Deila betrachtete ihre Fingernägel, von denen kaum mehr als blutige Fetzen übrig waren. 
Nachdem Hjalmaer und seine Männer das Schiff zum Plündern verlassen hatten, hatte sie sich so wild gegen die Tür geworfen wie nur irgendwie möglich. Ihre Schultern schmerzten noch von dem unnachgiebigen Holz, das sich unter ihrem Gewicht keinen Deut gerührt hatte. Nachdem Deila festgestellt hatte, dass sie ihr Gefängnis nicht würde verlassen können, hatte sie es mit Rufen versucht, bis ihre Stimme brüchig und heiser geworden war. Am Ende blieb ihr nur noch das verzweifelte Kratzen an den Dielen. Einfach raus hier, irgendwie. Doch auch das hatte nicht funktioniert. 
Deila betrachtete die Planken, dort, wo ihre Tränen noch im Begriff waren zu trocknen. Sie merkte sich am Ende ihrer Kräfte. 
Gerade in dem Moment, wo ihre Gedanken sich darauf zu richten begannen, ihr Leben zu beenden, bevor alles noch schlimmer werden würde, vernahm sie Schritte von draußen. 
Irgendwer schlich über das Deck und kam dabei beständig näher. Dann hörte sie, wie jemand die Treppe herunterhuschte. 
Ruckartig setzte sie sich auf und presste sich dicht neben die Tür. Wenn jemand sich an ihr vergehen wollte, musste er zunächst in die Kajüte gelangen. Vielleicht konnte sie ihn überwältigen. Womöglich ihre einzige und letzte Gelegenheit, hier lebendig herauszukommen. Dann vernahm sie eine bekannte Stimme und eine endlose Erleichterung überkam sie.
»Deila? Deila, bist du hier unten?«, raunte Aegir grimmig.
»Bei den Göttern, ich bin es«, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf für einen Moment voller Dankbarkeit gegen die Tür. 
»Ich habe dich rufen hören. Wir haben wenig Zeit, bald sind die Männer zurück. Warum zum Donner bist du hier unten?« In Aegirs Stimme schwangen seine ärgsten Befürchtungen mit.
Es war als hätte man in ihr einen Wasserfall aufgestaut und nun den einen, wichtigen Stein losgetreten, der den Damm entzweibrach. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und überschlugen sich förmlich dabei. Deila merkte, wie sie zu zittern begann, während sie dem Riesen erzählte, was ihr seit dem Aufbruch wiederfahren war.
Aegir unterbrach sie nicht ein einziges Mal. 
Als sie fertig war mit erzählen, legte sich für einen Moment eine unheilverkündende Stille über das Schiff.
Dann krachte Aegirs Faust mit einer solchen Wucht gegen das Holz, dass sie erschrocken zusammenfuhr.
»Hunde, alle miteinander! Ich habe von Anfang an geahnt, dass hier etwas faul ist.« Er brüllte fast, dann mäßigte er seine Stimme wieder. 
»Was machen wir jetzt?«, wisperte Deila besorgt. Wenn die Falle der Ustenströmer zuschlug, würde es kaum eine Möglichkeit mehr geben ihr lebendig zu entkommen. 
Wieder herrschte Stille. 
»Ich werde mir etwas überlegen. Lass mich zunächst schauen, ob ich dich nicht hier herausholen kann«, antwortete der Riese. 
Er schien Anlauf zu nehmen, dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Das Holz knirschte, doch noch gab sie nicht nach.
»Noch einmal!« Deila merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Er musste es schaffen. Er musste einfach. Sonst würde man sie für immer hier unten einpferchen und sich nach Belieben an ihr vergehen. Der Gedanke daran ließ sie vor Bitterkeit würgen.
Doch auch die weiteren Versuche des Riesen blieben ohne Erfolg.
Dann vernahm sie lautes Gegröle in der Ferne und alles in ihr zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie kommen zurück! Du musst verschwinden und die anderen warnen!«, zischte sie hastig.
»Und was ist mit dir?« Er klang verunsichert. 
Als Deila aussprach, was sie dachte, drehte sich ihr Magen um. »Ich bleibe hier unten und spiele ihr Spiel mit.« Dann nahm ihre Stimme etwas an, das im Vergleich selbst die Dunkelheit ihrer Zelle zu einem lichtdurchfluteten Ort werden ließ. »Und wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bringe ich sie alle um.«

***

Yorrick wischte sich die nasse Stirn mit dem Handrücken ab. 
Die beiden Bäume über die steilen und dicht bewucherten Klippen zu befördern, hatte einen immensen Kraftaufwand gefordert und sie um fast einen halben Tag zurückgeworfen. Doch die Planken des Bugs mussten erneuert werden und das Ruder galt es ebenfalls zu reparieren. Aufgaben, die, in Anbetracht der sommerlichen Hitze, nicht ohne Folgen blieben. Die Tatsache, dass ihre Wasserreserven begrenzt waren, verbesserte die Umstände nicht wirklich ungemein. 
