„Und Sie wollen ein Bodyguard sein?“

Finn war die Bemerkung gewöhnt, aber er konnte ein verärgertes Schnauben nicht unterdrücken. Er wusste sehr wohl, dass er für sein Gewerbe ungewöhnlich klein und schmächtig war. Seine Hand umklammerte das goldene Medaillon in seiner Hosentasche. Musste jeder ihn daran erinnern?

Sein Kollege schien ihn sehr amüsant zu finden. Er stand mit einigen anderen Muskelpaketen in dunklen Anzügen am Flughafen und rauchte lässig eine Zigarette. Sie hatten sich in Sichtweite des nächsten Cafés platziert und präsentierten stolz die feuerfesten Uniformen, die sie als vorübergehende Gardisten der Hochrepublik Island auswiesen. Mehrere Frauen warfen ihnen immer wieder träumerische Blicke zu. Finn hörte das Klicken einer Handykamera. Er knirschte mit den Zähnen. Sein Griff um das Medaillon wurde fester.

„Augenscheinlich“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Sein Gegenüber erfüllte jedes Klischee. Er war braun gebrannt, mit einer Narbe am Kinn gezeichnet und lehnte lässig an der Wand. Eine Flügelpfeife hing in seinem Mundwinkel. Finn kannte sie. Sie stellte eine Miniaturausgabe jener Pfeifen dar, die Drachen verwendeten, um ihr Feuer unter Kontrolle zu behalten.

„Nur um ganz sicher zu gehen – Sie wollen den Premierminister in der Schweiz beschützen?“

Finn bemerkte, wie seine Kollegen grinsten. Sie waren sich ihrer Sache absolut sicher. Niemand wäre so dämlich, den Premierminister anzugreifen.

Finns Mundwinkel verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. Das dachten sie zumindest.

„Ihr müsst euch damit abfinden“, entgegnete er und streckte die Hand nach seinem Sicherheitsausweis aus. Die Hochrepublik Island hatte ihm erst vor zwei Wochen einen ausgestellt, damit er heute hier arbeiten konnte.

Natürlich hob der Bodyguard den Arm über den Kopf, sodass Finn nicht mehr an seine Papiere kam.

Nicht schon wieder.

Solche Dinge geschahen immer, wenn er einer neuen Truppe zum ersten Mal begegnete.

„Komm, Zwergli, komm“, lachte der Bodyguard. „Hol ihn dir! Braves Zwergli!“

Die Leibwächter brachen in schallendes Gelächter aus. Aus dem Augenwinkel nahm ich blitzende Handys wahr, als Passanten die Szenerie für die Ewigkeit festhielten. Finn schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief ein, um sich unter Kontrolle zu halten. Er musste sich beruhigen. Vielleicht würde sich die Situation entspannen, wenn er seine Rolle spielte. Vielleicht wären sie dann zufrieden …

Natürlich waren sie es nicht.

Der Leibwächter mit seinen Papieren gab ihm einen Schubs. Normalerweise hätte so ein plumper Angriff Finn nie das Gleichgewicht verlieren lassen, aber er wurde überrascht und taumelte nach hinten. Ein anderer Leibwächter, der eine grüne Korallenkette um den Hals trug, stellte ihm zwinkernd ein Bein. Schmerzen überzogen Finns edelstes Körperteil, als er zu Boden ging.

Gelächter brandete über ihn hinweg wie eine Welle. Finn spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss. Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten und Tränen verschleierten seine Augen.

Das reicht.

„Na, Zwergli? Willst du nicht nach Hause gehen?“, fragte der vernarbte Mann mit süffisantem Lächeln.

Finn erhob sich langsam. Er bewegte sich bedächtig und ohne Eile, während er seine Zurückhaltung aufgab. Er spürte, wie sich die Luft um ihn herum erwärmte. Er sah den Leibwächter kalt an. Er hätte diese Taktik von Anfang an anwenden sollen.

Der spöttische Ausdruck verschwand erst aus den Augen seines Gegenübers, als die Stichflamme ihn verzehrte.

Das allgemeine Gelächter erstarb und die Leibwächter vollführten einen kollektiven Sprung rückwärts, wobei sie ihre Pistolen zogen. Finn rührte sich nicht von der Stelle. Rauch quoll aus seinem Mund und nahm ihm die Sicht. Die Passanten filmten aus sicherer Entfernung.

Endlich stolperte der vernarbte Bodyguard aus der Rauchwolke. Er hustete und musterte Finn mit schreckgeweiteten Augen.

„Wie heißt du?“, fragte Finn ruhig.

„Johannes“, murmelte der Leibwächter reflexartig. Angst glitzerte in seinen Augen, als Finn seinen Ausweis zurücknahm. Er hatte darauf geachtet, nur den Oberkörper des Mannes zu treffen. Ohne die feuerfeste Uniform wäre ihm die Stichflamme zum Verhängnis geworden.

„Und du?“ Finn sah den Bodyguard mit der Korallenkette an.

