Zur Werkzeugleiste springen

Autorinnen und Autoren im Netz

Schlagwort: Mystery

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (2/2)

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

Bevor Matthias antworten konnte, veränderte sich plötzlich der Raum. Die Dunkelheit, die sie wie Nebel umfangen gehalten hatte, wich dem Licht einer grellen Deckenlampe. Erstaunt erkannte Matthias ein Schlafzimmer. Auf dem Bett saß Theo, ein Junge aus seiner Klasse, der ausschließlich Einsen und Zweien schrieb, mit gesenktem Kopf. Auf einem Sessel ihm gegenüber thronte eine stark geschminkte, hochgewachsene und streng wirkende Frau. Sie trug ein enges schwarzes Kostüm. Ihre blonden Haare hatte sie zu einem straffen Knoten gebunden. Sie las sich gerade die schriftliche Chemie-Überprüfung durch, die erst vor zwei Tagen stattgefunden hatte.

Beide schienen weder ihn, noch Enki, noch den Tisch oder die Stühle zu bemerken.

Plötzlich rümpfte die Frau, wohl Theos Mutter, die Nase und ließ das beschriebene Blatt Papier sinken. ,,Was hast du da bei der Definition für Isotope geschrieben? Positiv oder negativ geladene Atome? Das sind Ionen, nicht Isotope! Du hast einen Punkt dafür abgezogen bekommen!“

,,Ich habe mich verlesen.“, erwiderte Theo kleinlaut.

,,Verlesen? Du hast diesmal nur 18 von 20 Punkten erreicht, das ist schon fast eine Zwei. Wie kommt das? Bist du etwa in der Nacht wach geblieben und konntest dich dann nicht mehr konzentrieren?“

Theo schwieg. Er wirkte klein und verletzlich.

,,Wenn du im späteren Berufsleben Erfolg haben möchtest, dann kannst du dir solche Fehler nicht leisten!“ Wutschnaubend erhob sich die Frau. ,,Du wirst die Definition von Isotopen…die RICHTIGE Definition…hundertmal aufschreiben, verstanden? Und heute gehst du um acht ins Bett. Und kein Fernsehen oder Handy!“

Die Frau verließ das Zimmer mit großen Schritten. Theo zuckte zusammen, als die Tür ins Schloss fiel. Er saß noch lange in dieser Haltung auf dem Bett, den Blick gesenkt. Als Matthias sich näher beugte, erkannte er bestürzt, dass Theo weinte. Tränen liefen über seine bleichen Wangen.

Schließlich stand der Junge auf und ging, direkt an Matthias vorbei, zu einem kleinen Schreibtisch. Er nahm eine Schere aus einer Federschachtel, die Matthias aus der Schule kannte. Fassungslos sah er einen der Besten seiner Klasse, wie er sich langsam die Hand ritzte. Auf der bleichen Haut entstanden rote Buchstaben…Theo schrieb das Wort Versager in sein Fleisch.

,,Es tut mir leid, Mama.“, flüsterte Theo mit halb erstickter Stimme. Tränen tropften von seinem Kinn.

Der Szene wich wieder Dunkelheit. Enki lächelte. ,,Er hat es wohl auch nicht so leicht, was?“

Als Matthias nicht antwortete, fuhr er fort. ,,Theo wünscht sich nichts sehnlicher, als mit anderen Jungen seines Alters ungestört abhängen zu können…doch seine Eltern erlauben es ihm nicht. Sie beide haben Erfahrungen mit dem Geschäftsleben gemacht und wollen um jeden Preis verhindern, dass ihr Sohn später einmal keinen Job bekommt. Um ihr Ziel zu erreichen, zwingen sie ihn, zu lernen, bis er umfällt.“ Es folgte eine kurze Pause. ,,Und du hast ihn gedemütigt. Damit trägst auch du Schuld an seinem Drang, sich selbst zu verletzen.“

Enkis Stimme enthielt keinerlei vorwurfsvolle Elemente. Sie klang vielmehr wie eine nüchterne Feststellung.

Matthias hüllte sich in Schweigen. In seinem Herzen pochte Theos Schmerz. Er fühlte den unglaublichen Drang, den Fesseln seines Daseins zu entfliehen.

