liefen sie Amok.“

Gungnirs leuchtende Augen verengten sich zu Schlitzen. Doch er schien nicht mehr die Kraft für Widerstand aufzubringen.

„Warum Mina?“, fragte er leise.

„Kollateralschaden“, erwiderte Finn drohend. „Wie meine Eltern.“

Dann drückte er ab.

 

Die Kinder Kains (3/3)

Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

Die Erkenntnis überwältigte mich. Eine Flut aus Bildern, Stimmen und Eindrücken brach über meinen Verstand herein. Ich schluckte und barg den Kopf in Händen. Unzählige Punkte tanzten vor meinen Augen. Plötzlich glaubte ich, ferne Stimmen hinter dem Felsentor zu vernehmen. Sie sprachen lockende, hämische Worte.

Jede Faser meines Körpers schrie nach Flucht. Ich wollte mich erheben, aber meine Beine zitterten zu sehr. Ich war kurz davor, den Verstand zu verlieren, als Tiph meine Hand in ihre nahm.

Sofort verstummten die Stimmen.

Ich hob langsam den Kopf und sah Tiph so, wie sie wirklich war – ich sah Tiphareth Sefer Qadmon, die auserwählte Heldin, die die Welt gerettet hatte. Ihre Augen glühten wie funkelnde Sonnen und ein seltsames Schimmern ummantelte ihre Haut. Sie lächelte sanft, aber mir entging die Trauer in ihrem Blick nicht.

„Ich erinnere mich“, krächzte ich. Meine Hände zitterten unablässig. In meiner Erinnerung hörte ich die Stimmen tausender Menschen, die um Gnade winselnd vor mir im Staub lagen. Jedes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich schüttelte wie wild den Kopf und senkte den Blick. Die schroffen Felswände der Höhle schienen ihre Gesichtszüge hämisch zu imitieren.

„Du trägst keine Schuld, David“, sagte Tiphareth leise. „Du warst nicht du selbst.“

„Könnte das nicht jeder behaupten?“ Meine Stimme zitterte. Ich konnte es nicht verhindern. „Könnte nicht jeder diese Ausrede benutzen?“ Ein Schluchzen entfuhr meiner Kehle. „Großer Gott, ich habe es wirklich getan …“

Tiphareth zog mich näher an sich heran. Die Wärme ihres schimmernden Körpers vertrieb einen Teil der eisigen Furcht in meinem Herzen. Sanft streichelte sie meinen Kopf. Ich starrte sie mit großen Augen an.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass sie mir eher vergeben würde als ich mir selbst.

„Es ist einfach, ein Held zu sein“, flüsterte ich. „Ein Held tut immer das Richtige. Selbst wenn er scheitert – er hat sich nichts vorzuwerfen. Auf deinen Schultern lasteten die Hoffnungen der gesamten Menschheit. Niemand kann dir Vorwürfe machen.“ Ich schluckte. Die Worte kamen mir nur zögerlich über die Lippen. „Aber bei mir ist das anders. Wenn ich stärker gewesen wäre – wenn ich besser gewesen wäre – dann hätte die Eklipse nie stattgefunden.“ Entsetzt fuhr ich hoch. „All die Kinder in deiner Obhut – ihre Eltern würden noch leben!“

Tiphareth schwieg, bis ich wieder erschöpft zurücksank. Sie seufzte.

„Erinnerst du dich an den letzten Kampf?“

Ich versuchte es. Aber eine Ansammlung aus Schreien und schmerzverzerrten Gesichtern legte sich wie blutiger Nebel um meine Gedanken. Ich schüttelte den Kopf.

Tiphareth holte tief Luft. Ihre Augen schweiften in weite Ferne.

„Wir wurden damals verraten und mussten uns zurückziehen. Gerade hatten wir noch die Unterstützung der UNO – keine Woche später hatte der alte Mann auf dem Berg sämtliche Kontinente assimiliert. Wir zogen uns an den letzten Ort zurück, der uns blieb: in die Antarktis.“

Ich spitzte die Ohren. Auch davon hatte ich in offiziellen Stellungnahmen nichts gehört.

Tiph lächelte verträumt, als sie die Erinnerung erneut durchlebte.

„Wir waren nur noch zu fünft“, erzählte sie. „Ches, Nah und ich hatten als einzige Waffen. Die anderen beiden waren einfache Fischer. Mit einem viel zu kleinen Boot legten wir die gesamte Strecke von Neuseeland bis in die Antarktis zurück.“ Sie kicherte. „Zugegeben, wir wandten ein wenig Magie an, aber anders hätten wir es auch nicht geschafft.“

Beim Anblick ihres fröhlichen Gesichts formte sich sofort ein Bild in meinem Inneren, wie die drei zur Rettung der Welt über das Meer kreuzten. Ich musste ebenfalls lächeln.

Tiphareth lehnte sich leicht nach vorn, so als ob sie den Kindern im Waisenhaus eine Geschichte erzählen würde. Ihre Augen wurden groß und sie gestikulierte mit ihrer freien Hand. Sofort war ich im Bann der Geschichte.

„Tief unter dem Eis der Antarktis befindet sich eine alte, vergessene Zivilisation. Dort liegt der Ursprung des alten Manns – der Ursprung aller Entitäten, die wir Menschen schlicht über die Jahrhunderte hinweg vergessen haben. Aber sie leben fort – in unseren Geschichten, Ängsten, Legenden.“

Sie holte tief Luft. „Darum nannten wir diesen Ort auch die Stadt der Mythen. Er war unsere letzte Hoffnung.“

Ich hing an ihren Lippen. Als sie mich ansprach, fühlte ich mich, als hätte sie mich geschlagen.

„Dann kamst du“, fuhr sie fort. „Wir hatten ein paar Tage Vorsprung, aber du kamst bald über das Meer. Das endlose Weiß der Antarktis verwandelte sich in Rot. Die Stadt der Mythen leuchtete und hieß dich willkommen – wie in alter Zeit.“

Erinnerungen überwältigten mich. Diesmal waren es nicht meine. Ich sah den alten Mann auf dem Berg in seiner ursprünglichen, entsetzlichen Gestalt und wie er sich zwischen den gewaltigen Gebäuden im Eis langsam hin- und herwiegte, während seine einhundertvierundvierzigtausend Augen die Gestirne beobachteten und den Tag der Eklipse herbeisehnten. Ich musste einen Schrei unterdrücken. Mir entfuhr ein leises Wimmern.

„In der Stadt der Mythen kam es zum letzten Kampf. Und soll ich ehrlich zu dir sein? Ich wusste am Ende nicht, wie ich mich verhalten sollte.“

Ich sah überrascht auf. „Wie meinst du das?“

„Du wirktest so glücklich.“ Tiphareth musterte mich nachdenklich. „Die Präsenz des alten Manns gab dir Sicherheit – dir und all den anderen Menschen. Die beiden Fischer ließen sich überreden und liefen über. Am Ende gab es keinen einzigen Menschen mehr auf der Welt – nur noch Ches, Nah und mich.“ Sie seufzte. „Wir sind Wesen aus einer anderen Dimension. Haben wir das Recht, den Menschen eine Entscheidung abzunehmen? Nein.

Der alte Mann auf dem Berg richtete seine Stimme an uns. Sie war wie ein Chor aus Millionen von Menschen, jung und alt, reich und arm, gut und böse. Er wollte uns mit Worten überzeugen, dass wir niemanden retten müssten. Ich weigerte mich, es zu glauben. Aber in Wirklichkeit war ich kurz davor. Ches, Nah und ich hätten einfach in die endlose Kathedrale zurückkehren können. Unsere Mission wäre gescheitert, aber das betraf uns nicht. Wir waren – und sind – keine Menschen mehr.

Also überließen sowohl der alte Mann als auch ich die Entscheidung einem anderen.“

Dabei richtete sie den Blick ihrer flammenden Augen auf mich und lächelte. „Dir.“

Ich sah sie überrascht an. „Mir?“

„Du warst der erste, der dem alten Mann und mir begegnete. Du kanntest uns beide am längsten. Du warst der einzige Mensch, der den Anfang der Geschichte kannte – wir überließen es dir, ihr Ende zu schreiben.“

„Moment!“ Ich hob eine Hand. „Der alte Mann auf dem Berg kontrollierte mich doch – oder nicht?“

Plötzlich erklangen wieder die Stimmen hinter dem Felsentor. Diesmal klangen sie aber bedauernd, beinahe gekränkt.

„Er gab dich frei.“ Tiph lächelte. „Er wollte mir beweisen, dass ein Mensch sich aus freiem Willen für ihn entscheiden würde. Für eine neue Welt. Für eine bessere Welt.“

Die Erinnerung erfasste mich ohne Vorwarnung. Plötzlich stand ich wieder mitten in der Antarktis, auf der abgeflachten Spitze einer gewaltigen Pyramide. Unter mir breitete sich das gewaltige Bild einer riesigen Stadt aus, in der zeitlose Schatten zu kosmischen Flötentönen tanzten und mir ihre formlosen Hände wie im Gebet entgegenstreckten. Über meinen Köpfen schwebten zwei Götter.

Diesmal konnte ich meinen Schrei nicht unterdrücken. In meiner Erinnerung sah ich Tiphs wahre Gestalt.

Wenn der alte Mann eine schattenhafte Schlange war, glich sie einer riesigen, geflügelten Masse aus Licht. Ein einziges Auge schwebte darin und entblößte in seiner Iris ein funkelndes Dreieck, in dem sich das Universum selbst zu brechen schien wie in einer kosmischen Schnittstelle zwischen Zeit und Raum. Entsetzt fuhr ich herum und betrachtete die Tiphareth neben mir in der Höhle. In ihren Augen leuchtete ihre wahre, weltenzerbrechende Gestalt.

„Ich bin kein Mensch, David“, bekräftigte sie leise. „Ich bin von derselben Art wie der alte Mann. Dieser zerbrechliche Menschenkörper ist nur ein kleines Schmuckstück, ein Accessoire, mit dem ich spiele.“

Ich nickte. Ich konnte ihren Worten kaum noch einen Sinn abgewinnen. Die Erinnerung beherrschte mein Bewusstsein.

„Ich habe mich für dich entschieden“, flüsterte ich. „Aber warum?“

Tiph hob eine Augenbraue. „Das fragst du mich?“

Ich erhob mich und runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich, dass ich in euren Augen Bilder sah“, fuhr ich zerstreut fort. „Der alte Mann auf dem Berg zeigte mir Reichtum, Friede, Macht – aber auch Einsamkeit.“ Ich schüttelte den Kopf. „Was hast du mir gezeigt?“

Tiph zuckte verwirrt die Schultern. „Ich habe dir nichts gezeigt und der alte Mann auch nicht – du hast es dir wahrscheinlich eingebildet.“

Ich dachte noch lange darüber nach, selbst als wir uns auf den Weg zurück zur Villa Paradiso machten. Tiph warf mir immer wieder neugierige Seitenblicke zu. Wir schwiegen beide.

Eigentlich wollte ich mich unbemerkt aus dem Staub machen, sobald wir die Villa erreichten, aber Chessed Sefer Qadmon verstellte mir den Weg. Er war ein gutaussehender, junger Mann mit schneeweißen Zähnen und grünen Haaren, der mir sofort die Hand entgegenstreckte.

„Sie bleiben doch noch zum Abendessen, oder?“

Ich wollte eigentlich ablehnen, aber ein Blick in Binahs Augen überzeugte mich schnell anderweitig. Die Kinder nutzten diese kurze Ablenkung, um Tiph in den Bauch zu piksen. Sie quietschte schrill und die Kinder brachen in schallendes Gelächter aus.

Ich blieb noch bis zum späten Abend. Als die Kinder schliefen, begleitete mich Tiphareth allein zum Ausgang.

„Ich denke, ich weiß, was ich gesehen habe“, murmelte ich.

Tiphareth sah mich interessiert an. „Was?“

Ich lächelte. „Nicht so wichtig. Am Ende habe ich es mir doch nur eingebildet.“

Tiph zuckte mit den Schultern. „Diese Einbildung hat die Welt gerettet.“ Sie musterte mich forschend. „Wirst du der Welt die Wahrheit erzählen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich glaube kaum, dass mir irgendeine Zeitung diese Story abkaufen würde.“ Ich rang mir ein raues Lachen ab. „Ich schätze, es wird bei der Schneewanderung bleiben.“

Wir verharrten kurz schweigend. Dann trat Tiphareth unvermittelt auf mich zu und schlang die Arme um mich. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes.

„Versprich mir eines“, flüsterte sie. „Vergiss niemals, dass du die Welt gerettet hast.“

Sie verharrte in der offenen Tür und winkte mir zu, bis mein Wagen die Einfahrt verlassen hatte. Ich lächelte und winkte zurück.

Dann nahm ich eine Biegung und die Heldin, die die Welt gerettet hatte, verschwand aus meinem Sichtfeld.

Die Kinder Kains (2/3)

Trotz meines dicken Wintermantels war ich binnen weniger Minuten fast völlig durchgefroren. Der Wind heulte und fauchte wie eine hungrige Bestie.

Tiph bemerkte mein Zittern und hakte sich bei mir ein. Sie trug nicht einmal einen Pullover. Das gewaltige Schwert hielt sie locker in der linken Hand.

In diesem Moment ging mir erst auf, wie mächtig dieses junge Mädchen sein musste. Unsere Begegnung hatte sie kurz wie einen normalen Menschen wirken lassen.

Ich darf sie nicht falsch einschätzen. Sie könnte mich mit einer einzigen Handbewegung zu Asche verbrennen.

Sehnsüchtig richtete ich meinen Blick auf eine ferne Ansammlung warmer Lichter. Tiph führte mich immer weiter in die Wildnis der Alpen. Als der Schnee mir bis zur Hüfte reichte, hob sie ihr Schwert und zerschmolz ihn mit einem mitfühlenden Lächeln. Ich lächelte ebenfalls. Meine Hände zitterten in ihrer Gegenwart ohne Unterlass.

Dunkelheit breitete sich über den verschneiten Gipfeln aus, als wir eine versteckte Grotte erreichten.

Ich hielt überrascht inne. Ein schmuckloses Tor aus schroffem Stein versperrte den Eingang. Die zerklüfteten Felsen machten es unmöglich, sich der Grotte von oben zu nähern. Ein winziges Loch klaffte in der Tür. Uralte Zeichen glommen schwach im fahlen Mondlicht.

Ich wich unwillkürlich zurück. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Ich taumelte und verlor beinahe das Gleichgewicht. Mit einem Mal loderte sengender Schmerz in meiner Brust.

Er verschwand, als Tiphareth meine Schulter berührte. Sie übte sanften Druck auf meine Haut aus.

„Keine Angst“, sagte sie mit fester Stimme. „Dieser Ort ist nicht mehr gefährlich.“ Sie hob lächelnd ihr Schwert. „Gehen wir nach drinnen.“

Die Klingenspitze passte haargenau in das dunkle Loch. Tiph drehte ihre Waffe wie einen Schlüssel und plötzlich erbebte die Erde. Das Steintor schob sich langsam zur Seite und öffnete einen Spalt, der für uns gerade groß genug zum Durchschlüpfen war.

Im Inneren herrschte überraschende Wärme. Ich zog den Mantel aus und suchte nach einer Lichtquelle. Ohne viel Federlesens rammte Tiph ihr Schwert in den steinernen Boden. Weitere Einbuchtungen verrieten, dass sie das nicht zum ersten Mal tat. Die Klinge erglühte und warf mit ihrem rötlichen Lichtschein unheimlich verrenkte Schatten an die Wände.

„Setz dich.“ Tiph ließ sich auf dem Boden nieder und holte zwei Wasserflaschen hervor. Dankbar nahm ich sie an und trank in gierigen Zügen. Tiph musterte mich wie eine Mutter ihr Kind.

„Siehst du die Tür dort hinten?“ Tiph wies auf ein gewaltiges Steintor. Es wirkte neuer als die restliche Felsformation. Auf den zweiten Blick erkannte ich matt schimmernde Adern im Gestein. Sie glühten in derselben Farbe wie Tiphs Schwert.

„Gehen wir da auch hinein?“ Ich fragte mich bereits, was sich wohl dahinter befand.

„Nein!“ Tiphs Stimme klang scharf wie ein Messer. „Dieses Tor darf niemals geöffnet werden. Das ist das einzige, was du darüber wissen musst.“ Sie seufzte und holte tief Luft. Ihre Augen reflektierten das Licht des Schwerts.

„Das ist deine letzte Chance, David. Du musst dich nicht mit diesem Wissen belasten. Du kannst noch einen Rückzieher machen.“ Sie lächelte. „Eine Schneewanderung mit mir wäre doch auch einen Artikel wert, oder nicht?“

Einen Moment lang überwältigte mich die Versuchung schier. Ich spürte auf seltsame Weise die abgrundtiefe Dunkelheit, die hinter dem Steintor lauerte. Das Gefühl rief alte Erinnerungen wach. Ich musste schlucken.

Nein.

Ich atmete tief durch und sah Tiph direkt an.   

„Ich darf nicht mehr davor weglaufen“, erwiderte ich. „Ich muss die Wahrheit erfahren, egal wie schmerzhaft sie ist.“

Tiphareths Miene war nicht zu deuten. Wir verharrten in Stille, bis sie endlich seufzte und sich erschöpft gegen die Felswand lehnte.

„Wie du willst. Ich erzähle dir die Wahrheit.“

Mein Herz wollte beinahe zerspringen. Ich nickte. Ich hing an ihren Lippen.

„Hier, in dieser Grotte, hat alles begonnen“, murmelte Tiph leise. Es ist fünf Jahre her – ich kann mich trotzdem noch genau daran erinnern.“ Sie hielt kurz inne und starrte ihr Schwert an. Das Licht der Klinge flackerte wie ein Lagerfeuer.

„Anders als Binah und Chessed stamme ich nicht aus einer anderen Welt“, erklärte sie. „Ursprünglich war ich ein normaler Mensch. Ich hatte mich verirrt und kam zufällig hierher. Vor dem Grotteneingang türmten sich Skelette – davor lag ein Schwert.“ Sie wies mit dem Kinn auf ihre Waffe. „Decim.“

Der Name hallte machtvoll von den steinernen Wänden wider. Ich erschauderte. Respektvoll neigte ich den Kopf.

„Ich ergriff Decim und öffnete damit den Eingang.“ Sie schluckte. „Das war mein größter Fehler.

Seit Urzeiten erzählen sich die Bergleute Geschichten über einen uralten, bösen Geist, der im Inneren der Berge wohnen soll. Manche wurden aufgeschrieben, manche gingen verloren, die meisten werden nur noch flüsternd von sterbenden Generationen gehütet. Die Alten unter ihnen kennen das Geheimnis nur noch aus Erzählungen der Großeltern ihrer Großeltern – aber die Vorstellung blieb wach. Und soll ich dir etwas verraten?“ Ihr Mund kräuselte sich zu einem bitteren Lächeln. „Sie sind alle wahr.

Ich öffnete die Grotte und befreite dadurch den, den wir nur den alten Mann auf dem Berg nennen. Ich will nicht ins Detail gehen, Worte können ihn nicht beschreiben. Er entkam und ich lag mit dem Schwert im Schnee. Der alte Mann fuhr in den Körper eines Wanderers, der sich genau wie ich verirrt hatte und zufällig des Weges kam.“

Sie holte tief Luft. Die nächsten Worte schienen ihr besonders schwerzufallen.

Der Wanderer wurde zu einer Hülle für den alten Mann. Ich wollte mit dem Schwert gegen ihn kämpfen, aber er warf mich einfach zu Boden und … und …“ Ihre Stimme brach ab. Eine Träne glitzerte einen Moment lang in ihrem rechten Augenwinkel, dann blinzelte sie sie fort.

„Er tötete mich.“

Ich starrte sie entsetzt an. Ich wollte etwas sagen, aber meine Worte versagten. Diese Erzählung tauchte in keinem offiziellen Bericht auf, trotzdem kam sie mir vage vertraut vor.

„Der alte Mann auf dem Berg löste die Eklipse aus. Er dehnte die hereinbrechende Nacht. Er wollte sie ewig währen lassen. Im nächsten Dorf schlug er dann als erstes zu. Er verwandelte die Bewohner in seine abscheulichen Diener und sie zogen ihrerseits aus und verbreiteten seinen Fluch wie eine Krankheit.“

Ich nickte. Das war allgemein bekannt.

Tiph lächelte schwach. „Du weißt, was als nächstes passierte. Die Menschheit wurde von diesen Kreaturen überrannt. Überall auf der Welt entstanden Fronten. Die Welt stand plötzlich am Abgrund – nur weil ich diese Pforte aufstoßen musste.

Meine nächste Erinnerung setzt in der endlosen Kathedrale ein, Sagt dir der Begriff etwas?“

Ich schüttelte den Kopf. Das Wort kam mir auch vertraut vor, aber ich konnte es nicht zuordnen.

Sie nickte wissend. Sie schien jeden meiner Gedanken zu kennen.

„Du musst nicht mehr darüber wissen. Die endlose Kathedrale steht am Rande unserer Realität. Kein Mensch hat sie je betreten oder gesehen – außer mir.“ Sie schluckte. „Ich erwachte. Chessed und Binah beugten sich über mich. Plötzlich war ich als Engel wiedergeboren und hatte eine Mission. Ich musste die Welt retten – mithilfe der beiden.“

Sie lächelte traurig. „Das ist alles.“

Ein unbeschreibliches Gefühl regte sich in mir. Meine Zähne schmerzten, so fest presste ich sie aufeinander.

„Wer war dieser Wanderer, Tiphareth?“, stieß ich mühsam hervor.

Sie zuckte zusammen, als ob ich sie geschlagen hätte.

„David, das tut doch nichts zur Sache …“

Das Gefühl steigerte sich zu unerträgliche Schmerzen. Ich kauerte mich zusammen. Wie besessen rückte ich von Decims warm leuchtender Klinge ab. Die Entfernung linderte meine Qual.

„Tiphareth, bitte!“, stieß ich hervor. „Bitte!“

Tiphareth litt ebenso wie ich. Ich verharrte mit flehendem Blick an Ort und Stelle. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. Unsere Schatten wirkten wie grausam verrenkte Ungeheuer.

„Na gut“, flüsterte sie schließlich. Ihre Augen glommen wie Sonnen.

„Du warst der Wanderer, David.“

Die Kinder Kains (1/3)

„Untersteht euch!“, rief die Heldin, die die Welt gerettet hatte. „Wehe, ihr rührt mich auch nur a…“ Ihr Protest versank in einem hysterischen Lachanfall, als die Kleinen sich auf sie stürzten und unter Freudenschreien kitzelten. Die Menschenmasse wurde von einem Berg aus Kissen verschlungen, der lautlos in sich zusammenfiel.

Ich saß hilflos neben dem Sofa und wusste nicht recht, was ich tun sollte. Während Tiphareth Sefer Qadmon sich der unzähligen kleinen Händchen zu erwehren versuchte, kratzte ich mich verlegen am Hinterkopf und musterte diskret das digitale Kaminfeuer. Das warmherzige Knistern ließ mich wohlig erschauern. Ein Blick aus dem Fenster des großen Hauses verriet mir, dass es immer noch schneite. In der Ferne zeichneten sich die weißen Gipfel der Alpen ab. Ich war mir allerdings nicht sicher, ob die Wärme im Wohnzimmer von der Heizung oder von dem sanft glühenden, kreuzförmigen Breitschwert an der Wand kam.

Tiphareths Kreischen nahm beängstigende Ausmaße an und endete erst, als neben mir ein lauter Gongschlag ertönte. Ich zuckte zusammen. In Windeseile standen die Kinder artig und mit gesenkten Köpfen vor Binah Sefer Qadmon, Tiphareths bester Freundin. Sie war die Köchin in der Villa Paradiso und trug eine lange Schürze. Einzig ihre blau glühenden Augen verrieten ihre Herkunft.

„Was soll das werden?“, knurrte sie wütend. Ich wandte den Blick ab. Obwohl meine Kindheit schon Jahre zurücklag, fühlte ich mich wieder in unangenehme Situationen zurückversetzt – damals, vor der Eklipse.

„Entschuldigung, Tante Nah“, erwiderten die Kinder im Chor.

Binah verdrehte die Augen und warf ihr rostbraunes Haar zurück. Mit einem Wink bedeutete sie den Kindern, mitzukommen. „Wenn ihr so viel Energie habt, könnt ihr mir beim Kochen helfen. Heute Abend gibt es Schnitzel!“

Ich musste mich noch immer daran gewöhnen, dass ein außerirdischer Erzengel fünf Jahre nach der Eklipse seine Zeit damit verbrachte, für Waisenkinder Schnitzel zu klopfen.

Die Botschaft löste triumphierendes Jubelgeschrei aus. Binah bedachte mich mit einem entschuldigenden Blick, während sie die aufgeregten Kinder aus dem behaglichen Wohnzimmer führte. Das Geschrei wurde leiser, als die Tür hinter ihnen zufiel. Ich atmete erleichtert auf und sank kaum merklich auf meinem Stuhl zurück.

Mir reichten bereits Amelie und Jonas. Beim Gedanken, so viele Kinder erziehen zu müssen, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Neugierig ließ ich meinen Blick über die braun gestrichenen Wände schweifen. Wie viele Einrichtungsgegenstände hatte die Rasselbande wohl schon zerstört?

Meine Überlegungen endeten, als sich Tiphareth keuchend aufrappelte. Ihr feuerrotes Haar hing ihr wirr ins Gesicht und verdeckte die rubinfarbenen Augen, deren mattes Leuchten meine Blicke schon die ganze Zeit über auf sich zog. Ungeschickt zupfte sie an ihrem Pullover herum. Ich zwang mich wegzusehen, als ihr Rock kurz mehr als üblich offenbarte.

Dann stand Tiphareth auf. Kein Geräusch ertönte, als ihre nackten Füße den dicken Wollteppich berührten. Sie lachte verlegen.

„Entschuldigung!“, rief sie. „Destiny und Viktor haben letzte Woche herausgefunden, dass ich kitzelig bin und seitdem …“ Sie räusperte sich vielsagend und versuchte, ein seriöses Gesicht aufzusetzen. Der Anblick brachte mich zum Schmunzeln.

„Darf ich diesen … Vorfall in meinen Artikel aufnehmen, Frau Qadmon?“

Sie winkte ab. „Tiph reicht. Und mach dir keine Gedanken. Solange du unseren Standort nicht verrätst, kannst du alles detailgetreu wiedergeben. Ich weiß schließlich, dass ich dir vertrauen kann, David.“

Ich sah sie überrascht an. Ich hatte mich noch nicht vorgestellt.

„Sie kennen meinen Namen?“

Tiph hob drohend einen Zeigefinger. „Offenbar. Und duzt du mich? Bitte?“

Ich schluckte. Ich hatte sie mir anders vorgestellt.

„Wenn es Ih- … dir Freude macht.“

Tiph nickte zufrieden und kuschelte sich auf das gemütliche Sofa. Ich musterte sie unsicher, bis sie eine einladende Bewegung machte und mir zunickte.

„Komm schon, dein Stuhl ist steinhart. Ich sage Nah schon seit Ewigkeiten, dass wir ihn entsorgen müssen.“

„Ist schon in Ordnung.“

Tiph hob eine Augenbraue. „Glaub ich dir nicht.“

Ich seufzte und erhob mich mit einem Stöhnen. Seit Jahren verfolgten mich nun schon Schmerzen im Rücken. Harte Stühle und Bänke waren dabei nicht hilfreich. Ich seufzte erleichtert, als ich mich neben Tiph niederließ. Ein wohliger Schauer wogte über meine Haut. In ihrer Nähe war die Luft wärmer.

„Chessed meinte, ich kann mich auf dich verlassen“, sagte sie erklärend. Ich nickte erleichtert. Chessed Sefer Qadmon war der dritte im Bunde. Er zeigte sich als einziger in der Öffentlichkeit. Ich war überrascht, dass er sich mein Gesicht offenbar gemerkt hatte.

„Also habe ich ihm dieses Interview zu verdanken“, murmelte ich.

Tiph nickte. „Binah war natürlich dagegen, aber Chessed versicherte uns hoch und heilig, dass dieses Gespräch deinem Seelenfrieden helfen würde. Also konnte ich nicht ablehnen.“

Mein Innerstes gefror. Meinem Seelenfrieden? Wie viel wusste sie?

Außerdem entging mir nicht, dass sie bezüglich der Entscheidung nur von sich selbst sprach. Tiph wirkte zwar tollpatschig, aber ihre Führungsposition schien nicht infrage zu stehen.

„Also“, sagte Tiph, als ich schwieg. „Was willst du wissen, David?“

Einen Moment lang schloss ich die Augen und genoss die wohlige Wärme, die sie verströmte. Das war meine letzte Gelegenheit. Die letzte Chance, Vergebung zu finden.

„Was passierte wirklich während der Eklipse?“, fragte ich wie einstudiert. Dabei holte ich einen altertümlichen Schreibblock hervor und zückte einen Kugelschreiber. Mein Tablet und mein Aufnahmegerät waren mir nicht gestattet worden.

Tiph spielte mit einer ihrer feuerroten Locken. Sie wirkte entsetzlich jung. Sie hätte meine Tochter sein können.

„Du kennst die offizielle Version, David.“

Ich schluckte. Würde sie sich weigern?

„Es sind fünf Jahre vergangen“, erwiderte ich mit zitternder Stimme. „Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht auf die Wahrheit!“

Tiph seufzte und zog die Beine an. Sie schlang die Arme um ihre Knie und stützte ihr Kinn darauf, während sie mich betrübt musterte.

„Das ist eine lange und traurige Geschichte“, sagte sie kaum hörbar. „Und ich kann dir nicht erlauben, sie anderen zu erzählen.“

Die Luft erhitzte sich weiter und ich fühlte Angstschweiß auf meiner Haut. Ich wich instinktiv zurück, ließ aber nicht locker.

„Du sagtest doch, dass du mir wegen meines Seelenfriedens weiterhelfen willst, oder nicht? Ich kann dir versichern, dass die Eklipse viele Menschen mit ähnlichen Empfindungen zurückgelassen hat. Willst du ihnen nicht helfen?“

Tiphs Augen wirkten wie kaltes Feuer. Dann wandte sie sich ab und seufzte. Ich zuckte zusammen, als sie mich plötzlich umarmte.

Ich hatte mit vielem gerechnet, aber damit nicht.

Das Zittern meines Körpers beruhigte sich, als sie mich fest an sich zog. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes. Zum ersten Mal seit Ewigkeiten fühlte ich mich wieder geborgen.

Dann ließ sie los und der Moment endete.

„Es tut mir leid“, flüsterte sie. „Was dir zugestoßen ist, was allen Menschen zugestoßen ist – es tut mir unendlich leid. In jener Nacht vor fünf Jahren … hat sich alles verändert.“ Sie schloss einen Moment lang die Augen. Sie wirkte wie eine Feuerlilie in einer Schneelandschaft.

„Ich werde es dir erzählen“, flüsterte sie und stand auf.

Die Bestellung des Generals (1/2)

„Was soll das heißen, keine Bestellung hinterlegt?“

Jeff zuckte zusammen und hob beschwichtigend die Arme. Sie standen kurz vor einer Katastrophe.

„Liebes, bitte beruhige dich!“

Ex-Generalin Shalyra Raschach-Albedo wandte sich von der kaugummikauenden Verkäuferin mit den fellbewachsenen Wangen ab und funkelte ihn mit ihrem verbleibenden Auge an. Die gefletschten Zähne und ihre wilde Mähne verliehen ihr das Aussehen eines harenarischen Sandwolfes.

Jeff schluckte und tat so, als wollte er die Angebote an der Wand bestaunen. Bunte Holodarstellungen der verkäuflichen Wesen säumten die Mauern der Tierhandlung. Beim Anblick des Angebots war Jeff froh, die Exemplare nicht wirklich vor sich zu haben.

Diese Tierhandlung war ihm zutiefst unheimlich. Selbst nach jahrhundertelanger Nachforschung war es dem Imperium nie gelungen, in die Tiefen der Taschendimension vorzudringen. Selbst die hochrangigsten Aristokraten bekamen nur diese Theke und die kaugummikauende Verkäuferin zu Gesicht, deren Herkunft ebenso wie die Beschaffenheit der Dimension vollkommen im Dunkeln lag. Jeff lief ein Schauer über den Rücken und vermied den Blickkontakt mit ihr. Auf den ersten Blick erschien sie ihm desinteressiert und unerfahren, doch auf den zweiten spürte er die unverhohlene Wachsamkeit, die in ihren Augen glomm.

Wie alt sie wohl ist? Selbst der erste Imperator hat schon von ihr berichtet …

Shalyra schien die Aura der Verkäuferin ebenso zu spüren, denn sie straffte sich und schluckte ihren Ärger mit sichtlicher Anstrengung hinunter. Dabei strich ihre behandschuhte Faust reflexartig über die Augenklappe. Die Geste betrübte Jeff ein wenig.

Die Heldin Shalyra Raschach-Albedo kann sich nicht einmal ein bionisches Auge leisten, schoss es ihm durch den Kopf, während er seine eigenen mechanischen Augen aktivierte und ihre Umgebung erneut scannte. Er konnte keine Gefahren erkennen und die Verkäuferin schien auch unbewaffnet zu sein. Jeff beruhigte sich und trat mit hämmerndem Herzen vor. Er wollte diesen unheimlichen Ort so schnell wie möglich verlassen.

Shalyra schien ebenfalls dieser Auffassung zu sein. „Der General hat uns angeheuert, um seine Bestellung abzuholen! Ist das hier nun eine Tierhandlung oder nicht?“

„Wenn Sie mir den Namen des Generals verraten, kann ich ihnen vielleicht weiterhelfen“, erwiderte die Verkäuferin quälend langsam. Ihre Stimme erinnerte Jeff an seine Zeit in der Assassinenakademie auf Mortis Sextus. Die Dozentin im Fach Tödliche Gifte hatte genauso geklungen.

„Das ist ja genau das Problem!“, stöhnte Shalyra. „Wir kommen im Auftrag des Maskierten! Des Maskierten, verstehen Sie? Niemand kennt seinen Namen!“

Wie in Zeitlupe wanderte eine Augenbraue der Verkäuferin nach oben und sie hielt einen Augenblick lang im Kauvorgang inne.

„Das Imperium unterhält Generäle, obwohl es ihre Identität nicht kennt?“ Nun klang sie sogar beinahe interessiert.

„Herrgott, ja!“, fluchte Shalyra und schlug mit der flachen Hand auf den Tresen. „Sie müssen ihn doch kennen!“

Die Verkäuferin zog einen Augenblick lang die Stirn kraus und schien angestrengt nachzudenken. Im nächsten Moment erklang das Schmatzgeräusch erneut und sie zuckte gleichgültig mit den Schultern.

Shalyras Militärrüstung leuchtete rot auf und ihre Hand zuckte zu ihrer Magma F-7. Da Jeff schon oft gesehen hatte, was diese modifizierte Streitaxt anrichten konnte, trat er beschwichtigend zwischen Shalyra und den Tresen. Seit ihrer Entlassung aus dem Militärdienst war sie stets leicht reizbar.

„Shaly, Liebes“, sagte er sanft. „Wir haben doch die Rechnungsnummer, nicht? Das sollte gehen!“

Shalyra sah ihn verdutzt an. Endlich hellte sich ihre Miene auf und sie baute sich triumphierend vor der Verkäuferin auf, deren Augenbraue erneut nach oben schwebte.

Dem Imperator sei Dank, dass sie ein fotografisches Gedächtnis hat.

Während Shalyra die sechzehnstellige Zahl aufsagte, atmete Jeff tief durch und beglückwünschte sich selbst zur Abwendung der Apokalypse. Zum wiederholten Male fragte er sich, warum er sich ausgerechnet eine krude Kriegerin wie die Generalin zur Kampfpartnerin genommen hatte. Eine ruhige Klassenkameradin von Mortis Sextus, die sich im Hintergrund hielt und stets wohlüberlegt handelte, passte besser zu ihm.

Wenn es denn so eine Klassenkameradin gegeben hätte, flüsterte eine hämische Stimme.

Jeff seufzte. Wem machte er etwas vor? Alle Schüler auf Mortis Sextus waren entweder traumatisierte Waisenkinder oder abgrundtief böse Sadisten.

Ich hätte nie Assassine werden sollen. In einem Bürojob auf einem Sternenkreuzer würde ich wenigstens normale Menschen kennenlernen.

Ein grässliches Quietschen riss ihn aus seinen Überlegungen. Die Verkäuferin öffnete in ihrer gewohnten Geschwindigkeit ein Fach unter dem Tresen und beförderte einen viel zu großen Käfig zu Tage, der mit einem Tuch verhängt war. Jeff starrte das Fach an. Er war sich vollkommen sicher, dass ein solches Objekt dort nicht hineinpassen würde.

Das hat man davon, wenn man in fremde Taschendimensionen einbricht, um illegale Aufträge zu erledigen …

Als die Verkäuferin diesmal sprach, klang ihre Stimme fest und nahezu scharf. Ihre Augen funkelten wie die Warnblinkanlage eines Passagierschiffs vor dem Absturz und ihr Schmatzen war vollständig verstummt.

„Dieses Wesen wird der Gefahrenstufe sieben zugeordnet. Hochtoxisch, intelligent, dazu telepathisch begabt und unsterblich. Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass wir für Schäden in der Haltung nicht haften.“

Jeff verdrehte die Augen. Wen sollte der General schon verklagen, wenn der Betreiber der Tierhandlung dem Imperium unbekannt war?

„Ich werde das Tuch nun entfernen“, kündigte die Verkäuferin an und riss die Abdeckung mit einem Ruck herunter.

Jeff war noch nie sonderlich sportlich gewesen, doch in diesem Moment sprang er beinahe bis an die Zimmerdecke. Instinktiv schnellten seine Finger zu dem kleinen Toaster an seinem Gürtel. Entsetzen lähmte seine Glieder.

Was zur Hölle läuft beim General falsch, dass er sich so etwas ins Haus stellen will?

In dem vorsintflutlichen Käfig hockte ein Mischwesen, dessen Unterleib dem einer haarigen Riesenspinne glich. Acht fadenverklebte Beine trippelten aufgeregt umher, während aus winzigen Körperöffnungen stetig Gift tropfte. Wie betäubt nahm Jeff einen kleinen Abfluss wahr, in dem die Flüssigkeit träge verschwand.

Er hob den Blick in Erwartung eines monsterhaften Gesichts und erkannte einen Eulenkopf, der nahtlos in den arachnoiden Körper überging. Zwei kluge Augen taxierten ihn. Auf dem Schnabel saß eine altmodische Brille.

„Ich grüße Sie, meine Käufer“, sagte der Eulenkopf. Die Spinnenbeine hielten in ihrer steten Bewegung inne. „Es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“

Jeff kämpfte das Verlangen aufzuschreien krampfhaft nieder. Er hatte zwar bereits von genmanipulierten sprechenden Tieren in imperialen Geheimlabors gehört, von Chimären war jedoch nie die Rede gewesen.

Erst jetzt fiel ihm auf, dass das Wesen sogar Eulenflügel besaß.

„Dies ist Doktor Arachno Medicus“, stellte die Verkäuferin vor. „Er hat vor zweiundfünfzig Jahren an einer außerdimensionalen Universität molekulare Biochemie und Trizellulargenetik studiert. Wollen Sie einen Behälter oder wohnen Sie in der Nähe?“

Die folgende Stille wurde nur vom erneuten Trippeln der Spinnenbeine durchbrochen. Jeff wechselte unwillkürlich einen verwirrten Blick mit Shalyra, die ihn mit offenem Mund anstarrte. Die Ereignisse überstiegen ihren Horizont.

„Arachmed für meine Freunde“, fügte der Eulenkopf der Erklärung der Verkäuferin hinzu.

Jeff war noch immer stockstarr, als Shalyra sich räusperte.

„Einen Behälter, bitte.“

Kauend verstaute die Verkäuferin den Doktor in einer großen Plastikbox mit durchsichtigen Scheiben und reichte ihnen den Henkel. In derselben Bewegung legte sie vor sich ein Blatt Papier auf den Tresen.

„Wir brauchen noch Ihre Unterschrift, dass Sie die Bestellung entgegengenommen haben. Rufen Sie bei Problemen einfach an oder hinterlassen Sie eine Nachricht. Umtausch ist ausgeschlossen.“

Shalyra erteilte Jeff mit dem Kinn den Befehl und er nickte. Hastig setzte er seine Unterschrift unter einen langen Text, der so klein gedruckt war, dass er nicht einen einzigen Buchstaben entziffern konnte. Er verwendete sein Pseudonym, falls die Behörden hinter ihre ungenehmigte Operation kamen. Dann folgte er seiner Partnerin aus der Tierhandlung.

 

„Ihr Gefährt hat durchaus Stil“, bemerkte der schaurige Doktor, als sie die Box auf der Rakshasa verluden.

Jeff senkte beschämt den Blick, während Shalyras Auge tödliche Strahlen auszusenden schien. Sie waren nur zwei einfache Söldner in einer gewaltigen Galaxis. Das einzige vorgesehene Teil an ihrem Raumschiff bildete der Überlichtantrieb.

Die Rakshasa hatten sie vor zwei Monaten auf Harenaria gekauft. Ihr bärtiger Besitzer war Hobbymechaniker und baute sie einst aus den Überresten eines uralten Speeders und eines Abfangjägers zusammen. Daher wirkte das Schiff wie eine Seeschlange mit abgehacktem Schwanz, deren Kopf auf die doppelte Größe angeschwollen war.

Außerdem stinkt es drin nach Sandwölfen, die Sitzbezüge sind verschlissen, das Cockpit wirkt wie aus einem Vorkriegs-Holofilm und im Laderaum könnte man nicht einmal eine Packung Haschaschiri verstecken.

Jeff hätte die Liste der unliebsamen Merkmale noch lange fortsetzen können, wenn Shalyra ihm nicht mit einem ihrer Todesblicke bedeutet hätte, sich anzuschnallen. Die Ex-Generalin saß vor dem Steuer, Jeff nahm den Kopilotensitz und hoffte, keines der blinkenden Lämpchen auf dem Armaturenbrett beachten zu müssen. Ihr Schiff war für ihn ein Buch mit sieben Siegeln.

Mit der Box zwischen ihnen startete Shalyra das Schiff. Die Triebwerke ächzten und husteten, als hätte Jeff sie mit seinem Lieblingsmesser vergiftet und wie immer musste Shalyra ein zweites Mal den Startknopf bedienen, bis die Rakshasa endlich abhob. Jeff wandte sich kurz um und sah aus dem hinteren Fenster. Langsam verschwand das Portal zur Tierhandlung aus ihrem Blickfeld.

Ich frage mich, wieso der General dieses unbewachte Portal kennt. Alle Zugänge unterliegen doch strengster Geheimhaltung … Die Frage erlosch, so schnell sie gekommen war. Er hatte bereits früh gelernt, dass man das Fragenstellen in seinem Gewerbe besser Menschen mit Todessehnsucht überließ.

„Ein Wüstenplanet!“, kommentierte der Doktor. Seine Stimme drang klar und deutlich durch die Luftlöcher. Jeff fragte sich unwillkürlich, wie er aus seiner Position durch die Fenster blicken konnte. „Wie faszinierend! Ist dies das berühmte Harenaria?“

„Ja.“ Shalyra war offenkundig nicht in der Stimmung für ein Gespräch.

„Sie sind Generalin Shalyra Raschach-Albedo, richtig?“

Jeff starrte den Doktor erstaunt an. Shalyras Miene verhärtete sich, doch sie hielt sich unter Kontrolle.

„Ehemals.“

„Ich habe schon von Ihnen gehört. Waren Sie nicht eine Kriegsheldin, die die Rebellen von Harenaria besiegte?“

„Ja.“

„Dabei hielt man sie während Ihrer Gefangenschaft hier schon für tot …“

Das Schiff vollführte einen Schlenker, als Shalyra das Steuer verriss. Die Konstruktion knirschte, wie um zu protestieren. Furcht überkam Jeff und seine Hände krallten sich krampfhaft in die verschlissene Sitzlehne.

„Das ist etwas, worüber meine Partnerin nicht gerne spricht, Doktor“, sagte er mit gezwungener Höflichkeit, ohne das Zittern ganz aus seiner Stimme verbannen zu können.

„Aber trotzdem sind Sie hierher zurückgekehrt“, stellte Arachmed ungerührt fest. „Sie wollen wohl Rache üben?“

Kurz herrschte Stille im Cockpit. Einen Augenblick lang meinte Jeff, Shalyra würde nach ihrer Axt greifen und den Doktor zu Asche verbrennen, doch es verkrampften sich nur ihre Finger. Ihre Arme zitterten.

„Ich kann mich an die Zeit meiner Gefangenschaft nicht mehr erinnern“, erwiderte sie knapp.

Jeff warf ihr einen überraschten Blick zu. Über dieses Kapitel ihres Lebens sprach Shalyra für gewöhnlich mit niemandem.

Mit niemandem außer mir.

„Ich verstehe“, murmelte Arachmed. „Sie wollen Nachforschungen anstellen.“

Unvermittelt ruckte sein Eulenkopf herum und musterte Jeff. Die Spinnenbeine trippelten erneut wild herum.

„Und wer sind Sie, mein junger Freund? Dieses merkwürdige Gerät an ihrer Hüfte kenne ich nicht.“

Natürlich erwähnte der Doktor zunächst den kleinen Toaster. Jeffs Gesichtszüge und Aussehen waren dermaßen durchschnittlich, dass sie im Gegensatz zu Shalyra keinerlei Gesprächsstoff boten.

Stolz klopfte er auf sacht auf das Gerät. Die polierte Oberfläche glitzerte im Licht des Wüstenmondes.

„Das ist eine uralte Vorrichtung, mit der Eingeborene im sternenlosen Zeitalter Brotscheiben erhitzten“, erklärte er. „Ein altes Familienerbstück.“

Eine Augenbraue der Eule wanderte nach oben. „Nur ein Erbstück?“

„Nur ein Erbstück.“ Er wollte lieber nicht näher auf die Funktionsweise des Geräts eingehen. Er hatte es schon vor langer Zeit umgebaut und zweckentfremdet. Auch wenn der Doktor scheinbar nur als Haustier dienen sollte, wollte er ihm nicht zu viel verraten.

„Bevor Sie weitere Fragen stellen“, sagte auf einmal Shalyra. „würde mich interessieren, wer Sie eigentlich sind. Wieso darf ein Haustier studieren?“

Als hätte sie ein verfluchtes Wort ausgesprochen, begannen die Spinnenbeine erneut wild zu trippeln. Sorgenvoll sah Jeff, dass Gifttropfen die durchsichtigen Wände des Behälters benetzten.

„Eine solche Bezeichnung weise ich entschieden von mir!“, entgegnete Arachmed bestimmt. „Ich bin ein intelligentes Wesen, ein Forscher und Mann größter Kultur! Wissen Sie, was ich in meinem langen Leben bereits erfunden habe? Trizellulare Genmanipulation für Bipedie, des weiteren Genduplikation und diverse Möglichkeiten zur Heilung von Erbkrankheiten sowie …“

Shalyra würgte ihn mit einer wüsten Geste ab. „Können Sie auch Wörter benutzen, die man versteht?“

„Können Sie Ihre Nase in ein Buch stecken, anstatt Sandwölfe zu jagen?“

O, verdammt. Er kennt den Geruch.

Sorgenvoll blickte Jeff seine Partnerin an. Shalyra starrte die Box an und steuerte das Schiff blind über die weitläufige Wüste. Dann breitete sich mit einem Mal ein Grinsen auf ihrem Gesicht auf und sie lachte. Jeffs Kinnlade fiel nach unten. Er hatte sie noch nie lachen gehört.

„Der Punkt geht an Sie, Doktor!“, erwiderte Shalyra und wandte sich wieder der mehrfach ausgebesserten Windschutzscheibe zu.

„Ein Sieg ist nur so viel wert wie seine Rezeption“, zitierte Arachmed.

Jeff zog seine Stirn kraus. „Ist das von De Libro?“

Arachmed gab ein Geräusch von sich, das sich am ehesten noch als das erstickte Lachen eines Ertrinkenden interpretieren ließ. „Ihr Begleiter ist scheinbar ein Mann von Kultur, Generalin.“

Shalyra verdrehte die Augen. „Erinnern Sie mich nicht daran.“

Dennoch lächelte sie dabei. Jeff atmete erleichtert aus. Die Anspannung war überstanden.

„Wie weit ist es noch bis zum Treffpunkt?“, fragte er.

Shalyra warf einen Blick auf die Holokarte, die zwischen den leuchtenden Knöpfen glomm. Die Projektion sollte eigentlich dreidimensional sein, doch der Projektor war seit langem defekt und zeigte nur den Boden ohne jegliche Erhebungen an.

„Nur noch ein paar Minuten“, erwiderte sie und deutete mit dem Kinn nach vorn. „Man kann ihn schon sehen.“

Jeff starrte mit zusammengekniffenen Augen angestrengt durch die Windschutzscheibe. Erst jetzt erkannte er am Horizont einige unnatürliche Erhebungen, die er zuvor für weitere Dünen gehalten hatte. Gewellte Dächer bogen sich über die Spitzen gewaltiger Turmbauten, die im Sandmeer verschüttet lagen.

„Die Ruinen von Alt-Harenaria“, kommentierte Arachmed mit ernster Stimme.

Jeff blinzelte überrascht. „Wie können Sie sie sehen?“

Erneut löste sich ein lachendes Geräusch aus dem Eulenschnabel. „Das kann ich nicht, mein junger Freund. Aber wofür bin ich Telepath? Ich habe die Bilder in euren Köpfen gesehen.“

„Sie können Gedanken lesen?“, fragte Jeff entgeistert.

Die Miene des Doktors verhärtete sich. „Das ist eine äußert vulgäre und unpassende Bezeichnung für die überragende Komplexität dieser Praktik. Ich bin lediglich dazu in der Lage, starke Eindrücke durch eure Augen wahrzunehmen, das ist alles.“

Shalyra schwieg. Jeff bemerkte, wie sich ein harter Zug um ihre Mundwinkel bildete. In diesen Ruinen hatten sich die Rebellen verschanzt und sie gefangen gehalten.

Was auch immer sie mit ihr angestellt haben, niemand lebt mehr, um davon zu berichten …

Sie verfielen in unangenehmes Schweigen, bis Shalyra die Rakshasa überraschend sanft auf dem Sand zum Stehen brachte. Die Triebwerke übergaben sich ein letztes Mal, dann verstummte das rauchige Ächzen und Stöhnen. Jeff fragte sich, ob sie Harenaria mit diesem Schiff je wieder würden verlassen können.

„Bringen wir es hinter uns“, seufzte Jeff und löste seinen Sicherheitsgurt. „Wenn wir uns jetzt beeilen, haben wir vielleicht noch ein paar Stunden für die Erkundung.“

„Ihr wollt in ein Sperrgebiet einbrechen?“, fragte Arachmed überrascht. „Das kann der General doch wohl nicht dulden, oder?“

„Das war unsere Übereinkunft“, sagte Shalyra leise. Ihre verkrampften Hände umklammerten nach wie vor das Steuer. „Wir übernehmen Eure Eskorte, Doktor, und dürfen dafür eigene Nachforschungen anstellen.“

„Eine Nacht lang“, fügte Jeff hinzu und betrachtete den Sternenhimmel. „Bis zum ersten Sonnenstrahl haben wir noch Zeit.“

„Und Sie lassen sich darauf ein, mein junger Freund?“, fragte Arachmed an Jeff gewandt. „Ich ging immer davon aus, dass ein Söldner lediglich nach Geld und Reichtum giert.“

Jeff lächelte säuerlich. „Sie sollten Ihre Disposition noch einmal überdenken, Doktor.“

Ohne ein weiteres Wort nahm Shalyra die Box und kletterte aus dem Cockpit. Die Ladeluke öffnete sich unter sichtlicher Anstrengung und Jeff seufzte erleichtert, als sie endlich unbeschädigt den Boden berührte. Vorsichtig traten sie in die Nacht hinaus.

Sie befanden sich inmitten einer endlosen Ödnis aus Sand, die nur von den drei Turmspitzen vor ihnen unterbrochen wurde. Die kunstvoll gewellten Dächer reflektierten das silbrige Mondlicht und ließen Jeff einen Augenblicklang innehalten.

Könnte sich unter dem Sand eine vergessene Stadt verbergen? Vielleicht eine ganze Zivilisation? Er wagte einen schnellen Seitenblick auf Shalyra, die die Bauwerke mit unergründlicher Miene musterte. Kehrten ihre Erinnerungen bereits zurück?

Kurz entschlossen scannte Jeff ihre Umgebung mit seinen bionischen Augen. Zu seiner Überraschung waren die Türme abgeschirmt. Selbst sein kybernetischer Blick konnte nicht durch die Außenlegierung dringen.

Nach all der Zeit … ?

„Da kommen sie“, sagte Arachmed mit einem Mal. Jeff wandte sich um und entdeckte einige geisterhafte Schemen, die sich wachsam auf sie zubewegten. Scheinbar waren sie aus dem mittleren Turm gekommen.

„Doktor?“, sagte einer der Soldaten. Seine Stimme klang merkwürdig verzerrt. Er trug vermutlich eine Atemmaske.

Eine Atemmaske? Dabei herrscht doch kein Sandsturm.

„Ich bin hier“, sagte Arachmed vergnügt. „Ihr könnt sie jetzt ihrem Schöpfer vorstellen.“

Jeff besaß genügend Geisteskraft, um den Satz als weiteres Zitat von De Libro zu identifizieren, als Shalyra ihn bereits zur Seite stieß. Die Schemen hoben ihre Schusswaffen und Jeff sah grell leuchtende Feuerbälle durch die Nacht blitzen. Einer von ihnen durchschnitt die Luft knapp über seinem Kopf und versengte seine Haare.

Was zur Hölle?

Der letzte Palast (2/2)

„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte Lameth.

Gwen und Yuki wechselten einen stummen Blick und warteten auf Lameths Erklärung. Ihr Freund räusperte sich und schnallte den Schild auf seinen Rücken.

„Hier gibt es keine Feinde“, murmelte er mit zusammengekniffenen Augen. „Hier ist nichts … kein Dämon, kein Ghul, nichts.“ Er schüttelte verzweifelt den Kopf und fixierte Yuki. „Du hast Geister erwähnt. Meinst du wirklich, dass es sie gibt?“

Yukis Augen blitzten. „Warum stellst du mir so eine überflüssige Frage?“ Ihre sanfte Stimme wirkte mit einem Mal nahezu beleidigt.

„Es tut mir leid.“ Lameth setzte sich in Bewegung. „Wir haben dir nie Glauben geschenkt. Aber vielleicht hast du mit deiner Vermutung Recht. Hier sind keine Gegner.“ Er deutete auf den Boden. „Hier gibt es nur dieses Lied.“

„Woher willst du das wissen?“, fragte Gwen mit einem Stirnrunzeln.

„Ich hatte eine Vision“, erwiderte Lameth langsam. „Ich weiß es einfach. Kommt, lasst uns gehen.“

Gwen wechselte einen weiteren Blick mit Yuki und seufzte. Das Lied erklang immer noch am Rande ihrer Wahrnehmung, doch sie verschloss sich seiner Wirkung und folgte Lameth eilig nach.

Sie hielten sich wieder an der Wand. Als sie an den Statuen vorbeikamen, erkannte Gwen, dass sie Überlebensgröße hatten. Die Menschen neben ihnen waren beinahe doppelt so groß wie sie selbst. Gwen erschauderte und kontrollierte sie ein weiteres Mal mit ihrer Magiesicht.

Es gibt keine Geister, sagte sie zu sich selbst. Dabei warf sie einen Seitenblick auf Yuki, die immer unsicherer wirkte. Ihre Augen huschten umher wie verängstigte Tiere.

Gwen schluckte. Sie fühlte ebenso die beunruhigende Aura dieses Ortes. Kurz warf sie einen Blick auf die Statuen. Aus der Nähe betrachtet wirkten ihre Züge erschreckend menschlich. In ihren Augen tanzte das rötliche Licht der Wände auf glitzernden Edelsteinen, sodass echte Tränen ihre Wangen zu benetzen schienen. Trotz ihrer offenkundigen Trauer wirkten sie schön, nahezu elfenhaft. Ihre Münder waren geöffnet. Sie erinnerten Gwen an Sänger in einem tragischen Stück voller Trauer und Leid.

Unwillkürlich beschleunigte Gwen ihre Schritte.

Der Raum der Statuen war größer als die Eingangshalle. Als sie endlich einen weiteren Bogen erreichten, schmerzten ihre Füße. Sie hatten nun schon ein Drittel des Palastes durchquert und noch immer erschienen keine Feinde.

„Das kann doch nicht wahr sein“, knurrte Lameth und warf Blicke in alle Richtungen. „Ich hatte massenhaft Feinde erwartet. Wie können die Dämonen die Quelle ihres Lebens nur unbewacht lassen?“

Yuki kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Ein dunkler Gedanke überkam Gwen und sie räusperte sich verlegen.

„Vielleicht braucht die Quelle keinen Schutz“, sagte sie leise.

Lameth schluckte. Sie konnte ihm seine Unsicherheit ansehen. Immer hatten ihre Missionen den Kampf gegen grausame Kreaturen beinhaltet und ihnen ein Maximum an Stärke und Magie abgerungen. Die Abwesenheit jeglicher Kampfkraft fühlte sich falsch an. Gwen selbst hatte damit gerechnet, von einer Horde Dämonen empfangen zu werden, anstatt durch verlassene Flure zu laufen.

