Schreibkommune

Autorinnen und Autoren im Netz

Monat: Februar 2019

Höhlenwahnsinn

Die Dunkelheit vibriert, sie ist schwärzer als schwarz und tief. Sehr tief. Die Erde um mich herum grollt, wie ein schwarzes Loch, um das jeder einen vernünftigen Bogen macht. Nur ich nicht. Ich bin direkt hineingeraten in diese unerforschte Dunkelheit, die meinen Sinnen die Funktion raubt und ihnen schaurige neue Wahrnehmungen andichtet.
Ich starre in die undurchdringliche Masse vor mir und irgendwann sehe ich kleine Partikel, sie tanzen wie wirbelnder Staub um mich herum, sie durchdringen mich und ich rätsele, ob ich aus ihnen gemacht bin. Die Befürchtung steigt in mir auf, dass ich mich in der tiefen Dunkelheit aufgelöst habe, ein Teil von ihr oder vollkommen sie geworden bin. Wo sind meine Kanten? Meine Hände vor mir grenzen sich nicht ab, ich kann sie nicht erkennen. Oder doch? Bin ich das vielleicht schlicht alles um mich herum?
In mir tobt etwas. Etwas nie Gekanntes, etwas Beängstigendes, etwas Mächtiges. Mit unbeirrter Gewalt durchfährt es mich, es durchzuckt mich wie ein Lichtblitz den Himmel, lässt es in meiner Kehle gurgeln, bevor sie sich zuschnürt und mir die Luft zum Atmen nimmt. Irritiert schnappe ich nach Luft, nicht in der Lage zu begreifen, was hier gerade geschieht. Diese eindeutige Übermacht unterdrückt meine Angst. Angst hat der Mensch nur vor dem, was er nicht kennt. Was er nicht einzuschätzen vermag. Die identifizierte Gefahr, die klare Willkür lässt mich nicht zittern. Sie lässt mich kampflos aufgeben, lässt mich ergeben in mein Schicksal auf das Unausweichliche warten.
Meine Beine pulsieren, mein Herz pocht schnell. Ist das Aufregung? … Neugier? Bin ich etwa neugierig auf mein eigenes Ende? Noch nie zuvor in meinem Leben habe ich mich in derartiger Klarheit über mich selbst befunden. Alle meine Sinne sind nach innen gekehrt, ich spüre nichts, außer mich selbst, ich rieche und sehe nur in mich hinein. Was ist das, dieses Ich? Ist es die Dunkelheit? Ist das nicht ganz natürlich, dass es so kommt, wie es kommen musste? Hatte ich jemals die Möglichkeit, mich so auszubreiten, wie ich es jetzt gerade mache? Obwohl ich dastehe, die Arme um den Körper geschlungen, die Beine geknickt. Nein, in der Dunkelheit bin ich nicht mehr der Körper. Da bin ich etwas anderes, etwas größeres. Da bin ich das, was eingesperrt in mir nur dann und wann mal zum Vorschein kam, um so schnell wie möglich wieder zu verschwinden.
Ach, du willkommene Tiefe, herrliche Schwärze, wie habe ich dich gemieden und bereue es, nun da ich verstehe, dass in dir die Lösung liegt. Fürchtete ich mich deshalb vor dir? Weil ich wusste, was du verbirgst in deinem undurchdringlichen Mantel, den man nur erforschen kann, wenn man ihn sich selbst umlegt?
Es ist seltsam. Jetzt, da ich weiß, dass du ich bist, dass du mit mir tun kannst, was immer du willst, und dass ich keinerlei Macht habe, mich zu behaupten, fühle ich mich wohl. Ich lehne mich zurück in diese schmeichelnde Gewissheit, die ich stets ersehnt und doch nie gefunden habe. Ist es das, was mich so unglücklich gemacht hat? Die Ungewissheit über mich selbst? Die vergebliche Suche der einzigen Lösung außerhalb meines eigenen Ichs?
Stille.
Ich brauche keine Antwort.
Irgendwo zieht mich ein Seilzug aus der Schwärze heraus. Jetzt spüre ich es wieder: die Plattform unter meinen Füßen, die mich trägt, die Gitter um mich herum, die mich dort oben eingesperrt haben und dort unten die reinste Form der Freiheit bedeuteten, die ich jemals gespürt habe. Ich möchte nicht nach oben, nicht hinaus in diese Welt, in der ich nicht bestehen kann, die mich nicht liebt. Die Dunkelheit wird lichter. Ich blicke auf schwarze Hände und auf enge Wände um mich herum. Unter mir liegt ein kleiner Sack mit edlen Steinen, die in der tiefen Dunkelheit genau denselben Wert hatten wie ich. Ich schließe die Augen und jetzt sehe ich es wieder: kleine tanzende Partikel, weite Tiefen, undurchdringliche Dunkelheit. Ich sehe mich und lächle.
Eine Hand zeigt auf mich und ich höre jemanden sagen: „Schau mal, wie der grinst. Irgendwann werden die alle irre. Hol den Nächsten und schaff den da weg!“

Aufrufe: 2

Der Traum vom Drachen

von Pia G.

“Ich hatte einen ganz fantastischen Traum letzte Nacht”, posaunt Herr Deuter in die allmorgendliche Stille am Frühstückstisch hinein. Er runzelt daraufhin kurz die Stirn, scheint zu überlegen, wie genau der Traum wohl war und bemerkt nicht, wie Frau Deuter, die ihm gegenüber sitzt, die missbilligenden Augen verdreht. Zum Glück hat er die Vorhänge an der Fensterfront nicht wieder aufgezogen; zum Glück für ihn. Er nimmt einfach keine Rücksicht auf sie, und deswegen hat er es auch mal verdient, ihre Launen auszubaden.. Sie säbelt weiter gewalt- und schweigsam an ihrem Brötchen herum, das sie trocken mit fettarmem Käse belegen wird; ihre Freude darüber hält sich in Grenzen. Genauso wenig wie über Gespräche am Morgen vor ihrem dritten Kaffee – ihre Gedanken springen sofort weiter. Ohne Sahne und ohne Zucker; keine überflüssigen Kalorien. Sie musste sich erst an den beerig-bitteren Geschmack gewöhnen, aber jetzt kann sie ihn trinken, ohne mit der Wimper zu zucken. Kalorien sparen, das macht auf eine gewisse Art und Weise sogar Spaß, denkt sie und lächelt ein grimmiges Lächeln, das sich schon in ihr von fülligen Hängebacken dominiertes Gesicht eingegraben scheint. Nur auf das Kohlessen mit ihren alten Freundinnen im Restaurant, da freut sie sich drauf; da wird sie nicht drauf verzichten. Besonders nicht auf die Pinkel und den Kassler. Ihr läuft jetzt schon das Wasser im Mund zusammen.

“Ich saß auf einem Pferd und ritt durch eine tiefe Schucht. Ich glaube, ich hatte eine Rüstung an, hielt ein Schwert in der Hand und trug einen Schild auf dem Rücken. Auf einmal sah ich dann etwas aus dem Himmel auf mich zustürzen”, unterbricht ihr Mann ihren Gedankengang mit einem Redeschwall. Finster starrt sie wieder ihren Gatten an, all ihre nicht gerade wohlwollende Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet und knurrt, als er eine Kunstpause einlegt: “Kann man denn nicht einmal seinen Morgenkaffee in Ruhe trinken?”

Herr Deuter scheint davon nicht sehr beeindruckt und schaut sie leicht verärgert an.

Das kennt sie ja gar nicht von ihm. Sonst zieht er sofort den Schildkötenhals ein, wenn sie ihn so anpflaumt.

Also setzt sie noch einen drauf: “Ich hatte auch einen Traum, aber muss ich das gleich erzählen? Nein! Schließlich ist ein Traum nichts weiter als zusammengewürfelter Humbug, den man gleich getrost wieder vergessen sollte.”

Kurz muss sie an den Traum denken, den sie tatsächlich hatte.

Ihr waren Schuppen gewachsen, ein langer Hals und … ja, ledrige Flügel. In ihrem langen Rachen hatte es dauernd gekratzt. Auf einmal hatte sie den Drang verspürt, sich zu bewegen, was sie aus ihrem wahren Leben nie kennengelernt hatte. Also war sie aus der dunklen Höhle gekrochen, in der sie sich wohlfühlte und hatte sich, schließlich im grellen Sonnenlicht, von dem Bergvorsprung abgestoßen, aus einem Instinkt heraus … und sie war durch die Lüfte geglitten … was für ein Gefühl. Irgendwann kurz danach hatte ihr Magen geknurrt und sie hatte den weit entfernten Boden nach etwas abgesucht, das sie jagen und verspeisen konnte. Es dauerte nicht lange, und da blendete sie etwas, was sie sehr wütend machte. Also schoss sie, ohne groß zu überlegen, dem Boden entgegen.

“Ich hob mein Schwert”, hört Frau Deuter wie aus weiter Ferne.

“Und wollte das Vieh abwehren, doch es krachte in mich hinein und ich fiel vom Pferd, flog einige Meter weit, landete aber weich in irgendwelchen Ranken. Ich schaltete schnell und schnitt ein paar der Ranken ab, denn natürlich hatte ich schon gemerkt, was für ein Monster mir da gegenüberstand.”

Sie hatte sich schließlich auf dieses blitzende, blendende Etwas gestürzt, es jedoch nicht mit dem Maul zu fassen gekriegt. Sie war auf die Erde gestürzt und hatte sich ein paar Mal überschlagen. Sie schoss öfter etwas übers Ziel hinaus, fiel ihr ein.

Als sie das Ding wieder im Visier hatte, schnellte sie wieder mit vor und wollte es verschlingen, doch irgendwie war es ihm gelungen, etwas um ihre Schnauze zu schlingen.

Er hielt sich und dieses Etwas an ihr fest, und egal, wie doll sie mit dem Kopf herumwirbelte, er ließ sich nicht abschütteln. Aus tiefster Wut auf dieses Wesen heraus versuchte sie, ihre Nummer abzuziehen, die nur sie und ihre Brüder und Schwestern abziehen konnten. Sie ließ das Kratzen in ihrem Hals anschwellen, es hinaufwandern, bis zu ihrem Maulraum und – nichts passierte. Das Feuer, das dieses Ding rösten sollte, kam bloß als Rauchwölkchen aus ihren Nüstern heraus.

Sie war völlig eingeschränkt in ihren Fähigkeiten, dieses Wesen zu töten. Es befestigte nun auch noch diese Pflanzen an ihrem Maul und brachte einige Entfernung zwischen sich und sie. Sie kochte vor Wut, konnte aber nichts machen.

“Ich habe tatsächlich einen Drachen besiegt, glaubst du das, Gerlinde?”

Gerlinde will gerade sagen, dass er KEINEN Drachen besiegt hat, weil es ein verdammter Traum war, aber sie bringt keinen einzigen Laut über die Lippen. Ihr Mund klappt auf und zu, doch ihre Stimme gehorcht nicht mehr. Sie versucht, sich an die Kehle zu fassen, doch auch ihr Arm bewegt sich nicht. Der Kaffee läuft ihr das Kinn hinunter und schließlich und endlich endet das Trauerspiel, als sie vom Stuhl kippt.

Aufrufe: 2

Abschied

Ich fülle die heiße Suppe in eine Schnabeltasse.
Der Physiotherapeut ist vor ein paar Minuten gegangen. Meist schläfst du nach der Behandlung ein Weilchen, ich brauche mich also nicht zu beeilen. Ich hole mir einen Teller aus dem Schrank, schöpfe mir etwas Suppe aus dem Topf und esse im Stehen, während ich aus dem Fenster schaue. Normal hätten wir bei diesem herrlichen Wetter auf der Terrasse gedeckt.
Doch normal ist nichts mehr seit deinem Schlaganfall vor einem Jahr. Erst sah alles sehr gut aus. Du hast schon wieder Pläne gemacht für die Zeit nach dem Krankenhaus, doch dann kam der zweite Schlag. Du, ein Pflegefall für den Rest deines Lebens? Damals habe ich es nicht geglaubt. Und auch heute habe ich oft noch Mühe  zu akzeptieren, dass du nie mehr aufstehen, nie mehr sprechen wirst.
Ich stelle den leeren Teller in die Spülmaschine und nippe an deiner Tasse. Ja, die Temperatur ist perfekt. Als ich die Türe zu deinem Zimmer öffne, schläfst du noch. Sanft streichle ich dir über die Wange.
„Zeit fürs Abendessen, Gerd“, sage ich und setze mich auf den Stuhl neben deinem Bett. Du öffnest deine Augen, schaust mich an und lächelst. Es ist ein schiefes, einseitiges Lächeln das mich schmerzt und doch tief berührt. Ich zeige dir die Schnabeltasse und will gerade aufstehen um das Kopfteil deines Bettes hochzustellen, als mich dein Blick aufhält. Wir haben vor deinem Schlaganfall schon oft über Blicke kommuniziert. Und seit du nicht mehr sprechen kannst, haben wir das geübt. Meist verstehe ich dich auch ohne Worte sehr gut.
Deine Augen sagen mir, dass du nie mehr Suppe essen wirst. Es dauert einen Moment bis ich begreife. Dann füllen sich meine Augen mit Tränen. Du zwinkerst zwei Mal, was einem bestätigenden Nicken gleichkommt und bist sichtlich erleichtert, dass ich dich auf Anhieb verstanden habe. Ich öffne meinen Mund und schließe ihn wieder. Es gibt keine Worte für das, was ich sagen möchte.
Ich nehme deine gute Hand. Ganz schwach fühle ich deinen Händedruck. Ruhig und gelassen schaust du, wartest geduldig bis meine Tränen versiegen. Nach einer Weile hauche ich dir einen Kuss auf die Nasenspitze. Du hast ja Recht. Wir hatten ein gutes und auch langes Leben. Und nun ist es Zeit für dich zu gehen.
Ich stehe auf und öffne das Fenster. Kühle Abendluft strömt herein. Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Ich schüttle dein Bett auf und vergewissere mich, dass du es bequem hast.
Unsicher schaue ich dich an. Soll ich bei dir bleiben? Oder möchtest du alleine sein? Deine Augen bitten mich zu bleiben.
Ich stelle den Stuhl zur Seite und ziehe mir den bequemen Sessel nahe an dein Bett. Als ich wieder sitze, sehe ich, dass dir die Augen zugefallen sind. Ich nehme deine Hand und streichle sanft über deinen Handrücken. Es wird nur eine kurze Trennung werden. Etwa so wie damals, als wir für zwei Jahre nach Hongkong  gezogen sind. Du bist vorausgefahren, hast uns eine Wohnung gesucht und dann bin ich nachgekommen. Und auch diesmal gehst du voraus und ich werde dir folgen, wenn meine Zeit gekommen ist.
Es wird dunkel im Zimmer. Draußen zirpen die Grillen. Irgendwann schlafe ich ein. Als ich aufwache, bist du schon fort.

Aufrufe: 2

Gottes Hammer IV

Aus den Schatten trat der Inquisitor Medardus. Im rötlichen Schein funkelten seine Augen wie blutige Sonnen. Saskia bemerkte, dass sich der Schatten seines Mauritiusstabs am Boden zum grotesken Abbild eines missgestalteten Arms verzerrte. Ein Schauder ließ sie erzittern.

„Ihr?“, rief Teshin erstaunt. „Seid Ihr etwa auch wegen des Dämons hier?“

Trotz der fehlenden Feindseligkeit in seiner Stimme ließ er Murakama nicht sinken. Saskia tat es ihm nach. Was tat Medardus hier, in einer verfluchten Kirche? War er tatsächlich wegen des Dämons hier? Aber weshalb benötigte der Bürgermeister Söldner, wenn die Denomination sich der Sache bereits annahm?

Medardus hob beschwichtigend seine freie Hand. Er deutete auf seinen von der Maske verborgenen Mund und dann auf das Allerheiligste hinter ihnen. Teshins Augen verengten sich zu Schlitzen. „Was wollt Ihr damit sagen?“

Medardus wiederholte die Geste langsam. Saskia verstand. Er spielte auf eine volkstümliche Legende an, nach der die stummen Inquisitoren im Allerheiligsten einer Kirche ihre Stimme wiedererlangen konnten. Wie Saskia bestens wusste, handelte es sich dabei nicht nur um eine Geschichte.

Teshin schien weniger informiert zu sein. Dennoch trat er zur Seite und deutete auf den schmalen Raum zwischen Statue und Wand. „Tut Euch keinen Zwang an.“ Er verbannte das Misstrauen nicht aus seiner Stimme. Murakamas blauer Schein stemmte sich stur gegen das bedrohliche rote Licht.

Medardus nickte und setzte sich in Bewegung. Der Mauritiusstab erzeugte ein monotones Klopfen von Holz auf Stein, während sein Träger auf sie zukam. Saskia konnte ihren Blick kaum vom Schatten des Inquisitors lösen. Das rote Licht warf ihn bis an die gegenüberliegende Wand und wandelte ihn bis zur Unkenntlichkeit. Kurz erschien ihr das so erzeugte Abbild wie ein gehörnter Dämon mit mächtigen Flügeln und geöffnetem Maul. Dann trat Medardus vor eine Säule und der Schatten verschwand in noch größerer Dunkelheit.

Saskia wechselte einen Blick mit Teshin. Die Stille grub sich wie eiskalte Klauen in ihre Herzen. Sie wirkte wie die Ruhe vor dem Sturm. Am liebsten hätte Saskia dem Inquisitor mit den lodernden Augen ein Ende bereitet. Nur würde man sie für einen solchen Mord gnadenlos verfolgen.

Endlich erreichte Medardus das Allerheiligste. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, trat er an die Engelsstatue heran und hob den Stab. Saskia umklammerte ihre langstielige Axt fester. Dieses Ritual war ihr bekannt. Sie fühlte die heilige Magie, die sich um den Inquisitor sammelte.

Einen Moment später wandte er sich zu ihnen um. Seine Stimme klang gedämpft und dunkel durch die schützende Maske, als er zu sprechen begann.

„Darf ich erfahren, wer ihr seid?“

Saskias Mut sank, als ihre Vergangenheit sie plötzlich einholte. Sollte er sie erkennen, hätte das katastrophale Folgen.

Teshins Augen weiteten sich überrascht. Offenbar war ihm diese Anwendung der Magie gänzlich unbekannt gewesen. Saskia musste es ihm hoch anrechnen, dass er sich schnell fing und seine Bereitschaft nicht aufgab. Murakama schien sogar ein wenig heller zu glühen.

„Dieselbe Frage könnte ich Euch stellen.“, erwiderte Teshin schlagfertig. „Meines Wissens nach müsste sich der Inquisitor Medardus in Aminas aufhalten. Könnt Ihr beweisen, dass Ihr kein Hochstapler seid?“

Medardus’ Augen verengten sich zu Schlitzen. Kurz zerteilte ein wütender Blitz seinen lodernden Blick. Saskia schluckte. Offenbar war dies nicht die Antwort, die er hören wollte.

Medardus hob drohend den Mauritiusstab. „Ich muss mich vor Gesindel nicht erst rechtfertigen! Vielmehr möchte ich wissen, welch unheiliges Ansinnen euch nachts an diesen geweihten Ort verschlägt!“

Teshins Hand umklammerte Murakama so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.

„Ich denke nicht, dass wir die Unheiligen sind.“, sagte er leise und drohend. Saskia warf ihm einen beeindruckten Blick zu. Er klang gefährlicher als jeder Dämon.

„Soll das eine Anschuldigung sein?“ Medardus’ Stimme hallte durch das Gotteshaus wie Donnergrollen. Er sammelte Magie. Saskia hob ihre Axt. Unwillkürlich wich sie einen Schritt zurück. Ein Kampf gegen ein hochrangiges Mitglied der Denomination würde ihnen mehr schaden als nutzen.

„Wie erklärt Ihr mir dieses rote Licht?“, fragte Teshin unbeirrt. Murakama glomm heller.

Medardus antwortete nicht. Stattdessen flammten seine Augen feuerrot auf. Der Inquisitor hob eine Hand und bewirkte eine mächtige Entladung der gesammelten Magie.

