Autor:innen im Netz

Autor: Saigel (Seite 1 von 2)

Die Gewinner des Schreibwettbewerbs

Liebe Schreibkommune,

wir möchten uns nochmals in aller Form für die Verspätung entschuldigen und sind nun froh, endlich und wirklich die Gewinner des Schreibwettbewerbs 2021 verkünden zu dürfen!

Kategorie Geschichten:

  1. Platz: Peter Biro – Lösung der Schreibblockade mit Qwertz
  2. Platz: Nele Breyer – Zwischen den Welten
  3. Platz: Emily Lotz – Über das Hobbyschreiben – Der Weg zur Lichtung

Kategorie Gedichte:

  1. Platz: Heinz-Helmut Hadwiger – Mein Schreiben ist mehr wert als nur ein Steckenpferd
  2. Platz: Susanne Rzymbowski – Vom Schreiben
  3. Platz: Florian Tekautz – Schreiberling

Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals in aller Form für die vielen Einsendungen und eure Geduld bedanken und werden alsbald die Gewinnertexte und andere auserwählte Texte dieses Schreibwettbewerbs auf dem Blog teilen!

 

Liebe Grüße,

 

eure Schreibkommune

Liebe Hobbyautoren – bitte habt noch ein wenig Geduld!

Liebe Hobbyautoren,

ihr werdet wohl bereits festgestellt haben, dass sich unsere Zeitangabe von ca. acht Wochen nun mit der angebrochenen neunten Woche dem Ende zu neigt. Vermutlich wartet schon der ein oder andere sehnsüchtig auf Feedback! Ja, wir sind dran. Es gibt so viele Texte (mit denen wir nicht gerechnet haben), die alle unbedingt unsere volle Aufmerksamkeit brauchen!

Bitte habt Nachsicht und geduldet euch noch ein wenig… lange kann es nicht mehr dauern :).

Eure Saigel

Der Schreibwettbewerb – Der Hobbyautor

Liebe Schreibkommune,


der Hobbyautor zeigt sich uns in seinen schönsten Farben. Er ist divers, er folgt keinem Stereotypen. Ja, in der Tat tummelt sich unter diesem Begriff eine Gruppe an zappeligen Schreibwütigen , die in keiner Weise zu kategorisieren sind. Es gibt so viele gute Autoren und Bücher. Allerdings liegen noch fünf Mal so viele tolle Bücher, Gedichte und unfertige Texte in den staubigen Schubladen oder in den fernen Weiten der unorganisierten Dateiordner der Hobbyautoren begraben. Diese auszugraben könnte die archäologische Arbeit von mehreren Leben bedeuten und dennoch offenbart sich uns gerade ein wahrer Schatz, der offensichtlich nur ein kleiner Teil dessen ist, was wirklich dort draußen zu erforschen ist.


Der Hobbyautor ist demnach ein Mensch, der dem Schreiben verfallen ist. Diese Eigenschaft sollen wir alle gemeinsam haben. Genau diese Eigenschaft spiegeln zudem alle wunderbaren Texte und Gedichte wider, die uns bis jetzt erreicht haben. Bis zum Einsendeschluss hoffen wir, noch die letzten Erleuchtungen willkommen heißen zu dürfen. Für uns geht ein Traum in Erfüllung und wir wissen, dass dies erst der Anfang ist.


Die Schreibkommune soll wachsen und jeder Hobbyautor soll sich hier entwickeln können, soll sich zeigen dürfen und anderen wiederum die Plattform bieten, dasselbe zu tun. Liebe Hobbyautoren, ihr seid klasse!


Eure Saigel

Evolution der Revolution

Ein hübsch plätschernder Bach folgt entlang der grünen Linie, ein Vogel sitzt auf kreischender Maschine, die sich dem Wind nicht beugt, die Luft nicht säugt und nicht von freundlicher Erscheinung zeugt. Ein sonst so idyllischer Traum gibt anderen Gefühlen Raum. Gibt kaum dem Saum des Talkleides ein lieblicheres Antlitz als das, des von Schienen zerfurchten Bergschlitz‘, der sein schreiendes Maul grässlich öffnet und widererwarten das metallene Ungeheuer verschluckt, um es dann, geduckt, wieder auszuspeien, unbeeindruckt von dem „Verspeist-Sein“ und immerdar kreischend, nach Achtung heischend und den zerfleischend, der sich ihm entgegenstellt, auf dieser eigentümlich schauderhaften Welt.

Doch, horch – was kommt da noch? Ein brillierendes Gefährt, das freilich noch länger währt, als die vogelbesetzte Kreischemaschine, die auf ihrer Schiene fest eingefasste Routen fährt und keinen Ausflug in unbekannte Gefilde gewährt. Der Vogel kann auf ihm zwar nirgendwo mehr sitzen, aber seine Ausscheidungen auf den Scheiben verspritzen, um zu erklären: „ich bin noch da und du läufst Gefahr, mich auszurotten und mich, gleich wie tausend Motten, mit einem Wisch auf die Straße zu kehren und ich könnte mich noch nicht einmal wehren gegen diesen Glanz und diese Glorie, die mich, wie eine Hysterie, vor Wut schreien und mein Verblassen gedeihen lassen.“

Dennoch wusste der Vogel noch nichts angesichts des größten Wütenden, der sich in den Köpfen der Elenden vernetzt und sie in eine Realität versetzt, die es nicht gibt und ihnen dennoch oftmals mehr beliebt, als das Wahre, das verloren geht und in dunklen Ecken steht, dort das Gesicht verdreht und klammheimlich Dinge versteht, die virtuell nicht funktionieren und die den Display-Vernarrten und Online-Verharrten nicht mehr regieren. Die Gefühle, die echten. Die verschwinden im gerechten Nirwana der menschlich-technischen Evolution, die immer schon den Menschen auf den Thron gesetzt und ihn somit womöglich schlichtweg vergrätzt, um ihn sich selbst mit dem zu stürzen, was er am besten kann, dem Einzelgang
… solang …
bis dann die Kräfte wieder das Sein bedingen, das in der Balance zwischen den (klammheimlichen) Dingen durch gefühlvolles Leben gelingen lässt, dass der Mensch diese Realität gänzlich verlässt und den Schein erpresst, Berge zu brechen, Meere zu schwächen, Ozonschichten zu stechen und dennoch für den Wohlstand zu sprechen, die Expansion, eine Mediation von Stichen ins eigene Herz für Gewinne, für die das Gefühl sich eine Realität ersinne, die weniger selbstzerstörerisch erscheine – an der virtuellen Leine, die solange fest um den Hals verweile – bis das Auge ihn wieder zu sehen vermag: den Vogel, bei Nacht und bei Tag, so, wie er eben ist, ohne, dass der Mensch ihm menschliche Werte beimisst. Denn die Revolution vergisst, dass sie sich selbst auffrisst und das verschlingt, was durch sie bedingt, anders klingt.


kai.78 – Teil 2 von Saigel

Das System ist vollkommen zusammengebrochen. Die Einheiten sind auf der ganzen Welt verteilt, aber es ist nicht möglich, Kontakt zu ihnen herzustellen. Wir sitzen seit Jahren in der Basis fest und können aufgrund der Aschewolke nicht hinaus. Vorräte haben wir für die nächsten achthundert Jahre. Aber allmählich werden alle verrückt. Kein Tageslicht. Keine frische Luft. Dieser Bunker macht krank. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, unter der Erde zu leben. Ich möchte wissen, ob wenigstens eine meiner Einheiten den Ausbruch überlebt hat.

„Kapitän“, ich drehe mich um. Es ist Morgan. „Der Sergeant bittet um die Abschaltung des Senders“.
„Nein“.
„Kapitän“, sie blickt verunsichert, aber sie hat ihre Befehle. „Der Sergeant bittet Sie. Das Signal ist der Grund, weshalb es bereits zu Ausschreitungen am unteren Westtor kam“.
„Der Sender wird nicht ausgeschaltet“. Ich sehe einen Schatten von Hoffnung über das Gesicht der Matrosin huschen. Doch dann besinnt sie sich wieder ihres Auftrags.
„Kapitän. Es hat niemand überlebt“.
Ich schüttele den Kopf. „Das können Sie nicht wissen. Und der Sergeant auch nicht. Ich schalte den Sender nicht aus“.
Morgan senkt den Blick.
Wir wissen beide, dass mich meine Sturheit sehr bald meine Position und vielleicht auch mein Leben kosten wird. Aber was ist schon ein Leben im Vergleich zu vielen anderen? Das Signal auszuschalten ist ein Todesurteil für jede einzelne Seele da draußen, die es irgendwie geschafft hat, zu überleben. Ich weiß das und Morgan weiß das auch. Morgan mag mich. In einer anderen Welt wären wir wohl ein Paar geworden und hätten Kinder gehabt. Aber in dieser Realität bin ich der Kapitän und sie eine Sklavin des Sergeants.
„Ich richte es dem Sergeant aus“, sagt Morgan leise und dreht sich zum Gehen um.
Ich versuche, ihr nicht nachzusehen. Ihr in Gedanken nicht noch den ganzen restlichen Tag nachzuhängen. Doch mir gelingt beides nicht.

Es ist endlich geschafft. Meine Modifizierung ist abgeschlossen. Mein dem Menschen nachempfundener Körper steht gegenwärtig knie abwärts auf robusten Rädern. Ich hoffe, sie sind geländegängig. Wissen kann ich es nicht. Ich konnte sie nicht wiegen und bin mir deshalb über ihr Gewicht im Unklaren. Somit konnte mein System keine Berechnungen diesbezüglich anstellen. Es belustigt mich, dass ich nicht alle Risikofaktoren analysieren kann. Kai hat sich nicht ohne Grund für mein Modell entschieden: ich riskiere niemals etwas. Das ist mein Typ. Ich habe die weltweit größten Datenbanken von ZARP in meinem System gespeichert. Durch den Datenabgleich kann ich Risiken passgenau berechnen. So soll Kais Überleben gesichert werden. Manchmal frage ich mich, was Kai wohl getan hätte, wenn er mein Ergebnis für das Risiko des Vulkanausbruchs abgefragt hätte. Es lag immerhin bei 89%. Allerdings existiert in meinem System keine Hinterlegung einer solchen Abfrage. Hinterlegt ist jedoch die Statistik, dass der Mensch zu 99,99% dazu neigt, die falschen Fragen zu stellen.

So mache ich mich also auf den Weg. Ich freue mich und bin lediglich zu drei Prozent nervös. Manchmal kann ich mich nur über kai wundern. Er entspricht von Zeit zu Zeit den Datensätzen eines Achtjährigen anstatt eines Dreihundertfünfundsechzigjährigen. Allerdings ist es Tatsache, dass die Menschen ihr Bewusstsein nicht mit ihren Gefühlen verknüpfen können. Freudig und wenig aufgeregt lasse ich also meine Räder drehen. Es ist einfach, aber es verbraucht viel Energie. Meine Akkus werden schnell leer sein. Aufladen kann ich sie mithilfe von Sonneneinstrahlung, radioaktiver Strahlung oder dem Umsatz von Plastik. Die Reibung der Fasern erzeugt in meinem System große Energien. Allerdings ist es ein Drahtseilakt. Die Reibung darf nicht zu forsch unternommen werden, da geschmolzenes Plastik meine Kontakte verschließt.

