Der dumpfe, monotone Schlag einer mächtigen Trommel riss ihn mit sich ins Jenseits. Rauschende Gefühle, deren Ursprung er nicht einordnen konnte, erfüllten seinen Körper. 
Wonne und Angst vermengten sich zu einem grotesken Klumpen in seiner Brust, er stürzte und doch landete er. Steuerte an einen Ort, der nicht für ihn bestimmt war. 
Er öffnete die Augen, die sich nicht sofort an die vollkommene Finsternis, die diesen Ort erfüllte, gewöhnen wollten. Ein Wort schnitt durch seinen Kopf, scharf wie ein Schwert und doch nur ein Flüstern. Hel.
Das Echo der Stimme hallte in seinem Kopf wie das Aufeinandertreffen zweier rostiger Klingen. Hel. Hel. Hel. 

Snorri blinzelte angestrengt, um in der Dunkelheit etwas auszumachen. Die Finsternis löste in ihm eine ungewöhnliche Angst aus, die er nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft verdrängen konnte. 
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er keine Trommeln hörte, sondern lediglich seinem eigenen Herzschlag lauschte. 
Der junge Nordmann vernahm Bewegungen am Rande seiner Wahrnehmung, schleichende Schatten, die sich an seine Brust schmiegten wie ein zahmes Kätzchen. 
Dann zog ihn etwas vorwärts und seine Beine bewegten sich wie von Götterhand gelenkt. Er ließ es passieren. Musste es passieren lassen. 

In der Ferne erspähte Snorri einen matten Lichtkegel, der beständig an Größe gewann. Im Schein des Lichtes kristallisierten sich zunehmend Konturen heraus, welche die Form zweier riesiger Monolithen annahmen, die wie ein Bollwerk in die Höhe ragten. Ihre schroffe Oberfläche bedeckten ätzende Runen, die giftgrün leuchteten. Doch bis er sie erreichen würde, lag noch ein weiter Weg vor ihm, der ihn durch morbides Gestein und gähnende Höhlen führte. Schwarzer Fels verschluckte ihn und wieder blieb nur die Finsternis. 
Doch Snorri wusste, dass er einem Pfad folgte. 
Irgendetwas bestimmte seinen Weg und er folgte seinem Ruf. 
Wacker setzte er einen Fuß vor den anderen, gab sich ganz der Dunkelheit hin. Und plötzlich merkte er, dass er nicht mehr alleine war. 
Schwarze Silhouetten tauchten mit steifen Bewegungen vor ihm auf, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ihre blassen Gesichter hatten etwas ausdruckloses angenommen und sie schienen zunehmend in einen monotonen Singsang zu verfallen, dessen tristes Klagen die gesamte Höhle erfüllte. 
Auf einmal tauchte eine weitere Gestalt unter ihnen auf, deren Gesicht Snorri verdächtig bekannt vorkam. Er musste schlucken. Ist das etwa Dyggur? Was macht er an diesem Ort?
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, glitt der Schemen seines verstorbenen Bruders wieder in die Dunkelheit hinein und verschwand.
»Dyggur, warte auf mich!« Snorri versuchte ihm hinterherzueilen, doch seine Füße klebten förmlich am Boden fest, fast so als wolle man es ihm nicht vergönnen, den Pfad der Toten weiter zu beschreiten.
Eine bleierne Schwere legte sich auf ihm ab und das erste Mal wurde ihm die Last dieses Ortes gänzlich bewusst. Sie saugte die Lebenskraft förmlich aus seinen Knochen heraus. Er wollte einen weiteren Schritt in die Finsternis setzen, als ihn ein unheilverheißender Instinkt innehalten ließ. 