Dennoch, sie durften sich keine Zweifel leisten. Das Schicksal Karfurths hing von ihnen ab. Nur sie konnten ihr Heimatreich Aramon vor dem Untergang durch die Dämonen bewahren. Sie mussten weitergehen, selbst dann, wenn die Hoffnung vollends erstarb.

Sie passierten einen weiteren Torbogen. Kurz umschlang sie wieder vollkommene Finternis, bis die steinernen Stufen sie in eine weitere Halle mit rotem Licht führten.

Gwens Augen weiteten sich, als sie die Architektur sah.

„Großer Gott“, flüsterte Lameth.

Vor ihnen war kein Innenraum, sondern eine unterirdische Stadt unendlichen Ausmaßes, über die sich gewaltige Brücken spannten. Gwen erspähte die nächste Tür am anderen Ende eines Übergangs, der über einige Nebenstränge mit ihrer Position verbunden war. Auch hier entdeckte ihre Magiesicht nichts.

Das Lied erklang hier lauter und wirkte trotzdem noch nicht vollständig. Sie erhob sich wie sanfter Nebel aus dem Untergrund und kroch unter den zerstörten Häusern empor.

„Was ist das hier?“, kam es Gwen erschrocken über die Lippen. „Das hier sieht aus wie eine Menschensiedlung! Seht doch, eine Kathedrale!“

Ihr zitternder Zeigefinger deutete ausgestreckt auf ein gewaltiges Bauwerk, dessen spitze Zwillingstürme sich gegen das rote Licht mehrerer Deckengargoyles abzeichneten. Weit dahinter erkannte Gwen die Silhouetten vieler anderer Gotteshäuser. Die Stadt breitete sich bis an den Rand ihres Sichtfelds aus.

Wie groß ist diese Höhe, fragte sich Gwen perplex. Das ist kein Palast – das sind die Ruinen einer ganzen Zivilisation!

„Was ist hier nur geschehen?“ Lameth wirkte ebenso verunsichert wie sie. Seine goldenen Augen starrten die große Kathedrale an. „Ich … ich glaube … ich habe das alles hier schon einmal gesehen …“

Gwen schüttelte den Kopf. „Das ist doch nicht möglich … der Eingang war versiegelt, das hast du doch gesehen! Seit Jahrtausenden hat niemand mehr den Palast des Dämonenkönigs betreten!“

Lameth hörte ihr nicht zu, sondern beugte sich weit über das Geländer. Er wisperte unverständliche Worte, die Gwen nicht verstand. Dennoch wirkten sie vage vertraut. Sie erinnerten sie an ihre eigenen Zaubersprüche.

„Deus … Sabaoth … Elohim“

Als hätte er tatsächlich Magie gewirkt, erhob sich ein Luftzug und riss an ihren Kleidern. Gwen hielt instinktiv ihren Spitzhut fest. Wieder erklangen Stimmen. Diesmal konnte Gwen ihre Worte sogar verstehen. Sie wiederholten Lameths Worte wie ein Gebet, wie eine uralte Litanei, während unsägliche Trauer darin mitschwang. Ein ganzes Heer aus Geistern schien ein bestimmtes Ereignis zu beklagen.

Ehe Gwen reagieren konnte, fühlte sie Yukis Hand an der ihren. Im nächsten Augenblick drückte sich ihre Freundin eng an sie. Sie schien zu zittern und das schwarze Haar fiel ihr unordentlich ins Gesicht. Der Wind heulte auf und riss an ihrem bunten Mantel. Die Zeichen auf ihren Metallkappen glühten blutrot.

„Oni …“, kam es leise aus ihrem Mund. „Oni …“

Gwen strich sanft über ihren Arm und segnete sie mit einem Zauber. Dann trat sie vor und berührte Lameth an der Schulter. Seine goldenen Augen fixierten noch immer die ferne Kathedrale.

„Leth“, flüsterte sie so sanft wie möglich. Sie konnte die Furcht nicht vollständig aus ihrer Stimme verbannen. „Leth, komm. Wir müssen weiter. Wir stehen kurz vor dem Ziel.“

Lameth blinzelte. Langsam trat Erkennen in seine Augen und er schüttelte sich wie ein nasser Hund. Plötzlich zog er wutentbrannt sein Schwert und hob es hoch über seinen Kopf empor.

„Ormozd Alvanelev!“, brüllte er. Ein warmer Lichtblitz umhüllte sie. Einen Augenblick später waren die klagenden Stimmen im Wind verstummt. Nur noch die ferne Melodie drang an ihre Ohren.

Lameth atmete schwer und schlug die Hände vors Gesicht. Nur der goldene Schein seiner Augen schlich sich an seinen zitternden Fingern vorbei.

Aus einem unerfindlichen Grund schockierte Gwen dieses Bild mehr als alle anderen Vorkommnisse. Lameth war ein Held. Er hatte Dämonen getötet, hatte Yuki in einem verfluchten Wald und sie selbst aus ihrem brennenden Dorf gerettet. Er war die Hoffnung und der erwählte Krieger der Menschheit – der Schüler des alten Meisters Gravis, dessen Schicksal sich nun endlich erfüllen würde.

Dennoch stand er mit einem Mal schluchzend vor ihr.

Gwen wich instinktiv zurück. Sie hatte Lameth noch nie weinen gesehen. Seine Gefühle traten stets hinter seiner heldenhaften und freundlichen Ausstrahlung zurück. Ein goldener Schleier aus Mut und Kraft schien den wahren Lameth stets zu umhüllen. Sein jetziger Zustand zerstörte Gwens Bild des unbesiegbaren Streiters vollkommen.

Sie sah sich nach Yuki um, doch ihre Freundin sah auch nicht besser aus. Sie warf unsichere Blicke in alle Richtungen und wisperte immer wieder das gleiche Wort. Gwen erkannte den Begriff für Dämon in der Sprache von Yukis Volk.

Mit einem Mal verspürte Gwen selbst den Drang zu weinen. Sie waren allesamt noch so jung. Trotz all ihrer Abenteuer besaßen sie kaum Lebenserfahrung. Gwen hatte noch nie einen Beruf ausgeübt, hatte noch nie eine eigene Familie gehabt oder den Bund der Liebe geschlossen. In diesem Augenblick traf sie die Bedeutung der Situation mit voller Wucht. Gravis verließ sich auf sie – auf drei Kinder, die sich zufälligerweise im Kampf gegen unheilige Geschöpfe bewährt hatten.

Was ist in meinem Leben nur schiefgelaufen? Ich sollte nicht kämpfen können. Ich sollte zuhause sein, in meinem Dorf … ich sollte ein glückliches Leben führen und nicht das Schicksal der gesamten Welt auf meinen Schultern tragen müssen.

Eine einzelne Träne benetzte ihre eigene Wange. Kurz bevor die fremdartige Melodie sie in Besitz nahm, erhob sich Lameth, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und hob sein Schwert.

„Genug davon!“, rief er so laut, dass seine Worte wie Donnerhall durch den unterirdischen Komplex fuhren. Seine Augen funkelten ungehalten.

„Ich kann mich wieder erinnern“, flüsterte er. „Hier bin ich geboren. Hier, in dieser Stadt.“ Seine goldenen Augen blitzten und fixierten die Kathedrale. „Ich weiß nicht, wie das alles zusammenhängt, aber das Schicksal wollte, dass ich zurückkehre. Ich verstehe den Sinn nicht, aber …“ Er schluckte. „Lasst uns weitergehen“, murmelte er mit gesenktem Kopf. „Wir müssen es zu Ende bringen. Karfurth wird fallen.“

Lameth atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Doch Gwen hielt ihn einen Augenblick fest.

„Ich weiß, das ist kein guter Zeitpunkt …“, begann sie zögerlich. Sie unterdrückte ein Schluchzen, das sich zuvor in ihrer Kehle gebildet hatte. „Bist du sicher, dass alle Dämonen sterben, wenn wir das Herz des Königs zerstören? So wie die alten Legenden es berichten?“

Lameth nickte. „Ich bin sicher. Sie werden alle sterben. Sie müssen einfach.“

Schweigend folgten sie dem Verlauf der Brücke und erreichten einen weiteren Torbogen. Erst jetzt erkannte Gwen, dass er Teil eines seltsamen Gebäudes war, das auf den ersten Blick wie ein verunstalteter Felsbrocken wirkte. Feingliedrige Adern durchzogen den nackten Stein. Sie glommen rötlich und ihr fahler Schimmer erweckte den Eindruck von fließendem Blut.

Der Gesang wurde lauter, als sie den Torbogen durchschritten und zur letzten Treppe gelangten. Der Sänger war eindeutig männlich und wurde von einem einzigen Instrument begleitet, das Gwen nicht einordnen konnte. Sein Klang schien nicht von dieser Welt zu sein.

Während sie hinabstiegen, schweiften Gwens Gedanken ein letztes Mal zu den Legenden der alten Welt, die sie als Kind gehört hatte. Ein gewaltiges Reich erhob sich in einem fruchtbaren Land, das nun verödet wie eine Wunde die Landschaft verunzierte. Es war ein Königreich der Dämonen gewesen und von den Paladinen der alten mit der Kraft des Lichts vernichtet worden. Nun kehrten die Dämonen aus ihrem Schlaf zurück, um die übrigen Reiche heimzusuchen, als Ersatz für ihre verlorene Heimat.

Aber das hier ist keine Dämonenstadt, wisperte eine freche Stimme in ihrem Verstand. Das hier ist eine Stadt der Menschen, schöner und größer als je eine Stadt zuvor und danach.

Gwen umklammerte ihren Stab fester. Sie durfte sich keine Zweifel erlauben. Der Dämonenkönig erwartete sie.

Endlich erreichten sie den Fuß der Treppe. Das Lied drang hier am deutlichsten an ihre Ohren. Gwens Augen weiteten sich überrascht.

Sie standen im Eingang einer winzigen Kammer, deren Wände schwebende Leuchtkugeln säumten. Sie glommen sanft in warmen Farben und wirkten wie freundliche Glühwürmchen. In dem Augenblick, als Gwen das Zentrum der Kammer erblickte, verstummte der Sänger und das Lied endete.

Inmitten leuchtender Kugeln saß ein junger Mann mit schneeweißen Haaren und einer weiten Robe auf einem gewaltigen Sarkophag. Seine Augen wirkten wie abgrundtiefe Seen der Trauer. Müdigkeit spiegelte sich in seinem weisen Blick. Er wirkte deutlich älter, als seine jugendliche Gestalt erlauben sollte.

Er hatte dasselbe Gesicht wie Lameth.

Gwen war ebenso überrascht wie ihre Freunde. Yuki schlug entsetzt eine ihrer metallüberzogenen Hände vor den Mund, während Lameth instinktiv eine defensive Kampfposition einnahm. Seine Augen erglühten in unbegreiflichem Schrecken.

Der junge Mann nickte ihnen langsam zu und erhob sich von dem Sarkophag. Er bewegte sich mühselig und stützte sich mit zitternden Händen ab. Die Robe legte sich um seinen dürren Körper wie eine seidene Aura aus Nebel.

Der junge Mann deutete eine Verbeugung an und lächelte traurig.

„Willkommen in meiner Ruhestätte“, seufzte er und breitete die Arme aus, so als wollte er die Kammer umfassen. „Mein Retter.“

Kurz herrschte Stille, bis Lameth entschlossen die Waffen hob und sich seinem Ebenbild näherte. Seine Hände zitterten, doch er blieb kampfbereit.

„Wer bist du? Bist du das Herz des Chaos, das die Dämonen am Leben erhält?“

Der junge Mann schüttelte den Kopf und der kurze Anflug eines Lächelns huschte über seine Lippen. „Ich habe vor so langer Zeit dieselben Worte gesprochen. Du bist wahrhaftig mein Nachfolger.“

„Dein Nachfolger? Was soll das bedeuten?“, fragte Lameth verwirrt. Er verharrte auf halbem Wege vor dem jungen Mann. Yuki und Gwen flankierten ihn eilig. Gwen segnete ihre beiden Freunde, konnte aber keine Anstalten zum Kampf an ihrem Gegner entdecken. Sie entdeckte keine Kampfmagie, sondern nur filigrane Lichtfäden, die den Körper ihres Gegenübers mit dem Sarkophag verbanden.

„Du wurdest hier geboren, um der Retter der Menschheit zu sein“, erklärte der junge Mann geduldig. „Was ich vor so vielen Jahrhunderten getan habe, sollst du nun wiederholen. Es ist unser Vermächtnis, unser Fluch.“ Dabei strich er gedankenverloren über den Sarkophag. „Unser Fluch als Söhne des Dämonenkönigs.“

Wie vom Blitz getroffen wich Lameth zurück. Sein Mund öffnete sich und seine Augen blitzten geweitet in stummem Entsetzen. Gwen blickte den jungen Mann entsetzt an. Das konnte nicht wahr sein.

„Es war einmal ein Mann“, berichtete der junge Mann leise. „Der die schönste Stadt der Welt regierte. Er besaß alles, bis auf eigene Kinder. Also griff er zu verbotener Magie und schloss einen Pakt mit dem Teufel, um das Fortbestehen seiner Linie zu sichern.“

Der junge Mann seufzte und wies mit einer vor Schwäche zitternden Hand auf die Decke der Kammer. „Aber der Pakt forderte einen unverschämten Preis. Der Wunsch des Mannes, dass seine Familie ewig fortbestehen möge, erfüllte sich. Doch der Mann und seine Untertanen verwandelten sich in blutrünstige Dämonen, die in ihrer großartigen Stadt mordeten und ein schreckliches Massaker anrichteten. Seine Frau flüchtete in die Kathedrale und gebar einen Sohn – einen Sohn, der die Macht des Teufels erhielt und auszog, seinen Vater zu bekämpfen.“

Der junge Mann kicherte verschmitzt. Seine Augen richteten sich auf Lameth und Gwen betrachtete schockiert, wie Tränen seine Wangen benetzten.

„Verstehst du, Bruder?“, flüsterte er. „Der erste Sohn verbannte seinen Vater hier in diesen Sarkophag. Aber er versetzte ihn nur in einen Schlaf. Der Sohn verband sich mit dem Vater mit seiner eigenen uralten Magie und hielt ihn und seine dämonischen Legionen zurück, bis seine Kraft nachließ. Die Dämonen erhoben sich erneut und der Teufel setzte einen neuen Sohn in die Kathedrale, der wieder auszog, um dieselbe Reise zu erleben und denselben Kampf zu fechten, nur um letzten Endes den Platz des vorherigen Sohnes einzunehmen und den Sarkophag seines unsterblichen Vaters zu bewachen und die Dämonen erneut zu bannen.“ Er kicherte erneut. „Ihr solltet wissen, dass ich einer der Paladine war, die vor Jahrhunderten die letzte Dämonenplage beendeten. Man hält mich für einen verstorbenen Helden, aber in Wirklichkeit habe ich hier ausgeharrt – und gewartet. Gewartet, dass mein jüngerer Bruder meinen Platz einnimmt.“ Er lächelte schwach. „Ich kann das Böse nicht mehr zurückhalten.“

Gwen starrte den jungen Mann an und plötzlich offenbarte sich ihr die Niedertracht dieses diabolischen Plans. Immer und immer wieder erhoben sich die Dämonen, nachdem die Helden in Vergessenheit gerieten, immer und immer wieder wurden die Stadtbewohner ins Leben zurückgerufen, um die lebendigen Menschen heimzusuchen. Es war ein gewaltiger Kreislauf aus Hass und Leid.

Plötzlich hatte Gwen eine Vision. Sie sah den jungen Mann, einen anderen Lameth mit seinen Freunden in dieselbe Höhle kommen. Neben ihm ging eine Magierin mit einem Spitzhut und einem Ebenholzstab.

Die Geschichte wiederholt sich. Selbst wenn wir ihn jetzt binden … nach einigen Jahrhunderten werden neue Dämonen umherstreifen und andere Mädchen wie mich zu Waisen machen. Eine neue Gruppe wird zu einer Reise aufbrechen, um diesen aussichtslosen Kampf weiterzuführen.

Diese Spirale würde niemals enden.

Gwen blickte ratlos Lameth an und erschrak, als sie die Trauer in seinem Gesicht sah. Er nickte.

„Ich erinnere mich jetzt“, flüsterte er. „Ich erinnere mich an meine Geburt und meinen Zweck. Ich muss den König binden. Ich bin der Wächter der Welt.“

Er steckte das Schwert in die Scheide und näherte sich seinem Bruder.

„Lameth!“, rief Gwen verzweifelt und sprang vor, doch Yuki hielt sie zurück und schüttelte den Kopf. Gwen kämpfte gegen ihren Griff an.

„Wir finden einen Weg!“, schrie sie. „Wir können den Dämonenkönig bezwingen! Wenn wir alle unsere Kräfte vereinen …“

„Wir haben keine Zeit mehr.“ Lameth warf Schild und Schwert von sich und näherte sich dem jungen Mann. „Jede weitere Sekunde könnte ein Menschenleben in Karfurth beenden.“ Kurz herrschte Schweigen. „Gwen, Yuki …“ Lameth wandte sich mit traurigem Lächeln um und sah sie an. „Danke. Danke für alles.“

Gwen hob entschlossen den Ebenholzstab. Sie würde ihn zurückhalten. Sie musste ihn zurückhalten! Doch noch ehe ein Zauberspruch über ihre Lippen kam, umarmte Lameth sein Ebenbild.

Goldenes Leuchten erfüllte die Kammer und schleuderte Gwen und Yuki nach hinten. Gwen stieß einen lauten Schrei aus. Sie hatte das Gefühl zu fallen und durch einen endlosen Wirbel aus Farben zu gleiten. Sie presste sich eng an Yuki, hielt sich an ihr fest und zog Trost aus ihrer Anwesenheit.

Dann verschwand der Wirbel und sie schlugen hart auf dem Erdboden auf.

Als Gwen sich taumelnd erhob, brandete Jubel auf sie ein. Yuki und sie befanden sich vor den Toren Karfurths und wurden Zeuge eines dämonischen Heeres, das wie schwarzer Nebel in alle Windrichtungen verteilt wurde. Die menschlichen Soldaten strömten aus den zerstörten Toren, reckten ihre Waffen und freuten sich über die beendete Bedrohung. Sie glaubten, dass ihre Helden den Dämonenkönig besiegt hätten.

Sie wissen nicht, dass derselbe Kampf in wenigen Jahrhunderten von vorn beginnen wird.

Erschaudernd schlang Gwen die Arme um ihre angewinkelten Knie. Yuki umarmte sie.

„Hab keine Angst“, flüsterte Yuki.

Gwen erwiderte die Umarmung. Yukis Trost wog schwerer als der Jubel aller Soldaten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der letzte Palast (1/2)

Sacht fegte ein staubiger Windstoß durch die Ödnis. Ausgetrocknete Flussbette und abgestorbene Bäume säumten seinen Weg, das silbrige Mondlicht tanzte auf ihm und gelangte selbst in den rissigen Erdboden. Der Wind durchquerte die leblose Landschaft unter dem schimmernden Sternenhimmel. Keine einzige Wolke stand am Himmel.

Eine auffällige Felsformation, um die sich schwarzer Rauch wand wie ein hungriges Gespenst, erhob sich inmitten der Trostlosigkeit. Wie wabernder Nebel verschluckte er das fahle Mondlicht und verbarg sein Geheimnis vor neugierigen Augen.

Stille beherrschte die Einöde, bis mit einem Mal zwei gewaltige Lichtsäulen vom Sternenhimmel herunterfuhren und das halbdunkel zerrissen. Direkt vor der Felsformation bohrten sich die Säulen in den trockenen Boden und wirbelten eine Staubwolke auf. Einen Augenblick später waren sie verschwunden und zwei geisterhafte Schemen traten daraus hervor.

Gwen kniff die Augen zusammen und strich eine Strähne ihres karmesinroten Haares hinter ihr Ohr. Der Wind zog sacht an ihrem langen Umhang und zerrte feine Lichtfetzen aus der Spitze ihres langen Zauberstabs. Dabei hörte sie hämisches Flüstern und kurz glaubte sie, diabolische Augen blitzten sie aus der Dunkelheit heraus an.

Gwen hob entschlossen den Stab. „Ormozd!“

Eine Druckwelle aus Licht breitete sich um sie herum aus und fegte ihr beinahe den verzauberten Spitzhut vom Kopf. Das Wispern des Windes erstarb sofort und der Luftzug legte sich. Gwen atmete tief durch, als sie mit einem Mal eine Bewegung neben sich wahrnahm. Sofort wirbelte sie herum und hob kampfbereit ihren Stab. Ihre Lippen formten bereits Worte, bis sie ihre Freundin erkannte.

„Yuki!“, rief sie erleichtert. „Gravis sei Dank, es hat funktioniert!“

Die schweigsame junge Frau mit den wallenden schwarzen Haaren und den geschlitzten Augen nickte langsam. Sie trug einen bunten, fremdartigen Mantel, der einem langen Federkleid glich. Seine weiten Ärmel verbargen kaum die metallenen Kappen, die sich über ihre geballten Fäuste wölbten. Schwach glimmende Schriftzeichen bedeckten ihre harte Oberfläche.

Gwen atmete tief durch. Sie durften nun keinen Fehler begehen. Das Schicksal der gesamten Welt hing von ihnen ab.

Langsam suchte sie mit zusammengekniffenen Augen ihre Umgebung ab und erschauderte, als sie die toten Bäume erspähte. Sie wirkten wie Leichen, die im Todeskampf ihre dürren Arme in alle Richtungen ausstreckten.

Yuki zupfte an ihrem Ärmel und deutete hinter Gwen. Ihre unergründlichen schwarzen Augen verengten sich.

Als Gwen sich umwandte, sah sie zunächst nur schwarzen Nebel. Erst nach einigen Sekunden erkannte sie die Silhouette einer Felsformation.

„Das muss der Eingang sein!“, rief sie und schluckte. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie durften sich nun keinen Fehler erlauben. Langsam ging sie vorwärts, den Stab vorsichtig erhoben. Yuki folgte ihr mit forschen Schritten. Ihre Gewänder schleiften über den staubigen Boden.

Gwen strengte ihre Augen an, doch sie konnte die Schwärze des Nebels nicht durchdringen. Probeweise streckte sie eine Hand aus und erschauderte, als die Dunkelheit ihre Haut umschlang. Beinahe fühlte es sich an wie eine wahrhaftige Berührung.

Im nächsten Augenblick erhob sich bestialisches Brüllen. Gwen konnte nicht reagieren, als der Nebel sich verdichtete und ein dunkles Gesicht auf ihren Arm niederfuhr. Ihr Mund öffnete sich zu einem Schrei.

Es verging kein Herzschlag, bis eine weitere Lichtsäule vom Himmel herabfuhr und das Wesen vor ihr in Stücke schnitt. Eine goldene Druckwelle fegte die Dunkelheit vor der Felsformation hinweg und offenbarte einen jungen Mann mit goldblondem Haar und blitzenden blauen Augen, dessen Langschwert im fahlen Mondlicht silbrig glitzerte. Er trug eine Rüstung und einen beeindruckenden Schild mit Schutzrunen.

„Ormozd Alvanalev!“, kam es aus seinem Mund.

Der dunkle Nebel verschwand und ein fernes Wimmern ertönte. Der junge Mann ließ seinen Schwertarm sinken und fixierte Gwen vorwurfsvoll.

„Das war gefährlich“, sagte er.

„Ich bin geschützt, Lameth“, erwiderte Gwen und ließ wie zum Beweis ihren Schild aufleuchten. „Abgesehen davon, was hat dich denn aufgehalten? Wir müssen die Welt retten, schon vergessen?“

Lameth lächelte verlegen und steckte sein Schwert zurück in die Scheide. Die ernste Aura fiel von ihm ab wie ein alter Mantel.

„Meister Gravis hatte noch einen Rat für mich“, sagte er. „Das könnte schließlich das letzte Mal sein, dass ich ihn gesehen habe.“

Gwen hob eine Augenbraue. „Ich weiß, dass er für dich immer wie ein Vater war, seitdem er dich im Wald gefunden hat. Aber du musst dich jetzt konzentrieren. Du bist der einzige, der den Dämonenkönig besiegen kann!“

Yuki stellte sich neben Gwen und nickte bekräftigend. Dabei schlug sie ihre metallenen Fäustlinge gegeneinander. Früher hatte dieses Geräusch Gwen immer zum Zittern gebracht, aber nach ihren gemeinsamen Reisen war sie mittlerweile schon daran gewöhnt.

Lameth atmete tief durch und nickte. „Ich weiß. Ich werde mich nicht zurückhalten.“ Seine Augen funkelten entschlossen. „Ich habe die besten Freunde an meiner Seite, die sich ein Mensch nur wünschen kann! Gemeinsam können wir diese ewige Geißel vernichten!“

Gwen und Yuki nickten zustimmend. Sie hatten so vieles gemeinsam erlebt. Sie waren bereit, den letzten Gegner zu besiegen!

Lameth hob den Schild und näherte sich der verräterischen Felsformation. Sie wirkte wie der unebene Rücken eines schlafenden Drachen.

„Belphegors Rücken“, flüsterte Gwen beeindruckt. Das schroffe Gestein wirkte rasiermesserscharf.

„Hier muss der Eingang sein“, murmelte Lameth. „Yuki! Das ist deine Aufgabe.“

„Gut.“ Wohlige Schauer liefen über Gwens Rücken. Yukis Stimme erinnerte sie an einen Fluss aus Milch und Honig, der sie warm umschloss. Dennoch umklammerte sie den Ebenholzstab fester. Sie durfte sich nun keinerlei Ablenkung erlauben.

Bedächtig schritt Yuki zum Eingang und nahm ihre Eröffnungsposition ein. Sie murmelte einige unverständliche Worte, bis die Symbole auf den Metallkappen zu glühen begannen. Yuki stieß einen bedrohlichen Schrei aus und schlug zu.

Ein roter Lichtblitz erfüllte die Luft und das Geräusch berstenden Gesteins zerriss die Stille der Einöde. Risse zogen sich durch die Felsformation. Einen Augenblick später erzitterten die Felsen und eine getarnte Wand stürzte ein. Gwen bedeckte ihre Augen mit den Händen und bewegte sich vorsichtig nach vorn. Yukis Angriff hatte einen kleinen Erker freigelegt. Mit ihren Sinnen erspähte sie eine verborgene Treppe hinter der gemauerten Wand.

„Geht zur Seite!“, rief Gwen und hob ihren Ebenholzstab. „Hier ist der Eingang!“

Yuki und Lameth traten zurück und Gwen klopfte gegen die Mauer. Sie löste sich in feinen Staub auf, der langsam zu Boden rieselte. Dahinter kam ein uralter Torbogen zum Vorschein, der sich über die abschüssige Treppe wölbte.

„Das ist es“, flüsterte Lameth. „Der unterirdische Palast des ersten Reiches.“ Kurz schloss er die Augen. Er schien Kraft zu sammeln. Als er sie wieder aufschlug, glühten sie golden.

„Ich gehe voran“, sagte Lameth schlicht und begab sich zur Treppe.

Die Anordnung war überflüssig. Die drei hatten bereits so oft miteinander gegen die Mächte der Finsternis gekämpft, dass Gwen ihm instinktiv nachfolgte und Yuki die Nachhut bildete. Gwen umklammerte ihren Stab fester und sprach einen Segen über ihre Freunde. Die magischen Energien mussten frei fließen, wenn sie den König bekämpfen wollten.

Die Treppe war lang und dunkel, jedoch überraschend gut erhalten. Gwen war überrascht, Jahrtausende waren seit dem Untergang des alten Reiches vergangen, doch die Stufen wirkten wie neu.

Kurz glaubte sie wieder, leise wispernde Stimmen zu hören. Gwen konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. Bisher waren ihre Feinde stets Dämonen gewesen, deren Kräfte sich analysieren und bewerten ließen. Sie fürchtete die mystische Aura dieses Orts.

Geheimnisumwittert heißt lediglich informationslos.

Mit einem Mal legte sich Yukis Hand sanft auf ihre Schulter. Gwen ergriff und drückte sie. Yuki schien stets zu spüren, wann es ihr schlechtging.

Endlich erreichten sie das Ende der Treppen. Vor ihnen erhob sich ein prunkvolles Doppeltor, das von dämonischen Statuen flankiert wurde. Gwen erkannte die Darstellung. Der Künstler hatte zwei doppelköpfige Unholde verewigt, deren raubtierhafte Züge einem Geier ähnelten. Gwen erinnerte sich widerstrebend an einen Kampf gegen diese Wesen, den sie zusammen geführt hatten. In diesem Augenblick beruhigte sie die Anwesenheit von Yuki und Lameth mehr als jede Ehrengarde es je könnte.

„Dort oben steht etwas“, sagte Lameth leise. Gwen folgte seinem Blick und erkannte verwitterte Buchstaben auf dem Torbogen. Sie kannte weder die Schrift noch die zugehörigen Satzzeichen. Für sie wirkte es wie das Gekritzel eines wirren Hofnarrs.

„Fürchte dich selbst“, las Lameth zögerlich vor.

Gwen und Yuki musterten ihn verblüfft. Lameth sah sie verlegen an.

„Was ist das für eine Sprache?“, fragte Gwen sofort. „Wieso kannst du sie?“

„Ich … ich weiß es nicht“, gestand Lameth. „Sie wirkt irgendwie vertraut …“

Gwen seufzte. Solche Dinge geschahen ständig. Lameth besaß keine Erinnerungen an seine Kindheit und glaubte immer wieder, in alten Relikten Erinnerungsfetzen zu erkennen.

Wahrscheinlich steht dort in Wirklichkeit nur so was wie „Mit Schuhen betreten verboten“ oder „Keine Waffen erlaubt“. Dennoch stieg Unbehagen in Gwen auf. Aus den Augenwinkeln erkannte sie, dass Yuki sorgenvoll die Stirn runzelte. Ihre Freundin wirkte ebenfalls besorgt.

„Egal …“ Lameth trat vor und untersuchte das gewaltige Doppeltor. „Ich glaube, das könnten wir sogar ohne Yuki schaffen … diese Seite gibt nach …“ Lameth stemmte sich dagegen. Kurz geschah nichts, dann knarrte der Torflügel und schabte über den steinernen Boden. Gwen starrte das Tor überrascht an.

Wie kann das Holz so viele Jahrtausende überstanden haben? Es hat nur die Farbe gewechselt. Statt bräunlich wirkte es im schwindenden Licht beinahe grau.

Lameth drückte das Tor ein Stück weit auf, dann ging er mit erhobenem Schild durch den so entstandenen Spalt. Gwen folgte ihm mit hämmerndem Herzen und hörte Yukis beruhigende Atemzüge. Sie zwang sich innerlich, ihren Puls dem ihren anzugleichen.

Als sie das Tor passierten, empfing sie plötzlich Helligkeit.

Gwen starrte überrascht auf die gewaltige Halle, die sich vor ihnen erstreckte. Reich verzierte Fackeln in der Form lauernder Gargoyles verbreiteten rötliches Leuchten. Gwen konnte trotz ihrer Magiesicht keine Fallen entdecken.

„Die Halle ist riesig!“, stieß sie atemlos hervor. „Und es gibt keine einzige Falle!“

Lameth betrachtete sie mit gehobener Augenbraue. „Keine einzige Falle? Bist du dir sicher?“

Gwen schob die Unterlippe vor. Musste er ausgerechnet jetzt an ihr zweifeln? Sie war auch ohnedies schon nervös genug!

„Natürlich sind hier keine Fallen! Hast du schon vergessen, dass Meister Gravis mich zum Oculus ernannt hat?“

Lameth leckte sich nervös über die Lippen. „Hier ist nichts“, murmelte er. „Keine Fallen, keine Feinde, keine Einrichtung. Wofür diente diese Halle?“

Gwen wollte bereits Vermutungen anstellen, als Yuki ihnen beiden die Hände auf die Schultern legte und mit dem Kinn auf die Wand vor ihnen deutete. Gwen wandte verwirrt den Kopf und entdeckte mit einem Mal im Halbdunkel der Wand eine Karte, die jemand in die Mauer gemeißelt hatte.

Lameth hob seinen Schild. „Bleibt zurück!“

Gwen verdrehte die Augen, bevor sie ihm in der gewohnten Formation nachfolgte. Eine goldene Aura tanzte wie ein Lichtermeer auf Lameths Körper und rang mit den roten Lichtern der Statuen an der Wand. Gespensterhafte Schatten wiegten sich an der Wand, während sie die Karte betrachteten.

„Scheint so, als hätte der Palast drei Ebenen“, flüsterte Lameth. „Das Grab des Dämonenkönigs ist ganz unten.“

Gwen zischte übellaunig. „Natürlich. Warum kann unser Ziel auch nie dort sein, wo unsere Karten es sagen?“

Yuki kicherte mit vorgehaltener Hand, während Lameth sie mit gehobener Augenbraue musterte. „Na hör mal“, sagte er mit der Andeutung eines Lächelns. „Meinst du, die Welt zu retten wäre einfach?“

Gwen verkniff sich eine Antwort und setzte sich in Bewegung.

Sie gingen vorsichtig die Wand entlang und blieben im Schatten der gewaltigen Gargoyle-Statuen. Gwen hoffte zutiefst, dass sie nicht lebendig werden konnten. Ihr zweiter Kampf hatte ihnen ein ähnliches Problem bereitet und blieb immer noch ihre schlechteste Erinnerung.

Gleich nach den Unholden mit den zwei Köpfen.

Die Halle war leer, aber entsetzlich groß. Gwens Augen schmerzten bereits nach der Hälfte durch die konstante Magiesicht. Sie war sogar gewaltiger als Meister Gravis‘ Anwesen in Karfurth!

„Wir sollten uns beeilen!“, rief Lameth. Er wirkte nun todernst. Gwen entging nicht, dass er seinen Schild krampfhaft umfasste. „Das Heer der Dämonen wird Karfurth jeden Augenblick erreichen. Wir müssen das Grab vorher finden!“

Gwen nickte zustimmend und beschleunigte ihre Schritte. Die Geräusche hallten unnatürlich in der Stille der gewaltigen Halle wider. Gwen warf unsichere Blicke in alle Richtungen. Das rote Licht wirkte unheilvoll. Sie erschauderte, als sie die unnatürlichen Verrenkungen ihrer eigenen Schatten an der Wand beobachtete. Sie erkannte keine Fallen, aber war trotzdem beunruhigt. Dieser Ort strahlte mystische Bedrohlichkeit aus, wie ein gefährlicher Schemen eines gewaltigen Raubtiers, der sich in dunklem Nebel verbarg.

Endlich erreichten sie das Ende der Halle. Ein weiterer Torbogen überspannte eine gähnende Öffnung, die wie das Maul eines Raubtiers wirkte. Kurz glaubte Gwen, wieder entferntes Flüstern zu vernehmen. Die Stimmen klangen nun von Trauer erfüllt und schwebten aus der finsteren Öffnung zu ihnen empor.

„Das wäre der ideale Ort für einen Hinterhalt“, flüsterte Lameth und hob seine Waffen. „Dies sind die Ruinen eines vergessenen Reichs. Wir können nicht genau einschätzen, was hier auf uns lauert. Rechnet mit Unholden und anderen Dämonen der A-Klasse!“

Gwens Hände zitterten. Sie schluckte und umklammerte den Stab fester. Dann warf sie sich hinter Lameth in die Dunkelheit.

Kurz verlor die Welt ihr Licht.

Einen einzigen Augenblick lang meinte Gwen, durch eine durchscheinende Silhouette zu gleiten und hielt instinktiv den Atem an. Die seltsamen Formen um sie herum erinnerten sie an eine surreale Unterwasserwelt.

Dann endete das Gefühl und sie fand sich zwischen Lameth und Yuki in einem Tempel voller Statuen wieder.

Steinerne Säulen trugen tonnenschweres Gestein über ihren Köpfen. Zu ihrer Überraschung glich der Rest der Einrichtung einem gewaltigen Figurenkabinett aus Statuen. Doch hier standen keine Dämonen, keine Unholde und auch keine Geister, sondern Menschen. Gwen sah edle Ritter und grimmige Könige, die große Zepter schwangen. Sie erspähte auch Magier und Faustkämpfer wie Yuki, deren Handschutz von ebenso alten Symbolen bedeckt waren wie die ihrer Freundin.

Die Bildnisse standen wirr im Raum verteilt und schienen einer unbekannten Ordnung zu folgen. Instinktiv hatte Gwen das Gefühl, die Statuen starrten sie an. Sie wich zurück.

„Ich wette, sie erwachen zum Leben“, flüsterte Lameth entsetzt und hob einen Schild. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er griff kampfbereit zur Schwertscheide. „Gwen? Was siehst du? Sind sie gefährlich?“

Gwen konnte ihren Blick nicht von den Statuen losreißen. Ihre Blicke wirkten nicht bedrohlich oder furchteinflößend, sondern wie ein kollektives Klagegeschrei, ein schmerzerfülltes Weinen, das tausende Seelen auf einmal anstimmten. Gwen schüttelte den Kopf und blinzelte, doch nichts änderte sich. Ihre Magiesicht zeigte keine Gefahren auf.

„Das sind nur … Statuen“, erwiderte sie leise.

Lameth musterte sie ungläubig. Sein Blick taxierte die Statuen genauer und er deutete mit seiner freien Hand auf die gewaltige Armee vor ihnen.

„Du willst mir weismachen“, sagte er langsam. „Dass keine einzige Statue verzaubert ist?“

Gwen nickte perplex. Sie konnte ihrer Einschätzung selbst kaum glauben.

Ohne Vorwarnung trat Yuki vor und strich ihr Haar aus dem Gesicht. Die Symbole auf ihren Handkappen glommen schwach. Sie wirkte angespannt.

„Das ist ein Ort der Geister“, murmelte sie mit einem Mal. Lameth und Gwen sahen sie beide erstaunt an. Yuki sprach zum ersten Mal an diesem Tag.

„Wieso Geister?“, fragte Lameth entrüstet. „Das hier ist das Grab eines Dämons!“

Yuki hob eine Hand und gebot Schweigen. „Schließt die Augen“, flüsterte sie.

Gwen befolgte den Rat ihrer Freundin. Es vergingen mehrere Herzschläge ohne jegliches Ereignis. Gwen wollte Yuki bereits anzweifeln, als sie mit einem Mal die sanften Klänge eines Lieds hörte.

Die Melodie schien von weither zu kommen und dennoch sehr nahe zu sein. Die Stimme eines jungen Mannes erklang in ihrem Inneren und erfüllte die Luft mit düsterer Melancholie. Obwohl das Lied Gwen zu Tränen rührte, nahm sie in der Musik auch unbegreifliche Schönheit wahr. Bilder aus ihrer Kindheit fluteten ihr Gedächtnis – Bilder ihres Heimatdorfs, das von herumstreunenden Dämonen zerstört worden war, Bilder ihrer Eltern und Geschwister, deren verwesende Leiber nun in kalten Gräbern lagen. Das Lied wirkte wie eine Litanei für die Vergangenheit, für die Dinge, die verloren waren.

Gwen schlug die Augen erst wieder auf, als sie Yukis handkappen an ihrer Schulter spürte. Das Lied erschien ihr nun lauter als zuvor. Die Melodie schwebte scheinbar aus dem Boden zu ihnen herauf. Der Sänger musste sich unter ihnen befinden.

Gwen bemerkte mit einem Mal, dass Yuki angespannt Lameth schüttelte. Ihr Freund lehnte mit dem Rücken an der Mauer und hatte seine Arme sinken gelassen. Der Schild entglitt seinen erschlafften Fingern und prallte geräuschvoll auf dem Boden auf. Kurz schien die Melodie anzuschwellen, bis sie wieder auf ihre ursprüngliche Lautstärke zurücksank wie ein ermattetes Geschöpf, das sich im Sterbebett aufbäumte.

„Lameth!“, rief Gwen panisch und griff nach ihm. Er war ihre einzige Hoffnung. Sein Schwert Alvanalev war die einzige Waffe, die den Dämonenkönig in seinem Grab in das Jenseits bringen konnte.

Yuki schüttelte ihn beinahe brutal und zum ersten Mal sah Gwen so etwas wie Panik in den Augen ihrer Freundin. Yuki blieb immer ruhig und bedacht, selbst in den heftigsten Kämpfen behielt sie einen kühlen Kopf. Nun wirkte sie wie ein verängstigtes Kind.

Gwen sprach einen schnellen Segen und stärkte Lameths Widerstandskraft gegen fremde Magie. Jemand sabotierte ihn. Eine andere Erklärung für seine Ohnmacht fand sie nicht.

Ein Zittern ließ Lameths Körper erbeben. Yuki schlug so vorsichtig wie möglich gegen seine Wange. Endlich öffneten sich seine Augen. Lameth brach schwer atmend zusammen. Schweiß strömte ihm plötzlich ins Gesicht und seine Arme zitterten.

„Lameth?“, fragte Gwen sanft. „Lameth?“ Sie konnte nicht verhindern, dass sich Sorge in ihre Stimme schlich.

Lameth hob eine Hand wie als Versicherung. Er nickte langsam und erhob sich. Entschlossen hob er den Schild hoch. Seine Augen glühten wieder golden, als er sie ansah.

„Etwas stimmt hier nicht“, flüsterte er.

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (2/2)

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

Bevor Matthias antworten konnte, veränderte sich plötzlich der Raum. Die Dunkelheit, die sie wie Nebel umfangen gehalten hatte, wich dem Licht einer grellen Deckenlampe. Erstaunt erkannte Matthias ein Schlafzimmer. Auf dem Bett saß Theo, ein Junge aus seiner Klasse, der ausschließlich Einsen und Zweien schrieb, mit gesenktem Kopf. Auf einem Sessel ihm gegenüber thronte eine stark geschminkte, hochgewachsene und streng wirkende Frau. Sie trug ein enges schwarzes Kostüm. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem straffen Knoten gebunden. Sie las sich gerade die schriftliche Chemie-Überprüfung durch, die erst vor zwei Tagen stattgefunden hatte.

Beide schienen weder ihn, noch Enki, noch den Tisch oder die Stühle zu bemerken.

Plötzlich rümpfte die Frau, wohl Theos Mutter, die Nase und ließ das beschriebene Blatt Papier sinken. ,,Was hast du da bei der Definition für Isotope geschrieben? Positiv oder negativ geladene Atome? Das sind Ionen, nicht Isotope! Du hast einen Punkt dafür abgezogen bekommen!“

,,Ich habe mich verlesen.“, erwiderte Theo kleinlaut.

,,Verlesen? Du hast diesmal nur 18 von 20 Punkten erreicht, das ist schon fast eine Zwei. Wie kommt das? Bist du etwa in der Nacht wach geblieben und konntest dich dann nicht mehr konzentrieren?“

Theo schwieg. Er wirkte klein und verletzlich.

,,Wenn du im späteren Berufsleben Erfolg haben möchtest, dann kannst du dir solche Fehler nicht leisten!“ Wutschnaubend erhob sich die Frau. ,,Du wirst die Definition von Isotopen…die RICHTIGE Definition…hundertmal aufschreiben, verstanden? Und heute gehst du um acht ins Bett. Und kein Fernsehen oder Handy!“

Die Frau verließ das Zimmer mit großen Schritten. Theo zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er saß noch lange in dieser Haltung auf dem Bett, den Blick gesenkt. Als Matthias sich näher beugte, erkannte er bestürzt, dass Theo weinte. Tränen liefen über seine bleichen Wangen.

Schließlich stand der Junge auf und ging, direkt an Matthias vorbei, zu einem kleinen Schreibtisch. Er nahm eine Schere aus einer Federschachtel, die Matthias aus der Schule kannte. Fassungslos sah er einen der Besten seiner Klasse, wie er sich langsam die Hand ritzte. Auf der bleichen Haut entstanden rote Buchstaben…Theo schrieb das Wort Versager in sein Fleisch.

,,Es tut mir leid, Mama.“, flüsterte Theo mit halb erstickter Stimme. Tränen tropften von seinem Kinn.

Der Szene wich wieder Dunkelheit. Enki lächelte. ,,Er hat es wohl auch nicht so leicht, was?“

Als Matthias nicht antwortete, fuhr er fort. ,,Theo wünscht sich nichts sehnlicher, als mit anderen Jungen seines Alters ungestört abhängen zu können…doch seine Eltern erlauben es ihm nicht. Sie beide haben Erfahrungen mit dem Geschäftsleben gemacht und wollen um jeden Preis verhindern, dass ihr Sohn später einmal keinen Job bekommt. Um ihr Ziel zu erreichen, zwingen sie ihn, zu lernen, bis er umfällt.“ Es folgte eine kurze Pause. ,,Und du hast ihn gedemütigt. Damit trägst auch du Schuld an seinem Drang, sich selbst zu verletzen.“

Enkis Stimme enthielt keinerlei vorwurfsvolle Elemente. Sie klang vielmehr wie eine nüchterne Feststellung.

Matthias hüllte sich in Schweigen. In seinem Herzen pochte Theos Schmerz. Er fühlte den unglaublichen Drang, den Fesseln seines Daseins zu entfliehen.

Meine Eltern lieben mich nicht., klagte Theos Stimme in Matthias Gedanken. Sie wollen mich zu einem Roboter machen, arbeiten, arbeiten, arbeiten, alles andere ist ihnen egal. Musik, Kunst…das alles ist für sie nebensächlich. Und in der Klasse mag mich auch keiner. Alle halten mich für einen Streber, nicht wahr? Kein Mädchen wird je mit mir zusammen sein wollen, nicht einmal Katja, in die ich mich so verliebt habe. Und du und deine Freunde verspotten mich immer, besonders in Sport, weil ich nicht genug Kraft habe, um die Übungen zu machen…

,,Und du hast ihn gedemütigt.“, wiederholte Enki.

Eine Erinnerung schlich sich in Matthias‘ Bewusstsein, nur erlebte er sie diesmal aus Theos Perspektive.

Ich versuche, Klimmzüge zu machen., flüsterte Theos Stimme. Alle grinsen mich bereits an, besonders der Sportlehrer, Herr Lindenberger. Und Matthias…verdammt, sie werden gleich wieder anfangen, ich weiß es, sie werden mich verspotten und mich demütigen. Und wenn ich Pech habe sind dann auch noch die Mädchen in der Nähe…

Es ist sinnlos, meine Kraft reicht nicht aus. Stöhnend falle ich auf den mit Matten bedeckten Boden. Tränen verschleiern meinen Blick, als das Gelächter beginnt. Ich wälze mich auf den Bauch, um zu verbergen, dass ich weine. Doch es ist sinnlos.

,,Heulen bringt dich nicht weiter, Theo!“, ruft Lindenberger. Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen kann, erscheint in meiner Vorstellung sein zu einem sadistischen Grinsen verzerrter Mund. Wie ich ihn hasse! Am liebsten würde ich auf ihn einprügeln.

,,Los, steh auf, Theo, versuch’s nochmal. Du weißt, wenn du es nicht schaffst, kriegst du eine Drei in Sport. Und darüber kannst du auch noch verflucht nochmal froh sein!“ Lindenberger lacht laut auf, als habe er den besten Witz der Welt erzählt.

Nun mischt sich auch noch Matthias ein. ,,He! Theo steh auf, komm schon, ich will mal endlich wieder richtig lachen können. Jetzt nützen dir deine Einsen wohl nichts mehr…“

Matthias schrie auf, als Theos Schmerz und Verzweiflung sein Herz durchdrang. Glühende Ketten schienen sich in seine Seele zu graben. Matthias erlebte, wie Theo verzweifelt nach Halt suchte, bevor er in der Dunkelheit versank.

Ich habe keine Freunde, meine Eltern lieben mich nicht, mein Sportlehrer und meine Klassenkameraden hassen mich., schrie Theos Stimme in Matthias Gedanken.

Matthias schrie vor unsäglichen Qualen.

Dann war es vorbei.

Enki lächelte ihn an. Seine goldenen Augen erfassten jedes Detail seiner Gedankengänge. ,,Du könntest ihm helfen, weißt du?“

Matthias atmete schwer. Als er feststellte, dass er sich wieder bewegen und reden konnte, erfüllte es ihn nicht mit Freude. ,,Ich bin so ein Idiot.“, flüsterte er.

Enki seufzte. ,,Du hast vorhin gesagt, dass du mit deinem Leben kaum fertig wirst, dass du nicht weißt, woher du dir dein Selbstvertrauen holen sollst. Ich kann es dir verraten: hol dir dein Selbstvertrauen aus guten Taten.“

Matthias sah Enki verwirrt an. ,,Was?“

,,Hilf Menschen. Erkenne ihr Leid. Anstatt es zu vermehren, sollst du es lindern. Das ist der Weg, den das Schicksal dir zugedacht hat. Solange du spottest und andere demütigst, wirst du nie deinen Frieden finden. Oder glaubst du tatsächlich, gute Schulnoten oder Talent im Fußball kann das Geschenk einer guten, friedvollen Seele, die im Reinen mit sich ist, aufwiegen?“

Während er sprach, griff Enki mit seiner rechten Hand über die Kerze zu Matthias‘ Stirn. Er zuckte zusammen, als die Finger des Fremden ihn berührten, doch er ließ es geschehen. Etwas verriet ihm, dass Enki ihm nicht schaden wollte..

,,Hiermit mache ich dir das Geschenk von Frieden und verleihe dir den Fluch der Weisheit.“

Es fühlte sich an, als ob ein elektrischer Schlag Matthias‘ Körper durchdränge. Vor seinen Augen tanzten Punkte und Schauer schüttelten seinen Körper. Doch er gab keinen Ton von sich.

Als die Punkte seinen Blick nicht mehr verschleierten, war Enki verschwunden. Wo vorher noch ein Dach den Raum in Dunkelheit hüllte, konnte nun Mondlicht ungehindert eindringen.

Gut gelaunt betrachtete Lindenberger die Jungen, die vor ihm in einer Reihe aufgestellt standen. Sie wirkten müde und demotiviert, wie an jedem Montag. Er würde sie mit seinem Programm schon wachrütteln.

Schließlich wollte er ihnen helfen.

Automatisch glitten seine Augen zu der Person, die seiner Hilfe am meisten bedurfte. ,,Theo!“, rief er so laut, dass der kleine Junge zusammenzuckte. ,,Zeige vor, wie man richtig Klimmzüge macht!“

Grinsend wies er dabei zur hohen Reckstange, die nur wenige Meter entfernt zwischen zwei Metallstützen angebracht war.

Theo sah erschrocken aus. Seine Augen glänzten und Lindenberger wusste, er würde bald zu weinen beginnen. Spätestens, wenn die anderen sich vor Lachen bogen.

Du musst hart werden, Junge!

Theo setzte sich gerade in Bewegung, als Matthias plötzlich vor ihn trat. ,,Ich kann die Übung auch vorzeigen.“

Lindenberger starrte ihn verwirrt an. Normalerweise freute sich Matthias diebisch darauf, wenn Theo sein mangelndes Talent demonstrierte. Doch heute wirkte er wie ausgewechselt. In seinen Augen glomm ein seltsamer Schimmer. Er symbolisierte eine Sicherheit, die Lindenberger zurückweichen ließ. Dieser Junge wusste genau, was er tat.

,,Ich habe gesagt, Theo!“, rief Lindenberger. In seiner Stimme schwang Entsetzen mit, dessen Herkunft er selbst kaum verstand. ..Theo soll vorzeigen!“

,,Ich werde die Übung demonstrieren.“, erwiderte Matthias ruhig. Er wirkte wie eine Statue, ein Fels in der Brandung.

Die Jungen starrten ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen an. Lindenberger verschlug es die Sprache. Er brachte nur noch ein schwaches Nicken zustande, als Matthias langsam zur Stange ging und begann, Klimmzüge zu machen. In diesem Moment verstand der Sportlehrer, dass von diesem Tage an eine Kraft in dem Schüler wohnte, die er selbst nie würde besitzen können. Eine Kraft, der er nicht ebenbürtig war.

Gottes Hammer: Folkvang IXX

Ein Blitz, ein Hieb, dann kehrte Stille ein.

Azrael atmete schwer. Murakamas Klinge glühte brennend heiß. Blutstropfen benetzten den von heiliger Magie durchdrungenen Stahl.

Ashaya hatte ihm das Leben gerettet.

Durch die Verbindung zwischen Murakama und dem Dämonenkönig war es ihm gelungen, das Licht des Chorals in die alte Klinge zu bannen. In der Zügellosigkeit seines Angriffs löste Irodeus seine Sphäre auf. Ein Wort der Macht genügte und Azrael stand vor ihm, Astavals legendäres Schwert in Ilianas Brustkorb, noch während der alte König begierig den Hals reckte, um einen Blick auf seine Überreste zu erhaschen.

Einen langen Augenblick lang schien die Welt stillzustehen, schienen die stechenden Dämpfe seiner Hölle sie vor den grausamen Augen der Realität zu behüten. Einen Moment lang füllte die Ewigkeit Azraels Gedanken. Er wagte erst wieder zu atmen, als Ilianas Augen erloschen und sie in seine Arme sank. Seine Gedanken verstummten, als er das Schwert herauszog. Seine linke Hand, die den zierlichen jungen Körper hielt, schien zu zittern.

Ist es jetzt vorbei?

Die Frage formte sich in seiner Seele, ohne je sein Gehirn zu erreichen. Er taumelte. Iliana entglitt ihm und fiel zu Boden. Ein Loch klaffte in ihrer Brust. Er hatte genau das Herz getroffen.

Eine gewöhnliche Waffe hätte sie niemals töten können.

Der Gedanke erschien ihm fremd. Er stieß Murakama ungelenk in die Scheide zurück. Eine Blutlache breitete sich um seine Stiefel aus.

Er verharrte reglos, als Halgin neben ihm landete.

Was hast du getan?“, krächzte der Vogelkönig fassungslos. Er flatterte wild mit den Flügeln. „Warum?“

Azrael sah ihn verwirrt an, so als ob er die Worte des anderen nicht erfassen könnte. In seinem Verstand herrschte Leere.

Iliana war seine Schwester. Nein, sie war viel mehr. Das letzte Kind seines Vaters, das noch Hoffnung auf Erlösung hatte. Wer waren schon Seimos und er? Was sagte Irodeus noch gleich?

Der eine verbrennt wehrlose Frauen und der andere will die Menschheit gegen ihren Willen versklaven“, flüsterte er. Er sank auf die Knie. Was hatte er in den vergangenen Wochen wirklich erreicht?

Halgin entfernte sich kopfschüttelnd von ihm. In den schwarzen Augen des Königs stand grenzenlose Bitternis.

Scheinbar habt Ihr wieder versagt“, flüsterte Azrael kaum hörbar. „Iliana ist nicht nur gestorben. Ihr habt mir bei ihrer Ermordung geholfen.“

Halgin stieß ein Wort der Macht hervor, doch Azrael verzerrte schlicht den Raum seiner Hölle und saß mit einem Mal in der kleinen Menschenstadt. Dort waren sie, die Folterinstrumente. Er hatte den Menschen ein friedliches Leben angeboten, fernab aller gesellschaftlichen Konventionen und Zwänge, mit der Möglichkeit, alte Konflikte zu begraben und neue zu vermeiden. Und was taten sie?

Halgin tobte in der Ferne, doch er achtete nicht darauf. Er betrachtete stumpfsinnig die grässliche Bühne. Überall war es dasselbe. In Aminas, in Hrandamaer, sogar in Raureif. Wie konnte er nur hoffen, die Menschen je zu verbessern?

Saskia“, flüsterte er. Er war sicher, dass sie nun kommen würde. „Warum nur?“

Azrael musste sich nicht umwenden, um den gesegneten Windstoß zu fühlen. Seine Heiligkeit brannte auf seiner Haut.

Doch es war nicht Saskia, die vor ihm stand.

Esben.“ Azraels Stimme versagte. „Du auch?“

Esben nickte langsam. Er trug nicht mehr seine schmutzige Kutte, sondern einen weißen Mantel, gewoben aus Mondlicht. In seinem Arm lag ein Foliant, dessen Aura Azrael dazu zwang, sich abzuwenden.

Ich habe wohl versagt, nicht wahr?“, murmelte er. „Ich habe auf ganzer Linie versagt. Ich war anmaßend. Was habe ich erreicht? Irodeus ist besiegt. Aber ist er tot? Nein, ich fühle die Verbindung von Murakama. Er lebt. Und die Menschen? Wollen sie hören? Wollen sie mich annehmen? Nein. Und Iliana?“ Seine Stimme brach.

Esben erwiderte nichts. Er musterte ihn lediglich mit ausdrucksloser Miene.

Verdammt!“ Azrael schluckte, doch er schien an seinem eigenen Speichel zu ersticken. In der Ferne hörte er ein Wort der Macht, das die Erde erbeben ließ. Halgin gab nicht auf. „Bin ich wirklich so ein Narr?“

Ich kann dir diese Frage nicht beantworten“, entgegnete Esben. Seine Stimme klang hell und klar, wie Kirchenglocken an einem Feiertag. „Aber ich kann dich zu jener Person bringen, die es kann.“

Azrael fühlte ein Aufwallen heiliger Magie. Instinktiv griff er nach Murakama, doch hielt er sich zurück. Es spielte keine Rolle mehr. Er würde nun alles tun, um Saskia wiederzusehen.

Im nächsten Augenblick stand er in Folkvang. Mondlicht erfüllte die Halle wie sich sanft kräuselnder Rauch. Esben war verschwunden, doch dort, vor dem Thron mit der Feder, stand die eine Person, die seine Wunden heilen konnte.

