Schreibkommune

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Monat: September 2019

Das Hochzeitskleid

“Schau dir mal den Gast am Tisch hinter dir  an, den mit der Lederjacke, kommt der dir auch bekannt vor?”, flüstert Mira.

Ich drehe mich um und riskiere einen kurzen Blick. “Er sieht aus wie mein Englischlehrer aus der Oberstufe.”

“Ich kenne das Gesicht, kann es aber nicht zuordnen. Egal. Wo waren wir stehengeblieben?” Mira schaut frustriert auf ihren leeren Salatteller.

“Wir waren bei deinem ambitionierten Vorhaben, in zwei Wochen fünf Kilogramm abzunehmen”, antworte ich.

Mir gefällt das ja auch nicht, Sanne. Aber du hättest ihr Strahlen sehen sollen, als ich ihr sagte, ich trage ihr Kleid zu meiner Hochzeit. Ich kann sie einfach nicht enttäuschen. Außerdem ist das Kleid wunderschön. Ich möchte es unbedingt tragen. Es hilft nichts, der Speck muss weg.”

“Dann wirst du wohl noch einige Zeit von Luft und Liebe leben müssen”, antworte ich und widme mich meinen Spaghetti Bolognese. An Miras Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ich gerade keine gute Freundin bin. “Tut mir leid Mira. Ich wollte dich nicht zusätzlich runterziehen. Kann ich dir helfen?”

Mira will gerade antworten als sich der Mann mit der Lederjacke zu uns umdreht.

“Entschuldigen Sie, ich habe ihr Gespräch zwangsläufig mitgehört. Ich kann Ihnen Hypnose empfehlen. In nur einer Sitzung verlieren Sie Ihren Appetit und das Fasten fällt Ihnen ganz leicht.”

Ich sehe Miras Augen aufblitzen und auch bei mir fällt der Groschen. Das Gesicht kenne ich von den vielen Plakaten, die überall in der Stadt hängen. Der Mann ist der Hypnotiseur, der damit wirbt, jeden zum Nichtraucher zu machen. Mit Erfolgsgarantie innerhalb eines Monats oder Geld zurück.

“Falls Sie Interesse haben, ich bin  noch drei Tage hier in ihrer schönen Stadt”, sagt er und reicht Mira seine Karte. Sie bedankt sich und läuft dabei rot an. Auch mir ist es peinlich, dass er seine Worte förmlich ins Lokal hineinposaunt. 

Bis ich mit dem Essen fertig bin, tauschen wir nur noch Belanglosigkeiten aus. Normalerweise ist es mir egal, ob mir Fremde zuhören, doch der Mann ist mir unsympathisch und ich fühle mich unwohl mit ihm im Rücken. Erst auf dem Heimweg, ich habe mich bei Mira eingehakt, komme ich darauf zurück.

“Du wirst da doch nicht hingehen wollen, oder?”

Mira zuckt mit den Achseln. “Was soll es schaden? Wenn es nicht hilft, hole ich mir einfach mein Geld zurück.”

“Du bist aber auch selten naiv”, poltere ich los. “Das ist ein Betrüger, der taucht unter und du wirst einen Anwalt brauchen, um an dein Geld zu kommen. Da der Anwalt auch nicht umsonst arbeitet, wirst du  Geld, aber kein Gewicht verlieren.”

“Ach Sanne, ich habe einfach nur Hunger und kann schon gar nicht mehr denken”, flüstert Mira so leise, dass ich meine Ohren spitzen muss um sie zu verstehen. Wir sind bei Mira angelangt. Eine Idee steigt in mir auf.

“Kann ich mir das Prachtstück einmal ansehen?”, frage ich.

“Natürlich. Ich habe es letzte Woche schon abgeholt, es muss ja noch in die Reinigung.”

Wir gehen nach oben in Miras kleine Dachwohnung. Das Kleid hängt am Fenster und es ist wirklich wunderschön.

“Ich verstehe dich jetzt, Mira. Das ist ja ein Traum von einem Kleid.”

Mira nickt. “Genau so etwas hätte ich mir gekauft, hätte ich es mir leisten können. Ich muss es einfach schaffen, mich da reinzuhungern.”

Ich schlage den Rock hoch und sehe mir das Innenleben des Kleides an.

“Mira, die Nähte sind auf Zuwachs gemacht. Du kannst locker an beiden Seiten zwei Zentimeter rauslassen.”

Sie schaut mich erst ungläubig an. Dann überzieht ein breites Grinsen ihr komplettes Gesicht.

“Komm, wir gehen nochmal essen”, sagt sie und zieht mich aus der Wohnung.”

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Gottes Hammer: Folkvang XV

Es waren Jahrzehnte vergangen, seit Azrael dieses Gesicht erblickt hatte. Dennoch erkannte er es sofort wieder. Die unverwechselbaren, fein geschnittenen Züge, die denen seines Vaters glichen, der leicht schmunzelnde Mund, die zusammengekniffenen Augen, in denen sich überwältigende Kühnheit mit lodernder Entschlossenheit paarte … es konnte kein Zweifel bestehen. Auch wenn die Zeit sein Haar gebleicht und seine Züge erweicht hatte, vor ihm stand sein totgeglaubter Bruder Seimos von Astaval.

Azrael taumelte. Er hörte, wie Malfegas aufkeuchte und wandte sich zu Velis um. Die Dämonin wich seinem Blick aus. Hatte sie etwa von Medardus’ wahrer Identität gewusst?

Seimos schien seine Gedanken zu erraten. „Gib nicht ihr die Schuld. Ich habe ihr meine Identität nie enthüllt. Zumindest nicht bewusst.“ Er trat einen Schritt näher und breitete seine Arme aus. „Teshin! Es ist so schön, dich wiederzusehen! Du hast dich kaum verändert!“ Ein Anflug von Spott begleitete die Worte.

Azraels Herz raste. Die Konfrontation verlief entschieden anders, als er geplant hatte. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Er durfte keinesfalls die Fassung verlieren.

Du hast gesagt, du hättest die Denomination betrogen“, hob er an, ohne auf Seimos’ rührselige Worte einzugehen. „Aber allerorts spricht man von deiner Tapferkeit und Tugend. Und davon, dass du der erfolgreichste Hexenjäger seit Erzbischof Drogans Zeiten bist.“ Er konnte die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen. „Weißt du, was Leute wie Esben deinetwegen durchmachen mussten?“

Seimos ließ die Arme sinken und das angedeutete Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Trauer furchte seine Miene. Er musste bereits ein Greis gewesen sein, als sich die Verwandlung zum Dämon vollzog. Azrael konnte kaum glauben, dass ein geachteter alter Mann, noch dazu ein von der Denomination unterstützter Kleriker, willentlich einen solchen Pfad beschritt.

Kurz herrschte Totenstille. Nur das Krächzen einiger ferner Navali erklang auf der Lichtung. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Dämonenkönig, ob sie trotz Halgins Abwesenheit ihre besondere Intelligenz beibehalten hatten.

Schließlich seufzte Seimos und schüttelte den Kopf, so als wollte er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen. „Glaube mir, ich habe es nicht gern getan. Im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Das Volk glaubt an Hexen. Es schreit nach deren Blut. Die Menschen wollen Sündenböcke und sie wollen sie leiden sehen. Sie verstehen das Konzept von Magie nicht und erzählen sich stattdessen Geschichten von alten Weibern, die Unzucht treiben und mit ominösen Zaubertränken das Wetter beeinflussen. Wenn wir ihnen die Entscheidung überließen, wer zu verbrennen und wer zu verschonen ist, wie lange würde es dauern, bis allüberall Selbstjustiz herrscht? Es wäre wieder wie zu Beginn des Krieges, als falsche Hexenjäger die Städte terrorisierten und vor nichts Halt machten, um ihr Vermögen zu mehren.“

Dennoch!“ Azrael hob die Stimme. Er fühlte, wie seine Fäuste zu zittern begannen. „Du hast Unschuldige getötet! Du hast sie bei lebendigem Leib den Flammen übergeben!“

Seimos zuckte zusammen, so als hätte ihn jemand geschlagen. Aber im nächsten Moment kehrte die Sicherheit in seinen Blick zurück und er atmete tief durch.

Teshin … oder soll ich dich Azrael nennen? Wie stellst du dir einen Helden vor?“

Azrael bedachte seinen Bruder mit einem wütenden Blick. „Du weißt, was ich vorhabe. Ich betrachte denjenigen als einen Helden, der die Herde behütet und sie zähmt, der sie beherrscht und im Zaum hält. Er soll ihre Aggressionen nicht stützen, sondern ausmerzen!“

Der Anflug eines Lächelns entstand auf Seimos’ Gesicht. Doch diesmal schlich sich Verzweiflung in seine roten Augen. „Du wirst schon bald merken, dass das nicht möglich ist. Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, er hatte einen sehr eigenartigen Sinn für Humor. Wir werden stets Hass und Wut empfinden und stets ein Ziel für beides brauchen. Ich gebe den Menschen ein Ziel, aber ich sorge dafür, dass ihre Wut kontrolliert zu Tage tritt und den kleinstmöglichen Schaden anrichtet. Ja, ich bin ein Mörder. Ja, ich bin ein Sünder. Aber letztlich bin ich auch ein Heiland, denn ich nehme die Sünden der Menschen auf mich. Ich werde zur Personifikation der Sünde, ich schlachte für die Menschen, ich bin das grauenerregende Idol des Hasses. Wenn die Leute verstehen, was sie wahrhaftig getan haben, wenn ihnen wirklich klar wird, dass sie eine unschuldige junge Frau dazu verdammt haben, unter grässlichen Qualen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, während sie sich die schmelzende Lunge aus dem Leib brüllt, … ja, dann bin ich hier, um zum Sündenbock zu werden. Glaube mir, es gibt nichts, was ich mehr begehre.“

Azrael schwieg, während er die Worte sacken ließ. Er betrachtete Seimos genau. Sein Bruder musterte ihn mit der überwältigenden Sicherheit eines Mannes, der mit seinem Gewissen vollkommen im Reinen war. Seimos schien nicht daran zu zweifeln, das Richtige getan zu haben.

Bist du deshalb ein Dämon geworden?“, fragte Azrael leise.

Seimos neigte zustimmend den Kopf. „Mein Platz ist nicht im Himmel. Ich muss hier sein, auf der Erde. Ich muss den Menschen ein Feind und ein Heiliger sein, um ihre Ausschreitungen zu überwachen. Das ist mein Lebenszweck. Aber ich habe auch noch einen anderen.“ Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Teshin, ich bin nicht deinetwegen nach Hornheim aufgebrochen. Ich bin hier, um den Dämonenkönig zu erschlagen.“

Azrael schüttelte verwirrt den Kopf. Scherzte sein Bruder? „Ich bin der Dämonenkönig, Seimos!“

Der Inquisitor schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Seine roten Augen loderten wie blutige Flammen.

Ich spreche vom wahren König. Von Irodeus.“

Kurz herrschte Stille. Dann brach Malfegas plötzlich in nervöses Gelächter aus. Rauch stob aus dem Maul des monströsen Löwen.

Du bist zu spät gekommen, Medard – … ich meine, Seimos!“, rief er. „Wir haben ihn längst erledigt!“

Azrael nickte. „Seimos, ich weiß, du hast vor vierzig Jahren gegen Irodeus gekämpft und Velis befreit. Du hast ihn damals nur versiegelt, das ist richtig. Irodeus’ Seele ist danach in den See Sökkvar geflohen, aber ich habe ihn vor einigen Monaten vernichtet. Er ist nicht mehr.“

Nun war es an Seimos zu lachen. „Hat dir Berith das erzählt? Ich fürchte, du wurdest in die Irre geführt.“

Azrael straffte sich. „Wie meinst du das? Ich habe deutlich gespürt, wie Irodeus’ Seele von dieser Welt verschwand!“

Ja, ein Teil von Irodeus’ Seele“, entgegnete Seimos. „Der andere Teil befindet sich in Esbens Buch.“

Azrael starrte Seimos schockiert an. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. „In Androgs Folianten? Aber …“ Seine Gedanken rasten. „Esben war doch in deinem Lager! Wieso hast du nicht … ?“

Seimos schüttelte den Kopf. „Glaubst du, ich wollte Irodeus mitten im Lager bekämpfen? Du wirst es nicht wissen, aber die glorreichen Tage der Tempelsöhne sind vorbei. Könnten sie den Dämonenkönig besiegen? Wahrscheinlich. Würde es viele Opfer geben? Mit Sicherheit. Ich habe zugelassen, dass Esben betäubt und nach Hornheim entführt wird, weil ich wusste, dass Berith sich diese Chance, seinen wahren Meister wiederzubeleben, nicht entgehen lassen würde. In Kürze wird Irodeus wiederauferstehen und dann müssen wir beide, du und ich, zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Berith ist absolut loyal! Er würde doch niemals diesen Verrückten …“

Nicht? Vergiss nicht, unter Irodeus genoss jeder Dämon vollkommene Freiheit. Berith konnte forschen und Sitraxa konnte foltern. Aber dann bist du gekommen und hast Ordnung in das Chaos gebracht.“ Seimos seufzte. „Nicht wahr, Malfegas?“

Der Löwe wirkte nun nicht mehr amüsiert. Sein schlangenartiger Schwanz peitschte wild umher.

Es ist wahr“, knurrte Malfegas. „Freiheit ist Berith wichtiger als alles andere.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Gerade ein akurater Gelehrter wie er …“

Seimos lächelte. „Wissenschaft und Kunst können mit Einschränkungen nun einmal nicht florieren. In deiner absoluten Gottesmonarchie ist kein Platz für Visionen, Bruder.“

Azrael setzte zu einer wütenden Erwiderung an, als sich plötzlich eine unheilige Präsenz erhob. Er schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust. Sein Herz schien von eiskalten Klauen zerrissen zu werden.

Es ist Zeit, hauchte die Stimme in seinem Kopf hämisch.

Mit einem Mal kannte Azrael ihre Herkunft.

Du! Wieso lebst du noch? Ich habe dich vom Antlitz dieser Welt gebrannt!, rief er in Gedanken verzweifelt.

Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das ist nur eine der zahlreichen Lektionen, die du noch lernen musst.

Azrael griff mit zitternden Fingern nach Murakama. Ehe er die Klinge aus der Scheide befreien konnte, begann die Erde zu beben.

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Esben schlief. Friede umhüllte ihn wie ein seidenweiches Leichentuch. Kein Traum suchte ihn heim. Keine Erinnerung knechtete ihn. Er besaß das Privileg, allein und ohne Bürde im Nichts zu existieren.

Mit einem Mal spaltete ein Lichtstrahl sein Bewusstsein. Bilder erfüllten Esbens Verstand. Er sah seine Schwester, die frommen Gesichter seiner Gemeinde in Aminas, Teshin und Saskia auf ihren Eseln, den Inquisitor Medardus und schließlich die unerbittlichen Schreie der wütenden Menge. Er sah den ketzerischen Folianten, Halgin und Iliana, den Eingang Hornheims, Sitraxas Kerker und Velis’ schreckliches Herzogtum. Das Lager der Tempelsöhne und Azraels Hölle folgten. Und am Schluss stand der Schmerz der Erkenntnis, dass es nie Frieden geben konnte. Das Bild, als Azrael ihn mit Murakama durchbohrte, ließ ihn erbeben.

War er tot? Befand er sich auf dem Prüfstand oder wurde er gerade in die Hölle geworfen? Verwandelte er sich in diesem Moment in einen Dämon?

Ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte, fühlte er ein verführerisch glimmendes Licht am Rande seines Bewusstseins. Obwohl er es nicht sah, spürte er die warme rote Farbe und fühlte sich von ihr angezogen. Ohne ein Gefühl für den Raum zu besitzen, kam er dem Licht näher und streckte etwas aus, das einem Arm wohl am nächsten kam. Ungeahnte Macht durchströmte ihn.

Doch plötzlich hauchte ihm eine Stimme ein Wort ins Ohr. „Nicht!“

Esben kannte sie. Er hatte sie vor langer Zeit gehört.

Wie auf Befehl ließ er von dem roten Licht ab. Sein verführerisches Glimmen erschien ihm nun heuchlerisch und voller Niedertracht. Dort wartete nur ein Leben voller Hass und Gewalt auf ihn.

Stattdessen begab er sich zu der Stimme und ehe er sich versah, erwachte er.

Das Gefühl kehrte nur langsam in seine schmerzenden Gliedmaßen zurück. Mühselig setzte sich Esben auf.

Er befand sich in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar. Er glaubte, darin eine Szene aus dem Epilog von Sankt Esbens Bußlehre zu erkennen.

Ein Windstoß fegte durch die Säulen und Esben erschauderte. Nicht wegen der Kälte, sondern aufgrund der überwältigenden Präsenz, die vor ihm stand.

Eine hochgewachsene Frau in einem Harnisch aus Mondlicht mit gespreizten Flügeln war in der Mitte der Säulenhalle aufgetaucht. Sie stand vor einem einsamen Thron, auf dem eine einzelne Feder ruhte, und musterte Esben lächelnd.

Esbens Beine zitterten, als er sich langsam erhob. Er kannte die Frau.

Saskia?“

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Leben im Meer

Tag für Tag gehe ich die Straße entlang. Baustellenlärm umhüllt mich. Ich sehe den tristen Backsteinhäusern dabei zu, wie sie die Segel setzen und sich stetig weiter in Schwindel erregende Höhen hinauf schrauben. Stets sind die Menschen bestrebt darum, den höchsten Punkt der Stadt für ihre Beobachtungszwecke zu nutzen. Es ist ein Privileg, die sich aneinander brechenden Wellen aus Stein und Stahl, die wild spritzende Gischt von Menschen und Autos sowie die ewig grollende Geräuschkulisse der lebendigen Stadt aus sicherer Entfernung zu betrachten. Über immense Höhen durch unzählige Stockwerke gefiltert, ist kaum noch etwas von den Ausmaßen der aufeinanderprallenden Ungetüme zu hören, die hier im endlosen Meer der Großstadt ihren jahrhundertealten Zwist miteinander austragen.
Ich war noch nie dort oben in den Wolken, von wo aus dieses staubaufwirbelnde Wirrwarr lediglich zu beobachten ist. Ich bin hier unten, eigentlich schon immer. Dennoch bin ich nicht traurig darum, da mich die tosenden Gewalten selten noch mit Angst und Schrecken erfüllen. Sie wüten in blinder Raserei die Straßen entlang und doch bin ich froh, sie mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt zu sehen. Denn wenn ich auf meinem Heimweg den ewigen Kampf beobachte, der so vollkommen in sich verstrickt, nicht ein einziges Mal zu mir aufsieht und mich schlicht nicht bemerkt, erinnere ich mich des Öfteren an andere Zeiten.

Damals war ich noch ein junges Mädchen, unfähig, die Gewaltigkeit um mich herum zu begreifen, unmündig, gehetzt, nach Sicherheit und Frieden lechzend. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie noch vor mir: laut miteinander zankend, in solch ungeheuerlicher Wut ineinander verbissen und gekrallt, durch die Straßen tobend, ohne ein Ende zu sehen, ohne sich loszulassen, ohne zu vergeben.
Hass floss durch die Stadt, vergiftete Gischt und Herzen, nistete sich ein, erfüllte die Luft, kontaminierte selbst den letzten Aufrechten mit schaurig fauligem Atem. Nichts und niemand konnte fliehen. Wie durch Marionettenfäden geführt, entwickelte sich ein grausiges Schauspiel, das die Meereswasser mit dem Anblick der Zerstörung und des Todes färbte.
Die Tränen, die ich und die anderen Verlorenen in die brüllenden Strudel weinten, wurden sofort blutrot, unfähig, der bereits verdorbenen Flüssigkeit Mitgefühl beizumischen.
 
