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Das Paradies (4/4)

Das Paradies – Teil 4 (letzter Teil)

Er stieß die Tür nach draußen auf und ein Schwall eisigkalter Luft schlug ihnen entgegen. Es war windig und die Welt um sie herum war weiß. Sie schien von einer dicken Schneedecke bedeckt zu sein. Wind blies ihnen kleine Eiskristalle ins Gesicht, welches sogleich zu prickeln begann.
»Dort vorn steht unser Schneemobil!«, brüllte William gegen den Wind an. »Ihr seid unser Wetter noch nicht gewohnt! Beeilt euch – die Kabine ist beheizt!«
Eilig hasteten sie zum Fahrzeug und schwangen sich hinein. Es handelte sich um eine kantige Fahrerkabine auf Kufen. Eine breite Raupenkette trieb das Fahrzeug an.
»Ist es hier im Winter immer so kalt?«, fragte Nina.
William lachte, während er den Motor startete und losfuhr.
»Was ist an meiner Frage so lustig?«, wollte Nina verärgert wissen. »Sie könnten ruhig etwas entgegenkommender sein.«
»Also erst einmal: Hier sprechen wir uns alle mit dem Vornamen an und duzen uns. Ich heiße William und Punkt, okay? Und ich wollte euch nicht ärgern, aber es ist einfach so, dass wir überhaupt nicht Winter haben. Die Planetenachse ist gegen die Ekliptik unserer Sonne nicht geneigt. Es ist immer so, wie Ihr es jetzt seht.«
»Moment!«, rief Sebastian. »Park ist eine Schneelandschaft? Wir müssen ab jetzt leben wie die Eisbären?«
»Nein, so schlimm ist es nicht«, antwortete William. »Paradise City ist eine nette, kleine Stadt, aber wir improvisieren halt an allen Ecken und Enden. Von der Erde schicken sie uns zwar alles Mögliche, aber eben nur Dinge, von denen sie glauben, dass wir sie brauchen könnten. Wir können ja nicht unseren wirklichen Bedarf zurückmelden. Der Transmitter funktioniert nur in eine Richtung, und wenn wir ihnen Listen über Funk übermitteln würden, wären wir längst alle tot, bis wir darauf eine Antwort hätten.«
»So ernst ist die Lage?« Sebastian machte ein besorgtes Gesicht.
William lachte, als er den Ausdruck in Sebastians Gesicht entdeckte. »Mensch, ich wollte euch nicht erschrecken. Wir improvisieren halt ständig und ich bin sicher, dass wir es schaffen werden. Ihr werdet es sicher noch erleben, dass dieser Planet ein wirkliches Paradies wird. Eine bessere Welt als die Erde ist Park schon jetzt.«
Sebastian sah skeptisch aus dem Fenster. »Denkst du, die wissen auf der Erde, wie es hier aussieht?«
»Sie sollten es wissen. Schließlich hat das vollautomatische Raumschiff, das vor Jahrzehnten hier gelandet ist, Daten zur Erde gefunkt, worauf man beschloss, Park zu besiedeln. Vielleicht wissen es heute nur noch höchste Regierungskreise. Manchmal glaube ich es, wenn ich mir anschaue, was für einen Schrott sie uns schicken.«
Vor ihnen tauchten die ersten Gebäude auf, die bei dem starken Wind und dem leichten Schneefall zunächst nicht zu erkennen waren. Die meisten Bauten waren flach und verfügten über kein weiteres Stockwerk. Sie schienen sich regelrecht an den Boden ducken zu wollen. Vermutlich gab es gute Gründe, auf Park in dieser Weise zu bauen.
»Das ist die Hauptstadt?«, fragte Nina.
»Hmm, ich würde eher sagen: Das ist die Stadt. Es gibt zwar noch einige kleine, entferntere Ansiedlungen, aber die dienen derzeit nur Forschungszwecken. Gleich erreichen wir das Bürgermeisterbüro, dort erfahrt Ihr mehr.«
William hielt neben einer kleinen Baracke, die keinen besonders vertrauenerweckenden Eindruck machte. Das winzige Gebäude schien komplett aus echtem Holz gefertigt zu sein und über der Tür prangte ein handgemaltes Schild, auf dem »Bürgermeister« geschrieben stand. Sie betraten den einzigen Raum dieses Gebäudes und sahen einen Mann, der eine Tasse in der Hand hielt und seine Füße auf der Platte seines Schreibtischs gelegt hatte. Als er William mit seinen beiden Begleitern hereinkommen sah, sprang er auf und verschüttete dabei fast seinen Kaffee.