Er hatte Saskia seit ihrem Tod nicht mehr gesehen, sondern nur von ihr gehört. Ihre gewaltigen Flügel und ihr Harnisch aus Mondlicht wirkten auf ihn wie prachtvolle Boten einer anderen Welt. In ihren Augen glitzerte eine allumfassende Sicherheit, die ihr eine höhere Macht verliehen zu haben schien.

Der Augenblick der Stille dehnte sich unendlich lange. Azrael tat einen tiefen Atemzug, so als wollte er seine Seele aushauchen und trat vor. Bereits beim zweiten Schritt sank er nieder.

Berith hat all das geplant, nicht wahr?“, stieß er schließlich hervor.

Ja.“ Saskias Stimme erzeugte wohlige Schauer auf seiner Haut. Er hatte sie noch nie zuvor sprechen hören.

Azrael kicherte. Er konnte nicht anders. Plötzlich schien alles auf grauenhafte Art und Weise Sinn zu ergeben.

Berith hat mir damals berichtet, dass du erwacht bist. Berith hatte Kontakte im Lager der Tempelsöhne und nach Hrandamaer. Er wollte Iliana von Anfang an als Gefäß für Irodeus benutzen, richtig? Deshalb hast du Iliana im Lager geheilt! Sie musste willig sein und ihr musstet sicherstellen, dass das Ritual während meiner Abwesenheit durchgeführt wird!“ Azrael hustete. „Aber warum? Warum wolltet ihr Iliana töten?“

Saskia schwieg. Ein Blitz teilte ihre vor Entschlossenheit funkelnden Augen.

Denk nach“, flüsterte sie.

Azrael schüttelte den Kopf. „Weil sie ein Dämon ist? Weil sie meine …“ Saskia schüttelte den Kopf und zog Esbens Kutte hervor. Er brach ab. Langsam verstand er.

Weißt du, wie Folkvang und Hornheim entstanden?“, fragte Saskia leise. „Durch einen uralten Fluch des letzten Königs von Hrandamaer, der Leben und Tod verdammte. Seitdem erheben sich die Toten in seinem Heimatland aus den Gräbern. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.“ Saskia spreizte die Flügel und ein Speer aus Mondlicht manifestierte sich in ihren Händen. „König Androg verachtete nichts mehr als diese neue Religion, die ihm sein Reich genommen hatte, und den Tod, der ihm seine Familie raubte. Ein Fluch zwang die Lasterhaftesten unter den Menschen, als Dämonen oder als Elphahim wiederzukehren – um einander zu bekämpfen und die Welt mit Krieg und Leid zu überziehen.“ Ihre Augen funkelten. „Wir beide haben im Leben viel Schuld auf uns geladen, Teshin. Wir sind verflucht. Und nur ein verfluchtes Leben kann ein verfluchtes Leben retten.“

Unsinn!“ Azrael hustete erneut. Das strahlende Mondlicht schien sich in seine Lunge zu drängen und sie langsam zu zersetzen. Ein Aufwallen seiner Magie stieß die Heiligkeit aus seinem Körper. „Soll ich mich etwa opfern, um Iliana ins Leben zurückzuholen?“

So wurdest du ins Leben zurückgeholt“, erwiderte Saskia.

Azrael schnaubte erbost. Doch dann standen ihm die Ereignisse der letzten jahre wieder deutlich vor Augen und entsetzliche Müdigkeit befiel ihn. Was hatte erreicht? Worauf konnte er zurückblicken? Er alterte kaum und hatte diesen Vorteil nur benutzt, um zu kämpfen und Leid über andere zu bringen. War er es Iliana nicht letztlich sogar schuldig, diesem Mädchen, das stets ein Opfer war?

Wenn ich mich opfere“, flüsterte Azrael. „Wird Iliana als Dämon wiederauferstehen oder als Engel?“

Saskia zuckte mit den Schultern. Ihre gewaltigen Flügel erbebten. „Das hängt davon ab, ob sie dem Licht folgt oder sich der Dunkelheit erneut verschreibt.“

Azrael lachte unkontrolliert, Murakama entglitt seiner Hand und er fiel auf die Knie. Seine Augen weiteten sich, bis sie schmerzten, während er Folkvangs Fresken betrachtete.

Ja, ich verstehe!“, rief er lauthals. „Das war Beriths Plan! Er wusste, mich im Kampf zu besiegen wäre schwer – also erfand er eine Lösung. Er wollte, dass ich mich opfern muss – nicht, weil mich jemand dazu zwingt, sondern aus freien Stücken.“ Er schluckte und ein martialisches Grinsen entstellte sein Gesicht. „Aber diesen Gefallen tue ich euch nicht! Niemals! Ich werde die Menschheit retten!“

So wirst du das niemals schaffen“, entgegnete Saskia ruhig.

Azrael spreizte die Finger. Er konnte nicht verhindern, dass sich ein Kichern seiner Kehle entrang. „Beweise es mir. Beweise es mir, indem du mich jetzt und hier, an diesem Ort besiegst! Zwinge mich zu einer guten Tat, du Engel!“

Saskia nickte langsam.

Komm“, flüsterte sie.

Azrael hob Murakama auf und stieß sich kraftvoll vom Boden ab. Er schoss auf Saskia zu, ein glühender Blitz in Folkvangs schimmernder Heiligkeit.

Dann kreuzten sich ihre Waffen.

Bilder füllten Azraels Kopf und er schnappte nach Luft. Er sah Saskia als junge Novizin unter einem unerbittlichen Meister, er sah sie bei einer Hexenverbrennung jubeln und ihre Kräfte als Inquisitorin schärfen. Er sah den Verrat, den andere an ihr übten, weil sie eine Frau war, und ihre Flucht nach Aminas. Er sah, wie sie dem redseligen Söldner namens Teshin begegnete und letztlich in Hornheim ihr Leben verlor.

Azrael taumelte. Saskia folgte ihm langsam und vollführte einen schwachen Schlag. Azrael parierte mühelos, doch erneut füllten Erinnerungen seinen Kopf. Diesmal betrafen sie Esben. Als nächstes sah er Iliana, Berith, Malfegas, Ungoros und Velis. Dem nächsten Schlag versuchte Azrael auszuweichen, doch vergebens. Ashaya grinste ihn an, Abigor hob grimmig sein Schwert, Lifas und Elinor folgten Seimos auf seinen Feldzug nach Hornheim. Als letztes blickte ihn Arion an, mit von Trauer schwerem Blick.

Azrael schrie vor Schmerz. Er hatte all das Unglück der vergangenen Monate zu verantworten. Er war kein Held. Von dieser Sünde konnte er sich nie reinwaschen.

Er hatte verloren.

Saskias Speer war seine Rettung. Als sie ihn herausfordernd hob, sstürzte Azrael nach vorn. Ein Zittern ließ seinen Körper erbeben, als die willkommene Spitze sich durch seine Brust bohrte.

Stille kehrte ein. Er stand dicht vor Saskia, sein Körper eng an den ihren gepresst. Er spürte das warme Blut, das seinem Körper entfloh. Murakama entglitt ihm, diesmal für immer.

Werde ich je …“ Ein Blutschwall unterbrach seine Worte und er hatte das Gefühl zu ersticken. Sein Blick verschwamm und er sah nur noch Saskias leuchtende Augen. Sie beantwortete seine letzte Frage mit einem Nicken.

Azrael schluckte. Keine Pein war größer gewesen, als in die Seelen seiner Opfer und Untergebenen blicken zu müssen.

Er verschwand mit der Erkenntnis, dass Gottes Hammer nun endgültig gefallen war.

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Sechs Monate später

Aminas feierte.

Iliana betrachtete die tanzende Menge durch das flimmernde Licht des Nachmittags. Heute war Sankt-Esbens-Tag, ein Fest für jeden Menschen. Eine Woche lang fasteten die Bürger in Anbetracht dieses Ereignisses. In dieser Zeit durften keine Todesurteile vollstreckt werden. Jeder sollte diesen Tag, den Tag der Vergebung der Sünden, miterleben.

Ich wusste gar nicht, dass Menschen feiern können, ohne jemandem wehzutun“, flüsterte Velis neben ihr erstaunt. Ihr Sklavenmacher erntete verwirrte Blicke der vorbeigehenden Menschen. Niemand dachte an Folter und Tod.

Iliana zuckte mit den Schultern. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, trat Esben in ihr Blickfeld. Der ehemalige Wanderpriester reichte ihnen zwei Tüten mit Backwerk, die er von einer gebeugten Straßenhändlerin erstanden hatte. Iliana dankte ihm lächelnd. Velis betrachtete die Süßigkeiten verwirrt, so als ob sie nicht genau wüsste, was damit anzufangen wäre.

Und?“, fragte Esben mit einem verschmitzten Lächeln. „Wie fühlt man sich als Königin von Hornheim auf einem solchen Fest? Brüskiert Euch das muntere Treiben?“

Iliana tat, als werfe sie mit einem Kieselstein nach ihm. „Sei du bloß still, du unsterblicher Engel.“

Esben verschränkte die Arme vor der Brust. Sein strahlend weißer Mantel reflektierte das Sonnenlicht. „Als ich deine Einladung erhielt, dachte ich zunächst, ich höre nicht recht.“

Iliana lachte. „Kann ich mir denken. Aber ich schulde Folkvang mein Leben. Dass ich zufällig als Dämon zurückgekommen bin, ändert nichts daran. Folkvang und Hornheim müssen nicht stets Feinde bleiben.“

Das ist radikal“, murmelte Esben. „Vergiss nicht, wir sind wie Tag und Nacht. Folkvang ist ein Thron der Engel, Hornheim eine riesige Folterkammer.“

Iliana zuckte mit den Schultern. „Die Dinge können sich ändern. Arion wollte aus mir eine Herzogin machen, Irodeus einen Folterknecht und Arinhild ein Dorfmädchen. Die Dinge müssen nicht immer einen vorgezeichneten Weg gehen.“ Dabei blickte sie Velis an, die verzückt errötete, als sie eine der Süßigkeiten probierte.

Esben seufzte. „Vermutlich hast du recht.“ Kurz hielt er inne und ließ seinen Blick in weite Ferne schweifen. Wir können wohl alle noch viel von dir lernen.“

Iliana lächelte. Aus den Augenwinkeln sah sie Halgin, der das Geschehen von einer Dachkante aus aufmerksam beobachtete. Er hatte sich nicht von ihr abgewandt. Sie würde Hornheim verändern, sodass auch er die Existenz von Dämonen akzeptieren konnte.

Gottes Hammer war gefallen. Nun konnte eine neue Zeit anbrechen.

 

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 14 – Exelion (Finale)

Knirschend bahnte sich die Atharymn einen Weg durch den Eisensturm. Die Reibungshitze der Teilchen, die von außen über die Bordwand schabten, war mittlerweile deutlich zu spüren, denn selbst die internen Notkühlleitungen gelangten allmählich an ihre Grenzen. Auch wenn alle Schotts geschlossen worden waren, wussten die Crewmitglieder auf der Brücke dennoch, dass ihnen der Feind im Nacken saß. Der rote Punkt auf dem Radar hatte kaum Anstalten gemacht, zurückzufallen. 
Doch glücklicherweise verhinderte der Sturm, dass der feindliche Impulsschlag ihnen weiter zusetzte, da die Unmengen an Eisenteilchen den Strom in undefinierbare Richtungen weiterleiteten. Scheinbar war es dem Monster nicht wert, das Risiko einzugehen, sich selbst in die Luft zu jagen.
Doch auch die Atharymn litt unter den neuen Umständen. Sich bei der Geschwindigkeit kontinuierlich der Reibungshitze auszuliefern, setzte dem Kreuzer arg zu. Vor allem der Bug drohte unter der Hitze zu kollabieren. Der Bereich war bereits evakuiert worden.
Archweyll begutachtete eingehend die Monitore und Hologrammanalysen. Seit Clynnt vor einem Tag restlos zusammengebrochen war, lag es an ihm, zu navigieren. Alarmsirenen ertönten und ließen den Kommandanten für den Bruchteil einer Sekunde zusammenzucken. Wenn das so weiter ging, würde sich ihr Bug bald verabschieden. 
Ein Fluch entwich seinen Lippen. Seit fünf Tagen spielten sie nun Katz und Maus im Eisensturm. Jedes Mal, wenn ihr Gegner zu nahe kam, aktivierten sich die Torpedobatterien, um ihn zurückzutreiben. Nun war ihre Munition fast völlig erschöpft. 
Einmal war einer der Köpfe so nahe herangekommen, dass er die Atharymn fast zwischen seinem geifernden Kiefer zermalmt hätte, hätte Archweyll nicht für den Bruchteil einer Sekunde einen Warpsprung gewagt. Unter der Last war das Schiff schwer beschädigt worden und eine glühende Hitze erfüllte die Gänge des Kreuzers. 
»Wir müssen hier raus und uns stellen.« Daisy Lee schien diese Aussicht kaum mehr zu gefallen, als Archweyll selbst. Sie war angesichts der tagelangen Belastung kaum noch dazu in der Lage, ihre Augen offen zu halten und kämpfte gegen die Müdigkeit. »Aber noch ein paar Stunden hier drin und unser Schiff bricht in sich zusammen«, sagte sie mit spröder Stimme.
»Ein paar Stunden sind vielleicht alles, was wir brauchen«, erwiderte Archweyll. Er war froh, dass sie sich wenigstens nicht auf ein nervenaufreibendes Kreuzfeuer einlassen mussten. 
»Aber was ist, wenn keine Hilfe kommt?« Daisy schien der Verzweiflung nahe. 
»Wenn sich Magnus Theyssen nicht auf so einen Kampf einlässt, heiße ich Kunibert der Behaarungslose«, sagte Archweyll und strich grinsend über seine Glatze. 
»Er kommt hierher?«, keuchte die Chefmechanikerin atemlos. 
»Ich kenne Magnus schon unfreiwillig lange. Dieser Mann ist eine Bestie. Er hat mit seiner Flotte sowohl die Briganten, als auch die Dunklen Engel zurückgeworfen und noch dazu ein Dutzend Lager der Herrlichkeit ausgelöscht. Niemand verdient es mehr, den Titel Oberster Flottenkommandant zu tragen und gleichzeitig ist niemand ungeeigneter. Obwohl er zwei Herzen besitzt, schlagen sie nicht vor Menschlichkeit. Ich bezweifle, dass er sich einen solchen Kampf entgehen lassen wird. Allerdings sollten wir versuchen, aus seiner Reichweite zu gelangen, denn ich bezweifle ebenfalls, dass er auf unsere Nussschale Rücksicht nehmen wird, angesichts dieses Feindes.« Archweyll zuckte mit den Achseln. »Wir waren immer schon zu gering für das Spiel der Großen.« 
Auf einmal ging ein schauderhaftes Knacken durch das Raumschiff, das klang wie berstendes Metall. Schriller Alarm ertönte und tauchte die Kommandobrücke in ein rotes Licht. 
»Der Kahn ist kurz davor, abzusaufen«, fluchte Daisy lautstark. »Archweyll, ich befürchte uns bleibt keine Zeit mehr zum Warten. Wenn wir das hier irgendwie überleben wollen, müssen wir den Eisensturm verlassen!« 
Grübelnd ging Archweyll alle Möglichkeiten, die ihm verblieben waren, im Kopf durch. Fieberhaft suchte er nach einer Möglichkeit, sie neu zu kombinieren, doch es schien alles nichts zu nutzen. Wenn das so weiterging, waren sie am Ende. 
Plötzlich eilte ein geduckter Mann aus der Navigatorenkabine, die Augen weit aufgerissen. Hechelnd blieb er vor dem Kommandanten stehen. »Sir, die Exelion und die Bonesaw haben gerade Funkkontakt zu uns aufgenommen, sie sind 0,12 Parsec nahe unserer Position.«
Grinsend wandte sich Archweyll an Daisy. »Was habe ich gesagt?«, lachte er schallend. »Der Schlächter kommt zum Bankett und wir haben kalt serviert. Soldat, bringen Sie uns aus diesem Sturm.« Dann wurde seine Miene ernst. 
Also beginnt es.



***


Lord Castellant Magnus Theyssen saß auf seinem mit golden Insignien überhäuften Kommandothron und beobachtete das Schauspiel, das sich unter ihm abspielte. Er residierte in einer gläsernen Kuppel, die sich direkt über der Kommandobrücke befand. Von hier aus konnte der aschgraue, muskelbepackte Riese der Mannschaft und seinen Generalstabsmarschällen bei ihrer unbedeutenden Arbeit zusehen. Während er sich umsah, ächzte der Kabelbaum, der durch das Rückenmark direkt in sein Hirn eintrat und ihn mit sämtlichen Funktionen der Exelion verband. Rote Leuchten an seinen Schläfen pulsierten im Takt der zwei Herzen, die in seiner Brust verankert lagen. Sämtliche Farbe war im Laufe der Jahrhunderte aus seinem Körper verschwunden und einem einheitlichen Grauton gewichen. 
Der Lord Castellant war, wie für gewöhnlich immer, in seine goldene Titanenkampfrüstung gehüllt, die ihm das Aussehen eines strahlenden Gottes verlieh. Und wie ebenso ein Gott herrschte er über sein Schiff, wachte über die Schafe, beseitigte die Krankheiten, welche die Welt mit ihrer süßen Verlockung überfielen, und setzte Mahnmale, damit die Menschen seiner Gedachten. Seine gepanzerten Fäuste ruhten stets einsatzbereit auf den Konsolen seines Thrones, mit denen er seine Anweisungen in den psionischen Vortex seiner Kampfstation fließen ließ. Hellscreamer per Funk zu steuern, war kaum machbar, wenn man bedachte, dass sie auf mindestens 50.000 Frequenzen senden mussten, um sich nicht zu überschneiden. Also bediente er sich anderer Mittel. 
Wer Dienst auf der Exelion, dem Flaggschiff der galaktischen Föderation, leisten wollte, musste sich bereit erklären, mit diesen Mitteln zurechtzukommen, auch wenn das eine Gehirnoperation bedeutete, die einem den beschränkten Zugriff auf den Vortex ermöglichte. 
Magnus Theyssen war keiner der Männer, die einen Feind entkommen ließen. Er saß in dieser Kuppel und herrsche über Leben und Tod wie ein Gott. 
Der kalte Blick seines Hextech-Auges studierte die neusten Meldungen. Darunter war ein Scan ihres Gegners, sowie der Funkverlauf mit der Atharymn, jenes Schiff, welches ihnen diesen Ärger eingebrockt hatte. 
Archweyll. Dieses Mal werde ich dich nicht davonkommen lassen.
Doch mit der Mannschaft würde er später abrechnen. Zuerst gab es einen Feind der Föderation zu vernichten. Ein Lächeln spiegelte sich auf Magnus aschgrauen Lippen wieder. 
Bestrafung war etwas Ehrenhaftes. Bestrafung belehrte die Schuldigen und je nach ihrem Ausmaß erzielte sie mehr Auswirkungen als der blanke Tod. Bestrafung war etwas, dass durch seine Hände erfolgte und in diesen Momenten war sich Magnus bewusst, dass er überhaupt noch so etwas wie Leidenschaft verspüren konnte. Das aufgesetzte schwache Lächeln, das er bis zur Perfektion trainiert hatte und keine Spur von Freude enthielt, huschte über seine Lippen, während er den Angriffsbefehl erteilte. Erneut würde Gottes Auserwählter den Tod über die Feinde der Föderation bringen. 



***


Das Kreischen, mit welchem die Hellscreamer aus dem Nichts in die Realität geschossen kamen, verlieh ihrem Namen alle Ehre. Sogar Archweyll deaktivierte für eine Sekunde seine Hörgeräte und zog die Stille des Taubseins vor. Als er wieder hören konnte, waren die beiden Schiffe bereits nahe ihrer Flanke. Die Exelion war eine beeindruckende Wunderwaffe. Die Form des Raumschiffes beschrieb drei ineinander gekreuzte Halbmonde aus Titan und Glas, die langsam in ihren Gelenken rotierten und vorne spitz zuliefen. In ihrer Mitte befand sich eine riesige Glaskuppel, das Herz des Raumschiffes. Von hier befahl Magnus Theyssen die Armada der Föderation. Wenn alle Module des Schiffs gemeinsam agierten, konnten sie ein grausames Geschoss aktivieren: Die Urknallkanone.
Eine Waffe, die die Atomstruktur ihres Opfers bis ins bizarre Verändern konnte, um ihn dann als eine bedeutungslose Singularität ins Immaterium zu verbannen, jener unerforschter Raum, der sich öffnen konnte, wenn man einen Sprung durch den Warp wagte, und voller Abscheulichkeiten war.
Die Bonesaw glich ihrem größeren Vetter in Form und Farbe, war jedoch mit anderen Waffensystemen ausgestattet, wie zum Beispiel dem riesigen hydraulischen Kettenschwert, dass sich selbst mühelos durch Raumschiffe wie die Atharymn hindurchfräsen konnte. Gemeinsam wurde dieses Geschwader auch als die Schwestern des Mordes bezeichnet. Aus dem Bauch des Flaggschiffes ergossen sich nun ströme von Fliegern, sowohl Arrows, als auch größere Schiffe, in Form von Patrouillenkreuzern, die an Form und Größe der Atharymn ähnelten. 
Binnen einer Sekunde schien ihr Feind das Interesse an Archweylls Kreuzer zu verlieren und sich der neuen Herausforderung zu widmen. 
Der Kommandant atmete aus, die Erleichterung schien ihm auf die Stirn geschrieben.
Auf der Kommandobrücke brach lauter Jubel aus. 
Doch dann aktivierte die Kreatur den Kristall auf ihrer Stirn und der Energiestrahl schoss auf die Exelion zu. 
»Verdammte Scheiße, nein!«, brüllte Archweyll mit zitternder Stimme. 
Wenn sie das Flaggschiff verlieren würden, war alles am Ende. Mit einem tosenden Röhren traf der Strahl auf die Deflektorschilde des Schiffes und zerbarst mit tausend Farben. 
Archweyll schluckte. Wenn der Impuls die Stärke besaß, einen Planeten zu fragmentieren, so wollte er nicht darüber nachdenken wie viel Energie vonnöten war, um ihn abzuleiten. 
Die Schwestern des Mordes näherten sich ihrer Position, die ersten Torpedosalven detonierten und hüllten das Monster ein in eine Wolke der Zerstörung.
Doch es näherte sich unbeugsam der Formation. Blitze schossen aus ihm hervor und verwandelten sowohl Arrows als auch Kreuzer in Aschehäufchen. 
»Wir müssen ihnen helfen!«, fauchte Daisy und zeigte mit dem Finger auf das Massaker. »Jedes Raumschiff bedeutet 10.000 Leben. Das dürfen wir nicht aufs Spiel setzen!« 
Archweyll gab ihr Recht, doch die Atharymn war angeschlagen und ihre Munition fast gänzlich verbraucht. »Die kommen ohne uns klar. Lieber halte ich mich heraus, als meine Leute in einen Kampf zu führen, den sie nicht gewinnen können. Ich weiß, es passt so gar nicht zu mir, oder?« Er grinste. »Aber möglicherweise können wir ja ein paar Torpedos abfeuern, so als Abschiedsgruß?« 
»Schon erledigt«, erwiderte die Chefmechanikerin. Blitzend detonierten ihre Geschosse, doch noch schien der Deflektorschild ihres Feindes zu halten. 
»Khael-Tzr-Kormarohn.«
Archweyll blickte sich irritiert um. »Hast du was gesagt?«, fragte er Daisy.
Sie schaute ihn kopfschüttelnd an.
»Vasec-Mkh-Arakh.«
»Lass den Scheiß, das ist nicht witzig«, knurrte der Kommandant bissig. 
»Lass ihn selber!«, fuhr ihn die Chefmechanikerin an. »Wenn du glaubst, das ist der richtige Zeitpunkt, um schlechte Witze zu reißen, kannst du mich mal kreuzweise.«
Verunsichert blieb Archweyll stehen. Weitere Torpedos krachten in ihren Feind, sein Deflektorschild schien am Ende zu sein. Aber er hatte sich die Stimme doch nicht eingebildet?
»Callas-Hant-Kzullek.«
Sie kommt aus meinem Kopf! Aber kann es denn wirklich sein?
Er blickte aus der Glasscheibe.
Es spricht mit mir.
Hastig übertrug er die Worte auf ein Tablet, bevor er sie womöglich vergessen würde. Auf Prospecteus konnte er diese Worte eventuell übersetzen lassen. 
Kurz nachdem das letzte Wort gesprochen war, drehte das riesige Wesen bei. 
Die Bonessaw war jetzt in Schlagdistanz und ihr riesiges Kettenschwert geriet knirschend in Bewegung. Der Greifarm schoss nach vorne und trennte dem Wesen ein Bein ab.
Der aus der Wunde austretende, elektrische Impuls wurde durch die Deflektorschilde aufgefangen. 
Es gab kein Raumschiff auf Prospecteus, dass eine bessere Verteidigung aufweisen konnte als die Bonesaw. Kreischend wandte sich der Arm mit dem Kettenschwert und fuhr wieder und wieder auf den Feind nieder. Lebewesen und Raumschiff waren jetzt auf einer Höhe.
Es gruselte den Kommandanten, dass das riesige Kampfschiff dennoch nicht die Größe dieser Bestie übertreffen konnte. Aber immerhin schien es technisch ausgefeilter zu sein. 
Auf einmal durchstieß das Schwert die Bauchdecke ihres Feindes. Ein elektrischer Schlag, den Archweyll bis zu ihrer Position vibrieren spürte, knallte mit unfassbarer Macht durch den Warp. Für eine Sekunde schien er in einer fernen Realität zu verweilen. Dann brach der Kettenarm der Bonesaw aus seiner Verankerung und das Schiff explodierte in einer Welle aus Detonationen und Feuer. 
Eine Millionen Menschenleben, genommen binnen einer Sekunde, schoss es durch Archweylls Kopf. Er ächzte entsetzt. Eine Beklommenheit, wie er sie noch nie gespürt hatte, machte sich in ihm breit und er merkte, wie sein Hals trocken und kratzig wurde. Sein Herz begann zu pochen und allmählich wurde ihm klar, dass er den Feind weit unterschätzt hatte. 
Aus der aufgerissenen Bauchdecke ergossen sich tausende Fliegen, die in etwa die Größe eines Abfangjägers besaßen. Surrend schossen sie in Schwärmen auf ihre Feinde zu und eröffneten das Feuer. 
Das sind Raumschiffe! Was für ein Spiel wird hier gespielt? 
Helle Farben erfüllten den Warp, als die ersten Explosionen die Finsternis mit ihrem Licht erstrahlten.
»Es ist immer noch nicht tot?« Daisy knirschte mit den Zähnen, während sie betrachtete, wie sich beide Seiten Torpedos entgegenschleuderten. 
»Nein, und es schickt uns Besucher!«, fluchte Archweyll mit einem besorgten Blick nach draußen. 
Der Fliegenschwarm war mittlerweile so groß, dass er auch auf die Atharymn Kurs nahm. 
»Alle Gefechtsstationen einsatzbereit!«
Surrend schossen die Fliegen über sie hinweg und hinterließen dabei eine einzige Spur der Verwüstung. 
»Sektor drei meldet Brände!«, knisterte es lautstark aus der Schiffskommunikationsanlage. 
Archweyll stieß einen Fluch aus. »Alle verbliebenen Arrows aktivieren, manuellen Beschuss einleiten!«, bellte er in den Funk. »Außerdem sollen die Techniki das Feuer löschen und zwar schnell!« 
Daisy war schon auf dem Weg zu den Fahrstühlen. »Ich organisiere das!«, rief sie ihm noch im Vorbeigehen zu. Ein Krachen schüttelte den Kreuzer durch, als weitere Geschosse sie trafen. 
Die Atharymn erwiderte mit Laserfeuer und Kurzstreckentorpedos, die ihre Feinde regelrecht in ihre Einzelteile zerfetzten. 
»Was zur Hölle sind das für Viecher?!«, Archweyll war drauf und dran die Fassung zu verlieren.
»Bemannte Kampfschiffe, Klasse unbekannt«, analysierte der Scan. 
»Danke aber auch. Ich habe ja ganz vergessen, dass ich Augen habe«, knirschte Archweyll mit den Zähnen.
»Lebensformen sind teilweise menschlich«, erwiderte der Computer, als wolle er den Kommandanten für seinen Konter quittieren. Jetzt wurde es interessant. 
Aber wenn wir gegen Menschen kämpfen, woher kam dann die Stimme in meinem Kopf?
Binnen weniger Minuten wurde aus dem Raum um die Atharymn herum ein tosendes Schlachtfeld. Arrows und Fliegen verwickelten sich in tödliche Duelle und immer wieder geriet der Kreuzer in die Schussbahn. In den unteren Decks tobte ein wütendes Feuer und es war hungrig. Geschosse erhellten den Warp, Laser krachten in Fliegen und ließen sie für eine Sekunde zu Glühwürmchen werden, bevor sie für immer erloschen. 
Fluchend riss Archweyll das Funkgerät an sich. Er musste unbedingt mit Daisy sprechen.
»Kannst du mich hören?«, fragte er lautstark. Es antwortete nur das Knistern.



***


»Kannst du mich hören?« Archweyll fragte jetzt das vierte Mal. 
Aber unter einer Sauerstoffmaske inmitten des tosenden Infernos zu antworten, war etwas kompliziert. Einer der Löschroboter war zu Bruch gegangen und Daisy schraubte mit wahrlich feurigem Eifer daran herum. Schweiß tropfte aus jeder Pore ihres Körpers und die Hitze war trotz Schutzanzug fast unerträglich.
Surrend erhob sich das Gerät auf die Beine. 
»Jetzt nur noch die Löschfunktion aktivieren … Na bitte!«
Weißer Schaum attackierte die Flammen und dränge sie langsam zurück.
»Ja, Archweyll? Ich muss gestehen, ich bin gerade ganz heiß«, kicherte die Chefmechanikerin in den Funk. Eine Sekunde hörte man, dass der Kommandant versuchte klare Worte zu fassen und es ihm nicht gelang. Er konnte wirklich süß sein, wenn er in Verlegenheit geriet. 
»Wie steht es um das Feuer?«, fragte er dann unsicher. 
»Wirklich? Ich flirte und du schaffst es nicht mal zu einer deiner berühmten, schlagfertigen Antworten? Wie schade. Das Feuer ist groß, aber ich kriege das hin. Du kannst dich auf mich verlassen.« Sie beendete den Funkkontakt für eine Sekunde. 
»Okay, aber dann bewege deinen prächtigen Hintern wieder hierher, ich brauche dich«, erwiderte Archweyll bemüht.
»Na also, geht doch«, lobte Daisy lachend. 
Vielleicht kriegst du ihn dann auch. Und dann habe ich, was ich brauche.



***


Verwirrung kam in Archweyll auf. 
Was war das gerade? Hat sie sich so offen an mich herangegraben?
Detonationen unweit der Kommandobrücke rissen ihn aus seinen Gedanken. Das Feuerwerk ging weiter und die rettende Hilfe schien weit entfernt, in einen eigenen Kampf verwickelt zu sein. 
Wo ist das Monster? 
Ein Blick verriet ihm, dass es auf die Exelion zusteuerte und dabei Kreuzer und Arrows in Schutt und Asche verwandelte. 
Der Kommandant ballte die Fäuste. Das durfte nicht passieren. Sie mussten gewinnen, kostete es, was es wolle. Archweyll fasste einen folgeschweren Entschluss. 
»Feuert aus allen Rohren, wir wagen einen Ausbruch!«, befahl er durch den Funk. 
Binnen Sekunden erfüllten Explosionen den Warp, welche die Fliegen in Stücke schossen. Die Arrows schafften es, die verbliebenen Angreifer außer Gefecht zu setzen. 
»Sir, wir haben keine Munition mehr«, knisterte es aus dem Funk. So eine verdammte Scheiße. 
»Wir fliegen zur Exelion«, verkündete er. »Dort sind wir sicher, wir haben schließlich immer noch die Deflektorschilde.« 
Beinahe sofort glich sich der Kurs der Atharymn seinen Befehlen an und steuerte dem Schlachtfeld entgegen. 
Hoffentlich tue ich das Richtige. 
Wrackteile segelten ihnen entgegen. Eine Sekunde später verfluchte Archweyll sich selbst. Der ramponierte Kreuzer drehte gefährlich steil bei und wendete genau auf das Schlachtfeld zu. Torpedos und Laserbeschuss fegten über die Atharymn hinweg und belasteten die Deflektorschilde bis auf das Äußerste. 
Und dann erschien das riesige Monster wie aus dem Nichts und seine bedrohlichen Kiefer kamen ihnen bedrohlich nahe. 
Panisch versuchte der Kommandant beizudrehen, doch es war schon zu spät, die Zähne würden sich jede Sekunde in sie hineinbohren, die Außenbordwand zerfetzen und die Crew in den Tod stürzen lassen. 
Archweyll schloss die Augen. Jetzt war alles zu spät. 
Schreie wurden lauter und lauter, schwollen an zu einem Getöse der Agonie. Doch dann war es stumm. Blinzelnd öffnete er die Augen. Was ist passiert? 
Das Monster war fort. 
Die Urknallkanone, schoss es ihm durch den Kopf. Sie haben das Monster in das Immaterium verbannt. 
Er ging in die Knie. Während vor seinen Augen die verbliebenen Fliegen zunichte gemacht wurden, segelten sie langsam auf das große Flaggschiff zu. 
»Ich bin hier unten fertig. Das Feuer ist gelöscht. Ich schwinge meinen süßen Hinter dann mal wieder nach oben«, knistere es durch den Funk.
Archweyl atmete tief durch. 
Ich habe es geschafft. Jetzt müssen wir nur schauen, was Magnus Theyssen mit mir anstellen wird, wenn er erfährt, dass ich für das Ganze hier verantwortlich bin.
Doch das war Archweyll in diesem Moment so unbeschreiblich egal. 
Ich habe mich schon einmal mit ihm angelegt. Ich schaffe es wieder. 
Das wichtigste war, dass er seine Crew retten konnte und das Schiff halbwegs intakt war. Viel mehr konnte Theyssen ihm nicht vorwerfen. 
Der Aufzug öffnete sich surrend und Daisy kam heraus. Sie war voller Ruß und hatte gerade den Schutzanzug abgelegt. Unter der langen Unterwäsche ließen sich dennoch ihre Reize erahnen und sie schritt zielsicher auf Archweyll zu. Dabei ignorierte sie die Blicke, die auf ihr ruhten vollständig. »Ich muss kurz mit dir reden«, sagte sie und schleifte ihn mit sich.
»Worum geht es?«, erkundigte sich der Kommandant, während der Aufzug in die Tiefen raste. 
Sie fixierte ihn mit ihren Augen, die brannten wie Feuer.
Er konnte nicht darum herum, sich in diesem Blick zu verlieren. Dann bemerkte er einen sonderbaren Geruch von Daisy ausgehen. Er roch wie die lieblichste Blüte, die er je zu Gesicht bekommen hatte, und zog ihn wie magisch an.  
Dann schritt Daisy langsam auf ihn zu, wobei sie es sich nicht nehmen lassen konnte, ihre runden Kurven spielerisch zu bewegen. Sie legte ein verruchtes Lächeln auf und presste sich an seinen Körper, ließ es nicht aus, ihre Brüste an ihn zu pressen.
Das muss ein Zauber sein.
Archweyll wusste nicht, wie ihm geschah. Sein Blut geriet in Wallungen, obwohl er es nicht beabsichtigte.
Dieser Geruch macht mich wahnsinnig.
Er schloss die Augen.
Dann küsste sie zärtlich seinen Hals. »Wenn wir unten angekommen sind, darfst du mit mir machen, was du willst«, flüsterte sie spielerisch in sein Ohr. 
Was soll ich nur tun? 
Archweyll wusste, dass noch nie so viel durch seine Entscheidung auf dem Spiel stand, wie in diesem Moment.
Das letzte, an das er sich bewusst erinnerte, bevor alles schwarz und rot wurde, waren Daisys geschwungene Lippen. 

Korrekturen 30

30.Teil – Die letzte Flucht (6/6) – Letzter Teil des Romans

Khendrah verspürte eine Angst, wie sie sie noch niemals zuvor empfunden hatte. Sie fühlte sich hilflos. Was, wenn Zeno sich verrechnet hatte, oder wenn sie durch Ralph zu lange aufgehalten worden waren?
Ihr Blick wanderte wieder zum Display der Jahreszahlen, die sich quälend langsam auf das Jahr 2011 zu bewegten. Ein lautes Knirschen kündigte an, dass die Außenwände der Zelle unter einer ungeheuren Belastung standen. Die hintere Wand der Kabine begann, sich zu verformen. Die Halterung einer Energiezelle brach und die Zelle stürzte, wie in Zeitlupe, von der Wand. Im letzten Moment gelang es Khendrah, sie aufzufangen und somit zu verhindern, dass sie auf die bewusstlosen Menschen zu ihren Füßen stürzte. Die Zelle war heiß und Khendrah stieß einen lauten Schmerzensschrei aus, als sie sich an der heißen Hülle der Zelle verbrannte. Mit Tränen in den Augen und zusammengebissenen Zähnen hielt sie die schwere Energiezelle und ließ sie langsam heruntergleiten, bis sie auf ihrem Koffer aufsetzte. Mit einem Ächzen löste sie ihre gemarterten Hände von der heißen Hülle. Ein feiner Riss tat sich in der Hinterwand auf, durch welchen ein unwirkliches Licht schien.
Khendrah zwang sich, logisch zu denken, was ihr angesichts der Schmerzen und ihrer Angst nicht leicht fiel. Wenn wenigstens Thomas wieder bei Bewusstsein wäre. Er hätte ihr die nötige Kraft gegeben, die sie brauchte – doch es half nichts. Es lag nun alles in ihren Händen.
2009! Sie waren nur noch ein einziges Jahr von ihrem Ziel entfernt. Khendrah verstand zu wenig von der praktischen Technologie der Zeitreisen, daher hatte sie keine Vorstellung davon, was geschehen würde, wenn die Energie in den Zellen sich bereits vor ihrer Ankunft am Ziel erschöpfen würde. Sie fürchtete jedoch, dass sie alle sich einfach auflösen würden. Unfähig, sich noch zu rühren, sah sie zu, wie sich der Riss in der Rückwand allmählich verbreiterte und wie rätselhafte Energiefinger wie leuchtende Zungen in den Innenraum hineinleckten. Dort, wo ihre Spitzen etwas berührten, schien sich die Materie einfach aufzulösen. Khendrah hielt ihre Luft an, als einer dieser Energiefinger sich einer der Energiezellen näherte, doch dann war der Spuk vorbei.
Es war still. Das Licht von draußen war verschwunden. Sie blickte auf das Display, welches flackernd »2008« anzeigte. Khendrah konnte es kaum glauben. Sollten sie es tatsächlich geschafft haben? Hektisch machte sie sich an der Türverriegelung zu schaffen, die, im Gegensatz zu ihrer Abreise im Jahre 3500, nun schnell nachgab und ein Öffnen der Tür ermöglichte. Auch diese Tür hatte sich während ihrer letzten Reise verzogen und sie musste all ihre Kraft aufbringen, sie vollständig zu öffnen. Kalte Luft strömte hinein und ließ die frösteln. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie beim ersten Mal hier angekommen war und wie sie gefroren hatte, als sie an diesem Novembertag in die Zeit hinausgetreten war. Auch diesmal fror sie, obwohl sie passender angezogen war. Mit leicht schwankenden Knien trat sie hinaus und sah sofort, dass es gelungen war. Sie kannte diese Straße. Hier war sie schon einmal gewesen. Eine unglaubliche Erleichterung machte sich in ihr breit und ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte, rannen ihr die Tränen über die Wangen. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal geweint hatte.
»Kindchen, was ist mit Ihnen?«, fragte ein älterer Mann, der mit Einkaufstaschen an ihr vorbeikam. Er blieb stehen und betrachtete sie näher.
»Mein Gott, was ist denn mit Ihnen geschehen?«
Khendrah registrierte den Mann erst jetzt.
»Es ist schon in Ordnung«, sagte sie. »Wir hatten einen kleinen Unfall.«
»Unfall?«, fragte der Mann und blickte an Khendrah vorbei in die immer noch offen stehende Kabine, in der Jake und Fancan sich zu bewegen begannen.
»Oh mein Gott!«, entfuhr es ihm, »Ist die Fahrstuhlkabine abgestürzt?«
»Nicht wirklich abgestürzt«, antwortete Khendrah beschwichtigend. »Eher ein Stück durchgerutscht und hart aufgesetzt. Es hat uns etwas durcheinandergeschüttelt. Aber keine Angst, es ist uns nichts geschehen. Sie können unbesorgt weitergehen.«
Der Mann ließ sich jedoch nicht beirren und ging an Khendrah vorbei, um den Leuten im Aufzug zu helfen.
»Durcheinandergeschüttelt, was?«, fragte der Mann und gab Jake die Hand, um ihm aufzuhelfen. »Sind Sie in Ordnung, junger Mann?«
Jake sah ihn fragend an.
»Er versteht kein Deutsch«, erklärte Khendrah, »aber er ist ok.«
Fancan rappelte sich ebenfalls hoch und betrachtete den Mann.
»Wer ist das?«, fragte sie unfreundlich, »Haben wir es geschafft? Wo sind wir?«
»Fancan, beruhige Dich!«, mahnte Khendrah, »Wir sind am Ziel und dieser Mann hier ist einfach ein freundlicher Passant, der uns helfen möchte.«
Ein schriller Alarm ertönte plötzlich aus dem Innern der Kabine.
»Verdammt, die Energiezellen sind verbraucht!«, rief sie und stürzte zu Thomas, um ihn aus der engen Kabine herauszuziehen. Er stöhnte leise, als Khendrah an seinem Arm zog. Der fremde Mann unterstützte sie und gemeinsam brachten sie Thomas ins Freie.
»Wir müssen uns beeilen!«, forderte Khendrah, »Fancan, wir brauchen dich! Jake, schnapp dir die Koffer!«
So schnell sie konnten, schafften sie Giwoon und ihre Koffer ebenfalls ins Freie – keine Sekunde zu früh, denn einen Augenblick später knallte es laut und ein Blitz fuhr aus der Kabine über ihre Köpfe hinweg, jedoch ohne sie zu verletzen. Geblendet schlossen sie ihre Augen und warfen sich auf den Boden. Als sich ihre Augen wieder an die Dämmerung des frühen Abends gewöhnt hatten, sahen sie, dass die Kabine verschwunden war. An ihrer Stelle befand sich eine Glastür, die bereits vorher an dieser Stelle gewesen sein musste.
»Da brat‘ mit doch einer … da war doch vorhin …«, stammelte der Mann. »Was seid Ihr eigentlich für Leute? Das ist doch nicht normal, was sich hier abspielt.«
»Es ist alles in Ordnung«, sagte Khendrah eindringlich, »wir sind ganz normale Leute und wir danken Ihnen recht herzlich, dass Sie uns geholfen haben. Doch nun sollten Sie einfach weitergehen und vergessen, was Sie hier gesehen haben.«
Sie packten sich ihr Gepäck und machten sich auf den Weg. Den Mann ließen sie einfach in seiner Ratlosigkeit stehen. Nach einigen Metern blickte Khendrah noch einmal zurück und sah, dass er noch immer dort stand und ihnen hinterher starrte. Sie war nicht beunruhigt. Selbst, wenn der Mann jemandem von seinen Beobachtungen erzählte, würde man ihm nicht glauben, denn er hatte keinerlei Beweise für seine Behauptung.
Plötzlich fiel ihr etwas ein und sie kehrte noch einmal zu dem Mann zurück.
»Entschuldigen Sie, eine Frage noch: Welches Datum haben wir heute?«
»Den 18. November«, antwortete der Gefragte, »warum fragen Sie?«
»Den 18. November 2008?«, fragte Khendrah erneut.
»Natürlich«, sagte der Mann verständnislos, »was denn sonst?«
»Ich danke Ihnen«, sagte Khendrah lachend, »Sie haben mir wirklich sehr geholfen.«
Sie umarmte den Mann, der nun einen etwas hilflosen Eindruck machte und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
»Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend«, sagte sie zum Abschied, dann lief sie schnell zu den Anderen zurück, die in einiger Entfernung auf sie warteten.
»Was war denn noch?«, wollte Giwoon wissen.
»Wir haben den 18. November 2008«, sagte sie – immer noch lachend. »Das ist eine absolute Punktlandung. Wir haben Abend. Das bedeutet, wir sind hier eingetroffen, nachdem unsere früheren Versionen von hier geflohen waren. Es ist, als wären wir nie weg gewesen – jedenfalls auf Thomas trifft das zu.«
»Und was ist daran so erheiternd?«, fragte Thomas.
»Gar nichts«, sagte Khendrah, »ich bin einfach nur total erleichtert, dass es alles so geklappt hat. Jetzt kannst du dein Leben hier in deiner eigenen Zeit weiterführen.«
»Ja, aber was ist mit Euch?«, fragte Thomas, »Irgendwie bin ich doch immer davon ausgegangen, dass Ihr mich lediglich wieder nach Hause bringen wollt – oder müsst – je nachdem, wie man es betrachtet. Aber jetzt kommt doch niemand von Euch wieder hier weg …«
»Du hast es erfasst«, sagte Giwoon trocken, »wir werden ebenfalls bleiben müssen.«
»Hättest Du mich denn wieder gehen lassen?«, fragte Khendrah forschend.
»Ja … äh … nein …«, stammelte Thomas, »ich hätte dich ungern wieder gehen lassen, aber was hätte ich schon tun können? Jeder gehört doch wieder in seine eigene Zeit.«
»Die Zeit ist manchmal schon eine kuriose Sache«, sagte Giwoon, »denn oft ist es nicht so ganz klar, wer in welche Zeit gehört. Du, Thomas, gehörst definitiv hierher. Aber auch Khendrah, Fancan und ich gehören hierher. Meine Mutter hatte sehr gewissenhafte Nachforschungen angestellt. Sie hat den Stammbaum von Gunter Manning-Rhoda zurückverfolgt und dabei festgestellt, dass nicht nur du und Khendrah zu seinen Vorfahren zählt, sondern auch Fancan und ich. Wir werden uns hier einrichten müssen.«
»Soll das jetzt ein schlechter Witz sein?«, fragte Thomas, der es noch immer nicht glauben konnte.
»Ich war dabei, als Symeen, Giwoons Mutter, es erklärt hatte«, bestätigte Fancan, »so wie es aussieht, kommen wir wohl nicht mehr voneinander los.«
Thomas schien erst jetzt wirklich zu begreifen, dass er und Khendrah tatsächlich eine gemeinsame Zukunft haben würden. Lächelnd schloss er sie in seine Arme und küsste sie.
Jake, der die ganze Zeit über dabei gestanden hatte, verdrehte die Augen. Zwar hatte er nicht alles verstanden, weil die Anderen einen Teil der Unterhaltung in deutscher Sprache geführt hatten, doch war ihm wohl klar, dass sich hier für seine neuen Freunde eine Art von Happy End anbahnte.
»Und was ist mit mir?«, fragte er, »Ich gehöre nun wirklich nicht hierher. Soweit ich das sehe, befinden wir uns hier mitten in Deutschland. Ich bin US-Staatsbürger. Ich spreche noch nicht einmal deutsch. Was soll ich hier?«
»Jake, mein Freund«, sagte Fancan, »du hast die Wahl. Wir können veranlassen, dass du in deine Heimat zurückkehren kannst. Du kannst aber auch hier bleiben. Wir haben noch ein paar technische Spielereien aus der Zukunft mitgebracht, die dir helfen könnten, die Sprache schnell zu erlernen. Wir könnten dir auch Papiere anfertigen, die hier in dieser Zeit jeder Überprüfung standhalten. Wir müssen für uns selbst ebenfalls Ausweispapiere anfertigen. Es ist Deine Entscheidung. Du bist jetzt im Jahr 2008. Die Welt dürfte dir liegen. Es gibt noch fast nur Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren. Mit deinem Wissen von 2014 sollte es dir möglich sein, hier zu überleben.«
»Ihr meint, ich solle hier bleiben?«, fragte Jake.
»Nein, du sollst es einfach selbst entscheiden«, stellte Giwoon klar. »Vielleicht bleibst du eine Weile und lebst dich hier ein. Wir werden dir jedenfalls helfen, so gut es geht.«
»Vielleicht habt Ihr recht«, sagte Jake. »Ich sollte erst einmal deutsch lernen und dann weitersehen. Wenn es Euch nichts ausmacht, bleibe ich erst mal bei Euch.«
»Wie weit gehen Eure Pläne eigentlich?«, fragte Thomas. »Jetzt sind wir alle hier in meiner Zeit. Wisst Ihr, wo Ihr jetzt hingehen werdet?«
Giwoon und Fancan sahen sich entgeistert an. Sie hatten tatsächlich keine Pläne gemacht, die über die Ankunft in 2008 hinausgingen.
Thomas lachte, bis ihm die Tränen kamen. Die Anspannung der letzten Tage fiel endgültig von ihm ab.
»Ich hatte lange Zeit regelrechte Minderwertigkeitskomplexe, weil Ihr mir in jeder Hinsicht überlegen wart. Jedenfalls glaubte ich das. Aber Ihr seid mir im Grund gar nicht so weit voraus. Ihr seid einfach nur Kinder einer anderen Zeit. Ihr ahnt nicht, wie sehr mich das beruhigt. Ihr habt wirklich keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen soll. Dann will ich jetzt ‚mal die Führung übernehmen … Ich habe ganz in der Nähe eine Wohnung. Leider habe ich meinen Schlüssel verloren, aber da könnt Ihr mir sicher helfen, oder? Lasst uns alle zu mir nach Hause gehen. Ich habe eine Couch, die man zu einem Bett umbauen kann und ich habe auch noch Luftmatratzen. Für heute Nacht sollt Ihr alle meine Gäste sein. Gehen wir erst etwas essen, in einem kleinen Lokal auf der gegenüberliegenden Straßenseite und anschließend zu mir. Was haltet Ihr davon?«
»Als ich zum letzten Mal mit dir hier in deiner Zeit Essen war, war ich anschließend besinnungslos«, gab Khendrah zu bedenken. »Ich habe keine gute Erinnerung daran.«
»Khendrah! Du hattest zu viel getrunken.«
»Man wird hier besinnungslos, wenn man zu viel trinkt?«, fragte Giwoon skeptisch.
»Wenn man zu viel Alkohol zu sich nimmt und es nicht gewohnt ist …«, sagte Thomas.
»Ihr trinkt hier Alkohol?«, fragte Giwoon mit aufgerissenen Augen, »Ihr nehmt Gift zu Euch?«
Thomas schüttelte lachend den Kopf.
»Ja, wir nehmen Gift zu uns«, sagte er, »und wir genießen es sogar. Es ist alles eine Frage der Dosierung.«
Er trat an den Bordstein heran und wartete eine Lücke im Verkehr ab, dann winkte er den Anderen zu, ihm zu folgen.
»Kommt. Das Lokal ist dort drüben – und keine Angst, ich werde Euch nur ein ganz kleines Bisschen vergiften. Ihr werdet Euch daran gewöhnen.«
Thomas griff Khendrahs Hand und zog sie hinter sich her über die Straße. Die Anderen folgten ihnen.
Bevor sie die Tür zum Gastraum öffneten, blieb Thomas noch einmal stehen und blickte Khendrah mit offenem Blick an.
»Du weißt, was du auf dich genommen hast, als du dich entschieden hast, in meiner Zeit zu bleiben?«, fragte er sie. »Bist du dir sicher, das Richtige getan zu haben?«
»Was soll die Frage?«, fragte Khendrah, »Ich bin dort zu Hause, wo du zu Hause bist. Ich bin jetzt eine Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts, dazu noch eine verdammt hungrige Frau. Was hältst du davon, mir endlich die Feinheiten der Küche von 2008 zu präsentieren?«
Sie sah, dass Thomas sie noch immer forschend anblickte. Er wirkte so unsicher, wie sie ihn in all der Zeit, die sie nun bereits miteinander in der Zeit unterwegs waren und gemeinsam Abenteuer erlebt hatten, nicht erlebt hatte.
»Ja, Thomas, ich bin mir meiner Sache absolut sicher«, fügte sie deshalb noch hinzu und sah, wie er zu strahlen begann.
»Dann lasst uns hier hineingehen und schlemmen, was das Zeug hält«, sagte er, »ihr werdet alle begeistert sein.«
Beherzt öffnete er die Tür und führte die Gruppe ins Lokal hinein. Drinnen erwartete sie eine freundliche, intime Atmosphäre und der Duft von Gebratenem erfüllte den Raum.
»Oh, Herr Rhoda!«, rief ein Mann in einem dunklen Anzug von der Theke her. »Schön, dass Sie wieder einmal hier sind. Ihr Lieblingstisch ist noch frei.«
»Danke, aber ich denke, heute wird dieser Tisch nicht reichen. Ich habe Freunde mitgebracht, die bereits neugierig sind, was Sie uns zaubern können.«
Der Mann im Anzug war der Chef des Lokals und kam zu ihnen. Etwas befremdet betrachtete er die Gruppe, denn sie trugen noch ihre Kleidung aus der Zukunft, die für das einundzwanzigste Jahrhundert etwas befremdlich wirkte.
»Sie wundern sich sicher über unseren Aufzug, nicht wahr?«, fragte Thomas. »Irgendwann erkläre ich Ihnen vielleicht, wie es dazu kam. Aber nicht heute. Heute wollen wir ein wenig feiern. Bringen Sie uns doch bitte eine Flasche von Ihrem trockenen Roten, den ich auch sonst immer trinke.«
»Sie wirken irgendwie … verändert, Herr Rhoda«, sagte der Chef des Lokals, »ich weiß nicht, was es ist, aber …«
»Wahrscheinlich liegt es an meiner Begleitung«, sagte Thomas, »insbesondere an meiner Freundin Khendrah.«
»Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen«, sagte der Chef, griff eine Hand von Khendrah und drückte ihr galant einen Kuss darauf.
Sie blickte wie versteinert auf den Mann, ließ es aber geschehen, als sie sah, wie Thomas ihr ein entsprechendes Zeichen gab. Giwoon, Fancan und Jake konnten ihre Erheiterung nur mit Mühe unterdrücken.
»Er ist immer so«, erklärte Thomas, nachdem sie zu einem größeren Tisch geleitet worden waren, »aber er ist schwer in Ordnung. Ich esse sehr häufig hier. Das Essen ist Klasse.«
Der Wein kam und Thomas übernahm es, die Gläser der Anderen zu füllen. Skeptisch nippten sie alle an dem Getränk, bis auf Jake, der seinen Wein in einem Zug hinunterkippte.
»Meinst du, dass ich wieder besinnungslos werde, wenn ich das hier getrunken habe?«, fragte Khendrah Thomas.
Er schüttelte den Kopf.
»Nicht, wenn du nur wenig davon trinkst, mein Schatz. Das dort im Glas enthält zwar Alkohol, aber es ist nicht als Durstlöscher gedacht. Du wirst es noch lernen.«
An diesem Abend wurden noch einige Gläser getrunken. Es wurde gelacht und gescherzt. Noch nie waren sie so ungezwungen gewesen, seit sie sich alle kennen gelernt hatten. An diesem Abend, in diesem Lokal wurden Pläne geschmiedet. Sie beschlossen, sich niemals aus den Augen zu verlieren und sich immer gegenseitig zu helfen. Khendrah und Thomas beschlossen, ebenso wie Fancan und Giwoon, zusammen zu bleiben und Jake wollte erst einmal die Sprache lernen und dann versuchen, in seiner Branche Fuß zu fassen.
Sie, die die zukünftige Geschichte kannten, wussten, dass dies der einzige und richtige Weg war – vor allem jetzt, da sie zum ersten Mal sicher sein konnten, dass es keine Korrekturen mehr geben würde.
Khendrah blickte Giwoon an. „Es ist endgültig vorbei, nicht wahr?“
Giwoon nickte. „Die schrecklichen Manipulationen an der Zeit gehören der Vergangenheit an.“
„Und wir müssen nicht befürchten, dass irgendwo im Strom der Zeit wieder jemand eine Zeitmaschine erfindet, und ein anderer auf die Idee kommt, ein System wie Zeitaufzüge erneut aufzubauen?“
„Wie will man da sicher sein? Vor allem jetzt, wo niemand mehr regelnd eingreift.“
„Es kontrolliert wirklich niemand mehr?“, fragte Fancan. „Was ist mit deiner Familie?“
Giwoon grinste. „Du hast recht. Meine Familie wird Vergehen gegen die Zeit sicher lokalisieren und etwas dagegen tun, aber das wird uns hier unten in der Zeit nicht mehr betreffen.“
Thomas sah ihn fragend an. „Und dir macht es nichts aus, dass du nie wieder Kontakt zu deiner Familie haben wirst?“
„Oh doch, das macht mir etwas aus. Aber ich musste mich entscheiden, und als meine Mutter mir die Zusammenhänge, uns betreffend, dargelegt hatte, fiel mir die Entscheidung nicht schwer. Aber es ist nicht gesagt, dass die Trennung wirklich endgültig ist. Rein technisch hat man in meiner Heimatzeit durchaus die Möglichkeiten, uns auch hier ausfindig zu machen. Ich weiß aber nicht, ob man das auch tun wird. Die Gefahr einer Zeitmanipulation wäre durchaus gegeben, und ihr wisst ja, wie man bei mir zu Hause darüber denkt.“
Thomas hob sein Glas und sah nacheinander die anderen an. „Erhebt eure Gläser! Lasst uns auf das trinken, das uns alle verbindet: unsere Zukunft!“


Ende


Dies war nun der letzte Teil meiner Romangeschichte „Korrekturen“. Ich hoffe, meinen Lesern hat die Lektüre des Romans Freude bereitet. Sicher war der eine oder andere Fehler noch im Text, wobei ich hoffe, dass dieser Umstand nicht zu Holprigkeiten beim Lesen geführt hat. Es gab halt kein Lektorat … Ihr kennt das sicher.