Der Angriff traf sie nicht unvorbereitet. Teshin trat schützend vor Saskia und stemmte sich gegen die Welle. Murakamas Licht bildete eine glitzernde Barriere, die Teshin einhüllte.

Medardus wartete den Konter nicht erst ab. Stattdessen hob er den Mauritiusstab über den Kopf und rammte ihn gegen den Boden. Die Erde erzitterte, sodass Teshin und Saskia um ihr Gleichgewicht rangen. Medardus löste seine Hände von dem Stab und faltete sie wie im Gebet. Anstatt der Schwerkraft nachzugeben und zu Boden zu fallen, blieb der Stab vor ihm senkrecht stehen. Saskia betrachtete ihn angstvoll. Diese Kampftechnik war ihr ebenfalls nicht unbekannt.

Medardus begann zu singen. Saskia erkannte die Worte der alten Sprache Teshin antwortete mit einem lauten Kampfschrei, der durch Mark und Bein ging. Ihr Gefährte stürzte sich auf den betenden Mann, Murakama auf abstrus schnelle Weise um sich wirbelnd. Kurz schienen blaue Flammen ihn zu umgeben. Doch bevor er den Inquisitor richten konnte, erschien mit einem Mal eine leuchtende Barriere um den Geistlichen. Murakama prallte von dem heiligen Gebilde ab. Teshin landete mit einem schmerzvollen Grunzen auf dem Rücken.

Saskia wusste, dass sie diese Verteidigung mit ihrer Axt nicht würde durchdringen können. Doch mussten sie diesen Kampf schnell beenden, bevor Medardus seinen Angriff ausführte. Wie sie wohl wusste, sammelte er durch seinen Gesang Magie.

Saskia starrte ihre Axt an. Ihr blieb nur noch eine Möglichkeit. Sie musste ihr wohlbehütetes Geheimnis preisgeben. Wenn dies geschah, würde Medardus Bescheid wissen. Dies bedeutete ein Leben auf der Flucht, fernab aller Städte.

Doch wenn sie nun nicht die Initiative ergriff und handelte, würde der Geistliche sie und Teshin töten.

Während sie den verborgenen Mechanismus ihrer Axt betätigte und die darin verborgene Waffe herauszog, erlitt ein Teil ihrer selbst den Tod. Ein anderer hingegen, der seit langen Jahren vom Staub der Zeit bedeckt am Grund ihrer Seele angekettet lag, erwachte zu neuem Leben.

Dieser Teil war es, der ihre Hand führte, als sie ihren alten Mauritiusstab über den Kopf hob und gegen den Boden schlug wie kurz zuvor Medardus.

Diesmal riss das Erzittern des Bodens Teshin von den Füßen. Ihr Gefährte starrte sie mit offenem Mund an, Murakama glitt aus seiner Hand.

Ja, Teshin, dachte Saskia, ich bin eine Inquisitorin.

Als sie zum ersten Mal seit vier Jahren nach der heiligen Magie griff, fühlte sie wohliges Erschaudern. Ein warmes Gefühl durchfuhr ihren Körper wie sanft züngelndes Feuer. Die Empfindung stieß bis zu ihrem Hals vor, wo sie in einer Explosion wohltuender Funken gipfelte.

Zum ersten Mal seit vier Jahren sprach Saskia.

Saskias Stimme kratzte nach ihrem langen Fernbleiben im Hals und ihre Zunge fühlte sich träge an, so als wäre sie nach ihrem Erwachen noch schlaftrunken. Doch die Worte des Chorals der Sieben Höllen kamen ihr ohne Zögern über die Lippen. Saskia erfüllte eine Mischung aus Erleichterung und Abscheu, dass sie sie alle noch kannte. Wahrscheinlich würde sie den genauen Ablauf niemals vergessen.

Der Choral der Sieben Höllen wurde von den Mitgliedern der Denomination in der Regel vermieden und blieb den Inquisitoren vorbehalten, die ihn ebenfalls nur in Notsituationen nutzen durften. Denn er berichtete nicht von der Größe Gottes und vom Glauben, sondern erzählte die Geschichte von sieben Königen, die sich gegen das Licht auflehnten und dafür in die ewige Dunkelheit verbannt wurden. Passend dazu umfasste er sieben Strophen, jede einem anderen König zugeordnet. Ihre ursprünglichen Namen hatte die Geschichte der Vergessenheit geopfert, heute kannte man nur noch ihre Bezeichnungen als Dämonen. Alles dies berichtete der Choral in einer der alten Sprachen. Keinem Menschen war es gestattet, diese Worte auszusprechen. Nur die Inquisitoren blieben eine Ausnahme, da sie ihre Stimmen geopfert hatten.

Medardus war ihr eine Strophe voraus, doch würde er ihre eigene Schutzbarriere mit dem auf das Ende des Chorals folgenden Angriff nicht durchdringen können. Saskia befand sich in einer günstigen Position. Wenn Medardus den Choral beendete, verschwand auch seine Verteidigung. Eine Strophe später würde Saskia ihn zu Fall bringen.

Doch der Inquisitor nahm ihre Geheimtechnik gelassener auf als Teshin. Er verlangsamte seinen Gesang. Saskia tat es ihm nach, so gut sie konnte. Dennoch verringerte Medardus sein Tempo weiter, ohne den Choral zu beenden. Nach wie vor befand er sich in der vierten Strophe, während Saskia bereits deren ersten Vers begann. Anspannung überkam sie. Ihre einzige Hoffnung bestand wohl darin, ihn soweit zu überholen, dass sie ihre Schutzbarriere aufgeben und noch einmal von vorn anfangen konnte. Sofort beschleunigte sie ihren Gesang. Doch Medardus begriff ihr Ansinnen und eiferte ihr erbarmungslos nach.

Es entbrannte eine gnadenlose Hetzjagd, einmal schneller, einmal langsamer, in der jeder von ihnen versuchte, den jeweils anderen in eine ungünstige Position zu drängen. Schon bald fühlte Saskia Erschöpfung. Ihr Hals schmerzte durch die ungewohnte Beanspruchung ihrer Stimme und sie fühlte einen nahenden Hustenreiz. Wenn sie ihm nachgab und dadurch den Choral beendete, hätte Medardus gewonnen. Sie befanden sich bereits in der siebten Strophe.

Vers für Vers sangen sie weiter. Obwohl Saskia verzweifelt versuchte, ihre Geschwindigkeit zu verringern, blieb Medardus stets einige Worte hinter ihr zurück. Diesen Wettstreit konnte sie nicht gewinnen.

Schließlich kam das letzte Wort über ihre Lippen und Saskia brach erschöpft zusammen. Während ihre Schutzbarriere sich auflöste, richtete sie die angesammelte Magie mit letzter Kraft gegen Medardus. Doch wie erwartet prallte der Angriff von seinem Schild ab.

Triumph erhellte Medardus’ Blick. Sein letzter Vers ließ die Kirche erbeben. Die Barriere verschwand und ein Nexus aus heiliger Magie erschien um ihn herum. Er hatte weitaus mehr Kraft inne als Saskias.

Ein einziger Schweißtropfen benetzte ihren Rücken wie ein Zeuge ihres wild hämmernden Herzens. Bald würde es verstummen.

Plötzlich teilte ein blauer Blitz die Luft und Teshin attackierte Medardus. Der Inquisitor antwortete mit der gesammelten Magie. Doch ihr Gefährte tauchte lässig unter der mächtigen Druckwelle hinweg, die eine der Sitzbänke in Stücke sprengte. Medardus wich zurück und hob den Mauritiusstab. Heilige Magie ummantelte das geweihte Holz. Als Murakama auf die schlichte Waffe prallte, stoben Funken. Eine Druckwelle zerzauste Saskias Haare. Ihre Hände zitterten. Sollte sie versuchen, einen neuen Choral zu beginnen? Sie bezweifelte, dass sie die nötige Kraft aufbringen konnte.

Teshin schien ihre Unterstützung ohnehin nicht zu benötigen. Murakamas schimmernde Klinge verschwamm vor ihren Augen zu einem blau leuchtenden Kreis, der das rote Licht zerschnitt. Medardus parierte unbeholfen. Wütend fauchte er ein heiliges Wort, das Teshin verlangsamen sollte. Doch ihr Gefährte lächelte spitzbübisch. Ein Lichtblitz von Murakama hob den Bann auf.

„Jetzt ist Schluss!“, rief Teshin. Mit einem einzigen Hieb stieß er Medardus mit derartiger Kraft gegen die Wand, dass der Inquisitor aufstöhnte und zusammenbrach. Ein zweiter Angriff schlug ihm den Stab aus der Hand.

Saskia erhob sich schwankend. Beeindruckt erkannte sie einige Risse, die sich hinter dem Inquisitor durch die Wand zogen. Teshin hatte sich wahrlich nicht zurückgehalten.

„Ihr schuldet uns eine Erklärung.“, sagte sie zu dem Inquisitor. Bevor sie ihre Stimme erneut verlor, wollte sie ihren Klang noch sooft wie möglich hören.

Medardus starrte sie hasserfüllt an. Plötzlich ertönte in der Ferne ein Glockenschlag. Teshin runzelte die Stirn. „Hier ist doch weit und breit keine andere Kirche in der Nähe.“

Saskia teilte seine Verwirrung. Kurz warf sie einen Blick durch die Buntglasfenster in das rote Licht. Der Anblick ließ ihr Herz gefrieren.

Die Silhouetten unzähliger Menschen drängten sich von außen an die kunstvollen Darstellungen. Lautes Stöhnen hallte durch vereinzelte Ritzen in das Gotteshaus. Saskia sah eigenartig dünne Arme, die an den Fenstern kratzten. Woher kamen diese Leute?

Teshins Gesicht wurde aschfahl. Mit unterdrücktem Zittern richtete er Murakama auf Medardus. „Was hat das zu … was zum … ?“

Medardus war verschwunden. An seiner Stelle hockte ein mageres junges Mädchen an der Steinmauer und sah sie trotzig an. Es war ungewöhnlich blass und betrachtete sie aus rot leuchtenden Augen. Saskia rang nach Luft, als sie auf seinem Kopf zwei Hörner erkannte. Sie stießen wie Klingen durch die langen schwarzen Haare des Mädchens in die rötlich schimmernde Luft.

Teshin wich entsetzt zurück und hob Murakama. Saskia war wie erstarrt. Sie konnte ihren Blick nicht von der Person vor ihnen abwenden.

Das Mädchen regte sich nicht, sondern sah sie unbeirrt an. Bevor Saskia das Wort ergreifen konnte, vernahm sie plötzlich das Splittern von Glas.

Aufrufe: 35

… doch Petrus fand den Schalter nicht

Dieser kleine Text ist im Rahmen unserer letzten Schreibübung entstanden, wo es darum gehen sollte, einen Charakter unserer Wahl in einen dunklen Raum zu sperren und anschließend darzustellen, was unter diesen heiklen Umständen mit ihm passiert.
Das diese Aufgabenstellung sehr dehnbar sein kann, zeigt der nun nachfolgende Text. Viel Spaß beim Lesen und möge euch der Himmel nicht auf den Kopf fallen!



Scheiße, ist das dunkel! Ganz ruhig jetzt, Petrus, altes Haus. Tief durchatmen. Bloß nichts überstürzen. Trotz dieser wahnwitzigen Vorsätze, stolperte er noch im nächsten Moment über etwas am Boden liegendes. Ein gezischter Fluch flog über seine Lippen, dann musste er glucksen. »Und du hast den Leuten wirklich erzählt, du hättest das Licht als erstes erschaffen, ja? Die glauben auch wirklich alles, was man ihnen serviert. Sogar wenn sie nicht einmal wissen, was Licht überhaupt sein soll. Der Gott, der hat das gemacht, schon gewusst? Na klar!« 

Mühsam erhob sich Petrus vom Boden und kniff angestrengt die Augen zusammen. 
Das pechschwarze Wasauchimmer, in dem er sich gerade befand, bot scheinbar genügend Möglichkeiten, um sich ordentlich zum Volldeppen zu machen. 
Sein launischer Arbeitgeber verbesserte diese verzwickte Situation nicht wirklich. »Die altägyptische Abteilung hat angerufen. Ein Herr Ra fordert dringend Licht«, hieß es seitens der Chefetage.
Nun durfte Petrus wieder für die Nachbarabteilung schuften, obwohl er sich doch auf sein Kerngeschäft konzentrieren wollte. 
Kein Wunder, dass dieser Saftladen nicht läuft.
Der Heilige ließ es zu, dass ein Seufzer über seine Lippen wich. Dann tastete er sich vorwärts durch die Dunkelheit. Petrus war sich nicht einmal sicher, ob das ein Boden war, auf dem er gerade wandelte, oder doch nur eine weitere überirdische Konsistenz. 
Bei dem Strukturwandel in letzter Zeit schien nichts mehr gewiss. 
So irrte er eine unendliche Unendlichkeit durch das triste Schwarz. 
Aber irren ist nun einmal menschlich oder nicht?
Die Antwort darauf kannte wohl nur sein Arbeitgeber…

Plötzlich summte eine eingehende Nachricht durch Petrus Kopf. Genervt stöhnte er auf. 
»Geschichtsabteilung hier, ein Herr Hades beanstandet, dass immer noch nicht notariell beurkundet wurde, dass er bereits vor Gott existiert hat«, summte es durch seinen Schädel.
»Wenden Sie sich mit derlei Anliegen bitte an unser Sekretariat, ich bitte um Ihr Verständnis.« Petrus legte auf und atmete tief ein und aus. 
Das ist die Dunkelheit. Kein Vitamin D mehr. Ich kriege hier drin noch Zustände. 
Was brachte sein Job nur für Strapazen mit sich? Noch fünf Jahre und er lief endgültig auf dem Zahnfleisch. Doch bis er in Ruhestand gehen konnte, musste Gott erst noch einen Himmel und rechtliche Rahmenbedingungen für einen Einlass in ebendiesen erschaffen. Petrus befürchtete, dass hier vermutlich noch eine Menge Papierkram auf ihn zukommen würde. 

Zähneknirschend pirschte er sich vorwärts. 
Irgendwo hier muss doch der Schalter sein?
Langsam aber sicher zweifelte er an sich selbst. 
Viermal links abbiegen, dann an der Gabelung rechts halten. Oder andersherum? Aber welche Gabelung? Oder war es hinter dem zweiten Baum geradeaus?

Wieder summte es in seinem Kopf. »Außendienst, Petrus«, meldete er sich barsch. Nicht mal für einen Kaffee hatte es heute gereicht.
»Vertriebsabteilung hier, die neuen Ablassverträge sind erstellt und bereit für den Versand. Wir bräuchten nur noch die Kundenadressen«, flötete es durch sein Hirn.
»Danke, ich komme schon selber nicht zurecht!«, kläffte Petrus kaltschnäuzig und legte abermals auf. 
Soll sie doch der Teufel ho… nein, er verwarf den Gedanken. Zu viel Papierkram. 

Die Dunkelheit nagte an seiner Substanz, das merkte Petrus. Die Menschen schienen einfach nicht für sie geschaffen. Er sollte zu gegebener Zeit über eine Gehaltserhöhung nachdenken. 
Dann, endlich, nachdem Äonen verstrichen sein mussten, in Mittelerde schrieben sie bereits das siebzehnte Zeitalter, stieß er auf etwas, das ihm neue Hoffnung verlieh: Den Schalter!
Hätte Petrus Kopf und Kragen riskieren wollen, hätte er jetzt einen Freudentanz aufgeführt. Doch er entschied sich für die nüchterne Variante und aktivierte den Knopf. 

Und wahrlich, es ward Licht… man hoffe er bereut es nicht.

Natürlich bereute er es. Nachdem Petrus sich an die brachiale Helle gewöhnt hatte, wurde ihm das Bild einer Welt offenbart, die offenkundig den Verstand verloren hatte. Riesige Bürogebäude ragten in den Himmel und überall taten es die Menschen ihrem Schöpfer gleich. Und das obwohl sie sich kein Abbild schaffen sollten! Instinktiv schaltete Petrus das Licht wieder aus. Seine nächste Amtshandlung war die offizielle Kündigung.

Aufrufe: 4

Zum Leben verurteilt

von MIO

Die vergifteten Ozeane fressen sich jedes Jahr tiefer ins Festland. Das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich seit siebzig Jahren in einem Flüchtlingscamp in Sibirien lebe. Nur der Kontakt zu meiner Schulfreundin Amalia verbindet  mich mit meiner Vergangenheit. Allein sie weiß, wo ich bin. Vor einer Woche bekam ich eine traurige Nachricht von ihr.

Liebe Sina,

Dein Vater liegt im Sterben. Er hat einen letzten Wunsch:

Er möchte dich noch einmal sehen.

Amalia

Während des Fluges beschleicht mich eine schlimme Vorahnung.

Als ich aus dem Flugzeug trete, weiß ich, dass es falsch war, meine innere Stimme zu ignorieren. Amalia hat mich verraten. Am Fuße der Rolltreppe stehen drei Genpos. Das sind Überwachungsroboter, die aus menschlichen Überresten gezüchtet werden. Ein Genpos stellt sich mir in den Weg. „Sina Lohmann?“

Ich nicke, weil leugnen zwecklos ist. Handschellen klicken. Er führt mich zu einer ihrer orangefarbenen Flugschalen. Durch die getönte Scheibe sehe ich auf die künstlich grünen Landschaften. Obwohl es viele Jahre her ist, erinnere ich mich gut an die gewaltigen Stürme. Bäume wurden samt Wurzeln aus dem Boden gerissen. Die Wälder sahen aus, als hätte Gott mit den Baumstämmen Mikado gespielt. In den Jahren danach verbrannte eine unbarmherzige Hitze das Leben auf der Erde.

Als das Fahrzeug hält, drücke ich mich tiefer in den Sitz. Der stechende Blick eines Genpos trifft mich. Ein missliches Kribbeln fährt durch meinen Körper. Willenlos erhebe ich mich und folge den Robotern in den grauen Gebäudekomplex.

In den unteren Geschossen befinden sich die Laboratorien.

Es stinkt nach Verwesung, künstlichen Aromen und Chlor.

Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, tritt ein Obergenpos ein. Er fixiert mich mit leblos, leuchtend gelben Augen. „Gut, dass Sie hier sind“, sagt er mit monotoner Stimme. „Wir helfen Ihnen. Ihr Verschleiß ist weit fortgeschritten.“

Zorn steigt in mir auf. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht.“

„Sie haben schon zwei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Das müssen wir ernst nehmen.“

„Ernst nehmen …“ hauche ich erschöpft. Das ist zweihundertsiebenundzwanzig Jahren her. Das zweite Mal war vor …“

Der Genpos nimmt die Codetafel und sucht nach meinen Daten. „Dreiundsiebzig Jahren. Damals haben sie die Behandlung abgebrochen. Das war keine kluge Entscheidung.“

Ich sehe auf die verblassten Narben an meinen Handgelenken. Nach dem ersten Mal fanden mich Freunde. Blutleer. Mehr tot als lebendig. Die Reanimation dauerte dreieinhalb Stunden.

Beim zweiten Mal wollte ich keinen Fehler machen. Das Seil schnürte mir die Kehle zu. Die Arterien am Hals schlossen sich. Ich fühlte einen tiefen Frieden. Tränen der Freude und Erleichterung liefen mir über die Wangen. Dann verlor ich das Bewusstsein. Mit aufgedunsenem Gesicht, violetten Lippen, aus Nase und Mund blutend, wurde ich in die Klinik gebracht. Ein zäher Kampf begann, den ich wieder verlor.

Der Obergenpos tippt in sein Tablet, während er spricht.

„In den nächsten Wochen injizieren wir Ihnen Enzyme und Mitochondrien-Gene. Wir stimulieren ihre Immunzellen, um die unerwünschte Ansammlung von Proteinen wegzuräumen und die vorhandenen Zellen zur Neuteilung anzuregen. Außerdem rate ich zu einer Therapie mit körpereigenen Stammzellen. Die werden wir genetisch verändern. Frau Lohmann, ich verspreche Ihnen: Sie werden sich wie neu geboren fühlen.“

Wie gelähmt liege ich auf dem Bett. Keiner hatte mich ernst genommen. Ich sei verrückt, haben sie gesagt. Diese Augen waren es, die sie verrieten. Diese starren, reglosen Augen. Anfangs waren es wenige. Sie trugen blaue Kontaktlinsen. Geschickt schlichen sie sich ein, waren flexibel und passten sich an. Sie funktionierten wie Roboter und übernahmen gezielt leitende Positionen. Bis heute weiß keiner, woher sie kamen. Ich vermute, von einem fernen Planeten, den sie vor unserem vernichtet haben. Für sie ist es ein Spiel.