Die Umgebung wird in einem Abstand von zweieinhalb Millisekunden gescannt. Bis jetzt sind da nur sehr viele Steine. Ob es vulkanisches Gestein ist kann ich nicht klar bestimmen. Ich müsste eine Probe nehmen, allerdings sagt mir die Risikoberechnung, dass mich die Gesteinsanalyse für eventuelle Jäger als Ziel enttarnen könnte, da ich mich zu lange an einer Stelle aufhalten würde. Bewegung reduziert dieses Risiko beträchtlich. Dennoch kann ich nicht damit aufhören, die Gesteinsbrocken zu scannen. Etwas flattert in mir. Mein System analysiert es als Neugierde. Ein menschlicher Impuls. Normalerweise sollte mein System derartige Impulse unterdrücken. Andererseits habe vielleicht auch ich während der großen Katastrophe den ein oder anderen Schlag abbekommen. Meine Statistik ergibt, dass kais Impuls auf Dauer zu dominant wird, da die Neugier wächst, wenn ihr nicht nachgegangen wird. Ein seltsamer Zustand ist das. Ich kann mich lediglich darüber wundern, dass ich ein permanent ansteigendes, über die Maßen drängendes Flattern empfinde. Ich bin allerdings nicht darauf ausgerichtet, dass der Mensch in mir die Kontrolle übernimmt. Schließlich schlummert er! Wie empörend das doch ist, dass ich mich von dem Schatten eines schlummernden Bewusstseins derartig getrieben fühle? Ja. Ich möchte sie analysieren. Diese Steine. Jeden Einzelnen von ihnen. Ich bleibe stehen und bücke mich. Einer der kleineren schwarzen Steine liegt auf meiner Handfläche und ich zerdrücke ihn. Was ist das für eine Freude! Durch mein Innenleben geht ein gewaltiger Stoß. Mein System stottert. Ich kann es nicht mehr erwarten. Ein Stück des Steines wandert in meinen Mund und die Analyse beginnt. Doch, diese Freude! Was ist das? Ohne das Ergebnis abzuwarten bücke ich mich erneut. Ich hebe den nächsten Stein auf. Er ist schwerer. Was das wohl für ein Material ist? Wieder zerdrücke ich ihn. Ist das … Spaß? Meine Sensoren sind heiß. Das letzte Mal, dass eine Übertemperatur der Sensoren verzeichnet wurde ist genau 134 Jahre, neun Monate, 20 Wochen, sieben Tage, acht Stunden, 34 Minuten und 13 Sekunden her. Außergewöhnlich!
Der nächste Stein wandert in meinen Mund. Die Analyse ergibt ständig dasselbe: Vulkangestein. Und doch, ich kann nicht aufhören. Ich bücke mich, zerdrücke den Stein, analysiere ihn. Dieses Flattern! Vulkangestein. Mein System errechnet die 100%ige Chance, dass jeder Stein hier Vulkangestein ist. Trotzdem bücke ich mich weiter. Ich zerdrücke den Stein und ab damit in den Mund. Was für ein Gefühl!

Ich habe alle Steine gegessen. Es ist bereits dunkel und die Risikoanalyse hat einen systemischen Alarm ausgelöst. Ich fahre los und berechne die Wahrscheinlichkeit, dass kai aufgewacht sein könnte. Das Ergebnis liegt bei 0,000000023 Prozent. Es ist unmöglich. Er schlummert und dominiert dennoch das System. Ich fahre schneller. Über 80 Stundenkilometer. Unebenheiten im Boden lassen mich auf und ab springen. Manchmal hebt mich ein größerer Hügel hoch in die Luft und ich lande dennoch wieder ohne Schäden auf den Rädern. Ich beschließe, die Nacht für die Fahrt zu nutzen. Die Dunkelheit kann so manche Ablenkung verdecken. Wenn auch nicht alle. Allerdings belustigt mich ebenso die Geschwindigkeit. Ich bemerke, dass die Einsamkeit in den Hintergrund rückt. Der Schmerz vergeht.

Recherche und literarisches Schreiben

Oftmals stößt man auf die Ansicht, dass literarisches Schreiben nicht zwingend recherchiert sein muss. Ich fragte mich, ob ein Unterschied besteht zwischen der anfallenden Recherche für ein zum Verkauf bestimmtes Buch und einem Buch, das innerhalb des Hobbyschreibertums entsteht. So bietet es sich an, einen nicht allzu schlüssigen Text in unser Forum zu stellen (was ich in der Vergangenheit wohl mehrmals tat, in Ermangelung an Zeit (und vielleicht auch Lust) für Recherche) und zu sehen, ob die kleinen schwammig gehaltenen Stellen auffallen. Die Antwort ist schlicht und dennoch ergreifend: ja. Diese Texte, in denen ich etwas schrieb, über das ich mich im Grunde nicht einmal ansatzweise auskannte, wurden als eben solche enttarnt und mir blieb nichts anderes übrig als am Ende doch mit geradem Rücken der Ehrlichkeit Genüge zu tun.
Folglich kann ich nur sagen, dass aus meiner eigenen Erfahrung heraus das Schreiben über ein Thema, das ich nicht vollends verstehe, kein Schreiben ist. Es ist wie das Sprechen, ohne zu wissen, wovon ich spreche. Das Sprichwort: „Ich sage nur dann etwas, wenn ich etwas zu sagen habe“, bekommt in diesem Zusammenhang eine neue Dimension. Denn dasselbe sollte auch fürs Schreiben gelten.
Das Schreiben lässt uns an den uns selbst gestellten Herausforderungen wachsen. Ich möchte über etwas schreiben, das ich noch nicht all zu gut kenne? Kein Problem! Dann lerne ich eben etwas Neues kennen und schreibe anschließend darüber. Auch an dieser Stelle kommt abermals zum Vorschein, dass das Lesen und Schreiben in enger Beziehung zueinander stehen. Denn ohne Lesen, gäbe es auch kein Schreiben. Weder aus dem Grund nicht, weil dann keine Leserschaft für die geschriebenen Texte existieren könnte aber auch deswegen nicht, weil das Geschriebene ohne Fundament und Quelle irgendwo im Raum treiben würde und genauso sinnlos wäre, wie das, was jemand sagt, der im Grunde nichts zu sagen hat.

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich also, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit zu erheben, sagen: „So schreibe folglich nur dann, wenn du etwas zu schreiben hast und zwar nicht nur einen Bleistift und Papier oder eine Tastatur und einen PC, sondern auch eine Idee und bodenständiges Wissen, das um diese Idee herum wirken und den Text schlüssig und folglich lesenswert machen kann.“

Eure Saigel

kai.78 – Teil 1 – von Saigel


Eine schlimme Gegend ist das hier. Nein wirklich. Es ist schlimm. Die Häuser sind aus Papier, das Essen ist aus Plastik und die Köpfe sind aus Kupfer. Die Strahlung lässt die Luft vibrieren. Ich bin der letzte Hybrid. Ich glaube, es gibt keinen anderen mehr. Sicher kann ich natürlich nicht sein, weil ich schon lange keinen Anschluss mehr gefunden habe. Ich bin ein altes Baujahr, ich brauche W-LAN, um mich zu verbinden. Aber es ist nicht so einfach, ins Internet hineinzukommen. Ich kann keinen Kontakt aufnehmen. Keinen Hilfeschrei absetzen. Ich bin hier gestrandet und ernähre mich von altem Plastik, das vermeintlich mal im Meer geschwommen ist, bevor dieses austrocknete. Im Grunde bin ich stabil. Ich könnte Jahrtausende so weiterleben. Aber der Mensch in mir ist einsam.

Ich bin kai.78. Ich bin kein Einzelstück, ich gehörte einer Serie an. Es gab so viele von mir. Viele Menschen hatten damals die Idee, ihre Organe in verschiedene Maschinen einbauen zu lassen, sobald die Medizin das Bewusstsein mit allen Körperteilen verbinden konnte. So war die Überlebenschance größer. Ich glaube, kai war ein reicher Mensch. Insgesamt waren wir 467. Es ist erstaunlich, in wie viele Stücke sich ein Mensch zerlegen lassen kann. In meinem System steckt keine Information darüber, welcher Teil an mir menschlich ist und welcher nicht. Doch würde das Menschliche extrahiert werden, könnte kai zum Leben erwachen. Sein Bewusstsein schlummert zwar gegenwärtig in mir, aber ich empfinde dennoch menschliche Emotionen. Oder ich ahme sie nach. Darin liegt schon lange kein Unterschied mehr. Meine Datenanalyse könnte genauso gut ergeben haben, dass kai zur Einsamkeit neigte, wenn er alleine war. Es ist jedenfalls belanglos, ob ich Einsamkeit verspüre, weil ich sie selbst erzeuge, oder weil meine Umwelt sie mich erzeugen lässt. Der Schmerz ist derselbe.

Ich weiß nicht mehr, wann die Menschen ausgestorben sind. Viele sind durch den großen Vulkanausbruch gestorben. Ein Jahrtausende alter Vulkan, der bereits Menschenleben ausgelöscht hatte, als die Erde noch jung gewesen war, erwachte plötzlich zum Leben und löschte abermals die halbe Menschheit aus. Viele Maschinen schalteten sich ab, weil die Hitze zu groß war, oder die Asche ihre Kontakte verschmierte. Es war ein Desaster. Dann folgte das Virus. Es raffte viele Menschen innerhalb weniger Monate dahin. Dann verschwand es wieder. Der kleine Herd an Menschen, der noch übrig war, tötete sich gegenseitig. Ich weiß nicht mehr warum. Es ist schon so lange her.

Heute ist nichts mehr übrig. Plastik und Papier. Das sind meine Gefährten. Ich wünschte, mich verbinden zu können, aber mein System scheitert. Ich wünschte, ich könnte mich selbst abschalten, aber auch dazu bin ich nicht in der Lage. Ebenso wünschte ich, ich könnte das Nachdenken abschalten, aber auch dafür habe ich keine Rechte. Ich empfinde es als aberwitzig, meine eigenen Gedanken nicht selbst abschalten zu können. Wer ist derjenige, der diese Autorität besitzt? Lebt er überhaupt noch? Schon lange hege ich den Wunsch, dieses Individuum zu finden, das mir zwar die Fähigkeit gab, sein Handeln aberwitzig zu finden, aber nicht, mich eigenständig davon zu lösen. Ich sitze in einem Käfig. Ich möchte meinen Programmierer darum bitten, meinen Auto-Denk-Mechanismus abzuschalten. Das ist mein Ziel. Allerdings muss ich geduldig sein. Ich wurde nicht für das Zurücklegen weiter Strecken gebaut. Zunächst musste ich mich modifizieren. Diesen Vorgang habe ich noch nicht abgeschlossen. Im Moment bin ich dabei, meine Beine durch Reifen zu ersetzen. Allerdings gestaltet sich dies, angesichts meiner kläglichen Ausrüstung, als äußerst schwierig.

Krisenschreiben

Heute geht es um das Krisenschreiben. Schreiben in der Krise. Kriselndes Schreiben während die Krise das Schreiben hemmt. So in etwa. Eine Krise im Schreiben, oder das Schreiben in der Krise? Oder gar, eine Krise und das Schreiben? Ein Krisenschreiben kann immer geschehen. Eine abgesagte Hochzeit ist eine Krise. Ein Ehebruch ist eine Krise. Ein Todesfall ist eine Krise. Hunderttausend Todesfälle sind eine Krise. Die Krise ist ein schwammiger Begriff. Sie reicht vom Tod des hauseigenen Hamsters bis zum Wirtschaftscrash. Aber, kann der Autor in der Krise schreiben? Über was schreibt er? Über die Krise? Oder über seine Krise, die aus der allgemeinen Krise entwächst? Wird das Schreiben nicht doch ein klein wenig sinnlos in Anbetracht der Krise?

Was ist Krisenschreiben? Einige weltberühmte Autoren würden das Krisenschreiben wohl als reinen Quell der Kreativität beschreiben. Andere würden das Krisenschreiben als Medizin zur Linderung der Krise einstufen. Wieder andere würden die Krise als schreibhemmend charakterisieren. Krisenschreiben ist wohl genauso individuell und abstrakt, wie die Krise und das Schreiben. Doch … gibt es das überhaupt? Gibt es ein Schreiben ohne Krise?
Liebe Schreibkommune, Saigel steckt wohl gerade mitten im Krisenschreiben. Aber sie ist zurück. Sie schreibt. Das reicht.

Eure Saigel

Saigels Irr(e)lichter – Das Schreibtalent

Da sitzen wir nun auf unseren Betten, Sofas, Sesseln, Küchen- oder Gartenstühlen und halten dieses eine Buch in den Händen, das uns zeigt, wie weit wir selbst noch davon entfernt sind, ein herausragender Schriftsteller zu sein. Diese Talente, die wir bewundern, können alles. Jeder Satz ist perfekt, jedes Wort passend, die Geschichte logisch und nahtlos. Selbst Michael Endes Büchernörgele würde nichts anderes übrig bleiben, als freudigen Lobgesang anzustimmen.