Heute begebe ich mich gerne auf die belebten Straßen. Nach einem langen Tag genieße ich es, nachhause zu spazieren, hier und da stehen zu bleiben und mein rotes Kopftuch zurechtzurücken, das ich zu meinem Schutz trage. Sollten sich einmal die Wassermassen schlagartig ändern und mich mitreißen, werden mich die Gaffer dieses Mal nicht von oben erkennen. Die grollende Welle wird mich mitnehmen, mich entweder ertränken, oder mich leben lassen. Habe ich doch zu lange Zeit auf Hilfe von oben gehofft, mich nach starken Händen gesehnt, die sich mir, durch die Wasseroberfläche drängend, geöffnet darboten. Ich wünschte, sie als rettenden Anker zu ergreifen und mich zu ihnen herauf zuziehen, in das abgeschottete Nichts der Höhe, die unberührt und trocken keinerlei Gefahren barg.
Schmerzlich sticht mich die Erinnerung an weit aufgerissene Augen, zusammengepresste Münder, die ihre Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, dort oben verweilten, und keine Anstalten machten, ihr Exil zum Teilen anzubieten. Wie sehr beweinte ich mein dunkles, langes Haar, das sich klar abzeichnete, sich, wild um meine Ohren peitschend, in den speienden Fluten kräuselte. Schmerz, Enttäuschung und Angst bündelten sich in der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich mein Elend ertragen musste, alleine, ohne Hilfe, wie ein Ausstellungsstück im Museum. Hinter dickem Glas, um die wütenden Gewässer nicht zu den Zuschauern hindurchzulassen, beobachteten sie meinen Überlebenskampf. Gerührt, manche von ihnen indifferent, andere gelangweilt, alle jedoch untätig verharrend ob der Möglichkeit, die Geschichte zu ändern. Das passive Kollektiv hatte mir den Lebensfunken genommen, einfach so, gestohlen und als wertlos ausrangiert. Diese schweigende Gemeinschaft, der Grund, weshalb das Wasser erst in derart unwirtliche Höhen ausschlagen konnte, ließ die Hoffnungslosigkeit Einzug halten und schmerzte mich in dieser ohnehin dunklen Zeit auf grausamste, unmenschliche Weise.
Heute trage ich es, das rote Kopftuch. Das mich unsichtbar macht, mich ohne wallendes Haar durch die blutigen Ströme irren, mich ungesehen und unbemerkt verschwinden lässt, ohne Aussicht auf Rettung. Ohne Hoffnung, die, einst bitter enttäuscht, den sicheren Tod für mich bedeutete, ließe ich sie ein zweites Mal aufglimmen. An der Wurzel reiße ich die Zuversicht in jene dort oben jeden Tag erneut aus der Erde, bis ich sicher bin, dass kein Körnchen mehr ein Nachwachsen bedingen, dass es auf immer fort ist und nie wiederkehren kann. Mein Kopftuch fest auf dem Haupt, blutrot und scheußlich, lässt mich ohne Angst vor dem, was noch kommen kann, die friedlichen Tage genießen.
 
Ich wende mich nach links und betrete den schmalen gepflasterten Weg, aus dessen Ritzen grün lebendige Pflanzen hervorschauen. Ich lächle und schüttele meine Gedanken an die Vergangenheit ab. Erleichtert sauge ich klare Luft ein, die von den Bäumen in meinem Garten gefiltert und fein durch meine Lungen fährt wie die leibhaftige Erlösung. Die Haustür ist klein und unscheinbar, doch sie verbirgt eine Oase der Ruhe und Harmonie.
Ich öffne die Tür und entgegen schwappen mir zwei Enkelkinder, die schon zappelig darauf gewartet haben, mich endlich wieder in ihre Arme schließen zu können. Meine Tochter und ihr Mann bereiten, sich verliebt neckend, in der Küche das Abendessen zu.
Mein Mann sitzt in seinem Schatten vor dem Kamin und blickt ins Feuer, das das kühle Nass für diesen Moment noch von ihm fernhält. Auch wenn er es möchte, kann er zunehmend weniger die Haustür hinter sich schließen. Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch kann. Von ganzem Herzen lachend begrüße ich ihn mit einem Kuss auf die Stirn und folge den Kindern, den für sie unsichtbaren Schatten noch einmal abschüttelnd, um ihre neu gebaute Höhle ehrfürchtig zu bestaunen. Das Abendessen schmeckt köstlich, gerade so, als seien alle Zutaten aus dem süßesten Zucker. Hier möchte ich sein. Zuhause.
Oftmals bemerke ich die gewaltigen Wogen an unseren Fensterläden vorbeiziehen, spüre die Blicke aus unbedrohter Höhe auf mir und erkenne die Angst fadenscheinig anklopfen, heuchlerisch lächelnd, wohl wissend, dass ich gegen ihr Eintreten machtlos bin. Dann versuche ich mich abzulenken, mich mit den Kindern in einem Buch zu verlieren oder mich mit meiner Tochter in einem langen Gespräch zu amüsieren.
Bin ich jedoch ganz allein und nähere mich dem Sessel vor dem Feuer, der bald schon nur noch eine dunkle, leere Hülle beherbergt, dann erinnere ich mich an mein Kopftuch, das an einem Haken neben der Haustür aufgehängt, hier drinnen zuweilen einem nutzlosen Gegenstand glich, der mit wachsender Hoffnung an Wert verlor… und dann bin ich sicher, dass ich den einen Schatz besitze, der mich aus den Tiefen des Meeres nach dort droben hinauflächeln lässt.

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21.Teil – Das Treffen (3/3)

»Was zum Teufel …«, entfuhr es Gunter, »wie fliegt denn dieser Irre?«
Im nächsten Moment schlug die Maschine in ihrer unmittelbaren Nähe ins Gebäude ein. Es konnte nur wenige Räume von ihnen entfernt sein. Das gesamte Gebäude schien zu vibrieren. Ein Teil der Deckenverkleidung stürzte herab, verletzte jedoch niemanden.
»Kann das ein weiterer Angriff von Thoben sein?«, fragte Thomas.
»Das ist eigentlich nicht möglich«, meinte Khendrah, »ich frage mich auch die ganze Zeit über, was das für eine Flugmaschine war. Ich kann mich nicht erinnern, so einen Flieger in den Aufzeichnungen dieser Zeit gesehen zu haben.«
»Dieser Zeit?«, echote Gunter, »Sie stammen aus einer anderen Zeit?«
Khendrah sah ihn ernst an, sagte jedoch nichts.
»Dann stimmt es also tatsächlich«, stellte Gunter fest.
Er hatte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe.
»Jetzt verstehe ich auch, dass Sie mir nichts erzählen dürfen«, sagte er, »Sie kommen aus der Zukunft und sollen mich retten. Ist das richtig?
»Na gut«, gab Khendrah nach, »es wird nicht schaden, wenn ich Ihnen diese Kleinigkeit erzähle. Thoben wird von einem unserer Leute beraten, der abtrünnig geworden ist und nun eigene Ziele verfolgt. Er besitzt gewisse Kenntnisse über die relative Zukunft der nächsten Jahre. Um seine Ziele durchzusetzen, muss er Sie beseitigen lassen. Er hat Thoben davon überzeugt, dass er sie jetzt und hier ausschalten muss. Glücklicherweise erhielten wir Kenntnis davon und konnten seine Pläne durchkreuzen.«
»Aber, wenn er die Zukunft kennt, wird er immer wieder einen Schritt voraus sein und mich erledigen können«, meinte Gunter.
»Nein, denn wir haben seine Pläne durchkreuzt und somit die Zukunft bereits jetzt verändert. Seine Kenntnisse nutzen ihm nichts mehr. Er müsste zurückkehren und die Veränderung studieren, doch dieser Weg ist ihm für alle Zeiten verschlossen, beziehungsweise wir werden ihn verschließen.«
Ein Lärm im hinteren Teil des Raumes ließ sie aufhorchen. Khendrah und Thomas fuhren herum und sahen gerade noch, wie eine breite Tür aufgestoßen wurde. Es war hell im Hintergrund, doch verhinderten dicke Rauchschwaden, die Sicht auf den Raum hinter der Tür. Zwei menschliche Schatten tauchten daraus auf und betraten den Raum.
»Das ist Fancan!«, rief Thomas, »pass’ auf Khendrah!«
Khendrah war bereits in Deckung gegangen und hatte ihre Waffe gezogen.
»Gunter, gehen Sie sofort in Deckung«, sagte sie, »wir kennen diese Leute.«
Khendrah zielte locker in Richtung der beiden Neuankömmlinge und drückte ab. Ein Teil der Wand neben der Tür verschwand. Fancan und Giwoon hatten sich bereits mit einem Hechtsprung in Sicherheit gebracht.
»Khendrah!«, rief Fancan, »Nicht schießen! Wir wollen dich nicht töten!«
»Das soll ich dir glauben?«, fragte Khendrah, »Nach den Ereignissen im Jahre 2008? Wer ist das bei dir? Ein neuer Killer?«
»Khendrah bitte!«, rief Fancan, »Wir müssen reden – und ich meine reden. Ich werde mich jetzt erheben und meine Waffe fortwerfen. Bitte schieß’ nicht mit dem Anihilator auf mich.«
»Ist das ein Trick?«, fragte Khendrah, »Ich weiß genau, dass du den Auftrag hast, mich und Thomas zu liquidieren. Wie hast du mich überhaupt gefunden?«
Fancan erhob sich zögernd mit erhobenen Händen hinter einigen Schranktrümmern. Deutlich sichtbar warf sie ihre Waffe in den Raum.
Khendrah erhob sich nun auch, behielt aber ihre Waffe im Anschlag.
»Wo ist der Andere?«, fragte sie, »Ich will, dass auch er sich erhebt und seine Waffe wegwirft.«
»Giwoon, du kannst ihr trauen«, sagte Fancan, »tue, was sie sagt.«
Plötzlich tauchte ein Mann an einer Stelle auf, an der Khendrah nicht damit gerechnet hatte. Sie schluckte. Er hätte sie durchaus überrumpeln und töten können, hatte es aber nicht getan. Der Mann hielt ihr seine Handflächen entgegen und sagte mit sonorer Stimme:
»Ich bin nicht bewaffnet.«
»Ein Killer, der nicht bewaffnet ist?«, fragte Khendrah, »Für wie dumm hält mich die oberste Behörde eigentlich?«
»Khendrah«, sagte Fancan, »die Dinge haben sich gewaltig verändert. Giwoon ist kein Killer. Er war im Rechenzentrum des 6000. beschäftigt – so dachte ich wenigstens. Er ist mein Freund.«
Khendrah starrte ungläubig zwischen den Beiden hin und her.
»Du willst mir also weismachen, dass du eine Beziehung zu einem Mann innerhalb der Behörde hattest? Unbemerkt von allen?«
Sie machte eine Bewegung mit der Waffe.
»Kommt her!«, befahl sie, »Die Hände bleiben schön oben, damit ich sie sehen kann.«
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie jede Bewegung der Beiden. Im Falle einer falschen Bewegung hätte sie nicht gezögert, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.
»Auf die Knie!«, befahl sie weiter, »Die Hände hinter den Kopf!«
»Sag’ Khendrah, was hast du vor?«, fragte Thomas, dem die Situation nicht gefiel.
»Das weiß ich auch noch nicht«, antwortete sie, »aber jetzt will ich Antworten.«
»Mein Name ist Giwoon«, sagte der Mann ruhig, »ich arbeitete zum Schein als Techniker in der Jahresstation 6000. Dort lernte ich auch Fancan kennen, die wegen einer Recherche in unsere Station kam. Ich verliebte mich sogleich in sie und ich denke, ihr ging es genauso.«
»Wie romantisch«, sagte Khendrah ironisch, »und jetzt will dieses nette Pärchen und auslöschen, was?«
»Das ist doch Blödsinn!«, ereiferte sich Fancan.
»Lass’ mich weitererzählen, Fancan«, bat Giwoon, »du bist mir zu emotional. Also ich gehöre ursprünglich nicht zur Behörde, denn ich stamme aus einer Zeit weit in der Zukunft, weit jenseits des Jahres 8000. Ich stamme aus dem einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das, …das … das ist nicht möglich«, sagte Khendrah, »es ist nie gelungen, die Grenze um das Jahr 8000 zu überschreiten. Die Zeit verändert dort ihren Charakter und ist für Zeitreisen nicht mehr verwendbar.«
Giwoon grinste.
»Das solltet ihr glauben«, sagte er, »damit wir in Frieden leben können. Wir haben eine Sperre installiert, die euch daran hindert, bis zu unserer Zeit vorzudringen. Doch wir mussten lernen, dass auch das nicht ausreicht, eure dilletantischen Zeitmanipulationen von uns fernzuhalten. Ich habe Fancan mit in meine Zeit genommen, um ihr zu zeigen, wie wichtig es ist, etwas gegen eure oberste Behörde zu unternehmen.«
»Das sind doch Märchen!«, brauste Khendrah auf.
»Nein, es stimmt alles!«, rief Fancan, »Wir sind mit einem Slider in Giwoon Zeit gestartet, um euch hier zu treffen. Im einhundertzwölften Jahrhundert ist man äußerst exakt darüber informiert, was in der Zeit vorgeht. Wir sollen euch hier treffen und mitnehmen.«
»Mitnehmen? Wohin?«
»Könnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht beabsichtigen, euch zu schaden?«, fragte Giwoon, »Meine Arme schlafen allmählich ein. Fancan und ich sind unbewaffnet und haben wirklich nicht vor, euch anzugreifen oder gar zu töten.«
Zögernd ließ Khendrah ihre Waffe sinken.
»Gut, steht auf«, sagte sie, »aber ich werde meine Waffe schussbereit halten.«
Fancan lächelte.
»Du warst immer schon die professionellere Agentin von uns beiden, nicht wahr? Wir waren Freundinnen, Khendrah. Wir sollten uns nicht mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen.«
»Ach ja?«, fragte Khendrah verächtlich, »Ist mir etwas entgangen, als du uns an der Bushaltestelle aufgelauert hattest? Wer hatte denn dort eine Waffe in der Hand?«
»Es war ein Auftrag, Khendrah«, sagte Fancan, »du kennst doch das Spiel. Du hast es doch lange genug selbst gespielt. Ich hatte doch keine andere Wahl, als zu glauben, du wärst schuldig und müsstest liquidiert werden.«
»Darüber kann man geteilter Meinung sein!«, brauste Khrendrah auf.
»Khendrah!«, fuhr Fancan sie an, »Jetzt mach’ ‘mal einen Punkt! Tue jetzt bitte nicht so, als hätten wir in der Vergangenheit die Befehle und Anweisungen unserer Vorgesetzten hinterfragt! Wir bekamen einen Auftrag und führten ihn aus. Fertig! Genauso war es auch bei meinem Auftrag, dich zu liquidieren.!«
»Und was bringt dich auf einmal zum Nachdenken?«, wollte Khendrah skeptisch wissen.
»Giwoon und seine Mutter haben mir die Augen geöffnet«, sagte Fancan, »sie haben mir gezeigt, was unsere Behörde durch ihre Arbeit angerichtet hat und noch immer anrichtet. Khendrah, ich will dich nicht töten – ich will wieder mit dir zusammenarbeiten.«
Man konnte es Khendrah ansehen, dass sie angestrengt nachdachte.
»Du hast dich doch auch schon von deinen früheren Idealen gelöst«, fuhr Fancan fort, »du solltest deinen Freund hier liquidieren. Statt dessen ziehst du nun mit ihm zusammen los und startest auf eigene Faust Missionen, für die du überhaupt nicht autorisiert bist.«
Khendrah warf Thomas einen Seitenblick zu.
»Das verstehst du nicht, Fancan«, sagte sie, »die Dinge haben sich geändert. Mein Auftrag war ungesetzlich. Er war von einem Vorgesetzten erteilt, der eigene Interessen verfolgte. Das muss ich mit allen Mitteln bekämpfen. Das ist meine Pflicht.«
»Mach’ dir doch nichts vor«, sagte Fancan, »würde dir heute jemand sagen, der Auftrag wäre doch rechtmäßig. Würdest du deine Waffe ziehen und Thomas töten?«
Der entsetzte Ausdruck in Khendrahs Gesicht sprach Bände.
»Nein, das würde ich nicht tun«, sagte sie.
Sie blickte Thomas erneut an.
»Ich könnte es nicht. Ich liebe ihn.«
»Na bitte«, sagte Fancan, »endlich bist du einmal ehrlich.«
Gunter Manning-Rhoda, der die ganze Zeit über versucht hatte, diese verrückte Situation zu verstehen, fragte:
»Dürfte ich vielleicht erfahren, was hier eigentlich gespielt wird?«
»Das dürfen Sie nicht!«, riefen Khendrah und Fancan wie aus einem Mund. Sie blickten sich überrascht an, hielten einen Moment inne und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Gunter wandte sich verärgert an Giwoon, doch auch dieser war nicht bereit, mehr dazu zu sagen.
»Sie haben bereits mitbekommen, dass wir Zeitreisende sind. Das ist mehr, als sie eigentlich erfahren durften. Sprechen Sie in Ihrem eigenen Interesse bitte niemals darüber. Führen Sie Ihren Wahlkampf weiter, wie bisher und gewinnen Sie die Wahl. Damit wäre allen gedient.«
»Aber Herwarth Thoben und die PEV?«, wandte Gunter ein.
»Das Problem werden Sie als Regierungschef sicher lösen können«, sagte Giwoon mit süffisantem Lächeln.
Sie wurden unterbrochen, als eine Gruppe der örtlichen Polizeikräfte durch die Tür vom Flur hereinstürmte.
»Keine Bewegung!«, brüllte einer der Polizisten und hob seine Waffe, »Legen Sie sofort Ihre Waffen nieder!«
Khendrah, Fancan, Giwoon und Thomas starrten die in den Raum drängenden Polizisten schweigend an. Es war ihnen klar, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis nach diesem Kampf und dem dadurch verursachten Lärm Sicherheitskräfte auftauchen würden.
»Wir werden uns jetzt zurückziehen«, flüsterte Giwoon Gunter zu, »bitte lenken Sie die Leute dort etwas ab.«
Gunter sah in fragend an.
»Bitte«, flüsterte Giwoon, »wir müssen verschwinden und wir wollen nicht noch gegen Polizisten dieser Zeit kämpfen müssen.«
Gunter nickte unmerklich.
»Gut, dass Sie kommen, meine Herren!«, rief er den Polizisten zu, »Ich bin Gunter Manning-Rhoda und mir galt der Angriff durch diese Attentäter.«
Er deutete auf die herumliegenden Leichen.
Die Beamten betrachteten die Szenerie. Sie waren eine Menge gewohnt, doch das, was sie sahen, brachte auch sie aus der Fassung.
Fancan hatte bereits unmerklich ihren Nihilator auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet und löste ihn aus. Ohne ein Geräusch löste sich der Boden auf und gab den Blick in das Stockwerk darunter frei. Sie gab ein Zeichen und die Vier sprangen durch das Loch im Boden in die untere Etage.
Die Bewegung blieb den Beamten nicht verborgen und einer der Männer schoss, doch es war zu spät.
Die Vier hatten Glück, dass der Raum unter Gunters Suite leer stand, so wurden sie nicht weiter aufgehalten.
»Los, weiter«, drängte Giwoon, »sie werden sicher nicht lange zögern, uns zu folgen.«
Als er mit Khendrah und Thomas den Ausgang des Raumes erreicht hatte, sah er, dass Fancan ihnen nicht folgte.
»Fancan, was treibst du da?«, fragte er, »Wir müssen hier weg. Wir sind erst sicher, wenn wir den Slider erreicht haben.«
»Ich habe mir den Fuß verstaucht!«, rief Fancan mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, »Ich kann nicht laufen.«
Giwoon und Thomas sahen sich schweigend an. Ohnen ein Wort machten sie kehrt, griffen Fancan unter die Arme und trugen sie weg. Inzwischen peitschten die ersten Schüsse der Polizisten durch das Loch in der Decke und verfehlten sie nur knapp. Khendrah hielt die Tür offen und ließ die Drei hindurchlaufen. Anschließend verschloss sie von außen die Tür und verstellte ihre Waffe auf Hitzewirkung. Dann verschmolz sie die Tür, die glücklicherweise aus Metall bestand, mit dem Rahmen. Das würde ihre Verfolger eine Weile beschäftigen.
»Wo ist nun euer Slider?«, fragte sie, während sie durch den Gang zum Treppenhaus hasteten.
»Wir müssen wieder nach oben«, sagte Giwoon, »betet, dass sie das Fahrzeug bis dahin noch nicht entdeckt haben.«
»Was machen wir, wenn das der Fall ist?«, wollte Thomas wissen.
»Dann müssen wir uns den Weg freischießen«, erklärte Fancan keuchend, wir können zwar auch im Betäubungsmodus feuern, doch sind wir dadurch nicht immun gegen die Projektilwaffen der Sicherheitskräfte.«
»Hier ist eine Treppe!«, rief Khendrah und deutete nach oben.
»Ab nach oben!«, befahl Giwoon, »Der Slider muss ganz in der Nähe sein.«
Als sie auf der oberen Ebene angekommen waren, sahen sie ihr Fahrzeug, welches von Trümmern der Decke und der Außenwand des Gebäudes bedeckt war. Die Schleuse stand weit offen und ihr Licht schien in den Gang hinein.
»Keine Zeit verlieren!«, rief Giwoon, »Fancan, geht es noch?«
»Es muss gehen!«, antwortete sie und biss ihre Zähne zusammen. Khendrah schaltete ihre Waffe vorsichtshalber auf Betäubung und gab Thomas ein Zeichen, es ebenfalls zu tun.
Die letzten Meter schienen eine Ewigkeit zu dauern. Sie hörten bereits die Schritte der Verfolger, die sich ebenfalls schnell dem Slider näherten. Sie erreichten das Fahrzeug zuerst und retteten sich ins Innere der Maschine. Kurz bevor sich die Schleuse endgültig geschlossen hatte, drangen einige Projektile der automatischen Waffen der Sicherheitskräfte durch den sich schließenden Spalt und schlugen in die Seitenkonsolen des Sliders ein.
»Oh Gott, hoffentlich hat der Temporalprozessor nichts abbekommen!«, rief Giwoon.
»Ich dachte, dieses Ding hier wird über diese Kugel dort gesteuert«, wunderte sich Fancan.
»Das schon, aber die Technik selbst ist in den Seitenkonsolen untergebracht«, erklärte Giwoon, der hektisch dabei war, die Funktionsfähigkeit des Systems zu prüfen.
Von draußen dröhnten heftige Schläge gegen die Hülle des Sliders.
»Sind wir hier drin auch sicher?«, fragte Thomas.
»Wenn du wissen willst, ob sie es schaffen können, hier einzudringen, dann sage ich ja, wir sind sicher. Aber wenn wir einen Defekt haben und nicht mehr starten können, dann müssen wir irgendwann hier heraus. Dann haben wir ein Problem.«
Sie ließen Giwoon in Ruhe arbeiten und nach einer Weile stieß er deutlich hörbar die Luft aus.
»Und?«, fragte Khendrah, »Wie sieht es aus?«
»Es sieht schlimm aus, aber nicht so schlimm, wie ich es befürchtet habe«, meinte Giwoon, »wir werden hier wegkommen. Das ist die gute Nachricht.«
»Und weiter?«, fragte Thomas auffordernd, »Nun mach’ es nicht so spannend.«
»Der Temporalprozessor hängt am seidenen Faden«, sagte er, »wir sollten uns darauf einrichten, dass wir noch eine Zeitreise damit machen können und diese sollte nicht sehr weit in die Zeit hinein reichen.«
»Heißt das, du wirst nicht mehr nach Hause fliegen können?«, fragte Fancan mitfühlend.
»Genau das bedeutet es«, sagte er tonlos, »jetzt weiß ich auch endlich, warum meine Mutter sich so gründlich von mir verabschiedet hat. Ich werde weder Symeen oder Zedroog, noch meine Schwester Yshaa jemals wiedersehen.«
Fancan fasste seine Hand und drückte sie. Giwoon sah sie dankbar an und zog Fancan an sich. Erst jetzt wurde es Khendrah klar, dass es Fancan ebenso erging, wie ihr: Sie hatte sich verliebt, was einer Zeitagentin niemals gestattet war.