Es wäre abschließend jedoch nett, wenn ich ein kleines Gesamtfeedback zur Geschichte erhalten würde. Dabei sollte niemand ein Blatt vor den Mund nehmen. Hat es gefallen? Hat es nicht gefallen? Was hat gestört? Ich nehme jegliche Kritik dankend an.

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 13 – Flucht ins Proxydon-System

Archweylls Nervenbahnen mutierten zu einer Achterbahn der Gefühle, Überlegungen und glänzendem Kalkül, während die heulenden Alarmsirenen jeden einzelnen an Bord wachrüttelten und eine automatische Warnung durch die Mikrofone sämtlicher Stationen der Atharymn knisterte. Er hatte vielleicht noch wenige Minuten, sich eine Lösung zu überlegen und dabei Milliarden von Menschenleben mit einzuplanen. 
»Wir müssen es fortlocken!«, überlegte Archweyll laut. 
Aber wie konnte er das anstellen, ohne sich in den direkten Tod zu stürzen oder das Monster auf seine Heimatwelt aufmerksam zu machen? 
»Sollen wir das Risiko eingehen, die Sicherheitsbehörde anzufunken?«, fragte Clynnt mit kritischem Blick. Scheinbar war er sich dessen mehr als unsicher. 
»Die Hellscreamer sind die einzigen Schiffe, die es nicht in der Mitte durchbeißen könnte. Wenn sie schnell genug hier wären, könnten sie uns unterstützen, bevor das Monster Prospecteus erreicht.« 
Diese Möglichkeit hatte Archweyll bereits mit eingeplant, doch es gab viele offene Risikofaktoren. Wenn das Wesen ihren Funk verfolgen könnte, wäre es ein Ding von wenigen Tagen, bis es ihre Heimat in ein elendes Stück Asche verwandeln würde. 
Doch wenn nicht … 
Plötzlich öffnete sich die Tür und Daisy trat ein. 
Auch sie schien angesichts der aktuellen Situation mehr als besorgt, doch erneut erkannte Archweyll diesen faszinierenden Glanz in ihren Augen. 
»Wie ich sehe habt ihr schon einen Plan?«, binnen einer Sekunde schien sie die Lage durchschaut zu haben. 
»Nun, äh …«, erwiderte der Kommandant zögernd. 
»Zum Glück hatte ich während meiner himmelhochjauchzenden Aufzugfahrt hierher, eingequetscht zwischen panischen Hornochsen, die Muße etwas nachzudenken«, begann Daisy ihre Ansprache.
Clynnt und Archweyll wechselten einen flüchtigen Blick. 
»Da wir uns nicht im Klaren darüber sind, welche Fähigkeiten unser Feind besitzt oder was es überhaupt für ein Lebewesen ist, sollten wir keine Funkverbindung mit Prospecteus aufbauen. Aber wir könnten einige Arrows in jede erdenkliche Richtung entsenden. Einer von ihnen wird dann die Basis verständigen und Verstärkung anfordern. Solange versuchen wir hier klarzukommen.«
Archweyll verschlug es die Sprache. Das war fast zu einfach. Doch dann wurde ihm klar, dass das bedeutete, dass sie vermutlich tagelang fliehen mussten, mit einem unbeugsamen Verfolger im Nacken. Aber eine andere Möglichkeit fiel ihm nicht ein. 
»Tut, was sie sagt«, wies er die Navigatoren an, die sich sofort daran machten, seinen Befehlen zu entsprechen. 
»Dieser Kurs ist gefährlich. Verdammt gefährlich. Der proxydonische Orbit ist kein Zuckerschlecken, Arch, und die Hellscreamer werden dort ebenfalls Probleme bekommen«, sagte Clynnt und sein Ausdruck deutete seine argen Befürchtungen an. 
»Aber es ist unsere einzige Möglichkeit, langfristig diesem Todesstrahl ausweichen zu können. Wenn du gut genug manövrierst, können wir das schaffen. Ich zähle auf dich. Wir werden zudem weitere Flieger aussenden, die die Meteoriten zertrümmern können, die dem Flaggschiff zu nahe kommen.« Archweylls Ton duldete keinen Widerspruch. Sie hatten zu wenig Zeit für hitzige Diskussionen. 
»Arrows entsendet, Koordinaten verteilt«, bestätigte Clynnt mit einem Blick auf die Monitore. »Hoffen wir mal, dass es sich nicht für diese lästigen Mücken interessiert.« 
»Dann leiten wir jetzt den Warpsprung ein. Beeil dich!« Der Kommandant ging in der Navigatorenkabine auf und ab. Das Radar zeigte, dass sie kaum noch 20 Kilometer von ihrem Ziel entfernt waren. Das war ein feuchter Witz, wenn man die Unendlichkeit des Warps damit verglich.
Auf einmal erschütterte eine angedeutete Eruption das All, als das Wesen erneut seinen Kristall auflud. Das Knistern der Energie war so machtvoll, dass sämtliche Geräte der Atharymn ausschlugen. Es klang wie in einem Krankensaal, wo verzweifelt um das Überleben des Patienten gekämpft wurde. 
Hier ist es nicht anders, schoss es Archweyll durch den Kopf. Was für eine dämonische Macht ist das?
»Wir müssen hier weg! Clynnt?!« Die Panik ließ ihn aufschreien. Wenn dieser Strahl sie traf, war es vorbei mit ihnen. 
»Bereit!«, erwiderte der Chefnavigator unter zusammengepressten Zähnen. »Setze Kurs auf das Proxydon-System.«
Der Warpeintritt war so sanft wie eh und je. Fast schon trügerisch ruhig glitt die Atharymn durch die Farben der Unendlichkeit. An Bord spiegelte sich jedoch eine andere Stimmung wieder. 
Archweyll war mittlerweile auf die Brücke zurückgekehrt, Daisy war ihm gefolgt. 
»Ich habe dir noch gar nicht gedankt, für deinen Einsatz da unten«, sagte der Kommandant lobend.
»Du solltest das nicht tun. Dein Dank gebührt deinem Chefnavigator. Hätte er mich nicht strammstehen lassen, hätte ich die Biege gemacht. Riesige Monster, die das All bereisen oder in der dunkelsten Tiefe des Ozeans Jagd auf uns machen… ich war noch nicht bereit dafür.« Sie lächelte matt. »Aber das hat sich geändert. Ich will es euch beweisen und noch viel schwieriger: ich will es mir selbst beweisen. Ich kann das. Und ihr könnt jederzeit auf mich zählen.«
Archweyll wollte sie mit einem Schulterklopfen quittieren, doch ein Aufschrei aus der Navigatorenkabine ließ ihn erschaudern.
»Es hat geklappt! Es folgt uns!« Dann ein gezischter Fluch. »Weltraumpisse! Wie kann es sein, dass ein Lebewesen mehr Antriebsenergie besitzt, als ein Patrouillenkreuzer mit Reaktorantrieb?« Stück für Stück näherte sich der rote Punkt auf dem Radar ihrer Position. 
»Wenn das so weitergeht, hat es uns in 3,2 Parsec eingeholt. Das ist ungefähr die Hälfte der zurückzulegenden Strecke«, fluchte Clynnt Volker ausgelassen. 
»Dann werden wir ein Sperrfeuer auslegen. Mal gucken, wie es mit unseren Torpedos klar kommt«, antwortete Archweyll und röhrte den entsprechenden Feuerbefehl in seinen Lautsprecher. Den Bruchteil einer Sekunde später hatte der Kreuzer das Bombardement eröffnet. 
»Er fliegt keine Ausweichmanöver.« Clynnt runzelte sorgenvoll die Stirn. »Ich denke das bedeutet, dass es ihn nicht einmal kitzeln wird.« 
Archweyll studierte eingehend die Monitore.
Wenige Minuten nach Abschuss detonierten die ersten Geschosse, schwere Torpedos der Weltenzerstörer-Klasse, die einen Kreuzer regelrecht zerfetzen konnten. Doch ihr Gegner schien angesichts der nuklearen Detonationen ungerührt und setzte seine Verteidigung weiter fort.
»Er hat einen organischen Deflektorschild«, stellte der Chefnavigator fest.
»Ich hasse Hippies!« Archweyll spukte aus. »Feuert aus allen Rohren!« Seine Augen verschlangen förmlich die unzähligen blauen Dreiecke auf dem Radar, die ihrem Gegner entgegenflogen. 
37 bestätigte Volltreffer. Irgendwann ist sein Schild am Ende.
Der Vorteil, den ihnen der Warpsprung verschaffte, stand außer Frage. Geschosse vorwärts zu feuern, war nahezu unmöglich. Allerdings konnten sie getrost ihren Verfolger bombardieren.
»Er wird langsamer.« Clynnt atmete merklich aus. 
»Das bedeutet, er muss mehr Antriebsenergie in seine Deflektorschilde pumpen«, erklärte Daisy. Für einen Moment hatten sie einen Vorsprung. »Kreuzfeuer beibehalten. Aber gebt auf unsere Vorräte Acht. Wenn wir in Proxydon sind, werden wir alles brauchen, was wir haben.« 



***

 

 

Das Proxydon-System war ein kompliziertes Netzwerk aus Asteroidengürteln und Eisenstaubbänken, die durch Magnetströme zu Strudeln des Todes mutiert waren. Schon von weitem konnte man die spiralenförmige Helixstruktur des Systems bewundern, die sich wie zwei ineinander verkeilte Schlangen durch den Warp windete. Darin waren weitere, kleine Wirbel und Ströme zu erkennen. 
»Da wollen wir wirklich rein?« Clynnt Volker schien diese Aussicht gar nicht zu schmecken.
»Ein bisschen Mut. Es ist unsere einzige Chance«, erwiderte Archweyll und musste grinsen. 
Jetzt würde es ganz darauf ankommen, wie gut er seine Crew im Griff hatte. »Kurzstreckentorpedobatterien aktivieren. Manuelle Geschosslanzen in Bereitschaft. Ich möchte mindestens 30 Arrows in einer Stunde da draußen haben. Jeder Asteroid, der sich der Atharymn nähert, ist ein erklärter Todfeind und wir gehen nicht zimperlich mit solchen um.« Archweyll beendete seine Funkansprache und betrachtete die Monitore. »Da bist du ja, du Kotzbrocken«, fluchte er unflätig. 
Seit sie das Torpedofeuer beenden mussten, um ihre Vorräte zu schonen, hatte ihr Feind unbeugsam aufgeholt. Fast 2 Tage waren sie nun schon auf der Flucht vor ihrem Verfolger und er saß ihnen unnachgiebig im Nacken. Archweyll hatte bisher keinen Schlaf gefunden und würde es auch weiterhin nicht. In Extremsituationen konnte er Wochen ohne Schlaf auskommen, auch wenn er mit dieser Fähigkeit seines Körpers selten liebäugelte. Es würde noch zwei weitere Tage brauchen, bis die Arrows ihr Ziel in Prospecteus erreicht hatten. 

Also noch sechs Tage, bis wir auf Hilfe hoffen können.

Ein Gedanke, der fast an Irrsinn grenzte. Reisen durch den Warp konnten mittlerweile mit rasanten Geschwindigkeiten durchgeführt werden und doch waren sie viel zu langsam. 
»Eintritt in den Asteroidengürtel in 20 Minuten«, knisterte es durch die Lautsprecher. 
Archweyll schritt zur Heckkuppel und starrte hinaus. Das riesige Monster kristallisierte sich durch sein statisches Leuchten klar hinter ihnen ab. Und es wurde größer und größer. 
Mittlerweile waren die pfeilschnellen Jäger in Position um die Atharymn formiert und jeder verbliebene Gefechtskopf einsatzbereit. 
Der Kommandant spürte, wie sich seine Nackenhaare zu Berge stellten. Wieder war da dieses erregende Gefühl kurz vor einer unausweichlichen Schlacht. Er konnte es förmlich auf der Zunge schmecken. Bald würde Blut fließen. Er hoffte nur innig, dass es nicht das ihre sein würde.



***

 


Die ersten Asteroiden waren ein Klacks, doch bald geriet die Atharymn in Schwierigkeiten. Clynnt navigierte das Schiff so gut er konnte durch das dichte Geschwader aus Gestein, doch binnen Minuten mussten die Arrows mit manuellem Torpedobeschuss nachhelfen. Die kleineren Brocken, die mit der Außenbordwand kollidierten, rüttelten den Kreuzer mächtig durch, richteten aber keinen merklichen Schaden an. 
Zumindest noch nicht. 
Mittlerweile waren sie sieben Stunden in den Magnetströmen des Proxydon-Wirbels und es brachte den Chefnavigator an seine Grenzen. Clynnt merkte, wie er gedanklich abdriftete, denn er hatte seit zwei Tagen kein Auge zugemacht. Erst hatten seine Beine begonnen zu krampfen und dann kamen die Kopfschmerzen dazu, schlichen sich immer tiefer in sein Gehirn, um es zu martern. Einmal mehr erwünschte er sich die körperlichen Fähigkeiten seines Vorgesetzten herbei.
Wieder rumpelte Gestein auf die Atharymn, ein Getöse, das anschwoll zu einem Chor des kreischenden Metalls. 
Ihr Gegner legte trotz seiner unglaublichen Größe eine erstaunliche Wendigkeit an den Tag und war mittlerweile dicht an sie herangerückt. 
Zum Glück hat er bisher davon abgesehen uns mit seinen elektrischen Impulsen zu bombardieren.
Die Frage, was ihr Gegner ihnen noch entgegenzuwerfen hatte, wollte der Chefnavigator sich gar nicht erst stellen. 
»Gesteinsbrocken auf sieben Uhr. Vernichten!«, befahl Clynnt. 
Schweiß tropfte seinen Hals herunter und verirrte sich in den Tiefen seines Anzuges. Mit angestrengtem Blick verfolgte er die gezielte Sprengung auf den Monitoren, um dann zufrieden festzustellen, dass der Pilot erfolgreich seine Arbeit tat. Er massierte sich die Schläfen, zwischen denen es rumorte wie im Magen einer Bestie. 
Und sie hat Hunger, stellte der Chefnavigator mit einem müden Blick auf das Radar fest. 
Ihr Feind hatte sie eingeholt. Das unheilverkündende Knistern des Impulses kündigte sich an und für eine Sekunde fühlte sich Clynnt leer, ausgelaugt und erschöpft. 
Dann feuerte das Wesen und verfehlte sie nur um Haaresbreite. 
Explosionen detonierten um die Atharymn herum und zwei Arrows wurden von ihnen verschluckt. In der Ferne hörte er Archweyll Befehle brüllen. 
Ratternd aktivierten sich die Kurzstreckentorpedobatterien und hunderte von Gefechtsköpfen schlugen ihrem Feind entgegen. 
Jetzt konnte man deutlich den Deflektorschild des Monsters erkennen, das die feindlichen Torpedos wie eine glühende Sonne verschluckte, und im Farbenspiel der Explosionen hunderte Farben annahm. Doch an manchen Stellen bröckelte der Schild bereits. 
Auch die Energiereserven des Monsters waren nicht unersättlich, wie es schien. 
Knisternd aktivierte sich der Strahl erneut und eine Welle der Verzweiflung wurde der Atharymn entgegengeschleudert. 
Gleichzeitig musste Clynnt ein Ausweichmanöver gegen zwei Asteroiden auf Kollisionskurs vornehmen. Der erste Komet wurde von dem Induktionsschuss wortwörtlich zerfetzt. 
Der andere schabte am Schiff entlang und rote Alarmleuchten aktivierten sich. 
»Feuer auf den unteren Docks!«, fauchte der Chefnavigator in die Funkanlage. »Sofort die Techniki einsatzbereit machen!« Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er zu kollabieren. Sein Sichtfeld wurde schwarz und alles drehte sich schwindelerregend. Dann fasste er sich und war wieder halbwegs bei Sinnen.
Archweyll kam hereingestürmt, sein Gesicht eine Maske der Befürchtungen. »Das halten wir nicht lange durch!«, rief er. »Wir müssen Plan zwei einläuten.«
Clynnt schluckte. Plan zwei sah alles andere als gut aus. Als sie ihn zurechtgetüftelt hatten, war er fast wahnsinnig vor Zorn geworden. Aber es gab vermutlich keine andere Möglichkeit. Sie waren schwer getroffen worden und wenn die Feuer nicht unter Kontrolle kriegen würden, wäre alles verloren. Sie mussten sich mehr Zeit erkaufen, wo keine war.
Clynnt seufzte.
»Alle bereitmachen!«, rief er durch den Funk. »Wir steuern direkt in den Eisensturm.«

Korrekturen 29

29.Teil – Die letzte Flucht (5/6)

»Der Vektor reicht überhaupt nicht soweit!«, unterbrach Zeno Khendrah, »Ihr wollt mich doch nur veralbern! Niemand kann aus einem Bereich stammen, der weiter in der Zukunft liegt, als das achtzigste Jahrhundert. Das ist allgemein bekannt.«
»Warum wohl?«, fragte Giwoon barsch, »Weil Euer Vektor in der Zukunft solche Schäden angerichtet hat, dass wir uns gezwungen sahen, Eure Technologie zu blockieren. Leider geht auch Eure Forschung weiter und wir sahen die Gefahr, dass es Euch eines Tages gelingen könnte, unsere Blockade zu umgehen. Uns blieb nur eine Wahl: Die endgültige Zerstörung des Vektors.«
Zeno schüttelte den Kopf.
»Ich kann es nicht fassen«, sagte er. »Was habt Ihr getan, von dem Ihr glaubt, dass es den Vektor auslöschen wird?«
»Wir haben die Sonnenenergiezapfanlage am unteren Ende des Vektors zerstört«, erklärte Fancan. »Es hat bereits begonnen. Für den Vektor gibt es keine Rettung mehr. Allmählich wird, von der Vergangenheit ausgehend, hier alles verschwinden. Du musst aber keine Angst haben. Ihr alle habt noch genügend Zeit, den Vektor zu verlassen. Soweit ich weiß, stammst du aus dem 4300. Jahrhundert. Fahre einfach nach Hause, Zeno. Du bist Techniker. Mit Deinen Fähigkeiten und Deinem Wissen kannst Du dort Fuß fassen und Dir etwas aufbauen. Warte nicht zu lange. In wenigen Wochen wird es hier in der Basis brenzlig werden.«
»Und was wird aus Dir?«, fragte Zeno hoffnungsvoll.
»Zeno, Du bist ein netter Kerl«, sagte Khendrah, »aber schlage Dir bitte aus dem Kopf, dass aus uns etwas werden würde.«
Sie griff nach Thomas‘ freier Hand.
»Er ist es, mit dem ich gehen werde«, sagte sie bedauernd.
Zeno nickte.
»Dein Auftrag, nicht wahr? Alles begann damit, dass er dich benutzt hat. Ich hätte niemals erwartet, dass Du so viel Selbstbewusstsein hast, einem Analysten die Stirn zu bieten.«
»Du wusstest davon, dass Ralph mich für seine Zwecke missbraucht hatte?«, fragte Khendrah wütend.
»Nein, nicht so, wie Du denkst«, verteidigte sich Zeno. »Ich habe in meiner Eigenschaft als Techniker irgendwann bemerkt, dass Ralph es mit den Vorschriften nicht so genau nahm, wenn es um seine eigenen Interessen ging. Er zwang mich jedoch, die Augen davor zu verschließen.«
»Was hattest Du denn zu befürchten?«, wollte Khendrah wissen, »Du hättest dieses Schwein vor das Vektorgericht der Obersten Behörde bringen können.«
Zeno druckste herum.
»Ich bin einige Male illegal draußen in der Zeit gewesen. Ich suchte etwas Zerstreuung. Nichts Schlimmes. Aber er erwischte mich eines Tages bei der Rückkehr in den Vektor und von diesem Zeitpunkt an hatte er mich in der Hand. Irgendwie bin ich froh, dass das Alles nun vorbei ist. Was wirst Du tun, Kendrah?«
»Wir werden nur ein paar Sachen holen und dann mit einem der Aufzüge von hier aus ganz nach unten durchstoßen. Thomas muss unbedingt wieder in sein Jahr zurück. Die Geschichte verlangt, dass er sein Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert weiterlebt. Ich werde bei ihm bleiben. Ich habe ansonsten keine Heimat in der Zeit.«
Zeno war mit einem Mal wieder der Techniker, der er war.
»Ihr wollt zurück an den Beginn des Vektors, obwohl sich dieser bereits aufzulösen beginnt?«, fragte er.
»Ja, wir werden eine voll aufgeladene Kabine mit aller Gewalt nach unten fahren lassen«, sagte Giwoon. »Es wird das Letzte sein, was wir mit dem Vektor zu tun haben werden.«
»Das glaube ich Dir gerne«, sagte Zeno kopfschüttelnd, »Ihr werdet im Nichts materialisieren, wenn Ihr in die instabile Zone eintaucht. Eine Zeitkabine nimmt permanent Energie auf, während sie durch die Zeit reist. Ihr könnt nicht einfach Anlauf nehmen, wie Ihr es Euch vorstellt. Die instabile Zone würde Euch einfach aufsaugen und vernichten. Ich kann Euch aber eine mobile Energiezelle installieren, die Euch durch den gefährlichen Sektor bringen kann. Es ist aber eine Einbahnstraße. Wenn Ihr es tut, kommt Ihr dort nicht mehr weg.«
»Zeno, wir wollen auch gar nicht mehr dort weg«, sagte Khendrah. »Wir wären Dir wirklich sehr dankbar, wenn Du uns dieses eine Mal helfen würdest. Wir sind wirklich keine Verräter, das musst du uns glauben. Wir sind auf den Dienst an der Menschheit vereidigt worden, Zeno. Wie es sich nun herausgestellt hat, ist es für den Dienst an der Menschheit notwendig, den Vektor selbst zu vernichten. Ich würde Dir liebend gern die Beweise vorlegen, aber das ist jetzt leider nicht mehr möglich.«
Sie sah ihn Hilfe suchend an.
»Wirst Du uns helfen, Zeno?«
Er rang eine Weile mit sich, dann sagte er:
»Gut, ich werde es tun. Ich rüste Euch einen Aufzug aus und schicke Euch nach unten. Danach werde ich selbst den Vektor für immer verlassen. Ist denn überhaupt sicher, dass die Techniker nicht eine Reparatur der Energieversorgung durchführen können?«
»Ich selbst habe das Wissen über die Installation der Sonnenenergiezapfanlage in den Speichern gelöscht und die Back-up-Kristalle unbrauchbar gemacht«, sagte Giwoon. »Es gibt niemanden mehr, der das Wissen besitzt, den Vektor zu retten. Ich bin sehr gründlich gewesen, um meine Leute in der Zukunft zu schützen.«
»Gebt mir eine Stunde, dann könnt Ihr Eure Reise antreten«, meinte Zeno. »Aber dann muss ich jetzt ins Arsenal und einige Dinge besorgen.«
Er nickte ihnen zu und lief den Gang hinunter. Giwoon blickte ihm hinterher und fragte:
»Können wir ihm trauen?«
Fancan schmiegte sich an ihn.
»Wenn nicht ihm, dann können wir niemandem trauen. Zeno meint in der Regel immer genau, was er sagt. Komm‘, wir holen unsere Sachen und verschwinden hier.«
Sie verabredeten sich in knapp einer Stunde am Aufzug, in der Hoffnung, dass Zeno mit seiner Installation bis dahin fertig sein würde, dann trennten sie sich und betraten die Appartements von Khendrah und Fancan.
»Es ist ein sehr großes Appartement«, stellte Thomas fest.
Jake stand etwas schüchtern im Hintergrund und schaute sich staunend um. Die Einrichtung ließ deutlich erkennen, dass es hier eine Technologie gab, die weitaus fortschrittlicher war, als alles, was er bisher jemals gesehen hatte.
Khendrah griff eine Art Koffer und klappte ihn auf. Systematisch ging sie durch ihr Appartement und warf alles in den Behälter, was sie für unverzichtbar hielt.
»Ja, es ist sicher recht groß, aber es ist irgendwie auch eine Gefängnis«, sagte sie. »Mir ist es nie so vorgekommen, aber seit wir zusammen sind und ich nun weiß, dass es auch anders sein kann, würde ich hier nicht mehr leben können, ohne das Gefühl zu haben, eingesperrt zu sein. Es gibt keine echten Fenster, die Luft stammt aus dem Aufbereiter, die Nahrung ist synthetisch. Ich werde dieser Umgebung nicht nachtrauern.«
»So ganz verstehe ich Euch ja nicht«, meinte Jake und setzte sich in einen, an der Decke befestigten, Sessel. »Ihr habt hier eine fantastische Technologie und einen Luxus, wie ich ihn bisher noch nie gesehen habe. Ich kann nicht verstehen, dass es wirklich notwendig ist, das zu zerstören.«
»Wir zerstören doch nicht diese Technologie«, erklärte Khendrah. »Wir zerstören nur den Vektor. Der Fortschritt findet doch sowieso seit jeher dort draußen statt. Was glaubst Du denn, woher das alles hier stammt? Die Oberste Behörde hat sich alles, was sie brauchen konnte, überall in den Zeitaltern zusammengestohlen. Glaube mir, es ist nicht schade um dieses Konstrukt. Wir müssen nur sehen, dass wir hier verschwinden.«
»Die Stunde ist bald um«, mahnte Thomas, »wir müssen zum Aufzug.«
Khendrah packte ihren Koffer und machte den Anderen ein Zeichen, dass sie so weit wäre. Gemeinsam traten sie auf den Flur hinaus, wo bereits Fancan und Giwoon auf sie warteten. Ohne ein Wort machten sie sich auf den Weg zu den Aufzügen, wo Zeno geschäftig dabei war, die winzige Kabine mit Energiezellen voll zu stopfen.
»Wie sieht es aus?«, fragte Giwoon, als er Zeno aus der Aufzugkabine treten sah.
»Es wird eng werden«, antwortete er und deutete auf die hell erleuchtete Öffnung des Aufzuges. »Es ist aber notwendig, wenn Ihr sicher sein wollt, dass Euch nicht kurz vor dem Ziel der Saft ausgeht.«
»Oh, Mann, das wird eine unbequeme Reise«, jammerte Fancan und stellte ihren Koffer aufrecht in den kleinen Raum hinein. Nachdem sie wieder in den Gang hinaustrat, tat Khendrah es ihr nach. Sie war gerade dabei, die beiden Gepäckstücke so zu arrangieren, dass noch fünf Personen stehend darin Platz finden konnten, als sie plötzlich Lärm auf dem Gang hörte.
Die Tür der benachbarten Kabine war unerwartet geöffnet worden. Niemand von ihnen hatte die Signale registriert, die eine bevorstehende Ankunft einer Kabine ankündigen. Ralph Geek-Thoben sprang mit, vor Hass verzerrtem Gesicht heraus und feuerte sofort mit seinem Nadelwerfer, den er bereits in der Hand hielt. Jake und Thomas wurden sofort getroffen und sackten in sich zusammen. Giwoon und Fancan griffen zu ihren Waffen, doch Ralph war schneller. Von mehreren Nadeln getroffen brachen auch sie zusammen. Zeno hob beide Hände, zum Zeichen, dass er nicht kämpfen würde, doch Ralph schien ihn nicht als Gefahr einzustufen, denn er senkte seine Waffe.
»Was wollten diese Leute von Dir, Zeno?«, fragte er fordernd. »Los rede, sonst muss ich ungemütlich werden. Ich habe nicht viel Zeit.«
»Sie wollten nur ein paar Sachen holen«, sagte Zeno. »Danach wollten sie wieder verschwinden.«
»Und wozu brauchten sie dann Dich, Zeno?«, wollte er wissen, »Wozu braucht man einen Techniker bei einer einfachen Zeitreise? Wo wollten sie hin?«
Zeno hob hilflos die Hände und schüttelte den Kopf. Ralph wurde wütend und trat auf Zeno zu. Seine Waffe ruckte wieder nach oben und zeigte auf Zeno. Er stieg über die am Boden liegenden Bewusstlosen hinweg und stutzte plötzlich.
»Das sind Fancan und dieser Kerl, den Khendrah töten sollte«, sagte er, »die Identität dieser beiden Kerle ist mir nicht bekannt, aber … Khendrah fehlt. Wo – verdammt noch ‚mal ist Khendrah?«
Sein Gesichtsausdruck wurde wieder misstrauisch.
»Zeno?«, fragte er, »Auf wessen Seite stehst Du? Wo ist Khendrah? Ich muss nicht betonen, dass eine Überdosierung dieser Nadeln hier einen Menschen auch töten kann, oder?«
Zeno stand der Schweiß auf der Stirn und er wich unwillkürlich zurück. Ralph folgte ihm langsam. Bevor er jedoch von seiner Waffe Gebrauch machte, spürte er einen heftigen Stich in seiner Hand und der Nadelwerfer entfiel seiner Hand.
»Hier bin ich, Du Dreckskerl!«, rief Khendrah aus dem zweiten Aufzug, in dessen Kabine sie sich die ganze Zeit über versteckt gehalten hatte. In ihrer Hand hielt sie ebenfalls einen Nadelwerfer. Ralph machte Anstalten, sich nach seiner eigenen Waffe zu bücken.
»Das würde ich an Deiner Stelle nicht tun«, sagte Khendrah, »sonst jage ich dir eine volle Ladung in Deinen Körper. Dann ist mehr gefühllos, als nur Deine Hand.«
»Was willst Du denn jetzt tun?«, fragte Ralph mit einem hämischen Grinsen. »Deine sogenannten Freunde sind ohne Bewusstsein. Ich weiß inzwischen genau, was Ihr getan habt. Die Uhr tickt gegen Euch. Mit jedem Augenblick, den Ihr länger hier bleiben müsst, wird die Chance, dieses Thomas Rhoda wieder in seine angestammte Zeit zu bringen, kleiner. Ihr habt alle meine Pläne durchkreuzt, meine ganze Arbeit als Analyst vernichtet. Dafür werde ich nun Eure Pläne ebenfalls durchkreuzen.«
»Ralph, lass‘ doch diesen Blödsinn!«, rief Khendrah, »Der Vektor wird nicht mehr lange existieren, aber Du kannst Dein Leben in der Zeit weiterführen, wo immer Du willst – so wie jeder Andere hier im Vektor ebenfalls. Für niemanden von uns wird es so weitergehen, wie bisher. Lass‘ es doch gut sein. Was Du getan hast, war ein schweres Verbrechen, doch Du kannst etwas davon wieder gutmachen, wenn Du uns nun nicht im Weg stehst.«
»Mach‘ Dich nicht lächerlich, Du falsche Schlange!«, brüllte Ralph sie an, »Du musstest ja unbedingt dieses Thomas Rhoda retten! Du musstest in meinen Angelegenheiten herumschnüffeln und meine Pläne zerstören! Glaubst Du im Ernst, mich interessiert noch ein Leben dort draußen? Mir geht es nur noch um meine private Rache. Du wirst es nicht schaffen, Deine Freunde von hier zu retten. Dein Thomas wird nicht wieder in seine Zeit zurückkehren und Du wirst eine größere Zeitveränderung schaffen, als Du es dir denken magst. Vielleicht bin ich dann doch noch der Gewinner …«
Sein Gedanke schien ihn sehr zu erheitern, denn er warf den Kopf in den Nacken und lachte lauthals los. Unvermittelt rannte er los und näherte sich rasch der Kabine, in deren Tür Khendrah noch immer mit gezogenem Nadelwerfer stand. Ohne noch weitere Zeit zu verlieren, drückte sie ab und jagte ihm zwei Nadeln in den Körper. Ralphs Gesichtsausdruck wurde starr und seine Bewegungen wurden unkoordiniert. Von seinem eigenen Schwung getragen, prallte er auf Khendrah und ließ sie rückwärts in die Kabine stürzen, wo sie mit ihrem Rücken auf die Kante eines der Koffer prallte. Für einen Moment sah sie nur noch Sterne vor Ihren Augen und ihr Körper fühlte sich an, wie in Feuer getaucht.
»Khendrah!«, hörte sie eine Stimme, »Bist Du verletzt?«
Es war Zeno, der sich über sie beugte und sie besorgt ansah.
»Es geht schon wieder«, sagte sie ächzend. »Es ist schön, wenn der Schmerz nachlässt.«
Ralphs Körper lag bewusstlos halb auf ihr und sie musste sich hin und her winden, um sich darunter zu befreien. Zeno half ihr, indem er Ralphs Körper aus der Kabine zog. Er ging dabei nicht sonderlich vorsichtig mit ihm um. Khendrah atmete einige Male kräfig durch, nachdem sie wieder aufgestanden war. Zeno und Khendrah sahen sich einen Moment schweigend an.
»Danke«, sagte sie dann leise. »Zeno, Du bist ein netter Kerl.«
Er winkte ab.
»Es ist Zeit«, sagte er, »Ihr müsst in die Vergangenheit reisen, sonst könnt Ihr es nicht mehr.«
Er half ihr, die noch immer schlafenden Freunde in die kleine Kabine zu schaffen, was angesichts ihrer schlaffen Körper nicht einfach war. Als sie alle, mehr oder weniger übereinandergestapelt, verstaut waren, kletterte auch Khendrah dort hinein.
»Muss ich etwas beachten, wenn ich jetzt das Jahr 2008 einstelle?«, fragte sie Zeno. »Werde ich überhaupt an der richtigen Stelle in der Zeit erscheinen?«
Zeno lächelte.
»Khendrah, mein Schatz. Ich bin Techniker. Du musst Dich um nichts kümmern. Du wirst dort ankommen, wo du damals bei ersten Einsatz in 2008 auch erschienen bist. Wenn die Energie zu gering wird, werden die Zellen, die ich hier rings herum installiert habe, ihre Energie an die Kabine abgeben. Es wird reichen … noch.«
»Was geschieht mit Ralph?«
Zeno warf einen angewiderten Blick auf den am Boden Liegenden.
»Ralph werde ich mit der anderen Kabine ebenfalls in die Vergangenheit schicken«, sagte er.
»Aber die andere Kabine hat doch keine Energiezellen«, entfuhr es Khendrah.
»Hat sie nicht?«, fragte Zeno mit einem bösen Lächeln auf den Lippen. »Dann kann es wohl zu gewissen Zwischenfällen kommen.«
»Zeno, das kannst Du nicht tun!«, rief Khendrah.
Zeno beugte sich blitzschnell vor und gab Khendrah einen Kuss. Dann trat er zurück und zog die Kabinentür von außen zu. Das Verriegelungssystem ließ die Schlösser einrasten, sodass ein Öffnen nicht mehr möglich war. Khendrah rüttelte an den Griffen der Tür, doch sie rührte sich nicht.
»Zeno!«, brüllte Khendrah und schlug gegen die Tür.
Durch ein kleines Fenster sah sie Zeno draußen stehen und ihr zuwinken.
»Es hat keinen Sinn, Khendrah!«, rief er laut, damit sie ihn verstehen konnte, »Ich habe den Mechanismus manipuliert. Die Reise in die Vergangenheit wird gleich beginnen! Ralphs Reise wird meine private Rache an einem Mann sein, der mich jahrelang erpresst hat und wie einen Fußabtreter behandelt hat. Ich ziehe hiermit einen Schlussstrich. Werde glücklich, Khendrah! Ich habe Dich immer geliebt!«
Sie wollte noch etwas sagen, doch in diesem Moment setzte sich die Kabine in der Zeit in Bewegung und Zeno verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie blickte auf die kleine Anzeige, wo die Jahreszahlen zu laufen begannen. Erst langsam, dann immer schneller ging die Fahrt in die Vergangenheit. Als sie das Jahr 2050 passierten, begann die Zelle der Kabine zu vibrieren und die Erschütterungen wurden immer unangenehmer, je näher sie ihrem Ziel kamen. Die Zahlen auf dem Display wurden immer langsamer. Khendrah klammerte sich nervös an den Griff der Kabinentür. Die Luft im Innern wurde immer stickiger, da die Energiezellen, die von Zeno installiert worden waren, nun Wärme abzugeben begannen. Ein Alarmsignal signalisierte in nervtötender Lautstärke, dass etwas mit der Energieversorgung nicht in Ordnung war.


Der nächste – und letzte Teil – dieser Geschichte erscheint am 14.12.2019

Korrekturen 28

28.Teil – Die letzte Flucht (4/6)

Die Zeit schien sich endlos auszudehnen, bis sie endlich das Hotel erreichten. Immer wieder blickten sie sich verstohlen um, da sie damit rechneten, jeden Augenblick von Ralph und seinen Leuten angegriffen zu werden, doch bisher waren sie nirgends zu entdecken. Was sie allerdings noch mehr beunruhigte, war die Tatsache, dass auch Jake nirgends zu sehen war.
Die Halle des Hyatts war wirklich beeindruckend. Man hatte nicht den Eindruck, sich in einem Hotel zu befinden. Das Innere des Gebäudes hatte durchaus etwas Kathedralenartiges. Sie legten den Kopf in den Nacken und blickten nach oben. Das Gebäude war im Grunde dreieckig angelegt, wobei jedes Stockwerk eine umlaufende Balustrade mit einem Geländer besaß, von dem grüne Pflanzen herunter hingen und den – sich nach oben verjüngenden Innenraum – wie hängende Gärten erscheinen ließ. Das Zentrum der Halle zierte eine riesige, abstrakte Skulptur, deren Bedeutung sich nicht erahnen ließ. An der einzigen, geraden Wand der Halle fuhren mehrere gläserne Aufzüge lautlos, wie Tränen auf und ab.
»So sehen hier die Hotels aus?«, fragte Fancan beeindruckt.
»Ich habe mal etwas über diese Hotelkette gelesen«, sagte Thomas, »sie haben schon immer eine herausragende Architektur gehabt – auch in 2008, wohin wir ja wollen.«
»Schön und gut«, sagte Giwoon und drehte sich um seine Achse, »aber wo, verdammt noch einmal, finden wir den Aufzug, den wir brauchen? Es wird doch sicher keiner von diesen Glaskabinen sein.«
»Vielleicht gibt es hier noch herkömmliche Aufzüge, die für den Service-Betrieb gedacht sind«, vermutete Thomas, »ich würde auf diese gerade Wand dort tippen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass sie einen Aufzug in eine von diesen schrägen, nach innen verschobenen Wänden eingebaut haben.«
Giwoon tippte sich an die Stirn.
»Natürlich«, sagte er, »Thomas hat recht. Manchmal kommt man nicht auf das Naheliegende.«
Sie gingen langsam auf die Wand mit den gläsernen Aufzügen zu und hielten wachsam Ausschau nach ihren Gegnern.
»Wo stecken diese Kerle nur?«, murmelte Khendrah und griff gedankenverloren nach Thomas‘ Hand.
»Wahrscheinlich warten sie direkt vor diesem verdammten Zugang«, sagte Giwoon bitter. »Ich glaube nicht, dass sie noch das Risiko eingehen werden, uns zu verpassen. Habt Ihr Eure Nadelwerfer griffbereit?«
Sie erreichten die gerade Stirnwand der Halle, wo ein relativ dichtes Gedränge von Menschen herrschte, die entweder aus den Aufzügen kamen, oder auf sie warteten. Gespannt suchten sie nach einem Hinweis auf weitere Aufzüge. Thomas entdeckte schließlich ein Symbol, welches in einen Gang wies, der von der Haupthalle abzweigte.
»Dort finden wir hoffentlich unser Ziel«, sagte er und deutete auf den Gang, der von den meisten Menschen nicht beachtet wurde.
»Ja, und Ralph«, entfuhr es Fancan. »Was geschieht, wenn sie uns tatsächlich dort auflauern und wir unter massives Feuer aus diesen Nihilationswaffen geraten? Was tun wir dann?«
»Schießen, was das Zeug hält«, sagte Giwoon. »Dann müssen wir versuchen, sie mit unseren Nadeln auszuschalten, bevor unsere Schutzfelder zusammenbrechen. Scheut Euch nicht, Eure Waffen einzusetzen. Denkt daran, dass die Waffen des Gegners auf unseren Tod abzielen.«
»Ich frage mich, wo Jake steckt«, sagte Fancan.
»Wahrscheinlich ist er einfach nur verschwunden«, meinte Khendrah, »und ich kann es ihm nicht einmal übel nehmen.«
Giwoon machte ihnen noch einmal eindringlich bewusst, worauf es nun ankam. Sie machten alle ihre Nadelwerfer einsatzbereit und prüften abschließend noch einmal, ob die Felder ihrer Schutzscheiben noch intakt waren, dann gingen sie in den Gang hinein. Es war ihnen nicht geheuer, dass es hier so eng war. Wenn sie hier angegriffen würden, hätten sie keine Möglichkeit, Deckung zu finden. Doch ihre Befürchtungen waren unbegründet. Der Gang führte nach zwei Richtungsänderungen in einen größeren Raum, an dessen hinterer Wand sich drei Aufzüge befanden und davor standen – wie nicht anders zu erwarten war – Ralph und seine Leute.
»Was tun wir jetzt?«, fragte Fancan, »Hier laufen ja noch einige andere Leute herum.«
»Erst versuchen wir es mit Reden«, entschied Giwoon.
»Hältst Du das für eine gute Idee?«, wollte Thomas wissen, »Bisher haben sie immer wieder nur auf uns gefeuert.«
»Ja, wenn keine Zeugen anwesend waren«, sagte Giwoon. »Offenbar scheut er doch die hiesigen Polizeikräfte.«
Er lief los und die anderen folgten ihm zögernd. So wie sie aus der Deckung des dunklen Ganges hervortraten, entdeckte sie Ralph und griff nach seiner Waffe. Doch, bevor er sie zog, stellte er fest, dass eine Gruppe von Handwerkern sie beobachteten – also hielt er die Waffe zunächst unter seiner Jacke verborgen.
»Ralph, Du willst es doch hier sicher nicht wirklich zu einem Showdown kommen lassen«, sagte Khendrah, als sie kurz vor der Gruppe standen.
»Hast Du eine Ahnung, mein Engel«, zischte er. »Ihr habt alles zerstört, was ich mir aufgebaut habe. Ich wollte den Vektor verlassen, wollte mit meinem Neffen zusammen endlich etwas von dem haben, was mir all die Jahre verwehrt worden ist. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Du so unprofessionell bist und nicht einmal einen einfachen Auftrag ausführen kannst.«
»Ich unprofessionell?«, ereiferte sich Khendrah, »Dein Auftrag war egoistisch und unmoralisch! Du hast mich und meine Stellung ausgenutzt. Es war meine Pflicht, den Fehler zu korrigieren.«
»Pflicht!«
Ralph spie das Wort förmlich heraus.
»Ich habe über viele Jahre das getan, was Du ‚Pflicht‘ nennst. Ich habe nie darum gebeten, in den Vektor geholt zu werden. Verdammt, man hat mich um alles betrogen, was mir wichtig war. Aber jetzt bin ich am Drücker. Jetzt ernte ich die Früchte. Ihr müsst nicht glauben, dass Eure dilletantischen Maßnahmen im Jahre 2110 mich aufhalten können.«
»Du weißt noch gar nicht, dass die Zeit des Vektors vorüber ist, oder?«, fragte Khendrah. »Wir haben die Energiequelle zerstört, die ihn aufrecht erhält. Wenn Du klug bist, suchst Du dir schnell eine Zeit, die Dir gefällt und lässt Dich dort nieder, bevor das ganze System zusammenbricht.«
»Was redest Du da?«, wollte Ralph wissen. »Der Vektor ist ewig und unzerstörbar.«
»Das ist so nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Der Vektor kann nur existieren, solange ihm von seiner Basis her Energie zugefügt wird. Ein Zugang zu dieser Einrichtung befindet sich hier, in diesem Jahr. Die Sonnenenergie-Zapfanlage,  die wir zerstört haben. Gib auf Ralph. Es ist vorbei.«
»Ihr redet irre!«, brüllte Ralph und seine Hand zuckte wieder zur Waffe.
In diesem Moment bog ein Junger Mann in einem Arbeitsoverall und mit einer Base-Cap um die Ecke und hielt auf sie zu. Ralph beherrschte sich und wollte den Mann an sich vorbeilaufen lassen. Auch die übrigen Männer, die schweigsam dabeigestanden hatten, machten keine Bewegung. Der Mann machte Anstalten, an ihnen vorbei zu gehen, hielt dann kurz an und zog eine Zigarette aus seiner Tasche. Hilflos blickte er zwischen Ralph, seinen Männern und Giwoon hin und her, dann fragte er Ralph nach Feuer.
»Feuer?«, fragte Ralph verständnislos, »Was wollen Sie mit Feuer? Machen Sie, dass Sie weiterkommen.«
»Wofür Feuer?«, fragte der Mann, »Für die Zigarette hier natürlich.«
Er wedelte damit vor Ralphs Nase herum und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit von seiner anderen Hand ab, die einen kleinen Nadelwerfer hielt. In schneller Folge drückte er auf den Auslöser und jagte jedem der Männer eine Nadel in den Körper. Verfehlen konnte er aus dieser kurzen Entfernung niemanden. Die Wirkung trat augenblicklich ein. Keiner fand noch Gelegenheit, seine Nihilationswaffe zu ziehen. Ralph starrte den jungen Mann ungläubig an, doch er konnte, ebenso wie seine Mitarbeiter, bereits keinen Finger mehr rühren. Langsam kippte er gegen die Wand und rutschte daran herunter, als seine Beine ihren Dienst versagten.
»Jake?«, fragte Fancan, »Wir dachten, Du wärst abgehauen.«
Jake schob seine Base-Cap in den Nacken und grinste sie an.
»Ich habe Euch doch gesagt, dass ich Euch helfen werde«, sagte er, »nur habe ich leider das winzige Sprechgerät verloren und musste improvisieren. Als ich sah, dass hier in erster Linie Arbeiter im Overall herumlaufen, besorgte ich mir ein solches Teil.«
»Wo hast du es denn so schnell herbekommen?«, wollte Giwoon wissen.
Jake grinste und hielt den kleinen Nadelwerfer hoch.
»Tolles Teil, dieses Nadeldings«, sagte er. »Ich hoffe, der Mann kommt nicht so schnell wieder zu sich.«
»Mein Gott, Jake!«, entfuhr es Khendrah, »Du kannst nicht jeden Menschen hier einfach betäuben.«
»Ihr habt mir gesagt, es sei ungefährlich für die Leute, wenn ich es nicht überdosiere – und das habe ich nicht getan. Jetzt seid Ihr wieder am Zug. Wie geht es jetzt weiter?«
»Er hat recht«, sagte Giwoon, »Khendrah, Du hast doch eine Spezialuhr am Handgelenk, die uns zeigt, wie wir in den Aufzug gelangen. Ich will doch hoffen, dass sie noch in Ordnung ist.«
Khendrah berührte ihr Armbandinstrument an verschiedenen Stellen und zeigte dann auf die linke Aufzugstür.
»Das ist sie«, meinte sie. »Die nächste Kongruenzphase ist in einhundertzehn Sekunden. Bleibt dich bei mir, dann kommen wir alle hinein.«
Sie rückten alle zusammen und warteten. Giwoon sah sich um, ob jemand ihr Verhalten verdächtig fand – zumal zu ihren Füßen mehrere bewusstlose Männer an der Wand lehnten. Er hatte kein Verlangen, jetzt noch gegenüber normalen Menschen dieser Zeit die Nadelwerfer sprechen zu lassen. Jake blickte etwas ratlos drein. Ihm war nicht so ganz klar, was hier genau vor sich ging.
Als der Zeitpunkt erreicht war, gab Khendrah das Zeichen und sie riss die Aufzugtür auf, obwohl die Leuchtanzeige erkennen ließ, dass der Aufzug irgendwo in den oberen Etagen stehen sollte. Hinter der Tür befand sich ein relativ kleiner Raum, der tatsächlich wie eine Aufzugkabine wirkte. Schnell betraten sie den Raum und schlossen die Tür wieder von innen. An der hinteren Wand befand sich ein kleines Terminal, an welchem einige Lämpchen hektisch blinkten.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Giwoon. »Es sind Warnlampen, nicht wahr?«
»Einen kleinen Moment«, bat Fancan und tippte an dem Terminal herum. »Wir haben zu wenig Energie.«
»Heißt das etwa, wir kommen nicht mehr ins Jahr 2008?«, wollte Thomas wissen.
»Moment!«, unterbrach Jake lautstark, »Ihr wollt mir doch nicht ernsthaft erzählen wollen, dass man mit diesem Ding hier durch die Zeit reisen kann! Ihr habt mir zwar gesagt, dass Ihr mich mitnehmen wollt, aber es war nie die Rede von einer Zeitreise. Im Übrigen gibt es so etwas überhaupt nicht.«
Er blickte sich suchend in der Kabine um.
»Das ist ein Fake, oder?«, fragte er, »Gleich geht die Tür wieder auf und dann bin ich in einer Fernsehshow. Oder?«
Er blickte von Einem zum Anderen und sah nur ernste Gesichter.
»Oh Scheiße, Ihr meint das ernst!«, entfuhr es ihm.
Giwoon ging nicht weiter darauf ein.
»Können wir nach oben fahren?«, wollte er wissen. »In der Zukunft müsste die Energie noch ausreichen. Wenn wir die Kabine dort aufladen lassen, schaffen wir es vielleicht von dort aus, nach 2008 zu kommen.«
»Hmm, Du meinst quasi mit Anlauf«, meinte Khendrah, »das könnte klappen.«
»Was, verdammt noch mal, wollt Ihr Typen denn im Jahre 2008?«, jammerte Jake, »was soll ich dort?«
»Wir müssen dorthin«, sagte Khendrah, »weil Thomas von dort stammt. Er muss wieder dorthin zurück. Wir haben viel auf uns genommen, um das zu erreichen. Außerdem ist es die letzte Chance zu einer solchen Reise, weil das alles hier bald nicht mehr existieren wird. Aber Jake, was hält dich hier? Du bastelst an Autos herum und du stehst auf diese stinkenden Verbrennungsmotoren. Ich kann mich erinnern, dass ich im Jahre 2008 fast nur solche Fahrzeuge gesehen habe.«
Jakes Augen begannen zu glänzen.
»Verdammt, Du hast recht«, sagte er, »damals wurden zwar die ersten Elektroautos gebaut, aber es war noch eine Hochzeit der Benzinmotoren. Meint Ihr, ich könnte so ohne Weiteres in der Vergangenheit Leben, ohne aufzufallen?«
Giwoon legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Keine Sorge«, sagte er, »wir werden alle Ausweispapiere besitzen, die jeder Überprüfung standhalten.«
»Wollt Ihr denn auch alle dort im Jahre 2008 leben, obwohl Ihr aus der Zukunft stammt?«, wollte Jake wissen.
»Wir müssen«, sagte Fancan. »Es gibt keine Möglichkeit mehr für uns, in die Zukunft zu reisen. Wir werden es dir alles einmal erklären, aber nicht jetzt. Jetzt ist Zeit zum Handeln. Wir haben noch etwas zu erledigen.«
Khendrah nahm einige Einstellungen vor und lehnte sich dann zurück – an Thomas.
»Wir werden jetzt zu unserer Basis im 3500. fahren«, sagte sie. »Dort sollte noch ausreichend Energie vorhanden sein, um diesen Aufzug vollständig aufzuladen. Außerdem will ich noch ein paar private Sachen aus meiner Kabine holen, bevor sich alles auflöst.«
»Die Idee ist nicht schlecht«, meinte Fancan, »ich habe ja auch noch Sachen in meinem Zimmer, die ich gern dabei hätte.«
»Was meint Ihr mit ‚Basis im 3500.‘?«, wollte Jake wissen.
»Im Zeitvektor gibt es an strategisch wichtigen Zeitpunkten sogenannte Basen, von wo aus die Agenten zu ihren Aufträgen starten«, erklärte Khendrah. »Unsere Heimatbasis befindet sich im Jahre 3500.«
Jake klappte seinen Mund mehrmals auf und zu, sagte aber nichts mehr. Die Vorstellung, dass sie sich nun eineinhalb Jahrtausende in die Zukunft bewegten, überwältigte ihn einfach.
Ein leises Gong-Signal zeigte an, dass sie ihr Ziel erreicht hatten. Fancan drückte vorsichtig die Tür der Kabine auf und blickte in den Gang hinaus.
»Kommt, es ist niemand zu sehen«, sagte sie und winkte mit der Hand, dass die Anderen ihr folgen sollten.
Jake blickte sich interessiert in alle Richtungen um.
»Und hier befinden wir uns im Jahr 3500?«, fragte er, »Ich habe mir das Ganze aber etwas futuristischer vorgestellt.«
»Die technische und gesellschaftliche Entwicklung hatte auch diverse Rückschläge erlebt«, sagte Giwoon. »Es hat Zeitalter gegeben, die fast mittelalterlich anmuteten, bevor die Menschheit wieder in Tritt kam und echten Fortschritt entwickelte. Die Basen sind in allen Zeitaltern identisch konstruiert und sind in erster Linie funktionell ausgestattet, damit Reisende Agenten verschiedener Zeitalter sich gleich etwas heimisch fühlen. Draußen, in der Zeit selbst, kann es ganz anders aussehen.«
Sich immer wieder umsehend, machten sie sich auf den Weg zu Khendrahs Appartement. Schon früher waren hier nicht all zu viele Mitarbeiter beschäftigt gewesen, doch nun wirkte die Basis fast wie ausgestorben. Als sie fast am Ziel waren, stand plötzlich Zeno Dorga vor ihnen. Erschreckt blieben sie alle stehen.
»Khendrah?«, fragte Zeno, »Fancan? Wo kommt Ihr auf einmal her? Und wer sind diese Leute?«
Giwoon überlegte, ob sie diesen Mann vielleicht betäuben müssten und sah Khendrah fragend an, die jedoch eine beschwichtigende Geste mit der Hand machte, worauf Giwoon seine Hand wieder von seinem Nadelwerfer nahm.
»Von Euch gehen hier wahre Schauermärchen um«, sagte Zeno. »Die oberste Behörde hat sogar einen Preis auf Eure Köpfe ausgesetzt. Könnt Ihr mir erklären, was hier überhaupt los ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass es stimmt, dass Ihr zu Verrätern geworden seid.«
Khendrah wusste, dass der Techniker der Basis, Zeno, sie insgeheim immer geliebt hatte und trat auf ihn zu.
»Zeno, ich weiß nicht, was man Dir erzählt hat«, sagte sie, »aber wir haben weit unten in der Vergangenheit etwas getan, das dazu führen wird, dass der gesamte Vektor sich innerhalb der nächsten Wochen und Monate auflösen wird, weil ihm die Energie ausgehen wird.«
Zeno machte ein entsetztes Gesicht und trat ein paar Schritte zurück.
»Ihr habt WAS getan?«, fragte er mit schriller Stimme, »Ihr könnt doch nicht diese Einrichtung hier zerstören wollen! Ihr seid wahnsinnig! Liivo Qum hatte recht! Ihr seid tatsächlich Verräter!«
Wie von Zauberhand hielt er plötzlich einen Nadelwerfer in seiner Hand und richtete ihn auf Khendrah. Giwoon hatte allerdings mit einer solchen Reaktion gerechnet und hielt ebenfalls einen Nadelwerfer in der Hand, die er nun auf Zeno richtete. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Thomas ebenfalls reagiert hatte und Zeno im Visier hatte. Anerkennend nickte er ihm zu.
»Zeno, machen Sie jetzt keinen Fehler«, sagte er, »Sie können unmöglich uns alle unschädlich machen. Wenn auch nur eine Nadel Ihre Waffe verlässt, werden wir ebenfalls schießen.«
Resignierend ließ Zeno seine Waffe sinken.
»Ich verstehe Euch nicht«, sagte er matt. »Es kann doch nicht Euer Ziel sein, diese großartige Einrichtung zu zerstören. Sie ist das Größte, das die Menschheit je geschaffen hat und sie dient dem Wohl der Menschen aller Zeitalter.«
»Eben da besteht ein gewaltiger Irrtum«, sagte Khendrah und legte Zeno eine Hand auf die Schulter, während sie ihm mit der Anderen die Waffe aus den Händen nahm. »Der Vektor wird auf Dauer die Menschheit zerstören. Fancans Freund Giwoon stammt aus dem einhundertzwölften Jahrhundert und kann beweisen, dass der Vektor in der fernen Zukunft …«


Der nächste Teil erscheint am 07.12.2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 12 – Die Erdentilger

Die Manticor segelte galant in die Stratosphäre und ließ den Wolkenschleier des Planeten schnell hinter sich. Archweyll machte es sich auf der Brücke bequem, während die Atharymn immer größer wurde. 
Endlich lasse ich dieses verdammte Höllenloch hinter mir. 
Im Warp fühlte er sich wie zuhause, jedes Sternenfunkeln bedeutete ein Stück Heimat zu erblicken. 
Clynnt Volker trat an ihn heran. »Sie ist aufgewacht«, flüsterte er dem Kommandanten ins Ohr. 
»Ich danke dir«, erwiderte Archweyll und ließ sich entschuldigen. Während er nach hinten eilte, merkte er, wie Nervosität in ihm aufkeimte. Wie würde sie reagieren?
Tamara lag in einer offenen Schlafnische, ihr Kopf ruhte auf einem weichen Daunenkissen. 
Um ihre Stirn war eine Bandage gewickelt, die auch die Augen bedeckte und ein Zugang versorgte sie mit den notwendigen Elektrolyten. Die Schwellungen waren zurückgegangen und die Krampfadern verblasst. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem flachen Rhythmus. Als der Kommandant eintrat, sah sie sich irritiert um.
Es zerriss Archweyll das Herz. Er konnte nicht anders, als sich eine Träne zu verdrücken. Dann griff er sich einen fest montierten Rollsessel und setzte sich neben sie. 
»Arch?«, flüsterte die Stoßtruppführerin mit zittriger Stimme. Ihre Hände griffen ziellos durch die Luft, um wenigstens etwas auszumachen. 
»Ich bin hier«, sagte er sanft und ergriff ihre Hand.
Instinktiv schien Tamara sich zu beruhigen. »Kann ich nicht den Verband abnehmen? Ich finde ihn furchtbar«, seufzte die junge Frau und griff mit der freien Hand nach ihren Bandagen, doch Archweyll hielt sie fest. Er holte tief Luft.
Er konnte durch den Warp reisen und Schlachten führen, doch auf diese Prüfung war er nicht vorbereitet. Er fühlte sich hilflos und entwaffnet und seine Brust drohte vor Kummer zu zerreißen. »Tamara…ich…«, begann er zu stottern. 
»Du lebst«, ihre wunderschönen Lippen formten ein bedingungsloses Lächeln. »Wie schön.«
Jetzt kam ihm doch eine Träne. Archweyll war froh, dass ihn so niemand sehen konnte und in der nächsten Sekunde strafte er sich schon dafür, auch nur diesen Gedanken geformt zu haben. »Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal getroffen haben?«, fragte er sie stattdessen, um irgendwie eine Brücke zwischen ihnen zu schaffen. 
»Wie könnte ich das vergessen«, kicherte sie spitzbübisch. »Ich habe dir eine reingehauen.«
»Ich habe eine Affinität mich in Schwierigkeiten zu bringen«, lächelte er matt. 
Und eine Affinität andere mit hineinzuziehen. 
Er ballte die Faust bis es wehtat. 
Das darf nie wieder passieren. Was für ein Kommandant lässt zu, dass seinen besten Leuten so etwas passiert? 
»Das stimmt. Ich fand das immer sehr bemerkenswert«, sagte Tamara und ihr Griff um seine Hand wurde etwas stärker. 
Er betrachtete ihre feuerrote Mähne und wollte sie schon streicheln, als ein innerer Instinkt ihn zurückfahren ließ. 
Du hast noch etwas zu erledigen. 
»Haben wir unsere Mission erfüllt?«, fragte die Stoßtruppführerin kaum vernehmbar.
»Das Skelett ist in die Tiefe gestürzt, aber die Frequenzen wurden trotz der Torpedierung weiterhin versendet. Sogar vermehrt. Ich hoffe, wir handeln uns damit keinen Ärger ein.«
Sie nickte matt. »Verstehe«, gab sie zurück.
Archweyll wusste sofort, dass es sie genauso ärgerte wie ihn. »Ich denke, es waren irgendwelche hochentwickelten Stoffe in den Knochenzellen, die sie in gewisser Weise zum Sprechen gebracht haben«, überlegte der Kommandant laut. »Ein Funksender im Gerippe, eindeutig praktisch.«
Wie lange willst du es noch hinauszögern, du alter Narr? 
»Was haben die Behörden gesagt?«, erkundigte sich Tamara. 
»Sie wollten Clynnt nicht glauben. Herr im Himmel, ich habe noch nie ein Lebewesen so üble Flüche und Verwünschungen per Funk versenden hören. Er hat mir die Aufzeichnungen gezeigt. Allerdings sind sie relativ kleinlaut geworden, als er ihnen die Scans übermittelt hat. 
Prospecteus wurde in Alarmbereitschaft versetzt.« 
Sie quittierte ihn mit einem schwachen Nicken. »Dann haben wir zumindest etwas erreicht«, seufzte sie. 
»Und dafür einen hohen Preis bezahlt.« Es war an der Zeit, sich dem Thema zu stellen. »Was du getan hast …«, begann er, doch sie winkte ab. 
»Was ich getan habe, hast du auch getan. Sonst wäre ich nicht hier, schon lange nicht mehr. Es ist etwas selbstverständliches.« 
Sein Griff wurde fester, bis Archweyll merkte, dass er zitterte. »Ich wusste direkt, dass du besonders bist«, gestand er und plötzlich merkte er, dass seine Kehle trocken wie Wüstenstaub war. 
»Deswegen hast du dir auch eine gefangen«, schmunzelte Tamara liebevoll. 
»Was ich dir sagen werde, wird dich möglicherweise schockieren«, Archweyll holte tief Luft.
»Es ist doch niemand gestorben?«, fragte Tamara erschrocken. 
Selbst jetzt sorgt sie sich noch mehr um ihre Leute, als um sich selbst. Verdammt Archweyll, warum nur kannst du es ihr nicht so vergüten, wie sie es verdient hätte? 
»Nein …«, begann er zögerlich. »Es ist so: du warst dort unten sehr lange dem Wasserdruck ausgesetzt. Ich habe sofort versucht dich da rauszuholen, aber ich war zu spät. Bitte verzeih mir.«
»Wieso warst du zu spät?« 
Sie weiß es noch nicht.
Um Archweyll schien sich alles zu drehen, während er ihr erklärte, was die Folgen ihres Abenteuers sein würden. 
Als Tamara seine Worte vernahm, wurde sie leichenblass. 
Jedes gesprochene Wort trieb einen Keil in Archweylls Brust, der sein Herz durchbohrte. 
Tamara nahm es kommentarlos entgegen, doch er bemerkte, wie ihr ganzer Körper unter einem Zittern erbebte. 
Sie weint, wurde ihm klar.
Sachte strich er über ihre Hand. 
»Ich werde alles erdenkliche geben, damit du wieder gesund wirst. Ich werde dich nicht verlieren, hörst du?« 
Schluchzte ich gerade? 
Vermutlich war es sein Körper nicht mehr gewöhnt, Emotionen dieser Art zu verarbeiten. 
Oder ist es, weil sie mich schwach macht? 
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieser Gedanke falsch war. 
Sie macht mich stark, wurde ihm deutlich, bei dem Gedanken an die seltsame Stimme in seinem Kopf, als er fast vor dem Scheitern stand. Das war sie gewesen.
»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Tamara und Verzweiflung kam in ihrer Stimme auf. 
Soldaten, die nicht mehr kampffähig waren, wurden gnadenlos ausgemustert. 
»Werde ich dich verlassen müssen? Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich kann kämpfen, ich werde es dir beweis…«, überrascht verstummte sie, als Archweyll sie in seine breiten Arme schloss und sie zärtlich an sich drückte.
»Wir finden einen Weg«, sagte er. »Verlass dich auf mich.« 
Nach einer Sekunde der Überraschung erwiderte sie seine Annäherung und versank seufzend in seiner Umarmung. So sollten sie den Rest des Fluges verbringen, bis sie die Atharymn erreichten.