Meine Eltern lieben mich nicht., klagte Theos Stimme in Matthias Gedanken. Sie wollen mich zu einem Roboter machen, arbeiten, arbeiten, arbeiten, alles andere ist ihnen egal. Musik, Kunst…das alles ist für sie nebensächlich. Und in der Klasse mag mich auch keiner. Alle halten mich für einen Streber, nicht wahr? Kein Mädchen wird je mit mir zusammen sein wollen, nicht einmal Katja, in die ich mich so verliebt habe. Und du und deine Freunde verspotten mich immer, besonders in Sport, weil ich nicht genug Kraft habe, um die Übungen zu machen…

,,Und du hast ihn gedemütigt.“, wiederholte Enki.

Eine Erinnerung schlich sich in Matthias’ Bewusstsein, nur erlebte er sie diesmal aus Theos Perspektive.

Ich versuche, Klimmzüge zu machen., flüsterte Theos Stimme. Alle grinsen mich bereits an, besonders der Sportlehrer, Herr Lindenberger. Und Matthias…verdammt, sie werden gleich wieder anfangen, ich weiß es, sie werden mich verspotten und mich demütigen. Und wenn ich Pech habe sind dann auch noch die Mädchen in der Nähe…

Es ist sinnlos, meine Kraft reicht nicht aus. Stöhnend falle ich auf den mit Matten bedeckten Boden. Tränen verschleiern meinen Blick, als das Gelächter beginnt. Ich wälze mich auf den Bauch, um zu verbergen, dass ich weine. Doch es ist sinnlos.

,,Heulen bringt dich nicht weiter, Theo!“, ruft Lindenberger. Obwohl ich sein Gesicht nicht erkennen kann, erscheint in meiner Vorstellung sein zu einem sadistischen Grinsen verzerrter Mund. Wie ich ihn hasse! Am liebsten würde ich auf ihn einprügeln.

,,Los, steh auf, Theo, versuch’s nochmal. Du weißt, wenn du es nicht schaffst, kriegst du eine Drei in Sport. Und darüber kannst du auch noch verflucht nochmal froh sein!“ Lindenberger lacht laut auf, als habe er den besten Witz der Welt erzählt.

Nun mischt sich auch noch Matthias ein. ,,He! Theo steh auf, komm schon, ich will mal endlich wieder richtig lachen können. Jetzt nützen dir deine Einsen wohl nichts mehr…“

Matthias schrie auf, als Theos Schmerz und Verzweiflung sein Herz durchdrang. Glühende Ketten schienen sich in seine Seele zu graben. Matthias erlebte, wie Theo verzweifelt nach Halt suchte, bevor er in der Dunkelheit versank.

Ich habe keine Freunde, meine Eltern lieben mich nicht, mein Sportlehrer und meine Klassenkameraden hassen mich., schrie Theos Stimme in Matthias Gedanken.

Matthias schrie vor unsäglichen Qualen.

Dann war es vorbei.

Enki lächelte ihn an. Seine goldenen Augen erfassten jedes Detail seiner Gedankengänge. ,,Du könntest ihm helfen, weißt du?“

Matthias atmete schwer. Als er feststellte, dass er sich wieder bewegen und reden konnte, erfüllte es ihn nicht mit Freude. ,,Ich bin so ein Idiot.“, flüsterte er.

Enki seufzte. ,,Du hast vorhin gesagt, dass du mit deinem Leben kaum fertig wirst, dass du nicht weißt, woher du dir dein Selbstvertrauen holen sollst. Ich kann es dir verraten: hol dir dein Selbstvertrauen aus guten Taten.“

Matthias sah Enki verwirrt an. ,,Was?“

,,Hilf Menschen. Erkenne ihr Leid. Anstatt es zu vermehren, sollst du es lindern. Das ist der Weg, den das Schicksal dir zugedacht hat. Solange du spottest und andere demütigst, wirst du nie deinen Frieden finden. Oder glaubst du tatsächlich, gute Schulnoten oder Talent im Fußball kann das Geschenk einer guten, friedvollen Seele, die im Reinen mit sich ist, aufwiegen?“

Während er sprach, griff Enki mit seiner rechten Hand über die Kerze zu Matthias’ Stirn. Er zuckte zusammen, als die Finger des Fremden ihn berührten, doch er ließ es geschehen. Etwas verriet ihm, dass Enki ihm nicht schaden wollte..

,,Hiermit mache ich dir das Geschenk von Frieden und verleihe dir den Fluch der Weisheit.“

Es fühlte sich an, als ob ein elektrischer Schlag Matthias’ Körper durchdränge. Vor seinen Augen tanzten Punkte und Schauer schüttelten seinen Körper. Doch er gab keinen Ton von sich.