Die nächste Folge dieses Romans erscheint an dieser Stelle am 05.10.2019

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Kritik – wie äußert man sie und was sollte man hierbei beachten.

Das Thema Kritik und der Umgang ist für mich und auch viele andere ein heikler Bereich. Je nachdem, wie diese Form des Feedbacks geäußert wird, kann es den Empfänger recht ins Straucheln bringen.

Sicherlich ist es nie einfach, Kritik zu empfangen und mit dieser umzugehen. Und doch ist es ebenso schwierig, sie jemandem zu vermitteln den man vielleicht gar nicht kennt.

Also habe ich mich dran gemacht und ein wenig recherchiert. Außer den Recherchen habe ich bereits geführte Gespräche versucht in den folgenden Text mit einzubeziehen versucht. Natürlich unter dem Gesichtspunkt, was für den ein oder anderen nützlich sein könnte.

So hoffe ich, das Wichtigste in einer angenehmen Anordnung zusammengefasst zu haben.



Definition Kritik

Bei einer Kritik handelt es sich um eine Beurteilung oder auch eine Einschätzung einer künstlerischen Leistung.



Unter den gefühlt zahllosen Definitionen zu diesem Begriff war dies diejenige, die am besten in dem Bereich des Schreibens passte. Auch wenn es sich hierbei um eine klare Orientierung handelt. Also begab ich mich auf die Suche nach einer Art Aufbau für ein Feedback. Besonders dann, wenn dieses Feedback geäußert wird, um es dem Empfänger zu verdeutlichen.

So fand ich bei der Beigroup GmbH (Link zu dem Thema Kritik: static.bei-training.com/files/div/Checkliste_Richtig_kritisieren_betraining-v1-0.pdf) eine Übersicht zu dem Aufbau bzw. was man berücksichtigen kann oder sollte.

Von diesem Dokument habe ich eine kurze Zusammenfassung gemacht, die ich hier folgend aufführen möchte.

Laut dieser Hilfe für das Kritisieren sollte man in Betracht ziehen, ob die Kritik sinnvoll ist und ob es einen triftigen Grund dafür gibt.
Ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass dem so ist, so sollte die Kritik so präzise wie möglich und mit Beispielen unterlegt sein. Die Sachlichkeit darf hierbei natürlich nicht außer Acht gelassen werden.

Die Kritik sollte zeitnah erfolgen, damit es keine Missverständnisse zwischen Kritikgeber und Empfänger kommt. In seiner Äußerung sollte man jedoch auch nicht vergessen, die Kritik so positiv und neutral wie möglich zu halten.

Ist eine positive Basis bei der Kritik gegeben, so ist die Konstruktivität des Empfängers der Botschaft weniger gehemmt, sodass ein entsprechendes Ergebnis erzielt werden kann.

Hinzu kommt, dass das Feedback in der Ich-Form gehalten sein sollte. Ist die Kritik all zu negativ behaftet, sollte der Verfasser in Betracht ziehen, wie sich das Gegenüber fühlt oder ob die vorgetragene Form zu akzeptieren ist.

Ist man diese Punkte durchgegangen, ist es vonnöten, sich zu überlegen, wie es möglich ist, die Kritik mit einem guten Gedanken zu beenden.



Im Folgenden habe ich die mir notierten Fragen aufgelistet und so gut ich konnte beantwortet. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier die aus meiner Sicht wichtigsten Fragen aufliste, damit auch so eine gewisse Übersicht vorhanden ist.



Wie gehe ich mit einer Kritik um, die mich trotz allem trifft?

Hierbei handelt es sich um eine Frage, die nicht gerade einfach zu beantworten ist. Denn jeder verarbeitet bzw. verkraftet ein negatives Feedback natürlich auf seine ganz besondere Art und Weise. Vor allem das schlechte Gefühl, das sich breitmacht, wenn man mit dem ein oder anderen Kritikpunkt konfrontiert wird, kann das Schreiben an sich hemmen. Man darf sich nicht unterkriegen lassen und dem Gedankenkarussell, das von Selbstzweifeln begleitet werden kann, die Überhand lassen.

Denn je öfter man mit den unterschiedlichsten Gedankengängen anderer Schreiber, desto sicherer wird man mit seinem eigenen Schreibstil und lernt mit der Zeit, schon im vornherein die ein oder andere Fehlerquelle zu umgehen.



Wie nutzt man Kritik für sich selbst und vor allem dann auch für die Texte?

Egal wie die Kritik ausfällt, sollte man nicht aus den Augen verlieren, was man mit dem Text ausdrücken möchte.

Erst dann kann man das Feedback nach seinem Bauchgefühl und an den passenden Stellen in das Geschriebene einbauen. Wichtig hierbei ist, zu beachten, dass man sich das Wichtigste notiert.



Kritik ein Nehmen und Geben?

So objektiv wie möglich gesehen ist das so. Denn möchte man, dass die eigenen Texte kommentiert werden, so muss man sich auch die Zeit nehmen, die Texte von anderen zu kommentieren.

Hier trifft das Sprichwort „Eine Hand wäscht die andere“ zu.

Zudem lernt man wie man das eigene Werk ein wenig anders zu sehen.



Mein Fazit zu meiner Recherche zur Kritik und was ich aus dem allen für mich mitnehme…

Während der Recherche und dem Schreiben des Beitrages konnte ich meinen teils recht fixen Blickwinkel aufbrechen. Ausschlaggebend waren andere Sichtweisen als auch einige Tipps um auch mal um die Ecke zu denken. Besonders wichtig für mich waren die Anregungen zur Formulierung von einer Kritik, die mich zu dem Entschluss brachten Feedbacks in Zukunft ein wenig strukturierter anzugehen.

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Gottes Hammer: Folkvang XIV

Abigor von Hrandamaer zitterte.

Er hatte seit Jahrzehnten nicht mehr gezittert. Seit dem Attentat auf ihn, als er durch die Hölle gehen musste und alles verlor, was er besaß.

Abigor saß in seinem Zelt auf dem fremdartigen Stuhl mit den Schnitzereien, den ihm vor langer Zeit ein mächtiger Fürst vermachen ließ. Es handelte sich um eben jenen Fürsten, von dessen Gunst sein Überleben nun abhing.

Abigor erhob sich und schritt unruhig auf und ab. Das Ultimatum endete heute und Anspannung regierte die Tempelsöhne. Jeden Moment konnten die Dämonen angreifen.

Abigor hustete und rieb sich den Mund. Er schmeckte Blut und fluchte. Mit fahrigen Bewegungen griff er zu einem dunklen Tuch und wischte die rote Flüssigkeit ab.

Seit Esbens Verschwinden war ein weiterer Apostel des Heeres ermordet worden. Weder Medardus noch ein anderer der Tempelsöhne kannte den Täter.

Abigor hingegen wusste genau, wer mit den dunklen Mächten im Bunde stand. Er musste die Person bald zur Rede stellen, aber zunächst galt es, einem anderen Rätsel auf den Grund zu gehen.

Abigor beschleunigte sein unruhiges Auf- und Abgehen, wobei sein Blick zwischen dem Zelteingang und einem kleinen Tisch in der Ecke pendelte. Ein geöffneter Brief lag darauf, Lifas’ säuberliche Handschrift offenbarend.

Endlich bewegte ein Hauch seine ungebändigte Mähne. Abigor erstarrte und wandte sich um. Zwei violette Augen musterten ihn aus der Dunkelheit.

Ashaya!“, rief Abigor. Er ballte seine Hände zu Fäusten, um das Zittern zu unterdrücken. „Was soll das?“

Was soll was?“ In Abigors Gegenwart trat Ashaya nach außen hin stets als Dienerin auf, aber die Realität könnte anders nicht sein. Abigor wusste wohl, dass Ashaya keine Befehle von ihm entgegennahm. Er konnte sie lediglich bitten, ihm einen Wunsch zu erfüllen. Sollten seine Interessen jedoch Beriths Plan gefährden, würde Ashaya kaum zögern, ihn zu beseitigen.

Es gab nicht viele Lebewesen, vor denen ein Tempelsohn Furcht verspürte. Ashaya bildete eine solche Ausnahme. Es lag weniger an ihrer Macht, denn diese kam nur selten zum Einsatz, sondern vielmehr an ihrer Ausstrahlung. Die spöttischen und hell leuchtenden Augen, das ironische Lächeln, das ihre Miene spaltete, ihre kokette Haltung und die provokante, langsame Art zu sprechen ließen sie unantastbar wirken. Allein die Vorstellung, Ashaya könnte um Gnade bitten, erschien ihm absurd.

In dieser Hinsicht erinnerte sie ihn an Medardus.

Abigor räusperte sich. Er fühlte, wie kalter Schweiß seinen Nacken benetzte. Ein einzelner Tropfen glitt an ihm herab.

Du weißt genau, was ich meine!“, herrschte Abigor sie an. Er schrie immer, wenn ihn Furcht peinigte.

Ashaya schob die Unterlippe vor und tat, als müsste sie weinen. „Warum musst du immer schreien? Das ist gemein!“ Der Spott in ihrem Blick strafte sie Lügen.

Hör damit auf!“ Abigor durchmaß den Raum und zog sein Schwert. „Wo ist Iliana?“

Ashaya betrachtete die geschliffene Klinge betont gelangweilt. „Warum fragst du?“

Abigor deutete auf den Brief. „Lifas hat mir eine Nachricht geschickt. Iliana ist zusammen mit dir verschwunden. Was hat das zu bedeuten? Willst du Hrandamaer in den Rücken fallen?“

Ich? Hrandamaer in den Rücken fallen? Wie könnte ich! Ihr habt mich ja nur eingesperrt und von der Außenwelt abgeschottet!“, erwiderte Ashaya sarkastisch. Doch diesmal glühte nicht Spott, sondern Wut in ihren violetten Augen. Der Anblick erschien Abigor dermaßen abstrus, das er zurückwich. Er hatte in diesen unergründlichen Lichtern nie eine menschliche Emotion gesehen.

Ashaya trat aus der Dunkelheit. Abigor erkannte ihren dunklen Ledermantel, der die Schriftzeichen auf ihren Schultern und auf ihrer Brust offenbarte. Er schluckte. Sie entschied sich nur dann für diese Aufmachung, wenn sie ihre dunkle Magie einzusetzen gedachte.

Wir haben dir lange geholfen“, sagte Ashaya. Ihre Stimme klang nun kalt. „Nun ist es an der Zeit, dass du deinen Teil der Abmachung erfüllst.“

Abigor wich zurück. Er sah, wie die Dunkelheit sich um Ashaya ausbreitete.

Ich habe dir bereits Siegbert gegeben!“, rief er panisch. Seine Hände zitterten nun so stark, dass das Schwert ihm aus der Hand glitt. Er hatte den Koch in einer mondlosen Nacht vor Esbens Verschwinden geopfert, um den Zyklus von Neuem zu beginnen. Er benötigte die Kraft, die er von Berith bekam. Ohne sie war er machtlos.

Ashaya schüttelte langsam den Kopf und trat näher. „Er diente nur zu deiner Wiederherstellung. Aber Berith hat dir ein Versprechen abgenommen, als Preis für das Wissen. Sollte je der Zeitpunkt kommen, an dem das Gefüge der Welt in Gefahr ist, musst du seinem Ruf folgen. In dieser Situation befinden wir uns jetzt.“

Abigor schüttelte den Kopf. Er hatte versucht, hinter die Geheimnisse von Azrael und Berith zu kommen, er hatte sogar in der Nacht der Opferung nach der Tat Siegberts Geist beschworen und ein unheiliges Verhör durchgeführt. Aber er kam der Wahrheit nicht näher. Das Geflecht der Verschwörung blieb für ihn undurchdringlich.

Soll ich etwa gegen die Tempelsöhne kämpfen?“, fragte er entrüstet. Mit dieser Tat wäre sein gesellschaftliches Leben zu Ende.

Ashaya trat noch einmal näher. Sie stand nun direkt vor ihm und starrte ihn unverblümt an.

Nachdem du im Krieg das Attentat in Hrandars Faust überlebt hattest, bist du zu uns gekommen“, rief sie ihm in Erinnerung. „Du begehrtest Wissen und Erleuchtung und gleichzeitig die Befreiung von der Menschlichkeit. Du wolltest die fleischliche Liebe nicht mehr spüren, den Schmerz eines Verlustes und dafür wolltest du alles wissen; ob ein Gott existiert, ob die Welt im Zentrum des Universums steht. Berith hat dir deine Fragen beantwortet und dir deinen Wunsch erfüllt. Deine Emotionen bist du los, dein Wissen hast du. Und sieh dich an.“ Abigor fuhr überrascht zusammen, als Ashaya ihm ins Gesicht spuckte. „Anstatt ein Gelehrter zu sein und den Menschen Wissen zu bringen, führst du dein Schwert in sinnlosen Kriegen im Namen einer Denomination, deren Widersprüche eine Kirchenspaltung nach der anderen hervorrufen. Du tötest und meuchelst, um vor deinem Wissen zu fliehen und musst dennoch immer wieder ein Opfer darbringen, weil du ohne dein Wissen nicht leben kannst. Du demütigst und verscheuchst dein Umfeld. Du brüskierst Lifas und Elinor, deinen Neffen und deine Nichte, denn du kennst kein Mitgefühl mehr. Nun lädt dich mein Herr ein, einmal in deinem verdorbenem Leben eine wahrhaft rechtschaffene Tat auszuführen. Willst du eine solche Gelegenheit wirklich ausschlagen?“

Abigor taumelte, so als hätte sie ihn geschlagen. Ihre Worte gruben sich in sein Herz wie die rostigen Schaufeln der Totengräber.

Ja, er hatte sein Leben vergeudet.

Er war stets einem Traum gefolgt. Zuerst dem Traum der Gelehrtheit, der ruhmreichen Überhöhung des Geistes. Er wollte nach dem Schrecken des Krieges den profanen Widrigkeiten des Lebens entfliehen und sich den Wissenschaften verschreiben. Kaum hatte ihm Berith jedoch deren Geheimnisse offenbart, wählte er verschreckt den Weg des Kampfes. Er war nun ein ruhmreicher Streiter der Denomination und musste die Bürde eigener Gedanken nicht mehr tragen.

Ashayas Augen glitzerten streng, als er ermattet auf seinen Stuhl sank.

Ich kann das nicht!“, rief er. „Ihr habt es mir gezeigt. Ihr habt mir die Wahrheit gezeigt und ich wünschte, ich hätte sie nie erblickt. Gibt es einen Gott? Ja. Und nein.“ Abigor lachte und er fühlte, wie der altbekannte Wahnsinn sich in seiner Brust regte. Nur das Schwert konnte ihn bezähmen. „Wenn Berith mich eines gelehrt hat, dann das hier: Die Wahrheit existiert nicht, nichts existiert und gleichzeitig existiert alles. Es gibt keinen vorgezeichneten Weg und erst recht keinen „Richtigen“, denn jede gute Tat kann einen Mörder retten und jeder Mord ein Leben.“ Er hustete und Blutstropfen benetzten seinen gerüsteten Arm. „Wer sagt mir, dass Beriths Weg der „Richtige“ ist?“

Warum sollte er es nicht sein?“ Ashaya kam näher und ging vor ihm in die Hocke, sodass sie einander auf Augenhöhe begegneten. „Azrael will sich zum Herrscher der Welt krönen. Sein Plan ist edel, aber auch zum Scheitern verdammt. Menschen sind nicht dazu gemacht, sich lange einem Herrscher zu beugen. Dafür sind sie zu starrköpfig – und zu rebellisch.“ Kurz schwieg sie und ihr Blick schweifte ab. Sie schien längst vergangene Erinnerungen durchleben.

Das wichtigste Gut auf dieser Welt ist nicht Sicherheit“, sagte sie schließlich. „Sondern Freiheit. Das war es schon immer.“

Kein Mensch ist wirklich frei“, stieß Abigor hervor.