Ein zweites Bett fährt, wie von Zauberhand gelenkt herein.  

„Ich bin Carolin“, krächzt die Frau heiser und hebt einen Beinstumpf wie eine gewonnene Trophäe in die Höhe. Eine transplantierte Hülle hängt daran, wie ein schlaffer Ballon.

„Was ist denn passiert?“, frage ich.

„Mir ist so ein Oldie mit seinem selbstfahrenden Auto über mein Bein gefahren.“

Sie zeigt auf den Ballon. „Hier ist Wachstumsgranulat drin. In drei Wochen kann ich wieder laufen und springen. Warum bist du hier?“

„Zellerneuerung und Gefühlsumstellung“, antworte ich.

„Zellerneuerung. Hab ich letztes Jahr machen lassen. Ist eine tolle Sache. Gefühlsmäßig bin ich im Lot.“

„Fehlt dir nichts?“

„Nein, was soll mir fehlen?“

„Kinderlachen. Der Geschmack von Schokoladeneis auf der Zunge, die Schönheit und der Duft einer blühenden Rose …“

Carolin schüttelt den Kopf, zieht die Kopfhörer über die Ohren und schließt die Augen. Einer der Wärter kommt mit einem Tablett herein. „Abendessen.“

Er reicht mir ein gepresstes Nährstoffkonzentrat und zwei bunte, mit weißem Pulver gefüllte Kapseln. Alles löst sich augenblicklich im Mund. Mir ist, als würden meine Gefühle von einem trockenen Schwamm aufgesaugt. Ich atme tief ein und in meine Hand tropft eine letzte, kostbare Träne.

Aufrufe: 4

Gottes Hammer III

Langsam versank die Sonne hinter den schiefen Dächern der Stadt. Die wärmenden Strahlen schienen vor der Wahrheit zu flüchten wie ein im Selbstschutz eingewickelter Mensch. Krallen aus Finsternis umschlangen die wispernden Bäume und Schatten schwangen sich auf zu ihrer Regentschaft.

Seltsamerweise hatte die Nacht Saskia nie geängstigt. Im Gegenteil, sie empfand die Fähigkeit der Finsternis, unliebsame Eindrücke und Bilder zu verbergen eher beruhigend. Wenn die Dunkelheit ihren Titel als Königin beanspruchte, flohen die meisten Menschen in ihre Häuser und verkrochen sich im Bett. Es kehrte Frieden ein auf den staubigen Straßen. Saskia hatte in ihrem Leben Stunden damit verbracht, schlicht im Mondlicht zu stehen und den Frieden zu genießen.

Diese Nacht jedoch unterschied sich von den anderen.

Die Nachricht von der morgigen Hexenverbrennung war mittlerweile Stadtgespräch. Die unbescholtenen Bürger begannen emsig mit den Vorbereitungen für das rauschende Fest, das am nächsten Tag vor dem Scheiterhaufen abgehalten werden würde. Spielmänner reinigten ihre Instrumente, Mimen übten ihre trickreichen Vorführungen, Barden erprobten ihre Stimmen, Händler sammelten ihre Waren. Diejenigen, die sich an dem Spektakel nur als Zuseher beteiligen mussten, frönten abends derweil dem Alkoholgenuss. Lautes Gelächter zerriss die Stille der Nacht und riss tiefe Wunden auf, die Saskia schon längst für geschlossen hielt. Wenn sie das Gegröle der Feiernden vernahm, tauchten Bilder vor ihrem inneren Auge auf, die sie längst begraben wissen wollte.

Zu ihrem großen Pech hatten Teshin und Saskia für die Nächtigung einen Gasthof gewählt, der als Stammlokal für alle zelebrierenden Bürger galt. Durch den dünnen Fußboden drang jedes Geräusch bis in ihr kleines Schlafzimmer herauf. Saskia saß vollständig gerüstet auf dem Bett und versuchte, sich mit dem Anblick des Sonnenuntergangs abzulenken. Teshin indes lief in dem Raum auf und ab wie ein gefangener Tiger. Sorge umwölkte seine hellen Augen.

Schließlich seufzte er. Im Schankraum unter ihnen stieß ein Mann anzügliche Bemerkungen aus. Gelächter drang an Saskias Ohren.

„Ich halte das hier nicht aus.“, knurrte er ungehalten. „Lass uns einfach zur Kirche gehen und diesen Dämon bekämpfen! Was sagst du?“

Saskia betrachtete ihn erstaunt. Nachdem Esben ihnen seine Geschichte erzählt hatte, sahen sie sich beide nicht mehr dazu in der Lage, ihren Auftrag in dieser Nacht auszuführen. Der Priester hatte den Schleier des Nichtkennens, der ihr Leben gnädigerweise vom Schicksal der Angeklagten trennte, brachial zerrissen. Es gestaltete sich einfach, den Tod einer unbekannten Person zu bezeugen. Dieses Privileg war ihnen nun nicht mehr vergönnt. Das Mitleid beraubte sie ihrer Konzentration.

Ob Esben wohl immer noch versuchte, mit dem Inquisitor zu sprechen? Saskia hatte nicht gewagt, ihn zu begleiten. Ihre Vergangenheit kettete sie an die maskierten Vollstrecker der Denomination. Sollte Medardus sie erkennen, würde dies ihr Ende bedeuten.

Saskia erwiderte Teshins Blick forschend. Ständig weilten ihre Gedanken bei der angeklagten Frau. Sie wusste, dass Esbens Schwester keine Schuld traf. Nur fragte sie sich, weshalb Teshin diese Informationen ebenfalls besaß. Sie hatte dies von ihrem alten Mentor erfahren, vor vielen, vielen Jahren. Aber er? In diesem Moment wurde Saskia bewusst, wie wenig sie von ihrem Gefährten wusste.

Ebenso wenig wie er über dich, flüsterte eine Stimme in ihrem Geist.

„Was sagst du?“, wiederholte Teshin drängend. Saskia hob eine Augenbraue und deutete auf ihren Mund. Worte wären das letzte, was sich dieser Kehle entrang. Teshin erinnerte sich an ihre Stummheit.

„Tut mir leid.“, murmelte er angespannt. „Nick einfach nur, wenn du mir zustimmst!“

Das Glühen in seinen Augen gefiel Saskia nicht. Solange sie ihn kannte, war Teshin eine optimistische und stets gut gelaunte Person. Er schien wie verwandelt. Trug wirklich allein der Hexenprozess die Verantwortung dafür?

Sie würde ihm diese Frage wohl nie stellen können. Saskia nickte. Sie fühlte sich eingeengt und bedrängt vom lauten Gelächter der Gäste und von den Aussichten auf den Prozess. Auf beides folgten schmerzhafte Erinnerungen. Sie ließ ihre Fingerknöchel knacken. Lieber würde sie sich nun im Kampf messen.

Teshin nickte grimmig. „Ich schlage vor, wir bleiben dann einfach bis morgen Abend dort.“, fügte er hinzu. „Bis dahin müsste die Aufregung verebbt sein.“

Bei dem Vorgang, den Teshin so euphemistisch mit dem Wort „Aufregung“ umschrieb, handelte es sich vielmehr um ein rauschendes Fest. Wie in anderen Städten auch war es in Aminas üblich, bei einer Hinrichtung zusammenzukommen und sich zu amüsieren. Oft nahmen auch mehrere Delinquenten aus den Kerkern daran teil – wenn auch als sehr besondere Animateure. Oft schätzten sich die zum Tode Verurteilten äußerst glücklich, beim Programm an letzter Stelle zu stehen und diesem besonderen Privileg entgehen zu können.

Der Schankwirt musterte sie misstrauisch, als sie sein Gasthaus verließen. Seine Kunden agierten ungezwungener. Einige junge Burschen unterhielten sich voller Spannung über das bevorstehende Ereignis. Einer von ihnen berichtete strahlend, dass er mit einer Krämerstochter aus der Nachbarschaft hingehen würde. Beim Tanz vor dem Scheiterhaufen würde sie mit ihrer Schönheit gewiss alle Blicke auf sich ziehen.

Während ihm die übrigen Burschen ihre Glückwünsche aussprachen und ihre Vorfreude mit glühenden Getränken zum Lodern brachten, ballten sich Saskias Hände zu Fäusten. Kurz war sie versucht, ihre Axt zu ziehen und an Ort und Stelle eine gerechtere Hinrichtung vorzunehmen. Doch da zog Teshin sie bereits hinaus ins Licht des vollen Mondes.

Leider mussten sie den Rathausplatz überqueren, um zur Kirche zu gelangen. Vom Rücken ihres müden Esels aus entdeckte Saskia einige Kerkerknechte, die eilig eine Art Bühne aufbauten. Daneben errichteten weitere Bedienstete Marktstände, einen Pranger, sowie einige Folterbänke. Einer von ihnen erzählte ihnen mit begeistert leuchtenden Augen, dass am morgigen Tage hier eine Ehebrecherin zur Schändung freigegeben werden würde. Jeder erwachsene Mann könnte sich dann straflos an ihr vergehen. Teshins Hand zuckte dabei zum Griff seiner Klinge Murakama.

Endlich ließen sie die schiefen Häuser hinter sich und bogen in den Weg ein, den Esben ihnen gezeigt hatte. Saskia dankte der Finsternis, dass sie den Galgenbaum am Wegesrand versteckte.

Sie ritten eine Weile, bis Teshin schließlich das Wort ergriff. Er klang verbittert.

„Du weißt auch, dass es keine Hexen gibt, oder?“

Saskia nickte. Die Frage überraschte sie nicht. Dass Menschen Mitleid mit Angeklagten verspürten, geschah nur äußerst selten. Meist blieb es den wenigen vorbehalten, die die Wahrheit kannten.

Teshin lachte leise. „Ich frage nicht, wer es dir erzählt hat. Aber wir beide wissen, dass es nur eine Art von Magie gibt: die Heilige, die der Inquisitoren. Aber wie heilig kann sie schon sein, wenn sie für solche Dinge missbraucht wird? Wie heilig kann Gott sein? “ Die letzten Worte klangen beinahe ängstlich, so als fürchte er sich vor der Antwort.

Saskia zuckte mit den Schultern. Sie hatte es aufgegeben, nach ihr zu suchen. Mittlerweile strebte sie lediglich ihr Überleben an. Das Philosophieren überließ sie lieber geeigneteren Leuten. Es war die Aufgabe der Schriftgelehrten, nicht die einer stummen Söldnerin, die kaum ihren eigenen Namen schreiben konnte. Gewaltsam verdrängte sie die aufkeimende Unruhe, in die seine Worte sie versetzten.

Teshin schien das anders zu sehen. „Warum lässt Gott das zu?“, murmelte er verzweifelt. „Sind wir nur Figuren in seinem Spiel?“

Der Gedanke versetzte Saskia einen schmerzhaften Stich. Am liebsten hätte sie Teshin laut angebrüllt, er solle verstummen. Warum quälte er sie mit solchen Vermutungen?

„Eigentlich müssten wir sie befreien.“, sagte Teshin leise. „Selbst, wenn wir uns dabei der Denomination widersetzen. Nur würde sie nicht weit kommen. So wie Esben von seiner Schwester sprach, ist sie wohl kaum geeignet für den Söldnerberuf. Und wir können es uns nicht leisten, auch noch in Aminas gesucht zu werden. In den anderen Städten …“ Teshin brach ab. Saskia wusste, dass seine Vergangenheit ihn daran hinderte, das weite Gebiet um Aminas zu verlassen. Offenbar wurde er andernorts steckbrieflich gesucht. Saskia kannte das Gefühl. Dieses Schicksal hatte sie schließlich auch zusammengeführt.

Den Rest des Weges schwieg Teshin. Saskias Herz beschleunigte seine Schläge, als die Kirche sich vor ihnen erhob. Im spärlichen Mondlicht wirkten die Symbole auf der Tür und die Statuen noch bedrohlicher. Saskia schluckte nervös. Hatten sie wirklich die richtige Entscheidung getroffen? Sie dachte an die fünfhundert Auris. Mit einem solchen Betrag wären ihre Sorgen getilgt.

Teshins Miene erstarrte zu einer Maske der Kälte. Schwungvoll glitt er von seinem Esel und ging gemessenen Schrittes auf das Portal vor ihnen zu. Saskia sprang neben ihm zu Boden. Ihre Knie erzitterten unter der Last ihrer Rüstung und der Axt.

Teshin warf ihr einen entschlossenen Blick zu. Kurz zeigte sich der altbekannte Humor in den hellen Augen.

„Wahrscheinlich ist es kein Dämon, sondern nur ein Sandler, der sich hier eingenistet und die frommen Gebetsleute erschreckt hat.“, sagte er schalkhaft.

Saskia hob eine Augenbraue. Fahrendes Volk als Sandler zu bezeichnen entsprach wahrlich nicht ihrer Vorstellung von geschliffenen Umgangsformen.

Teshin stieß das Tor auf und zog Murakama. Das Breitschwert reflektierte den Mondschein, der sich wie eine Aura aus Licht um den kalten Stahl legte. Saskia hob ihre Axt und nickte ihm zu. Gemeinsam betraten sie das Gotteshaus.

Alle Gedanken an die drohende Hinrichtung versanken im Meer des Blutnebels. Saskia wusste, ein Kampf stand bevor. Sie konnte ihre Ahnung nicht rational begründen, vielmehr schien es, als handle es sich lediglich um eine leise Andeutung von Gefahr am Rande ihres Bewusstseins.

Teshin schritt zügig auf die Engelsstatue zu, die als Altar fungierte. Saskia folgte ihm und positionierte sich daneben. Der spärliche Raum zwischen Statue und Wand war so gering, dass er einem Angreifer unmöglich genug Platz zum Verstecken bieten konnte. Ein Blick hinter den alten Marmor verriet ihnen, dass dort niemand lauerte.

Eine Zeit lang geschah nichts. Das Mondlicht stieß unbeirrt leuchtende Farben durch die Buntglasfenster in die Tristesse des verlassenen Gotteshauses. Teshin war kurz davor, Esbens Anweisung zu befolgen und ein Gebet zu sprechen, als das Licht rot wurde.

Zunächst glaubte Saskia an eine Halluzination. Doch als sie sich die Augen rieb und Teshins überraschten Ruf hörte, überzeugte das Schicksal sie vom Gegenteil.

Die Farben entwichen wie sich sacht kringelnder Rauch. An ihre Stelle trat ein durchdringendes Blutrot, das dem Inneren der Kirche das Aussehen einer Schlachtbank verlieh. Mit einem Mal wirkten die Züge der Engelsstatue nicht mehr sanft, sondern hart und streng. Als Saskias Blick auf die unregelmäßigen Schatten fiel, erkannte sie die Form von grotesk verdrehten Gliedern. Hektisch sah sie sich um, doch sie entdeckte keinen Gegenstand, der diese Bilder erzeugen könnte.

Teshin nahm einen festen Stand ein und hob seine Klinge. Zu Saskias Erstaunen strahlte Murakama blau. Hatte er die Wahrheit gesagt? War das Schwert tatsächlich verzaubert?

Ehe sie eine Antwort auf diese Frage finden konnte, schälte sich eine Gestalt aus der Dunkelheit jenseits der hölzernen Bänke. Ein Kloß blockierte Saskias Hals.

Es war kein Dämon, der seine lodernden Augen auf sie richtete.

Aufrufe: 9

Korrekturen 03

3.Teil – 17. November 2008, zweiter Versuch

Claus hatte nur gegrinst, als er ihm davon erzählt hatte, dass er neben der nackten Yvonne in seinem Bett wach geworden war.
»Das wird auch Zeit, dass du ‘mal an eine Frau kommst«, hatte er gesagt, »halte sie dir warm. Ich hatte den Eindruck, dass die Chemie zwischen euch stimmt, als ihr gestern eng umschlungen aus der Disco verschwunden wart.«
Thomas war es unangenehm gewesen, zumal er sich noch nicht einmal daran erinnern konnte.
Es hatte Wochen gedauert, bis Yvonne sich wieder gemeldet hatte. In unregelmäßigen Abständen verabredete sie sich mit ihm und meist landeten sie später gemeinsam im Bett. In einer Art fühlte sich Thomas wie ein Lückenbüßer, andererseits hatte er sonst niemanden. Es war eine beschissene Situation.
Thomas blickte in den Spiegel seines Spindes und fragte sich:
»Brauche ich das eigentlich wirklich?«
Er schlug seinen Spind lautstark zu und drückte das Vorhängeschloss zu. Er löschte das Licht und machte sich auf den Weg.
Draußen war es bereits dämmerig – es war immerhin bereits November. Thomas blickte sich in beide Richtungen der Straße um. Sie war, wie immer um diese Zeit, vollkommen verstopft. Es hatte also keinen Zweck, auf den Bus zu warten. Er war besser bedient, wenn er von vornherein zu Fuß nach Hause ging. Thomas schlug seinen Kragen hoch, um die Kälte abzuwehren. Es fing leicht an zu nieseln. Die Stadt wirkte dadurch noch trostloser, als sonst. Er seufzte und machte sich auf den Weg.