Als die Punkte seinen Blick nicht mehr verschleierten, war Enki verschwunden. Wo vorher noch ein Dach den Raum in Dunkelheit hüllte, konnte nun Mondlicht ungehindert eindringen.

Gut gelaunt betrachtete Lindenberger die Jungen, die vor ihm in einer Reihe aufgestellt standen. Sie wirkten müde und demotiviert, wie an jedem Montag. Er würde sie mit seinem Programm schon wachrütteln.

Schließlich wollte er ihnen helfen.

Automatisch glitten seine Augen zu der Person, die seiner Hilfe am meisten bedurfte. ,,Theo!“, rief er so laut, dass der kleine Junge zusammenzuckte. ,,Zeige vor, wie man richtig Klimmzüge macht!“

Grinsend wies er dabei zur hohen Reckstange, die nur wenige Meter entfernt zwischen zwei Metallstützen angebracht war.

Theo sah erschrocken aus. Seine Augen glänzten und Lindenberger wusste, er würde bald zu weinen beginnen. Spätestens, wenn die anderen sich vor Lachen bogen.

Du musst hart werden, Junge!

Theo setzte sich gerade in Bewegung, als Matthias plötzlich vor ihn trat. ,,Ich kann die Übung auch vorzeigen.“

Lindenberger starrte ihn verwirrt an. Normalerweise freute sich Matthias diebisch darauf, wenn Theo sein mangelndes Talent demonstrierte. Doch heute wirkte er wie ausgewechselt. In seinen Augen glomm ein seltsamer Schimmer. Er symbolisierte eine Sicherheit, die Lindenberger zurückweichen ließ. Dieser Junge wusste genau, was er tat.

,,Ich habe gesagt, Theo!“, rief Lindenberger. In seiner Stimme schwang Entsetzen mit, dessen Herkunft er selbst kaum verstand. ..Theo soll vorzeigen!“

,,Ich werde die Übung demonstrieren.“, erwiderte Matthias ruhig. Er wirkte wie eine Statue, ein Fels in der Brandung.

Die Jungen starrten ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Entsetzen an. Lindenberger verschlug es die Sprache. Er brachte nur noch ein schwaches Nicken zustande, als Matthias langsam zur Stange ging und begann, Klimmzüge zu machen. In diesem Moment verstand der Sportlehrer, dass von diesem Tage an eine Kraft in dem Schüler wohnte, die er selbst nie würde besitzen können. Eine Kraft, der er nicht ebenbürtig war.

Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (1/2)

,,Alter.“, flüsterte Ben leise. ,,Willst du das wirklich durchziehen?“

Matthias nickte entschlossen. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er fühlte wie seine Glieder in der Kälte der Furcht erstarrten. Doch er durfte sich auf keinen Fall weigern. Er würde ohne Zweifel sein Gesicht verlieren.

Es war Samstag. Ben und er hockten in seinem Zimmer und warteten auf Mitternacht. Um Punkt zwölf Uhr nachts sollte Matthias allein in ein kleines, verlassenes Dorf gehen, dass sich im Wald hinter der Stadt befand. Anja hatte dies als Mutprobe in der Schule von ihm verlangt.

Matthias konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Mutter von dem Vorhaben halten würde: Es ist viel zu gefährlich für einen fünfzehnjährigen Jungen, in der Nacht allein durch den Wald zu gehen! Betrunkene oder Diebe oder anderes Gesindel lauern einem da drin auf…

Matthias schüttelte den Kopf, um sich zu fokussieren. Nur noch zwei Minuten, dann musste er sich auf den Weg machen. Die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffernblatt hell leuchtete, erschien ihm plötzlich wie ein Sendbote des Gerichts, der ihm ein verhängnisvolles Urteil verkündete…

Todesstrafe, vollzogen in zwei Minuten…

,,Lass mich wenigstens mitkommen, Alter.“, verlangte Ben. Seine Augen suchten den Kontakt, seine Stimme klang eindringlich. ,,Fällt doch nicht auf…“

Matthias schüttelte den Kopf. ,,Irgendwer muss hier die Stellung halten, falls meine Mom aufwacht und sich fragt, was los ist. Das musst du machen, Alter.“

,,Ja, aber Alter…“ Ben schien nach Worten zu suchen, um ein seltsames Gefühl auszudrücken, das wie eine Gewitterwolke zwischen ihnen hing. Es handelte sich um ein psychisches Echo, das Gefahr verkündete. Keine logische Aussage konnte ihre Anwesenheit belegen, doch Matthias fühlte, wie seine Instinkte reagierten. Sie rieten ihm, in Sicherheit zu bleiben, hinter hohen, schützenden Mauern zu verweilen, anstatt sich leichtfertig in Gefahr zu begeben.

