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Kategorie: Schreibübung

Eine Geschichte beenden

Frage: Was macht man, wenn man immer nur Anfänge schreibt und dann stecken bleibt?

Gerade, wenn man längere Geschichten, ganze Romane schreiben will, kann man an einem Punkt kommen, an dem es einfach nicht mehr weitergeht.
Neil Gaiman beschreibt auf der NaNoWriMo-Seite diese plötzliche Durststrecke anhand eines Gesprächs mit seiner Agentin, die ihn bei jedem Buch wieder daran erinnert mit den Worten: »Ach, an dieser Stelle des Buches sind Sie!« Gemeint ist die Stelle irgendwo in der Mitte, wenn die anfängliche Euphorie verflogen, und das Ende noch nicht in Sicht ist. Du bist kurz davor, aufzugeben. Du weißt nicht einmal mehr, warum Du überhaupt angefangen hattest, zu schreiben.
Die Lösung sieht so aus: Du schreibst an guten und an schlechten Tagen. Du schreibst einfach. Egal, ob das Schreiben erfüllend ist, ob es Deine Bestimmung ist oder nicht, das spielt keine Rolle. Wichtig sind jetzt die Wörter, eins nach dem anderen. Finde das nächste Wort. Schreibe es hin. Und das nächste, das nächste, das nächste.

Aber auch Schreiber von kurzen Geschichten sind nicht davor gefeit, einen wunderbaren Anfang nach dem nächsten zu schreiben und keine Geschichte zu Ende zu bringen. Woran liegt es? Kannst Du Dich nicht für eine Idee entscheiden? Oder hast Du noch gar keine?
Es kann vielleicht helfen, die Übung vom letzten Mal zu wiederholen, die wir bezüglich des Anfangs gemacht haben: Überlege doch einmal, wie das Ende überhaupt aussehen soll! Wenn ich nicht bereits mit einem klaren Ziel vor Augen in eine Geschichte starte, dann entwickle ich eine Idee für das Ende unterwegs. In unserer Kaktusgeschichte vom letzten Mal (siehe unten) war das der Moment, als ich Ewald auf die Gartenschere blicken ließ. Da hatte ich ein mögliches Ende vor Augen, aber ich weiß natürlich nicht, ob die Geschichte wirklich so ausgeht. Dadurch bleibt es für mich spannend, sie überhaupt zu Ende zu schreiben.

Handelt es sich eher um ein arbeitsorganisatorisches Problem? Vielleicht findest Du nicht die Zeit, zu Ende zu schreiben und beim nächsten Mal weißt Du nicht mehr, was Dir überhaupt vorschwebte. Das ist nicht schlimm!
In solchen Situationen hilft es mir immer, die Geschichte noch einmal zu lesen und mir zu erlauben, sie einen anderen Verlauf nehmen zu lassen, als vielleicht ursprünglich geplant. Dabei hilft mir, das bereits Geschriebene ein wenig zu überarbeiten, dadurch werde ich wieder warm mit der Geschichte.

Findest Du Deine angefangene Geschichte zu schlecht, um die Arbeit zu investieren, sie weiterzuschreiben? Nun, vielleicht ist das auch wirklich so, vielleicht solltest Du sie verwerfen, je nach dem, wie viel Arbeit Du bereits investiert hast.
Eine prominente Kollegin nimmt sich der Frage an, ob Geschichten unbedingt zu Ende geschrieben werden müssen: Jacky aka J. Vellguth Sie rät: Schreib sie auf jeden Fall zu Ende, um daraus für die nächste Geschichte zu lernen. Vielleicht holst Du sie eines Tages aus der Schublade, wenn Du einiges dazugelernt hast, und überarbeitest sie zu einer noch viel besseren Geschichte. 

Wenn Ideen für neue Geschichten immer verlockender sind als die bisherigen, weil es plötzlich keinen Spaß mehr macht, weiterzuschreiben, aber die neue Geschichte macht Dir Riesenspaß – dann solltest Du es vielleicht wirklich mal versuchen und wie eingangs empfohlen einfach weiterschreiben, auch wenn es keinen Spaß macht. Nur, um es einmal erlebt zu haben, eine zu Ende zu bringen.
Fang klein an: Eine Seite, zwei Seiten, fünf Seiten, zehn Seiten, zwanzig Seiten. Bevor Du einen Roman schreibst, ein mehrbändiges Epos in einer fiktiven Welt gar, versuche es erst mal mit einer Novelle.