An der nächsten Kreuzung stellte er sich unter einem schmalen Vordach unter und zog sein Handy hervor. Thomas musste noch mit Yvonne Kontakt aufnehmen, wenn er sie heute noch treffen wollte. Er ließ es endlos lange durchläuten, bis eine freundliche Stimme ihm erklärte, dass der Teilnehmer nicht antwortet. Er wiederholte es mehrere Male – jedes Mal mit dem gleichen Erfolg. Yvonne meldete sich nicht. Vermutlich hatte sie wieder einmal etwas Besseres vor. Thomas wusste ja, dass er nur der Notstopfen war, aber es versetzte ihm doch jedes Mal wieder einen Stich.
Er wollte gerade sein Telefon wieder wegstecken, als er den Blick hob und eine Frau bemerkte, die in einem beleuchteten Hauseingang auf der anderen Straßenseite stand und zu ihm hinübersah. Thomas kannte sie nicht. Sie fiel ihm nur deswegen auf, weil sie für die Jahreszeit völlig unpassend gekleidet war, mit sehr kurzem Rock und kurzer Jacke, dazu noch in schreienden Farben. Die Haare waren lang, auf der einen Seite blond, auf der anderen Seite schwarz. Sie war alles in allem eine sehr skurrile Erscheinung. Immer noch schien sie ihn anzublicken, ohne eine Miene zu verziehen. Thomas betrachtete sie etwas genauer. Er hatte noch nie eine Frau gesehen, die sich so zurechtgemacht hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ihre Augenpartie in Form eines schwarzen Streifens geschminkt hatte, dabei wirkte sie eigentlich sogar sehr hübsch – wenn dieses verrückte Outfit nicht gewesen wäre. Er fragte sich, was wohl der Grund für ihre Erscheinung wäre. Vielleicht war es eine Prostituierte, die auf Kundschaft wartete. Thomas schüttelte den Kopf, zog seinen Kopf wieder tief in seinen Kragen und machte sich wieder auf den Weg durch das Nieselwetter.
Seine Wohnung befand sich in einer Seitenstraße und lag etwa eine gute halbe Stunde Fußweg von seiner Arbeitsstätte entfernt. Thomas lief relativ schnell, da er keine Lust hatte, sich von dem ungemütlichen Nieselregen vollständig nass regnen zu lassen. Die ganze Zeit über lief er an stehendem und hupendem Verkehr vorbei. Es wurde in der letzten Zeit immer schlimmer. Es lohnte sich im Grunde überhaupt nicht, um diese Zeit mit dem Auto durch die Stadt zu fahren, doch die meisten der Autofahrer schienen das nicht zu begreifen. Ruhiger wurde es erst, nachdem er in seine Straße eingebogen war. Hier war es entschieden dunkler, als auf der Hauptstraße, da hier noch zum Teil alte Gaslaternen standen und den Gehweg nur trübe ausleuchteten. Obwohl man hier nicht schnell fahren durfte, hörte er von hinten ein Auto, welches sich schnell näherte. Thomas blickte sich um und bemerkte dabei, dass es genau in Höhe einer großen Pfütze an ihm vorbeifahren würde. Schnell sprang er in eine dunkle Einfahrt hinein, als eine Fontäne schmutzigen Wassers gegen die Hausfassade klatschte. Er selbst hatte Glück und bekam nichts davon ab.
Er wollte gerade wieder auf den Gehweg zurück, als jemand ihn von hinten ergriff und entschlossen festhielt. Etwas Hartes bohrte sich in seine Seite.
»Was soll das?«, rief Thomas erschreckt. »Wenn Sie Geld wollen – ich habe nicht viel bei mir!«
»Seien Sie still!«, zischte eine Stimme an seinem Ohr. »Ich will keinen Laut hören.«
Unterstützt wurde die Forderung, in dem der harte Gegenstand sich noch stärker in seine Seite bohrte. Thomas hatte keinen Zweifel daran, dass es sich dabei um eine Waffe handelte.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte Thomas etwas leiser.
»Keinen Laut, habe ich gesagt«, zischte die Stimme wieder. »Wenn Sie leben wollen, seien Sie jetzt ruhig.«
Thomas fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals, rührte sich aber nicht mehr. Nach kurzer Zeit sah er eine Frauengestalt an der Einfahrt auftauchen. Es handelte sich ohne Zweifel um die Frau, die ihm bereits auf der Hauptstraße aufgefallen war. Sie blieb kurz stehen uns versuchte, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Nach kurzer Zeit ging sie weiter. Die Waffe war noch immer in seiner Seite, also wagte sich Thomas nicht, sich zu rühren. Nach einigen Minuten ließ der Druck nach.
»Ich werde Sie jetzt loslassen«, flüsterte die Stimme an seinem Ohr. »Machen Sie nicht den Fehler, um Hilfe zu rufen, oder mich anzugreifen. Ich habe noch immer eine Waffe. Es wäre Ihr Tod. Haben Sie das verstanden?«
Thomas nickte vorsichtig. Er war unfähig, klar zu denken.
Der Griff lockerte sich und Thomas fuhr herum. Überrascht stellte er fest, dass er von einer jungen Frau überfallen worden war. Wegen der Dunkelheit konnte er sie noch immer nicht genau erkennen, doch hatte sich seine Augen inzwischen schon etwas an die Dunkelheit gewöhnt. Er war sich nicht sicher, aber die Frau hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit der Frau, die ihn verfolgt hatte.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte Thomas. »Wenn Sie kein Geld wollen, was wollen Sie dann
»Ob Sie es nun glauben oder nicht, aber ich bin gerade dabei, Ihren Arsch zu retten. Wir müssen sofort von hier weg. Sie kennen sich sicher gut aus. Sie werden mich führen. Aber denken Sie daran, dass ich Ihre Lebensversicherung bin – versuchen Sie mich also nicht zu täuschen.«
»Wieso muss ich von hier weg?«, wollte Thomas wissen. »Wer sind Sie überhaupt?«
»Mein Name ist Khendrah. Aber das ist im Moment nicht wichtig. Ich werde es später erklären, aber jetzt ist es Zeit, schnell weit von hier weg zu kommen. Also los.«
Khendrah stieß Thomas an, um ihn zu motivieren. Langsam begann er zu begreifen, dass es aus irgendwelchen Gründen um ihn ging und dass es um Leben und Tod ging. Es kam Bewegung in ihn und er deutete auf die Straße.
»Wir müssen bis zur U-Bahn rennen, dann kommen wir weg. Mit dem Bus kommen wir bei diesem Verkehr nicht weit.«
»Was immer eine U-Bahn ist, sehen wir zu, dass wir dort hinkommen.«
Khendrah blickte vorsichtig die Straße in beide Richtungen hinunter, dann fasste sie Thomas an der Hand.
Als sie seinen Blick bemerkte, grinste sie und meinte: »Nur zur Sicherheit. Wir wollen uns ja nicht verlieren, oder?«
Thomas begann zu rennen. Es war ein guter Kilometer bis zur U-Bahn-Station. Khendrah hielt seine Hand mit eisernem Griff und lief leichtfüßig neben ihm her. Als sie die helle Hauptstraße erreichten, sah Thomas, dass Khendrah genau so aussah, wie die Frau, die er im Hauseingang auf der anderen Straßenseite gesehen hatte, nur, dass sie nun nicht mehr diese aufreizende Kleidung trug, sondern eine Art Overall mit vielen Taschen. Der Overall war sehr eng und betonte ihre tolle Figur. Khendrah war eine Schönheit. Was wollte diese Frau nur von ihm?
Völlig außer Atem hielt Thomas an.
»Wir müssen weiter«, drängte Khendrah. »Wie weit ist es noch?«
Keuchend sagte Thomas: »Wir sind bald da. Ich muss nur etwas verschnaufen. Wer verfolgt mich eigentlich? Wenn ich ehrlich bin, habe ich das Gefühl, dass Sie dieser Frau sehr ähnlich sehen.«
»Das wundert mich nicht«, sagte Khendrah., »Denn ich bin es, die Sie verfolgt!«
Thomas zog ihr die Hand weg und starrte sie an.
»Ich verstehe nichts mehr«, sagte er. »Sie verfolgen mich und wollen mich töten. Gleichzeitig wollen Sie mich retten. Überhaupt, was soll der Blödsinn? Da sind doch zwei Personen hinter mir her.«
»Die Khendrah, die Sie töten will, ist eine frühere Version von mir«, sagte sie. »Ich erkläre es Ihnen später – jetzt müssen Sie erst einmal in Sicherheit gebracht werden. »
In einiger Entfernung war die U-Bahn-Station bereits zu sehen. Khendrah konnte sich zwar unter einer U-Bahn nichts vorstellen, aber sie sah das leuchtende ‘U’ und kombinierte, dass dies ihr Ziel sein musste. Entschlossen griff sie wieder nach Thomas’ Hand und zog ihn mit sich. Vollkommen verwirrt ließ er es geschehen und stolperte mehr, als er ging, hinter ihr her.
Als sie die Treppe zur U-Bahn hinunter hetzten, sagte Thomas: »Wir brauchen noch Fahrkarten.«
»Was soll das sein?«
»Meine Güte, wo leben Sie denn?«, fragte Thomas. »Ohne Fahrkarte kommen wir nicht durch die Absperrung und können nicht mit der U-Bahn fahren.«
»Dann beschaffen Sie uns solche … Fahrkarten«, forderte Khendrah. »Ich kenne mich und fürchte, dass die frühere Khendrah uns sehr schnell auf den Fersen sein wird, wenn wie unsere Möglichkeiten, unterzutauchen, nicht schleunigst vervielfältigen.«
»Sie haben nicht zufällig Geld bei sich?«, fragte Thomas.
»Was soll ich haben?«
Thomas winkte ab und ging an den nächsten Automaten, wo er zwei Tickets zog. Eines gab er Khendrah, die es interessiert betrachtete. Nun war es Thomas, der Khendrah durch die Sperren manövrierte und dafür sorgte, dass sie Plätze in einem Wagen bekamen. Sie wechselten mehrfach die Bahnen und nahmen dann noch einen Bus, bis Khendrah zufrieden war und meinte, dass sie ihre Spuren nun gut genug verwischt hätten.
»Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht«, sagte Thomas. »Aber ich für meinen Teil habe einen ungeheuren Hunger. Da ich davon ausgehe, dass Sie wirklich kein Geld haben, werde ich Sie wohl einladen müssen, wenn ich erfahren möchte, was hier überhaupt gespielt wird.«
»Hunger habe ich allerdings auch«, gab Khendrah zu. »Wo finden wir denn ein – wie sagt man hier?«
»Restaurant?«
»Ja, ich glaube, so hieß es«, sagte Khendrah.
Thomas wies auf ein Lokal.
»Dort werden wir etwas Anständiges bekommen. Für uns beide wird mein Geld noch reichen.«
Er führte sie hinein und sie nahmen an einem der freien Tische Platz. Es kam ihnen entgegen, dass das Lokal noch nicht gut besucht war. Sie konnten sich also ungestört unterhalten. Thomas bestellte Wein und ein Hauptgericht, dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück.
»So Khendrah, jetzt sind wir ungestört. Jetzt will ich ein paar Erklärungen hören.«
Er blickte sie an und konnte noch immer nicht begreifen, wie ein so hübsches Mädchen ihn so leicht überwältigen konnte. In diesem Moment klingelte Thomas’ Handy.
»Ich weiß schon – Handy«, sagte Khendrah. »Kommunikator.«
Thomas sah fragend zu ihr hinüber, als er sein Telefon aufklappte und den Ruf annahm.
»Nein, ich kann jetzt nicht«, sagte er, »ich rufe dich später wieder an.«
Er klappte das Telefon zu und steckte es wieder weg.
»Iwonn?«, fragte Khendrah.
»Woher wissen Sie das?«, wunderte sich Thomas, der sich sicher war, dass Khendrah das Display nicht gesehen hatte.
»Ich weiß einiges. Sie haben Sex mit ihr, aber sie ist nicht schwanger.«
Thomas verschluckte sich fast.
»Jetzt reicht es! Ich will Antworten. Also erst einmal: Was ist Khendrah für ein komischer Name? Ist es Ihr Vor- oder Nachname?«
»Was soll diese Frage? Khendrah ist mein Name. So heiße ich. Einen anderen Namen habe ich nicht. Ist es bei Ihnen anders, Thomas Rhoda?«
»Man hat einen Vor- oder Rufnamen. Bei mir ist das Thomas. Dann gibt es noch den Familiennamen, so wie auch andere Mitglieder derselben Familie heißen. Das ist bei mir der Name Rhoda. Sie heißen nur Khendrah?«
Sie nickte und griff nach seinen Händen.
»Wenn wir nun anfangen, persönliche Details auszutauschen, sollten wir vom formellen Sie zum Du übergehen, meinst du nicht?«, schlug Khendrah vor. »Dann fällt es mir leichter.«
»Ich hatte bisher nicht den Eindruck, als wärst du sehr empfindlich«, meinte Thomas.
»Du bist unfair«, warf sie ihm vor, »immerhin habe ich dein Leben gerettet. Du kennst mich nicht.«
»Dann lass’ mich dich kennenlernen«, sagte Thomas.
Der Wein wurde serviert und Thomas schenkte sich und Khendrah einen Schluck ein. Sie sah interessiert zu.
»Was ist das?«
»Rotwein. Du magst doch einen trockenen Roten?«
»Hm«, machte sie und hob das Glas an ihre Nase. »Ist da etwa Alkohol drin?«
»Natürlich ist in Wein Alkohol. Du kennst keinen Wein?«
»So etwas gibt es bei uns nicht«, sagte Khendrah. »Es ist Gift.«
»Es ist immer eine Frage der Dosierung«, erklärte Thomas. Er fragte sich allmählich, wo diese Frau bisher gelebt hatte, dass sie so weltfremd war. Sie wirkte überhaupt nicht mehr so bedrohlich wie zu Beginn.
Khendrah nippte an dem Wein und machte ein überraschtes Gesicht.
»Wein schmeckt wirklich gut.«
»Zurück zum Thema«, sagte Thomas, »Wer bist du? Wo kommst du her? Was hat das alles mit mir zu tun?«
Khendrah stellte das Glas ab.
»Ich will versuchen, es verständlich auszudrücken. Einiges wird dir unglaubwürdig vorkommen, aber ich kann dir versichern – es ist alles wahr. Ich stamme nicht aus dieser Zeit, in der du lebst. Ich stamme eigentlich aus dem Jahre 3162 – das ist mein Geburtsjahr. Zurzeit bin ich vierundzwanzig Realjahre alt. Es gibt eine Behörde, eine Organisation, die über die Verhältnisse im Zeitfluss wacht. Bemerkt sie eine Unregelmäßigkeit, dann errechnet sie, welche Maßnahme ergriffen werden muss, damit die Unregelmäßigkeit ungeschehen gemacht wird. In der Regel wird versucht, in der Vergangenheit des unerwünschten Ereignisses etwas auszulösen, damit es erst gar nicht geschieht. Es wird dann ein Agent ausgeschickt, die Korrektur durchzuführen. Ein solcher Agent bin ich. Du warst mein Auftrag.«
»Stop!«, rief Thomas dazwischen. »Das ist jetzt etwas starker Tobak. Ich soll dir also glauben, dass du eine Zeitreise unternommen hast aus einer Zeit über tausend Jahre in der Zukunft, um mich hier und heute vor dem Tod zu retten?«
Khendrah druckste herum.
»Ganz so ist es nicht. Richtig ist, dass ich von meiner Basis im Jahre 3500 gestartet bin, um heute einen Auftrag zu erfüllen. Die oberste Behörde ist nicht nur für die ferne Zukunft zuständig, sondern prüft ständig den gesamten Zeitablauf, um Fehler und Unregelmäßigkeiten zu finden. Den Unterlagen zufolge, die ich bekommen habe, sollte ein Nachkomme von dir nach fünf Generationen ein machthungriger Diktator sein, der eine Vielzahl von Menschen tötet.«
»Und deswegen bist du hier, um mich zu retten? Ich glaube, ich verstehe das noch immer nicht.«
»Mein Auftrag war nicht, dich zu retten, Thomas. Mein Auftrag lautete, dich zu töten, um zu verhindern, dass es diesen Diktator gibt. Genau genommen habe ich dich sogar getötet.«
Thomas prustete den Wein, den er gerade getrunken hatte, über den Tisch.
»Bist du nun mein Feind, oder mein Freund?«
»So einfach ist es nicht. Ich war dein Feind, wenn man so will, aber jetzt nicht mehr. Ich habe herausgefunden, dass man mich betrogen hat und es durch deinen Tod erst zu dieser Gewaltdiktatur kommt, die ich verhindern sollte. Ich bin hier, um meinen Fehler wieder zu korrigieren. Du musst leben, Thomas.«
»Also noch einmal zum Mitschreiben: Du hast mich ermordet, aber jetzt findest du das nicht mehr gut und jetzt willst du, dass ich lebe. Was seid Ihr eigentlich für ein perverser Haufen? Ihr maßt euch wirklich an, zu entscheiden, ob jemand leben darf, oder nicht?«
»Was ist daran so unverständlich?«, fragte Khendrah, »Es muss dir doch auch logisch erscheinen, dass es besser ist, einen Menschen zu töten und dadurch Millionen zu retten.«
»Nein!«, ereiferte sich Thomas, »Absolut nicht! Ihr könnt doch nicht in der Zeit zurückwandern, euch einen völlig unschuldigen Menschen wie mich schnappen und ihn für eine Tat zum Tode verurteilen, die irgendein ferner Nachkomme begeht. Das ist krank!«
Thomas sah Khendrah mit blitzenden Augen an. Sie verstand nicht so recht, was daran Unrecht sein sollte und warum es Thomas so sehr aufregte.
»Thomas, aber das Gleichgewicht ist doch trotzdem wieder hergestellt.«
Es verschlug Thomas den Atem. Da saß er mit einer bildschönen Frau beim Essen und sie eröffnete ihm, dass es in Ordnung war, wahllos in der Vergangenheit eines Menschen jemanden umzubringen, um irgendwo in der Zukunft eine positive Reaktion zu erzielen. Er sah das Unverständnis in ihren Augen. Sie war nicht wirklich böse, sie war wohl einfach ein Opfer ihrer Kultur oder Ausbildung. Jedenfalls war er bereit, das zu glauben.
»Sieh, ich habe meinen Fehler doch wieder korrigiert, sonst würden wir jetzt nicht hier sitzen«, sagte sie, um ihn zu beschwichtigen.
»Dafür bin ich dir auch verdammt dankbar«, sagte er sarkastisch. »Aber es geht doch um die Idee an sich. Nur, weil es möglich ist, darf man doch nicht an der Zeit herumpfuschen. Für mich ist diese oberste Behörde, von der du berichtet hast, die wahre Diktatur. Diese Leute bilden sich ein, entscheiden zu dürfen, was im Zeitablauf geschehen darf und was nicht, oder sehe ich jetzt etwas falsch? Dann sag’ es mir.«
Thomas sah, wie es hinter Khendrahs Stirn arbeitete. Vermutlich hatte sie ihre Arbeit nie wirklich infrage gestellt. Er ließ ihr einen Moment Zeit. Dann fragte er: »Habe ich nicht Recht, Khendrah? Im Grunde muss jeder von uns befürchten, durch eine Korrektur dieser Behörde einfach ausgelöscht zu werden.«
»So habe ich es noch nie gesehen«, gab sie kleinlaut zu. »Aber sie prüfen sehr gewissenhaft, bevor sie korrigieren.«
Mit einer Handbewegung wischte er ihren schwachen Versuch weg, die Arbeit der Behörde doch noch zu rechtfertigen.
»Quatsch! Es sind Menschen, wie du und ich, die dort über das Schicksal aller Zeiten entscheiden. Diese Leute haben einen Gottkomplex. Wie sieht es überhaupt aus? Hast du durch meine Rettung nicht jetzt gegen eure Gesetze verstoßen? Wie soll es jetzt weiter gehen?«
»Ich … ich weiß es nicht«, sagte Khendrah. »Aber du hast recht. Wenn sie mich jetzt erwischen, werde ich verurteilt. Verdammt, ich kann nie wieder zurück zu meiner Basis.«
Khendrah tat Thomas leid, wie sie so vor ihm saß. Ihr wurde erst jetzt klar, dass sie sich genau wie er vor dieser rätselhaften Behörde verstecken musste.
»Ist dir diese verdammte Basis denn so wichtig?«, fragte Thomas. »Es ist doch nur ein Job, oder etwa nicht?«
»Es ist nicht ganz so einfach, wie du es betrachtest«, sagte Khendrah. »Wir Agenten werden häufig als Kinder oder Jugendliche von Beobachtern der obersten Behörde rekrutiert und müssen unsere Zeit verlassen. Wir werden ausgebildet und dürfen niemals mehr in unsere eigene Zeit zurückkehren. Der Job – wie du es nennst – ist alles, was ich überhaupt habe. Er ist alles, wofür ich jemals gelebt habe.«
Thomas sah sie mitfühlend an. »Mein Gott, was seid ihr nur für arme Menschen!«
»Ich habe es bisher nie so gesehen«, gab Khendrah zu. »Ich war immer stolz auf das, was ich getan habe.«
»Stolz darauf, Menschen zu töten?«, fragte er spöttisch.
»Wir wurden ausgebildet, immer nur das Wohl der Gesamtheit zu sehen«, verteidigte sich Khendrah.
»Siehst du es denn noch immer nicht?«, fragte Thomas. »Ihr legt Richtlinien fest, die besagen, dass einer oder wenige Menschen keine Rechte besitzen, eine große Zahl Menschen jedoch alle Rechte haben. Das ist nach meinem Verständnis einfach unmoralisch.«
Ihr Essen wurde gebracht und unterbrach ihre Diskussion.
Khendrah betrachtete interessiert den Teller, der dampfend vor ihr abgestellt wurde.
»Und was esse ich jetzt hier?«, wollte sie wissen.
»Was soll das schon sein? Ein kleines Rindersteak und eine Folienkartoffel mit Kräuterquark. Ich wünsche einen guten Appetit.«
»Rindersteak?«, fragte Khendrah entsetzt. »Das stammt von einem Tier? Ihr tötet Tiere, um sie zu essen?«
»Das findest du schlimm?«, wunderte sich Thomas amüsiert. »Entschuldige, dass ich lache, aber das ist zu komisch. Du tötest Menschen und das ist in Ordnung, aber ein Tier zu töten, das ist verwerflich?«
»Man kann tierische Eiweiße synthetisch erzeugen«, belehrte ihn Khendrah. »Es besteht keine Veranlassung, aus diesem Grunde Leben auszulöschen.«
Thomas schnitt sich ein Stück Fleisch ab und steckte es sich genussvoll in den Mund, dann sagte er:
»Eine solche Technologie gibt es bei uns noch nicht, und solange es sie nicht gibt, werde ich mir mein Steak nicht nehmen lassen. Du solltest es wenigstens kosten.«
Khendrah aß erst etwas widerwillig, doch musste sie zugeben, dass es entschieden besser schmeckte, als das Essen, das sie in der Basis gewohnt war. Sogar dem Wein sprach sie nach einiger Zeit gut zu, sodass Thomas ihr nachher das Glas wegnehmen musste, weil sie schon einen leichten Schwips hatte. Sie war Alkohol überhaupt nicht gewohnt.
Nach dem Essen überlegte Thomas, was er tun sollte. Khendrah war leicht betrunken und ihm in dieser Frage keine große Hilfe. Nach Hause zurückkehren konnte er sicherlich nicht. Wenn Khendrah ihn dort gefunden hatte, würden es auch andere tun. Und wenn es stimmte, dass man sie getäuscht hatte, dann gab es in dieser Basis, von der sie erzählt hatte, zumindest einen Menschen, der ein Interesse daran haben musste, sie beide zu beseitigen. Er entschied, dass es am besten sein war, für diese Nacht in einer Pension abzusteigen. Am Morgen würde man weitersehen.
Er nahm Khendrah fest in den Arm und überquerte mit ihr die Straße, da er auf der anderen Seite das Schild einer Pension erblickt hatte. Der Zustand seiner Begleiterin hatte sich noch weiter verschlechtert und der Pensionswirt betrachtete sie beide mit missbilligendem Blick, gab ihnen jedoch das Zimmer für diese Nacht.
Thomas bugsierte Khendrah die Treppe hinauf, während sie nur noch dümmlich vor sich ihn kicherte. Im Zimmer legte er sie auf das Bett, wo sie sich gleich zusammenrollte und mit entspanntem Gesicht einschlief. Er überlegte, ob er ihr den Overall ausziehen sollte, doch entschied sich dagegen, weil es ihm nicht richtig vorkam, sie zu entkleiden, während sie hilflos vor ihm lag. Er setzte sich auf einen Stuhl neben dem Bett und betrachtete sie. Khendrah war eine Schönheit. Er musste zugeben, dass er sich irgendwie zu dieser Frau hingezogen fühlte.
»Vergiss es!«, mahnte er sich selbst. »Sie ist eine Killerin. Wer weiß, ob ich nicht noch immer, oder gerade, weil sie bei mit ist, in Gefahr bin. Ich sollte mich aus dem Staub machen, solange es noch geht.«
Er sah sie wieder an. Sie sah aus wie ein Engel, wie sie da lag – die blonde Haarmähne um ein weiches, entspanntes Gesicht. Sie begann am Körper zu zittern – fror offensichtlich. Thomas griff nach der Decke und legte sie ihr über, worauf sie wohlig seufzte.
»Verdammt, ich kann sie nicht so einfach allein lassen. Egal, was sie ist, ich verdanke ihr trotzdem auch, dass ich jetzt noch lebe.«
Er legte sich auf die noch freie Seite des Bettes, blickte noch einmal zur Seite und löschte dann das Licht.