»Hey, gleich zwei Neulinge!«, rief er und begrüßte sie. »Willkommen in Paradise City. Ich bin Jose.«
»Wir sind vorhin angekommen«, sagte Sebastian zögernd. »Wir würden gern wissen, wie es jetzt weitergeht, Herr Bürgermeister. Wir haben schon begriffen, dass dies nicht wirklich ein Paradies ist, aber was haben Sie jetzt mit uns vor?«
Joe sah erst William, dann die beiden Neuen, verblüfft an.
»Ich bin nicht ›Herr Bürgermeister‹, sondern Joe, und ich mache diesen Job nur, bis endlich jemand kommt, um mich wieder abzulösen. Eigentlich haben wir keinen Bürgermeister und brauchen auch keinen. Deshalb teilen wir uns diesen Job, denn irgendwer muss ja die Reisenden offiziell empfangen, nicht wahr? Sagt mir einfach, wie ich euch nennen soll und dann trage ich Eure Namen hier in die Liste der Bürger ein.«
»Ich heiße Sebastian.«
»Und ich Nina.«
»Sebastian und Nina«, murmelte Joe, während er die Namen in die Liste schrieb. »Ich will gar nicht wissen, ob das Eure echten Namen sind oder ob Ihr sie euch eben erst ausgedacht habt. Hier auf Park fängt jeder neu an, müsst Ihr wissen. Bei uns muss man sich seine Anerkennung erarbeiten. Es ist leider nicht so, wie man es uns allen weisgemacht hat. Park ist kalt – oft sogar sehr kalt. Der Anbau von Nahrungsmitteln ist schwierig, aber möglich. In vielleicht zehn Jahren werden wir – so hoffen wir – von Lieferungen von der Erde endlich unabhängig sein. Dafür ist es allerdings erforderlich, dass alle anpacken und für dieses Ziel arbeiten.«
Er sah Sebastian und Nina abwechselnd an.
»Aber ich will euch damit jetzt noch nicht überfallen. Ihr solltet erst einmal Eure Quartiere beziehen und euch einrichten. Morgen sehen wir weiter und schauen, was Ihr könnt oder welche Arbeiten Ihr leisten wollt. Ihr habt übrigens Glück. Es ist soeben wieder ein Haus fertig geworden. Dort könnt Ihr gleich einziehen.«
»Oh, wir gehören nicht zusammen«, sagten Sebastian und Nina wie aus einem Munde.
»Wisst Ihr, dass mir das scheißegal ist?«, fragte Joe. »Es gibt ein Haus und ich weise es euch zu. Was Ihr daraus macht, ist nicht meine Sache. Wir sehen das hier nicht so eng. Vielleicht gefällt euch dieses Arrangement ja sogar bei näherer Betrachtung. Wenn nicht – gut, dann werden wir eine andere Lösung finden. Wir werden euch schon unterbringen. Wir haben es nämlich gern, wenn Neuankömmlinge auch Bereitschaft zeigen, Familien zu gründen. Wir brauchen dringend mehr Menschen auf Park.«
»Ich dachte, es werden ständig Menschen hierher geschickt«, sagte Sebastian. »Müsste da nicht inzwischen schon eine beachtliche Bevölkerungszahl zusammengekommen sein?«
Joes Miene umwölkte sich ein wenig.
»Das ist ein unangenehmes Thema. Wir erhalten ungeheuer viele Neuzugänge, die mit der Lebensweise nicht zurechtkommen. Es ist leider so, dass unser Leben recht hart sein kann, wenn das Wetter es nicht gut mit uns meint, oder die Ernte in den Treibhäusern verdirbt. Manche sind nicht bereit, ihren Beitrag zu leisten. Man hat ihnen ein Paradies mit weißen Stränden, Palmen und Leben in Wohlstand und Luxus versprochen und bestehen darauf, es auch zu bekommen.
Dazu muss ich sagen, dass wir uns nicht leisten können, solche Menschen durchzufüttern. Sie erhalten von uns eine Grundausstattung und sie können versuchen, die wärmeren Regionen am Äquator zu erreichen. Wir wissen nicht, was aus ihnen geworden ist. Ich fürchte, dass es einige von ihnen nicht geschafft haben. Andere haben sich vielleicht weiter südlich angesiedelt. Eines Tages werden wir auch wieder Kontakt zu ihnen bekommen. Sie werden inzwischen begriffen haben, worum es hier geht.«
Nina schluckte, als sie hörte, wie rigoros mit Schmarotzertum verfahren wurde.