Du schreibst nur aus Spaß und musst kein Geld verdienen mit dem Schreiben? Warum liest Du dann diesen Artikel? 😉

Schreibübung: Schreibe ein Ende für die Kaktusgeschichte vom letzten Mal! Wenn Du merkst, dass Du die Geschichte ändern musst, damit Du zu einem funktionierenden Ende findest, dann ändere sie. Überarbeiten gehört dazu!

Der Kaktus war sein ganzer Stolz gewesen. Vom kleinen Mitbringsel an, das auf dem Schreibtisch Platz gefunden hatte, hatte er ihn gehegt und gepflegt, bis er kaum noch durch die Terrassentür passte. Das war sicher auch der Grund dafür, dass seine Frau den armen Kojoten, wie Ewald die Kaktee in seiner Jugend getauft hatte, gestern Abend nicht ins Haus geholt hatte. Sie hatte das Risiko des Nachtfrosts auf die leichte Schulter genommen. Zugegeben, im Juli war das auch recht unwahrscheinlich. Trotzdem. Wie er jetzt aussah!
Kojote war nur noch ein jämmerlicher Haufen grüner Matsch. Es schnitt Ewald ins Herz, ihn so zu sehen. Seine einst so stolzen Äste hingen schlapp herunter, waren geborsten und sein Inneres war auf die Fliesen gelaufen. Sogar Kojotes hübscher blauer Blumentopf mit den weißen Blumen, den die Kinder bemalt und ihm, Ewald, zum Geburtstag geschenkt hatten, war zerbrochen. Offensichtlich hatte Christa es gut gemeint und den Kaktus am Vorabend besonders ausgiebig gegossen.
»Christa, sieh ihn dir an!« Ewald rannten die Tränen übers Gesicht.
In Morgenmantel und Hausschuhen schlurfte sie näher. »Wasn?«
»Kojote ist tot! Du hast ihn ermordet!«
»Ich hab was?!« Jetzt war seine Frau hellwach, obwohl sie noch nicht ihre erste Zigarette geraucht, geschweige denn Kaffee getrunken hatte. Das Frühstück bereitete Ewald üblicherweise erst für sie beide, nachdem er morgens als erstes nach Kojote gesehen hatte.
»Der Kaktus! Er ist nur noch Matsche! Was hast du getan?« Er wischte sich die Tränen ab, ballte jetzt die Fäuste, sein wutrotes Gesicht verzerrt.
»Na, ich hab ihn gegossen. War ganz ausgetrocknet. War det falsch?«
»Ersäufen ist eine Sache, da hätte ich was gegen tun können. Aber du hast ihn über Nacht draußen gelassen. Er ist erfroren!«
»Erfroren? Das geht?«
Ewald raufte sich die Haare. Sein Blick fiel auf die Gartenschere.
»Hättest ihn ja selbst reinholen können.«

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Eine Geschichte anfangen

Frage: Wie kommt man in Dialoge rein?

Ich möchte das gerne ausweiten zu der Frage, wie ich allgemein Geschichten anfange. Dabei ist der Dialog nur eine von drei Möglichkeiten, die ich hauptsächlich sehe: Innerer Monolog, Beschreibung oder Dialog. Idealerweise vermischt zu einer szenischen Darstellung wie in meinem dritten Textbeispiel.

In meiner Vorstellung ist immer zuerst ein Bild da, das ich beschreibe. Das kann ein Gegenstand wie ein Kaktus sein, der vielleicht beim ersten Frost über Nacht draußen stand und sich zu Matsch verwandelt hat, das sind aber bei mir in den allermeisten Fällen Menschen. Oft habe ich zu der Situation auch ein Gefühl. Ich versetze mich also in die Figur hinein und bin sie, agiere und reagiere aus ihrer Sicht heraus. Die Voraussetzung dazu ist also, wie Andi schon im Juni vermutete, dass ich meine Pappenheimer kenne. Ich muss wissen, welches Ziel sie haben und idealerweise sollten sie nicht dasselbe haben, sonst setzen sie sich gemeinsam aufs Sofa, gucken eine Liebesschnulze und mampfen Popcorn.
Ich bin kein Fan davon, Charakterbögen mit winzigkleinen Tabellen auszufüllen, aber andere nennen das ein Spiel und es macht ihnen Spaß, so what?
Es gibt unzählige Methoden, sich den Figuren zu nähern. Manche interviewen sie, manche lassen sie Gespräche mit den Protas anderer Autor:innen führen, meine erzählen mir freiwillig aus ihrer Sicht, wie sie die Geschichte erlebt haben.

