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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

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Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 7 – Der Gigantyras

»Verdammt, es ist mitten in der Nacht. Du bist dir schon im Klaren darüber, was hier nach Einbruch der Dämmerung unterwegs ist, oder?«, fluchte Daisy lautstark. 
Für Clynnt Volker war diese Diskussion verschwendete Zeit. Zeit, die sie brauchen würden, um Archweyll, Tamara und die anderen zu finden. 
»Was auch immer hier passiert ist, wir haben weder Funkkontakt, noch sind ihre elektronischen Signale auf unseren Scans. Archweyll hat sich mal wieder bravurösen Ärger eingehandelt und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht schaffen sollte, ihn aus der Scheiße zu ziehen«, erwiderte der Chefnavigator mit einem funkelnden Blick aus seinen eisenharten Augen. 
»Alte Männer, die gerne sterben wollen. Macht das, aber haltet mich da raus!«, zischte Daisy wütend. 
Für eine Sekunde überlegte Clynnt ernsthaft, ob er sie einfach erschießen sollte. So ein ausgeprägter Egoismus hatte in seinen Reihen keinen Platz und selbst wenn Daisy den Zyklopen steuerte, hatte Archweyll ihm das Kommando übertragen. Es war eine blamable Schande, dass Daisy austreten wollte, jetzt wo es erst einmal brenzlig wurde. 
»Du bist in der Armee, Mäuschen. Auf Nautilon, einen Kilometer unter der Meeresoberfläche. Und nicht auf Prospecteus, in deinem warmen Bett. Das lernst du besser schnell. Weil du so ein blutiger Anfänger bist, will ich dir deinen Ausrutscher verzeihen, aber wenn du nicht augenblicklich tust, was ich dir sage, werde ich deinen süßen Arsch aus der Kommandobrücke befördern. Und ich warne dich nur einmal vor, meine Füße sind wirklich groß und ich habe eine Vorliebe für feste Stiefel.«
Die Chefmechanikerin schien drauf und dran auf ihn loszugehen. Ihr Kopf lief vor Wut hochrot an und sie machte einen festen Schritt in seine Richtung. »Wie hast du mich genannt? Wenn du gerne selber steuern möchtest, nur zu. Steuer den Kahn und deine Crew in den sicheren Tod. Aber setzt mich vorher da oben ab und verschone mich mit dem geistigen Brei eines dementen Tattergreises.« 
Die Ohrfeige traf sie so unerwartet, dass sie zusammenfuhr. 
Clynnt Volker hatte noch nie eine Frau geschlagen. Gut, er hatte schon ein paar erschossen, aber Piraten und Mutanten zählten normalerweise nicht zu der vornehmen Gesellschaft. 
Daisy scheinbar auch nicht. Der Chefnavigator merkte, wie er vor Wut am ganzen Körper zitterte. So ein unglaubliches Verhalten hatte er noch nie erlebt. Diese Bereitwilligkeit, andere einfach sterben zu lassen, um seinen Arsch ins bequeme Trockene zu hieven, empfand er als verachtenswert. 
Die Chefmechanikerin schaute ihn entgeistert an und rieb sich das rot angelaufene Ohr. Für einen Moment schien es, als wolle sie ein Messer ziehen, um Clynnt die Kehle durchzutrennen, doch dann machte sie Kehrt und verschwand von der Brücke.
In der Kommandozentrale trat ein betretenes Schweigen ein.
»Sie übernehmen«, wies der Navigator den Copiloten an. 
Mit einem zögerlichen Nicken nahm dieser Platz und verlinkte sich mit der Steuerung. 
»Das Radar soll nun manuell arbeiten. Sucht nach Herzfrequenzen. Ich weiß, dass es mühselig ist, aber wir haben keine Wahl. Wir tauchen ab.«

                                                                 ***

N’Kahlu stieß einen energischen Fluch aus. 
Die Energiequelle der Scherenpanzer zu manipulieren war eine fast wahnwitzige Sabotage. 
Zweifelsohne würde der Kommandant den Verantwortlichen in Stücke reißen, wenn sie denn überleben sollten. Glücklicherweise hatte der Sog ihn nicht so stark erwischt und es hatte ihn nicht über den Rand des Abgrunds getrieben. Während er auf dem pechschwarzen Dünensand verharrte, bemerkte er, dass weitere Krebsanzüge neben ihm auf Grund liefen. Hastig zählte er durch.
Zehn Stück, also hatten zwei von uns weniger Glück. 
Ein Knurren entwich seiner Kehle. Hoffentlich wussten seine neuen Vorgesetzten, was zu tun war. In einer solchen Situation war es wichtig, die Fassung zu bewahren. Spätestens, wenn sie in die Tiefen hinabsteigen würden, um die Vermissten zu bergen. Plötzlich bewegte sich einer der Scherenpanzer. 
Hat es ihn nicht erwischt? 
Zielsicher steuerte das Gerät auf ihn zu und N‘kahlu erkannte Phillista, einen seiner besten Männer, hinter dem Steuer.
»Verdammt sollst du sein, du alter Teufelskerl«, feixte der Sergeant. 
Mit Fingersprache stimmten sie sich ab. Worte waren überflüssig, da scheinbar unschwer zu erkennen war, was das Problem darstellte.
Mit einem routinierten Handgriff machte sich der Soldat an N‘kahlus Anzug zu schaffen, während unterschiedliche Werkzeuge durch seine Greifer rotierten. Wenige Minuten später war die Energieversorgung wiederhergestellt. 
Ein Unterbrecher-Chip also? Kein schlechter Schachzug. Aber kein Hindernis, für ein Expertenteam. 
Und Experten waren seine Männer wahrlich. Auf Orian II hatten sie den Tod mit sich gebracht, wohin sie auch kamen. Niemand beherrschte die Scherenpanzer so gut wie seine Truppe. 
Was dem Sergeant allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass die Dämmerung mittlerweile der pechschwarzen Nacht gewichen war. Die Schatten waren länger geworden, bis sie den Meeresgrund völlig für sich einnahmen. 
Eilig schloss sich N‘Kahlu seinem Kameraden an, um die Scherenpanzer aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Per Funk informierte sich der Sergeant, warum sein Soldat nicht von den Problemen betroffen war. 
»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte Phillista gelassen. »Möglicherweise hat der Saboteur gepfuscht oder wusste nicht haargenau, was zu tun war. Ich möchte es ihm nicht verübeln.«
Der Soldat wurde mit einem Lachen quittiert. 
Dann tauchte ein Leuchten vor ihnen auf und der Zyklop näherte sich mit eiliger Geschwindigkeit.
»Wir sind in Ordnung«, berichtete N’kahlu angespannt. »Aber zwei von uns sind in die Tiefe gestürzt.« 
Nach einem schnellen Durchzählen stellte sich heraus, dass es sich bei den Vermissten um Archweyll Dorne und Tamara Vex handelte. 
»Verdammt, gerade die Anfänger werden es nicht einfach haben. Ich hoffe, sie finden einen Weg, um dort unten klarzukommen, bis wir eintreffen«, sagte der Sergeant angespannt.
»Wir werden uns sofort auf den Weg machen«, die Stimme des Chefnavigators knisterte durch den Funk. 
N’Kahlu konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, jetzt wo der Nervenkitzel einsetzte. »Aye, fahrt die Halterungen aus. Wir springen auf. Schließlich wissen wir ja nicht, auf was wir alles stoßen könnten.«

                                                                   ***

Clynnts Lippen entwich ein Seufzer der Erleichterung, als die Einheiten sich meldeten. Zumindest mussten sie nicht alle Crewmitglieder in den Tiefen wiederfinden. Doch die Tatsache, dass Tamara und Archweyll noch dort unten waren, bereitete ihm Unbehagen. Nervös ging er auf der Brücke auf und ab. Das lief alles nicht nach Plan.
Die Chefmechanikerin hatte sich als herber Rückschlag erwiesen und der Copilot war fast so angespannt wie er selbst. Und vor ihnen ging es sieben Kilometer in die düstere Tiefe eines ihm unbekannten Planeten. 
Ein Ruck zog sich durch das U-Boot, als die Scherenpanzer auf die ausgefahrenen Schienen sprangen. Dann sanken sie hinab. 
»Scheinwerfer deaktivieren und Radarsysteme hochfahren«, befahl der Chefnavigator lautstark. Auf einen Schlagabtausch mit der hiesigen Tierwelt konnte er getrost verzichten. 
Der Copilot führte seine Befehle aus und zunehmend wurde alles um sie herum von einem  schwarzen Seidentuch verhüllt. Nur das Flimmern der Monitore erhellte die Brücke und tauchte sie in ein trübes Licht.
»Komm schon, Arch, lass dich endlich blicken«, flüsterte Clynnt gedankenversunken. 
Vor seinem inneren Auge sah er den Kommandanten, wie er ihnen mit frivolem Grinsen entgegensprang, den kompletten Scherenpanzer zerlegt, und mit Tamara im Arm. 
»Sir, wir haben ein Problem. Um ehrlich zu sein, es ist ein riesiges Problem!«, krächzte der Copilot plötzlich mit trockener Stimme und vergewisserte sich wieder und wieder, ob die Scans ihn nicht belogen. Sein Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und seine Hände zitterten spürbar, während er Befehle in die Konsole eintippte. 
»Spukst schon aus. Ich hatte gerade das größte Problem beseitigt, es dürstet mich förmlich nach einem neuen«, knurrte Clynnt. 
Als der Copilot nicht antwortete, fuhr er ihn an. »Na, was ist? Hat es dir die Sprache verschlag…?«, sein Blick wanderte über den Monitor und die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht mutierten zu Schluchten der Befürchtungen. »Sofort Alarmstufe rot ausrufen und die Torpedobatterien bereithalten. Ich informiere die Jungs da draußen, wir werden zügig fahren müssen. Außerdem möchte ich im Umkreis von einer Meile Leuchtkörper im Wasser haben, unsere Taktik, nur mit Radar zu manövrieren, ist ab jetzt Geschichte.« Er griff nach dem Funkgerät. »An alle Einheiten, wir kriegen Besuch. Bereitet euch darauf vor dem Tod ins Angesicht zu blicken.«
Er wurde von einem Brüllen unterbrochen, das direkt aus seinem Kopf zu stammen schien. 
»Leuchtkörper online, Feuer frei!«, bestätigte der Copilot. 
Zischend bahnten sich die Geschosse wie Sternschnuppen ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Explosion war kaum vernehmbar, doch dann breitete sich ein sattes Licht aus, das den Ozean in ein Meer aus Gold verwandelte. 
Gerade noch rechtzeitig, um den Blick auf einen riesigen Schemen freizugeben, der über den Zyklopen hinwegschwamm. 
»Kategorie: Gigantyras. Länge: 357 Meter. Warnung, extrem aggressiv«, spukte die Sprachausgabe der Scanerkennung knisternd aus. 
»Schalt das aus. Wenn es nochmal zu mir spricht, bringe ich es um!«, befahl der Chefnavigator energisch. »Und dann bring uns runter, wir müssen verschwinden!«
Dröhnend entfaltete die Maschine ihre volle Leistung und schob den stählernen Riesen vorwärts. Eingehend studierte der Chefnavigator den Scan. Was er sah, ließ ihn schlucken. 
Der Gigantyras war ein längliches, sehr schlankes Wesen von der Gestalt einer Seeschlange, das sich, von seiner riesigen Schwanzflosse angetrieben, elegant durch das Wasser wandte. Auf seinem Rücken befand sich ein durchgehender, stromlinienförmiger Zackenkamm, der von der Schwanzflosse bis zum Kopf reichte. Weitere Flossen, zu seinen Seiten, verliehen ihm den benötigten Auftrieb. Aber das wirklich furchteinflößende war der Kopf. Fünf Paar kohlrabenschwarzer Augen musterten sie angriffslustig und ein riesiges Maul, voller Reihen spitzer Zähne, öffnete und schloss sich im Gleichtakt. Das Wesen besaß bebende Nüstern, die in einer kaum ausgeprägten Schnauze mündeten. Auf seiner Stirn befand sich ein großes spitzes Horn und um den Schädel herum saßen vier spinnenbeinartige, klauenbesetzte Greifarme im Fleisch verankert, welche die Beute packen und in den Schlund des Monsters befördern konnten. Ihre Klauen wirkten wie die das lange Blatt einer Sense, schreckliche Werkzeuge des Todes. Sie zuckten schon vor Mordlust und blutiger Vorfreude. 
Dann brüllte das Tier dem Zyklopen eine Herausforderung entgegen und setzte ihm nach. 
»Welche Torpedos können wir auf diese Distanz benutzen?«, fragte Clynnt Volker hektisch. 
Die Anspannung nahm ihn gänzlich für sich ein, er spürte merklich seinen Puls rasen und die Innenseiten seiner Handflächen hatten sich in morastige Tümpel verwandelt.
»Die Vendetta-Klasse auf kurze Distanz und Tsunamibringer auf mittlere Distanz. Aber er holt auf, es wird schwierig genug sein, uns überhaupt in Schussposition zu bringen«, erklärte der Copilot mit zitternder Stimme. Es klang fast so, als würde er gerade aus einem Lehrbuch zitieren und nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht war es doch verkehrt gewesen, Daisy von der Brücke zu jagen? 
Clynnt knirschte mit den Zähnen Er durfte seine Entscheidungen jetzt nicht anzweifeln. »Haben wir also gerade nichts, was wir unserem Freund hier entgegensetzen können?«, fragte er gereizt. Wie konnte es überhaupt sein, dass es am Heck keine Torpedobatterie gab? Hatte niemand aus den schlechten Filmen gelernt?
»Ich … Ich weiß es nicht genau. Das ist mein erster Einsatz, Sir«, stammelte ihm der Copilot entgegen. 
Erst jetzt wurde Clynnt bewusst, dass er nur ein Junge war. »Welcher Idiot schickt mir denn einen Frischling an das Steuer eines riesigen U-Bootes, der sich noch nicht einmal darüber im Klaren ist, über welche Waffensysteme es verfügt?«
»Nunja, ich denke, das waren Sie, Sir«, erwiderte der Junge trocken. 
Clynnt konnte nicht anders, als zu lachen. »Na, wenn du es sagst, werden wir wohl beide als Idioten sterben«, kicherte er, dann sank er auf einem Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. 
»Heute stirbt mir hier keiner!«, drängte plötzlich eine Stimme zu ihnen durch. »Weder wir, noch die Leute, die wir suchen und finden werden!« Daisy Schritt in die Kommandobrücke, ihre Ausstrahlung hatte sich gänzlich verändert. Von dem trotzigen Mädchen war kaum noch ein Funke übrig. Es war der puren Entschlossenheit gewichen. 
Clynnt wollte etwas erwidern, doch sie winkte ab. 
»Ich weiß, was du sagen willst, und du hast Recht. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Ich habe es mir zu leicht gemacht.« Sie schien kurz in sich zu gehen. »Geniale Dinge zu entwerfen ist die eine Sache. Explosionen, riesige Roboter und Induktionsgewehre können einen schon echt glauben lassen, man sei ein taffer Mensch. Das dachte ich zumindest. Angsthasen habe ich schon immer gehasst. Aber gerade, als mir bewusst geworden ist, wie gefährlich es wird, habe ich mir fast in die Hose gemacht.« Sie nickte in Richtung des Hecks, wo ein weiteres Brüllen ertönte. »Und irgendwie schien ich ja auch Recht zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach davonlaufen darf. Bereit, wenn du es bist.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Clynnt den Copiloten aus der Steuervorrichtung geworfen. Er ergriff ihre Hand. 
»Bereit«, sagte er nüchtern. »Enttäusch mich nicht.« 
Daisy lächelte und der Chefnavigator spürte wieder dieses lodernde Feuer in ihr. 
Wie hat sie sich so schnell umentschieden?
Sie holte einmal tief Luft. »Dann wollen wir dieser Bestie mal zeigen, dass es dumm war, sich mit uns anzulegen.«

 

 

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 6 – Verloren in den Tiefen von Nautilon

Der Scherenpanzer sank unaufhörlich in die Tiefe. Mittlerweile war es so schwarz um ihn herum, dass man nichts mehr von der Außenwelt erkennen konnte. Nur das kleine Licht seiner Taschenlampe erhellte die Fahrerkabine wie ein Funke der Hoffnung. 
Archweyll hatte auf seinen massigen Kampfanzug verzichten müssen, als er in den engen Panzer stieg, aber mit einer Notfallausrüstung war er immer ausgestattet. Er vergeudete keine Zeit und begann direkt damit, einen Plan auszuarbeiten. Denn ohne würde er hier unten sterben. Durch eine elektronische Verbindung hatte er vor ihrer Mission alle Daten des Scherenpanzers auf seine eigene Festplatte gebrannt, nun rief er diese holographisch ab. Er war kein Mechaniker und die Struktur des Anzuges war alles andere als unkompliziert, aber langsam hatte er den Dreh raus. 
Die Hauptstromversorgung saß kurz über dem Heckantrieb, zwischen den Schultern des Scherenpanzers, und war durch zwei Isolationsschichten von seiner Kabine getrennt. Es knisterte leise, während sein kleiner Handbrenner die erste Schicht durchstieß.
Wenn das noch länger dauert, kann ich auch einfach die Frontscheibe öffnen, dachte Archweyll ungeduldig. Aber diesen Gefallen würde er weder Crowler, noch diesem unnachgiebigen Planeten erfüllen. Der Kommandant biss die Zähne zusammen und konzentrierte sich mit einem eisernen Willen auf sein Ziel. Als der Brenner soweit war, riss Archweyll die Platte einfach heraus. Er konnte von Glück reden, dass die massive Aspexylpanzerung sich an der Außenwand befand und ihn vor Druck und Kälte schützte, während er das Innenleben des Scherenpanzers auseinandernahm.
Die zweite Isolationsschicht bestand aus einer schaumartigen Masse und Archweyll wurde das Gefühl nicht los, in fremden Eingeweiden herumzuwühlen, während seine Hand den Kunststoff beiseitefegte. Mit der Taschenlampe im Mund und dem Brenner in der rechten Hand, lugte er in das klaffende Loch seiner Innenbordwand. Kabel kamen ihm wie Lianen entgegengesprungen, aber dem Kommandanten war klar, dass er sie gefahrlos berühren konnte. Mit einer fast väterlichen Fürsorge tastete er sich voran, bis er die Energieversorgung fand. Die Propeller der Kühlelemente verrieten ihm, dass er hier richtig war. Währenddessen studierten seine Augen die Hologrammaufnahme seiner externen Festplatte, als hinge sein Leben davon ab. 
Moment … das tut es.
Sein Arm verschwand mittlerweile fast gänzlich in der Öffnung und seine Wange lag in einer sonderbaren Haltung gegen die Rückwand gepresst. Keuchend ließ er seine Finger noch tiefer hineinwandern, wohl wissend, was für einen Anblick er gerade abgeben musste. Aber das war jetzt völlig nebensächlich. Dann stießen sein Pranke auf einen breiten Kabelbaum, der sich wie eine kupferne Wirbelsäule durch den Anzug schlängelte.
»Hier muss es doch irgendwo sein«, keuchte Archweyll nervös. Wenn er den Unterbrecher nicht bald fand, konnte er Lebewohl sagen. Plötzlich stießen seine Finger auf eine eigenartige Form. Sofort krallte sich sein Griff daran fest. In seiner Hand lag ein fingernagelgroßer, ovaler Chip, der sachte vibrierte.
»Therodax-3«, schmunzelte der Kommandant. »Einfach, aber effizient.« 
Mit einem Ruck versuchte er den Chip zu entfernen, doch dieser wollte sich scheinbar nicht so einfach ergeben. 
Das Magnetfeld habe ich fast vergessen. Jetzt war Vorsicht geboten. 
Wenn er die Kabelstränge zerriss, war es mehr als ungewiss, ob die Maschine noch funktionieren würde. Fieberhaft suchte Archweyll nach einer Lösung für das Problem. 
Während er innig das Hologramm analysierte, kam ihm eine Idee. Eilig griff er nach seinem Schraubenzieher und schlug ein kleines Loch in die Bordwand, dort, wo der linke Greifarm verankert lag. Die Hologrammanalyse zeigte ihm, dass er dort einen Elektromagneten finden würde, der ihm für seine Zwecke dienlich sein konnte. Wenn er diesen mit genug Spannung auflud, konnte er den Therodax-3-Chip entmagnetisieren, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Aber das würde genügen. 
Ärgerlicherweise hatte er dann womöglich nur noch einen Arm zur Verfügung, aber alles war besser als hier unten zu versauern. Mit dem Schraubenzieher drang er in das Loch ein, wühlte sich durch Kabel und stählerne Vorrichtungen, bis er auf den Magneten stieß. Sofort wurde sein Schraubenzieher davon abgestoßen, doch Archweyll war unnachgiebig. 
Mit einem unglaublichen Ruck und einem mechanischen Kreischen riss der Magnet aus seiner Verankerung, als Archweyll mit aller Kraft, die ihm verliehen wurde, an ihm zerrte. 
»Hab ich dich«, schmunzelte er. 
Jetzt kam der schwierige Teil: er musste den Magneten mit genug elektrischer Energie aufladen, um die beiden Magnetfelder langsam zu neutralisieren. 
Leider würde dafür seine Festplatte mit Hologrammanalysator und dessen kleiner Generator herhalten müssen. Da der linke Arm ohnehin defekt war, zerrte der Kommandant ein Kabel daraus hervor und schnitt es mit dem Messer in zwei gleichlange Hälften. 
Mit dem Schraubenzieher verging er sich an der Kiste, die ihm bis gerade noch treue Dienste geleistet hatte, und legte die äußere Hülle fein säuberlich ab, bis der summende Generator zu sehen war. Archweyll entfernte die Kabel, welche die Energiequelle mit dem Hologrammgenerator verbanden und klemmte die Kupferdrähte daran. Mit einem unflätigen Fluch quittierte er jeden Elektroimpuls, der wie eine zischende Energieschlange durch seinen Körper jagte. Dann verband er den Magneten mit dem Kabel, auch wenn dieser sich zunächst streng weigerte, und lud ihn mit Energie auf. Unter Aufwand all seiner Kräfte hielt er das Stück Metall umklammert, damit es nicht verloren ging. Doch das erforderte eine Menge Kraft. Blaue Adern traten aus Archweylls Schläfen aus und er schwitzte bestialisch, doch dann war es vollbracht. Im Bruchteil einer Sekunde drehte er sich um die eigene Achse und steckte den Magneten in das Loch. Sofort stieß er auf Widerstand, aber jetzt war er so kurz davor. Das entstandene Wechselfeld würde den Unterbrecher kurzzeitig destabilisieren.
Archweyll drückte den Magneten wie ein Besessener immer weiter vorwärts. 
Nachdem er eine gefühlte Ewigkeit so verharrte, ließ er ihn los, um nach dem Chip zu greifen. Mit seinen letzten Kräften zerrte er daran. Doch der Chip wollte nicht nachgeben. 
Ein zorniger Aufschrei entwich seiner Kehle. 
Nochmal. Es muss funktionieren! 
Abermals zerrte der Kommandant an dem Unterbrecher. 
Mit einem Ruck löste sich der Chip von den Kabeln und lag nun trügerisch in seinen Händen, als könne er kein Wässerchen trüben. Archweyll wischte sich den Schweiß von der Stirn, spukte aus und traf dabei versehentlich die Frontscheibe. 
Blöde Angewohnheit von mir. 
»Du kleiner Bastard«, fluchte er triumphierend. »Das hast du nicht kommen sehen, was?« 
Er legte den Unterbrecherchip auf seinen Schraubenzieher und binnen einer Minute reaktivierte er sich und heftete daran wie ein Parasit an seiner Beute. 
Archweyll setzte sich in den Sitz und drückte die Anwendung für die Energiequellenaktivierung. Es passierte nichts. Mit einem gequälten Aufschrei hämmerte er mit seiner Faust immer wieder auf den Knopf. Wie tief er mittlerweile wohl schon abgetaucht war? Noch hatte er den Grund nicht erreicht, doch die Strömung schien ihn immer weiter nach draußen zu treiben. Als hätte irgendetwas seine Gedanken erraten, ertönte plötzlich in weiter Ferne ein bedrohliches Grollen. Archweyll spitzte die Ohren und eine Gänsehaut bildete sich auf seinem Nacken, als ihm klar wurde, dass es sich um ein Lebewesen handeln musste. Angespannt lauschte der Kommandant dem Schlag seines eigenen Herzens. Er war hier unten nicht alleine und beileibe nicht der Stärkste. 
Also nichts wie weg von hier.
Nach drei weiteren gescheiterten Versuchen aktivierte sich endlich die Energieversorgung. 
Ein Schwall der Erleichterung brach aus Archweyll Kehle und mündete in ein triumphierendes Gelächter. »Bevor ich Crowler nicht den Arsch versohlt habe, holst du mich nicht!«, rief er herausfordernd in die Dunkelheit. Eilig begann er damit, die Anzeigen und Scans zu aktivieren. Fluchend wurde ihm bewusst, dass sich seine Torpedobatterie am linken Arm befand und somit nutzlos war. Aber immerhin funktionierten die Messwerte. 
»Fast sechs Kilometer unter der Oberfläche. Wir tief bin ich nur gesunken?«, seufzte Archweyll, bis ihm sein grottenschlechter Wortwitz den Anflug eines Lächelns auf die Lippen zauberte. 
»Radarzustand kritisch. Frequenz auf Notleistung gedrosselt«, ertönte plötzlich eine kratzende Stimme und der Kommandant zuckte vor Schreck zusammen. Dann räusperte er sich verlegen, als hätte ihn jemand in einer peinlichen Situation erwischt. »Schön, dass mal wieder jemand mit mir redet«, begrüßte er den Bordcomputer, als wäre es ein alter Freund. Dann entwich seinen Lippen ein Fluch. Der Antrieb war aus ihm unersichtlichen Gründen nicht funktionstauglich. 
»Soll das ein schlechter Witz sein? Jetzt ersticke ich nicht, sondern verdurste?«, grunzte er verdrießlich. Doch eine innere Stimme mahnte ihn zum Weitermachen. 
»Dann wollen wir mal« Er verband sich mit dem Scherenpanzer, rechter Arm und Beine gehorchten intuitiv seinem Befehl. 
Vielleicht klappt es ja mit Brustschwimmen? 
Doch dann wurde ihm klar, dass der defekte Arm wohl etwas dagegen hatte. Plötzlich nahm der Kommandant unter sich einen matten Schimmer wahr. Archweyll wendete seinen Anzug in der Strömung, sodass er einen besseren Ausblick hatte. Und er traute seinen Augen nicht. 
Riesige glühende Pflanzen streckten sich vom Grund aus in die Höhe und erleuchteten ihn in den unterschiedlichsten Farben. Ihre Form glich der eines Augapfels, der mit seinem Nerv am Meeresgrund verankert war. Sie waren überzogen von ädrigen Linien, die im Schein des Lichtes pulsierten. Die ballartigen Pflanzen hatten die unterschiedlichsten Größen. 
Manche besaßen nur zwei, andere bestimmt zehn Meter Durchmesser und sie tanzten sachte in der Strömung. Wabernde Schlote öffneten sich aus der Erde, aus ihnen entwich ein grüner Dampf und sie waren übersät mit krebsroten Pocken. Geisterhafte Silhouetten winziger Lebewesen huschten umher und als Archweyll näher herankam, bemerkte er, dass ihre Körper aus einer durchsichtigen, gallertartigen Konsistenz zu bestehen schienen. Das Gestein unter ihm bildete ein undurchschaubares Wirrwarr aus Höhlen und Kavernen, welche die abstraktesten Formationen bildeten und ihn wie ein gähnender Mund empfingen.
Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er in weiter Ferne ein metallisches Glitzern wahrnehmen, doch als er näher hinschauen wollte, war es wieder verschwunden.
Ein weiterer Scherenpanzer?
Wenn sie alle hier unten gefangen waren, konnte das nur in einer Katastrophe enden. Die Strömung könnte sie mittlerweile meilenweit auseinandergedriftet haben und es der Truppe in dem Zyklopen dadurch fast unmöglich machen, sie zu finden. Außerdem hatten sie nach wie vor das Problem, dass Frequenzen aus dem sonderbaren Leichnam in den Warp vordrangen. Bei dem Gedanken daran geriet Archweyll ins Grübeln. Wie konnte es sein, dass Knochen eine Art Nachricht ins All versenden konnten? Mit was für einem Lebewesen hatten sie es hier zu tun? Seine Gedanken drifteten zu Tamara. Ob es ihr wohl gut ging? 
Archweyll bemerkte, wie sehr er sich danach sehnte, sie wohlauf zu finden. 
Zwar ebenso wie die anderen vermissten Mitglieder des Trupps, aber doch irgendwie anders. 
Der Kommandant fasste einen Entschluss. Er würde den Ursprung des metallischen Glitzerns ausfindig machen und für das Wohlergehen seiner Kameraden sorgen. Möglicherweise waren die anderen nicht so erfolgreich mit ihren Unterbrecherchips fertiggeworden. Er durchbrach die dichte Decke aus Pflanzen und zu seinem Erstaunen riss eine von ihnen auf, als er sie mit dem Greifarm streifte, und es entwichen Gasblasen, die in Richtung Oberfläche strömten. Archweyll entblößte ein freudiges Grinsen. Er hatte eine Möglichkeit gefunden, auch ohne Antrieb nach oben zu gelangen. Zumal die Pflanzen so grell leuchteten, dass sie wie ein Aushängeschild fungieren würden. Aber nun musste er sich darauf fokussieren, die anderen Mitglieder zu finden. Und Tamara. Er setzte den ersten Schritt und war noch nie so entschlossen etwas zu tun.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 5 – Finsternis

Der Zyklop sank tiefer und tiefer. Auf seinem Weg passierte er abstrakte Felsformationen und bunte Schwärme von winzigen Fischen, mit bis zu 50.000 Exemplaren, die mit flinken Bewegungen durch die Gezeiten pflügten. Unter ihnen befand sich nur die unergründbare Schwärze des Abgrundes. Die Dünen, wie Crowler sie genannt hatte, vollzogen eine große natürliche Kurve, als wären sie der Rand eines riesigen, ehemaligen Kraters, in dem das Leben brodelte. Der abrupte Abfall des Terrains und die plötzliche Dunkelheit, die damit einherging, wirkten im Vergleich fast lebensfeindlich und karg. 
Daisy steuerte das Schiff sorgsam auf der Schwelle ins Nichts, bedacht darauf, den Kraterrand nie gänzlich zu überschreiten. 
Doch der Blick aus der großen Glaskuppel ließ dennoch einen beunruhigenden Blick in die Finsternis zu und Archweyll merkte, wie sein Gehirn damit begann, ihm Streiche zu spielen, indem es riesige Schatten in Bewegung setzte, die gar nicht da waren. Wie sehnlich wünschte er sich gerade an Bord des Patrouillenkreuzers zurück. 
»Noch drei Meilen bis zum Ziel«, riss ihn die Chefmechanikerin aus seinen Gedanken. »Der Scan ist jetzt in Reichweite. Ich starte mal eine Analyse.«
Archweyll grummelte eine Antwort. Wenn alles gut ging, würden sie in weniger als einer Stunde wieder zurück sein. »Maschinen stoppen!«, befahl er mit einer Handbewegung. »Wir wollen uns ja nicht in die Explosionsreichweite begeben.« Eingehend analysierte er die Monitore, die für den Scan zuständig waren. Langsam manifestierte sich ein Bild vor seinen Augen. »Sind das… Berge?«, frage er zögerlich.
Vor ihnen befand sich eine Formation riesiger Nadelspitzen, die unbeugsam in Richtung Oberfläche emporragten und dabei Gefahr liefen, in den Kraterrand zu stürzen. 
»Negativ«, quittierte ihn die Chefmechanikerin lachend. »Das sind seine Rippen.«
Archweyll merkte, wie ihm die Kinnlade herunterfiel. Mit einer fast übertrieben grazilen Handbewegung brachte er seinem Kiefer wieder Haltung bei. »Aber die sind bis zu fünfhundert Meter hoch. Und Mama hat mir schon immer gesagt, ich sein ein wahrer Prachtkerl«, grunze er und fuhr sich mit der Hand bedächtig durch den Schnauzer. »Länge?«, wollte er wissen.
»1.200 Meter. Ich glaube ein bis zwei Torpedos sollten reichen«, erwiderte Daisy gelassen. 
Es erstaunte den Kommandanten, dass sie so ruhig bleiben konnte, angesichts der Tatsache, dass es ihre erste Mission und Kontakt mit fremdem Leben war. Und dann gleich mit so einem ausgewachsenen Ungetüm. Oder verbirgt sie etwas?
Möglicherweise war sie voll fokussiert oder aber sie ließ sich nichts anmerken. 
»Dann wollen wir dieses Riesenbaby mal zerlegen«, sagte er und klopfte ihr auf die Schulter. »Feuer frei.«
»Automatische Zielfrequenz initiiert«, bestätigte die Spracherkennung des Zyklopen
Ein Surren ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterie in Anschlag gebracht wurde.
»Können wir überprüfen, ob die Frequenz abbricht, sobald wir es zertrümmert haben?«, fragte der Kommandant. 
»Ich verbinde mich mit Crowler und befrage ihn«, antwortete Clynnt Volker vom Funkgerät aus, von welchem er bis gerade eifrig mit der föderalen Sicherheitsbehörde kommuniziert hatte.
Der Kommandant quittierte ihn mit einem Nicken. »Aber wir brauchen eine andere Möglichkeit, um es herauszufinden. Ich traue ihm mittlerweile durchaus zu, dass er uns zum Narren halten würde.«
»Die haben wir auch«, sagte plötzlich eine vertraute Stimme.
Archweyll drehte sich irritiert um. 
Seit wann war Tamara wieder auf der Brücke? 
»Schön, dass du es zu uns geschafft hast«, lud er sie ein. »Dann schieß mal los.«
»Die Scherenpanzer haben manuelle Messvorrichtungen, die der Zyklop nicht besitzt«, Tamara schritt auf der Brücke auf und ab. Was sie zu sagen hatte, schien sie zu beunruhigen.
»Sie sind eigentlich für den Kampf wie geschaffen, deswegen sind sie auch in der Lage, feindliche Kommunikation abzufangen und zu übersetzen. Zumindest, wenn sie nahe genug am Ursprung der Frequenzen sind, was unser Problem ist, denn da draußen erscheint es mir eher unschön. Ich frage mich allerdings, warum der Zyklop das nicht auch kann?«, ihr Blick wanderte zu Daisy. 
»Er ist zu groß. Jedes feindliche Radar ortet dieses U-Boot schon von weitem. Unser Vorteil in der Schlacht auf Orian II war die Tatsache, dass der Zyklop einfach alles in Schutt und Asche gelegt hat, was sich ihm in den Weg stellte. Es war schlichtweg egal, dass er vom Feind geortet wurde, weil er ihn in der nächsten Sekunde pulverisiert hat. Die Scherenpanzer sind eher dazu gedacht, sich hinter die feindlichen Linien zu schleichen und sind mit dementsprechenden Funktionen ausgestattet. Seit dem Informationskrieg mit den Separatisten auf Khn’el sind langstreckige Kommunikationsabfänger nicht mehr angesagt«, erklärte die Chefmechanikerin bedeutsam. 
»Ich habe Crowler an der Strippe«, schaltete sich Clynnt in das Gespräch ein. »Er flennt wie ein Mädchen, ist aber bereit uns zu helfen. Dennoch würde ich auf Nummer sicher gehen.« 
Archweyll nickte ihm zu. »Dann zeig mir mal, was der Zyklop so drauf hat«, rief er erwartungsvoll. 
»Zielerfassung«, befahl Daisy. Ihre Monitore leuchteten auf, während sie die Koordinaten für den großflächigen Angriff durchgab und zwei Detonationsziele festlegte. Ihr Blick traf auf den von Archweyll und für eine Sekunde konnte er darin ein Feuer brennen sehen, dass alles verschlang. »Vernichten.«
Ein Ruck ging durch das U-Boot, als die Torpedobatterien eine Salve abfeuerten. 
Daisy drehte in ihrem Stuhl eine Runde. »Und…« Dann noch eine. »Jetzt«, schmunzelte sie.
Bevor Archweyll begriff, was sie meinte, pfiff für den Bruchteil einer Sekunde ein Piepen durch sein Ohr. Dann ertönte ein Knall, so laut, dass er stocksteif zusammenfuhr. Ihm folgten zwei Detonationen noch nie dagewesenen Ausmaßes. Der Horizont explodierte, rote Lichter tauchten das Meer in ihren Schimmer und verliehen ihm die Farbe geronnenen Blutes. 
»Position optimieren, wir driften ab«, Daisy war schon wieder am Steuer und schien angesichts des schrecklichen Werkes der Untergangs-Torpedos kaum mit der Wimper zu zucken. 
Weitere Lichter brachen durch den Ozean und verwandelten ihn in ein Flammenmeer. 
Archweyll pfiff durch die Zähne. »Das ist ja fast schon gruselig, wie gelassen du dabei bleibst«, beurkundete er das zerstörerische Werk der Geschosse. 
»Ich habe sie mitentwickelt. Man sollte sich immer im Klaren darüber sein, was man tut«, erwiderte die Chefmechanikerin. 
»Und niemals den Respekt davor verlieren«, grummelte Tamara finster und deutete Archweyll an, ihr zu den Scherenpanzern zu folgen.
»Laut Crowler ist die Frequenz abgebrochen«, rief ihnen der Chefnavigator hinterher.
»Das glaube ich erst, wenn ich es sehe«, murmelte der Kommandant, während er sich auf den Weg zu den Docks machte. 
N’kahlu und seine Mannschaft salutierten ehrfürchtig, als sie eintraten. 
»Anzüge bereit machen, wir gehen runter!«, befahl Archweyll lautstark.
»Ihr habt ihn gehört, Beeilung, Beeilung!«, heizte der Sergeant weiter ein.  Binnen fünf Minuten waren sie startklar. Die Schotts schlossen sich und das Wasser nahm sie ganz für sich ein. Mittlerweile war das scheußliche Licht der Explosion vergangen und es war wieder einheitlich dunkel, wofür der Kommandant irgendwie dankbar war. Minuten vergingen, während sie zu ihrem Ziel navigierten. Archweyll konnte im Licht der Scheinwerfer gerade noch erkennen, dass der Sand der Dünen nun kohlrabenschwarz gefärbt und das Klippenrelief gute zwanzig Meter in die Tiefe gesunken war. Fast lautlos steuerte er auf das Gerippe zu. Sein Scan zeigte ihm, dass es sowohl den Schädel, als auch das Körperskelett größtenteils zerlegt hatte. Die Frage, warum ein Skelett überhaupt dazu in der Lage war, Frequenzen auszustoßen, blendete er völlig aus. »Sind wir in Reichweite?«, fragte er durch das Funkgerät. 
»Noch eine halbe Meile«, erwiderte Tamara. Angespannt setzten sie ihren Weg fort. 
Beständig analysierte Archweyll seine Umgebung, aus den Augenwinkeln nahm er Bewegungen wahr, die nicht existierten. Überall schien die tödliche Bedrohung auf sie zu lauern. 
Und dann ragte eine einzelne Rippe vor ihnen auf, die vom Grund auf sogar die Wasseroberfläche erreichte, und es verschlug Archweyll die Sprache. Was auch immer dieses Etwas einst gewesen war, es musste gigantisch gewesen sein. Vor seinem inneren Auge malte er sich aus, wie das Lebewesen durch den Warp jagte und er musste schlucken. Es gab also vermutlich tatsächlich Monster da draußen, welche die Atharymn an Größe übertrafen. Bei dem Gedanken daran überkam ihn eine Gänsehaut.
Die Ebene um das Skelett war restlos verwüstet, im Lichtstrahl der Scheinwerfer erkannte Archweyll zudem, dass das Relief langsam in sich zusammenbrach. Sie mussten sich beeilen, denn möglicherweise könnten die Überreste des Riesen mit absinken. 
»Dein Gefühl, was Crowler angeht, scheint sich zu bestätigen!«, fluchte Tamara plötzlich durch den Funk. 
Instinktiv steuerte er zu seiner Stoßtruppführerin. »Wir empfangen weiterhin Frequenz?«, erwiderte der Kommandant entgeistert. Das waren schlechte Neuigkeiten. 
»Sogar verstärkt!«, bestätigte sie wütend. »Daisys Torpedos haben uns nicht geholfen.«
»Das ist nicht ihre Schuld. Es war meine Idee«, antwortete Archweyll streng. 
»Ich weiß. Ich suche nur gerade fieberhaft nach einer Lösung. Verzeihe mir, wenn ich eventuell schroff klinge.« 
Der Kommandant musste kichern. »Das tust du eigentlich immer. Dann scheint ja alles beim Alten zu sein«, lachte er. 
Bevor sie etwas erwidern konnte, ging ein spürbares Beben durch den Ozean. Ein Grollen furchtbaren Ausmaßes schüttelte Archweylls Kampfanzug durch, sämtliche seiner Systeme spuckten Warnmeldungen aus. Dann brach die riesige Rippe knirschend in sich zusammen und versank wie ein einstürzendes Hochhaus im Abgrund, gefolgt von etlichen Tonnen Gestein, Trümmern und aufgewirbeltem Sand.
»Das Relief bricht weg!«, schrie N‘Kahlu durch den Funk. »Wir müssen hier weg, bevor der Sog der Wasserverdrängung uns möglicherweise mit in die Tiefe zieht.« 
Ein grauenvolles Knacken, das dem Kommandanten durch Mark und Bein ging, unterbrach den Sergeant für einen Moment. Dann brach der Funkkontakt vollständig ab und die Anzeigen auf Archweylls Glasscheibe versagten flimmernd ihren Dienst. Das Summen des Motors verstummte. 
»Was zur Hölle?!«, fluchte der Kommandant und versuchte erfolglos die Energieversorgung wiederherzustellen. Ein Blick aus der Scheibe zeigte ihm, dass alle anderen Scherenpanzer das gleiche Problem aufwiesen. Ihre Schemen schwebten sinkend im Wasser und begannen im Sog der aufkommenden Strömung zu tanzen. Panisch bemerkte Archweyll, wie sein Anzug langsam aber sicher auf den Abgrund zusteuerte, als würde ihn die Tiefe zu sich rufen. Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Die Scheibe manuell zu öffnen kam nicht infrage, sie befanden sich fast einen halben Kilometer unter Wasser und der Zyklop war in unerreichbarer Entfernung. Instinktiv hoffte der Kommandant, dass bald jemand bemerken würde, was geschehen war. Sein Kopf ratterte wie ein Getriebe, als er zu rekonstruieren versuchte, welchem Umstand er seine Situation zu verdanken hatte. 
Das Ergebnis war erschütternd.
»Crowler du Bastard!«, fluchte Archweyll und schlug mit der Faust nach der Scheibe. Ein flüchtiger Schmerz in der Hand war das einzige Resultat seines Wutausbruches. 
Der Doktor war nicht auf den Zyklopen gekommen, um sie zur Umkehr zu überzeugen. Er war sich von Anfang an im Klaren darüber gewesen, dass Archweyll sich nicht überzeugen lassen würde. Er hatte an den Scherenpanzern herumgepfuscht und diese manipuliert. 
»Wenn ich dich in die Finger kriege, reiße ich dir Arme und Beine einzeln heraus und füttere damit die Fische«, knurrte der Kommandant, wohl wissend, dass es ihm in seiner derzeitigen Situation kaum helfen würde. Als er feststellte, dass er den Abgrund nun vollständig überquert hatte, zog sich Archweylls Magen krampfhaft zusammen, denn ihm war bewusst, dass die Schwerkraft ihn nicht hergeben würde, selbst wenn der Sog nun verebbte. 
Eine Schrecksekunde später wurde ihm klar, dass die Sauerstoffversorgung des Anzuges ohne Energie ebenfalls stillstand. Wenn Crowler das geplant hatte, war es ein geradezu teuflisches Werk. Fluchend suchte der Kommandant das Innere des Anzuges nach etwas ab, dass ihm helfen könnte. Möglicherweise etwas mit genug Auftrieb, um es bis zur Oberfläche zu schaffen. 
Auch wenn es seinen modifizierten Körper auf eine ernsthafte Zerreißprobe stellen würde, wäre es doch besser, als der sichere Tod im Vergessen. Die Schatten um ihn herum gerieten abermals in Bewegung und Archweyll unterdrückte einen panischen Aufschrei. Hier war er Mächten ausgesetzt, gegen die er nicht kämpfen konnte und das versetzte ihn in zunehmende Angst. Plötzlich stieß er auf einen handgeschriebenen Zettel. Fluchend zerknüllte er ihn in der Faust, als sein erster Verdacht sich bestätigte:

Lieber Kommandant,


es tut mir Leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass ich Ihr Verhalten weder tolerieren, noch dulden kann. Diese einzigartige Schöpfung des Lebens darf nicht einfach vernichtet werden. 
Da Sie mir nicht zuhören wollten, sah ich mich leider dazu gezwungen, zu anderen Maßnahmen zu greifen. Es tut mir Leid, dass es so kommen musste. Da ich davon ausgehe, dass Ihre Crew sie suchen wird, werde ich sie in die Tiefe locken müssen, wo Lebewesen lauern, denen sie nichts entgegenzusetzen haben. In meinem Gespräch mit ihrer Chefmechanikerin habe ich einige wertvolle Informationen über ihre Ausstattung gewonnen und dadurch einen Energieblocker in ihrer Hauptversorgung installieren können. 
Sie werden ungefähr eine halbe Stunde haben, bis er die gesamte Energiezufuhr blockiert. Das arme Mädchen, Daisy, sie war so voller Hingabe, so wie ich es bin. Es bekümmert mich zutiefst, dass auch Sie ihr Ende finden wird…
Sie haben ungefähr 24 Stunden, bis der Sauerstoff restlos verbraucht ist. 
Ich hoffe, Sie können in dieser Zeit ihren Frieden finden und verstehen, warum ich das tun musste. Es tut mir Leid.

 Doktor Mantis J. Crowler 

Tosend zerfetzte Archweyll das Papier in tausend Stücke. Das konnte nur ein schlechter Traum sein. Aber er war zu pragmatisch, um es als einen solchen abzutun. »Wir sind am Arsch!«, fluchte er lautstark. Dann gewann wieder die Panik. Erneut bewegten sich die Schatten um ihn herum, formten sich zu gigantischen, boshaften Kreaturen, und er trieb unaufhaltsam in ihr gähnendes Maul.

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 3: Faszination

Plötzlich lichtete sich die dichte Wolkendecke um die Manticor herum und gab eine atemberaubende Sicht frei. Unter ihnen erstreckte sich das kristallklare türkise Wasser, soweit das Auge reichte. Darunter ließen sich korallenbewachsene Kalkreliefs erahnen, welche die Wassertiefe auf ungefähr fünf Meter begrenzten. Sie würden etwas außerhalb, im tieferem Wasser landen müssen und dann mit Scootern übersetzen. Saftige Grüntöne und eindringliches Rot schillerten ihnen entgegen. Das Wasser reflektierte den Schein zweier Sonnen, einem blutroter Riesen und seinem strahlenden kleinen Bruder. Nach fünf Minuten Sinkflug bildete sich am Horizont eine gläserne Kuppel. 
»Wir haben das Ziel erreicht, bereitet das Schiff auf die Landung vor!«, kommandierte Archweyll. 
Ein gewaltiger Satz ging durch die Manticor, als die Hecktriebwerke verstummten und die Propellerleistung der über zweihundert Meter langen Flügel binnen Sekunden von null auf hundert heraufgefahren wurde. Kreischend näherte sich das Schiff der Wasseroberfläche, die von dem Fahrtwind gänzlich aufgewirbelt wurde. Die große Kuppel, welche die Forschungseinrichtung darstellte, wirkte neben dem riesigen Frachter plötzlich klein wie eine Murmel.
»Oxygenfelder aktivieren. Haltet den Kahn auf Höhe. Wir haben über 20.000 Tonnen Ladung an Bord. Wenn die flöten geht, werde ich jemanden köpfen!« Tosend trafen sie auf die Wasseroberfläche und ein gewaltiger Ruck schüttelte die gesamte Mannschaft durch. 
Dann war es für einen Moment totenstill.
»Eine Bilderbuchlandung«, lobte Archweyll seinen Piloten.
Dieser nickte ihm unter seinem Helm lächelnd zu.
»Willkommen auf Nautilon. Mein Name ist Doktor Mantis J. Crowler und ich bin der Leiter der hiesigen Forschungseinrichtung. Das hier ist mein Gehilfe, Ronald?«, ein schlaksiger Mann trat hinter dem weißgekittelten Doktor hervor und nickte den Neuankömmlingen kaum merklich zu. Er hatte gestutztes rostrotes Haar, einen Ziegenbart und trug ebenfalls einen Kittel. Seine trüben Augen waren von Ringen umgeben. 
Irgendwie wirkte sein müder Blick auf Archweyll wie eine Schlaftablette.
»Wir haben noch ein Team, bestehend aus zwei Ingenieuren, einer Handvoll Maschinisten und einem ausgewählten Trupp aus Biologen und Forschern, aber ich konnte sie leider nicht entbehren, um euch zu empfangen. Wir arbeiten hier unter Hochdruck, müssen Sie verstehen.«
»Ich werde mich in eure Datenbanken einklinken müssen, um den Zyklopen mit Informationen zu füttern«, Daisy trat aus der Masse hervor und begrüßte den Doktor mit einer flüchtigen Handbewegung. »Außerdem würde ich vorschlagen, dass wir ein Training mit den Unterwasser-Anzügen durchführen.«
Tamara schnaubte. »Wie man einen Kampfanzug steuert, ist uns bestens bewusst«, sagte sie temperamentvoll.
Daisys Augen verengten sich zu Schlitzen. »Eure Aspexylanzüge haben mit den Scherenpanzern nichts gemein. Sie legen sich nicht an die Haut an, wie eure Kampfmonturen das machen. Sie sind weniger gelenkig und müssen aufwändiger gesteuert werden. Wenn du dort unten bist, solltest du wissen, was zu tun ist.« 
Tamara wollte etwas erwidern, doch Archweyll schnitt ihr das Wort ab. »Sie hat Recht«, knurrte er. »Wir werden uns mit diesen Anzügen auseinandersetzen müssen.« 
Zornig und ohne ein weiteres Wort stampfte Tamara davon.
»Was ist denn mit der los?«, fragte Daisy stirnrunzelnd. »Dünne Haut?«
Der Kommandant schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Nur etwas durch den Wind. Du darfst es ihr nicht übel nehmen, sie will nur alles perfekt machen.«
»Dann sollte sie üben. Viel üben. Diese Anzüge sind nicht für Anfänger gemacht«, erwiderte die Chefmechanikerin.
»Das wird sie. Und zwar so lange, bis sie besser ist als wir alle zusammen. Verlass dich drauf«, quittierte Archweyll  seine neue Kollegin und wandte sich an seine Mannschaft.
»Clynnt, ich möchte, dass du bei Daisy bleibst und dich von ihr durch den Zyklopen führen lässt. Sie kann das Ding zwar steuern, aber du bist ein langerfahrener Stratege und ich vertraue auf deine Weitsicht.«
Der Chefnavigator nickte lächelnd. 
Dann schritt der Kommandant durch die Reihen und selektierte weitere zehn Mann, die ihnen in die Scherenpanzer folgen würden und bereits Erfahrung mit der Ausrüstung besaßen. 
Einer der Männer, vermutlich der Sprecher der Gruppe, trat hervor. Seine Haut war tiefschwarz und bot einen interessanten Kontrast zu dem sterilen weißen Aspexylanzug, den er trug. Auch er besaß optimierte Körperkräfte, die ihn wie einen muskelbepackten Gorilla erscheinen ließen. Sein eiserner Blick ließ jedoch vermuten, dass er schon länger dem Militär angehörte. »Sergeant N’kahlu«, stellte er sich vor und salutierte, wie es für untergestellte Soldaten üblich war. »Es wäre mir eine große Freude, Ihnen die Kampfanzüge zu zeigen.«
»Ihre Truppe hat auf Orian II ganz schön aufgeräumt«, Archweyll übersprang die obligatorischen Gepflogenheiten und klopfte dem Mann auf die breiten Schultern. 
Dieser erwiderte die Geste des Respekts mit einem Nicken. »217 Abschüsse in drei Stunden«, sagte N’kahlu, ohne dass Stolz in seiner Stimme mitschwang.
Archweyll pfiff durch die Zähne. Dieser Mann war gefährlich, das war ihm durchaus bewusst. Es war gut, solche Leute als Verbündete an seiner Seite zu wissen.
»Wenn die Herren sofort loslegen wollen, könnte ich ihnen dazu nur raten. Es ist selten, dass wir klares Wetter haben. So lässt sich Nautilon in all seiner Pracht bestaunen«, merkte Doktor Crowler an. 
Archweyll musste grinsen. »Na worauf warten wir dann noch?«, fragte er in die Runde und setzte zum Marsch an.

***

Tamara schritt mit hastigen Schritten durch den stählernen Korridor. Was war nur los mit allen? Seit wann setzte Archweyll mehr Gewicht auf die Aussagen eines Frischlings, als auf ihre? Und seit wann kümmerte sie so etwas? Eilig hatte sie einen der Scooter genommen und war zurück zur Manticor gesegelt. 
Diese Scherenpanzeranzüge würden für sie keine Herausforderung darstellen und das würde sie Daisy schon noch schnell genug spüren lassen. 
»Ich habe es schließlich gebaut«, äffte sie die neue Chefmechanikerin nach. Doch plötzlich hielt die Stoßtruppführerin inne. Benahm sie sich daneben? In all ihrer Wut hatte sie sich nicht die Müsse genommen, darüber nachzudenken. 
Eilig verdrängte sie den Gedanken wieder. Was zählte, war, dass sie ihren Auftrag erfolgreich absolvierten und dafür musste sie alle ihre geistigen Ressourcen verwenden. 
Auf ihren kleinen Streit mit Daisy durfte sie nichts geben. Und seit wann ließ sie sich von Prahlerei beeindrucken? 
Tamara stieg in einen Aufzug, der sie zu den Docks befördern würde. Auf ihrem Weg nach unten grübelte die Stoßtruppführerin darüber nach, warum es ihr so schwer fiel, die neue Kollegin zu akzeptieren, doch selbst als sich die Türen wieder öffneten, konnte sie sich keinen Reim darauf machen. Was sie zu sehen bekam, ließ all ihre düsteren Gedanken verfliegen. 
Vor ihr ragte der Zyklop auf, ein stählernes Ungetüm von über dreißig Metern Höhe und mindestens zweihundert Metern Länge. Aus seinem geöffneten Bauch drang ein markerschütterndes Rumoren, so als hätte die Bestie Hunger. Vermutlich wurden die Maschinen schon startklar gemacht. 
Aus seinen Flanken ragten Torpedobatterien und beeindruckende Greifarme hielten das Gefährt knapp über dem geöffneten Wasserschott, bereit für den Abwurf. 
Dafür würden sie jedoch noch etwas Spielraum benötigen, denn in den flachen Kalkreliefs war der Zyklop hoffnungslos verloren, selbst wenn sie schon in 50 Metern Tiefe ankerten. 
Tamara schritt einmal um das beeindruckende U-Boot herum, dabei konnte sie auch die imposante Panzerglaskuppel an der Front betrachten, die wie ein durchsichtiges Auge auf alles hinabstarrte, was sich bewegte. Befehle wurden durch das Dock gerufen und immer regelmäßiger erzitterte der gesamte Boden unter dem Dröhnen des Motors. 
Doch was wirklich ihre Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein separates Dock mit einem deutlich kleineren Schott. Darum versammelt war eine stählerne Legion, bestehend aus zwölf Scherenpanzern, die in Reih und Glied um das Becken versammelt standen. 
Mit etwas über vier Metern Größe, wirkten sie im Vergleich zum Zyklopen wie winzige Spielzeuge, aber dennoch besaßen ihre verstärkten Greifarme mit den Klauengreifern und die hydraulischen Sprunggelenke eine funktionale Eleganz. Dabei saß der Pilot in einer gläsernen Vorrichtung, in der die elektronische Steuerung des Anzuges möglich war. 
Darin sollte sie also das Gelingen ihrer Mission bewerkstelligen. 
Fasziniert schritt sie auf einen der Scherenpanzer zu. Sie war bereit, die nächste Herausforderung zu meistern. 
Mit einer sommerlichen Leichtigkeit installierte Tamara die Gebrauchsanweisung auf ihre Laufwerke und analysierte die Datenflut, die ihr elektronisches Visier überflutete. 
Ein leichtes Grinsen entwich ihren Lippen. Vielleicht war es doch nicht so übel, damit tauchen zu gehen.

