Das Knarren der Planken weckte sie aus einem düsteren Traum. Als sie Hjalmaers Stimme vernahm, während er gerade dabei war, den Posten vor ihrer Tür zu verscheuchen, breitete sich ein eisiges Gefühl in ihrer Brust aus, das sich langsam bis in ihre Fingerspitzen schlich. Sofort richtete sie sich in eine aufrechte Position auf, wie man es von einer Dame höheren Standes erwartete. 
Wo ist dein Stolz geblieben? Sie biss sich auf die Zähne und schluckte ihn herunter. Den gesamten gestrigen Tag hatte sie hier unten verbracht, einsam und eingesperrt, bis ihre Tränen getrocknet waren. Wartend.
Doch er war den ganzen Tag nicht aufgetaucht, um nach ihr zu sehen. 
Dort, wo Hjalmaer an diesem von den Göttern bezeugten Abend einen Funken der Hoffnung in sie hineingeblasen hatte, war nur ein ausgebranntes Aschekleid geblieben. Erloschen.

Angestrengt blinzelte Deila durch die Dunkelheit. Das ständige Auf und Ab des Schiffes erschien ihr mittlerweile nicht mehr gewöhnungsbedürftig, doch in der Kajüte kam ihr alles so fremdartig vor. Sogar sie selbst. 
Das flackernde Licht einer Laterne begleitete den Sohn von Magnar, als er hastigen Schrittes in die kleine Kajüte trat. »Noch ein paar Stunden, dann haben wir unser Ziel erreicht. Bei Sonnenaufgang wird Blut fließen«, begann er zu sprechen.
Er ist betrunken, wurde Deila klar. Sie antwortete nicht. Der Klang seiner Stimme konnte ferner nicht sein. Sie traute sich nicht einmal, ihm in die Augen zu sehen, wenn sie es genau bedachte. Traute sich nicht die Fragen zu stellen, nach deren Antworten sie dürstete.
Hjalmaer entkleidete sich und legte sich zu ihr. 
Er roch so als hätte er den Vorrat einer Taverne im Alleingang geleert und am liebsten hätte Deila sich einfach von ihm abgewandt. Doch auch das traute sie sich nicht. Sie war wieder einfach nur Deila, das Pferd, auf dem man herumreiten konnte wie es einem beliebte. Islavs missgebildete Tochter. 
Als sie spürte wie seine Hand zwischen ihre Schenkel wanderte, konnte sie nicht anders als erschrocken zusammenzufahren. Sie blickte in seine Augen, hart wie Fels, und er legte ein abstoßendes Lächeln auf.
»Komm, meine kleine Valkyrja, machen wir mir einen kleinen Gott und dich zu einer grunzenden Sau« kicherte er betrunken, drehte sie um und gab ihr einen gönnerhaften Klaps auf den Hintern. 
Deila spürte, wie sich jeder Muskel in ihrem Körper verkrampfte. Wie konnte er nur so sein? Sie den ganzen Tag hier unten einsperren und sich dann mit einer ekelhaften Lüsternheit an ihr vergehen. Sollte das ihr neues Leben sein? Sie konnte ein klagendes Schluchzten nicht unterdrücken.
Er gab ihr noch einen Klaps. »Halt bloß die Klappe!«, knurrte er böse. »Und dreh dich von mir weg. Dann muss ich nicht in deine Fratze gucken, während ich es dir besorge.«
Übelkeit stieg in ihr auf. Fassungslosigkeit. Wut. Ekel. Hass. Angst. 
Sie war auf ihn hereingefallen. Und nun hatte er sie in seiner Gewalt. Auf seinem Schiff. Ohne Hilfe. Und ihr Hoher Vater würde sich sicherlich einen Dreck um sie scheren. Sie spürte, wie seine Hände sie erforschten, sie konnte die Berührung nicht ertragen. Angeekelt versuchte sie von ihm wegzurücken, doch er kam sofort hinterher. 
» Valkyrja«, kicherte er, belustigt von ihrer Gegenwehr. »Du hast das wirklich geglaubt, ja?« Er schlug ihr hart in die Seite, so dass es schmerzte. 
Keuchend presste Deila die Luft zwischen den Zähnen hervor.
»Dann wach mal wieder auf«, Hjalmaers Stimme nahm etwas grausames an und er grinste ihr schadenfroh entgegen. »Denn morgen ist ein großer Tag und du solltest ihn gut in Erinnerung behalten.« Er kam ganz nahe an sie heran.
Deila musste würgen. Ihr Magen drehte sich um und sie bemerkte, dass sie vor Angst zitterte. Ihr Körper versagte ihr den Dienst. 
Ein nasser Fleck breitete sich auf dem Fell unter ihr aus.
»Denn wir werden sie alle umbringen. Die Priester, die Frauen, die Kinder, wenn sie welche haben«, er strich ihr fast zärtlich über die Wange. »Und dann seid ihr dran. Einer nach dem anderen. Deinen Vater nehme ich zuerst. Und ganz am Ende …«, er strich ihr abermals über die Wange und hauchte ihr einen Kuss auf den Hals. 
Seine Lippen waren wie Eis auf ihrer Haut. 
» … kehren wir Heim und ich mache mit deiner Schwester das, wofür du einfach zu hässlich bist. Manchmal lohnt sich das Warten. Sie wird sich später bei mir dafür bedanken«, kicherte er hämisch. Dann schob er sich achselzuckend aus dem Bett, als wäre das alles gerade nicht geschehen, und kleidete sich an. 
Nachdem sich die Tür hinter ihm schloss, brach Deilas Welt in sich zusammen. Röchelnd versuchte sie zu atmen, was ihr einfach nicht gelingen wollte. Ihr Körper zitterte und perlengroße Tränen rannen ihre Wangen hinab. Sie fühlte sich dreckig, unrein und benutzt, obwohl er doch von ihr abgelassen hatte. Und dann wurde ihr schlagartig bewusst, was Hjalmaers Worte bedeuteten und eine Gänsehaut kroch ihr über den Rücken. Wenn sie ihn richtig verstanden hatte, dann würde es morgen ein Massaker geben. Und sie war die Einzige, die es eventuell verhindern konnte.
Du bist zu schwach, schallte sie ihre innere Stimme. Deila das Pferd. Deila die Missgeburt. Deila die Hure.
»Hört auf«, ihre Stimme glich einem gequälten Stöhnen. Hauchzart nur, als würde das Leben mit ihrem Odem entweichen. Nicht stark genug, um das Flüstern in ihrem Kopf zu verdrängen. Deila rollte sich auf den Rücken und die Erkenntnis, dass dies womöglich von nun an ihr Leben sein sollte, ließ sie krampfhaft schluchzend zusammenbrechen. Dann brachen die ersten Lichtstrahlen durch die Planken und mit ihnen drang die Gewissheit durch sie hindurch. Der heutige Tag würde ihr aller Ende besiegeln.