Bleiben wir mal beim Kaktus. Das jämmerliche Bild, das er jetzt noch abgibt, kann man auch als Einstieg wählen. Ich stelle mir das arme Ding in immer mehr Details vor. Wo steht bzw. stand der Kaktus? Auf einer Terrasse? Gibt es dort eine Markise? Stand er in einer Garage? Im Hinterhof? Auf einem Balkon? Wie sah der Topf aus? Groß, klein, blau mit weißen Blumen daraufgemalt? Und der Kaktus selbst? Was für ein Kaktus war das überhaupt?
Was kann man hören, was riechen und vielleicht sogar schmecken? Was ertasten?
Da ich kein Plotter bin, überlege ich mir das alles nicht bewusst im Vorfeld, sondern ich entdecke die Geschichte, während ich aus dem Bauch heraus schreibe. Es macht also nichts, wenn die vielen Fragen Dich überfordern oder sogar abschrecken. Vergiss sie einfach!
Für eine detaillierte Beschreibung kann die Bildersuche einer Suchmaschine helfen. Achtet nur darauf, nicht zu sachlich zu werden.
Dazu passen zwei Figuren, die sich gegenseitig dafür die Schuld zuschieben wollen, dann haben wir auch schon einen Konflikt.

Hier ein Innerer Monolog als Texteinstieg:

Der Kaktus war sein ganzer Stolz gewesen. Vom kleinen Mitbringsel an, das auf dem Schreibtisch Platz gefunden hatte, hatte er ihn gehegt und gepflegt, bis er kaum noch durch die Terrassentür passte. Das war sicher auch der Grund dafür, dass seine Frau den armen Kojoten, wie Ewald die Kaktee in seiner Jugend getauft hatte, gestern Abend nicht ins Haus geholt hatte. Sie hatte das Risiko des Nachtfrosts auf die leichte Schulter genommen. Zugegeben, im Juli war das auch recht unwahrscheinlich. Trotzdem. Wie er jetzt aussah!

Hier eine Beschreibung als Texteinstieg:

Kojote war nur noch ein jämmerlicher Haufen grüner Matsch. Es schnitt Ewald ins Herz, ihn so zu sehen. Seine einst so stolzen Äste hingen schlapp herunter, waren geborsten und sein Inneres war auf die Fliesen gelaufen. Sogar Kojotes hübscher blauer Blumentopf mit den weißen Blumen, den die Kinder bemalt und ihm, Ewald, zum Geburtstag geschenkt hatten, war zerbrochen. Offensichtlich hatte Christa es gut gemeint und den Kaktus am Vorabend besonders ausgiebig gegossen.

Hier ein Dialog (mit Beschreibung und innerem Monolog gemischt = szenische Darstellung) als Texteinstieg:

»Christa, sieh ihn dir an!« Ewald rannten die Tränen übers Gesicht.
In Morgenmantel und Hausschuhen schlurfte sie näher. »Wasn?«
»Kojote ist tot! Du hast ihn ermordet!«
»Ich hab was?!« Jetzt war seine Frau hellwach, obwohl sie noch nicht ihre erste Zigarette geraucht, geschweige denn Kaffee getrunken hatte. Das Frühstück bereitete Ewald üblicherweise erst für sie beide, nachdem er morgens als erstes nach Kojote gesehen hatte.
»Der Kaktus! Er ist nur noch Matsche! Was hast du getan?« Er wischte sich die Tränen ab, ballte jetzt die Fäuste, sein wutrotes Gesicht verzerrt.
»Na, ich hab ihn gegossen. War ganz ausgetrocknet. War det falsch?«
»Ersäufen ist eine Sache, da hätte ich was gegen tun können. Aber du hast ihn über Nacht draußen gelassen. Er ist erfroren!«
»Erfroren? Das geht?«
Ewald raufte sich die Haare. Sein Blick fiel auf die Gartenschere.
»Hättest ihn ja selbst reinholen können.«