Ashaya bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. „Wirklich? Nun, es gibt nicht viele, das stimmt. Aber Freiheit wartet auch nicht auf einen. Man bekommt sie nicht geschenkt, man muss sie sich nehmen. Mit Feuer und Schwert. Nur die Mächtigen können frei sein.“

Abigor schüttelte den Kopf. „Selbst ein König ist nicht frei! Er hat eine Verantwortung! Er hat ein Volk, das er regieren muss!“

Ashaya erhob sich und wandte sich von ihm ab. „Das ist richtig. Könige sind nur eine andere Art von Sklaven.“ Sie drehte den Kopf und der violette Schein ihrer Augen blendete Abigor. „Ich spreche von den wahrhaft Mächtigen, die keiner anderen Person unterstehen außer ihrer eigenen. Azrael will sich selbst zum ersten Sklaven eines großen Volkes machen. Berith hingegen ist wirklich frei. Und so hat er auch als einziger die Lösung gefunden.“

Zeig sie mir“, flüsterte Abigor. „Zeig mir diese Freiheit!“

Ashaya reichte ihm die Hand. Ein derbes Lächeln verunstaltete ihre Züge.

Tu dir keinen Zwang an!“

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Sie kommen!“, kreischte der Junge. „Sie kommen! Sie komm -“

Weiter kam er nicht.

Medardus betrachtete den Narren, wie er in einer Feuersäule verschwand. Ein animalischer Schrei wurde zu seinem abschließenden Segen und die geschwärzte Leiche stürzte zu Boden. Einige neugierige Navali erhoben sich krächzend von den Ästen der Bäume und ergriffen die Flucht. Scheinbar wollten sie die Vorgänge beobachten, um einen Hinweis auf Halgins Aufenthaltsort zu bekommen.

Medardus hatte die Tempelsöhne versammelt und in Formation gebracht. Er fühlte, dass der Angriff kurz bevorstand. Finstere Präsenzen spukten am Rande seines Bewusstseins.

Medardus blickte ein weiteres Mal zu der Leiche des Jungen. Warum hatte er die Formation wohl verlassen und seinen Tod besiegelt? War es Ehrgeiz? Ein Gefühl von Minderwertigkeit? Der Drang, sich zu beweisen? Der Inquisitor würde es niemals erfahren.

Im Schutz der Bäume näherten sich die Schrecken. Die Nacht war hereingebrochen und einzig die gesegneten Waffen der Tempelsöhne spendeten spärliches Licht. Sie vermochten kaum, den Schleier der Dunkelheit zu durchdringen. Medardus konnte im Dickicht nur verschwommene Silhouetten erkennen.

Kurz herrschte vollkommene Stille. Medardus konnte die Anspannung seiner Ritter beinahe mit den Händen umfassen. Er war ihr Clavis. Er musste sie beschützen.

Im nächsten Augenblick peitschte ein Name durch die Nacht.

Medardus!“, rief eine altbekannte Stimme. „Wir stehen für Verhandlungen bereit! Kommt zu uns und wir werden Eure Männer schonen!“

Darauf hatte er gehofft. Medardus atmete tief durch und der Luftzug verursachte durch seine Maske ein schneidendes Geräusch. Ursprünglich wollte er im Fall der Fälle mit Esbens Hilfe die Dämonen versiegeln. Nun war er auf seine eigenen Fähigkeiten angewiesen. Er hoffte inständig, dass der abtrünnige Priester nicht den Dämonen in die Hände gefallen war. Das verbotene Buch würde ihnen in diesem Konflikt gute Dienste leisten, wie Medardus wohl wusste. Er hatte den Folianten bei ihrer ersten Begegnung sogleich wiedererkannt. Ob die Überreste des Dämonenkönigs wohl noch darin weilten?

Er vollführte eine Geste. Mendatius von Astaval, der treue Tempelsohn und Apostel, erschien nebem ihm wie aus dem Nichts. Der Greis konnte sich besser in der Finsternis verbergen als jeder Sprössling von Hrandamaer.

Mendatius nickte ihm langsam zu. „Wir nehmen das Angebot an!“, rief er laut.

Durch die notwendige Stummheit erwuchs jedem Inquisitor die Notwendigkeit eines Adjudanten. Während seiner Zeit als Hexenjäger hatten viele solcher Männer Medardus gedient, doch Mendatius blieb der Beste von ihnen. Es sollte ihn nicht verwundern. Schließlich kannte der alte Ritter ihn schon seit Beginn des Krieges gegen Hrandamaer.

Hoffnung glomm in den Augen der Tempelsöhne, als Medardus und Mendatius durch ihre Reihen ritten. Keiner schien einen Kampf gegen die Schrecken Hornheims bestreiten zu wollen. Ingrimm überkam den Inquisitor. In vergangenen Zeiten hätte dieser Orden ein diplomatisches Vorgehen zwar begrüßt, aber dennoch niemals eine Schlacht gescheut. Dereinst waren die Tempelsöhne zu solcher Macht und Stärke angewachsen, dass sie sogar nach Hornheim selbst gingen und den Dämonenkönig stürzten. Heute erschien ihm jenes Vorhaben mit solchen Hasenfüßen unter den geistlichen Rittern als unmöglich.

Als sie den Lichtkreis der geweihten Waffen verließen, wurden sie bereits erwartet. Ein entstellter Fleischklumpen schwebte aus dem Dickicht, mit von Maden bevölkerter Haut, die nach Verwesung stank. Grotesk kleine Flügel flatterten an seiner Seite.

Medardus’ Hand fuhr erregt zu seinem Mauritiusstab, als er von den Reihen seiner Ritter angewidertes Stöhnen vernahm. Es würde ihn nicht verwundern, wenn der eine oder andere das Bewusstsein verlieren würde.

Ungoros.“ Genau wie Medardus konnte sich auch Mendatius noch an den hässlichen Dämon erinnern. Sie waren ihm in Hornheim begegnet, als sie gegen Irodeus kämpften.

Ungoros erwiderte nichts, sondern führte sie schweigend von dem Lager weg. Erst außer Hörweite begann er zu sprechen.

Mich dünkt, Eure Herzen seien von Furcht befallen.“

Unsere nicht“, erwiderte Mendatius mit fester Stimme, auch wenn eine tiefe Furche seine Stirn spaltete. „Wir kennen euch. Und dich im Besonderen!“

Ungoros kam nicht zu einer Erwiderung. Velis erschien vor ihnen wie ein bleiches Gespenst, den stacheligen Sklavenmacher um den zierlichen Hals geschlungen. Sie musterte Medardus mit ausdrucksloser Miene.

Medardus’ Herz setzte einen Schlag aus.

Es waren beinahe dreißig Jahre seit ihrer letzten Begegnung vergangen. Vierzig seit ihrer ersten. Medardus konnte sich noch bestens an das verlorene Mädchen erinnern, das nur den Schmerz kannte und nie Liebe erfahren hatte. Sie war für ihn einer Tochter am nächsten gekommen.

Ungoros verschwand lautlos in einer Schattenwand. Die beiden gealterten Geistlichen waren nun mit Velis alleine.

Lasst die Pferde hier“, sprach das Mädchen. „Sie scheuen sonst.“

Medardus glitt lautlos vom Rücken seines Rosses und gab ihm einen Klaps. Es handelte sich um kein normales Pferd. Er hielt es mit einem Zauber der Denomination seinem Willen unterworfen. Dennoch grenzte es an ein Wunder, dass es nicht vor Ungoros Reißaus genommen hatte.

Ihre beiden Rettiere trabten zurück zum Lager. Hoffentlich würden die Hasenfüße dies nicht als Zeichen ihres Scheiterns werten und in Panik ausbrechen.

Hast du Angst, wir könnten euch zu Tode trampeln?“, fragte Mendatius unwirsch.

Velis musterte sie kurz, dann senkte sie plötzlich den Blick.

Ich wünschte, wir würden uns unter anderen Umständen wiedersehen“, flüsterte sie zaghaft.

Tja“, sagte Medardus. Mendatius betrachtete ihn überrascht, aber der Inquisitor winkte ab. „Es ist niemand von der Denomination in der Nähe. Es wird nicht auffallen, wenn ich spreche.“ Er sah Velis an, die schuldbewusst zu Boden blickte.

Weshalb bist du so unsicher? Weil du mich umgebracht hast?“, fragte Medardus und trat einen Schritt auf sie zu.

Velis erschrak. „Dann ist es wahr?“, rief sie entsetzt. „Ich hatte gehofft, es wären nur Gerüchte …“

Bei einem Hexenprozess gibt es keine Gerüchte. Jede Grausamkeit, und sei sie noch so unbeschreiblich, ist real.“ Medardus’ Finger glitten über das Holz des Mauritiusstabes. „Es ist wahr. Nachdem Teshin dir in der Kirche begegnet ist, hat er mich tatsächlich getötet. Vor aller Augen. Und ich bin tatsächlich als Dämon zurückgekehrt.“

Schweigen breitete sich aus. Velis schüttelte nur den Kopf. Sie schien seine Worte kaum zu begreifen.

Das ist unmöglich“, murmelte sie. „Einfach unmöglich.“

Medardus seufzte und legte einen Arm um Velis. Kurz erstarrte sie, doch im nächsten Moment erwiderte sie die Geste. Ein längst vergessener Winkel von Medardus’ Seele regte sich erneut wie ein edles Tier, das zum ersten Mal seit Äonen aus einem langen Schlaf erwachte. Er fühlte sich noch immer verantwortlich für sie, auch wenn sie im Moment auf verschiedenen Seiten standen.

He, Velis!“, rief eine rohe Stimme plötzlich. Medardus löste sich von ihr und hob seinen Stab. Ein gewaltiger Löwe mit einem schlangenförmigen Schwanz erschien vor ihnen. Als er Medardus erblickte, hielt er inne.

Ich grüße Euch, Malfegas“, sagte der Inquisitor.

Malfegas lachte dröhnend, als er Medardus trotz seiner Maske erkannte.

Na, wenn das nicht Medardus von Astaval ist!“, rief er. „Oder hast du wieder einen neuen Namen angenommen?“

Medardus entspannte sich ein wenig. Trotz seines temperamentvollen Gemüts zählte Malfegas zu den umgänglicheren Bewohnern Hornheims. „Es ist noch derselbe, ja.“

Wie lange ist das jetzt schon her?“ Malfegas’ Schwanz peitschte erregt von einer Seite zur anderen. „Als wir gemeinsam dem alten König eins auf den Deckel gegeben haben? Ziemlich genau vierzig Jahre, oder?“

Sieht so aus“, erwiderte Medardus. „Und jetzt? Wollt ihr jetzt uns eins auf den Deckel geben?“

Malfegas erfüllte ein Etwas, dem Ernsthaftigkeit wohl am nächsten kam. Er sog die Luft ein und stieß sie mit einem theatralischen Seufzer wieder aus.

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Ganz ehrlich? Obwohl ich in Hornheim ständig gegen meine Gäste kämpfe, möchte ich nicht unbedingt meine Krallen gegen dich erheben. Aber wenn mein König es befiehlt, werde ich gehorchen.“

Ist Azrael tatsächlich so beliebt?“, mischte sich nun Mendatius ein. Der alte Ritter wirkte beunruhigt. Medardus erschien das kaum verwunderlich. Er hatte Malfegas nie viel Sympathie entgegengebracht, auch nicht während ihres zeitweiligen Bündnisses in Hornheim, dank dessen sie Berith und König Irodeus bezwingen konnten.

Beliebt ist gar kein Ausdruck.“ Malfegas wandte sich um. „Aber bevor wir hier Maulaffen feilhalten, fragt ihn doch einfach selbst!“

Von Malfegas und Velis begleitet, wurden Medardus und sein greiser Adjudant durch das Gestrüpp geführt. Die roten Augen der Dämonen tauchten die Umgebung in gespenstisches Licht. Medardus erinnerte die Farbe an eine blutige Schlachtbank. Das war nur einer der Gründe, weshalb er seine wahre Augenfarbe vor seiner Umwelt verbarg.

Nach kurzer Zeit erreichten sie eine Lichtung, die Medardus kannte. Es war jener Ort, an dem die Ruinen von Sankt Esbens erster Kirche wie vergessene Gebeine ihren Ruheort gefunden hatten. Ironischerweise konnten nur Dämonen und Navali die Lichtung ausfindig machen. Wie um diese Aussage zu unterstreichen, saßen einige der schwarzen Vögel auf den kahlen Steinmauern und krächzten unheilsverkündend.

Medardus betrachtete Mendatius traurig. Sein Gefährte wusste, dass sie am Zielort waren, obwohl er als Mensch die Lichtung nicht sehen konnte. „Ich fürchte, Ihr müsst hier auf mich warten.“

Der Blick des alten Ritters sprach deutlich aus, was sein Mund nicht wagte. Er presste nur die Lippen aufeinander und nickte langsam. Medardus wandte sich ab und trat vor die alten Steinruinen. Velis und Malfegas folgten ihm.

Inmitten der verwitterten Überreste stand Azrael, in einen schwarzen Mantel gehüllt. Er hielt die Arme hinter dem Rücken verschränkt und nahm die Wände der Kirche in Augenschein. Als er Medardus’ Nahen hörte, begann er zu sprechen.

Ich besuche diesen Ort schon zum dritten Mal“, erzählte er scheinbar gedankenverloren, doch mit einem Charisma in der Stimme, das jeden zum Zuhören bewog. „Einmal nach meinem Tod, als ich Eure Arbeit zu Ende gebracht und Irodeus endgültig besiegt hatte, und einmal, als ich meine Erinnerungen aufgab, um den König der Navali in die Knie zu zwingen. Ich hoffe, Ihr versteht, dass das hier unser Treffpunkt werden sollte.“ Er wandte sich langsam um und ein rotes Augenpaar musterte Medardus. „Vor jedem Kampf gegen einen Rivalen komme ich hierher. Ihr solltet das als Kompliment betrachten.“

Medardus lachte und ließ seine Tarnung fallen. Sein Blickfeld veränderte sich ein wenig, als auch seine eigenen Augen in der Farbe des Blutes glommen.

Ihr solltet nicht so sicher sein, in mir einen leichten Gegner zu finden!“, rief er. „Wie Ihr seht, bin ich seit unserem letzten Aufeinandertreffen besser gewappnet.“

Azraels Augen verengten sich zu hasserfüllten Schlitzen. „Ich hätte damit rechnen müssen, dass Ihr am Leben festhalten würdet.“ Er schüttelte den Kopf, so als wiederte ihn die Vorstellung an. „Als Kleriker habt Ihr auf diese Weise doch das größtmögliche Sakrileg begangen, oder?“

Ich war nie ein Kleriker.“ Medardus grinste hinter der Maske. „Ich war auch nie ein Inquisitor. Ich habe meine Stimme niemals verloren.“

Azrael starrte ihn verwirrt an. „Ihr seid ein Scharlatan?“

Medardus nickte. „Mehr als das. Ich habe die Denomination betrogen. Ich habe ihr etwas Unverzeihliches angetan. Aber das weißt du vermutlich besser als ich.“

Der plötzliche vertraute Ton irritierte Azrael. „Was meint Ihr?“

Medardus hob langsam die Hand und griff nach seiner Maske. Mit einem Ruck zog er sie sich vom Gesicht. „Das meine ich.“

