Walsterben – von Saigel

Eine Tour zu den Walen. Das hat er mir geschenkt. Nur er und ich. Wir zwei allein. Eigentlich bin ich seekrank, aber ich werde mir vorher noch diese Tabletten besorgen. Er ist ja so ein toller Mann. Ich bin froh, dass ich es geschafft habe, ihn für mich zu gewinnen. Lange dachte ich, er hätte kein Interesse an mir. Doch jetzt, jetzt glaube ich, dass sich das geändert hat. Ich habe es geschafft.
Eine Rundfahrt in der glitzernden Bucht, bei schönem Wetter. Das Wasser sieht so aus, als bestünde es aus tausenden von schillernden Diamanten, die aufgeschüttet immer in Bewegung bleiben müssen und sich aneinander abschleifen. Ich trage ein schönes Sommerkleid, das ich extra für diesen Anlass gekauft habe. In meiner Tasche habe ich eine Packung Tabletten, zur Sicherheit habe ich allerdings vor einer Stunde schon eine heruntergewürgt.
„Hallo“, sagt er lächelnd und zeigt auf das Motorboot. „Bist du bereit?“.
Ich nicke und kann nicht aufhören in seine blauen Augen zu starren, die so traumhaft schön und weich sind, dass es mir den Atem verschlägt. Hand in Hand laufen wir über den Steg und setzen uns in das Boot. Die Rundfahrt beginnt, in ein paar Minuten werden wir gemeinsam die großen Wale bestaunen dürfen. Das mit ihm gemeinsam zu erleben, macht mich glücklich. Die Diamanten wiegen unter uns und schlagen an die Außenwände des Bootes. Sein Gesicht belebt ein Grinsen, das weiße Zähne offenbart und mich ansteckt mit dem, was da ist.
Was es ist, das weiß ich nicht. Es ist seltsam, mein Lächeln mag nicht zu dem passen, was sein Grinsen sagen möchte. Ich kann es spüren, etwas ist da; etwas ist anders.
Da sehe ich schon eine Flosse. Gigantisch, majestätisch sticht sie hervor aus dem Diamantenmeer und sinkt beinahe lautlos und elegant wieder hinab. Woanders ist ein Rücken zu sehen, der tausend kleine funkelnde Perlen in der Luft zerstäuben lässt.
„Boa! Der kratzt bestimmt bald ab!“, sagt der junge Mann neben mir, dem ich wie aus Reflex, der aus einer bösen Vorahnung entstanden ist, meine Hand entziehe.
Fragend blicke ich ihn an. Er sieht mir in die Augen und ich bekomme Angst vor diesem blauen, klaren Eis, das mich gefühllos anblickt und dieses furchtbare Grinsen, das meine Illusion verschwimmen lässt, versetzt mir einen Stich.
„Na, weißt du das nicht? Auf diese Rundfahrt gehen eigentlich nur die Touris, weil die nicht wissen, dass die Wale hier zum Sterben herkommen. Deshalb kann man die so gut anschauen. Die pfeifen alle auf dem letzten Loch!“.
Das Meer um mich herum wird plötzlich schal, die Diamanten schimmern in blutigem Wasser. Blut von den Walen, die sich an den brillierend scharfen Kanten schmerzende Wunden aufreißen. Qualvoll sehe ich ihnen zu, wie sie sich treiben lassen, im Blitzgewitter der Kameras ihre letzte Ruhe suchend.
Ich würge. Hätte ich die Tablette nicht genommen, hätte ich mich jetzt gerne über seinen Schoß übergeben. Doch leider war ich vor der Rundfahrt noch davon überzeugt gewesen, dass er genauso erhaben funkelte wie das Wasser und die Wale, wie diese Bucht und alles, was sich darin befand.
In mich gekehrt warte ich auf Erlösung, für die Wale, aber auch für mich. Das Boot dreht bei, wir sind auf dem Weg zurück. Am Steg verabschiede ich mich nicht, sondern lasse ihn einfach stehen. Dankbar für diese Rundfahrt, die mir zwar nicht das brachte, was ich mir davon erhofft habe, allerdings innerhalb von wenigen Minuten einen anderen Menschen aus mir machte. Die mir zeigt, die Dinge zu sehen, die dort draußen genauso wie hier manchmal in dem Schein verschwimmen, der uns Menschen blendet und beinahe erblinden lässt.

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