»Ihr macht mir jedoch nicht den Eindruck, als würdet Ihr zu dieser Sorte von Neuankömmlingen gehören.«
»Wir können arbeiten«, versicherte Sebastian schnell.
»Daran zweifle ich nicht. Doch jetzt vertagen wir alles Weitere. Will wird euch zu Eurem Haus bringen. Es ist noch sehr spartanisch ausgestattet. Macht eine Liste von dem, was fehlt und wir werden sehen, was sich machen lässt. Morgen holt euch jemand ab und bringt euch zur Versammlungshalle. Dort macht man euch mit den anderen bekannt und dann werden auch die Einteilungen vorgenommen. Ihr werdet sehen, es kann auch sehr befriedigend sein, hier zu leben und zu arbeiten.«
Er gab ihnen noch einmal die Hand, dann verließen sie zusammen mit William das Bürgermeisterbüro.
»Bis zu Eurem Haus ist es nicht weit!«, brüllte William gegen den Wind. »Wir laufen. Treibstoff ist leider etwas knapp.«
Sie stapften durch hohen Schnee zwischen den niedrigen Bauten hindurch. In vielen Fenstern war Licht zu erkennen und es wirkte zum Teil gemütlich dort drinnen. Passanten begegneten ihnen nicht. Am Ende der kleinen Straße hielten sie auf ein unbeleuchtetes Haus zu, das genauso aussah, wie die übrigen, an denen sie vorbeigekommen waren. William stieß die Eingangstür auf und schaltete die Beleuchtung ein, welche aus einer altertümlichen Glühbirne bestand und den kahlen Raum notdürftig ausleuchtete. Es gab einen Holztisch und ein paar Stühle. An der Wand gab es ein Waschbecken. Daneben befand sich ein Tisch mit einer verstärkten Arbeitsplatte. Mitten im Raum stand ein Ungetüm von einem Ofen, den man mit Holz befeuern konnte. Einige Holzscheite lagen bereit.
Sie gingen weiter und fanden auch ein zweckmäßiges Bad und ein Schlafzimmer mit einem Doppelbett.
»Muss mir das jetzt etwas sagen?«, fragte Nina und grinste.
»Diesmal kann ich mich nicht auf die Couch zurückziehen«, meinte Sebastian.
»Ich glaube, ich verstehe euch nicht«, sagte William.
»Kannst du auch nicht«, sagte Sebastian, ohne es näher zu erklären. »Wir werden zurechtkommen.«
»Decken und Wäsche findet Ihr in dem Wandschrank«, erklärte William. »Ein paar Lebensmittel befinden sich im Kühlraum hinter dem Haus. Da es fast immer kalt ist, brauchen wir hier keine Kühlschränke. Wenn Ihr etwas kochen wollt, müsst Ihr den Ofen anheizen, aber das werdet Ihr sowieso gleich machen, denke ich. Ich lasse euch jetzt erst mal allein. Morgen sehen wir weiter. In der Tür drehte er sich um.
»Schön, dass Ihr bei uns seid – und ich wünsche euch eine gute Nacht.«
Als sie allein waren, erkundeten sie ihr neues Reich noch einmal in aller Ruhe. Im Grunde war alles vorhanden, was man benötigte, abgesehen von Luxus.
»Tja, das ist dann unser Paradies«, sagte Sebastian und machte eine ausholende Bewegung mit dem Arm.
»Ja, das ist es wohl«, meinte Nina leise und lächelte. »Darunter haben wir uns sicherlich etwas anderes vorgestellt, oder?«
»Ja, irgendwie schon. Das ist so etwas wie Dichtung und Wahrheit …«
»Was meinst du?«
»Nun, man hat uns in Hochglanzbroschüren vorgespiegelt, was wir hier vorfinden würden, nur um genügend Freiwillige zu mobilisieren, die sich fast zerreißen, um hierher zu gelangen. Und dann das hier: die Wahrheit eben. Man hat uns alle wirklich verarscht, oder findest du nicht?«
Nina wiegte ihren Kopf.
