Frage: Wie kommt man in Dialoge rein?

Ich möchte das gerne ausweiten zu der Frage, wie ich allgemein Geschichten anfange. Dabei ist der Dialog nur eine von drei Möglichkeiten, die ich hauptsächlich sehe: Innerer Monolog, Beschreibung oder Dialog. Idealerweise vermischt zu einer szenischen Darstellung wie in meinem dritten Textbeispiel.

In meiner Vorstellung ist immer zuerst ein Bild da, das ich beschreibe. Das kann ein Gegenstand wie ein Kaktus sein, der vielleicht beim ersten Frost über Nacht draußen stand und sich zu Matsch verwandelt hat, das sind aber bei mir in den allermeisten Fällen Menschen. Oft habe ich zu der Situation auch ein Gefühl. Ich versetze mich also in die Figur hinein und bin sie, agiere und reagiere aus ihrer Sicht heraus. Die Voraussetzung dazu ist also, wie Andi schon im Juni vermutete, dass ich meine Pappenheimer kenne. Ich muss wissen, welches Ziel sie haben und idealerweise sollten sie nicht dasselbe haben, sonst setzen sie sich gemeinsam aufs Sofa, gucken eine Liebesschnulze und mampfen Popcorn.
Ich bin kein Fan davon, Charakterbögen mit winzigkleinen Tabellen auszufüllen, aber andere nennen das ein Spiel und es macht ihnen Spaß, so what?
Es gibt unzählige Methoden, sich den Figuren zu nähern. Manche interviewen sie, manche lassen sie Gespräche mit den Protas anderer Autor:innen führen, meine erzählen mir freiwillig aus ihrer Sicht, wie sie die Geschichte erlebt haben.

Bleiben wir mal beim Kaktus. Das jämmerliche Bild, das er jetzt noch abgibt, kann man auch als Einstieg wählen. Ich stelle mir das arme Ding in immer mehr Details vor. Wo steht bzw. stand der Kaktus? Auf einer Terrasse? Gibt es dort eine Markise? Stand er in einer Garage? Im Hinterhof? Auf einem Balkon? Wie sah der Topf aus? Groß, klein, blau mit weißen Blumen daraufgemalt? Und der Kaktus selbst? Was für ein Kaktus war das überhaupt?
Was kann man hören, was riechen und vielleicht sogar schmecken? Was ertasten?
Da ich kein Plotter bin, überlege ich mir das alles nicht bewusst im Vorfeld, sondern ich entdecke die Geschichte, während ich aus dem Bauch heraus schreibe. Es macht also nichts, wenn die vielen Fragen Dich überfordern oder sogar abschrecken. Vergiss sie einfach!
Für eine detaillierte Beschreibung kann die Bildersuche einer Suchmaschine helfen. Achtet nur darauf, nicht zu sachlich zu werden.
Dazu passen zwei Figuren, die sich gegenseitig dafür die Schuld zuschieben wollen, dann haben wir auch schon einen Konflikt.

Hier ein Innerer Monolog als Texteinstieg:

Der Kaktus war sein ganzer Stolz gewesen. Vom kleinen Mitbringsel an, das auf dem Schreibtisch Platz gefunden hatte, hatte er ihn gehegt und gepflegt, bis er kaum noch durch die Terrassentür passte. Das war sicher auch der Grund dafür, dass seine Frau den armen Kojoten, wie Ewald die Kaktee in seiner Jugend getauft hatte, gestern Abend nicht ins Haus geholt hatte. Sie hatte das Risiko des Nachtfrosts auf die leichte Schulter genommen. Zugegeben, im Juli war das auch recht unwahrscheinlich. Trotzdem. Wie er jetzt aussah!

Hier eine Beschreibung als Texteinstieg:

Kojote war nur noch ein jämmerlicher Haufen grüner Matsch. Es schnitt Ewald ins Herz, ihn so zu sehen. Seine einst so stolzen Äste hingen schlapp herunter, waren geborsten und sein Inneres war auf die Fliesen gelaufen. Sogar Kojotes hübscher blauer Blumentopf mit den weißen Blumen, den die Kinder bemalt und ihm, Ewald, zum Geburtstag geschenkt hatten, war zerbrochen. Offensichtlich hatte Christa es gut gemeint und den Kaktus am Vorabend besonders ausgiebig gegossen.

Hier ein Dialog (mit Beschreibung und innerem Monolog gemischt = szenische Darstellung) als Texteinstieg:

»Christa, sieh ihn dir an!« Ewald rannten die Tränen übers Gesicht.
In Morgenmantel und Hausschuhen schlurfte sie näher. »Wasn?«
»Kojote ist tot! Du hast ihn ermordet!«
»Ich hab was?!« Jetzt war seine Frau hellwach, obwohl sie noch nicht ihre erste Zigarette geraucht, geschweige denn Kaffee getrunken hatte. Das Frühstück bereitete Ewald üblicherweise erst für sie beide, nachdem er morgens als erstes nach Kojote gesehen hatte.
»Der Kaktus! Er ist nur noch Matsche! Was hast du getan?« Er wischte sich die Tränen ab, ballte jetzt die Fäuste, sein wutrotes Gesicht verzerrt.
»Na, ich hab ihn gegossen. War ganz ausgetrocknet. War det falsch?«
»Ersäufen ist eine Sache, da hätte ich was gegen tun können. Aber du hast ihn über Nacht draußen gelassen. Er ist erfroren!«
»Erfroren? Das geht?«
Ewald raufte sich die Haare. Sein Blick fiel auf die Gartenschere.
»Hättest ihn ja selbst reinholen können.«

Meine Textbeispiele können als fortlaufende Geschichte gelesen werden, aber sie funktionieren auch für sich als Einstieg. Du entscheidest, wo und wie Deine Geschichte beginnt. Fang also einfach innerhalb Deiner Komfortzone an und steigere Dich nach und nach mit kleinen Herausforderungen.
Viele von uns müssen sich erst mal warmschreiben und streichen den Anfang später weg. Auch ich gehöre dazu, weshalb ich bei Romanen vorher Zusammenfassungen aus Sicht der wichtigsten Figuren und aus der »Vogelperspektive« schreibe. Das ist dann schon der erste Entwurf für die Zusammenfassung des Inhalts für ein Exposé. Wenn Du lieber gleich ein Exposé schreibst, tu das, wenn man Dich damit jagen kann, bleib hier!

Schreibübung: Googel nach einem Foto von einer Pflanze, überlege dir, warum sie eingegangen ist und welche Auswirkung das auf zwei Figuren hat, die genau darüber sprechen.

Tipp: Was man machen kann, wenn einem so gar nichts einfällt, hatte ich in einem älteren Beitrag schon einmal beschrieben: Weg mit der Maurerblockade!

Habt ihr noch Fragen dazu? Habt ihr einen Wunsch für ein bestimmtes Thema?

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