Gefahr, was rede ich denn? Reiß dich zusammen, du Baby!, schalt er sich selbst. Da draußen sind nur Bäume und Tiere, aber keine Verbrecher…

,,Es ist soweit.“ Bens Stimme legte sich wie ein dunkles Tuch über ihn. Seine Uhr bestätigte seine Aussage. Die zwei Minuten waren verstrichen, obwohl sie sich eher wie zehn Sekunden angefühlt hatten.

Schweigend erhob sich Matthias und ging zur Tür seines Zimmers. Leise drückte er sie auf und schlich aus dem Raum. Trotz der Dunkelheit fand er die Treppe ohne Probleme. Im Erdgeschoss schlüpfte er in eine dunkle Jacke und in warme Stiefel. Ben, der ihm geräuschlos gefolgt war, drückte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand. Matthias bedankte sich mit einem Nicken. Theoretisch könnte er auch die Funktion seines Handys benutzen, um seine Umgebung zu erhellen, jedoch zog er es vor, Akkuladung sparen zu können.

Kurz bevor Matthias die Tür öffnete, nickte er Ben zum Abschied zu. Obwohl es ihnen absurd erschien, erfüllte sie eine seltsame Furcht. Lag es am Schatten der Bäume, die nur wenige Meter hinter Matthias’ Elternhaus das Gras in Dunkelheit tauchten? Oder am Wispern der Blätter im Wind, das trotz geschlossener Fenster auf abstruse Weise seinen Weg zu den Ohren der Jungen gefunden hatte?

Keiner von beiden wusste es.

Matthias’ Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er folgte einem schmalen Weg, der sich, von Blättern und Tannennadeln bedeckt, kaum vom restlichen Waldboden unterschied. Lediglich die starke Lampe in seiner rechten Hand bewahrte ihn davor, den Pfad zu verlieren.

Seine Gedanken wurden vom Gefühl der Gefahr, das sein Herz wie eine eisige Klaue umklammerte, nahezu erstickt. Die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt, marschierte er leicht geduckt durch die nächtliche Landschaft. Sein Atem bildete vor ihm in der Luft Rauchwolken.

Matthias konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er sich seinem Zielort näherte: einer großen Waldlichtung, die von baufälligen alten Häusern ausgefüllt wurde. Anja hatte grinsend von ihm verlangt, dort ein Video mit seinem Handy zu drehen und außerdem ein Holzstück von einem der Gebäude mitzunehmen.

Wieso habe ich Trottel mich darauf eingelassen?

Die Frage fegte wie ein plötzlicher Windstoß durch sein Gehirn. Er blieb stehen. Das Licht der Lampe in seiner Rechten entrang der Finsternis ein vermodertes Holzschild, das umgeworfen im Gras lag.

Ich kann jetzt nicht umkehren. Ich muss weitermachen.

Als er sich langsam wieder in Bewegung setzte, kam ihm ein Horrorfilm in den Sinn, den er erst vor Kurzem gesehen hatte. Die Protagonistin war in einer kalten Nacht wie dieser von einem verrückten Massenmörder überrascht worden. Der Mann lauerte halb verborgen im Gebüsch, versteckt durch die Dunkelheit und seinen Mantel, die Axt ruhig in der Hand. Er beobachtete sein Opfer, leckte sich in stiller Vorfreude über die Lippen, bis er schließlich des Wartens überdrüssig war. Wie ein Raubtier schoss er aus der Barriere aus Finsternis und fiel die Protagonistin an.

Das ist doch nur ein Film, Blödmann!

Trotzdem konnte sich Matthias eines Gefühls durchdringender Furcht nicht erwehren. Während er mit zitternden Knien das verlassene Dorf betrat, erfüllte ihn die nie gekannte Sicherheit, beobachtet zu werden.

Lauf!, rieten ihm seine Instinkte. Wen interessiert diese Mutprobe?

Trotzdem setzte er kontinuierlich einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Kreises aus verfallenen Gebäuden stand. Ängstlich um sich blickend, griff er mit seiner zitternden linken Hand in seine Hosentasche, in der er sein Handy mit sich trug.