 »Bebsy, ich bin zuhause!«, frohlockte Archweyll mit dröhnender Stimme, als er die Kommandobrücke betrat. 
Die Mannschaft begrüßte ihn mit jubelndem Beifall. 
»Aber, aber, ich werde ja scharlachrot!«, feixte er weiter. Dann wurde sein Blick ernst. »Wir sollten verschwinden«, rief er den Navigatoren zu. »Clynnt, an die Arbeit. Du trödelst mir schon viel zu lange hier herum.« 
Er richtete seinen Blick in den Warp, der mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten vor ihm lag. Und erstarrte.
»Das … Das kann doch nicht sein« Archweylls Stimme war kaum mehr als ein Wispern. 
Auf der Brücke war es plötzlich totenstill. Sämtliche Arbeit wurde zugunsten eines Blickes aus der Frontscheibe eingestellt. 
Der Kommandant bemerkte, wie ein kalter Schauder seinen Rücken herunterlief und, wohin er auch kam, eine Gänsehaut hinterließ. Entsetzt taumelte er ein paar Schritte rückwärts. 
»Das kann doch nicht sein«, wiederholte er sich.
Das Entsetzen wurde allmählich zur Panik, als die Kreatur am Horizont größer und größer wurde. 
Und größer. Und größer. Und GRÖßER! 
»Sofort Scannen, Maschinen auf volle Leistung und Zielkoordinaten festlegen«, befahl der Kommandant. Es hatte einiges an Überwindung gekostet, sich aus der Schockstarre zu lösen.
Er stürzte förmlich in die Navigatorenkabine. 
»Was ist das?!«, brüllte Clynnt ihm entgegen, mit einer Lautstärke, die Archweyll sich nie von ihm erträumt hätte. Der Blick des Chefnavigatoren vergrub sich tief in seinen Monitoren, um dann wieder panisch zu Archweyll zu wechseln, in der Hoffnung, er könne ihm die Frage jetzt beantworten. 
»Keine Ahnung, bring uns hier weg!«, fluchte der Kommandant lautstark zurück. Er betrachte den Scann und das Ergebnis ließ seinen Magen flau werden. 
Das Wesen besaß drei Köpfe, die übereinander angeordnet und an unterschiedlich langen Hälsen befestigt waren. Jeder Kopf besaß den Umfang eines mittelgroßen Meteors und war von riesigen gelben Flecken übersäht, die wohl so etwas wie Augen sein mochten. Der unterste Schädel war mit einem auffällig leuchtenden Edelstein versehen, der elektrische Ladungen von sich gab, die alleine gereicht hätten, um eine Großstadt mit Energie zu versorgen. Im massigen beschuppten Bauch der Kreatur maß der Scan weitere Energieladungen, die zu noch weitaus mehr fähig waren, und nebenbei noch so etwas wie untergeordnete Lebensformen, die es sich darin gemütlich machten. Die Mäuler des Monsters waren gigantisch, groß genug, um die Atharymn mit einem beiläufigen Happs zu verschlingen. Mehrere Fangarme- , oder Beine, glitten, einem Insekt gleichend, aus ihr hinaus. Auf dem Rücken saßen käferähnliche Flügel, die jedoch gerade nicht in Benutzung waren. Das gesamte Wesen schien mit gepanzerten Dornen übersäht zu sein. Energie trat aus Öffnungen am ganzen Körper der Kreatur aus und hüllte sie gänzlich damit ein, tauchte sie in einen matten elektrischen Schimmer, der wie ein eigener Stern erstrahlte und von ungeheurer Macht erfüllt war. Mit einer Länge von fast zweieinhalb Kilometern war dieser Koloss deutlich größer als ihr Fund unter Wasser. Diese Kreatur strotzte jeder Logik.
»Das ist der Papa!«, Archweyll wurde so panisch, dass er die Kontrolle über seinen Humor verlor. 
Mit den Armen rudernd, gab Clynnt Befehle in seine Konsolen ein. 
Plötzlich veränderte sich das Energiegefüge des ganzen Warps um sie herum und für eine Sekunde hatte Archweyll das Gefühl, als würden die Sterne der Galaxie ihren Glanz verlieren. Der funkelnde Edelstein auf der Stirn des Monsterkopfes schien die gesamte Energie der Sterne angezapft zu haben. Für den Bruchteil eines Momentes stand die Zeit vollkommen still. Dann ertönte ein Rauschen das All, als würden sämtliche Realitäten in sich zusammenfallen, während die Energie aus dem Edelstein impulsartig austrat und Nautilon in eine Welt aus Scherben verwandelte. 
Angesichts der Fragmentierung eines gesamten Planeten vor ihren Augen, erstarrte die Mannschaft zu Eis. Niemand wagte es zu sprechen oder gar laut zu atmen. Manche hatten die Hände fassungslos über den Kopf geschlagen, andere schüttelten stumm den Kopf oder wandten sich ab. Das war eine Macht, die ihr Verständnis übertraf. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. 
»Ich … wir … sollten verschwinden«, durchbrach Archweyll die Stille. 
Doch dann wurde ihm bewusst, was für ein schwerwiegender Fehler das wäre. 
Wenn sie jetzt fliehen würden, würde ihnen das Monster mühelos nach Prospecteus folgen. 
Und was dann geschehen würde, war kaum auszumahlen. 
Ein eiskaltes Gefühl umklammerte sein Herz, als Archweyll klar wurde, dass er seinen Heimatplaneten nie wiedersehen würde.

Korrekturen 27

27.Teil – Die letzte Flucht (3/6)

Die Beamten liefen gestikulierend hinter ihnen her, doch sie taten, als würden sie es nicht bemerken. Sie betraten das nächstgelegene Haus durch die offen stehende Tür und verschwanden darin. Die Beamten folgten ihnen schnell dort hinein.
»Halt!«, rief der Vordere der Männer, »Sie sind mit einem nicht zulässigen Fahrzeug hier in die Sperrzone gefahren. Ich will sofort die Fahrzeugpapiere und Ihre ID-Cards sehen!«
»In den Taschen sind Nadelwerfer mit Betäubungsnadeln«, flüsterte Giwoon Fancan ins Ohr, »nimm ihn heraus und schalte gleich die Männer aus, ja?«
Fancan nickte unmerklich.
Giwoon ging auf den Beamten zu.
»Ich habe da ein Problem«, sagte er laut, »wir besitzen leider keine Papiere, die wir Ihnen zeigen könnten.«
Der Polizist fingerte an seinem Gürtel und auch die anderen Beamten wollten ihre Waffen ziehen.
»Jetzt!«, rief Giwoon und Fancan drückte mehrfach auf den Auslöser des kleinen Nadelwerfers, der im Grunde aussah, wie ein Schreibstift.
Die Beamten sackten lautlos zusammen, während Giwoon und Khendrah sie festhielten, damit sie sich nicht verletzten.
»Ihr habt sie getötet?«, fragte Jake entsetzt.
»Quatsch!«, sagte Khendrah, »Das sind nur Betäubungsnadeln. In wenigen Stunden sind sie wieder munter. Wir sollten uns aber trotzdem schnell von hier entfernen, bevor die restlichen Polizisten am Kontrollpunkt neugierig werden.«
»Dann geht es aber hinten heraus«, schlug Thomas vor, »wenn wir vorn allein wieder auftauchen, wissen die Cops sofort, was die Stunde geschlagen hat.«
»Cops?«, fragte Giwoon.
»Meine Güte, Polizisten eben …«, meinte Thomas. »Es gibt sicherlich einen Hinterausgang.«
»Jake, wir danken Dir für die Hilfe, uns bis hierher zu bringen«, sagte Fancan, »aber jetzt trennen sich unsere Wege. Wir haben ein Ziel, dass wir so schnell, wie möglich, erreichen müssen.«
Jake riss verständnislos seine Augen auf.
»Moment, Leute«, rief er aus, »Ihr könnt mich doch jetzt nicht einfach hier zurücklassen. Was glaubt Ihr, was mit mir geschieht, wenn sie mich jetzt schnappen? Ich bin bei der hiesigen Polizei leider recht bekannt.«
Fancan und Khendrah sahen sich an.
»Was meinst du?«, fragte Fancan.
Khendrah nickte.
»Nehmen wir ihn mit«, sagte sie, »bei dem, was wir hier schon angerichtet haben, kann es sicher nicht schaden.«
»Wovon, verdammt noch ‚mal, redet Ihr eigentlich?«, fragte Jake, dem das alles noch nicht geheuer war.
»Wäre es ein Problem für Dich, hier einfach zu verschwinden, Jake?«, fragte Giwoon. »Oder bist du hier gebunden? Würde man Dich vermissen?«
»Das glaube ich kaum«, meinte Jake, »ich bin im Heim aufgewachsen. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt und eine Freundin habe ich nicht. Ich glaube nicht, dass mich jemand vermissen würde. Was habt Ihr denn vor?«
Giwoon blickte auf seine Armbanduhr, die noch weitere Funktionen hatte und mahnte:
»Wir sollten zunächst hier verschwinden. Jake, wir werden Dir alles erklären, aber jetzt ist es erst einmal wichtig, dass wir das Hyatts erreichen, bevor es zu spät ist.«
Er ging an Jake vorbei und suchte im hinteren Bereich des Hausflures nach einer Tür zum Hof, die er schnell fand und die auch nicht verschlossen war. Schnell schlüpften sie alle ins Freie und sahen sich um.
Der Hof war nach zwei Seiten hin durch einen hohen Zaun begrenzt, aber im hinteren Bereich war lediglich eine Hecke, die das Grundstück vom dahinter liegenden Grundstück eines Hauses einer Parallelstraße trennte.
»Dort kommen wir weiter!«, rief er, »Los!«
Er rannte voraus, ohne sich nach den Anderen umzusehen und war in wenigen Sekunden an der Hecke. Die Anderen folgten und zusammen fanden sie einen engen Durchgang auf den benachbarten Hof.
Nur wenige Minuten später standen sie wieder auf der Straße und mischten sich unter die zahlreichen Passanten.
Plötzlich begann die Armbanduhr an Giwoons Arm zu blinken und piepste durchdringend.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Jake.
»Der Himalaja«, sagte Giwoon, »die Bombe hat gezündet.«
»Bombe?«, fragte Jake mit schriller Stimme. »Seid Ihr doch Terroristen?«
»Manche würden es sicher so bezeichnen«, gab Khendrah zu. »Jake, Du musst uns vertrauen. Du hast von uns nichts zu befürchten – ebenso wenig, wie alle diese Menschen hier. Wir haben im Himalaja eine Bombe deponiert, die soeben explodiert ist. Die Menschen dort waren jedoch gewarnt. Sie sollten die Anlage evakuieren. Uns ging es um die Vernichtung einer Anlage, die Energie von unserer Sonne abzapft, um sie zur Aufrechterhaltung einer Zeitreisevorrichtung bereitzustellen – vereinfacht ausgedrückt.«
Jake sah Khendrah mit offenem Mund an.
»Ihr wollt mich verscheißern, oder?«, fragte er. »Energie von der Sonne zapfen – Zeitreisevorrichtung. So’n Quatsch gibt es doch überhaupt nicht.«
Er blickte in ihre ernsten Gesichter und ein kalter Schauer lief ihm über den Körper.
»Ihr meint das wirklich ernst, nicht wahr? Ich will jetzt sofort wissen, was Ihr für Typen seid.«
»Wir kommen nicht aus dieser Zeit«, erklärte Giwoon. »Genau genommen stammen wir alle aus unterschiedlichen Zeiten, aber wir alle – bis auf Thomas – kommen aus der Zukunft – und zwar einer sehr fernen Zukunft, in der es Zeitreisen gibt und viele andere Dinge, die Du Dir nicht vorstellen kannst. Ich selbst stamme aus einer extrem weit entfernten Zukunft und wir litten dort unter den Aktivitäten einer Organisation, die sich massiv mit Zeitkorrekturen beschäftigte. Fancan und Khendrah sind Agentinnen dieser Organisation, die ich überzeugen konnte, dass es wichtig ist, diese Zeitkorrekturen ein für alle Mal zu unterbinden.«
»Was für eine Bombe habt Ihr denn dann hier bei uns im Himalaja gezündet, wenn Ihr alle aus der Zukunft stammt?«, wollte Jake wissen. »Das macht doch gar keinen Sinn.«
»Doch, das ergibt einen Sinn, wenn man weiß, dass man sich die Zeitreiseorganisation wie einen Schacht vorstellen muss, der durch alle Zeitalter bis in die fernste Zukunkft reicht. In diesem Schacht fahren Zeitkabinen hinauf und hinunter. So eine Einrichtung benötigt unglaublich große Energieen, die man selbst mit Euren Atomkraftwerken nicht in ausreichender Stärke erzeugen könnte. Also baute man – ganz im Geheimen – hier in dieser Zeit eine Sonnenenergiezapfanlage im Himalaja, die ständig riesige Mengen Energie aus der Sonne gewinnt, um sie in das Zeitreisesystem einzuspeisen. Die Versorgung muss aus technischen Gründen ganz unten erfolgen, also hier bei Euch.«
»Und was ist mit der Vergangenheit?«, fragte Jake, »Dieser merkwürdige Schacht, von dem Ihr gesprochen habt, wird doch sicher auch noch weit in die Vergangenheit reichen. Warum hat man dann diese Anlage ausgerechnet hier bei uns gebaut?«
Giwoon lachte.
»Du hast natürlich recht, Jake«, sagte er. »Das wäre logisch, aber der Schacht reicht eben nicht mehr weit in die Vergangenheit hinein. Er beginnt etwa im Jahre 2000. Ihr lebt hier in einer Zeit, die noch fast überhaupt nicht von den Zeitkorrekturen der Behörde manipuliert wurde. Und jetzt, wo die Zapfanlage nicht mehr existiert, wird sich der Schacht in den nächsten Wochen und Monaten auflösen und die Welt ist wieder frei und kann sich ungehindert entwickeln.«
»So ganz kann ich Euch noch immer nicht glauben«, sagte Jake, »aber eines möche ich noch wissen: Was wollt Ihr beim Hyatt?«
»Dort ist einer der Einstiege zu den Zeitreisekabinen«, sagte Khendrah. »Wir müssen sie erreichen, bevor sie beginnen, sich aufzulösen.«
»Und warum?«, fragte Jake verständnislos.
»Weil ich aus dem Jahre 2008 stamme«, sagte Thomas. »Sie bringen mich nach Hause, damit ich dort weiterlebe, wo ich hingehöre.«
»Nicht nur das«, sagte Khendrah, »ich werde auch dort bleiben oder glaubst du, dass du mich so schnell wieder los wirst?«
Thomas nahm Khendrah in den Arm und küsste sie sanft.
»Das will ich auch gar nicht«, versicherte er, »ich will mit Dir zusammen bleiben.«
»Und wir werden Euch ebenfalls in 2008 Gesellschaft leisten«, sagte Fancan, »nicht wahr, Giwoon?«
Giwoon nickte.
»Ja, auch für uns ist in 2008 Endstation. Wir werden nicht in meine Zeit zuückkehren. Womit auch? Mein Slider ist zerstört und die Aufzüge sind so gut wie vernichtet.«
»Es ist Euch schon klar, dass Ihr vier ganz schön durchgeknallt seid, oder?«, fragte Jake.
Diese Äußerung brachte Giwoon wieder auf ihre reale Situation zurück.
»Wir müssen uns beeilen«, mahnte er, »sonst stecken wir hier fest und das würde noch einmal Komplikationen verursachen, die wir nicht eingeplant haben.«
Sie machten sich auf den Weg. Unterwegs kamen sie an Geschäften vorbei, in denen eine Reihe eingeschalteter Fernsehgeräte standen. Auf ihnen sahen sie einen Bericht über eine verheerende Explosion im Himalaja, deren Ursache jedoch unklar war. Menschenleben seien nach bisherigen Informationen nicht zu beklagen gewesen. Jake starrte ungläubig auf die Bildschirme und musste gestehen, dass er bisher noch nicht wirklich geglaubt hatte, was die Anderen ihm erzählt hatten. Diese Nachrichten jedoch ließen die Erklärungen in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Allmählich näherten sie sich dem Bereich des Hafens, wo auch das Hyatts-Hotel zu finden war. Kurz, bevor sie es erreichten, vernahmen sie ein eigenartiges Zischen und hinter ihnen hatte sich ein kleiner Teil der Fassade aufgelöst.
»Auf den Boden!«, brüllte Giwoon und warf sich lang hin. Noch im Fallen ließ er seinen Blick schweifen, um herauszufinden, woher der Schuss gekommen war. Es war definitiv ein Schuss aus einer Nihilationswaffe gewesen. Das konnte nur bedeuten, dass man ihnen auf den Fersen war.
»Hast du ‚was gesehen?«, fragte Fancan, die neben Giwoon gerobbt war.
»Es ist Ralph!«, rief Khendrah, die neben Thomas und Jake lag, »Er steht dort drüben. Es sind noch ein paar Männer dabei.«
Giwoon blickte sich vorsichtig um. Ausgerechnet jetzt waren keinerlei Passanten zu sehen. Ralph hatte sich also nicht endgültig von dem explodierenden Slider täuschen lassen. Vorsichtig öffnete Giwoon seine Gürteltasche, in der er diverse Gegenstände mit sich herumtrug und holte einige kleine Scheiben heraus. Geschickt warf er sie den Anderen zu und sagte:
»Schnell, packt Euch diese Scheiben direkt an den Körper und drückt auf den kleinen Knopf in der Mitte.«
»Was sind das für Dinger?«, wollte Khendrah wissen.
»Spielzeuge aus dem einhundertelften Jahrhundert«, antwortete er, »Sie können eine Weile Schüsse aus der Nihilationswaffe neutralisieren. Sie schaffen ein Feld, das die Energien der Waffe aufnimmt und umwandelt. Wenn das gegnerische Feuer nicht zu stark wird, wird es reichen. Ansonsten kann das Feld überlasten und dann sind wir geliefert. Also einschalten und dann los. Wir haben es nicht mehr weit bis zum Aufzug.«
Wie auf ein geheimes Kommando sprangen sie auf und liefen los. Von der anderen Straßenseite schlug ihnen Feuer entgegen, welches Teile des Gehweges und Mauerteile auflöste, ihnen jedoch keinen Schaden zufügte. Khendrah drehte sich um und brachte ihren kleinen Nadelwerfer in Anschlag. In schneller Folge feuerte sie einige Betäubungsnadeln auf ihre Gegner. Drei der Verfolger brachen zusammen.
Ralph und die restlichen Männer sprangen in ein Elektroauto, welches sie am Straßenrand geparkt hatten. Mit quietschenden Reifen starteten sie den Wagen und fuhren an ihnen vorbei, wobei sie mehrere wirkungslose Schüsse aus dem Seitenfenster auf sie abfeuerten.
»Was machen sie denn jetzt?«, fragte Fancan.
»Ist doch klar«, meinte Khendrah, »sie fahren direkt zum Aufzug und werden uns dort abfangen wollen. Wir können doch gar nicht vor ihnen fliehen – wir müssen und ihnen stellen.«
»Verdammt!«, entfuhr es Fancan, »Du hast recht. Der Dreckskerl kann es einfach aussitzen und auf uns warten.«
»Meint Ihr, dass der Typ gecheckt hat, dass ich zu Euch gehöre?«, fragte Jake plötzlich.
»Wieso?«, fragte Giwoon, »Warum fragst Du das?«
»Also ich bin nicht ganz so dämlich, wie Ihr vielleicht glaubt. Beantwortet mir nur die Fragen, wie viel diese kleinen Scheiben vertragen, bis sie überladen werden und wie man mit diesen winzigen Nadeldingern umgeht. Das Ganze kann natürlich nur klappen, wenn sie mich nicht als Mitglied der Gruppe identifiziert haben.«
»Ich denke, so vierzig bis fünfzig Schuss hält deine Scheibe sicher aus, bevor sie versagt«, sagte Giwoon. »Was hast du genau vor?«
»Ich bin Freund einfacher Lösungen«, sagte Jake, »ihr gebt mir einen dieser Nadeldinger und ich werde spazieren gehen. Zeigt mir vorher genau, wo dieser rätselhafte Aufzug zu finden ist und dann werde ich ganz unbefangen die Straße herunterschlendern, während Ihr den direkten Weg von vorn nehmt. Verwickelt diese Typen in ein Gesprächt. Gewinnt Zeit, bis ich auf Schussweite heran bin. Dann schieße ich jedem schnell eine Nadel in den Körper und das war’s. Was haltet Ihr davon?«
»Klingt einach und verrückt«, sagte Fancan. »Das könnte klappen.«
Khendrah fingerte an ihrem Gürtel und zog schließlich ihre Ersatzwaffe heraus, die sie Jake in die Hand legte.
»Sei vorsichtig damit, Jake«, mahnte sie. »Sie enthält zwar nur Betäubungsnadeln, doch wenn jemand von mehr als zehn Nadeln getroffen wird, bringt es ihn trotzdem um. Die Bedienung ist ganz einfach: Jeder Druck auf diesen kleinen Knopf hier verschießt eine Nadel. Das Magazin enthält etwa fünfhundert davon. Also einfach auf das Ziel richten und drücken – je schneller, desto besser.«
»Danke«, sagte Jake und testete den Bewegungsablauf einige Male, »das bekomme ich hin.«
Bevor Jake sich auf den Weg machte, nahm Fancan ihn einmal in den Arm und küsste ihn auf die Wange.
»Wofür war das jetzt?«, wollte er wissen.
»Einfach nur ein Dank, dass Du das für uns tust«, sagte sie.
»Nicht dafür«, entgegente Jake, »ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dass ich einmal etwas wirklich Nützliches tun kann. Ihr seid seit Langem die Ersten, die mich ernst genommen haben. Deshalb möchte ich etwas für Euch tun.«
»Hier«, sagte Giwoon noch und hielt ihm ein winziges Gerät hin, »ein kleiner Kommunikator. Er passt ins Ohr. Einmal mit dem Finger gegen das Ohr klopfen, schaltet ihn ein, zweimal schaltet ihn wieder ab. Wir haben ebenfalls solche Geräte. Damit können wir uns absprechen.«
Jake grinste, steckte sich das Ding ins Ohr und tippte dagegen.
»Sprechprobe!«, rief er, während die Anderen zusammenzuckten.
»Du brauchst nicht so zu schreien«, mahnte Khendrah, »uns fliegt das Trommelfell weg.«
»Entschuldigung«, meinte Jake, »ich hab’s jetzt verstanden.«
Er wandte sich zum Gehen und winkte eines der Taxis heran, die in der Stadt umherfuhren und auf Kunden warteten. Er stieg ein und das Auto fuhr davon.
»Hoffentlich geht es gut«, meinte Giwoon, »meint Ihr, wir können ihm trauen?«
»Ich denke schon«, sagte Fancan, »außerdem wäre es jetzt auch ein Bisschen spät, meint Ihr nicht?«
In der Ferne konnten sie bereits das Hyatts-Hotel sehen. Bisher war noch niemand von ihnen während eines Auftrages hier in die Zeit hinausgetreten, doch waren sich Khendrah und Fancan absolut sicher, dass eine der Türen in der Halle sich für sie in eine Aufzugkabine des Zeitvektors öffnen würde – jedenfalls, solange es diesen Vektor noch gab. Es machte sie nervös, zu wissen, dass mit jeder Stunde, die sie noch hier verweilten, die Gefahr größer wurde, dass sie den Aufzug nicht mehr bis zum gewünschten Jahr hinunterfahren konnten.


Der nächste Teil erscheint am 23.11.2019

Korrekturen 26

26.Teil – Die letzte Flucht (2/6)

»Wir werden beobachtet«, informierte sie die Anderen.
Giwoon blickte nach oben und entdeckte ebenfalls den Mann, der einen Helm trug und seine Augen hinter dunklen Gläsern verborgen hatte.
»Das ist eine Motorradstreife«, sagte Thomas, »ein Polizist.«
»Muss mir das etwas sagen?«, fragte Khendrah, »Kann der uns gefährlich werden?«
»Die Polizei sorgt für die Einhaltung der Gesetze und die Aufrechterhaltung der Ordnung«, erklärte Thomas, »der Polizist dort oben wird sich sicher fragen, was wir hier verloren haben und wie wir überhaupt hierher gekommen sind. Wenn wir Pech haben, ist er neugierig genug, uns abzufangen, wenn wir drüben angekommen sind. Wir können sicher eine Befragung durch die örtlichen Behörden nicht gebrauchen, oder?«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Auf keinen Fall. Wir müssen ihn irgendwie abschütteln, bis wir einen Ort erreicht haben, wo es mehr Menschen gibt.«
»Dort drüben ist tatsächlich ein Loch in dem Erdwall«, rief Giwoon und deutete nach vorn.
»Ein Tunnel!«, rief Thomas aus, »Dann lasst uns machen, dass wir darin verschwinden.«
»Wird dieser Mann dort oben nicht schon am anderen Ende warten?«, wollte Fancan wissen.
»Oh, ganz sicher nicht«, sagte Thomas bestimmt, »das ist ein Autobahnkreuz. Man kann nicht in jede Richtung fahren. Er wird erst einen weiten Bogen fahren müssen, um zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen. Bis er dort eintreffen kann, müssen wir eben von dort verschwunden sein.«
Sie liefen los und sahen, bevor sie den Tunnel betraten, noch, wie der Polizist hektisch wieder auf sein Fahrzeug aufstieg. Im Tunnel war es nicht ganz dunkel. An den Wänden hingen trübe leuchtende Lampen und verhinderten durch ihren schwachen Schein, dass sie auf dem feuchten und schmierigen Boden stürzten. In der Ferne sahen sie den anderen Ausgang des Tunnels. So schnell sie konnten, liefen sie auf das ferne Licht zu, welches rasch näher zu kommen schien.
Endlich erreichten sie wieder das Tageslicht. Sowie sich ihre Augen wieder an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Sie befanden sich auf einem großen, unbefestigten Platz, auf dem zahlreiche Reifenspuren zu sehen waren. Einige junge Leute bastelten an ihren Autos und sahen misstrauisch zu ihnen hinüber.
»Vielleicht können diese Leute uns helfen«, sagte Giwoon, »lasst uns sie fragen, ob sie uns mit in die Stadt nehmen können.«
Als sie sich der Autogruppe näherten, erhoben sich drei stämmige Männer in Lederjacken und kamen ihnen entgegen. Sie trugen schwere Schraubenschlüssel in ihren Händen und machten einen bedrohlichen Eindruck.
»Was wollt Ihr hier?«, fuhr sie der mittlere der drei – offenbar ihr Anführer – an, »Verpisst Euch, wenn Ihr keinen Ärger haben wollt!«
»Wir benötigen Hilfe«, sagte Giwoon freundlich, »wir müssen dringend in die Stadt.«
»Verschwindet dorthin, wo Ihr hergekommen seid!«, rief der Mann wieder und schlug sich mit dem Schraubenschlüssel in die Hand, »Wir können hier keine Schnüffler gebrauchen. Seid Ihr etwa Bullen?«
Sie kamen noch einen Schritt näher.
»Wir sind ganz sicher nicht von der Polizei«, sagte Thomas, dem allmählich dämmerte, dass die Autos, an denen die anderen jungen Leute herumschraubten, möglicherweise gestohlen waren, »wir haben uns einfach nur verlaufen. Es wäre wirklich nett, wenn Ihr uns in die Stadt mitnehmen könnt.«
Die Männer sahen sich einen Moment an, dann prusteten sie los und lachten.
»Sehen wir etwa nett aus?«, fragte der Wortführer der drei wieder, »Ich habe jetzt keine Lust mehr, mich weiter mit Euch zu befassen. Wir haben zu tun.«
Einer der Männer flüsterte dem Wortführer etwas zu, der plötzlich ein breites Grinsen im Gesicht hatte.
»Mein Freund hatte eine bessere Idee«, sagte er, »die Mädchen bleiben hier, aber Ihr verschwindet – und zwar sofort.«
»Das könnt ihr vergessen!«, entgegnete Khendrah abweisend.
»Na, na, nicht so kratzbürstig«, sagte der Mann und zog eine Pistole aus seinem Gürtel. Sein Lächeln war verschwunden.
»Also los. Die Mädchen kommen hierher und ihr verschwindet!«
Zum Beweis, dass er es Ernst meinte, schoss er zweimal vor Giwoons Füßen in den Boden. Khendrah und Fancen sahen sich kurz an und nickten sich unmerklich zu. Scheinbar resignierend kamen sie auf die Seite der drei Männer. Die beiden unbewaffneten Männer schnappten sich je eine von ihnen und begannen, sie mit ihren schmutzigen Fingern zu begrapschen. Die Frauen reagierten angewidert, was die Männer amüsierte.
»Wenn Ihr zu uns allen ein wenig nett gewesen seid, fahren wir Euch vielleicht sogar noch in die Stadt«, sagte einer der drei.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Fancan und lächelte hintergründig.
Im nächsten Moment mussten die drei feststellen, wie es um die Fähigkeiten von Zeitagenten im Nahkampf bestellt war. Die ganze Angelegenheit hatte nur wenige Sekunden gedauert, dann lagen die beiden Männer, die bei den Frauen gestanden hatten, bewusstlos am Boden. Khendrah hielt dem Wortführer ihre Hand entgegen.
»Du gibst mir besser die Waffe, damit nicht noch etwas geschieht«, sagte sie auffordernd und deutete mit dem Kopf auf die am Boden liegenden Männer, »oder möchtest du dich zu deinen Freunden gesellen?«
Er riss die Waffe herum und richtete sie auf Khendrah, die jedoch damit gerechnet hatte und mit zwei schnellen Schritten bereits bei ihm war. Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als er innerhalb einer Sekunde entwaffnet war und sich, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, wiederfand. Khendrah saß auf seinem Rücken und verbog seinen Arm auf eine Weise, die ihm sicher sehr weh tat.
»Ich mache dich fertig«, presste er unter Keuchen mühsam hervor.
»Muss ich mir deshalb Sorgen machen?«, fragte Khendrah, »Bisher hatten deine Drohungen jedenfalls keine Substanz.«
Mit geschickten Bewegungen band sie ihm die Arme mit seinen eigenen Schnürsenkeln auf den Rücken, dann stieg sie von ihm herunter. Inzwischen hatten ein paar der anderen Männer bei den Autos die Szene mitbekommen und sahen interessiert zu ihnen herüber. Khendrah gab Fancan ein Zeichen, ihr zu folgen und die beiden Frauen liefen zu den Autos hinüber.
»Ist sie nicht süß, meine Fancan?«, fragte Giwoon Thomas.
»Im Grunde sind die beiden regelrechte Kampfmaschinen«, antwortete er, »wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auch anders sein können …«
»Nun ja, Kampfausbildung gehört schon irgendwie dazu, wenn man sich in der Zeit herumtreibt«, sagte Giwoon, »ich bin da auch nicht ganz ungeschickt, aber das eben konnten unsere Damen ganz allein regeln. Wie steht es mit dir? Verstehst du auch etwas von Nahkampf?«
»Theoretisch ja«, gab Thomas zu, »Khendrah hat mir im Vektor einen Hypnosekurs verpasst und danach mit mir trainiert. Es gab bisher keinen Ernstfall, aber vermutlich wüsste ich mir schon zu helfen, wenn ich angegriffen würde.«
Giwoon nickte.
»Das ist gut, zu wissen«, sagte er, »damit haben wir alle vier eine entsprechende Ausbildung.«
Inzwischen hatten Khendrah und Fancan die Fahrzeuge erreicht. Insgesamt sechs ölverschmierte Männer sahen ihnen entgegen.
»Ich gehe mal davon aus, dass das, was sich hier abspielt, nicht legal ist«, sagte Khendrah, »aber wir sind nicht von der Polizei. Wir brauchen lediglich eure Hilfe.«
Sie blickte von einem zum anderen, doch niemand sagte etwas.
»Was ist los mit euch?«, fragte Fancan, »Könnt Ihr nicht reden? Wer ist euer Anführer? Wir müssen lediglich in die Innenstadt und möchten, dass uns jemand dorthin bringt.«
Ein etwa zwanzigjähriger Mann in einen Overall deutete auf den hinter den Frauen auf dem Boden liegenden Gefesselten.
»Das ist unser Anführer«, sagte er leise, »den Sie da gefesselt haben. Das war eine reife Leistung.«
Die anderen stimmten murmelnd zu.
»Okay«, sagte Khendrah und hob ihre Hände, »ich stelle hiermit klar, dass es uns überhaupt nicht interessiert, was Ihr hier tut. Ich vermute zwar, dass Ihr die Polizei nicht zu euren Freunden zählt, aber das ist bei uns nicht anders. Also, wer kann uns in die Stadt fahren?«
»Ich kann das tun«, sagte der Mann im Overall, »sobald dieser Wagen hier fertig ist. Dauert vielleicht noch eine halbe Stunde. So lange müsst Ihr schon warten.«
»Wenn du das tust, brauchst du nicht zurückkommen!«, rief der Gefesselte ihm zu, »Denn, wenn ich dich in die Finger bekomme, mache ich dich fertig!«
»Ach, leck‘ mich!«, rief der Junge zurück, »Ich habe die Schnauze so voll von Dir Dreckskerl! Du kommandierst immer nur herum, lässt uns die Drecksarbeit machen und das Risiko tragen und markierst hier den dicken Max. Ich mach das nicht mehr mit.«
Khendrah schaute von einem zum anderen.
»Also sind wir uns einig?«, fragte sie den jungen Mann, der sich gerade seine Hände an einem Lappen abwischte, »Sie bringen uns in die Nähe des Hafens?«
Er kam um den Wagen herum, an dem er arbeitete und hielt ihr seine Hand hin.
»Abgemacht«, sagte er, »ich bin Jake.«
Khendrah ergriff die Hand und meinte:
»Du wirst es nicht bereuen, Jake. Mein Name ist Khendrah.«
»Was ist denn das für ein Name?«, fragte Jake, »Ihr seid nicht von hier, oder?«
Fancan und Khendrah lächelten.
»Nein«, meinten sie, »das sind wir in der Tat nicht.«
Jake wartete, doch waren die beiden Frauen offenbar nicht bereit, mehr zu erzählen.
»Mach bitte deine Arbeit an diesem Fahrzeug fertig«, bat Khendrah, »wir haben es nämlich recht eilig.«
Jake zuckte mit den Schultern und beugte sich dann wieder über den Motorblock seines Wagens.
Khendrah und Fancan gingen zurück zu Giwoon und Thomas, die bei dem Gefesselten warteten. Die beiden anderen Männer waren inzwischen zu sich gekommen, verspürten aber keine Lust, sich mit den beiden Männern anzulegen. Wie es schien, waren sie alle ohne ihren Anführer relativ handzahm.
»Wenn ich diese Fessel los bin, mache ich euch alle fertig – und jeden, der mit euch gemeinsame Sache gemacht hat«, zischte der am Boden liegende, »niemand legt sich mit Rick Barlowe an.«
Giwoon beugte sich zu ihm hinunter und sagte:
»Wenn Rick nicht allmählich seine Klappe hält, wird er erleben müssen, was Giwoon tut und es wird ihm nicht gefallen. Haben wir uns verstanden?«
»Giwoon?«, fragte er keuchend, »Was seid Ihr eigentlich für Typen?«
»Das geht dich nichts an«, sagte Thomas, »für dich wäre es vielleicht besser, du vergisst, dass du uns jemals gesehen hast.«
Rick schluckte. Er begriff, dass diesen Menschen sein Name nichts sagte und er sie damit nicht beeindrucken konnte.
Wie Jake versprochen hatte, war der Wagen nach gut einer halben Stunde fertig. Er setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Aus dem Seitenfenster winkte er ihnen zu und forderte sie auf, in den Wagen einzusteigen.
Khendrah stieg auf der Beifahrerseite ein und fragte die anderen Männer, ob sie ein Problem damit hätten, wenn sie sie mit Rick allein lassen würden. Einer der Männer lächelte böse.
»Wir werden uns um ihn kümmern«, sagte er, »er hat uns seit Monaten behandelt, wie den letzten Dreck, weil er die Kanone hatte und wir nicht. Das ist jetzt anders. Wir werden die Bedingungen jetzt neu aushandeln.«
»Okay«, sagte Khendrah, »ich will die Einzelheiten gar nicht wissen.«
Sie schloss die Beifahrertür und Jake fuhr los, als alle im Wagen saßen.
»Wo genau wollt Ihr eigentlich hin?«, wollte Jake wissen, »Die Stadt ist groß.«
»In der Nähe des Hafens gibt es ein Hotel«, sagte Khendrah, »es hat den Namen Hyatt. Dort müssen wir hin – und zwar so schnell, wie es eben geht.
Jake verzog sein Gesicht.
»Zum Hyatt? Das liegt ausgerechnet in der Umweltzone. Dort darf ich eigentlich mit diesem Wagen nicht hinein.«
»Warum nicht?«, wollte Giwoon wissen.
»Sag‘ ich doch: Umweltzone. Dies hier ist ein 2005er Chevy mit Verbrennungsmaschine. Der fährt noch mit Benzin. In der Umweltzone dürfen nur noch Elektro-Autos fahren. Ich kann es versuchen, aber wir riskieren, angehalten zu werden.«
»Bitte versuche es, Jake«, bat Fancan, »wir haben es wirklich sehr eilig. Wir müssen dort sein, bevor es im Himalaja knallt.«
»Fancan!«, rief Giwoon ärgerlich.
»Moment«, fragte Jake, »was genau geht hier eigentlich ab? Ich seid doch keine Terroristen, oder? Was sollte das mit dem Himalaja?«
»Du würdest es wahrscheinlich nicht verstehen«, sagte Khendrah, »ich kann dir nur so viel sagen, dass dir und den Menschen hier keine Gefahr droht. Es wird etwas geschehen im Himalaja, aber das betrifft nur uns. Wir hätten ein Problem, wenn wir nicht rechtzeitig dort sind, wo wir hinwollen.«
Jake steuerte seinen Wagen geschickt durch den Verkehr der Innenstadt von San Diego und sie näherten sich relativ zügig dem Hafengebiet. Einige Warnschilder wiesen darauf hin, dass die Weiterfahrt in die Umweltzone für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verboten war.
»Willkommen im Jahr 2014«, murmelte Jake, als er den Kontrollpunkt passierte und in die Zone hineinsteuerte, »ab jetzt kann es jederzeit geschehen, dass uns Polizei oder Ordnungskräfte entdecken. Dann werden sie uns anhalten. Ich muss nicht darauf hinweisen, dass eine Überprüfung dieses Fahrzeugs uns in Schwierigkeiten bringt, oder? Habt Ihr eigentlich Papiere dabei?«
»Papiere?«, fragte Giwoon, »Was meinst du damit?«
»Na, eben Papiere. Ausweise, Pässe. Das muss es doch auch dort geben, wo Ihr herkommt.«
»So etwas brauchen wir dort nicht, wo wir herkommen«, sagte Khendrah.
»Ihr wollt mich verscheißern«, schimpfte Jake, »jeder braucht Papiere. Ich sehe schon – ich habe mich hier auf einen Deal eingelassen, bei dem mich die Bullen hochnehmen werden.«
Fancan, Khendrah und Giwoon sahen sich fragend an. Sie verstanden nicht so recht, was Jake meinte.
»Wir können dich beschützen, wenn wir angehalten werden«, sagte Fancan.
Jake lachte humorlos auf.
»Ihr habt vielleicht Vorstellungen, Leute. Glaubt Ihr, Ihr könnt mit der Polizei dasselbe abziehen, wie mit diesem Drecksack Brian? Das könnt Ihr vergessen. Da könnt Ihr Euer Karatezeugs nicht bringen.«
»Brian?«, fragte Fancan.
»Ja, der Typ, den Ihr so nett verschnürt habt – was mir übrigens sehr gut gefallen hat.«
Jake grinste und ließ den Wagen in eine kleine Seitenstraße fahren.
»Ist das der Weg zum Hafen?«, fragte Giwoon.
»Nicht direkt, aber ich habe die Hoffnung, dass die Bullen nicht gerade in solchen Nebenstraßen lauern.«
»Wie weit ist es denn noch bis zum Ziel?«, wollte Thomas wissen.
»Nur noch ein paar Kilometer«, sagte Jake.
Er bog in die nächte Seitenstraße ein und fluchte.
»Scheiße, eine Polizeikontrolle!«, rief er aus und stoppte den Wagen, »Sie haben uns sicherlich schon bemerkt.«
»Dann sollten wir machen, dass wir zu Fuß weiterkommen«, sagte Giwoon, »schnappt Euch Eure Taschen und dann nichts wie ‚raus aus dem Wagen.«
In wenigen Sekunden hatten sie alle den Wagen verlassen und standen auf dem Gehweg. Ein paar der Beamten, die dabei waren, Fahrzeuge und ihre Fahrer zu kontrollieren, schauten interessiert zu ihnen herüber. Sie wandten sich ihnen zu und kamen auf sie zu.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Jake ängstlich, »Wenn sie mich schnappen, gehe ich für die nächsten Monate in den Bau.«
»Ganz ruhig«, sagte Giwoon, »wir gehen jetzt ganz ruhig weiter und gehen in das Haus da drüben.«


Der nächste Teil erscheint am 16.11.2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 11 – Häppchenweise

Daisy Lee hatte ihn zuerst entdeckt.
»Verdammte Scheiße, was ist das?«, fragte sie argwöhnisch, als sie die vielen ballongleichen Pflanzen wahrnahm, mit denen Archweylls Scherenpanzer in die Höhe trieb.
»Das ist ein Aushängeschild. Ich wusste doch, dass er es schafft«, atmete Clynnt Volker aus und ballte triumphierend die Fäuste. Eine maßlose Erleichterung überkam ihn bei diesem Anblick.
Ich hoffe nur, er hat Tamara dabei.
Eine Hoffnung, die sich bestätigte, als die beiden geborgen wurden. 
»Ich brauche hier sofort einen Apothekaris!«, schrie Clynnt aus voller Kehle, als er ihren Gesundheitszustand erkannte. Tamaras Körper war von schwarzen Adern durchzogen und lag in einer verkrampften Haltung hinter dem Kommandanten. Blut floss aus ihrer Nase und ihren Ohren und sie war mit einer unbändigen Vielzahl verschiedenfarbiger Hämatome bedeckt, die ihr das Aussehen eines bewusstlosen Regenbogens verliehen. 
Um Archweyll stand es noch schlechter, doch Clynnt war sich bewusst, dass der Kommandant fast alles wegstecken konnte. Man musste ihm schon in den Kopf schießen, um ihn aufzuhalten. Hektische Schritte ließen den Boden erbeben, während Menschen hin- und her hetzten, um den Vermissten zu helfen. Archweyll und Tamara wurden schnellstmöglich im Krankenflügel des Zyklopen untergebracht. Dieser bestand aus einem kleinen, kreisrunden Saal mit zehn sterilen Betten und einer Arztstation, in der silberne Instrumente im trüben Neonlicht funkelten und ratternde Generatoren die Monitore und Gerätschaften mit Energie versorgten. Der Arzt begrüßte sie mit einem steifen Nicken und machte sich unverzüglich an die Arbeit. 
Clynnt merkte gar nicht, wie lange er da stand und ihm dabei zusah. Er wollte einfach nur sicherstellen, dass nicht schon wieder etwas schiefging. Doch irgendwann riss er sich zusammen und ließ den Mann seine Arbeit machen. 
»Wir machen uns auf den Weg zurück«, befahl der Chefnavigator, während er zurück auf die Kommandobrücke eilte.
»Verstehe, ihr habt noch ein Hühnchen zu rupfen«, erwiderte Daisy und machte sich auf den Weg zum Steuer. 
Clynnt klopfte ihr auf die Schulter. 
»WIR haben noch ein Hühnchen zu rupfen. Du bist jetzt Teil der Mannschaft und somit warst auch du hier unten in unnötiger Gefahr.« 
Auch wenn sie es zunächst verbergen wollte, konnte Daisy doch nicht umher, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. »Wir … Das ist ein Wort, an das ich mich gewöhnen könnte«, sagte sie lachend, während sie sich auf den Weg zur Forschungseinrichtung machten.



                                                                ***


Schwarze Schleier durchzogen sein Hirn und marterten es. Dinge passierten um ihn herum, am Rande seiner Wahrnehmung. Dem unaushaltbaren Druck der Schmerzen war eine bleierne Schwere gewichen, die alles belanglos erscheinen ließ. So lag er da und ruhte. 
Wenige Stunden fühlten sich wie Äonen an, während die Apothekaris seinen ruinierten Körper begutachteten, scannten und reaktivierten. Das Leben zog an ihm vorbei. Dann wurde wieder alles schwarz.


Archweyll öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein. 
Die Tatsache, dass er in einem Bett lag und frischen Sauerstoff einatmete, erfüllte ihn zumindest mit etwas Genugtuung. Die trübe Beklommenheit des dunkeln Schlafes im Narkotikum wich Schritt für Schritt, auch wenn seine Glieder nach wie vor kaum zu einer Bewegung fähig waren. 
Immerhin muss ich nicht wieder Jaulen wie ein Seehund, dachte er verdrossen und dankte den Betäubungsmitteln in stiller Heimlichkeit. Sein Blick ging umher. Er befand sich eindeutig wieder in der Forschungsstation, sachter Regen prasselte gegen die große Glaskuppel, welche einen verschwommenen Ausblick auf den dahinterliegenden Ozean preisgab. Erst jetzt registrierte er das Team aus Ärzten, dass ein Bett am anderen Ende des Raumes belagerte. 
Clynnt Volker war unter ihnen und schien eine hitzige Diskussion zu führen. Als er Archweyll erspähte, verfinsterte sich seine Miene dramatisch und er eilte zum Kommandanten herüber.
»Schön, dich wach zu sehen«, sagte der Chefnavigator. Seinem Tonfall ließ sich direkt anmerken, dass ihn etwas zu bekümmern schien.
»Was ist los?«, keuchte Archweyll. Sprechen war noch keine der angenehmen Aufgaben. Aber er kannte seinen Körper, in weniger als ein paar Tagen würde er wieder auf den Beinen sein. 
»Du kannst mich hören? Das ist gut, denn es bedeutet, dass die Geräte funktionieren.« 
Archweyll schaute seinen Chefnavigator mit einer Mischung aus Angst und Belustigung an. »Bitte was?«, fragte er ungläubig. 
»Dein Gehör hat einen irreparablen Schaden erlitten. Wir haben einen Sensor eingebaut, der Schall empfängt und frequentiert. Dadurch bist du in der Lage mich zu verstehen. Außerdem solltest du dein Herz in nächster Zeit schonen. Es hat nach der Behandlung so unrhythmisch geschlagen, das wir es ersetzen mussten, andernfalls wärst du draufgegangen. Vor drei Tagen ist ein föderaler Medikus eingetroffen, er hat dich operiert.«
Erst jetzt fiel Archweyll auf, dass er ein steriles weißes Leinenhemd trug. Darunter befand sich ein Verband, der um die ganze Brust reichte.
»Gegen Infektionen, die Wunde hat sich durch Gerinnungshormone innerhalb von zwei Tagen versiegelt. Du dürftest nur noch wenig spüren«, merkte der Chefnavigator an.
»Wie lange liege ich schon hier?«, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. 
»Fast zwei Wochen«, erwiderte Clynnt kopfschüttelnd.
»Tamara?« Archweyll saß bei dem Gedanken an seine Stoßtruppführerin plötzlich kerzengerade im Bett. 
Abermals schüttelte Clynnt den Kopf. 
»Sag mir was hier los ist!«, fluchte der Kommandant ungehalten. »Sie ist doch nicht etwa …?« Bei dem Gedanken daran, sie verloren zu haben, drehte sich alles um ihn. 
»Sie wird wieder aufwachen«, begann Clynnt.
Der Kommandant bemerkte, dass er bis gerade die Luft angehalten hatte. 
»Aber sie hat ebenfalls irreparable Schäden erlitten.« Man merkte dem Chefnavigator an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen.
»Ihr Gehirn hat Schäden erlitten, ebenso wie ihr Herz, ihr Trommelfell und ihre Muskeln. Sie war einfach zu lange dem Druck ausgesetzt.« 
Archweyll griff mit der Hand nach Clynnts Kragen und schüttelte ihn. Doch nach einem Moment verließ ihn die Kraft dazu. »Was hat das zu bedeuten?!«, fuhr er den Navigator an. 
»Sie wird für immer blind sein, Arch. Außerdem ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und sie braucht ebenfalls Hörgeräte. Die Hirnstruktur lässt sich leider nicht mehr medizinisch zusammenfügen. Es tut mir Leid.« Man merkte Clynnt an, dass er fest damit rechnete, gleich von Archweyll einen Schlag zu kassieren, denn er zuckte merklich zusammen. 
Doch Archweyll blieb ruhig. Er lehnte sich, ohne etwas zu sagen, in sein Kissen zurück und schloss die Augen. 
»Crowler?«, war das einzige Wort, was seinen Mund noch verlassen sollte.
»In Gewahrsam. Bewacht im Kommunikationsraum«, antwortete Clynnt und sein Gesicht nahm etwas Düsteres an. 