***

»Alles klar, könnt ihr mich hören?«, knisterte N’kahlus Stimme durch die Sprechanlage.
Archweyll bestätigte. Die zehn Marines, Tamara und er selber hatten ungefähr zwei Stunden die Grundlagen durchgekaut, während sie mit ihren Panzern synchronisierten. 
Das Innenleben der Anzüge erwies sich als eleganter, als er angenommen hatte. Der Sitz hatte sich sofort seiner Wirbelsäulenstruktur angepasst und diese verstärkt. Ein Bildschirm war auf der großen Glasscheibe erschienen, der ihn mit allen Wahrnehmungen des Scherenpanzers versorgte. Und das waren eine Menge. Er war mit Scans, Echolot und Radar ausgestattet, sowie mit einer Handvoll Torpedos der Sternenlicht-Klasse. Nicht unbedingt der stärkste Vetter der bedrohlichen Untergangs-Torpedos, dafür erhellten seine Explosionen für eine gute Minute die tiefe Schwärze, die sie bald betreten würden. Außerdem war der Anzug mit einer eigenen Sauerstoffversorgung ausgestattet, was Archweyll einen Großteil seiner ärgsten Befürchtungen beraubte. Er fühlte sich bereit, diese einzigartige Welt zu betreten.
»Synchronisierung abgeschlossen«, knisterte eine elektronische Frauenstimme, die zweifelsohne die Sprachausgabe des Anzuges war.
»Ich dachte schon, dich gibt es nicht mehr«, schmunzelte der Kommandant gelassen, dann schlüpften seine Arme in die verkabelten Einrichtungen, die mit dem Scherenpanzer verbunden waren, um diesen zu steuern. Das gleiche tat er mit seinen Beinen.
»Testbewegungen durchführen!«, rief N’kahlu laut. Auf seinen Befehl setzten sich die Marines leichtfüßig in Bewegung. 
Im Vergleich waren Archweylls erste Schritte unbeholfen und plump.
Es überraschte ihn keinesfalls, dass Tamara den Dreh viel schneller raus hatte als er.
Dafür war sie wie geschaffen. Das innere Feuer machte sie unbesiegbar und ihr Wille war nicht zu bändigen.
Dann ertönte wieder die Stimme des Sergeants. »Absprung!«
Mit einem Satz warf sich Archweyll in die Fluten.
»Wir haben knappe fünf Stunden bis zur Dämmerung«, erklärte der Sergeant, während sie die Manticor schnell hinter sich ließen. »Dann sollten wir von hier verschwunden sein. Ich werde jetzt Doktor Crowler auf Leitung 2 legen, damit er Sie mit den notwendigen Informationen über das hiesige Biotop versorgen und potentielle Gefahren erläutern kann. Ich wünsche allen Beteiligten viel Vergnügen.« Der Kontakt brach ab und wich der tiefen Stille des Meeres. 
Archweyll aktivierte den Heckantrieb seines Scherenpanzers und segelte elegant durch das satte blau. 
Zu seiner rechten bemerkte er Tamara, die ihm verheißungsvoll zunickte. 
Schnell hatten sie das Landungsschiff hinter sich gelassen und über ihnen brachen die Lichtstrahlen der beiden Sonnen durch die Wasseroberfläche und hinterließen dabei ein spielerisches Glitzern. 
Unter ihnen bot sich ein Schauspiel an, das selbst Archweylls zynische Seele beflügelte.
Abstrakte Kalkformationen formten, knappe zehn Meter unter ihnen, eine Berglandschaft aus Klippen, Bögen und Höhlen, die in Richtung der Forschungseinrichtung beständig an Höhe gewann. Sie waren über und über bewachsen, mit bläulichen und grünen Korallen, die in unterschiedlichsten Formen auftraten. Manche wirkten wie eine Ansammlung riesiger bunter Teller, die man unsortiert übereinander gestellt hatte, andere erstreckten sich wie die Äste eines roten Baumes in Richtung des Sonnenlichts. Dazwischen türmten sich große grüne Korallen, die mit violetten Pocken versehen waren, wie Stalagmiten vom Boden empor. Saftiges rotes Seegras wucherte, teilweise meterhoch, aus sämtlichen Ritzen der Felsen und waberte im Klang der Gezeiten sanft durch das Wasser. Es schien das Gestein wie ein Teppich zu überziehen und verlieh ihm abstrakte Farbmuster.
Unterschiedlichste Fische schwammen in losen Verbänden darum herum. Das Riff war voller Leben. Archweyll steuerte staunend darauf zu und entdeckte orangene Fische, die in etwa die Größe seiner Handflächen aufwiesen, und auf der Suche nach Nahrung zu hunderten um die Korallen wuselten. Einige der Tiere wiesen eine violette Schattierung auf der Rückenflosse auf und seine Datenbank erklärte ihm sofort, dass es sich dabei um das Männchen handelte. 
Andere Fische unterschiedlichster Größe und Form schlossen sich ihnen an.
Der Kommandant bemerkte kleine rote Pfeilspitzen, die durch die winzigen Öffnungen im Kalk flitzten und große grüne Fische, die mit sechs gelben Glubschaugen ausgestattet waren. 
Ein weiteres Tier von fast zwei Metern Größe ließ sich unweit von ihm träge durch das Wasser gleiten und voller Staunen erkannte Archweyll, dass der blaue Fisch von innen heraus erleuchtete wie ein Lampion. Er steuerte seinen Anzug weiter über das Riff und traute sich, etwas tiefer zu gehen. Die Faszination hatte Besitz von ihm ergriffen.
Fast schon mühelos glitt er nach unten. 
Das rote Seegras wurde zunehmend von saftigem grünen Kelp abgelöst, dass sich vom Grund des Meeres ausgehend fast dreißig Meter in die Höhe erstreckte. 
An den großen dunklen Blättern hafteten leuchtend gelbe Früchte, die in etwa die Form eines Pfirsichs aufwiesen. Als er näher heransteuerte, erklärte ihm seine Datenbank, dass es sich dabei um Ayoraneier handelte, eine rochenähnliche Lebensform, die in diesen Breitengraden auftauchte.

Als hätte es seine Gedanken gelesen, legte sich plötzlich ein Schatten über den Anzug und eines der Tiere segelte anmutig an ihm vorbei. 
Archweyll schätzte die Spannweite eines der Flügelflossen auf über zehn Meter ein und es war mit unzähligen dornenbesetzten Schwänzen ausgestattet, die es still hinter sich herzog. Glücklicherweise wurde diese Lebensform als friedfertig eingestuft. Sanft glitt der Ayoran an dem Scherenpanzer vorbei, bis er aus Archweylls Sichtfeld verschwand. 
Je tief er in dem Kelpwald versank, desto dunkler wurde es. Als er den Grund erreichte, aktivierte Archweyll die Scheinwerfer. Der Lichtkegel erschien gerade noch rechtzeitig, um den Einblick in eine bizarre Szene zu ermöglichen. 
Ein Raubfisch von der Länge einer Anakonda, nur drei Mal so dick, glitt räuberisch durch das Wasser. An seinem Körper waren Antennen befestigt, die in einem grellen Licht erstrahlten. Hektisch beugte sich der Kommandant über den Bildschirm, um sicherzustellen, dass er in Sicherheit war. Erleichtert stellte er fest, dass der Scherenpanzer für seine Sicherheit garantierte.
Doch einem anderen Bewohner erging es nicht so gut. Der träge Lampionfisch verhedderte sich in den Antennen, als sein Gegner ihn umwickelte, und die elektrischen Stöße machten ihm binnen Sekunden den Garaus. Der Räuber öffnete sein Maul zu einer übernatürlichen Größe und verschlang seine Beute am Stück. Dann verschwand er im dichten Grün des Kelps. 
»Noch eine Stunde«, krächzte es aus dem Mikrofon.
Schnell analysierte der Kommandant, wie lange er zurück brauchen würde und beschloss, seine Erkundungstour noch ein wenig fortzusetzen. Mit den Armen strich er sanft die Pflanzen beiseite, um auf dem Meeresboden zu wandern. 
Kleine silberne Fische flohen panisch vor dem Ungetüm aus Titan.
Plötzlich lichtete sich der Kelpwald. Vor ihm befand sich eine Fläche aus Sand, die sich ungefähr über zweihundert Meter erstreckte. Muscheln von der Größe einer Murmel, bis hin zu der eines einstöckigen Gebäudes, begleiteten ihn auf seinem Weg. Um sie nicht zu zertrampeln, aktivierte Archweyll abermals den Heckantrieb und glitt sachte darüber hinweg. Dann vollzog der Meeresboden einen senkrechten Knick. Dahinter befand sich nur dunkelblaues Wasser, soweit sein Auge reichte.
Mit vorsichtigen Schritten ging Archweyll auf den Rand zu, bedacht darauf, dass er ihm nicht zu nahe kam. Er aktivierte das Echolot und seine Signale erklärten ihm, dass es in der näheren Umgebung bis zu sieben Kilometer in die Tiefe ging. 
Der Kommandant pfiff durch die Zähne. Vor ihm befand sich ein schwarzer Schlund und die Tatsache, dass er nicht erkennen konnte, was sich da unten alles bewegte und möglicherweise auf ihn lauerte, erregte eine Urangst in ihm. Ein unwohles Gefühl stieg in ihm auf. Doch er besann sich schnell eines Besseren. Kurz bevor er sich auf den Rückweg machen wollte, signalisierte sein Radar, dass sich mehrere riesige Lebensformen vor ihm befanden und ein ohrenbetäubendes Grollen drang durch den Ozean. 
Archweyll spürte, wie ihm bei diesen Geräuschen flau im Magen wurde. »Was sagt der Scan?«, fragte er heiser.
Doktor Crowler antwortete ihm lachend. »Ziemlich beeindruckend, was? Sehen Sie genau hin, es ist möglicherweise ein einzigartiger Anblick.« 
Archweyll zwang sich zur Ruhe und kniff die Augen zusammen. Und tatsächlich. Aus der Tiefe stiegen riesige, fast schon plumpe Wesen an die Oberfläche. 
Das waren die größten Tiere, die Archweyll je gesehen hatte. Sie besaßen in etwa die Form eines Wals, hatten aber drei riesige Schwanzflossen, die im Gleichtakt auf und ab schlugen. 
Ihr Körper trug ein einziges großes Korallenriff auf dem Rücken, durch das unzählbar viele unterschiedliche Lebensformen wuselten. 
Der Scan signalisierte Archweyll, dass er es mit einem Kalkrücken zu tun hatte. Lebensformen, die in Verbänden von bis zu zwanzig Tieren unterwegs waren und beträchtliche vierhundert Meter lang werden konnten. Im Laufe ihrer Lebenszeit bildeten sie ein kompliziertes Exoskelett aus Kalkgestein, das sie einerseits bestens gegen Feinde schützte, andererseits anderen Fischarten als Heimstätte diente. 
Abermals drang ein Dröhnen durch den Ozean und Archweyll schlussfolgerte, dass die Kalkrücken miteinander kommunizierten.
»Sie sollten nun zurückkehren. Der Anblick ist gewiss überwältigend, aber wenn es dunkel wird, treten hier fast ebenso große Lebewesen auf, die Jagd auf sie machen könnten. Obwohl Sie wohl nur ein Appetithäppchen darstellen dürften.« 
Archweyll zögerte keine Sekunde und machte sich auf den Rückweg. »Ich habe abgenommen. Schön, dass es jemandem auffällt«, begann er ins Mikrofon zu sprechen, doch irgendwie war ihm gerade nicht nach Sarkasmus.
»Wenn Sie angekommen sind, besprechen wir die Missionsdetails«, erklärte Crowler, dann brach die Verbindung ab. 
Es stimmte den Kommandanten fast schon traurig, dass er diese faszinierende Unterwasserwelt nun zurücklassen musste. Zeitgleich war er gespannt auf ihren Auftrag. 
Wenn sie einem dieser Räuber begegnen sollten, könnte es zweifelsohne gefährlich werden, selbst mit dem Zyklopen. Er steuerte durch das Kelp, zurück zu den Kalkformationen.
Das Zwielicht der Dämmerung trat bereits ein und die Schatten wurden größer. Die Dunkelheit hüllte ihn ein wie ein Anzug. Doch brachte sie ein neues, faszinierendes Bild mit sich. Die Korallen begannen von innen heraus zu leuchten. Ein farbenfrohes Spektakel erwartete ihn. Winzige Fische wurden von dem Licht angelockt und von den Korallen verschluckt. Doch auch die Fische begannen zu erstrahlen. 
Archweyll entdeckte die Schwärme der orangenen Exemplare wieder, die nun in dichten Schulen zu glühenden Kugel heranwuchsen, bereit für den Partnertanz. Leuchtende Seesterne, die er vorher kaum gesehen hatte, bedeckten das Gestein und ließen es nun in einem rosarotem Licht erstrahlen.
Mit offenem Mund bestaunte der Kommandant das Schauspiel, bis ihm wieder einfiel, dass es gefährlich werden konnte. Zielstrebig steuerte er auf die Position der Manticor zu.
Auf einmal stieß ein unsagbares Brüllen durch das Gewässer, weit entfernt, von dort, wo der Abgrund lag, aber dennoch eindringlich und unheilverheißend. 
Aber es machte Archweyll nur umso deutlicher, wie wundervoll tödlich dieser Planet sein konnte. Trotzdem erreichte er das Dock ohne weitere Zwischenfälle und war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. 
Als Tamara aus ihrem Scherenpanzer stieg, schien es ihr nicht anders zu gehen. Doch auch in ihren Augen lag dieses freudige Glitzern, entlockt von dieser faszinierenden Welt. 
Jetzt hoffe Archweyll nur, dass ihre Mission ihm nicht die gute Laune verderben sollte.

 

 

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 2: Auf zu neuen Ufern



»Wir springen in den Warp!«, rief Clynnt Volker lautstark durch das Mikrofon. Seine elektronische Stimme krähte durch den gesamten Patrouillenkreuzer. 
Bei diesen Worten zog sich eine vorfreudige Erregung durch Archweylls Körper, während er von der Kommandobrücke aus in die Weiten des Alls starrte. Endlich. 
Die Atharymn war wieder einsatzbereit und auf dem Weg zu ihrer nächsten Mission. Ihr Verschwinden und Wiederauftauchen vor drei Monaten, als der Warp sie verschluckt und Howard Bering sie an den Dämonen ausliefert hatte, war von der föderalen Obrigkeit nicht einmal mit einem Achselzucken quittiert worden.
Aber auf diesen Ruhm hätte Archweyll auch getrost gepfiffen. Was er brauchte, waren loyale Männer und Frauen, die wussten, was sie taten.
Als hätte jemand seine Gedanken verraten, trat plötzlich die neue Chefmechanikerin an ihn heran. »Nautilon, hm? Nie davon gehört.« Sie extrahierte ein Datenbündel auf ihre Monitore, indem sie mit dem Finger eine Bewegung zwischen den Bildschirmen durchführte. 
»Könnte daran liegen, dass dieser Planet für die Föderation bisher absolut unbedeutend gewesen ist«, erwiderte der Kommandant stirnrunzelnd. »Ich frage mich, was sie gefunden haben, dass sie direkt einen Kreuzer mit Ausrüstung dort hinschicken. Hast du dich da unten mittlerweile gut eingelebt?«
»Es ist etwas finster, aber ich komme zurecht. Nur eure Ausstattung ist mangelhaft, im Vergleich zu meinem früheren Arbeitsplatz«, antwortete Daisy Lee gelassen, bevor ihre großen blauen Augen Archweyll gänzlich zu durchdringen schienen. »Von welcher Ausrüstung reden wir eigentlich?«, erkundigte sie sich neugierig. 
Er winkte sie näher zu sich heran, dann aktivierte er einen Hologrammgenerator. 
Wie aus dem Nichts entstand ein Bild, zunächst verzerrt und undeutlich, doch dann wurde es immer markanter, bis man die Umrisse einer großen Maschine erkennen konnte.
Daisy pfiff durch die Zähne. »Ein Zyklop. Nicht schlecht«, sagte sie gespielt ehrfürchtig, als würde sie etwas für sich behalten. 
»Die haben sie damals gebaut, um den Renegatenfürst Balthasar Coiren auf Orian II den Garaus zu machen. Drei dieser U-Boote haben bis heute überlebt und sind einsatzbereit«, erklärte Archweyll, während er mit dem Finger auf das Hologramm deutete. 
»Ach, echt?«, irgendetwas in Daisys Stimme missfiel dem Kommandanten.
Der Zyklop war ein Berg aus Metall, mit einer riesigen, runden Frontkuppel aus Glas, die das Gefährt wie einen einäugigen Riesen erscheinen ließ und ihm somit zu seinem Namen verholfen hatte. 
»Ausgestattet mit Torpedobatterien der Untergangs-Klasse und einem Dutzend Scherenpanzer-Anzügen, die habe ich damals selbst entwickelt«, zwinkerte ihm die neue Chefmechanikerin zu. 
»Beeindruckend«, lobte Archweyll. Trieb sie ein Spiel mit ihm?
»Die Generäle der Heerführung vergessen schnell, wem sie ihren Erfolg zu verdanken haben«, winkte Daisy ab, doch Archweyll bemerkte sofort, dass sie das heimlich zu ärgern schien. 
Der einsetzende Warpsprung war so samtweich, dass er ihn kaum noch spürte. Diese fließende Bewegung in einen Ort, jenseits von Raum und Zeit, konnte eine beeindruckende Erfahrung sein. Vor der Glaskuppel schien das Schwarz des Alls in seine einzelnen Komponenten zu zerfließen. Farben verschmolzen zu einer Kaskade der Leidenschaft, bildeten im Sekundentakt explodierende Prismen, bis sie schließlich undefinierbare Formen annahmen, die das bloße Auge kaum noch zu erkennen vermochte.
Archweyll erkannte, wie Daisy dieses Spektakel mit offenem Mund bestaunte. »Ein wahres Wunderwerk, nicht wahr?«, fragte er sanft und stellte sich neben sie, um aus dem Fenster zu schauen. Die Blicke seiner Navigatoren ignorierte er gekonnt.
»Es ist wunderschön«, hauchte die junge Frau mit großen Augen. 
»Noch 57 Minuten bis zur Ankunft«, knisterte es durch das Mikrofon. 
Der Kommandant verdrehte die Augen. Clynnt war einfach kein Romantiker. Er aktivierte die Sprachausgabe seines Kampfanzuges und linkte sich in die Mikrofonanlage ein. 
»Lagebesprechung. Tamara, Clynnt, ich möchte euch in zwei Sekunden bei mir haben…«, er zählte kurz laut runter. »Ihr seid zu spät. Beeilt euch gefälligst!«
Einen Moment später lugte Clynnts Kopf aus der Navigatorenkabine heraus. »Ist es wichtig? Das Radar zeigt mir so viele uninteressante Sachen, dass ich es vorziehen würde, weiter daraufzustarren. Man weiß ja nie.« Er lächelte verschmitzt, kam dann aber zu Archweyll herübergelaufen.
Eine Minute später öffnete sich ein Aufzug und Tamara trat auf die Kommandobrücke. Mit einem steifen Nicken begrüßte sie die anderen, bis ihr Blick schließlich auf Daisy traf. »Die Neue?«, fragte sie Archweyll ausdruckslos. 
»Ich kann durchaus für mich selbst sprechen!«, zischte die Chefmechanikerin. Für eine Sekunde schien die Luft zu knistern, als ihre Blicke sich trafen. 
Clynnt warf Archweyll einen flehenden Blick zu. »Mein Radar…«, flüsterte er und deutete mit einer Geste an, dass er plötzlich unglaublich wichtige Dinge in seiner Navigatorenkabine zu erledigen hatte. 
»Meine Damen, ich habe euch nicht hergerufen, um Liebesbekundungen auszutauschen«, grummelte Archweyll. Derlei sinnlose Feindseligkeiten empfand er als ermüdend. Aber er wusste, was an Tamara nagte. Und es war nicht die Tatsache, dass sie die neue, hübsche Kollegin als so etwas wie eine Konkurrentin wahrnahm, denn das lag unter ihrer Würde. 
Es war vielmehr der Umstand, dass sie es damals nicht geschafft hatte Howard Bering aufzuhalten und sie daher jedem Neuankömmling mit äußerster Skepsis gegenübertrat. 
Ein Instinkt, von dem Archweyll hoffte ihn niemals teilen zu müssen. »Wenn ich nun also eure ungeteilte Aufmerksamkeit habe, würde ich gerne die Missionsdetails erläutern«, fuhr er fort, schritt demonstrativ zwischen den Frauen entlang und unterband damit jeglichen Blickkontakt der beiden. Abermals aktivierte er den Hologrammgenerator und eine blaue Kugel wurde sichtbar. »Planet Nautilon, aus dem Neon-System. Seine Oberfläche besteht zu hundert Prozent aus Wasser. Aber lasst euch dadurch nicht beunruhigen, ich habe für alle Schwimmflügel eingepackt.« Sein Blick wanderte mit der Eindringlichkeit einer Nadel durch die Reihen, doch er bekam nur dezentes Kopfschütteln als Antwort. »Um bei der Sache zu bleiben, vor zehn Jahren hat die Föderation diesen Planeten für sich beansprucht und eine Forschungseinrichtung errichtet, die mittlerweile ein Fabrikant von gängigen Stimulanzmitteln für das Militär geworden ist.« 
Er merkte, wie Tamara dem Chefnavigatoren etwas ins Ohr flüsterte und dieser ihr grinsend zunickte.
Archweyll konnte nur spekulieren, worum es ging. »Doch vor ein paar Wochen haben sie dort unten etwas gefunden und es wird unsere Aufgabe sein, es zu bergen. Dafür hat uns der interstellare Rat einen Zyklopen samt Mannschaft zur Verfügung gestellt.«
Die Aussicht, bald den Himmel zu verlassen, um in der erdrückenden Tiefe eines gigantischen Ozeans nach etwas zu suchen, schien den anderen ebenso wenig zu gefallen wie Archweyll. 
»Wissen wir, um welches Objekt es sich handelt?«, fragte die Chefmechanikerin kritisch. 
»Das wird uns der Leiter der Forschungsabteilung mitteilen, es ist bisher streng vertraulich«, erwiderte der Kommandant achselzuckend. 
»Initiiere Schubfrequenz, wir verlassen den Warp«, knisterte es plötzlich aus der Sprechanlage. Sanft wie eine Feder glitt die Atharymn zurück in Raum und Zeit. Die Farben vermengten sich wieder zu einem einheitlichen Schwarz. Vor ihnen lag eine blaue Kugel, von grauen Schlieren durchzogen, die wirkten wie Geisterfäden. 
Auf den ersten Blick sah der Planet ihrer Heimat Prospecteus gar nicht mal unähnlich. Nur bei genauem Hinsehen wurde einem klar, dass die Kontinente fehlten. 
»Kreuzer auf Standby halten und über dem Planeten kreuzen«, befahl Archweyll durch das Mikrofon. »Der Einsatztrupp folgt mir in den Hangar. Wir nehmen den schnellsten Weg.«
Hektische Schritte und das Läuten von Sirenen begleiteten Archweyll, während er, flankiert von seinem neuen Team, durch den geräumigen Hangar schritt. 
Einige Arrows hatten sich bereits Abflugbereit gemacht, die pfeilschnellen Jäger würden als Eskortschiffe dienen. Vor ihnen ragte die Manticor auf, das größte Transportschiff, dass die Atharymn beheimatete. Es war ein wenig anmutiges, aber praktisches Schiff, mit drei Reihen übereinander gekreuzter Flügel und riesigen Propellerantrieben, die eine punktgenaue Landung in der Atmosphäre ermöglichten. Zischend kam ihnen die Rampe entgegen und gewährte der Truppe Einlass. 
Archweyll stieg eine steile Leiter zur Kommandobrücke hinauf, quittierte die engen Raumverhältnisse mit einem unflätigen Fluch und befahl den Startvorgang. 
Die Manticor startete und ein ohrenbetäubendes Brüllen entwich ihren Antrieben. 
»Klingt fast so wie bei mir zuhause«, knurrte der Kommandant bissig, während er sich anschnallte. »Atmosphäreeintritt in Siebzig Sekunden. Alles anschnallen«, frohlockte er. 
Tamara nahm neben ihm Platz. Ihr Blick verriet ihre Befürchtungen. »Dort unten sind wir nicht in unserem Element. Wer wird das U-Boot steuern?«, fragte sie besorgt.
»Ich mache das«, verkündete Daisy mit einem undefinierbaren Ton in der Stimme. »Schließlich habe ich es gebaut.« 
Das war es also gewesen. Archweyll schloss die Augen und entschied sich dafür, für ein paar Sekunden in das Land der Feen und Kobolde abzutauchen, um Tamaras Blick zu entgehen. 
Als er die Augen öffnete, war dieser aber immer noch auf ihn gerichtet, wie eine geladene Waffe die jederzeit feuern konnte. Und würde. 
Clynnt seufzte. »Das wird ein Spaß«, kommentierte er die Szenerie, dann brachen sie unsanft durch die Atmosphäre. 
Dichte Regenwolken schlossen sich um sie und prasselten unnachgiebig auf die Frontscheiben. Unter ihnen tobte das Meer, in einem beständigen auf und ab. 
Gischt spritzte in die Höhe, während die Wellen einen Krieg ausfochten. 
»Eine Stunde noch bis zum Ziel«, plötzlich bemerkte Archweyll trotz der Umstände so etwas wie Vorfreude in sich aufkeimen. Denn noch hatte er keine Ahnung, was ihn erwarten sollte…

 

 

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Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 1: Willkommen an Bord der Atharymn

Doktor Mantis J. Crowler beugte sich über seine Messungen. Wenn er Recht behalten sollte, war das eine Sensation, die ihn noch in den entlegensten Winkeln der galaktischen Föderation berühmt machen könnte. Der grauhaarige Mann in den besten Fünfzigern betrachtete seine Monitore durch eine Nickelbrille, in deren Glas sich der Schein der Bildschirme spiegelte und kratzte sich nachdenklich durch den samtigen Vollbart. Dann griff er in seinen weißen Kittel und fingerte eine Festplatte hervor, um sie mit seinen Datenquellen zu vernetzen. Wenn es darum ging, Informationen sicherzustellen, kannte Crowler kein Pardon.
Das Prasseln des Regens klopfte beständig an die verstärkten Fensterscheiben seiner Forschungseinrichtung, denn die zwei Sonnen Hercules und Ameus sorgten für ein hitziges und somit feuchtes Klima auf dem Planeten Nautilon, dessen Oberfläche gänzlich aus Wasser bestand und somit durch Verdunstung für permanente Regenströme sorgte. Eigentlich war Crowlers Abteilung dafür zuständig, medizinische Stoffe aus den Biotopen, die sich unter dem Wasser befanden, zu extrahieren und an die Fakultät auf Prospecteus zu liefern.
Eine mühselige und zweifelsohne gefährliche Aufgabe, wenn man bedachte, das die Gigantyras in den abgrundtiefen Schatten der Gewässer lauerten. Raubfische, groß wie ein halbes Hochhaus und mit der tollwütigen Aggression eines geifernden Hundes ausgestattet, der eher sterben würde, als seinen Biss zu lockern. Außerdem drangen gelegentlich hochexplosive Gase ohne Vorwarnung aus ihren Schlothöhlen, was ein wahnwitziges Problem darstellte, wenn man mit bemannten Bohrköpfen durch die Erde dringen wollte. 
Doch wenn man davon absah, war Nautilon eine Perle der Natur. Korallenriffe erstreckten sich kilometerweit durch den Ozean, ihre Farbenpracht und Artenvielfalt war nahezu grenzenlos. Riesige Kelpwälder tanzten im stillen Gleichklang durch die Gezeiten und Fischschwärme unterschiedlichster Größe schossen, auf der Suche nach Nahrung, in bunten Verbänden darum herum. Quallen, groß wie ein Lastwagen, trieben im Spiel des Wassers umher, ihre Fangarme schillerten silbern wie das Mondlicht und ihr Hut war mit ineinander vernetzten, türkisen Mustern ausgestattet, die in der Dunkelheit der Nacht so grell leuchteten wie eine Neonreklame auf Prospecteus. Und wenn seine Berechnungen stimmen sollten, hatten sie gerade einmal 2 Prozent der hiesigen Biotope erkundet und kartographiert. 
Doch das, was Crowlers Faszination erregt hatte, war etwas anderes. Am Rande der großen Sanddünen, die irgendwann einen senkrechten Abstieg in die abyssischen Tiefen des Planeten vollführten, hatten seine Scans eine ungewöhnliche Struktur signalisiert. Wenn diese Entdeckung an die Öffentlichkeit gelangen würde, könnte sich ihr ganzes Verständnis über den Warp verändern.
»Funk die Zentrale an!«, rief er laut durch das großräumige Labor, in der Hoffnung, dass sein Gehilfe Ronald ihn hören würde. »Und mach dich darauf gefasst, dass sich unser Leben bald maßgeblich verändern könnte.« 

                                                                ***

Daisy Lee stampfte kaugummikauend durch den Hangar. Ein neuer Job war ihr durchaus willkommen, nachdem sie ihre Anstellung bei Centaur Industries durch eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vorgesetzten verloren hatte. Aber dass sie ab heute an Bord eines Patrouillenkreuzers dienen sollte, hatte ihr den nötigen Nervenkitzel verliehen, der ihren Job als Chefmechanikerin so interessant machte.
Und der Kommandant des Kreuzers. Archweyll Dorne. So wie der Relictor es gesagt hat. Ein weiterer Aspekt ist gefunden.
Dass sie vorher noch nie auf einem so großen Schiff gedient hatte, beeindruckte Daisy nicht im geringsten. Um bei Centaur Industries, dem renommiertestem Waffenhersteller der galaktischen Föderation, eine Anstellung als Putzfrau zu finden, musste man schon eine hohe Qualifikation an den Tag legen. Da blieb die Frage, was es bedeutete, einer der wichtigsten Ingenieure der gesamten Anlage zu sein, einfach ohne einer Antwort zu bedürfen im Raum stehen. 
Laute Rufe und elektronische Sirenen begleiteten ihren Weg, die Luft roch nach Dieselmotoren und Maschinenöl. 
Herrlich. 
Sie rückte ihre dreckige Wollmütze zurecht und atmete einmal tief durch. Hier roch es nach einer Menge Arbeit. Instinktiv hoffte sie, dass ihr neuer Vorgesetzter ein tiefgründigeres Gespür für ihre wertvolles Können an den Tag legen mochte, doch bei der Aussicht einem Befehlshaber des Militärs unterstellt zu sein, lief es ihr kalt den Nacken runter. Es gab kaum langweiligere Bürokraten, die sesselfurzend auf ihre Vorschriften pochten, aber insgeheim hofften, jeder würde in ihnen den harten Kerl erkennen. Solange er seinen Zweck erfüllt. Und wenn er mir Schwierigkeiten macht, lege ich ihn einfach um.
Plötzlich bäumte sich vor ihr ein riesiges Raumschiff auf. Auf der Außenbordwand ließ sich der rötliche Schriftzug, welcher den Namen des Schiffes veranschaulichen sollte, gerade noch erahnen. Atharymn. Ein Licht sprang auf grün, als sie sich näherte, und zischend öffnete sich eine Pforte, hinter der sich ein Aufzug befand. Daisy grub tief in den bodenlosen Taschen ihrer ölbefleckten Sicherheitshose herum, kramte Schraubenschlüssel, Zigaretten und einen Kugelschreiber hervor, bevor sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Sie hielt die Karte, die ihr der Beamte ausgeteilt hatte, vor den Scanner und der Aufzug öffnete sich ratternd, beförderte sie in schwindelerregende Höhe. Wenn sie den jemals so etwas wie Schwindel empfinden konnte.
»Du wirst Technikstation B14 bemannen, es könnte sein, dass dein Vorgänger etwas … sagen wir: heikle Umstände herbeigeführt hat. Rechne also nicht unbedingt damit, mit offenen Armen empfangen zu werden«, hatte ihr der Beamte mit auf den Weg gegeben.
Ein Stirnrunzeln war ihre einzige Reaktion gewesen. Wenn der Kommandant sie fertig machen wollte, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Ein Grinsen entwich ihren Lippen, bei dem Gedanken daran. 
Wir werden ja noch sehen, wer wen fertig macht.
»Abteilung 1 – Kommandobrücke«, krähte eine mechanische Stimme und die Türen öffneten sich quietschend. Nun sollte sich zeigen, wie sich Daisys mittelfristige Zukunft gestalten würde. 

                                                                    ***

»Bist du dir sicher, dass wir einen neuen Chefmechaniker brauchen? Der letzte hat sich als überaus widerspenstig erwiesen«, fragte Clynnt Volker bedächtig. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten ihn seit den damaligen Ereignissen fast gänzlich für sich eingenommen.
Archweyll quittierte ihn mit einem bellenden Lachen. »Bei all der Liebe, die ich für Bebsy hege, pflegen kann ich die alte Dame nicht. Da braucht es einen Profi und ich vertraue nur den besten.«
»Wie Howard Bering?«, erwiderte der Chefnavigator spitz. 
»Mein Gott, Clynnt, du bist ja heute in Topform«, lobte ihn der Kommandant mit einem Klopfer auf die Schulter, welcher den Navigatoren in seinen Grundfesten erschütterte. Doch als er sah, wer da aus dem Aufzug kam, wurde ihm dennoch mulmig zumute. 
»Das ist ja fast noch ein Kind«, flüsterte Clynnt und knirschte mit den Zähnen.
Die junge Frau, das auf sie zukam, kaute gelassen auf einem Kaugummi herum und schien den riesigen Rucksack auf ihrem Rücken kaum zu bemerken. Sie trug eine schwarze Lederjacke und eine farblose Mütze, ihre schweren Lederstiefel glitten fast geräuschlos über das Deck. Das krause blonde Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden und auf ihren kecken Lippen lag ein breites, aber ehrliches Lächeln, das die Sommersprossen auf ihren zarten Wangen förmlich zum Glühen brachte.
Archweyll studierte sie eingehend und stellte fest, dass er noch nie so lebensfrohe blaue Augen gesehen hatte. Und Leben war etwas, das sie an Bord wahrlich gebrauchen konnten. Seit den Reparaturarbeiten lag der Kreuzer still und eine bedächtige Ruhe hatte seine Korridore erfüllt. Nun wurde es Zeit, wieder in den Warp aufzubrechen. 
»Ganz nett habt ihr es hier«, lachte ihnen die Frau entgegen. »Ich bin Daisy Lee und soll hier als Chefmechaniker antreten. Mache Meldung.« Sie salutierte gespielt ehrfürchtig. 
Clynnt rümpfte die Nase. »Wir werden schneller tot sein, als wir Babypuder rufen können«, flüsterte er forsch in Archweylls Ohr. Der Kommandant grunzte ihm etwas unverständiges entgegen.
»Oh nein«, der Chefnavigator trat einen Schritt zurück. »Diesen Gesichtsausdruck hast du erst einmal an den Tag gelegt, damals, als Tamara hier angeheuert hat. Bitte, nicht schon wieder, Arch.«
»Klappe«, knurrte der Kommandant. »Begrüßt man so einen Frischling?« er breitete feierlich die Arme aus. »Willkommen an Bord der Atharymn!«, rief er Daisy entgegen. »Ich bin Kommandant Archweyll und dieser gutaussehende, überaus sportliche Jungspund zu meiner Rechten, ist Cylnnt Volker, mein Chefnavigator.« 
Der Mann nickte knapp zur Begrüßung. 
»Er mag mich nicht. Das ist in Ordnung, solange er nicht in meiner Arbeit herumpfuscht«, antwortete Daisy gelassen.
Archweyll hörte, wie Clynnt scharf die Luft einsog, sich aber dann doch gegen einen Kommentar entschied. 
»Wie ich sehe, scheust du dich nicht davor, deine Meinung kundzutun«, begann er seine Ansprache, doch er wurde jäh unterbrochen. 
»Ihr werdet mit meiner Meinung leben müssen oder ich bin weg. Denn sonst kann ich meine Arbeit nicht so ausführen, wie es für alle das Beste wäre. Ich brauche niemanden, der mir sagt, woran ich bin. Das sehe ich von alleine.« Sie zwinkerte dem Kommandanten zu. »Und manchmal gefällt mir sogar, was ich sehe.« 
»Ich werde ja ganz verlegen«, räusperte sich Archweyll »Ich zeige dir alles, was du für deine Arbeit wissen musst«, erklärte er dann. Clynnts Kopfschütteln bekam er nur am Rande mit. 
»Wenn Tamara das rausfindet, bist du tot«, kicherte der Chefnavigator nur, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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Die Wölfe von Asgard – Die Heimkehr

»Verschwunden sagst du? Seid ihr euch da sicher?« Yorrick gelang es nur mit Mühe, einen Fluch zu unterdrücken. 
Die Nachricht über Islavs Verrat hatte sich wie ein Laubfeuer unter den Männern ausgebreitet und sie suchten bereits einen halben Tag nach dem gebrochenen Jarl. 
»Wir haben alle Schiffe auf den Kopf gestellt. Sogar die der Ustenströmer. Nichts«, erwiderte Knutson zähneknirschend. »Und um die ganze Insel abzusuchen, fehlen uns die Männer. Viele sind damit beschäftigt, die Toten auf die verbliebenen Schiffe zu schleppen. Die anderen bewachen die Ustenströmer, die du Narr verschont hast. Nur die Götter wissen, woher du solche schwachsinnigen Einfälle nimmst.«
Für einen kurzen Moment huschte ein Lächeln über die Lippen des Schiffsbaumeisters. »Die Götter, ja. Oder aber eine mutige Stimme, durch die sie gesprochen haben.«
»Manchmal redest du in Rätseln, alter Freund«, grübelte Knutson laut. 
»Mag sein«, erwiderte Yorrick. »Doch wenn ich mir unsere Reise so ansehe, dann scheint es mir fast, als sei dies alles von ihnen geplant gewesen. Es war eine Prüfung.« 
Knutson bellte ein Lachen und schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter. »Dass ich diese Worte noch einmal aus deinem Munde hören darf. Von jenem, der den Göttern einst abschwur.«
»Es brauchte ein Zeichen«, schmunzelte Yorrick. 
Für einen Augenblick schien Knutson zu stutzen. Dann weiteten sich seine Augen. »Das Heulen des Wolfes, das wart doch ihr, oder nicht?«
Yorrick blickte ihn überrascht an. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst«, entgegnete er verwundert. Dann erhob er sich achselzuckend, um die Männer zu versammeln.

***

»Das Schwert und die See. Der Traum von Freiheit. Von Ruhm und Tapferkeit. Von einem glorreichen Tod, den die Skalden besingen und die Götter bedauern. Das ist es, was uns Nordmännern in die Wiege gelegt wurde. Das ist es, wofür wir mit jedem Atemzug leben und kämpfen.« Aegir schritt durch die gelichteten Reihen der Krieger. »So sagt man es uns nach. So sagen wir es uns selbst nach.« Er deutete auf die drei großen Schiffe, die ganz langsam aus der Bucht steuerten, hinein in die dunkle, endlose See. »Doch sind wir nicht viel mehr als nur der Schrecken der Meere? Als ehrenhafte Krieger?« Sein Blick wanderte durch die Reihen und haftete sich an seinem Bruder fest, der ihm gebannt lauschte. »Wenn ich mich so umsehe, sehe ich mehr als nur das. Ich sehe Feinde, die zu Freunden wurden«, er nickte Knutson und Snorri zu, »Ich sehe Männer, die ihren Glauben wiedergefunden haben«, sein Blick steuerte für einen Moment zu Yorrick, »und ich sehe eine große Heldin, die wahrhaft würdig ist, ihren Weg in die heiligen Hallen an die Seite unserer Brüder zu finden.« Aegir zeigte in Richtung der Schiffe, die die Toten ins Jenseits trugen. »Denn in der gestrigen Nacht wurde uns gelehrt, dass auch wir dem Fluch der Sterblichkeit verfallen sind. Dass auch Helden fallen können.« Für einen Moment hielt er inne, verdrängte den Schmerz des Verlustes und sammelte seine Worte. Es war seine Aufgabe, die Männer zusammenzuhalten. Der Erbfolge nach würde er der neue Jarl von Skiringssal werden. Als solcher stellte es seine Pflicht dar, die Gefallenen würdevoll zu verabschieden. Er blickte in traurige, aber gefasste Mienen, die allesamt zu ihm heraufschauten.
»Heute ehren wir jene, die den morgigen Tag nicht erleben dürfen. Heute ehren wir ihren Mut, das eigene Leben für die Kameraden aufs Spiel zu setzen. Sie haben sich als würdig erwiesen, ein bedeutsames Leben nach dem Tod zu erfahren, ganz gleich, ob es sie an die Pforten von Walhall führen mag oder in den Himmel.« Er atmete tief durch, fokussierte seine Gedanken. »Denn wir sind bei ihnen und senden ihre Seelen mit den besten Wünschen ins Jenseits«, rief er so laut, dass es noch bis in den letzten Winkel der Welt hallen musste. 
»Auf dass die Götter sie für würdig halten und als Gäste empfangen«, murmelte die Menge. 
Dann schritten Snorri, Yorrick und Knutson vor, in ihren Händen hielten sie jeweils eine brennende Fackel, welche die schwarze Nacht mit einem matten Flackern erhellten. Wie Sternschnuppen segelten sie durch die Luft und steckten die Schiffe in Brand. Die Flammen leckten am Holz der Geri, auf der Deila ihre letzte Reise antreten würde. Islav hatte das stolze Schiff kein Glück gebracht und da er in Ungnade gefallen war, hatten sie einstimmig beschlossen, die Valkyre von Skiringssal auf ihr zu bestatten. 
Eine letzte Ehre. Die einzige, die wir dir jemals erteilt haben. 
Aegirs Miene verfinsterte sich vor Kummer. Ylvie hatte auf dieser Insel einen wichtigen Teil ihrer Familie verloren. Wie sollte er ihr nur beibringen, dass sie Islav zurückgelassen hatten? Was er dem Dorf angetan hatte? Dass ihre Schwester seinetwegen gestorben war. Er wusste es nicht. Ebenso wenig wie er wusste, ob er das Zeug zum Jarl hatte. Er sehnte sich nach Ruhe. Jetzt mehr denn je. Doch das Schicksal schmiedete offenbar andere Pläne mit ihm. Seufzend ließ er sich in den Sand fallen und dachte nach.

***

Snorri torkelte schlaftrunken über das Deck. Es war noch sehr früh und dichter Nebel hatte sich über die See gelegt. Die meisten Männer schliefen noch. Als er Aegir am Bug lehnen sah, erhellte sich seine Miene schlagartig. Seit den Geschehnissen in jener Nacht, bevor sie das Kloster erreicht hatten, hatten sie nie die Zeit gehabt, um zu reden. Und alles in ihm sehnte sich nach Versöhnung mit seinem Bruder.
»Ein letztes Omen. Der Weg, der nun vor uns liegt, ist so undurchsichtig wie der Morgennebel«, raunte ihm Aegir zur Begrüßung entgegen. 
»Doch wird er sich lichten und einen Blick auf die Heimat gewähren«, erwiderte Snorri und ließ sich neben seinem Bruder nieder. »Das, was ich dir vor ein paar Tagen vor den Kopf geworfen habe«, begann Snorri vorsichtig, doch Aegir winkte ab. 
»Du warst noch nicht soweit, es zu erkennen. Die Wahrheit kostet immer einen Preis. Wähle weise, ob du bereit bist ihn zu bezahlen und ob du mit der Wahrheit leben kannst.«
Snorri atmete auf. Dass sein Bruder ihm vergab, bedeutete ihm viel, angesichts der Torheit, die er ihm entgegengebracht hatte. »Ich möchte mich bei dir bedanken. Du hast versucht mir die Augen zu öffnen, aber ich war wie geblendet von Versprechungen. Scheinbar musste ich erst erleben, was es bedeutet, ein Leben zu fordern, um zu verstehen, dass ich es nicht kann.« Beschämt schaute er zu Boden. 
»Du hast dich verhalten, wie ich es von einem jungen Narren nicht anders erwartet hätte. Es freut mich, dass du wahrhaft schnell begriffen hast«, erwiderte der Riese sanft. »Es gab Momente, da fürchtete ich um dein Leben.«
»Du weißt doch, so schnell lasse ich mich nicht unterkriegen«, grinste Snorri schelmisch, bevor er beschwichtigend die Hände hob, um Aegirs bohrendem Blick zu entgehen. »Und wie geht es dir? Die Hände wieder in Blut zu tauchen schien dir nicht allzu schwer zu fallen. Du wirktest wie im Rausch.«
»Ich kannte den Preis, der mir abverlangt werden würde und doch habe ich keinen Moment gezögert. Du wirst noch lernen, dass es keinen Unterschied macht, ob man nun Unschuldige oder Verräter abschlachtet. Den Unterschied macht es, wofür du dich entscheidest zu kämpfen. Ich lasse doch nicht meine Familie im Stich.« 
Snorri klopfte ihm auf die Schulter. »Und dafür werde ich dir ewig dankbar sein. Sei dir gewiss, dass ich auf dieser Reise viel gelernt habe.« 
»Nicht nur du«, schmunzelte Aegir. »Wir alle haben etwas gelernt, über den Preis des Lebens. Du hast Yorrick davon abgehalten, noch mehr Gefangene zu opfern. Knutson hat gelernt, mit Demut an andere heranzutreten und ich? Ich habe schmerzhaft gelernt, dass nicht jedes ausgesprochene Wort von endloser Dauer sein kann.«
Snorri gab ihm Recht. Er hielt kurz inne, hielt die Worte, die er nun aussprechen würde, für einen Moment zurück. »Ich werde Skiringssal verlassen, Bruderherz«, flüsterte er dann leise. 
»Du willst was?«, Aegir riss vor Verwunderung die Augen weit auf. 
»Nicht so laut. Die Anderen werden es nicht heute erfahren.« Snorri blickte sich verstohlen um, doch an Bord regte sich nichts. »Das was ich auf dieser Fahrt gelernt habe, möchte ich in der Welt verbreiten. Gottes Wort soll mich führen. Ich hörte von Wanderpredigern, die durch Schweden und Dänemark reisen. Ich werde sie bitten, mir ihre Bräuche zu lehren, um Gottes Willen zu verkünden. Damit wir nicht mehr sinnlos töten müssen.«
»Ein nobles Ziel«, antwortete Aegir, nach reichlicher Bedenkzeit. »Doch versprich mir, dass du nicht blauäugig drauflos stürmst. Bedenke deiner Taten und der Menschen, die dich umgeben. Lass sie deine Gutgläubigkeit nicht ausnutzen und erkenne die Wahrheit, bevor sie es tun.«
Snorri gelobte es feierlich. 
Aegir lehnte sich mit einem steifen Nicken auf die Reling und schien für einen Augenblick in Gedanken zu schweifen, während er versuchte, irgendetwas im Nebel zu identifizieren. »Die Suppe lichtet sich allmählich. Das wurde auch langsam Zeit. Aufstehen, ihr Faulpelze! Na wird’s bald?« Er begann damit, die Männer auf ihre Positionen zu scheuchen. 
Snorri lehnte sich an die Reling und beobachtete das Ganze mit einem Lachen auf den Lippen. Dann richtete sich sein Blick in die Ferne, wo der Nebel sich allmählich lichtete und plötzlich wie aus dem Nichts die skiringssaler Klippen vor ihnen auftauchten.Jubelrufe erklangen, doch Snorri fiel nicht mit ein. Diese Reise hatte ihn verändert. Hatte ihn erwachsen werden lassen. Innerlich dankte er Aegir für alles, was er ihn gelehrt hatte. Morgen würde er sich auf den Weg machen. Kein Abschied, kein Unverständnis, keine große Trauer. Snorri atmete die salzige Seeluft ein und schloss für einen Moment die Augen. Wahrlich, der Geruch der Veränderung lag in der Luft, er konnte ihn förmlich schmecken. Hatte er sich doch gestern noch auf die wohlverdiente Ruhe der Heimat gefreut, so erschien es ihm heute unmöglich zu rasten. Denn eine neue, große Reise lag nun vor ihm.

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Die Wölfe von Asgard – Das Zeichen der Götter (2/2)

Der grausige Schlachtenlärm dröhnte in ihren Ohren, dennoch kam es Deila so vor als sei ihr Leben nie harmonischer gewesen, als in diesem Augenblick. Nichts stellte sich zwischen die Jägerin und ihre Beute. Obwohl es sich in diesem ausgewachsenen Handgemenge als schwierig erwies, die Übersicht zu behalten, konnte sie ihren Vater klar unter sich erkennen. Sie fletschte die Zähne. Ihren Mund erfüllte der bittere Geschmack von Blut. 
Ich bin dein Fluch, Vater. Und dieser Fluch wird heute dein Leben fordern. 
Mit einem Aufschrei stürzte sie sich vom Felsen. 
Im gleichen Moment schwärmten Yorrick und seine Leute aus dem Geäst und verwickelten die Ustenströmer in bittere Zweikämpfe. Der Schiffsbaumeister hatte auf ihr Zeichen gewartet. Trotz ihrer Wunde, hatte sie sich diesen Moment nicht nehmen lassen. 
Einmal groß sein. Wissen wie es sich anfühlt, zu leben.
Der erste Mann, der ihren Weg kreuzte, ging mit einem Röcheln zu Boden, als Deila ihm ohne mit der Wimper zu zucken den Speer durch den Hals rammte. 
Siehst du mich, Vater?
Er sah sie. Durch seine Augen zuckte ein Gefühl, dass in Deila eine freudige Erregung hervorrief. Angst. Nichts weiter als die blanke Angst.
Fürchtest du mich, Vater?
Abermals warf sich ihr ein Feind wie aus dem Nichts entgegen. 
Deila lenkte die Axt mit dem Speer um, vollführte einen Ausfallschritt und schnellte dann so blitzartig hervor, dass ihrem Gegner keine Zeit zum Reagieren blieb. Der Speer bohrte sich durch seine Brust und eine rote Wolke hüllte ihn ein, während er zusammenbrach.
Während sie tötete, ließ sie ihren Vater nicht einen Moment aus den Augen. 
Erkennst du, was du aus mir gemacht hast, Vater?
Islav wandte sich von ihr ab. Er drängte durch das Schlachtgeschehen, nur fort von ihr. Er hatte Mühe, den Angriffen zu seinen beiden Seiten zu entgehen, doch irgendwie gelang es ihm. Ein Speer streifte seine Schulter und er bellte vor Schmerz. Doch nichts schien ihm gewisser, als dass er sein Heil in der Flucht suchen sollte.
Deila genoss es. Trieb ihn wie ein Tier. Jeder, der ihren Weg kreuzte, starb. 
Eine geisterhafte Stimme schnitt durch ihren Kopf, scharf wie die Schwerter der höchsten Richter selbst: »Valkyra.«
Dann erreichten sie das Ende des Schlachtfeldes. Islav rannte davon wie aufgeschrecktes Wild, Deila schoss ihm hinterher.
Plötzlich registrierte sie einen Schemen, der sich aus dem Schatten löste und auf sie zumarschierte.
Hjalmaer verzog seinen Mund zu einem höhnischen Grinsen, während er sich zwischen die beiden stellte. »Keine Sorge, wir werden heute beide einen Vater verlieren«, knurrte er sie an.
Hat er geweint?
Von dem einst so stolzen Sohn des Magnar war kaum noch etwas zu erkennen. Blut befleckte sein Gesicht, seine Augen erschienen Deila trotz der Dunkelheit aufgequollen und rot. Sein Schwertarm zitterte, während er die Klinge in ihre Richtung ausstreckte.
»Du«, presste sie zwischen zusammengekniffenen Zähnen hervor. Der Rausch der Schlacht verabschiedete sich allmählich von ihr und wich einer bleiernen Schwere, die sich mit dem Hauch des herannahenden Todes in ihre Glieder schlich.
»Dir werde ich dein hässliches Grinsen aus dem Gesicht schälen, für das, was du mir und meinem Dorf angetan hast«, zischte sie wutentbrannt. »Außerdem stellst du dich zwischen mich und meine Beute.« Ohne Vorwarnung griff sie an. 
Der Speer zischte auf Hjalmaer zu, doch diesem gelang es, im letzten Moment auszuweichen. Er konterte mit einem Aufwärtshieb, der ihr fast die Waffe aus den Händen riss.
Dieser hier wird schwieriger.
Fast machte sie dieser Umstand glücklich. Wieder stieß sie zu, doch ihre Bewegungen wurden allmählich langsamer. 
Der Ustenströmer lenkte ihre Waffe von sich fort und ließ sein Schwert auf sie niedersausen.
Deila konterte, indem sie den Speer in Windeseile quer an ihre Brust presste, um den Schlag abzufangen. Die Wucht des Angriffs erschütterte sie in ihren Grundfesten.
»Ein Weib wie du es bist, wird einem echten Krieger niemals gewachsen sein«, schrie ihr Hjalmaer entgegen. »Und selbst für einen hässlichen Mann würde es nicht reichen.« Wieder griff er an. Seine Waffe sauste an Deilas rechtem Ohr vorbei, sodass es zischte.
»Vielleicht finden wir im Schweinestall eine Verwendung für dich. Irgendwer muss schließlich die Eber bei Laune halten.« Er lachte hysterisch. 
Deila blieb stumm. Was zählte waren Taten, nicht Worte. Und die Tatsache, dass er trotz dieser Worte Hand an sie gelegt hatte, sagte doch mehr über ihn aus, als über sie. Und dennoch konnte sie nicht umhin, festzustellen, dass sie ungewollt zu Zittern begann. Ihr Körper fühlte sich kalt und leer an. 
Mit einem Schrei zwang sie sich ins Diesseits zurückzufinden. Gerade noch rechtzeitig, um einer ihr geltenden Stichattacke zu entkommen.
Hjalmaer fauchte wütend, als er feststellte, dass sein Angriff fehlgeschlagen war. »Zäh wie ein Ochse, das muss man dir lassen«, knirschte er wütend. 
»Mach dich auf etwas gefasst«, ächzte Deila zurück. 
Er verzog eine Augenbraue. »Ach, wirklich?«, feixte er gespielt gelangweilt.
Sie umkreisten einander wie Raubtiere, bereit zum Sprung.
Deila ließ den Speer vorschnellen, doch Hjalmaer war flink. 
Er wich dem Angriff aus und täuschte einen Ausfallschritt an. Im letzten Moment ließ er von seinem Vorhaben ab und schürfte Deila das Schwert mit voller Wucht gegen den Arm.
Ein greller Schmerzensschrei entwich ihrer Kehle, der Speer flog ihr aus den Händen. 
Triumphierend baute er sich vor ihr auf. »Du bist am Ende«, kicherte er. »Finde dich damit ab.« Doch als er in Deilas Augen blickte, zögerte er.
»Narr!«, fuhr ihn die Nordmaid an. »Der Schmerz ist das, woraus ich meine Kraft schöpfe. Und du hast ihn erneut entfacht.«
Sie griff nach dem Speer und stürzte sich auf ihn. Hieb folgte auf Hieb, bis es schien, dass Hjalmaer einen Tanz vollführte.
Der Ustenströmer verpatzte eine Parade und der Speer bohrte sich in sein Bein. Brüllend vor Pein versuchte er zu kontern, doch Deila ließ ihm nicht die Gelegenheit. Der Schaft der Waffe krachte in sein Gesicht. Dann noch einmal. Und noch einmal, mit einer solchen Wucht, dass es knackte. 
Ächzend ging der Sohn des Magnar zu Boden. Blut strömte aus seiner Nase uns sein Kiefer hatte sich ungesund verdreht. 
Deila bäumte sich über ihm auf, ihr Speer glitzerte im Mondlicht. Dann rammte sie ihn mit voller Wucht in seinen vor Schreck weit geöffneten Mund.
Schon im nächsten Moment suchten ihre Augen das nächste Ziel.
Doch Islav schien wie vom Erdboden verschluckt. 
Mit einem zornigen Aufschrei versenkte sie die Waffe abermals in Hjalmaers Körper, diesmal in seiner Brust. Mit dem Schlag wich die letzte Kraft aus ihren Gliedern. Deila sank in die Knie, Schwindel erfasste sie, vernebelte ihren Verstand. Ihre Wunden pochten als wären sie zwei zusätzliche Herzen, die den Schmerz durch ihren Körper pulsieren ließen. Ein dumpfes Dröhnen erfüllte ihren Kopf, bis es alle anderen Geräusche verschluckt hatte. Unsagbarer Druck zerquetschte ihre Glieder. Eine letzte Träne trat aus ihrem Augenwinkel.
Hättest du mich je lieben können, Vater?
Ein Seufzer entwich ihrer trockenen Kehle, dann verlor sie das Bewusstsein. 