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Korrekturen 20

20. Teil – Das Treffen (2/3)

Das Bild auf der Kugel änderte sich. Es zeigte nun nicht mehr die Steuerelemente, sondern eine Reihe von Informationen und Koordinaten der Welt des Jahres 2110. Cheom hatte ziemlich exakt ermittelt, wo und wann in diesem Jahr sie in die Realität dieser Zeit eintauchen mussten.
»Dieser Mann ist ein Phänomen«, sagte Giwoon, »Cheom hat sogar die ganze Anflugroutine automatisiert. Wir müssen nur auf den Startknopf drücken und der Slider bringt uns ohne weiteres Zutun ans Ziel.«
»Worauf wartest du dann noch?«, wollte Fancan wissen, »Dann lass’ uns auch starten.«
Nach kurzen Zögern gab Giwoon den Startbefehl.
»Verdammt, es ist alles so endgültig«, entfuhr es ihm, »es ist einfach schwer, zu wissen, dass man sein Zuhause für immer zurücklässt.«
»Wir werden ein neues Zuhause finden«, sagte Fancan tröstend.
Giwoon blickte sie an.
»Ich weiß«, sagte er, »es ist nur gut, dass du mich dorthin begleiten wirst.«
Der Slider war ein elegantes, kleines Fahrzeug, gebaut wie ein flacher Ellipsoid. Da ein Slider sich sowohl durch die Zeit, als auch am Himmel bewegen konnte, war er bestens geeignet, den Sagen um fliegende Untertassen neue Nahrung zu geben. Diesmal jedoch bewegte er sich erst einmal durch die Zeit. Erst am Ziel würde es eventuell nötig werden, einen bestimmten Punkt auf der Welt auch räumlich anzusteuern.
Die Reise dauerte diesmal sehr lange. Es hatte mit der Art zu tun, wie ein Slider sich durch die Zeit bewegte. Er musste erst den richtigen Zeitstrom finden, der ihn zu seinem Ziel bringen würde. Manchmal dauerte es halt länger, bis ein solcher Strom gefunden wurde. So hatten die Beiden sehr viel Zeit, sich mit den Besonderheiten der Vergangenheit vertraut zu machen, die in der internen Datenbank des Sliders gespeichert war.
»Deiner Mutter schien es sehr wichtig gewesen zu sein, dass wir im Jahre 2110 erst nach Kendrah suchen, bevor wir unseren Auftrag erfüllen«, meinte Fancan, »ich frage mich die ganze Zeit über, ob sie dafür einen Grund hat.«
»Natürlich hat sie den«, sagte Giwoon, »sie und wir haben später gemeinsame Nachkommen, wenn die Geschichte stimmt und nicht wieder geändert wird. Symeen traut der Zeit nicht über den Weg, solange noch an ihr herumexperimentiert wird. Sie möchte uns zusammenbringen und dann sicher sein, dass wir gemeinsam dafür sorgen, dass die Zeit verlässlich und unveränderbar wird.«
»Dann wollen wir hoffen, dass es auch so kommt, wie sie es sich erhofft«, sagte Fancan, »obwohl ich mich noch nicht so ganz mit dem Gedanken anfreunden kann, dass mein Schicksal schon bis ins Kleinste vorherbestimmt ist.«
»Das ist es doch überhaupt nicht«, meinte Giwoon, »nur der grobe Rahmen steht fest. Wir wissen noch lange nicht, wie unser künftiges Leben wirklich verlaufen wird. Mag sein, dass Symeen oder Cheom es wissen, aber sie haben es uns nicht verraten.«
Inzwischen hatte der Slider seine Reise durch die Zeit angetreten, nachdem er den passenden Zeitstrom gefunden hatte. Das Gespräch verstummte und sie blickten auf die Steuerkugel, auf der sie verfolgen konnten, wo in der Zeit sie sich augenblicklich befanden. Von Zeit zu Zeit erschienen Momentaufnahmen von vorbeirasenden Zeitaltern auf seiner Oberfläche. Anfangs folgten diese Bilder hektisch und in kurzen Abständen, doch nach einer Weile wurden die Abstände größer.
»Wir nähern uns unserer Zielzeit«, erklärte Giwoon, »bald werden wir in die Realität des Jahres 2110 eintauchen. Wenn wir etwas Glück haben, ist es ein Zeitalter mit fliegenden Maschinen. Dann würden wir mit unserem Slider dort nicht weiter auffallen.«
»Und wie willst du Khendrah finden, wenn wir angekommen sind?«, wollte Fancan wissen, »besitzen wir schon einen vollständigen Scan dieser Zeit?«
»Das brauchen wir gar nicht. Symeen hat mir mitgeteilt, dass sie zu einer bestimmten Zeit im Kongresszentrum von Europ sein werden. Sowie wir in der Zielzeit angekommen sind, werden wir einfach zu unserem Ziel fliegen.«
Fancan war noch nicht restlos überzeugt.
»Du meinst also, wir brauchen nur mit unserer Maschine dort auftauchen und man wird uns ungehindert innerhalb des Gebäudes landen lassen?«, fragte sie skeptisch.
»Ich fürchte, dass es ganz so nicht klappen wird«, räumte Giwoon ein, »das ist der einzige Schwachpunkt unserer Planung. Symeen meinte, wir würden gewaltsam ins Gebäude eindringen müssen. Aber keine Angst, unser Rumpf besteht aus molekular verdichtetem Molybdän-Tantal-Stahl. Wenn wir damit auf eine Außenmauer zuhalten, werden wir dort eindringen, ohne etwas davon zu spüren – außer vielleicht einem kleinen Ruck.«
»Das ist dein Plan?«, fragte Fancan entgeistert, »Das hat doch nichts mehr mit einer unauffälligen Aktion zu tun. Wir können doch nicht einfach hier auftauchen und diese Welt in Unordnung bringen.«
»Und wenn schon«, sagte Giwoon, »ein paar Leute werden sich Fragen stellen, keine plausible Antwort finden und die Angelegenheit wieder zu den Akten legen, weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Wir sollten nur darauf achten, dass keine Menschen zu Schaden kommen, wenn wir in das Kongresszentrum eindringen.«
Fancan wollte noch etwas sagen, doch in diesem Augenblick stürzte der Slider in die Realität des Jahres 2110 und erforderte ihre volle Aufmerksamkeit. Sie hatten Glück gehabt, dass sie in einer sehr großen Höhe eingetaucht waren, denn der Flugverkehr im bodennahen Bereich bis hinauf in eine Höhe von etwas 2 Kilometern war chaotisch. Für Fancan grenzte es an ein Wunder, dass diese vielen Maschinen nicht miteinander zusammenstießen.
Giwoon aktivierte das Gleitfeld, welches ein Abstürzen ihres Fahrzeugs verhinderte und welches auch für die Navigation genutzt werden konnte.
»Es nutzt nichts«, sagte er, »wenn wir nicht sofort auffallen wollen, müssen wir uns unter diese Flieger mischen.«
Fancan war nicht begeistert.
»Bist du solchen Verkehr gewohnt?«, wollte sie wissen, »Nicht, dass wir nachher diejenigen sind, die hier stranden, weil unsere Zeitmaschine defekt ist.«
»Beruhige dich, mein Schatz«, sagte Giwoon, »keiner dieser anderen Flieger kann uns gefährlich werden – selbst bei einem Zusammenstoß.«
Er nahm einige Einstellungen vor und überließ der automatischen Steuerung den weiteren Flug.
»Wofür haben wir die Technik?«, fragte er mit einem Lächeln, »Unser Ziel – das Kongresszentrum – ist ja auch schon in der Datenbank gespeichert.«
Auf der schwebenden Kugel wurde ihnen die Umgebung plastisch dargestellt. Das Jahr 2110 war ein sehr hektisches Jahr. Der Slider hatte sich in den Verkehrsstrom eingereiht und folgte ihm in die beabsichtigte Richtung. Sie sahen in der Ferne ein riesiges Hochhaus mit einer umgedrehten Pyramide auf der Spitze.
»Dort ist der Sitz dieser Partei, die Gunter Manning-Rhoda bekämpft«, sagte Giwoon, »dort irgendwo muss auch dieser Ralph Geek-Thoben zu finden sein.«
»Müssen wir den etwa auch finden?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, um den werden wir uns nicht kümmern«, meinte Giwoon, »Cheom war der Ansicht, dass dieser Mann hier in dieser Zeit sein restliches Leben fristen würde, wenn wir unsere Arbeit machen. Dann wird er auch keine Gelegenheit mehr haben, seine Pläne zu verwirklichen.«
In diesem Moment sprach das Funkgerät an, welches die ganze Zeit über bereits nach Sendern gescannt hatte.
»Hier spricht die Luftwacht von Europ«, ertönte es aus dem Funkgerät, »Ihre Flugmaschine verfügt nicht über einen funktionsfähigen Transponder. Das ist ein Verstoß gegen §9 Artikel 2 des europäischen Luftstraßengesetzes. Bitte unterbrechen Sie Ihren Flug für eine Kontrolle und landen dazu auf dem nächsten Luftwachtstützpunkt. Wir werden Ihnen folgen.«
»Das können wir jetzt überhaupt nicht gebrauchen«, meinte Giwoon, »’mal sehen, ob sie sich hinhalten lassen.«
Er drückte auf die Sendetaste.
»Hier spricht Ron Hooker«, sprach er in die Anlage, »wir erhalten von unserem System die Meldung, dass unser Transponder vollkommen einwandfrei arbeitet. Ich schlage vor, dass ich Ihnen unsere Kennung manuell übermittle und mich später bei der Dienststelle melde. Wir haben es eilig und würden einen wichtigen Termin versäumen.«
»Wollen Sie sich unseren Anweisungen etwa widersetzen?«, kam eine etwas ungläubige Stimme aus dem Lautsprecher, »Hören Sie, Herr – Hooker – , wir haben Ihnen gesagt, dass sie landen sollen und sie werden landen. Notfalls werden wir ihnen einen lokalen elektromagnetischen Puls aufbrennen. Dann müssen Sie ‘runter und es wird nicht angenehm sein, das kann ich Ihnen versprechen. Also leiten Sie gefälligst den Landevorgang ein.«
»Negativ!«, sagte Giwoon, »Unser Termin ist wichtiger. Wir melden uns aber gern später.«
Giwoon schaltete den Sender ab und sah Fancan an.
»Noch werden sie nicht schießen«, sagte er, »also werden wir sehen, dass wir etwas mehr Fahrt machen und diese Kerle abhängen. Ich will nicht hoffen, dass sie einem Slider in voller Fahrt folgen können.«
»Kann uns so ein elektromagnetischer Puls gefährlich werden?«, fragte Fancan.
»Ich bin mir nicht sicher. In unserer Außenwandung sind einige spezielle Filter eingebaut, aber ich will es nicht riskieren, einen solchen Puls abzubekommen, um dann festzustellen, dass die Elektronik ausfällt.«
Er legte seine Hand auf die Kugel und drückte an verschiedenen Stellen, worauf der Slider so unvermittelt beschleunigte, dass die Maschine der Luftwacht hinter ihnen zurückfiel. Sie konnten zwar erkennen, dass man ihnen folgen wollte, doch gegen die volle Leistung des Gleitfeldes kamen sie nicht an. Rasend schnell glitten sie an all den anderen Flugmaschinen vorbei, die auf ihrer Ebene flogen. Ohne die intelligente elektronische Steuerung des Sliders wären sie längst mit einer dieser Maschinen zusammengestoßen.
»Halten Sie sofort an!«, drang es aus dem Funkgerät, »Sonst sehen wir uns gezwungen, auf Sie zu schießen.«
Giwoon war klar, dass es sich um eine leere Drohung handelte, denn sie hatten bereits so viel Abstand zu ihren Verfolgern, dass diese einen präzisen Treffer nicht mehr platzieren konnten, ohne andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden.
»Jetzt müssen wir nur umdisponieren«, sagte er zu Fancan, die ihn fragend anblickte.
»Was meinst du mit ‘umdisponieren’?«, wollte sie wissen.
»Ich werde jetzt versuchen, die Luftwacht abzuhängen«, sagte er, »wir können niemanden gebrauchen, der uns bis zum Kongresszentrum folgt und uns dort wieder gefährlich werden kann. Ich will, dass sie ein anderes Ziel vermuten. Da wir keinen Transponder besitzen, können sie uns auch nicht orten, wenn sie uns einmal verloren haben.«
Giwoon lächelte Fancan an.
»Schatz, schnall’ dich besser an, denn gleich wird es etwas holprig werden.«
Fancan kannte ihren Freund inzwischen gut genug, um sofort die Sicherheitsgurte an ihrem Sitz einrasten zu lassen.
Im nächsten Moment wechselte Giwoon rasant die Flugebene und kreuzte mehrere Ebenen, wobei er gleichzeitig noch einen horizontalen Richtungswechsel vornahm. Nur um Haaresbreite entgingen sie einer Kollision. Fancan hielt unwillkürlich den Atem an. Giwoon nahm noch mehr als ein Dutzend solcher Manöver vor, bis er sich ganz gesittet in den normalen Verkehr einfädelte und mit der Masse in Richtung Kongresszentrum treiben ließ. Von ihren Verfolgern war weit und breit nichts mehr zu entdecken.
In der Ferne tauchte der flache Komplex des Kongresszentrums auf, dem sie sich allmählich näherten.
Giwoon holte sich Archivbilder des großen Gebäudes auf die Kugeloberfläche und studierte sie.
»Hier muss es sein«, sagte er nach kurzer Betrachtung und deutete auf eine Stelle des Gebäudes.
»Wenn wir kurz daneben in die Wand eindringen, sollte es uns möglich sein, die beiden zu treffen.«
»Mir ist die ganze Aktion immer noch zu spektakulär«, gab Fancan zu, »das hat nichts – aber auch rein gar nichts mehr – mit der Arbeit von Zeitagenten zu tun. Wir arbeiten hier mit der dicken Keule und kümmern uns einen Dreck darum, was es bewirken wird. Das ist nicht richtig.«
»Fancan, das sagst gerade du?«, fragte Giwoon, »Es war eure Institution, die über viele Zeitalter hinweg mit nichts anderem beschäftigt, als auf Zeitabläufe einzuwirken und da machst du dir Gedanken um unseren kleinen Zwischenfall, den man in wenigen Wochen wieder vergessen haben wird?«
»Das mag ja sein, aber wir sind viel subtiler vorgegangen«, meinte Fancan.
»Macht es das etwa besser?«, wollte Giwoon wissen.
Er wandte sich wieder der Steuerung des Sliders zu. Für ihn war die Diskussion erledigt.


Gunter Manning-Rhoda kam erst jetzt wieder dazu, logisch zu denken. Die Ereignisse der letzten Minuten hatten ihm sehr zu schaffen gemacht.
»Wer seid Ihr?«, fragte er Khendrah, »Und jetzt kommt mir nicht damit, dass es sich um eine Aktion eines Sicherheitsdienstes handelt. Erst dieser Projektor, der mich dreidimensional mitten im Raum projiziert hat, dann diese Fremden mit ihren Hitzewaffen und dann zuletzt Ihr mit Waffen, die gleich ganze Teile der Gegner verschwinden lassen. Es gibt auf der ganzen Welt keine Technologie, die so etwas hervorrufen könnte. Also wer seid Ihr? Oder sollte ich besser fragen: Was seid Ihr?«
Khendrah trat auf ihn zu.
»Das ist schwer zu erklären«, sagte sie, »aber nehmen Sie es erst einmal als gegeben hin, dass wir die Guten sind. Wir sind gekommen, um Sie davor zu bewahren, von diesen Leuten getötet zu werden. Es ist wichtig, dass Ihnen nichts geschieht.«
Gunter schüttelte verständnislos den Kopf.
»Aber wie konnten Sie wissen … ?«, fragte er.
»Wir dürfen Ihnen nicht alles sagen, Herr Manning-Rhoda«, sagte Khendrah, »aber wir hatten den Auftrag, zu gewährleisten, dass Sie gegen die PEV antreten und gewinnen können.«
Gunter lachte humorlos auf.
»Gewinnen?«, rief er aus, »Ich habe aus einer Gruppe zerstrittener Aktivisten gerade erst eine Partei geformt. Meine SLB erlebt soeben erst ihre konstituierende Sitzung und da reden Sie von einen Wahlsieg.«
Er blickte Khendrah forschend an.
»Mit Ihnen stimmt doch etwas nicht«, sagte er, »Sie wissen Dinge, die niemand wissen kann. Sie verfügen über Waffen, die es gar nicht geben dürfte. Ich will jetzt endlich wissen, wer Sie sind und wo sie herkommen. Wozu gehören Sie? Polizei? Geheimdienst?«
Khendrah winkte ab.
»Alles falsch«, sagte sie, »wir haben mit keiner Organisation zu tun, die Sie kennen. Das darf ich Ihnen verraten. Und ich darf Sie vor Herwarth Thoben warnen. Wie Sie selbst schon erlebt haben, geht er über Leichen. Sorgen Sie für einen lückenlosen Schutz – und überstehen Sie die Wahl. Danach können Sie Thoben einen Prozess machen. Die Welt wird es Ihnen danken.«
»Bisher hat die PEV immer nur über uns gelacht. Ich verstehe immer noch nicht, wieso man mich – einen Niemand – nun ermorden will.«
»Thoben verfügt über einen Berater, der genau so viel weiß, wie wir«, fügte Thomas hinzu, wofür er einen missbilligenden Blick von Khendrah erntete.
»Wir werden uns nun wieder zurückziehen«, sagte sie, »wir werden uns wohl nicht wiedersehen. Wir wünschen Ihnen viel Glück bei dem, was sie planen.«
»Moment«, rief Gunter, »Sie können doch jetzt nicht einfach hier heraus spazieren und mich hier zurücklassen! Was erzähle ich der Polizei, wenn sie gleich hier erscheint?«
Er deutete auf das Schlachtfeld um sie herum und die herumliegenden Leichen.
»Erzählen Sie, was Sie gesehen haben«, schlug Khendrah vor, »mehr können Sie nicht tun. Für uns ist es ohne Belang. Wir werden dann bereits fort sein.«
Während sie sprachen, erblickten sie eine Art Fluggleiter, der sich in einer weiten Kurve dem Gebäude näherte. Die große Fensterfront ermöglichte eine gute Beobachtung des Luftraums draußen.


Die nächste Fortsetzung des Romans könnt Ihr an dieser Stelle am 21.09.2019 lesen.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 7 – Der Gigantyras

»Verdammt, es ist mitten in der Nacht. Du bist dir schon im Klaren darüber, was hier nach Einbruch der Dämmerung unterwegs ist, oder?«, fluchte Daisy lautstark. 
Für Clynnt Volker war diese Diskussion verschwendete Zeit. Zeit, die sie brauchen würden, um Archweyll, Tamara und die anderen zu finden. 
»Was auch immer hier passiert ist, wir haben weder Funkkontakt, noch sind ihre elektronischen Signale auf unseren Scans. Archweyll hat sich mal wieder bravurösen Ärger eingehandelt und ich will verdammt sein, wenn ich es nicht schaffen sollte, ihn aus der Scheiße zu ziehen«, erwiderte der Chefnavigator mit einem funkelnden Blick aus seinen eisenharten Augen. 
»Alte Männer, die gerne sterben wollen. Macht das, aber haltet mich da raus!«, zischte Daisy wütend. 
Für eine Sekunde überlegte Clynnt ernsthaft, ob er sie einfach erschießen sollte. So ein ausgeprägter Egoismus hatte in seinen Reihen keinen Platz und selbst wenn Daisy den Zyklopen steuerte, hatte Archweyll ihm das Kommando übertragen. Es war eine blamable Schande, dass Daisy austreten wollte, jetzt wo es erst einmal brenzlig wurde. 
»Du bist in der Armee, Mäuschen. Auf Nautilon, einen Kilometer unter der Meeresoberfläche. Und nicht auf Prospecteus, in deinem warmen Bett. Das lernst du besser schnell. Weil du so ein blutiger Anfänger bist, will ich dir deinen Ausrutscher verzeihen, aber wenn du nicht augenblicklich tust, was ich dir sage, werde ich deinen süßen Arsch aus der Kommandobrücke befördern. Und ich warne dich nur einmal vor, meine Füße sind wirklich groß und ich habe eine Vorliebe für feste Stiefel.«
Die Chefmechanikerin schien drauf und dran auf ihn loszugehen. Ihr Kopf lief vor Wut hochrot an und sie machte einen festen Schritt in seine Richtung. »Wie hast du mich genannt? Wenn du gerne selber steuern möchtest, nur zu. Steuer den Kahn und deine Crew in den sicheren Tod. Aber setzt mich vorher da oben ab und verschone mich mit dem geistigen Brei eines dementen Tattergreises.« 
Die Ohrfeige traf sie so unerwartet, dass sie zusammenfuhr. 
Clynnt Volker hatte noch nie eine Frau geschlagen. Gut, er hatte schon ein paar erschossen, aber Piraten und Mutanten zählten normalerweise nicht zu der vornehmen Gesellschaft. 
Daisy scheinbar auch nicht. Der Chefnavigator merkte, wie er vor Wut am ganzen Körper zitterte. So ein unglaubliches Verhalten hatte er noch nie erlebt. Diese Bereitwilligkeit, andere einfach sterben zu lassen, um seinen Arsch ins bequeme Trockene zu hieven, empfand er als verachtenswert. 
Die Chefmechanikerin schaute ihn entgeistert an und rieb sich das rot angelaufene Ohr. Für einen Moment schien es, als wolle sie ein Messer ziehen, um Clynnt die Kehle durchzutrennen, doch dann machte sie Kehrt und verschwand von der Brücke.
In der Kommandozentrale trat ein betretenes Schweigen ein.
»Sie übernehmen«, wies der Navigator den Copiloten an. 
Mit einem zögerlichen Nicken nahm dieser Platz und verlinkte sich mit der Steuerung. 
»Das Radar soll nun manuell arbeiten. Sucht nach Herzfrequenzen. Ich weiß, dass es mühselig ist, aber wir haben keine Wahl. Wir tauchen ab.«

                                                                 ***

N’Kahlu stieß einen energischen Fluch aus. 
Die Energiequelle der Scherenpanzer zu manipulieren war eine fast wahnwitzige Sabotage. 
Zweifelsohne würde der Kommandant den Verantwortlichen in Stücke reißen, wenn sie denn überleben sollten. Glücklicherweise hatte der Sog ihn nicht so stark erwischt und es hatte ihn nicht über den Rand des Abgrunds getrieben. Während er auf dem pechschwarzen Dünensand verharrte, bemerkte er, dass weitere Krebsanzüge neben ihm auf Grund liefen. Hastig zählte er durch.
Zehn Stück, also hatten zwei von uns weniger Glück. 
Ein Knurren entwich seiner Kehle. Hoffentlich wussten seine neuen Vorgesetzten, was zu tun war. In einer solchen Situation war es wichtig, die Fassung zu bewahren. Spätestens, wenn sie in die Tiefen hinabsteigen würden, um die Vermissten zu bergen. Plötzlich bewegte sich einer der Scherenpanzer. 
Hat es ihn nicht erwischt? 
Zielsicher steuerte das Gerät auf ihn zu und N‘kahlu erkannte Phillista, einen seiner besten Männer, hinter dem Steuer.
»Verdammt sollst du sein, du alter Teufelskerl«, feixte der Sergeant. 
Mit Fingersprache stimmten sie sich ab. Worte waren überflüssig, da scheinbar unschwer zu erkennen war, was das Problem darstellte.
Mit einem routinierten Handgriff machte sich der Soldat an N‘kahlus Anzug zu schaffen, während unterschiedliche Werkzeuge durch seine Greifer rotierten. Wenige Minuten später war die Energieversorgung wiederhergestellt. 
Ein Unterbrecher-Chip also? Kein schlechter Schachzug. Aber kein Hindernis, für ein Expertenteam. 
Und Experten waren seine Männer wahrlich. Auf Orian II hatten sie den Tod mit sich gebracht, wohin sie auch kamen. Niemand beherrschte die Scherenpanzer so gut wie seine Truppe. 
Was dem Sergeant allerdings Kopfschmerzen bereitete, war die Tatsache, dass die Dämmerung mittlerweile der pechschwarzen Nacht gewichen war. Die Schatten waren länger geworden, bis sie den Meeresgrund völlig für sich einnahmen. 
Eilig schloss sich N‘Kahlu seinem Kameraden an, um die Scherenpanzer aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Per Funk informierte sich der Sergeant, warum sein Soldat nicht von den Problemen betroffen war. 
»Ich weiß es nicht, Sir«, erwiderte Phillista gelassen. »Möglicherweise hat der Saboteur gepfuscht oder wusste nicht haargenau, was zu tun war. Ich möchte es ihm nicht verübeln.«
Der Soldat wurde mit einem Lachen quittiert. 
Dann tauchte ein Leuchten vor ihnen auf und der Zyklop näherte sich mit eiliger Geschwindigkeit.
»Wir sind in Ordnung«, berichtete N’kahlu angespannt. »Aber zwei von uns sind in die Tiefe gestürzt.« 
Nach einem schnellen Durchzählen stellte sich heraus, dass es sich bei den Vermissten um Archweyll Dorne und Tamara Vex handelte. 
»Verdammt, gerade die Anfänger werden es nicht einfach haben. Ich hoffe, sie finden einen Weg, um dort unten klarzukommen, bis wir eintreffen«, sagte der Sergeant angespannt.
»Wir werden uns sofort auf den Weg machen«, die Stimme des Chefnavigators knisterte durch den Funk. 
N’Kahlu konnte ein Grinsen nicht unterdrücken, jetzt wo der Nervenkitzel einsetzte. »Aye, fahrt die Halterungen aus. Wir springen auf. Schließlich wissen wir ja nicht, auf was wir alles stoßen könnten.«