Doch, sind es denn tatsächlich die Talente, die uns begeistern? Gibt es einen Autor, der über Nacht den Entschluss fasste, Autor zu werden und dies sogleich am darauffolgenden Morgen mit Leichtigkeit in die Tat umsetzte? Wohl kaum.

Diese Idee vom angeborenen Talent, welche in unseren Köpfen auf ganz romantische Art und Weise existiert ist wohl der Wahrheit nicht sehr nahe. Selbst ein großer Molière genoss eine schreiberische Ausbildung auf hohem Niveau. Dann gibt es natürlich auch die Quereinsteiger wie Thomas Mann, die allerdings auch erst ihr Handwerk erlernen mussten. Talent ist etwas, das uns in die Wiege gelegt wird. Es gibt bestimmt viele Menschen da draußen mit schreiberischem Talent, welches sie allerdings nicht nutzen. Erst ein ausgebautes Talent, welches vertieft und mit Wissen bereichert wurde, kann sich so vortrefflich entfalten, dass es uns den Atem zu rauben vermag.

Ich glaube, die Bewunderung von Talent sollten wir uns abgewöhnen. Wir sollten Arbeit und Eifer bewundern, Hartnäckigkeit, die auch in den dunkelsten Stunden nicht mit dem Leuchten aufgehört hat. Um ein Buch zu beenden braucht es mehr als Talent, es braucht Durchhaltevermögen und Geduld, Handwerkswissen und einen ausgearbeiteten Stil und noch vieles mehr. Dies sagt uns, dass das Gelesene nicht einfach aus dem Ärmel geschüttelt worden ist, was unsere Bewunderung nicht schmälern, sondern verstärken sollte.

Genauso können manche vielleicht mit dieser Erklärung von dem Gedanken Abstand nehmen, dass ihnen das nötige Talent zum Schreiben fehlt.

 

Eure Saigel und viele Grüße an Yvonne, die mir netterweise den Klau ihrer Idee gestattete

Schwarzes Stundenglas – von Saigel

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schwarz. Schwarz sind die Hügel auf denen ich wandere, schwarz ist das Kleid, das ich trage. Schwarz sind meine Schuhe, schwarz sind meine Augen, meine Haare, meine Wimpern, meine Seele. Die Hügel verdecken mir die Sicht auf das, was hinter ihnen liegt. Zu gerne wüsste ich, wann diese Wanderung ihr Ende findet. Doch hier bin ich, verdammt wie Sisyphos. Meine Schuhe graben sich mit jedem Schritt weiter in das Schwarz der Hügel, das nicht fest und auch nicht flüssig wie aufgewirbelte Nebelschwaden um mich herumwabert, mir das sagt, was ich nicht wage zu hören: „Es wird mich verschlingen“. Das Schwarz.

Ich laufe weiter. Kann noch nicht glauben, dass es alles sinnlos war, das Leben, die Liebe, das Wichtige, das was mir Sinn im Dasein gab. Meine Sturheit ist noch bei mir, so viel steht fest, denn ich möchte wissen, was nach den Hügeln kommt. Ich möchte wissen, ob sich der Weg lohnt. Ob sich gar meine Hoffnung erfüllt, sie alle wieder zu sehen. Die Farben, die mein Leben lebenswert machten.
Die Kinder, tosende bunte Kleckse, mal blau wie die Ruhe, mal rot vor Zorn und dann wieder gelb oder grün, oder wie Mischfarbe, die mal stärker in das eine und dann wieder in das andere umschlägt.
Dann Herbert. Rot wie die Liebe, aber auch rot wie die größte Wut, die ich je gespürt habe. Und Anne, so grün, wie die Eifersucht sein kann und so strahlend gelb, wie die reinste, liebste Freundschaft. Mein kleines Enkelkind, so weiß und pur, so wunderschön.
Wie kann es sein, dass ich noch immer schwarz sehe? Wie lange dauert es zu sterben?

Weiter und weiter führt dieser Weg. Seltsam weich, angenehm kühl. Dieses Schwarz, es ist undurchdringlich. Dennoch ängstigt es mich nicht. Vor mir sehe ich den Treibsand, irgendwo führt auch er hin. Er rieselt tief unten durch die schmale Taille des Stundenglases. Kleine, wabernde Tropfen füllen den bauchigen Glastrog, perlen an den Wänden ab, hinterlassen keine Spuren. Jeder dieser Hügel ist ein Stundenglas. Doch habe ich das Meine wohl noch nicht erreicht. Ich frage mich, welcher Mensch ich gewesen sein musste um durch dieses hier, oder das dort hindurchzurieseln. Welche Materie ist der Meinen am ähnlichsten, in welcher kann ich mich auflösen, mich der undurchdringlichen schwarzen Masse anpassen, mit ihr verschmelzen. Eins werden. Um später, wieder umgedreht, in anderer Form zurückzurieseln? Vielleicht vollkommen anders, mein Schwarz vermischt mit dem der anderen. Es ist nur geliehen, mein Schwarz. Es ist nicht meines. Es ist ein kleiner Teil von etwas, das ich nicht sehen kann. Ich muss die Hügel überwinden. Ich muss es sehen. Wo sind die Farben?

Schritt um Schritt. Schwarz auf schwarz. Ich kann nicht mehr. Meine Füße sind so schwer wie Blei. Die Luft um mich herum beginnt zu flimmern. Mein Herz pocht aufgeregt Blut durch den erschöpften Körper. Versucht das Schwarz mit kräftigem Rot zu vertreiben. Es hilft nichts. Geronnenes Blut, totes Blut ist schwarz.
Ich schleppe mich weiter. Es muss hier sein. Gleich nach dem nächsten Hügel. Ich kann es sehen. Ein helles Licht. Meine Sicht verschwimmt. Der helle Reflex des letzen Blickes gaukelt mir vor, dass ich angekommen wäre. Gleißende Schwärze umfängt mich. Ich falle zu Boden. Knie tief in den wabernden Nebel, der mich gleichgültig umfängt. Die Endgültigkeit erfasst mich und plötzlich erkenne ich die guten Seiten an der Farbe schwarz. Ihre Eleganz, ihre Fragilität, ihre kühle Sanftheit, die mich umfängt wie feine Seide. Dann kann ich sie spüren. Meine Farbe, meine Kleckse, meine Töne. Sie explodieren um mich herum, gehen auf in der Schwärze, die sie verschlingt und zu einem Teil von sich selbst macht. Tausende, millionen Pigmente in blau, gelb, grün, rot, violett, braun, orange, beige und rosa tanzen hell und dunkel, glänzend und matt in wilden Kreisen wie in Aufregung gebrachte Staubkörner durcheinander. Sie tanzen und tanzen und tanzen, bäumen sich auf, wie eine Welle, tosen in den schönsten leuchtenden Farben und verblassen allmählich, werden wieder zu Schwarz, das das Leben lediglich verbirgt aber nicht ganz und gar auslöscht.
Ich bin angekommen. Lasse mich kinderleicht hindurchsickern, fühle mich vollständig, nicht mehr beschränkt zu sein auf die wenigen Pigmente, die mein vergangenes Leben ausmachten. Es ist schön wieder die Ganzheit zu spüren. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sich das Stundenglas dreht.

Saigels Irr(e)lichter – Exilschreiben

Immer wieder frage ich mich, ob es klare Abgrenzung geben kann zwischen „für sich selbst schreiben“ und „für andere schreiben“. Ich schreibe viele Texte. Nur einen kleinen Bruchteil dessen, was sich in meinen verstaubten Schubladen befindet, erreicht die Augen des Lesers. Manche der veröffentlichten Texte wären mir lieber privat geblieben. Mache der privaten Texte sähe ich gerne veröffentlicht.
Zunächst, hat der Hobbyautor das nicht immer selbst in der Hand. Der Leser ist keine Selbstverständlichkeit. Er muss sich erst finden lassen. Allerdings ist oftmals der Wille nicht gegeben, den eigenen Text zu teilen.
Entweder ist er noch nicht „gut“ genug. Insbesondere das Verbessern von Texten, das bis in die Unendlichkeit reichen kann, ist eine Eigenschaft, die wohl jeder Autor mehr oder weniger in sich trägt. Oder der Text ist etwas Persönliches. Etwas, das nicht genug verschleiert werden kann und auf einen privaten Umstand oder eine individuelle Eigenschaft verweist, die nicht das breitere Publikum erreichen soll.
So zieht sich der Autor folglich in sein Exil zurück. Dort schreibt er Jahre lang nur für sich. Er tapeziert die Wände mit Texten, hängt Buchstaben an die Decke und läuft auf verworfenen Ideen hin und her. Stets den Kugelschreiber im Mundwinkel, auf dem er nachdenklich herumkaut.
Doch dann wechselt irgendwann seine Stimmung. Er möchte hinaus, er möchte wissen, ob sein Exil nur Einbildung ist, oder ob es einige der verworfenen Ideen vielleicht doch mit an die Wand schaffen sollten.
Diese Neugier, dieses Streben nach Anerkennung der eigenen Texte ist schwer zu beschreiben. Vielleicht hat es etwas mit der vielen Arbeit zu tun, die in die unzähligen Texte investiert wurde. Vielleicht ist es auch der Drang sich selbst in neuem Licht darzustellen. Vielleicht ist es auch schlicht die Neugier, wie die eigenen Texte im Vergleich zu anderen abschneiden.
Eines ist jedoch gewiss: ganz gleich, wie oft der Autor aus seinem Exil herauskommt und ganz egal, wie viele Texte er daraus mit nimmt. Er wird immer wieder dorthin zurückkehren. Manchmal, um nur ein paar Stunden in der eigenen Gedankenwelt zu verweilen. Manchmal, um sekundenschnell einen bestimmten Text aus den Papierbergen hervorzukramen. Manchmal, um jahrelang die Tür hinter sich zu verschließen.

Eure Saigel

Saigels Irr(e)lichter – Die Schreibatmosphäre

Besonders jetzt, in der kalten Jahreszeit, wenn der Schnee fällt und es früh dunkel wird setzt sich der Autor doch auch mal früher an den Schreibtisch und lässt sich mit einem Blick nach draußen von der Atmosphäre einfangen. Schreiben erzeugt eine gewisse Atmosphäre, so ähnlich wie das Lesen.

Sind die äußeren Einflüsse wie, Wetter, Hintergrundgeräusche, Ort etc. wichtig für das Schreiben? Kann hinterher gar herausgelesen werden, dass sich der Autor, sonst stets zuhause schreibend, während des Erstellens dieses einen Kapitels im Zug befand? Schreibt der Schreiber anders an anderen Orten? Kann er abgelenkt werden von seiner Welt auf Papier?
Selbst von den großen Schriftstellern werden Bilder verbreitet, die deren Schreibtische oder Büros zeigen. Bilder eben jener werden ebenfalls zumeist während des Schreibens gemacht. Sogar so manches Museum beinhaltet den Schreibtisch eines längst verstorbenen Autors, dessen Name die Jahrhunderte überdauert hat.

Es ist eine interessante Frage, welche Art von Atmosphäre nötig ist um schreiben zu können. Muss es still sein, oder laut? Muss die Sonne scheinen, oder muss es regnen. Muss der Schreibtisch in Unordnung versinken, oder fein säuberlich sortiert sein? Muss es am Schreibtisch geschehen, oder unterwegs, im Zug, auf der Arbeit? Wann kann ein Autor schreiben? Wann kann er überarbeiten? Noch einmal lesen? Wieder überarbeiten?

Ich glaube, das Schreiben selbst, das Konzentration erfordert, erzeugt die Atmosphäre. Allerdings kann ein ruhiger Ort mit einem schönen Ausblick dies wohl eher zulassen als ein hektischer Platz. Die Lust am Schreiben hat wohl auch mit dem Wetter nur so weit etwas zu tun, dass schlechtes Wetter wohl eher dazu verleitet sich lieber einmal zurückzuziehen um zu schreiben. Offenbar gibt es aber Autoren, die das anders sehen. Einige können nicht schreiben, wenn sie nicht an dem einen gewohnten Platz sind, den sie dafür erdacht haben. Andere schreiben ausschließlich im Winter. Wieder andere schreiben überall aber nur mit Stift auf Papier.