***

Aegir lehnte am Bug der Geri und starrte angestrengt in die Ferne. Der Himmel hatte, von den ersten Zeichen des Sonnenaufgangs erhellt, eine tiefenblaue Färbung angenommen und hier und dort räkelten sich dicke Wolkenberge träge aus ihrem gemütlichen Schlaf. 
Wie trügerisch friedlich das Meer doch heute ist.
Er spuckte über die Reling und suchte nach Anzeichen von Land am Horizont. Noch gab sich nichts zu erkennen, doch nur allzu bald würde das Kloster vor ihnen auftauchen und das Schlachten beginnen. 
Sie sind alle so blind. Was hat die Gier nur aus ihnen gemacht?
Warum Islav so streng darauf beharrt hatte, ihn unbedingt zu diesem Unternehmen zu nötigen, ließ Aegir immer noch rätseln. Es befand sich fernab seiner Vorstellungen von einem genügsamen Leben. Er blickte in seine vom Krieg und der Arbeit gezeichneten Handflächen und seufzte. Musste er sie wieder in Blut tränken? Durch seinen Kopf schossen grausame Bilder von Schmerz, Verlust und Tod. Herbeigeführt durch seine Hand. 
Doch der Gott der Christen kannte, anders als die Götter der Nord, das wohltuende Heil der Vergebung. Warum also sollte er ihm nicht auch vergeben können? 
Der Riese seufzte. Nachdenklich verlor sich sein Blick in den Wolken und für einen Moment schien sein Kopf träge und leer. Dann fasste er einen Entschluss. Bis zu ihrer Heimkehr würde er dieses Schiff nicht verlassen und wenn es seinen Tod bedeutete. Sollte Islav sich doch alleine um diese närrische Unternehmung kümmern. 
Gott sei mein Zeuge, heute werde ich meine Hände nicht mit dem Blut der Unschuldigen beflecken.
Snorri konnte sich seinen Spott schenken. Wenn er ihm noch einmal auf der Nase herumtanzen wollte, würde er die seines Bruders vorzeitig verbiegen. Der Junge war einfach noch zu jung und heißblütig, um etwas derartiges zu verstehen oder überhaupt einen wertvollen Gedanken daran zu verschwenden. 


Plötzlich tauchte eine rote Sonne vor ihnen auf. Langsam aber beständig eroberte der rote Riese den Horizont.
Ein böses Omen. Aegir gelang es nicht, seine finsteren Vorahnungen zu unterdrücken. Ein blutendes Auge, das uns bedauernd bei unseren Taten zusieht. Noch am heutigen Tage wird es zu einem entsetzlichen Gemetzel kommen.
Bevor er den Gedanken beendet hatte, tauchte ein grüner Punkt am Horizont auf und gewann rasch an Größe. 
Aegir ballte die Fäuste zusammen. Die hungrige Bande würde über das Kloster fegen wie ein Sturm und niemanden verschonen. 
Der Tod hatte ihn abermals eingeholt.