Yorrick sog scharf die salzige Seeluft ein, die durch die an Land geschwemmten Algen eine gewisse Strenge angenommen hatte, dann ließ er seine Axt wieder auf den Baum krachen. 
Zwei junge Kiefern hatten sie gefällt, nun mussten sie diese notdürftig in etwas brauchbares formen. Das junge Holz bot die benötigte Dehnbarkeit, um es in Planken zu verarbeiten. Hätte der Schiffsbaumeister sein Werkzeug dabeigehabt, wäre diese Aufgabe sicherlich leichter zu bewältigen gewesen. 
Eine gute Idee für die nächste Fahrt.
Nun erforderte jeder Hieb gewaltige Präzision und nicht jeder der Männer war für diese Art von Arbeit geschaffen. 
Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Olaf es wohl angestellt hätte, musste Yorrick kurz schmunzeln. Gut, dass er an Bord gewesen war. Die Mannschaft hätte kaum genug Bier herankarren können, um Olafs ungeduldigen Zorn zu ertränken.
Mittlerweile bedeckten die ersten Bretter den groben, gelben Sand des Strandes und der Schiffsbaumeister sah sich unter ihnen nach besonders vielversprechenden Exemplaren um. Nachdem er eine sorgfältige Auslese durchgeführt und die Männer damit beauftragt hatte, sie in die entsprechende Form zu biegen, widmete er sich dem zerstörten Ruder. Achselzuckend stellte er fest, dass es völlig hinüber war und sie ein neues anbringen mussten. Angesichts der wenigen Zeit, die sie noch besaßen, bevor die Vorräte ausgingen, würden sie mit einem spärlichen Ersatz vorlieb nehmen müssen. 
»Ich brauche ein Seil, so dünn und fest wie möglich!«, rief er niemand bestimmtem zu. »Und einen Ast, dick wie mein Arm.«
Es dauerte nicht lange, bis Jorleif ihm die geforderten Gegenstände knapp nickend in die Hand drückte. 
Dann machte er sich auf die Suche nach einem, für sein Vorhaben ideal geeignetem Stück Kiefer, das er als Ruderbrett verwenden konnte. 
Yorrick nahm das eine Ende des Astes und bearbeitete ihn solange mit der Axt, bis er eine handgroße Fuge in ihn hineingeschnitzt hatte. Gerade groß genug, dass das Ruder hineinpasste, auch wenn er mit väterlichen Klopfern nachhelfen musste. 
Dass es nicht von alleine herausrutscht, ist von Vorteil. Aber wenn wir es noch einmal mit einem ausgewachsenen Sturm zu tun bekommen, wird das kaum ausreichen.
Bitter lachend spuckte er aus. Dass er noch nicht der Rán in die Hände gefallen war, verdankte er seinem Geschick. Doch irgendwann würde er der alten Mutter einen Besuch abstatten. 
Mit einem enormen Aufwand von Geduld, Fingerfertigkeit und Erfahrung wickelte er fürsorglich das Seil um den Punkt, wo Planke und Ast sich verbanden, wobei er das ein oder andere Mal zusätzlich einen Knoten schlug, um die Last hinterher besser zu verteilen. Dann, zufrieden mit seinem Werk, vertäute er das Ruder an der hinteren Reling und widmete sich der anderen Aufgabe. 
Denn auch der Bug erforderte seine Aufmerksamkeit. 
Unter Yorricks Aufsicht rissen die Männer die ramponierten Planken heraus und ersetzten sie durch neue. Eine Feinarbeit, die nicht ohne gedämpfte Flüche, gedrungenes Gestöhne und genervte Aufschreie vollendet wurde. 
Olaf verlor fast einen Finger, als er mit dem Hammer ungenau zielte und Jorleif verhedderte sich mit dem Bart in einem Nagel, was zur Folge hatte, dass er sich brüllend wie ein gereizter Bär ein ganzes Büschel Haare herausriss. 
Dann endlich, als die Sonne dem Horizont bereits einen roten Kuss schenkte, schien ihre Arbeit vollendet. 
Schwer atmend ließ Yorrick sich in den Sand fallen.
»Du hast es mal wieder geschafft, du alter Sauhund!«, lobte Olaf feierlich, während er sich erschöpft neben ihn pflanzte. 
»Ein Hoch auf den Schiffbaumeister!«
Die Menge johlte ihm zu. 
Yorrick hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich habe mich mal wieder selbst übertroffen«, feixte er grinsend. »Jetzt rastet, in der Früh brechen wir auf. Sollten wir morgen untergehen, ist das natürlich diesem Pfuscher hier zu verdanken.« Er klopfte Olaf freundschaftlich auf die breite Schulter. 
Alle mussten lachen, Olaf am lautesten. 
Yorricks Blick wanderte von den Männern zu dem Schiff, auf die offene See hinaus. Trügerisch ruhig glitzerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der sanften Brandung. 
Mögen die Götter uns gnädig sein, dachte er wehmütig, während er im Himmel sorgenschwer nach weiteren Anzeichen für einen Sturm suchte. 
Und beten, dass sie uns den morgigen Tag überstehen lassen.