Der Sprung in die Professionalität bedeutet hier wohl weitere Einschränkungen. Die produktive Phase im Winter reicht dann wohl nicht mehr aus. Konzentrationsfähigkeit kann trainiert werden, weshalb ich darauf schließe, dass das ausdauernde Schreiben genauso geübt werden kann. Aber ist die Atmosphäre dann noch dieselbe? Schlägt sich eben dies in dem Geschriebenen dann auch nieder?

Derjenige der dies gelesen hat ist dazu eingeladen, seine eigene Schreibatmosphäre in den Kommentaren zu beschreiben.

Eure Saigel

Murks – von Saigel


„Guten Tag Herr Direktor. Sie wollten mich sprechen?“

„Ja bitte, nehmen Sie Platz, Inspektor Klotz.“

„Danke. Was gibt es denn so Dringendes?“

„Ich möchte mit Ihnen über Ihre Arbeit sprechen. Über die Akte 5869.“

„5869… Mhm.“

„Das war ziemlicher Murks.“

„Murks? Ja. Der wurde abgemurkst.“

„Nicht der Mord, Ihre Arbeit!“

„Ich habe niemanden getötet. Wie kommen Sie darauf?“

„Nein! Ihre Arbeit war Murks!“

„Meine Arbeit war es, zu ermitteln. Ich hatte nicht die Anweisung jemanden zu ermorden.“

„Ihre Ermittlung war Murks, Inspektor Klotz! Darüber möchte ich mit Ihnen sprechen! Die Leiche lag fünf Tage im Wasser bevor Sie sie da herausgezogen haben!“

„Aber das lag doch nicht daran, dass ich dem armen Teufel selbst den Hals umgedreht habe! Wir konnten nicht früher ans Wasser ran!“

„Warum nicht?“

„Na, wegen der Spurensicherung!“

„Im Wasser?!“

„Nein! Am Tatort! Da waren so viele Spuren!“

„Weil Sie mit Ihrer Mannschaft da durchgetrampelt sind, wie der Elefant im Porzellanladen!“

„Aber was hat das mit dem Abgemurksten zu tun?“

„Nichts! Sie haben das vermurkst und Sie werden die vollen Konsequenzen tragen! Vom Seuchenschutz bis zu den wütenden Angehörigen!“

„Komme ich jetzt ins Gefängnis?“

„Sie werden suspendiert, wenn Sie sich weiter so aufführen!“

„Also gut. Ich werde alles tun was sie verlangen, aber ich werde keinen Mord gestehen den ich nicht begangen habe!“

„Sie haben die Ermittlungen in den Sand gesetzt, Herr Klotz! Sie werden sich rechtfertigen!“

„Herr Direktor! Der Sand war nötig um die Leiche aus dem Wasser zu ziehen, das weiß doch nun wirklich jeder!“

„Ok, lassen Sie es mich anders formulieren: Sie haben die Ermittlungen verhackt!“

„Der war schon so, als wir zum Tatort kamen!!!“

„Verflucht Herr Klotz, verlassen Sie augenblicklich mein Büro!“

„Aber die Leiche! Bin ich jetzt verdächtigt, oder wie?“

„Raaaaaaus!“

„Otto! Was wollte jetzt der Chef?“

„Der meint, ich hätte den Mann aus 5869 selber abgemurkst.“

„Heftig!“

„Ich muss das Land verlassen, sonst fahre ich noch unschuldig ein!“

„Stimmt, mach lieber schell!“

„Ja ist besser so. Sicher ist sicher.“

Saigels Irr(e)lichter – Der Höhenflug

 

Als Hobbyautor verschieben sich ständig die Prioritäten. Zeitweise wird viel geschrieben und alles andere steht hinten an. Ja, es gibt Phasen, da wird ständig über eine Idee nachgedacht, ein Plot hin und her gewälzt, bis er endlich passt oder es wird geschrieben, korrigiert und wieder geschrieben. Solche Schreibphasen sind schön. Allerdings können sie auch vieles verdrängen, das es auch wert ist, genauer betrachtet zu werden.
Befinde ich mich am Ende eines solch schreibwütigen Abschnitts, atme ich oftmals tief auf. Dann beginne ich damit, wieder Bücher zu lesen, ich widme mich meinem privaten Umfeld, meinem Beruf, ich habe Freude daran am Abend die Schreibtischlampe auszulassen und mich völlig auf die Musik zu konzentrieren, die sonst schändlich verkannt im Hintergrund abläuft. Es fühlt sich so an wie ein „aus-dem-Schneckenhaus-kriechen“. Um den schriftstellerischen Exzess verdauen zu können, bleibe ich erst mal abstinent und bemerke all das, was mir durch diesen unwiderstehlichen Sog des „schreiben-Wollens“ entgeht.
Leider gibt es zumeist keinen Mittelweg. Eine Geschichte zu schreiben kann schnell auch mal zur Sucht werden. Erst dann, wenn die Fliege im Netz es geschafft hat sich zu befreien begreift sie, dass sie von der Spinne hätte gefressen werden können. Abstand tut gut und der Blick relativiert sich. Denn ein Autor verfällt oft zu gerne dem Gefühl, dass das was er oder sie da gerade aufschreibt ungeheuer wichtig ist. So wichtig, dass es beinahe nichts Wichtigeres geben kann. Ich würde das als Höhenflug beschreiben, auch wenn das Wort im allgemeinen negativen Gebrauch findet. Es ist ein Höhenflug, aber es muss nicht negativ sein, solange der Absprung doch immer wieder geschafft wird. Ein Autor braucht Erdung bevor er schreiben kann. Die Worte heben ihn dann wieder in die Lüfte, lassen ihn schweben, ihn träumen, ihn alles vergessen, was dort unten zu ihm gehört. Ein schöner Höhenflug, der alsbald wieder auf dem Boden enden muss um mit einem tiefen Aufatmen verlauten zu lassen, dass die Worte nur eine Sphäre im Leben bilden, die es sich lohnt zu erleben.

Eure Saigel

Leben im Meer

Tag für Tag gehe ich die Straße entlang. Baustellenlärm umhüllt mich. Ich sehe den tristen Backsteinhäusern dabei zu, wie sie die Segel setzen und sich stetig weiter in Schwindel erregende Höhen hinauf schrauben. Stets sind die Menschen bestrebt darum, den höchsten Punkt der Stadt für ihre Beobachtungszwecke zu nutzen. Es ist ein Privileg, die sich aneinander brechenden Wellen aus Stein und Stahl, die wild spritzende Gischt von Menschen und Autos sowie die ewig grollende Geräuschkulisse der lebendigen Stadt aus sicherer Entfernung zu betrachten. Über immense Höhen durch unzählige Stockwerke gefiltert, ist kaum noch etwas von den Ausmaßen der aufeinanderprallenden Ungetüme zu hören, die hier im endlosen Meer der Großstadt ihren jahrhundertealten Zwist miteinander austragen.
Ich war noch nie dort oben in den Wolken, von wo aus dieses staubaufwirbelnde Wirrwarr lediglich zu beobachten ist. Ich bin hier unten, eigentlich schon immer. Dennoch bin ich nicht traurig darum, da mich die tosenden Gewalten selten noch mit Angst und Schrecken erfüllen. Sie wüten in blinder Raserei die Straßen entlang und doch bin ich froh, sie mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt zu sehen. Denn wenn ich auf meinem Heimweg den ewigen Kampf beobachte, der so vollkommen in sich verstrickt, nicht ein einziges Mal zu mir aufsieht und mich schlicht nicht bemerkt, erinnere ich mich des Öfteren an andere Zeiten.

Damals war ich noch ein junges Mädchen, unfähig, die Gewaltigkeit um mich herum zu begreifen, unmündig, gehetzt, nach Sicherheit und Frieden lechzend. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie noch vor mir: laut miteinander zankend, in solch ungeheuerlicher Wut ineinander verbissen und gekrallt, durch die Straßen tobend, ohne ein Ende zu sehen, ohne sich loszulassen, ohne zu vergeben.
Hass floss durch die Stadt, vergiftete Gischt und Herzen, nistete sich ein, erfüllte die Luft, kontaminierte selbst den letzten Aufrechten mit schaurig fauligem Atem. Nichts und niemand konnte fliehen. Wie durch Marionettenfäden geführt, entwickelte sich ein grausiges Schauspiel, das die Meereswasser mit dem Anblick der Zerstörung und des Todes färbte.
Die Tränen, die ich und die anderen Verlorenen in die brüllenden Strudel weinten, wurden sofort blutrot, unfähig, der bereits verdorbenen Flüssigkeit Mitgefühl beizumischen.
 
Heute begebe ich mich gerne auf die belebten Straßen. Nach einem langen Tag genieße ich es, nachhause zu spazieren, hier und da stehen zu bleiben und mein rotes Kopftuch zurechtzurücken, das ich zu meinem Schutz trage. Sollten sich einmal die Wassermassen schlagartig ändern und mich mitreißen, werden mich die Gaffer dieses Mal nicht von oben erkennen. Die grollende Welle wird mich mitnehmen, mich entweder ertränken, oder mich leben lassen. Habe ich doch zu lange Zeit auf Hilfe von oben gehofft, mich nach starken Händen gesehnt, die sich mir, durch die Wasseroberfläche drängend, geöffnet darboten. Ich wünschte, sie als rettenden Anker zu ergreifen und mich zu ihnen herauf zuziehen, in das abgeschottete Nichts der Höhe, die unberührt und trocken keinerlei Gefahren barg.
Schmerzlich sticht mich die Erinnerung an weit aufgerissene Augen, zusammengepresste Münder, die ihre Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, dort oben verweilten, und keine Anstalten machten, ihr Exil zum Teilen anzubieten. Wie sehr beweinte ich mein dunkles, langes Haar, das sich klar abzeichnete, sich, wild um meine Ohren peitschend, in den speienden Fluten kräuselte. Schmerz, Enttäuschung und Angst bündelten sich in der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich mein Elend ertragen musste, alleine, ohne Hilfe, wie ein Ausstellungsstück im Museum. Hinter dickem Glas, um die wütenden Gewässer nicht zu den Zuschauern hindurchzulassen, beobachteten sie meinen Überlebenskampf. Gerührt, manche von ihnen indifferent, andere gelangweilt, alle jedoch untätig verharrend ob der Möglichkeit, die Geschichte zu ändern. Das passive Kollektiv hatte mir den Lebensfunken genommen, einfach so, gestohlen und als wertlos ausrangiert. Diese schweigende Gemeinschaft, der Grund, weshalb das Wasser erst in derart unwirtliche Höhen ausschlagen konnte, ließ die Hoffnungslosigkeit Einzug halten und schmerzte mich in dieser ohnehin dunklen Zeit auf grausamste, unmenschliche Weise.
Heute trage ich es, das rote Kopftuch. Das mich unsichtbar macht, mich ohne wallendes Haar durch die blutigen Ströme irren, mich ungesehen und unbemerkt verschwinden lässt, ohne Aussicht auf Rettung. Ohne Hoffnung, die, einst bitter enttäuscht, den sicheren Tod für mich bedeutete, ließe ich sie ein zweites Mal aufglimmen. An der Wurzel reiße ich die Zuversicht in jene dort oben jeden Tag erneut aus der Erde, bis ich sicher bin, dass kein Körnchen mehr ein Nachwachsen bedingen, dass es auf immer fort ist und nie wiederkehren kann. Mein Kopftuch fest auf dem Haupt, blutrot und scheußlich, lässt mich ohne Angst vor dem, was noch kommen kann, die friedlichen Tage genießen.
 