Meine Textbeispiele können als fortlaufende Geschichte gelesen werden, aber sie funktionieren auch für sich als Einstieg. Du entscheidest, wo und wie Deine Geschichte beginnt. Fang also einfach innerhalb Deiner Komfortzone an und steigere Dich nach und nach mit kleinen Herausforderungen.
Viele von uns müssen sich erst mal warmschreiben und streichen den Anfang später weg. Auch ich gehöre dazu, weshalb ich bei Romanen vorher Zusammenfassungen aus Sicht der wichtigsten Figuren und aus der »Vogelperspektive« schreibe. Das ist dann schon der erste Entwurf für die Zusammenfassung des Inhalts für ein Exposé. Wenn Du lieber gleich ein Exposé schreibst, tu das, wenn man Dich damit jagen kann, bleib hier!

Schreibübung: Googel nach einem Foto von einer Pflanze, überlege dir, warum sie eingegangen ist und welche Auswirkung das auf zwei Figuren hat, die genau darüber sprechen.

Tipp: Was man machen kann, wenn einem so gar nichts einfällt, hatte ich in einem älteren Beitrag schon einmal beschrieben: Weg mit der Maurerblockade!

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Lies mal, wer da quatscht – Dialoge in Prosa (2), Figuren und ihre Konflikte in Szene setzen

Wichtiger als die Form ist beim Entwerfen eines Dialogs der Inhalt, was auch damit im Zusammenhang steht, wer da miteinander spricht. Deshalb kann man die Figurenentwicklung auch meiner Ansicht nach nie so genau von der Handlung trennen – ich schreibe figurengetrieben, andere handlungsbasiert. Ich passe lieber die Geschichte dem an, wie sich die Leute in einer bestimmten Situation verhalten würden, als die Leute dem anzupassen, was ich mir für den Verlauf der Geschichte ausgedacht habe.
Aus diesem Grund steht bei mir immer zuerst der Dialog und alles andere folgt dann danach.
Ich gehe auch nicht so heran, dass ich eine Szene konstruiere und abhake, ob ich einen Konflikt drin habe, die Spannung zu- oder abnimmt und auch ja alle Motive-Relation-Units (MRU) hübsch ins Scene-Sequel-Schema passen. Damit befasse ich mich allenfalls bei der Überarbeitung, aber nicht beim Schreiben.

Wie entwerfe ich also einen Dialog?
Ich versetze mich in die Figur, aus deren Sicht die Szene oder die Geschichte erzählt wird und lasse sie sprechen. Meistens habe ich dazu ein Anfangsbild, in das ich eintauche. Ich nehme etwas wahr, meistens habe ich ein Gegenüber (sonst kein Dialog), ich höre also, was gesagt wird, ich sehe die andere Person, ich habe Gefühle als Reaktion auf die Einflüsse, die auf mich hereinprasseln – ich erlebe die Szene so, wie der Leser sie später bestenfalls auch erleben soll. Dabei weiß ich, dass in dessen Kopf ein anderer Film läuft als in meinem – Hauptsache, da läuft einer.
Gutes Stichwort!

Der Film lief gerade an, da wurde die Tür aufgestoßen.
»Nicht abspielen!«

Da haben wir gleich einen Konflikt. Jemand will verhindern, dass der Film abgespielt wird, der soeben angelaufen ist. Das sind zwei gegensätzliche Ziele.

»Gehts noch?! Sie können hier nicht so einfach reinplatzen. Bitte begeben Sie sich auf ihren Sitzplatz oder verlassen Sie den Saal.«
»Wissen Sie, was für ein Film das ist, den Sie da zeigen wollen?« Sie versuchte, an die Maschine zu gelangen. »Schalten Sie das ab!«
Er stellte sich ihr in den Weg. »Für wen halten Sie sich? Ich bin hier der Filmvorführer. Verlassen Sie den Saal, sonst lasse ich Ihnen Hausverbot erteilen.«
»Das ist nicht nötig. Hanne Müller-Meier, Kripo Dortmund. Stoppen Sie die Vorführung.« Sie zeigte ihre Marke.

Man kann das Kräfteverhältnis hin- und herschaukeln lassen und so die Sache immer weiter eskalieren lassen. Er widersetzt sich, sie zieht die Waffe, er ist ebenfalls bewaffnet, die Verstärkung wartet schon, es entpuppt sich als ein Hinterhalt, endlich trifft das SEK ein … und um was für brisantes Filmmaterial es sich eigentlich handelt, ist immer noch nicht aufgelöst.