                                                                   ***

Clynnts Lippen entwich ein Seufzer der Erleichterung, als die Einheiten sich meldeten. Zumindest mussten sie nicht alle Crewmitglieder in den Tiefen wiederfinden. Doch die Tatsache, dass Tamara und Archweyll noch dort unten waren, bereitete ihm Unbehagen. Nervös ging er auf der Brücke auf und ab. Das lief alles nicht nach Plan.
Die Chefmechanikerin hatte sich als herber Rückschlag erwiesen und der Copilot war fast so angespannt wie er selbst. Und vor ihnen ging es sieben Kilometer in die düstere Tiefe eines ihm unbekannten Planeten. 
Ein Ruck zog sich durch das U-Boot, als die Scherenpanzer auf die ausgefahrenen Schienen sprangen. Dann sanken sie hinab. 
»Scheinwerfer deaktivieren und Radarsysteme hochfahren«, befahl der Chefnavigator lautstark. Auf einen Schlagabtausch mit der hiesigen Tierwelt konnte er getrost verzichten. 
Der Copilot führte seine Befehle aus und zunehmend wurde alles um sie herum von einem  schwarzen Seidentuch verhüllt. Nur das Flimmern der Monitore erhellte die Brücke und tauchte sie in ein trübes Licht.
»Komm schon, Arch, lass dich endlich blicken«, flüsterte Clynnt gedankenversunken. 
Vor seinem inneren Auge sah er den Kommandanten, wie er ihnen mit frivolem Grinsen entgegensprang, den kompletten Scherenpanzer zerlegt, und mit Tamara im Arm. 
»Sir, wir haben ein Problem. Um ehrlich zu sein, es ist ein riesiges Problem!«, krächzte der Copilot plötzlich mit trockener Stimme und vergewisserte sich wieder und wieder, ob die Scans ihn nicht belogen. Sein Gesicht hatte die Farbe geronnener Milch angenommen und seine Hände zitterten spürbar, während er Befehle in die Konsole eintippte. 
»Spukst schon aus. Ich hatte gerade das größte Problem beseitigt, es dürstet mich förmlich nach einem neuen«, knurrte Clynnt. 
Als der Copilot nicht antwortete, fuhr er ihn an. »Na, was ist? Hat es dir die Sprache verschlag…?«, sein Blick wanderte über den Monitor und die tiefen Sorgenfurchen in seinem Gesicht mutierten zu Schluchten der Befürchtungen. »Sofort Alarmstufe rot ausrufen und die Torpedobatterien bereithalten. Ich informiere die Jungs da draußen, wir werden zügig fahren müssen. Außerdem möchte ich im Umkreis von einer Meile Leuchtkörper im Wasser haben, unsere Taktik, nur mit Radar zu manövrieren, ist ab jetzt Geschichte.« Er griff nach dem Funkgerät. »An alle Einheiten, wir kriegen Besuch. Bereitet euch darauf vor dem Tod ins Angesicht zu blicken.«
Er wurde von einem Brüllen unterbrochen, das direkt aus seinem Kopf zu stammen schien. 
»Leuchtkörper online, Feuer frei!«, bestätigte der Copilot. 
Zischend bahnten sich die Geschosse wie Sternschnuppen ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihre Explosion war kaum vernehmbar, doch dann breitete sich ein sattes Licht aus, das den Ozean in ein Meer aus Gold verwandelte. 
Gerade noch rechtzeitig, um den Blick auf einen riesigen Schemen freizugeben, der über den Zyklopen hinwegschwamm. 
»Kategorie: Gigantyras. Länge: 357 Meter. Warnung, extrem aggressiv«, spukte die Sprachausgabe der Scanerkennung knisternd aus. 
»Schalt das aus. Wenn es nochmal zu mir spricht, bringe ich es um!«, befahl der Chefnavigator energisch. »Und dann bring uns runter, wir müssen verschwinden!«
Dröhnend entfaltete die Maschine ihre volle Leistung und schob den stählernen Riesen vorwärts. Eingehend studierte der Chefnavigator den Scan. Was er sah, ließ ihn schlucken. 
Der Gigantyras war ein längliches, sehr schlankes Wesen von der Gestalt einer Seeschlange, das sich, von seiner riesigen Schwanzflosse angetrieben, elegant durch das Wasser wandte. Auf seinem Rücken befand sich ein durchgehender, stromlinienförmiger Zackenkamm, der von der Schwanzflosse bis zum Kopf reichte. Weitere Flossen, zu seinen Seiten, verliehen ihm den benötigten Auftrieb. Aber das wirklich furchteinflößende war der Kopf. Fünf Paar kohlrabenschwarzer Augen musterten sie angriffslustig und ein riesiges Maul, voller Reihen spitzer Zähne, öffnete und schloss sich im Gleichtakt. Das Wesen besaß bebende Nüstern, die in einer kaum ausgeprägten Schnauze mündeten. Auf seiner Stirn befand sich ein großes spitzes Horn und um den Schädel herum saßen vier spinnenbeinartige, klauenbesetzte Greifarme im Fleisch verankert, welche die Beute packen und in den Schlund des Monsters befördern konnten. Ihre Klauen wirkten wie die das lange Blatt einer Sense, schreckliche Werkzeuge des Todes. Sie zuckten schon vor Mordlust und blutiger Vorfreude. 
Dann brüllte das Tier dem Zyklopen eine Herausforderung entgegen und setzte ihm nach. 
»Welche Torpedos können wir auf diese Distanz benutzen?«, fragte Clynnt Volker hektisch. 
Die Anspannung nahm ihn gänzlich für sich ein, er spürte merklich seinen Puls rasen und die Innenseiten seiner Handflächen hatten sich in morastige Tümpel verwandelt.
»Die Vendetta-Klasse auf kurze Distanz und Tsunamibringer auf mittlere Distanz. Aber er holt auf, es wird schwierig genug sein, uns überhaupt in Schussposition zu bringen«, erklärte der Copilot mit zitternder Stimme. Es klang fast so, als würde er gerade aus einem Lehrbuch zitieren und nicht aus Erfahrung sprechen. Vielleicht war es doch verkehrt gewesen, Daisy von der Brücke zu jagen? 
Clynnt knirschte mit den Zähnen Er durfte seine Entscheidungen jetzt nicht anzweifeln. »Haben wir also gerade nichts, was wir unserem Freund hier entgegensetzen können?«, fragte er gereizt. Wie konnte es überhaupt sein, dass es am Heck keine Torpedobatterie gab? Hatte niemand aus den schlechten Filmen gelernt?
»Ich … Ich weiß es nicht genau. Das ist mein erster Einsatz, Sir«, stammelte ihm der Copilot entgegen. 
Erst jetzt wurde Clynnt bewusst, dass er nur ein Junge war. »Welcher Idiot schickt mir denn einen Frischling an das Steuer eines riesigen U-Bootes, der sich noch nicht einmal darüber im Klaren ist, über welche Waffensysteme es verfügt?«
»Nunja, ich denke, das waren Sie, Sir«, erwiderte der Junge trocken. 
Clynnt konnte nicht anders, als zu lachen. »Na, wenn du es sagst, werden wir wohl beide als Idioten sterben«, kicherte er, dann sank er auf einem Sessel zusammen und vergrub das Gesicht in den Händen. 
»Heute stirbt mir hier keiner!«, drängte plötzlich eine Stimme zu ihnen durch. »Weder wir, noch die Leute, die wir suchen und finden werden!« Daisy Schritt in die Kommandobrücke, ihre Ausstrahlung hatte sich gänzlich verändert. Von dem trotzigen Mädchen war kaum noch ein Funke übrig. Es war der puren Entschlossenheit gewichen. 
Clynnt wollte etwas erwidern, doch sie winkte ab. 
»Ich weiß, was du sagen willst, und du hast Recht. Eigentlich habe ich hier nichts zu suchen. Ich habe es mir zu leicht gemacht.« Sie schien kurz in sich zu gehen. »Geniale Dinge zu entwerfen ist die eine Sache. Explosionen, riesige Roboter und Induktionsgewehre können einen schon echt glauben lassen, man sei ein taffer Mensch. Das dachte ich zumindest. Angsthasen habe ich schon immer gehasst. Aber gerade, als mir bewusst geworden ist, wie gefährlich es wird, habe ich mir fast in die Hose gemacht.« Sie nickte in Richtung des Hecks, wo ein weiteres Brüllen ertönte. »Und irgendwie schien ich ja auch Recht zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass ich einfach davonlaufen darf. Bereit, wenn du es bist.« Sie streckte ihm die Hand entgegen.
Im Bruchteil einer Sekunde hatte Clynnt den Copiloten aus der Steuervorrichtung geworfen. Er ergriff ihre Hand. 
»Bereit«, sagte er nüchtern. »Enttäusch mich nicht.« 
Daisy lächelte und der Chefnavigator spürte wieder dieses lodernde Feuer in ihr. 
Wie hat sie sich so schnell umentschieden?
Sie holte einmal tief Luft. »Dann wollen wir dieser Bestie mal zeigen, dass es dumm war, sich mit uns anzulegen.«

 

 

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Gottes Hammer: Folkvang XIII

Iliana fühlte sich schwerelos. Sie schwebte als körperloser Schemen inmitten einer dunklen Stadt, die sie nicht wiedererkannte.

Langsam bewegte sie probeweise eine Hand. Ein spektrales Etwas, das auf dem schmalen Grat zwischen Existenz und Auslöschung zu wandeln schien, schob sich in ihr Blickfeld. Sich sanft kräuselnde Nebelschwaden umspielten die Konturen des geisterhaften Körperteils.

Vermutlich hätte Iliana erschrocken sein müssen, aber nach den Ereignissen der letzten Tage war ihr Weltbild stets aufs Neue widerlegt und in tausend Stücke gesprengt worden. Diese eine Tatsache wirkte nur wie die filigrane Erweiterung einer für sie nicht mehr erkennbaren Realität.

Pass auf, es geht gleich los!“ Iliana spürte Ashayas Hand am Rücken. Als sie den Kopf wandte, erkannte sie das Gesicht des Orakels, das sie mit einem schelmischen Grinsen empfing. Ashaya wirkte ebenso geisterhaft wie sie selbst.

Ehe Iliana zu einer Erwiderung ansetzen konnte, vernahm sie plötzlich Schritte. Im nächsten Moment sah sie einen Jungen in edlen Gewändern, der aus einer dunklen Gasse auf die menschenleeren Straßen stürmte. Seine vom Entsetzen geweiteten Augen funkelten im fahlen Licht des Mondes. Er trug ein in Tüchern gehülltes Bündel auf dem Arm.

Iliana erkannte ihn sofort wieder. Vor ihr lief Teshin die Straße hinab.

Ehe er aus ihrem Blickfeld verschwinden konnte, murmelte Ashaya ein Wort der Alten Sprache und sie setzten sich in Bewegung. Wie unheilsschwangere Wolken glitten sie lautlos durch die Luft, beständig hinter dem flüchtenden Jungen hinterher, der immer wieder panische Blicke um sich warf.

Iliana vernahm Geschrei in der Ferne und musste an Teshins Geschichte denken. Der Herrschaftssitz seiner Familie in Astaval war überfallen worden und er musste fliehen. Vermutlich zeigte ihr Ashaya die Ereignisse jener Nacht.

Die Straße blieb weiterhin menschenleer. Iliana sah jedoch ängstliche Augenpaare, die hinter Vorhängen hervorblickten oder aus winzigen Dachfenstern das Geschehen erspähen wollten. Die kollektive Furcht, die die Bewohner der Stadt verband, erschien Iliana beinahe greifbar.

Dann endete die Flucht. Teshin gelangte in den Hafen der Stadt und steuerte ein einsames Boot an, vor dem ein Fischer wachte. Er wirkte abgezehrt und erinnerte eher an einen verwesenden Leichnam als an einen lebendigen Menschen.

Teshin übergab ihm schwer atmend das Bündel. In diesem Augenblick öffnete sich die Wolkendecke und ein Mondstrahl fiel auf die Tücher. Iliana lehnte sich vor. Ein Kleinkind lag schlafend inmitten des Stoffes.

Der Fischer nickte langsam. „Du musst gehen, Junge. Dein Vater erwartet dich.“

Aber wohin?“, fragte Teshin verzweifelt. „Wohin muss ich gehen?“

Der Fischer deutete auf eine nahe Taverne, die wie ein Kadaver zwischen den angrenzenden Häusern ruhte.

Frag nach Mendatius. Er wird dir den Weg weisen.“

Daraufhin bestieg der Fischer langsam das Boot, das Bündel im Arm. Kaum entfernte er sich von Teshin, begann das Kleinkind laut zu schreien. Der Fischer wiegte es unbeholfen hin und her.

Moment! Wohin bringt Ihr sie?“, rief Teshin.

An einen sicheren Ort“, entgegnete der Fischer. „Dein Vater wird es dir erklären.“

Im nächsten Moment verschwand er in der Kajüte und das Boot legte plötzlich ab. Teshin betrachtete es verwundert. Die bullige Silhouette setzte sich langsam in Bewegung wie ein majestätisches Tier. Iliana erkannte weder ein Segel noch Anzeichen von Ruder.

Kurz bevor das Boot außer Sichtweite glitt, erhaschte Iliana einen Blick auf den alten Fischer. Mit einem Mal trug er einen langen schwarzen Mantel und seine Augen stachen blutrot durch die Nacht. Iliana erschrak, als sein spöttischer Blick den ihren zu erwidern schien. Ein harter Zug umspielte die Lippen des Mannes und formte ein grausames Lächeln.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana schwebte mit Ashaya in völliger Dunkelheit.

Ashaya lächelte nicht mehr. Die Präsenz des Mannes schien auch sie nicht ungerührt zu lassen.

Ilianas Gedanken rasten. „War das etwa … ich?“

Ashaya musterte sie. Ihre violetten Augen blitzten. „Ein Bruder, der nach seiner Schwester schreit. War das nicht Teil deiner Vision? Nun, ich bin sicher, du bist Azrael seither nicht aus dem Kopf gegangen.“

Das kann doch nicht sein!“ Jegliche Kraft entwich Ilianas Knie, doch sie sank nicht zu Boden. Eine unsichtbare Macht hielt sie in der Luft. „Das ist doch schon über fünfzig Jahre her! Wie kann das dann ich sein?“

Wie Teshin wurdest auch du als Mensch dem mächtigen König Irodeus geweiht. Du alterst nicht wie andere Menschen.“

Iliana schüttelte den Kopf. Das konnte nicht sein. „Wieso kann ich mich nicht daran erinnern?“

Nun schlich sich wieder ein Lächeln auf Ashayas Gesicht. „Lass mich dir ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Die Dunkelheit schwand und wich einem prunkvollen Thronsaal. Trotz der Statuen und Ornamente erkannte Iliana auf den ersten Blick, dass sie sich in Hornheim befanden. Wie auch in Velis’ Reich hingen Ketten von der Decke und säumten Zellen die Wände.

Im Gegensatz zu Velis hielt der Hausherr jedoch wenig von der Idee, diese Räume leer zu lassen.

Egal, wohin Iliana blickte, sie sah Menschen. Ausgezehrte Gestalten mit leerem Blick, die hinter den rostigen Eisenstäben auf Pritschen lagen und deren abgründige Augen lethargisch dem Geschehen folgten. Inmitten des Raumes erhob sich ein gewaltiger Thron, auf dem der alte Fischer saß. Seine ruhigen Gesichtszüge wirkten nun zur Unkenntlichkeit entstellt, seine roten Augen schienen nach Grausamkeit zu lechzen und seine runzligen, von geschwollenen Adern durchzogenen Hände klammerten sich erwartungsvoll an die kunstvollen Lehnen.

Neben ihm sah Iliana sich selbst.

Ihr Ebenbild trug eine pechschwarze Uniform und bedachte die Gefangenen mit begehrlichen Blicken aus rot schimmernden Augen. Ein eiskalter Schauer ließ Iliana erzittern. Diese vage Andeutung von seelischer Grausamkeit in ihren kindlichen Zügen ängstigte sie mehr als der monströse Blick des Fischers. Das harte Lächeln, der halb geöffnete Mund und die entsetzliche Wahrheit, die das glatte Gesicht furchte, offenbarten einen vollkommen anderen Charakter, der sich in jeder Hinsicht von Ilianas jetziger Persönlichkeit unterschied. Aber wenn sie tatsächlich einmal die Grenze zum Wahnsinn überschritten hatte, konnte das wieder geschehen.

Iliana ertrug den Anblick ihres grotesken Selbsts nicht länger und wandte den Blick ab, als sie plötzlich Velis erkannte. Sie wachte auf der anderen Seite des Throns, ebenfalls in einer schwarzen Uniform. Jedoch trug sie im Gegensatz zu Ilianas Ebenbild Ketten, die sie an den Thron fesselten. Dieser Umstand schien sie nicht zu bedrücken, im Gegenteil. Sie strich sanft über die Ketten, so als ob sie ein Kind liebkoste.

Ist das Irodeus?“, fragte Iliana Ashaya. Sie erinnerte sich daran, dass Teshin den grimmigen Dämonenkönig besiegt haben sollte.

Ashayas spektrale Gestalt nickte. „Du rätst gut.“

Mit einem Mal öffnete sich die Tür und Berith betrat den Raum. Er wirkte gehetzt und seine Fledermausflügel flatterten unkontrolliert.

Majestät!“

Irodeus antwortete nicht. Allein die Intensität seines Blickes reichte aus, um Berith zum Stehen zu bringen. Der Dämon keuchte, was wenig zu seinem korrekten Erscheinungsbild passen wollte.

Der Inquisitor! Er ist hier!“, stieß er hervor.

Weiter kam er nicht.

Eine Explosion erschütterte das Gewölbe und eine Druckwelle warf Berith weiter in den Raum. Der geflügelte Dämon stieß gegen eine der Statuen und blieb reglos liegen. Ilianas Ebenbild zog einen schwarzen Bogen hervor und Velis wich ängstlich zurück. Irodeus’ Augen verengten sich zu blutigen Schlitzen.

Aus einer Rauchsäule trat der Inquisitor.

Auch wenn sie sein Gesicht nicht kannte, wusste Iliana sofort, wer hier in den Raum trat. Es war Medardus.

Irodeus!“, rief der Inquisitor mit laut hallender Stimme. „Eure Stunde hat geschlagen, Dämonenkönig!“

Kurz herrschte Stille. Dann erhob sich Irodeus langsam. Das Glühen seiner Augen verschwand, der schwarze Mantel färbte sich weiß und ein Lichtstrahl formte eine goldene Kopfbedeckung für den König. Als Irodeus auf den Inquisitor zuging, erschien er Iliana wie ein Bischof.

Willst du mich wirklich erschlagen, mein Sohn?“, fragte er mit angenehmer Stimme. Dabei breitete er die Arme leicht aus, so als wollte er Medardus umarmen.

Lasst die Fisimamenten!“ Iliana musste sich fragen, wie Medardus an diesem Ort sprechen konnte. Inquisitoren erlangten ihre Stimme nur an heiligen Orten wieder. Hornheim erschien ihr diese Voraussetzung nicht zu erfüllen.

Medardus’ lodernde Augen wanderten zu Ilianas Ebenbild und dann wieder zurück zu Irodeus. „Das“, sagte der Inquisitor leise. „werde ich Euch nie verzeihen.“

Irodeus seufzte, er seufzte, so als ob er die Welt und ihre Grausamkeit beweinen wollte. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich wie ein Geistlicher und verdrehte die Augen gen Himmel, so als erwartete er prophetische Visionen, um alles Leid lindern zu können.