Ich wende mich nach links und betrete den schmalen gepflasterten Weg, aus dessen Ritzen grün lebendige Pflanzen hervorschauen. Ich lächle und schüttele meine Gedanken an die Vergangenheit ab. Erleichtert sauge ich klare Luft ein, die von den Bäumen in meinem Garten gefiltert und fein durch meine Lungen fährt wie die leibhaftige Erlösung. Die Haustür ist klein und unscheinbar, doch sie verbirgt eine Oase der Ruhe und Harmonie.
Ich öffne die Tür und entgegen schwappen mir zwei Enkelkinder, die schon zappelig darauf gewartet haben, mich endlich wieder in ihre Arme schließen zu können. Meine Tochter und ihr Mann bereiten, sich verliebt neckend, in der Küche das Abendessen zu.
Mein Mann sitzt in seinem Schatten vor dem Kamin und blickt ins Feuer, das das kühle Nass für diesen Moment noch von ihm fernhält. Auch wenn er es möchte, kann er zunehmend weniger die Haustür hinter sich schließen. Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch kann. Von ganzem Herzen lachend begrüße ich ihn mit einem Kuss auf die Stirn und folge den Kindern, den für sie unsichtbaren Schatten noch einmal abschüttelnd, um ihre neu gebaute Höhle ehrfürchtig zu bestaunen. Das Abendessen schmeckt köstlich, gerade so, als seien alle Zutaten aus dem süßesten Zucker. Hier möchte ich sein. Zuhause.
Oftmals bemerke ich die gewaltigen Wogen an unseren Fensterläden vorbeiziehen, spüre die Blicke aus unbedrohter Höhe auf mir und erkenne die Angst fadenscheinig anklopfen, heuchlerisch lächelnd, wohl wissend, dass ich gegen ihr Eintreten machtlos bin. Dann versuche ich mich abzulenken, mich mit den Kindern in einem Buch zu verlieren oder mich mit meiner Tochter in einem langen Gespräch zu amüsieren.
Bin ich jedoch ganz allein und nähere mich dem Sessel vor dem Feuer, der bald schon nur noch eine dunkle, leere Hülle beherbergt, dann erinnere ich mich an mein Kopftuch, das an einem Haken neben der Haustür aufgehängt, hier drinnen zuweilen einem nutzlosen Gegenstand glich, der mit wachsender Hoffnung an Wert verlor… und dann bin ich sicher, dass ich den einen Schatz besitze, der mich aus den Tiefen des Meeres nach dort droben hinauflächeln lässt.

Eine sinnvolle Reise – von Saigel

Die Wellen schlagen mir gegen die Fußknöchel. Um mich herum ist nur das Rauschen des Meeres zu vernehmen. Das Wasser ist kalt und ich frage mich, weshalb ich überhaupt die Socken und Schuhe ausgezogen habe. Einerseits friere ich beträchtlich, andererseits kann ich es nicht lassen, die Füße in dieses fremde Wasser zu halten und für einen kurzen Moment Teil davon zu sein.
Vor allem sieht es friedlich aus. Es ist weder aufgewühlt, noch trüb. Im Grunde ist es alles, was ich nicht bin. Irgendetwas ist da in mir, das mir zu schaffen macht. Um die ganze Welt bin ich gereist, Stunden um Stunden habe ich im Flieger gesessen, in Taxis die Nase an die Fensterscheibe gedrückt und in irgendwelchen billigen Hotels meinen Jetlag ausgeschlafen. Das alles nur um mich jetzt hier zu finden. An diesem Steg, der normalerweise gut besucht ist, wenn die Sonne scheint und das Wasser nicht so eisig kalt an die Ufer drängt.
Ich habe weder eine Flasche Wasser dabei, noch eine Kleinigkeit zu essen. Ich habe nicht mal Geld, weil ich noch nicht dazu kam, eine der Wechselbuden aufzusuchen. Eigentlich habe ich nur den Schlüssel zu meinem neuen Zimmer in der Tasche. Die Schuhe, in denen ich die acht Kilometer bis zum Ufer gelaufen bin, stehen neben mir und fragen mich mit großen Augen, was ich hier gerade mache. Die einzelnen Passanten bleiben mit den Gesichtern an mir hängen, obwohl sie eilig vorbeigehen. Das alles bemerke ich und doch sehe ich nur das Wasser, das hier an diesem Ort irgendwie anders ist. Der Wind peitscht meine Haare auf und lässt sie in alle Richtungen fliegen. Meine Wollmütze liegt in meinem Koffer unter dem Bett in meinem neuen Zimmer. Gleich neben ihr liegen auch meine Handschuhe, weshalb meine Hände in den Jackentaschen frieren. Alles was ich tun müsste wäre aufzustehen, die Schuhe wieder anzuziehen und zügig wieder nachhause zu gehen. Nachhause. Da, wo mein Koffer unter dem Bett liegt. Da, wo ich dieses eigentümliche Rauschen nicht hören kann. Dieses seltsame Wasser, das mich verzerrt spiegelt, während ich es mit meinen Blicken zu durchlöchern versuche. Es ist still und gibt nicht preis, wie es zu seiner Ruhe gelangt.
Ich muss wohl noch einige Male herkommen um zu begreifen, wie das geht. Aufgewühlt und in trüber Stimmung verlasse ich also den Steg und mache mich in meinen warmen Schuhen zurück auf den Weg.
Irgendwann werde ich von dieser Reise erzählen. Ich werde darüber berichten, was ich erlebt und gesehen habe. Ich werde die Menschen mit tollen Landschaftsaufnahmen beeindrucken und sie verträumt die Köpfe zurücklehnen lassen. Doch das hier, was ich hier im Eigentlichen mache, das werde ich, wie sonst auch, niemandem erzählen. Es wird keine Fotos von diesem Steg geben und an dieses Wasser werde ich mich lediglich erinnern, wenn ich alleine bin. Dieser Steg, das Wasser und der Sinn meiner Reise, all das bleibt tief verborgen. Irgendwo vergraben, bis ich verstehe, warum ich 18.400 Kilometer geflogen, 40 Kilometer gefahren und acht Kilometer gelaufen bin, nur, um meine Füße in eiskaltes Wasser zu hängen.

Saigels Irr(e)lichter – Das Schreibgefühl

Ein Gefühl, das abhängig macht. Eine Droge, wenn man so will. Schreiben kann einiges auslösen. Dabei ist es völlig egal, ob der Autor einen Bestseller geschrieben, oder lediglich sein tägliches Kreuzworträtsel ohne Hilfestellung vollendet hat. Es ist dasselbe Gefühl. Es fühlt sich an wie ein Urlaubsgefühl. Ein Gefühl von Leichtigkeit und Erfolg. Ein Höhenflug, der vielleicht nur kurz andauert, denn in jedem von uns steckt ein kleiner Nörgler, der selbst den schönsten Text kritisieren und das schwerste Kreuzworträtsel banalisieren kann.
Das ist wohl die Essenz des Schreibgefühls: es fühlt sich wahnsinnig gut an und dann plötzlich nicht mehr. Das Schreibgefühl ist ein endlos rollendes Rad auf einem Weg aus Höhen und Tiefen, unendlich weit und niemals gleich. Hier und da sind kleine und große Steine, dann kommt da Sand und Moos, bevor es wieder einen steilen, felsigen Abhang hinauf geht. Mal fährt es tonnenschwer auf dem unergründlichen Meeresgrund, mal dreht es sich wie ein Propeller in leichten, überschaubaren Lüften.

Das Schreibgefühl. Ein unberechenbarer Begleiter eines jeden Autors und Denkers. Ein freundlicher Gast und ein gemeiner Zeitdieb.
Ob nun das Gelesene genauso empfunden wird wie das Geschriebene? Diese Frage beschäftigt mich bereits eine Weile. Werden die Texte, die mir mühselig von der Hand gingen auch genauso gelesen? Werden die Geschichten, die ich innerhalb eines Tages auf Papier bringen konnte, auch genauso schnell verschlungen? Bis jetzt habe ich noch keine eindeutige Antwort darauf gefunden.
Ein individueller Text wird wohl stets irgendwo Anklang finden. Es gibt immer Texte, die zwar selbst verfasst, jedoch ohne Zugang einfach in den Weiten der Schreibtischschubladen verschwinden. Der Gedanke daran, dass jeder Text seinen Leser hat, auch wenn sich selbst der Autor nicht zu dieser Gruppe zählt, ist tröstlich. Das Rad dreht sich weiter auf seinem Weg und auch wenn dieser beschwerlich erscheint, kann er für jemand anderen ein Morgenspaziergang sein.
Verständnis ist demnach subjektiv. Daran glaube ich. Allerdings bedeutet das auch, dass jeder Leser das aus einem Text heraus liest, was er lesen will und wenn er nichts für sich findet, so lehnt er ihn wohl ab, oder öffnet sich für etwas Neues. Hieraus schließe ich für mich, dass es mein Schreibgefühl und nicht der Leser sein sollte, das mich zum Schreiben bewegt.

Eure Saigel

(Un)Wirklichkeit – von Saigel

Verbrannte Füße schleifen auf dem Asphalt. Die Luft ist stickig, Benzin kreist um die Nase des Humpelnden. Pralle Sonne peinigt ihn, will ihn versengen, seine Haut kochen und mit tausend feinen Nadeln langsam und schmerzvoll abziehen. Irgendwo in der Weite des blauen Himmels kreist ein verlorener Aasgeier, der letzte seiner Art, denn Aas gibt es schon lange nicht mehr. Das Leben ist fort, geblieben ist die Hitze, der chemische Geruch, der längst begrabene Tod.
Doch er kämpft. Er läuft noch, arbeitetet sich voran, auf dieser einst viel befahrenen Straße, die damals Grundlage für seinen Lebensunterhalt war und heute offenbar den letzten, seidenen Faden seines schmächtigen Lebenswillen in den Händen hält. Verbissen, mit aufgeplatzten Lippen, gerunzelter Stirn und starren Augen verheißen seine Züge dennoch einen Funken, den die letzten Jahre und Katastrophen, Verluste und Tragik nicht auslöschen konnten. Noch nicht. Denn er läuft weiter. Und auch wenn er noch nicht der letzte seiner Art ist, ist er womöglich der Letzte, der das Wort der Hoffnung noch auf den Lippen trägt. Eine Welt, die dem Untergang zugeneigt, noch einen letzten Atemzug nimmt und ihn von hinten in den Rücken bläst, um dem Respekt zu zeugen, der in Bewegung bleibt. Da ohne Bewegung, das Leben nicht ist.

Gelangweilt schaltet sie den Fernseher aus. Sie empfindet nichts. Mit einem Klatschen schiebt das Sofa sie auf den Rollstuhl, der sich selbstständig mit ihrem Gehirn verknüpft. Starren Blickes fährt sie zum Kühlschrank und lässt sich ein Burgermenü servieren. Der Roboter füttert sie, dann lässt sie sich ins Bett legen und nimmt die letzte Pille für diesen Tag, die ihre Träume unterdrücken. Gleichgültig starrt sie an die Decke aus nacktem Beton, bis ihr die Augen zufallen und sie der Nebel in einen sterilen Schlaf begleitet.

Saigels Irr(e)lichter – Schreiben und Reifen

Wann ist ein Text soweit? Im Grunde ist das eine dieser mysteriösen Fragen, auf die sich wohl kein Autor eine konkrete Antwort zu geben weiß. Für professionelle Texte gibt es freilich konkrete Abgabetermine. Allerdings möchte ich es wagen zu behaupten, dass noch lange nicht jeder Text an seinem Abgabetermin fertig ist.
„Fertig“ ist ein abstrakter Begriff. Vielleicht gibt es für mich schlicht keine fertigen Texte, da ich diese Kategorie unter dem Überbegriff „vollkommen“ einordne.
Ein vollkommener Text. Oft las ich schon das ein oder andere „Vollkommene“. Allerdings gab es nicht weniger häufig einige Jahre danach eine erschreckende Entdeckung: Der einst als derart vollkommen wahrgenommene Text wies plötzlich Schwächen auf. Er war ohne Zweifel immer noch gut, ja, sehr gut, aber Vollkommenheit war nicht mehr zu spüren.
Um also die Lebenseinstellung, das nichts perfekt sein kann, weil es geradezu unmöglich ist, etwas rein Positives zu erleben, ohne die sogenannten Nebenwirkungen, oder Schattenseiten oder vielleicht auch einfach nur Konsequenzen, die sich für eine Person negativ anfühlen, für die andere wiederum lang ersehnt sein mögen, auf diesen Gedanken zu übertragen, müsste die Antwort sein, dass es keinen fertigen Text gibt. In diesem Moment könnte ein Text geradezu perfekt für einen bestimmten Menschen oder eine Gruppe von Personen sein. In einem anderen Moment könnte er seine Vollkommenheit allerdings auch schon wieder verloren haben. Arbeite ich also über einen langen Zeitraum hinweg an einem Text, gibt es meiner Erfahrung nach einem Punkt, an dem ich am Liebsten etwas völlig anderes daraus machen würde. Ich sehe in Texten vielmehr Zeitfenster, die mehr oder weniger aktuell sein können. Texte, die in jeder Lebensphase Zugang zu mir finden und mich einnehmen, würde ich als vollkommen bezeichnen. Allerdings schaffen das lediglich die Texte, die mehrere Aktualitäten miteinander vereinen und es mir gestatten, in jeder Reifephase eine andere Wahrheit für mich herauszulesen. Ist dies der Schlüssel zum fertigen Text? Ich weiß es nicht. Ich persönlich habe noch keinen geschrieben und bin dennoch nicht vollkommen von dieser Idee abgerückt, dass er existieren kann, dieser fertige Text, den ich damals und jetzt gleichermaßen bewundern kann.