                                                                  ***


Schlechte Kunde ist schlechter Gast. Das war Clynnt so bewusst wie die Tatsache, dass Archweyll ihn vermutlich köpfen würde. 
Wie konnte er nur entkommen? Er war rund um die Uhr bewacht. 
Vor einer halben Stunde hatte die Wache ihn alarmiert, sie hatten den Kommunikationsraum abgesucht, aber keine Spur von Mantis J. Crowler entdecken können. Clynnt betrat den Krankenflügel, doch bis auf einen Arzt, der Tamaras Infusion wechselte, war niemand zu sehen. 
Wo ist Arch? 
Langsam wurde die Sache interessant. Er fand den Kommandanten draußen, es war ausnahmsweise nur bewölkt und regnete nicht in Strömen. Archweyll saß, immer noch nur in ein Nachthemd gekleidet, auf einem Anlegesteg. In einiger Ferne ruhte die Manticor, in deren Bauch der Zyklop einer strengen Reparatur unterzogen wurde. Daisy hatte das ganze veranlasst, nachdem mehrere Scherenpanzer und ihr Steuer arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. 
Neben Archweyll lag ein Eimer voller roter Pampe und deformierten Fleischbrocken. Eine einzelne Rippe ragte daraus hervor. Der Kommandant langte hinein und warf sie ins Wasser.
Direkt kam ein schillernder, türkiser Fisch daraus hervorgeschossen und schnappte sich die wertvolle Beute. 
»Was zur Hölle machst du hier? Solltest du nicht im Bett liegen?«, fragte Clynnt aufgebracht, während er sich neben den Kommandanten setzte.
Archweyll begrüßte ihn mit einem Grunzen.
Erst jetzt fiel dem Chefnavigator auf, dass Archweylls Hemd voller Blut war. »Was hast du angestellt?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
»Ich brauchte etwas, um die Fische zu füttern und Möhren kamen nicht infrage. Also habe ich mich etwas in der Speisekammer ausgetobt«, erwiderte der Kommandant gelassen. 
Dann warf er noch ein Häppchen ins Wasser.
Gierig verschlang der große Fisch den Fleischbrocken. 
Clynnt schluckte. Er hoffte nur, Archweyll würde ihn nicht direkt hinterherwerfen. Er räusperte sich verlegen. »Der Doktor ist entkommen. Spurlos verschwunden. Niemand hat ihn gesehen oder gehört.« Er atmete aus. Gleich würde es ein Donnerwetter geben.
Doch wieder einmal überraschte ihn der Kommandant. 
»Ist es nicht schön hier? All die bunten Fische«, antwortete Archweyll und warf abermals ein Häppchen Fleisch in die See. 
Sanft trugen es die Wellen gen Grund und hinterließen dabei rote Schlieren im Wasser. 
Verliert er jetzt völlig den Verstand?
Plötzlich eilte ein Soldat zu ihnen. Völlig außer Puste hielt er vor ihnen an. »Sir, wir haben Überreste einer Leiche gefunden und gehen stark davon aus, dass es Crowler ist. Er scheint sich suizidiert zu haben, indem er sich selbst in seinem eigenen Labor durch den Fleischwolf gejagt hat.«
Erst jetzt fiel Clynnt auf, wie weiß der Mann um die Nase war. 
»Der Anblick muss zum Fürchten gewesen sein«, erwiderte Archweyll mitleidig und erhob sich.
»Sir, es war furchtbar. Ich glaube so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Der Kommandant klopfte dem Mann auf die Schulter. »Sorgen Sie dafür, dass die Sauerei beseitigt wird. Und dann ruhen Sie sich aus.«
Der Soldat salutierte und verschwand. 
Archweyll ließ seine Augen schelmisch in Richtung des Eimers wandern, dann trat er ihn um und versank den Inhalt achselzuckend im Meer. 
Clynnt schaute ihn entgeistert an. »Die Speisekammer hat wahrlich noch ergiebige Mengen erübrigt«, seufzte er und kopfschüttelnd folgte er dem Kommandanten hinein.

 

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (1/2)

,,Alter.“, flüsterte Ben leise. ,,Willst du das wirklich durchziehen?“

Matthias nickte entschlossen. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er fühlte wie seine Glieder in der Kälte der Furcht erstarrten. Doch er durfte sich auf keinen Fall weigern. Er würde ohne Zweifel sein Gesicht verlieren.

Es war Samstag. Ben und er hockten in seinem Zimmer und warteten auf Mitternacht. Um Punkt zwölf Uhr nachts sollte Matthias allein in ein kleines, verlassenes Dorf gehen, dass sich im Wald hinter der Stadt befand. Anja hatte dies als Mutprobe in der Schule von ihm verlangt.

Matthias konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Mutter von dem Vorhaben halten würde: Es ist viel zu gefährlich für einen fünfzehnjährigen Jungen, in der Nacht allein durch den Wald zu gehen! Betrunkene oder Diebe oder anderes Gesindel lauern einem da drin auf…

Matthias schüttelte den Kopf, um sich zu fokussieren. Nur noch zwei Minuten, dann musste er sich auf den Weg machen. Die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffernblatt hell leuchtete, erschien ihm plötzlich wie ein Sendbote des Gerichts, der ihm ein verhängnisvolles Urteil verkündete…

Todesstrafe, vollzogen in zwei Minuten…

,,Lass mich wenigstens mitkommen, Alter.“, verlangte Ben. Seine Augen suchten den Kontakt, seine Stimme klang eindringlich. ,,Fällt doch nicht auf…“

Matthias schüttelte den Kopf. ,,Irgendwer muss hier die Stellung halten, falls meine Mom aufwacht und sich fragt, was los ist. Das musst du machen, Alter.“

,,Ja, aber Alter…“ Ben schien nach Worten zu suchen, um ein seltsames Gefühl auszudrücken, das wie eine Gewitterwolke zwischen ihnen hing. Es handelte sich um ein psychisches Echo, das Gefahr verkündete. Keine logische Aussage konnte ihre Anwesenheit belegen, doch Matthias fühlte, wie seine Instinkte reagierten. Sie rieten ihm, in Sicherheit zu bleiben, hinter hohen, schützenden Mauern zu verweilen, anstatt sich leichtfertig in Gefahr zu begeben.

Gefahr, was rede ich denn? Reiß dich zusammen, du Baby!, schalt er sich selbst. Da draußen sind nur Bäume und Tiere, aber keine Verbrecher…

,,Es ist soweit.“ Bens Stimme legte sich wie ein dunkles Tuch über ihn. Seine Uhr bestätigte seine Aussage. Die zwei Minuten waren verstrichen, obwohl sie sich eher wie zehn Sekunden angefühlt hatten.

Schweigend erhob sich Matthias und ging zur Tür seines Zimmers. Leise drückte er sie auf und schlich aus dem Raum. Trotz der Dunkelheit fand er die Treppe ohne Probleme. Im Erdgeschoss schlüpfte er in eine dunkle Jacke und in warme Stiefel. Ben, der ihm geräuschlos gefolgt war, drückte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand. Matthias bedankte sich mit einem Nicken. Theoretisch könnte er auch die Funktion seines Handys benutzen, um seine Umgebung zu erhellen, jedoch zog er es vor, Akkuladung sparen zu können.

Kurz bevor Matthias die Tür öffnete, nickte er Ben zum Abschied zu. Obwohl es ihnen absurd erschien, erfüllte sie eine seltsame Furcht. Lag es am Schatten der Bäume, die nur wenige Meter hinter Matthias‘ Elternhaus das Gras in Dunkelheit tauchten? Oder am Wispern der Blätter im Wind, das trotz geschlossener Fenster auf abstruse Weise seinen Weg zu den Ohren der Jungen gefunden hatte?

Keiner von beiden wusste es.

Matthias‘ Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er folgte einem schmalen Weg, der sich, von Blättern und Tannennadeln bedeckt, kaum vom restlichen Waldboden unterschied. Lediglich die starke Lampe in seiner rechten Hand bewahrte ihn davor, den Pfad zu verlieren.

Seine Gedanken wurden vom Gefühl der Gefahr, das sein Herz wie eine eisige Klaue umklammerte, nahezu erstickt. Die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt, marschierte er leicht geduckt durch die nächtliche Landschaft. Sein Atem bildete vor ihm in der Luft Rauchwolken.

Matthias konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er sich seinem Zielort näherte: einer großen Waldlichtung, die von baufälligen alten Häusern ausgefüllt wurde. Anja hatte grinsend von ihm verlangt, dort ein Video mit seinem Handy zu drehen und außerdem ein Holzstück von einem der Gebäude mitzunehmen.

Wieso habe ich Trottel mich darauf eingelassen?

Die Frage fegte wie ein plötzlicher Windstoß durch sein Gehirn. Er blieb stehen. Das Licht der Lampe in seiner Rechten entrang der Finsternis ein vermodertes Holzschild, das umgeworfen im Gras lag.

Ich kann jetzt nicht umkehren. Ich muss weitermachen.

Als er sich langsam wieder in Bewegung setzte, kam ihm ein Horrorfilm in den Sinn, den er erst vor Kurzem gesehen hatte. Die Protagonistin war in einer kalten Nacht wie dieser von einem verrückten Massenmörder überrascht worden. Der Mann lauerte halb verborgen im Gebüsch, versteckt durch die Dunkelheit und seinen Mantel, die Axt ruhig in der Hand. Er beobachtete sein Opfer, leckte sich in stiller Vorfreude über die Lippen, bis er schließlich des Wartens überdrüssig war. Wie ein Raubtier schoss er aus der Barriere aus Finsternis und fiel die Protagonistin an.

Das ist doch nur ein Film, Blödmann!

Trotzdem konnte sich Matthias eines Gefühls durchdringender Furcht nicht erwehren. Während er mit zitternden Knien das verlassene Dorf betrat, erfüllte ihn die nie gekannte Sicherheit, beobachtet zu werden.

Lauf!, rieten ihm seine Instinkte. Wen interessiert diese Mutprobe?

Trotzdem setzte er kontinuierlich einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Kreises aus verfallenen Gebäuden stand. Ängstlich um sich blickend, griff er mit seiner zitternden linken Hand in seine Hosentasche, in der er sein Handy mit sich trug.

Plötzlich erklang ein Geräusch, das ihn sofort erstarren ließ. Direkt hinter ihm war soeben eine Tür mit rostigen Scharnieren geöffnet worden.

O mein Gott.

Matthias vermochte kaum zu atmen, während er wie eine Statue auf dem von Gras überwuchertem Boden stand. Alles in ihm schrie danach, sofort die Flucht zu ergreifen. Doch etwas hielt ihn zurück, eine merkwürdige Kraft. Sie glich einer seltsamen Sperre, ähnlich der, die einen in Rage gebrachten Menschen am Zuschlagen hindern will. Ein letztes Echo der Zivilisation, das sich zwischen Realität und der von Zorn vergifteten Geisteswelt schiebt.

,,Sieh an.“, sprach eine Stimme hinter ihm gut gelaunt. Sie klang überraschend menschlich, jagte Matthias aber dennoch einen Schauer über den Rücken. ,,Ein Junge. Wie nett. Aber um diese Uhrzeit solltest du wirklich nicht mehr alleine herumlaufen. Seltsame Gestalten treiben im Wald ihr Unwesen…“

Wie auf Kommando drehte Matthias sich um. Er konnte die Bewegung nicht aufhalten. Sein Wille war zerschellt wie eine edle Blumenvase, die zu Boden fiel.

Zu seinem Erstaunen stand er einem schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn freundlich anlächelte. Er trug löchrige, ausgewaschene Jeans und am Oberkörper eine fleckige Weste über einem schwarzen T-Shirt. Seine schmutzigen, langen blonden Haare fielen ihm ungebunden auf die Schultern. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, die Hände steckten in den Hosentaschen.

Der Fremde wirkte lässig und auf seine Art unantastbar. Es handelte sich bei ihm um einen jener Menschen, die Matthias sich nicht als gedemütigte Opfer vorstellen konnte. Der Gedanke, diese Person könnte irgendwie Schwäche zeigen, erschien ihm völlig absurd.

,,Möchtest du nicht hereinkommen?“, fragte der junge Mann und deutete einladend auf eines der baufälligen Häuser. ,,Hier draußen ist es sehr kalt.“

Obwohl seine Furcht etwas nachließ, verspürte Matthias noch immer das dringende Bedürfnis, zu fliehen. Was, wenn er hier einem Psychopathen begegnet war, der seine Opfer im Wald suchte? Er durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.

Doch wieder erschien jene seltsame Sperre. Die Vorstellung, sich zu verweigern, erschien Matthias unsittlich und böse. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging er auf den Fremden zu.

Dieser nickte zufrieden und hielt ihm die Tür auf. ,,Nenne mich Enki. Einfach den Gang entlang, Matthias.“

Woher weiß er meinen Namen? Ein Stalker?

Die eisige Klaue der Furcht schloss sich enger um Matthias‘ Herz, als er den dunklen Gang durchquerte. Das Mondlicht erhellte durch Löcher in der Decke schwach den Boden. Wie mechanisch durchquerte er den langen Korridor, Enki direkt hinter ihm. Am Ende des Ganges versperrte ihm eine Tür den Weg.

,,Einfach den Knauf drehen.“, riet ihm Enki, als er stehen blieb. Obwohl Matthias am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre, befolgte er wie selbstverständlich die Anordnung. Die Tür schwang laut quietschend auf und enthüllte einen dunklen Raum. Die einzige helle Stelle bestand aus einem runden Tisch mit einer Kerze und zwei Stühlen, die sich gegenüberstanden.

,,Fühle dich wie zuhause.“ Enki ging lächelnd an ihm vorbei und ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken. Ohne darüber nachzudenken, wählte Matthias den anderen. Kaum berührte er die Sitzfläche, erfüllte Taubheit seinen Körper. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

O Gott, was passiert hier, was wird dieser Wahnsinnige mit mir anstellen? O Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, bitte, bitte, bitte, rette mich, ich will noch nicht sterben, bitte, bitte, bitte, ich werde auch nie wieder mit jemandem streiten, bitte, bitte, bitte.

Enki betrachtete ihn interessiert über den Rand der Kerzenflamme hinweg. Der unregelmäßige Schein warf gespenstische Schatten an die Wand und verwandelte sein Gesicht in ein Schlachtfeld zwischen Licht und Dunkelheit. Erst jetzt fielen Matthias die seltsamen Augen des Fremden auf. Sie strahlten golden, doch erleuchteten sie die Umgebung in keinster Weise.

Schließlich durchbrach Enki die unheimliche Stille: ,,Ich muss schon sagen, Matthias, sehr schöne Sachen hast du da.“ Dabei glitt sein Blick über Matthias‘ Kleidung. ,,I-Phone 11, Snipes-Pullover und Jeans von Tommy Hilfiger. Und erst die Schuhe…Desert Boots aus Leder…ebenfalls von Tommy Hilfiger…“ Enkis Augen wanderten zu seinem Kopf. ,,Hochgestellte Haare…Fußballer, nicht wahr?“

Matthias nickte automatisch. Er spielte im Verein und trainierte oftmals wöchentlich.

Enki nickte langsam…fast verträumt. Der seltsame Mann ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, bis sein Rücken die dünne Holzlehne berührte.

,,Erzähl mir doch mal ein bisschen von dir.“

Matthias wollte schweigen. Er litt immer noch an gewaltigen Ängsten und vollbrachte es kaum, zu atmen. Trotzdem entrangen sich seinem Mund die Worte, intimste Gedanken und Geheimnisse offenbart in der kaum erhellten Dunkelheit dieses Raumes. Enki lauschte dem Redefluss mit ruhiger Miene.

,,Ich bin Matthias, 15, Einzelkind, lebe mit meinen Eltern in Theresienfelden. Ich kicke im Verein, bin aber einer der schlechtesten von uns, obwohl ich immer behaupte, der Beste zu sein, um meine Freunde und die Mädchen zu beeindrucken. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio, damit ich fett Muskeln aufbaue, mein Bizeps ist schon echt groß, ich werde dafür echt beneidet. Meine besten Freunde sind Ben und Mert, ich hab‘ auch noch’n paar Kumpels in der Klasse, alle finden mich cool und ich will auch cool sein, deswegen kaufe ich das ganze Zeugs, ich weiß, dass es Blödsinn ist, aber ich will es trotzdem, sieht voll geil aus…außerdem bin ich total in Anja verschossen, sie ist so geil, ich hab mir schon oft vorgestellt, dass wir auf ein Date gehen, aber es geht nich‘ wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll und was, wenn sie nein sagt…ich hab‘ richtig schlechte Noten, letztes Jahr sogar Nachprüfung, deshalb hasse ich die ganzen Streber in meiner Klasse, die sind so arrogant, wenn sie wieder davon reden wie gut ihre Noten sind, voll abartig, zum Kotzen, deshalb mache ich mich über sie lustig und verarsche sie öfters, eigentlich beneide ich sie ja, die Trottel haben keine Ahnung, wie gut sie es haben…ich habe schon oft Alkohol getrunken und oft gekotzt eigentlich finde ich ja, es schmeckt ziemlich bescheuert, aber naja…ich will, dass die anderen mich cool finden und ich habe sonst nichts, wo ich mein Selbstvertrauen herkriege, ist echt blöd, aber naja…meine Eltern wollen ständig, dass ich lerne, sind echt voll nervig, sie nehmen mir immer wieder mein Handy weg, weil sie denken, dass ich zu viel damit mache und naja…sie wollen mich in den Ferien in so ein Lerncamp schicken, wo man die ganze Zeit Bücher liest und so anderes Scheißzeug ist echt zum Kotzen…außerdem wollen sie mir nichts zum Geburtstag mehr schenken, wenn ich in Englisch nicht mindestens einen Dreier schaffe…echt zum Kotzen, ich will mir einreden, dass ich sie hasse, obwohl ich sie irgendwie verstehen kann, aber trotzdem, ich will nicht lernen, ich kann nicht, ich werde in so was nie gut sein, ist echt zum Kotzen…“

Enki hob ruhig die Hand. Wie durch Zauberhand schloss sich Matthias‘ Mund und der Redeschwall endete. Einen Moment lang versank die Angst in einer Flut aus Peinlichkeit, die ihn zu ersticken drohte. Er hatte diesem Fremden soeben alles über sein Leben verraten, sogar Dinge, die er selbst nicht wusste.

Oder die ich mir nicht eingestehen wollte.

Der Gedanke erfüllte mit einem Mal Matthias‘ Kopf, wirkte aber nicht, als stamme er von ihm.

Enki räusperte sich. Er sah Matthias ernst an. Seine goldenen Augen schienen dabei bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Schließlich sagte er:

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

Korrekturen 25

25.Teil – Die Letzte Flucht (1/6)

Fancan entdeckte einen Ortungsimpuls auf der Navigationskugel.
»Leute, wir müssen nun wirklich hier weg!«, rief sie dazwischen, »Ich glaube, man hat uns entdeckt. Es nähert sich etwas unserem Standort.«
»Qorth, wir müssen los«, sagte Giwoon, »Sie haben es gehört. Wir bekommen Besuch. Wir wünschen Ihnen alles Gute, aber vergeuden Sie keine Zeit. Machen Sie, dass Sie die Station verlassen!«
Giwoon wartete die Antwort nicht mehr ab, sondern unterbrach die Verbindung und aktivierte die Antriebseinheiten.
»Es sind Kampfflugzeuge«, sagte Fancan, »ich habe jetzt noch zwei weitere Ortungen. Sie nähern sich uns sehr schnell.«
»Raketen!«, rief Giwoon, »Verdammt! Sie sind gegenüber unserem Slider zwar primitiv, aber dennoch sehr wirksam.«
Immer wieder hämmerte er auf die Steuerung ein, als würde es dadurch schneller gehen, bis die Zellen für die Horizontalbeschleunigung aufgeladen waren.
»Es reicht nicht!«, schimpfte Giwoon, »Vielleicht können wir ihnen nach oben entkommen, wenn ich unseren Flieger ganz kurz vor dem Aufschlag der Raketen hochziehe.«
Giwoon starrte konzentriert auf die Ortungsanzeige und presste, kurz bevor die Raketen sie erreichten, beide Hände auf die Höhenkontrollen. Der Slider stieg nach oben, als wäre er von einer Kanone abgefeuert worden, während die Raketen unter ihnen hindurch flogen. Eine der Raketen schlug ins Tal ein, wo sie keinen Schaden anrichtete. Die andere hingegen änderte ihren Kurs und wendete.
Giwoon stand der Schweiß auf der Stirn.
»Das Drecksding kommt zurück«, stellte er fest. Die Ladekontrolle der Antriebszellen erlosch und er drückte den Schubhebel voll durch. In diesem Moment erreichte sie die Rakete und streifte sie, als der Slider sich in Bewegung setzte. Die Druckwelle der explodierenden Rakete ließ den Slider wie ein welkes Blatt im Wind umherfliegen. Die Notschaltung aktivierte sich und brachte ihren Flieger schnell wieder in eine stabile Fluglage. Irgendwo ertönte ein Alarm.
»Die Kampfflugzeuge sind uns noch immer auf den Fersen«, meldete Fancan.
»Wir können sie jetzt abhängen«, sagte Giwoon.
Khendrah und Thomas standen etwas abseits und hielten sich krampfhaft an den Händen.
Ganz allmählich vergrößerte sich der Abstand zu ihren Verfolgern.
»Waren wir nicht auf unserem Hinweg schneller?«, wollte Thomas wissen.
»Ja«, sagte Giwoon mit zusammen gebissenen Zähnen, »die Druckwelle hat irgendetwas in der Antriebseinheit zerstört. Wir kommen nicht auf die volle Leistung. Außerdem nimmt die Ladung in den Zellen bereits wieder ab, als wenn der Reaktor sie nicht mehr ausreichend versorgen könnte, was eigentlich nicht sein kann.«
»Wie kommen wir eigentlich hier weg?«, fragte Khendrah, »Dies hier ist doch auch nicht unsere Zielzeit, oder wollen wir hier bleiben?«
»Nein, wir müssen es bis zum Jahr 2008 schaffen«, sagte Giwoon.
»Ich denke, der Slider kann keine Zeitreisen mehr unternehmen«, meinte Thomas.
»Wir müssen irgendwo einen Zeitaufzug erreichen«, sagte Giwoon, »einen Zeitaufzug des Vektors, solange es ihn noch gibt. Khendrah, Fancan – ich brauche Angaben, wo wir einen solchen Aufzug finden können. Ich fürchte, der Slider macht es nicht mehr besonders lange.«
Wie, um diese letzte Äußerung Giwoons zu bestätigen, leuchteten nun an den verschiedensten Stellen der Konsole Warnlampen auf. Aus einer Konsole drang ein wenig Qualm in die Kabine.
Giwoon hatte nicht darauf geachtet, in welche Richtung der Slider flog, als er den Antrieb aktiviert hatte. Für ihn war es in erster Linie darum gegangen, den Slider möglichst unbeschadet aus dem Einflussbereich der Kampfflugzeuge herauszubekommen. Erst jetzt stellte er fest, dass sie sich über dem Pazifischen Ozean befanden und ostwärts flogen. Wenn sie diesen Kurs beibehalten würden, würden sie irgendwann die US-amerikanische Küste erreichen. Dort würden sie ebenfalls zum Ziel von Radaranlagen und Kampfflugzeugen.
Khendrah schaute auf die Navigationskugel und deutete auf den vor ihnen liegenden Kontinent.
»Dort gibt es einen Aufzug«, sagte sie, »da bin ich mir sicher. Dort an der Küste, die Stadt San Diego. Dort müssen wir irgendwo landen und uns zur Station durchschlagen, in der der Aufzug versteckt ist.«
Giwoon bemerkte mehr als einmal das Auftreffen von Radarimpulsen, doch solange sie sich über dem Pazifik befanden, wurden sie nicht behelligt.
»Ich werde den Slider nun fast bis an die Grenze der Stratosphäre steigen lassen«, erklärte Giwoon, »sobald wir einen geeigneten Landeplatz entdeckt haben, werden wir extrem schnell und senkrecht landen. Ich glaube nämlich, dass ihre Radaranlagen mit senkrechten Bewegungen nicht so gut zurechtkommen, wie mit der normalen, horizontalen Fluglage.«
»Wollen wir es hoffen«, meinte Thomas, »was tun wir, wenn sie uns auch von dort Flugzeuge entgegenschicken, die uns angreifen?«
»Es darf eben nicht passieren!«, rief Giwoon aus.
Sie spürten alle, dass Giwoon längst nicht mehr so ruhig war, wie noch zu Beginn ihrer Reise. Der Slider begann zu steigen und zum ersten Mal spürten sie etwas von der Schieflage des Fliegers und auch ein wenig von der Beschleunigung. Die Absorber, die unter normalen Umständen dafür sorgten, dass Beharrungskräfte – gleich welcher Art – spürbar wurden, arbeiteten nicht mehr einwandfrei.
»Ihr solltet euch auf euren Sitzen anschnallen«, schlug Giwoon vor, »wie es aussieht, ist unser Flieger stärker angeschlagen, als ich bisher gedacht habe. Ich kann nicht mehr so hoch steigen, wie ich es gern täte. Hier, wo wir uns jetzt befinden, sind wir für die Abwehr der Menschen dort unten zu erreichen.«
Wenige Augenblicke später ging ein Funkspruch in englischer Sprache ein:
»Achtung, unbekanntes Flugzeug! Hier spricht die Küstenkontrolle der Vereinigten Staaten. Sie sind im Begriff, unseren Luftraum zu betreten. Bitte identifizieren Sie sich umgehend, sonst wären wir gezwungen, Sie zur Landung zu zwingen.«
Sie sahen sich alle erschreckt an.
»Ignorieren!«, entschied Giwoon, »wir müssen nur dort irgendwo landen können und verschwinden. So schnell werden sie uns schon nicht abschießen.«
»Da bin ich mir gar nicht so sicher«, meinte Khendrah und deutete auf einen Bereich der Steuerkugel, auf dem man erkennen konnte, dass sich ihnen mehrere Kampfjets näherten.
»Geht das jetzt schon wieder los?«, fragte Fancan, »Ich hätte nie gedacht, dass sie uns hier in diesen Zeiten überhaupt gefährlich werden könnten.«
Khendrah lachte freudlos auf.
»Was hast denn du geglaubt? Dass sie in diesen frühen Zeitaltern noch mit Pfeil und Bogen schießen? Ich würde mich entschieden wohler fühlen, wenn wir bereits wieder festen Boden unter den Füßen hätten.«
Ein heftiger Schlag traf den Slider und hätte sie alle durcheinandergewirbelt, wenn sie nicht angeschnallt gewesen wären.
»Was war das?«, wollte Thomas wissen, »Das können doch nicht die Amerikaner in den Jets gewesen sein.«
»Das waren sie auch nicht!«, rief Giwoon grimmig, »Wir haben Begleitung und die gefällt mir ganz und gar nicht.«
Auf der Kugel erschien das Gesicht eines alten Bekannten, mit dem sie überhaupt nicht mehr gerechnet hatten: Ralph Geek-Thoben, dem Analysten.
»Sie scheinen sich nicht zu freuen, mich zu sehen«, sagte Ralph, »dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, Sie zu finden. Khendrah und Fancan kenne ich ja bereits. Vielleicht stellen sich mir die übrigen Teilnehmer der Attentätergruppe ja noch vor, bevor ich Ihren Flieger endgültig vom Himmel pusten werde.«
Ralph hatte ein boshaftes Lächeln aufgesetzt.
»Was wollen Sie?«, fragte Khendrah aggressiv, »Wie kommen Sie überhaupt hierher?«
Ralph lachte.
»Das würden Sie gern wissen, nicht wahr? Nun, Sie können sich denken, dass ein Analyst immer mehrere Wege errechnet, wie er aus einer ungünstigen Situation wieder herausfindet. Nachdem Sie meine Pläne so dumm durchkreuzt haben, nutzte ich einen der Ersatzwege, um wieder in den Vektor zurückzukehren, wo ich sehr interessante Nachforschungen gemacht habe. Erst habe ich nicht verstanden, was Sie mit Ihren Aktionen bezweckten, bis dann ein Alarm durch den gesamten Vektor hallte. Ich hätte Sie niemals für so dämlich gehalten, es mit dem gesamten Vektor aufzunehmen. Sie haben nun die Wahl: Wollen Sie leben, oder sterben? Geben Sie mir den Code zur Deaktivierung ihrer Bombe und ich nehme den Finger vom Feuerknopf meiner Primärwaffe.«
Giwoon schob sich vor das Aufnahmeobjektiv und sprach:
»Ob Sie auf uns feuern, oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Es gibt keinen Deaktivierungscode. Wenn Sie die Bombe noch entschärfen wollen, müssen Sie sie finden und können es versuchen, doch ich würde davon abraten. Sie ist nun auf molekularer Ebene direkt mit der Sonnenzapfanlage verbunden. Der Versuch der Trennung wird sie auslösen.«
»Sie lügen!«, brüllte Ralph uns schlug auf die Feuertaste.
Giwoon ließ den Slider ausweichen, doch konnte er nicht verhindern, dass sie einen Streifschuss abbekamen. Aus verschiedenen Konsolen schlugen Funken und der Slider schüttelte sich.
Giwoon drehte den Ton der Kommunikationsanlage ab und wandte sich an die anderen:
»Es hat keinen Zweck. Unser Flieger ist nicht zu retten. Es ist Zeit für Notmaßnahmen. Jeder von euch schnappt sich die kleine Tasche, die unter dem Sitz klebt. Dann versammelt euch in dem kleinen, markierten Kreis vor der qualmenden Konsole dort. Beeilt euch!«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Es ist jetzt keine Zeit für Erklärungen! Sofort! Tasche greifen uns los! Wir alle müssen in fünfzehn Sekunden in dem Kreis stehen. Fasst euch am besten an den Händen!«
In fiebernder Eile riss jeder die kleine Tasche unter dem Sitz hervor und löste den Sitzgurt. Der kleine Kreis auf dem Boden begann blinkend zu leuchten und ein Countdown wurde in seinem Innern angezeigt. Sie stürzten zu der Stelle und drängten sich so zusammen, dass sie alle hineinpassten.
»Was tun wir hier eigentlich?«, fragte Thomas, wurde aber von Giwoon unterbrochen:
»Augen schließen!«
Sie hörten einen lauten Knall, es wurde unerträglich hell, dass sie trotz geschlossener Augen für einen Moment geblendet waren. Ein Hitzeschwall schien über sie hinweg zu ziehen, dann war es vorbei. Als sie ihre Augen wieder öffneten, standen sie auf einem Feld inmitten eines Gewirrs von Straßen, auf dem zahllose Fahrzeuge unterwegs waren.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, als sie sich einmal um ihre eigene Achse gedreht hatte.
»Notschaltung«, sagte Giwoon knapp, »ein Transportsystem, das uns aus dem Flieger hierher übertragen hat. Es funktioniert nur ein einziges Mal und auch nur auf relativ kurze Distanz. Wenn Ralph den Slider nicht abschießt, wird er sich in Kürze selbst vernichten. Wenn wir Glück haben, können wir ihn täuschen und er glaubt, dass wir tot sind. Wir sollten jedenfalls machen, dass wir hier verschwinden und uns unter die Menschen mischen.«
»Wahrscheinlich hat uns dein Transportsystem mitten in einem Autobahnkreuz abgesetzt«, meinte Thomas, »ich war schon ‚mal in den Vereinigten Staaten und kann mich an solche Straßenzüge erinnern. Wir stehen hier nicht gerade günstig, wenn wir eine Möglichkeit suchen, hier zu verschwinden.«
»Wieso?«, fragte Fancan, »Hier fahren doch so viele Fahrzeuge herum, dass es nicht schwer sein wird, mitgenommen zu werden.«
Thomas lachte.
»Du hast Vorstellungen!«, sagte er, »Hier sind doch nirgends Haltemöglichkeiten. Außerdem sind wir zu viert. Da ist es nicht einfach, jemanden zu finden, der uns alle mitnimmt.«
»Ich würde trotzdem vorschlagen, dass wir dort zur nächstgelegenen Straße gehen und es versuchen«, schlug Giwoon vor, »es kann nämlich nicht gut sein, wenn wir hier wie auf dem Präsentierteller stehen, wenn Ralph nach uns suchen sollte.«
In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Weit über ihren Köpfen war etwas explodiert. Sie legten ihre Köpfe in den Nacken und blinzelten in die hoch stehende Sonne. Dabei konnten sie gerade noch erleben, wie ein ellipsenförmiges Fluggerät durch eine Wolke von expandierenden Partikeln schoss und danach schnell in der Ferne verschwand.
»Das war unser Slider, oder?«, fragte Khendrah.
Giwoon nickte.
»Es war die Selbstvernichtung. Der Trick scheint geklappt zu haben. Ralph macht sich aus dem Staub, um nicht von den Sicherheitskräften dieser Zeit entdeckt zu werden.«
»Dann haben wir es geschafft?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon lachte freudlos.
»Gar nichts haben wir geschafft, Freunde«, sagte er, »in wenigen Stunden wird der Sprengsatz im Himalaja zünden. Danach tickt unsere Uhr, denn der Vektor wird sich dann sehr schnell von unten her aufzulösen beginnen. Wenn wir noch ins Jahr 2008 reisen wollen, bleibt dann nicht mehr viel Zeit.
Etwas desorientiert blickten sie sich in alle Richtungen um. Es war überall das gleiche Bild: Sie waren von Straßen umgeben, auf denen reger Verkehr ein Überqueren fast unmöglich machte.
»Es nutzt nichts«, sagte Giwoon, »wir müssen hier weg. Wenn wir noch lange hier stehen bleiben, wird sich bestimmt bald jemand dafür interessieren, wer wir sind und was wir hier verloren haben.«
»Wenn wir noch diesen Aufzug erreichen wollen, bevor das ganze System zusammenbricht, sollten wir uns auch langsam auf den Weg machen«, schlug Khendrah vor.
»Leute«, sagte Thomas, »jetzt wäre es vielleicht einmal an der Zeit, jemandem zu vertrauen, der aus der Nähe dieser Zeit hier stammt.«
Khendrah sah ihn skeptisch an.
»Aus der ‚Nähe‘ dieser Zeit?«, fragte sie, »Das mag zwar ungefähr stimmen, aber warst du schon einmal hier in dieser Stadt? Kannst du uns wirklich führen?«
»Nein, nicht wirklich«, gab Thomas zu, »aber ich weiß zumindest, dass es häufig in solchen Autobahnkreuzen Brücken gibt oder kleine Tunnel, die wir nutzen könnten, um unter solchen Fahrbahnen hindurch zu kommen. Es sollte einen Weg geben, ungefährdet aus diesem Straßengewirr entkommen zu können.«
»Und?«, fragte Fancan, »Was schlägst du vor?«
Er deutete auf eine, in weitem Bogen geführte, Auffahrt und meinte:
»Dort fangen wir mit unserer Suche an. Mir scheint, dass es dort einen Weg geben müsste.«
Die Frauen schauten Giwoon an, der jedoch nur mit den Schultern zuckte.
»Ein Weg ist so gut, wie der Andere«, meinte er dann, »Thomas kann ja recht haben. Immerhin kennt er diese Art, Straßen zu bauen, wie wir sie hier sehen.«
Sie machten sich auf den Weg – vier einsame Wanderer inmitten eines Auobahnkreuzes. Khendrah sah zu der Auffahrt hoch, als sie sich ihr näherten und bemerkte einen Mann auf einem zweirädrigen Fahrzeug, der am Rand der Auffahrt angehalten hatte und interessiert zu ihnen hinabblickte.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 09.11.2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 10 – Waghalsiger Einsatz

Ein lautes Knacken ging durch den Scherenpanzer. Bald würden die Würmer die Außenbordwand durchdringen und sie holen kommen. Tamara hoffte, dass sie schon vorher tot sein würde, zerquetscht vom Druck oder durch eintretende Wassermassen. 
Immer mehr dieser abartigen Bestien wuselten sich windend um sie herum, quetschten ihre Rüssel gierig an die Scheibe und gruben ihre Fangzähne in ihren Kampfanzug. Aber sie sah gar nicht mehr hin.
Gut, dass es hier unten fast schwarz wie die Nacht ist. Dann muss ich wenigstens nicht genau mit ansehen, was hier passiert. 
Tamaras anfängliche Panik war einer gewissen Akzeptanz gewichen, darüber, dass sie hier unten sterben würde. Vor ihrem inneren Auge reflektierte sie ihr Leben und kam zu dem Schluss, dass es durchaus gute Seiten gehabt hatte, neben all den Schlachten, die sie ausfechten musste. Sie dachte an all die Schlagabtäusche mit Archweyll, die Momente, in denen sie gemeinsam gelacht oder geweint hatten. An die haarsträubenden Abenteuer im Warp und an die Atharymn, die für sie zur Heimat geworden war. Das alles würde sie nun hinter sich lassen. Doch wer wusste schon, was der Tod brachte? Möglicherweise lag nur ein weiteres Abenteuer vor ihr. Ein Lächeln huschte über Tamaras Lippen, bei dem Gedanken daran. Das Bohren der Würmer rückte in den Hintergrund und sie war ganz bei sich. 
Hoffentlich hat es Archweyll geschafft. Er hat es verdient, weitermachen zu dürfen. Wenn es einer verdient hat, dann er. 
Auch wenn er ihr Boss war, so war der Kommandant doch stets viel mehr als das für sie gewesen. Er war wie ein Vater, bester Freund und… sie weigerte sich, den Gedanken fortzuführen. Doch dann musste sie von ganzem Herzen lachen. 
Knallkopf. Vor allem bist du ein Knallkopf, schmunzelte sie. 
Plötzlich blendete sie ein Licht.
Ist es schon soweit? Bin ich tot? 
Das Schwarz hinter ihren geschlossenen Augenliedern verwandelte sich allmählich in ein glühendes rot. Angestrengt blinzelte sie den Lichtern entgegen. 
»Das kann nicht sein.« Staunend betrachtete sie das Gefährt, dass ihr aus dem Höhleneingang, den die Würmer geschaffen hatten, entgegenstampfte. Seine Scheinwerfer waren ein Hoffnungsfunke, der die Finsternis durchtrennte wie einen seidenen Faden. 
Das war eindeutig ein Scherenpanzer, nur fehlte ihm ein Arm. Darin saß Archweyll, doch er sah irgendwie merkwürdig aus. Seine Pupillen waren riesige schwarze Löcher und aus seinem Mund tropfte Schaum. Außerdem schien er manisch zu lachen und sie gar nicht wirklich wahrzunehmen.
»Hier unten!«, schrie Tamara aus vollem Halse. 
Hat er wieder Drogen genommen? 
Mit wedelnden Armen versuchte sie die Aufmerksamkeit des Kommandanten zu gewinnen. 
Doch jeder Versuch blieb erfolglos. Ein Knacken, lauter als zuvor noch, kündigte an, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. 
Was macht er denn nur? 
Jetzt, wo der Lebenswille sie erneut gepackt hatte, merkte Tamara, dass sie panisch wurde. »ARCH!«, schrie sie aus vollem Halse. »AAARCH!«

 

                                                                     ***


Er schwebte auf einem Regenbogen. 
Das Spektrum sämtlicher Farben breitete sich vor ihm aus und er war ihr Meister. Sie formten sich nach seinem Willen und Archweyll musste pausenlos kichern, während er den nörgelnden Kopf von Clynnt Volker in eine lila Tomate verwandelte oder eine Armada aus Raumschiffen in die Weiten des Warp entsandte. Wolken aus blauem Nebel hüllten ihn ein und von irgendwoher rief etwas nach ihm. Es war mehr ein inneres Ziehen, eine Sehnsucht, die ihn erfüllte. Dann erschien in einiger Höhe eine Lichtkugel vor ihm, die einen trüben Schimmer von sich gab und Archweyll wusste, dass war die Quelle der Macht des Ozeans. Je näher sie ihm kam, desto stärker wurde das Pochen seines Herzens. Mit einem erwartungsvollen Lachen und offenen Armen hieß er sie willkommen. Eine weitere Lichtkugel kam auf ihn zugeschossen. Von ihr ging ein Summen aus, dass ihn zutiefst befriedigte. Bald würde er auch ein Lichtwesen sein. Der Kommandant kicherte, bei dem Gedanken daran. 



                                                               *** 


Mit Entsetzen musste Tamara feststellen, wie die ganze Felsformation um sie herum plötzlich zum Leben erwachte. Schlote öffneten sich pumpend, als würden sie atmen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie Bewegungen. Dort, wo einmal nackter Fels zu sein schien, befand sich nun grelles Fleisch und lange Fühler tasteten sich vorwärts. 
Zwei riesige Tentakeln schlichen sich an Archweyll heran, an ihrer Spitze befand sich ein trüber Lichtkörper. 
Vermutlich eine Falle. Die sind bestimmt zweihundert Meter lang. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. 
Die Würmer waren nur ein Vorgeschmack. 
Ein Knurren entwich ihrer Kehle. Dann versuchte sie wieder auf sich aufmerksam zu machen, doch der Kommandant schien in seiner eigenen Welt zu sein. 
»Hast du Lack gesoffen? Du musst verschwinden!«, schrie Tamara so laut, dass es in ihren eigenen Ohren schmerzte. 
Aber Archweyll sah den Lichtern wie ein Kleinkind entgegen, das auf seine Weihnachtsgeschenke wartete. 
Wenn sie nichts unternahm, würde Tamara mit ansehen müssen, wie dieses Wesen ihrem Kommandanten den Kopf abriss. 
Und danach bin ich dran. 
Eine Idee begann sich in ihren Kopf zu schleichen, aber die gefiel ihr ganz und gar nicht. 
Das ist mein Ende. So oder so. Dann kann ich wenigstens verhindern, dass es ihn auch erwischt.
Tamara ballte die Fäuste. Ihre Entscheidung war gefallen. 
Sie griff sich einen Schraubenschlüssel und eilte zur großen Frontscheibe. Selbst ein genetisch optimierter Superkörper wie ihrer, war nicht in der Lage, in solchen Tiefen zu überleben. Der Druck war zu enorm. Vielleicht blieben ihr wenige Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit und dann würde sie sterben. Aber das würde sie ohnehin. Zeit genug, um eine der Leuchtfeuerraketen zu aktivieren. 
Also gut. 
Tamara atmete tief durch. Dann öffnete sie manuell die Frontscheibe.



                                                                 ***



Archweyll lachte wie ein Kind. Maßloses Glück überkam ihn in Wogen der Wollust. »Nehmt mich auf, in eure Arme«, rief er sabbernd. 
Der Boden unter ihm geriet in Bewegung, senkte sich auf und ab, als würde er leben. 
Plötzlich zischte etwas auf ihn zu und explodierte in einem lauten Knall. Helles Licht erhellte den Meeresboden und er wurde rückwärts in seinen Sitz gepresst. 
Es war so, als wäre er damit auch rückwärts aus dem schönsten Traum seines Lebens gedrängt worden. Keuchend kam er zu Besinnung. Der Schreck saß tief in seinen Knochen.
Dem Farbenspektakel war ein dunkles Flimmern am Rande seiner Wahrnehmung gewichen und dröhnender Schmerz fraß sich durch sein Hirn wie Gewürm. 
Binnen einer Sekunde realisierte der Kommandant die Situation. 
Das Licht kam aus einem Sternenfeuertorpedo, den ein Scherenpanzer abgefeuert haben musste. Unter ihm fraß sich Getier durch den Boden, welcher sich auffällig bewegte. 
Die zwei trüben Lichter, die gerade noch auf ihn zugeschossen waren, schreckten zurück, angesichts der Helligkeit der Explosion. Was war hier los? 
Wo bin ich, was verdammt nochmal mache ich hier?
Die Erinnerung traf ihn wie ein Blitz. 
Das Gas! Verdammt! 
Und wer war hierfür verantwortlich? Kamen seine Retter, um ihn mitzunehmen?
Tamara? Nein! 
Maßlose Gräuel überkam den Kommandanten, als ihr lebloser Körper an ihm vorbeitrieb. Das durfte nicht passieren. Es wäre ein Verlust, den er nicht ertragen könnte. Mit einem gewaltigen Satz beförderte er den Scherenpanzer zu ihr.  
Ich bin zu spät. 
Er pustete sämtliche Luft aus den Lungen, damit sie nicht kollabierten. 
Dann öffnete er die Frontscheibe. Die Macht des Wasserdrucks überkam Archweyll wie ein Hammerschlag, sie drängte ihn zurück, trommelte wie Fäuste auf seinen Körper ein. 
Er spürte, wie Adern in ihm platzten und sein Herz aussetzte. 
Mit Anstrengung all seiner Willenskraft gelang es ihm, das Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Denn er musste durchhalten. Tamra war alles, was ihm hier unten geblieben war, und seine treuste Gefährtin. Wenn er jetzt versagte, dann war es für immer.
Mit einem Ruck zerrte er sie in seinen Anzug. Schmerz fraß sich durch seinen Körper und machte ihn langsam. Mit aller Mühe, die er aufbringen konnte, verschloss der Kommandant die Scheibe, aktivierte die Pumpe und den Notfall-Dekompressor. 
Die Maschine analysierte den Schaden in seinem Körper und stellte sich auf die richtigen Verhältnisse ein. Binnen Sekunden wurde das Wasser aus dem Anzug befördert. 
Röchelnd griff er nach Tamara, die angesichts der Raumverhältnisse eng an ihn geschmiegt lag. Sie war alles, was zählte. Er prüfte sie auf Herzschlag und Atmung.
Sie lebt. Wenn auch gerade noch. Ich muss vorsichtig sein, sonst platzt sie wie eine reife Frucht. Ich muss hier verschwinden. Irgendwie. 
Sein Sichtfeld verschwamm erneut und Archweyll stöhne auf. Er platzierte seine Freundin so, dass sie an seinen massigen Rücken gelehnt lag, ihr Kopf ruhte regungslos auf seiner Schulter und die Arme legten sich ohne ein Zeichen von Leben um ihn. Archweyll atmete tief ein und aus, der Schmerz erfüllte jede Faser seines Körpers.Er fühlte sich restlos ruiniert an. Seine Lunge rasselte und sein Herz klopfte in unglaublichen Arrhythmien. Blut tropfte aus sämtlichen Öffnungen seines Gesichts und erschrocken stellte Archweyll fest, dass er außer einem strengen Summen nichts mehr hören konnte. Für eine Sekunde setzte er aus, sackte in seinem Sessel zusammen und wollte einfach nur tot sein. Sämtliche Adern in seinem Körper verkrampften sich simultan zu seinen Muskeln und jede Bewegung erfolgte schwerfällig und unter Aufwand all seiner Kräfte. 
Für eine Sekunde schoss ein scharfer Gedanke durch seinen Kopf. 
Ich muss hier weg, bevor es mich holt! 
Er sah die Fühler auf sich zurasen, aber Archweylls Bewegungen waren zu träge. Die Erschütterung des Treffers rumorten durch seinen ganzen Körper und der Kommandant verkrampfte sich vor Schmerz, während sein Scherenpanzer fortgeschleudert wurde. Ein tonloser Schrei entwich seiner Kehle und ein penetrantes Summen nahm alles für sich ein. 
Es weiß nicht, dass ich einen Panzer habe. Es denkt, ich wäre Beute!, schoss es durch seinen Kopf. Dann tauchte sich sein Sichtfeld für einen Moment in ein eindringliches Rot. Kreischend versuchte er, die Konsolen zu betätigen, aber der Schmerz drohte ihn zu überwältigen. Aus dem Augenwinkel registrierte er Bewegungen, die aus dem Fels auf ihn zukamen. 
Das ist kein Fels. Das ist nacktes Fleisch. Verdammt soll dieser Planet sein!
Tausende Fühler, die aussahen wie längliche Würmer mit Saugrüsseln, schossen auf ihn zu. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und zwang sich zum Weitermachen. Wieder setzte er für einen Moment aus, sein Bewusstsein verabschiedete sich langsam von ihm. 
Der Dekompressor arbeitet nicht effektiv genug. Nicht in diesen Tiefen. 
Sein Blick wandte sich besorgt zu Tamara, die aussah wie eine Leiche, die von schwarzen Adern durchzogen war. Ihr Blick war starr und Blut floss in Strömen aus ihrer Nase.
Ich werde nicht zulassen, dass es sie holt. Wir sind kein Futter.
Langsam erhob er sich, wobei jeder Zentimeter mit unerträglichen Qualen verbunden war. 
Archweyll heulte auf vor Schmerz, sein Brüllen musste noch den hintersten Winkel des Planeten durchdringen. Doch das Summen unterdrückte alle Geräusche. 
Erneut schossen die Fühler auf ihn zu und im Schimmer seines Lichtstrahles glaubte Archweyll in der Ferne eine Ansammlung riesiger liedloser Augen zu erkennen, die ihn hungrig anstarrten. Er setzte zu einem selbstmörderischen Sprint an, aber seine Bewegungen erschienen ihm bleiern und schwer. Öffnungen vor ihm gaben weitere Fühler frei, die sich auf ihn stürzten. 
Der Kopf eines Wurm-Fühlers krachte gegen seine Fensterscheibe. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und vergrub seine Klinge tief im Rachen der Kreatur. 
Blut und Schädelteile bröckelten in Richtung der Wasseroberfläche. 
Was zur Hölle ist das für ein Lebewesen? Gehört das alles zusammen? 
Oder war das Ganze ein riesiges Ökosystem, dass symbiosierte? 
Er konnte die Frage nicht weiter verfolgen, denn weitere Fühler warfen sich auf ihn. 
Einer der Würmer griff nach seinem Bein und wickelte sich darum. 
Fast wäre Archweyll gestolpert. Mit Anstrengung all seiner Kräfte zerrte er sich frei und zerriss das Wesen dabei in seine Einzelteile.
Sein Messer wirbelte herum und spaltete den Kopf eines weiteren Angreifers. 
Weiter. Immer weiter. 
Nur der Schmerz antwortete ihm.
Über sich nahm er nun das vertraute Leuchten der augäpfeligen Pflanzen war. Sein Ziel schien so nah und doch so weit entfernt. Panisch drehte er sich um. 
Die riesigen Fühler waren in der Finsternis nicht auszumachen, doch nach wie vor schienen die Würmer zu versuchen, ihn zu packen. Archweyll unterdrückte einen Aufschrei. 
Sein Körper war eine Ruine und der Schmerz erfüllte jede noch funktionstüchtige Nervenfaser in seinem Körper. Ein Taubheitsgefühl überkam ihn und seine Wahrnehmung schien ihm Streiche zu spielen. Langsam näherte er sich dem Vorsprung.
Auf einmal krachte etwas gegen seine Frontscheibe. Ein Saugrüssel bedeckte das Fenster fast gänzlich. Rote Alarmleuchten signalisierten, dass der Scherenpanzer einen schweren Treffer kassiert hatte. Risse bildeten sich langsam auf der Scheibe. Der Druck hier unten würde sehr bald sein Werk vollrichten. 
Pumpend und schmatzend fuhr die Maulhöhle über die Scheibe, suchte nach einem Weg, um ins Innere zu gelangen. Panisch fuhr Archweyll herum. So einen großen Wurm hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Für eine Sekunde nahm sein Herzschlag alles für sich ein. Blut tropfte aus seiner Nase und klatschte auf die Anzeigen. 
Durchhalten. Durchhalten.
Der Wurm rang ihn nieder.
Archweylls Panzer ging in die Knie und war kurz vor einer gänzlichen Kapitulation. Schwarze Punkte tanzten vor seinem Auge einen Tanz des Todes. 
Plötzlich vernahm er Tamaras Stimme. Irritiert blickte er sich um, doch die Stoßtruppführerin war nach wie vor bewusstlos. Sie schien in seinem Kopf zu sprechen und verdrängte für den Bruchteil einer Sekunde das gequälte Summen, das seinen Schädel fast zum Platzen brachte. 
»Arch…«, flüsterte sie, dann verstummte die Stimme in seinem Kopf. 
Eine Einbildung, wurde ihm klar. Doch irgendwie gab ihm das Kraft. Die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten. Er war nicht alleine hier unten, Tamara hatte alles für ihn gegeben und wer wäre er, wenn er sie jetzt enttäuschen würde? Brüllend steuerte er seinen Greifarm in Richtung des grauseligen Saugnapfes und riss ihn einfach vom Körper. Heulend kam der Kommandant auf die Beine. Alles an ihm war dem Ende nahe. Schweiß und Blut vermengten sich zu einem Rinnsal des Schmerzes. Doch jetzt durfte er nicht aufgeben. Er setzte die letzten Schritte und erreichte den Hang. 
Hoffentlich ist das Gestein.
Stöhnend robbte er sich daran empor. Warum war auch der verdammte Antrieb defekt? 
Unter ihm nahmen die Fühler die Verfolgung auf. Auch jetzt war er nicht in Sicherheit. 
Sie strömten aus fast jeder erdenklichen Öffnung und schienen einfach nicht gewillt ihn aufzugeben. Er war so nahe. 
So nahe.
Mit den letzten verbliebenen Kräften erreichte er das Ende des Hanges. Archweyll zog sich auf die Beine und schleppte seinen Panzer zu den glühenden Leuchtkörpern. Er schwankte mehr, als das er lief und sein Blickfeld wurde in regelmäßigen Abständen gänzlich in Schwarz getaucht. Das Summen wurde schlimmer und schlimmer, wie tausende Hornissen brummte es in seinem Kopf. Er ließ seine Klinge auf den Stängel eine der Pflanzen sausen und trennte ihn durch. Wie er erwartet hatte, tauchte sie in Richtung Wasseroberfläche auf. 
Bingo.
Er sammelte immer mehr Pflanzen ein, bis er einen riesigen Haufen aus leuchtenden Augen um sich versammelt hatte. Langsam driftete sein Körper nach oben. 
Die Würmer, die unter ihm nach ihm geiferten, kassierten einen Mittelfinger und ein schmerzverzerrtes Grinsen. Jetzt musste der Zyklop ihn nur noch finden, dann wäre er in Sicherheit. Der Schmerz und die Überlastung forderte ihren Tribut. 
Archweyll übergab sich heftig und war nicht mehr in der Lage, sich dagegen zu wehren. Seine Augen fielen zu und er geriet in einen Dämmerzustand. Sein Bewusstsein verließ ihn. 
Das letzte, was er wahrnahm, waren zwei glühende Lichter, die sich auf ihn zubewegten. 
Verdammt, ich dachte es hätte aufgegeben?, war der letzte Gedanke, den er fassen konnte, bevor er regungslos zusammenbrach.

Gottes Hammer: Folkvang XVIII

Berith wartete.

Er stand in aufrechter Haltung vor dem gewaltigen Doppeltor, das als einziger Zugang zum unterirdischen See Sökkvar diente. Zwei Statuen aus schwarzem Stein, die wie groteske Abgötter dem Besucher eine Peitsche und einen Apfel entgegenhielten, flankierten es. Er selbst hatte sich ihnen nun in ihrer endlosen Wache angeschlossen.

Er wusste, lange würde die seine nicht dauern.

Die Ereignisse überschlugen sich und der Köder, den er für Azrael ausgelegt hatte, würde seine Wirkung nicht verfehlen. Berith wusste, wie der Kampf ausgehen würde. Er konnte gegen Azrael und Halgin nicht bestehen.

Aber jemand anderes konnte es.

Berith lächelte. Er hörte ein Geräusch in der Finsternis. Das Flattern von Flügeln. Sie waren hier.

Er hätte nicht gedacht, dass ein Dämon sich vor dem Tod derartig frei und ungebunden fühlen konnte. Vermutlich fiel die Verantwortung dafür dem jahrhundertelangen Zermürbungsprozess zu, der nur die Machtgierigen verschonte. Azrael würde auch tausend Jahre überdauern, ohne Todessehnsucht zu verspüren. Er hingegen hatte sein Schicksal erfüllt. Der Folkvangstag war gekommen. Gottes Hammer würde endlich fallen.

Es tut mir wirklich leid, dass ich Ashaya nicht einweihen konnte. Die lebhafte Heilige war ihm ans Herz gewachsen. Sie glaubte immer noch, er würde einfach Irodeus wiedererwecken wollen. Dabei ist im Leben nichts einfach. Eine Lektion, die alle hier erst noch lernen müssen.

In der Dunkelheit flammte rotes Licht auf und Berith schloss die Augen. Das Geräusch zweier Stiefel, die sich kräftig vom felsigen Untergrund abstießen, wurde zu seinem Requiem.

Jetzt liegt alles an dir …

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Azrael zog die blutüberströmte Klinge überrascht aus der schlaffen Leiche. Die Präsenz des toten Dämons erlosch. Berith musste sie gehört haben. Warum hatte er keine Gegenwehr geleistet?

Worauf wartest du, Angnaur?“ Halgins ruhige Stimme ertönte aus der gesichtslosen Schwärze.

Auf nichts.“ Azrael nahm Murakama und fokussierte seine Energie. Das Blut auf dem Stahl verdampfte, während Wellen dämonischer Macht hindurchfuhren. „Müsst Ihr mich so nennen?“

Das fragst du? Du hast mir eindrucksvoll demonstriert, was du von Ehre hältst!“ Azrael zuckte zusammen, als sich die Krallen des unscheinbaren Vogels in seine rechte Schulter bohrten. Halgin betrachtete ihn aus klugen Augen, während er sich niederließ. „Diesen Titel hast du dir verdient.“

Azrael verdrehte die Augen. „Lasst es uns hinter uns bringen“, murmelte er und sprach ein Wort der Macht. Die beiden grotesken Statuen rotierten langsam um ihre eigene Achse und zogen die schweren Torflügel dabei mit sich. Wachsam trat Azrael ein. Als er Irodeus‘ Geist herausgefordert hatte, war er bestens vorbereitet und in Begleitung von Malfegas und Velis gekommen. Nun wusste er nicht, was ihn erwartete.

Der Untergrundsee lag still und glatt da wie eine Glasfläche. Ein fernes Leuchten vom anderen Ufer empfing die beiden. Azrael schluckte. Halgin flatterte nervös mit den Flügeln.

Am Ufer stand eine kleine Gestalt. Als sie näherkamen, erkannte Azrael überrascht Iliana. Sie trug die neuwertige Kleidung eines Pagen der Tempelsöhne und blätterte in einem verstaubten Folianten. Azrael wusste sofort, um welches Buch es sich handelte.

Iliana!“, krächzte mit einem Mal Halgin. Azrael taumelte, als der König sich kräftig von seiner Schulter abstieß. „Iliana!“, rief er erneut. Er landete direkt vor ihr und blickte das Mädchen unverwandt an. Azrael näherte sich langsamer. Er hob Murakama vors Gesicht. Täuschte er sich oder glühten Ilianas Augen rot?

Iliana?“, fragte er leise.

Ein Knall ertönte, als Iliana das Buch zuschlug und sich ihnen zuwandte. Ein Lächeln breitete sich ungewohnterweise auf ihrem jungen Gesicht aus. Azrael konnte sich nicht erinnern, sie je lächeln gesehen zu haben. Als sie sprach, wusste Azrael, wen er vor sich hatte.

Der See Sökkvar“, murmelte Irodeus. „Seit Äonen ein heiliger Ort für jeden Dämon. Berith ermöglicht er, in fremde Träume einzudringen. Mir, in fremde Körper.“

Azrael hob drohend Murakama. „Du!“, schrie er wütend.