Was wir hier noch nicht haben, ist eine klare Erkennbarkeit der Erzählperspektive und was völlig fehlt, sind die Gefühle. Es gibt keinerlei Innenschau, denn die gäbe es ja nur aus einer Perspektive. Vermutlich ist er der Perspektivträger, da die Szene mit ihm beginnt – man sollte immer mit demjenigen anfangen, aus dessen Sicht die Szene erzählt wird, um das (also den Point of View, kurz POV) gleich klarzustellen. Ich könnte jetzt auch sie wählen, indem ich den Anfang ändere. Aber bleiben wir mal bei ihm.

Der Film lief gerade an, da wurde die Tür aufgestoßen.
»Nicht abspielen!«
Was wollte die denn hier? »Gehts noch?! Sie können hier nicht so einfach reinplatzen.« Rolf schüttelte den Kopf und wies zur Tür. »Bitte begeben Sie sich auf ihren Sitzplatz oder verlassen Sie den Saal.«
»Wissen Sie, was für ein Film das ist, den Sie da zeigen wollen?« Sie versuchte, an die Maschine zu gelangen. »Schalten Sie das ab!«
Die tickte doch nicht sauber! Er stellte sich ihr in den Weg. »Für wen halten Sie sich? Ich bin hier der Filmvorführer. Verlassen Sie den Saal, sonst lasse ich Ihnen Hausverbot erteilen.« Demonstrativ verschränkte er die Arme, um Entschlossenheit zu zeigen, doch am liebsten würde er ihr das Feld überlassen.
»Das ist nicht nötig. Hanne Müller-Meier, Kripo Dortmund. Stoppen Sie die Vorführung unverzüglich.« Sie zeigte ihre Marke.
Erleichterung machte sich in ihm breit.

Ich verwende hier das Stilmittel der erlebten Rede. Jetzt merkt man, dass er ein ganz schöner Hasenfuß ist. Das hätte man vorher nicht gedacht, oder? Nun zeigt sich auch, dass die Wahl des POV die richtige war, denn man sollte immer aus Sicht der Figur erzählen, die die größte emotionale Herausforderung hat.
Da ich bei der Polizistin keine Innenschau zur Verfügung habe, um sie zu charakterisieren, habe ich ihr noch ein Wort in den Mund gelegt. Ihn habe ich Rolf genannt, was einen Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter geben könnte.
Die Stimmung der Szene ist hier im Übrigen am Anfang aufgeladen und am Ende ruhig. Ich hätte auch von davor erzählen können, wie der Mann in aller Ruhe die Filmrolle einlegt und dann am Ende abbrechen, als plötzlich die Frau im Raum steht, das wäre dann der umgekehrte Fall. Sind Anfang und Ende ruhig, ist die Szene langweilig.

Was man jetzt noch ergänzen könnte, um Atmosphäre zu schaffen, sind Sinneswahrnehmungen wie Gerüche, Geräusche, Ertastetes. Wie riechen die Filmrollen? Riecht es nach Maschinenöl? Wie ist das Licht in dem Raum? Gibt es eine knackende funzelige Deckenleuchte, kaltes Neonlicht oder sogar nur Rotlicht? Hört man die Zuschauer Popcorn knabbern, riecht man es? Ist der Boden rutschig, sind die Wände versifft oder frisch gestrichen?
Macht das doch mal als Übung!

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100 Geschichten in 100 Tagen

In meinem eigenen Blog  habe ich es bereits angekündigt:

Ich habe vor, binnen 100 Tagen – ab dem kommenden Samstag, 09.02.21, täglich eine Geschichte zu schreiben.

100 Geschichten in 100 Tagen – wie soll das gehen?

Im Schreib-Forum machen wir jeden Abend von 20-21 Uhr eine Schreibübung namens »Schreiben gegen die Zeit« (SGZ).
Man hat genau diese Stunde Zeit, aus einem Begriff eine kleine Geschichte oder wie auch immer gearteten Text zu basteln. Das darf auch ein Gedicht sein oder auch ein Plotansatz, ein Ausschnitt eines Romans – ganz egal, Hauptsache man tippt möglichst hemmungslos irgendwas runter. Dabei gehts auch nicht um die Masse der Anschläge an sich, sondern darum, sich den Kopf freizuschreiben. Sich zu erlauben, auch mal schlecht schreiben zu dürfen. Den Kritiker geknebelt in die Ecke stellen. Um welchen Begriff es sich handelt, weiß man vorher nicht, der wird erst abends um acht bekannt gegeben. Danach wird dann gegenseitig gelesen und kommentiert.
Bei unserer wöchentlichen Übung habe ich natürlich seit Beginn nicht jede Woche teilnehmen können und so ist eine Liste mit über 100 Begriffen zustande gekommen, zu denen ich noch keine Geschichte geschrieben habe. Also wird es mal Zeit!