***

Das Blatt hatte sich gewendet. Dank Yorricks Überraschungsangriff war es den Skiringssalern gelungen, den Feind zurückzudrängen. 
Aegir ließ seine Axt auf den Feind niedergehen als würde er versuchen, Bäume mit einem einzigen Hieb zu spalten. 
Snorri beobachtete ihn, wie er zahlreiche Feinde niederstreckte. 
Danke, Bruderherz. Dass du mich vor dem bewahren wolltest.
Es dauerte nicht lange und die verbliebenen Ustenströmer ergaben sich. Sie warfen die Waffen von sich und knieten sich in die Hocke. 
Die Skiringssaler umkreisten sie mit Mienen, die vor Mordlust nur so trieften. 
»Ich sage, wir knüpfen sie auf!«, brüllte Knutson in die angeheizte Menge. Bestätigende Rufe folgten seiner Aufforderung.
»Lasst sie Bluten für das, was sie angestellt haben!«, forderte Yorrick. Er kniete vor dem reglosen Olaf und erwies ihm die letzte Ehre. Seine Hände glänzten feucht und rot vom Blut, ebenso wie sein gesprenkeltes Gesicht, das sich vor Gram verzerrte. 
Egal wohin Snorri blickte, der Tod schien allgegenwärtig. Dort, wo gerade noch die Schreie der Sterbenden in seinen Ohren gedröhnt hatten, befanden sich nun nur noch leblose Körper, die eine stille Klage in den Himmel hinaufächzten. 
Allmählich kroch die Sonne hinter dem Horizont empor und begrüßte die Überlebenden mit einem bitterroten Himmel, als wüsste sie längst, was heute Nacht geschehen war. 
So viel Tod, dachte Snorri und schluckte. Und das völlig umsonst.
Ein wüster Schrei verdrängte seine Gedanken. 
Yorrick hatte ein Messer gezogen und hielt es einem Ustenströmer an die Kehle. 
Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen blickte der Mann auf die blanke Klinge, die nunmehr den seidenen Faden zwischen Leben und Tod für ihn darstellte. 
»Nenne mir einen Grund!«, brüllte der Schiffsbaumeister in das Ohr des Gefangenen. Seine Hände zitterten vor Wut. 
Der Ustenströmer zuckte vor Schreck zusammen.
Snorri fühlte sich für einen Augenblick wie betäubt. Die Leichen, das Blut, die Schreie, die in der vergangenen Nacht durch die Dunkelheit gehallt waren, das alles vermengte sich in seinem Kopf zu einer Sintflut des Grauens. Eine endlose Beklommenheit presste seine Lungen zusammen. Er zwang sich dazu, ruhig zu atmen. Ein und aus. 
Und dann spürte Snorri ein seltsames Gewicht auf seiner rechten Brust haften. Als er danach tastete, stellte er fest, dass das Kreuz, das er aus dem Kloster geraubt hatte, noch in seiner Tasche ruhte. Und da wurde ihm klar, was er zu tun hatte.
»Haltet ein! Ihr alle!«, brüllte er nach Leibeskräften. 
Yorrick blickte ihn entgeistert an. »Ruhe, Knirps. Und dann fort mit dir. Das hier willst du nicht mit ansehen«, knurrte er dann.
»Du hast Recht«, erwiderte Snorri und machte vorsichtig einen Schritt auf ihn zu. »Das will ich nicht. Und dennoch werde ich mich nicht umdrehen, bis ich weiß, dass du diesem Mann kein Haar krümmen wirst.«
Aufgeregte Rufe ertönten. »Was fällt dir ein, Knirps?«, herrschte Yorrick ihn an und verlagerte mehr Druck auf die Klinge.
Das Gesicht des Ustenströmers lief weiß an vor Angst und Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. »H-Hört auf den J-Jungen«, stotterte er mühsam hervor.
»Du hältst bloß dein Maul!«, antwortete Snorri harsch. »Du wirst deine Strafe noch kriegen, denn ihr habt euch alle des Verrats schuldig gemacht.«
»Und du weißt, welche Strafe darauf steht!«, brüllte Yorrick ungeduldig. »Und ich werde noch gnädig sein. Ein paar Stiche, was macht das schon, im Vergleich zum Blutaarspektakel? Nichts anderes haben diese Bastarde verdient.« Er spuckte verächtlich aus. 
Snorri breitete die Arme aus. »Siehst du nicht, was hier passiert ist? Mord und Tod umgeben uns und die Geister der Gefallenen werden diesen Ort ewig heimsuchen. Diese Erde wird für immer in Blut getränkt bleiben. Und du willst wirklich noch mehr vergießen? Das ist Wahnsinn.«
»Das«, knurrte Yorrick und sein Blick nahm kurz etwas Grausames an, »ist Gerechtigkeit.« Mit diesen Worten schnitt er dem Mann die Kehle auf.
Gurgelnd fiel er zu Boden und regte sich nicht mehr. 
Johlende Rufe ertönten und feuerten Yorrick an. Dieser schritt auf den nächsten Gefangenen zu. 
»Das ist Wahnsinn, seht ihr es denn nicht?«, keuchte Snorri, doch seine Worte fanden keinen Anklang. Niemand hörte ihm zu.
Snorris Blick suchte seinen Bruder, doch Aegirs steinerne Miene deutete ihm an, jetzt besser ruhig zu bleiben. In den Händen hielt er die reglose Deila, aus der sämtliches Leben gewichen war. 
So viel also zu deiner sogenannten Nächstenliebe.
»Gerechtigkeit? Das was du da tust soll gerecht sein?« In Snorri begann es zu kochen. »Ist Yorrick der Weise schon so groß, dass er im Auftrag der Götter handeln darf? Gefangene, die sich ergeben haben, abzuschlachten, zeugt nicht von Gerechtigkeit. Es ist egoistisch!« Nun kannte er keinen Halt mehr. Dieses sinnlose Töten musste endlich aufhören.
Yorrick blickte ihn entgeistert an.
»Na schön, dann bring sie doch alle um!«, herrschte Snorri. »Und dann komm zuhause an und er zähl deinen Töchtern was passiert ist. Und wenn sie dich fragen, warum du all die Menschen umgebracht hast, sehe ihnen nur für einen Moment in die Augen und sag ihnen ‘weil mir danach war’. Und dann beobachte, was ihre Augen erwidern. Sag mir, willst du das erleben?«
Wütend wandte Snorri sich ab und stürmte davon. Die Bestürzung brach endgültig aus ihm heraus und Tränen drangen aus seinen Augenwinkeln. Erst als er die Klippen erreicht hatte und der Wald sich teilte, um der See Platz zu machen, hörte er auf zu rennen. Seine Lungen brannten, doch es war ihm egal. Tief saugte er die salzige Luft ein. Lauschte dem Gekreische der Möwen und der Brandung, die im Takt der Gezeiten an den Felsen nagte. Seit einer gefühlten Ewigkeit hatte er das letzte Mal etwas derart vertrautes, beruhigendes gehört. Es hatte fast etwas von Heimat.
Snorri blickte sehnsüchtig in die Ferne. Heimat. Wie sehr er sich nach den vertrauten skiringssaler Buchten sehnte. Er konnte es kaum erwarten, Segel zu setzen und in See zu stechen. Fort von dem Grauen der vergangenen Tage, das seine Seele für ewig beflecken würde. Er griff nach dem Kreuz in seiner Brust und holte es aus der Tasche heraus, betrachtete es für einen Moment. Dann schleuderte er es im hohen Bogen ins Wasser. Mit einem lauten Platsch versank es in den Fluten. 
»Das brauche ich nicht mehr«, sagte er und blickte dabei in den Himmel hinauf. »Es hat mir den Anfang des Weges gezeigt, doch nun werde ich ihn alleine beschreiten müssen.« Er holte tief Luft. »Damit ich am Ende bei dir ankomme und sagen kann, dass ich alles richtig gemacht habe.« Die aufgestaute Wut wich einer gewissen Erleichterung. Er hatte es getan. Das ausgesprochen, was schon seit dem Kloster an ihm nagte. Und es fühlte sich verdammt richtig an. Er blickte ein letztes Mal auf die weite See hinaus. Und da wurde ihm klar, dass er sie nie wieder befahren würde. Zumindest nicht, um zu plündern. Doch irgendwie erleichterte ihn diese Tatsache. Die Reise war zu Ende und er hatte es überlebt. Noch vielmehr als das, hatte ihn eine wichtige Erkenntnis ereilt. Snorri lächelte kurz in sich hinein und wischte die Tränen fort. Dann machte er sich auf den Weg, zurück zu den anderen. 

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Die Wölfe von Asgard – Das Zeichen der Götter (1/2)

Wir nähern uns dem Ende der Reihe. Nach diesem Kapitel folgt nur noch ein weiteres. Ich hoffe euch hat das Lesen genauso viel Spaß bereitet wie mir das Schreiben 🙂

Snorri spitzte die Ohren. 
Ein Wolf? Hier auf einer winzigen Insel?
Das erschien ihm unwahrscheinlich. Im Wald hatten sie weder Wildwechsel, noch Kotspuren von großen Tieren vorgefunden. Also was ging hier vor sich?
Die Ustenströmer schienen dasselbe zu denken wie er. Nervöse Blicke wanderten durch das Dickicht, suchten es nach potentiellen Gefahren ab. 
Snorri erblickte Aegir, der vor den Männern aus Ustenström in die Knie gegangen war. Sie entledigten ihn seiner Waffe und rissen ihn auf die Beine, wobei sie es sich nicht nehmen ließen, ihm einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.
»Schafft sie auf die Schiffe. Entkleidet sie und legt ihnen Ketten an. Nehmt euch von ihnen, was ihr kriegen könnt.« Magnar schritt mit einer feierlichen Geste durch die Reihen seiner Krieger. Von seinen Händen tropfte das Blut.
Als er an Snorri vorbeischritt, musste dieser kurz schlucken. Magnar löste in ihm eine innere Unruhe, eine kindische Angst aus, die ihn mit giftigen Fäden lähmte.
Vor Islav blieb der Jarl von Ustenström stehen. Sein Blick zeugte mehr von Belustigung, als von Abscheu. »Ich habe dich gewarnt. Das Schicksal deines Dorfes lag in deiner Hand. Und du hast sie verraten.«
Er legte Islav fast zärtlich eine Hand an die Wange, musterte ihn abschätzig. Dann schlug er mit der Faust mitten in sein Gesicht. 
Blut tropfte aus der Nase des Jarl. Sein Blick suchte den Boden.
»Ich reichte dir die Hand, unterbreitete dir einen Handel. Und du dachtest wirklich, es sei klug mich zu beleidigen, indem du meinem Hjalmaer -einem stolzen Sohn aus dem Geschlecht der Ustenströmer-, einen klapprigen Gaul vermachst, den er schwängern soll?«
Die Männer des Magnar lachten bitter. Dunkle Stimmen, voller Bosheit und Hohn.
Snorris Puls beschleunigte sich. Was immer gleich geschehen würde, niemand der Anwesenden war wirklich bereit dafür. 
»Doch vielmehr als das, ist sie die jüngere der beiden. Eine Tatsache, die du mir bisher verheimlichen wolltest, nicht wahr? Die Erbfolge ist dadurch ruiniert, unser Handel ungültig«, fuhr Magnar mit ausgebreiteten Armen fort. Er trat Islav mit einer ungeheuren Wucht in die Kniekehle, sodass der Jarl von Skiringssal ächzend zu Boden ging. 
»Ich würde es ja deinen eigenen Männern überlassen, dich zu zerfleischen«, verkündete Magnar und hob das Schwert, setzte es an Islavs Kehle an. »Wenn es mir nicht so einen ungeheuren Spaß machen würde, es selbst zu tun.«
Snorri riss vor Entsetzen die Augen weit auf. Ein Röcheln entfleuchte seiner trockenen Kehle. 
Dann schob sich plötzlich eine Wolke vor den Mond und für einen Augenblick tauchte sich die Welt in ein trostloses Schwarz. Ein schmatzendes Geräusch war zu vernehmen. Dann ein Schrei. Wüste Rufe. Hektische Schritte. 
Panisch versuchte Snorri etwas auszumachen, doch in der Dunkelheit wollte ihm dies nicht auf Anhieb gelingen.
Erst als das Licht des Mondes wieder auf die Lichtung fiel, erkannte Snorri, was passiert war.
Magnar von Ustenström kniete auf dem Boden, der Schaft eines Speeres ragte aus seiner Brust. Ein dünner Faden Blut rann seinen Mundwinkel hinab, dann brach er mit verwundertem Blick zusammen. 
»Nur mir ist es vergönnt, über diesen Mann zu richten«, keuchte eine kratzige Stimme aus einiger Entfernung. 
Hektische drehte sich alles in die Richtung um.
Deila stand auf einem großen Felsvorsprung, in den Händen hielt sie einen weiteren Speer, den sie auf Islav gerichtet hielt. 
Ihr Gewand war von Blut besudelt, ihre Haut hatte sich im Mondlicht schneeweiß gefärbt und dunkle Ränder zierten ihre weit aufgerissenen Augen, sodass es in der Dunkelheit mehr wie der blanke Schädel einer Toten aussah als wie das Gesicht einer Sterblichen. Sie zitterte leicht. Schwankte. Doch noch schien sie sich halten zu können.
»Valkyra«, flüsterte Snorri entsetzt und ballte die Hände zu Fäusten. 
»Wer versucht, sich in den Weg zwischen mich und das Leben dieses Mannes zu stellen, der wird sterben«, ächzte die Nordmaid gequält. »Das verspreche ich euch.« Eine silberne Träne rann ihre Wange hinab. Dann hob sie den Speer in den Himmel. »Für die Wölfe von Skiringssal!« Sie stieß ein markerschütterndes Heulen aus.
Snorris Nacken formte eine Gänsehaut, dann versteinerten sich seine Muskeln vor Anspannung. Für einen Augenblick fühlte er sich wie gelähmt. Dann brach die Welt über ihm zusammen.
Mit einem lauten Schrei warf Deila sich vom Felsen.
Im selben Moment stürmten unzählige Männer brüllend aus dem Dickicht hervor. Ihre Schwerte und Äxte trafen die völlig überraschten Ustenströmer, schon gingen die ersten kreischend unter dem Ansturm zu Fall. 
Snorri rannte wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er entriss einem reglosen Leichnam zu seiner Rechten sein Schwert, gerade noch rechtzeitig, um den Angriff eines feindlichen Kriegers zu parieren. Die Wucht des Schlages wummerte durch seinen Arm, doch das kümmerte ihn nicht. Die Götter hatten ihnen eine zweite Gelegenheit sich zu beweisen eingeräumt und wenn sie diese nicht nutzten, waren ihre Leben verwirkt.
Snorri legte alle Kraft, die er aufbringen konnte, in seinen Schlag.
Die Parade seines Gegenüber erfolgte nicht schnell genug und das Schwert bohrte sich in seine Schulter. Brüllend ging der Mann zu Boden.
Snorri setzte nach, doch bevor die Klinge den Kopf des Mannes erreichte, schloss er die Augen. 
Ich kann es nicht mit ansehen.
Ein Ruck ging durch seinen Schwertarm und es knackte verheerend, als die Klinge ihr Ziel traf. Schnell wandte er sich ab und suchte sich einen neuen Feind. Sein Blick wanderte über das Schlachtfeld, das nur Verlierer kannte. Leichname und Blut bedeckten den Boden, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, Leiber wuselten hin und wieder zurück und der Mond schaute verächtlich auf das Ganze herab, verhöhnte das Leben aufgrund seiner Kurzweiligkeit. 
Snorri entdeckte Aegir, der damit beschäftigt war, dem Speer eines Gegners auszuweichen, während er sich händeringend nach einer Waffe umsah. 
Wie magisch angezogen, steuerte Snorri auf die beiden zu. Rannte. Überschlug sich fast.
Ein blutbesudelter Ustenströmer kreuzte seinen Weg, hieb mit der Axt nach ihm, doch Snorri tauchte im letzten Moment darunter hinweg. Das Blut rauschte in seinen Ohren, brachte seinen jungen Körper in Wallung. Dann erblickte er einen weiteren Feind, der sich Aegirs Dänenaxt angeeignet hatte. 
Warte nur Bruder, ich komme nicht mit leeren Händen.
Der Ustenströmer hob schnaufend die mächtige Waffe und hielt sowohl Yorrik als auch Knutson damit in Schach, drängte sie sogar zurück. 
Er hat das Boot repariert und uns gefunden. Und das keinen Moment zu früh, schoss es durch Snorris Kopf. 
Der Ustenströmer drehte ihm den Rücken zu.
Jetzt oder nie!
Mit einem Aufschrei bohrte er das Schwert durch den Rücken des Feindes. Er legte so viel Kraft in den Angriff, dass sie vorne aus der Brust wieder austrat. Die Klinge färbte sich in ein dunkles Rot, dann ging der Mann zu Boden.
Seine beiden Kameraden nickten ihm anerkennend zu, dann stürzten sie sich auf den nächstbesten Feind. 
Snorri gönnte sich keine Atempause. Er griff nach dem Stiel der Waffe und schaute sich in Windeseile um. 
Aegir sah sich immer noch seinem Feind gegenüberstehen, doch eine üble Wunde zierte sein Brustbein, wo der Speer ihn getroffen hatte.
Halte durch, Bruderherz.
Mit der Waffe in der Hand stürmte er los, sprang über zwei Leichname hinweg, schlängelte sich zwischen den Reihen der Kämpfer hindurch.
»Fang!« Snorri schleuderte die Axt wie einen Speer, doch sie flog nicht wie geplant, ging drei Schritte neben Aegir zu Boden. 
Schon versuchte der Ustenströmer, ihn mit seiner Waffe zurückzudrängen.
Doch der Riese war schnell wie ein Blitz. Er stürzte sich kopfüber auf die Waffe, ergriff sie und vollführte dann eine Hechtrolle, um dem Speer seines Gegners auszuweichen. Abermals stieß der Mann mit seiner Waffe nach ihm, doch Aegir schlug den Speer mit der Kraft eines Gottes entzwei. Holz splitterte in alle Richtungen, dann ertönte ein erschrockener Aufschrei.
Aegir wirbelte herum und die Axt traf den Mann genau vor die Brust. Knochen knackten, dann brach der Mann, von der Wucht des Schlages getroffen, reglos in sich zusammen. 
Keuchend sahen sich die beiden Brüder für einen Augenblick an. 
»Das war verdammt knapp«, ächzte Snorri erleichtert. »Ich dachte schon, ich verliere dich.«
»Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.« Aegir eilte mit dem Blick eines Raubtieres zu ihm herüber. »Auf, ihr Männer von Skiringssal!«, schrie er aus voller Kehle, während er die Axt in die Höhe hielt. »Auf und bis ans Ende der Welt!«
Brüllend stürzte er sich in die Schlacht, schlug mit der Axt nach links und rechts. Hackte auf Fleisch und Metall gleichermaßen ein. Feinde fielen vor seinem Angesicht wie die Fliegen. Knochen brachen. Blut sickerte in die feuchte Erde. Schreie ertönten. Der Riese war zurückgekehrt und er kannte keine Gnade.

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Die Wölfe von Asgard – In die Enge getrieben (2/2)

»Vorwärts!«, der Mann stieß Deila mit dem Schaft seines Speeres unsanft in den Rücken. »Der Jarl wird sich schon ergeben, wenn er erst einmal seine in Tränen aufgelöste Tochter vorgeführt bekommt. Welcher Vater würde das nicht tun?« Er stieß ein bellendes Lachen aus. 
Nur einer, dachte Deila grimmig, hütete jedoch ihre Zunge. Sollte der Mann erfahren, dass Islav vermutlich äußerst wenig an ihrem Fortbestehen lag, war ihr Leben ohnehin verwirkt. 
Er führte sie über das Deck und stieß sie dann grob über die Reling.
Ihre Hände hatte er schmerzhaft eng mit einem Seil zusammengebunden, außerdem griff er mit seinen Pranken in ihre Haare, damit sie nicht fortrennen konnte.
Nicht, dass Deila vorgehabt hätte zu fliehen. Wenn sie schon sterben musste, so wollte sie doch zuerst sehen, wie ihr Vater ins Verderben stürzte. Sein Tod sollte das köstlichste werden, dass sie in ihrer kurzen Lebensspanne je erblicken durfte.
Je tiefer sie in den Wald schritten, desto eindringlicher vernahm sie den Schlachtenlärm. 
Sie haben also schon damit begonnen, sich gegenseitig umzubringen.
»Hoffen wir, dass von deinem Vater noch etwas übrig ist«, gluckste der Ustenströmer verzückt. »Ansonsten werde ich mich bei dir dafür bedanken, dass ich den ganzen Spaß verpasst habe.« Er lachte laut.
Deila hörte ihm nicht wirklich zu. Vielmehr versuchte sie fieberhaft, die verschiedenen Eindrücke aus der Schlacht in sich aufzunehmen.
Der Geruch von Feuer biss sich durch ihre Nasenflügel und flackernde Schatten tanzten zwischen den Bäumen hervor. Eindringliche Rufe, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, nur das schrille Aufeinandertreffen der Waffen schaffte es, das Stimmengewirr gelegentlich zu durchdringen.
Das Zeltlager brennt, womöglich dichter Rauch. Außerdem ist die Schlacht noch nicht entschieden. Dafür kämpfen noch zu viele Männer gegeneinander. Wenn ich es schaffe, diesen Hornochsen loszuwerden, finde ich vielleicht eine Möglichkeit, mich in die Schlacht zu stürzen, um wenigstens ein ruhmreiches Ende erwarten zu dürfen.
Doch der Griff des Mannes blieb bis sie die Lichtung erreichten gnadenlos. Er zerrte sie mit sich wie einen räudigen Köter und als sie im Zeltlager ankamen, stieß er ihr abermals den Schaft des Speeres in den Rücken.
Deila taumelte, stürzte jedoch nicht. Ihr Blick wanderte durch das Lager und unwillkürlich formte sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper.
Niedergebrannte Zelte und reglose Leichen bedeckten die Lichtung. Beißender Rauch drang in ihre Nase und ließ sie würgen. 
Der Mann überging sie einfach. »Haltet ein, Jarl Islav! Ich bringe Euch Eure Tochter. Legt die Waffen nieder oder sieht mit an, wie ich sie von oben bis unten aufschlitze!«, er brüllte so laut, dass Deila vor Schreck zusammenfuhr.
Auf der gesamten Lichtung erstarrten die Kämpfer als wären sie plötzlich von Frost durchzogen. Lauernde Blicke richteten sich auf den Neuankömmling. Niemand senkte die Waffen.
»Das ist eine Lüge! Sie wollen uns täuschen!« 
Islavs Stimme drang durch den wabernden Rauch, doch Deila vermochte es nicht, ihn irgendwo dort drin auszumachen.
Eine letzte Demütigung. Deila die Wertlose. Deila das Pferd.
Ungewollt überkam sie bei diesen Gedanken ein Schluchzen. 
»Nun sag schon was«, knurrte der Ustenströmer sie an. »Sag ihm, wie gern du ihn hast.«
»Lügen sind etwas für Feiglinge«, zischte Deila zurück. 
Er griff in ihre Haare und zerrte sie schmerzhaft zurück. 
Die Nordmaid spürte kalten Stahl an ihrer Kehle aufsetzen. 
»Sprich. Oder du wirst es nie wieder können, das versichere ich dir«, raunte er in ihr Ohr. 
Deilas Herz pochte wie wild. Kaum fähig einen klaren Gedanken zu formen, rief sie: »Vater? Ich bin es. Deila. Deine Zweitgeborene.«
Schritte näherten sich. 
Durch den dichten Rauch konnte sie kaum etwas erkennen. Dann jedoch manifestierte sich eine Gestalt vor ihnen. 
Islav war kaum noch mehr als ein Schatten seiner Selbst. Blut sickerte aus einer Wunde an der Schulter und seine Haut hatte einen ungesunden Grauton angenommen. Seine traurigen Augen waren von schwarzen Ringen umrahmt und sein Blick schien leer und trüb. 
»Vater«, wisperte Deila entsetzt. 
Islav sah aus wie ein wandelnder Toter. Sein kranker Blick ruhte für einen Moment abschätzend auf ihr, dann verformte sich sein Gesicht zu einer wahnhaften Grimasse. »Ich habe nur eine Tochter, du Lügnerin«, krähte er mühselig hervor. Mit diesen Worten stieß er sein Schwert in Deilas Unterleib. 
Sie schrie auf vor Schmerz. Es war als würde sie innerlich gezweiteilt. Warmes Blut floss aus der Wunde und besudelte ihre Kleidung. Deila stürzte keuchend zu Boden, die Welt schlug über ihr zusammen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie, wie ihr Vater den fassungslosen Ustenströmer mit einem Seitwärtshieb enthauptete.
»Eine List! Tötet sie alle!«, schrie er aus voller Kehle. 
Brüllend stürzten sich die Skiringssaler auf die verdutzten Ustenströmer und es gelang ihnen, einige von ihnen niederzustrecken, bevor der Gegner sich gefangen hatte.
Er hat mich geopfert, nur für einen kleinen Vorteil.
Wogen der Pein brachen über sie hinein. Die Wunde pochte wie Hammerschläge in ihre Seite. Als sie die Hand darauf legte, stellte sie fest, dass sie viel zu viel Blut verlor. 
Ich verfluche dich, Vater. Mögest du den grausamsten aller Tode sterben.
Keuchend rollte sie sich auf den Rücken, jede Bewegung ließ sie schwerfällig ächzen. Dann schloss sie die Augen. Eine bleierne Schwere hüllte sie ein, machte sie taub und entzog ihr sämtliches Empfinden. 
Stimmen geisterten durch ihren Kopf, raunten und flüsterten.
Sterbe ich?
Deila schluckte. Die Angst schmiegte sich an ihre Brust wie ein Kätzchen. Die Stimmen veränderten sich, nun schienen sie zu summen. Selbst der Schlachtenlärm wich ihrem dröhnenden Gesang.
Und er formte Worte. Worte, die Deila zu verstehen glaubte:

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Ihre Brust fühlte sich eiskalt an. Als sie die Hände darauf legte, stellte sie fest, dass sie zitterte. Deila schaffte es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Stimmen überwältigten sie:

Nicht vermisst,
nicht beklagt.
Nimm mich mit,
neuer Tag.

Messers Stich.
Zorneswahn.
Erheb dich,
Valkyra.

Deila atmete ruhig. Sämtlicher Schmerz, der in Wogen durch ihren geschändeten Körper pulsierte, manifestierte sich zu einem Gefühl, das sie mit einer ungeahnten Stärke überkam: Wut. Unsagbare Wut. Eine Wut, groß genug, um diese Welt zu vertilgen. Und nun würde sie diese Wut entfesseln. Sie atmete ein letztes Mal tief ein und aus, völlig gefangen in diesem bittersüßen Rausch. Dann öffnete sie langsam die Augen und lächelte.

***

Aegir warf sich mit einem animalischen Aufschrei gegen die Holztür.
Er konnte nicht genau sagen, ob sie unter seinen kärglichen Versuchen auch nur einen Deut nachgegeben hatte. Ebenso wenig, wie er sich darüber im Klaren war, wie lange die Kämpfe bereits andauerten. Gefühlt musste es eine halbe Ewigkeit her sein. Wieder versuchte er, seine Schulter gegen das Holz zu stemmen, doch er besaß so wenig Spielraum, dass es aussichtslos erschien. 
Aber er konnte nicht aufgeben. Nicht jetzt, wo so viel auf dem Spiel stand. Nach einem weiteren erfolglosen Versuch überkam ihn das Gefühl, die Tür lache ihn aus. 
»Halt die Klappe!«, knurrte er sie an. Doch sofort kam er sich komisch dabei vor, mit einem Stück Holz zu sprechen.
Zersetzt sich langsam dein Verstand, altes Haus? Denk lieber nach, wie du hier lebendig raus kommst.
Doch je fieberhafter er nach einem Ausweg suchte, desto trüber wurden seine Gedanken. Irgendwann ließ er seufzend den Kopf gegen die Tür sinken.
Wenn ich doch nur die Fessel lösen könnte.
Genau in diesem Moment vernahm er Schritte. Wie ein abgeschossener Pfeil schnellte er in die Höhe. Dann knarzte auch schon das Schlüsselloch und die Tür wurde aufgerissen. 
»Aegir, zum Donner, du hattest Recht! Du hattest mit allem Recht!« Ein Mann schnellte in die Zelle und zerrte ihn hinaus. Sein Gesicht war blutverschmiert, in der linken Hand hielt er eine Klinge. Der Helm auf seinem Kopf saß schief und er zitterte vor Aufregung.
Der Riese erkannte seinen Waffenbruder aus längst vergangenen Tagen und konnte nicht umhin, ein spöttisches Grinsen aufzulegen.
»Ralof? Welch angenehme Wendung. Darüber unterhalten wir uns später. Jetzt gib mir meine Axt, na wird’s bald?«
Binnen eines Moment wechselte das mächtige dänische Mordinstrument seinen Besitzer.
»Wie du an sie gelangt bist, darfst du mir später erklären. Nun sparen wir uns das auf für den Kampf.«
Der Mann schluckte, dann nickte er. »Wir sollten Walhall nicht warten lassen«, sagte er dann zögerlich.
»Ich pfeife auf Walhall. Heute werden wir Blut vergießen, ein letztes Mal. Und danach stellen wir uns der Gnade unserer Herren.« 
Gemeinsam eilten sie an Deck des Schiffes und mit einem großes Satz ließ Aegir sich in den Sand fallen.
Sein Waffenbruder folgte ihm dichtauf. 
Der Riese rannte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Das Schicksal hatte die Bestie in ihm erweckt und er war bereit sie zu entfesseln.
Er fegte Zweige und Gestrüpp aus seinem Weg, fast schien es so als fege er eine Schneise durch den Wald.
Ralof hatte Mühe mit ihm mitzuhalten. Als Aegir sich an eine große Fichte presste, um aus der Deckung das Schlachtfeld zu überblicken, holte er ihn mit einem Hecheln ein. 
»Du hast wahrlich nicht an Kraft eingebüßt. Man könnte meinen, selbst ein fränkisches Ross sei kein würdiger Kontrahent für dich.«
»Klappe«, knurrte Aegir, während er seine Augen wachsam auf das richtete, was vor ihnen lag. 
Das Zeltlager schien komplett heruntergebrannt, Asche wirbelte wie Schneeflocken durch die Luft, bedeckte den Wald mit einem Leichentuch. Innige Rufe halten durch die Luft, Flüche und Schreie derer, die bis jetzt überlebt hatten. 
Sein Blick fing ein paar Kämpfer ein, die gerade einen Leichnam plünderten. 
Ustenströmer und gleich drei auf einen Schlag.
Er mahnte sich zur Vorsicht, unterdrückte die aufkommende Vorfreude. Dann lauschte er.
»Ein paar scheinen sich in den Wäldern zu verstecken, Feiglinge, allesamt!« Der groß gewachsene Mann stützte sich auf seine Axt, während seine Kameraden die Taschen ihres Opfers leerten. »Doch der Jarl wird Magnar nichts vormachen können. Diese Jagd ist bald vorbei.« Er spuckte abfällig aus. Dann setzte er den Stiefel an das Gesicht des Toten und drehte es dadurch leicht nach rechts. 
»Arme Sau. Kaum mehr als ein Junge. Nur die Stärksten schaffen es, zu Kriegern heranzuwachsen. 
Die Stärksten und jene, die wissen sich bedeckt zu halten.
Aegir wollte sich gerade daran machen, sich näher an die Gruppe heranzuschleichen, als es ihn wie der Blitz durchfuhr.
Snorri!
Sein Gesicht verfinsterte sich mit einem Schlag.
»Was hast du vor?«, wisperte Ralof mit gerunzelter Stirn.
»Etwas Übles. Folge mir und kämpfe oder lauf und kreuze nicht meinen Weg, verstanden?«, grollte der Riese. Dann warf er sich mit einem Schrei auf die drei Männer.
Die Überraschung schien auf seiner Seite. Verdutzt wandten die Männer sich zu ihm um, doch viel zu spät, um seinem Zorn zu entgehen. 
Dem ersten trieb er die Axt ins Hirn, bevor er überhaupt aufschreien konnte. Den zweiten erwischte er mit einem gekonnten Aufwärtshieb, der seinen Gegenüber zu Boden beförderte. 
Der Dritte wich seinem Schlag aus und bugsierte sich mit einem Ausfallschritt in Sicherheit. »Dafür wirst du büßen, Skiringssaller Köter!«, presste er hinter gefletschten Zähnen hervor. 
Unbeeindruckt ging Aegir auf ihn los. 
Dem ersten Hieb entging der Mann, indem er unter der Schneise der Dänenaxt hinwegtauchte. Er versuchte es mit einem ruckartigen Konter, doch Aegir rammte ihm den Stiefel in die Magengrube, wirbelte einmal um die eigene Achse und enthauptete ihn, als bestünde sein Hals aus feinster Butter.
Keuchend wandte er sich dem Leichnam des Jungen zu. Erleichtert stellte er fest, dass es sich dabei um einen Ustenströmer handeln musste, denn das Gesicht wirkte wenig vertraut auf ihn.
»Das ging schnell«, stellte Ralof fest, als er aus dem Schatten der Bäume trat. »Der Skiringssaler Riese weiß immer noch zu töten.«
»Und man tut gut daran, ihm nicht dabei im Wege zu stehen«, beendete Aegir den Satz für ihn. Dann sah er sich um.
Die Wälder des kleinen Eilandes, auf dem sie ankerten, waren plötzlich von einer unheilverkündenden Stille umgeben. Kein Ruf, kein Stöhnen, nicht mal ein Winseln.
Der Boden war von derartig vielen Fußspuren durchzogen, die in alle Richtungen verliefen, sodass es ihm unmöglich schien, etwas zu deuten.
Leichen pflasterten die kleine Lichtung und das Mondlicht spiegelte sich glitzernd in den Helmen und Klingen der Gefallenen. Nur wo waren die Lebenden?
Plötzlich vernahm er Stimmen. Dann Schritte. Eine große Gruppe von Menschen näherte sich seiner Position. Noch bevor er reagieren konnte, eilten eine Handvoll Männer aus dem Dickicht hervor. 
Als Aegir erkannte, was geschehen sein musste, setzte sich ein kreischender Schwindel zwischen seinen Schläfen ab. Die wenigen verbliebenen Skiringssaler, hatten sich der Gnade des Magnar übergeben oder waren überrumpelt und gefangen genommen worden. Er erkannte Islav, Knutson und ein paar andere Männer. Als er Snorri erblickte, der ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, überkam ihn trotz ihrer ausweglosen Lage ein Gefühl der Erleichterung.
Er lebt! Ich habe als Bruder noch nicht versagt.
Die Männer des Magnar bauten sich mit schadenfrohen Gesichtern vor ihm auf. »Der ist ja ein richtiges Prachtexemplar«, feixte einer von ihnen grinsend. »Der wird uns in Konstantinopel eine Menge Geld einbringen.« 
Die Anderen fielen in sein Lachen mit ein.
Sklaven. Das soll unser Schicksal sein?
Die Erkenntnis, dass ihre Höllenfahrt womöglich gerade erst begann, erschütterte Aegir in seinen Grundfesten. Sein Griff um die Waffe versteinerte sich. 
Dann schob sich der Mond für einen kurzen Augenblick hinter den Wolken hervor und ließ die Lichtung in seinem silbernen Glanz erstrahlen. 
Ihr Götter, schickt mir ein Zeichen. Er war bereit, seinen letzten Dienst zu leisten.
Dann horchte er plötzlich auf. Ein schauderhafter Ruf wanderte durch den Wald. 
In der Ferne heulte einsam ein Wolf.

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Die Wölfe von Asgard – In die Enge getrieben (1/2)

Aegir tastete sich vorsichtig durch den engen dunklen Raum, in den man ihn eingesperrt hatte. Er bot kaum Platz, um sich zu bewegen, und kaltes Holz umschloss seine breiten Schultern, wenn er versuchte, sich irgendwie zu rühren. Hätte man ihm die Hände nicht auf den Rücken gefesselt, hätte er vermutlich bessere Aussichten gehabt. Nun jedoch, schien er sich in einer ausweglosen Lage zu befinden. Aegir stieß einen gedämpften Fluch aus. Er hätte nicht so naiv sein dürfen, anzunehmen, dass Islav nichts von dem ganzen Spiel um ihn herum mitbekam.
Nun oblag es seinem Bruder Snorri, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Du wolltest ein Mann werden, Bruderherz. Nun hast du die Gelegenheit dazu. Und sie kommt schneller als du es für möglich gehalten hättest. Jetzt musst du Stärke zeigen oder wir werden heute Nacht zu unseren Vorfahren stoßen.
Langsam aber sicher versteiften sich seine Glieder. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihm sein Kettenhemd abzunehmen und langsam zerrte das Gewicht und seine geduckte Haltung an seinen Kräften.
Wartet nur, bis ich hier raus bin, grollte er innerlich. Seine aufgestaute Wut verdrängte jeden Gedanken an die Nächstenliebe, die ihn der Fremde gelehrt hatte. 
Vergib mir, Vater, denn ich werde eine Sünde begehen.
Plötzlich ertönte ein greller Schrei, so laut, dass Aegir stocksteif zusammenfuhr. Es klang so, als müsse jemand wieder und wieder durch das Feuer der Hölle selbst wandern. Dann war es für einen Augenblick totenstill. 
Jeder Muskel in seinem Körper zuckte vor Erregung. 
Es hat begonnen, wurde ihm klar. 
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. 
Dann ertönten wütende Rufe. Schreie. Kampflärm. Die schrille Melodie von Stahl, der auf Stahl traf, wanderte durch Aegirs Ohren. 
Der Riese schloss die Augen und versuchte sich auf Einzelheiten zu konzentrieren, was ihn bei den Schreien der Männer einfach nicht gelingen wollte.
Ich muss hier raus. Nur wie?
Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Doch selbst wenn es einen gab, so offenbarte er sich nicht. Er war gefangen. Und somit verdammt, das Schicksal seiner Kameraden zu teilen. 
Selbst, wenn es den Untergang bedeutete.

***

Snorri rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Äste peitschten ihm entgegen, verkratzten sein Gesicht, doch es kümmerte ihn nicht. Seine Lungen brannten, verlangten nach Luft. Doch er durfte sie nicht gewähren lassen. 
Hinter ihm befand sich eine tosende Meute, bestehend aus über einem Dutzend Ustenströmern, die ihm hinterherjagten.
Blind vor Aufregung hatte er gehandelt, die Fackeln von sich geschleudert, Männer und Zelte in Flammen gehüllt. Dann hatte er die Beine in die Hand genommen und sich davongemacht, wie sie es geplant hatten. 
Bäume zogen an ihm vorbei, während er die Anhöhe emporhechtete. 
Ein kurzer Blick nach hinten verriet ihm, dass die Männer des Magnar allmählich aufholten. Snorri biss die Zähne zusammen. Er musste durchhalten, fast hatte er die Felsen erreicht. 
Ein Pfeil bohrte sich unweit von ihm in einen Baumstamm. 
»Verdammter Mist!« Die Anspannung ließ ihn Flüche zischen. 
»Komm endlich her, du elender Bastard! Stell dich wie ein Mann!«
Die Stimme kam ihm bekannt vor und dennoch gelang es Snorri gerade nicht, sie einzuordnen. 
Er stolperte über eine Wurzel und geriet ins Straucheln. Fast wäre er gestürzt. Im letzten Moment rappelte der junge Nordmann sich auf und rannte weiter. 
Endlich waren die großen Findlinge in Sicht. Hechelnd steuerte er darauf zu und wie eine Schlange wandte er sich zwischen ihnen hindurch. Dann erreichte er die Barrikade, wo genau ein Pfahl fehlte, damit er die Möglichkeit besaß, hindurchzuschlüpfen. 
Hastig eilte Snorri an den angespitzten Ästen vorbei, griff sich den letzten verbliebenen Pfahl und rammte ihn mit voller Wucht in die Erde. Dann zog er sein Schwert. 
Ihm blieb keine Zeit für eine Atempause.
Der erste Ustenströmer kam zwischen den Felsen hervorgeschnellt. Als er die angespitzten Pfähle bemerkte, blieb er mit weit aufgerissenen Augen ruckartig stehen.
Sein Nachfolger stolperte irritiert in ihn hinein und stieß seinen Vordermann dadurch in die schreckliche Todesfalle. 
Der Speer bohrte sich durch den Leib des Kriegers und brüllend vor Schmerz sackte er darauf zusammen. Ein kleiner Faden aus Blut rann an seinem Mundwinkeln hinab, während das Licht in seinen Augen erlosch.
»Es ist eine Falle!«, schrie einer der Männer des Magnar. 
Dann ertönte Kampflärm. 
Sie haben den anderen Zugang verriegelt. Jetzt oder nie!
»Steine!«, brüllte Snorri nach Leibeskräften. 
Auf seinen Ruf hin, tauchten die Männer auf den Findlingen auf und schleuderten die Felsen in die schäumende Menge. 
Es knackte entsetzlich, als das Genick eines Ustenströmers unter dem Gewicht zerbrach und er leblos zusammensackte. 
»Ihr Scheißkerle!«, zischte plötzlich die Stimme, die Snorri gerade schon erkannt zu haben glaubte. 
Der fettleibige Ustenströmer, der damals schon versucht hatte, ihn umzubringen, erschien hinter einem der Felsen. Sein wutverzerrter Blick traf Snorri mit der Kraft einer alles versengenden Flamme.
»Ich lass dich deine eigenen Gedärme fressen und daran ersticken, du Wurm!«, schrie er voller Hass und rannte auf den jungen Nord zu. 
Snorri machte sich bereit, dem Ansturm seines Gegners standzuhalten. 
Mit einer, für seinen wanstigen Leib ungeahnten Geschicklichkeit, steuerte der Mann an den Pfählen vorbei. Schon hatte er Snorri erreicht und deckte ihn mit einer Welle von Hieben ein, die ihn allmählich zurückdrängten. 
Ein stöhnender Schrei hallte durch die Klamm. Dann ein Aufschrei.
»Da kommen noch mehr! Formiert euch! Formiert euch!« Die Stimme gehörte Knutson. Er schien außer Atem. 
Snorri biss die Zähne zusammen. Er durfte seine Kameraden nicht im Stich lassen. Er duckte sich unter einem Schwerthieb hindurch und versuchte es mit einem Konter.
Sein Gegner parierte den Schlag mühelos. Sein nächster Hieb galt Snorris Kopf und er hätte ihn mit Leichtigkeit gespalten, wäre der junge Nord nicht im letzten Moment nach hinten ausgewichen. 
»Das nächste Mal kriege ich dich«, zischte sein Gegenüber und holte zum nächsten Schlag aus. Wieder und wieder drängte er Snorri zurück, fort von den anderen, hinein in den Wald. 
Der junge Nord suchte fieberhaft nach einer Gelegenheit für einen Gegenangriff, doch seine Schläge verpufften scheinbar wirkungslos.
»Ohne faule Tricks bist du ein Niemand«, höhnte der Dicke, während er Snorri mit einem scharfen Seitenhieb attackierte.
Die Wucht des Aufpralls ließ ihn straucheln. Schmerz pochte durch seinen Schwertarm, bis zur Schulter empor. 
Er hat Recht. Im direkten Kampf bin ich ihm deutlich unterlegen. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Wieder schlug sein Gegner zu und dieses Mal gelang es Snorri nicht, dem Hieb zu entkommen. Die Klinge rutschte an seiner eigenen ab und glitt über seinen linken Arm, wo sie die Haut aufschlitzte und eine blutige Schramme hinterließ. Vor Schmerz stöhnte der junge Nordmann laut auf. Das Blut rauschte in seinen Ohren und übertönte selbst den weit entfernten Schlachtenlärm.
Dann rammte der Ustenströmer ihm den Knauf seiner Waffe ins Gesicht und schickte ihn zu Boden. 
Schwarze Punkte spielten vor seinen Augen Fangen, während der Dicke sich grinsend vor ihm aufbaute. »Ich reiße dir jede Gliedmaße einzeln heraus«, quiekte er vergnügt, während er sein Schwert erhob. 
Snorris Schädel dröhnte von dem Schlag und er kämpfte mit der Ohnmacht. Warmes Blut sickerte aus seiner Nase, die sich schmerzhaft verbogen anfühlte. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. 
Dann erblickte Snorri einen Schemen, der ihn durch ein Gebüsch durchdringend anzuschauen schien. Es war ein Blick voller Wärme und Hoffnung, voller Träume und Sehnsüchte und dennoch ein Blick des qualvollen Todes.
Dyggur!
Als Snorri genauer hinsehen wollte, war der Schemen verschwunden. 
An seiner statt, traf ein Stiefel seine Rippen. 
Qualvoll ächzte der junge Nord auf. Sämtliche Luft wurde aus seinen Lungen gepresst.
»Und wieder kriechst du vor mir im Staub«, höhnte der Große. Er setzte zu noch einem Tritt an.
Staub! Das ist es!
Seine Reaktion folgte so instinktiv, dass es seinem Gegner nicht möglich war zu reagieren. Snorris Hand griff nach der trockenen Erde zu seinen Füßen und er schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht. 
Brüllend ließ der Mann sein Schwert auf ihn niedersausen, doch der Schlag blieb unpräzise und verfehlte ihn knapp. »Meine Augen! Du Hundesohn!« Der Mann schien den gesamten Wald niederschreien zu wollen, so laut brüllte er.
Snorri rollte zur Seite und griff seine Waffe. »Du bist auch wirklich zu blöde, zweimal auf denselben Trick reinzufallen«, keuchte er. Dann rammte er seinem orientierungslosen Gegenüber das Schwert in die Brust. Blut tropfte seine Klinge hinab, während der Körper seines Feindes erschlaffte und zu Boden sackte. Er drehte das Heft einmal herum, dann riss er die Waffe aus der Brust heraus. Schwer atmend hielt er inne. 
Ich habe es getan. Ich habe getötet. 
Nichts daran fühlte sich so an, wie er es sich vorgestellt hatte. Kein Glanz, kein Ruhm, nur eine endlose Leere. Er blickte zu dem Gebüsch, wo sich ihm gerade noch sein Bruder offenbart hatte.
Das war ein Zeichen der Götter. Wir können diese Schlacht gewinnen.
Er schüttelte sich einmal, als wolle er alles Schlechte von sich werfen, dann eilte er zurück zu den Findlingen. 
Leichen begrüßten ihn stumm, während die lauten Schreie von den Lebenden zeugten. 
Mittlerweile waren die anderen Krieger ein gutes Stück zurückgedrängt worden. 
Als Knutson ihn sah, eilte er auf ihn zu. Sein Kettenhemd war über und über mit Blut bespritzt und seine Gesichtszüge ähnelten mehr denen eines Raubtieres, als denen eines Menschen. 
»Bei Tyr, wo hast du gesteckt? Sie haben die Barrikade überwunden und uns mit Pfeilbeschuss von den Felsen gedrängt. Nun heißt es Mann gegen Mann, aber unsere Zahl schwindet, während die ihre zunimmt. Wir müssen uns zurückziehen!«
Snorri schluckte. Es war seine Aufgabe gewesen, die Bresche zu halten, doch sein Feind hatte ihn einfach in den Wald gedrängt. Dafür hatten Kameraden mit dem Leben bezahlt. 
»Keine Zeit zum Nachdenken. Wir ziehen uns zurück zur zweiten Barriere!«, schrie Knutson aus vollem Halse. 
Die Männer versuchten, so gut es ging Folge zu leisten.
So wenige nur noch? Es bestürzte Snorri, dass sie es nicht geschafft hatten. Der Feind war zu zahlreich und drohte sie zu überwältigen. 
Die wenigen Verbliebenen scharten sich zusammen und eilten tiefer in den Wald hinein, wo Knutson ein weiteres Hindernis errichtet hatte. 
Sie gelangten zu einer steilen Felswand, die mehrere Manneshöhen vor ihnen emporragte. Davor befanden sich weitere Speere, die der Nordmann zu ihrer Verteidigung in den Boden gerammt hatte. 
Die Aussicht auf etwas Schutz verlieh Snorri ein wenig Zuversicht, die jedoch binnen eines Augenblicks zwischen seinen Fingern zerrann. 
Denn nun befanden sie sich in einer Sackgasse und es gab keinen Ausweg mehr. Wenn sie hier scheiterten, würde das für sie das Ende bedeuten. 
Snorri schluckte einen Kloß, groß wie eine Faust herunter. Er bezog Stellung, hielt seine Waffe in festen Händen. Ein dumpfer Schmerz pochte durch seinen linken Arm, dort, wo die Wunde in seinem Fleisch klaffte. 
Dann stürmten ihnen die Ustenströmer brüllend entgegen und die Welt tauchte ein in Blut und Stahl. 

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (2/2)

Das dämmrige Licht in der Kajüte des Jarls zeugte von einer gewissen Trostlosigkeit. Die dunklen Planken waren mit Teer bestrichen worden und schienen das Licht regelrecht zu verschlucken. Ein großes Bett thronte in einer Ecke des Raums, ebenso wie ein edel geschnitzter Stuhl aus Eichenholz. 
Islav steuerte zu einem auf einer Vorrichtung ruhenden Fass und hielt Aegir einen Becher hin. »Bier?«, fragte er mit trockener Stimme.
Aegir bestätigte. 
Der Jarl öffnete den Verschluss und eine goldgelbe Flüssigkeit tropfte aus dem Fass. Dann hielt er dem Riesen den Becher hin. Tiefe Sorgenfalten zogen sich durch Islavs Gesicht und schwere blaue Tränensäcke zeugten von einer rastlosen Müdigkeit, die ihn befallen zu haben schien. 
Aegir war sich im Klaren darüber, dass er nach wie vor von der Trauer über den Verlust seiner Gattin aufgefressen wurde, jetzt jedoch schien es sich um etwas anderes zu handeln.
Der Jarl musste im Laufe der Fahrt um zehn Jahre gealtert sein. Islavs Bart schickte sich an, sich in filzige Knoten zu verheddern und sein Blick schien sich ins Leere zu verlieren, während er langsam auf dem Stuhl Platz nahm.
»Weshalb habt ihr mich gerufen, mein Herr?«, fragte Aegir mit harter Stimme. Wenn er den Jarl von der Gefahr überzeugen wollte, durfte er weder zögern noch Schwäche zeigen.
»Du wurdest vermisst«, blaffte Islav, während er eine ausladende Handbewegung vollführte. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus dem Becher, wobei das Bier in seinen Bart tropfte. Ungeschickt wischte er sich diesen mit dem Handrücken ab.
»Mit Verlaub, aber geht es Euch gut?«, fragte Aegir zögerlich. Niemals zuvor hatte er den Jarl in solch schlechter Verfassung vorgefunden. 
Islav starrte ihn an wie ein Geisteskranker. »Das sollte ich dich fragen. Kommst an Bord, nimmst dir Brot und Trank und als Dank dafür bleibst du auf dem Schiff, sobald es drauf ankommt?« Zorn spiegelte sich in seiner Stimme wieder.
Aegir sammelte seine Worte. Er wollte diesen Teil der Plünderfahrt gerne überspringen und stattdessen lieber über die eigentliche Gefahr sprechen. Er durfte sich jetzt nicht in einen Streit verwickeln lassen. Dann kam ihm eine Idee.
»Und die Götter sollen es preisen, denn ich habe etwas herausgefunden, was uns alle bekümmern sollte. Die Ustenströmer planen Verrat. Noch heute Nacht werden sie uns allen die Kehle aufschlitzen, wenn wir nichts unternehmen.«
Der Riese musterte Islav genaustens, um seine Reaktion einschätzen zu können.
Die Miene des Jarl verzog sich vor Wut. »Unsinn. Das Gebelle eines dummen Köters, der sein Herrchen verloren hat. Weißt du, was du Magnar da vorwirfst?«
Was Aegir weniger Sorge bereitete, als die unnötig harsche Zurechtweisung, war ein Zucken, das kurz durch Islavs Augen wanderte, während sie sprachen.
Weiß er es bereits? Aber warum? Und wieso will er nichts dagegen unternehmen?
Der Jarl erhob sich und langsamen Schrittes steuerte er auf die Tür zu.
Mit einem Knarren fiel sie hinter sich ins Schloss. »Wir sollten reden«, krächzte er mühsam.
Aegir verstand nicht. Es fiel ihm schwer, Islavs Verhalten einzuordnen. Dem Riesen kam es so vor, als könne die Stimmung in jedem Moment in eine beliebige Richtung kippen. 
Hoffentlich in die richtige. Ich muss ihm die Augen öffnen.
»Mit wem hast du bereits darüber gesprochen?«, verlangte Islav zu wissen.
»Mit niemandem. Ich hielt es für ratsam, zunächst Euch nach Eurer Meinung zu befragen«, log Aegir.
»Das ist gut.« Der Jarl drehte eine Runde durch die Kajüte. »Wir wollen ja nicht, dass die Männer durchdrehen. Und du wirst schweigen, hast du verstanden?« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch.
Aegir konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Das verlief nicht gerade wunschgemäß. Er musste nun alles auf eine Karte setzen, ansonsten würde er den Jarl nicht überzeugen können. »Mein Herr, sie halten Eure Tochter auf Hjalmaers Schiff gefangen. Ich fand sie, während ihr das Kloster ausgeraubt habt. Nehmt ein paar Männer mit und vergewissert Euch selbst.«
Die Augen des Jarl weiteten sich für einen Moment. »Nein, das kann nicht sein. Meiner kleinen Ylvie würden sie kein Haar krümmen, das wagen sie nicht! Ich habe es ihnen doch gesagt. Nicht meine Tochter!«
Aegir runzelte die Stirn. »Ich rede von Deila«, erwiderte er zähneknirschend. »Und nun heraus damit. Was wird hier gespielt und was hast du ihnen gesagt? Du wusstest es die ganze Zeit, habe ich Recht?«
»Also haben sie die Falsche. Das ist gut.« Islav schien Aegirs Frage einfach übergehen zu wollen. 
Er strahlte eine Gleichgültigkeit aus, die den Riesen vor Wut rasen ließ. Er packte den Jarl auf nichts achtend am Kragen und schmetterte ihn mit einer solchen Wucht gegen die Wand, dass sich die Luft keuchend aus seinen Lungen presste. »Ich habe bei Gott geschworen, niemandem mehr ein Leid zuzufügen, aber du lässt mich über diese Aussage gerade reichlich nachdenklich werden. Wenn du mir nicht schleunigst erzählst, was hier vor sich geht, reiße ich dir den Schädel vom Kopf!« Aegirs Augen versprühten reines Gift. Eine Verschwörung war hier im Gange und wenn Islav nichts unternehmen wollte, hatte er als Jarl versagt. 
Hustend richtete der Häuptling sich auf. »Du Narr hast ja keine Ahnung, was du da tust. Dass du es wagst, deine dreckige Hand an mich zu legen. Du! Ein Fischer! Pah!«, zischte er heiser, dann spuckte er Aegir vor die Füße. 
»Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich nicht auf der Stelle vierteilen lasse! Du glaubst also, die Ustenströmer werden über uns herfallen, ja? Das hätten sie schon längst getan, hätte ich nicht mit Magnar eine Vereinbarung getroffen. Ich habe Hjalmaer die Hand meiner Tochter versprochen, sodass er der neue Jarl von Skiringssal wird, sollte ich einmal nicht mehr sein.«
Diese Worte trafen Aegir wie ein Schlag ins Gesicht. Das erklärte alles. Islav hatte Deila achselzuckend als Tribut angeboten, um das Dorf vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Doch dann wurde er stutzig. »Aber Deila ist nicht deine älteste Tocher«, grübelte er laut. 
Dann verstand er. Langsam wanderte Aegirs Hand zu seinem Dolch. 
»Du hast es erfasst. Und von daher gibt es ein letztes Problem, dem ich mich entledigen muss«, gestand Islav mit einem üblen Lächeln auf den Lippen. »Zum Wohle des Dorfes wirst du als mein Nachfolger abdanken müssen. Dass ich meinen kostbarsten Schatz, meine wundervolle Tochter Ylvie, in die Hände eines derartigen Tölpels gelegt habe, lässt mich doch stark an meiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Es ist an der Zeit, die Fehler der Vergangenheit zu begradigen.«
Die Tür flog auf und eine Handvoll Männer stürmte mit erhobenen Waffen in den Raum.
Aegir erkannte unter ihnen seine Waffenbrüder, mit denen er von Kindesbeinen an aufgewachsen war. Mit denen er etliche Schlachten geschlagen und endlose Meilen auf See hinter sich gelassen hatte. Nun betrachteten sie ihn mit harten Mienen, während sie ihn langsam umkreisten. 
Aegirs Versuch sich zu wehren erschlaffte. Gegen sie konnte er nicht die Hand erheben, ohne sich dabei in schwerer Sünde zu suhlen. Und dann, plötzlich, schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Ein kleiner Funke, der den letzten Rest der Erleuchtung in dieses verwirrende Spiel blies. 
Er hatte sich sofort gefragt, warum Islav ihn zum Schutze des Dorfes nicht direkt enteignet hatte, um Hjalmaer mit Ylvie zu verheiraten. 
Er wollte sie nicht hergeben. Also hat er Deila verkauft, um den Jarl von Ustenström zu täuschen. Ein netter Versuch, doch Magnar hat dich längst durchschaut. Und nun dürfte er tosen vor Wut. Eure Vereinbarung ist dahin und unsere Männer werden dafür mit dem Leben bezahlen. 
Bevor er aussprechen konnte, was er dachte, rammte ihm einer der Männer den Knauf seiner Axt in den ungeschützten Bauch. 
Ächzend ging Aegir auf die Knie. Sein Magen verkrampfte sich und Wellen der Übelkeit schwangen durch seinen Körper. »Du hast dich geirrt. Sie werden uns alle töten«, keuchte er schwer, bevor ein weiterer Schlag ihm das Bewusstsein raubte und sich alles in ein trostloses Schwarz tauchte. 