Welch ein Schauspiel!“, sprach Irodeus und seufzte theatralisch. „Endlich sind alle Kinder Arions wieder vereint! Nicht wahr, Majestät?“ Dabei betrachtete er Halgin, der entsetzt zurückwich.

Azrael fühlte sich wie von innen ausgehöhlt. „Was?“, flüsterte er.

Man entsinne sich einer Nacht vor fünfzig Jahren, als ein schrecklicher Krieg seinen Anfang nahm“, begann Irodeus. Ilianas Körper vollführte groteske Tanzbewegungen. „Ich erinnere mich an einen mutigen Bruder, der seine neugeborene Schwester einem Fremden übergab …“

Azrael schnappte nach Luft. Seine menschlichen Erinnerungen kehrten mit voller Wucht zurück und ließen ihn erbeben. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Der alte Fischer auf dem Boot, den er vor all den Jahren nach dem Fall Astavals aufsuchen hatte müssen, war der Dämonenkönig selbst gewesen!

Wie kann das sein?“, flüsterte er. „Ihr? Ihr habt mir meine Schwester … ?“

Ilianas Körper nickte grinsend. „Iliana war mein Preis, meine Sklavin und Vollstreckerin, bis dein närrischer Bruder kam und mich in sein Buch sperrte! Glücklicherweise brachte Berith sie schnell genug in Sicherheit. Sie kam zu Arinhild nach Raureif, wo der gute König der Navali natürlich schnell Gefallen an ihr fand. So ein unschuldiges, kleines Würmchen zu retten ist ein gefundenes Fressen für einen derartig ehrenhaften Vogel.“

Ein animalischer Laut löste sich aus Halgins Kehle. Azraels Gedanken vereinigten sich zu einem gewaltigen Wirbel. Er hatte seine Familie für vernichtet gehalten. Nun erfuhr er, dass sowohl sein Bruder als auch seine Schwester noch auf Erden weilten.

Wenn ich das Saskia erzählen könnte … Er würde nie den Blick aufrichtigen Mitleids vergessen, als er ihr vom Tod seiner Geschwister berichtete.

Irodeus lachte wie ein vergnügtes Mädchen. „Ist es nicht melodramatisch? Mein alter Freund Arion wollte sein Volk beschützen. Und was ist aus seinem Plan erwachsen? Sein ältester Sohn verbrennt wehrlose Frauen, sein Jüngster will die Welt beherrschen und seine Tochter ist die Dienerin des Königs von Hornheim! Und alle drei sind Dämonen!“ Ein weiteres Lachen erschütterte die gewaltige Höhle. Wut durchströmte Azraels Adern wie flüssiges Feuer. Er umklammerte Murakama fester. Nur wie sollte er gegen den Dämonenkönig kämpfen, ohne Iliana zu verletzen? Er sah Halgin nervös an. Der König der Navali wirkte ebenso unschlüssig.

Irodeus schien die Situation durchaus zu behagen. Ilianas Körper legte sich auf einen Felsen und ließ vergnügt die Beine baumeln. „Ich muss zugeben, vor meiner psychischen Gefangenschaft hätte ich nie vermutet, euch beide gemeinsam zu sehen. Teshin aus dem entvölkerten Herzogtum und Halgin, der ehrenhafte Vogelkönig … das grenzt an ein Wunder!“ Er breitete die Arme aus. „Ein Wunder, nur inszeniert für meine glorreiche Rückkehr!“

Halgin riss der Geduldsfaden. „Wie kommt es, dass du noch lebst, Irodeus?“, fragte er ungehalten. „Du bist gestorben!“

Irodeus lachte erneut. „Wenn du die traurigen Mordversuche von Arions Söhnen meinst …“

Das tue ich nicht.“ Halgin rührte keinen Muskel. „Ich spreche von damals, in Hrandamaer.“

Stille kehrte ein und die fröhliche Miene auf Ilianas Gesicht wich einer jähzornigen Maske. Azrael sah den vorangegangenen Dämonenkönig verwirrt an. „Halgin, was meint Ihr?“

Es war einmal ein König, der über ein wundervolles Reich herrschte. Aber weil er dem Schicksal trotzen wollte, wurde er zum Dämon und verfluchte sein Heimatland bis in alle Ewigkeit.“ Halgins Augen blitzten. „Nicht wahr, Androg?“

Kurz herrschte Stille. Als der Dämonenkönig erneut sprach, klang seine Stimme dunkel und bedrohlich. „Ja, Halgin. Ich habe mich damals mit letzter Kraft nach Hornheim geschleppt. Meine Götter haben mich zu Gunsten dieses neuen Gottes der Denomination verlassen und ich brauchte ein neues Reich … ein dämonisches, das meinem Geschmack entsprach.“ Er lachte und diesmal wohnte dem Laut nichts Kindliches mehr inne. „Aber das hielt mich nicht davon ab, meinen Machtbereich asuzuweiten.“ Ilianas rot leuchtende Augen wanderten zu Azrael. „Als mich dein Bruder versiegelte, habe ich mich getarnt in die Denomination geschlichen.“, fauchte der Dämon. „Ich war Erzbischof Drogan von Sankt Emerald.“ Ein breites Grinsen spaltete das kindliche Gesicht. „Menschen sind dermaßen vergesslich. Ich musste nur meinen ursprünglichen Namen verdrehen und schon wurde ich vom geächteten König aus den Legenden zum angesehenen Kleriker.“

Azrael hob Murakama. „Also habt Ihr von Anfang an die Fäden gezogen“, flüsterte er. „Ihr habt meinen Vater erst zur Dämonie gebracht, Ihr habt die Denomination manipuliert und den Krieg verursacht. Aber weshalb?“

Irodeus breitete die Arme aus, so als wollte er die gesamte Welt umfassen. „Die Antwort heißt Leid!“ Er lachte erneut und hob dann in gespieltem Ernst den Finger, wobei Grausamkeit Ilianas Augen verdunkelte. „Was würde einen Gott eher auszeichnen, als die Gabe, Leid nach Lust und Laune zu geben und zu nehmen? Meine Kerker waren stets mit Menschen gefüllt und ich habe es genossen, sie zu brechen. Jeder einzelne von ihnen war mein Jünger und ich ihr Gott. Wir lebten damals in einem Mikrokosmos, einer verkleinerten Version unserer wahren Welt. Was ihnen widerfuhr, lag in meinem Ermessen und in meinem Ermessen allein. Jegliche Hybris, jegliche Sünde wider mich, den Heiligsten aller Heiligen, habe ich mit aller Härte bestraft. Nach einem Tag verzweifelten sie, nach einer Woche verfielen sie dem Wahnsinn, nach einem Monat brüllten sie unter der Folter meinen Namen und nach deren zwei sprachen sie Gebete zu mir. Dasselbe wollte ich im Makrokosmos ebenfalls erreichen. Dein Vater ist der Rolle eines Sklaven nahegekommen. Welcher Mensch weiht seine Kinder denn auch einem unbekannten Dämon für die vage Hoffnung, sein Herzogtum zu retten? Ganz genau. Ein Held. Es gab damals viele Helden und ich habe sie alle für mich gewonnen und sie dazu gebracht, sich gegenseitig zu bekriegen. Ihr Wahnsinn war meine Freude, ihre Verluste waren meine Geschenke. Ich will den Menschen Leid und Krieg bringen, auf dass sie mir hörig werden!“ Ilianas Körper keuchte und Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn. Irodeus wischte ihn mit einer energischen Handbewegung fort, bevor er erneut zu sprechen begann. „Wie nennst du dich nun? Azrael? Dann hör mir zu. So hättest du dir die Menschen untertan machen sollen. Unter der Folter glaubt ein Mensch an alles, auch an einen Dämon. Aber du wolltest es anders machen. Es steckt zu viel von deinem Vater in dir, du elender Held!“

Azrael wich angeekelt zurück. Auch wenn seine Menschlichkeit unter der Last seines dämonischen Daseins schwand, erschien ihm Irodeus‘ Grausamkeit als unbegreiflich. Er selbst hatte auch Leid unter die Menschen gebracht, aber nie allein um des Leides willen. Mit einem Mal kamen ihm Zweifel. Konnte die Zeit einen Dämon zu einem solchen Ungeheuer reifen lassen?

Genug.“ Halgin klang kühl, als er sich vor Azrael stellte. „Drei Könige sind hier versammelt, wir stehen zwei gegen einen. Ich habe nicht die Äonen überdauert, um häretische Gespräche zu führen. Mein Interesse galt stets Hornheims Zerstörung und ich beabsichtige nicht, mein Vorhaben nun aufzugeben!“

Wie nett.“ Irodeus lächelte schmallippig. „Also gehe ich recht der Annahme, dass ihr zwei gegen mich kämpfen wollt?“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Erraten.“

Ilianas Körper zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, Iliana sei Euch mehr wert … aber wenn Ihr darauf besteht …“

Er hatte noch nicht geendet, als drei Lichtblitze die Luft erfüllten.

Azrael fühlte Halgins machtvollen Zauber, während er selbst mit übernatürlicher Geschwindigkeit auf Irodeus zuschoss. Er musste versuchen, Murakama in Ilianas Fleisch zu treiben und dem alten König so seine Magie zu entziehen.

Irodeus aber blieb nicht untätig. Eine elektrisierende Welle dämonischer Energie erfasste Azrael und warf ihn zurück. Kaum landete er mit erhobenem Schwert, folgte ein Feuerstrom. Azrael fokussierte seine magische Macht und umgab sich mit einem Schutzschild aus reiner Energie. Er fühlte, wie Halgin sich an seinen abgeschirmten Rücken duckte.

Als die Flammen zurückwichen, hielt Irodeus mit einem Mal ein Schwert in der Hand. Azrael erkannte es.

Überrascht?“, fragte Irodeus ironisch. „Das ist Abigors Schwert Velfaunir, das nur die ältesten Söhne von Hrandamaer führen dürfen. Eure heidnische Magie kann es nicht aufhalten!“

Obwohl sein klopfendes Herz ihm aus der Brust zu springen drohte, hob Azrael kühl Murakama. „Ihr seid nicht der einzige, der eine heilige Waffe sein Eigen nennt.“

Arions Megingjormar? Berith erzählte mir, du hast ihm einen neuen Namen gegeben. Wie blasphemisch.“

Anstatt mit einer Erwiderung beantwortete Azrael den Satz mit einem Überkopfhieb. Funken sprühten, als die Klingen aufeinandertrafen. Azrael schluckte. Gegen ein Kind zu fechten war ungewohnt.

Irodeus nutzte seine Position und reagierte mit einem schnellen Streich. Azrael parierte, aber der Hieb kam von zu weit unten und die ungewohnte Stellung brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Iliana stürzte blitzschnell vor und Velfaunirs Stahl fuhr durch die magische Barriere in Azraels Oberarm.

Irodeus stieß einen triumphierenden Schrei aus und Azrael brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Eilig befühlte er die blutende Wunde. Sie war nicht groß, aber tief. Der geweihte Stahl schien seine Adern berührt zu haben, denn Azrael taumelte mit einem Mal. Die Heiligkeit der Klinge küsste sein Blut und fuhr durch seinen Körper wie reinigendes Feuer. Es schien alles Dämonische aus ihm zu zwingen wollen.

Halgin deckte seinen Rückzug aus der Luft, aber Ilianas kleiner Körper tauchte unter dem magischen Angriff hinweg und attackierte Azrael erneut. Er parierte und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er gegen einen aus dem Boden ragenden Stein stieß. Im Nahkampf konnte er dem alten König nichts entgegensetzen. Er musste den Kampf auf magische Weise entscheiden.

Während er sich gegen eine weitere Angriffsserie stemmte, stieß Azrael ein verbotenes Wort der Macht hervor, das den Eingang zu seiner Hölle öffnete. Mit einem Mal befanden sie sich inmitten von Schwefeldampf und magmatischen Quellen. In der Ferne konnte er die Umrisse der von den Menschen gegründeten Stadt ausmachen. Azrael fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten. Dies war sein Reich. Hier war er der einzige König.

Einen Moment lang wirkte Irodeus tatsächlich verblüfft. Azrael erkannte seine Chance und stieß als unmenschlich schneller Schemen mit Murakama zu. Die schlanke Spitze des Schwerts verfehlte Irodeus‘ Schulter nur knapp. Der alte König brachte sich mit einer unmöglich weiten Hechtrolle in Sicherheit und entging mit einem lässigen Ausfallschritt Halgins Angriff. Er nutzte Velis‘ Zauber, um als kaum zu fassender Schemen auszuweichen.

Dennoch, er wirkte verunsichert. Azrael sah, wie Ilianas dünne Arme zitterten. Gleichgültig, über welche Kräfte Irodeus gebot, er bewohnte den Körper eines Kindes und führte einen Bidenhänder. Selbst erwachsene Männer würden ein solches Gewicht nicht lange ertragen.

Azrael hob Murakama und fokussierte sich. Velfaunirs Kuss forderte seinen Tribut, aber er hielt der Wirkung der heiligen Klinge stand. In einem Zermürbungskampf würde er die Oberhand gewinnen.

Zu einem ähnlichen Schluss schien auch Irodeus zu kommen. Mit einer verächtlichen Bewegung ließ er Velfaunir verschwinden und hielt plötzlich einen Mauritiusstab in der Hand.

Der Choral der sieben Könige“, flüsterte er. „So hat alles begonnen, nicht wahr?“

Ehe Azrael reagieren konnte, begann Ilianas Körper mit glockenheller Stimme zu singen. Heilige Magie sammelte sich um den zierlichen Körper. Azrael erinnerte sich. Dieselbe Kampftechnik hatte Velis in der Gestalt von Medardus gegen ihn und Saskia angewandt. Irodeus jedoch sammelte weitaus mehr Magie, bis ein Nexus aus Heiligkeit sich um ihn legte.

Azraels Barriere glühte auf, als Halgin auf seiner Schulter landete. „Wir müssen von hier weg!“, krächzte der König panisch. „Wenn dieser Angriff uns trifft, werden wir bei lebendigem Leib verbrannt!“

Azrael dachte an Abigors Ableben und erschauderte. Velis‘ Zauber in der verfluchten Kirche konnte kaum mit Irodeus‘ Nexus verglichen werden. Azrael ballte wütend die Hände zu Fäusten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Sie mussten fliehen.

Hastig hob er Murakama, um ein Portal zu öffnen. Er griff tief hinein in das Gebilde der Realität, doch ehe er es entwirren konnte, verschloss es sich ihm mit einem Mal. Entsetzt hielt Azrael inne und betrachtete seine Umgebung. Die Realität verzerrte sich um ihn herum. Irodeus erschuf eine abgegrenzte Welt innerhalb der Welt.

Er benutzt den selben Zauber wie ich damals!“, krächzte Halgin, während der Gesang anschwoll. „Los, kontere ihn, wie du meinen gekontert hast!“

Ich kann nicht!“, erwiderte Azrael hitzig. „Um ein Portal zu meiner Hölle zu öffnen, muss ich außerhalb dieser Hölle sein!“ Sie waren gefangen. Irodeus hatte sie vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Azrael fühlte, wie seine Kräfte ihn verließen. Dies war Irodeus‘ Sphäre. Hier besaß der alte König unbegrenzte Macht.

Azrael hörte, wie Halgin einen letzten Segen murmelte, als Irodeus den Choral beendete und seine Umgebung in heiliges Licht tauchte.

Korrekturen 24

24.Teil – Das Ende des Zeitvektors (3/3)

Um so überraschter waren sie, als Giwoon mit unbewegtem Gesicht eine versiegelte Folie aus seiner Tasche zog und sie Rowan Qorth überreichte.
»Ich hoffe, Sie sind nun zufrieden«, sagte er dabei.
Der Wächter brach das Siegel und studierte die Unterlage gründlich. Schließlich gab er den Weg frei, hielt sie aber dann noch einmal zurück.
»Einen Moment noch«, sagte er, »bitte leeren Sie alle ihre Taschen. Ich will genau wissen, was Sie bei sich haben.«
Er lächelte maskenhaft.
»Wir wollen ja nicht, dass Sie etwas bei sich haben, das die Sicherheit der Anlage beeinträchtigen könnte.«
Sie leerten alles vor seinen Augen aus. Auch das Gerät zur Vernichtung des Sonnenzapfers befand sich darunter. Rowan Qorth wühlte etwas in den Gerätschaften herum, bis er schließlich das kleine Gerät in seinen Händen hielt, welches diese ganze Anlage vernichten sollte.
Fancan hielt ihren Atem an und hoffte, dass Rowan Qorth es nicht bemerken würde.
»Was ist das für ein Gerät?«, fragte er Giwoon, »So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Giwoon blieb vollkommen ruhig.
»Das wundert mich nicht«, sagte er, »genau dieses Gerät ist der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Die Techniker im fünfundsiebzigsten Jahrhundert haben herausgefunden, dass Energieerzeuger auf Quarks-Basis entgegen gängiger Meinung doch gewisse Emissionen abstrahlen, die für den menschlichen Organismus auf Dauer schädlich sein können. Wir sind hier, um sicher zu stellen, dass ihre Sonnenzapfanlage genügend abgeschirmt ist und nicht die Erdbevölkerung schädigen kann.«
Der Wächter machte ein gequältes Gesicht.
»Sie meinen, der Aufenthalt in der Nähe dieser Anlage könnte für unsere Gesundheit schädlich sein?«, fragte er.
»Nicht nur für Sie oder uns«, erklärte Giwoon, als sei es die natürlichste Sache der Welt, »nein, es könnte sich auf die gesamte Menschheit auswirken, da Quarks-Strahlung durchaus sogar massiven Fels durchdringen kann. Es ist daher wichtig, sofort festzustellen, ob die Energieversorgung des Vektors nicht bereits von Beginn an auf ungefährliche Energien umgestellt werden muss.«
Der Wächter bemühte sich, die Übrigen nicht erkennen zu lassen, dass er ein ungutes Gefühl dabei hatte, sich vorzustellen, dass er bereits seit vielen Jahren einer möglicherweise schädlichen Strahlung ausgesetzt war. Giwoon spürte, dass er gewonnen hatte. Rowan Qorth war nun mehr als nur bereit, ihnen schnell Zugang zur Anlage zu gewähren. Er gab seinen Mitarbeitern ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen senkten.
»Wie lange dauert es, bis Sie brauchbare Ergebnisse haben werden?«, fragte er.
»Oh, das wird nicht lange dauern«, sagte Giwoon, »aber wir sollten keine weitere Zeit ungenutzt verstreichen lassen.«
Rowan Qorth deutete auf eine weitere Tür.
»Wenn Sie mich bitte begleiten würden«, sagte er, »hinter dieser Tür befindet sich unser Fuhrpark mit den Fahrzeugen, die wir hier in diesem Komplex benötigen.«
Sie schritten durch die Tür und sahen, dass sich dahinter eine Art Garage befand, in der verschiedene Fahrzeuge standen. Rowan Qorth wählte einen offenen Wagen mit dicken Ballonreifen, auf dem sechs Personen in zwei Reihen bequem Platz fanden.
»Khendrah, Fancan«, flüsterte Giwoon ihnen zu, »ihr müsst gleich diesen Wächter und vielleicht noch einen seiner Mitarbeiter ablenken.«
Fancan sah Giwoon skeptisch an.
»Wie sollen wir das bitte anstellen?«, fragte sie ebenso leise zurück.
»Lasst euch etwas einfallen. Habt ihr nicht bemerkt, wie sie euch hier alle anstarren? Ich bin sicher, dass sich nicht häufig Frauen in dieser Station aufhalten. Wenn sie dann auch noch zwei so hübsche Exemplare geboten bekommen, muss sie das doch fertigmachen. Ich bin sicher, dass ihr es schafft, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.«
Khendrah zuckte mit den Achseln und kletterte neben Rowan Qorth, der das Fahrzeug selbst steuern wollte. Sie richtete es so ein, dass sich ihre Schenkel berührten und der Wächter sich ihrer Nähe ständig bewusst wurde. Sie tat ganz unbefangen und fragte ständig nach irgendwelchen Dingen, an denen sie vorbeifuhren. Den dritten Sitz in der vorderen Sitzreihe hatte Thomas besetzt, der argwöhnisch beobachtete, wie seine Freundin mit dem Wächter flirtete.
In der hinteren Reihe saß Fancan neben Qorths Mitarbeiter, der seinen Blick nicht von Fancan nehmen konnte. So fiel den Männern nicht auf, dass Giwoon sich seine Umgebung sehr genau ansah, um den richtigen Standort für seine Bombe zu ermitteln.
Sie fuhren eine ganze Weile, wodurch klar wurde, dass der eigentliche Sonnenzapfer äußerst tief im Gebirge steckte. Immer wieder passierten sie kleine Stationen, in denen Männer einer rätselhaften Tätigkeit nachgingen. Allmählich wurde die Luft trockener und wärmer.
»Wir nähern uns jetzt dem Kernstück der Anlage«, erklärte Rowan Qorth, »Sie werden beeindruckt sein.«
Es folgten noch einige Gangbiegungen und man konnte schon ahnen, dass es an ihrem Ziel sehr hell sein würde. Trotzdem waren sie nicht auf das gefasst, was sie nun sahen: Sie betraten eine Halle von wahrhaft riesigen Ausmaßen. Die Decke der Höhle, die sich inmitten des Berges befinden musste, war so hoch, dass man sie nur erahnen konnte. Es war jedoch nicht die Deckenhöhe, welche die die Vier beeindruckte, sondern ein gigantisches Konstrukt im Zentrum der Halle. Es wirkte, als habe man eine kleine Sonne darin aufgehängt und ein Ring von Planeten würde sie auf einer Bahn umkreisen. Dabei war jeder dieser ‚Planeten‘ durch ein Energieband mit der zentralen Sonne verbunden, welches in ständiger Bewegung war, wie man es von einem elektrischen Lichtbogen her kannte.
Rowan Qorth gönnte seinen Besuchern einen Moment des Staunens, dann erklärte er:
»Was Sie hier sehen, wirkt wie eine Übertragung von elektrischer Energie, aber in Wahrheit ist das nur die optische Wirkung des Quarksflusses aus dem in dieser Höhle stabilisierten Wurmloches, welches direkt ins Zentrum unserer Sonne führt. Diese Satelliten, die sie dort sehen, sind die eigentlichen Kollektoren. Sie fangen die gesamte Energie auf und führen sie den Speichern zu, die unter dieser Halle installiert sind.«
»Wie kann denn von hier aus der Vektor mit dieser Energie versorgt werden?«, wollte Khendrah wissen, »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich innerhalb des Vektors jemals etwas davon mitbekommen habe, dass solche Energiemengen eingespeist werden.«
»Das soll ja auch niemand«, sagte Rowan Qorth, »das System soll einfach nur stabilisiert werden und ansonsten im Hintergrund arbeiten.«
»Was wäre, wenn es hier zu einer Störung käme?«, fragte Thomas.
»Um Gottes Willen!«, entfuhr es dem Wächter, »Das darf niemals geschehen! Es würde das Gefüge unwiederbringlich destabilisieren.«
»Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie hier niemals Reparaturen vornehmen müssen«, sagte Khendrah.
»Natürlich müssen wir Wartungsarbeiten vornehmen und dazu auch schon mal die Zapfanlage herunterfahren. Dafür sind die Speicher schließlich da. Sie können die Stabilität für eine kurze Zeit überbrücken.«
»Gut«, sagte Giwoon, »wäre es Ihnen Recht, wenn ich jetzt mit meiner Arbeit beginne?«
Er griff sein angebliches Prüfgerät und schaltete es ein. Der kleine Monitor erwachte zum Leben und zeigte Daten an, die einem nicht Eingeweihten jedoch nichts sagten.
Qorth deutete mit der Hand auf das Szenario vor ihnen und meinte:
»Tun Sie Ihre Arbeit. Es ist ja auch in unserem Interesse, dass wir keinen Schaden erleiden, dadurch, dass wir jahrelang hier arbeiten.«
Giwoon glitt von seinem Sitz herunter und lief ein paar Schritte auf die Energiekonstruktion zu. Fancan schloss sich ihm an, während Qorth vom Fahrzeug aus beobachtete, was Giwoon tat. Er wusste nicht, warum, aber er hatte bei der ganzen Sache kein gutes Gefühl.
Giwoon hielt das kleine Gerät immer wieder in verschiedene Richtungen und tippte dann auf einer winzigen Tastatur herum.
»Was tust du hier eigentlich?«, fragte Fancan ihn leise.
»Das Gerät benötigt diverse Steuerungsparameter dieser Anlage«, erklärte er, »dadurch, dass wir in der glücklichen Lage sind, bis zur Anlage selbst vordringen zu können, sind wir auch in der Lage, sie vollständig zu übernehmen, wenn das Gerät alle Parameter entschlüsseln kann. In wenigen Augenblicken ist es soweit, dann gilt es nur noch, es hier untrennbar zu installieren.«
»Wie soll das gehen?«, fragte Fancan, »Selbst wenn du es versteckst, werden sie es finden können. Und wir können sicher nicht hier warten, bis es zum Leben erwacht, oder?«
»Oh nein«, sagte Giwoon, »wenn es losgeht, sollten wir einen deutlichen Abstand zu diesem Berg hier haben. Aber warte ab, gleich ist es so weit.«
Das Gerät gab ein schwaches Signal von sich und der Monitor meldete Einsatzbereitschaft. Giwoon überlegte.
»Zwölf Stunden sollten reichen, um hier zu verschwinden«, murmelte er und und tippte ein paar Daten ein. Dann schaltete er das Gerät scharf.
»So, das war es«, sagte er, »mein Schatz, ab jetzt bleiben uns zwölf Stunden, um hier zu verschwinden. Der Vorgang ist nicht umkehrbar.«
Fancan bemerkte, dass ihre Hände schweißig wurden.
»Dann lass‘ uns auch hier verschwinden«, sagte sie, »ich muss gestehen, dass ich Angst bekomme, noch länger hier zu bleiben.«
»Bleib‘ ganz ruhig, Schatz«, mahnte Giwoon, »wir müssen uns nun ganz ruhig zurückziehen, sonst merken sie noch etwas.«
Giwoon nahm das Gerät in die Hand und legte es auf das Gehäuse einer Steuerkonsole der Sonnenzapfanlage. Fancan glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als das kleine Gerät offenbar ganz langsam durch das dicke Metall der Steuerkonsole glitt und darin verschwand. Sowie es komplett eingedrungen war, schloss sich die Oberfläche wieder, wie eine Wasseroberfläche, nachdem man einen Stein hineingeworfen hat. Das Ganze war so schnell gegangen, dass es außer Fancan niemand bemerkt hatte.
Sie kehrten zum Fahrzeug zurück und stiegen ein.
»Und?«, fragte Rowan Qorth auffordernd, »können Sie mir schon etwas sagen?«
»Es ist wie eigentlich vermutet«,antwortete Giwoon, »es existiert keine Strahlung, die Ihnen hier schaden könnte.«
Der Wächter war erleichtert.
»Darf ich Sie vielleicht jetzt, nach dieser guten Nachricht, noch zu einem Essen in unserer Kantine einladen?«
»Nehmen Sie es uns nicht übel«, sagte Fancan, »aber wir würden es vorziehen, gleich wieder zu starten. Wir haben leider noch weitere Aufgaben zu erledigen und die Arbeit kann leider nicht warten.«
»Das verstehe ich«, sagte Rowan Qorth, »ich werde Sie dann gleich wieder zu ihrem Fahrzeug bringen. Ein bemerkenswertes Fahrzeug, wie ich feststellen muss. Vielleicht können Sie es ja einrichten, dass wir hier auch mit solchen Fliegern ausgestattet werden. Es wäre manchmal schon nett, wenn wir in dieses Zeitalter hier reisen könnten. Leider ist uns dieser Weg versperrt.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte Giwoon.
Er musste sich krampfhaft zwingen, dem Wächter nicht bereits jetzt reinen Wein einzuschenken, doch das durfte er nicht, denn dann wäre der Wächter gezwungen, sie festzuhalten.
Der Rest der Fahrt verlief relativ schweigsam. Wieder am Slider angekommen, bestiegen die Vier gleich wieder das Fahrzeug. Allerdings bestand Rowan Qorth noch darauf, es sich von Giwoon eingehend erklären zu lassen. Thomas und Khendrah wurden allmählich nervös. Giwoon und Fancan hatten bisher keine Gelegenheit gehabt, sie darüber zu informieren, wie viel Zeit ihnen noch bleiben würde.
Endlich war es so weit und man verabschiedete sie. Das große Tor im Berg wurde geöffnet und der Slider glitt sanft aus der Schleuse hinaus in die kalte Bergwelt des Himalaja. Sie beobachteten, wie sich das schwere Tor hinter ihnen wieder schloss und die künstliche Öffnung wieder fast unsichtbar machte.
Ohne, dass es ihnen bewusst war, stießen sie alle erleichtert die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatten. Giwoon ließ den Slider noch vor dem Bergmassiv schweben.
»Jetzt wäre es wohl an der Zeit, der Besatzung der Station die Wahrheit über unseren Besuch mitzuteilen«, sagte er und öffnete einen Funkkanal zur Station.
Wenige Augenblicke später erschien das Gesicht von Rowan Qorth auf dem Monitor. Es zeigte eine sehr verständnislose Miene.
»Hören Sie gefälligst auf, auf diesem Band zu funken!«, herrschte er Giwoon an, »Man ist auch in dieser Zeit nicht dumm. Die Chinesen haben durchaus gute Ortungsanlagen und können ihren Sender anpeilen.«
»Ich fürchte, ich werde Ihnen noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten müssen«, sagte Giwoon ruhig, »weil es nämlich keine Rolle mehr spielen wird, ob die Chinesen dieses Zeitalters Ihren Standort erfahren, oder nicht.«
»Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Qorth, »ich denke, Sie müssen deutlicher werden.«
»Gut«, meinte Giwoon, »Sie müssen alle diese Station innerhalb der nächsten elf Stunden verlassen haben, da es sie danach nicht mehr geben wird.«
»Sie sind wohl komplett verrückt geworden!«, rief Qorth aus, »Was haben Sie getan, als Sie bei uns waren?«
»Ich habe einen speziellen Sprengsatz direkt im Zentrum der Anlage installiert«, erklärte Giwoon, »machen Sie sich nicht die Mühe, danach zu suchen. Es ist ein sehr spezielles Gerät, das zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Anlage verschmolzen ist. Es ist eine untrennbare Verbindung. In ca. elf Stunden wird mein kleines Gerät die Kontrolle über die Sonnenzapfanlage übernehmen und sie so übersteuern, dass es zum vollständigen Kollaps und damit zur Vernichtung der Anlage führen wird.«
»Sie sind wahnsinnig!«, stellte Qorth fest, »Es muss Ihnen doch klar sein, dass das zur Vernichtung des Vektors führen wird!«
»So ist es«, sagte Giwoon lapidar, »wir wollen den Vektor vernichten und die Welt von der Diktatur der Obersten Behörde befreien. Wir brauchen nicht mehr über Sinn oder Unsinn unserer Aktion diskutieren. Der Vorgang ist nicht umkehrbar. Sie sollten alle Ihre Sachen packen und Ihre Zeitaufzüge benutzen, um hier zu verschwinden, wenn Sie leben wollen.«
»Sie Irrer! Sie haben uns doch zum Tode verurteilt! Wenn der Vektor fällt, wird er auch uns verschlingen. Wo sollen wir denn noch hin?«
»Stellen Sie sich doch nicht dümmer, als Sie sind!«, sagte Giwoon genervt, »Sie alle haben doch irgendein Ursprungszeitalter, aus dem sie einmal in den Vektor gekommen sind. Reisen Sie zu diesen Zeiten oder irgendeiner Zeit Ihrer Wahl und treten Sie hinaus ins echte Leben. Sie werden Zeit genug dazu haben, denn der Vektor wird am frühesten Punkt seiner Existenz mit seiner Auflösung beginnen. Je weiter Sie in die Zukunft reisen müssen, umso länger haben Sie Zeit. Doch warten Sie nicht zu lange!«
Qorth schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ihr Verbrechen macht mich sprachlos«, sagte er tonlos, »es wird Ihnen allen den Kopf kosten.«
»Das glaube ich kaum«, sagte Khendrah und mischte sich in das Gespräch ein, »da es keine Instanz mehr geben wird, die uns anklagen könnte.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 02.11.2019

Gottes Hammer: Folkvang XVII

Ashaya!“, rief Azrael wütend. Sein Arm zitterte, als er herausfordernd Murakama hob. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Kurz herrschte Stille. Azrael wog seine Chancen ab. Er könnte Ashaya schlicht ignorieren und nach Hornheim zurückkehren. Doch Irodeus hatte ihm nun schon einmal bewiesen, dass er über seine Portale Macht besaß. Wenn er es erneut versuchte, könnte er vielleicht mitten im Meer landen.

Ein Angebot?“, fragte er gereizt.

Ashaya setzte sich lächelnd auf den Dachfirst und ließ ihre Beine baumeln. Die Symbole auf ihren Schultern glühten.

Es ist ganz einfach. Bleibt hier bei mir, während mein Herr und König zurückkehrt. Danach dürft Ihr ihm gern die Treue schwören – Ihr werdet in Ruhe gelassen und dürft tun, was auch immer Ihr wollt. Indem Ihr Euch unterwerft, werdet Ihr wahre Freiheit erlangen – genau wie ich.“

Malfegas schnaubte und sein Schwanz peitschte wild umher. „Du unterstützt diesen Spinner? Weißt du eigentlich, was er getan hat?“

Ashaya zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß nur, was er nicht getan hat. Zum Beispiel die Menschheit unterwerfen, um sie vor sich selbst zu beschützen.“ Sie kicherte erneut und die Symbole flackerten wie violette Leuchtfeuer. „Kommt schon, so schlimm ist das auch nicht. Azrael, Ihr dürft Euch gerne ein Königreich der Menschen aussuchen und als Usurpator herrschen. Das ist meinem Herrn einerlei. Er will nur den Thron Hornheims.“

Azrael warf Velis einen besorgten Blick zu. Die mädchenhafte Herzogin zitterte am ganzen Leib. Sie wirkte bleich wie ein Gespenst und schlang die Arme um ihren dürren Körper. Seimos legte stellte sich schützend vor sie und sah Azrael entschlossen an. Er verstand.

Auch wenn sie als Brüder gewisse Differenzen hatten, sie beide verfolgten zumindest ein gemeinsames Ziel. Sie wollten Velis vor ihrem Vater beschützen. Azrael wandte sich wieder Ashaya zu. Ihr herausforderndes Lächeln machte ihn rasend.

Was wird mit Velis geschehen?“, fragte Azrael laut.

Ashaya schob die Unterlippe vor. „Och, das ist eine gemeine Frage.“ Im nächsten Moment schlich sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und kurz funkelte Niedertracht in ihren großen Augen. „Sie ist des Königs Tochter. Also gehört sie dem König. So einfach ist das.“

Velis erbebte und schmiegte sich an Seimos. Dabei sah sie Azrael flehend an. Betroffen wandte er sich ab. Noch nie hatte er solches Entsetzen in den Augen eines Kindes erblickt.

Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich nach Hornheim zurückkehre und den König erneut töte?“, fragte er.

Ashaya kicherte. „Bitte, öffnet ein Portal! Wo werdet Ihr diesmal landen? In Hrandamaer? In den Ruinen von Astaval? Vielleicht in Folkvang?“ Sie lachte, doch nun hatte der Laut nichts Kindliches mehr. „Eure Bemühungen sind vergeblich. Ihr habt die Schlacht verloren, noch ehe sie begonnen hat.“

Azrael ballte die Hand zur Faust. Er kannte keinen Zauber, der Portale umleiten konnte. Berith hätte ihm mit seinem unfangreichen Wissen in dieser Situation gewiss dienlich sein können. Warum musste er ihn bloß zum Feind haben?

Azrael wagte einen letzten Versuch. „Wie wäre es mit einem Tausch?“

Ashaya legte den Kopf schief. „Ein Tausch?“

Azrael umklammerte Murakama fester. Er hasste es, sich erpressen zu lassen. „Was, wenn ich Berith das gäbe, was er sich wünscht? Wäre das genug, um mir seine Treue zu sichern?“

Ashaya lachte erneut. Tränen entflohen ihren Augen, während sie sich herzhaft auf die Schenkel klopfte.

Beriths größter Wunsch ist es, einen weisen und realistisch denkenden König zu haben!“, frohlockte sie. „Beides Eigenschaften, die Ihr offenbar nicht Euer Eigen nennt!“

Das war zuviel. Azrael knurrte und fühlte, wie seine magische Macht wuchs. Noch war er der König von Hornheim. Er würde sich nicht von einer falschen Heiligen Hrandamaers demütigen lassen.

Wie kannst du es wagen?“, brüllte Malfegas erregt, ehe Azrael handeln konnte. „Wenn du glaubst, dass ich mich Irodeus wieder unterwerfe, hast du dich gründlich getäuscht! Das kannst du ihm ausrichten, wenn ich dich in Einzelteile nach Hornheim zurückschicke!“

Der gewaltige Löwe stemmte sich auf seinen Hinterbeinen empor und beantwortete Ashayas Kichern mit einem wahren Inferno aus Feuer. Beriths Dienerin entkam knapp, aber im nächsten Augenblick erstarrte sie mitten in der Luft. Velis wirkte mit zitternden Händen und wütend zusammengekniffenen Augen ihren Gegenzauber.

Während Ashaya gen Erdboden fiel, stieß sich Azrael vom Boden ab. Seltsame Ruhe überkam ihn und er flüsterte ein Wort der Macht. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den durch die Luft gleitenden Körper zu, seine Umgebung verschwamm zu einem Wirbel aus Farben und Murakama glich einem rötlichen Kometen. Im nächsten Augenblick stach er zu wie mit einer Turnierlanze und Ashaya schrie auf.

Der Geruch von Blut hing in der Luft und die Dienerin wand sich am Boden. Azrael flüsterte ein weiteres Wort. Während die Klinge in Ashayas Fleisch steckte, entzog sie den Symbolen auf ihren Schultern die Magie. Im nächsten Augenblick lag die Jungfrau von Hrandamaer als gewöhnlicher Mensch vor ihm auf dem Boden, den rechten Arm mit Stahl auf den Boden genagelt.

Malfegas knurrte zufrieden. Azrael musterte sorgenvoll die Blutspur, die sein abgetrenntes Bein hinterließ. Normalerweise konnten Waffen einem Dämon keine ernstzunehmenden Verletzungen zufügen, aber Abigors heiliges Schwert bildete die Ausnahme.

Ergrimmt beugte sich Azrael zu Ashaya hinab. „Berith hat dich verraten. Er hat dich zum Sterben hierhergeschickt. Du und Abigor, ihr hattet von Anfang an keine Chance gegen uns.“

Zu seiner Überraschung lachte Ashaya laut auf.

Wir haben getan, was wir tun mussten. Und mich werdet ihr so schnell nicht fassen.“

Azrael setzte zu einer Erwiderung an, als ihm eine altbekannte Präsenz den Atem raubte. Sie fühlte sich an wie von einer anderen Welt und schien als kosmischer Arm nach Ashaya zu greifen. Ihr grinsendes Gesicht verschwand in einem Lichtblitz. Murakama traf auf Stein. Die fremde Macht hatte sie binnen eines Augenblicks der Realität entrissen.

Azrael erkannte sie. „Irodeus“, flüsterte er entsetzt.

Malfegas brüllte frustriert und spieh Flammen wie ein Berserker. Velis sank zu Boden, die bleichen Arme vors Gesicht geschlagen. Mendatius zog langsam sein Schwert und Seimos umklammerte den Mauritiusstab.

Wie kann er von Hornheim aus … ?“, stieß der falsche Inquisitor ungläubig hervor. Er führte den Satz nicht zu Ende.

Malfegas tobte weiter, bis er, vom Blutverlust geschwächt, vor Velis‘ Hrandar erschöpft zusammenbrach. Die Untoten wechselten unsichere Blicke, während ihre Herrin langsam begann, seine Wunden zu heilen. Rötliches Licht erhellte die Nacht.

Das war’s“, stöhnte Malfegas ermattet. „Hornheim ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Wir können nie und nimmer rechtzeitig zurück sein.“

Mendatius fluchte verhalten. Seimos strich gedankenverloren über seinen hölzernen Stab. „Wir brauchen einen Plan“, murmelte er. „Wir müssen einen Zufluchtsort finden und unsere Kräfte sammeln. Vielleicht kann ich in Sankt Emerald mit dem Erzbischof sprechen. Als Clavis eines Heeres werde ich ihn mit Sicherheit überzeugen …“

Azrael schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab, während er gedankenverloren Murakama betrachtete. Er fühlte die magische Macht, die er Ashaya entzogen hatte. Es gab eine Verbindung nach Hornheim. Eine Verbindung zu Irodeus. So gelang es ihr also, ohne Portal zu verschwinden.

Azrael seufzte. Es blieb ein Restrisiko, aber er musste es eingehen.

Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er schließlich.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Azrael strich langsam über sein Schwert. Die Klinge glomm rötlich.

Ashaya konnte einfach verschwinden, weil sie mit Irodeus verbunden ist. Er verleiht ihr die Kraft für diesen Zauber.“ Er hob das Schwert und sammelte seine Kräfte. „Ich habe ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen. Somit existiert nun zwischen Murakama und dem alten König ebenfalls eine Verbindung.“ Azrael betrachtete die Klinge einen Moment lang. Er hoffte inständig, dass seine Vermutung zutraf. „Ich glaube, ich kann diesen Zauber kopieren.“

Kurz herrschte Stille. Malfegas meldete sich als Erster zu Wort.

Willst du … ich meine, wollt Ihr etwa alleine zu Irodeus?“, rief er entsetzt und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei stolperte er und fiel erneut hin. Velis unterband weitere Versuche mit einem strengen Blick.

Für mehrere Personen reicht dieser Zauber nicht aus“, entgegnete Azrael. „Abgesehen davon weiß ich, wo ich weitere Verbündete finden kann.“

Seimos trat vor. Seine lodernden Augen glitzerten unheilsschwanger.

Das kann nicht dein Ernst sein. Irodeus ist zu mächtig.“

Ich habe ihn schon einmal besiegt, Bruder. Und mit Berith werde ich auch fertig.“ Azrael grinste ihn an. „Er mag ja in Sachen Magie ein Meister sein, aber das trifft nicht auf Ashaya zu. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie von Freiheit spricht, während sie ständig Magie anwendet, die ihr nicht einmal gehört.“

Er wandte sich ab und hob das Schwert. Die Energie des fremden Zaubers durchfloss seine Adern. „Wünscht mir Glück.“

Tut das nicht!“ Überrascht hielt Azrael inne. Malfegas sah ihn flehend an. Bestürzt sah Azrael Tränen in seinen rötlichen Augen.

Ich bitte Euch“, rief Malfegas. „Ohne Euch bin ich nur ein Tier. Bitte … kehrt lebend zurück. Liefert den Sängern keine weitere Tragödie, die sie grölen können!“

Dann doch noch eher eine Komödie“, entgegnete Azrael lächelnd und wirkte die fremdartige Magie.

Sorgenvolle Blicke musterten ihn, als der König von Hornheim verschwand.

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Heiße Luft empfing Azrael, als er dem Nichts entrann und sich materialisierte.

Unglaublich, es hat funktioniert. Und das sogar ohne Wort der Macht. Ich muss nach diesem Kampf unbedingt Nachforschungen anstellen.

Er befand sich in seiner Hölle, in der er Esben getötet hatte.

Er bereute die Tat. Er war nach ihrem Gespräch vollkommen sicher gewesen, dass der ehemalige Priester als Dämon zurückkehren würde. Aber scheinbar übertraf Esbens Frömmigkeit doch seine Verzweiflung.

Azrael ließ den Blick über seine Umgebung schweifen, um sich zu orientieren. Er entdeckte inmitten giftiger Dämpfe die kleine Höllenstadt. Ein Wort der Macht verkrümmte die von ihm geschaffene Realität und beförderte ihn sofort durch das Tor vor seinen Palast.

Die Menschen ließen sich nicht blicken. Der Hinrichtungsplatz lag verwaist inmitten der kleinen Gebäude. Eine neue Leiche lag dort, an ein Rad gefesselt. Ungoros, der Fleischklumpen, schwebte darüber.

Ungoros!“, rief Azrael. Er war erleichtert, den hässlichen Dämon wohlauf zu sehen. Scheinbar hatte Berith ihm nichts getan. „Was ist hier los? Wo sind die Menschen?“

Ungoros wandte sich langsam um. Obwohl er keine Miene besaß, die Azrael hätte deuten können, erkannte er die Trauer und die Verzweiflung des Dämons. Ungoros stieß einen kaum vernehmlichen Laut aus, der an ein Seufzen erinnerte.

Mein König.“ Die Stimme des Dichters klang merkwürdig dumpf. „Ihr seid zurückgekehrt.“

Alarmiert hielt Azrael inne und sammelte Energie. Hatte selbst Ungoros die Seiten gewechselt?

Es tut mir leid“, klagte Ungoros. Diesmal wob er keine poetischen Ergüsse in seine Worte mit ein. „Ich ertrage diese Menschen nicht mehr länger! Ich weiß, ich enttäusche Euch, ich werde Euch nicht gerecht, aber ich kann nicht der Engel der Verdammnis sein. Diese Hölle ist für mich eine größere Strafe als für ihre Insassen.“

Azrael blieb wachsam. „Also bist du nun für Irodeus als König?“

Ich weiß, er ist ein grässlicher Mann!“, rief Ungoros. „Aber unter seiner Herrschaft konnte ich tagein, tagaus dichten und tun, was mir beliebte. Es tut mir leid, Majestät, aber ich bin nicht der Richtige für die Rettung der Welt. Die Menschen sind mir ein Gräuel! Sie haben mich einst verkannt, gemartert und hingerichtet. Als Dämon bin ich glücklicher denn als Mensch.“

Bestürzung überkam Azrael. „Dann ist dir das viele Leid in der Welt gleichgültig? Ich habe das alles getan, um Menschen, die wie du sind, ein ähnliches Schicksal zu ersparen!“

Die Menschheit wird sich nie ändern“, erwiderte Ungoros. „Sie wird immer Brutalität mehr als Kultur schätzen. Wie viele Gelehrte gibt es und wie viele Soldaten? Nein, ich will mich als Dämon zurückziehen und alle empfangen, die ebenfalls von den Menschen verschmäht wurden!“

Azrael hob ruhig sein Schwert. Die Worte schmerzten ihn mehr, als er zuzugeben bereit war. „Ich verstehe. Ungoros, es steht dir frei zu gehen. Aber wenn du mich an meinem Vorhaben hinderst, muss ich dich töten.“

Kurz schien Ungoros tatsächlich einen Kampf in Erwägung zu ziehen. Doch im nächsten Moment wandte er sich mit einem weiteren Seufzen ab.

Ich hoffe, Ihr werdet Euren Frieden finden, Majestät“, sagte er leise, bevor er ein Portal öffnete und die Hölle verließ.

Der Verlust von Ungoros betrübte Azrael, aber zum Trauern blieb ihm keine Zeit. Irodeus musste seine Ankunft bereits gespürt haben. Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch unterstützen konnte.

Ein weiteres Wort der Macht beförderte Azrael in seinen kirchenähnlichen Palast, ein weiteres in dessen Gruft. Er hatte sie nach seinem Sieg über Irodeus anlegen lassen, als Gefängnis für künftige Feinde. Sie bestand aus Nachtkammern, dunkle Gräber, die ihre Insassen in finsteren Schlaf versetzten. In den steinernen Wänden zeigten düstere Portale den Eingang in immerwährende Träume.

Azrael wagte sich tief in die steinernen Räume vor. Allein das rötliche Licht seiner Augen erhellte die Umgebung spärlich.

Die Dunkelheit erinnerte ihn an das furchtbare Ende seiner Kindheit, an die eine Nacht, die ihn für immer veränderte. Er hatte alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seimos nach all den Jahren wiederzubegegnen glich einem Spottgesang des Schicksals. Sein älterer Bruder hatte sich ebenfalls verändert. Sie beide verfolgten edle Ziele und sie beide opferten Menschenleben für die Verwirklichung ihrer Träume.

Sie kamen eben nach ihrem Vater.

Hatte Arion von Astaval nicht immer gesagt, der Wert eines Ritters bestünde in seiner Fähigkeit, sein Wohl dem der Gruppe unterzuordnen? Dies war seine Lebenseinstellung und er erwartete sie genauso von jeder anderen Person. Wie sonst konnte Azrael erklären, dass sein Vater ihn, sein eigenes Kind, zum Dämon gemacht hatte, um sein Herzogtum vor der Pest zu bewahren?

Ohne diesen Entschluss wäre er Teshin geblieben und Irodeus nie begegnet. Er wüsste nichts von Dämonen und von Hornheim. Vermutlich hätte er sich als Greis zur Ruhe gesetzt und würde nun seinen Lebensabend friedlich in Astavals Überresten verbringen. Wahrscheinlich wäre er nie zum Söldner geworden.

Der Gedanke rief ihm Saskias Gesicht in Erinnerung. Saskia … wieso nur hatte er sie getötet, in der Hoffnung, dass sie als Dämon zurückkehren würde? Er unterschied sich kaum von seinem Vater. Nein, er war sogar noch schlimmer. Arion handelte, um sein Herzogtum zu beschützen. Azrael handelte, um die Menschheit gegen ihren Willen zu versklaven. Behielt Ungoros nicht recht? War es wirklich klug, die Menschen ihrer Natur zu berauben?

Er war nun vor der tiefsten Nachtkammer angelangt. Mächtige Runen umgaben ihr schwarzes Doppeltor, auf dem eine grauenerregende Fratze Wache hielt. Langsam hob Azrael eine Hand und fokussierte seine magische Macht. Das Siegel zu erschaffen hatte viel Kraft gekostet. Es zu entfernen forderte sogar noch mehr Energie.

Ein Nexus aus Macht legte sich um ihn, Blitze zuckten und er hob Murakama. Die heilige Magie des Schwertes paarte sich mit seiner dämonischen Macht wie mit einem verloren geglaubten Bruder. Azrael vernahm ein Brüllen, das er als sein eigenes identifizierte. Im nächsten Augenblick erklang ein lautes Knacken, so als ob Stein zerbräche, und das Tor schwang auf. Schwarzer Nebel füllte den Gang. Azrael rümpfte die Nase. Als Dämon besaß er eine gewisse Immunität gegen dessen einschläfernde Wirkung, aber er nahm dennoch den stechenden Geruch wahr.

Eine kleine Gestalt regte sich in der Nachtkammer. Azrael räusperte sich. Wie sollte er sich bloß erklären?

Er wollte ihm würdevoll als König gegenübertreten, aber die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Azrael sank auf die Knie, die Hände in den Staub gepresst.

Ich brauche deine Hilfe“, sagte er schließlich.

Das überrascht mich nicht.“ Zu Azraels Überraschung klang die Stimme eher traurig als wütend. „Aber glaube nicht, dass ich deinen Thron verteidige. Ich habe die Zerstörung Hornheims noch nicht aufgegeben. Mein Feind ist Irodeus.“

Azrael neigte leicht den Kopf, als sein alter Verbündeter mit den Flügeln schlug.