Für meine Zwecke werde ich die Übung etwas abwandeln. Ich mache sie nicht abends um acht, sondern gleich nach dem Aufstehen.
Da ich sie alleine mache, habe ich niemanden, der mir den Begriff vorgibt. Deshalb habe ich mir etwas einfallen lassen, wie ich mich selbst überraschen kann, um dann spontan zu einem Wort etwas zu schreiben:
1. Jeder Begriff in der Liste hat eine Nummer. Ich verwende einen Zufallsgenerator, um eine Nummer zufällig (ja, liebe IT-ler, es heißt »Pseudozufall«) aus der Liste auswählen zu lassen.
2. Timer auf 60 Minuten stellen und spätestens beim Klingeln wird veröffentlicht. Tipp: In den letzten Minuten lese ich noch mal drüber und mache letzte Korrekturen.
3. Danach wird die Nummer aus der Liste gestrichen (Zeile löschen) und für die verbleibenden Begriffe werden die Nummern neu vergeben (einfach von oben nach unten ausfüllen).
4. Und am nächsten Tag fange ich wieder bei 1. an.
Wichtig ist nicht die Reihenfolge, sondern dass jede Nummer in der Liste nur einmal auftaucht und kein Begriff leer ausgeht.

Wer will, kann mitmachen!
Meine Liste mit den Begriffen werde ich demnächst – rechtzeitig vor Beginn der Aktion am 09.01.21 – in meinem Blog  zur Verfügung stellen. Es laufen dann jeweils nach meinem Beitrag 24 Stunden, innerhalb derer der eigene Beitrag gepostet werden kann.
Wer vor dem Schreiben des jeweiligen SGZ über den Begriffen brütet, pfuscht!

Ich behaupte, das ist zu schaffen, jeden Tag eine Stunde zu schreiben. Ob jeden Tag eine Perle daraus hervorgeht, wird sich zeigen. Aber es ist möglich!
Jeweils die beste Geschichte einer Woche wähle ich für die Schreibkommune aus. Ich veröffentliche hier also in den nächsten Wochen immer donnerstags eine Kurzgeschichte von mir, die erste schon am 14.01.21!
Ob ich die Aktion 100 Tage am Stück überhaupt durchhalte? Das sind immerhin über drei Monate! Ich weiß es nicht, aber da mich der letzte NaNoWriMo so beflügelt hat, dass ich innerhalb von drei Wochen meinen halb fertigen Roman zu Ende schrieb, kann ich es mir sehr gut vorstellen.

Wer möchte mitmachen? 😀

Sollte ich die Aktion abbrechen müssen, poste ich hier stattdessen bereits fertige Geschichten.

Das Kinderzimmer

In unserem Forum werden die unterschiedlichsten Schreibübungen angeboten. Aus so einer Schreibübung stammt folgender Text. Die Aufgabe war, eine Situation aus dem Blickwinkel von mindestens zwei Personen zu beschreiben.