Ein grollendes Knurren ertönte, nicht weit von seiner Position entfernt. »Die Toten heißen es nicht willkommen, wenn die Lebenden hier wandeln!«, donnerte eine wütende Stimme.
Snorri zuckte unwillkürlich zusammen. Dann erspähte er ein blitzendes Augenpaar, das ihm einen feurigen Blick zuwarf. 
Darunter befand sich ein gähnendes Maul, voller spitzer Reißzähne, die wie Nadeln daraus hervorstachen. Der Körper des riesigen schwarzen Hundes, der sich langsam an ihn heranschlich, war in der Dunkelheit kaum auszumachen, so geschmeidig bewegte er sich. 
Der junge Nordmann blieb wie angewurzelt stehen. So eine große Töle hatte er zu Lebzeiten noch nie gesehen. Er merkte, wie sein Herz zu rasen begann. »Wie lautet dein Name?«, brachte er mühsam hervor. Seine Stimme drohte zu versagen und er taumelte entsetzt einen Schritt rückwärts. Ein Klos bildete sich in seinem Hals, groß genug, um ihn in Atemnot zu versetzen. »Und was ist dies für ein Ort?«
»Sie nennen mich Garm und ich wache im Namen der Herrin über diese Gänge. Du befindest dich in Gnipahellir, dem Vorhof von Helheim. Durch diese Höhlen wandern jene, die keinen Herzschlag mehr besitzen, um der Herrin vorgeführt zu werden. Also nenne mir dein Begehr und dann verschwinde von hier!«
»Ich suche meinen Bruder. Er hat es nicht verdient, hier unten zu verrotten«, entgegnete Snorri tapfer. Auch wenn sich der große Hund immer näher an ihn heranschlich, so musste er doch irgendwie an ihm vorbeigelangen. 
Dyggur befand sich irgendwo dort unten und Snorri wollte verdammt sein, wenn er ihn nicht retten konnte. 
»Die Lebenden haben kein Recht, hier zu wandeln«, wiederholte Garm knurrend. Dann machte er plötzlich einen Satz und sprang den jungen Nordmann an. 
Snorri konnte nicht schnell genug reagieren und der Höllenhund begrub ihn unter sich. Geifernde Zähne streckten sich ihm entgegen und nur mit Mühe und Not gelang es ihm, sie von seiner Kehle fernzuhalten. Er trat mit dem Stiefel nach der Schnauze der Bestie und knurrend wich sie einen Schritt zurück. Für einen Augenblick konnte Snorri aufatmen und es gelang ihm, sich aufzurappeln. 
Diesen Moment nutzte Garm aus, um sich abermals auf ihn zu werfen. Er traf den jungen Nord direkt vor der Brust und erneut stürzte Snorri zu Boden. Die Luft wich aus seinen Lungen und vor Schmerz musste er aufschreien. Schwarze Sterne spielten vor seinen Augen fangen. Er bemerkte erst im letzten Moment, wie sich das zähnefletschende Maul um seinen Stiefel schloss. 
Garm vergrub die Zähne in ihm und Snorri jaulte auf vor Pein. 
Er wandte sich in Qualen, warmes Blut lief sein Bein hinab. Dann vollführte er eine unbeholfene Drehung und schaffte es irgendwie, aus seinem Stiefel zu schlüpfen. Snorri rappelte sich auf und rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Vorbei an schwarzen Silhouetten, immer tiefer in die Finsternis hinein. Hinter sich vernahm er das Hecheln des Höllenhundes, er musste ihn jeden Augenblick eingeholt haben. Snorri verdoppelte seine Anstrengungen, auch wenn seine Lungen wie Feuer brannten, und doch gelang es ihm, vorne zu bleiben. Er passierte Kavernen und Tunnel, bis er irgendwann durch einen Spalt in der Wand schlüpfte, der für Garm einfach zu klein war. 
Wütend heulte ihm der Hund hinterher, während er sich schleunigst davonmachte.
Schwer atmend hielt Snorri für einen Moment inne. 
Die Luft hier unten war so kalt, dass sich Dampfwolken vor seinem Mund bildeten. Und dennoch schien er die Höhlen hinter sich gelassen zu haben, denn abermals erspähte er den Schimmer der Monolithen. Er war den großen Steinen ein ganzes Stück nähergekommen und irgendwie wusste Snorri, dass sie sein Ziel darstellten.
In einiger Entfernung begann eine gepflasterte Straße, die sich wie ein niederträchtiges Tier durch das schwarze Gestein schlängelte. Ein Tunnel führte von ihr aus zurück in die Kavernen, aus denen er gerade noch entkommen war. 
Auf der Straße wandelten die dunkeln Schemen, verdammte Seelen, denen der Zutritt zu Walhall endgültig verwehrt bleiben sollte. Selbst aus der Entfernung drang ihr Gesang in sein Ohr. Wieder und wieder formten sie Worte der Verzweiflung. 

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Irgendwo dort unter ihnen befand sich sein Bruder. Snorri musste ihn finden und zurückbringen, koste es was es wolle. Er konnte einfach nicht zulassen, dass Dyggur hier unten verrotten sollte. 
Langsam machte er sich an den Abstieg, das brüchige Gestein bot ihm keinen festen Tritt. Doch je länger er den Fels herunterkraxelte, desto besser kam er voran. Dann erreichte er endlich die Straße. 
Als er sich genauer umsah, stellte Snorri fest, dass es schwierig werden würde, unter all diesen Schemen seinen Bruder auszumachen. 
»Dyggur!«, er schrie so laut er konnte, doch der Gesang der Silhouetten schien alles zu übertönen. Wer war er schon, sie herauszufordern? Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, beschloss Snorri, seine Taktik zu ändern. Der Straße bis zu ihrem Ende zu folgen, stellte vermutlich die beste Möglichkeit dar, die er besaß. Er schauderte bei dem Gedanken daran, was ihn dort womöglich erwarten mochte. Er biss die Zähne zusammen. 
Ich tue das für meinen kleinen Bruder, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis. Diese Tatsache gab ihm die Kraft, die er brauchte, um weiterzumachen. 