***


»Sie haben was?!«, kreischte Snorri außer sich. Er packte seinen Kameraden am Kragen. 
»Es ist wahr«, keuchte der zweite der beiden Männer, die Snorri zur Geri geschickt hatte, um mit dem Jarl zu beratschlagen. »Sie haben Aegir in eine Zelle gesperrt. Von den anderen weiß niemand etwas über die drohende Gefahr. Zudem sagten sie uns, dass Islav gerade beschäftigt sei.«
Mit einem entsetzlichen Aufschrei ließ Snorri von seinem Kameraden ab und schlug gegen die nächstgelegene Tanne. 
Schmerz pochte durch seine Hand aber der tat ihm gerade richtig gut.
Sie hatten sich etwas abseits der anderen versammelt, um sich für die bevorstehende Nacht vorzubereiten. Nun ließ die Entfernung zum Lager es zu, dass er seine ganze aufgestaute Wut gewähren ließ. 
»Ich sage dir, da ist was faul«, brummte Knutson nachdenklich. Seit sie an Land gegangen waren, schien er in düstere Gedanken vertieft.
Doch Snorri vermutete, dass sein Kamerad sie nach wie vor nicht mit ihm teilen wollte.
Ein Plan muss her und zwar schnell. Wir sind ihnen drei zu eins unterlegen, wenn es drauf ankommt. 
Die Tatsache, dass sein Bruder zum Schweigen gebracht wurde, bestätigte für Snorri umso mehr, in welcher Gefahr sie gerade schwebten. Seine Augen wanderten durch den dichten Wald. 
Sie hatten eine steile Anhöhe erklommen, unter welcher das heutige Nachtlager lag. Als Snorri genau hinsah, konnte er die Ustenströmer unter sich erkennen, wie sie ihre Zelte aufschlugen und Feuer schürten. Wenn er sich einmal um sich selbst drehte, konnte er auf die offene See blicken, die in trügerisch stillen Wellenbewegungen an ihnen vorbeizog. Doch auch diese malerische Kulisse vermochte es nicht, ihm etwas Ruhe zu verleihen. 
»Wenn wir sie hier hochlocken, könnten wir ihnen eine Falle stellen«, überlegte Knutson laut, während er sich nach einem geeigneten Ort dafür umsah.
Snorri folgte ihm dichtauf. Als sie noch kleine Kinder gewesen waren, hatte Aegir ihm beigebracht, wie man Hasen und andere kleine Tiere mit Fallen erlegte. Jetzt konnte dieses Wissen womöglich von Nutzen sein. 
Sie erreichten eine moosbewachsene Felsgruppe, die in etwa die Höhe von zwei Männern besaß. Ein perfekter Ort für einen Hinterhalt. 
»Wie stellen wir es an?«, murmelte Knutson gedankenversunken, während er um die Findlinge herumschritt.
»Zwei von euch sammeln Steine. Je größer, desto besser. Am Ende des Durchgangs positionieren wir angespitzte Pfähle. Sobald sie hier hineinlaufen«, er vollführte eine Handbewegung, »riegeln wir den schmalen Eingang ab und bewerfen sie mit den Felsen.«
»Und wie sollen wir den Eingang abriegeln?«, warf einer der Männer zögerlich in die Runde.
Snorri vermutete, dass er die Antwort bereits wusste. Dennoch sprach er aus, was alle dachten. »Wir müssen es selber tun. Mit Axt und Schwert. Aber so haben wir immerhin einen erheblichen Vorteil.« Er blickte bedeutungsvoll in die Runde. 
Die Gesichter der Männer spiegelten ihre Furcht wieder. Viele von ihnen waren wie er das erste Mal mit dabei. Mit so etwas hätten sie kaum rechnen können. Er wollte gerade etwas sagen, als Knutson ihm ins Wort fiel.
»Na los, ihr habt ihn gehört. Eine bessere Gelegenheit wird sich uns so schnell nicht bieten. Ich stelle außerdem ein paar Pfähle bei weiteren Hindernissen im Wald auf, sodass wir eine Möglichkeit haben, uns im Notfall zurückzuziehen«, mit einer Handbewegung entließ er die Männer, damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dann wandte er sich Snorri zu. »Hast du auch schon überlegt, wie du sie hierherlocken willst?«, fragte er mit skeptischem Blick.
Der junge Nordmann musste schlucken. Über diesen Teil des Plans hatte er am längsten nachgedacht und er gefiel ihm am wenigsten.
»Aye, das habe ich. Außerdem will ich unsere Männer ebenfalls wecken und aus den Zelten hervorlocken. Ich habe eine Idee und ihr müsst mir vertrauen. Auch, wenn es das gefährlichste wird, was wir jemals getan haben.«


***


Snorri lugte durch den schmalen Schlitz in seinem Zelt, dass er sich eigentlich mit vier anderen Männern teilte. Nun war er alleine. 
Die anderen hatten sich im Wald versteckt und warteten auf ihn.
Snorri war sich im Klaren darüber, dass ihr Überleben an seinem Erfolg hing. Wenn er es nicht schaffen würde, genügend Männer fortzulocken und die übrigen zu wecken, hatten sie so gut wie verloren. Er betrachtete die beiden Fackeln in seiner Hand als wären sie der Hammer Thors persönlich. Dann atmete er tief durch. Sein Herz pochte wie verrückt gegen seine Brust. So stark, dass er befürchtete, jederzeit entdeckt zu werden. 
So harrte er aus und wartete. Durch die Wipfel der Bäume, konnte er den Sternen auf ihrer Reise durch den Himmel zusehen. 
Das Feuer in der Mitte des Lagers war mittlerweile fast herunter gebrannt.
Nun lasst euch nicht so viel Zeit. Ich brauche die restlichen Flammen.
Instinktiv kam die Hoffnung in ihm auf, dass Aegir sich womöglich doch getäuscht hatte. Dass er etwas falsch verstanden hatte.
Doch diese Hoffnung wurde ihm zunichte gemacht, als sich in den Zelten langsam etwas regte.
Und dann erblickte er Magnar, wie er, in im Mondlicht glitzernde Ketten gehüllt, aus seiner Behausung trat. Die Axt, die er in seiner Hand hielt, sprach tausend Worte. Und jedes einzelne davon stand für Unheil. 
Snorri merkte, wie sich sein ganzer Körper unwillkürlich zusammenzog. Seine Kehle trocknete aus und sein Herz verfiel in einen ungesund schnellen Rhythmus. Für einen kurzen Augenblick zog sein bisheriges Leben an seinem inneren Auge vorbei. Er atmete ein letztes Mal tief ein. Dann zog er den Stoff des Zelteingangs beiseite und trat langsam ins Freie.

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (1/2)

Deila betrachtete ihre Fingernägel, von denen kaum mehr als blutige Fetzen übrig waren. 
Nachdem Hjalmaer und seine Männer das Schiff zum Plündern verlassen hatten, hatte sie sich so wild gegen die Tür geworfen wie nur irgendwie möglich. Ihre Schultern schmerzten noch von dem unnachgiebigen Holz, das sich unter ihrem Gewicht keinen Deut gerührt hatte. Nachdem Deila festgestellt hatte, dass sie ihr Gefängnis nicht würde verlassen können, hatte sie es mit Rufen versucht, bis ihre Stimme brüchig und heiser geworden war. Am Ende blieb ihr nur noch das verzweifelte Kratzen an den Dielen. Einfach raus hier, irgendwie. Doch auch das hatte nicht funktioniert. 
Deila betrachtete die Planken, dort, wo ihre Tränen noch im Begriff waren zu trocknen. Sie merkte sich am Ende ihrer Kräfte. 
Gerade in dem Moment, wo ihre Gedanken sich darauf zu richten begannen, ihr Leben zu beenden, bevor alles noch schlimmer werden würde, vernahm sie Schritte von draußen. 
Irgendwer schlich über das Deck und kam dabei beständig näher. Dann hörte sie, wie jemand die Treppe herunterhuschte. 
Ruckartig setzte sie sich auf und presste sich dicht neben die Tür. Wenn jemand sich an ihr vergehen wollte, musste er zunächst in die Kajüte gelangen. Vielleicht konnte sie ihn überwältigen. Womöglich ihre einzige und letzte Gelegenheit, hier lebendig herauszukommen. Dann vernahm sie eine bekannte Stimme und eine endlose Erleichterung überkam sie.
»Deila? Deila, bist du hier unten?«, raunte Aegir grimmig.
»Bei den Göttern, ich bin es«, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf für einen Moment voller Dankbarkeit gegen die Tür. 
»Ich habe dich rufen hören. Wir haben wenig Zeit, bald sind die Männer zurück. Warum zum Donner bist du hier unten?« In Aegirs Stimme schwangen seine ärgsten Befürchtungen mit.
Es war als hätte man in ihr einen Wasserfall aufgestaut und nun den einen, wichtigen Stein losgetreten, der den Damm entzweibrach. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und überschlugen sich förmlich dabei. Deila merkte, wie sie zu zittern begann, während sie dem Riesen erzählte, was ihr seit dem Aufbruch wiederfahren war.
Aegir unterbrach sie nicht ein einziges Mal. 
Als sie fertig war mit erzählen, legte sich für einen Moment eine unheilverkündende Stille über das Schiff.
Dann krachte Aegirs Faust mit einer solchen Wucht gegen das Holz, dass sie erschrocken zusammenfuhr.
»Hunde, alle miteinander! Ich habe von Anfang an geahnt, dass hier etwas faul ist.« Er brüllte fast, dann mäßigte er seine Stimme wieder. 
»Was machen wir jetzt?«, wisperte Deila besorgt. Wenn die Falle der Ustenströmer zuschlug, würde es kaum eine Möglichkeit mehr geben ihr lebendig zu entkommen. 
Wieder herrschte Stille. 
»Ich werde mir etwas überlegen. Lass mich zunächst schauen, ob ich dich nicht hier herausholen kann«, antwortete der Riese. 
Er schien Anlauf zu nehmen, dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Das Holz knirschte, doch noch gab sie nicht nach.
»Noch einmal!« Deila merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Er musste es schaffen. Er musste einfach. Sonst würde man sie für immer hier unten einpferchen und sich nach Belieben an ihr vergehen. Der Gedanke daran ließ sie vor Bitterkeit würgen.
Doch auch die weiteren Versuche des Riesen blieben ohne Erfolg.
Dann vernahm sie lautes Gegröle in der Ferne und alles in ihr zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie kommen zurück! Du musst verschwinden und die anderen warnen!«, zischte sie hastig.
»Und was ist mit dir?« Er klang verunsichert. 
Als Deila aussprach, was sie dachte, drehte sich ihr Magen um. »Ich bleibe hier unten und spiele ihr Spiel mit.« Dann nahm ihre Stimme etwas an, das im Vergleich selbst die Dunkelheit ihrer Zelle zu einem lichtdurchfluteten Ort werden ließ. »Und wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bringe ich sie alle um.«

***

Yorrick wischte sich die nasse Stirn mit dem Handrücken ab. 
Die beiden Bäume über die steilen und dicht bewucherten Klippen zu befördern, hatte einen immensen Kraftaufwand gefordert und sie um fast einen halben Tag zurückgeworfen. Doch die Planken des Bugs mussten erneuert werden und das Ruder galt es ebenfalls zu reparieren. Aufgaben, die, in Anbetracht der sommerlichen Hitze, nicht ohne Folgen blieben. Die Tatsache, dass ihre Wasserreserven begrenzt waren, verbesserte die Umstände nicht wirklich ungemein. 
Yorrick sog scharf die salzige Seeluft ein, die durch die an Land geschwemmten Algen eine gewisse Strenge angenommen hatte, dann ließ er seine Axt wieder auf den Baum krachen. 
Zwei junge Kiefern hatten sie gefällt, nun mussten sie diese notdürftig in etwas brauchbares formen. Das junge Holz bot die benötigte Dehnbarkeit, um es in Planken zu verarbeiten. Hätte der Schiffsbaumeister sein Werkzeug dabeigehabt, wäre diese Aufgabe sicherlich leichter zu bewältigen gewesen. 
Eine gute Idee für die nächste Fahrt.
Nun erforderte jeder Hieb gewaltige Präzision und nicht jeder der Männer war für diese Art von Arbeit geschaffen. 
Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Olaf es wohl angestellt hätte, musste Yorrick kurz schmunzeln. Gut, dass er an Bord gewesen war. Die Mannschaft hätte kaum genug Bier herankarren können, um Olafs ungeduldigen Zorn zu ertränken.
Mittlerweile bedeckten die ersten Bretter den groben, gelben Sand des Strandes und der Schiffsbaumeister sah sich unter ihnen nach besonders vielversprechenden Exemplaren um. Nachdem er eine sorgfältige Auslese durchgeführt und die Männer damit beauftragt hatte, sie in die entsprechende Form zu biegen, widmete er sich dem zerstörten Ruder. Achselzuckend stellte er fest, dass es völlig hinüber war und sie ein neues anbringen mussten. Angesichts der wenigen Zeit, die sie noch besaßen, bevor die Vorräte ausgingen, würden sie mit einem spärlichen Ersatz vorlieb nehmen müssen. 
»Ich brauche ein Seil, so dünn und fest wie möglich!«, rief er niemand bestimmtem zu. »Und einen Ast, dick wie mein Arm.«
Es dauerte nicht lange, bis Jorleif ihm die geforderten Gegenstände knapp nickend in die Hand drückte. 
Dann machte er sich auf die Suche nach einem, für sein Vorhaben ideal geeignetem Stück Kiefer, das er als Ruderbrett verwenden konnte. 
Yorrick nahm das eine Ende des Astes und bearbeitete ihn solange mit der Axt, bis er eine handgroße Fuge in ihn hineingeschnitzt hatte. Gerade groß genug, dass das Ruder hineinpasste, auch wenn er mit väterlichen Klopfern nachhelfen musste. 
Dass es nicht von alleine herausrutscht, ist von Vorteil. Aber wenn wir es noch einmal mit einem ausgewachsenen Sturm zu tun bekommen, wird das kaum ausreichen.
Bitter lachend spuckte er aus. Dass er noch nicht der Rán in die Hände gefallen war, verdankte er seinem Geschick. Doch irgendwann würde er der alten Mutter einen Besuch abstatten. 
Mit einem enormen Aufwand von Geduld, Fingerfertigkeit und Erfahrung wickelte er fürsorglich das Seil um den Punkt, wo Planke und Ast sich verbanden, wobei er das ein oder andere Mal zusätzlich einen Knoten schlug, um die Last hinterher besser zu verteilen. Dann, zufrieden mit seinem Werk, vertäute er das Ruder an der hinteren Reling und widmete sich der anderen Aufgabe. 
Denn auch der Bug erforderte seine Aufmerksamkeit. 
Unter Yorricks Aufsicht rissen die Männer die ramponierten Planken heraus und ersetzten sie durch neue. Eine Feinarbeit, die nicht ohne gedämpfte Flüche, gedrungenes Gestöhne und genervte Aufschreie vollendet wurde. 
Olaf verlor fast einen Finger, als er mit dem Hammer ungenau zielte und Jorleif verhedderte sich mit dem Bart in einem Nagel, was zur Folge hatte, dass er sich brüllend wie ein gereizter Bär ein ganzes Büschel Haare herausriss. 
Dann endlich, als die Sonne dem Horizont bereits einen roten Kuss schenkte, schien ihre Arbeit vollendet. 
Schwer atmend ließ Yorrick sich in den Sand fallen.
»Du hast es mal wieder geschafft, du alter Sauhund!«, lobte Olaf feierlich, während er sich erschöpft neben ihn pflanzte. 
»Ein Hoch auf den Schiffbaumeister!«
Die Menge johlte ihm zu. 
Yorrick hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich habe mich mal wieder selbst übertroffen«, feixte er grinsend. »Jetzt rastet, in der Früh brechen wir auf. Sollten wir morgen untergehen, ist das natürlich diesem Pfuscher hier zu verdanken.« Er klopfte Olaf freundschaftlich auf die breite Schulter. 
Alle mussten lachen, Olaf am lautesten. 
Yorricks Blick wanderte von den Männern zu dem Schiff, auf die offene See hinaus. Trügerisch ruhig glitzerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der sanften Brandung. 
Mögen die Götter uns gnädig sein, dachte er wehmütig, während er im Himmel sorgenschwer nach weiteren Anzeichen für einen Sturm suchte. 
Und beten, dass sie uns den morgigen Tag überstehen lassen.

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Die Wölfe von Asgard – Das Koster (2/2)

Snorri spürte, wie sein Herzschlag vor Aufregung gegen die Brust trommelte, als er das Kloster in der Ferne ausmachte, während er sich eifrig in das Ruder stemmte. Die Zeit war gekommen. Nun galt es für ihn, sich vor den Göttern zu beweisen, um ihre Gunst zu erlangen, damit sich eines Tages ihre Tore für ihn öffnen würden. Seine Hand wanderte für einen kurzen Moment zu seinem Schwert, bevor er wieder das Ruder griff, um nicht aus dem Takt zu geraten. Er fühlte sich bereit. Bereit, wie ein tapferer Seemann nur sein konnte. 
Sein Blick steuerte zu Knutson, der ihn bedächtig betrachtete.
»Nun, Snorri Naseweis, wird sich dir offenbaren, für welches Handwerk du bestimmt bist. Ist es das Schlachten? Ist es das Plündern? Oder ist es die Gnade?« 
Snorri runzelte die Stirn. Manchmal konnte sein Steuermann wirklich seltsam sein. »Ich werde tun, was ich tun muss«, erwiderte er achselzuckend. 
Dann bemerkte er, dass einer der Ustenströmer ihn mit einem vor Abscheu triefenden Blick betrachtete. 
Als er jedoch genauer hinsah, wendete der Mann sich ab.
Komische Vögel, alle miteinander. Nicht besonders helle und streitlustig obendrein. 
Er seufzte.
Islav wird schon wissen was er tut. Wenigstens haben sie seit unserem ersten Aufeinandertreffen nicht noch einmal versucht mich totzuprügeln.
Snorri richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den grünen Fleck, der immer näher an sie herankroch und mittlerweile eine graue Spitze in seiner Mitte aufwies. 
Das Kloster. Endlich. 

»Seichtes Gewässer voraus. Mast kippen und bereitmachen zum Anlanden!«, brüllte Knutson aus voller Kehle.
Sofort führten die Männer seine Befehle aus. 
Das Eiland, das sich nun vor ihnen erstreckte, bedeckten saftige grüne Weiden und auf einem Hügel über ihnen thronte das Kloster wie ein trotziger steinerner Wächter, der ihr Kommen bereits erwartete. 
Als Snorri genau hinhörte, vernahm er das Läuten einer Glocke. 
Sie wissen, dass wir kommen. Aber jetzt ist es zu spät für sie.
Das Schiff steuerte in eine Bucht. Von hier aus würden es ein Leichtes werden, den Hügel zu stürmen.
»Ruder einholen!« Knutson gab dem Steuer einen letzten Ruck, dann traf der Bug auch schon auf den weichen Küstensand und pflügte elegant durch ihn hindurch, bis das Boot schließlich zum Stillstand kam. 

Brüllend sprangen die Männer über die Reling, jene von den anderen Schiffen taten es ihnen gleich. Wie eine Flut aus Helmen, Schwertern, Speeren, Äxten und Schildern preschten sie den Hügel empor. 
Snorri stieg ein Gefühl in die Brust, das ihn federleicht machte. Unbesiegbar. Er rannte an die Spitze der Kolonne und war einer der ersten, der die massive Pforte des Klosters erreichte. »Verschlossen! Holt eure Äxte und zeigt diesen Mistkerlen, dass sie uns nicht aufhalten können!« 
Er wurde mit Gejohle quittiert, dann ertönte das erste Krachen, als die Waffen gegen das Holz donnerten. 
»Nehmt euch alles, was ihr greifen könnt! Jeder, der sich uns in den Weg stellt, ist des Todes!«, verkündete Islav lautstark. 
Dann gab die Pforte nach und mit einem Ächzen flog sie aus ihren Angeln.

»Hinein! Schlachte sie alle ab!« Magnars Stimme grollte als wäre er Tyr in Person. Sein eiserner Blick allein hätte gereicht, um ein Dutzend Feinde zu töten.
Plötzlich trat ein Mann in einer braunen Kutte aus der Dunkelheit hervor. Er hob beschwichtigend die Hände, kniete sich vor ihnen nieder und wiederholte Worte in einer fremdartigen Sprache. 
Magnar bäumte sich lachend vor ihm auf. Dann hackte er mit dem Schwert wieder und wieder auf ihn ein, bis von dem Mann nur noch abstrakte Fetzen und eine große rote Lache übrigblieben. 
»Das war der Erste!«, johlte er. Blutspritzer bedeckten sein gesamtes Gesicht und entstellten es auf eine tierische Art und Weise. 
Snorri merkte, wie sich bei diesem Anblick eine Gänsehaut auf seinem Nacken formte, die langsam in Richtung seines Rückens kroch. 
Dieser Mann ist ein Monster. Ich sollte mich hüten, ihm in die Quere zu kommen. 
»Hinein!« 
Die Schar stürmte an Magnars Seite in das Innere des Klosters. 
Snorri folgte ihnen dichtauf. 
Die hohen Decken und kunstvollen Verzierungen des Gebäudes ließen ihn den Atem anhalten. Wer immer hier lebte, er musste reich sein. Prunkvolle Säulen griffen nach dem Himmel und bunte Fenster aus Mosaik ließen ein spielerisches Licht durch die Hallen glitzern. 
Doch dann begannen die ersten Schreie das Kloster mit ihrem Klagelied zu erfüllen, das anschwoll zu einem Chor der Agonie. 
Die Männer fielen über die wehrlosen Mönche her und veranstalteten ein Massaker unter ihnen. Jene, die nicht zu fliehen vermochten, wurden zusammengetrieben und erschlagen. Ihr Blut färbte den Boden rot.
Snorris Ansturm endete so jäh wie er begonnen hatte. Er blickte in furchterfüllte Gesichter unterschiedlichen Alters, voller Verzweiflung und Todesangst. Manche schienen zu beten, andere winselten, andere wiederum wirkten wie in Stein gemeißelt. Ungefähr die Hälfte der Mönche lag regungslos auf dem Boden, ihre Kutten in ein nasses rot gefärbt. Leblose Augen starrten den jungen Nordmann klagend an.
»Was machen wir mit dem hier?«, der fettleibige Ustenströmer, der sich vor ein paar Tagen mit Snorri eingelassen hatte, zerrte eifrig einen weiteren Mann an den Haaren herbei. »Hat sich in einem Schrank versteckt. Soll ich ihm die Zähne aus dem Maul prügeln und ihn daran ersticken lassen? Oder soll er seine Zunge fressen?«, er zückte quiekend vor Begeisterung ein Messer, während er sprach. 
Snorri wandte sich ab. Das wollte er nicht mit ansehen. Seine Kampfeslust gefror wie eine Pfütze, die vom ersten Hauch des Winters geküsst wurde.
Die gurgelnden Schreie, die im Anschluss durch die Halle hallten, waren das schlimmste, was er je gehört hatte. Sie brannten sich wie ein glühendes Eisen durch seinen Kopf und schienen nicht enden zu wollen. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, kehrte eine bedächtige Ruhe im Kloster ein. 
Angeekelt drehte Snorri sich um. 
Von dem Gesicht des Mannes war kaum etwas an der richtigen Stelle geblieben. 
Er merkte, wie sein Magen zu rebellieren drohte. Die Worte Islavs, das Kloster auf weitere Schätze zu untersuchen und die restlichen Mönche auf die Schiffe zu treiben, bekam er nur am Rande mit. 
Dann merkte er plötzlich, wie jemand an ihn herantrat. 
»Nicht gerade angenehm, hm?« Knutson spuckte aus. »Brutale Bastarde, allesamt. Wir kamen um zu plündern, nicht um zu morden. Einige scheinen das vergessen zu haben. Tu gut daran, etwas nach Hause mitzubringen. Das ehrt deine Taten und du kannst es womöglich gebrauchen. Lass das hier nicht umsonst gewesen sein. Und …«, er schien kurz zu grübeln, dann lächelte er, »ich werde keinem von deinem Gesichtsausdruck erzählen, versprochen.« Er wandte sich ab.
Snorri schluckte, dann klopfte er Knutson noch einmal auf die Schulter. »Ich danke dir«, presste er leise hervor.
Der alte Nord nickte ihm kurz zu, dann verschwand er durch eine Tür, die in den Keller zu führen schien. 
Snorri fasste sich ein Herz und tat es ihm gleich. 

Er eilte durch einen schmalen Gang, der sich einmal durch das gesamte Kloster winden musste, so lang war er, vorbei an Türen und einer Treppe. Der junge Nordmann beschloss ihr zu folgen und erreichte einen weiteren Korridor, der mit seltsamen Gemälden versehen war. Wieder und wieder erschien darauf ein Mann, der zu Tode geschunden wurde. Zunächst trug er ein Kreuz auf dem Rücken und wurde durch die Stadt gejagt. Später nagelte man ihn an ebendieses Kreuz und ließ ihn qualvoll verenden. Als er zu Grabe getragen wurde, trauerten die seinen um ihn. Doch besonders das letzte Gemälde zog Snorri in seinen Bann. Der Mann musste sein Grab verlassen haben, obwohl ihn der Tod bereits ereilt hatte. 
Sein Gott hat ihn zu sich gerufen. Obwohl er so jämmerlich starb. 
Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, riss ihn ein Winseln, unweit von seiner Position entfernt, zurück in die Gegenwart. 
Das kommt aus einer der Kammern.
Snorri griff nach seinem Schwert und pirschte sich an die Tür heran. Zögerlich öffnete er sie. 
Dahinter befand sich ein karger Raum, kaum mehr als eine Zelle, mit einem winzigen Fenster und einer Matratze aus Stroh, unter der sich ein Mönch verbarg, die Hände zum Gebet gefaltet, während er wieder und wieder dieselben Worte winselte. 
Ein kurzer Blick sagte Snorri, dass es hier nichts zu holen gab. 
Auf einmal ertönten Schritte auf der Treppe. »Vorwärts, Hunde!« Snorri erkannte die Stimme sofort. Die gehörte seinem neuen besten Freund, dem fettleibigen Ustenströmer. Er blickte in die Augen des Mönches, das flehende Flackern von Lebensfreude lag darin. 
Dann bogen die Männer um die Ecke.
Snorri ließ schnaubend die Tür ins Schloss fallen. »Hier oben haben die Mistkerle an Prunk gespart. Die Bilder könnten etwas wert sein, aber in ihren Zellen findet ihr höchstens einen Verrichtungseimer voller Scheiße!«, zeterte er wüst und hoffte die Männer würden ihm nicht ansehen, dass er log. 
»Viel mehr hast du auch nicht verdient, du Zwerg«, höhnte der Dicke und kam dabei gefährlich nahe an ihn heran. 
Doch zu Snorris Erleichterung beließ er es bei dem gehässigen Kommentar und sah davon ab, sich selbst zu überzeugen. 
»Die Gemälde gehören jetzt Magnar. Irgendwelche Einwände?«, kläffte er stattdessen.
Snorri verneinte.
»Braves Hündchen. Vielleicht findest du ja doch einen Platz an unserer Seite.« Die Ustenströmer lachten kurz, dann verschwanden sie so schnell wie sie aufgetaucht waren. 
Erst in diesem Moment merkte der junge Nordmann, dass er die Luft angehalten hatte. Gierig saugte er sie ein. Sein Blick steuerte ein letztes Mal zu der Tür, hinter der sich der Mönch verbarg. Über ihr war ein goldenes Kreuz angebracht worden. Und da überkam ihn schlagartig die Gewissheit, dass es sich hierbei nur um ein Zeichen handeln konnte. 
Du bist wie sie. Du hast deine eigenen Worte verraten. 
»Verdammt sollst du sein, Bruderherz«, grummelte er, während er danach griff. Das Kreuz lag schwer in seiner Hand, es musste also etwas von Wert sein. Heimlich ließ Snorri es in seine Tasche gleiten. Kopfschüttelnd machte er sich daran, wieder zu den anderen zu stoßen. 

Die Männer drängten gerade die verbliebenen Mönche aus dem Kloster, ihre Arme in Ketten gelegt, ihre Mienen versteinert und blutverschmiert. 
Knutson gesellte sich zu ihm, er trug einen Sack über der Schulter und grinste verschmitzt. »Ein Altar«, er nickte in Richtung des Sackes, »im Keller. Gab ordentlich was zu holen. Und bei dir?«
Snorri griff in die Tasche, dort wo das Kreuz lag. »Auch ich habe etwas gefunden«, murmelte er gedankenversunken. 
Verdammt, Aegir, warum nur vermochte ich nicht die Wahrheit zu sehen?
Zu seinem Glück beharrte Knutson nicht weiter auf einer Antwort, wofür er eine gewisse Dankbarkeit verspürte. 
Als sie die Schiffe erreichten, konnte Snorri nicht anders als sich instinktiv nach seinem Bruder umzusehen. Sie mussten reden.
Als hätte er ihn gehört, eilte der Riese auch schon auf ihn zu. 
»Wir müssen reden!«, Aegir zog Snorri hinter einen Baum. 
»Du hast Recht, Bruder, ich … ich …«, plötzlich fielen Snorri keine Worte mehr ein, um zu erklären, was ihm passiert war.
»Keine Zeit. Wir stecken tief in der Scheiße«, erklärte Aegir mit sorgenschwerem Gesicht. Er sah sich nervös um.
Islav kam auf sie zugesteuert. »Aegir! In meine Kajüte! Sofort!«, blaffte er harsch. 
»Was meinst du?«, flüsterte Snorri aufgeregt.
»Hüte dich vor den Ustenströmern, und sag es auch den anderen. Sie werden uns hintergehen, wenn die Zeit gekommen ist. Wir müssen uns vorbereiten. Ich werde versuchen Islav zu überzeugen.« Mit diesen gezischten Worten wandte er sich ab und ließ seinen kleinen Bruder allein.
Snorri schluckte. Ein bitteres Gefühl, schwer von Vorahnung, machte sich auf seiner Zunge breit und hinterließ einen faden Geschmack. 
Als er zu den Schiffen zurückkehrte, empfing ihn Gejohle.
Einige der Ustenströmer hatten sich einen Mönch geschnappt und tauchten ihn wieder und wieder unter Wasser, bis er wie ein Wilder zappelte. Lautstark wurden Wetten abgeschlossen und die ersten erbeuteten Münzen wechselten bereits ihren Besitzer. 
Irgendwann regte er sich nicht mehr. Murrend wandten sich die Männer von ihm ab. 
Snorri spürte einen maßlosen Ekel in sich aufkeimen. Er würde Knutson und den anderen berichten, was Aegir ihm erzählt hatte. Und da wurde ihm bewusst, dass die Schlacht, für die er eigentlich vorhergesehen war, gerade erst begonnen hatte.

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Die Wölfe von Asgard – Das Kloster (1/2)

Das Knarren der Planken weckte sie aus einem düsteren Traum. Als sie Hjalmaers Stimme vernahm, während er gerade dabei war, den Posten vor ihrer Tür zu verscheuchen, breitete sich ein eisiges Gefühl in ihrer Brust aus, das sich langsam bis in ihre Fingerspitzen schlich. Sofort richtete sie sich in eine aufrechte Position auf, wie man es von einer Dame höheren Standes erwartete. 
Wo ist dein Stolz geblieben? Sie biss sich auf die Zähne und schluckte ihn herunter. Den gesamten gestrigen Tag hatte sie hier unten verbracht, einsam und eingesperrt, bis ihre Tränen getrocknet waren. Wartend.
Doch er war den ganzen Tag nicht aufgetaucht, um nach ihr zu sehen. 
Dort, wo Hjalmaer an diesem von den Göttern bezeugten Abend einen Funken der Hoffnung in sie hineingeblasen hatte, war nur ein ausgebranntes Aschekleid geblieben. Erloschen.

Angestrengt blinzelte Deila durch die Dunkelheit. Das ständige Auf und Ab des Schiffes erschien ihr mittlerweile nicht mehr gewöhnungsbedürftig, doch in der Kajüte kam ihr alles so fremdartig vor. Sogar sie selbst. 
Das flackernde Licht einer Laterne begleitete den Sohn von Magnar, als er hastigen Schrittes in die kleine Kajüte trat. »Noch ein paar Stunden, dann haben wir unser Ziel erreicht. Bei Sonnenaufgang wird Blut fließen«, begann er zu sprechen.
Er ist betrunken, wurde Deila klar. Sie antwortete nicht. Der Klang seiner Stimme konnte ferner nicht sein. Sie traute sich nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen, wenn sie es genau bedachte. Traute sich nicht die Fragen zu stellen, nach deren Antworten sie dürstete.
Hjalmaer entkleidete sich und legte sich zu ihr. 
Er roch so als hätte er den Vorrat einer Taverne im Alleingang geleert und am liebsten hätte Deila sich einfach von ihm abgewandt. Doch auch das traute sie sich nicht. Sie war wieder einfach nur Deila, das Pferd, auf dem man herumreiten konnte wie es einem beliebte. Islavs missgebildete Tochter. 
Als sie spürte wie seine Hand zwischen ihre Schenkel wanderte, konnte sie nicht anders als erschrocken zusammenzufahren. Sie blickte in seine Augen, hart wie Fels, und er legte ein abstoßendes Lächeln auf.
»Komm, meine kleine Valkyrja, machen wir mir einen kleinen Gott und dich zu einer grunzenden Sau« kicherte er betrunken, drehte sie um und gab ihr einen gönnerhaften Klaps auf den Hintern. 
Deila spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wie konnte er nur so sein? Sie den ganzen Tag hier unten einsperren und sich dann mit einer ekelhaften Lüsternheit an ihr vergehen. Sollte das ihr neues Leben sein? Sie konnte ein klagendes Schluchzten nicht unterdrücken.
Er gab ihr noch einen Klaps. »Halt bloß die Klappe!«, knurrte er böse. »Und dreh dich von mir weg. Dann muss ich nicht in deine Fratze gucken, während ich es dir besorge.«
Übelkeit stieg in ihr auf. Fassungslosigkeit. Wut. Ekel. Hass. Angst. 
Sie war auf ihn hereingefallen. Und nun hatte er sie in seiner Gewalt. Auf seinem Schiff. Ohne Hilfe. Und ihr Hoher Vater würde sich sicherlich einen Dreck um sie scheren. Sie spürte, wie seine Hände sie erforschten, sie konnte die Berührung nicht ertragen. Angeekelt versuchte sie von ihm wegzurücken, doch er kam sofort hinterher. 
» Valkyrja«, kicherte er, belustigt von ihrer Gegenwehr. »Du hast das wirklich geglaubt, ja?« Er schlug ihr hart in die Seite, so dass es schmerzte. 
Keuchend presste Deila die Luft zwischen den Zähnen hervor.
»Dann wach mal wieder auf«, Hjalmaers Stimme nahm etwas grausames an und er grinste ihr schadenfroh entgegen. »Denn morgen ist ein großer Tag und du solltest ihn gut in Erinnerung behalten.« Er kam ganz nahe an sie heran.
Deila musste würgen. Ihr Magen drehte sich um und sie bemerkte, dass sie vor Angst zitterte. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. 
Ein nasser Fleck breitete sich auf dem Fell unter ihr aus.
»Denn wir werden sie alle umbringen. Die Priester, die Frauen, die Kinder, wenn sie welche haben«, er strich ihr fast zärtlich über die Wange. »Und dann seid ihr dran. Einer nach dem anderen. Deinen Vater nehme ich zuerst. Und ganz am Ende …«, er strich ihr abermals über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals. 
Seine Lippen waren wie Eis auf ihrer Haut. 
» … kehren wir Heim und ich mache mit deiner Schwester das, wofür du einfach zu hässlich bist. Manchmal lohnt sich das Warten. Sie wird sich später bei mir dafür bedanken«, kicherte er hämisch. Dann schob er sich achselzuckend aus dem Bett, als wäre das alles gerade nicht geschehen, und kleidete sich an. 
Nachdem sich die Tür hinter ihm schloss, brach Deilas Welt in sich zusammen. Röchelnd versuchte sie zu atmen, was ihr einfach nicht gelingen wollte. Ihr Körper zitterte und perlengroße Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie fühlte sich dreckig, unrein und benutzt, obwohl er doch von ihr abgelassen hatte. Und dann wurde ihr schlagartig bewusst, was Hjalmaers Worte bedeuteten und eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken. Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, dann würde es morgen ein Massaker geben. Und sie war die Einzige, die es eventuell verhindern konnte.
Du bist zu schwach, schallte sie ihre innere Stimme. Deila das Pferd. Deila die Missgeburt. Deila die Hure.
»Hört auf«, ihre Stimme glich einem gequälten Stöhnen. Hauchzart nur, als würde das Leben mit ihrem Odem entweichen. Nicht stark genug, um das Flüstern in ihrem Kopf zu verdrängen. Deila rollte sich auf den Rücken und die Erkenntnis, dass dies womöglich von nun an ihr Leben sein sollte, ließ sie krampfhaft schluchzend zusammenbrechen. Dann brachen die ersten Lichtstrahlen durch die Planken und mit ihnen drang die Gewissheit durch sie hindurch. Der heutige Tag würde ihr aller Ende besiegeln.

***

Aegir lehnte am Bug der Geri und starrte angestrengt in die Ferne. Der Himmel hatte, von den ersten Zeichen des Sonnenaufgangs erhellt, eine tiefenblaue Färbung angenommen und hier und dort räkelten sich dicke Wolkenberge träge aus ihrem gemütlichen Schlaf. 
Wie trügerisch friedlich das Meer doch heute ist.
Er spuckte über die Reling und suchte nach Anzeichen von Land am Horizont. Noch gab sich nichts zu erkennen, doch nur allzu bald würde das Kloster vor ihnen auftauchen und das Schlachten beginnen. 
Sie sind alle so blind. Was hat die Gier nur aus ihnen gemacht?
Warum Islav so streng darauf beharrt hatte, ihn unbedingt zu diesem Unternehmen zu nötigen, ließ Aegir immer noch rätseln. Es befand sich fernab seiner Vorstellungen von einem genügsamen Leben. Er blickte in seine vom Krieg und der Arbeit gezeichneten Handflächen und seufzte. Musste er sie wieder in Blut tränken? Durch seinen Kopf schossen grausame Bilder von Schmerz, Verlust und Tod. Herbeigeführt durch seine Hand. 
Doch der Gott der Christen kannte, anders als die Götter der Nord, das wohltuende Heil der Vergebung. Warum also sollte er ihm nicht auch vergeben können? 
Der Riese seufzte. Nachdenklich verlor sich sein Blick in den Wolken und für einen Moment schien sein Kopf träge und leer. Dann fasste er einen Entschluss. Bis zu ihrer Heimkehr würde er dieses Schiff nicht verlassen und wenn es seinen Tod bedeutete. Sollte Islav sich doch alleine um diese närrische Unternehmung kümmern. 
Gott sei mein Zeuge, heute werde ich meine Hände nicht mit dem Blut der Unschuldigen beflecken.
Snorri konnte sich seinen Spott schenken. Wenn er ihm noch einmal auf der Nase herumtanzen wollte, würde er die seines Bruders vorzeitig verbiegen. Der Junge war einfach noch zu jung und heißblütig, um etwas derartiges zu verstehen oder überhaupt einen wertvollen Gedanken daran zu verschwenden. 


Plötzlich tauchte eine rote Sonne vor ihnen auf. Langsam aber beständig eroberte der rote Riese den Horizont.
Ein böses Omen. Aegir gelang es nicht, seine finsteren Vorahnungen zu unterdrücken. Ein blutendes Auge, das uns bedauernd bei unseren Taten zusieht. Noch am heutigen Tage wird es zu einem entsetzlichen Gemetzel kommen.
Bevor er den Gedanken beendet hatte, tauchte ein grüner Punkt am Horizont auf und gewann rasch an Größe. 
Aegir ballte die Fäuste zusammen. Die hungrige Bande würde über das Kloster fegen wie ein Sturm und niemanden verschonen. 
Der Tod hatte ihn abermals eingeholt.

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Die Wölfe von Asgard – Der falsche Gott

»Sie sind der Rán in die Hände gefallen! Allesamt vom Meer verschlungen!«, ächzte Snorri, während er sich keuchend die Hände in die Hüften stemmte. Als er die Nachricht erfahren hatte, hatte er sich abseits des kargen Lagers befunden, das für heute ihre Ruhestätte sein sollte, und war sofort losgeeilt, um es den anderen mitzuteilen.
Yorriks Schiff galt seit dem schweren Sturm als verschwunden. 
Nun hatte Islav öffentlich bekanntgegeben, dass sie nicht mehr warten und bei Tagesanbruch Segel setzten würden. 
Die Mienen der Männer wirkten im flackernden Schein des Feuers wie versteinerte Masken, denen sämtliche Gefühle aus dem Gesicht gemeißelt worden waren. 
Für einen Moment kam es Snorri so vor, als würden die dichten Kiefern noch näher an sie heranrücken. Als würden sie atmen. Sie belauern. 
Nur das funkenspuckende Feuer schien ihm eine Antwort geben zu wollen, indem es rote Glühwürmchen in den dunklen Abendhimmel sandte.

»Das will mir ganz und gar nicht gefallen«, durchbrach Holmger endlich die Stille. »Nun sind es noch mehr Ustenströmer als vorher. Und die benehmen sich jetzt schon als wäre das ihr Viking. Wenn ihr mich fragt, ist Islavs Gewicht in dieser Unternehmung höchstens noch in Scheiße aufzuwiegen.« Er spuckte wütend ins Feuer. 
»Yorrik ist ein zäher Hund, niemand von uns hat so viel Erfahrung wie er. Der kommt schon zurecht«, versuchte Völund zu beschwichtigen, doch sein nervöser Blick sprang zwischen den Bäumen umher, als erwarte er jeden Moment einen Überfall. 
Snorri klopfte sich auf die Brust. »Sollen sie kommen, wenn sie wollen. Wir werden kämpfen wie die Wölfe, ohne einen Schritt zu weichen.«
»Mögen die Götter deinen Mut besingen, Snorri Naseweis, doch das Lied des Stahls ist eines, dass dich nur allzu früh in ihre Arme führen kann«, Knutson lehnte sich mit gerunzelter Stirn an einen Baum, während er mit geschickten Schnitzbewegungen einen Knochen zu einer Spitze verarbeitete. 
Für einen Moment überlegte der junge Nord, ob sein Schiffsmeister ihn schon wieder provozieren wollte, verwarf den Gedanken aber. 
Knutson hatte gezeigt, dass in ihm mehr stecken konnte als ein verächtlicher Sklavenschinder. 
»Wir sollten uns überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen«, bestätigte Snorri, während er sich nachdenklich über den Bartansatz strich. »Auch wenn wir Kämpfen wie die Götter, noch ist es für uns zu früh, um ihrer Tafel beizuwohnen.«
»Verdammt sollen sie sein! Die Ustenströmer, der Sturm, Yorricks Verschwinden, das sind böse Omen. Sehr ihr das nicht?«, Aegir trat aus dem Schatten der Kiefern. Der Schein des Feuers beleuchtete sein sorgenschweres Gesicht und dennoch fanden sich darin nur die Schatten der vergangenen Ereignisse wieder. 
»Der Schwarzseher ist wieder da«, Knutson verdrehte die Augen. Einige der Männer fielen in sein Gemurre ein.
»Du!«, Snorri sprach dieses Wort aus wie einen Fluch. Seine Augen verengten sich zu Schlitzen und er merkte wie es in seinen Adern zu kochen begann. »DU!« Er setzte zum Sprung an und binnen eines Augenblicks hatte er seinen großen Bruder erreicht. »Dass du es wagst über die Götter zu urteilen, denen du doch so fleißig abgeschworen hast. Was ist nur in dich gefahren?«, zischte er Aegir entgegen, während er kurz vor seinem Gesicht Halt machte.
Der Riese wich keinen Schritt zurück, stand nur dort und regte sich nicht. Doch sein Blick bohrte sich förmlich durch Snorri hindurch wie ein abgefeuerter Pfeil auf der Suche nach dem Herzen. »Du hast es ihm also gesagt, ja?« Er wandte sich Knutson nicht zu, während er sprach. »Hast du ihm auch meine Gründe genannt?«
Noch bevor sein Schiffsmeister etwas erwidern konnte, fuhr Snorri ihm über den Mund. »Was für Gründe sollen das schon sein? Haben sie dein Eheweib das Betrügen gelehrt? Oder dich das Fischen? Oder gewährten sie dir Einzug in Walhall, als Held, als Riesen und du lehntest ab vor Undankbarkeit?« Er spuckte die Worte förmlich aus. 
Noch in diesem Moment packte Aegir ihn am Schlafittchen und hob ihn mühelos in die Luft, sodass seine Füße den Boden unter sich verloren. »Du willst wissen, was die Götter mich lehrten?«, knurrte Aegir und seine Stimme glich dabei einem Donnerschlag. 
»Die Wahrheit will ich hören, aus deinem eigenen Munde. Du elender Feigling!«, keuchte Snorri wutentbrannt, während er versuchte sich aus dem Griff seines Bruders zu winden. 
Aegir stieß ihn rückwärts, sodass er hart auf dem Boden aufschlug. Schlagartig presste sich die Luft aus seinen Lungen und er konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken.
»Die Wahrheit? Die Wahrheit über die Götter? Bist du wirklich so ein Naseweis wie Knutson dich schimpft? Von meinem Bruder habe ich mir öfter sagen lassen, dass er vorlaut sei und unbedacht. Doch bist du derart blind? Prügelst dich mit Ustenströmern wie ein kleines Kind und doch willst du über die Götter reden. Willst ein Held sein und in ihrem Namen töten?« Der Ton in Aegirs Stimme veränderte sich, während er sprach. Das grollende Gewitter wich der lauernden Ruhe von tiefen Gewässern.
Empört raffte Snorri sich auf. »Ich mag jung sein, doch blind bin ich nicht. Du hast dich den Lämmern verschrieben! Den Feiglingen! Jenen, die zittern, wenn wir über sie hinwegfegen!« Der junge Nord spürte, wie nichts als die pure Verachtung aus ihm heraustropfte. Wann hatte es sein Bruder nur vollbracht, sich in eine kriecherische Made zu verwandeln? 
»Aus dir spricht nichts, außer Unwissenheit, Dummkopf!«, tadelte Aegir ihn mit erhobenem Finger. »Das hier ist kein Spiel, der Krieg ist keine Leidenschaft und das Töten bereichert dich nicht. Woher nur haben sie all die Geschichten, die dir so den Verstand verdrehen?«
»Wessen Verstand ist hier verkehrt?!«, kreischte Snorri außer sich.
Einige der Männer murmelten ihm unterstützende Worte zu, andere enthielten sich bedächtig. 
Waschweiber, alle miteinander!
»Unsere Götter sind Helden und wir tun es ihnen auf Erden nach! Was gibt es schon, was größer ist, als den wohlverdienten Ruhm in der tosenden Schlacht zu gewinnen? Als das Leben des Feindes zu nehmen?« Snorri wusste, dass er Recht behalten würde. Sein ganzes bisheriges Leben lang hatte er diesem Moment entgegengefiebert, sich endlich vor Tyr beweisen zu können und von den Valkyren in die Hallen Odins geführt zu werden.
Aegir zögerte mit seiner Antwort keinen Augenblick. »Was es Größeres gibt, als das Leben eines anderen zu nehmen?« Es ihm zu geben, du Narr!« Der Riese krempelte sein Leinenhemd um, sodass sich seine recht Flanke entblößte. Sie war übersät mit riesigen dunkelfarbenen Narben.
»Können Lämmer solche Wunden reißen? Oder ist dies von der Waffe eines Mannes, der selbst mich an Größe und Wildheit übertroffen hat? Sag du es mir!« Noch bevor Snorri eine Antwort geben konnte, fuhr er fort: »Diese Wunde hätte mich dorthin geschickt, wo die Toten ruhen sollen. Einen derartigen Schmerz habe ich noch nie verspürt. Doch die Pforten nach Walhall, Bruderherz, haben sich nicht gezeigt. Da war nichts, außer dem Schmerz. Ich wurde bewusstlos und nur Gott weiß, warum ich an dem Tag nicht gestorben bin. Als ich erwachte, lag ich im Haus eines Mannes. Meine Wunde war versorgt worden und er hatte mir Brot und Bier bereitgestellt. Einfach so!«
Snorri runzelte die Stirn. »Er hat sich gefürchtet. Wikinger nennen sie uns voller Angst und beugen tun sie sich, wenn wir kommen! Eine andere Erklärung gibt es nicht!« Was Aegir da erzählte, machte keinen Sinn. Verlor sein Bruder langsam den Verstand? 
Der Riese schlug sich mit der Hand vor die Stirn. »Möge Gott dir beistehen, damit du deine erste Fahrt trotz deiner Blauäugigkeit überlebst«, murrte er in keine bestimmte Richtung. »Besitzt du nicht die Fähigkeit deinen Kopf zu benutzen? Wenn du die Gelegenheit hast, einen Feind niederzustrecken, dann tust du es. Das wird uns seit jeher gelehrt. Nimm von den Schwächeren, denn sie haben es verdient, dass der Stärkere an ihrer statt herrscht. An diesem Tag war ich der Schwächere und doch wurde mir etwas gegeben. Der Mann, seinen Namen verstand ich nicht, hätte mich noch an Ort und Stelle ermorden können. Stattdessen brachte er mich in ein Gotteshaus und pflegte meine Wunden. Ich sah ein Emblem an seinem Hals, das er mir wortlos vermachte. Und da wurde es mir zum ersten Mal bewusst«, während er sprach, griff Aegir in seinen Ausschnitt und zog eine kleine Kette hervor, an der ein silbernes Kreuz hing.
Snorri keuchte auf. »Du hast … Das ist …«, stotterte er entsetzt. Er brachte keinen vernünftigen Ton heraus. 
»An jenem Tag war nur ein Gott bei mir und ihm verdanke ich mein Leben! Wer dagegen Einwände erheben möchte, soll nun vortreten und sprechen oder für immer schweigen!«, Aegir blickte mit einem Blick durch die Runde, der selbst das knisternde Feuer versengte. 
Snorri folgte ihren Blicken, die seltsamerweise von Betroffenheit zeugten. Da muss noch etwas anderes passiert sein. Er nahm sich ein Herz und fragte danach. 
»Willst du das wirklich wissen?«, raunte ihm Aegir entgegen und sein Blick nahm etwas grausames an. Etwas wissendes. 
Snorri schluckte einen Klos herunter, der ihm für einen Augenblick die Luft abschnürte. Aber egal was passiert war, sein Bruder ging den falschen Weg. Die Götter gaben das Leben und forderten es wieder für sich ein, doch eine derartige Respektlosigkeit würden sie wohl kaum dulden. So liefen die Dinge nun einmal. »Sag es mir«, forderte er Aegir auf. 
Dieser nickte ihm zu. »Islav hat nach mir gesucht. Drei Tage und drei Nächte lang. Als sie mich fanden, hatte mein Retter gerade das Abendgebet begonnen. Eine Tradition, die er täglich absolvierte. Als die Männer ihn erblickten, hielten sie in für leichte Beute, plünderten sein Heim hingen ihn an ebenjenes Kreuz, das er anbetete, und rammten ihm ein Messer in den Bauch. Das Plätschern seines Blutes, das auf die Holzdielen tropft, seine Schreie, die langsam ersticken, sie haben sich für immer in meinen Geist eingebrannt. Und da ist es mir klar geworden: Er war die Reinkarnation Jesu Christi. Die Geschichte hat sich wiederholt. Ihr Gott, und nicht die unseren, haben mich in der Not erhört. Und ich werde für das Ende meines Lebens dafür Buße zahlen müssen.« Der Riese schaute ernst durch die Runde.
Snorri merkte, dass er unterbewusst die Luft angehalten hatte, während er den Worten seines Bruders gelauscht hatte. Sein Magen verkrampfte sich zu einem flauen Etwas. Dieses Ereignis hatte Aegir verändert, daran bestand kein Zweifel.
»Und deswegen werde ich auf dieser Fahrt keine Hand an jemanden legen. Vergesst es einfach. Hätte Ylvie mich nicht gedrängt, würde ich jetzt auf meinem Boot sitzen und Reusen einholen, so wie ich es geplant hatte!«, schnaubend wandte sich der Riese zum Gehen.
Snorri merkte, wie die Wut ihm zum Schäumen brachte. Er ballte die Fäuste und ließ sie gewähren.
Aegir hatte sich als ein kompletter Verräter entlarvt. Sein eigener Bruder!
»Ja, geh nur! Aber eines versichere ich dir: wenn du versuchst, die Lämmer zu verteidigen, wirst du es noch bitter bereuen!«, rief er ihm hinterher.
Aegir hielt für einen Moment inne, als wolle er noch etwas sagen, dann aber beließ er es dabei und verschwand in der Dunkelheit.
Fluchend stampfte Snorri in die andere Richtung davon.