Irina
„Bis heute Abend mein Schatz, hab einen schönen Tag“. Robert küsst mich. Kurze Zeit darauf höre ich die Wohnungstüre. Er ist weg.
Nachdenklich wälze ich mich aus dem Bett. Das ist gar nicht mehr so einfach mit diesem Riesenbauch, den ich vor mir herschiebe. Noch vier Wochen, dann wird unser Baby da sein.
Ich öffne die Türe zum Kinderzimmer.
Sonnengelb gestrichene Wände mit einer fröhlichen Wandbordüre, ein Mobile an der Decke, unter dem Fenster der Stubenwagen. – Ansonsten gähnende Leere.
Ich verstehe Robert nicht. Wir hatten schon vor Monaten darüber gesprochen, wie das Zimmer aussehen soll. Er hatte so viel Spaß bei der Planung und hat alles penibel aufgezeichnet. Danach waren wir in den Möbelhäusern der Umgebung, nichts hat ihm gefallen! Kopfschüttelnd mache ich die Türe wieder zu.
Hat meine Freundin Gaby Recht wenn sie mir rät, einfach ein Zimmer zu kaufen und ihn vor vollendete Tatsachen zu stellen? Wenn Robert das mit mir machen würde, wäre ich sehr verärgert. Nein, ich werde warten. In den ersten Wochen reicht ja auch der Stubenwagen.
Gestern ist er wieder so spät von der Arbeit gekommen. Gabys Andeutung, dass er vielleicht fremdgeht, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Was soll ich nur tun? Sein Handy durchsuchen, wie Gaby es mir riet, werde ich auf keinen Fall. Doch ich muss diesen Gedanken loswerden. Er frisst mich auf. Wenn er mir das jetzt antut, wo ich schwanger mit unserem gemeinsamen Kind bin, kann er sich gleich zum Teufel scheren. So einen Mann will ich nicht.
Er hat sich so sehr gefreut, als sich unser Kleines anmeldete. Sein Leuchten in den Augen sprach Bände. Vielleicht mag er mich nicht mehr, so wie ich jetzt bin? Mein dicker Bauch und die Krampfadern sind nun wirklich nicht schön. Und meine starken Stimmungsschwankungen erschrecken mich manchmal selbst.
Wir haben uns vor über zehn Jahren kennengelernt. Sind ein paar schwierige Monate ein Grund zum Fremdgehen? Habe ich einen Schönwettermann geheiratet? Wenn er zu Hause ist, ist er sehr fürsorglich. Aber er ist kaum noch da. Vielleicht flüchtet er ja nur in die Arbeit? Ich hoffe es so sehr.
Ich watschle in die Küche und mache mir einen Tee. Das Brot ist mir zu trocken, anstatt dessen schnappe ich mir Tafel Schokolade und setze mich ins Wohnzimmer. Morgen habe ich einen Termin beim Frauenarzt. Robert kann diesmal leider nicht mit. Er hat einen Gesprächstermin mit einem Kunden.

Robert
Meine Finger streichen sanft über das leicht rötliche, geölte Holz. Morgen ist es endlich so weit. Ich werde das Kinderzimmer aufbauen, während sie beim Frauenarzt ist. Die letzten Wochen habe ich jede freie Minute in der Firma verbracht und trotzdem hätte ich es nicht geschafft, hätten Olli und Werner mir nicht geholfen. Aber es ist so schön geworden. Den Stoff für den Himmel habe ich Irinas Mutter gebracht, da muss ich morgen auch noch vorbeifahren. Sie hat mir eine Nachricht aufs Handy geschickt, dass sie fertig ist und ich auch das Nestchen und die Bettwäsche schon mitnehmen kann.
Ich freue mich so. Das wird eine Überraschung werden.
Die letzte Zeit hat sich Irina sehr zurückgezogen. Ich verstehe das, so eine Schwangerschaft ist kein Spaziergang. Mir zerspringt fast das Herz vor Freude wenn ich sie ansehe. Sie wird von Tag zu Tag schöner und ich bin so gespannt, wie unsere Tochter aussehen wird. Der Frauenarzt wollte sich nicht festlegen, aber ich bin mir sicher, es wird ein Mädchen werden.
Die letzten Wochen, während ich an dem Kinderzimmer arbeitete, fühlte ich mich so glücklich, so reich beschenkt mit meiner wunderbaren Frau, die nun Mutter unseres gemeinsamen Kindes wird.
Wir waren mehrere Male in verschiedenen Möbelhäusern um ein Kinderzimmer auszusuchen und jedes Mal wurde es schwieriger, ihr den Kauf auszureden. Sie wollte so gerne alles vorbereitet haben, das war deutlich zu spüren. Das Zimmer wird Irina gefallen. Es ist genau so, wie wir es uns ausgemalt haben. Und es ist gut geworden, ich bin schon ein bisschen stolz auf mich. Es war mir sehr wichtig, etwas für unser Kleines zu tun, das nur ich tun kann.
So, und jetzt fahre ich noch an den Bahnhof und hole Irina eine Schachtel Pralinen. Ganz im Gegensatz zu sonst, mag sie die letzten Wochen so süßes Zeug und ich möchte ihr gerne eine Freude machen.

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