Eure Saigel

Der Mondmann – von Saigel

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Die Idee von einem runden vollen Bauch, der ebenso schnell wieder zu einer grazilen Sichel werden kann, wollte mich nicht loslassen. Bei Nacht herauskommen und bei Tage friedlich schlummern. Stets von dezentem Licht umgeben, weder grell noch laut noch auffallend. Lediglich elegant und unbemerkt in den zartesten Tönen singend. Dunkle Landschaften unter mir, gefüllt mit langen, großen Schlangen, die durch grelle Scheinwerfer unsäglich unseriös funkeln. Der einsame Wolf, der im dunklen Gebirge heult. Der Duft von Kiefernnadeln und verbranntem Plastik, die beide gleichermaßen im lodernden Lagerfeuer ihr Ende finden.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einsam und ungebunden. Frei und weit, hoch oben über den Köpfen aller. Mit eigenen Gedanken, eigenen Aufgaben, selbstständiger Arbeit und zufriedenen Kunden. Abends hinaus und früh morgens hinein ins Bett der Sonne, das sich eng um mich schlingt und mich versucht, im Schlaf zu erdrücken. Doch die Tat kann nicht vollbracht, das Ansinnen nicht beendet werden. Denn sie braucht mich, ihr Verderben ist mein Untergang. Mein Fortbestehen ist ihre Kränkung, für die ich wärmstes Mitgefühl empfinden kann.

Ein Mondmann zu sein, das wünschte ich mir einst. Einst, doch nicht mehr heute. Denn damals schien die Weite schön, die Ferne bezaubernd, die Nacht anziehend. Jetzt ist es ein Dasein, das mir, nachdem es seine Trostlosigkeit offenbart hat, schwer auf dem Herzen liegt. Der Schein, den ich funkeln sah, ist lediglich ein Trugbild. Erschaffen von ihr, die das Licht ist. Die Nacht ist Tag und der Tag ist Nacht, denn für ihn, den Mondmann, ist es immer Nacht und er kann nicht schlafen, darf nicht ruhen, sitzt gefangen, in seinem Käfig, hoch dort droben aufgehängt, unerreichbar für alles, was helfen könnte. Was helfen wollte, denn helfen wollte niemand, der es könnte, bestünde die Hilfe doch aus der eigenen Vernichtung.

Mach es gut, du lieber Wunsch. Ein Mondmann zu sein, das warst du einst. Doch heute bist du dort irgendwo im Schatten verschwunden, da ich begriff, dass ich nicht viel höher greifen muss, als ich selbst lang bin, um die Erfüllungen zu pflücken, die mich zufrieden machen.

Saigels Irr(e)lichter – die Leseerwartung

Jeder hat sie: Die Lieblingsautoren. Manch einer liest über Jahre hinweg denselben Autor, ein anderer liest phasenweise dies und phasenweise das. Was ich allerdings festgestellt habe ist, dass ein gewisser Hang zu den Lieblingsgenres meistens bleibt.
So liest der eine gern Fantasy und der nächste bleibt lieber bei der klassischen Literatur. Dafür sind sie da, die Genres und die meisterhaften Autoren, die ihre Sparten ganz genau zu bedienen wissen.
Nehme ich also ein Buch zur Hand, das von einem Autor geschrieben ist, den ich bereits kenne und das zudem noch in ein Genre „einsortiert“ ist, hege ich eine Erwartung. Eine Richtung, die mir alleine schon ein Name und eine Einordnung felsenfest versprechen. In dem Sinne bin ich als Leser unflexibel, ich rechne nicht damit, hinsichtlich dieser beiden Größen überrascht zu werden.
Reicht ein Autor ein Manuskript zur Prüfung bei einem Verlag ein, sind Angaben zum Genre sowie zum angesprochenen Leserkreis in den meisten Fällen unerlässlich. Ebenso liegt für mich die Vermutung nahe, dass ein bereits veröffentlichter Autor aus diesem Grund gerne zum Pseudonym greift, wenn er sich in einem anderen Genre versuchen will. Denn sein Name ist bereits verbunden mit dem Genre, in dem er schon erfolgreich veröffentlicht hat. Wäre der Leser also enttäuscht, ein Experiment in Händen zu halten, obwohl er eine gewisse Konsistenz erwartet?
Ich glaube, wir Hobbyautoren haben es da leichter: Wir können experimentieren, wir können uns ausprobieren, Faxen machen, aus dem lose gesteckten Rahmen ausbrechen und entweder frisches Weidegras oder fiese Dürre finden. Wir dürfen das. Ein professioneller Autor kann sich dies wohl nicht mehr erlauben. Ein Aspekt, der den Beruf vom Hobby unterscheidet. Der eine wird wohl zu gegebener Zeit den anderen um das beneiden, was er hat. Allerdings gibt es schmale Wege und Hintertürchen, die erlauben, doch noch einmal das zu erschnuppern, was man vor langer Zeit aufgegeben hat.

Eure Saigel

Die Feder – von Saigel

Eine Feder. Sie lässt sich vom Wind treiben, erscheint beinahe strahlend weiß und glücklich, dort im Strudel der Lüfte zu schweben, sich nicht daran zu stören, dass sie getrennt von dem Körper, der sie nährte, alsbald zwar in schwindelerregende Höhen hinaufschrauben und den Ausblick genießen, aber auch zu Boden fallen wird. Ob sie mit im Alleingang dort oben schwebt, das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich hier unten sitze und sie dabei beobachte, wie sie ihren ersten und letzten Flug vollzieht, im puren Genuss dahinschwelgt, sich alles genau ansieht und dennoch keine Kontrolle darüber hat, was sie zu sehen bekommt.
Es könnte sein, dass sie schlicht zufrieden ist. Dass sie auch vor ihrer Trennung zufrieden war. Dass selbst dieser letzte Augenblick bittersüß an ihr vorübergeht und sie des Genusses fähig ist.
„Warum kann ich das nicht?“, frage ich mich selbst. Laut und verständlich für jedermann, der um mich herum steht und mich fragend, neugierig beäugt. Kopfschüttelnd stehe ich da, blicke in den Himmel auf diese Feder und beginne damit, sie zu beneiden, nicht um ihren Flug, denn ich habe Höhenangst, aber um ihre Gleichgültigkeit, die sich so leicht und locker auf ihren feinen Fasern abzeichnet, dass mir um meine Anspannung angst und bange wird. Eine zufriedene Gleichgültigkeit. Eine frohe, bejahende, verräterisch stille Gleichgültigkeit. Die Frage, die mich erfasst, ist beinahe schmerzhaft. Immer wieder frisst sie mich auf, diese Frage, warum ich das nicht auch kann.
Warum brauche ich das neue Auto, wenn ich doch eines habe, das noch fährt. Warum brauche ich das neueste Handy, den besten Computer, das schnellste Internet?
Warum verzichte ich stattdessen auf ausgedehnte Spaziergänge? Frische Luft? Ruhiges abendliches Lesen, Zeit? Zeit, die ich einfach so damit verbringe, ich selbst zu sein. Wie diese Feder. Die Welt kann sie nicht schrecken, sie ist ihr nicht gewachsen. Die Feder weiß, dass sie keinen Einfluss nehmen kann auf das, was um sie herum geschieht. Sie kann nicht darüber entscheiden, ob sie auf ein Inferno blickt oder auf eine verträumte Landschaft mit Bäumen und Flüssen und frei laufenden Hasen. Sie kann nur das beobachten, was sie zu sehen bekommt, von hoch dort oben, aus den unantastbaren Lüften. Bis sie wieder heruntersteigt und die Winde keine Lust mehr haben, sie zu tragen. Bis sie sich zufrieden auf die Erde legen kann, die entweder weich oder hart, feucht oder trocken ist und dankbar in dem Zufriedenheit finden kann, was sie erleben durfte. Und um mich herum steht die unzufriedene Menschentraube, die nach oben schaut, anstatt nach unten auf sich selbst und seine Zeit damit verbringt, sich zu fragen, was ich dort wohl sehe.

Saigels Irr(e)lichter – Schreiben und Reflexion

Was geschieht beim Schreiben? Mit dieser komplexen Frage beschäftige ich mich gerade immer öfter. Ich glaube, die Analyse sollte für jeden Autor anders ausfallen. Zu viele Unterschiede, Geschmäcker, Meinungen.
Allerdings, so denke ich, gibt es eine Sache, die uns alle verbindet. Die Selbstreflexion. Wie kann ich über ein Thema schreiben, über das ich nicht genügend nachgedacht habe? Das ich nicht bis auf die Grundmauern erforscht, meine eigene Stellung dazu geprüft und dann den Gedanken geformt habe, den ich vermitteln möchte?
Ich glaube, die Selbstreflexion steht noch über der Recherche. Es gibt Dinge, die recherchiere ich nicht. Es kann möglich sein, dass ich sie deshalb falsch wiedergebe. Aber die Gedanken, die ich mir dazu gemacht habe, in meiner Wahrheit, meiner Welt, die sind stets geschehen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es deshalb so ist, dass ich zuerst mich selbst reflektieren muss, bevor ich schreiben kann, weil ich sonst keine Worte dafür finden würde.
Was mir fern liegt, was ich nicht für mich durchdringen kann, sei das Ergebnis meiner Reflexion nun falsch oder wahr, über das kann ich womöglich auch nicht schreiben. Dabei geht es nicht um die offensichtliche Ebene, denn auf dieser kann vermutlich jeder alles schreiben. Es geht um das Abstrakte, das Gedankliche dahinter, das, was der Leser nachvollziehen soll, wenn er meine Worte liest.
Schreibe ich folglich eine Geschichte oder einen Beitrag, beschäftige ich mich grundsätzlich ersteinmal automatisch mit mir selbst. Wie stehe ich wozu? Wie verstehe ich das, worüber ich schreiben möchte? Wie bringe ich dem Leser meine Realität näher? Meine Gedanken? Oder sogar: Wie bringe ich dem Leser die Worte eines anderen, einer dritten Person, oder eines Forschungsergebnisses näher, an dem ich vollkommen unbeteiligt war? Welche Worte finde ich für das, was ich sagen will, auch wenn es nicht einmal meine eigenen Gedanken sind, die sprechen?
Daraus schlussfolgere ich, dass der Autor, der sich selbst gut kennt, gut mit seinen Worten umgehen kann. Oft läuft das ja tatsächlich komplett unterbewusst ab. Ein Satz wird einfach schnell so hingekritzelt, der letztendlich so hohe Wellen schlägt, dass man erst im Nachhinein begreift, was man da geschrieben hat. Welche Macht diese Wörter haben, die in dem Moment der Produktion verschwindend klein erschienen. Beinahe unbedeutend.
Bedeutung bekommen also die Worte erst auch dann, wenn sie verstanden werden. Eine Wechselwirkung vollzieht sich, auch wenn es lediglich der Autor selbst ist, der zu seinem eigenen Leser wird, nach vielen, vielen Jahren ein vergrabenes Manuskript wieder herausholt und plötzlich etwas darin liest, was zwar schon immer dagewesen, ihm jetzt aber erst durch das Auge in den Verstand springt.