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Die Wölfe von Asgard – Der Sturm

Der Wind frischt auf. Yorrik schauderte. 
Stürme, die vom Meer aus kamen, stellten eine unsagbare Gefahr dar, selbst wenn die Drachenboote dazu ausgelegt waren, ihnen zu trotzen. Da es auf der offenen See nichts gab, was den tosenden Wind brach, konnten heftige Böen sie in außerordentliche Schwierigkeiten bringen. 
Und der alte Seebär spürte es in seinen erfahrenen Knochen. 
Heute Morgen braut sich etwas zusammen.
Ihr heutiges Ziel bestand aus einer winzigen Insel, die ihre letzte Rast vor der großen Überfahrt darstellen würde. 
Er griff das Ruder der Hefring, der aufsteigenden Tochter des Meeresriesen, fester und suchte den Horizont nach Wolken ab. Sollte es soweit sein, war er bereit Islavs drittes Schiff durch den Sturm zu segeln. 
Da der Wind heute direkt von bugseits kam, mussten sie kreuzen, was ihre Fahrt zusätzlich verlangsamte. Und eine Seitenwindböe konnte ein Schiff bei unerfahrener Handhabung kinderleicht zum Kentern bringen. Die nordischen Langschiffe waren jedoch besonders für diese Winde ausgelegt. 
Er orientierte sich am Kurs der Flotte und beschloss dennoch die Segel zu reffen, um die Fahrt zu verlangsamen und nicht zu dicht an die anderen aufzuschließen. Die Nähe zu anderen Booten konnte sich im Sturm als eine tückische Todesfalle erweisen, wenn die Macht der Gezeiten die Schiffe rücksichtslos gegeneinanderwarf und krachend zum Bersten brachte.
Und dann hörte er den Donner. Yorrik zischte einen unflätigen Fluch aus, als er die Wolkenberge am Horizont sah, welche die Farbe eines Blutergusses angenommen hatten. »Ruder einholen! Ladung sichern! Mast kippen!«, brüllte er gegen den Wind an. »Und dann gut festhalten. Das wird der Sturm eures Lebens!«

***

Deila räkelte sich träge unter ihrem Fell als wolle sie gegen das Aufstehen protestieren. Ihre Lenden brannten noch von Hjalmaers Liebe und alles kam ihr so unendlich warm vor. Plötzlich erschien es ihr nicht mehr gerecht. 
Er hat etwas Besseres verdient als mich, eine halbe Jötun bin ich, plump und ohne Zierde. Ein Mann wie er sollte mit einer der tosenden Töchter der Meere vermählt werden.
Sein Begehren nach ihrer Person verstand sie bis heute nicht. Jeder gesunde Mensch, der mindestens ein Auge besaß, konnte über ihre Hässlichkeit Zeuge leisten. Was also empfand er für sie?
Als er sich heute Morgen von ihr heruntergewälzt hatte, schwitzend und nach Mann riechend, hatte sie noch nichts als bedingungslose Leidenschaft empfunden. Nun, seitdem er fort war, blieb ihr nur der nagende Zweifel. 
Er ist der Befehlshaber über das Schiff, natürlich muss er früh raus, schimpfte sie sich. Deila versuchte ihre Gedanken neu zu sortieren, was ihr einfach nicht gelang. Umso mehr erfreute es sie, als sie auf einmal Stimmen vor der Tür vernahm. Auch wenn sie nicht verstand, was sie sagten, boten sie doch willkommene Abwechslung. 
Zwei Männer schienen angeregt miteinander zu plaudern, dann stieß ein dritter dazu. »Haltet gefälligst eure Plappermäuler, die Tochter des Jarls ist hier unten. Wenn sie das erfährt, war alles umsonst!«, war alles, was Deila verstehen konnte, bevor die Stimmen sich wieder entfernten. 
Sofort wanderte ihr bei diesen Worten ein kalter Schauder über den Rücken. Die haben über mich gesprochen.
Ernüchterung überkam sie, als ihr bewusst wurde, dass es sich bei dem Gespräch vermutlich nur um weitere Verschmähungen ihrer Person gehandelt haben konnte. 
Wartet nur, bis Hjalmaer davon erfährt. Ich sorge schon dafür, dass er euch zur Rechenschaft zieht, beschloss sie bebend und vergrub sich mit düsteren Gedanken unter ihrem Fell, wo sie noch eine ganze Zeit lang liegen blieb. 
Deila erwachte davon, dass sich der Boden unter ihr gefährlich auf und ab senkte. Vom Deck ertönten gedämpfte Schreie. Sofort sprang sie auf und schlüpfte in ihre Kleidung. 
Als sie die Tür der Kajüte öffnete, pfiff ihr sofort ein mächtiger Wind um die Ohren. Selbst für einen frühsommerlichen Morgen erschien ihr der Himmel zu dunkel und Blitze teilten den Horizont mit ohrenbetäubendem Getöse in zwei Hälften. Regen peitschte prasselnd auf sie herab, Wellen schlugen gegen die Reling und Wasser tropfte zischend ins Boot. 
Binnen eines Momentes war Deila komplett durchnässt. 
Hjalmaer bemannte das Ruder und versuchte mit gefletschten Zähnen dem Sturm zu trotzen. Seine Hände krallten sich so fest in das Holz, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Doch in seinen Augen lag eine feurige Entschlossenheit. Als er sie erblickte, schien jedoch ein Funke des Zorns durch sein aristokratisches Gesicht zu sprühen. »Ich hatte doch angeordnet, sie soll unter Deck bleiben!«, fauchte er wüst und warf einer Handvoll Männer, die gerade das Wasser aus dem Boot schöpften, einen giftigen Blick zu.
»Aye, wir hatten hier nur eine andere Beschäftigung, die unsere unmittelbare Aufmerksamkeit erforderte. Wie Ihr seht, mein Herr«, antwortete einer der Männer, während er einen Eimer Wasser über der Reling ausschüttete. 
Deila schlug das Gespräch jetzt schon auf den Magen. War sie an Deck nicht erwünscht? Hatte Hjalmaer ihr nicht geschworen, ihr die See zu zeigen? Wann schon konnte man sie mit solch brüllender Kraft erleben, wenn nicht im tosenden Sturm der Götter? Sie warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu, doch ihr zukünftiger Gemahl schien ihre Anwesenheit nicht weiter zu bemerken.
Abermals pflügte sich eine Welle unter dem Schiff hindurch und ließ es bedrohlich steil abfallen.
Deila verlor den Halt auf den nassen Planken und rutschte dem Bug entgegen. 
In letzter Sekunde griff einer der Männer nach ihr und zog sie auf die Füße. 
»Für ein Pferd bist du wenig standfest«, schätzte er sie mit einem gehässigen Blick ab, bevor er sie in Richtung der Kajüte schob. »Unser Herr hat angeordnet, dass du unter Deck bleiben sollst, bis sich der Sturm gelegt hat. So wichtig ist ihm seine Kleine«, höhnte er. Sein Atem stank furchtbar, fast hätte Deila gewürgt. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu lösen, doch der Kerl war ein Fleischberg und musste fast das doppelte auf den Rippen haben wie sie. Mit einem flehenden Blick ließ sie sich vor den Augen ihres Gemahls hinabführen. Als Deila bemerkte, wie verschwinden gering Hjalmaers Interesse an ihr plötzlich zu sein schien, musste sie schlucken. Tränen kämpften sich durch ihre Augen und fast wäre sie in die Knie gegangen. Wenigstens regnete es, da war es nicht so offensichtlich. 
Als der Mann sie in ihr Zimmer zurückstieß und die Tür verriegelte, konnte Deila nicht anders, als einen krampfhaften Schrei von sich zu geben. In ihm manifestierten sich Wut und Verzweiflung zu einem entsetzlichen Klagelaut. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein, anzunehmen, dass auf einmal alles anders werden würde? Tränen kullerten ihre Wangen hinab, vermengten sich mit jenen des Himmels.
Er hat mich bedauert. Wenigstens einer.
Wieder senkte sich das Schiff im Spiel der Gezeiten und nun ließ sie es zu, dass sie doch auf die Knie fiel. So schwach, wie in diesem Moment, hatte sie sich noch nie gefühlt. Viel hatte sie gewagt, für einen sehnsüchtigen Traum. Nur um hier aufzuwachen, verraten und verkauft. Noch heute Morgen schien es ihr, als sei sie etwas Besonderes, eine Königin, eine Valkyrja, bereit diese Welt zu entdecken. Nun wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie die Ketten, die sie eisern umklammerten, niemals würde ablegen können. Deila wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 
Wieder hob sich das Boot, bereit einer neuen Welle zu trotzen.
In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass der Sturm die gesamte Flotte in den schrecklichsten aller Tode stürzen ließ.

***

»Festhalten!« Mit einem Ächzen kippte der Mast in seine dafür vorgesehene Verankerung. Bei diesen Windböen entpuppte sich diese sonst so kinderleichte Arbeit als eine echte Herausforderung. 
Zumal ihre zusammengewürfelte Truppe keine eingespielte Mannschaft darstellte. 
Snorri spürte, dass er trotz des Wetters und der tosenden Gischt schwitzte wie ein Schwein. Es lief in seine Augen und unter seinen Wams und er fühlte sich von oben bis unten unrein. 
Der zweite Tag und bisher ist das Leben an Bord nicht gerade eine rosige Angelegenheit.
Er biss die Zähne zusammen. 
Sollte die Rán doch kommen und versuchen, was selbst der Hela nicht vergönnt war. Auch ihrem seelenfangenden Netz, mit denen sie die Gefallen aus den tosenden Gezeiten in ihr nasses Grab zog, würde er entrinnen. 
Snorri erwischte sich dabei, wie er sich heimlich erhoffte, Dyggur würde ihm von irgendwo dort unten zusehen und seinen Kampf aufgeregt verfolgen. Sei stolz auf mich, Bruderherz!
Der schallende Klang einer verhassten Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück. »Vertauen, du Hornochse!«, brüllte Knutson trotz des Sturms viel zu laut und drückte ihm ein wenig Vertrauen erweckendes Seil in die Hand.
»Ich habe dich schon verstanden. Meine Ohren funktionieren noch recht gut«, erwiderte Snorri spitz. 
Knutson trat an ihn heran, seine Augen nicht mehr als ein alles versengendes Lodern. »Eine Welle und du gehst zufällig über Bord. Kannst deinem Bruder folgen. Er wurde doch schließlich nach dem Meeresriesen benannt…« 
Noch bevor Snorri verstand, dass es Knutson eigentlich um Aegir ging, langte er zu. 
Die fliegende Faust traf seinen Gegenüber so unerwartet, dass er zu Boden ging. Doch dieses Mal schien sich Knutson nicht so einfach geschlagen zu geben. »Snorri Naseweiß, du bist der Bruder eines Verräters, eines räudigen Christen! Ein Bruder jener Lämmer, die wir abzuschlachten gedenken! Und du bist auf meinem Schiff ein toter Mann!«, er spuckte verächtlich einen Schwall aus Blut auf das Deck, während er sich langsam erhob. Dann zückte er sein Schwert und vollzog eine grausame Grimasse. 
Snorri schmerzten diese Worte mehr als jede Faust. Es erklärte einfach alles. Aegir hatte sich auf seinem letzten Viking dem Christentum zugewandt. Ein Gott habe ihn berührt, sagte er. Und er wollte nicht mit auf die Fahrt, weil er kein Mörder sein wollte, auch nicht, wenn sie es sein mussten. Doch vor den Männern durfte er sich das nicht anmerken lassen und es als Beleidigung auffassen. Sie würden ihn sonst direkt den Fischen zum Fraß vorwerfen.
Die Ustenströmer haben noch eine Rechnung mit mir offen. Doch auch heute werde ich sie enttäuschen müssen.
Mittlerweile hatte sich eine Traube von Leuten um sie gebildet. Jeder hielt sich irgendwo fest, doch die unbändige Mordlust war seit den gestrigen Ereignissen nicht aus ihren Gesichtern gewichen.
»Und du bist der Bruder einer Wildsau, die von einer Ziege und einem Ochsen gezeugt wurde«, spotte Snorri zurück.
Knutson fletschte die Zähne und rannte ihm mit gezogener Waffe entgegen.
In diesem Moment traf sie eine Welle und dieses Mal wurde das gesamte Boot von ihrer Kraft überschwemmt. 
Im letzten Augenblick gelang es Snorri, sich an einem Seil festzukrallen. Das Schiff schaukelte und kurz konnte er nichts ausmachen, außer einem Brennen, das sich durch seine Augen fraß.
Als Snorri die Augen öffnete, war Knutson spurlos verschwunden. Er eilte zur Reling und stieß ein entsetztes Keuchen aus.
Knutson krallte sich mit aller Macht an einer Planke fest, doch die rutschige Oberfläche bot ihm kaum Halt. »Hilf mir!«, dem Nordmann stand die Angst ins Gesicht geschrieben. 
Geistesgegenwärtig griff Snorri nach seiner Hand, doch sie zu packen erwieß sich als schwierig und der tosende Seegang machte ihm wieder und wieder einen Strich durch die Rechnung. 
Knutson wurde für einen Augenblick vom Meer verschluckt, dann tauchte er prustend und Salzwasser spuckend wieder auf. 
Panisch stellte Snorri fest, dass sein Steuermann bald kaum noch eine Möglichkeit haben würde, um sich an Deck zu hieven, denn das Schiff entfernte sich immer mehr von ihm. Noch ein Blitz fegte über sie hinweg und ein mächtiger Donnerschlag erschütterte Snorri in seinen Grundfesten. Er spürte sein Herz pochen, sein Atem ging unregelmäßig. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Und dann kam ihm eine Idee. Er riss sich von der Reling los und packte das Tau, das Knutson ihm hingeworfen hatte. Als er zurückkehrte, konnte er seinen Kameraden nicht mehr ausmachen. »Knutson!«, er brüllte gegen die Elemente an. »Knutson!« Fieberhaft blickte Snorri sich um. 
Wellenberge nahmen ihm die Sicht und der Regen tat sein Übriges dazu. Noch mehr Blitze zischten über den Horizont.
»Knutson!« Keine Antwort. 
Die restliche Mannschaft schien sich bereits mit seinem Tod abgefunden zu haben, denn sie wendeten sich ab. 
Dann sah er einen Kopf aus dem Wasser auftauchen, sein verhasster Kamerad war mittlerweile beängstigend weit nach draußen abgetrieben. 
Snorri nahm all seine Kraft und schleuderte das Seil in seine Richtung. Der Wind schien glücklicherweise auf seiner Seite zu sein und zog das Tau mit sich. 
Platschend traf es auf die Wasseroberfläche und straffte sich, als der Nordmann es ergriff. 
Snorri zog mit Leibeskräften, niemand machte Anstalten ihm zu helfen. Hoffentlich hält das Seil. Er versuchte, nicht daran zu denken und zerrte es weiter zu sich.
Einen Moment später hievte sich Knutson keuchend an der Reling empor und rollte sich schwer atmend auf das Deck. »Eines muss ich dir lassen, Snorri Naseweiß«, japste er atemlos, während er Wasser ausspuckte wie ein Springbrunnen. »Du stehst deiner Klappe an Größe in nichts nach.«
Dieser grinste und reichte ihm die Hand. 
Der Nord ergriff sie dankbar und zog sich auf die Beine. 
»Die wirst du ab jetzt wohl auch ertragen müssen, Steuermann. Schließlich hocken wir beide auf demselben Schiff«, lachte Snorri.
Doch dann verfinsterte sich seine Miene, als er in der Ferne Islavs Flaggschiff erkannte. Er ballte die Fäuste bis es wehtat. 
Mit Aegir hatte er noch eine Rechnung offen und er wollte verdammt sein, wenn diese nicht beglichen werden würde. 

*** 

Die Wassermassen donnerten gegen den Bug, der unter ihrem Gewicht bedrohlich Ächzte. Eine Welle hatte sie ungünstig erwischt und das Ruder beschädigt, seitdem spielten die Gezeiten ihr eigenes Spiel mit ihnen. 
Yorrik merkte, wie die Angst an Deck umging wie eine Krankheit. Und jeder gab sie an jeden weiter. 
Es musste mittlerweile später Nachmittag sein und den vorgegeben Kurs hatten sie längst verlassen. Im Spiel der Wellen stellte ihr Schiff nur ein zerbrechliches Spielzeug dar. Auch wenn die Langboote dafür ausgelegt waren, Wind und Wellen zu trotzen, so ein ausgewachsener Sturm brachte für sie dennoch sämtliche Gefahren mit sich, die es auf See zu bewältigen gab. 
Sie tauchten auf und ab, mittlerweile zählte Yorrik die Wellen nicht mehr mit, die sie durchpflügten. Das einzige, was zählte, stellte für ihn das Überleben seiner Mannschaft dar und zwar um jeden Preis. Er kniff die Augen zusammen. In der Ferne manifestierte sich eine graue Masse, die er zunächst als Regenvorhang oder Gewitterwolken abgetan hatte, doch je näher sie darauf zuhielten, desto mehr stachen die Umrisse einer Insel empor. 
Yorrik hielt die Luft an. Aber sie hatten ihren Kurs doch verlassen? Es musste sich um einen Streich der Götter handeln. 
Doch sie kam immer näher. Schroffe Felsklippen und ausladende Sandbänke vollzogen sich in das Landesinnere, wo eine undurchdringliche Vegetation wucherte. Kaum ein Mensch konnte je einen Fuß auf dieses Eiland gesetzt haben. Doch gerade erschien sie dem Schiffsbaumeister wie ein Segen. Wenn sie es an Land schafften, könnten sie die Schäden am Boot reparieren und der Flotte nachsetzen. Ihm war bestens bewusst, dass Islav nicht auf ihn warten würde, denn der Brauch verlangte es von ihm. Zu viel wertvolle Zeit ging verloren, um beschädigte Schiffe zu suchen, die bestenfalls schon auf dem Grund des Meeres ruhten. In der Regel mitsamt ihrer Mannschaft. 
Yorrik biss die Zähne zusammen. Diesen Gefallen würde er der Rán nicht machen. Diese Männer vertrauten ihm und es lag ihm fern, sie enttäuschen zu wollen. »Ich brauche zwei starke Jungs und zwei Ruder von den Bänken!«, befahl er lautstark. Wenn sie in Küstennähe manövrierten, konnten sie ihr Schiff so an das sichere Ufer stemmen oder zumindest etwas gegen die Strömung halten, um die Insel sicher zu erreichen. 
Olaf und Jorleif eilten zu ihm und begannen einen gnadenlosen Kampf mit den Gezeiten. Wieder und wieder bäumte sich das Boot über den Wellen auf und der beschädigte Bug drohte unter ihnen zu brechen, so stark drückten sie dagegen. Dann stießen sie endlich auf festen Grund.
»Anlanden!«, befahl Yorrik und stürzte sich in das kalte Wasser. 
Die Männer zogen das Boot gemeinsam an Land und der Schiffsbaumeister fühlte plötzlich, wie die Anspannung der vergangenen Stunden etwas von ihm wich. Hier befanden sie sich zunächst in Sicherheit und konnten hoffentlich das Schiff reparieren. Denn wenn nicht, waren sie hier unausweichlich gefangen. Und Yorrik bezweifelte stark, dass sie hier jemals jemand finden würde.

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Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (2/2)

Der dumpfe, monotone Schlag einer mächtigen Trommel riss ihn mit sich ins Jenseits. Rauschende Gefühle, deren Ursprung er nicht einordnen konnte, erfüllten seinen Körper. 
Wonne und Angst vermengten sich zu einem grotesken Klumpen in seiner Brust, er stürzte und doch landete er. Steuerte an einen Ort, der nicht für ihn bestimmt war. 
Er öffnete die Augen, die sich nicht sofort an die vollkommene Finsternis, die diesen Ort erfüllte, gewöhnen wollten. Ein Wort schnitt durch seinen Kopf, scharf wie ein Schwert und doch nur ein Flüstern. Hel.
Das Echo der Stimme hallte in seinem Kopf wie das Aufeinandertreffen zweier rostiger Klingen. Hel. Hel. Hel. 

Snorri blinzelte angestrengt, um in der Dunkelheit etwas auszumachen. Die Finsternis löste in ihm eine ungewöhnliche Angst aus, die er nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft verdrängen konnte. 
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er keine Trommeln hörte, sondern lediglich seinem eigenen Herzschlag lauschte. 
Der junge Nordmann vernahm Bewegungen am Rande seiner Wahrnehmung, schleichende Schatten, die sich an seine Brust schmiegten wie ein zahmes Kätzchen. 
Dann zog ihn etwas vorwärts und seine Beine bewegten sich wie von Götterhand gelenkt. Er ließ es passieren. Musste es passieren lassen. 

In der Ferne erspähte Snorri einen matten Lichtkegel, der beständig an Größe gewann. Im Schein des Lichtes kristallisierten sich zunehmend Konturen heraus, welche die Form zweier riesiger Monolithen annahmen, die wie ein Bollwerk in die Höhe ragten. Ihre schroffe Oberfläche bedeckten ätzende Runen, die giftgrün leuchteten. Doch bis er sie erreichen würde, lag noch ein weiter Weg vor ihm, der ihn durch morbides Gestein und gähnende Höhlen führte. Schwarzer Fels verschluckte ihn und wieder blieb nur die Finsternis. 
Doch Snorri wusste, dass er einem Pfad folgte. 
Irgendetwas bestimmte seinen Weg und er folgte seinem Ruf. 
Wacker setzte er einen Fuß vor den anderen, gab sich ganz der Dunkelheit hin. Und plötzlich merkte er, dass er nicht mehr alleine war. 
Schwarze Silhouetten tauchten mit steifen Bewegungen vor ihm auf, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ihre blassen Gesichter hatten etwas ausdruckloses angenommen und sie schienen zunehmend in einen monotonen Singsang zu verfallen, dessen tristes Klagen die gesamte Höhle erfüllte. 
Auf einmal tauchte eine weitere Gestalt unter ihnen auf, deren Gesicht Snorri verdächtig bekannt vorkam. Er musste schlucken. Ist das etwa Dyggur? Was macht er an diesem Ort?
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, glitt der Schemen seines verstorbenen Bruders wieder in die Dunkelheit hinein und verschwand.
»Dyggur, warte auf mich!« Snorri versuchte ihm hinterherzueilen, doch seine Füße klebten förmlich am Boden fest, fast so als wolle man es ihm nicht vergönnen, den Pfad der Toten weiter zu beschreiten.
Eine bleierne Schwere legte sich auf ihm ab und das erste Mal wurde ihm die Last dieses Ortes gänzlich bewusst. Sie saugte die Lebenskraft förmlich aus seinen Knochen heraus. Er wollte einen weiteren Schritt in die Finsternis setzen, als ihn ein unheilverheißender Instinkt innehalten ließ. 

Ein grollendes Knurren ertönte, nicht weit von seiner Position entfernt. »Die Toten heißen es nicht willkommen, wenn die Lebenden hier wandeln!«, donnerte eine wütende Stimme.
Snorri zuckte unwillkürlich zusammen. Dann erspähte er ein blitzendes Augenpaar, das ihm einen feurigen Blick zuwarf. 
Darunter befand sich ein gähnendes Maul, voller spitzer Reißzähne, die wie Nadeln daraus hervorstachen. Der Körper des riesigen schwarzen Hundes, der sich langsam an ihn heranschlich, war in der Dunkelheit kaum auszumachen, so geschmeidig bewegte er sich. 
Der junge Nordmann blieb wie angewurzelt stehen. So eine große Töle hatte er zu Lebzeiten noch nie gesehen. Er merkte, wie sein Herz zu rasen begann. »Wie lautet dein Name?«, brachte er mühsam hervor. Seine Stimme drohte zu versagen und er taumelte entsetzt einen Schritt rückwärts. Ein Klos bildete sich in seinem Hals, groß genug, um ihn in Atemnot zu versetzen. »Und was ist dies für ein Ort?«
»Sie nennen mich Garm und ich wache im Namen der Herrin über diese Gänge. Du befindest dich in Gnipahellir, dem Vorhof von Helheim. Durch diese Höhlen wandern jene, die keinen Herzschlag mehr besitzen, um der Herrin vorgeführt zu werden. Also nenne mir dein Begehr und dann verschwinde von hier!«
»Ich suche meinen Bruder. Er hat es nicht verdient, hier unten zu verrotten«, entgegnete Snorri tapfer. Auch wenn sich der große Hund immer näher an ihn heranschlich, so musste er doch irgendwie an ihm vorbeigelangen. 
Dyggur befand sich irgendwo dort unten und Snorri wollte verdammt sein, wenn er ihn nicht retten konnte. 
»Die Lebenden haben kein Recht, hier zu wandeln«, wiederholte Garm knurrend. Dann machte er plötzlich einen Satz und sprang den jungen Nordmann an. 
Snorri konnte nicht schnell genug reagieren und der Höllenhund begrub ihn unter sich. Geifernde Zähne streckten sich ihm entgegen und nur mit Mühe und Not gelang es ihm, sie von seiner Kehle fernzuhalten. Er trat mit dem Stiefel nach der Schnauze der Bestie und knurrend wich sie einen Schritt zurück. Für einen Augenblick konnte Snorri aufatmen und es gelang ihm, sich aufzurappeln. 
Diesen Moment nutzte Garm aus, um sich abermals auf ihn zu werfen. Er traf den jungen Nord direkt vor der Brust und erneut stürzte Snorri zu Boden. Die Luft wich aus seinen Lungen und vor Schmerz musste er aufschreien. Schwarze Sterne spielten vor seinen Augen fangen. Er bemerkte erst im letzten Moment, wie sich das zähnefletschende Maul um seinen Stiefel schloss. 
Garm vergrub die Zähne in ihm und Snorri jaulte auf vor Pein. 
Er wandte sich in Qualen, warmes Blut lief sein Bein hinab. Dann vollführte er eine unbeholfene Drehung und schaffte es irgendwie, aus seinem Stiefel zu schlüpfen. Snorri rappelte sich auf und rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Vorbei an schwarzen Silhouetten, immer tiefer in die Finsternis hinein. Hinter sich vernahm er das Hecheln des Höllenhundes, er musste ihn jeden Augenblick eingeholt haben. Snorri verdoppelte seine Anstrengungen, auch wenn seine Lungen wie Feuer brannten, und doch gelang es ihm, vorne zu bleiben. Er passierte Kavernen und Tunnel, bis er irgendwann durch einen Spalt in der Wand schlüpfte, der für Garm einfach zu klein war. 
Wütend heulte ihm der Hund hinterher, während er sich schleunigst davonmachte.
Schwer atmend hielt Snorri für einen Moment inne. 
Die Luft hier unten war so kalt, dass sich Dampfwolken vor seinem Mund bildeten. Und dennoch schien er die Höhlen hinter sich gelassen zu haben, denn abermals erspähte er den Schimmer der Monolithen. Er war den großen Steinen ein ganzes Stück nähergekommen und irgendwie wusste Snorri, dass sie sein Ziel darstellten.
In einiger Entfernung begann eine gepflasterte Straße, die sich wie ein niederträchtiges Tier durch das schwarze Gestein schlängelte. Ein Tunnel führte von ihr aus zurück in die Kavernen, aus denen er gerade noch entkommen war. 
Auf der Straße wandelten die dunkeln Schemen, verdammte Seelen, denen der Zutritt zu Walhall endgültig verwehrt bleiben sollte. Selbst aus der Entfernung drang ihr Gesang in sein Ohr. Wieder und wieder formten sie Worte der Verzweiflung. 

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Irgendwo dort unter ihnen befand sich sein Bruder. Snorri musste ihn finden und zurückbringen, koste es was es wolle. Er konnte einfach nicht zulassen, dass Dyggur hier unten verrotten sollte. 
Langsam machte er sich an den Abstieg, das brüchige Gestein bot ihm keinen festen Tritt. Doch je länger er den Fels herunterkraxelte, desto besser kam er voran. Dann erreichte er endlich die Straße. 
Als er sich genauer umsah, stellte Snorri fest, dass es schwierig werden würde, unter all diesen Schemen seinen Bruder auszumachen. 
»Dyggur!«, er schrie so laut er konnte, doch der Gesang der Silhouetten schien alles zu übertönen. Wer war er schon, sie herauszufordern? Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, beschloss Snorri, seine Taktik zu ändern. Der Straße bis zu ihrem Ende zu folgen, stellte vermutlich die beste Möglichkeit dar, die er besaß. Er schauderte bei dem Gedanken daran, was ihn dort womöglich erwarten mochte. Er biss die Zähne zusammen. 
Ich tue das für meinen kleinen Bruder, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis. Diese Tatsache gab ihm die Kraft, die er brauchte, um weiterzumachen. 

Nachdem er eine Weile dem Verlauf der Straße gefolgt war, vollzog diese plötzlich eine steile Kurve. Als Snorri sie passierte, fand er sich unweit von den großen Monolithen wieder, die er schon zuvor gesehen hatte. Er erkannte die Runen auf dem Stein nicht, doch von ihnen ging eine unheimliche Aura aus. Es kam ihm so vor als würde sie das lebendige Fleisch von seinem Körper schälen und er verkniff sich nur mit Mühe einen gequälten Aufschrei. Der junge Nordmann zwang sich dazu, seinen Marsch zu beschleunigen, und kurz darauf stellte er fest, dass zwischen den beiden Monolithen eine Brücke aus reinem Gold verlief, die über einen reißenden Fluss pechschwarzen Wassers führte. Als er genauer hinsah, bemerkte er auf dieser Brücke eine riesige Frau, welche die Schemen etwas zu fragen schien, bevor sie ihnen gewährte zu passieren. Das muss eine Jötun sein.
Ihr Haar war so weiß wie ein Leichentuch und ihr Gesicht bedeckte eine seltsam deformierte Maske aus reinem Silber, die ihr ein tierisches Aussehen verlieh. Schwarze, kreisrunde Löcher stellten Augen und Mund dar und ihren sehnigen Körper bedeckten unzählige Narben. Sie lehnte auf einer Axt, die Snorri an Größe übertraf. Diese Magd lebte für den Kampf. 
»Welchen Namen trägst du, dass du erbittest die goldene Brücke Gjallarbrú zu überqueren?«, fragte sie wieder und wieder, wenn eines der Schemen sie passieren wollte. 
Diese antworteten aufrichtig und die Riesin ließ sie passieren. 
In Snorri jedoch keimten Zweifel auf. Je näher er der Jötun kam, desto ärger befürchtete er, sie würde ihn womöglich nicht passieren lassen oder sogar schlimmeres mit ihm anstellen. Seine Beine zitterten wie Espenlaub, während er immer näher an sie herantrat. Dann vernahm er jedoch etwas, das sein Feuer wieder entfachte.
»Dyggur aus Skiringssal erbittet Einlass«, krächzte eine Stimme mühsam hervor. 
Er war schon immer so labil, so nahe am Reich der Toten gebettet. Doch keiner vermochte es, mit Wort und Tat so viel Freude auszustrahlen wie er. Dann kam die Lepra und nahm ihm sein Leben.
Snorri schluckte, als ihn die Bilder der Vergangenheit einholten. 
Bilder, die allesamt damit endeten, dass der Körper seines Bruders langsam verfiel, bis er sämtliches Leben ausgehaucht hatte. Seine Gefühle bahnten sich einen Weg durch seinen Körper, bis sie sich in seiner Kehle zu einem entsetzlichen Schrei manifestierten. 
»Dyggur! Bleib stehen! Warte auf mich! Ich hole dich hier raus!« Snorri brüllte wie er noch nie in seinem Leben gebrüllt hatte. Er setzte sich in Bewegung und schoss auf die Riesin zu. Wenn es eine Gelegenheit gab, um seinen Bruder vor Hela zu bewahren, dann war sie nun gekommen. 
»Du wagst es, der Modgudr entgegenzutreten? Ich wache über die goldene Brücke und niemand, der lebt, darf sie passieren!« 
Das Hallen ihrer mächtigen Stimme fegte wie ein Sturm über Snorri hinweg. Ächzend ging er in die Knie. Die riesige Axt zischte ihm entgegen und für einen Augenblick sah er sein Leben an sich vorbeiziehen. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. 
Mit einem entsetzlichen Kreischen traf die Schneide auf die Brücke und knackend brach diese entzwei. Risse bildeten sich im Gestein, bis es gänzlich zerbarst. 
Snorri versuchte panisch, sich in Sicherheit zu bringen, doch die Trümmer zogen ihn mit sich, in die alles ertränkende Tiefe. 
Er erhaschte einen letzten flüchtigen Blick auf Ghyddur, der an Modgudrs Hand in die Finsternis schritt. 
Ein alles erstickender Schrei entwich Snorris Kehle, als er ins Bodenlose stürzte. Dann drückte eine gewaltige Kraft sämtliche Luft aus seinen Lungen, bis er nicht mehr atmen konnte. Röchelnd und keuchend tauchte Snorri in ein alles verhüllendes Schwarz. 

Als er die Augen aufriss, dämmerte bereits der Morgen. 
Ein Traum, wurde ihm schnell klar. Mit pochendem Herzen versuchte er seine Erlebnisse wieder vor sein geistiges Auge zu rufen, während er sich den Schlaf aus dem Gesicht wischte. 
Ghyddur. Ich war zu schwach, um ihn zu retten.
Er ballte die Fäuste. Sollte die Hela ihn jemals wieder zu sich rufen, würde sie dafür bitter bezahlen. Mühsam schälte er sich aus seinem Schlafsack. Die aufregende Nacht hatte ihm kaum Erholung beschert.
Draußen bellte jemand Befehle. 
Knutson. Bei dem Gedanken an seinen heuchlerischen Schiffsmeister überkam ihn der Groll. Und eines war Snorri vollauf bewusst: Sollte es so weitergehen wie bisher, steuerten sie geradewegs in ihr Unheil hinein. 
Und böse Omen waren wahrhaft nichts, was er an Bord gebrauchen konnte.

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Das Paradies (4/4)

Das Paradies – Teil 4 (letzter Teil)

Er stieß die Tür nach draußen auf und ein Schwall eisigkalter Luft schlug ihnen entgegen. Es war windig und die Welt um sie herum war weiß. Sie schien von einer dicken Schneedecke bedeckt zu sein. Wind blies ihnen kleine Eiskristalle ins Gesicht, welches sogleich zu prickeln begann.
»Dort vorn steht unser Schneemobil!«, brüllte William gegen den Wind an. »Ihr seid unser Wetter noch nicht gewohnt! Beeilt euch – die Kabine ist beheizt!«
Eilig hasteten sie zum Fahrzeug und schwangen sich hinein. Es handelte sich um eine kantige Fahrerkabine auf Kufen. Eine breite Raupenkette trieb das Fahrzeug an.
»Ist es hier im Winter immer so kalt?«, fragte Nina.
William lachte, während er den Motor startete und losfuhr.
»Was ist an meiner Frage so lustig?«, wollte Nina verärgert wissen. »Sie könnten ruhig etwas entgegenkommender sein.«
»Also erst einmal: Hier sprechen wir uns alle mit dem Vornamen an und duzen uns. Ich heiße William und Punkt, okay? Und ich wollte euch nicht ärgern, aber es ist einfach so, dass wir überhaupt nicht Winter haben. Die Planetenachse ist gegen die Ekliptik unserer Sonne nicht geneigt. Es ist immer so, wie Ihr es jetzt seht.«
»Moment!«, rief Sebastian. »Park ist eine Schneelandschaft? Wir müssen ab jetzt leben wie die Eisbären?«
»Nein, so schlimm ist es nicht«, antwortete William. »Paradise City ist eine nette, kleine Stadt, aber wir improvisieren halt an allen Ecken und Enden. Von der Erde schicken sie uns zwar alles Mögliche, aber eben nur Dinge, von denen sie glauben, dass wir sie brauchen könnten. Wir können ja nicht unseren wirklichen Bedarf zurückmelden. Der Transmitter funktioniert nur in eine Richtung, und wenn wir ihnen Listen über Funk übermitteln würden, wären wir längst alle tot, bis wir darauf eine Antwort hätten.«
»So ernst ist die Lage?« Sebastian machte ein besorgtes Gesicht.
William lachte, als er den Ausdruck in Sebastians Gesicht entdeckte. »Mensch, ich wollte euch nicht erschrecken. Wir improvisieren halt ständig und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden. Ihr werdet es sicher noch erleben, dass dieser Planet ein wirkliches Paradies wird. Eine bessere Welt als die Erde ist Park schon jetzt.«
Sebastian sah skeptisch aus dem Fenster. »Denkst du, die wissen auf der Erde, wie es hier aussieht?«
»Sie sollten es wissen. Schließlich hat das vollautomatische Raumschiff, das vor Jahrzehnten hier gelandet ist, Daten zur Erde gefunkt, worauf man beschloss, Park zu besiedeln. Vielleicht wissen es heute nur noch höchste Regierungskreise. Manchmal glaube ich es, wenn ich mir anschaue, was für einen Schrott sie uns schicken.«
Vor ihnen tauchten die ersten Gebäude auf, die bei dem starken Wind und dem leichten Schneefall zunächst nicht zu erkennen waren. Die meisten Bauten waren flach und verfügten über kein weiteres Stockwerk. Sie schienen sich regelrecht an den Boden ducken zu wollen. Vermutlich gab es gute Gründe, auf Park in dieser Weise zu bauen.
»Das ist die Hauptstadt?«, fragte Nina.
»Hmm, ich würde eher sagen: Das ist die Stadt. Es gibt zwar noch einige kleine, entferntere Ansiedlungen, aber die dienen derzeit nur Forschungszwecken. Gleich erreichen wir das Bürgermeisterbüro, dort erfahrt Ihr mehr.«
William hielt neben einer kleinen Baracke, die keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck machte. Das winzige Gebäude schien komplett aus echtem Holz gefertigt zu sein und über der Tür prangte ein handgemaltes Schild, auf dem »Bürgermeister« geschrieben stand. Sie betraten den einzigen Raum dieses Gebäudes und sahen einen Mann, der eine Tasse in der Hand hielt und seine Füße auf der Platte seines Schreibtischs gelegt hatte. Als er William mit seinen beiden Begleitern hereinkommen sah, sprang er auf und verschüttete dabei fast seinen Kaffee.
»Hey, gleich zwei Neulinge!«, rief er und begrüßte sie. »Willkommen in Paradise City. Ich bin Jose.«
»Wir sind vorhin angekommen«, sagte Sebastian zögernd. »Wir würden gern wissen, wie es jetzt weitergeht, Herr Bürgermeister. Wir haben schon begriffen, dass dies nicht wirklich ein Paradies ist, aber was haben Sie jetzt mit uns vor?«
Joe sah erst William, dann die beiden Neuen, verblüfft an.
»Ich bin nicht ›Herr Bürgermeister‹, sondern Joe, und ich mache diesen Job nur, bis endlich jemand kommt, um mich wieder abzulösen. Eigentlich haben wir keinen Bürgermeister und brauchen auch keinen. Deshalb teilen wir uns diesen Job, denn irgendwer muss ja die Reisenden offiziell empfangen, nicht wahr? Sagt mir einfach, wie ich euch nennen soll und dann trage ich Eure Namen hier in die Liste der Bürger ein.«
»Ich heiße Sebastian.«
»Und ich Nina.«
»Sebastian und Nina«, murmelte Joe, während er die Namen in die Liste schrieb. »Ich will gar nicht wissen, ob das Eure echten Namen sind oder ob Ihr sie euch eben erst ausgedacht habt. Hier auf Park fängt jeder neu an, müsst Ihr wissen. Bei uns muss man sich seine Anerkennung erarbeiten. Es ist leider nicht so, wie man es uns allen weisgemacht hat. Park ist kalt – oft sogar sehr kalt. Der Anbau von Nahrungsmitteln ist schwierig, aber möglich. In vielleicht zehn Jahren werden wir – so hoffen wir – von Lieferungen von der Erde endlich unabhängig sein. Dafür ist es allerdings erforderlich, dass alle anpacken und für dieses Ziel arbeiten.«
Er sah Sebastian und Nina abwechselnd an.
»Aber ich will euch damit jetzt noch nicht überfallen. Ihr solltet erst einmal Eure Quartiere beziehen und euch einrichten. Morgen sehen wir weiter und schauen, was Ihr könnt oder welche Arbeiten Ihr leisten wollt. Ihr habt übrigens Glück. Es ist soeben wieder ein Haus fertig geworden. Dort könnt Ihr gleich einziehen.«
»Oh, wir gehören nicht zusammen«, sagten Sebastian und Nina wie aus einem Munde.
»Wisst Ihr, dass mir das scheißegal ist?«, fragte Joe. »Es gibt ein Haus und ich weise es euch zu. Was Ihr daraus macht, ist nicht meine Sache. Wir sehen das hier nicht so eng. Vielleicht gefällt euch dieses Arrangement ja sogar bei näherer Betrachtung. Wenn nicht – gut, dann werden wir eine andere Lösung finden. Wir werden euch schon unterbringen. Wir haben es nämlich gern, wenn Neuankömmlinge auch Bereitschaft zeigen, Familien zu gründen. Wir brauchen dringend mehr Menschen auf Park.«
»Ich dachte, es werden ständig Menschen hierher geschickt«, sagte Sebastian. »Müsste da nicht inzwischen schon eine beachtliche Bevölkerungszahl zusammengekommen sein?«
Joes Miene umwölkte sich ein wenig.
»Das ist ein unangenehmes Thema. Wir erhalten ungeheuer viele Neuzugänge, die mit der Lebensweise nicht zurechtkommen. Es ist leider so, dass unser Leben recht hart sein kann, wenn das Wetter es nicht gut mit uns meint, oder die Ernte in den Treibhäusern verdirbt. Manche sind nicht bereit, ihren Beitrag zu leisten. Man hat ihnen ein Paradies mit weißen Stränden, Palmen und Leben in Wohlstand und Luxus versprochen und bestehen darauf, es auch zu bekommen.
Dazu muss ich sagen, dass wir uns nicht leisten können, solche Menschen durchzufüttern. Sie erhalten von uns eine Grundausstattung und sie können versuchen, die wärmeren Regionen am Äquator zu erreichen. Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich fürchte, dass es einige von ihnen nicht geschafft haben. Andere haben sich vielleicht weiter südlich angesiedelt. Eines Tages werden wir auch wieder Kontakt zu ihnen bekommen. Sie werden inzwischen begriffen haben, worum es hier geht.«
Nina schluckte, als sie hörte, wie rigoros mit Schmarotzertum verfahren wurde.
»Ihr macht mir jedoch nicht den Eindruck, als würdet Ihr zu dieser Sorte von Neuankömmlingen gehören.«
»Wir können arbeiten«, versicherte Sebastian schnell.
»Daran zweifle ich nicht. Doch jetzt vertagen wir alles Weitere. Will wird euch zu Eurem Haus bringen. Es ist noch sehr spartanisch ausgestattet. Macht eine Liste von dem, was fehlt und wir werden sehen, was sich machen lässt. Morgen holt euch jemand ab und bringt euch zur Versammlungshalle. Dort macht man euch mit den anderen bekannt und dann werden auch die Einteilungen vorgenommen. Ihr werdet sehen, es kann auch sehr befriedigend sein, hier zu leben und zu arbeiten.«
Er gab ihnen noch einmal die Hand, dann verließen sie zusammen mit William das Bürgermeisterbüro.
»Bis zu Eurem Haus ist es nicht weit!«, brüllte William gegen den Wind. »Wir laufen. Treibstoff ist leider etwas knapp.«
Sie stapften durch hohen Schnee zwischen den niedrigen Bauten hindurch. In vielen Fenstern war Licht zu erkennen und es wirkte zum Teil gemütlich dort drinnen. Passanten begegneten ihnen nicht. Am Ende der kleinen Straße hielten sie auf ein unbeleuchtetes Haus zu, das genauso aussah, wie die übrigen, an denen sie vorbeigekommen waren. William stieß die Eingangstür auf und schaltete die Beleuchtung ein, welche aus einer altertümlichen Glühbirne bestand und den kahlen Raum notdürftig ausleuchtete. Es gab einen Holztisch und ein paar Stühle. An der Wand gab es ein Waschbecken. Daneben befand sich ein Tisch mit einer verstärkten Arbeitsplatte. Mitten im Raum stand ein Ungetüm von einem Ofen, den man mit Holz befeuern konnte. Einige Holzscheite lagen bereit.
Sie gingen weiter und fanden auch ein zweckmäßiges Bad und ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett.
»Muss mir das jetzt etwas sagen?«, fragte Nina und grinste.
»Diesmal kann ich mich nicht auf die Couch zurückziehen«, meinte Sebastian.
»Ich glaube, ich verstehe euch nicht«, sagte William.
»Kannst du auch nicht«, sagte Sebastian, ohne es näher zu erklären. »Wir werden zurechtkommen.«
»Decken und Wäsche findet Ihr in dem Wandschrank«, erklärte William. »Ein paar Lebensmittel befinden sich im Kühlraum hinter dem Haus. Da es fast immer kalt ist, brauchen wir hier keine Kühlschränke. Wenn Ihr etwas kochen wollt, müsst Ihr den Ofen anheizen, aber das werdet Ihr sowieso gleich machen, denke ich. Ich lasse euch jetzt erst mal allein. Morgen sehen wir weiter. In der Tür drehte er sich um.
»Schön, dass Ihr bei uns seid – und ich wünsche euch eine gute Nacht.«
Als sie allein waren, erkundeten sie ihr neues Reich noch einmal in aller Ruhe. Im Grunde war alles vorhanden, was man benötigte, abgesehen von Luxus.
»Tja, das ist dann unser Paradies«, sagte Sebastian und machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm.
»Ja, das ist es wohl«, meinte Nina leise und lächelte. »Darunter haben wir uns sicherlich etwas anderes vorgestellt, oder?«
»Ja, irgendwie schon. Das ist so etwas wie Dichtung und Wahrheit …«
»Was meinst du?«
»Nun, man hat uns in Hochglanzbroschüren vorgespiegelt, was wir hier vorfinden würden, nur um genügend Freiwillige zu mobilisieren, die sich fast zerreißen, um hierher zu gelangen. Und dann das hier: die Wahrheit eben. Man hat uns alle wirklich verarscht, oder findest du nicht?«
Nina wiegte ihren Kopf.
»Ja und nein. Was haben wir denn zurückgelassen? Eine verrottende Welt, die sich selbst zu Grunde richtet. Eine Erde, auf der niemand den anderen braucht, wo jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Diese Welt hier ist sicher nicht das, was wir erwartet haben, aber sie ist sauber. Die Menschen brauchen einander. Sie sind direkt und ehrlich. Ich habe so ein Gefühl, als würden wir mit der ›Wahrheit‹ gar nicht so schlecht fahren.«
»Mir geht es genauso, Nina. Aber wie sieht es denn mit uns aus? Es gibt nur ein Doppelbett hier im Haus. Wie regeln wir das? Ich kann schlecht auf dem Boden schlafen oder auf zwei von den Stühlen.«
Sie gingen ins Schlafzimmer und standen eine Weile schweigend vor dem Bett, als könnte es ihnen eine Lösung zu ihrem Problem anbieten.
»Ich nehme die linke Seite«, sagte Nina plötzlich.
»Bitte?«
»Ich habe gesagt, ich nehme die linke Seite. Du kannst nicht auf dem Boden schlafen, also müssen wir uns arrangieren, oder wie siehst du das? Das ist aber kein Freibrief für Übergriffe, verstanden?«
»Natürlich nicht!«, sagte Sebastian im Brustton der Überzeugung.
»Kann ich mich darauf verlassen?«
Sebastian überlegte einen Moment, während Nina ihn forschend ansah.
»Nein.« Dabei grinste er spitzbübisch. Nina musste lachen.
»Na, ehrlich bist du wenigstens. Trotzdem werde ich nichts überstürzen. Lass uns einfach sehen, was geschieht. Vielleicht wird diese Welt ja für uns zu unserem ganz persönlichen Paradies …«
»Würdest du dir das wünschen?«
»Absolut«, bestätigte Nina, »aber ich werde nichts erzwingen.«
»Damit kann ich leben.«
»Ich werde mich mal darum kümmern, dass wir etwas zum Abendessen bekommen«, meinte Nina. »Würdest du inzwischen Feuer machen? Es ist immer noch kalt hier.«
Sie lief zum Kühlraum und verschwand darin. Sebastian wandte sich dem Ofen zu und studierte seine Funktionen. Dann legte er einige der vorbereiteten Holzscheite hinein und griff zu dem ebenfalls vorhandenen Anzünder. Bald brannte ein knackendes Feuer in der Brennkammer und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem neuen Haus aus.
Sebastian ging ans Fenster und schaute hinaus. Eine dick vermummte Gestalt kämpfte sich durch den tiefen Schnee und winkte freundlich, als sie ihn am Fenster entdeckte. Er winkte zurück.
Es war Abend. In der Küche war Nina dabei, etwas zuzubereiten. Der Wind draußen war wieder stärker geworden und die Nacht brach endgültig herein.
Heute Nacht würde er neben der schönsten Frau einschlafen, der er jemals begegnet war. Irgendwie hatte er ein gutes Gefühl bei ihr. Wer weiß, was die Zeit noch bringen würde. Er hatte die Dichtung gewählt und die Wahrheit bekommen.
Morgen begann der erste Tag seines neuen Lebens. Überrascht stellte er fest, dass er gute Laune hatte. Vielleicht war er ja verrückt, aber er freute sich darauf.

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Die Wölfe von Asgard – Wo die Riesen wohnen

Das große Langschiff, das Yorrik pünktlich zum anstehenden Viking fertiggestellt hatte, konnte sich in seiner Größe und Pracht wahrhaft sehen lassen und hob sich deutlich von den anderen im Hafen liegenden Drachenbooten hervor. Das nach Odins Wolf benannte Schiff Gerri, der Gierige, würde ihnen auf See gute Dienste leisten. Auf jeder seiner Seiten gab es Platz für dreißig Ruder und es lag so flach im Wasser, dass es auch seichte Strände und Flüsse befahren können würde. Der Mast ließ sich umstürzen, um selbst Hindernisse wie Brücken zu passieren, und laut des Schiffsbaumeisters war das blutrote Rahsegel in der Lage, den harschesten Seewinden standzuhalten. Am Bug thronte der Drachenkopf, seine grimmigen Augen blickten hinaus in die Bucht. Er schien bereit, alles und jeden darin mit einem hungrigen Bissen zu verschlingen. 

Knutson folgte dem Blick des Drachen hinaus in die Weite, während er sein Schwert an einem Schleifstein wetzte. Das übliche Ritual, das er abhielt, bevor er zur See fuhr. 
Die Skiringssaler Klippen glühten rot im Abendlicht einer untergehenden Sonne, die ihnen den baldigen Sommer verkündete. Bald würde es selbst in der Nacht nicht mehr vollends dunkel werden. 
Ein warmer Wind strich sachte, fast zärtlich durch sein Haar und für einen Moment schien es Knutson so, als seien es die liebevollen Berührungen seiner einst geliebten Stjarna. Als wäre sie noch bei ihm. 
Verstohlen sah er sich um, hoffte nur für einen vergänglichen Moment einen Blick auf sie erhaschen zu können, doch niemand offenbarte sich ihm, bis ihm schließlich wieder einmal bewusst wurde, dass sie fortgegangen war. 
Die Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes hatte sie nicht überlebt.
Hela hatte sie mit sich genommen und dazu verdammt, bis an das Ende ihrer Tage in der Unterwelt zu verrotten. 
Leif, der Junge, den sie ihm einst schenkte, war mittlerweile acht Jahre alt. 
So lange ist es schon her? Knutson hielt für einen Moment inne und betrachtete das Schwert in seinen Händen. Noch ein bisschen. 
Schwarze Wolken hatte sie in seinem Kopf hinterlassen, undurchdringbar und schwer vor Bitterkeit. Und nicht einmal der flüchtige Kuss einer hübschen Frau wie Ylvie konnte diese lindern. Knutson spuckt aus. 
Ylvie. Dieser Name klang wie Gift in seinen Ohren. 
Alles in diesem Dorf drehte sich um die hübsche Tochter des Jarls und sie wiederum drehte sich um das gesamte Dorf. Das spürte Knutson in seinen kampferprobten Knochen. 
Aegir hat sich eine kleine Göttin ins Haus geholt. Und wie eine kleine Göttin hat sie ihn fallen lassen. Sie sind ja so wählerisch mit ihrer Gunst und wem sie diese zuteilwerden lassen.
Für einen Moment musste er schmunzeln, über seinen doch so törichten, ehemals besten Freund. 
Du kamst mit deinen Geheimnissen immer zu mir, eines dämlicher als das andere. Doch dieses Mal hast du dich selbst übertroffen, du elender Dummkopf!
Es musste ein ironischer Wink der Götter sein, dass sich Islavs bester Krieger, der einst noch der mächtige Riese genannt worden war, letztendlich als verkappter Denker und Schwarzmaler erwies.
Knutson wendete die Klinge und für einen Augenblick betrachtete er sein eigenes Abbild darin. Nun, da Aegir nicht mehr zur See fahren würde, stellte er den erfahrensten Kämpfer in Islavs Mannschaft dar. 
Endlich war seine Zeit gekommen. Zufrieden schob er das Schwert in die Scheide und erhob sich. Leif wartete vermutlich schon auf ihn.
Der Nordmann lächelte matt. 
Der Junge steckte voller Neugierde und Tatendrang. Er würde bald schon einen vortrefflichen Seefahrer abgeben. Besonders interessierten den Kleinen jedoch die Geschichten, die Knutson ihm mitbrachte, wenn er nach einem langen Tag heimkehrte. Geschichten über tapfere Helden, grimmige Riesen und furchteinflößende Seeschlangen. 
Knutson betrachtete sich selbst nicht als Geschichtenerzähler, wie es die Skalden waren. Jedoch erinnerte er sich gerne daran zurück, wie er noch in der Kinderstube gelegen hatte, mit dicken Fellen eingepackt, damit die Kälte nicht in seine Knochen dringen konnte, und den abenteuerlichen Geschichten seiner Mutter gelauscht hatte. Da der Junge seine eigene nie kennenlernen durfte, wollte Knutson ihm dennoch etwas von ihr mitgeben. Auch wenn es nur einen bescheidenen Ersatz darstellte. 

Er machte sich auf und stiefelte durch das Dorf. Auf seinem Weg begegneten ihm Yorrick und Snorri, die sich angeregt unterhielten. 
Der Nordmann grinste. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie aufregend der Abend vor seinem ersten Viking gewesen war. 
»Werden wir wirklich bis in die Flüsse vorstoßen?«, fragte Snorri mit einem begeisterten Funkeln in den Augen.
»Dafür sind die Schiffe zumindest ausgelegt«, begann Yorrick zu erzählen. »Ihr Tiefgang ist so gering, dass du selbst seichte Gewässer befahren kannst. Und Brücken sind auch kein Problem für die Boote. Aber möglicherweise brauchen wir gar nicht erst so weit zu segeln, um Beute zu machen. Es gibt viele kleine Inseln vor der Küste, die nur darauf warten von echten Nord geplündert zu werden. Stell du nur sicher, dass deine Axt schön scharf ist und diese Welt gehört dir.«
Snorri nickte eifrig. »Das werde ich«, gelobte er feierlich, dann bemerkte er Knutson und wandte sich zu ihm. »Ah, der Inseltöter. Mit der Zunge so schnell wie mit dem Schwert«, frotzelte er mit verschlagenem Grinsen. 
Eine Anspielung auf die Geschehnisse bei Islavs Bankett. 
Knutson knurrte wie ein Wachhund. »Dein Bruder hat sich mit diesem Weib wahrlich ins eigene Fleisch geschnitten. Sollen die Wölfe über seinen Entschluss heulen oder Freya, wenn sie merkt, dass er ihr vermutlich nie wieder ein Kind in den Bauch setzen wird. Was für ein Verlust für das Dorf.«
»Meine Herren, bitte. Es gibt keinen Grund für Streitigkeiten«, versuchte Yorrik zu beschwichtigen. Seine eisenharten Augen musterten sie streng. 
Prügeleien wurden vom Jarl stark geahndet, das wusste Knutson und genau da lag das Problem. Als Aegir ihn damals auf dem Bankett eine Abreibung verpasst hatte, schien es Islav nicht besonders zu interessieren. Wer mit der Tochter des Jarl vögelte, konnte sich also neuerdings alles erlauben. 
Knutson spuckte aus. »Wir werden noch sehen, was hinter deinem losen Mundwerk steckt, Snorri Naseweis. Axt und Schwert zählen auf der Fahrt mehr als freche Worte und von denen kennst du wahrlich zu viele. Irgendwann wird dir jemand dafür die Zunge herausschneiden, das solltest du besser beherzigen.«
Der junge Nord rollte mit den Augen. »Aber selbstverständlich, mein Hoher Vater«, witzelte er, doch dabei schien er es zu lassen. 
Knutson war sich im Klaren darüber, dass Snorri bestens wusste, wann er lieber seine vorlaute Klappe halten sollte. Er nickte Yorrik noch im Vorbeigehen zu, denn schließlich hatten sie lange auf demselben Schiff gedient, dann schritt er ungehindert zu seiner Hütte herüber. 

»Vater, bist du das?«, begrüßte ihn eine fröhliche Stimme. Und schon kam Leif um die Ecke geschossen, mit einem unbändigen Eifer in den blauen Augen. Der Knabe war kaum Drei-Käse-Hoch und doch hatte er etwas an sich, das Knutson tief in seinem Innersten berührte. 
Das hat er von seiner Mutter, diese entwaffnende Fröhlichkeit. Die Lebensfreude. Unwillkürlich musste er an seine verstorbene Frau denken, an ihre unverhofft kurze gemeinsame Zeit. 
Einen Sommer hielt ihre Liebe und es war der schönste Abschnitt in Knutsons bisherigem Leben gewesen. Er erinnerte sich daran, wie sie im eiskalten Wasser planschten, Beeren pflückten oder sich auf einer Lichtung liebten, die nur ihr gemeinsamer, geheimer Ort gewesen war. Fast kam ihm eine Träne. Aber vor seinem Sohn wollte er keinen Schwermut äußern, also zwang er sich zu einem Lächeln. »Willst du eine Geschichte hören, bevor wir schlafen gehen?« 
Die Aussicht darauf verlieh ihm etwas Zuversicht.
»Ja!«, rief der Knirps begeistert. »Erzähl mir wo die Riesen wohnen.«
»Na schön, dann ab ins Bett mit dir«, schmunzelte Knutson. Die Geschichte von den Riesen war auch seine liebste und im Laufe der Jahre konnte er sie immer aufregender erzählen.
Leif gehorchte so augenblicklich wie immer, wenn er eine Geschichte hören wollte, und kuschelte sich mit einem erwartungsvollen Blick in seine Felle.
Knutson setzte sich an das andere Ende des Bettes und überlegte für einen Moment, wo er anfangen sollte. »Am Anfang war das alles um uns herum nicht, es gab kein Leben in dieser Welt, nur Feuer und Eis. Ein uraltes Gleichgewicht, zwischen dem eine riesige Schlucht klaffte, die wir Ginnungagap nennen«, begann er mit ruhiger Stimme zu erzählen. 
»War das eine große Schlucht?«, erkundigte sich Leif neugierig.
»Sie war so tief, dass man von oben nicht den Boden gesehen hätte. Auf der einen Seite grollten die Gletscher aus Niflheim ihr uraltes Lied, die andere Seite stellte das tosende Feuer von Muspellr dar. Dort, wo sie sich küssten, tropfte das erste Wasser in die Klamm. Eiszapfen, groß wie ein Drachenboot, ragten in die Tiefe.«
»Aber wo kommt das ganze Eis her?«
»Du bist ein aufgeweckter Junge. Stjarna hätte das gefallen. Also gut, ich werde es dir erzählen, wie meine Mutter es mir erzählte. Tief im Lande Niflheim gibt es eine uralte Quelle von unheimlicher Macht. Wir Nordmänner nennen sie Hvergelmir. Sie speist alle Gewässer dieser Welt. Elf Flüsse strömen durch das eiskalte Land und gefrieren im Laufe der Zeitalter im Ginnungagap. Doch das Feuer brachte das Eis zum Schmelzen. Tropfen für Tropfen plätscherte es in die Tiefe und formte ein Wesen von entsetzlicher Größe. Den ersten Riesen, der den Namen Ymir trug.« Knutson schaute seinen Sohn eindringlich an, um ihm zu verdeutlichen, dass die eigentliche Geschichte nun erst begann. 
»Und er war ganz alleine?«, Leif verzog traurig das Gesicht. »Er tut mir Leid.«
Der Nordmann lächelte verschmitzt. »Wer sagt denn, dass er das war? Denn auch ein Riese braucht etwas, um in dieser Schlucht bestehen zu können. Er nährte sich am Euter Audhumlas, um zu überleben. Die Mutter allen Lebens gab ihm die Kraft, die er brauchte. Ymir ging es so gut, dass er unwillentlich Leben hervorbrachte, wenn er schlief. Er schwitzte so stark, dass aus seinen Achseln ein Mann und eine Frau hervorgingen, die irgendwann mal das sein sollten, was wir jetzt sind.«
»Heißt das, ich komme auch aus dem Körper eines Riesen?«, Leif zuckte entsetzt zusammen. 
Knutson tätschelte ihm lachend den Kopf. »Keine Sorge, mein Sohn, du kommst aus deiner Mutter. Sie schenkte dir das Leben. Und so wie sie dir das Leben schenkte, schenkte Audhumla unseren ersten Göttern das Leben, indem sie Búri aus dem Eis befreite. Drei Tage lang leckte sie am Eis und befreite dadurch seinen gigantischen Körper. Er war ein Mann von solcher Pracht und Schönheit, dass er nur etwas göttliches erschaffen konnte. Sein Sohn nahm eine Riesin zur Frau und zeugte mit ihr drei Kinder. Einer davon war Odin, der Vater unserer Götter.«
»Aber wieso steckte er im Eis fest? Ist das nicht viel zu kalt?«, fragte Leif aufgeregt. Seine strahlenden Augen musterten seinen Vater voller Neugierde. 
»Nun, auch er war ein Riese. Also konnte er es vermutlich überleben«, erklärte Knutson nachdenklich. Sein Sohn stellte Fragen, über deren Antwort er noch nie nachgedacht hatte.
»Also gab es schon Riesen, bevor es überhaupt Götter gab? Was haben die Götter mit den Riesen gemacht? Waren sie Freunde?«, es sprudelte nur so aus Leif heraus. 
»Mitnichten«, Knutson hob tadelnd den Finger. »Obwohl sie als erste Lebewesen die Welt erblickten, galten die Riesen seit jeher als böse und gefürchtet. Ihr Eis brachte den Tod, genauso wie ihr Feuer. Traue nie einem Riesen, wenn du einem begegnest. Es ist dein sicherer Untergang.«
Leif versprach es. »Was haben die Götter denn mit ihnen gemacht?«, wollte er wissen. 
»Odin und seine Brüder, Vili und Ve erschlugen Ymir, formten aus seinem Blut das Meer und aus seinem Leib die Welt. Die Flut ertränkte alle Eisriesen, bis auf Bergelmir, der nach Jötunheimr floh, ein Land der ewigen Schneestürme, um dort der neue Stammvater der Reifriesen zu werden. Und so gab Ymir sein Leben, um etwas Neues beginnen zu lassen.«
»Das ist interessant«, grübelte Leif gedankenversunken. »Also verdanken wir nicht nur den Göttern, sondern auch den Riesen unser Leben. Aber alle finden, dass sie böse sind. Sind wir dann auch böse?«
Dieser Gedanke machte Knutson stutzig. Er wusste nicht genau, was er darauf erwidern sollte. »Möglicherweise haben die Riesen uns etwas gegeben, das uns in etwas Böses verwandelt. Surt, der Herrscher des Feuers, wird am Ende aller Tage die Götter herausfordern und über sie richten. Aber die Götter bekämpfen die Bosheit, wohin sie nur kommen.« Er tippte Leif auf die Brust. »Da drin kämpfen sie für dich, damit du etwas Gutes sein kannst. Also ehre sie dafür.«
»Mache ich gewiss, Vater. Versprochen«, der Junge gähnte ausgiebig. 
»Und jetzt wird geschlafen, keine Widerrede«, Knutson strich Leif durch das weiche Haar und pustete die Kerze aus, die den Raum bisher in ein flackerndes Licht getaucht hatte.
»Vater?«, drang es ein letztes Mal aus der Dunkelheit.
»Ja, mein Sohn?«
»Komm bald wieder nach Hause.«
»Ich verspreche es dir, Leif.« Dann schloss er die Tür hinter sich. 