Nachdem er eine Weile dem Verlauf der Straße gefolgt war, vollzog diese plötzlich eine steile Kurve. Als Snorri sie passierte, fand er sich unweit von den großen Monolithen wieder, die er schon zuvor gesehen hatte. Er erkannte die Runen auf dem Stein nicht, doch von ihnen ging eine unheimliche Aura aus. Es kam ihm so vor als würde sie das lebendige Fleisch von seinem Körper schälen und er verkniff sich nur mit Mühe einen gequälten Aufschrei. Der junge Nordmann zwang sich dazu, seinen Marsch zu beschleunigen, und kurz darauf stellte er fest, dass zwischen den beiden Monolithen eine Brücke aus reinem Gold verlief, die über einen reißenden Fluss pechschwarzen Wassers führte. Als er genauer hinsah, bemerkte er auf dieser Brücke eine riesige Frau, welche die Schemen etwas zu fragen schien, bevor sie ihnen gewährte zu passieren. Das muss eine Jötun sein.
Ihr Haar war so weiß wie ein Leichentuch und ihr Gesicht bedeckte eine seltsam deformierte Maske aus reinem Silber, die ihr ein tierisches Aussehen verlieh. Schwarze, kreisrunde Löcher stellten Augen und Mund dar und ihren sehnigen Körper bedeckten unzählige Narben. Sie lehnte auf einer Axt, die Snorri an Größe übertraf. Diese Magd lebte für den Kampf. 
»Welchen Namen trägst du, dass du erbittest die goldene Brücke Gjallarbrú zu überqueren?«, fragte sie wieder und wieder, wenn eines der Schemen sie passieren wollte. 
Diese antworteten aufrichtig und die Riesin ließ sie passieren. 
In Snorri jedoch keimten Zweifel auf. Je näher er der Jötun kam, desto ärger befürchtete er, sie würde ihn womöglich nicht passieren lassen oder sogar schlimmeres mit ihm anstellen. Seine Beine zitterten wie Espenlaub, während er immer näher an sie herantrat. Dann vernahm er jedoch etwas, das sein Feuer wieder entfachte.
»Dyggur aus Skiringssal erbittet Einlass«, krächzte eine Stimme mühsam hervor. 
Er war schon immer so labil, so nahe am Reich der Toten gebettet. Doch keiner vermochte es, mit Wort und Tat so viel Freude auszustrahlen wie er. Dann kam die Lepra und nahm ihm sein Leben.
Snorri schluckte, als ihn die Bilder der Vergangenheit einholten. 
Bilder, die allesamt damit endeten, dass der Körper seines Bruders langsam verfiel, bis er sämtliches Leben ausgehaucht hatte. Seine Gefühle bahnten sich einen Weg durch seinen Körper, bis sie sich in seiner Kehle zu einem entsetzlichen Schrei manifestierten. 
»Dyggur! Bleib stehen! Warte auf mich! Ich hole dich hier raus!« Snorri brüllte wie er noch nie in seinem Leben gebrüllt hatte. Er setzte sich in Bewegung und schoss auf die Riesin zu. Wenn es eine Gelegenheit gab, um seinen Bruder vor Hela zu bewahren, dann war sie nun gekommen. 
»Du wagst es, der Modgudr entgegenzutreten? Ich wache über die goldene Brücke und niemand, der lebt, darf sie passieren!« 
Das Hallen ihrer mächtigen Stimme fegte wie ein Sturm über Snorri hinweg. Ächzend ging er in die Knie. Die riesige Axt zischte ihm entgegen und für einen Augenblick sah er sein Leben an sich vorbeiziehen. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. 
Mit einem entsetzlichen Kreischen traf die Schneide auf die Brücke und knackend brach diese entzwei. Risse bildeten sich im Gestein, bis es gänzlich zerbarst. 
Snorri versuchte panisch, sich in Sicherheit zu bringen, doch die Trümmer zogen ihn mit sich, in die alles ertränkende Tiefe. 
Er erhaschte einen letzten flüchtigen Blick auf Ghyddur, der an Modgudrs Hand in die Finsternis schritt. 
Ein alles erstickender Schrei entwich Snorris Kehle, als er ins Bodenlose stürzte. Dann drückte eine gewaltige Kraft sämtliche Luft aus seinen Lungen, bis er nicht mehr atmen konnte. Röchelnd und keuchend tauchte Snorri in ein alles verhüllendes Schwarz. 

Als er die Augen aufriss, dämmerte bereits der Morgen. 
Ein Traum, wurde ihm schnell klar. Mit pochendem Herzen versuchte er seine Erlebnisse wieder vor sein geistiges Auge zu rufen, während er sich den Schlaf aus dem Gesicht wischte. 
Ghyddur. Ich war zu schwach, um ihn zu retten.
Er ballte die Fäuste. Sollte die Hela ihn jemals wieder zu sich rufen, würde sie dafür bitter bezahlen. Mühsam schälte er sich aus seinem Schlafsack. Die aufregende Nacht hatte ihm kaum Erholung beschert.
Draußen bellte jemand Befehle. 
Knutson. Bei dem Gedanken an seinen heuchlerischen Schiffsmeister überkam ihn der Groll. Und eines war Snorri vollauf bewusst: Sollte es so weitergehen wie bisher, steuerten sie geradewegs in ihr Unheil hinein. 
Und böse Omen waren wahrhaft nichts, was er an Bord gebrauchen konnte.