„Markus.“ Er reckte stolz das Kinn, doch Finn sah, dass seine Hände zitterten. Ein Lächeln schlich sich auf seine Züge. Sie hatten kein Halbblut erwartet.

Finn räusperte sich. „Ich bin Finn und leite ab heute diese Einheit. Ich bin gerne bereit, diese Begrüßung zu vergessen – wenn solches Verhalten nicht noch einmal auftritt.“

Johannes‘ Augen nahmen die Größe von Handtellern an.

„Sie?“, flüsterte er ungläubig. „Aber ich dachte …“

„Ehrenschwinge Gunnar Rodriksson ist leider unabkömmlich. Ich werde ihn vertreten. Der Premierminister selbst hat mich ausdrücklich vorgeschlagen.“

Finn beendete das Gespräch, indem er sich umdrehte und auf das mannshohe Fenster hinter ihnen zuging. Ohne auf seine Truppe zu achten, verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und sah auf den leeren Flugplatz hinaus.

Es ist so lange her.

Er hatte Gungnir seit Jahren nicht mehr gesehen. Ob der Premierminister sich verändert hatte? Finn betrachtete sein Spiegelbild in der Scheibe. Wann war er so schrecklich dünn geworden? Mittlerweile kam er sich sogar selbst nur noch wie ein Skelett vor.

Aus den Augenwinkeln sah er einen Fernseher mit den neuesten Nachrichten an der Wand hängen. Der Nachrichtensprecher verkündete mit ernster Miene, was sie ohnehin schon alle wussten. Radikale Christen hatten erneut eine Nestgemeinschaft in den USA angegriffen. Ähnliche Fälle häuften sich auch in muslimischen Ländern. Außerhalb Asiens gab es wohl nur noch einen Ort, an dem Drachen sicher leben konnten …

„Sir!“ Finn wandte den Kopf und sah Markus, der salutierend vor ihm stand. Die grüne Kette schimmerte im spärlichen Sonnenlicht. Finn betrachtete ihn misstrauisch. Wollte er erneut Ärger machen?

„Ja?“, fragte er vorsichtig.

„Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“

Auf einmal. „Aus welchem Grund?“

„Ich wollte Sie nur nach Ihrer Herkunft fragen. Es tut gut, wenn man weiß, an wessen Seite man sein Leben riskiert.“

Finn wandte den Blick und sah Johannes zu, der in sicherer Entfernung mit seinen Kameraden lachte. Er hielt die Flügelpfeife, so als ob er einen Akt der Liebe nachahmen wollte.

„Die anderen scheinen sich keine Sorgen darum zu machen“, erwiderte Finn.

Er konnte Markus‘ Augen hinter der Sonnenbrille nicht erkennen, aber ein ernsthafter Zug legte sich um seine Mundwinkel.

„Ich weiß, dass das hier nicht ungefährlich ist“, murmelte er und deutete mit dem Kinn auf den Fernseher.

Finn nickte langsam. Zumindest einer von ihnen hatte mehr Verstand im Kopf als in seinen Lenden. „Ich bin gebürtiger Deutscher. Nach dem Feuerei-Massaker bin ich in die USA emigriert. Ich habe dort meine Ausbildung abgeschlossen“, sagte er, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen.

Die Erwähnung des Massakers ließ Markus aufhorchen. „Ich habe auch jemanden dort verloren“, murmelte er. „Ob Berlin wohl jemals wieder aufgebaut werden wird?“

Finn schloss die Augen. Einen Augenblick lang umgab ihn wieder Hitze und eine Kaskade unerträglicher Schmerzensschreie umtoste seine Ohren. Die Kanten des Medaillons gruben sich schmerzhaft in seine Handfläche, als sie sich verkrampfte.

Kollateralschaden, hatten sie gesagt. Deine Eltern waren Kollateralschaden.

„Einem Halbblut kann Feuer nichts anhaben, oder?“, fragte Markus. Er versuchte offenbar, das Thema zu wechseln, aber einen Moment später bemerkte er seinen Fehler.

„Dem Halbblut nicht“, entgegnete Finn grimmig. „Seinen Freunden schon.“

Markus kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Diese verfluchte Terroreinheit. Wie nennen sie sich? MJM?“

Milites Jesu et Mariae“, bestätigte Finn langsam.

„Glauben Sie, dass wir es mit denen zu tun bekommen?“

Finn sah ihn eingehend an. Markus meinte die Frage ernst. Er wollte wissen, ob der Premierminister wirklich in Gefahr schwebte.

Finn atmete tief ein. Er kannte die Antwort, aber er wollte die Gruppenmoral nicht gleich zu Beginn schmälern. Er war auch so schon als Anführer unbeliebt genug.

„Nicht auszuschließen“, erwiderte er leise und wandte sich wieder dem Fenster zu.

Markus wollte scheinbar noch etwas sagen, als sich plötzlich ein gigantischer Schatten über den Flugplatz schob. Der Fernseher änderte die Anzeige zu: Flug 32b aus Reykjavik eingetroffen. Finn konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Der Premierminister ist da.