_________________________________________________________________________

Die Geschichte macht jetzt eine Woche Pause. Den nächsten Teil gibt es am 2. März 2019

Aufrufe: 2

Die Wölfe von Asgard – Der Sturm

Der Wind frischt auf. Yorrik schauderte. 
Stürme, die vom Meer aus kamen, stellten eine unsagbare Gefahr dar, selbst wenn die Drachenboote dazu ausgelegt waren, ihnen zu trotzen. Da es auf der offenen See nichts gab, was den tosenden Wind brach, konnten heftige Böen sie in außerordentliche Schwierigkeiten bringen. 
Und der alte Seebär spürte es in seinen erfahrenen Knochen. 
Heute Morgen braut sich etwas zusammen.
Ihr heutiges Ziel bestand aus einer winzigen Insel, die ihre letzte Rast vor der großen Überfahrt darstellen würde. 
Er griff das Ruder der Hefring, der aufsteigenden Tochter des Meeresriesen, fester und suchte den Horizont nach Wolken ab. Sollte es soweit sein, war er bereit Islavs drittes Schiff durch den Sturm zu segeln. 
Da der Wind heute direkt von bugseits kam, mussten sie kreuzen, was ihre Fahrt zusätzlich verlangsamte. Und eine Seitenwindböe konnte ein Schiff bei unerfahrener Handhabung kinderleicht zum Kentern bringen. Die nordischen Langschiffe waren jedoch besonders für diese Winde ausgelegt. 
Er orientierte sich am Kurs der Flotte und beschloss dennoch die Segel zu reffen, um die Fahrt zu verlangsamen und nicht zu dicht an die anderen aufzuschließen. Die Nähe zu anderen Booten konnte sich im Sturm als eine tückische Todesfalle erweisen, wenn die Macht der Gezeiten die Schiffe rücksichtslos gegeneinanderwarf und krachend zum Bersten brachte.
Und dann hörte er den Donner. Yorrik zischte einen unflätigen Fluch aus, als er die Wolkenberge am Horizont sah, welche die Farbe eines Blutergusses angenommen hatten. »Ruder einholen! Ladung sichern! Mast kippen!«, brüllte er gegen den Wind an. »Und dann gut festhalten. Das wird der Sturm eures Lebens!«

***

Deila räkelte sich träge unter ihrem Fell als wolle sie gegen das Aufstehen protestieren. Ihre Lenden brannten noch von Hjalmaers Liebe und alles kam ihr so unendlich warm vor. Plötzlich erschien es ihr nicht mehr gerecht. 
Er hat etwas Besseres verdient als mich, eine halbe Jötun bin ich, plump und ohne Zierde. Ein Mann wie er sollte mit einer der tosenden Töchter der Meere vermählt werden.
Sein Begehren nach ihrer Person verstand sie bis heute nicht. Jeder gesunde Mensch, der mindestens ein Auge besaß, konnte über ihre Hässlichkeit Zeuge leisten. Was also empfand er für sie?
Als er sich heute Morgen von ihr heruntergewälzt hatte, schwitzend und nach Mann riechend, hatte sie noch nichts als bedingungslose Leidenschaft empfunden. Nun, seitdem er fort war, blieb ihr nur der nagende Zweifel. 
Er ist der Befehlshaber über das Schiff, natürlich muss er früh raus, schimpfte sie sich. Deila versuchte ihre Gedanken neu zu sortieren, was ihr einfach nicht gelang. Umso mehr erfreute es sie, als sie auf einmal Stimmen vor der Tür vernahm. Auch wenn sie nicht verstand, was sie sagten, boten sie doch willkommene Abwechslung. 
Zwei Männer schienen angeregt miteinander zu plaudern, dann stieß ein dritter dazu. »Haltet gefälligst eure Plappermäuler, die Tochter des Jarls ist hier unten. Wenn sie das erfährt, war alles umsonst!«, war alles, was Deila verstehen konnte, bevor die Stimmen sich wieder entfernten. 
Sofort wanderte ihr bei diesen Worten ein kalter Schauder über den Rücken. Die haben über mich gesprochen.
Ernüchterung überkam sie, als ihr bewusst wurde, dass es sich bei dem Gespräch vermutlich nur um weitere Verschmähungen ihrer Person gehandelt haben konnte. 
Wartet nur, bis Hjalmaer davon erfährt. Ich sorge schon dafür, dass er euch zur Rechenschaft zieht, beschloss sie bebend und vergrub sich mit düsteren Gedanken unter ihrem Fell, wo sie noch eine ganze Zeit lang liegen blieb. 
Deila erwachte davon, dass sich der Boden unter ihr gefährlich auf und ab senkte. Vom Deck ertönten gedämpfte Schreie. Sofort sprang sie auf und schlüpfte in ihre Kleidung. 
Als sie die Tür der Kajüte öffnete, pfiff ihr sofort ein mächtiger Wind um die Ohren. Selbst für einen frühsommerlichen Morgen erschien ihr der Himmel zu dunkel und Blitze teilten den Horizont mit ohrenbetäubendem Getöse in zwei Hälften. Regen peitschte prasselnd auf sie herab, Wellen schlugen gegen die Reling und Wasser tropfte zischend ins Boot. 
Binnen eines Momentes war Deila komplett durchnässt. 
Hjalmaer bemannte das Ruder und versuchte mit gefletschten Zähnen dem Sturm zu trotzen. Seine Hände krallten sich so fest in das Holz, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Doch in seinen Augen lag eine feurige Entschlossenheit. Als er sie erblickte, schien jedoch ein Funke des Zorns durch sein aristokratisches Gesicht zu sprühen. »Ich hatte doch angeordnet, sie soll unter Deck bleiben!«, fauchte er wüst und warf einer Handvoll Männer, die gerade das Wasser aus dem Boot schöpften, einen giftigen Blick zu.
»Aye, wir hatten hier nur eine andere Beschäftigung, die unsere unmittelbare Aufmerksamkeit erforderte. Wie Ihr seht, mein Herr«, antwortete einer der Männer, während er einen Eimer Wasser über der Reling ausschüttete. 
Deila schlug das Gespräch jetzt schon auf den Magen. War sie an Deck nicht erwünscht? Hatte Hjalmaer ihr nicht geschworen, ihr die See zu zeigen? Wann schon konnte man sie mit solch brüllender Kraft erleben, wenn nicht im tosenden Sturm der Götter? Sie warf ihm einen sehnsüchtigen Blick zu, doch ihr zukünftiger Gemahl schien ihre Anwesenheit nicht weiter zu bemerken.
Abermals pflügte sich eine Welle unter dem Schiff hindurch und ließ es bedrohlich steil abfallen.
Deila verlor den Halt auf den nassen Planken und rutschte dem Bug entgegen. 
In letzter Sekunde griff einer der Männer nach ihr und zog sie auf die Füße. 
»Für ein Pferd bist du wenig standfest«, schätzte er sie mit einem gehässigen Blick ab, bevor er sie in Richtung der Kajüte schob. »Unser Herr hat angeordnet, dass du unter Deck bleiben sollst, bis sich der Sturm gelegt hat. So wichtig ist ihm seine Kleine«, höhnte er. Sein Atem stank furchtbar, fast hätte Deila gewürgt. Sie versuchte sich aus seinem Griff zu lösen, doch der Kerl war ein Fleischberg und musste fast das doppelte auf den Rippen haben wie sie. Mit einem flehenden Blick ließ sie sich vor den Augen ihres Gemahls hinabführen. Als Deila bemerkte, wie verschwinden gering Hjalmaers Interesse an ihr plötzlich zu sein schien, musste sie schlucken. Tränen kämpften sich durch ihre Augen und fast wäre sie in die Knie gegangen. Wenigstens regnete es, da war es nicht so offensichtlich. 
Als der Mann sie in ihr Zimmer zurückstieß und die Tür verriegelte, konnte Deila nicht anders, als einen krampfhaften Schrei von sich zu geben. In ihm manifestierten sich Wut und Verzweiflung zu einem entsetzlichen Klagelaut. Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein, anzunehmen, dass auf einmal alles anders werden würde? Tränen kullerten ihre Wangen hinab, vermengten sich mit jenen des Himmels.
Er hat mich bedauert. Wenigstens einer.
Wieder senkte sich das Schiff im Spiel der Gezeiten und nun ließ sie es zu, dass sie doch auf die Knie fiel. So schwach, wie in diesem Moment, hatte sie sich noch nie gefühlt. Viel hatte sie gewagt, für einen sehnsüchtigen Traum. Nur um hier aufzuwachen, verraten und verkauft. Noch heute Morgen schien es ihr, als sei sie etwas Besonderes, eine Königin, eine Valkyrja, bereit diese Welt zu entdecken. Nun wurde ihr schmerzhaft bewusst, dass sie die Ketten, die sie eisern umklammerten, niemals würde ablegen können. Deila wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. 
Wieder hob sich das Boot, bereit einer neuen Welle zu trotzen.
In diesem Moment wünschte sie sich nichts sehnlicher, als dass der Sturm die gesamte Flotte in den schrecklichsten aller Tode stürzen ließ.

***

»Festhalten!« Mit einem Ächzen kippte der Mast in seine dafür vorgesehene Verankerung. Bei diesen Windböen entpuppte sich diese sonst so kinderleichte Arbeit als eine echte Herausforderung. 
Zumal ihre zusammengewürfelte Truppe keine eingespielte Mannschaft darstellte. 
Snorri spürte, dass er trotz des Wetters und der tosenden Gischt schwitzte wie ein Schwein. Es lief in seine Augen und unter seinen Wams und er fühlte sich von oben bis unten unrein. 
Der zweite Tag und bisher ist das Leben an Bord nicht gerade eine rosige Angelegenheit.
Er biss die Zähne zusammen. 
Sollte die Rán doch kommen und versuchen, was selbst der Hela nicht vergönnt war. Auch ihrem seelenfangenden Netz, mit denen sie die Gefallen aus den tosenden Gezeiten in ihr nasses Grab zog, würde er entrinnen. 
Snorri erwischte sich dabei, wie er sich heimlich erhoffte, Dyggur würde ihm von irgendwo dort unten zusehen und seinen Kampf aufgeregt verfolgen. Sei stolz auf mich, Bruderherz!
Der schallende Klang einer verhassten Stimme riss ihn in die Wirklichkeit zurück. »Vertauen, du Hornochse!«, brüllte Knutson trotz des Sturms viel zu laut und drückte ihm ein wenig Vertrauen erweckendes Seil in die Hand.
»Ich habe dich schon verstanden. Meine Ohren funktionieren noch recht gut«, erwiderte Snorri spitz. 
Knutson trat an ihn heran, seine Augen nicht mehr als ein alles versengendes Lodern. »Eine Welle und du gehst zufällig über Bord. Kannst deinem Bruder folgen. Er wurde doch schließlich nach dem Meeresriesen benannt…« 
Noch bevor Snorri verstand, dass es Knutson eigentlich um Aegir ging, langte er zu. 
Die fliegende Faust traf seinen Gegenüber so unerwartet, dass er zu Boden ging. Doch dieses Mal schien sich Knutson nicht so einfach geschlagen zu geben. »Snorri Naseweiß, du bist der Bruder eines Verräters, eines räudigen Christen! Ein Bruder jener Lämmer, die wir abzuschlachten gedenken! Und du bist auf meinem Schiff ein toter Mann!«, er spuckte verächtlich einen Schwall aus Blut auf das Deck, während er sich langsam erhob. Dann zückte er sein Schwert und vollzog eine grausame Grimasse. 
Snorri schmerzten diese Worte mehr als jede Faust. Es erklärte einfach alles. Aegir hatte sich auf seinem letzten Viking dem Christentum zugewandt. Ein Gott habe ihn berührt, sagte er. Und er wollte nicht mit auf die Fahrt, weil er kein Mörder sein wollte, auch nicht, wenn sie es sein mussten. Doch vor den Männern durfte er sich das nicht anmerken lassen und es als Beleidigung auffassen. Sie würden ihn sonst direkt den Fischen zum Fraß vorwerfen.
Die Ustenströmer haben noch eine Rechnung mit mir offen. Doch auch heute werde ich sie enttäuschen müssen.
Mittlerweile hatte sich eine Traube von Leuten um sie gebildet. Jeder hielt sich irgendwo fest, doch die unbändige Mordlust war seit den gestrigen Ereignissen nicht aus ihren Gesichtern gewichen.
»Und du bist der Bruder einer Wildsau, die von einer Ziege und einem Ochsen gezeugt wurde«, spotte Snorri zurück.
Knutson fletschte die Zähne und rannte ihm mit gezogener Waffe entgegen.
In diesem Moment traf sie eine Welle und dieses Mal wurde das gesamte Boot von ihrer Kraft überschwemmt. 
Im letzten Augenblick gelang es Snorri, sich an einem Seil festzukrallen. Das Schiff schaukelte und kurz konnte er nichts ausmachen, außer einem Brennen, das sich durch seine Augen fraß.
Als Snorri die Augen öffnete, war Knutson spurlos verschwunden. Er eilte zur Reling und stieß ein entsetztes Keuchen aus.
Knutson krallte sich mit aller Macht an einer Planke fest, doch die rutschige Oberfläche bot ihm kaum Halt. »Hilf mir!«, dem Nordmann stand die Angst ins Gesicht geschrieben. 
Geistesgegenwärtig griff Snorri nach seiner Hand, doch sie zu packen erwieß sich als schwierig und der tosende Seegang machte ihm wieder und wieder einen Strich durch die Rechnung. 
Knutson wurde für einen Augenblick vom Meer verschluckt, dann tauchte er prustend und Salzwasser spuckend wieder auf. 
Panisch stellte Snorri fest, dass sein Steuermann bald kaum noch eine Möglichkeit haben würde, um sich an Deck zu hieven, denn das Schiff entfernte sich immer mehr von ihm. Noch ein Blitz fegte über sie hinweg und ein mächtiger Donnerschlag erschütterte Snorri in seinen Grundfesten. Er spürte sein Herz pochen, sein Atem ging unregelmäßig. Er zwang sich, ruhig zu bleiben. Und dann kam ihm eine Idee. Er riss sich von der Reling los und packte das Tau, das Knutson ihm hingeworfen hatte. Als er zurückkehrte, konnte er seinen Kameraden nicht mehr ausmachen. »Knutson!«, er brüllte gegen die Elemente an. »Knutson!« Fieberhaft blickte Snorri sich um. 
Wellenberge nahmen ihm die Sicht und der Regen tat sein Übriges dazu. Noch mehr Blitze zischten über den Horizont.
»Knutson!« Keine Antwort. 
Die restliche Mannschaft schien sich bereits mit seinem Tod abgefunden zu haben, denn sie wendeten sich ab. 
Dann sah er einen Kopf aus dem Wasser auftauchen, sein verhasster Kamerad war mittlerweile beängstigend weit nach draußen abgetrieben. 
Snorri nahm all seine Kraft und schleuderte das Seil in seine Richtung. Der Wind schien glücklicherweise auf seiner Seite zu sein und zog das Tau mit sich. 
Platschend traf es auf die Wasseroberfläche und straffte sich, als der Nordmann es ergriff. 
Snorri zog mit Leibeskräften, niemand machte Anstalten ihm zu helfen. Hoffentlich hält das Seil. Er versuchte, nicht daran zu denken und zerrte es weiter zu sich.
Einen Moment später hievte sich Knutson keuchend an der Reling empor und rollte sich schwer atmend auf das Deck. »Eines muss ich dir lassen, Snorri Naseweiß«, japste er atemlos, während er Wasser ausspuckte wie ein Springbrunnen. »Du stehst deiner Klappe an Größe in nichts nach.«
Dieser grinste und reichte ihm die Hand. 
Der Nord ergriff sie dankbar und zog sich auf die Beine. 
»Die wirst du ab jetzt wohl auch ertragen müssen, Steuermann. Schließlich hocken wir beide auf demselben Schiff«, lachte Snorri.
Doch dann verfinsterte sich seine Miene, als er in der Ferne Islavs Flaggschiff erkannte. Er ballte die Fäuste bis es wehtat. 
Mit Aegir hatte er noch eine Rechnung offen und er wollte verdammt sein, wenn diese nicht beglichen werden würde. 