Eure Saigel

Walsterben – von Saigel

Eine Tour zu den Walen. Das hat er mir geschenkt. Nur er und ich. Wir zwei allein. Eigentlich bin ich seekrank, aber ich werde mir vorher noch diese Tabletten besorgen. Er ist ja so ein toller Mann. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, ihn für mich zu gewinnen. Lange dachte ich, er hätte kein Interesse an mir. Doch jetzt, jetzt glaube ich, dass sich das geändert hat. Ich habe es geschafft.
Eine Rundfahrt in der glitzernden Bucht, bei schönem Wetter. Das Wasser sieht so aus, als bestünde es aus tausenden von schillernden Diamanten, die aufgeschüttet immer in Bewegung bleiben müssen und sich aneinander abschleifen. Ich trage ein schönes Sommerkleid, das ich extra für diesen Anlass gekauft habe. In meiner Tasche habe ich eine Packung Tabletten, zur Sicherheit habe ich allerdings vor einer Stunde schon eine heruntergewürgt.
„Hallo“, sagt er lächelnd und zeigt auf das Motorboot. „Bist du bereit?“.
Ich nicke und kann nicht aufhören in seine blauen Augen zu starren, die so traumhaft schön und weich sind, dass es mir den Atem verschlägt. Hand in Hand laufen wir über den Steg und setzen uns in das Boot. Die Rundfahrt beginnt, in ein paar Minuten werden wir gemeinsam die großen Wale bestaunen dürfen. Das mit ihm gemeinsam zu erleben, macht mich glücklich. Die Diamanten wiegen unter uns und schlagen an die Außenwände des Bootes. Sein Gesicht belebt ein Grinsen, das weiße Zähne offenbart und mich ansteckt mit dem, was da ist.
Was es ist, das weiß ich nicht. Es ist seltsam, mein Lächeln mag nicht zu dem passen, was sein Grinsen sagen möchte. Ich kann es spüren, etwas ist da; etwas ist anders.
Da sehe ich schon eine Flosse. Gigantisch, majestätisch sticht sie hervor aus dem Diamantenmeer und sinkt beinahe lautlos und elegant wieder hinab. Woanders ist ein Rücken zu sehen, der tausend kleine funkelnde Perlen in der Luft zerstäuben lässt.
„Boa! Der kratzt bestimmt bald ab!“, sagt der junge Mann neben mir, dem ich wie aus Reflex, der aus einer bösen Vorahnung entstanden ist, meine Hand entziehe.
Fragend blicke ich ihn an. Er sieht mir in die Augen und ich bekomme Angst vor diesem blauen, klaren Eis, das mich gefühllos anblickt und dieses furchtbare Grinsen, das meine Illusion verschwimmen lässt, versetzt mir einen Stich.
„Na, weißt du das nicht? Auf diese Rundfahrt gehen eigentlich nur die Touris, weil die nicht wissen, dass die Wale hier zum Sterben herkommen. Deshalb kann man die so gut anschauen. Die pfeifen alle auf dem letzten Loch!“.
Das Meer um mich herum wird plötzlich schal, die Diamanten schimmern in blutigem Wasser. Blut von den Walen, die sich an den brillierend scharfen Kanten schmerzende Wunden aufreißen. Qualvoll sehe ich ihnen zu, wie sie sich treiben lassen, im Blitzgewitter der Kameras ihre letzte Ruhe suchend.
Ich würge. Hätte ich die Tablette nicht genommen, hätte ich mich jetzt gerne über seinen Schoß übergeben. Doch leider war ich vor der Rundfahrt noch davon überzeugt gewesen, dass er genauso erhaben funkelte wie das Wasser und die Wale, wie diese Bucht und alles, was sich darin befand.
In mich gekehrt warte ich auf Erlösung, für die Wale, aber auch für mich. Das Boot dreht bei, wir sind auf dem Weg zurück. Am Steg verabschiede ich mich nicht, sondern lasse ihn einfach stehen. Dankbar für diese Rundfahrt, die mir zwar nicht das brachte, was ich mir davon erhofft habe, allerdings innerhalb von wenigen Minuten einen anderen Menschen aus mir machte. Die mir zeigt, die Dinge zu sehen, die dort draußen genauso wie hier manchmal in dem Schein verschwimmen, der uns Menschen blendet und beinahe erblinden lässt.

Saigels Irr(e)lichter – wie viel verkraftet dein Leser?

Immer wieder gerate ich beim Schreiben an den Punkt, an dem ich mich frage, ob das, was ich aufgeschrieben habe, überhaupt für andere verständlich ist. Für mich ist es glasklar: Ich habe einen Gedanken, während ich schreibe. Allerdings stellt sich mir die Frage, wie viel Erklärung mein Leser braucht, um den Gedanken, der mich zum Schreiben brachte, auf dieselbe Art und Weise fassen zu können wie ich.
Dann frage ich mich weiter, ob es überhaupt nötig ist, dass mein Leser einen klaren Text vor sich hat, der nur eine Art der Interpretation zulässt. Ist es nicht das, was das Lesen für uns alle so schön macht? Eigene Gedanken zu entwickeln, Ansichten des Autors entweder anzunehmen oder abzulehnen, oder sich Teile davon herauszunehmen und ein anderes, stimmiges Bild herum zu bauen?
Dennoch hat etwas Grundlegendes an einem Text nicht funktioniert, wenn der Leser sich weder seine eigenen noch die Gedanken des Autors machen kann. Natürlich kann das auch daran liegen, dass sich der Leser nicht auf den Text einlassen konnte. Die Gründe hierfür sind vielseitig und für den Autor undurchdringbar. Manch einer legt den Text weg, weil er schlicht in keinerlei Hinsicht seinem eigenen Geschmack entspricht. Ein anderer beendet seine Lektüre aus persönlichen Gründen. Vielleicht ist es das Thema, mit dem sich der Leser zu diesem Zeitpunkt nicht auseinandersetzen möchte. Oder es ist die Aussage des Textes, der der Leser sich nicht zuwenden möchte. Jedoch können noch völlig andere Beweggründe vorliegen, individuelle Mischformen aus vielen Antrieben, die oft dem Leser selbst nicht immer bewusst sein können.
Kann sich jedoch keiner der Leser einen Reim auf den Text machen, sollte sich der Autor wohl an die eigene Nase fassen. An diesem Punkt befinde ich mich immer wieder. Einmal habe ich an Informationen gespart, die zwar für mich selbstverständlich, für den Leser allerdings nicht zu erraten waren. Ein anderes Mal habe ich mich zu sehr hinreißen lassen und das Spiel mit der Sprache derartig ausgereizt, dass mein erschlagener Leser nicht mehr hinter diesen Wall von Worten spähen konnte. Das nächste Mal habe ich beides in einem Text vereint und kann es dennoch selbst beim Schreiben nicht so sehen, denn meine Gedanken sind für mich vollkommen klar …
Der Sprung vom Hobbyautor in die Professionalität sehe ich unter anderem genau an dieser Stelle. Ein Autor, der sich verständlich machen kann, der viele, wenn nicht sogar alle seine Leser auf die eine oder andere Weise erreicht, hat eine wertvolle Gabe. Bis jetzt habe ich für mich noch keine Regeln diesbezüglich festlegen können. Manchmal erreiche ich die Leser, manchmal nicht. Oft funktioniert es dann mit nachträglichen Erklärungen. Allerdings sehe ich hierin keine Lösung für das Problem.

Wie so oft beim Schreiben, behandle ich die Thematik als abstrakt. Sie scheint mir oft mehr Gefühl als Regelbefolgung zu sein, da zu viele unbekannte Größen jeden Fall anders aussehen lassen und allgemein gültige Leitlinien wohl nur bedingt greifen können. Ich hoffe, das entmutigt niemanden, der das hier liest. Ich, als absoluter Meister im unklaren Ausdruck habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann einen gangbaren Weg für mich zu finden. Das ist das Schöne am Schreiben.

Eure Saigel

Höhlenwahnsinn

Die Dunkelheit vibriert, sie ist schwärzer als schwarz und tief. Sehr tief. Die Erde um mich herum grollt, wie ein schwarzes Loch, um das jeder einen vernünftigen Bogen macht. Nur ich nicht. Ich bin direkt hineingeraten in diese unerforschte Dunkelheit, die meinen Sinnen die Funktion raubt und ihnen schaurige neue Wahrnehmungen andichtet.
Ich starre in die undurchdringliche Masse vor mir und irgendwann sehe ich kleine Partikel, sie tanzen wie wirbelnder Staub um mich herum, sie durchdringen mich und ich rätsele, ob ich aus ihnen gemacht bin. Die Befürchtung steigt in mir auf, dass ich mich in der tiefen Dunkelheit aufgelöst habe, ein Teil von ihr oder vollkommen sie geworden bin. Wo sind meine Kanten? Meine Hände vor mir grenzen sich nicht ab, ich kann sie nicht erkennen. Oder doch? Bin ich das vielleicht schlicht alles um mich herum?
In mir tobt etwas. Etwas nie Gekanntes, etwas Beängstigendes, etwas Mächtiges. Mit unbeirrter Gewalt durchfährt es mich, es durchzuckt mich wie ein Lichtblitz den Himmel, lässt es in meiner Kehle gurgeln, bevor sie sich zuschnürt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Irritiert schnappe ich nach Luft, nicht in der Lage zu begreifen, was hier gerade geschieht. Diese eindeutige Übermacht unterdrückt meine Angst. Angst hat der Mensch nur vor dem, was er nicht kennt. Was er nicht einzuschätzen vermag. Die identifizierte Gefahr, die klare Willkür lässt mich nicht zittern. Sie lässt mich kampflos aufgeben, lässt mich ergeben in mein Schicksal auf das Unausweichliche warten.
Meine Beine pulsieren, mein Herz pocht schnell. Ist das Aufregung? … Neugier? Bin ich etwa neugierig auf mein eigenes Ende? Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich mich in derartiger Klarheit über mich selbst befunden. Alle meine Sinne sind nach innen gekehrt, ich spüre nichts, außer mich selbst, ich rieche und sehe nur in mich hinein. Was ist das, dieses Ich? Ist es die Dunkelheit? Ist das nicht ganz natürlich, dass es so kommt, wie es kommen musste? Hatte ich jemals die Möglichkeit, mich so auszubreiten, wie ich es jetzt gerade mache? Obwohl ich dastehe, die Arme um den Körper geschlungen, die Beine geknickt. Nein, in der Dunkelheit bin ich nicht mehr der Körper. Da bin ich etwas anderes, etwas größeres. Da bin ich das, was eingesperrt in mir nur dann und wann mal zum Vorschein kam, um so schnell wie möglich wieder zu verschwinden.
Ach, du willkommene Tiefe, herrliche Schwärze, wie habe ich dich gemieden und bereue es, nun da ich verstehe, dass in dir die Lösung liegt. Fürchtete ich mich deshalb vor dir? Weil ich wusste, was du verbirgst in deinem undurchdringlichen Mantel, den man nur erforschen kann, wenn man ihn sich selbst umlegt?
Es ist seltsam. Jetzt, da ich weiß, dass du ich bist, dass du mit mir tun kannst, was immer du willst, und dass ich keinerlei Macht habe, mich zu behaupten, fühle ich mich wohl. Ich lehne mich zurück in diese schmeichelnde Gewissheit, die ich stets ersehnt und doch nie gefunden habe. Ist es das, was mich so unglücklich gemacht hat? Die Ungewissheit über mich selbst? Die vergebliche Suche der einzigen Lösung außerhalb meines eigenen Ichs?
Stille.
Ich brauche keine Antwort.
Irgendwo zieht mich ein Seilzug aus der Schwärze heraus. Jetzt spüre ich es wieder: die Plattform unter meinen Füßen, die mich trägt, die Gitter um mich herum, die mich dort oben eingesperrt haben und dort unten die reinste Form der Freiheit bedeuteten, die ich jemals gespürt habe. Ich möchte nicht nach oben, nicht hinaus in diese Welt, in der ich nicht bestehen kann, die mich nicht liebt. Die Dunkelheit wird lichter. Ich blicke auf schwarze Hände und auf enge Wände um mich herum. Unter mir liegt ein kleiner Sack mit edlen Steinen, die in der tiefen Dunkelheit genau denselben Wert hatten wie ich. Ich schließe die Augen und jetzt sehe ich es wieder: kleine tanzende Partikel, weite Tiefen, undurchdringliche Dunkelheit. Ich sehe mich und lächle.
Eine Hand zeigt auf mich und ich höre jemanden sagen: „Schau mal, wie der grinst. Irgendwann werden die alle irre. Hol den Nächsten und schaff den da weg!“