Die Visionen jedoch blieben aus. Stattdessen zog der König einen deformierten Stab hervor, an dessen Spitze ein Schlangenkopf thronte.

Dann ist dies wohl die Zeit zu kämpfen“, murmelte er.

Ehe Irodeus jedoch reagieren konnte, zog Medardus plötzlich ein Buch hervor, das Iliana gut kannte. Es handelte sich um Esbens Folianten, der Dämonen bannen konnte.

Sofort erbleichte Irodeus und die weißen Bischofsgewänder fielen von ihm ab. Stattdessen trug er nun wieder den schwarzen Mantel.

Ihr wisst, was dies hier ist“, flüsterte Medardus.

Das kann nicht sein“, entgegnete Irodeus heiser. Der Stab entglitt seiner zitternden Hand und er wich zurück. „Woher … ?“

Medardus ließ ihn nicht weitersprechen. Er hob das Buch über den Kopf und grelles Licht erhellte den grässlichen Thronsaal. Irodeus stieß einen markerschütternden Schrei aus. Seine Gestalt wandelte sich, bis eine auf groteske Weise deformierte Gestalt sich im Licht des Buches wand, die wild mit ledrigen Flügeln schlug und mit schuppigen Händen nach dem Inquisitor griff. Iliana sah, wie ihr Ebenbild ebenfalls schrie und auf Medardus zustürmte. Ehe es jedoch den schwarzen Bogen heben konnte, sprang plötzlich ein Ritter hinter Medardus hervor und schlug es nieder. Iliana erkannte ihn. Sie hatte den Ritter im Lager der Tempelsöhne gesehen. Er stammte aus Astaval.

Gebt mir Deckung, Mendatius!“, rief Medardus überflüssigerweise.

Mendatius quittierte den Befehl mit einem Nicken, aber Velis wirkte nicht, als ob sie zur Gegenwehr bereit wäre. Sie musterte nur mit geweiteten Augen, wie Irodeus in das Buch gesogen wurde.

Im nächsten Moment erstarben die wütenden Schreie des Dämonenkönigs und der Foliant schloss sich. Auf der aufgeschlagenen Seite erschien ein Bild in Form eines Bischofs. Medardus sank entkräftet nieder.

Es ist vollbracht“, flüsterte der Inquisitor.

Mendatius steckte das Schwert in die Scheide und vollführte eine militärische Geste. Weitere Tempelsöhne strömten in die Halle, die Waffen erhoben.

Ist es vorbei?“, fragte einer von ihnen. „Ist der Dämonenkönig besiegt?“

Glaubst du, er versteckt sich hinter seinem Thron?“, fragte Mendatius ironisch. „Jetzt haltet keine Maulaffen feil und befreit diese armen Menschen!“

Die Tempelsöhne salutierten und schwärmten aus. Einer war geistesgegenwärtig genug, einen Schlüsselbund am Thron ausfindig zu machen und ihn an den Schlössern zu erproben. Nach und nach bildete sich ein Zug geistlicher Ritter, die die Geschundenen stützend aus dem Raum brachten.

Was machen wir mit ihr?“, fragte Mendatius und deutete auf Velis. Medardus sah auf und richtete seine lodernden Augen auf die Halbdämonin, in derem blutroten Blick blankes Entsetzen stand.

Wir nehmen sie mit. Als Gefangene“, antwortete Medardus. „Lasst uns sehen, ob wir in ihr einen Freund oder einen Feind finden.“

Mendatius schien der Befehl zu missfallen, doch er erwiderte nichts. Stattdessen entfernte er sich von Medardus, der sich langsam an den Eisenstäben der Gefängniszellen hochzog, und half seinen Männern bei der Befreiung der gefangenen Menschen. Medardus blätterte in seinem Folianten und ging langsam auf Berith zu. Scheinbar wollte er ihn auch versiegeln.

Mit einem Mal regte sich der Dämon. Ehe jemand reagieren konnte, erhob sich Berith in die Lüfte und flog mit atemberaubender Geschwindigkeit zu Iliana. Mit einer einzigen Bewegung schwang er sich ihr Ebenbild über die Schulter und entkam durch den Eingang.

Einen Augenblick lang musterten die versammelten Tempelsöhne das aufgesprengte Tor wie erstarrte Salzsäulen, bis Mendatius sein Schwert zog und lauthals die Verfolgung befahl. Medardus setzte sich mit dem Folianten an die Spitze und die Ritter stürmten aus dem Thronsaal.

Im nächsten Augenblick verschwanden die Bilder und Iliana befand sich wieder in der Dunkelheit. Ashayas Schemen leuchtete ihr violett entgegen.

Ich … bin eine Dämonin?“, fragte Iliana tonlos. Blankes Entsetzen überkam sie. Doch langsam erschloss sich ihr die Wahrheit hinter den Worten. Als sie mit Esben, Halgin und Azrael Hornheim betreten hatte, war ihr der Ort äußerst bekannt erschienen. Nun kannte sie den Grund.

Ashaya nickte und legte Iliana einen spektralen Arm um die Schulter.

Armes Ding“, seufzte sie. „Das muss ein großer Schock für dich sein, aber … ja. Irodeus hat dich getötet und du bist zurückgekehrt. Du hast ihm eifrig gedient. Die Gefangenen kannten dich nur als Folterknecht. Wahrscheinlich wärst du jetzt in diesem kuriosen Buch eingeschlossen, wenn Berith dich nicht in Sicherheit gebracht hätte.“

Iliana begann zu verstehen. „Er hat meine Erinnerungen gelöscht und mich zu Arinhild gebracht. Aber warum?“

Um dich in Sicherheit zu bringen. Er glaubte, dass Raureif vor den sich häufenden Hexenverfolgungen verschont bleiben würde. Er hat sich geirrt.“

Aber das verstehe ich nicht“, stammelte Iliana. „Ich dachte, Teshin hätte den Dämonenkönig besiegt?“

Ein Lächeln schlich sich auf Ashayas Lippen. „Das hat er auch. Aber das ist eine andere Geschichte, Liebes, die ich dir nur erzähle, wenn du mir versprichst, mir zu helfen.“

Iliana schluckte. „Wobei soll ich dir helfen?“

Ashaya lächelte verschmitzt. „Das ist eine Sache, die nur Berith dir erklären kann. Ihr seid ja schon bestens miteinander bekannt.“

Ashaya kicherte und die Dunkelheit verschwand erneut. Diesmal jedoch offenbarte sich keine neue Vision. Iliana fühlte festen Untergrund unter den Füßen. Zu ihrer Erleichterung waren ihre Hände wieder aus Fleisch und Blut. Jedoch stand sie nicht mehr in Ashayas Kammer in Hrandamaer. Stattdessen befand sie sich in einer gewaltigen Grotte, am felsigen Ufer eines schwarzen Sees, dessen Oberfläche sich unheilsverkündend kräuselte. Unweit von ihr stand eine geflügelte Gestalt.

Berith“, sagte Iliana leise. Ein Schauer ließ sie erbeben. Wenn Lifas das erführe! Er würde sie mit Sicherheit sofort erschlagen. Und Medardus? Scheinbar hatte er ihr Gesicht vergessen, ansonsten wäre sie nun wohl nicht mehr am Leben. Iliana betrauerte ihre Verbindung zu Esben. Sie mochte den gefallenen Priester, aber er würde eine Dämonin Hornheims wohl kaum verschonen.

Jedoch war es Halgin, der ihr wahre Übelkeit bereitete. Der mächtige Herrscher der Navali hatte alles riskiert, um Hornheim zu zerstören und dabei eine Dämonin gerettet. Falls er noch lebte, würde auch er kurzen Prozess mit ihr machen.

Iliana war allein. Nur Berith und Ashaya schienen ihr keinen Schaden zufügen zu wollen.

Der Dämon mit den weißen Haaren nickte ihr zu. Seine Flügel flatterten leicht.

Weißt du, wo wir uns hier befinden?“, fragte er.

Iliana schüttelte den Kopf. War dies etwa Azraels Höllendimension? Würde sie hier auf Halgin treffen? Sie würgte. Ihrem besten Freund als Dämonin gegenüberzutreten war unvorstellbar.

Wir sind hier am Ufer des Sees Sökkvar. Dies hier ist der tiefste Punkt und älteste Teil Hornheims.“ Dabei deutete er auf die stillen Gewässer vor ihnen.

Niemand kennt seine Ausdehnung. Niemand weiß, was sich in der Mitte des Sees befindet. Aber angeblich … angeblich soll dort das Grab von König Androg von Hrandamaer sein.“

Iliana sah ihn verständnislos an. „Warum erzählst du mir das?“

Beriths rote Augen glühten. „Ich habe Pläne. Große Pläne, die deiner Hilfe bedürfen. Dein Bruder ist gerade dabei, die Welt in den Abgrund zu treiben. Ich werde das verhindern.“

Iliana starrte ihn überrascht an. „Du bist gegen Azrael? Aber …“

Dafür ist jetzt keine Zeit.“ Berith winkte sie an das Ufer heran. „Nimm ein Bad in dem See. Wenn ich mit meiner Einschätzung richtig liege, wird sich dir dann alles offenbaren.“

Iliana nickte langsam. Sie wollte Berith nicht gehorchen. Sie wollte aber auch nicht unverrichteter Dinge nach Hrandamaer in Ashayas Kammer zurückkehren und sich Lifas’ Gnade ausliefern. Sie wollte nicht Medardus bei seinem Feldzug oder Azrael bei seinem Gottesprojekt unterstützen.

Sie wollte nur die Wahrheit erfahren und dann fern von der Welt an einem ruhigen Ort verbleiben, an dem weder Götter noch Dämonen ihr Unwesen trieben und keine Kriege das Land verheerten.

Wie eine Verdurstende stürzte sich Iliana in die Flüssigkeit und ihr Geist zersplitterte.

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Korrekturen 19

19.Teil – Das Treffen (1/3)

Sie hatten lange geredet. Fancan war noch immer ganz schwindelig von all den Informationen, die man ihr gegeben hatte. Diese Menschen hier im einhundertzwölften Jahrhundert hatten wirklich Angst vor dem, was die Oberste Behörde tat. Sie wollten einfach nur in Frieden leben, doch das ging nicht, wenn sie immer in der Angst leben mussten, dass es in der alten Zeit irgendwem gelingen mochte, die Zeitsperren zu umgehen, die sie im zweiundachtzigsten Jahrhundert angelegt hatten.
Das endgültige Ziel musste es sein, das gesamte System zu zerstören. Sie war beeindruckt, wie detailliert man in dieser Zeit über sämtliche Vorgänge im Zeitvektor informiert war.
Giwoon sah Fancan erwartungsvoll an.
»Was sagst du?«, fragte er. »Du glaubst uns doch, oder?«
»Wie kann ich mich diesen Beweisen verschließen, die Ihr mir gezeigt habt?«, fragte sie zurück. »Doch wie wollt Ihr das System der Obersten Behörde zerstören?«
»Indem wir Ihnen die Energiequelle nehmen«, sagte Symeen. »Du ahnst nicht, wie viel Energie der Zeitvektor und seine Zeitkabinen verschlingen. Sie haben am unteren Ende der kontrollierten Zeitalter eine Einspeisung installiert, die durch die Sonnenzapfanlage gespeist wird, die man etwa vierhundert Jahre nach der Entdeckung der Zeitreisen erfunden hatte. Die Energie neigt dazu, in der Zeit nach ‘oben’ zu fließen, wenn man überhaupt eine Richtung angeben möchte. Also versorgt sich der gesamte Vektor bis hin zu der von uns angebrachten Sperre quasi von ganz ‘unten’ mit Energie. Beseitigen wir unten die Quelle, wird der Vektor sehr schnell aufhören, zu existieren.«
»Mal angenommen, das würde funktionieren«, sagte Fancan. »Was würde mit meinen sämtlichen Kollegen geschehen, die sich innerhalb des Systems aufhalten?«
»Wenn der Zufluss versiegt, wird das System von unten her absterben. Dieser Prozess kann sich über Wochen hinziehen. Jeder wird die Chance haben, den Vektor zu verlassen und irgendwo in die äußere Zeit einzutreten. Es wäre dann die letzte Zeitmanipulation, da diese vielen Menschen ja bisher keinen Abdruck im äußeren Zeitgefüge hinterlassen haben.«
»Aber wer soll denn diese Energiequelle zerstören?«
Giwoon legte seine rechte Hand auf ihren Arm.
»Wir werden das tun, Fancan«, sagte er sanft. »Es ist unser Schicksal, dem ein Ende zu setzen.«
»Unmöglich!«, rief Fancan aus.
»Es ist nicht nur möglich, sondern es ist unsere Aufgabe«, wiederholte Giwoon. »Wir beide und zwei weitere Menschen werden verantwortlich sein für das Ende der Obersten Behörde und des Zeitvektors.«
»Wer sind die anderen Beiden?«, wunderte sich Fancan.
»Das sind Thomas Rhoda und deine Freundin Khendrah.«
»Wie bitte? Du willst mich veralbern!«
»Das will Giwoon ganz sicher nicht«, mischte sich Symeen ein. »Das Ganze ist einfach nur sehr kompliziert. Ihr habt bei all euren Analysen und Recherchen eines stets vergessen: Ihr habt niemals den Gedanken gehabt, euch selber mit in die Gleichung zu nehmen, denn dann wäre euch aufgefallen, dass es bisweilen Abdrücke in der äußeren Zeit gibt, die nicht von den Menschen dieses Zeitalters verursacht worden sein können, sondern von Menschen, die in dieser Zeit eigentlich nichts verloren haben – von Zeitagenten.«
Symeen sah Khendrah forschend an, doch sie schwieg. Also fuhr Symeen fort:
»Fancan, du kennst den letzten Auftrag deiner Freundin, die du töten solltest?«
»Ja sicher, sie sollte einen Mann töten, dessen Nachfahre ein Verbrecher werden sollte. Sie hat ihn gerettet und dafür sollte ich sie töten. So will es das Gesetz.«
Symeen winkte ab.
»Lassen wir diese Bewertung einmal außer Acht. Es ist jedenfalls Fakt, dass Khendrah diesen Auftrag nur erhalten hat, weil ein verbrecherischer Analyst ihn ihr gegeben hatte. Es ist also nur zu verständlich, dass sie versucht, ihren Fehler wieder auszubügeln. Ich meine jedoch etwas völlig Anderes: Bist du schon einmal auf die Idee gekommen, den Stammbaum von Gunter Manning-Rhoda zurück zu verfolgen? Um diesen Mann ging es ja bei dem Auftrag. Sicher, er geht zurück bis auf Khendrahs Opfer Thomas Rhoda, doch wer war die Mutter seiner Kinder?«
»Keine Ahnung«, gab Fancan zu. »Das ist auch nicht von Belang.«
»Ach nein?«, fragte Symeen spöttisch. »Auch dann nicht, wenn sie in den Archiven mit dem Namen Kendra Rhoda verzeichnet ist?«
Fancan sog heftig die Luft ein und riss die Augen auf. »Khendrah und Thomas Rhoda haben Kinder gehabt?«
»Ganz offensichtlich«, bestätigte Symeen. »Und diese Kendra ist auch definitiv in hohem Alter im einundzwanzigsten Jahrhundert verstorben. Es geht aber noch weiter. Von Thomas Rhoda bis zu Gunter Manning-Rhoda sind es mehrere Generationen. Wir haben uns die Mühe gemacht, alle diese Menschen und ihre Beziehungen zu überprüfen und dabei haben wir eine interessante Entdeckung gemacht, die ich – wie ich gestehen muss – lieber nicht gemacht hätte.«
»Und was ist das?«, fragte Fancan, nun neugierig geworden.
»Kendra und Thomas hatten zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn war zeugungsunfähig. Er heiratete später, blieb aber ohne eigene Nachkommen. Die Tochter hingegen, Lisa, heiratet später einen Mann mit Namen Zed Girault. Er übernahm nach der Heirat den Familiennamen Lisas. Ich habe mir mal die Eltern von diesem Zed angesehen und stellte fest, dass sie irgendwie nicht in die Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts passten. Sie sind zwar dort, doch war es mir nicht möglich, ihre Vergangenheit über einen bestimmten Punkt hinaus zu erfassen und dieser Punkt liegt um das Jahr 2008 herum. Eigenartig, nicht?
Fancan blickte von einem zum anderen. Sie versuchte, in den Augen Giwoons zu lesen, doch sie konnte nicht erraten, was er dachte.
»Weißt du, wovon deine Mutter spricht?«, fragte sie ihn.
Giwoon nickte.
»Ich weiß wovon sie spricht«, bestätigte er. »Doch höre zu, denn, was nun kommt, betrifft uns beide.«
Symeen wartete, bis sie wieder die volle Aufmerksamkeit hatte, dann fuhr sie fort:
»Wir wissen bereits, dass Khendrah und Thomas Rhoda ins Jahr 2008 zurückkehren, weil Thomas sein Leben dort weiterführen muss, um die Geschichte nicht zu sehr zu verzerren. Offenbar ist Khendrah bei ihm geblieben und wurde ebenfalls zu einem Bestandteil dieses Zeitalters. Wer also sind die mysteriösen Eltern des späteren Ehemannes von Lisa Rhoda? Die Antwort ist ebenso einfach, wie erschreckend für mich: Ihr zwei seid es.«
Fancan sprang auf.
»Das ist nicht möglich!«, entfuhr es ihr. »Was soll ich im Jahre 2008?«
»Bitte setz dich wieder«, bat Giwoon sanft. »Wir haben beide dort eigentlich nichts verloren. Trotzdem sind wir in die Geschichte dieser Zeit integriert und mit ihr verwoben. Wie es aussieht, bleiben wir zusammen und bekommen gemeinsame Kinder, die ebenso zu den Vorfahren von Gunter Manning-Rhoda gehören, wie Thomas und Khendrahs Kinder. Wäre dir der Gedanke, mit mir zusammen zu leben, so unerträglich?«
Fancan setzte sich wieder.
»Nein, natürlich nicht«, sagte sie leise. »Ganz und gar nicht. Aber ich verstehe nicht, wieso.«
»Das verstand ich lange Zeit auch nicht«, gab Symeen zu. »Aber Cheom fand vor kurzer Zeit die Lösung. Ihr zwei seid es, die den Zeitvektor zerstört. In euren Händen liegt unser aller Schicksal. Der Preis, den ihr dafür zahlt, ist, dass ihr nicht mehr zurückkehren könnt.«
»Wissen wir eigentlich schon, warum das so ist?«, wollte Giwoon wissen. »Da ich davon ausgehe, dass wir unsere Reise in die Vergangenheit nicht mit einem Aufzug der Behörde machen werden, sondern mit einem unserer Slider, ist es für mich nämlich nicht ganz verständlich, wieso wir unseren Slider nicht mehr benutzen können, nur weil wir das System der Behörde ausschalten.«
»Das konnte auch Cheom bisher nicht herausfinden. Trotzdem bedeutet es, dass Ihr die Reise in die ferne Vergangenheit antreten werdet, um das Zeitreisesystem der Obersten Behörde zu beseitigen. Ich denke, dass es Sinn hat, Khendrah und Thomas zu suchen, um mit ihnen zusammen zu arbeiten.«
»Das geht nicht!«, ereiferte sich Fancan. »Ich wurde ausgesandt, um sie zu töten. Ich hatte sie auch bereits gefunden, doch die beiden konnten mich täuschen und überwältigen. Ich glaube kaum, dass Khendrah es ein weiteres Mal darauf ankommen lassen würde. Ich fürchte, sie würde mich sofort zu erledigen versuchen, wenn ich mich in ihrer Nähe zeigen würde.«
»Das glaube ich kaum«, meinte Symeen. »Außerdem könnte Giwoon den Kontakt herstellen. Ihn kennen sie nicht und er könnte ihnen erklären, dass sich die Lage vollständig geändert hat, oder nicht?«
»Mutter, ich verstehe allerdings auch nicht, warum wir uns damit belasten sollen, sie zu finden«, sagte Giwoon. »Lassen wir sie doch tun, was immer sie tun. Wenn deine und Cheoms Recherchen stimmen, werden wir uns doch sowieso im Jahre 2008 treffen. Spätestens unsere Kinder werden sich irgendwie kennenlernen.«
»Du hast im Grunde recht«, räumte Symeen ein. »Doch gibt es bei den Daten noch eine gewisse Unschärfe. Wir sind eben nicht sicher, ob Khendrah und Thomas nicht doch eine Rolle in diesem Spiel spielen. Es kann nicht schaden, sie zu kontaktieren.«
Giwoon lächelte.
»Mutter, du gibst nicht auf, nicht wahr? Du willst einfach, dass wir schon jetzt auf sie stoßen und eventuell Freundschaft schließen. Das ist es doch, oder?«
Symeen lachte.
»Bin ich so leicht zu durchschauen? Du hast recht. Ich bin einfach überzeugt davon, dass Ihr dort, in der alten Zeit, einfach zusammenhalten solltet. Das Leben dort wird für euch noch schwer genug werden. Viele Dinge, die uns selbstverständlich sind, wurden dort noch nicht erfunden. Die medizinische Versorgung ist zwar nicht schlecht, aber es ist auch so, dass man dort noch an Krankheiten wie Krebs oder AIDS sterben kann – Krankheiten, die es heute bei uns nicht mehr gibt.«
»Dann sollten wir noch einige Impfungen erhalten, bevor wir uns auf den Weg machen«, schlug Giwoon vor.
»Es gibt keine Impfungen«, sagte Symeen. »Diese Krankheiten sind seit Jahrtausenden ausgerottet. Wir haben überhaupt keine Möglichkeiten mehr, Impfstoffe dagegen zu entwickeln.«
»Mutter, wir werden mit diesem Risiko leben müssen«, sagte Giwoon. »Wir werden halt vorsichtig sein müssen.«
Symeen sah erst Fancan, dann Giwoon an.
»Dann steht es hiermit fest. Eine endgültige Trennung und ein Abschied für immer steht kurz bevor. Ich darf gar nicht daran denken.«