*** 

Die Wassermassen donnerten gegen den Bug, der unter ihrem Gewicht bedrohlich Ächzte. Eine Welle hatte sie ungünstig erwischt und das Ruder beschädigt, seitdem spielten die Gezeiten ihr eigenes Spiel mit ihnen. 
Yorrik merkte, wie die Angst an Deck umging wie eine Krankheit. Und jeder gab sie an jeden weiter. 
Es musste mittlerweile später Nachmittag sein und den vorgegeben Kurs hatten sie längst verlassen. Im Spiel der Wellen stellte ihr Schiff nur ein zerbrechliches Spielzeug dar. Auch wenn die Langboote dafür ausgelegt waren, Wind und Wellen zu trotzen, so ein ausgewachsener Sturm brachte für sie dennoch sämtliche Gefahren mit sich, die es auf See zu bewältigen gab. 
Sie tauchten auf und ab, mittlerweile zählte Yorrik die Wellen nicht mehr mit, die sie durchpflügten. Das einzige, was zählte, stellte für ihn das Überleben seiner Mannschaft dar und zwar um jeden Preis. Er kniff die Augen zusammen. In der Ferne manifestierte sich eine graue Masse, die er zunächst als Regenvorhang oder Gewitterwolken abgetan hatte, doch je näher sie darauf zuhielten, desto mehr stachen die Umrisse einer Insel empor. 
Yorrik hielt die Luft an. Aber sie hatten ihren Kurs doch verlassen? Es musste sich um einen Streich der Götter handeln. 
Doch sie kam immer näher. Schroffe Felsklippen und ausladende Sandbänke vollzogen sich in das Landesinnere, wo eine undurchdringliche Vegetation wucherte. Kaum ein Mensch konnte je einen Fuß auf dieses Eiland gesetzt haben. Doch gerade erschien sie dem Schiffsbaumeister wie ein Segen. Wenn sie es an Land schafften, könnten sie die Schäden am Boot reparieren und der Flotte nachsetzen. Ihm war bestens bewusst, dass Islav nicht auf ihn warten würde, denn der Brauch verlangte es von ihm. Zu viel wertvolle Zeit ging verloren, um beschädigte Schiffe zu suchen, die bestenfalls schon auf dem Grund des Meeres ruhten. In der Regel mitsamt ihrer Mannschaft. 
Yorrik biss die Zähne zusammen. Diesen Gefallen würde er der Rán nicht machen. Diese Männer vertrauten ihm und es lag ihm fern, sie enttäuschen zu wollen. »Ich brauche zwei starke Jungs und zwei Ruder von den Bänken!«, befahl er lautstark. Wenn sie in Küstennähe manövrierten, konnten sie ihr Schiff so an das sichere Ufer stemmen oder zumindest etwas gegen die Strömung halten, um die Insel sicher zu erreichen. 
Olaf und Jorleif eilten zu ihm und begannen einen gnadenlosen Kampf mit den Gezeiten. Wieder und wieder bäumte sich das Boot über den Wellen auf und der beschädigte Bug drohte unter ihnen zu brechen, so stark drückten sie dagegen. Dann stießen sie endlich auf festen Grund.
»Anlanden!«, befahl Yorrik und stürzte sich in das kalte Wasser. 
Die Männer zogen das Boot gemeinsam an Land und der Schiffsbaumeister fühlte plötzlich, wie die Anspannung der vergangenen Stunden etwas von ihm wich. Hier befanden sie sich zunächst in Sicherheit und konnten hoffentlich das Schiff reparieren. Denn wenn nicht, waren sie hier unausweichlich gefangen. Und Yorrik bezweifelte stark, dass sie hier jemals jemand finden würde.

Aufrufe: 4

Das Experiment

von Hanne

Mit einem lauten Krachen fällt der Stapel zur Seite. Jesses, wieso müssen ausgerechnet seine Skier ganz hinten stehen? Fluchend wühlt er sich durch den Haufen der umgefallenen Bretter. Wenn es hier oben nur nicht so dunkel wäre. Durch die Dachluke fällt kaum Licht. Aber da sind sie. Im schmalen Lichtstreif dreht er Skier und Stöcke, streicht mit den Händen über das glatte Holz. Alles in Ordnung.

Mit seinen Fundstücken unterm Arm tastet er sich die schmale Bodentreppe wieder nach unten. Er spürt seine Knie bei jedem Schritt. Aber was soll’s. Noch vor einem halben Jahr wäre er nicht mal hoch gekommen, ohne dass ihn die Beine höllisch geschmerzt hätten. Nach der letzten OP kann er wieder richtig gut laufen und sogar Treppen steigen. Er ist nur ein bisschen eingerostet.

Seit einer Woche liegt nun schon Schnee. Schöner Pulverschnee. Der Rainer vom Stammtisch hat gemeint, es gäbe eine Loipe. Seitdem lässt ihn der Gedanke nicht mehr los. Da könnte er auch gleich testen, was so ein künstliches Kniegelenk taugt.

Wann ist er das letzte Mal Ski gefahren? Das ist Jahre her. Lange bevor ihn seine Beine im Stich gelassen hatten. Dabei ist er eigentlich mit Skiern an den Füßen auf die Welt gekommen und hat unzähligen Jungen und Mädels das Skifahren beigebracht.

„Was wolltest du auf dem Dachboden?“ Seine Frau hat ihn schon gesucht. „Dass du mit deinen Knien da oben rum kriechen musst. Sei froh, dass bis jetzt alles so gut gegangen ist!“

„Bin ja heil wieder runter gekommen. Reg dich nicht auf“, sagt er.

Sie schüttelt den Kopf.

Endlich mal wieder den Wachskasten rausholen. Ein Wunder, dass er den so schnell gefunden hat. Bedächtig nimmt er die einzelnen Dosen in die Hand. Für Pulverschnee und diese leichten Minustemperaturen braucht es blau, das steht fest. Das mit dem Abbrennen kann er sich schenken, er will ja kein Rennen gewinnen.

Er wirft einen Blick ins Wohnzimmer. Seine Frau ist beschäftigt und wird ihn jetzt nicht vermissen. Irgendwo im Keller hat sie seine Skischuhe aufgeräumt. Aber wo?

Natürlich. Da wo er zuletzt nachschaut. Aber immerhin. Sie sind noch da. Schöne Schuhe aus echtem Leder. Mit Fell-Optik. Hatte damals kein anderer.

Nach dem Essen zieht er sich die Jacke über.

„Ich bin mal kurz unterwegs“, ruft er in die Küche. Vielleicht hat sie es nicht so genau gehört.

Hat sie aber. Steht kurz darauf in der Tür.

„Wo willst du hin?“ Schaut. Stutzt. „Was willst du mit den Skiern?“

„Ach, ich will nur mal ein Stück raus. Die Loipe testen.“

„Du? Skifahren? Du bist 86 und die letzte Knieoperation noch nicht lange her. Mensch, Kerle!“

„Ach, Mutter, das verlernt man nicht. Ich will ja bloß geradeaus fahren. Nur auf der Loipe.“

Die Frau schimpft: „Wenn es der Kuh zu wohl ist, geht sie aufs Eis tanzen.“

„Du musst es ja wissen“, sagt er nur.

„Mach, was du willst“, sagt die Frau, „aber komm‘ dann nicht angekrochen.“

Was soll er darauf antworten? Das versteht sie nicht.

Die Bretter über der Schulter und die Stöcke in der Hand – das ist ein gutes Gefühl.

Der Nachbar schaut gerade aus dem Fenster. Ist mit einem Mal verschwunden. Wahrscheinlich holt er seine bessere Hälfte. „Du guck mal, der Rudolph. Mit Skiern unterwegs. Dass der wieder so laufen kann!“

Tja, da haben die beiden heute auch mal was erlebt.

Der Schnee glitzert in der Sonne. Bis auf die Loipe ist die weite weiße Fläche unberührt. Jungfräulich glatt. Bedeckt Wiesen, Felder und Wege. Er atmet die kalte, frische Luft. So schön ist das draußen. Schade, dass die Frau nie Skifahren lernen wollte.

Er hätte sich eine dickere Hose anziehen sollen. Die Knie sind doch etwas kälteempfindlich. Aber gleich wird ihm beim Laufen warm werden.

Nur noch anschnallen. Wenn das Ende vom Schuh nur nicht so weit unten wäre. Da merkt man, dass man über 80 ist. Er reckt die Hände nach unten, doch der Bügel vom Ski ist unerreichbar fern.

Aber hoppla, das ging doch auch anders. Er greift sich einen der Stöcke und drückt damit den Bügel nach unten. Na also.

Die Loipe führt oberhalb des Wanderweges übers Feld. Er ist alleine auf weiter Flur. Die ersten Schritte sind ein bisschen mühsam. Die Ski rutschen immer wieder zurück.

Bald schon findet er in den Rhythmus. Arme und Beine erinnern sich an das Zusammenspiel von Gleiten und Abstoßen. Gelernt ist eben gelernt.

Er folgt der Loipe bis hoch auf den Hügel. Jetzt liegt das Dorf zu seinen Füßen. Ein weißes Märchenland.

Schön ist es hier draußen. Aber auch anstrengend. Es ist wohl nicht klug, noch bis raus zum Waldrand zu fahren. Soviel Anstrengung ist er noch nicht wieder gewohnt. Er beschließt, die Runde abzukürzen. Dazu muss er nur hinter dem Hügel einen kleinen Abhanghinunter fahren und schon ist er auf einem Weg, der ins Dorf zurückführt.

Der Abhang ist steiler als gedacht. Hoffentlich kommt ihm keiner in die Quere. Ein Sturz wäre übel. Aber gleich ist er unten. Nur noch eine kleine Kurve. Geschafft. Der Rest geht geradeaus bis auf den Weg.

Er wundert sich kurz, warum plötzlich von links oben weitere Skispuren zu sehen sind. Begreift gleich darauf. Eine Schanze. Nicht groß, aber zu groß für ihn. Geistesgegenwärtig lässt er sich nach hinten fallen, versucht mit Stöcken und Hintern zu bremsen. Er kann den Flug nicht ganz verhindern und landet heftig auf dem Steißbein.

Junge, tut das weh. Mehrere Atemzüge lang sitzt er ganz still, veratmet den Schmerz. Dann wagt er vorsichtig eine Bestandsaufnahme. Ein Ski hat sich gelöst. Den anderen öffnet er mit Hilfe eines Skistockes.

Er bewegt behutsam die Beine. Die Knie scheinen intakt zu sein. Nur mit dem Sitzen wird er Probleme bekommen.

Immerhin ist er jetzt unten am Weg und in seiner Nähe steht eine Bank. Dorthin rutscht er vorsichtig und zieht sich dann an der Lehne nach oben.

Er schaut sich um. Stimmt, hier an dieser Stelle haben sie früher auch gerne eine Schanze gebaut. Da sag noch einer, dass die Jugend nicht an die frische Luft geht.

Seine Frau hat Kuchen gebacken, während er unterwegs war. „Du kommst gerade richtig“, ruft sie ihm zu, „ich koche gleich Kaffee.“ Mehr sagt sie nicht.

Vorsichtig setzt er sich auf seinen Stuhl. Seine Frau schenkt ihm Kaffee ein.

Er schielt zum Sofa. Der Stuhl ist arg unbequem. Aber die Blöße will er sich nicht geben.

Die Frau steht auf, holt ein Kissen. „Hier! Da sitzt du bequemer.“

Dankbar stopft er sich die Polsterung unter den Hintern.

„Aber mit den Knien gab es keine Probleme“, sagt er, fast ein bisschen trotzig.

„Ich weiß“, antwortet sie und er empfängt ein warmes Lächeln. „Das weiß ich doch.“

Aufrufe: 1

Rezension “Zayda” von Farina deWaard

Das Buch Zayda – Die Magierin von Irfen

Die Autor Farina deWaard

Genre Fantasy

ISBN 978-3-945073-10-0

Seiten 796 Seiten inkl. Glossar als auch Leseprobe

Preis 13,90 €

Verlag fanowa

Informationen zur Autorin und deren Büchern (Bibliografie)

https://www.fanowa.de/

Die Handlung:

Zayda bewundert ihre Brüder, die ein jeder durch das Kriegerritual der Ratken gehen um

dann zu einem Krieger zu werden. Sie entscheidet sich auch daran teilzunehmen. Ihr gelingt das Unvorstellbare…

Als sie in den Tempel der Göttin ihres Volkes kommt, entdeckt man ihre magischen Fähigkeiten. Allerdings ist ihre Familie, vor allem ihre Mutter, davon nicht besonders begeistert.

Izerdan, der auch Berater ihres Vaters ist, schafft es die junge Ratke an seine Schule in Irfen zu bekommen.

Doch ihre Ausbildung ist für sie nicht einfach. Nicht nur, dass sie Probleme hat sich einzugewöhnen, findet sie keinen richtigen Kontakt zu den anderen Schülern. Nur Kielle, eine blonde Magierschülerin, schafft es die Aufmerksamkeit Zaydas zu sichern.

Als in und um Irfen die ersten Menschen verschwinden, sind Izerdan und Zaydas Eltern sehr besorgt. Die Eltern Zaydas engagieren einen Leibwächter für die Tochter, der sich noch als enger Vertrauter erweisen wird.

Nachdem sich die Lage zuspitzt, wird Zayda zu einer anderen Schule gebracht, die in einem

Gebiet Tyaruls liegt, wo die junge Ratke mit den anderen Kulturen in Kontakt kommt.

Auch hier bleibt es für sie schwierig mit den anderen Schülern in Kontakt zu treten und

Freunde zu finden.

Mit 17 Jahren setzt sich Zayda über die Entscheidung ihres Meisters hinweg und

begibt sich in den Tempel eines Hüters, einem Gott der Völker in Tyarul, um sich der

dortigen Prüfung zu stellen. Ihr gelingt es diese zu bestehen, aber in ihr reift nun der Wunsch

noch mächtiger zu werden um ihrem Volk zu helfen.

Doch mit diesem Wunsch wachsen auch die Widerstände um die junge Frau herum, sodass

sie nicht nur mit ihrer Familie bricht sondern auch mit jedem, der sich nicht auf ihre Seite

schlägt…

Mein Eindruck:

Das Cover ist ein wenig unheimlich und könnte den ein oder anderen im ersten Augenblick abschrecken. Denn es zeigt einen knöchernen Rattenschädel.

Doch in Kombination mit der roten Schrift hat die Aufmachung des Covers etwas magisches.

Ich bin zwar mit dem Schreibstil der Autorin vertraut, musste ich mich allerdings in die Geschichte reinlesen, was mir von Seite zu Seite leichter viel.

Mein Fazit:

Beim Lesen der Bücherreihe “Das Vermächtnis der Wölfe” begann ich mit jedem Buch mich

zu fragen, warum die Antagonistin Zayda so ist wie sie ist. Auch wurde ich neugierig auf das

Volk der Ratken, dem kriegerischsten Volk aus Tyarul.

Zu Beginn musste ich immer wieder grinsen, denn die junge Zayda erinnerte mich mit ihrem

offenen Mundwerk an meinen Sohn. Je älter Zayda wurde um so interessanter wurde sie,

auch wenn ich bei manch ihrer Gedankengänge nicht gut fand.

Selbst die Kultur der Ratken, die Farina deWaard erschaffen hat, ist sehr interessant und für den ein oder anderen nicht nachvollziehbar.

Und doch war ich von ihrer Geschichte angetan und kann das Buch nur empfehlen.

Es ist aus meiner Sicht ein Buch, dass man lesen kann, wenn man die Reihe schon

begonnen hat.

Aufrufe: 1

Gottes Hammer II

Als sie zum Rathausplatz zurückkehrten, war der Ehebrecher verschwunden. Stattdessen standen zwei Frauen am Pranger, vor ihnen eine Traube spöttischer Passanten, die sie mit höhnischen Beschimpfungen überhäuften. Ein Kerkerknecht verkündete mit lauter Stimme die Art ihres Verbrechens.

„Diesen zwei Weibern hier ward es nötig, auf dem Fischmarkt den Streit zu suchen! Fürderhin befand der Richter es als notwendig, sie in Schande zu läutern.“, rief er. Die Passanten johlten, als der Kerkerknecht begann, die beiden Frauen zu entkleiden. Saskia wandte sich ab. Die Szenerie brachte unerwünschte Erinnerungen zurück an die Oberfläche.

Teshin machte sich nicht erst die Mühe, den Vorgang eines Blickes zu würdigen. Er studierte angestrengt eine Karte, die er einem Straßenhändler abgekauft hatte. Er hasste es, unvorbereitet an unbekannte Orte zu reisen.

„Himmel!“, rief er frustriert, während eine der beiden Frauen laut zu schluchzen begann. „Wie soll man dieses Ding denn lesen? Wo ist denn da oben?“

Trotz der unschönen Hintergrundgeräusche breitete sich ein Lächeln auf Saskias Lippen aus. Tat er das mit Absicht? Gnädig streckte sie eine Hand aus und deutete auf das Kompasssymbol in der rechten oberen Ecke der Karte.

Einige Herzschläge lang starrte Teshin nur ihren Finger an, bevor er sich peinlich berührt am Hinterkopf kratzte. „Hm. Ja. Da, wo Norden ist.“

Als wäre dies das Stichwort, sprach ein junger Mann sie an. Er saß auf einem alten Pferd, das jeden Moment zusammenzubrechen drohte und trug eine schneeweiße Kutte. Offenbar handelte es sich um einen Geistlichen.

„Sind Sie die Söldner, die der hohe Herr Bürgermeister anheuerte?“, erkundigte sich der Kleriker höflich. Dabei warf er immer wieder nervöse Blicke in Richtung des Prangers. Der Vorgang schien ihm auch nicht mehr zu behagen als Saskia.

„Nein, ihre Stiefmütter.“, antwortete Teshin gut gelaunt, streckte dem Neuankömmling aber sofort die Hand entgegen. Der Geistliche ergriff sie zögerlich, offenbar unsicher wie er den Humor auffassen sollte.

„Es ist mir eine Ehre.“, sagte er schließlich. „Mein Name lautet Esben.“

„Die Ehre ist ganz auf unserer Seite!“, erwiderte Teshin lächelnd. „Ich bin Teshin und meine stumme Gefährtin hier heißt Saskia. Nehmen Sie’s ihr bitte nicht übel, wenn sie Sie anschweigt.“

Esben nickte verdattert. Er wirkte ungewöhnlich blass, wie Saskia bemerkte und warf immer wieder ängstliche Blicke auf den nahe gelegenen Kerker. Saskia konnte es ihm nachfühlen. Um keinen Preis würde sie mit der jungen Frau tauschen wollen, die an diesem Morgen von den Kerkerknechten hineingezerrt worden war. Offenbar hatte man sie der Hexerei bezichtigt und der Gerechtigkeit des hiesigen Inquisitors überantwortet. Saskia wusste nur allzu gut, wie diese Gerechtigkeit aussah.

„Ich führe Sie zu der Kirche.“, flüsterte Esben kaum hörbar, während der Spott der Passanten die staubige Luft erfüllte.

Saskia hatte sich immer ein Pferd gewünscht, doch als sie nun das Reittier des Geistlichen sah, änderte sie ihre Meinung. Dagegen wirkten ihre Esel schneller als der Blitz.

Esben erzählte nur wenig von sich. Er war der zuständige Priester in Aminas, was Saskia aufgrund seiner jugendlichen Ausstrahlung durchaus als bemerkenswert erachtete. Teshin versuchte, ihm mehr Informationen zu entlocken, aber Esben zeigte sich einsilbig. Etwas schien ihn stark zu beunruhigen.

Das hielt ihn jedoch nicht ab, Teshin mit Fragen zu löchern. Kaum hatten sie die Innenstadt hinter sich gelassen und einen Pfad durch die angrenzenden Felder betreten, begann er.

„Sind Sie gut bewaffnet?“

Teshin strich über seine Klinge. „Gut? Das ist gar kein Ausdruck, mein Herr. Dieses Schwert hier heißt Murakama. Sagt Ihnen der Name etwas?“

Esben wirkte ratlos. „Nein.“

Teshin seufzte theatralisch. „Alte Geheimnisse gehen zu schnell verloren. Es ist eine magische Waffe, müssen Sie wissen! Leicht zu schwingen und ausgesprochen tödlich! Da kann der Dämon ruhig kommen.“

Ihr Lächeln kehrte zurück. Saskia hatte während ihrer gemeinsamen Zeit gelernt, Teshin nicht alles zu glauben. Esben schienen die Ausführungen ebenfalls nicht zu überzeugen. Er räusperte sich, wie um Heiserkeit aus seinem Rachen zu vertreiben.

„Sie tragen keine Rüstung.“, warf er ein. „Dafür Ihr Weib schon!“

Saskia errötete. Teshin lachte auf. „Zwei Dinge, ehrwürdiger Herr. Erstens: wir sind nicht verheiratet. Zweitens: sie braucht eine Rüstung, ich nicht. Genug der Informationen?“

Esben errötete ebenfalls. „Aber …“, murmelte er. „ … das ist doch unschicklich … mit einer unverheirateten Frau zu reisen … “

„Stellen Sie sich vor, sie sei meine Schwester, ja?“

Danach kamen die Gespräche zum Erliegen. Sie passierten einige kahle Stellen, auf denen während des Krieges gebrandschatzt worden war, sowie einen Galgenbaum. Ein verwestes Skelett hing von einem Ast. Offenbar hatte es bisher niemand als Notwendigkeit betrachtet, die Leiche zu bestatten. Als Teshin den Pater darauf ansprach, zuckte dieser nur die Schultern und murmelte etwas von wegen Selbstmörder.