Die ganze Nacht wälzte sich Knutson im Bett hin und her. Ein großer Riese stampfte um das Haus herum und brachte es dadurch allein beinahe zum Einsturz. Ihrer grollenden Stimme nach zu urteilen, musste es sich um eine Frau handeln, die ihn zu rufen schien. Ihre Macht war grenzenlos und sie herrschte über den Tod. 
Er wusste dies mit ebenjener Gewissheit, die ihm verdeutlichte, dass er in einem Albtraum gefangen war. Eine unsagbare Bosheit kroch in sein Herz und lähmte es mit schwarzem Gift. 
Dann vernahm Knutson noch eine weitere Stimme, brüchig und schwach, kaum mehr als ein kratzender Klagelaut. Stjarna!
Plötzlich riss die Riesin mit einem unsagbaren Beben das Dach vom Haus. 
Knutson spürte sein Herz rasen, es pochte so stark, dass es aus seiner Brust zu brechen drohte. Ein panischer Angstschrei erstickte in seiner Kehle. Wo ist Leif? Ich muss ihn beschützen! 
Er konnte sich nicht rühren. Er war nicht in der Lage jemanden vor Unheil zu bewahren. 
Dachbalken stürzten ihm entgegen und krachten zu Boden. Dann bäumte sich die Riesin über dem Haus auf, die eine Hälfte ihres Gesicht bestand nur aus fauligem Fleisch, das ihr allmählich vom Körper fiel. Ein totes und ein lebendiges Auge durchbohrten Knutson mit einem anklagenden Blick. In der anderen Hälfte des Gesichts erkannte er Ylvie, die hübsche Tochter des Jarls. 
Hunderte schwarze Krähen bedeckten den Himmel und sangen ein schrilles Lied der Verdammnis. Blitze zuckten über das Firmament. 
Knutson konnte die Seelen der Toten seinen Namen rufen hören. Endlich wich der Schrei aus seiner Kehle, der ihm bisher verwehrt geblieben war. Das Leben wich mit seinem Odem aus seinem Körper, hinterließ nur eine leere Hülle. 
Dann tauchte sich alles in Schwarz. 

Knutson fuhr jäh aus dem Schlaf. Kalter Schweiß rann an seinem Rücken hinab wie Gletscherwasser. Er tastete nach seinem Schwert und horchte. Draußen blieb es totenstill. Er vernahm nur das eindringliche Pochen seines Herzens, das seine Brust durchfuhr wie ein Schmiedehammer. Keuchend ließ er sich wieder ins Bett fallen. Durch die winzige Luke, die im Sommer etwas frische Luft in das Haus transportierte, konnte er erkennen, dass bald die Sonne aufgehen würde. 
Vorsichtig schlüpfte er in seine Stiefel und schlich sich in das Zimmer seines Sohnes.
Leif schlummerte den friedlichen Traum eines Kindes. Er schmunzelte leicht im Schlaf. 
Immerhin er kann diese Nacht genießen. 
Während Knutson zur See fuhr, würde der Junge bei Yilma bleiben. Die Kammerdienerin besaß ein geschicktes Händchen für den Jungen.
Im Stillen verabschiedete er sich von seinem Sohn und schwor ihm, bald nach Hause zurückzukehren. Durch unsere Adern fließt das gleiche Blut. Du wirst deine Eltern ehren und sie stolz machen. So wie ich versuche, meinen Sohn stolz zu machen. 
Er schloss leise die Tür und trat an die Truhe, wo er seine Ausrüstung bereithielt. Einen Rundschild, in dessen Rückseite ein Dolch verborgen lag, ein Helm mit Schutz für Nase und Augen und einen Lederharnisch, der schon etliche Male geflickt worden war. Schwere Rüstung behinderte einen Nord ohnehin viel zu sehr, denn sie mussten schnell zuschlagen und dann wieder verschwinden. Weite Strecken in Metall gehüllt zu rennen, war für die wenigsten Krieger wirklich zu schaffen. 
Nachdem er sich seine Ausrüstung angelegt hatte, schritt er hinaus. Nebel lag über den Dächern und die frische Luft war angenehm kühl. 
Noch herrschte eine trügerische Ruhe im Dorf, das sollte sich aber mit dem Voranschreiten der Sonne ändern.

Knutson schritt zu den Anlegestellen, wo die Drachenboote ruhten. Als er feststellte, dass über Nacht drei weitere Boote dazugestoßen waren, mutmaßte er, dass es sich dabei nur um die Schiffe des Magnar handeln konnte, die mit ihnen segeln würden. 
Er erspähte Hjalmaer auf einem von ihnen, neben ihm stand ein deutlich kleinerer Soldat, dessen Gesicht durch einen Helm verdeckt wurde. Für einen Augenblick gedachte Knutson, etwas bekanntes darin erkannt zu haben, doch er wollte nicht starren. 
Er hob die Hand zum Gruße und der Sohn des Magnar erwiderte ihn kurz, bevor er mit seinem Kameraden unter Deck verschwand. 
»Ob wir ihre Hilfe wirklich brauchen? Ich hoffe Islav weiß, was er tut«, drang plötzlich eine nur zu vertraute Stimme an Knutsons Ohr. 
Dieser drehte sich ruckartig um. Das konnte doch nicht sein? »Was machst du hier? Ich dachte du hütest die Fische, bis wir wieder zurück sind?«, zischte er seinem ehemals besten Freund entgegen.
Aegir hatte sich ebenfalls in seine Rüstung gehüllt, die aus vernieteten Ketten bestand, welche an Armen und Beinen mit Lederbändern umwickelt waren. Seinen Kopf schützte ein eindrucksvoller Helm und auf seinem Rücken heftete die todbringende Dänenaxt, die er schon in etlichen Schlachten geschwungen hatte. Aegir war einer dieser Männer, die es fertigbrachten, auch gepanzert zu marschieren. 
»Es freut mich zu wissen, dass du meinen Beistand schätzt. Doch ich bin nicht hergekommen, um mit dir zu streiten«, erwiderte der Riese.
»Ach nein? Deine bloße Anwesenheit ist Grund genug für Streit. Hast du nicht in jener metschweren Nacht gestanden, dass du nie wieder Hand an einen Christen legen würdest? Hast du deine Meinung wieder geändert oder bist du ein Heuchler?«
Bevor Aegir etwas erwidern konnte, schritt Islav mit ausgebreiteten Händen auf den Platz. »Da ist er ja, mein Sohn der in der Schlacht geboren wurde. Es freut mich, den tödlichen Riesen wieder an meiner Seite zu wissen.« Er marschierte geradewegs zwischen die beiden. »Warst du schon an Deck der Gerri? Ein prächtiges Schiff, das muss man Yorrick lassen. Selbst Magnar scheint beeindruckt. Mit ihr zu segeln ist ein Privileg. Eines, das ich dir gerne erteilen möchte. Kraft meines Amtes wirst du Knutsons Platz als meine Rechte Hand einnehmen. Knutson, du wirst die Donnermaid befehligen. Das Schiff wird mit den jüngeren Kriegern besetzt, sowie einer Handvoll Männer aus Ustenström.«
Der Nordmann merkte, wie in diesem Moment etwas in ihm zerbrach. 
»Aber Herr, ich kenne diese Leute nicht einmal«, versuchte er etwas zu erwidern. Das war das kleinste Schiff der Flotte. Wollte Islav ihn demütigen? Oder hatte Aegir seine Finger im Spiel? 
Knutson begann zu zittern vor Wut und er merkte, wie an seiner Schläfe eine Ader zu pochen begann. Nur mit Mühe schluckte er Worte herunter, die ihm nur zu leicht über die Lippen gekommen wären. 
Für einen Augenblick wanderte seine Hand gedanklich zu seinem Schwert.
»Du wirst sie kennenlernen. Magnars Männer sind mutig und kampferprobt und ich brauche jemanden, der sie zu nehmen weiß.« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch und immer mehr Männer fanden sich mittlerweile im Hafen ein. 
Ein Wutausbruch brächte wohl nur ungemütliche Konsequenzen mit sich. 
Knutson starrte Aegir mit einer blinden Bosheit an, dieser hatte einen undefinierbaren Gesichtsausdruck aufgesetzt. Fast so als quäle ihn etwas. 
Ich hoffe es frisst dich von innen auf, Freund.
Er verneigte sich steif vor dem Jarl und ließ sich entschuldigen. 

Die Donnermaid stellte das kleinste Schiff der Flotte dar, jede Seite bot Platz für fünfzehn Männer. Eine Kajüte gab es nicht. 
Als Knutson die Mannschaft in Empfang nahm, stellte er fest, dass er niemanden an Deck wirklich kannte, außer Snorri und fünf weiteren Jünglingen, die das erste Mal segelten. 
Der freche Bursche begrüßte ihn mit einem kecken Grinsen uns einem »Bereit wenn Ihr es seid, Kapitän.«
Und dann auch noch der. Thor vergelte es mir mit einem Blitz, wenn ich ihm nicht den Hals umdrehe!
Die restlichen Männer, die die Ruderbänke bemannen würden, stammten aus Ustenström. Derbe Kerle von harter Art und bis an die Zähne bewaffnet. Ob das gutgeht? Irgendwie bezweifelte Knutson das.
»Taue lösen, Segel bereitmachen, Ruderbänke bemannen!«, schrie er in alter Manier, während er zum Steuer trat, und seine Worte hallten wie ein Kriegsruf durch den Hafen. Zu seiner Überraschung gehorchten die Männer sofort. 
Dann löste sich die Donnermaid vom Steg und segelte, gemeinsam mit dem Rest der Flotte, aus der Skiringssaler Bucht heraus. Der Viking hatte begonnen!

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Das Paradies (3/4)

Das Paradies – Teil 3

»Wer sind Sie?«, fragte eine zaghafte Stimme von der Sitzgruppe her. Sebastian hatte überhaupt noch nicht bemerkt, dass dort jemand saß.
»Äh, ich … also … ich bin ein Gewinner der Lotterie«, sagte er und ging langsam auf den Sessel zu, von dem die Stimme gekommen war. »Man hat mir diese Suite zugewiesen. Mein Name ist Sebastian. Sebastian Passlicki.«
Er konnte jetzt sehen, dass in dem Sessel – zusammengekauert – eine Frau saß. Sie hatte die Arme um ihre Knie geschlungen und machte einen verstörten Eindruck.
»Sind Sie der andere Gewinner, den man mir angekündigt hat?«
Sie nickte.
»Ja, ich bin auch Gewinnerin. Ich heiße Nina Mommsen.« Sie schluchzte leise.
»Was ist denn los?«, fragte Sebastian besorgt. »Sollten Sie nicht eher glücklich sein? Wir werden morgen ins Paradies reisen.«
»Und wenn ich gar nicht nach Park möchte?«
»Sie wollen nicht weg von diesem Planeten?« Er breitete in einer ausholenden Geste seine Arme aus.
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich will und was nicht!«
Sebastian setzte sich ihr gegenüber in einen freien Sessel und betrachtete sie. Sie machte einen recht netten Eindruck und wirkte auch äußerst sympathisch auf ihn, wie sie da mit ihrem mittellangen Rock saß und ihre nackten Beine mit ihren Armen umfasste. Ihr Haar war blond und gepflegt, was entweder bedeutete, dass sie von der Oberfläche stammte oder dass sie über eine Menge Geld verfügte. Er schätzte sie auf höchstens Mitte dreißig. Eigentlich war Sebastian gar nicht mehr so ärgerlich, nicht allein in dieser Suite zu sein.
»Möchten Sie darüber reden?«, fragte er vorsichtig.
»Ich kenne Sie doch gar nicht.«
»Manchmal ist ja gerade das das Richtige«, meinte Sebastian. »Ich kann es eventuell unvoreingenommen anhören.«
»Möglicherweise haben Sie ja recht«, sagte Nina mit verweinter Stimme. »Ich habe einen Freund … nein, ich müsste sagen ich hatte einen Freund. Wir wollten versuchen, gemeinsam eine Teilzeitzelle zu mieten, um sie rund um die Uhr für uns allein zu haben. Leider reichte das Geld nie dazu. Also spielten wir in der Lotterie. Eigentlich versuchte er es damit, aber in der letzten Woche kam ihm etwas dazwischen und er bat mich, ein Los zu kaufen. Nun, wie Sie es sich denken werden, gewann dieses Los.«
»Und nun haben Sie das Problem, dass Sie ihn nicht mitnehmen können?«
»Das ist es doch überhaupt nicht!«, rief sie heftig aus. »Ich wollte nie reisen. Ich wollte mit ihm zusammen sein. Aber er regte sich so sehr darüber auf und warf mir vor, ihn zu übervorteilen. Hätte er das Los gekauft, würde es auf seinen Namen lauten und er könnte die Erde verlassen. Er hätte tatsächlich keine Hemmungen gehabt, ohne mich nach Park zu reisen, verstehen Sie? Wir haben uns entsetzlich gestritten und zuletzt hat er mich sogar geschlagen. Ich habe dann im letzten Moment das Los gegriffen und bin weggerannt. Ich höre immer noch seine Stimme, wie sie hinter mir her schreit, dass er mich umbringen würde, wenn er mich findet.«
Sebastian wusste nicht, was er darauf sagen sollte.
»Was hätte ich denn tun sollen?«, fragte Nina und die Tränen rannen ihr über die Wangen. »Ich bin losgelaufen und floh vor dem Mann, den ich geliebt habe, nach Park. Ich weiß doch nicht, was ich dort soll. Sagen Sie es mir: Was soll ich tun?«
Sebastian erhob sich, quetschte sich neben die Frau in den breiten Sessel und nahm sie tröstend in den Arm. »Erst einmal sollten Sie sich beruhigen. Wie es scheint, haben Sie in einen Mann geliebt, den Sie überhaupt nicht gekannt haben. Wenn er Sie ohne Zögern zurückgelassen hätte, hat er es nicht verdient, dass Sie wegen ihm weinen. Sie sollten viel mehr Wut auf ihn haben – eine sehr gerechte Wut.«
Der Körper in Sebastians Armen wurde allmählich ruhiger.
»Haben Sie denn – abgesehen von diesem Mann – noch etwas, dass Sie hier nicht zurücklassen können? Wenn nicht, dann sollten Sie einfach ins kalte Wasser springen. Was hätten Sie zu verlieren? Eine Teilzeitzelle in den Sub-Ebenen oder einen verdammten Job, der Ihnen stinkt? Oder haben Sie etwa hier oben gewohnt, an der Oberfläche?«
Sie schüttelte ihren Kopf, ohne sich aus seinen Armen zu lösen. »Wie kommen Sie darauf?«
»Ihre Haare – sie machen einen gepflegten Eindruck, wie ich ihn selten bei Frauen der unteren Etagen erlebt habe.«
Ihr Mund verzog sich zögernd zu einem verhaltenen Lächeln. »Ach das. Ich hasse es einfach, wenn meine Haare ungepflegt und verfilzt sind. Ich habe viel zu viel ausgegeben, um sie in Ordnung zu halten. Verrückt, nicht wahr?«
»Eigentlich nicht.« Sebastian schüttelte den Kopf. »Wo haben Sie denn gewohnt?«
»Sub-Ebene 27 und ich habe in den Algenfarmen gearbeitet. Alle paar Monate wurde ich krank wegen der Sporen von den Dingern. Ich reagiere allergisch darauf.«
»Sehen Sie? Und das müssen Sie nicht mehr machen. Ab morgen gibt es nur noch saubere Luft, Sonne, Strand, Erholung – eine Atmosphäre zum Glücklichsein. Haben Sie schon etwas gegessen? Ich könnte nämlich ein halbes Schwein vertilgen und man hat mir in der Kommandantur gesagt, wir wären berechtigt, uns zu bestellen, was immer wir wollen.«
Allmählich lösten sie sich voneinander und zum ersten Mal sah Sebastian Nina lächeln. Es war ein warmes, nettes Lächeln.
»Danke«, sagte sie und wischte sich die restlichen Tränen aus den Augenwinkeln. »Ich bin dumm, nicht wahr?«
»Wie kommen Sie darauf? Ich sehe eine unglückliche Frau und keine dumme – dafür allerdings eine sehr attraktive, wenn Sie so lächeln, wie eben.«
Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter. »Lügen ist keine Ihrer Stärken, was? Ich muss doch furchtbar aussehen, so verweint.«
»Daran kann man ja etwas ändern«, schlug Sebastian vor. »Ich denke, Sie gehen jetzt ins Bad, machen sich frisch und ich kümmere mich darum, dass wir hier auf der Erde einmal so richtig schlemmen können.«
Als Nina aus dem Bad zurückkam, musste er feststellen, dass sie nicht nur hübsch war, sondern eine regelrechte Schönheit. Unwillkürlich betrachtete er seinen eigenen Körper kritischer und nahm sich spontan vor, auf Park dafür zu sorgen, dass er besser in Form kam.
Der Abend entwickelte sich dann noch sehr harmonisch und sie lachten viel. Ein Problem stellte das Schlafzimmer dar, welches nur ein Doppelbett enthielt. Nachdem sie beide etwas befangen davor gestanden hatten, zog sich Sebastian auf die bequeme Couch zurück, wofür er von Nina ein dankbares Lächeln erntete.
Obwohl er nicht damit gerechnet hatte, schlief er bald ein und träumte von seiner Reise nach Park und davon, wie er mit Nina über einen schneeweißen Strand schlenderte, während die Sonne aus einem tiefblauen Himmel schien. Viel zu schnell wurde es Morgen und ein Signal weckte sie beide. Auf einem Wandmonitor erschien ein Techniker der Transmitteranlage und teilte ihnen mit, dass sie leider gezwungen seien, die geplante Reise leicht vorzuziehen.
Sebastian drückte die Antworttaste am Monitor und fragte, aus welchem Grunde diese Hektik erforderlich wäre.
»Wir haben erhöhte Sonnenaktivitäten registriert«, sagte der Techniker. »Wir werden die Reise innerhalb der nächsten Stunde durchführen, sonst müssen wir das Ende dieser Aktivitäten abwarten. Das kann eine Weile dauern. Die Abstrahlanlage befindet sich am Hinterausgang Ihres Wohnzimmers. Ich schlage vor, Sie machen sich frisch und legen die vorschriftsmäßige Reisekleidung an. Ihr Frühstück erhalten Sie dann bereits am Ziel. Was halten Sie davon?«
Nina war zu Sebastian getreten und sah ihn fragend an.
»Wir haben ja sicher keine andere Wahl, oder?«
»Nicht wirklich«, gab der Techniker zu. »Sonnenaktivität kann den überlichtschnellen Datenstrom schädigen und das wollen Sie nicht.«
Sebastian musste ihm Recht geben, also beeilten Sie sich, zu duschen und die unbequeme Reisekleidung anzulegen. Speziell bei Nina saß sie so schlecht, dass sie sich vorkam wie ein laufender Kleidersack. Sie verließen die Wohnung durch den Hinterausgang. Der Luxus der Suite wurde schlagartig durch die nüchterne Maschinerie der Reiseanlage ersetzt. Ein Heer von Technikern wuselte herum und beschäftigte sich mit für sie unerklärlichen Dingen. Sie wurden vermessen, gewogen, mit Scannern überprüft und anschließend einzeln in je eine Zelle geführt, deren Wände, Boden und Decke aus Spiegeln bestanden.
»Bleiben Sie entspannt und atmen Sie ganz normal«, ermahnte ein Techniker Sebastian. »Stehen Sie ruhig und bewegen sich nur so wenig wie nötig. Bei hektischen Bewegungen kann es schmerzen.«
»Was ist mit meinen privaten Sachen?«
»Werden nachgeschickt. Wir können kein Gepäck mit einem Menschen zusammen versenden. Wenn etwas schief geht, könnte es zu Vermischungen kommen. Das würden Sie nicht überleben.«
»Okay«, meinte Sebastian beunruhigt. Er hatte sich nie wirklich vorgestellt, was bei einem solchen Transport überhaupt geschah.
Der Techniker schloss die Zelle und er war allein. Ein Count-down auf einer der Spiegelwände zeigte ihm, wie lange es bis zur Abstrahlung noch dauerte. Als die Zahl auf Null sprang, blendete ihn ein greller Blitz und er hatte für einen kurzen Moment das Gefühl, in heißes Öl getaucht worden zu sein – dann war es vorbei. Er fühlte sich etwas schwach und kurzatmig. Als er sich umsah, erkannte er, dass er immer noch in einer Spiegelzelle steckte, doch schien es nicht dieselbe zu sein, denn er entdeckte einen feinen Sprung auf dem Boden, der vorher nicht da gewesen war. Auf einer der Wände blinkte das Wort »drücken«. Sebastian tat es und die Wand schwang zur Seite. Das Erste, was er fühlte, war schneidende Kälte, die den Gang erfüllte, in den er blickte. Er bestand aus roh behauenem Felsgestein und einige Leuchtelemente erhellten ihn notdürftig. Beim Ausatmen bildete sich kondensierender Dampf vor seinem Mund und sein Körper begann zu zittern. War etwas schief gegangen? Er zwang sich, weiterzugehen und hielt auf eine grobe Holztür zu, die er am Ende erkennen konnte. Schwer atmend und vor Kälte schon ganz steif, stieß er sie auf. Dahinter empfing ihn wohlige Wärme und ein Mann in einem karierten Arbeitshemd und mit einer jeansähnlichen Hose bekleidet, erhob sich von einem Stuhl, der neben einem kleinen Feuer stand.
»Hey, ein Neuankömmling!«, rief er. »Willkommen auf Park. Ich heiße William.«
William reichte Sebastian die Hand und drückte sie fest.
»Komm erst mal aus diesem bescheuerten Anzug heraus. Du holst dir ja noch den Tod.«
Dankbar nahm er von William warme Unterkleidung, ein zweckmäßiges Hemd, eine Hose und dicke Socken entgegen.
»Wegen der Schuhe müssen wir schauen. Die sollten genau passen, bevor wir die Station verlassen. Du hast Glück. Beim letzten Warentransport haben sie tatsächlich auch mal grobe, gefütterte Schuhe mitgeschickt. Mit Badelatschen könnte ich dich erschlagen. Du ahnst nicht, wie viel unbrauchbaren Kram die uns schicken.«
Sebastian blickte sich interessiert um. Alles machte einen primitiven und improvisierten Eindruck.
»Wo bin ich hier?«, fragte er. »Das kann doch nicht Park sein.«
»Und ob es das ist. Wir befinden uns in der Einwanderungskontrolle von Paradise City. Du wirst schon sehen, dass wir eine Menge Humor brauchen. Ich weiß allerdings, dass Ihr Neuen euch anfangs damit etwas schwertut. Ich bin ja bereits hier geboren und kenn die gute alte Erde nicht mehr. Nach dem, was man so hört, bin ich aber sicher, dass ich da nicht viel verpasst habe.«
In diesem Moment schwang die Tür wieder auf und eine vollkommen durchgefrorene Nina stolperte herein. Man konnte ihr ansehen, dass sie nicht glauben wollte, was sie sah.
»Soll das hier ein Witz sein? Wo sind die Strände? Was ist das für eine Scheißkälte?«
»Komm rein, mein Engel«, sagte William, der offenbar erfreut war, eine hübsche Frau zu sehen. »Wir haben es hier schön warm. Du suchst dir deine Größe aus dem Stapel der Sachen dort besser selbst raus, okay? Ich weiß ja, dass Ihr Mädels da etwas wählerischer seid. Aber ich muss dich vorwarnen: Das Angebot ist leider äußerst beschränkt.«
Nina blickte zwischen den beiden Männern hin und her. »Da muss doch irgendetwas schief gelaufen sein. Es müsste warm sein, hell … ein Paradies eben.«
»Nichts ist schiefgegangen«, erklärte William. »Ihr wolltet nach Park und dies hier ist Park. Allerdings hat man euch ein kleines Bisschen verarscht, was die Lebensumstände angeht, mit denen wir es zu tun haben.«
»Was soll das heißen?«, fragte Sebastian.
»Also ich denke, man hat euch saubere, klare Luft versprochen«, meinte William lächelnd. »Keine Umweltverschmutzung und nicht diese Überbevölkerung, wie auf der Erde. Ich kann euch versichern: Das alles gibt es hier wirklich nicht. Leider erschöpfen sich damit auch die Wahrheiten, die man euch erzählt hat.«
»Könnten Sie langsam auf den Punkt kommen?«, fragte Sebastian ungeduldig. Nina nickte zustimmend.
»Ach, was soll ich es lang erklären«, sagte William. »Zieht die warmen Sachen an, dann bringe ich euch nach Paradise City zum Bürgermeisterbüro. Heute kommt sowieso niemand mehr an.«
Schweigend und in ihre eigenen Gedanken vertieft, zogen sie die dicke Kleidung an und probierten einige Schuhe, bis sie etwas Passendes gefunden hatten. William ließ ihnen Zeit und reichte am Schluss noch warme Mützen mit Ohrenklappen.
»Fertig?«, fragte er. »Dann kann es ja losgehen.«

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Der letzte Teil dieser Geschichte erscheint am 19.01.2019

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Das Paradies (2/4)

Das Paradies – Teil 2

Sebastian las diesen Absatz immer wieder, doch sein Inhalt veränderte sich nicht. Er würde nach Park reisen können – ins Paradies. Noch vor ein paar Stunden hatte er mit Bernd darüber diskutiert, dass es ihm überhaupt nicht darum ginge, von der Erde wegzukommen, nun hatte er tatsächlich die Möglichkeit dazu. Wie sollte er sich entscheiden? Was hielt ihn hier auf diesem verrottenden Planeten? Eigentlich nichts.
Überdeutlich nahm er die bedrückende Atmosphäre seiner Zelle wahr. Er befand sich im 31. Tiefgeschoss einer Stadt, deren Ebene 0 er erst einmal in seinem Leben mit eigenen Augen gesehen hatte. Es gab keine Fenster, die Luft war ein Dutzend Mal aufbereitet, bevor sie über die Ventilation der Tiefebenen verteilt wurde. Das Wasser war stets lauwarm und stank. Bevor man es trinken konnte, musste es gründlich abgekocht werden. Dann war da der Dreck. Dieser allgegenwärtige, schmierige, immer leicht feuchte Dreck überall in seiner Zelle. Man konnte nicht dagegen anputzen. Und Privatsphäre? Hatte es für ihn jemals so etwas gegeben? Die Teilzeitzelle war an sich der pure Luxus eines Normalbürgers. Als er noch jünger war, lebte er in einer Gemeinschaftsunterkunft in der 38. Tiefebene. Doch jetzt könnte er diesem Sumpf endgültig entkommen.
Fünfzehn Kilo könnte er mitnehmen! Er stellte fest, dass er sich entschieden hatte. Er würde nach Park gehen und er würde niemandem etwas sagen. Er würde einfach verschwinden …, wie Bernd es tun würde.
Schnell packte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen und wusste nicht einmal, wie er das zulässige Gewicht von fünfzehn Kilo Gepäck überhaupt zusammenbekommen sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, passte in eine große Sporttasche hinein.
Jetzt, wo die Entscheidung getroffen war, konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er blickte sich ein letztes Mal in seiner Zelle um. Sollte Karl doch glücklich werden damit!
Er griff seine Tasche, steckte die Gewinnbenachrichtigung ein und verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzublicken.
In den Gängen herrschte noch immer die gleiche Enge, wie vorher, als er von der Arbeit nachhause gekommen war. Ständig wurde er von unbekannten Menschen angerempelt, murmelte unverständliche Entschuldigungen oder schimpfte, wenn ein gar zu energischer Passant ihn anstieß. Als er vor den Aufzügen wartete, zog er die Folien aus seiner Tasche und las sie noch einmal, während er sie mit seiner Hand abschirmte, damit niemand sonst sie lesen konnte.
Expresslift stand dort. Er sollte mit dem Expressaufzug in die dritte Etage fahren. In die Dritte! Das bedeutete über der Erde!
Zögernd drückte er auf den Rufknopf des Expresslifts, worauf ihn einige der übrigen Wartenden interessiert musterten. Die ungerechtfertigte Benutzung der Sondereinrichtungen stand unter Strafe.
Als sich die Tür des Aufzugs öffnete, befanden sich nur zwei Wachen darin, die ihn mürrisch ansahen.
»Haben Sie diesen Aufzug gerufen?«, fragte einer der beiden. »Ich will sofort Ihren Chip sehen und ich garantiere, dass Sie es bereuen werden, wenn Sie keinen triftigen Grund hatten.«
Stumm hielt Sebastian ihnen seinen Unterarm hin und ließ es zu, dass die Wachen ihn scannten.
»Normalbürger?«, fragte der andere. »Das soll wohl ein Scherz sein, was? Sie wissen doch genau, dass Ihnen diese Einrichtung nicht zur Verfügung steht.«
Ohne ein Wort zog er die Gewinnbenachrichtigung aus der Tasche und zeigte sie den beiden. Erst wanderten ihre Augenbrauen nach oben, dann änderten die Männer ihre Haltung vollständig.
»Verzeihen Sie, aber das haben wir nicht gewusst. Es dauert in der Regel immer ein paar Stunden, bis wir Nachricht vom Ergebnis der Auslosungen bekommen. Sie sind früh dran. Kommen Sie, wir bringen Sie nach oben.«
Für Sebastian war es bereits jetzt, als betrete er eine andere Welt. Die Kabine wirkte peinlich sauber und lief vollkommen lautlos in ihren Schienen. Wäre nicht ein leichter Andruck gleich zu Beginn gewesen – er hätte nicht gewusst, dass er sich nach oben bewegte. Niemand sprach ein Wort und er wagte es nicht, den Blick einer der Wachen zu suchen. Zu sehr war er durch die Jahre in den Sub-Ebenen darauf geprägt, sich als Normalbürger minderwertig zu fühlen.
Ein Glockenton kündigte an, dass die Kabine ihr Ziel erreicht hatte. Einer seiner Begleiter drückte auf einen Knopf und die Aufzugtüren öffneten sich für ihn in eine neue Welt. Das grell hereinflutende Licht ließ ihn seine Augen zusammenkneifen. Sie waren nicht an eine solche Lichtfülle gewöhnt.
»Wollen Sie nicht aussteigen?«, fragte die Wache freundlich. Sein Status schien durch die Gewinnbenachrichtigung in ihren Augen gestiegen zu sein.
»Oh, natürlich«, stammelte Sebastian und machte einen unbeholfenen Schritt nach vorn.
Die Wache hielt ihn am Oberarm und verhinderte so einen Sturz.
»Herzlichen Glückwunsch noch zu Ihrem Gewinn«, sagte er. »Ich spiele selbst seit Jahren in der Lotterie, aber es ist nie mehr als ein winziger Geldgewinn dabei herausgekommen. Sie glauben nicht, wie ich Sie um ihre Reise beneide.«
Als er Sebastians ratlosen Gesichtsausdruck bemerkte, zwinkerte er ihm zu und fügte hinzu: »Eines Tages werde ich auch nach Park reisen. Ich habe das so im Gefühl. Halten Sie mir dann einen Platz an einem der Strände frei, okay? Machen Sie es gut. Die Mädchen auf Park sollen ausnehmend hübsch sein …«
Sebastian nickte dem Mann zu und hob noch ein letztes Mal grüßend die Hand, dann machte er den entscheidenden Schritt und betrat den oberirdischen Teils des Gebäudes. Es war ein nüchterner, aber sauberer Flur mit einem echten Fenster auf der gegenüberliegenden Seite, durch welches das Licht der Sonne aus einem trüben Himmel hereinschien. Bis an den Horizont reichten Hochhäuser und Industrieanlagen und der Himmel war erfüllt von unzähligen Fliegern, die teilweise so eng aneinander vorbeiflogen, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie nicht zusammenstießen.
Die Welt außerhalb des Gebäudes war zwar deutlich heller als in den Sub-Ebenen, jedoch nicht wirklich schöner. Dennoch stellte allein der Anblick der Sonne bereits eine Offenbarung für ihn dar.
»Herr Passlicki?«, schreckte eine volltönende Frauenstimme ihn aus seinen Betrachtungen. Sie gehörte der nicht minder angenehmen Erscheinung einer jungen Frau in einem dunkelblauen Hosenanzug. Sie deutete mit der Hand, ihr zu folgen und übernahm gleich die Führung.
»Ich bringe Sie jetzt zum Büro für Ausreiseangelegenheiten, wo man die letzten Formalitäten erledigen wird. Als Gewinner des Hauptgewinns der Lotterie haben Sie selbstverständlich Anspruch darauf, bevorzugt abgefertigt zu werden.«
»Ich dachte, es gäbe nur diese Lotterie, um nach Park zu gelangen?«, wunderte sich Sebastian. »Ihren Worten entnehme ich, dass es durchaus andere Möglichkeiten gibt, die langwieriger sind. Habe ich Sie da richtig verstanden?«
Die Frau lachte hell auf. »Natürlich gibt es die. Wie stellen Sie es sich denn vor, wie es auf diesem Planeten zugehen sollte? Irgendwer muss auch die Anlagen für die Versorgung bedienen und für die reguläre Bevölkerung sorgen, oder finden Sie nicht? Bei diesen Arbeitskräften handelt es sich oft um Spezialisten und sie rekrutieren sich aus besonderen Ausbildungsschichten. Da diese Menschen allerdings nicht den Hauptanteil der Reisenden ausmachen, wird das gern unter den Teppich gekehrt. Aber da Sie ja ein Lotteriegewinner sind … durfte ich Ihnen diese Information sicherlich geben. Sie können sich vorstellen, dass es zu einer wahren Flut von Anträgen käme, wenn das bekannt würde. Bei der derzeitigen Lage auf der Erde könnte es zu Unruhen kommen.«
Sebastian sah sie irritiert an.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Passlicki«, sagte sie und winkte mit der Hand ab. »Sie als Gewinner sollten das Paradies genießen, wie es ist.«
»Und Sie?«, fragte Sebastian. »Macht es Sie nicht verrückt, ständig Menschen zu sehen, die der Erde den Rücken kehren dürfen?«
Ihre Miene wurde schlagartig ernst.
»Ja es macht mich verrückt«, sagte sie leise, »aber es werden niemals ganze Familien geschickt. Ich müsste alles zurücklassen, was mir etwas bedeutet. Meinen Gefährten, die Kinder … Verstehen Sie? Ich würde nicht einmal gehen, wenn ich es dürfte …«
Sie erreichten eine Tür, an der »Kommandantur für Ausreiseangelegenheiten Park« angeschlagen war. Sie öffnete ihm die Tür und wies hinein.
»Viel Glück im Paradies«, sagte sie und wandte sich schnell ab. Sebastian hatte das Gefühl, dass es ihr deutlich schwerer fiel, als sie es sich selbst eingestand.
»Ah, unser Gewinner!«, rief ein kahlköpfiger, untersetzter Mann mittleren Alters und erhob sich hinter seinem Schreibtisch, kam zu ihm herum und schüttelte heftig Sebastians Hand.
»Es ist mir immer wieder eine Freude, einen glücklichen Menschen zu verabschieden. Sie freuen sich doch, oder etwa nicht?«
»Äh, natürlich.«
»Ich wusste es! Nehmen Sie Platz, Herr … Passlinski!«
»Passlicki!«
Er blickte kurz auf seine Unterlage.
»Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich möchte Sie auch nicht lange aufhalten, müssen Sie wissen. Sie werden Ihre Reise ja bereits morgen Vormittag antreten und da will ich Ihnen nicht den Genuss unserer Suite für Lotteriegewinner vorenthalten. Haben Sie Ihre Papiere dabei?«
»Papiere?«, wunderte sich Sebastian. »Ich trage ein Chipimplantat, wenn Sie das meinen.«
»Oh, das ist noch besser. Reichen Sie mir bitte Ihren Arm.«
Sebastian schob den Ärmel seiner Jacke nach oben und hielt ihn dem Mann, der sich ihm gegenüber nicht vorgestellt hatte, hin. Mit einem Handscanner prüfte er seine Identität.
»Au!«, rief Sebastian, als er einen schmerzhaften Stich spürte.
»Mein Fehler!«, entschuldigte sich der Mann. »Die Entfernung der Chips ist oft mit einem kleinen Schmerz verbunden.«
»Entfernung der Chips?«
»Natürlich! Im Paradies benötigen wir solche Kontrollmechanismen nicht mehr. Haben Sie noch Geld dabei? Das müsste ich nämlich hier ebenfalls einziehen. Auf Park verwendet man kein Geld. Sie werden schon sehen …«
Schweren Herzens übergab Sebastian ihm seine hart erarbeiteten Ersparnisse. Der Mann zählte es durch.
»Gibt es jemanden, dem Sie diesen Betrag zugutekommen lassen wollen? Es ist üblich – Sie brauchen mir nur angeben, wen Sie bedenken möchten.«
Sebastian kam sich schon seit seiner Ankunft wie in einem Traum vor. Er war überhaupt nicht mehr in der Lage, zu begreifen, was um ihn herum geschah. Fast automatisch schrieb er Bernds Namen und Anschrift auf das Formular. Sollte sein alter Kollege seine »Reichtümer« erben, während er ins Paradies reiste.
»Von hier aus bringen wir Sie in die Gewinner-Suite. Sie dürfen dort sämtliche Einrichtungen benutzen. Alles ist frei – natürlich … Sie können sich zu Essen und Trinken bestellen, was immer Sie wünschen. Sie dürfen sogar ein Bad nehmen und dazu frisches Wasser verwenden. Da wäre nur eines …«
»Und was?«, fragte Sebastian, der die ganze Zeit über nach einem Haken an der Sache gesucht hatte.
»Sie werden diese Suite nicht allein nutzen können. Wir besitzen nur diese eine Suite, aber diesmal zwei Gewinner. Es gibt Platz genug, Sie sind eben nur nicht allein. Vielleicht ist es Ihnen aber auch recht, wenn Sie einen Gesprächspartner haben, der – wie Sie – ebenfalls nach Park reisen wird.«
Sebastian war nicht begeistert von dieser Aussicht, doch im Grunde war er ja gewohnt, Wohnraum mit jemandem teilen zu müssen. Der Leiter der Kommandantur verabschiedete Sebastian und wünschte ihm noch einmal alles Gute und viel Glück in der neuen Heimat. Dann schob er ihn auf den Flur hinaus, wo ihn die junge Frau, die ihn hierher geführt hatte, bereits erwartete.
Die Suite lag in einem vollkommen anderen Stadtteil und die Fahrt dorthin legten sie in einer Rohrbahn zurück, die im Gegensatz zu denen in den Sub-Ebenen über Fenster verfügte. Die Entfernung zum Ziel war groß. Die Wohn- und Verwaltungsanlagen ließen sie weit hinter sich und sie durchquerten weitläufige Industriekomplexe und Fertigungsanlagen. Mitten in diesen Anlagen kam die Bahn zum Stehen.
»Hier sind wir richtig?«, fragte er seine Begleiterin.
Sie nickte.
»Das ist bereits der Transmitterkomplex. Von hier aus werden Sie morgen Ihre Reise antreten. Die Suite befindet sich ebenfalls in diesem Gebäude, aber keine Angst: Sie ist wirklich sehr komfortabel.«
Sie liefen nur noch einige Schritte, bis sie den Eingang erreicht hatten. Dort verabschiedete sie ihn endgültig und ließ ihn allein vor der Tür stehen. Zögernd klopfte er an. Als sich niemand meldete, drückte er gegen den Öffner und sie sprang auf.
Er stand in einer geräumigen Diele, die einem Bewohner der Sub-Ebenen als absolute Platzverschwendung erschien. Es zweigten einige Räume ab, deren Türen verschlossen waren. Sebastian schaute der Reihe nach hinein und entdeckte ein riesiges Badezimmer mit echten Fliesen an den Wänden, einer Badewanne und zusätzlich einer luxuriösen Dusche. Im nächsten Raum befand sich ein großes Doppelbett und es gab sogar noch eine Menge ungenutzten Platz darum herum, was ihm fast unvorstellbar erschien. Der Gipfel hingegen war das eigentliche Zimmer, das ihm wie ein Ballsaal vorkam, wie er ihn sich jedenfalls vorstellte. Es gab eine Fensterwand, die den Blick auf eine gigantische Fabrik frei gab. Davor stand eine bequem aussehende Sitzgruppe mit einem niedrigen Tisch. Ein Stück davon entfernt gab es einen normalen Tisch mit echten Holzstühlen darum herum. An der Wand stand ein riesiger Kühlschrank. Er konnte sich an all den Luxusgütern nicht sattsehen.

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Die Geschichte wird am 12.01.2019 fortgesetzt.

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Das Paradies (1/4)

Das Paradies – Teil 1

»Lange werde ich nicht mehr hier sein.«
Sebastian drehte sich um und sah seinen Partner spöttisch an. Bernd fing immer wieder davon an und merkte überhaupt nicht, wie sehr er allen damit auf die Nerven ging.
»Natürlich. Vermutlich gewinnst du gleich heute die Lotterie und machst dich auf den Weg ins Paradies.«
»Genau das werde ich«, sagte Bernd. »Und wenn es so weit ist, werde ich mich nicht verabschieden. Ich werde einfach gehen, das schwöre ich dir. Während ihr noch hier in diesem Loch schuftet, sehe ich die Sonne und lasse mich verwöhnen. Überhaupt: Wenn du das alles so skeptisch siehst – wieso spielst du denn in der Lotterie?«
»Müssen wir diese Diskussion immer wieder führen?«, fragte Sebastian vorwurfsvoll. »Ich bin zwar sicher, dass sie uns dadurch unseren mühsam verdienten Lohn nur aus der Tasche ziehen, aber vielleicht gewinne ich ja doch etwas Geld, damit ich mir wenigstens eine eigene Zelle für mich alleine leisten kann. Diesen Hauptgewinn will ich doch gar nicht. Gut, wenn es mich träfe, würde ich mich nicht dagegen wehren, aber in erster Linie will ich ein kleines bisschen Privatsphäre kaufen können.«
»Siehst du Seb, darin unterscheiden wir uns. Bei mir heißt es ›ganz oder gar nicht‹. Ich will hier weg. Wenn ich allein diesen Scheißjob betrachte: Kanalreinigung in der vierzigsten Sub-Ebene. Weißt du, wann ich zum letzten Mal das Tageslicht gesehen habe? Ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern. Und mach dir nichts vor: Ist man einmal hier unten gelandet, ist das auch das Ende der Karriere.«
Sebastian lachte humorlos auf. »Von welcher Karriere redest du denn? Von der Normschule direkt in die Sub-Ebenen? Das ist keine Karriere. Sieh es doch von der positiven Seite. Wir haben zumindest Arbeit. Okay, wir stehen zehn Stunden am Tag mit unseren Stiefeln im Brackwasser und sehen nur das, was uns unsere Helmlampen zeigen, aber wir haben ein Einkommen. Wir haben eine Teilzeitzelle und können uns die Standardrationen leisten.«
»Ich könnte kotzen, wenn ich dich so höre!«, ereiferte sich Bernd. »Ist es das, was du unter Leben verstehst? Die Erde ist im Arsch, mein Freund. Die einzige Chance, die wir haben, ist, von hier zu verschwinden. Ist das für dich etwa kein Engelsgesang, wenn dir einer erzählt, du dürftest auf diese neue Welt – Park? Stell dir vor: Saubere Luft, Sonne, echtes gewachsenes Gemüse und Obst. Es muss ein Paradies sein. Ich habe in meiner Zelle Fotos davon. Ich will da hin.«
»Fotos? Bist du sicher? Ich habe noch nicht gehört, dass Nachrichten von dort zurückgekommen sind. Ist zu weit weg. So ein Foto wäre jahrelang unterwegs und so lange läuft die Besiedelung von Park noch nicht. Das muss ein Fake sein.«
Bernd winkte ab. »Du wirst mir das nicht schlecht reden. Irgendwie müssen sie doch Feedback vom Ziel bekommen. Auf jeden Fall weiß ich genau, dass ich dort hin will.«
»Ich weiß nicht«, sagte Sebastian. »Hast du gehört, was sie mit denen machen, die nach Park dürfen? Sie stecken sie in diese neuartige Transmitterzelle. Wer garantiert dir, dass das nicht ein gewaltiger Schwindel ist und man die Leute einfach beseitigt? Die Erde hat 36 Milliarden Einwohner. Es heißt zwar, der in der Zelle zerstrahlte Körper käme am Ziel vollständig aus dem Empfänger, aber weiß man ‘s wirklich?«
Bernd war einen Moment lang nachdenklich, dann entspannte sich seine Miene. Er lächelte.
»Fast hättest du mir einen Bären aufgebunden, Seb. Mich bringst du nicht davon ab. Ich werde dir eine Gruß-Mail schicken, wenn ich auf Park in der Sonne liege.«
»Ja klar! Und wann soll die hier ankommen? Wenn ich alt und grau geworden bin?«
Bernd verzog das Gesicht und reckte ihm den ausgestreckten Mittelfinger entgegen.
Sebastian hatte keine Lust mehr, weiter auf diesem Thema herumzureiten. Seit Jahren schon gab es diese dumme Lotterie und der Hauptgewinn war stets eine Reise nach Park, dem Paradiesplaneten. Hier unten im Dunkel der Tiefebenen konnte man sich kaum vorstellen, dass es weiter oben noch wirkliche Wissenschaft und Fortschritt geben sollte. Aber man hatte es tatsächlich geschafft, ein Gerät zu entwickeln, das in der Lage war, materielle Körper über eine unvorstellbar weite Entfernung zu einem speziellen Empfänger zu senden, den das erste Fernraumschiff vor etlichen Jahren auf dem Planeten Park abgesetzt hatte. Es war die allererste Expedition gewesen – und gleich ein Volltreffer. Weitere hatte es leider nicht gegeben, da man sich die immensen Kosten solcher Raumschiffe nicht mehr leisten konnte. Seit es die Transmitterstrecke nach Park gab, waren schon Tausende von Menschen dorthin gereist. Der einzige bekannte Haken bei der Sache war die Tatsache, dass es eine Einbahnstraße war, doch wer käme freiwillig von einem paradiesischen Planeten auf die Hölle der Erde zurück? Sebastian konnte diese Gedanken nicht aus seinem Kopf verbannen. Dieses ständige Aufwärmen dieses Themas durch Bernd brannte es förmlich in seinen Schädel ein.
»Weißt du, was du nach der Arbeit machst?«, fragte Bernd, als sie gemeinsam unter der Dusche in ihrer Basis in der 39. Sub-Ebene standen.
Das Wasser roch, wie üblich, etwas muffig und war nur lauwarm. Um den Gestank des Abwasserkanals loszuwerden, brauchte es eine gehörige Menge an Duftseife, die es leider nur all zu selten in dem Laden in der 34. zu kaufen gab.
»Ich schlage mir gleich meine Ration in den Bauch und schaue ein wenig Vid. Zu mehr reicht es heute nicht. Ich bin total fertig.«
»Ich habe ein Sixpack Synthi-Bier«, sagte Bernd. »Sogar mit Alkohol. Kann ich dich damit locken? Dann wären wir wenigstens nicht allein.«
»Danke Bernd, aber heute nicht, ok? Ich denke, dass ich früh schlafen gehe – wenn dieser blöde Mitmieter weg ist.«
»Ist es immer noch dieser Kotzbrocken?«
Bernd nickte. »Genau der. Wenn ich nur etwas mehr Geld hätte, würde ich ihn auszahlen und vor die Tür setzen.«
Sie trockneten sich ab, zogen sich an und verabschieden sich. Bernd nutzte eine Teilzeitzelle in der 37. Sub-Ebene, während Sebastian in der 31. Sub-Ebene wohnte, außerdem in einer anderen Richtung.
Sebastian zwängte sich durch die engen Gänge der Ebene an unzähligen Bürgern vorbei zur nächsten Rohrbahn. Sie war um diese Zeit brechend voll und nach wenigen Minuten fühlte er sich bereits genauso verschwitzt wie vor dem Duschen. Die Luft im Waggon roch verbraucht und stickig, aber die Ventilation sprang trotzdem nicht an. Nach kurzer Fahrt verließ er die Bahn und kletterte in einen der Aufzüge für Normalbürger, in denen es nicht viel anders aussah als in der Bahn. Im 31. verließ er die Liftkabine und quetschte sich in die überfüllten Gänge seiner Wohnebene. Die Beleuchtung war wieder einmal defekt und alles nur schwach und diffus ausgeleuchtet.
Er war froh, als er endlich die Ziffern 31-2356-654X entdeckte, die seinen Wohnblock kennzeichneten. Hier bewohnte er eine Teilzeitzelle. Richtige Wohnungen gab es schon lange nicht mehr – jedenfalls nicht für Normalbürger der Sub-Ebenen. Eine Zelle bestand aus einem Schlafbereich mit einem großen Bett, einem Aufenthaltsbereich mit Vid, ausfahrbahrem Tisch, Kom-Konsole und einem Sessel. Dann gab es noch ein winziges WC und die kombinierte Kühlmikrowelle. Mehr gab es nicht und auch das musste er sich mit einem Mitbewohner teilen, der die Zelle nutzte, solange er selbst auf der Arbeit war.
Sebastian blickte auf seine Armbanduhr – das Geschenk einer Freundin, von der er sich vor Monaten getrennt hatte. Erleichtert stellte er fest, dass sein Teilzeitkollege Karl längst weg sein musste. Automatisch gab er den Berechtigungscode ins Zutrittsterminal ein, worauf sich der Eingang quietschend öffnete. Das Erste, was er registrierte, war die Tatsache, dass das Licht im Innern bereits brannte. Er trat ein und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Die Luft war warm und stickig, obwohl die Ventilation leise rauschte, also war die Luftaufbereitung wieder einmal defekt. Der Tisch im Aufenthaltsraum war herausgefahren und es standen zwei leer gegessene Rationsschalen darauf. Erst jetzt vernahm er das verhaltene Stöhnen aus dem Schlafraum. Überall lagen Kleidungsstücke verstreut, wovon einige unzweifelhaft einer Frau gehörten. Ein Blick ins Bett zeigte ihm, dass Karl ganz und gar nicht verschwunden war, sondern sich äußerst konzentriert mit einer Frau beschäftigte, die nackt in seinem Bett lag. Beide schreckten hoch, als sie ihn entdeckten.
»Verdammt, Seb!«, fuhr Karl ihn an. »Du siehst doch wohl, dass ich beschäftigt bin, oder? Findest du es etwa toll, uns zu stören?«
Sebastian spürte, wie der Ärger in ihm hochstieg, wie eine Welle.
»Karl, du bist ein Teilzeitmieter – genau wie ich! Du hast jetzt hier nichts verloren. Die Zelle gehört für die nächsten Stunden mir und es ist mir scheißegal, ob du zum Schuss gekommen bist, oder nicht. Nehmt eure Klamotten und verpisst euch. Das ist schon das dritte Mal, dass ich dich während meiner Nutzungszeit antreffe.«
»Hab dich nicht so, du Spielverderber. Was soll Milena von dir denken?«
»Deine Milena ist mir absolut gleichgültig! Ich will, dass ihr verschwindet, und zwar sofort. Ich gebe euch drei Minuten, bevor ich die Ordnungskräfte rufe.«
»Ist ja schon gut«, knurrte Karl und wälzte sich von der Frau herunter.
Sie richtete sich auf und bedeckte ihre Blöße. Sebastian konnte sehen, dass ihr die ganze Situation unsagbar peinlich war, doch er blieb hart. Karl nahm sich immer wieder das Recht heraus, seine Nutzungszeit zu überziehen, doch er brauchte seine Ruhe. Er zog sich in den Küchenbereich zurück und warf die Reste von Karls Ration in den Müllschacht. Hinter ihm huschte die Frau vorbei und hastete aus der Wohnung. Karl hatte sich eine speckige, alte Hose übergezogen und stand mit bloßem Oberkörper in der Tür.
»Darüber reden wir noch!«, blaffte er.
»Ich denke nicht. Du weißt genau, dass ich im Recht bin. Ich habe mein Geld nicht gestohlen und meinen Schlaf brauche ich auch.«
Mit einer bestimmenden Handbewegung deutete er auf die Tür.
»Und jetzt verschwinde!«
Mit einem wütenden Knurren griff Karl nach einer schmutzigen Jacke und zog sie über seinen nackten Oberkörper, trat ohne ein weiteres Wort auf den Gang hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Sebastian atmete erst einmal tief durch, als er die kleine Zelle endlich für sich allein hatte. Mürrisch blickte er sich um. Karl hatte überall seine Sachen ausgebreitet. Nie räumte er etwas weg oder machte sauber. Ein Blick auf das Bett ließ ihn angewidert das Gesicht verziehen. Mit einem Ruck riss er das Einmal-Bettzeug herunter und warf es in den Müll. Überall begegnete ihm Dreck und Unrat.
Als ein leiser Glockenton erklang, hob er überrascht den Kopf. Er hatte noch nichts in der Mikrowelle erwärmt, also musste es das Kom-Element sein. Ein Blick auf das blinde, zerkratzte Display sagte ihm, dass er Post erhalten hatte. Er bekam nie Post, außer, wenn es sich um Zahlungsaufforderungen handelte. Müde ließ sich Sebastian auf den Sessel vor dem Tisch fallen und schob die Tischplatte etwas in die Wand zurück, um besser an das Kom-Element heranzukommen. Er drückte auf die Annahmetaste und sah auf den Bildschirm. Er musste sich anstrengen, um auf dem farbstichigen Display etwas erkennen zu können.
Es war eine Mitteilung der Lotteriegesellschaft. Kurz dachte er nach, ob vielleicht sein Konto beim Kauf des letzten Loses keine Deckung aufgewiesen hatte, doch war er sicher, dass das nicht der Fall sein konnte.