Plötzlich erklang ein Geräusch, das ihn sofort erstarren ließ. Direkt hinter ihm war soeben eine Tür mit rostigen Scharnieren geöffnet worden.

O mein Gott.

Matthias vermochte kaum zu atmen, während er wie eine Statue auf dem von Gras überwuchertem Boden stand. Alles in ihm schrie danach, sofort die Flucht zu ergreifen. Doch etwas hielt ihn zurück, eine merkwürdige Kraft. Sie glich einer seltsamen Sperre, ähnlich der, die einen in Rage gebrachten Menschen am Zuschlagen hindern will. Ein letztes Echo der Zivilisation, das sich zwischen Realität und der von Zorn vergifteten Geisteswelt schiebt.

,,Sieh an.“, sprach eine Stimme hinter ihm gut gelaunt. Sie klang überraschend menschlich, jagte Matthias aber dennoch einen Schauer über den Rücken. ,,Ein Junge. Wie nett. Aber um diese Uhrzeit solltest du wirklich nicht mehr alleine herumlaufen. Seltsame Gestalten treiben im Wald ihr Unwesen…“

Wie auf Kommando drehte Matthias sich um. Er konnte die Bewegung nicht aufhalten. Sein Wille war zerschellt wie eine edle Blumenvase, die zu Boden fiel.

Zu seinem Erstaunen stand er einem schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn freundlich anlächelte. Er trug löchrige, ausgewaschene Jeans und am Oberkörper eine fleckige Weste über einem schwarzen T-Shirt. Seine schmutzigen, langen blonden Haare fielen ihm ungebunden auf die Schultern. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, die Hände steckten in den Hosentaschen.

Der Fremde wirkte lässig und auf seine Art unantastbar. Es handelte sich bei ihm um einen jener Menschen, die Matthias sich nicht als gedemütigte Opfer vorstellen konnte. Der Gedanke, diese Person könnte irgendwie Schwäche zeigen, erschien ihm völlig absurd.

,,Möchtest du nicht hereinkommen?“, fragte der junge Mann und deutete einladend auf eines der baufälligen Häuser. ,,Hier draußen ist es sehr kalt.“

Obwohl seine Furcht etwas nachließ, verspürte Matthias noch immer das dringende Bedürfnis, zu fliehen. Was, wenn er hier einem Psychopathen begegnet war, der seine Opfer im Wald suchte? Er durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.

Doch wieder erschien jene seltsame Sperre. Die Vorstellung, sich zu verweigern, erschien Matthias unsittlich und böse. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging er auf den Fremden zu.

Dieser nickte zufrieden und hielt ihm die Tür auf. ,,Nenne mich Enki. Einfach den Gang entlang, Matthias.“

Woher weiß er meinen Namen? Ein Stalker?

Die eisige Klaue der Furcht schloss sich enger um Matthias’ Herz, als er den dunklen Gang durchquerte. Das Mondlicht erhellte durch Löcher in der Decke schwach den Boden. Wie mechanisch durchquerte er den langen Korridor, Enki direkt hinter ihm. Am Ende des Ganges versperrte ihm eine Tür den Weg.

,,Einfach den Knauf drehen.“, riet ihm Enki, als er stehen blieb. Obwohl Matthias am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre, befolgte er wie selbstverständlich die Anordnung. Die Tür schwang laut quietschend auf und enthüllte einen dunklen Raum. Die einzige helle Stelle bestand aus einem runden Tisch mit einer Kerze und zwei Stühlen, die sich gegenüberstanden.

,,Fühle dich wie zuhause.“ Enki ging lächelnd an ihm vorbei und ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken. Ohne darüber nachzudenken, wählte Matthias den anderen. Kaum berührte er die Sitzfläche, erfüllte Taubheit seinen Körper. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

O Gott, was passiert hier, was wird dieser Wahnsinnige mit mir anstellen? O Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, bitte, bitte, bitte, rette mich, ich will noch nicht sterben, bitte, bitte, bitte, ich werde auch nie wieder mit jemandem streiten, bitte, bitte, bitte.

Enki betrachtete ihn interessiert über den Rand der Kerzenflamme hinweg. Der unregelmäßige Schein warf gespenstische Schatten an die Wand und verwandelte sein Gesicht in ein Schlachtfeld zwischen Licht und Dunkelheit. Erst jetzt fielen Matthias die seltsamen Augen des Fremden auf. Sie strahlten golden, doch erleuchteten sie die Umgebung in keinster Weise.