Endlich erreichten sie die Kirche. Saskia verstand nicht, weshalb sie außerhalb der Stadt lag. Normalerweise bildeten Gebetshäuser das Zentrum.

Doch offenbar unterschied sich dieses Gebäude grundsätzlich von den ihr Bekannten. Anstatt eines einzigen ragten vier Türme in den Himmel, jeder mit einer anderen Statue versehen. Sie zeigten Engel mit langen Lanzen, die Sünder in Ketten legten. Das Tor war von kaum lesbaren Symbolen bedeckt und ließ Saskia erschaudern. Diese Kirche erschien ihr falsch, wie eine grausame Parodie.

Esben brach sein Schweigen. „Meist zeigt der Dämon sich nachts.“, erklärte er. „Nur nicht bei Gebeten. Dann kommt er in der Regel sofort.“

Anspannung jagte durch Saskias Körper wie loderndes Feuer. Entschlossen griff sie nach ihrer langstieligen Axt. Einem Dämonen war sie noch nie gegenübergetreten. Sie hatte nur Geschichten von den Inquisitoren gehört. Ein Dämon besaß große Macht, konnte aber besiegt werden. Saskia wusste, was sie im Ernstfall tun musste. Fünfhundert Auris konnten ihr Leben lange sichern. Hierfür würde sie auch ein Geheimnis preisgeben, falls ihnen andere Optionen verwehrt blieben. Sie warf einen Seitenblick auf Teshin. Er wusste nichts von ihrer Vergangenheit und nichts von ihrem Trumpf. Wie auch? Sie konnte mit Müh und Not gerade einmal ihren Namen schreiben und ihre Stimme versagte ihr seit Jahren den Dienst.

Ihr Gefährte wirkte ungewöhnlich ernst, als er von seinem Esel glitt und das Tor öffnete. Eine Hand auf dem Griff der Klinge Murakama, betrat er die Kirche. Saskia folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl.

Trotz der großen Buntglasfenster lag das Innere großteils im Dunkeln. Saskia zählte einundzwanzig Sitzreihen, bevor sie sich dem Allerheiligsten zuwandte. Normalerweise zierte ein Altar diesen geschützten Bereich, hier jedoch eine weitere Engelsstatue. Eine seltsame Kraft schien von ihr auszugehen. Saskia schluckte. Zahlreiche Legenden berichteten von der heiligen Magie, die diesen Teil einer Kirche beherrschte. Angeblich konnten gesalbte Inquisitoren in diesem Bereich sogar kurzzeitig ihre Stimmen zurückerlangen und sprechen. Saskia strich unbewusst über ihre Kehle. Gern hätte sie diese Kraft in Anspruch genommen.

Saskia und Teshin verweilten eine Zeit lang im Inneren. Als sich nichts regte, ließ Teshin sich vor der Statue nieder und sprach ein Gebet. Der Form halber tat Saskia es ihm nach, ihre Sinne geschärft. Doch nichts geschah. Kein Geräusch, kein unerwartetes Aufflammen von Magie. Den Dämon schien ihre Anwesenheit nicht zu stören.

Teshin versuchte es mit einem anderen Gebet. Diesmal bewegte Saskia ihre Lippen synchron zu seinen. Als sich noch immer niemand zeigte, erhob Teshin sich ratlos und ließ seinen Blick über die Sitzreihen schweifen. Nichts geschah. Saskia sah ihn verwirrt an. Teshin zuckte mit den Schultern und deutete nach draußen. Unverrichteter Dinge verließen sie das Gotteshaus wieder.

„Wie gesagt, er zeigt sich oft nur nachts.“, wiederholte Esben, als er ihre Mienen sah. „Vielleicht liegt es auch daran, dass Saskia stumm ist und kein Gebet sprechen kann. Wollen Sie es alleine probieren?“

Teshin schien einen Moment lang versucht, doch schließlich schüttelte er den Kopf. „Das ist zu riskant. Wir sollten uns nicht trennen, wenn wir hier bestehen wollen.“ Nachdenklich strich er über sein mäßig behaartes Kinn. „Wir müssen es heute Abend noch einmal versuchen. Kehren wir nach Aminas zurück.“

Esben schien die Aussicht nicht zu brüskieren. Offenbar veranlasste ihn nicht der eigene Enthusiasmus, sie zu unterstützen.

Die Sonne fand ihren Zenit, als sie wieder den Rathausplatz betraten. In ihrem Schein hatten sich unzählige Menschen vor dem Kerker versammelt. Teshin wirkte verwirrt, doch Saskia wusste, was folgen würde. Dem Inquisitor war seit ihrer ersten Begegnung genug Zeit geblieben, um die angebliche Hexe zu verhören. Ein Meister seines Fachs benötigte in der Regel nur eine halbe Stunde, um ein Geständnis zu erzwingen. Sie schluckte. Die hiermit verbundenen Erinnerungen waren weitaus schmerzvoller.

Esbens Gesichtsfarbe wandelte sich zu einem aschfahlen Grau, als er des Inquisitors ansichtig wurde. Der maskierte Mann stand breitbeinig und mit erhobenem Mauritiusstab vor der aufmerksamen Menge. Neben ihm verlas sein Assistent das Urteil. Selbst jetzt traten noch Menschen hinzu, um den Worten zu lauschen. Sogar der Bürgermeister lehnte sich aus einem Fenster, sich Soße und Fleisch vom Mund wischend.

„ … haben Wir, der Inquisitor Medardus, beschlossen, das ehrlose Weib dem Feuertode zu überantworten, wegen Buhlschaft mit dem Unaussprechlichen, Anwendung von dunklen Hexensprüchen auf Mensch und Tier und grässlichen Wetterzaubers, der nachweislich vor einem Jahr unbescholtene Bürger ihrer mühsam erwirtschafteten Ernte beraubte. Ferner wird das Urteil am morgigen Tage vollstreckt, hier auf dem Rathausplatz der Stadt Aminas, im Jahre …“

Die restlichen Worte gingen im Jubelgeschrei der Menge unter. Einige Männer warfen vor Freude ihre Hüte in die Höhe, Frauen tanzten ausgelassen. Aus dem wogenden Chaos des Pöbels erhob sich wie ein drohendes Mantra der Satz: ,,Morgen schon! Morgen schon!“

Saskia wandte sich angewidert ab. Wie konnte man einem solchen Anlass nur mit Enthusiasmus entgegenblicken? Dabei kannte sie die Antwort. Vor vielen, vielen Jahren hatte sie ebenso getanzt.

Plötzlich musste sie erschrocken mitansehen, wie sich eine Träne aus Esbens Augenwinkel löste und seine Wange benetzte. Er wirkte bleich wie ein Gespenst.

Teshin bemerkte es ebenfalls. Überraschend sanft führte er den Geistlichen vom Platz in eine Nebengasse.

„Fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragte er besorgt. Saskia hatte diesen nahezu väterlichen Unterton noch nie in seiner Stimme vernommen. Offenbar steckte in Teshin mehr als nur ein zynischer Söldner.

Esben antwortete nicht sofort. Er atmete schwer, die weit aufgerissenen Augen auf die schmutzige Hauswand ihm gegenüber gerichtet. Erst nach einigen Herzschlägen bewegten sich seine Lippen.

„Die Angeklagte ist meine Schwester.“, flüsterte er.

Aufrufe: 11

Korrekturen 02

  1. Teil – 17.November 2008 (2/2)

Khendrah starrte noch einen Moment auf die Stelle, an der Thomas gesessen hatte. Zischend stieß sie ihren Atem aus. Es war ihr diesmal nicht so leicht gefallen wie sonst. Thomas Rhoda war ein recht sympathischer Mann gewesen. Es war nur schwer vorstellbar, dass aus seiner Blutlinie ein faschistischer Massenmörder hervorgehen sollte, doch die Behörde hatte alles genau geprüft, bevor sie die Beweise dem Ausschuss vorgelegt hatte. Ein Agent wurde immer erst entsandt, wenn ein unwiderrufliches Urteil gefällt worden war. Sie tippte einen Code an ihr rechtes Jochbein, worauf sie eine Stimme in ihrem Ohr vernahm:
»Agentin Khendrah, haben Sie Ihren Auftrag ausgeführt?«
»Es ist alles erledigt«, antwortete sie. »Thomas Rhoda ist liquidiert. Bitte prüfen Sie den Erfolg der Korrektur.«
»Wird erledigt. Bitte kehren Sie nun zurück in den Zeitvektor. Es ist besser, dass Sie nicht noch irgendwelchen Menschen auffallen.«
»In Ordnung, ich kehre zurück«, entgegnete Khendrah und unterbrach das Gespräch.
Es war auch in ihrem eigenen Sinne, schnell wieder von hier zu verschwinden. Dieser Sektor lag ihr nicht besonders, was auch nicht schwer zu begreifen war, wenn man wusste, dass Khendrah ursprünglich aus dem Jahre 3162 stammte, in dem sie geboren war.
Nachdem sie Thomas’ Wohnung wieder verschlossen hatte, lief sie die Treppe hinunter zur Straße. Im Eingang kam ihr eine ältere Frau entgegen, die sie anstarrte wie ein Gespenst. Khendrah nickte ihr kurz zu und ging an ihr vorbei. Die Frau starrte ihr noch hinterher, doch Khendrah war sicher, dass sie ihre Erscheinung bald wieder vergessen haben würde. Auf dem dunklen Gehweg fühlte sie sich wohler.
Auf dem Weg zur Hauptstraße ging ihr durch den Kopf, wie sie zur Korrekturbehörde gekommen war. Khendrah war – wie viele andere Kinder ihrer Zeit – ein Waisenkind. Frauen ihrer Zeit fanden es nicht in Ordnung, ihre Kinder selbst auszutragen, also nutzten sie die überall eingerichteten Brutanstalten. Die meisten Eltern holten ihre Babys ab, wenn die Zeit der Geburt gekommen war, doch es gab auch andere, die einfach die weitere Pflege und Erziehung dem Staat überließen. Khendrah war eines dieser Kinder. Eigentlich hatte es ihr an nichts gefehlt, nur, dass sie niemals erfahren hatte, wer eigentlich ihre Eltern gewesen waren. Schon früh war ihren Erziehern aufgefallen, wie begabt sie in sportlichen Dingen und vor allem in Kampfsportdisziplinen war. Eines Tages dann erschien ein eigenartig gekleideter Mann in ihrem Heim und ließ sich einige der Jungen und Mädchen zeigen. Nach einigen Tests, deren Sinn sie damals nicht begriffen hatte, nahm er sie und zwei der Anderen mit. Sie wurden getrennt und hatten sich bis heute nie mehr wieder gesehen. In der Folgezeit wurde sie systematisch zu einer Kämpferin und Killerin ausgebildet. Nach einigen Aufträgen, die sie in Begleitung eines Beobachters ausgeführt hatte, ließ man ihr bei der Erledigung ihrer Jobs freie Hand.
Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sie einen Schatten taumelnd vor sich auf dem Gehweg entdeckte. Das war einer der Gründe, warum sie diese Zeitebene hasste: Es gab einfach zu viel Alkohol und andere Drogen. Der Schatten vor ihr war ein offenbar betrunkener Mann. Als sie an ihm vorbeiging, griff er plötzlich nach ihr.
»Hallo Kleine, so allein unterwegs?«, fragte er mit schwerer Zunge. »Was hältst du davon, wenn wir ein bisschen Spaß haben?«
Khendrah überlegte einen Moment. Sie hatte zwar gute Grundkenntnisse in der Ausdrucksweise dieser Zeit, aber es fehlten halt einige Kraftausdrücke und Beleidigungen, die sie diesem aufdringlichen Kerl gern an den Kopf geworfen hätte. So sagte sie nur: »Lassen Sie mich sofort los, sonst werden Sie es bereuen.«
Der Mann lachte und fand wohl, dass Khendrah ihn noch ermuntern wollte. Er begann, an ihrem kurzen Rock herumzufummeln und darunter zu greifen.
Khendrahs Reflexe waren gut trainiert. Ein paar kurze Tritte und Schläge, die er kaum kommen sah, beförderten ihn in tiefe Bewusstlosigkeit. Sie ließ ihn zu Boden gleiten und blickte sich in alle Richtungen um. Offenbar hatte niemand diese kleine Auseinandersetzung mitbekommen. Angewidert ließ sie ihn liegen und ging weiter.
Auf der Hauptstraße angekommen, suchte sie nach einem ganz bestimmten Hauseingang, der in einem ganz bestimmten Augenblick nicht das sein würde, als das er erschien. Khendrah wartete vor dem Eingang und blickte auf ihre Uhr. Als es so weit war, stieß sie die Tür auf und betrat einen kleinen Raum, der nicht viel größer war als eine Aufzugkabine. Es war im Grunde auch eine Art von Aufzugkabine, nur, dass sie sich nicht nach oben und unten bewegte, sondern der Zeitachse folgte.
Khendrah hatte keine Ahnung, wie so etwas funktionierte – es war ihr auch egal. Im zweiundreißigsten Jahrhundert, aus dem sie stammte, gab es keine Zeitreisen. Sie waren erst sehr viel später möglich geworden. Wenn sie sich recht erinnerte, muss es ungefähr im siebenundvierzigsten Jahrhundert gewesen sein. Eine Zeit, die auch für Khendrah unvorstellbar war, obwohl sie schon seit einigen Realjahren als Agentin für die Korrekturbehörde arbeitete. Die Behörde wurde irgendwann nach der Entdeckung der Zeitreisen etabliert und hatte sich zum Ziel gesetzt, die Zeit zu beobachten. Sollte es irgendwann zu Unregelmäßigkeiten kommen, wollte man versuchen, herauszufinden, wie man sie abstellen konnte. Meist lag die Lösung in der relativen Vergangenheit. Oft reichte eine kleine Veränderung in der Vergangenheit eines Ereignisses aus, dieses Ereignis zu verhindern oder erst möglich zu machen, je nachdem, was gewünscht war. Die Agenten, die solche Korrekturen vornahmen, entstammten den unterschiedlichsten Epochen. Es handelte sich dabei aber immer um Menschen, die in ihrer Ursprungsepoche keine großen Spuren hinterlassen hatten. Für die oberste Behörde war es ein Leichtes, herauszufinden, wer dafür infrage kam.
Khendrah blickte gelangweilt auf die Anzeige an der Wand des Aufzuges. Soeben passierte sie ihr Geburtsjahr. Schon oft hatte sie mit dem Gedanken gespielt, den Aufzug einmal dort anzuhalten und sich ein wenig umzusehen, aber sie wusste, dass das strengstens verboten war, also unterließ sie es.
Thomas Rhoda, ihr letzter Auftrag, kam ihr wieder in den Sinn. Noch nie hatte sie so wenig Informationen im Vorfeld besessen, wenn sie einen Auftrag übernahm. Sie hatte zwar die Zielperson bekommen, ihren Aufenthalt und den Grund der notwendigen Korrektur, aber mehr auch nicht. Sie nahm sich vor, die Unterlagen des Ausschusses noch einmal genau zu lesen, wenn sie ihren Bericht schrieb.
Ein Signal ertönte und zeigte an, dass sie ihre Basis im Jahre 3500 erreicht hatte. Es gab noch weitere Basen, aber sie war bisher immer nur in dieser gewesen. Khendrah öffnete die Tür und trat auf einen hell erleuchteten Gang hinaus. Fancan, ihre einzige Freundin hier, wartete vor der Kabine.
»Ich dachte mir, dass du es bist, als ich gesehen hatte, dass sich der Aufzug in Bewegung setzt«, sagte sie. »Wie war es? Hast du den Job erledigt?«
»Ja, wie immer«, sagte Khendrah müde.
»Was ist mit dir?«, fragte Fancan besorgt. »So kenne ich dich ja gar nicht.«
»Ich weiß auch nicht. Ich habe irgendwie ein komisches Gefühl bei meinem letzten Auftrag. Sonst kann ich es immer fühlen, dass es richtig und notwendig ist, was ich tue, aber diesmal ist es anders.«
Fancan winkte ab.
»Du machst dir zu viele Gedanken. Was war denn anders als sonst?«
»Du kennst meinen Auftrag?«, fragte Khendrah.
»Nur ganz grob«, gab Fancan zu. »Ich weiß eigentlich nur, dass es um einen Mann ging, dessen Nachkommen Massenmörder sind.«
»So ist es, aber der Mann, den ich liquidiert habe, war harmlos – sogar irgendwie niedlich. Es passt einfach nicht zusammen.«
»Vorsicht, meine Liebe«, mahnte Fancan. »Du begehst einen Fehler, wenn du dir nur die Zielperson ansiehst. Über die Generationen kann sich der Grundcharakter gewaltig verändern. Du hast dich doch nicht zu viel mit der Zielperson unterhalten? Du weißt, dass das sehr schnell das Urteilsvermögen beeinflussen kann.«
»Fancan, ich bin keine Anfängerin!«, ereiferte sich Khendrah. »Ich bin Profi, wie du! Ich habe nur das Nötigste mit ihm geredet und ich habe den Auftrag ja schließlich auch erledigt. Es ist nur …«
»Das kann doch nicht wahr sein«, meinte Fancan. »Du bist emotional beteiligt.«
»Dummes Zeug!«, schimpfte Khendrah. »Erzähle bloß nicht solchen Quatsch hier herum! Was ich meinte, ist, dass man mir vorher fast keine Informationen gegeben hatte. Normalerweise bekomme ich eine ausführliche Mappe mit allem, was der Analyst herausgefunden hat. Doch diesmal war das nicht der Fall.«
»Keine Mappe?«, wunderte sich Fancan. »Das habe ich auch noch nie erlebt. Aber ist ja letztlich auch nicht schlimm. Es muss ja alles in der Datenbank stehen. Dann erfährst du es eben jetzt im Nachhinein. Lies es, dann bist du beruhigt. Was machst du nachher, weißt du das schon? Liivo Qum hat uns Berechtigungsscheine für das 3500. gegeben. Wir dürfen uns ein wenig amüsieren gehen.«
»Fancan, sei mir nicht böse, aber ich bin müde. Beim nächsten Mal bin ich wieder dabei, aber jetzt muss ich einfach schlafen.«
Fancan zuckte mit den Schultern.
»Schade, ich hätte gern mit dir einen drauf gemacht.«
Khendrah folgte dem Gang zu ihrer Wohneinheit. Kurz davor traf sie auf den Analysten der Basis, Ralph Geek-Thoben.
»Hallo mein Täubchen, wieder zurück?«, fragte er.
Khendrah konnte ihn nicht leiden. Er hatte eine irgendwie schmierige Art. Sie vermutete, dass es mit seinem Job zu tun hatte. Die meisten Aufträge resultierten aus seinen Analysen. Er berechnete, was zu geschehen hatte und welcher der minimale Aufwand zur Erreichung des maximalen Zieles war. Das machte einen Menschen sicher einsam. Doch das Verständnis für Ralph machte ihn für Khendrah nicht sympathischer.
»Ich bin nicht Ihr Täubchen«, wies sie ihn zurecht.
»Kamen sie mit dem Auftrag klar? Ist die Korrektur ausgeführt?«
»Als wenn Sie das nicht bereits wüssten«, sagte Khendrah. »Ich schreibe nachher noch meinen Bericht, dann haben Sie alles in Wort und Schrift, aber nun lassen Sie mich bitte in Frieden. Ich bin müde und will mich frisch machen.«
Sie ließ ihn stehen und betrat ihre Wohnung. Das Licht schaltete sich automatisch ein und eine Stimme teilte ihr mit, dass keine Nachrichten für sie hinterlassen worden waren. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen und schloss für einen Moment die Augen.
Hatte Fancan recht? Hatte sie nicht mehr den nötigen Abstand zu ihren Aufträgen? Sie hoffte, dass es nicht so war, denn eigentlich liebte sie diesen verantwortungsvollen Job. Sie fand, dass es wichtig war, Fehler in der Zeit zu korrigieren. Sie hatte dadurch schon Millionen von Menschen gerettet, auch wenn sie die Früchte ihrer Arbeit nicht selbst ernten konnte, sondern nur in der Datenbank sehen konnte, wie sich ihre Arbeit auf den Zeitstrom ausgewirkt hatte.
Khendrah stand auf und ging zu ihrer Nasszelle. Sie klatschte sich etwas kaltes Wasser ins Gesicht und blickte in den Spiegel darüber. Ihre schwarz geschminkte Augenpartie war vollkommen verlaufen. Sie sah schrecklich aus. Fancan hatte ihr schon oft ihre Permanentfarben angeboten, aber sie konnte sich damit einfach nicht anfreunden. Sie entschloss sich, zu duschen und ließ sich das warme Wasser über den Körper laufen. Danach fühlte sie sich besser und beschloss, ihren Bericht vielleicht noch am selben Tag zu schreiben. Sie griff nach einem dünnen Overall in ihrem Schrank und zog ihn über. Sie blickte wieder in den Spiegel und zeigte sich die Zunge. Ihre Haare waren nun einfach nur blond und der Augenstreifen fehlte. Sie hatte aber einfach keine Lust, sich jetzt darum zu kümmern. Sie verließ ihre Wohnung und lief zur Datenzentrale.
»Welch Glanz in meiner Hütte«, empfing sie Techniker Zeno Dorgan, der für fast alles in dieser Basis verantwortlich war. »Du siehst gut aus, Khendrah. Endlich mal nicht diese dumme Farbe im Gesicht.«
Khendrah verzog leicht das Gesicht. »Du weißt, dass ich diesen Augenstreifen mag, Zeno.«
»Ja, leider«, meinte Zeno seufzend. »Ich finde nur, dass du ohne diese Farbe einfach netter aussiehst.«
Khendrah wusste, dass Zeno sie mochte, doch Khendrah empfand nicht dasselbe für ihn und sie wollte ihm keine Hoffnungen machen, deshalb wurde sie schnell wieder dienstlich:
»Kann ich in den Datenraum, oder ist jemand drin?«
»Um diese Zeit ist niemand mehr dort, Khendrah. Du kannst rein und alle Systeme nutzen, die du brauchst. Wenn du Hilfe benötigst – ich bin hier.«
Zeno lächelte sie breit an.
Khendrah lächelte zurück. »Danke Zeno, aber ich komme schon zurecht.«
Sie öffnete die schwere Sicherheitstür zum Datenraum und ließ sie hinter sich zufallen. Irgendwie tat ihr Zeno leid. Sie mochte ihn, als Kollegen und Freund, nicht jedoch als Liebhaber.
Sie nahm an einem der Terminals Platz und gab ihren Berechtigungscode ein. Sofort erwachte das Terminal zum Leben und sie gab die Aktennummer ihres letzten Auftrages ein, die man ihr mitgeteilt hatte. Der Auftrag erschien auf dem virtuellen Bildschirm und sie begann, ihren Bericht zu tippen. Als sie fertig war, wollte sie sich schon abmelden, als ihr einfiel, dass sie ja nun auch durchaus die Einzelheiten nachlesen könnte, die man ihr nicht ´mitgeteilt hatte. Nacheinander rief sie die entsprechenden Module auf.
Der Text des Auftrages war identisch mit dem Ausdruck, den sie erhalten hatte. Er war genauso dürftig, wie ihr Einsatzbefehl. Also schaute sie nach, ob bereits die Ergebnisse ihrer Korrektur gespeichert waren. Tatsächlich war Ralph bereits tätig geworden und hatte den Fall abgeschlossen. Das war eigenartig. Wie konnte er ihn abschließen, ohne, dass ihr Bericht im System gespeichert und von der obersten Behörde bestätigt worden war?
Sie begann zu lesen. Ihr Auftrag war notwendig geworden, weil man bei Beobachtungen im Jahre 2117 festgestellt hatte, dass ein faschistischer Machthaber mit Namen Gunter Manning-Rhoda den gesamten europäischen Kontinent in seine Gewalt gebracht und ein absolutes Schreckensregime errichtet hatte. Zum Schutz der Menschen dieser Epoche wurde eine Korrektur angeregt, die sich gegen die Vorfahren dieses Diktators richten sollte. Dabei hatte Ralph Geek-Thoben sich rückwärts durch die Zeit gearbeitet, um herauszufinden, welcher der Vorfahren sich mit dem geringsten Aufwand für dessen eigene Epoche beseitigen ließe. Durch die Beseitigung des Thomas Rhoda im Jahre 2008 existierte im Jahre 2117 kein Gunter Manning-Rhoda und die Diktatur wurde vermieden.
Khendrah atmete auf. Es war doch nicht falsch gewesen, was sie getan hatte. Ihre Gefühle hatten ihr einen Streich gespielt. Trotzdem fand sie die Verfahrensweise nicht in Ordnung, wie Ralph sie angewandt hatte. Sie würde sich jedoch hüten, die Arbeit eines Analysten infrage zu stellen. Das bedeutete immer nur Ärger.
Sie rief nur kurz die Darstellung der geänderten Geschichte auf, um sich selbst einen Eindruck zu verschaffen. Sie stellte das Jahr 2117 ein und aktivierte die geschichtliche Zusammenfassung, wie sie sich nach ihrer Korrektur ergab. Was sie sah, verschlug ihr den Atem.
Auch nach ihrer Korrektur sollte es dort eine Diktatur geben. Tausende von Regimegegnern hatten den Tod gefunden. Was hatte denn dann ihre Korrektur überhaupt bewirkt? Sie tippte den Namen Gunter Manning-Rhoda ein und wartete. Die Suche verlief ohne Erfolg, also hatte ihre Korrektur funktioniert, aber warum war die Diktatur nicht beseitigt? Khendrah forschte weiter. Ralphs Abschlussbericht stand sogar im krassen Gegensatz zu den Ergebnissen der Korrektur, die er selbst abgespeichert hatte. Da stimmte doch etwas nicht.
Sie begann im Jahre 2117 mit ihrer Recherche und glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als sie den Namen des Diktators las: Herwarth Thoben. Der Name ihres Analysten war Ralph Geek-Thoben. Das konnte kein Zufall sein.
Khendrah versuchte, Ralphs Personalakte aufzurufen, doch war diese mit einem Sperrvermerk versehen.
»Verdammt!«, entfuhr es ihr.
Es war ihr klar, dass ihr Zugriffsversuch registriert worden war. Spätestens, wenn Ralph sich beim nächsten Mal im System anmelden würde, würde er eine entsprechende Warnung erhalten. Jetzt kam es für sie darauf an, dass sie wirklich etwas fand, was eine Dienstpflichtverletzung Ralphs war, sonst könnte sie ihren Job vergessen. Sie verschränkte ihre Finger und ließ sie knacken. Jetzt waren ihre Fähigkeiten aus dem zweiundreißigsten Jahrhundert gefragt. Nur die Wenigsten wussten, dass in dieser Zeit die besten Hacker gelebt hatten, die es in der Zeit jemals gegeben hatte. Schon Kinder waren fähiger, als viele erfahrene Informatiker in anderen Zeitaltern.
Ihre Finger flogen nur so über die Tastatur und nach und nach schaltete sie alle Sicherungen aus, die ihr einen Zugriff auf Ralphs Akte verwehrten. Es war ihr vollkommen klar, dass sie sich soeben strafbar gemacht hatte, aber sie musste die Wahrheit erfahren. Schließlich erfuhr sie, was sie wissen wollte: Ralph stammte ursprünglich aus dem Jahre 2082. Also hatte Ralph seine Stellung als Analyst ausgenutzt, um einen Verwandten an die Macht zu bringen. Um sicher zu gehen, rief sie auch noch die vergangene Version der Realität vor der Korrektur auf und schaute nach, wie die Geschichte vorher ausgesehen hatte.
Auch hier gab es einen Herwarth Thoben, der als Politiker eine Linie der Gewalt verfolgte. Allerdings gab es auch eine sehr starke Opposition, angeführt von dem charismatischen Gunter Manning-Rhoda, der sich gegen die radikale Partei gestellt hatte. Schließlich unterlag Thoben gegen Manning-Rhoda, wodurch dem Volk eine Gewaltdiktatur erspart blieb.
Khendrah war fassungslos. Sie war gnadenlos ausgenutzt worden, um einem Verwandten Ralphs in den Sattel zu helfen. Sie hatte einen vollkommen unschuldigen Menschen getötet, ja, sie war sogar schuld am Tode vieler unschuldiger Menschen.
Minutenlang starrte sie auf die Anzeige, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Was sollte sie nun tun? In wenigen Stunden würde Ralph erfahren, welche Informationen sie abgerufen hatte. Offenbar ging er über Leichen. Es war zu vermuten, dass er Vorsorge getroffen hatte, dass sein Tun vertuscht werden konnte. Sie dachte an die oberste Behörde, doch verwarf sie den Gedanken wieder. Immerhin hatte sie ihren Auftrag genau von dort bekommen. Entweder hatte Ralph sogar in diesem Gremium seine Gönner oder die oberste Behörde war nicht so souverän, wie sie es immer geglaubt hatte.
Je länger sie darüber nachdachte, umso mehr wurde ihr bewusst, dass es für sie gefährlich werden konnte, wenn sie noch länger in der Basis blieb. Sie meldete sich vom Terminal der Datenbank ab und ging.
»Na, alles erledigt?«, fragte Zeno, der noch immer vor seinen Rechnern ausharrte.
»Ja? Warum?«, fragte Khendrah vorsichtig. Hatte Zeno etwa etwas bemerkt? Doch ihre Angst war unbegründet. Zeno wollte nur etwas Small Talk machen.
»Nichts«, sagte er. »Ich wollte nur fragen, ob wir vielleicht noch etwas trinken.«
»Zeno«, sagte Khendrah vorwurfsvoll. »Ich mag dich, aber gib auf. Lass uns einfach Kollegen und Freunde sein, ja?«
»Solltest du deine Meinung doch einmal ändern – ich bin hier.«
Khendrah lächelte ihm zu und verließ den Raum. Sie beeilte sich, ihre Wohnung zu erreichen. Dort zog sie sich um und legte eine komplette Einsatzkombination an. Sie hatte sich entschlossen, die Basis zu verlassen. Nur wenig später schlich sie zur Kabine und hoffte, dass der Zeitaufzug nicht schon wieder in Benutzung war. Sie wollte sich nicht vor irgendwem dafür verantworten müssen, warum sie in voller Ausrüstung vor dem Aufzug wartete. Sie hatte Glück – die Kabine öffnete sich. Leise schloss sie die Tür hinter sich.
Erst jetzt fragte sie sich, was sie eigentlich wollte. Sie musste schon ein Ziel eingeben, denn sonst würde sich der Aufzug nicht in Bewegung setzen. Sie dachte nach. Ihr letzter Auftrag führte sie zum 17. November 2008, 18:45 Uhr. Vielleicht fand sie ja eine Möglichkeit, ihre Korrektur rückgängig zu machen. Entschlossen stellte sie den 17. November 2008, 17:00 Uhr ein und drückte die Starttaste.