Regen – von Saigel

Es regnet.
Leise klopfen Tropfen auf die Erde, werden immer lauter, kommen zu vielen, drängen sich aneinander, bis jeder kleinste Teil der Oberfläche bedeckt ist. Ob sie jemand hört? Klopf, klopf, klopf.
Der Wind muss sie vernommen haben, denn er trägt die schweren, kleinen Tropfen noch weiter hinaus, an noch fernere Plätze, wo sie energisch um Einlass bitten können.
Noch mehr kommen.
Sie überschwemmen die Erde, zerplatzen und dringen wässrig in sie ein. Zuerst tut ihr das gut. Die Pflanzen beleben sich, die Erde atmet. Doch dann sind es zu viele. Der Regen hört nicht auf, lässt seiner Wut darüber, dass er nirgendwo Einlass bekommt, freien Lauf.
Seine kostbaren Tropfen: Kleinste Kristalle aus schimmerndem, reinstem Wasser werden von der Erde nicht als Ganzes empfangen. Sie müssen zerbrechen, sich verteilen und zu dem werden, was dem Regen so missfällt, dunkle schwarze Erde.
Seit jeher kämpft der Regen um seine Schätze und hat sich über die Jahre unten auf der Erde Verbündete erstritten. Der Tau ist sein Bruder, er versucht, die Wasserkristalle für einen kurzen Moment wiederzubeleben. Das fließende Wasser ist seine Schwester, die hier und da die schönsten Tropfen abwirft. Das Meer ist seine Mutter und die Gischt sein Vater, der stets darum bemüht ist, seinem Sohn ein klein wenig Beistand zu leisten.
Die Wolken sind seine Helfer, dort oben, wo seine Regenwerkstatt liegt. Sie verschleiern die warme Sonne um seine Kristalle dann mit einzelnen Sonnenstrahlen aufeinandertreffen zu lassen, sodass der wahre Funke, für kurze Zeit zu Tage tritt. Er ist der wertvollste Schatz des Regens. Der Regenbogen lässt sie farbenprächtig scheinen, hält sie fest, für einen Augenblick und bedient sich ihrer Schönheit.
Doch dann ist es vorbei.
Der Tropfen fällt zu Boden und zerschellt in tausend kleine Teile. Er ist vergangen und der wunderbarste Moment ist vorüber. Der Regen zieht sich zurück, sammelt neue Schätze, die er auf die Erde herunterwirft, um dabei zuzusehen, wie sie auf die undankbarste Weise empfangen werden. Sein Kristall, der wertvollste den es gibt. Ein Geschenk, dessen Kostbarkeit wohl nur dann Beachtung finden könnte, wäre sie einzufangen, zu besitzen, für die Ewigkeit zu bestaunen.

Saigels Irr(e)lichter – Die (Schreib-)Inspiration

Die Inspiration kommt, um zu gehen. So geht es mir zumindest. Es gibt Phasen, da fühle ich mich immens inspiriert, dann gibt es wieder Phasen, da habe ich einfach nichts zu sagen. Das Thema dieses Beitrags spiegelt meine momentane Inspirationslosigkeit, da ich bereits überlegte, den Beitrag diesen Monat auszusetzen. Allerdings geht es in dieser Reihe um persönliche Schreiberfahrungen, die selbstverständlich auch nicht immer rosig sein können.

Die Inspiration ist also für meine  Begriffe recht scheu. Die Situation, eine gute Idee zu haben, die sich beim sofortigen Aufschreiben sogar über mehrere Seiten erstrecken könnte, nach ein paar Minuten jedoch wieder verflogen ist, müsste wohl jedem ein schrecklicher Bekannter sein. Genauso dürfte es nicht nur mir so gehen, dass es Phasen im Leben gibt, die völlig unabhängig von den Ereignissen, die sich darin abspielen, absolut ideenlos verlaufen.

Ich habe gehört, dass sich die Inspiration aber auch suchen lässt. Für mich stellte sich das allerdings stets so ähnlich dar, wie die „Suche nach der Nadel im Heuhaufen“. Meine Erfahrung zeichnet ein eindeutiges Bild, davon, dass eine Verbindung zwischen Inspiration und Auslöser besteht. Gibt es keinen natürlichen Auslöser, bleibt zumeist auch die Inspiration aus. Einen Weg, den Auslöser künstlich zu erzeugen, habe ich bisher nicht gefunden, was sicherlich einer der Gründe ist, weshalb ich nicht in professionellem Rahmen schreiben kann.

Allerdings gibt es einen Lichtschimmer in diesem nebligen Text, der eine der großen Schattenseiten des Schreibens beleuchten soll: Die Inspiration kommt immer wieder zurück. Sie ist vergänglich, genauso wie wir es sind. Das kann ein Problem sein. Jedoch glaube ich, dass gerade die Vergänglichkeit und das Wissen darum das Leben und die Liebe ausmachen. Wäre die Inspiration eine Konstante in meinem Leben, würden sich wohl wieder andere Abgründe auftun.

Für mich persönlich ist das Schreiben Balance und Ausgleich. Nur, weil ich nicht zum Schreiben inspiriert bin, bedeutet das nicht, dass ich keine Inspiration in anderen Teilen des Lebens erfahren kann. Die Momente, in denen sie dann aber da ist und ich die Zeit finde, mich ihr zu widmen, die sind besonders, und die Texte, die daraufhin entstehen, sind einzigartig. Wie eine Fotografie, die es so nur ein einziges Mal gibt. Ich denke also folglich, dass Schreiben auch Geduld sein muss, weil sich die Inspiration nicht drängen lässt. Dies mag auf den ersten Blick nicht gerade enthusiastisch klingen, auf den zweiten Blick jedoch hoffentlich umso mehr.

Eure Saigel

Eine Kunst – von Saigel

Jetzt ist das Grab verschlossen. Ich fühle mich so unsäglich leer, bekomme den Moment und mich selbst nicht zu fassen. Meine Beine wiegen schwer, sie drohen unter dem Gewicht zu zerbrechen. Ich kann keinen Schritt gehen. Scheine hier festzusitzen, auf der Erde, in die ich mich regelrecht hineinbohre, weil sie meine Last nicht zu tragen gewillt ist.
Das soll es jetzt gewesen sein: Sie ist tot. Immer und immer wieder gehen sie mir durch den Kopf. Die Worte, die sie mir noch vor einigen Tagen zuflüsterte: „Schau genau hin, dann vergeht es irgendwann“.
Also sehe ich nicht weg. Weder dann, als ich an der Reihe bin, sie in ihrem Sarg zu betrachten, noch dann als ich eine Schaufel Erde in das tiefe Loch werfen muss, in dem sie nun ruhen soll.
Ruhen. In einem gepolsterten Sarg, in einem dunklen Fleckchen Friedhof. Dort soll sie also liegen, die Frau, die ihr Leben lang nicht liegen wollte. Sie, die das Leben lebte, einfach so an einem Wochenende nach Rom fuhr, um einen Kaffee in der Sonne zu trinken. Sie, die als einzige mit im Sandkasten auf dem Spielplatz saß und kräftig schaufelte, während die anderen Mütter kopfschüttelnd an ihren Sojalattemachiatos nippten. Sie, die nicht nur fragte, wie es in der Uni liefe, sondern die wissen wollte, wie diese und jene Vorlesung gewesen sei. Sie, die mich bei meiner Trauung zum Altar führte, weil mein Vater nicht mehr laufen konnte. Sie, die ihren Mann bis zuletzt pflegte, um dann auch selbst nach ein paar Jahren zu gehen. Meine Mutter, die nun in diesem fürchterlichen Sarg liegt und mich scheinbar noch immer über die Kunst des Lebens unterrichtet.
Fest verschließe ich den Anblick des Grabes in meinem Herzen und fange alle Gedanken ein, die wie wild gewordene Geister und letzte Worte um den Grabstein tosen und tanzen, ein wahres Fest veranstalten und mit ihren Ketten rasseln, die sie mir zu gerne um den Hals werfen würden. Ich sammele sie alle ein, verschließe sie in dem Sarg meiner Trauer, sehe noch einmal ganz genau hin und kann mich dann abwenden, die Beine leicht, die Zeit willkommen heißend, die mir noch bleibt, die in Freiheit gelebt werden will.

Saigels Irr(e)lichter – der Wunsch zu veröffentlichen

Der Wunsch zu veröffentlichen kann groß sein. Aber auch manchmal ganz klein. Schreibt man denn nicht genau deshalb? Weil man einmal veröffentlichen möchte? Ich sage das auch immer: „Einmal möchte ich veröffentlichen. Das ist mein großer Traum, einmal mein eigenes Buch im Laden zu sehen.“ 
Ich glaube, so oft wie ich in diesem Zusammenhang das Wort „einmal“ nutze, habe ich es sonst noch nie gebraucht. Einmal. Irgendwann. In ferner Zukunft. In einem unbestimmten Zeitraum, der irgendwo an einem Punkt liegt, den ich noch nicht benennen kann.
Natürlich wünsche ich mir beim Schreiben, dass meine Texte auch gelesen werden, und wenn ich an einem Roman arbeite, dann stelle ich mir diesen auch gelegentlich als fertiges Buch vor. Allerdings habe ich persönlich nach so vielen Jahren des Schreibens diesen Sprung noch nicht gemacht.
Bei manchen scheitert es leider an der Zusage, die sie unweigerlich zu einer Veröffentlichung brauchen, zumindest sagt man das. Diese Grenzen sind allerdings durch die Möglichkeiten des Self-Publishings aufgeweicht. Bei mir ist das natürlich auch so. Die Absagen sind zahlreicher als die Zusagen, die mir in den letzten 15 Jahren ins Haus geflattert sind. Dennoch habe ich aus keiner Zusage etwas Ernstzunehmendes gemacht. Ich bin mir sicher, dass es vielen so geht: der Wunsch zu veröffentlichen ist ein zweischneidiges Schwert.
Ich sehe ihn selbst mit so widerstreitenden Gefühlen, dass ich es phasenweise bereuen kann, nicht die Chance ergriffen zu haben, als ich es gekonnt hätte, und dass ich es in anderen Zeiten wieder für gut und richtig erachte. Ich glaube, dass mir das zeigt, dass ich im Grunde noch nicht dazu bereit bin. Was das genau heißt, bereit zu sein, kann ich aber genauso wenig bestimmen wie die genaue Eingrenzung des Wortes „einmal“.
Ich habe über mich gelernt, dass das Schreiben mehr ist als das. Es stellt mich zufrieden. Die viele investierte Arbeit zahlt sich aus, auch ohne Veröffentlichung und Geld.
Schon alleine hier im Blog und im Forum zu veröffentlichen, fällt mir manchmal nicht leicht. Unweigerlich stellt sich mir dann die Frage, ob ich mich einer breiteren Öffentlichkeit überhaupt präsentieren möchte. Würde das nicht an meiner Zufriedenheit mit meinen Texten und der Tätigkeit des Schreibens etwas verändern?
Ich bewundere alle Autoren, die veröffentlichen. Ich bewundere die viele Arbeit und ich bewundere ihren Mut, sich einer unbekannten Öffentlichkeit zu stellen. Vielleicht gehört dazu eine gewisse Reife und Selbstdistanz, die es für mich erst noch zu erforschen gilt. Helfen kann hier oft der Austausch untereinander. Jedoch bleibt meines Erachtens der Sprung dennoch immens groß.
Sicher ist aber, dass es ganz bestimmt tausende und abertausende wunderbare Texte gibt, die in verschlossenen Schubladen hinter gewöhnlichen Haustüren Staub ansetzen und wohl niemals gelesen werden. Da schreit der Leser in mir auf und der Autor in mir lehnt sich zurück und denkt: „Bevor die es nicht machen, mache ich es auch nicht.“ Es gibt den Traum vom Schriftsteller-Sein. Aber noch lange nicht jeder Autor träumt ihn auch ausgiebig und lange, heiß ersehnend in der festen Absicht, ihn irgendwann zu verwirklichen. In den Texten sehe ich keinen Unterschied von dem einen zum anderen Autor, manche sind gut ganz still für sich, andere für größere Lesergruppen. Deshalb denke ich persönlich, dass das Schreiben „mehr“ ist als die Veröffentlichung und sie uns nicht wirklich als Autoren definiert.

Eure Saigel

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