»Ja und nein. Was haben wir denn zurückgelassen? Eine verrottende Welt, die sich selbst zu Grunde richtet. Eine Erde, auf der niemand den anderen braucht, wo jeder nur auf seinen Vorteil bedacht ist. Diese Welt hier ist sicher nicht das, was wir erwartet haben, aber sie ist sauber. Die Menschen brauchen einander. Sie sind direkt und ehrlich. Ich habe so ein Gefühl, als würden wir mit der ›Wahrheit‹ gar nicht so schlecht fahren.«
»Mir geht es genauso, Nina. Aber wie sieht es denn mit uns aus? Es gibt nur ein Doppelbett hier im Haus. Wie regeln wir das? Ich kann schlecht auf dem Boden schlafen oder auf zwei von den Stühlen.«
Sie gingen ins Schlafzimmer und standen eine Weile schweigend vor dem Bett, als könnte es ihnen eine Lösung zu ihrem Problem anbieten.
»Ich nehme die linke Seite«, sagte Nina plötzlich.
»Bitte?«
»Ich habe gesagt, ich nehme die linke Seite. Du kannst nicht auf dem Boden schlafen, also müssen wir uns arrangieren, oder wie siehst du das? Das ist aber kein Freibrief für Übergriffe, verstanden?«
»Natürlich nicht!«, sagte Sebastian im Brustton der Überzeugung.
»Kann ich mich darauf verlassen?«
Sebastian überlegte einen Moment, während Nina ihn forschend ansah.
»Nein.« Dabei grinste er spitzbübisch. Nina musste lachen.
»Na, ehrlich bist du wenigstens. Trotzdem werde ich nichts überstürzen. Lass uns einfach sehen, was geschieht. Vielleicht wird diese Welt ja für uns zu unserem ganz persönlichen Paradies …«
»Würdest du dir das wünschen?«
»Absolut«, bestätigte Nina, »aber ich werde nichts erzwingen.«
»Damit kann ich leben.«
»Ich werde mich mal darum kümmern, dass wir etwas zum Abendessen bekommen«, meinte Nina. »Würdest du inzwischen Feuer machen? Es ist immer noch kalt hier.«
Sie lief zum Kühlraum und verschwand darin. Sebastian wandte sich dem Ofen zu und studierte seine Funktionen. Dann legte er einige der vorbereiteten Holzscheite hinein und griff zu dem ebenfalls vorhandenen Anzünder. Bald brannte ein knackendes Feuer in der Brennkammer und eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem neuen Haus aus.
Sebastian ging ans Fenster und schaute hinaus. Eine dick vermummte Gestalt kämpfte sich durch den tiefen Schnee und winkte freundlich, als sie ihn am Fenster entdeckte. Er winkte zurück.
Es war Abend. In der Küche war Nina dabei, etwas zuzubereiten. Der Wind draußen war wieder stärker geworden und die Nacht brach endgültig herein.
Heute Nacht würde er neben der schönsten Frau einschlafen, der er jemals begegnet war. Irgendwie hatte er ein gutes Gefühl bei ihr. Wer weiß, was die Zeit noch bringen würde. Er hatte die Dichtung gewählt und die Wahrheit bekommen.
Morgen begann der erste Tag seines neuen Lebens. Überrascht stellte er fest, dass er gute Laune hatte. Vielleicht war er ja verrückt, aber er freute sich darauf.

1 Kommentar

  1. Die Schreiberin

    Ich hatte mir ja schon gedacht, das mit dem “Paradies” irgendwas faul ist. Meine Fantasie dazu war, dass die Menschen, die dort so sehnlichst hinwollen, noch schlimmer ausgenutzt und verheizt werden als auf der Erde, vielleicht in irgendeinem Krieg. Deine Utopie hier gefällt mir viel besser: Harte Arbeit in unwirtlicher Umgebung, ja, und betrogen wurden die Neuankömmlinge zwar, das auch. Aber die Gemeinschaft auf diesem anderen Planeten ist ja viel gleichberechtigter und menschlicher als auf der Erde. Und nur Sonne, Strand und schöne Menschen, das wird ja irgendwann auch langweilig.
    Das Leben der Auswanderer ist kein Zuckerschlecken, wahrscheinlich leben diejenigen, die auf der Erde das Sagen haben, in viel mehr Wohlstand und Bequemlichkeit, wie Du das ja andeutest. Aber Deine Geschichte wirft die Frage danach auf, was der Mensch eigentlich wirklich braucht.

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