Schließlich durchbrach Enki die unheimliche Stille: ,,Ich muss schon sagen, Matthias, sehr schöne Sachen hast du da.“ Dabei glitt sein Blick über Matthias’ Kleidung. ,,I-Phone 11, Snipes-Pullover und Jeans von Tommy Hilfiger. Und erst die Schuhe…Desert Boots aus Leder…ebenfalls von Tommy Hilfiger…“ Enkis Augen wanderten zu seinem Kopf. ,,Hochgestellte Haare…Fußballer, nicht wahr?“

Matthias nickte automatisch. Er spielte im Verein und trainierte oftmals wöchentlich.

Enki nickte langsam…fast verträumt. Der seltsame Mann ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, bis sein Rücken die dünne Holzlehne berührte.

,,Erzähl mir doch mal ein bisschen von dir.“

Matthias wollte schweigen. Er litt immer noch an gewaltigen Ängsten und vollbrachte es kaum, zu atmen. Trotzdem entrangen sich seinem Mund die Worte, intimste Gedanken und Geheimnisse offenbart in der kaum erhellten Dunkelheit dieses Raumes. Enki lauschte dem Redefluss mit ruhiger Miene.

,,Ich bin Matthias, 15, Einzelkind, lebe mit meinen Eltern in Theresienfelden. Ich kicke im Verein, bin aber einer der schlechtesten von uns, obwohl ich immer behaupte, der Beste zu sein, um meine Freunde und die Mädchen zu beeindrucken. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio, damit ich fett Muskeln aufbaue, mein Bizeps ist schon echt groß, ich werde dafür echt beneidet. Meine besten Freunde sind Ben und Mert, ich hab’ auch noch’n paar Kumpels in der Klasse, alle finden mich cool und ich will auch cool sein, deswegen kaufe ich das ganze Zeugs, ich weiß, dass es Blödsinn ist, aber ich will es trotzdem, sieht voll geil aus…außerdem bin ich total in Anja verschossen, sie ist so geil, ich hab mir schon oft vorgestellt, dass wir auf ein Date gehen, aber es geht nich’ wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll und was, wenn sie nein sagt…ich hab’ richtig schlechte Noten, letztes Jahr sogar Nachprüfung, deshalb hasse ich die ganzen Streber in meiner Klasse, die sind so arrogant, wenn sie wieder davon reden wie gut ihre Noten sind, voll abartig, zum Kotzen, deshalb mache ich mich über sie lustig und verarsche sie öfters, eigentlich beneide ich sie ja, die Trottel haben keine Ahnung, wie gut sie es haben…ich habe schon oft Alkohol getrunken und oft gekotzt eigentlich finde ich ja, es schmeckt ziemlich bescheuert, aber naja…ich will, dass die anderen mich cool finden und ich habe sonst nichts, wo ich mein Selbstvertrauen herkriege, ist echt blöd, aber naja…meine Eltern wollen ständig, dass ich lerne, sind echt voll nervig, sie nehmen mir immer wieder mein Handy weg, weil sie denken, dass ich zu viel damit mache und naja…sie wollen mich in den Ferien in so ein Lerncamp schicken, wo man die ganze Zeit Bücher liest und so anderes Scheißzeug ist echt zum Kotzen…außerdem wollen sie mir nichts zum Geburtstag mehr schenken, wenn ich in Englisch nicht mindestens einen Dreier schaffe…echt zum Kotzen, ich will mir einreden, dass ich sie hasse, obwohl ich sie irgendwie verstehen kann, aber trotzdem, ich will nicht lernen, ich kann nicht, ich werde in so was nie gut sein, ist echt zum Kotzen…“

Enki hob ruhig die Hand. Wie durch Zauberhand schloss sich Matthias’ Mund und der Redeschwall endete. Einen Moment lang versank die Angst in einer Flut aus Peinlichkeit, die ihn zu ersticken drohte. Er hatte diesem Fremden soeben alles über sein Leben verraten, sogar Dinge, die er selbst nicht wusste.

Oder die ich mir nicht eingestehen wollte.

Der Gedanke erfüllte mit einem Mal Matthias’ Kopf, wirkte aber nicht, als stamme er von ihm.

Enki räusperte sich. Er sah Matthias ernst an. Seine goldenen Augen schienen dabei bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Schließlich sagte er:

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

© 2020 Schreibkommune

Theme von Anders NorénHoch ↑

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.  Mehr erfahren