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Regen – von Saigel

Es regnet.
Leise klopfen Tropfen auf die Erde, werden immer lauter, kommen zu vielen, drängen sich aneinander, bis jeder kleinste Teil der Oberfläche bedeckt ist. Ob sie jemand hört? Klopf, klopf, klopf.
Der Wind muss sie vernommen haben, denn er trägt die schweren, kleinen Tropfen noch weiter hinaus, an noch fernere Plätze, wo sie energisch um Einlass bitten können.
Noch mehr kommen.
Sie überschwemmen die Erde, zerplatzen und dringen wässrig in sie ein. Zuerst tut ihr das gut. Die Pflanzen beleben sich, die Erde atmet. Doch dann sind es zu viele. Der Regen hört nicht auf, lässt seiner Wut darüber, dass er nirgendwo Einlass bekommt, freien Lauf.
Seine kostbaren Tropfen: Kleinste Kristalle aus schimmerndem, reinstem Wasser werden von der Erde nicht als Ganzes empfangen. Sie müssen zerbrechen, sich verteilen und zu dem werden, was dem Regen so missfällt, dunkle schwarze Erde.
Seit jeher kämpft der Regen um seine Schätze und hat sich über die Jahre unten auf der Erde Verbündete erstritten. Der Tau ist sein Bruder, er versucht, die Wasserkristalle für einen kurzen Moment wiederzubeleben. Das fließende Wasser ist seine Schwester, die hier und da die schönsten Tropfen abwirft. Das Meer ist seine Mutter und die Gischt sein Vater, der stets darum bemüht ist, seinem Sohn ein klein wenig Beistand zu leisten.
Die Wolken sind seine Helfer, dort oben, wo seine Regenwerkstatt liegt. Sie verschleiern die warme Sonne um seine Kristalle dann mit einzelnen Sonnenstrahlen aufeinandertreffen zu lassen, sodass der wahre Funke, für kurze Zeit zu Tage tritt. Er ist der wertvollste Schatz des Regens. Der Regenbogen lässt sie farbenprächtig scheinen, hält sie fest, für einen Augenblick und bedient sich ihrer Schönheit.
Doch dann ist es vorbei.
Der Tropfen fällt zu Boden und zerschellt in tausend kleine Teile. Er ist vergangen und der wunderbarste Moment ist vorüber. Der Regen zieht sich zurück, sammelt neue Schätze, die er auf die Erde herunterwirft, um dabei zuzusehen, wie sie auf die undankbarste Weise empfangen werden. Sein Kristall, der wertvollste den es gibt. Ein Geschenk, dessen Kostbarkeit wohl nur dann Beachtung finden könnte, wäre sie einzufangen, zu besitzen, für die Ewigkeit zu bestaunen.

1 Kommentar

  1. InEs

    Dankeschön – Der Regen unter die Lupe genommen:
    Ein wunderbarer Text über den Regentropfen.
    Kleine Tropfen Wasser, machen’s große Weltmeer…

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