Ich danke dir, Halgin.“

Korrekturen 23

23.Teil – Das Ende des Zeitvektors (2/3)

»Du meinst Radar«, sagte Thomas, »wenn sie uns auf ihren Radarschirmen gesehen haben, kann es hier bald von Flugzeugen wimmeln, die nach dem Rechten sehen wollen.«
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Giwoon.
»Nein, aber ich stamme aus einer Zeit – nicht weit von hier. Du erinnerst dich?«
»Jetzt geht nicht gleich aufeinander los!«, mahnte Khendrah.
»Das sagst du so«, meinte Thomas, »er lässt mich dauernd spüren, dass ich in seinen Augen so eine Art Saurier bin.«
Giwoon hatte diesen kleinen Dialog mitbekommen, während er den Antrieb des Sliders aktivierte.
»Tut mir Leid, Thomas«, sagte er, »ich meine das nicht so. Es ist ganz einfach so, dass für mich viele Dinge einfach normal sind, die für dich noch unvorstellbar sind. Denk‘ einfach ‚mal darüber nach. Auch ich muss noch eine Menge lernen.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thomas, schon wieder etwas versöhnt.
Der Slider setzte sich in Bewegung. Erst ganz langsam erhob er sich zwischen den Baumkronen des Urwaldes, in den sie gestürzt waren. Auf den Monitoren sahen sie, dass dieser Wald so weit reichte, dass sie sein Ende nicht sehen konnten. Giwoon hatte den Kurs eingegeben und sie setzten sich nun auch horizontal in Bewegung. Giwoon hatte einen kontinuierlichen Steigflug programmiert, der Rücksicht auf eventuelle fremde Flugkörper nehmen sollte, von denen es in dieser Zeit bereits eine Menge geben sollte.
Eine ganze Weile lang flogen sie weitgehend unbemerkt, was sich änderte, als sie den indischen Subkontinent überflogen. Der Steuercomputer des Sliders meldete das Auftreffen von Impulsen auf seiner Oberfläche. Nur wenig später empfingen sie Funkimpulse.
»Man versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen«, sagte Giwoon, »ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eingehen soll. Vielleicht ist es besser, einfach weiter zu fliegen.«
»Wenn sie dann ‚mal nicht auf uns schießen«, sagte Thomas skeptisch, »aber wahrscheinlich wirst du mir gleich von irgendwelchen geheimnisvollen Abwehrfeldern erzählen, die uns schützen, oder?«
Giwoon machte ein fragendes Gesicht.
»Was für Abwehrfelder?«, wollte er wissen, »Wir haben keine Abwehrfelder. Wozu auch? Wieso sollten sie überhaupt auf uns schießen?«
Thomas lachte sarkastisch.
»Du hast von der politischen Landschaft dieses Zeitalters wirklich keine Ahnung, was? Die ganze Erde ist in zahllose Einzelstaaten aufgeteilt, die alle ihre Territorien mit allen Mitteln schützen. Wenn wir einfach weiterfliegen ohne auf ihre Funkanfrage einzugehen, kann es sein, dass sie uns als Feinde einstufen und Raketen auf uns abfeuern oder uns Kampfjets schicken.«
»Kampfjets?«, fragte Giwoon, »Flugmaschinen, wie unsere?«
»Nicht ganz«, erklärte Thomas, »Kampfjets fliegen mit Düsenantrieb – sie komprimieren die Luft in den Triebwerken und stoßen sie nach hinten aus. Sie sind richtig schnell damit. Verdammt schnell sogar. Wichtiger aber ist, dass diese Dinger bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn du keinen geheimnisvollen Schutz bieten kannst, sollten wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Giwoon ließ den Slider unbeeindruckt weiterfliegen. Die Fernbeobachtung zeigte, dass sie dicht besiedeltes Gebiet überflogen. Ganz allmählich näherten sie sich der chinesischen Grenze und damit ihrem Zielgebiet. Indien hatte ihnen noch einige Funkbotschaften übermittelt, doch sie ansonsten unbehelligt weiter fliegen lassen. China war da schon etwas anderes. Die Stationen an der Grenze hatten schon seit einiger Zeit den Funkverkehr der indischen Stationen abgehört und sicherheitshalber eine Staffel Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen starten lassen.
Kaum, dass sie die Grenze zu China überflogen hatten, hefteten sich die chinesischen Jäger an ihre Fersen und flankierten ihren Flug. Auch sie forderten sie energisch auf, einen nahe liegenden Flughafen anzusteuern, da sie sonst gezwungen seien, auf den Slider zu schießen.
»Giwoon, wach‘ auf!«, rief Thomas, »Du kannst diese Flugzeuge dort draußen nicht ignorieren. Wenn es stimmt, dass wir keinen vernünftigen Schutz haben, werden sie uns vom Himmel pusten, wenn wir ihren Forderungen nicht Folge leisten.«
Giwoon machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Wir haben zwar keine Abwehrmechanismen«, sagte er, »aber der Slider verfügt über hervorragende Flugeigenschaften. Wenn sie auf uns schießen, wird unser Computer den Schüssen ausweichen. Da unser Antrieb auch keine Wärme abstrahlt, sind die Hitzeortungssensoren ihrer Raketen nutzlos. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, mit so schnell fliegenden Gegnern konfrontiert zu werden. Ich werde sie wohl abhängen müssen, bevor wir unser endgültiges Ziel ansteuern.«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Schnallt euch an!«, befahl Giwoon, »Es wird jetzt etwas unruhig.«
Er hatte nicht zu viel versprochen. Giwoon ließ den Slider immer wieder ruckartig die Richtung wechseln und steigerte dabei kontinuierlich die Geschwindigkeit. Ihre Verfolger bemühten sich redlich, ihnen zu folgen und begannen schließlich, sie mit ihren Raketen zu beschießen. Die automatische Steuerung des Sliders griff ein und sorgte dafür, dass sämtliche Raketen ihr Ziel verfehlten. Bereits nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Die Kampfflugzeuge hatten alle Waffen abgefeuert und waren nicht mehr in der Lage, der hohen Geschwindigkeit des Sliders zu folgen.
»Ich würde dir raten, ganz niedrig zu fliegen«, sagte Thomas, »Radar funktioniert nicht in niedriger Höhe. Wir könnten das Radar unterfliegen.«
Fancan deutete auf das Massiv des Himalaja, welches bereits den gesamten Monitor ausfüllte.
»Wie willst du in diesem Gelände niedrig fliegen?«, fragte sie.
»Oh, er hat durchaus recht«, meldete sich Giwoon zu Wort, »die automatische Steuerung könnte damit fertig werden, »Thomas, wie tief müssen wir den hinunter, um vor weiterer Ortung sicher zu sein?«
»Wenn ich mich recht erinnere, dürfen wir nicht höher als dreihundert Meter über dem Boden fliegen«, sagte er, »sonst können sie uns orten.«
»Das dürfte kein Problem für uns werden«, sagte Giwoon, »der einzige Nachteil dürfte sein, dass es dann bis zum Ziel ein unruhiger Flug sein dürfte.«
»Rede nicht lange herum und sorge dafür, dass wir unentdeckt bleiben!«, sagte Khendrah genervt, »Ich will, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen und hier verschwinden.«
»Das werden wir, Khendra«, antwortete Giwoon, »das werden wir.«
Giwoon ließ den Slider nun vollkommen von der Automatik steuern. Kein menschliches Wesen hätte so schnell reagieren können, wie es ein Computer konnte. Der Slider hielt stur eine Höhe von zweihundert Metern und raste durch die Täler des Himalaja auf das Ziel zu, welches ihr kleines Ortungsgerät anzeigte.
Nach einiger Zeit näherten sie sich ihrem Ziel. Von den Verfolgern fehlte inzwischen jede Spur.
»Mein Gott, sieh sich einer dieses Durcheinander von Gebirgen an!«, rief Fancan, »Wie sollen wir denn hier unser Ziel finden? Wir müssen doch möglichst dicht an die Sonnenzapfanlage heran.«
»Eigentlich finde ich diesen Standort hier in dieser Gegend gar nicht schlecht«, meinte Giwoon, »dann können wir mit der Vernichtung der Anlage auch niemandem schaden.«
»Haben wir denn schon eine genaue Position dieser Anlage?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon deutete auf die Steuerkugel, auf der man die ganze Zeit über sehen konnte, wo sie sich befanden. Ein blinkender Punkt kennzeichnete die Stelle, wo sie ihr Gerät deponieren mussten.
»Dort muss es sein«, sagte er und versuchte die Bezeichnung zu lesen, die neben dem Ziel angezeigt wurde, »der Berg heißt Kongur Tagh und das Gebirge Kun Lun. Wir müssen nun nach optischen Hinweisen suchen. So eine Sonnenzapfanlage kann nicht klein sein. Immerhin versorgt sie den Vektor bis viele Jahrtausende in die Zukunft.«
»Sollte man nicht irgendetwas in der Atmosphäre sehen können, wenn solche gewaltigen Energien von der Sonne gezapft werden?«, fragte Thomas uns sah konzentriert auf die Monitore.
»Nein, man kann Quarkströme optisch nicht sehen«, erklärte Giwoon, »was ich meine, ist eine auffällige Erscheinung im massiven Fels. Eine Art Tor oder etwas in der Art. Ich bin sicher, dass sie es direkt in den Berg gebaut haben.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Ortungsgerät behauptete, dass ihr Ziel direkt vor ihnen wäre, doch sie konnten nichts entdecken. Der Zugang zur gesuchten Anlage war offenbar gut getarnt. Immer wieder flogen sie um den Berg herum und scannten seine Oberfläche. Selbst die empfindlichen Instrumente des Sliders waren nicht in der Lage, unerklärliche Auffälligkeiten festzustellen. Als sie bereits für diesen Tag aufgeben wollten, sprach plötzlich ihr Funkgerät an.
»Die Chinesen!«, entfuhr es Thomas.
»Nein, das können nicht die Chinesen sein«, meinte Giwoon, »das ist eine Nachricht auf einer der Frequenzen des Vektors. Niemand auf der Erde funkt in diesem Band.«
»Hier spricht der oberste Wächter der Energiebasis, Rowan Qorth«, drang es aus dem Lautsprecher. Im nächsten Moment baute sich auch ein Bild des Sprechers auf dem Monitor auf.
»Wir haben festgestellt, dass es sich bei Ihrem Flieger nicht um einen der üblichen Patrouillenflieger des chinesischen Staatsgebietes handelt. Bitte identifizieren Sie sich.«
»Hier spricht Chefinspektor Giwoon. Ich bin von der obersten Behörde ermächtigt, Ihre Station zu inspizieren«, sagte Giwoon, »bitte öffnen Sie einen Zugang, der es unserem Fahrzeug ermöglicht, hineinzufliegen. Wir wurden von Einheiten der Chinesen verfolgt, konnten sie aber abhängen. Mit jeder Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder entdeckt werden.«
Khendrah schlug sich eine Hand vor den Mund. Giwoons Dreistigkeit verschlug ihr die Sprache.
»Negativ«, sagte Rowan Qorth, der oberste Wächter, »es hat in der Geschichte der Energiebasis noch niemals den Fall gegeben, dass die oberste Behörde eine Inspektion durchführen ließ. Ich werde Sie nicht einlassen.«
»Was soll dieser Quatsch!«, fuhr Giwoon ihn an, »Was glauben Sie denn, wer wir sonst wären? Chinesen dieser Zeit? Machen Sie sich nicht lächerlich! Woher sollte ich sonst den Standort Ihrer Station kennen, wenn nicht die oberste Behörde mir den Auftrag persönlich gegeben hätte? Öffnen Sie endlich die Station, damit ich hier aus dem Luftraum verschwinden kann.«
»Ich weiß nicht Recht«, sagte der Wächter, »warum kommen Sie nicht über den Zeitaufzug, an den wir angeschlossen sind?«
»Zeitaufzug?«, fragte Giwoon, »Jetzt sagen Sie nicht, sie hätten einen direkten Anschluss an den Vektor! Ich werde mich nach meiner Rückkehr in den Vektor darüber beschweren, dass man mir diesen beschwerlichen Weg zugemutet hat und wenn Sie nicht langsam ein Schleusenschott öffnen und riskieren, dass wir hier draußen noch entdeckt werden, werde ich auch gleich eine Beschwerde über Sie hinzufügen!«
Die Dreistigkeit Giwoons hatte schließlich Erfolg. Der Wächter hatte kein Verlangen danach, seine Position in dieser Anlage zu verlieren, weil ein Inspektor der obersten Behörde sich über ihn beschwerte. Schweren Herzens betätigte er den Mechanismus, der mitten in der Felswand des Gebirges eine Öffnung entstehen ließ.
»In Ordnung«, sagte er, »ich werde Sie einlassen. Landen Sie Ihr Fahrzeug bitte auf einer der markierten Flächen.«
Er schaltete ab und im gleichen Moment begannen die schweren Flügel des Schleusenschotts, auseinander zu fahren. Es wirkte, als würde der Berg einen Mund öffnen, um sie zu verschlingen.
»Das sieht nicht sehr einladend aus«, meinte Khendrah, »sie haben noch nicht einmal eine Beleuchtung eingeschaltet.«
»Wie auch immer«, meinte Giwoon, »wir müssen dort hinein und unser Paket abliefern.«
»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder weg«, sagte Fancan nachdenklich, »wenn dieser Wächter direkt Kontakt zur obersten Behörde aufnimmt, wird er erfahren, dass wir nicht das sind, was wir zu sein vorgeben.«
»Das müssen wir riskieren«, sagte Giwoon, »notfalls werde ich das Gerät gleich hier in der Schleusenkammer verstecken.«
»Ich bin ja nur ein dummer Mensch aus der Frühzeit der Geschichte«, wandte Thomas ein, »aber hieß es nicht, dass wir bis auf mindestens hundert Meter an das Zielobjekt heran müssen? Was, wenn die eigentliche Anlage noch tief im Berg verborgen ist? Dann wäre alles umsonst gewesen.«
»Du hast recht«, stimmte Giwoon zu, »wir müssen Wohl oder Übel erst in die Anlage hinein.«
Er steuerte den Slider in die Schleuse hinein, die sich augenblicklich hinter ihnen wieder schloss. Sie erkannten nun, dass der Hangar nicht vollständig dunkel war, sondern, dass einige trübe Lampen an der Decke etwas Licht abgaben. Giwoon setzte das Fahrzeug sanft auf einer blinkenden Fläche auf dem Boden auf. Das Außenschott des Fahrzeugs öffnete sich und ließ eiskalte Luft ins Innere strömen. Giwoon ärgerte sich, keine wärmende Kleidung mitgenommen zu haben. Er machte eine Geste mit der Hand in Richtung Tür.
»Auch wenn es draußen kalt ist«, sagte er, »wir müssen dort hinaus. Ich hoffe jedoch, dass es innerhalb der Station wieder angenehmer sein wird.«
Sie hatten kaum den Slider verlassen, da erschien bereits der Wächter Rowan Qorth mit einigen weiteren Wachen. Sie waren bewaffnet und hielten ihre Waffen auf sie gerichtet.
»Was soll das?«, herrschte Giwoon Rowan Qorth an. Er fühlte sich zwar nicht danach, doch musste er die einmal angenommene Rolle glaubwürdig weiterspielen.
Rowan Qorth blieb vor ihnen stehen. Dieser Mann war ein wahrer Riese. Er überragte Giwoon fast um Haupteslänge.
»Ich beuge mich dem Urteil der obersten Behörde, wenn sie eine Inspektion anordnet«, sagte er, »doch werde ich Niemanden in die Anlage führen, den ich nicht vorher überprüft habe. Dürfte ich bitte den Inspektionsbefehl sehen?«
Khendrah und Fancan sahen sich kurz an. Beide hatten unwillkürlich den Atem angehalten. Inspektionsbefehl? Einen solchen Befehl hatten sie natürlich nicht.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 19.10.2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

Gottes Hammer: Folkvang XVI

Velis erstarrte. Eine längst vergessene Präsenz erhob sich.

Vater.

Ihre zitternden Finger wanderten zu dem Sklavenmacher um ihren Hals. Nie würde sie den Schmerz vergessen, aus dem ihr Leben in jenen Tagen bestanden hatte.

Die meisten Menschen hinterfragten die Möglichkeit, im strahlenden Sonnenschein einen Spaziergang zu unternehmen, kaum. Doch für Velis würde dies immer eine Besonderheit bleiben. Ihr Blick streifte Seimos, der seinen Bruder ernst musterte. Ihr erster Spaziergang mit ihm hatte sich wie der Beginn eines neuen Lebens voller Schönheit angefühlt.

Doch nun würde er ihr wieder alles nehmen. Sie wusste es. Gegen ihren Vater konnte sie noch nie bestehen. Er würde siegen und sie erneut an seinen Thron ketten, während die Schreie seiner zahlreichen Sklaven ihre Ohren erfüllten. Sie hörte sie in diesem Moment, diese nackten, sich krümmenden Gestalten. Ihre qualvoll zuckenden Glieder suchten sie noch heute in ihren Träumen heim.

Velis sah Azrael an. Zum ersten Mal erblickte sie Angst in seinen rot leuchtenden Augen. Ohne sie zu beachten griff er nach Murakama.

Plötzlich erschütterte ein Beben den Untergrund. Velis taumelte und vergrub ihre Finger in Malfegas‘ Fell, der nervös knurrte. Azrael zog blank und Seimos musterte wachsam ihre schattenhafte Umgebung.

Ich würde sagen, die Auferstehung hat begonnen“, sagte der Inquisitor ernst. Seine Finger umklammerten den schlichten Mauritiusstab fester. „Wir haben keine Wahl, Teshin. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir Irodeus besiegen wollen.“

Das hast du von Beginn an so eingefädelt, nicht wahr?“ Azrael wirkte eher bestürzt als wütend. „Wenn du mich vorgewarnt hättest …“

Du hättest mir nicht geglaubt. Abgesehen davon können wir Irodeus nicht für immer in einem Buch gefangen halten. Jedes Gefängnis wird einmal brüchig, auch ein magisches, Teshin.“

Mein Name ist Azrael“, knurrte der neue König, als ein neuerliches Beben die Erde erschütterte. Dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Velis schluckte. Rote Blitze zuckten am Horizont.

Was schlägst du vor?“, fragte Malfegas den Inquisitor.

Seimos seufzte. „Meine Tempelsöhne werden uns kaum von Nutzen sein. In den engen Räumen Hornheims entscheidet die Qualität des Einzelnen die Schlacht. Mendatius und ich werden euch zum unterirdischen See begleiten. Wir müssen die Schlacht beginnen, ehe er seine Kräfte sammeln kann.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Wo ist Esben?“

Velis warf einen Blick auf Azrael. Der König wirkte zerknirscht. „Ich habe ihn getötet. Er wird als Dämon zurückkehren, dessen bin ich mir sicher.“

Seimos nickte langsam. „Falls das zutrifft, wird er uns in den ersten Stunden seines neuen Lebens kaum von Nutzen sein. Wir müssen schnell handeln.“ Er sah seinen Bruder an. Obwohl sich ihre Farbe verändert hatte, erkannte Velis die altbekannte Entschlossenheit in seinen lodernden Augen.

Kannst du uns nach Hornheim bringen?“, fragte Seimos.

Azrael nickte knapp. „Was ist mit deinen Tempelsöhnen? Lässt du sie einfach allein?“

Seimos‘ Lippen kräuselten sich. „Was ist mit deinen Dämonen? Nimmst du sie nicht mit?“

Azrael seufzte. Velis erriet seine Gedanken. Wer konnte schon erahnen, wie weit Beriths Einfluss geraten war? Möglicherweise gab es noch weitere Dämonen in Hornheim, die Irodeus als König vorziehen würden.

Vergiss es, Seimos.“ Azrael hob Murakama und ein Blitz zerteilte die Luft. Langsam bildete sich am Rand der Lichtung ein Portal. „Ich vertraue nicht jedem hier. Wir müssen das alleine hinbekommen.“

Seimos nickte lächelnd. „Kaum zu glauben, dass wir noch einmal miteinander kämpfen würden, nicht wahr? Schließlich hast du mich umgebracht.“

Du hast es auch verdient.“

Du ebenfalls.“

Velis folgte den Brüdern unter die Nadelbäume. Wie ein stummer Schatten tauchte Mendatius neben ihr auf. Velis hatte den alten Tempelsohn lange genug gekannt, um seine grimmige Entschlossenheit zu bemerken. Malfegas schnaubte.

Das wird noch einmal wie in alten Zeiten, richtig?“, lachte der gewaltige Löwe.

Mendatius schnaubte, jedoch milderte sein funkelnder Blick die Geste.

Einen besseren Lebensabend kann sich ein alter Ritter nicht wünschen“, brummte er.

Velis teilte ihre Sicherheit nicht, als sie durch das Portal schritten. Hinter ihrer ruhigen Miene verbarg sie aufkeimende Panik.

Was zur Hölle?“

Als sich das Portal schloss, standen sie nicht in Hornheim. Stattdessen erhoben sich große Häuser um sie herum. Sie befanden sich auf einem weitläufigen Marktplatz, in dessen Zentrum sich eine Tribüne erhob. Velis erkannte ein prunkvolles Rathaus und einen unheilsschwangeren Kerker. Sie entdeckte keine Menschenseele. Sie waren allein.

Sind wir hier in Aminas?“, fluchte Malfegas. „Was soll das?“

Seimos schwieg. Seine Finger glitten über den Mauritiusstab. Mendatius zog sein Langschwert. Velis‘ Finger wanderten erneut zu dem Sklavenmacher. Sie zuckte zusammen, als die feinen Stacheln die Haut berührten.

Einzig Azrael ergriff das Wort. „Mein Portal wurde umgeleitet“, stieß er hervor. „Aber wie … ?“

König Azrael!“, rief eine laute Stimme.

Sie fuhren herum. Vor einer kleinen Nebenstraße stand, das lange Breitschwert drohend erhoben, Abigor von Hrandamaer. Das fahle Mondlicht tanzte auf seiner reich verzierten Augenklappe.

Abigor.“ Azraels Stimme nahm bestialische Züge an. Velis erinnerte sich, dass Hrandamaer im fünfzigjährigen Krieg Astavals Untergang herbeigeführt hatte. Die Nachkommen der einst so stolzen Herzogtümer standen noch immer in erbitterter Fehde miteinander.

Seimos trat vor und musterte Abigor mit zusammengekniffenen Augen. „Was tut Ihr hier, Abigor? Warum seid Ihr nicht im Lager und unterstützt die unerfahreneren Tempelsöhne?“

Abigor warf den Kopf in den Nacken und stieß ein grässliches Lachen aus, das Velis das Blut in den Adern gefrieren ließ. Genauso hatten die Knechte gelacht, als sie sie vor langen Jahren mit dem Brandeisen marterten.

Lasst uns mit offenen Karten spielen, Seimos.“ Abigor wuchtete das gewaltige Schwert auf seine Schulter. Ein breites Grinsen spaltete sein grobschlächtiges Gesicht. „Ich bin hier, um einen Dämonenkönig zu töten.“

Ich auch.“ Seimos zuckte nicht mit der Wimper.

Zu schade.“ Abigor seufzte. Wahnsinn glitzerte in seinem verbliebenen Auge. „Ich kann euch allen nicht erlauben, meinen Meister zu stören.“ Langsam deutete er eine Duellverbeugung an.

So einfach verratet Ihr Eure Eide?“, rief Seimos überrascht. „Ich hielt Euch immer für einen Narren, aber immerhin für einen frommen. Ihr überrascht mich.“

Abigor lachte erneut, aber diesmal schlich sich Trauer in seinen müden Blick.

Das kann nur ein Sprössling Arions von Astaval sagen. Dieser elende Bastard war so darauf versessen, das Richtige zu tun, dass er sogar seine eigene Familie opferte. Oder etwa nicht, Teshin? Bist du nicht einem Dämon geweiht?“ Azraels Züge verhärteten sich. Velis betrachtete beunruhigt, wie sich eine kaum erkennbare Aura der Macht um den König legte, während seine Lippen wie Lefzen die Zähne entblößten.

Abigor griff mit seiner freien Hand nach der Augenklappe. Als er sie sich vom Gesicht riss, erkannte Velis die grässliche Wunde. Sie wirkte wie ein verkrusteter Krater, der sich unaufhaltsam in das weiche Fleisch gegraben hatte.

Glaubt mir, Seimos, ich habe alles erfahren. Ich weiß Dinge, die meinen Glauben zerstört und mein Leben in ein Spottgebilde verwandelt haben. Soll ich Euch etwas verraten? Ich scheiß auf die Denomination. Ich scheiß auf den Kampfesruhm. Berith allein kann mir Freiheit geben und nur das will ich!“

Noch ehe er geendet hatte, färbte sich sein verbliebenes Auge rot und ein bestialischer Schrei löste sich aus der Kehle des Ritters. Velis erinnerte sich, dass in den Adern der Ritter von Hrandamaer dunkles Blut floss, das ihnen nachts mehr Kraft gewährte.

Abigor erblickte Velis, nahm Anlauf und stieß sich kräftig vom Boden ab. Instinktiv ließ sie ihre dämonische Macht durch ihre Adern jagen und wich wie ein Schemen zur Seite aus. Eine Staubwolke erhob sich, als der kalte Stahl in den steinigen Untergrund fuhr. Velis‘ Herz klopfte so stark, als würde es jeden Moment aus der Brust springen wollen.

Das ist lächerlich, Abigor!“, rief Seimos. Sorge spiegelte sich in seinen blutroten Augen und strafte seine Worte Lügen.. „Ihr habt keine Chance!“

Malfegas reagierte wortkarger. Ehe Abigor sein Schwert aus dem Boden befreien konnte, setzte der gewaltige Löwe zum Sprung an. Seine roten Augen glitzerten mordlustig und rotes Licht umhüllte die gekrümmten Pranken.

Plötzlich erschien ein ähnliches Licht vor Abigor. Malfegas prallte überrascht davon ab und landete fauchend auf dem Boden.

Ein Halbblut kann niemals Dämonenmagie einsetzen!“, knurrte er. „Sag, wer hilft dir?“

Abigor beantwortete die Frage mit einem weiten Schwerthieb. Malfegas bildete selbst eine Barriere, als die Klinge ihn zu erreichen drohte. Aber anstatt abzuprallen fuhr der Stahl hindurch wie durch Luft.

Blut spritzte und Malfegas heulte auf. Velis schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Das Schwert hatte ihm ein Vorderbein abgetrennt.

Kommt ihm nicht zu nah!“, rief Seimos. „Das scheint die Klinge Velfaunir zu sein! Dämonische Magie wird sie nicht aufhalten!“

Erzähl mir was Neues!“, brüllte Malfegas und spie Feuer. Schnell wich Abigor mit einem Ausfallschritt vor den fauchenden Flammen zurück. Trotz des gewichtigen Schwerts bewegte er sich leichtfüßig über die schmutzigen Pflastersteine.

Schock durchdrang Velis wie ein Blitz. Sie konnte sich nicht erinnern, je in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Stets umwölkte das unumstößliche Wissen ihren Verstand, dass ihre Magie jedem menschlichen Versuch, sie zu töten, Einhalt gebieten würde. Dieses Schwert degradierte sie zu einem unscheinbaren Mädchen, das jeder Hieb zu Fall bringen könnte.

Doch ihre Angst verwandelte sich schnell in Wut. Sie fühlte, wie der Sklavenmacher gegen ihre Magie aufbegehrte, aber sie war nicht mehr das hilflose Mädchen in Ketten. Sie war eine Herzogin Hornheims, eine Beraterin Azraels. Sie würde sich vor keinem Tempelsohn Blöße geben.

Zeitgleich mit Mendatius sprach sie ein Wort der Macht.

Der Greis hüllte sein Breitschwert in heiliges Licht und formte vor sich in der Luft eine Rune der Alten Sprache, die verheißungsvoll glomm. Velis‘ Macht erschuf einen Abglanz der Finsternis um ihre Füße, einen giftigen Sumpf, geboren aus ihrer ketzerischen Existenz. Zufrieden sah sie, wie bleiche Hände aus dem dunklen Untergrund schossen. Ihre Hrandar versammelten sich.

Abigor machte Anstalten, Malfegas zu enthaupten, aber in einem scharlachroten Blitz drängte sich Azrael zwischen sie. Der Dämonenkönig deckte Abigor mit einer Reihe schneller Hiebe ein, die den Tempelsohn straucheln ließen. Zeitgleich begann Seimos einen Choral. Heilige Magie sammelte sich um den dämonischen Inquisitor und hüllte ihn in einen Kokon aus Licht.

Zu Diensten“, grüßte Berengar, während er sich mit den übrigen wandelnden Toten aus dem Untergrund erhob. Velis atmete tief durch. Seine Anwesenheit beruhigte ihn.

Helft Malfegas!“, befahl sie dreien der Toten. Berengar nickte sie zu. „Triff ihn von hinten.“

Berengar nickte grinsend. „Verstanden.“

Velis vollführte eine kurze Geste und verschleierte Berengars Gestalt. Als Schatten glitt er über den Boden, während Mendatius sich zu Azrael gesellte und Abigor von seiner blinden Seite attackierte.

Der Ritter von Hrandamaer brüllte wütend auf, als die beiden ihn weiter zurückdrängten. Zudem fühlte Velis, wie Azrael Magie für seinen Höllenzauber sammelte.

Dieser Kampf war entschieden.

Kurz erlangte sie ihre einstige Sicherheit wieder, als plötzlich ein Lichtblitz die Welt teilte.

Azrael hielt der Entladung mit erhobenem Schwert stand, aber Mendatius leuchtende Rune zerstob in Funken. Der alte Ritter taumelte und fiel zu Boden. Abigor lachte triumphierend. Stahl traf auf Stahl, als er Azrael attackierte.

Jemand hilft ihm, begriff Velis. Mit geschärften Sinnen untersuchte sie die Umgebung. Sie konnte niemanden spüren.

Vater? Bist du das?

Die Frage blieb unbeantwortet. Ergrimmt sprach Velis ein Wort der Macht und Berengar stürzte sich aus dem Schatten auf Abigor.

Erneut erhellte ein Blitz den Marktplatz und der Hrandar sank besinnungslos zu Boden.

Es kam aus dieser Richtung!“, schrie plötzlich Malfegas. Der verletzte Löwe erhob sich auf seine Hinterbeine und spie ein Wort der Macht aus. Feuer schoss aus seinem Maul und verbrannte einen leeren Pferdestall zu Asche. Velis erkannte einen schwarzen Schemen, der mit unmenschlicher Geschwindigkeit in das nächste Gebäude auswich.

Wer auch immer das ist, er verwendet meinen Ausweichzauber. Es gibt nur eine Person, die ihn lehren kann.

Malfegas erzeugte einen weiteren Feuerstrom, während Azrael und Abigor miteinander fochten. Velis erkannte ihre Chance und lief schnell zu Mendatius, um ihm aufzuhelfen.

Danke“, stöhnte der alte Ritter. Velis erkannte keine Verletzungen. Der Blitz schien ihn jedoch etwas konfus gemacht zu haben, denn er konnte nur beschwerlich ein Bein vor das andere setzen und hielt die Hand vor sich gestreckt wie ein Blinder. Velis sammelte all ihre magische Macht. Sollte Abigors rätselhafter Verbündeter auch sie angreifen, musste sie vorbereitet sein.

Ihre Hrandar standen wachsam um Malfegas, während dieser das Rathaus in Brand steckte. Velis sah geschmolzenes Gold und wertvolle Marmorstatuen, die sich in einer unförmigen Masse schwelender Materialien dem Erdboden zuneigten. Der Hass auf den dekadenten Bürgermeister im Volk verwunderte sie nun nicht mehr.

Wieder entkam der Schemen. Doch diesmal war Velis vorbereitet. Sie hob die Hand und rief ein Wort der Macht. Der Schemen strauchelte und fiel zu Boden. Mit triumphierendem Geheul setzte Malfegas nach, ihre Hrandar folgten ihm dicht.

Im nächsten Moment beendete Seimos seinen Choral. Ein Konglomerat heiliger Magie erfüllte den Marktplatz. Kurz glaubte Velis, himmlischen Gesang zu vernehmen. Eine Aura aus Frieden und Heiligkeit regierte die einstige Versammlungsstätte und fror die Zeit ein. Die Welt und ihre Bewohner schienen stillzustehen, um sich in frommer Eintracht im Gesang zu vereinen.

Im nächsten Augenblick zerstob die Vision und reinigendes Licht schoss aus dem Mauritiusstab wie weißes Feuer. Der Angriff erfasste Azrael und Abigor mitten während ihres Duells. Die Barriere des Dämonenkönigs hielt stand. Abigors Schutz hingegen schmolz wie Butter in der Sonne.

Das Schwert Velfaunir nahm einen großen Teil der heiligen Magie in sich auf, doch der Rest traf Abigor ohne Hindernis. Sein Harnisch schützte den hünenhaften Oberkörper, aber das heilige Feuer stürzte sich hungrig auf Abigors freiliegenden Kopf. Das rötliche Auge zerfloss zu Schlacke, während ihm das Schwert aus der Hand glitt. Einen Augenblick lang stand Abigor wie eine Statue auf den Pflastersteinen, unbändiges Entsetzen im Gesicht. Dann ergriff der Wahnsinn den Ritter und Bischof, als die Macht der Denomination eben jenen verschlang, der sie zu beschützen geschworen hatte.

Unter lautem Geschrei rannte er an Azrael vorbei gegen die Mauer des Kerkers, taumelte blind gegen die Tribüne und sprang in unmöglichen Verrenkungen umher, während sich seine zuckenden Gliedmaßen dem Mond entgegenstreckten. Velis sah fassungslos, wie Abigor von Hrandamaer schließlich zu Boden fiel und sich sein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht vor der Ewigkeit verneigte.

Mit klopfendem Herzen wandte sich Velis ab. Sie empfand Mitleid mit dem verzweifelten Ritter. Ein solches Schicksal sollte kein Mensch teilen.

Ihr blieb keine Zeit zum Trauern. Malfegas stürzte sich auf die schwarz gekleidete Gestalt, die Velis‘ Gegenzauber aus der Luft geholt hatte. Doch bevor das Maul des Löwen sich schloss, wich sie katzengleich nach links aus, erklomm in Windeseile die Mauer des Kerkers und hielt auf dem Dach inne.

Erst jetzt erkannte Velis das grinsende Gesicht.

Ashaya!“, rief Azrael wütend und hob herausfordernd Murakama. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Korrekturen 22

22. Teil – Das Ende des Zeitvektors (1/3)

Es war ihnen allen klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Die Sicherheitskräfte würden ihre Anstrengungen, ihre Maschine aufzubrechen, sicherlich bald erhöhen.
»Unser Ziel ist das Jahr 2008«, sagte Giwoon. »Bis dorthin sollte uns der Temporalprozessor noch bringen können.«
»Ins Jahr 2008?«, fragten Khendrah und Thomas. »Woher wisst Ihr …?«
»Später«, sagte Giwoon, der bereits dabei war, ihre Abreise aus dem Jahre 2110 vorzubereiten.
»Bitte setzt euch und schnallt euch an. Ich weiß nicht, ob die Maschine noch eine ruhige und sanfte Reise durch die Zeit gewährleisten kann.«
Er wartete noch, bis alle Sicherheitsgurte eingerastet waren, dann legte er seine Hand auf die Steuerkugel und aktivierte den Slider. Die Geräusche, die dabei entstanden, sprachen Bände. Es war sowohl Giwoon, als auch Fancan klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem versank die Realität, die sie vorher noch über die Bildschirme im Innern der Maschine beobachten konnten, im Nebel. Sie waren auf der Reise. Es war ihnen klar, dass es nur eine kurze Reise werden würde, doch bereits wenig später ertönte ein Alarm.
Aufgeregt checkte Giwoon, die Steuerung.
»Festhalten, wir stürzen in die Realität zurück!«, brüllte er noch – dann war es auch schon geschehen. Auf den Bildschirmen tauchte das Bild eines ausgedehnten Waldes auf und im nächsten Moment stürzte der Slider in die Baumkronen hinein. Giwoon versuchte noch, etwas dagegen zu unternehmen, doch die Maschine schlug bereits auf dem Waldboden auf. Sie wurden hart in ihre Gurte gepresst und für einen Moment hatten sie das Gefühl, sie würden keine Luft mehr bekommen. Dann lag der Slider still.
»Was ist geschehen?«, fragte Khendrah, nachdem sie ihren Gurt gelöst hatte und sich vergewissert hatte, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.
»Was soll schon geschehen sein?«, fragte Giwoon. »Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe: Dieser Slider wird uns nicht mehr durch die Zeit transportieren können.«
»Und was tun wir dann jetzt?«, wollte Thomas wissen, »Gibt es eine Möglichkeit, das Ding zu reparieren?«
Giwoon schüttelte den Kopf.
»Dazu fehlen uns Ersatzteile, deren Herstellung in dieser Epoche einfach nicht möglich ist.«
Er wandte sich seinen Instrumenten zu und schaltete daran herum. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf.
»Ganz so schlimm ist es nicht«, stellte er fest. »Der Slider ist noch immer flugtauglich und … wir befinden uns im Jahre 2014. Das reicht noch völlig aus, um unseren Auftrag noch zu erfüllen.«
»Auftrag?«, wunderte sich Khendrah. »Von was für einem Auftrag reden wir denn hier?«
Giwoon und Fancan sahen sie einen Moment schweigend an, dann brach Fancan das Schweigen:
»Wir sind im einhundertzwölften Jahrhundert aufgebrochen, um den Zeitvektor der obersten Behörde zu vernichten.«
»Wie bitte?«, fragte Khendrah entgeistert. »Seid Ihr vollkommen übergeschnappt? Und überhaupt: Wie wollt Ihr das anstellen? Der Vektor erstreckt sich über unzählige Zeitalter. Er ist unzerstörbar.«
»Das, mein Schatz, ist er sicherlich nicht«, entgegnete Fancan. »Das Zeitsystem des Vektors benötigt ungeheure Mengen an Energie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Wir haben das immer einfach als naturgegeben hingenommen, weil es eben immer schon so war, aber Giwoon und seine Leute haben ermittelt, dass es eine Vorrichtung am unteren Ende der kontrollierten Zeit gibt, die ihre Energie für den gesamten Vektor direkt aus der Sonne bezieht. Wenn wir diese Vorrichtung zerstören, wird sich der Vektor Stück für Stück auflösen.«
Khendrah stand der Mund vor Staunen weit offen. Sie konnte nicht glauben, was ihre Freundin ihr da erklärte.
»Das kann doch nicht euer Ernst sein!«, protestierte sie. »Es würde alles im Chaos versinken.«
»Das ist nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Anders herum wird ein Schuh daraus. Ihr habt das Chaos erst möglich gemacht. Wir haben nur eine Chance: Die Vernichtung des Vektors, um der Zeit Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.«
Khendrah schüttelte immer wieder den Kopf.
»Ihr könnt das System nicht vernichten«, wandte sie wieder ein. »Es arbeiten sicherlich viele Hunderttausend Menschen für die Oberste Behörde. Was würde mit ihnen geschehen, wenn die Energieversorgung gekappt wird. Würden sie nicht sterben?«
»Nein Khendrah, das werden sie nicht«, beruhigte sie Giwoon. »Das war eines unserer Hauptanliegen, dieses Projekt unblutig abwickeln zu können. Die Energie wird von der Sonnenzapfanlage ganz weit unten in der kontrollierten Zeit eingespeist und fließt dann entlang der Zeitlinien in die Zukunft. Jede aktive Abteilung entnimmt nur so viel Energie, wie sie benötigt, um das System zu stabilisieren. Wenn die Quelle versiegt, beginnt der Vektor von unten her, sich aufzulösen. Sobald das geschieht, wird es einen Alarm geben, der bis in die ferne Zukunft reichen wird. Jeder wird noch die Gelegenheit haben, in die Realität zu entkommen, bevor es zu spät ist. Der Prozess wird sich über Wochen hinziehen, besagen unsere Berechnungen.«
»Und wenn Jemand nicht rechtzeitig geht?«, fragte Khendrah.
»Dem ist auch nicht zu helfen«, antwortete Giwoon knapp. »Dafür tragen wir nicht die Verantwortung. Bist du nun dabei, oder nicht?«
Er blickte Khendrah forschend und erwartungsvoll an. Sie wandte sich Hilfe suchend an Thomas.
»Mich darfst du nicht fragen«, sagte dieser. »Ich habe noch nie viel davon gehalten, die Zeit zu manipulieren. Du erinnerst dich? Ursprünglich haben wir uns kennen gelernt, weil du mich töten wolltest.«
»Jetzt reite nicht wieder darauf herum!«, schimpfte Khendrah. »Es ist einfach schwer für mich, dass alles, an das ich bisher geglaubt habe, plötzlich infrage gestellt wird. Angenommen, wir schaffen es und können diese Sonnenzapfanlage wirklich zerstören, was wird dann geschehen? Was wird mit uns geschehen? Könnte nicht einfach ein Reparaturtrupp aus dem Vektor hier auftauchen und den Schaden beheben?«
»Hey!«, rief Fancan und wandte sich an Giwoon. »Khendrah hat nicht ganz Unrecht. Wenn hier ein Reparaturtrupp auftaucht, ist unsere ganze Arbeit vergebens und außerdem hätten wir auch noch den Sicherheitsdienst der Obersten Behörde am Hals.«
Giwoon lachte leise, was Fancan ärgerlich machte.
»Giwoon!«, schimpfte Fancan. »Das ist nicht zum Lachen! Wenn der Sicherheitsdienst hier auftaucht, sind wir geliefert. Sie würden uns ohne Weiteres liquidieren.«
Giwoon wurde wieder ernst.
»Ja, das ist ja auch ihre liebste Lösung«, sagte er bitter. »Wenn es Probleme gibt, muss eben Jemand sterben. Ihr wollt wissen, warum ich so gelacht habe? Das kann ich euch erklären: Ich habe von der Basis im Jahre 6000 aus meine Recherchen betrieben und dabei herausgefunden, dass die Oberste Behörde vor vielen Relativjahren eine Zeitkorrektur beschlossen hatte, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Technologie des Sonnenzapfens verloren gegangen ist.«
»Wie bitte?«, fragte Fancan, »Das kann doch nicht sein. Wenn die Technologie nicht mehr verfügbar ist, kann die Anlage auch nicht installiert worden sein. Das wäre ein Paradoxon.«
»Ja, das wäre es, wenn nicht die Technologie vorher von der Obersten Behörde in den Vektor importiert worden wäre«, sagte Khendrah. »Das machen sie immer so. Im Vektor gelten andere Gesetze. Eine einmal importierte Technologie kann von uns Zeitagenten oder den Technikern angewendet werden, ohne, dass es zu einem Paradoxon kommen kann. Insoweit stehen wir noch immer vor dem Problem, dass ein Reparaturtrupp hier erscheinen könnte.«
»Nein«, sagte Giwoon schlicht. »Und zwar, weil ich die Daten in der zentralen Datenbank gelöscht habe. Das gleiche habe ich mit den Backups gemacht. Dann gab es noch die Kristallspeicher im 7500. Dort lagert all das alte Wissen aller Zeitalter. Was soll ich sagen? In meiner Eigenschaft als Techniker hatte ich uneingeschränkten Zugriff auf die Kristallspeicher. Vor längerer Zeit war ich dort und sorgte dafür, dass es einen kleinen Brand in einem der Lager gab. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Die Hitze war so groß, dass sämtliche Kristallspeicher in diesem Raum unbrauchbar wurden. Ratet mal, welche Informationen dort gelagert haben.«
»Dann haben sie wirklich keine Möglichkeit, das System wieder in Gang zu bringen, wenn wir es zerstören«, stellte Khendrah fest.
Giwoon hielt ein kleines, handliches Gerät hoch.
»Das hier wird das Schicksal des Zeitvektors besiegeln«, sagte er. »Wir müssen es so nah wie möglich an die Sonnenzapfanlage bringen und dann zünden. Die freigesetzte Energie wird einen Impuls erzeugen, der jedes Gerät in einem bestimmten Umkreis zerbersten lassen wird.«
»Tolle Idee«, meinte Thomas. »Was willst du tun, wenn die Anlage irgendwo inmitten einer Stadt installiert wurde?«
»Das wird nicht der Fall sein«, machte Giwoon klar. »Man hatte kein Verlangen danach, dass diese Anlage gefunden wird. Zugänglich ist sie nur in den wenigen Jahren nach ihrer Installation und das ist in den ersten Jahren des einundwanzigsten Jahrhunderts. Wir können von Glück sagen, dass wir noch innerhalb dieser Zeitspanne gelandet sind, sonst könnten wir unseren Plan abschreiben. Ich vermute, dass wir uns irgendwo im Hochgebirge umsehen müssen.«
Er drückte eine Taste an dem Gerät, worauf es in Abständen zu piepsen begann. Ein kleiner Monitor an seiner Oberseite erhellte sich.
»Hast du dieses Ding jetzt etwa scharf gemacht?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, ich habe nur die Suchfunktion aktiviert. Unsere Techniker haben es so konstruiert, dass es sein Ziel selbst suchen kann. Wir müssen nur dem Signal folgen, wenn die Suche erfolgreich ist.«
Gebannt starrten sie alle auf den kleinen Monitor auf dem Gerät in Giwoons Hand. Ein kleiner, sich drehender Zeiger signalisierte, dass es noch dabei war, seine Umgebung zu scannen.
»Wo befinden wir uns denn eigentlich selbst?«, fragte Thomas. »Ich habe zwar gesehen, dass wir in einen Wald gestürzt sind, aber wo ist dieser Wald?«
»Das haben wir gleich«, sagte Giwoon, »sie hatten damals bereits ein System, das ihnen eine Positionsbestimmung auf dem Planeten ermöglichte. Es war zwar recht primitiv, aber es sollte uns zumindest sagen können, wo wir uns ungefähr befinden.«
Er drehte an der Steuerkugel herum. Für Fancan war nie zu erkennen, was Giwoon da eigentlich genau tat, denn gleich, was er erreichen wollte, er drehte immer an dieser Kugel herum. Für sie machte es keinen Unterschied, ob er den Flug kontrollierte, oder nur die Kabinenbeleuchtung regulierte. Mit einem Mal wechselte die Anzeige auf der Kugel. Ein Abbild der Erde wurde angezeigt. Darauf blinkte ein kleiner roter Punkt.
»Da sind wir«, sagte Giwoon triumphierend und zeigte mit dem Finger auf den Punkt, »zentralafrikanischer Kontinent. Die Gegend hier ist selbst in dieser Zeit noch sehr einsam und verlassen.«
»Und wo müssen wir nun hin?«, wollte Khendrah wissen. »Wenn der Slider noch flugtauglich ist, sollten wir vielleicht bald von hier verschwinden, bevor Neugierige hier auftauchen.«
»Ich glaube zwar nicht, dass wir bei unserer Bruchlandung Zuschauer hatten, aber wir sollten uns wirklich nicht zu lange an einem Fleck aufhalten.«
Giwoon ließ die Aggregate für den atmosphärischen Flug anlaufen. Ein leises Summen erfüllte die Kabine.
»Schaut mal!«, rief Fancan, die das kleine Ortungs- und Zerstörungsgerät in der Hand hielt. »Jetzt zeigt der Monitor etwas an. Ich weiß nur nicht, was es bedeutet.«
Giwoon schaute darauf.
»Das sind Flugvektoren und Distanzdaten. Ich werde sie in die Steuerung eingeben, dann kann die Steuerkugel uns genau zeigen, wo unser Ziel liegt. Diktiere mir bitte mal die Zahlen, ja?«
Fancan gab sie ihm langsam und exakt durch, während Giwoon sie in das Terminal eingab. Anschließend zeigte die Steuerkugel eine gelbe Linie an, die vom roten Punkt ausging, der ihren Standort bezeichnete. Interessiert verfolgten sie diese Linie mit ihren Blicken und endeckten ihr Ende mitten im Himalaja.
»Wie ich es gesagt habe!«, rief Giwoon triumphierend. »Der Himalaja! Ein Zentralmassiv – nur dort können sie die Energieversorgung installiert haben, denn dort schauen nicht oft Menschen vorbei und man kann davon ausgehen, dass der Himalaja auch in vielen Tausend Jahren noch existieren wird.«
»Sag mal Giwoon«, meldete sich Thomas zu Wort, »wie kann ein so kleines Ding über so eine gewaltige Strecke hinweg ein Kraftwerk orten, dass sich inmitten eines Gebirges befindet? Das ist doch nicht möglich.«
Giwoon drehte sich verblüfft zu Thomas um.
»Natürlich kann es das«, sagte er verständnislos, doch dann fiel ihm etwas ein.
»Ach, ich weiß, was du meinst. In den unteren Jahrhunderten – vielleicht sogar in den unteren Jahrtausenden – nutzte man überwiegend elektrische Energiequellen. Wenn es eine Anlage wäre, die mit Elektrizität arbeitet, könnten wir sie in der Tat nicht orten.«
Er deutete auf die Darstellung des Himalaja und tippte mit dem Finger auf die Steuerkugel.
»Mit elektrischer Energie könnte man niemals ein Gebilde wie den Vektor aufrecht erhalten. Dazu braucht es schon eine weitaus effektivere Energiequelle. In diesem Fall nutzte man noch die in meiner Zeit bereits veraltete Quarkstrom-Technologie und die erzeugt ein Feld, das man sogar aus noch viel größerer Entfernung anmessen kann.«
»Quarkstrom-Technologie«, sagte Thomas ungläubig, »wenn du mich verscheißern willst, dann sag es besser gleich.«
»Ich will dich nicht veralbern«, verteidigte sich Giwoon, »nur, weil man sich zu deiner Heimatzeit noch keine praktische Nutzung der Quarks vorstellen konnte, muss es doch nicht heißen, dass spätere Zeitalter keine bahnbrechenden Entdeckungen mehr machen können. In meiner Heimatzeit versorgen wir uns mithilfe der Cherts mit Energie. Das ist sicher und umweltfreundlich.«
»Was sind Cherts?«, fragte Khendrah, »Ich bin zwar keine Physikerin, aber ich habe noch nie von so etwas gehört.«
Giwoon winkte ab.
»Lassen wir das«, sagte er, »ich denke, die Cherts sind bis zum oberen Ende des Vektors noch überhaupt nicht entdeckt worden.«
Er hielt wieder das Gerät hoch, welches das Ende des Vektors bedeuten sollte.
»Das Ding hier arbeitet mit Cherts«, erklärte er, »es wird niemals eine neue Energiequelle bekommen müssen. Es bezieht seine Energie direkt aus dem kosmischen Gravitationsfeld.«
»Mir wird das jetzt zu hoch«, gab Thomas bekannt.
»Meinst du, mir ginge es anders?«, fragte Khendrah und sah zu Fancan hinüber, die ebenfalls nur die Schultern zuckte.
»Vielleicht sollten wir allmählich aufbrechen«, schlug sie vor.
»Genau das werden wir jetzt auch tun«, sagte Giwoon. »Symeen, meine Mutter hatte mich nämlich davor gewarnt, dass es in dieser Zeit bereits eine recht einfache, aber effektive Methode gibt, Flugkörper zu orten. Sie strahlten ein Signal ab und wo es reflektiert wurde, musste zwangsläufig ein Flugkörper sein.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 12.10.2019

Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

Gottes Hammer: Folkvang XV

Es waren Jahrzehnte vergangen, seit Azrael dieses Gesicht erblickt hatte. Dennoch erkannte er es sofort wieder. Die unverwechselbaren, fein geschnittenen Züge, die denen seines Vaters glichen, der leicht schmunzelnde Mund, die zusammengekniffenen Augen, in denen sich überwältigende Kühnheit mit lodernder Entschlossenheit paarte … es konnte kein Zweifel bestehen. Auch wenn die Zeit sein Haar gebleicht und seine Züge erweicht hatte, vor ihm stand sein totgeglaubter Bruder Seimos von Astaval.

Azrael taumelte. Er hörte, wie Malfegas aufkeuchte und wandte sich zu Velis um. Die Dämonin wich seinem Blick aus. Hatte sie etwa von Medardus‘ wahrer Identität gewusst?

Seimos schien seine Gedanken zu erraten. „Gib nicht ihr die Schuld. Ich habe ihr meine Identität nie enthüllt. Zumindest nicht bewusst.“ Er trat einen Schritt näher und breitete seine Arme aus. „Teshin! Es ist so schön, dich wiederzusehen! Du hast dich kaum verändert!“ Ein Anflug von Spott begleitete die Worte.

Azraels Herz raste. Die Konfrontation verlief entschieden anders, als er geplant hatte. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Er durfte keinesfalls die Fassung verlieren.

Du hast gesagt, du hättest die Denomination betrogen“, hob er an, ohne auf Seimos‘ rührselige Worte einzugehen. „Aber allerorts spricht man von deiner Tapferkeit und Tugend. Und davon, dass du der erfolgreichste Hexenjäger seit Erzbischof Drogans Zeiten bist.“ Er konnte die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen. „Weißt du, was Leute wie Esben deinetwegen durchmachen mussten?“

Seimos ließ die Arme sinken und das angedeutete Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Trauer furchte seine Miene. Er musste bereits ein Greis gewesen sein, als sich die Verwandlung zum Dämon vollzog. Azrael konnte kaum glauben, dass ein geachteter alter Mann, noch dazu ein von der Denomination unterstützter Kleriker, willentlich einen solchen Pfad beschritt.

Kurz herrschte Totenstille. Nur das Krächzen einiger ferner Navali erklang auf der Lichtung. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Dämonenkönig, ob sie trotz Halgins Abwesenheit ihre besondere Intelligenz beibehalten hatten.

Schließlich seufzte Seimos und schüttelte den Kopf, so als wollte er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen. „Glaube mir, ich habe es nicht gern getan. Im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Das Volk glaubt an Hexen. Es schreit nach deren Blut. Die Menschen wollen Sündenböcke und sie wollen sie leiden sehen. Sie verstehen das Konzept von Magie nicht und erzählen sich stattdessen Geschichten von alten Weibern, die Unzucht treiben und mit ominösen Zaubertränken das Wetter beeinflussen. Wenn wir ihnen die Entscheidung überließen, wer zu verbrennen und wer zu verschonen ist, wie lange würde es dauern, bis allüberall Selbstjustiz herrscht? Es wäre wieder wie zu Beginn des Krieges, als falsche Hexenjäger die Städte terrorisierten und vor nichts Halt machten, um ihr Vermögen zu mehren.“

Dennoch!“ Azrael hob die Stimme. Er fühlte, wie seine Fäuste zu zittern begannen. „Du hast Unschuldige getötet! Du hast sie bei lebendigem Leib den Flammen übergeben!“

Seimos zuckte zusammen, so als hätte ihn jemand geschlagen. Aber im nächsten Moment kehrte die Sicherheit in seinen Blick zurück und er atmete tief durch.

Teshin … oder soll ich dich Azrael nennen? Wie stellst du dir einen Helden vor?“

Azrael bedachte seinen Bruder mit einem wütenden Blick. „Du weißt, was ich vorhabe. Ich betrachte denjenigen als einen Helden, der die Herde behütet und sie zähmt, der sie beherrscht und im Zaum hält. Er soll ihre Aggressionen nicht stützen, sondern ausmerzen!“

Der Anflug eines Lächelns entstand auf Seimos‘ Gesicht. Doch diesmal schlich sich Verzweiflung in seine roten Augen. „Du wirst schon bald merken, dass das nicht möglich ist. Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, er hatte einen sehr eigenartigen Sinn für Humor. Wir werden stets Hass und Wut empfinden und stets ein Ziel für beides brauchen. Ich gebe den Menschen ein Ziel, aber ich sorge dafür, dass ihre Wut kontrolliert zu Tage tritt und den kleinstmöglichen Schaden anrichtet. Ja, ich bin ein Mörder. Ja, ich bin ein Sünder. Aber letztlich bin ich auch ein Heiland, denn ich nehme die Sünden der Menschen auf mich. Ich werde zur Personifikation der Sünde, ich schlachte für die Menschen, ich bin das grauenerregende Idol des Hasses. Wenn die Leute verstehen, was sie wahrhaftig getan haben, wenn ihnen wirklich klar wird, dass sie eine unschuldige junge Frau dazu verdammt haben, unter grässlichen Qualen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, während sie sich die schmelzende Lunge aus dem Leib brüllt, … ja, dann bin ich hier, um zum Sündenbock zu werden. Glaube mir, es gibt nichts, was ich mehr begehre.“

Azrael schwieg, während er die Worte sacken ließ. Er betrachtete Seimos genau. Sein Bruder musterte ihn mit der überwältigenden Sicherheit eines Mannes, der mit seinem Gewissen vollkommen im Reinen war. Seimos schien nicht daran zu zweifeln, das Richtige getan zu haben.

Bist du deshalb ein Dämon geworden?“, fragte Azrael leise.

Seimos neigte zustimmend den Kopf. „Mein Platz ist nicht im Himmel. Ich muss hier sein, auf der Erde. Ich muss den Menschen ein Feind und ein Heiliger sein, um ihre Ausschreitungen zu überwachen. Das ist mein Lebenszweck. Aber ich habe auch noch einen anderen.“ Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Teshin, ich bin nicht deinetwegen nach Hornheim aufgebrochen. Ich bin hier, um den Dämonenkönig zu erschlagen.“

Azrael schüttelte verwirrt den Kopf. Scherzte sein Bruder? „Ich bin der Dämonenkönig, Seimos!“

Der Inquisitor schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Seine roten Augen loderten wie blutige Flammen.

Ich spreche vom wahren König. Von Irodeus.“

Kurz herrschte Stille. Dann brach Malfegas plötzlich in nervöses Gelächter aus. Rauch stob aus dem Maul des monströsen Löwen.

Du bist zu spät gekommen, Medard – … ich meine, Seimos!“, rief er. „Wir haben ihn längst erledigt!“

Azrael nickte. „Seimos, ich weiß, du hast vor vierzig Jahren gegen Irodeus gekämpft und Velis befreit. Du hast ihn damals nur versiegelt, das ist richtig. Irodeus‘ Seele ist danach in den See Sökkvar geflohen, aber ich habe ihn vor einigen Monaten vernichtet. Er ist nicht mehr.“

Nun war es an Seimos zu lachen. „Hat dir Berith das erzählt? Ich fürchte, du wurdest in die Irre geführt.“

Azrael straffte sich. „Wie meinst du das? Ich habe deutlich gespürt, wie Irodeus‘ Seele von dieser Welt verschwand!“

Ja, ein Teil von Irodeus‘ Seele“, entgegnete Seimos. „Der andere Teil befindet sich in Esbens Buch.“

Azrael starrte Seimos schockiert an. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. „In Androgs Folianten? Aber …“ Seine Gedanken rasten. „Esben war doch in deinem Lager! Wieso hast du nicht … ?“

Seimos schüttelte den Kopf. „Glaubst du, ich wollte Irodeus mitten im Lager bekämpfen? Du wirst es nicht wissen, aber die glorreichen Tage der Tempelsöhne sind vorbei. Könnten sie den Dämonenkönig besiegen? Wahrscheinlich. Würde es viele Opfer geben? Mit Sicherheit. Ich habe zugelassen, dass Esben betäubt und nach Hornheim entführt wird, weil ich wusste, dass Berith sich diese Chance, seinen wahren Meister wiederzubeleben, nicht entgehen lassen würde. In Kürze wird Irodeus wiederauferstehen und dann müssen wir beide, du und ich, zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Berith ist absolut loyal! Er würde doch niemals diesen Verrückten …“

Nicht? Vergiss nicht, unter Irodeus genoss jeder Dämon vollkommene Freiheit. Berith konnte forschen und Sitraxa konnte foltern. Aber dann bist du gekommen und hast Ordnung in das Chaos gebracht.“ Seimos seufzte. „Nicht wahr, Malfegas?“

Der Löwe wirkte nun nicht mehr amüsiert. Sein schlangenartiger Schwanz peitschte wild umher.

Es ist wahr“, knurrte Malfegas. „Freiheit ist Berith wichtiger als alles andere.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Gerade ein akurater Gelehrter wie er …“

Seimos lächelte. „Wissenschaft und Kunst können mit Einschränkungen nun einmal nicht florieren. In deiner absoluten Gottesmonarchie ist kein Platz für Visionen, Bruder.“

Azrael setzte zu einer wütenden Erwiderung an, als sich plötzlich eine unheilige Präsenz erhob. Er schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust. Sein Herz schien von eiskalten Klauen zerrissen zu werden.

Es ist Zeit, hauchte die Stimme in seinem Kopf hämisch.

Mit einem Mal kannte Azrael ihre Herkunft.

Du! Wieso lebst du noch? Ich habe dich vom Antlitz dieser Welt gebrannt!, rief er in Gedanken verzweifelt.

Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das ist nur eine der zahlreichen Lektionen, die du noch lernen musst.

Azrael griff mit zitternden Fingern nach Murakama. Ehe er die Klinge aus der Scheide befreien konnte, begann die Erde zu beben.

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Esben schlief. Friede umhüllte ihn wie ein seidenweiches Leichentuch. Kein Traum suchte ihn heim. Keine Erinnerung knechtete ihn. Er besaß das Privileg, allein und ohne Bürde im Nichts zu existieren.

Mit einem Mal spaltete ein Lichtstrahl sein Bewusstsein. Bilder erfüllten Esbens Verstand. Er sah seine Schwester, die frommen Gesichter seiner Gemeinde in Aminas, Teshin und Saskia auf ihren Eseln, den Inquisitor Medardus und schließlich die unerbittlichen Schreie der wütenden Menge. Er sah den ketzerischen Folianten, Halgin und Iliana, den Eingang Hornheims, Sitraxas Kerker und Velis‘ schreckliches Herzogtum. Das Lager der Tempelsöhne und Azraels Hölle folgten. Und am Schluss stand der Schmerz der Erkenntnis, dass es nie Frieden geben konnte. Das Bild, als Azrael ihn mit Murakama durchbohrte, ließ ihn erbeben.

War er tot? Befand er sich auf dem Prüfstand oder wurde er gerade in die Hölle geworfen? Verwandelte er sich in diesem Moment in einen Dämon?

Ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte, fühlte er ein verführerisch glimmendes Licht am Rande seines Bewusstseins. Obwohl er es nicht sah, spürte er die warme rote Farbe und fühlte sich von ihr angezogen. Ohne ein Gefühl für den Raum zu besitzen, kam er dem Licht näher und streckte etwas aus, das einem Arm wohl am nächsten kam. Ungeahnte Macht durchströmte ihn.

Doch plötzlich hauchte ihm eine Stimme ein Wort ins Ohr. „Nicht!“

Esben kannte sie. Er hatte sie vor langer Zeit gehört.

Wie auf Befehl ließ er von dem roten Licht ab. Sein verführerisches Glimmen erschien ihm nun heuchlerisch und voller Niedertracht. Dort wartete nur ein Leben voller Hass und Gewalt auf ihn.

Stattdessen begab er sich zu der Stimme und ehe er sich versah, erwachte er.

Das Gefühl kehrte nur langsam in seine schmerzenden Gliedmaßen zurück. Mühselig setzte sich Esben auf.

Er befand sich in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar. Er glaubte, darin eine Szene aus dem Epilog von Sankt Esbens Bußlehre zu erkennen.

Ein Windstoß fegte durch die Säulen und Esben erschauderte. Nicht wegen der Kälte, sondern aufgrund der überwältigenden Präsenz, die vor ihm stand.

Eine hochgewachsene Frau in einem Harnisch aus Mondlicht mit gespreizten Flügeln war in der Mitte der Säulenhalle aufgetaucht. Sie stand vor einem einsamen Thron, auf dem eine einzelne Feder ruhte, und musterte Esben lächelnd.

Esbens Beine zitterten, als er sich langsam erhob. Er kannte die Frau.

Saskia?“

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