Die folgenden Tage standen vollständig im Zeichen der Vorbereitungen auf die Abreise von Giwoon und Fancan. Zedroog hatte den Slider mit einem Transportfahrzeug näher ans Haus herangeholt, um die Vorräte zu laden, die man in der Vergangenheit benötigen würde. Über Lebensmittel bis hin zu Waffen und technischen Gerätschaften wurde in den Slider hineingepackt, was eben noch hineinpasste. Zum Schluss händigte Symeen ihrem Sohn ein spezielles Gerät aus.
»Giwoon, auf dieses Gerät müsst ihr besonders aufpassen! Es ist ein Ortungsgerät für solare Energiequellen. Ich meine damit jetzt nicht die Sonne selbst, sondern natürlich den Zapfmechanismus. Er muss irgendwo auf der Erde versteckt sein. Es kann sein, dass ihr eine Weile damit beschäftigt seid, ihn zu finden. Dieses Gerät wird euch zuverlässig dorthin leiten. Sobald ihr ihn gefunden habt, bringt dieses Gerät so nah wie möglich dort heran. Es sollte nicht weiter als hundert Meter davon entfernt sein.«
»Was geschieht, wenn wir das tun?«, wollte Fancan wissen.
»Das Gerät wurde entwickelt aufgrund der Konstruktionsdaten des Sonnenzapfers, die Giwoon uns aus der Datenbank im Zeitvektor übermittelt hat«, sagte Symeen. »Es wird die Steuerung der Anlage übernehmen und die Stabilisierungsfelder schrittweise deaktivieren, bis die von der Sonne eintreffende Energie das Gerät schließlich ungeschützt trifft und es verschlingt. Der Zapfstrahl wird spontan abreißen.«
»Wird das nicht gefährlich werden?«, fragte Giwoon. »Ich könnte mir vorstellen, dass es ganz schön knallen wird, wenn die ganze Energie sich in der Anlage selbst austobt.«
»Das wird es auch sicherlich. Und Ihr solltet dann nicht mehr in der unmittelbaren Nähe sein. Wir gehen aber davon aus, dass die Anlage irgendwo verborgen ist, wo es unbewohnt ist. Zum einen soll sie ja durch all die Zeitalter nicht gefunden werden und zum anderen wird man auch im Zeitvektor nicht lebensmüde sein.«
Giwoon nahm das Gerät an sich, und betrachtete es. Es war ein elegantes kleines Ding, das man bequem an den Gürtel der Kombination stecken und mitnehmen konnte. Es war kaum vorstellbar, was dieses kleine Ding für Auswirkungen auf das Weltgeschehen haben würde.
»Wie werden wir denn überhaupt zu der Stelle gelangen, an der dieses Gerät zum Einsatz kommen soll?«, fragte Fancan.
»Das ist nicht das Problem«, erklärte Giwoon. »Die Slider sind durchaus auch für den atmospärischen Flug geeignet. Wir sind also mobil.«
Fancan war zufrieden.

Bevor sie endgültig das einhundertzwölfte Jahrhundert verließen, bereitete Symeen mit Yshaa zusammen noch ein festliches Mahl zu und es gab ein Abschiedsessen, bei dem jedoch keine rechte Stimmung mehr aufkommen wollte. Jeder dachte nur daran, dass es etwas absolut Endgültiges war, das in wenigen Stunden geschehen würde. Giwoon war, ebenso wie Symeen, äußerst schweigsam. Yshaa hatte sich auf Giwoons Schoß gesetzt und weinte leise. Ihr wurde erst jetzt bewusst, dass sie ihren Bruder nie wiedersehen würde.
Auch Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut. Zwar besaß sie keine engen familiären Bindungen, doch auch für sie würde sich alles ändern. Die Aussicht, ihr gesamtes restliches Leben in den – aus ihrer Sicht – Anfängen der Zeit zu verbringen, machte ihr Angst.
Ein paar Stunden später bestiegen sie den Slider und verabschiedeten sich von der Familie.
»Vielleicht solltet Ihr einen Abstecher ins Jahr 2110 machen«, schlug Symeen vor. »Dort werdet Ihr Khendrah und Thomas finden, wie sie versuchen, Ralph Geek-Thobens Manipulationen zu bereinigen. Ihr könntet gleich dort Kontakt aufnehmen.«
Fancan schaute etwas gequält. Sie konnte sich noch zu gut an ihr letztes Treffen erinnern.
»Hast du auch die Koordinaten für uns?«, fragte Giwoon.
Symeen lächelte.
»Glaubst du, ich würde dir einen solchen Vorschlag machen, wenn ich nicht von Cheom alles bekommen hätte, was Ihr braucht?«
Symeen überreichte ihm einen kleinen Speicherkristall.
»Hier drauf findest du alles, was du wissen musst. Mach nur nicht so viel kaputt, wenn du dort ankommst.«
»Mutter!«, rief Giwoon protestierend.
Symeen umarmte noch einmal ihren Sohn und dann auch Fancan.
»Mädchen, pass gut auf ihn auf«, flüsterte sie ihr ins Ohr. »Und werdet glücklich, ihr Zwei.«
Fancan war ehrlich gerührt, da sie noch immer das Gefühl gehabt hatte, sie wäre Giwoons Mutter nicht Recht.«
Sie gab sich einen Ruck und umarmte auch Symeen.
»Das werde ich – versprochen.«

Die Zeit für die Abreise war gekommen. Schweren Herzens bestieg Giwoon den Slider und Fancan folgte ihm. Im Fahrzeug sah es aus wie in einem Warenlager. Überall stapelten sich Ausrüstungsgegenstände, die sie möglicherweise in absehbarer Zeit gebrauchen konnten. Sie quetschen sich in die Sitze, die um den zentralen Tisch montiert waren. Wie bei ihrem ersten Flug, schwebte die Steuerkugel schwerelos darüber. Giwoon legte seine Hand darauf und aktivierte die Steuerelemente.
»Dann wollen wir einmal sehen, was Cheom für uns herausgefunden hat«, sagte er, während er den kleinen Kristall, den ihm seine Mutter gegeben hatte, in eine kleine Aussparung des Steuerpults steckte.


Die nächste Fortsetzung könnt Ihr an dieser Stelle am 14.09.2019 lesen.

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Gottes Hammer: Folkvang XII

Bitte wartet hier.“ Der Diener verneigte sich so tief, dass seine Nase den marmornen Boden zu berühren drohte. Er trug eine schwarze Uniform und hielt einen kunstvoll geschnitzten Stab in seiner rechten Hand. Iliana glaubte, in dem hölzernen Geflecht eine Heiligendarstellung zu erkennen. „Das Orakel wird Euch bald empfangen.“

Er wies mit dem Stab auf zwei harte Bänke. Bequemlichkeit schien hier nicht zu herrschen. Kaum hatten sie sich auf den kalten Sitzflächen niedergelassen, verschwand der Diener durch ein prunkvolles Doppeltor. Lautlos fielen die schweren Flügel hinter ihm ins Schloss.

Sie befanden sich in einer großen Kathedrale inmitten jener Stadt, die Lifas nur Hrandars Faust nannte. Iliana wusste nur, dass von hier aus der Großangriff auf das benachbarte Herzogtum Astaval stattgefunden hatte. Sie würde gerne mehr in Erfahrung bringen, wagte aber nicht, Lifas anzusprechen. Der kühle Ritter wirkte noch abweisender als sonst. Seine Augenbrauen bildeten eine durchgehende Linie über seinem durchbohrenden Blick. Offenbar erschien ihm eine Begegnung mit dem Orakel wenig reizvoll.

Iliana fröstelte. Je mehr sie von Hrandamaer zu sehen bekam, desto mehr erstaunte sie das verheerte Herzogtum. Gleichgültig, wohin sie ging, die Religion beherrschte alle Lebensbereiche. Sie wirkte hier nicht nur als ferner Hoffnungsschimmer für das Leben nach dem Tod, sondern als reale Verteidigungsmaßnahme gegen die Schrecken der Nacht.

Iliana kannte die Geschichten von Klerikern, die trotz ihres Standes rauschende Feste feierten und die Abkehr vom Fleischlichen nicht so genau nahmen. Selbst der Bischof von Aminas genoss einen Ruf, von dem sogar die Menschen in Raureif Kunde hatten. Iliana erinnerte sich an ein Gespräch zwischen einer verzweifelten Frau und dem Dorfpriester. Die Nichte der Frau lebte in Aminas und war in des Bischofs „Jungfernturm“ gesperrt worden. Sie bat den Dorfpriester inständig um Hilfe, dieser jedoch blieb machtlos. Die Trauer in seinem Blick sprach Bände.

In Hrandamaer wirkten die Kleriker vollkommen anders. Jeder von ihnen besaß harte, vom Leben gezeichnete Züge und einen federnden Gang, der überwältigende Selbstsicherheit ausstrahlte. Selbst niedere Mönche trugen Symbole des Glaubens wie Waffen an ihren Gürteln, beteten öffentlich unter großem Zustrom der Leute und sicherten die Stadtgrenzen. Sie wirkten zäh und predigten mit den charismatischen Bewegungen von Propheten. Es handelte sich um Menschen, für die Selbstaufopferung zur Gewohnheit geworden war. Auf Iliana wirkten sie wie Soldaten.

Dass die hrandamaerischen Kleriker wenig Gelegenheit für Ausschweifungen hatten, zeigten auch die Heiligendarstellungen in der Kathedrale des Orakels. Iliana kannte viele überspitzte Motive, in denen die Schrecken der Hölle neben der Herrlichkeit des Himmels gezeigt wurde. Hier hingegen offenbarten die Buntglasfenster dem Betrachter lediglich die Leiden der Heiligen, ohne auf Erlösung oder Verdammnis einzugehen. Iliana erschauderte. Wenn die Priester tatsächlich jede Nacht aufs Neue die Städte gegen die wandelnden Toten verteidigen mussten, führten sie kein besonders angenehmes Leben. Plötzlich wünschte sich Iliana zurück nach Raureif, in die Zeit vor Arinhilds Verbrennung. Halgin wäre noch am Leben … und sie hätte Azrael nie getroffen …

Im nächsten Moment öffnete sich das große Tor wie von Geisterhand und der Diener mit dem Stab trat heraus. Er verneigte sich erneut.

Das Auge der Ewigkeit wird Euch nun empfangen“, verkündete er mit klarer Stimme.

Iliana und Lifas erhoben sich schweigend. Der Ritter hatte ihr erzählt, dass das Orakel bereits seit Äonen lebte. Man verehrte sie in Hrandamaer als Heilige, obwohl der Erzbischof in der kaiserlischen Hauptstadt Sankt Emerald nur bedingt Ambitionen zeigte, sie offiziell anzuerkennen. Der aus Hrandamaer stammende Erzbischof Drogan hatte zuletzt versucht, ihr den Status zu verleihen, war damit jedoch gescheitert. Seither konnte sich kein hrandamaerischer Kleriker mehr an die Spitze der Denomination setzen.

Der Diener führte sie eine breite Treppe hinauf, bog dann jedoch unvermittelt ab und führte sie durch einen engen Gang. Am Ende flankierten zwei schwer gepanzerte Ritter eine unscheinbar wirkende Tür. Sie trugen gleichermaßen profane und geistliche Waffen.

Der Diener pochte mit dem Stab auf den Boden. Kurz geschah nichts, dann öffnete sich die Tür von innen und die beiden konnten passieren.

Iliana hatte einen Thronsaal erwartet, vielleicht mit zahlreichen Buntglasfenstern und gewaltigen Statuen. Stattdessen befanden sie sich in einer dunklen Kammer mit zwei hölzernen Bänken und einer steinernen Pritsche. Das Orakel lag darauf und grinste sie verwegen an.

Iliana blickte das Auge der Ewigkeit wie erstarrt an. Vor ihr thronte keine ehrwürdige Heilige, sondern eine junge Frau mit einem langen schwarzen Mantel und einem unverschämten Ausschnitt. So sah sie zahlreiche unverständliche Schriftzeichen auf ihrer bleichen Haut, die im Dämmerlicht schimmerten. Violette Augen strahlten gespenstisches Licht ab und lange schwarze Haare fielen dem Orakel ungebändigt in die Stirn.

Plötzlich erstaunte es Iliana nicht mehr, dass der Erzbischof die Heilige nicht anerkennen wollte.

Willkommen!“, rief die Frau und erhob sich ungestüm von ihrer Pritsche. Ehe Iliana reagieren konnte, hatte sie sie bereits beide umarmt. „Lasst euch herzen! Ihr seid die ersten Personen seit Monaten, die mich hier aufsuchen! Kommt, setzt euch, setzt euch! Ich kann euch leider nichts anbieten, ich trinke nichts.“

Iliana leistete der Aufforderung Folge, doch Lifas blieb stehen. Abscheu verhärtete seine Miene.

Wortlos wandte er sich um und verließ den Raum. Iliana zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er hatte sie tatsächlich mit der seltsamen Heiligen allein gelassen.

Dein Freund hat keine Manieren!“, stellte das Orakel kopfschüttelnd fest. „Aber egal. Man sagte mir, du hast seltsame Visionen, von denen das Schicksal der Welt abhängen könnte?“ Sie ließ sich auf die Pritsche sinken und sah sie neugierig an. Sie wirkte wie ein Kind, dem jemand eine Geschichte zu erzählen versprach.

Iliana schluckte und nickte langsam. Leise begann sie zu sprechen.

In Hornheim hat mich ein Dämon namens Berith betäubt. Ich war einige Stunden bewusstlos, aber kurz vor dem Aufwachen sah ich mehrere Dinge.“ Sie versuchte, sich die Bilder in Erinnerung zu rufen. Es fiel ihr nicht schwer.

Zuerst war da ein Schlachtfeld“, berichtete sie. „Es war voller gepfählter Leichen. Dann sah ich einen Bruder, der nach seiner Schwester schrie und einen Mann, der jemanden liebte, aber diese Liebe nicht zeigen durfte … dann hörte ich noch eine Stimme.“

Das Orakel zog ein Bein an und stützte das Kinn auf sein Knie.

Was hat sie gesagt?“

Gottes Hammer fällt am Folkvangstag“, erwiderte Iliana leise.

Das Auge der Ewigkeit schwieg einen Moment. „Gibt es sonst irgendwelche Hinweise?“

Iliana wollte bereits den Kopf schütteln, als ihr das Treffen mit Berith in den Sinn kam. „Der Dämon, der mich betäubt hatte, erschien mir später im Traum. Er meinte, ich solle nach Hrandars Faust gehen und dort eine Frau namens Ashaya aufsuchen.“

Das Orakel blinzelte, dann brach es in Gelächter aus.

Wirklich? Das hat er gesagt?“

Iliana nickte unsicher. Was war daran so amüsant?

Das Auge der Ewigkeit lächelte süffisant. „Nun, eine Frage kann ich dir mit absoluter Sicherheit beantworten. Ich bin Ashaya. Du wirst hier keine Zweite finden. Schließlich hat mich der Erzbischof noch immer nicht anerkannt.“

Iliana erstarrte. Plötzlich sehnte sie ihren neuen Bogen herbei. Sie hatte ihn am Eingang der Kathedrale zurücklassen müssen.

Ashaya schien ihre Furcht zu spüren. „Ach, Mädchen, das ist nicht der richtige Zeitpunkt, um Angst zu haben! Wenn Berith dich umbringen wollte, hätte er dich wohl kaum zu mir geschickt.“

Dann ist es wahr?“, stieß Iliana entsetzt hervor. „Ihr paktiert mit Hornheim?“

Ashaya rollte mit den Augen und wies auf das einzige Fenster im Raum. Es war vergittert. „Glaubst du, ich hause in einer Gefängniszelle, weil ich asketisch leben will? Ursprünglich hatte ich ein großes Zimmer und ein weiches Bett im Herzen der Kathedrale. Dann bemerkte einer meiner Leibwächter, dass ich doch nicht so heilig bin, wie sie glauben. Jetzt bin ich hier. Die zwei Ritter vor der Tür sollen nicht mich vor der Welt beschützen, sondern die Welt vor mir.“ Ashaya lachte. Sie klang wie ein Mädchen, das sich diebisch über einen gelungenen Streich freute. Iliana erschauderte. „Es gibt nur einen Grund, weshalb sie mich nicht foltern und verbrennen. Ich bin ihnen nützlich. Ich kann Begebenheiten vorhersagen und Träume deuten. Das sind Eigenschaften, die furchtsame Herrscher immer schätzen, egal ob geistlicher oder weltlicher Art.“

Iliana schüttelte fassungslos den Kopf. „ Was habt Ihr jetzt mit mir vor? Werdet Ihr mich nach Hornheim zurückbringen?“ Sitraxa kam ihr in den Sinn und Übelkeit machte sich in ihrem Inneren breit.

Warum hast du Angst davor?“, fragte Ashaya grinsend. „Du warst doch schon dort, oder nicht?“

Iliana sah sie voller Unverständnis an. „Gerade deshalb habe ich ja so große Angst!“

Du missverstehst mich.“ Ungewohnte Ernsthaftigkeit glomm in Ashayas violetten Augen. Sie erhob sich und kam langsam auf Iliana zu.

Ich meine nicht dein Eindringen mit Halgin und Esben. Ich meine deinen Aufenthalt als Kind, bevor du zu Arinhild kamst.“

Eiskalter Frost befiel Ilianas Brustkorb. „Was?“

Du hast schon richtig gehört.“ Ashaya wandte sich ab und spähte durch das vergitterte Fenster. „Hast du dich nie gefragt, wer deine Eltern sind? Woher du wirklich stammst?“

Ilianas Herz drohte zu bersten. „Ihr wisst, woher ich komme?“

Ashaya nickte. Erneut legte sich ein Lächeln auf ihre Lippen, doch diesmal schmälerte Trauer die Geste. „Ich kann es dir zeigen. Aber ich warne dich gleich: Wenn du es gesehen hast, wird deine Welt nie wieder so sein wie zuvor.“

Iliana konnte diese Warnung nicht abschrecken. Sie erhob sich und ging auf Ashaya zu, die ihr die Hand anbot.

Zeigt es mir“, flüsterte sie zitternd.

Ashaya antwortete nicht. Ihre violetten Augen flammten auf wie Sterne und hüllten Iliana in unheiliges Licht. Dann erblickte sie die Wahrheit.

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