»Sehr geehrter Herr Passlicki«, stand dort geschrieben. »Zu unserer großen Freude dürfen wir Ihnen mitteilen, dass Ihr Los bei der aktuellen Ziehung der Lotterie gezogen worden ist. Um Ihren Preis in Empfang nehmen zu können, legitimieren Sie sich bitte durch ihr Chipimplantat. Im Anschluss ergeht ein Druckauftrag an ihre Kom-Einheit. Bitte lesen Sie sich die Anweisungen und Hinweise auf dem Ausdruck genau durch.
Wir gratulieren Ihnen zu Ihrem Gewinn.«

Minutenlang starrte Sebastian auf diesen Text. Er hatte noch nie etwas gewonnen. Sollte die Mitteilung tatsächlich echt sein? Würde sich sogar sein Traum erfüllen und er könnte Karls Anteil an dieser Zelle aufkaufen? Es wäre zu schön, um wahr zu sein. Ein leiser Glockenton erinnerte ihn daran, dass das Terminal auf eine Eingabe von ihm wartete. Nervös hielt er seinen Unterarm mit dem Chipimplantat an das Erfassungsgerät. Ein Quittungston zeigte an, dass er gescannt worden war. Einen Moment später begann der Drucker seiner Kom-Einheit zu summen. Sebastian betete, dass noch genügend Folien im Gerät steckten und der Prägekopf nicht wieder klemmte. Er hatte Glück.
Einen Augenblick später fielen die Ausdrucke aus dem Auswurfschacht und er nahm sie in die Hand. Hastig überflog er die Seiten und suchte nach dem Betrag, der ihm zustehen würde, doch nirgends konnte er ihn finden. Er begann von neuem, den Text zu lesen:

»Gewinnbenachrichtigung.
Sebastian Passlicki, im Folgenden Gewinner genannt, wurde bei der aktuellen Ziehung der Lotterie – Auslosungsnr. 356/22134-65000 – als Hauptgewinner ermittelt.
Gegen Vorlage dieser Gewinnbenachrichtigung wird dem Gewinner das Recht eingeräumt, mit maximal fünfzehn Kilo Gepäck die Reise zum Planeten Park anzutreten. Dieses Recht ist nicht übertragbar und muss innerhalb einer Frist von sieben Tagen beansprucht werden. Nicht eingelöste Lose verfallen nach Ablauf der Frist. Eine alternative Abgeltung in Form von Geld kann nicht erfolgen.«

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Die Fortsetzung dieser Geschichte könnt Ihr am 05. Januar hier lesen.

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Die Zeitreisenden 10

3. Tag der Entscheidung – Teil 3

Der Mann nickte. »Umso besser.« Man sah ihm an, dass er liebend gern Fragen gestellt hätte, doch sah er ein, dass das warten musste. Hier ging es um ein Menschenleben.
Sie trugen die Bewusstlose Sequel zum Flieger, wo Dunn sie so gut es ging, auf der Rückbank befestigte. Der Pilot war inzwischen auch startbereit. Unvermittelt hob er ab und Dunn fühlte ein flaues Gefühl in der Magengrube, als die Maschine nach vorn kippte und Fahrt aufnahm.
»Wo fliegen Sie mit uns hin?!«, brüllte Dunn gegen den Lärm nach vorn.
»Idaho-Falls! Es ist ein paar Meilen weiter als Billings, aber die Klinik dort hat einen guten Ruf. Wir werden über Funk durchgeben, dass wir kommen. Machen Sie sich keine Sorgen! Wenn man ihrer Freundin helfen kann, dann dort!«
Dunn sah Brungk an, in dessen Augen sich ebenfalls Besorgnis widerspiegelte. Er war im Grunde froh, dass die Turbine des Helikopters durch ihren Lärm jedes Gespräch von selbst verbot. So konnte er sich ungestört um Sequel kümmern, die das Bewusstsein noch immer nicht wiedererlangt hatte. Immer wieder tastete er nach ihrem Puls, der
schwach zu spüren war. Die Angst, dass sie womöglich zu spät in der Klinik eintreffen könnten, verursachte ihm beinahe körperliche Schmerzen. Die Zeit schien sich wie ein Gummiband zu ziehen, obwohl der Pilot alles aus dem Flieger herausholte.
Schließlich erreichten sie Idaho-Falls und landeten auf dem Hubschrauberlandeplatz vor dem Gebäude. Sanitäter warteten bereits mit einem fahrbaren Bett auf sie.
Als sie gelandet waren, legten sie die Verletzte darauf und verschwanden im Laufschritt mit ihr im Gebäude. Dunn sah ihnen nach und wäre am liebsten gleich hinterhergelaufen.
»Sie ist in guten Händen«, sagte der Kopilot, nachdem er den Helm abgenommen hatte. »Glauben sie mir. Sie können jetzt nichts tun – abgesehen davon, uns zu erklären, was sich auf dem Plateau im Park ereignet hat. Fangen wir einfach damit an, wer Sie eigentlich sind.«
Dunn hatte bereits erwartet, dass man sie zunächst nach ihren Identitäten fragen würde, und hatte sich etwas zurechtgelegt, von dem er nicht wusste, ob man es ihm abkaufen würde.
»Mein Name ist Wayne Dunn«, sagte er. »Ich bin Sheriff in Thedford, Nebraska. Das werden Sie schnell nachprüfen können. Meine Papiere habe ich allerdings nicht bei mir. Sie liegen im Handschuhfach meines Autos, auf einem Parkplatz bei Cody.«
Er nickte. »Gut, das werden wir dann sehen. Wer sind die anderen?« Dunn wies auf Brungk. »Brungk Porter, ein Freund aus Kansas.«
»Brungk? Was ist denn das für ein Name?«
»Das sollten Sie besser meine Eltern fragen«, sagte Brungk geistesgegenwärtig.
»Leider sind sie schon seit ein paar Jahren tot.«
»Können Sie sich ausweisen?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Ich hab beinahe alles bei dieser rätselhaften Explosion verloren. Tut mir leid.«
»Aber ich kann für ihn bürgen«, bot Dunn gönnerhaft an. »Darf ich fragen, wer Sie eigentlich sind? Ein einfacher Sanitäter sind Sie gewiss nicht.«
Der Mann grinste. Er zog einen Ausweis hervor und reichte ihn Dunn. »Agent Doyle, Staatspolizei Wyoming. Wir wurden über die Explosion im Park informiert und wollten uns dort umsehen.«
Dunn gab den Ausweis zurück. »Danke. Dann sind wir in gewisser Weise Kollegen.«
»In gewisser Weise. Aber zunächst: Wer ist die junge Dame, die wir notfallmäßig hergeflogen haben?«
»Sequel Bannister.«
»Sequel?«, fragte Doyle und winkte dann ab. »Ich weiß schon. Das sollte man die Eltern fragen. Hat sie irgendwelche Papiere?«
»Ich fürchte nein«, sagte Dunn bedauernd. »Die Explosion, wissen Sie?«
»Zurück zu dieser Explosion. Was haben Sie damit zu tun?«
»Was sollen wir damit zu tun haben? Wir waren auf einem Marsch durch den Park, und haben ganz in der Nähe gezeltet. Das Zelt sollte noch dort stehen. Wir wurden von dieser Erscheinung ebenso überrascht wie sie. Auf einmal waren überall Blitze und Feuer, dann gab es diesen gewaltigen Knall, und den Rest kennen Sie. Ich wüsste nicht
einmal, womit man so etwas überhaupt auslösen könnte … Vielleicht hat es einfach damit zu tun, dass der Nationalpark ein tektonisch recht akives Gebiet ist?«
Doyle presste seine Lippen aufeinander und überlegte. »Nicht sonderlich überzeugend, Ihre Geschichte, aber aktuell können wir sie auch nicht widerlegen. Wir rätseln auch noch, was eine so gewaltige Explosion ausgelöst haben könnte.«
»Agent Doyle, ich werde mich einer weiteren Befragung ganz sicher nicht entziehen. Sie werden feststellen, dass ich in meiner Heimatstadt als sehr zuverlässig bekannt bin. Aber jetzt würde ich liebend gern in dieses Gebäude gehen, um mich um Sequel zu kümmern.«
Doyle lächelte gequält. »Gehen Sie schon. Der Rest hat Zeit.«
Dunn lief sofort los und Brungk folgte ihm. Sequel war bereits im OP. Eine Schwester wies ihnen einen Platz im Warteraum zu. Kaffee und Zeitschriften wies er dankend zurück. Er hätte keine Ruhe dafür gehabt. Immer wieder sprang er auf und lief hin und her. Er kam sich vor, wie ein Tiger im Käfig.
»Nun setz dich doch hin«, forderte Brungk. »Das bringt doch nichts.«
Zwei Stunden mussten sie warten, bis schließlich ein Arzt aus dem OP kam und auf sie zu trat. Er nahm den Mundschutz ab. »Sind Sie ein Angehöriger der Patientin?«
»Keine Angehörigen«, sagte Dunn. »Aber wir waren mit ihr zusammen, als es geschah. Wie geht es ihr? Schafft sie es?«
Hoffnungsvoll richtete er seinen Blick auf den Arzt.
»Sie wird leben«, sagte er. »Die Metallspitze hat, wie durch ein Wunder, weder das Herz selbst, noch den Herzbeutel verletzt. Die Aorta wurde knapp verfehlt. Aber die Lunge wurde durchdrungen. Als wir das Metallteil aus dem Brustkorb entfernten, wollten wir das Lungenfell nähen, aber die Wunde schloss sich von selbst. So etwas habe ich noch nie zuvor gesehen. Können Sie mir über diese Frau nähere Informationen geben. Woher sie kommt und ob es vielleicht medizinische Unterlagen über sie gibt?«
»Kann ich zu ihr?«, wollte Dunn wissen.
»Sie ist noch nicht aus der Narkose erwacht. Sie müssen noch warten. Eine Schwester wird Ihnen Bescheid geben.«
Dunn drückte den völlig verduzten Arzt und bedankte sich bei ihm. Er vergaß völlig, sich weiter nach seiner Patientin zu erkundigen.
Das weitere Warten war zwar nervtötend, doch wusste er zumindest, dass Sequel wieder gesund werden würde.
Als endlich die Schwester erschien, um ihm zu sagen, dass er jetzt zu der Patientin dürfe, war ihm regelrecht mulmig zumute. Wie würde sie reagieren? Plötzlich hatte er Angst, sie könnte völlig anders empfinden als er. Was, wenn er sich alles nur eingebildet hatte? Sein Blick traf den Brungks.
»Na geh schon«, sagte er. »Und versteck dich nicht wieder hinter einer Maske. Lass sie ruhig wissen, wie es in dir aussieht.«
Dunn folgte der Schwester durch die Gänge der Klinik und hätte sie am liebsten angeschoben, damit sie schneller lief. Als sie auf die Tür zu einem Zimmer deutete, zögerte er sekundenlang, die Klinke niederzudrücken. Er atmete tief durch und öffnete die Tür. Dahinter lag ein typisches Krankenhauszimmer mit einem einzelnen Bett und zahllosen Instrumenten. Im Bett lag eine junge, weißblonde Frau, an der verschiedene
Sensoren angebracht waren. Ein dünner Schlauch führte in ein Nasenloch. Auf den zweiten Blick bemerkte er, dass sie wach war. Müde Augen blickten ihn an.
»Wayne«, flüsterte sie. »Schön, dich zu sehen.«
Dunn eilte zu ihrem Bett und beugte sich über sie. Er griff eine Hand und streichelte sie sanft. »Ich bin so froh. Ich hatte solche Angst, dich zu verlieren.«
Sequel versuchte, zu lächeln, doch es gelang ihr nicht gut. »Ich bin zäh. Sag: Haben wir versagt? Ist uns das Skriikravkniikth entwischt?«
»Nein«, sagte Dunn lächelnd und strich ihr über das Gesicht. »Es ist uns nicht entwischt. Wir haben es ihm gezeigt. Es wurde in einer gewaltigen Explosion vernichtet.«
Sie schluckte. »Dann ist die Mission beendet. Brungk und ich sind somit frei.«
Tränen erschienen in ihren Augen. »Du ahnst nicht, wie erleichtert ich bin. Und danke, dass du uns so geholfen hast. Ohne dich wären wir vermutlich gescheitert. Du kannst jetzt zurückkehren in deinen Ort und alle Menschen dürfen weiterleben.«
Dunns Gesichtszüge froren ein. »Was meinst du damit? Ich soll in meinen Ort zurückkehren? Und was ist mit dir?«
»Brungk und ich sollen versuchen, in der Welt dieser Zeit Fuß zu fassen. Du bist uns nichts mehr schuldig, Wayne. Ich danke dir für alles.«
»Moment!«, rief Dunn heftiger als beabsichtigt. »So einfach ist das nicht! So einfach wirst du mich nicht los! Nicht, nach allem, was wir gemeinsam erlebt haben. Vielleicht beurteile ich ja alles falsch, aber wenn ich gehen soll – wenn du willst, dass ich nach Thedford zurückkehre und dich hier zurücklassen soll, sag es mir direkt ins Gesicht. Ich kann nicht glauben, dass du so empfindest.«
Sequel sah ihn lange schweigend an, und Dunns Hoffnung schwand allmählich dahin. Dann begann sie zu sprechen: »Willst du mich denn nicht zurücklassen? War es nicht nur dein Versprechen, uns zu helfen, weswegen du bei uns geblieben bist?«
»Das fragst du nicht im Ernst! Verdammt, ich bin zuletzt nur deinetwegen geblieben. Vermutlich warst es immer nur du, und ich hab es nur nicht begriffen. Als du dann verletzt wurdest, verspürte ich eine furchtbare Angst, du könntest sterben. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich dich liebe. Ich könnte dich überhaupt nicht verlassen, verstehst du? Die Frage ist nur, was du willst? Was siehst du in mir?«
Sequels Gesicht überzog ein Lächeln. »Ich bin noch nicht gut darin, Gefühle zu äußern, aber ich empfinde genauso. Ich will, dass du bleibst. Ich möchte mit dir zusammen sein. Könntest du dir das vorstellen?«
Dunn beugte sich zu ihr herab und küsste sie. Sequel war erst überrascht, erwiderte dann jedoch den Kuss leidenschaftlich, bis ein Hustenreiz sie unterbrach.
»Versprich mir, dass du das wiederholst, wenn ich dieses Bett verlassen darf.«
Dunn lachte. »Das muss ich dir nicht erst versprechen. Du wirst dich nicht beklagen müssen.«
Sie lächelte erneut. »Ich freue mich darauf. Aber jetzt fühle ich mich unsagbar müde und würde gern etwas schlafen. Sei mir nicht böse.«
»Ich bin dir doch nicht böse. Ich werde warten, und wenn du erwachst, werde ich gleich da sein. Ich werde dich nicht allein lassen.«
Sie griff seine Hand und sah ihn glücklich an. »Mir geht es gleich etwas besser. Und noch eines: Ich liebe dich auch.«
Er gab ihr noch einen sanften Kuss und ließ sie dann schlafen. Als er den Raum verließ, wartete Brungk draußen auf ihn. »Wie geht es ihr?«
»Ich konnte mit ihr sprechen. Sie wird wieder gesund, ist aber jetzt noch müde und muss schlafen.«
»Sollen wir etwas essen gehen?«, fragte Brungk. »Ich könnte was vertragen.«
»Mich bekommst du hier nicht weg.«
Brungk grinste. »Du hast es mit ihr geklärt?«
Dunn nickte. »Jep.«
»Was hat sie gesagt?«
»Sie möchte, dass wir zusammenbleiben, und …«
Brungk sah ihn erwartungsvoll an. »Und? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen.«
»Sie liebt mich.«
»Das hat sie tatsächlich gesagt?«
Dunn warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Wieso? Ist das so schwer zu glauben?«
»Nein, eigentlich nicht. Du musst nur verstehen, aus was für einer Welt wir stammen. Unser früheres Leben war nicht eben emotional. Wir wurden für genau eine Aufgabe geschaffen, die wir jetzt gemeinsam erledigt haben. Ich kann mich nicht erinnern, bei Sequel vor unserer Ankunft auf der Erde Gefühle bemerkt zu haben. Dass es jetzt anders ist, liegt ganz sicher an dir.«
»Und du?«, fragte Dunn. »Du warst immer mit Sequel zusammen. Wieso gelang dir die Anpassung leichter als ihr?«
Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Als ich Melanie traf, war es, als öffne sich in mir ein Fenster. Es war, als wäre ich in diesem Moment zu einem Menschen dieses Planeten geworden. Vermutlich hast du mit Sequel das gleiche getan.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob ich überhaupt etwas getan habe.«
Brungk nickte. »Doch. Hast du. Glaub mir.« Er erhob sich. »Dann besorg ich uns mal was zum Essen, okay. Und gibst du mir dein Mobiltelefon?«
Dunn zog es hervor. »Was willst du damit?«
»Melanie anrufen. Sie hat verdient, zu erfahren, dass es uns gut geht, oder nicht?«
»Natürlich. Grüß sie schön.«
Brungk hatte sich schon abgewandt, als ihm noch etwas einfiel. »Sag mal Wayne: Hier bei euch braucht man doch für alles Papiere. Wie kommen denn Sequel und ich an solche Papiere? Wir sind doch aus dem Nichts bei euch aufgetaucht.«
Dunn lächelte verschmitzt. »Natürlich hattet ihr Papiere. Brungk Porter und Sequel Bannister haben leider alles bei der Katastrophe verloren, nicht wahr? Sobald wir zurück in Thedford sind, beantragen wir Ersatzpapiere für euch. Das bekomm ich schon hin.«
»Das geht so einfach?«
»Nein, wir müssen lügen wie gedruckt, das ist alles.«
Brungk schaute ihn erst fragend an, dann lachte er los und verschwand, immer noch lachend, im Gang nach draußen.
Dunn blieb allein auf dem Gang zurück und setzte sich auf einen Stuhl, der neben der Tür stand. Die Ereignisse der letzten Wochen zogen an seinem geistigen Auge vorbei. Er hatte Abenteuer erlebt, die es nicht geben sollte, hatte Menschen kennen und lieben gelernt, die es eigentlich nicht gab und eine Frau gefunden, die im wahrsten Sinne des Wortes nicht von dieser Welt war. Wie oft hatte er in seinem Büro in Thedford gesessen und sich gewünscht, sein Leben wäre interessanter. Jetzt fragte er sich, ob er sich nicht doch lieber die beschauliche Ruhe von Thedford wünschen sollte.
Sequel schlich sich in seine Gedanken, und ihm wurde warm ums Herz. Ganz so beschaulich würde die Zukunft doch nicht werden. Dunn lächelte. Jetzt würde es wieder eine Zukunft geben, und er würde sie nicht allein erleben.
Ein Geräusch ließ Dunn aufmerken und er sah Brungk, der ihm sein Telefon entgegenhielt. »Danke. Ich soll dich von Melanie grüßen.«
Er griff das Gerät und ließ es in seine Tasche gleiten. »Weiß sie inzwischen Bescheid?« Brungk setzte sich neben ihn und schüttelte den Kopf. »Das wird das Erste sein, wenn wir zurück in Thedford sind. Sie soll alles erfahren. Wenn wir zusammenbleiben wollen, sollte es keine Geheimnisse zwischen uns geben.«
»Sehe ich genauso.«
»Da gibt es noch etwas anderes, über das gesprochen werden muss.« Brungk griff in seine Tasche und holte ein Fläschchen mit Tabletten hervor.
»Was ist das?«
»Ein genveränderndes Präparat. Es lag bei unserer Ausrüstung in der Kapsel. Ich biete es dir an und auch Melanie – wenn Ihr es wollt.«
Dunn betrachtete den kleinen Behälter misstrauisch. »Ich wiederhole meine Frage. Was ist das?«
»Hast du etwa Angst, ich wollte dich vergiften? Ich bitte dich … Wir sind Freunde. Du hast uns geholfen, in dieser Welt und in dieser Zeit Fuß zu fassen.«
»Willst du meine Frage nicht beantworten?«, fragte Dunn. »Ich werde dieses Zeug nicht schlucken, bevor du mir erklärt hast, was ich tue. Genverändernd, sagst du?«
Brungk nickte. »Welche Lebenserwartung habt Ihr Menschen dieser Zeit?«
»Bitte?«
»Im Ernst. Wie alt werden Menschen in der Regel?«
Dunn überlegte. »Da gibt es keine Regel, aber wenn jemand neunzig Jahre alt wird, ist das schon ein ordentliches Alter.«
»Was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass ich eine Lebenserwartung von bis zu tausend Jahren habe? Dasselbe gilt natürlich auch für Sequel. Wenn Ihr ein Paar werdet und auch bleibt, wirst du irgendwann zum Greis werden, während Sequel noch immer eine junge Frau ist.«
»An so etwas hätte ich überhaupt nicht gedacht«, sagte Dunn geschockt.
Brungk hielt ihm das Fläschchen hin. »Damit muss es nicht so kommen. Es verändert deine Gene und verleiht auch dir eine uns vergleichbare Lebenserwartung. Überleg es dir. Dieses Mittel macht dich uns ähnlicher – in jeglicher Hinsicht. Es könnte der Startschuss sein, aus uns eine regelrechte kleine Familie zu machen. Ich würde mich freuen.«
Dunn griff das Fläschchen und hielt es vor seine Augen. Der Inhalt bestand lediglich aus einer Reihe von Tabletten. »Danke Brungk, ich werde es mir überlegen und mit Sequel darüber sprechen. Es hat ja sicher noch Zeit, oder?«
»Wayne, wir haben alle Zeit, die wir uns nehmen – und wenn du diese Tabletten nimmst, noch viel mehr.«

*** ENDE ***

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Die Wölfe von Asgard – Der Wald der Geister

Das blinzelnde Morgenlicht des aufkommenden Frühlings streckte seine wärmenden Fühler nach ihm aus und weckte ihn aus den Träumen der vergangenen Nacht. 
Gähnend wandte sich Yorrik unter den Fellen hervor und rieb sich den Schlaf aus den Augen. 
Der heutige Tag würde ihm eine Menge Arbeit bescheren, denn als Schiffsbaumeister oblag ihm die Verantwortung über Jarl Islavs Flotte. 
Dieser hatte ein weiteres Drachenboot in Auftrag gegeben, um den anstehenden Viking mit noch mehr Männern auszustatten. 
Doch Arbeit war Yorrik wahrlich willkommen, sicherte sie ihm und seiner Familie doch den Lebensunterhalt. Er schlüpfte aus dem Bett und hinein in seine Kleidung, ein dickes Wollhemd und ein Mantel darüber, dazu feste Stiefel aus Wildschweinleder. 
Astrithr und seine beiden Töchter, Svea und Maer begrüßten ihn am Esstisch, welcher mit Brot, Käse, Gemüse aus dem Garten und Aegirs gutem Fisch gedeckt war. Mehrere Kerzen und ein kleines Feuerchen in der eingelassenen Kochnische erfüllten den fensterlosen Raum mit ihrem flackernden Schein. 
»Vater, ich habe heute Nacht ein Alb getroffen!«, krähte die fünfjährige Svea, während sie mit ihrem dicken braunen Zopf herumspielte und ihn mit eisblauen Augen musterte.
»Dass das Kind immer solche Flausen im Kopf haben muss«, seufzte der Schiffsbaumeister, tätschelte seiner Tochter den Kopf und reichte ihr eine Schale mit Milch, die kurzerhand von der Kleinen verputzt wurde. 
Dann setzte er sich auf seinen Schemel.
»Ich will auch!«, meldete sich ihre große Schwester zu Wort und wedelte mit der leeren Schale herum. Mit ihrem blonden Haar und den braunen Knopfaugen bot Maer einen auffälligen Gegensatz zu ihrer Schwester, der Yorrik stets verblüffte, wenn er die beiden mit liebevollem Blick betrachtete. Sie sind beide so wunderschön, auf ihre ganz eigene Art.
»Nur die Ruhe, Kind. Wer Unrast säht, wird Eile ernten. Und mir schwebt da schon etwas vor«, kicherte er mit einem diebischen Blick auf die Tür, die in den kleinen Vorgarten führte. 
Das Unkraut dort galt es noch zu beseitigen. 
»Und du sagst, du hast wieder von ihr geträumt?«, erkundigte er sich dann interessiert. »Wenn das kein Zeichen der Götter ist!«, Yorrik lachte bellend und schlug mit der Faust auf den Tisch. Dann griff er nach Brot und Käse und beförderte beides mit geräuschvollem Schmatzen in sich hinein. 
»Erschreck doch die Kinder nicht so. Nur weil sie noch an etwas glauben«, meckerte seine Frau mit tadelndem Finger. Astrithr nahm der Kleinen die Schale ab, bevor sie lautstark nach einem weiteren Nachschlag verlangen konnte, und brachte sie in den Zuber. 
»Sie waren da. Wie immer«, protestierte Svea und verschränkte trotzig die Arme. 
»Wer? Die Wassermänner? Die Waldgeister? Odin persönlich? Oder hat er dir nur seine Wölfe geschickt?«, witzelte Yorrik, nur um von einem liebevollen Klaps seiner Frau zum Schweigen angehalten zu werden. 
Den Kochlöffel in den Händen haltend, wuselte Astrithr um ihn herum, um den gedeckten Tisch abzuräumen. »Wenn du weiter so schlechte Witze von dir gibst, wird Thor dir noch einen Blitz schicken«, ermahnte sie ihn, nur um dann ihrer jüngsten Tochter einen Kuss auf die Stirn zu geben. »Hör nicht auf deinen Vater, Liebes. Du weißt, er mag es dir Unsinn zu erzählen. Er könnte glatt ein Skalde werden.«
Yorrik lachte schallend. »Davon haben wir einen zu viel. Du weißt, ich halte nichts von diesen Märchenerzählern. Und er windet sich förmlich um des Jarls Stiefel. Seit Islav seine geliebte Hagebutte verloren hat, ist er nicht mehr derselbe. Dasselbe könnte man vom Fischer meinen. Heh, ein Dorf voller Trauerschnepfen, die gemeinsam zur See fahren. Man soll ihr Geheule schon von weitem vernehmen können, klagen die Inselmänner mit schmerzenden Ohren. Das wäre doch mal eine gelungene Geschichte, über die es sich zu singen lohnt.«
»Und du baust diesen Schnepfen ein weiteres prachtvolles Drachenboot«, schmunzelte seine Frau und gab ihm einen Kuss. »Wenn das mal kein Zufall ist.«
Wieder musste Yorrik lachen. Er hatte seine Frau schon geliebt, bevor er überhaupt das erste Mal zur See gefahren war. Und seitdem waren schon einige Jahre ins Land gegangen, ohne dass sich etwas daran geändert hatte. Wer konnte ihn an düsteren Tagen zum Lachen bringen, wenn nicht sie? Wer konnte tiefer in seine Seele schauen als sie? 
Astrithr war das Beste, was ihm je widerfahren war und er würde sie bis in die Ewigkeit als seine Frau ehren.

Als es an der Zeit war, erhob er sich aus seinem Schemel und griff nach der großen Axt, die ihn seit jeher in den düsteren Wald begleitete. 
Yorrik befand es immer schon als die oberste Pflicht eines jeden Bootsbauers, die Stämme, die später das Boot bilden sollten, selber auszuwählen und zu fällen. Nur in harter Arbeit fand sich ein so schnelles und wendiges Schiff wieder und er würde den Jarl auch dieses Mal nicht enttäuschen. Er verabschiedete sich von seiner Familie und setze einen ersten Schritt nach draußen.

Auch wenn der Frühling vor der Tür stand und der Schnee schon geschmolzen war, so blieb es dennoch zunächst angenehm frisch draußen und feuchte Atemwolken waberten aus seinem Mund. 
Der blaue Himmel schien heute unbedeckt zu sein, ein klarer und doch kalter Tag kündigte sich an. 
Die Axt in festen Händen, stampfte Yorrik durch das Dorf. Der winzige Markt in dessen Mitte, mit einer Handvoll verwaisten Ständen, schien zu dieser Tageszeit noch wie leergefegt und so behinderte niemand den Schiffsbaumeister auf seinem Weg in den nahgelegenen Wald. 

Doch als er Aegirs Haus passierte, das etwas abgelegen lag, vernahm er plötzlich Stimmen, die wüst miteinander zu schimpfen schienen
»Du kannst ja wieder zu Knutson gehen und ihm die Zunge in den Hals stecken!«, fluchte eine Männerstimme, die nur dem betagten Fischer gehören konnte.
»Und vielleicht mache ich das auch, wenn du nicht endlich aufhörst zu heulen wie ein Kleinkind. Was ist mit meinem Mann geschehen, den ich liebte, dem Reisen, dem Felsen in der tosenden Brandung, dem selbst die Götter ihren Respekt zollten?«, zeterte eine Frauenstimme, die demnach Ylvie gehören musste.
Yorrik horchte gespannt. Er wusste, dass ihn derlei Scherereien nichts angingen, aber auch er hatte mitbekommen, was während des Banketts vorgefallen war und so war seine Neugier geweckt. 
»Er fischt und sorgt sich um seine Familie«, knurrte Aegir wütend. 
»Mit einer Handvoll Krebsen am Tag? Und etwas Dorsch für die Nachbarn? Sieh dir meinen Mantel an, er fällt bereits in sich zusammen. Soll ich frieren, wenn der nächste Winter kommt?«
Yorrik presste sich dicht an die Hauswand, damit die beiden Streithähne ihn nicht bemerkten, dann spitzte er wieder die Ohren.
»Nein…«, begann Aegir zu erklären, doch seine Frau schnitt ihm das Wort ab.
»Du hast die Wahl. Knutson wird sehr wohl für mich sorgen und du weißt, wenn ich meinen Vater nur genug anflehe, wird er unser Bündnis auflösen. Islav ist vielleicht ein alter Mann, aber seiner Tochter wird er nichts abschlagen.«
»Ylvie, tu das nicht. Ich kann das einfach nicht…«, in Aegirs Stimme schwang nun die Verzweiflung mit.
Irgendwie tat er Yorrik Leid. Was nur mit ihm los ist? 
»Du hast die Wahl. Es liegt allein an dir und bleibt deine Entscheidung. Nur triff sie endlich!«, die Tür wurde aufgerissen und jemand trat heraus. 
Schnell machte sich Yorrik daran, unbemerkt zu verschwinden. 

Erst als der Wald vor ihm auftauchte, hörte er auf zu rennen. Schwer atmend hielt er inne, lauschte für eine Sekunde dem pochenden Schlagen seines eigenen Herzens. Du wirst zu alt für sowas.
Er richtete sich auf. Der Weg, der in den Wald führte, war von seinen Lehrlingen bereits mit kleineren Stämmen ausgelegt worden, damit ein größerer Baum schnellstmöglich durch den Wald transportiert werden konnte. 
Yorrik blickte für einen kurzen Moment in die aufgehende Sonne. Ihrem Stand nach zu urteilen, würden seine Jungs bald hier auftauchen. 
Aber bis dahin konnte er sich schon mal ein vielversprechendes Exemplar aussuchen und damit beginnen es zu fällen. 

Die kahlen Äste der Eichen räkelten sich ihm in ihrem uralten Schlaf entgegen, als er die ersten Schritte in den Wald trat, und bald hatten ihn die Stämme umzingelt, rückten immer dichter an ihn heran als würden sie seine Ankunft mit flüsternder Neugierde betrachten. 
Die Luft roch nach feuchter Erde und Laub und war erfüllt von dem morgendlichen Gezwitscher der Vögel. 
Noch hing der Morgentau auf den Gräsern und Farnen, die den Winter überdauert hatten, und spiegelte das frühe Sonnenlicht in tausenden leuchtenden Tränen aus durchsichtigem Kristall wieder. 
Das sanfte Plätschern eines Baches drang in Yorriks Ohr, während er einen schlanken Pfad einschlug, der ihn in den abgelegenen Fichtenhain führen würde. 
Das Holz dieser Bäume eignete sich hervorragend für den Schiffsbau, denn es war robust, aber auch formbar und dadurch wie geschaffen für die Planken, die längsschiff am großen Kiel angebracht wurden. 
Diesen hatten sie schon aus einer riesigen Eiche herausgeschlagen und er wartete im Dorf bereits sehnsüchtig auf seine Fertigstellung.

Das nunmehr eindringliche Rauschen des Baches holte ihn in die Wirklichkeit zurück. Das kristallklare Wasser schlängelte sich vorbei an großen, moosbedeckten Felsen und ächzenden Baumstämmen, bis es sich schließlich, in einiger Entfernung, tosend ins Meer ergoss. 
Yorrik passierte eine kleine hölzerne Brücke, die über das plätschernde Nass führte, und bereits grün vom Moos war. 
Doch die Vertäuung war erst letzten Sommer ausgetauscht worden und somit stellte sie einen robusten Pfad über den Bach dar.

Nachdem er die Brücke überquert hatte, musste er nur noch die große Felswand hinter sich lassen, die urplötzlich auftauchte und den Wald teilte wie ein grauer Vorhang. 
Selbst bis in diesen tiefen Abschnitt des Forstes hatten seine Lehrlinge die dicken Äste gelegt, denn Yorrik wusste genau, wo es die besten Bäume gab und wie man sie bis zum Schiff transportierte. 
Und nur die besten Bäume wurden für seine Schiffe verwendet, so viel stand fest. 
Der massive Fels verschluckte urplötzlich das Sonnenlicht und der Pfad wurde zunehmend steiler und enger. Zu seiner Linken befand sich die Anhöhe, zu seiner Rechten fiel das Gelände steil ab. 
Dichter Farn wucherte aus dem Boden wie ein Teppich aus wallender grüner Seide, die sich im Spiel des Windes räkelte. Immer wieder ragten große Findlinge der aufgehenden Morgensonne entgegen, nur ihre Spitzen jedoch fingen etwas von dem warmen Licht ein. 
Und schlagartig wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, warum seine Arbeit ihn so sehr beflügelte. Es war dieser Ort, an den er immer wieder zurückkehren durfte, um etwas großartiges aus ihm zu erschaffen. 
Im Stillen dankte er dem Wald für seine großzügige Gabe, denn von den Asen hielt Yorrik nicht sonderlich viel. Kein Platz hatten sie in ihren Hallen, für diejenigen, die keine besungenen Heldentaten vollbrachten und ihre Willkür kannte keinerlei Grenzen. 
Es fiel ihm schwer, den Glauben seiner Frau zu tolerieren, doch er wusste genau, dass ihm ein zu großer Unmut über die Götter vermutlich Pech bescheren würde. 
Die Felswand fiel so urplötzlich wieder ab wie sie vor ihm aufgeragt war und nun war Yorrik fast an seinem Ziel angelangt. Vor ihm erstreckten sich die Wipfel der dicht an dicht stehenden Kiefern. 
Wenn er genau hinsah, konnte er erkennen, wie sie, in einiger Entfernung, die Sonne in zwielichtigen Strahlen hindurchließen, denn dort fiel das Gelände zu einer steilen Klippe ab, von wo aus man eine vorzügliche Aussicht über die Skiringssaler Bucht genießen konnte. 
Ein dumpfes Grollen riss ihn aus seiner Faszination. Entsetzt taumelte Yorrik einen Schritt rückwärts, erst dann bemerkte er die Felsbrocken, die sich aus ihrer Verankerung gelöst hatten und auf ihn zugeschossen kamen. 
Er spürte nur noch einen kreischenden Schmerz, als ein faustgroßer Stein seine Schläfe traf und er ohne eine weitere Regung zu Boden ging. 
Dann wurde alles schwarz.

Yorrik wusste nicht, wie lange er so dalag, regungslos schlief, nicht lebendig und doch nicht tot. Er öffnete blinzelnd die Augen, denn das Licht schien ihn förmlich zu durchdringen, so hell strahlte es durch die grünen Wipfel der riesigen Bäume, die sich raunend bewegten. 
Er erkannte die Adern der einzelnen Blätter, durch die das Leben pulsierte, sie spielten ihm ein gemeinsames Lied, das von Glückseligkeit zeugte. Und dann wurde er stutzig. 
Es war doch erst Frühling? Es müsste eigentlich bitterkalt sein und die Bäume karg! Er war in einem Teil des Waldes, den er nicht kannte. Wo waren die Fichten oder die Felswand, unter der er zu Boden gegangen war? Yorrik bemerkte nichts dergleichen. Nur die riesigen Bäume, deren dichtes grünes Blätterdach ihn bei weitem überragte.
Und die Wärme. Es war wohlig warm. Viel zu warm für diese Jahreszeit. 
Die Sonne schien problemlos zu ihm durchzudringen, ihre strahlende Berührung prickelte angenehm auf seiner Haut. 
Verdutzt rappelte sich der Schiffsbaumeister auf. 
Saftiger Farn spross aus dem Boden, verwandelte sich vor seinen Augen, und aus kleinen Winzlingen wuchs schlagartig ein dichtes Gebüsch, das die Bäume erklomm, sie umschlängelte wie ein riesiges Tier. 
Immer mehr Farne drangen aus dem Boden und schossen in die Höhe. 
Eine sanfte Stimme drang durch den Wald, formte eine Melodie, die Yorrik das Herz zerriss und es gleichzeitig in Wallung brachte. 
Er setzte vorsichtig den ersten Schritt, ungläubig darüber, was ihm gerade widerfuhr. Er traute seinen Augen nicht, dies musste ein Streich der Götter sein, die er doch stets geleugnet hatte. 
Bedacht darauf, keine der Pflanzen zu berühren, trat er vorwärts, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Die Melodie führte ihn ganz von alleine, immer tiefer in den Wald hinein. 
Die wuchernden Blätter streckten sich ihm entgegen, strichen über seine Haut als wollen sie ihn umarmen, ihn willkommen heißen. 
Mit offenem Mund wandelte Yorrik durch das dichte Gebüsch, dies musste wahrlich ein Zauber sein. Wo bin ich hier? Schlafe ich oder weile ich unter den Geistern meiner toten Ahnen?

Bevor er weiter darüber sinnieren konnte, vernahm Yorrik das Rauschen eines Wasserfalls. Bin ich wieder bei dem Bach angelangt?
Schnell wurde ihm klar, dass dem nicht so war. 
Vor ihm erstreckte sich eine Lichtung, in der sich ein kleiner Wasserfall durch schneeweißes Gestein arbeitete, um sich dann in einen kleinen Weiher zu ergießen. 
Unter dem rauschenden Wasser stand eine gedrungene Gestalt, die eine goldene Fiedel spielte. Der herzzerreißende Klang musste von dort stammen. 
Vorsichtig schlich sich der Schiffsbaumeister näher heran, bis er eine Stimme vernahm, die zu singen schien.

Durch Dunkelheit gebunden, von Götterhand erwählt,
Die großen Augen funkeln, verschleppt in ihre Welt.
Doch oh weh, auch dieses Mal die Kette bricht erneut.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, und fressen wird er euch!

Die Götter, sie verzweifeln und leisten einen Schwur.
Den Fenriswolf zu geißeln, und das mit einer Schnur.

Doch oh weh, auch dieses Mal, der Fen wittert Betrug.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da und fordert ein Tribut.

Die Götter sind verwegen, nur trauen tut sich Tyr.
Die Hand ins Maul zu legen, zu binden das Getier. 
Doch oh weh, auch dieses Mal, der Arm er reißt entzwei.
Der Wolf ist da, der Wolf ist da, bis Ragnar ist er frei.

Als das Männchen erkannte, dass sich jemand an seinem Weiher befand, verstummte es und beäugte den Neuankömmling mit neugierigen Augen, so klar wie die See an einem windstillen Tag, wobei es den Kopf leicht schief legte und seltsam lächelte. Ein Bart aus Algen wucherte in seinem grünlichen Gesicht und es konnte die Fiedel, trotz seiner Schwimmhäute an den Fingern, gar zu vortrefflich spielen. »Was haben wir denn da?«, fragte es mit froschigem Quaken. »Einen Zweifler?« Es schien den Kopf noch ein kleines Stückchen schiefer zu legen, wobei das Grinsen in seinem Gesicht sich im gleichen Maße ausbreitete. 
»Bist du… ein Wassermann?«, keuchte Yorrik atemlos. Das konnte doch nicht möglich sein. Solche Wesen gab es doch nur in Erzählungen. Oder etwa nicht?
Das Männchen watschelte mit seinen kleinen Beinen aus dem Wasserfall heraus und setzte sich auf einen nahgelegenen Fels. 
»Das bin ich. Und ich bin schrecklich hungrig«, erklärte es mit einem Seufzer. »Hast du nicht Lust mir ein Tischlein zu decken, mit Hammelfleisch, dass du einen Mond lang jeden siebten Tag aus dem Hause des Nachbarn stielst? Dafür zeige ich dir, wie man die Fiedel spielt, bis die Hände bluten und selbst Großmütterchens lahme Beine einen wilden Tanz anstimmen.« 
Yorrik wusste nicht recht, was er darauf erwidern sollte und stammelte eine Antwort.
»Dir das Singen beizubringen, wird eine harte Arbeit«, seufzte das Männchen kopfschüttelnd. »Aber sie wird getan. Hammelfleisch ist, was ich dafür brauche.«
Endlich erlangte Yorrik seine Sprache wieder. »Ich bin aber Schiffsbaumeister. Ich brauche das Singen nicht zu lernen. Dafür haben wir einen Skalden. Ich würde lieber erfahren, wo ich hier bin und was das Ganze soll. Ich muss ein Drachenboot fertigstellen und dafür muss ich Heim. Ich befürchte, ich habe mich verirrt.«
»Nicht mal eine einzige saftige Keule willst du mir bringen?«, der Wassermann schien ehrlich enttäuscht. 
Yorrik erwiderte nur mit einem fassungslosen Kopfschütteln. »Nun, nein, befürchte ich. Es sei denn, du kannst mich hier herausgeleiten.«
»Nein, nein, nein! Das kann ich nicht!«, zeterte das Männchen vehement. »Ich bin ein Mann der Kunst, ein Meister der Verse. Wenn du Hilfe brauchst, musst du schon zur Mutter des Waldes gehen.«
»Und wo finde ich die?«, allmählich tanzte ihm der Kleine auf der Nase herum.
»Na im Wald«, das Männchen kicherte spitzbübisch, dann zeigte es auf einen Baum. »Da biegst du rechts ab. Dann immer geradeaus, dann wieder rechts. Dann linksherum und wieder geradeaus, bis du angekommen bist. Verstanden?«
»Nicht im geringsten. Aber ich werde sie schon finden«, gestand der Schiffsbaumeister seufzend. Dann machte er sich auf den Weg.
»Warum habe ich dafür keine Keule verlangt?«, vernahm er noch das Grübeln des Wassermannes, während er sich wieder durch das Gebüsch arbeitete. 

Der Wald nahm ihn wieder vollständig für sich ein und es kam Yorrik wie eine Ewigkeit vor, während er ziellos durch ihn hindurchstreifte. 
Dunkelgrünes Moos bedeckte den Boden und jeder seiner Schritte erschien ihm plötzlich federleicht. Wenn es die Mutter des Waldes wirklich gab, so musste sie doch irgendwo hier zu finden sein? 
Er traute sich nicht zu rufen. Wer wusste schon, was dieser Wald noch alles beheimatete?

Dann erinnerte er sich wieder an die ersten Worte, die ihm der Wassermann zugerufen hatte. 
Ich… ein Zweifler? Vielleicht hätte ich Svea öfter zuhören sollen. Yorrik verfluchte seine Blindheit. 
Seine Frau trug eben mehr Weisheit in sich, als er es je gekonnt hätte. Und nun wurde er dank seiner Narretei von den Göttern verhöhnt, gefangen an diesem Ort, wo jeder seinen Schabernack mit ihm trieb, wie es ihm beliebte. 
Er trat, in düsteren Gedanken versunken und ohne es zu merken, auf einen Ast, der knackend entzweibrach. Yorrik fuhr stocksteif zusammen und blickte sich um. Sein Herz pochte eine wilde Melodie. 
Und dann wurde dem Schiffsbaumeister bewusst, dass er nicht mehr alleine war.

Er befand sich abermals auf einer Lichtung, vor ihm ragte eine einzige riesige Eiche in den Himmel, ihr Stamm musste dicker sein als sein Haus in Skiringssal und das dichte Blätterdach erstreckte sich so hoch, dass es den Himmel zweifelsohne berühren musste. 
Der uralte Baum war durchzogen von Moos und dicken Efeuranken, auch hier wucherte der mystische Farn am Stamm entlang, welcher zudem mit Pilzen besetzt war, die in einem hellen orangen Licht erstrahlten. 
Dicke Wurzeln, breit wie sein ganzer Körper, stießen durch die Erde und traten an den unterschiedlichsten Stellen wieder aus ihr heraus. 
Leuchtende Käfer summten geschäftig über die Lichtung und fast urplötzlich verschwand die Sonne am Horizont und wich der beginnenden Abenddämmerung. 
Was Yorriks Aufmerksamkeit jedoch besonders auf sich zog, war eine Bewegung zu Füßen des Baumes. 
Eine Frau stand dort. Ihr Körper, aus Wurzeln, Farn und Moos gemacht, räkelte sich ihm entgegen. Grüne Augen, in denen eine unendliche Weisheit lag, durchdrangen ihn förmlich, tauchten ein, in die tiefsten Abgründe seiner Seele. Auf ihren roten Lippen lag ein wissendes Lächeln. Sie wusste, wer er war.
Der Schiffsbaumeister ging auf die Knie. »Die Mutter des Waldes«, keuchte er und verbeugte sich tief. Diese Erscheinung musste eine Gottheit sein und sie hatte sich ihm offenbart. »Es gibt sie wirklich«, eine Demut erfasste Yorrik, wie er sie noch nie verspürt hatte. »Meine Kleine hatte Recht.«
»Sei willkommen auf meiner Lichtung. Dies ist ein Ast des großen Yggdrasil, der unser aller Welten trägt«, sprach die Frau und deutete auf den riesigen Baum. Ihre Stimme war das Knacken der Äste, das Rascheln der Blätter, die Tiefe der Wurzeln, die das Erdreich durchdrangen. »Dies sind meine Kinder«, sie weitete die moosbedeckten Arme aus und es schien Yorrik so, als würde der Wald plötzlich näher an sie heranrücken. 
»Verzeiht, ich wollte euch nicht stören«, stotterte der Schiffsbaumeister. Seine Handflächen verwandelten sich in morastige Tümpel und er zitterte am ganzen Körper. Diese Erscheinung war von einer Macht, die sein Verstand nicht begriff. 
»Dieser Ort obliegt meiner wachsamen Hand. Zeige deine Demut, wenn du ihn betrittst, dich von ihm labst. Nehme von ihm, wie es dir beliebt, doch lasse immer ein Zeichen deiner Dankbarkeit zurück. So verlangt es der Kreislauf des Lebens.«
»Ich verstehe, Herrin. Verzeiht mir, dass ich an euch gezweifelt habe«, wisperte Yorrik unterwürfig, während er seine Stirn in der feuchten Erde versenkte. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Erst der Wassermann, nun die Herrin des Waldes. Ich bin ein blinder Narr.
Nun musste die Dame lachen, ein Laut, so klar wie ein Bergkristall. Sie schritt anmutig auf ihn zu, machte dicht vor ihm Halt und legte ihm eine moosdurchwucherte Hand an die Wange. 
Ihre Berührung fühlte sich angenehm kühl auf der Haut an, gar nicht so wie er sich das vorgestellt hätte.
»Sieh mich an«, hauchte die Moosfrau.
Er gehorchte ohne zu zögern. Für einen Moment blickte der Schiffsbaumeister in ihre Augen und ergab sich dem Gefühl, das ihn durchströmte. 
»Sag mir wer du bist«, forderte sie ihn auf. 
»Ich bin niemand, Herrin«, wieder senkte er sein Haupt, den es war nicht würdevoll genug, um ihrer göttlichen Schönheit entgegengestreckt zu werden.
Wieder lenkte sie seinen Blick auf sich, diesmal energischer. »Sag mir wer du bist!«, forderte sie erneut.
»Yo… Yorrik.«
»Wer?«, wiederholte sie ein letztes Mal.
»Yorrick. Yorrick!«, und dann war ihm klar, was sie wollte. Er schloss die Augen und lächelte. 

»Yorrick! Yorrick!«, klang es da wieder. Die Stimme war vertraut. »Meister Yorrick! Steht doch auf, Ihr blutet! So helft mir doch, faules Pack!«
Das ist Grundolf. Einer meiner Lehrlinge.
Blinzelnd öffnete er ein Auge. Das Licht überwältige ihn für einen Moment und ein kreischender Schmerz breitete sich zwischen seinen Schläfen aus. 
Um ihn herum standen fünf Männer versammelt, seine Lehrlinge, und blickten ihn mit sorgenschweren Gesichtern an. Als er sich an den Kopf fasste, spürte er Blut. Ein Stöhnen entwich seinen Lippen und er fühlte Schwindel aufkommen.
»Meister, Ihr lagt ohnmächtig auf dem Boden. Sagt, was ist geschehen? Ihr seht aus, als hättet Ihr einen Geist gesehen.« 
Grummelnd ließ Yorrik sich auf die Beine helfen. »Das habe ich vermutlich auch«, murmelte er in sich hinein. 
Eines stand fest: Er würde seiner kleinen Svea jetzt einen Besuch abstatten und ihr etwas wichtiges erzählen.
»Ruht euch für heute aus, wir machen später weiter«, verkündete der Schiffsbaumeister. »Und bringt Feuerholz und Wein mit euch, wenn ihr morgen kommt, wir opfern Herdflamme und Gastfreundschaft an diesen Ort, der uns so fürsorglich ernährt, verstanden?« 
Er sah seinen Lehrlingen die Verwunderung an, niemand jedoch wagte es, dem Schiffsbaumeister zu widersprechen. Dann trat er lächelnd den Weg nach Hause an.

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Die Zeitreisenden 9

3. Tag der Entscheidung – Teil 2

Sie erhielten jedoch nicht viel Zeit, sich auf die Situation einzustellen, denn plötzlich begann dieses Chaos, sich zu bewegen. Gleichzeitig empfingen sie in ihren Köpfen den übermächtigen Befehl, ihre Waffen zu senken und sich zu ergeben. Aus unzähligen Öffnungen, die vorher noch nicht zu sehen waren, drängten sechsbeinige Maschinen in den Innenraum. Sie brauchten nicht zu überlegen, was das zu bedeuten hatte, denn diese Maschinen feuerten sogleich aus winzigen Strahlwaffen auf sie. Dunns Anzug signalisierte mehrere Treffer, die er jedoch neutralisieren konnte. Dunn feuerte auf die Maschinen und einige von ihnen explodierten in einer grellen Explosion. Auch Sequel und Brungk hatten das Feuer eröffnet und überall gab es Explosionen und Feuer. Die gegnerischen Maschinen waren nicht so widerstandsfähig wie das Türschott und auch ihre Strahlschüsse waren nicht so gefährlich wie erwartet.
Anfangs sah es noch so aus, als könnten sie der Roboter Herr werden, doch immer weitere erschienen und nahmen sie unter Feuer. Die Maschinen mochten zwar einzeln nicht gefährlich sein, doch in der Masse wurden sie zu einem Problem.
Allmählich signalisierten ihre Anzüge Überlastung und Dunn schoss der Gedanke durch den Kopf, was geschehen würde, wenn sein Anzug ausfallen und er splitternackt vor diesen Maschinenmonstern stehen würde. Wild um sich schießend rief er Sequel. »Das wird nichts! Habt ihr keine anderen Möglichkeiten? Ich dachte, ihr bekommt das hier in den Griff, wenn ihr miteinander verschmelzt!«
»Wir brauchen einen Moment, um das zu tun! Wirf ein paar der Granaten, um sie aufzuhalten! Das verschafft uns die Zeit, die wir brauchen!«
Dunn hechtete zu den beiden hinüber und rollte sich ab. Sofort schoss er wieder und riss zwei der Granaten von seiner Hüfte. Er warf sie und gab dem Anzug den Befehl, sie zu zünden. Die Wirkung war verheerend und die Druckwelle warf ihn von den Beinen.
Als er wieder auf den Beinen stand, näherten sich bereits weitere Roboter von allen Seiten, aber Sequel und Brungk standen beisammen und waren von einem roten Leuchten überzogen. Die sich nähernde Armee kam ins Stocken. Vollkommen desorientiert schossen sie in alle Richtungen und dezimierten sich dabei gegenseitig.
Dunn atmete auf. Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, sie könnten diese Mission zu einem guten Ende bringen.
»Gebt auf!«, erklang die Stimme wieder in seinem Kopf. »Die Roboter waren erst der Anfang. Der Auftrag darf nicht gefährdet werden.«
Im nächsten Moment spürte Dunn unerträgliche Schmerzen in seinem gesamten Körper. Er konnte keine Angreifer erkennen, doch irgendetwas wurde mit seinem Gehirn angestellt. Aus tränenerfüllten Augen blickte er zu Sequel und Brungk. Sie befanden sich noch immer in dem roten Schimmer, doch ihre Gesichter drückten ebenfalls Schmerz aus. Er konnte sie nicht hören, doch schien es ihm, als würde Sequel vor Schmerz schreien. Sie mobilisierte zusammen mit Brungk ihre letzten Kräfte und Gegenstände begannen, sich von den Wänden zu lösen. Es war, als risse die Hand eines Titanen planlos schwere Metallteile los, die anschließend wie Geschosse durch den Raum flogen. Dunn war sicher, dass es eine der Erscheinungen der Verschmelzung ihrer Persönlichkeiten war. Allerdings schienen sie in gewisser Weise die Kontrolle verloren zu haben, denn ihre Aktivitäten wirkten erschreckend planlos.
Er blickte sich hektisch um. Alles um ihn herum befand sich in Bewegung, aber es wirkte insgesamt einfach nur chaotisch. Er verstand nicht, wieso dieser Kampf zwischen zwei ungemein hoch entwickelten Kulturen in diesem Chaos versank. Natürlich war nicht sicher, dass sie diesen Kampf überleben würden, doch weder die von den Skrii eingesetzten Roboter noch die Maßnahmen von Sequel und Brungk wirkten überlegt und zwingend.
Die Schmerzen ließen ein wenig nach und auch die Stimme in seinem Kopf hatte nicht mehr die zwingende Autorität, wie zu Anfang.
»Gebt auf, und ihr werdet einen schnellen Tod bekommen!«
Die Stimme hatte nicht mehr die ursprüngliche Intensität und Dunns Gedanken ordneten sich. Immer wieder musste er herumfliegenden Gegenständen ausweichen, um nicht verletzt zu werden. Er versuchte zu erkennen, ob die planlosen Angriffe seiner
Freunde beim Gegner Wirkung zeigten, war sich jedoch nicht sicher, ob das der Fall war. Die Helmoptik schaffte es endlich, sich besser an die Lichtverhältnisse innerhalb des Skrii-Würfels anzupassen, und er erkannte im Zentrum des Würfels Öffnungen, die offenbar nicht dazu gedacht waren, weitere Kampfroboter auszuspeien. In geduckter Haltung rannte er zur ersten der Öffnungen und spähte hinein.
Hinter sich hörte er erneut das verräterische Zischen der Strahlschüsse von Robotern. Das Feuer konzentrierte sich allerdings auf Sequel und Brungk, die ihm direkt ausgesetzt waren. Er hoffte, dass der Schutz durch den Anzug ausreichend sein würde. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Hinter ihm näherte sich ein sechsbeiniger Roboter, der einem anderen Typ angehörte als die Modelle, die sie bisher bekämpft hatten. In den vorderen Gliedmaßen hielt er einen, mit nadelspitzen Stacheln bewehrten Zylinder, mit dem er auf ihn zielte. Im nächsten Moment wurden zahlreiche Stacheln auf ihn abgefeuert, denen er nur durch einen beherzten Sprung entgehen konnte. Hinter ihm krachten die Stacheln mit hellem Klingen in die Wand, vor der er eben noch gestanden hatte, und blieben darin stecken. Verblüfft betrachtete er die metallen schimmernden Stacheln, die tief in das Metall der Wand eingedrungen waren.
Der Roboter schwenkte herum und zielte erneut auf ihn, doch Dunn hatte bereits seinen Destabilisator erhoben und drückte ab. Die restlichen Stacheln zerbarsten in Tausende kleiner Teile und der Roboter war mit einem Schlag unbewaffnet. Er bewegte sich dennoch blitzschnell auf ihn zu, die leeren Vordergliedmaßen drohend erhoben. Dunn brauchte zahlreiche Schüsse, bevor die Maschine ihren Dienst einstellte. Sie musste aus einem ungemein widerstandsfähigen Material bestehen.
Zum ersten Mal hatte Dunn Zeit genug, sich umzusehen. Der Raum, in dem er sich befand, war im exakten Zentrum des Würfels. Die rätselhafte Anlage, die er vor sich hatte, musste demnach die eigentliche Waffe sein – der Auslöser für eine Singularität, die alles verschlingen sollte. Es lief ihm eiskalt über den Rücken, als er daran dachte, das Ende der Menschheit vor sich zu haben. Er versuchte, zu ergründen, wo man Bomben hinterlegen musste, damit sie genügend Schaden anrichteten, um die Waffe außer Gefecht zu setzen. Bald gab er auf, einen Sinn in der Anlage entdecken zu können. Vermutlich musste er einfach seinem Gefühl vertrauen. Hauptsächlich irritierte ihn, dass er in diesem Raum auf so wenig Widerstand traf. War es vielleicht überhaupt nicht der Auslöser der Singularität?
Kampfgeräusche aus dem Vorraum lenkten ihn ab. Hastig rannte er zur Öffnung zurück und blickte hinaus. Seine Freunde hatten inzwischen ihre Verbindung aufgelöst und jeder von ihnen hielt eine Waffe in jeder Hand, die sie ohne Pause abfeuerten. Einige der stachelbewehrten Roboter waren erschienen und kreisten sie allmählich ein. Dunn zielte von hinten auf die Maschinen und eröffnete seinerseits das Feuer. Wie beim ersten Mal half nur Dauerfeuer, sie zu zerstören. Leider gelang es ihnen meist noch immer, ihre Stacheln abzufeuern, und Sequel und Brungk vollführten akrobatische Sprünge, um ihnen auszuweichen. Konnten diese Stacheln den Schutzanzügen wirklich gefährlich werden? Dunn war instinktiv ausgewichen, als der Roboter auf ihn geschossen hatte, aber seine Freunde reagierten genauso und sie sollten die Leistungsfähigkeit ihrer Ausrüstung kennen.
Von der Decke wurden destabilisierende Strahlen abgefeuert, die überall, wo sie auf Materie trafen, eine Wolke Materiestaub zurückließen. Es schien den Rechner der Skrii nicht zu stören, dass jeder Fehlschuss auch Beschädigungen an der Anlage verursachte. Nur direkt bei der eigentlichen Waffe schien Dunn einigermaßen sicher zu sein, denn weitere Roboter waren nicht erschienen und auch Strahlenbeschuss gab es hier nicht. Das Gerät schien also viel zu empfindlich zu sein, um es durch Waffen zu beschädigen.
Dunn überlegte. Seine Freunde hatten draußen genug mit sich selbst und ihrer Verteidigung zu tun. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie es noch bis zu ihm schaffen würden, war äußerst gering, also musste er selbst etwas tun. Eilig löste er alle Bomben von seinem Anzug. Zum Glück hatte er seine Bomen behalten, als Sequel und Brungk den Eingang freigesprengt hatten. Er wusste nur, wie man sie scharfmachte, nicht aber, was sie anrichten würden. Es blieb keine Zeit, sich damit weiter zu befassen. Er aktivierte eine Bombe nach der anderen und steckte sie in jede Öffnung an der Maschine, die er finden konnte. Als er fertig war, wurde ihm bewusst, dass sie nur noch zwei Minuten Zeit hatten, bevor die Bomben zünden und vermutlich ein Inferno auslösen würden.
Er stürzte zur Öffnung des Vorraums zurück und feuerte, ohne nachzudenken, auf den nächstgelegenen Roboter. Der gesamte Raum war von Materiestaub angereichert und die Sicht schlecht. Sequel und Brungk waren nur noch als Schemen erkennbar. Aus den Augenwinkeln sah er einen der zähen Stachelroboter auf die Schemen seiner Freunde zulaufen.
»Vorsicht!«, brüllte er und schoss sofort. Die vielen Materiepartikel in der Luft beeinträchtigten jedoch die Wirkung und der Roboter konnte seine Stacheln abfeuern. Als das helle Klingen der auftreffenden Stacheln verebbte, sah er Sequel schwanken. Ohne einen Laut sackte sie zusammen und Brungk bückte sich zu ihr.
Dunn war plötzlich nicht mehr zu bremsen. »Seque!l!«, brüllte er und schoss wie ein Wahnsinniger auf den Roboter, der auf das Mädchen geschossen hatte. Er rannte direkt auf den Roboter zu und hörte erst auf zu schießen, als er nur noch ein Haufen Schrott war. Er hatte Glück gehabt, dass ihn in diesem Moment keine der Waffen in der Decke getroffen hatte. Er lief zu Sequel und kniete sich neben sie. In ihrer Brust steckte einer der Stachel. Ihre Augen waren geschlossen. Er konnte nicht erkennen, ob sie noch lebte.
»Wir müssen sie hier rausschaffen«, sagte er zu Brungk, der hilflos neben ihr hockte.
»Sofort!«, rief Dunn eindringlich. »Fass mit an!«
Brungk schien aus einem Traum zu erwachen und bewegte sich endlich wieder. Er fasste die Beine des Mädchens, während er sie unter den Armen fasste.
»In wenigen Augenblicken ist hier die Hölle los«, erklärte Dunn. »Wir müssen versuchen, sie ins Freie zu bringen.«
Sie erhielten noch immer Treffer aus den Waffen der Skrii-Maschine, doch ihre Anzüge konnten sie neutralisieren. Weitere Roboter schien es nicht zu geben, sonst hätten sie ihnen sicher das Leben schwer gemacht. Sie erreichten die aufgebrochene Schleuse und traten ins Freie. In einiger Entfernung schimmerte der Schirm, der den Würfel vollständig umgab.
»Verdammte Scheiße!«, rief Dunn. »An den Schirm hab ich nicht gedacht.«
»Diese Dinger wirken meist nur in eine Richtung«, sagte Brungk.
»Was heißt das?«
»Sie schützen gegen Gefahren von außen. Aus unserer Richtung sollte er durchlässig sein.«
»Und wenn nicht?«
»Dann sind wir tot. So einfach ist das.«
»Dann los!«, rief Dunn. »Tot sind wir auch, wenn wir hierbleiben.«
Sie mobilisierten ihre letzten Kräfte und trugen Sequel auf den schimmernden Schirm zu. Dunn hätte Angst haben müssen, doch hatte er nur ein einziges Ziel: Sequel in Sicherheit zu bringen. Sie durchstießen den Energieschirm, der ihnen tatsächlich keine Schwierigkeiten machte.
Dunn sah sich verzweifelt nach einer Bodenmulde um, in die sie flüchten konnten, bevor die Bomben zündeten.
»Da vorn!«, rief Brungk und deutete mit dem Kopf voraus. »Eine Bodensenke!«
Das Adrenalin in seinen Adern ließ Dunn Kräfte mobilisieren, von deren Existenz er bisher nichts geahnt hatte. Sequel in seinen Armen blieb völlig bewegungslos. Er hoffte, dass sie noch lebte und nicht zu schwer verletzt war.
Sie hatten eben die Senke erreicht und sich darin tief auf den Boden geduckt, als eine gewaltige Explosion das Innere der Skrii-Waffe erschütterte. Weitere Explosionen folgten und der Würfel schien von innen zu leuchten. Sie spürten einen Hitzeschwall über sich hinwegziehen, der die umliegenden Gräser in Brand setzte. Dunn hatte sich halb über Sequels Körper geworfen, um ihn zu schützen. Er achtete jedoch darauf, den Stachel nicht zu berühren, der noch immer in ihrer Brust steckte.
Dunn wusste nicht, wie viele Bomben er scharfgemacht hatte. Er wusste nur, dass die Zahl der Explosionen weitaus höher war. Die Hitze wurde trotz ihrer Anzüge allmählich unerträglich, als eine letzte Explosion, die sich durch ein tiefes Grollen angekündigt hatte, erfolgte. Der Würfel verging in einer gewaltigen Feuersäule, die bis in die Wolken reichte. Eine Druckwelle fegte über sie hinweg und knickte noch in einiger Entfernung sämtliche Bäume um wie Zahnstocher. Danach wurde es still.
Brungk und Dunn krochen zum Rand der Senke und spähten in die Richtung, in der vorher der Würfel gestanden hatte. Nichts deutete darauf hin, dass dort eben noch eine gewaltige Maschine gewesen war. Einige Brände kündeten davon, dass hier etwas geschehen sein musste.
»Haben wir es geschafft?«, fragte Dunn.
Brungk starrte noch einen Moment auf die Brände. »Es sieht ganz danach aus. Wir haben sie vernichtet. Du hast sie vernichtet.«
Dunn kroch zurück zu Sequel. »Gut. Wenn die Welt jetzt gerettet ist … wie können wir ihr helfen? Kann man feststellen, ob sie noch lebt?«
»Wir können uns mit ihrem Anzug verbinden. Dann zeigt mir mein eigener Anzug ihre Vitaldaten an.«
Brungk legte sich zu ihr und versuchte, möglichst viel Kontakt zwischen seinem und ihrem Anzug zu erzeugen. Nach einiger Zeit löste er sich wieder. »Sie lebt«, sagte er.
»Aber sie ist ohne Bewusstsein. Der Stachel steckt in ihrer Brust, hat aber ihr Herz verfehlt.«
»Wie konnte dieses Ding überhaupt den Anzug durchdringen? Ich dachte, es wäre ein Schutzanzug und wäre absolut sicher.«
»Was ist schon absolut sicher? Wer weiß, was das für eine Legierung ist? Schutzanzüge und Schutzfelder schützen meist nur perfekt vor Energieangriffen. Waffen mit Bolzen oder Projektilen und kinetische Energie sind noch immer ein Problem.«
»Schöne, neue Welt«, sagte Dunn sarkastisch. »Jeder beschissene irdische Revolver hätte uns also töten können? Zwei Millionen Jahre Forschung und Entwicklung und Ihr habt Schutzanzüge, die gegen Waffen meiner Zeit wirkungslos sind? Das gibt es doch nicht!«
»In der Zukunft wird nicht mehr mit primitiven Waffen gekämpft, sondern nur noch mit Energiewaffen. Dagegen schützen unsere Anzüge zuverlässig.«
»Wenn das so ist, wieso schossen die Skrii-Roboter dann mit diesen Metallklingen auf uns?« Dunn winkte ab. »Lassen wir das! Es führt ja doch zu nichts!«
Er deutete auf Sequel.
»Kannst du ihr helfen? Habt ihr in eurem Gepäck etwas, das ihr helfen würde?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Wir sind gegen Krankheiten geschützt und haben schnell heilendes Gewebe, aber solche Verletzungen verlangen nach einem Heiler.«
»Einem Arzt.«
»Gut, einem Arzt.«
»Ich fasse es nicht! Ihr habt nicht einmal ein Erste-Hilfe-Pack dabei. Oder kann der Anzug diese Funktion übernehmen?«
Brungk schüttelte den Kopf. »Nein, dafür ist er nicht ausgelegt. Normalerweise haben Teams einen Heiler-Roboter dabei, aber das ging bei unserem Einsatz nicht.«
»Erkläre mir nicht, wieso. Ich will es gar nicht wissen! Wie können wir Sequel jetzt helfen?«
Brungk schwieg. Der Mensch aus der Zukunft war ratlos.
Dunn überlegte. Die Explosion war sicher beobachtet worden. Es musste davon ausgegangen werden, dass bald jemand nach der Rechten sehen würde. Vermutlich würde ein Helikopter kommen. Bis dahin musste Sequel normale Kleidung tragen – wie auch sie selbst. Dunn erzählte es Brungk.
»Gut, ich hol die Sachen aus dem Zelt«, sagte Brungk. »Mit dem Anzug schaff ich die Strecke in wenigen Minuten. Ich denke, dir ist lieber, hier bei Sequel zu bleiben.«
Dunn sagte nichts, aber sah besorgt auf die Frau hinab.
Brungk rannte los und war bald am Horizont verschwunden. Dunn kniete neben Sequel und strich ihr mit der Hand über den Helm. Viel lieber hätte er ihr Gesicht gespürt und ihre Haut gestreichelt. »Du darfst nicht sterben«, sagte er leise. »Wochenlang hab ich mich gefragt, was ich eigentlich für dich empfinde. Erst jetzt, wo ich befürchten muss, dich zu verlieren, weiß ich es. Bitte halte durch …«
Als Brungk eintraf, war noch immer kein neugieriger Ranger oder ein Helikopter erschienen. Er legte das Bündel mit ihren Kleidern auf den Boden und fingerte an seinem Anzug herum, der augenblicklich verschwand. Er suchte seine Sachen heraus
und zog sich zweckmäßige Kleidung an. Dunn tat es ihm gleich. Zuletzt befreiten sie Sequel von ihrem Anzug. Als sie nackt vor ihnen lag, konnten sie zum ersten Mal die Wunde mit eigenen Augen sehen. Der Stachel war exakt zwischen ihren Brüsten eingedrungen und steckte in ihrem Brustkorb. Es war nur wenig Blut ausgetreten und es blieb zu hoffen, dass es auch keine inneren Blutungen gegeben hatte. Gemeinsam zogen sie Sequel an, die von alldem nichts mitbekam. Dunn streichelte ihr immer wieder über das Gesicht und hoffte, dass endlich Hilfe eintreffen würde.
Aus der Ferne hörten sie das Näherkommen eines Helikopters.
Dunn blickte auf. »Endlich. Es kommt jemand. Hoffentlich ist ein Sanitäter oder Arzt dabei.«
Brungk sah dem Helikopter mit gemischten Gefühlen entgegen. »Wir werden eine Menge Fragen zu beantworten haben, fürchte ich.«
»Sie können fragen, soviel sie wollen – nachdem sie Sequel gerettet haben!«
Das Fluggerät ging neben ihnen nieder. Es handelte sich um eine Maschine mit dem Wappen des Staates Wyoming. Sie kamen also nicht von der Parkverwaltung.
In geduckter Haltung kamen zwei Männer mit einer schweren Tasche angelaufen. Sie trugen klobige Helme und eine dunkelblaue Kombination ohne Abzeichen.
»Was ist hier geschehen?«, fragte einer der Männer.
Dunn ignorierte die Frage. »Ist einer von ihnen Arzt oder Sanitäter? Wir müssen ihr helfen, sonst stirbt sie vielleicht.«
Einer der Männer beugte sich zu Sequel hinunter. »Oh, verdammt! Ich bin Sanitäter, aber das ist eine Nummer zu groß für mich. Sie muss sofort in eine Klinik.«
Er rief seinen Kollegen zu sich, der sich irritiert umblickte und zu ergründen versuchte, was hier geschehen war. »Wirf den Motor wieder an. Wir müssen sofort starten.«
Er stellte keine Fragen, als er das Metallteil in Sequels Brust entdeckte, und sprintete los.
»Wir müssen sie vorsichtig auf die hintere Bank im Flieger legen.« Der Sanitäter schaute Dunn an. »Sie kommen mit und achten darauf, dass die Frau nicht herumrutscht. Wir sind für Krankentransporte nicht ausgelegt.«
»Ich komme auch mit«, sagte Brungk.

Fortsetzung und letzter Teil der Geschichte erscheint am 08.Dezember 2018

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Die Wölfe von Asgard – Sie ging fort mit dem Nebel

Byarne zog mit seinen zierlichen Fingern an den Saiten der Leier und räusperte sich kaum vernehmlich. Dass ihm zunächst niemand im Raum seine Aufmerksamkeit schenkte, kümmerte den jungen Skalden wenig. 
Seine Kunst war etwas, das den Intellekt der durchschnittlichen Männer, die bei diesen Gelagen reihenweise die Bänke besetzten, bei weitem überstieg. 
Sie erfreuten sich an Fraß und Bier, den Schenkeln der Frau, die sie bediente, und grölenden Versen über die tosende Schlacht. 

Gut für Byarne, dass Jarl Islav nicht zu diesen Leuten zählte und ihn in seiner Mitte willkommen geheißen hatte. 
Der Jarl saß auf einem Thron aus geschnitzter Eiche, der eine Verkörperung der Seeschlange Jörmungandr selbst darstellte, die sich einmal um den gesamten Sitz wandte. 
Rote Seide polsterte den Stuhl aus, ein Mitbringsel aus Konstantinopel, das sich für einen hochrangigen Adeligen geziemte. 
Der Thron befand sich auf einem erhöhten Podest, auf dem sich ein großer Tisch befand, der mit allerlei Köstlichkeiten gedeckt war.
Byarne erkannte Körbe voll dampfendem Brot, silberne Platten, auf denen Dorsch und Hering gereicht wurden, Schalen voller gekochter Wachteleier und in der Mitte des Raumes hing ein saftiges Ferkel in einer offenen Feuerstelle, von dem das Fett zischend in die Flammen tropfte. Das Knacken des Kiefernfeuers wurde nur von einem munteren Stimmengewirr und dem berauschenden Aufeinandertreffen von Trinkhörnern übertönt.

Islav war von den ranghöchsten Kapitänen, sowie den Kriegern umgeben, die auf der letzten Fahrt besonders ehrenhaft gekämpft hatten. Eine Garde, wie sie Walhall würdig war. 
Byarne saß am äußersten Ende der Runde und würde gleich für sie musizieren und ein paar Verse vortragen. 
Doch bis es soweit war, nutzte er die Gelegenheit um sich etwas umzusehen.

Unter dem Podest erstreckten sich zwei lange Tafeln, auf denen die restlichen freien Männer saßen und tranken. 
Regelmäßig erhob sich einer von ihnen, prostete dem Jarl zu und wünschte ihm Gesundheit, Schlachtenglück oder ein sich nie leeren wollendes Fass Met. 
Letzterer Wunsch wurde mit heiterem Gelächter quittiert, zeugte er doch von der fortgeschrittenen Trunkenheit des Fürbitters. 
Islavs begegnete diesen Wünschen stets höflich, aber nie überschwänglich. Er war ein nachdenklicher Mann, auch wenn man es seiner rauen Erscheinung, mit dem imposant geflochtenen, rabenschwarzen Bart und dem vernarbten Gesicht, kaum anzusehen vermochte. 
Mittlerweile kannte Byarne die meisten Gesichter in Skiringssal, auch wenn er für viele noch als fremder Sonderling mit einem gewissen Händchen für die Poesie galt. 
So erkannte er den Ältesten, Reighyr, der, von einer Menge erfahrener Krieger umgeben, eine Geschichte über die Tücken der Skagerrakwinde zum Besten gab. 
Die jüngeren Männer, die bald auf ihren ersten Viking fahren würden, hatten sich neben ihnen niedergelassen und schwelgten in Träumen von ruhmreichen Siegen, wofür sie von den alten Hasen stumm belächelt wurden. 
Denn insgeheim gedachten sie doch, von den erfahrenen Seeleuten etwas abschauen zu können oder einen geheimen Trick mitzubekommen, mit dem sich die Meere angenehmer befahren ließen.
Die zweite Tafel, die sich vor dem Podest befand, beherbergte eine bunt durchwürfelte Menge, die sich einen erbitterten Wettstreit um den Posten des Trunkenboldes lieferte. 
Grölendes Gejohle hallte durch das Langhaus, als Olaf der Gehörnte gleich zwei der Trinkgefäße gleichzeitig an seine Lippen setzte und trank, was unter seinen zunehmenden Gleichgewichtsstörungen eine beachtliche Leistung darstellen musste, denn jedermann klopfte ihm auf die Schultern oder feuerte ihn weiter an. Woher Olafs Spitzname herrührte, war somit also kein offenes Geheimnis. 

Byarnes neugieriger Blick jedoch konzentrierte sich zunehmend auf einen großgewachsenen Mann, der am Ende der Tafel saß und mit einem griesgrämigen Gesicht in seinen halbvollen Becher starrte. 
Das Essen auf seinem Teller hatte er kaum angerührt und auch nach Gesprächen schien ihm nicht zu sein. 
Von dem habe ich schon gehört. Er wird Aegir der Sauertopf genannt. 
Kein schöner Name für einen Krieger solch mächtiger Statur. Auch wenn seine riesigen Pranken die harte Arbeit auf dem Boot abzeichneten, so war sein Blick doch ein flackerndes Tor nach Hel.
Einst hatte er den Namen Riese getragen, abgeleitet von den großen Monster, aus dem Himmel und Erde und Meer geschaffen worden waren, doch seit seinem letzten Viking hatte sich das schlagartig geändert. 
Was wohl mit ihm passiert ist? Welche Geschichte erzählt von deinem vereisten Herzen? 
Eindringliches Kichern, das vom Frauentisch herrührte, der sich hinter dem Podest befand, und somit einen abgespaltenen Bereich darstellte, lenkte Byarne für einen Moment ab. 
Ein warmes Lächeln legte sich auf seine Lippen, als er Ylvie erblickte, eine Frau wie es unter tausenden keine zweite gab. 
Sie bemerkte seine Geste allerdings nicht und schnatterte angeregt weiter mit ihrer Tischnachbarin.
Achselzuckend widmete sich der Skalde wieder seiner Leier. Er erhob sich und stimmte einen leichten Singsang, gefolgt von ein paar Akkorden an. 
Schlagartig wurde es ruhiger im Raum, auf das auch den hinteren Reihen es vergönnt war, dem Klang der Melodie zu lauschen. 
»Ruhe, der Skalde singt jetzt!«, bekräftigte jemand Byarnes Voranschreiten.
»Das sehe ich selbst. Die Frage ist, ob man ihn hören will«, kicherte ein anderer. 
Der erste knuffte ihm mit dem Ellbogen in die Rippen, um ihn zum Schweigen zu bringen.
Byarne ignorierte den Affront und ließ seine herzzerreißende Stimme wie ein Licht, wie ein Zeichen der Götter durch den Raum wandern. Gold und Silber flossen ineinander, während seine Stimme einen jeden für sich einnahm. 

Durch Torf und Gras und hohen Schlamm,
kämpft sich ein einsamer Nordemann.
Die Kälte berührt ihn mit silbernen Schleiern.
Die Bäume des Moores stöhnen bedauernd.

Und so ging er fort, mit dem Herzen voll Gram.
Die Liebe verlorn, was blieb war die Qual.
Das Lied seiner Seele verstummte so jäh.
Er nahm sich ein Seil, machte sich auf den Weg.

Im Moor sucht ihn das Ende.

Totenstille herrschte. Jeder lauschte, hing an seinen Lippen. Alle gemeinsam. Jeder für sich allein. Gefangen im Klang.
Und so sang er weiter, während seine Leier eine tieftraurige Melodie anstimmte.

Zu richten sich selbst, aufgrund des Verlusts,
nimmt Hela ihn mit, an ihre trauernde Brust.
Doch kurz bevor der letzte Schritt ist getan,
sieh, der Nebel, er regt sich, oh Nordemann!

Mit kräuselnden Schritten, die zierlich Gestalt,
kommt auf ihn zu, macht dicht vor ihm Halt. 
Ihr graues Lachen, nicht mehr als ein Schemen,
durchsichtige Lippen lächeln verlegen.

Im Moor hat ihn der Zauber gefunden.

Byarne bemerkte, wie Islav ihn mit steinerner Miene anstarrte. 
Eine unendliche Bewegtheit lag tief verborgen hinter seinen Augen, auch wenn der Rest seines Körpers ihm zu verbieten schien, eine Regung zu zeigen. 

Er streichelt ein letztes Mal ihr wallendes Haar,
blickt in zwei Augen, so blau wie das Mar.
Sie formt mit den Lippen einen endlosen Kuss
und sagt ihm dann, dass er Abschied nehmen muss. 

Sie gleitet aus seinen Händen, hinein in den Nebel,
dem Nordemann kommt eine einzige Träne.
Er fasst sich ein Herz und macht sich von ihr frei.
Auf der feuchten Erde verrottet einsam ein Seil.

Im Moor dämmert ein neuer Tag. 

Byarne verneigte sich tief. 
Nach einem kurzen Moment der Besinnung erhoben sich die Männer und applaudierten lautstark. 
Der Blick des Skalden richtet sich jedoch nur auf einen.
Islav hatte sich erhoben und neigte ihm den Kopf zu. Eine Geste des Respekts für seine Darstellung und ein Dank für diesen besonderen Moment und die Ehrung seiner verstorbenen Frau.
»Ich danke dir für deine Darbietung, Skalde. Iss und trink von meiner Tafel, wie es dir beliebt. Und nun spiele uns etwas fröhliches.«
Wieder verfiel die Menge in ausgewachsenen Jubel, während Byarne einen schnelleres Stück anstimmte und das Lied vom schlafenden Bären und der Fischerstochter spielte. 
Einige der Damen ließen sogar mit sich tanzen und so bewegte sich ein freudiger Tumult zwischen den Bänken umher. 
Aus dem Augenwinkel registrierte der Skalde, wie Ylvie zu ihrem Mann stieß und ihn mit freudigem Lachen zum Tanzen bewegen wollte.
Doch Aegir wies sie mit einer schroffen Handbewegung ab. 
Sie schien verärgert ein paar deutliche Worte zu fällen, dann ließ sie sich von einem der Männer zum Tanz auffordern und verschwand in der bunten Menge. 

Der Abend wurde immer ausgelassener, mittlerweile waren die meisten so betrunken, dass sich der Tanz in ein wildes Getorkel verwandelt hatte. 
Byarne spielte Alle Segel hoch, gefolgt von einem humorvollen Festlied über Geri und Freki, die Wölfe Asgards und seines großen Herrschers, dem machtvollen Odin. 
Der Blick des Skalden wanderte durch die Reihen und plötzlich stieß er auf etwas, das ihn erschaudern ließ. 
In einer abgelegenen Ecke hatte Ylvie es sich mit jemandem gemütlich gemacht, sie hatte die Arme um ihn geschlungen, er seine auf ihrer Hüfte ruhen. 
Nach leidenschaftlichem Partnertanz sah das ganz und gar nicht aus.
Sie steckten ihre Köpfe zusammen und schienen nur Augen füreinander zu haben. 
Vermutlich eine Folge des Alkohols und der Verschmähung durch ihren Mann.
Byarne schaute verstohlen zu Aegir, der nach wie vor an der Tafel saß und der Schmollerei verfallen war. 
Was für ein Mann lässt so etwas zu?

Plötzlich tauchte Aegirs jüngerer Bruder an seiner Seite auf und sie schienen ein ernstes Gespräch zu beginnen. Snorri gestikulierte wild mit den Händen und deutete auf die abgelegene Ecke.
Der Blick des großen Mannes verfinsterte sich, das Flackern, das Byarne schon zuvor bei ihm gesehen hatte, verwandelte sich in Surts tosendes Untergangsinferno.
Das gibt gleich furchtbaren Ärger.
Mit einem eindrucksvollen Ruck sprang Aegir auf, wobei er sich den Stuhl griff, auf dem er bis gerade noch gesessen hatte. In Windeseile hatte er die abgelegene Ecke erreicht. 
Byarne hörte nur noch einen wütenden Aufschrei und ein lautes Krachen, als der Stuhl sein Ziel fand und daran zerbarst. 
»Du Hundesohn!«, fluchte Aegir brüllend. »Hast dich wie eine Schlange an meine Frau herangeschlichen?«
Die Musik brach ab und alles wendete sich den beiden Streithähnen zu.
Der andere Mann kam keuchend auf die Beine, wischte sich das Blut von seiner Nase. »Sie wählte mich aus, weil du sie verschmähtest. Siehst vielleicht wie einer aus, aber ein echter Mann benimmt sich nicht so wie du, Sauertopf! Und jeder hier weiß das!«
Die Menge stimmte mit Gejohle ein. 
Der Faustschlag traf den Mann so unerwartet, dass er ächzend zu Boden ging. 
Aegir griff nach seinem Bart, zog ihn wieder zu sich empor, nur um ihn mit einer Kopfnuss abermals zu Boden zu schicken. »Kein Mann, eh? Spricht dieser Tölpel die Wahrheit?«, blaffte er seine Frau an. 
Ylvies Augen weiteten sich vor Furcht und sie versuchte eine Antwort zu zittern, was ihr jedoch nicht direkt gelang.
Mittlerweile hatte auch Islav das geschehen bemerkt. Noch schien er sich ruhig zu verhalten, doch seine Männer bahnten sich bereits einen Weg durch die Menge, die ihnen nur widerwillig Platz machte. Alle wollten hören, was Sauertopf zu sagen hatte.
»Denkt ihr das alle? Seid ihr so blind und taub? Könnt ihr die Zeichen nicht lesen? Ein Gott hat mich berührt und ich weiß, dass ich auf ihn hören muss. Jeder, der diese Entscheidung anfechten möchte, darf gerne vortreten und sprechen.« 
Der große Mann verschränkte die mächtigen Arme. 
Mit versöhnlicher Geste trat Snorri hervor und stellte sich zwischen die beiden. »Du bringst ihn ja gleich um«, sagte er milde, dann schaute er seinen Bruder eindringlich an. »Du scheinst mir von deinem Pfad abgekommen. Auch als wir heute miteinander sprachen, wirktest du so verändert. Sag mir, seit wann ist Fischen die Lieblingsbeschäftigung vom axtschwingenden Riesen? Komm mit auf unsere nächste große Fahrt und werde wieder du selbst. Ein Krieger Tyrs, dem großen Helden. Werde dem Sehnen deiner Frau gerecht und auch dem deines Bruders. Ich bitte dich.«
Einige der Männer verfielen in unterstützendes Gemurmel. Viele von ihnen konnten sich wahrlich bestens daran erinnern, wie es war, mit Aegir auf Beutefahrt zu segeln.
Dieser jedoch funkelte Snorri nur an. »Du kennst die Antwort«, sagte er und griff nach seiner Frau. Er zog sie mit sich auf den Ausgang zu. 

Vor Islavs Podest machte er kurz Halt. »Verzeiht mir, dass ich die gute Stimmung derart tosend unterbrochen habe, mein Herr. Es lag nicht in meiner Absicht«, dabei blickte er seine Frau scharf an, die mittlerweile blass wie Pergament geworden war.
»Versprich mir, dass du sie auf dem Heimweg nicht schlecht behandeln wirst und ich werde dir verzeihen. Und versprich mir auch, dass du die Worte deines Bruders bedenken wirst«, sprach der Jarl von Skiringssal mit ernstem Tonfall.
»Was mein törichtes Weib angeht, so möchte ich euch versichern, dass ich ihr kein Haar krümmen werde«, sprach Aegir mit einer leichten Verbeugung. 
»Doch mein Entschluss für die Plünderfahrten steht fest. Ich habe Frau und Kinder und gedenke nicht, sie wieder zu verlassen. Es tut mir Leid, mein Herr.« 
Mit diesen Worten schritt er, in Begleitung seiner Frau, aus der Halle. 
Für einen Moment war es totenstill. 
Byarne befürchtete, dass der heutige Abend womöglich gerade sein jähes Ende gefunden hatte. 
Der Jarl entließ ihn für heute aus seinen Pflichten und so widmete er sich dem Bier. 
Was ist nur mit diesem Aegir los? Ein Gott hat ihn also berührt?
Noch lange grübelte der Skalde über das Geschehene nach, doch die heutige Nacht würde ihm keine Antwort mehr liefern können.

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Die Zeitreisenden 8

3. Tag der Entscheidung – Teil 1

Wäre nicht ihre bedrückende Aufgabe gewesen, hätte man ihren Aufenthalt im Yellowstone-Park wie einen Abenteueraufenthalt empfinden können. Dunn wusste zwar, dass Individualreisen durch den Park grundsätzlich nicht verboten waren, sie wurden in der Realität jedoch meist nur von wenigen Extremwanderern unternommen. Zu nachhaltig wurde vor herumstreunenden Bären und anderen Tieren gewarnt, die durchaus zu einer tödlichen Gefahr werden konnten. Einem Grizzly-Bären ungeschützt gegenüberzustehen war kein Spaß. Er hoffte jedoch, dass sie auf dem Plateau weitgehend vor ihnen sicher waren. Meist hielten sie sich in den Flussbereichen auf, die von vielen anderen Tieren als Tränke benutzt wurden.
Auch vor Park-Rangern waren sie weitgehend sicher, denn die Parkaufsicht hatte nicht das Personal, auch die entlegensten Orte des riesigen Parks zu überwachen. Straßen gab es in weitem Umkreis nicht. Das Einzige, das man häufiger finden konnte, waren Pfade, denen abenteuerlustige Wanderer hin und wieder folgten.
Das Hightech-Zelt aus der Zukunft, das Sequel aufgestellt hatte, bot erstaunlich guten Schutz vor der Witterung und hatte bislang nicht einen Tropfen der nächtlichen Regenfälle durchgelassen. Es wärmte automatisch, wenn es draußen kalt wurde und kühlte, wenn die Mittagssonne sich allmählich durchsetzte und das Zelt aufheizte.
Vier Tage verweilten sie bereits an diesem Ort und noch immer hatten Brungk und Sequel das Herannahen der erwarteten Waffe der Skrii nicht gespürt. Sie schienen darüber nicht beunruhigt, denn sie waren vollkommen überzeugt davon, dass sie erscheinen würde.
Dunn war schon früh aufgewacht und hatte sich aus dem Zelt geschlichen, um die anderen nicht zu wecken. Obwohl es noch kühl war, genoss er es, den Sonnenaufgang über den Bergen zu beobachten. Ein Geräusch ließ ihn herumfahren. Sequel kam aus dem Zelt gekrabbelt. Ihren Schlafsack hatte sie an der Seite geöffnet und sich wie eine Decke umgelegt, in die sie sich einwickelte, sowie sie sich erhoben hatte.
»Wie kannst du so hier in der Kälte stehen, ohne zu frieren?«, fragte sie, als sie sich zu ihm gesellt hatte.
Er sah auf sie herab und musste lächeln. »Ich bin das Klima von Wyoming gewohnt. Das kann in der kalten Jahreszeit schon mal rau sein. Mir macht das nicht so viel aus. Im Grunde liebe ich diese kurze Zeit vor dem Sonnenaufgang, wenn der Atem beim Ausatmen noch dampft. Es macht den Kopf klar.«
»Mich lässt es nur erzittern, wie ich feststelle. Vielleicht sollte ich besser wieder ins Zelt schlüpfen.«
»Bleib ruhig noch da«, sagte Dunn.
Sie sah ihn an, doch er sagte nichts mehr. »Wenn du das möchtest, musst du mich wärmen.«
»Na, komm her«, sagte er und breitete seine Arme aus. Sie trat zu ihm und er legte seine Arme um sie.
Sequel brummte leise. »Ich hätte nicht geglaubt, dass ich in dieser morgendlichen Kälte die Wärme deines Körpers spüren könnte. Es ist angenehm. Wie lange dauert es noch, bis die Sonne aufgeht?«
»Nicht lange.«
Dunn dachte an das Gespräch mit Brungk. Er hielt die schönste Frau, die er je getroffen hatte, in den Armen. Wie fühlte sich das für ihn an? Suchte sie lediglich seine Wärme? Gab sie ihm Zeichen und er war nur zu dämlich, sie zu verstehen? War dies der Moment, sich endlich über verschiedene Dinge klar zu werden?
»Wie kommst du mit den Waffenübungen zurecht?«, fragte sie plötzlich. Die Stimmung war mit einem Moment vorbei.
»Ich denke, ich bin schon recht schnell und sicher damit. Besonders, wenn ich den Anzug aktiviert habe. Wenn es losgeht, werde ich euch sicher unterstützen können.«
Sie nickte. »Gut.«
»Wann, glaubst du, geht es los? Die Warterei geht mir an die Nieren. Ich schlafe schon recht unruhig in den letzten Tagen.«
»Vielleicht wirst du dir die Warterei zurückwünschen, wenn das Ding erscheint. Es kann nicht mehr lange dauern. Wir rechnen jeden Moment mit den ersten Anzeichen.«
Ein erster Lichtschein erschien zwischen den Bergspitzen und leuchtete ihnen direkt ins Gesicht. Die Ebene des Plateaus wurde in goldenes Licht getaucht und es sah einfach fantastisch aus.
»Die Erde ist wunderschön«, sagte Sequel leise. »Soetwas gab es auf Lorana nicht. Dieser Moment zeigt mir deutlich, dass die Erde der Heimatplanet der Menschen ist. Wir habe Vieles durch unseren Exodus zurückgelassen und verloren.«
Sie schmiegte sich enger an Dunn. »Ich danke dir, dass ich diesen Moment erleben durfte.«
Er empfand plötzlich ein irrationales Glücksgefühl und presste sie fest an sich. In diesem Moment versteifte sich Sequel und Dunn erschrak. Hatte er eine unsichtbare Grenze überschritten und Sequel wies ihn zurück? Er blickte ihr ins Gesicht und erschrak nochmals. Ihr Gesicht hatte einen vollkommen abwesenden Ausdruck und ihre Augen waren komplett schwarz.
»Sequel! Was ist mit dir?«
Sie antwortete nicht und lag stocksteif in seinen Armen. Aus dem Zelt drangen unverständliche Laute und nach wenigen Augenblicken kam Brungk aus dem Zelt. Seine Bewegungen wirkten zeitlupenhaft und fahrig, als hätte er Probleme, seinen Körper unter Kontrolle zu bringen. Er benötigte mehrere Versuche, bis er endlich auf seinen Beinen stand. Mit steifen Schritten ging er auf die beiden zu. Auch er hatte schwarze Augen, die auch die Augäpfel mit einschlossen.
»Es geht los«, sagte er stockend. »Ich muss Sequel zurückholen.«
»Zurückholen?«
»Emotionen können unsere Deckung unterlaufen. Die temporale Bugwelle der Waffe hat sie überrascht und gelähmt. Allein kann ich nichts tun. Ich brauche ihre mentalen Kräfte. Ohne sie können wir den exakten Ort nicht orten.«
Brungk blickte in Sequels schwarze Augen. »Ich brauche sie sofort im Zelt. Hier draußen ist es zu kalt, und wenn ich es richtig sehe, ist sie unter ihrem Schlafsack nackt.«
Dunn presste die Lippen zusammen. Nur widerstrebend entließ er die Frau aus seinen Armen. Er hatte das Gefühl, für die Situation verantwortlich zu sein, sah sich aber nicht imstande, etwas zu tun.
»Fass mal mit an!«, forderte Brungk ihn auf. »Allein bekomm ich sie in diesem Zustand nicht ins Zelt.«
Gemeinsam trugen sie das Mädchen zum Zelt und zogen es auf dem Schlafsack hinein. Brungk ignorierte die durch das Aufklaffen des Schlafsacks offengelegte Nacktheit Sequels und beugte sich über sie, bis er mit seiner Stirn ihre berührte. Ein leichtes Zucken lief durch ihren Körper. Dunn beobachtete besorgt die Szene und fragte sich, was Brungk wohl mit ihr anstellte.
Nach mehr als einer halben Stunde ließ Brungk sich zurücksinken und wischte sich mit der Hand über die Stirn. »Ich hab’s geschafft. Sie sollte gleich zu sich kommen.«
Wenige Augenblicke später begann Sequel, sich zu bewegen. Mit einem leisen Stöhnen richtete sie sich auf und blickte mit ratlosem Gesicht umher. Ihre Augen waren noch immer tiefschwarz. »Was ist geschehen? Ich kann mich noch an den Sonnenaufgang erinnern, dann war es, als hätte mich etwas einfach ausgeknipst.«
»Der erste Gruß der Skrii«, sagte Brungk. »Die erste temporale Schockwelle. Sie hat dich überrascht.«
»Dann ist heute der Tag der Entscheidung?«, fragte Dunn.
»Nicht heute«, sagte Brungk kopfschüttelnd. »Voraussichtlich morgen. Wir werden den heutigen Tag nutzen, um den exakten Ort zu bestimmen. Mit etwas Glück gibt es noch eine weitere Schockwelle. Spätestens dann können wir genau sagen, wo das Skriikravkniikth, wie unsere Feinde die Waffe nennen, erscheinen wird, bevor es wieder in die Tiefen des Zeitstroms weiterzieht.«
»Woher wisst ihr eigentlich so genau über diese Waffe Bescheid?«
Brungk und Sequel blickten sich kurz an. Sequel nickte.
»Gut«, sagte Brungk. »Warum solltest du es auch nicht wissen. Für die Situation der Kriegsparteien in der Zukunft ist es sicher nicht relevant. Als wir unsere Reise antraten, befanden wir uns schon viele Jahrzehnte mit den Skrii im Kriegszustand. Ich kann dir nicht einmal sagen, was ursprünglich den Ausschlag dazu gegeben hat. Fest steht, dass Menschen und Insektoide vollkommen unterschiedliche Motivationen haben und von den Moralvorstellungen will ich überhaupt nicht reden. Schon beim ersten Zusammentreffen unserer Rassen war dies von Missverständnissen geprägt und gipfelte in erste kleine Gefechte. Als es eskalierte, gab es furchtbare Schlachten, aber niemandem gelang es, einen endgültigen Sieg zu erringen. Wir glauben, dass der Einsatz einer Roboterschwadron schließlich dazu führte, dass die Skrii uns endgültig auslöschen wollen.«
»Roboterschwadron?«
»Eine riesige Flotte von automatischen Schiffen mit Kampfrobotern, die wir zu einer der Zentralwelten der Skrii geschickt haben. Ihr gelang die Vernichtung des ›Nests‹, dem Mutterstamm der Skrii. Es war jedoch naiv, anzunehmen, dass dies zu einer Kapitulation des Gegners führen würde. Sie bauten das Nest wieder auf und setzten eine neue Königin ein, die bedeutend kompromissloser war als die alte. Nicht nur wir Menschen, sondern auch die Skrii haben hervorragende Wissenschaftler. Sie hatten die Natur der Zeit ebenso erforscht wie wir und die neue Königin befahl den Bau des Skriikravkniikth, um uns aus der Geschichte unseres Universums zu tilgen. Wir lagen lange genug mit dem Gegner im Krieg, dass wir genau über die Vorgänge auf ihren Wissenschafts- und Industriewelten informiert waren. Dennoch kamen wir zu spät, den Einsatz der Waffe zu verhindern. Als unser Einsatzkommando eintraf, um das Gerät zu vernichten, war es bereits nicht mehr dort, und man hatte unserem Team eine Falle gestellt. Nur einer konnte entkommen, aber es gelang ihm, eine der Chefplanerinnen der Skrii zu betäuben und nach Lorana zu entführen. Bei den Befragungen plauderte sie viele Einzelheiten aus, die uns nun hoffentlich helfen.«
»Und diese Skrii hat euch das einfach verraten?«, wunderte sich Dunn.
»Natürlich nicht. Du willst nicht wissen, was geschehen musste, an dieses Wissen zu gelangen.«
»Ihr habt dieses Wesen gefoltert.«
»Vermutlich würdet ihr es so nennen. Unsere Spezialisten nennen es ›nachdrückliche Befragung‹.«
»Ich stelle fest, dass die Menschen der Zukunft auch nicht besser sind als wir.«
»Wir stammen zwar aus der Zukunft, aber wir haben noch immer unseren Selbsterhaltungstrieb«, sagte Brungk. »Ich weise aber darauf hin, dass weder Sequel noch ich an solchen Aktionen beteiligt waren. Ich glaube auch nicht, dass wir das könnten.«
»Okay«, sagte Dunn. »Das war für mich als Hintergrundwissen natürlich interessant, aber wie geht es jetzt weiter?«
»Wir werden jetzt verschmelzen und unsere Orterfähigkeiten einsetzen«, meinte Sequel. »Das kann eine Weile dauern. Für dich bedeutet es nur, dass du uns alles vom Hals halten musst, was uns stören könnte. Schalte eventuell den Anzug ein und aktiviere den Tarnmodus. Es wird dich dann niemand sehen können. Du könntest jeden Neugierigen ablenken oder notfalls ausschalten, wenn es ein gefährliches Tier ist.«
»Denkst du, es dauert so lange?«
»Wir müssen der Temporalschockwelle nachspüren. Die Nachwirkungen sind nur noch schwach spürbar. Wenn in der nächsten Zeit keine weitere Welle kommt, kann es Stunden dauern. Mach dir also keine Sorgen, wenn wir lange in der Verbindung bleiben.«
Sie setzten sich bequem auf den Zeltboden gegenüber und legten ihre Stirn aneinander. Nur wenige Augenblicke später waren sie nicht mehr ansprechbar.
Dunn verließ das Zelt und sah sich um. Nichts deutete darauf hin, dass jemand oder etwas sich für ihr Zelt interessierte. Nicht einmal Wapitis hielten sich in der Nähe auf. Er aktivierte aus purer Langeweile seinen Anzug und experimentierte mit den Kontrollen herum. Es gab tatsächlich einen Tarnmodus, aber aus dem Innern des Anzuges konnte er nicht die Wirkung dieses Modus überprüfen. So übte er weiterhin das Zusammenspiel von Waffensystemen und Anzug, trainierte, das System mit seinen Gedanken zu steuern und bemühte sich allgemein, die Abläufe zu beschleunigen. Dass das letztlich ausreichend war, um den Ernstfall zu überleben, konnte er nur hoffen.
Als er nach einiger Zeit den Anzug abschaltete, war es fast Mittag und sein Magen signalisierte ihm Hunger.
Er schlüpfte ins Zelt, um sich eine Rolle Kekse zu holen. Dabei sah er, dass sich weder Brungk noch Sequel in der Zwischenzeit bewegt hatten. Seit mehreren Stunden hatten sie in dieser Position verharrt. Das konnte nicht gesund sein. Er hoffte, dass die beiden bald aus ihrer Verschmelzung auftauchen würden. Es sollte noch ein paar weitere Stunden dauern, als sie sich plötzlich bewegten und ihre schmerzenden Glieder rieben. »Wasser!«, rief Sequel. »Ich bin völlig ausgetrocknet.«
Dunn eilte sofort mit einer Flasche Quellwasser zur ihr, die sie an einer kleinen Quelle, nur wenige Meter neben dem Zelt, auffüllen konnten. Sequel trank wie eine Verdurstende. Brungk ging es nicht besser, doch er wartete geduldig, bis Sequel fertig war.
Die beiden waren völlig erschöpft. Dunn sah, dass Sequel offenbar Schmerzen verspürte. »Geht es dir nicht gut?«
Sie lachte humorlos auf. »So kann man es nennen. Mir platzt der Kopf und jeder Knochen schmerzt. Aber wir wissen jetzt, wo wir die Waffe erwarten werden.«
»Tatsächlich? Ihr konntet es lokalisieren? Ist es weit von hier?«
Brungk setzte seine Flasche ab und wischte sich über den Mund. »Etwas mehr als drei Kilometer von hier.«
»Wir sollten unser Zelt hier stehen lassen und nur mit unserer Ausrüstung loslaufen«, ergänzte Sequel. »Für diese kurze Strecke sollten wir keine Energie für eine Ortsversetzung vergeuden. Wir werden jedes Quäntchen davon brauchen, wenn das Ding erscheint.«
»Wann brechen wir auf?«
»Wir sollten uns bald auf den Weg machen«, sagte Sequel. »Bereiten wir uns vor.«
Dunn schaute sie verständnislos an. »Welche Vorbereitungen meinst du?«
»Nun. Zieh deine Sachen aus und schalte den Anzug ein. Anschließend heften wir unsere Waffen an den Anzug und los geht es.«
»Und wieso soll ich mich ausziehen? Bei euch scheint Nacktheit normal zu sein. Bei uns ist das etwas anders.«
»Damit hat das nichts zu tun«, erklärte Sequel. »Der Anzug kann sich nur richtig um die Bedürfnisse deines Körpers kümmern, wenn er Kontakt dazu hat. Wenn du unter dem Anzug nackt bist, wird er sich auch um deine Ausscheidungen kümmern. Wir können es uns nicht leisten, deswegen auch nur eine Minute unachtsam zu sein.«
Dunn zögerte noch.
»Worauf wartest du?«, fragte Sequel, die bereits fast vollständig ausgezogen war.
»Nun mal im Ernst: Wenn ich irgendwann den Anzug ausschalte, stehe ich im Adamskostüm vor meinen Gegnern? Das ist doch völlig verrückt!«
Sequel lachte. »Dann schalt ihn halt nicht aus.« Elegant warf sie ihr Höschen als letztes Kleidungsstück auf den Kleiderhaufen am Boden und aktivierte ihren Anzug. Von einem Moment zum anderen verwandelte sie sich in eine graubraune Figur aus einem Guss. Auch Brungk war bereits fertig und schaltete seinen Anzug ein. Dunn begann zögernd, auch seine Kleidung abzulegen. Vielleicht war es seine prüde Erziehung, aber es fühlte sich einfach falsch an, seine Kleidung auszuziehen, wenn es in den Kampf gegen einen mächtigen Gegner ging. Trotzdem tat er es und der Kleiderhaufen auf dem Boden wurde noch etwas größer. Er fühlte sich erst besser, als sein Anzug ebenfalls aktiv war. Aus seinem Helm heraus konnte er die Gesichter seiner Freunde wieder erkennen. Vom Hals an abwärts verbargen die Anzüge allerdings die Körper vor den Blicken der anderen, was ihn beruhigte.
Er spürte, wie sich der Anzug wie eine zweite Haut an seinen Körper anpasste, bis er ihn kaum noch spürte. Brungk nahm die Waffen zur Hand und klebte sie einfach in Hüfthöhe auf die glatte Oberfläche des Anzuges. Sie blieben dort haften wie festgeschweißt. »Wenn du danach greifst, werden sie ganz einfach abgehen.«
»Können wir uns dann auf den Weg machen?«, fragte Sequel ungeduldig. »Wir kennen den exakten Zeitplan des Skriikravkniikth nicht. Wir müssen ganz dicht am Objekt sein, wenn es erscheint. Es wird ein Schutzfeld besitzen, das wir mit unseren Mitteln nur schwer durchdringen können. Daher sollten wir von vornherein innerhalb des Schutzmechanismus sein.«
Dunn spürte, wie ihm heiß wurde. Er begann zu ahnen, dass ihre Mission kein Spaziergang werden würde.
Sie verstauten noch ihre Kleidung im Zelt und liefen los. Durch die Navigationsmodule ihrer Anzüge geführt, war es ihnen unmöglich, sich zu verlaufen, und die kinetische Unterstützung ihrer Körper durch die Anzüge ließ sie den Marsch wie einen Spaziergang empfinden. Keine Stunde später trafen sie am Ziel ein. Nichts unterschied diesen Ort von der Stelle, an der ihr Zelt stand. Es fiel Dunn schwer, sich vorzustellen, dass an dieser Stelle in Kürze eine riesige Maschine erscheinen sollte, die eine tödliche Gefahr für die gesamte Menschheit darstellen sollte. Er fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, das Militär auf diese Waffe anzusetzen.
»Das wäre keine Lösung«, übermittelte Sequel.
»Was?«, fragte Dunn.
»Du hast so intensiv gedacht, dass der Anzug es an uns weitergeleitet hat. Euer Militär besitzt keine Waffen, die den Schutz des Skriikravkniikth überwinden könnten. Selbst diese Atomwaffen, auf die ihr so stolz seid, würden nur das Land unbewohnbar machen. Glaub mir, wenn jemand eine Chance hat, dann sind wir es
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Den ganzen Tag verbrachten sie mit Warten im eingeschalteten Anzug. Inzwischen hatte Dunn sich so daran gewöhnt, in dem Anzug zu stecken, dass er ihn überhaupt nicht mehr bemerkte. Das System versorgte ihn mit allem, was sein Körper benötigte. Als die Sonne versank, wurden Brungk und Sequel unruhig.
»Ich hab was gespürt«, sandte Brungk. »Es kommt.«
»Wir stehen mittendrin!«, rief Sequel laut. »Weg hier!«
Dunn blickte sie ratlos an. Sequel stürzte auf ihn zu und zog ihn am Arm hinter sich her. »Willst du, dass es dich zerquetscht?«
»Ich verstehe nicht. Hier ist doch weit und breit nichts zu sehen.«
In diesem Moment begann die Luft, sich mit Elektrizität aufzuladen. Winzige Blitze zuckten aus der Luft in den Boden, und auf dem Boden zeichnete sich plötzlich eine gerade Linie ab, an der entlang das Gras der Ebene von der Faust eines Titanen niedergedrückt schien. Die Blitze wurden zahlreicher und heftiger. Die Luft stank nach Ozon.
Sequel und Brungk liefen an der Linie entlang. »Es ist ein perfektes Quadrat! Wir müssen uns ganz knapp außerhalb des Quadrats aufhalten!«
Dunn achtete darauf, diesen Hinweis zu befolgen und rannte den beiden hinterher. Er hatte keine Lust, von ihnen getrennt zu sein, wenn dieses Ding plötzlich erschien. Doch nach wenigen Metern musste er stoppen, weil die Blitze inzwischen in großer Zahl rund um sie herum in den Boden schlugen. Sequel und Brungk waren kaum noch zu erkennen. Ständig wurde er durch Blitze geblendet, da die Automatik seines Helms nicht schnell genug regierte.
»Dunn, wo steckst du?«, fragte Sequel. »Warum folgst du uns nicht?«
»Ich kann nicht! Ich müsste durch ein Blitzgewitter laufen. Ich bezweifle, dass der Anzug das aushalten würde
»Nein! Versuch das nicht! Warte, bis die Waffe erschienen ist. Die Blitze sollten aufhören, wenn die Waffe materialisiert ist. Nicht erschrecken! Es wird ein riesiger Würfel sein!«
Dunn hatte nicht bemerkt, dass sein Kreislauf auf Hochtouren lief. Heftig atmete er und der Anzug bemühte sich, seine Nerven zu beruhigen, aber das Ergebnis fiel nur dürftig aus. Inzwischen war das Blitzgewitter zu einem regelrechten Dauerfeuer geworden und allmählich wurde aus den strahlenden Blitzen ein gewaltiges würfelförmiges Ding sichtbar. Er wagte kaum, sich zu rühren, da er befürchtete, sonst mit den Entladungen in Kontakt zu geraten. Nie in seinem Leben hatte er solche Angst verspürt, wie in diesen Momenten.
Von einem Augenblick zum anderen hörten die Blitze auf. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Eine gewaltige schwarze Wand erhob sich vor ihm. Er war zu dicht davor, um das tatsächliche Ausmaß erfassen zu können, schätzte aber, dass sie sich mindestens zwanzig Meter in die Höhe erstreckte. Ein schwacher Schein beleuchtete die Szenerie einen Moment später. Dunn spähte in die Richtung, aus der das Licht kam und sah, dass in wenigen Metern Entfernung ein leuchtender Vorhang erschien, der das gesamte Gebilde einhüllte.
»Sequel!«, dachte er.
»Komm jetzt zu uns«, antwortete sie. »Wir haben eine Art Schleuse gefunden
Dunn hastete an der Wand entlang, die völlig schwarz wirkte und leicht dampfte. Er legte versuchsweise eine Hand auf die Oberfläche und erfuhr über die Sensoren, dass die Temperatur der Oberfläche weit unter -100 Grad Celsius lag. Als er um die nächste Ecke des Würfels bog, sah er die beiden, die bereits ihre Destabilisatoren in der Hand hielten.
»Du musst uns helfen«, sagte Brungk. »Das Schott bekommen wir nicht auf. Es ist an die Physiognomie der Skrii gebunden, und damit können wir nicht dienen. Wir werden Gewalt anwenden müssen.«
Sie erhoben ihre Waffen und zielten auf eine Stelle des Schotts, wo sie das Scharnier vermuteten. Dunn hatte schon erlebt, was diese Waffen mit Materie anrichteten und wappnete sich instinktiv gegen eine heftige Explosion. Sie blieb jedoch aus und das Schott war völlig unbeschadet.
»Komm Wayne, wir versuchen es mit Dauerfeuer aus drei Waffen gleichzeitig.«
Dunn zog ebenfalls seine Waffe und gemeinsam nahmen sie das Schott unter Feuer. Minutenlang beschossen sie das Material, als es endlich Wirkung zeigte. Es löste sich zwar nicht in einer Explosion auf, doch wurde es porös und seine Dichte wurde immer geringer, bis es schließlich riss und ein gelbes Gas freigesetzt wurde.
»Weiterschießen!«, befahl Sequel. »Wir kommen da noch nicht durch. Das Loch ist noch zu klein.«
»Wozu habt Ihr Destabilisatorbomben?«, rief Dunn. »Die haben doch sicher mehr Power als die Handwaffen, oder?«
»Gute Idee!«
Brungk und Sequel pflückten ihre Bomben vom Anzug und hafteten sie an die bereits angeschlagene Tür.
»Weg hier! Wir ziehen uns bis um die nächste Ecke zurück!«
Sie rannten an der Mauer entlang und hielten nicht eher an, bis sie hinter der nächsten Ecke des Würfels in Deckung gehen konnten. Ein greller Blitz erhellte die gesamte Umgebung mit unnatürlichem Licht. Vorsichtig kehrten sie zurück zu der Stelle, an der sie auf das Eingangsschott geschossen hatten. Es war nicht mehr da. Stattdessen klaffte eine große, ausgefranste Öffnung in der Wand des Würfels.
Brungk hielt seine Waffe in der Hand und kletterte ohne zu Überlegen durch das Loch ins Innere. Sequel sah Dunn kurz an und folgte Brungk. Als Letzter folgte Dunn.
Im ersten Augenblick herrschte totale Finsternis, doch schon Sekunden später hatte der Anzug diverse Strahlenquellen ausgemacht, die sich eigneten, als sichtbares Licht über die Innenfläche des Helms auf die Augen übertragen zu werden. Es half ihm jedoch nicht weiter, da sein Verstand nicht einordnen konnte, was er sah. Das Innere des Würfels glich einem Bild von Hieronymus Bosch – vollkommen verwirrend und zugleich bedrückend. Man konnte zwar alles erkennen, doch wusste man nicht, was man überhaupt sah. Sequel und Brungk schien es nicht anders zu ergehen, denn auch sie standen staunend und unsicher inmitten des Chaos, welchem vermutlich lediglich ein Skrii etwas Sinnvolles abgewinnen konnte.

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Der ursprünglich für den 3.11. angekündigte Teil konnte leider erst verspätet heute gepostet werden. Die Fortsetzung gibt es am 01.12.2018

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