Aufrufe: 1

Rezension “Die Phileasson Saga – Nordwärts” von Bernhard Hennen / Robert Corvus

Das Buch Die Phileasson Saga – Nordwärts

Die Autoren Bernhard Hennen / Robert Corvus

Genre Fantasy

ISBN 978-3-453-31751-2

Seiten 494 Seiten inkl. Glossar

Preis 14,99 €

Heyne Verlag

Informationen zu den Autoren und Büchern:

www.phileasson.de

Die Handlung:

Asleif Phileasson und Beorn der Blender sind beide hoch angesehene Seefahrer der Thorwaler und Kapitäne, der vorzeige Mannschaften dieses stolzen Volkes. Nach einem Streit der beiden Männer werden sie auf eine Reise um Aventurien ausgesandt, auf der sie 12 Aufgaben zu absolvieren haben.

Vor deren Aufbruch, der sie achtzig Wochen von Thorwal fernhalten wird, begeben sie sich auf die Suche nach tapferen Recken für ihre Drachenboote.

Kaum aufgebrochen, beginnt auch schon Beorn sich nicht fair zu verhalten. Er lässt ein Mannschaftsmitglied auf einer Insel zurück um einen Elfen mit auf sein Boot zu nehmen. Letzterer erhält die Aufgabe einen Sturm heraufzubeschwören, dass Phileasson Zeit verliert und ihn sowie seine Mannschaft vor große Herausforderungen stellt.

Auf der ersten Wegstrecke treten vor allem der junge Magier Tylstyr Hagridson als auch der Elf Salarin Trauerweide hervor, die durch ihre magischen Fähigkeiten einen besonderen Status erlangen.

Am ersten Stützpunkt angekommen werden Asleif und die Mitglieder seiner Ottajasko von einem Nivesenstamm, ein im Norden lebendes Volk, begleitet. Über die Landmasse, die sie zu ihrer ersten Aufgabe bringt, ist ein vorankommen mit dem Drachenschiff nicht möglich, sodass dieses zurückgelassen wird.

Dann beginnt die Suche nach den Kopfschwänzlern (Mammuts) in dieser kalten und unwirtlichen Gegend. Denn sobald jeder Kapitän eines jener Tiere eingefangen hat, wartet bereits die nächste Aufgabe auf sie, die sie zum Himmelsturm führt.

Mein Eindruck:

Durch das eigene erleben dieser Kampagne durch das Rollenspiel “Das schwarze Auge”, auch DSA genannt, war ich der Handlung ein wenig kritisch gegenüber.

(Informationen für den groben Überblick zu diesem Rollenspiel findet man unter:

de.wikipedia.org/wiki/Das_Schwarze_Auge

Aber auch der Umfang des Buches schreckte mich zu Beginn ab, obwohl ich jemand bin, der Bücher mit mehr als 300 Seiten bevorzugt.

Ebenso war die Kombination zweier Autoren, die die Kampagne der Phileasson Saga schreiben, für mich doch recht irritierend.

Mein Fazit

Ich brauchte zwar einige Monate nach dem Kauf des ersten Bandes der Phileasson Saga, um mich mit dem Buch auseinanderzusetzen, aber ich überwand dann doch meinen inneren Widerstand.

Als ich dann zu lesen begann, war ich schon bald in der Handlung mittendrin und fühlte mich in der ein oder anderen Situation wieder in meine Zeit als DSA-Spieler zurückversetzt.

Ich kann allen, die Interesse an Fantasy oder auch an diesen Büchern haben, dieses Reihe zu beginnen.

Aufrufe: 2

Die Wölfe von Asgard – Vor den Toren der Hela (2/2)

Der dumpfe, monotone Schlag einer mächtigen Trommel riss ihn mit sich ins Jenseits. Rauschende Gefühle, deren Ursprung er nicht einordnen konnte, erfüllten seinen Körper. 
Wonne und Angst vermengten sich zu einem grotesken Klumpen in seiner Brust, er stürzte und doch landete er. Steuerte an einen Ort, der nicht für ihn bestimmt war. 
Er öffnete die Augen, die sich nicht sofort an die vollkommene Finsternis, die diesen Ort erfüllte, gewöhnen wollten. Ein Wort schnitt durch seinen Kopf, scharf wie ein Schwert und doch nur ein Flüstern. Hel.
Das Echo der Stimme hallte in seinem Kopf wie das Aufeinandertreffen zweier rostiger Klingen. Hel. Hel. Hel. 

Snorri blinzelte angestrengt, um in der Dunkelheit etwas auszumachen. Die Finsternis löste in ihm eine ungewöhnliche Angst aus, die er nur unter Aufbringung all seiner Willenskraft verdrängen konnte. 
Erst jetzt fiel ihm auf, dass er keine Trommeln hörte, sondern lediglich seinem eigenen Herzschlag lauschte. 
Der junge Nordmann vernahm Bewegungen am Rande seiner Wahrnehmung, schleichende Schatten, die sich an seine Brust schmiegten wie ein zahmes Kätzchen. 
Dann zog ihn etwas vorwärts und seine Beine bewegten sich wie von Götterhand gelenkt. Er ließ es passieren. Musste es passieren lassen. 

In der Ferne erspähte Snorri einen matten Lichtkegel, der beständig an Größe gewann. Im Schein des Lichtes kristallisierten sich zunehmend Konturen heraus, welche die Form zweier riesiger Monolithen annahmen, die wie ein Bollwerk in die Höhe ragten. Ihre schroffe Oberfläche bedeckten ätzende Runen, die giftgrün leuchteten. Doch bis er sie erreichen würde, lag noch ein weiter Weg vor ihm, der ihn durch morbides Gestein und gähnende Höhlen führte. Schwarzer Fels verschluckte ihn und wieder blieb nur die Finsternis. 
Doch Snorri wusste, dass er einem Pfad folgte. 
Irgendetwas bestimmte seinen Weg und er folgte seinem Ruf. 
Wacker setzte er einen Fuß vor den anderen, gab sich ganz der Dunkelheit hin. Und plötzlich merkte er, dass er nicht mehr alleine war. 
Schwarze Silhouetten tauchten mit steifen Bewegungen vor ihm auf, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Ihre blassen Gesichter hatten etwas ausdruckloses angenommen und sie schienen zunehmend in einen monotonen Singsang zu verfallen, dessen tristes Klagen die gesamte Höhle erfüllte. 
Auf einmal tauchte eine weitere Gestalt unter ihnen auf, deren Gesicht Snorri verdächtig bekannt vorkam. Er musste schlucken. Ist das etwa Dyggur? Was macht er an diesem Ort?
Ohne ein weiteres Wort an ihn zu verschwenden, glitt der Schemen seines verstorbenen Bruders wieder in die Dunkelheit hinein und verschwand.
»Dyggur, warte auf mich!« Snorri versuchte ihm hinterherzueilen, doch seine Füße klebten förmlich am Boden fest, fast so als wolle man es ihm nicht vergönnen, den Pfad der Toten weiter zu beschreiten.
Eine bleierne Schwere legte sich auf ihm ab und das erste Mal wurde ihm die Last dieses Ortes gänzlich bewusst. Sie saugte die Lebenskraft förmlich aus seinen Knochen heraus. Er wollte einen weiteren Schritt in die Finsternis setzen, als ihn ein unheilverheißender Instinkt innehalten ließ. 

Ein grollendes Knurren ertönte, nicht weit von seiner Position entfernt. »Die Toten heißen es nicht willkommen, wenn die Lebenden hier wandeln!«, donnerte eine wütende Stimme.
Snorri zuckte unwillkürlich zusammen. Dann erspähte er ein blitzendes Augenpaar, das ihm einen feurigen Blick zuwarf. 
Darunter befand sich ein gähnendes Maul, voller spitzer Reißzähne, die wie Nadeln daraus hervorstachen. Der Körper des riesigen schwarzen Hundes, der sich langsam an ihn heranschlich, war in der Dunkelheit kaum auszumachen, so geschmeidig bewegte er sich. 
Der junge Nordmann blieb wie angewurzelt stehen. So eine große Töle hatte er zu Lebzeiten noch nie gesehen. Er merkte, wie sein Herz zu rasen begann. »Wie lautet dein Name?«, brachte er mühsam hervor. Seine Stimme drohte zu versagen und er taumelte entsetzt einen Schritt rückwärts. Ein Klos bildete sich in seinem Hals, groß genug, um ihn in Atemnot zu versetzen. »Und was ist dies für ein Ort?«
»Sie nennen mich Garm und ich wache im Namen der Herrin über diese Gänge. Du befindest dich in Gnipahellir, dem Vorhof von Helheim. Durch diese Höhlen wandern jene, die keinen Herzschlag mehr besitzen, um der Herrin vorgeführt zu werden. Also nenne mir dein Begehr und dann verschwinde von hier!«
»Ich suche meinen Bruder. Er hat es nicht verdient, hier unten zu verrotten«, entgegnete Snorri tapfer. Auch wenn sich der große Hund immer näher an ihn heranschlich, so musste er doch irgendwie an ihm vorbeigelangen. 
Dyggur befand sich irgendwo dort unten und Snorri wollte verdammt sein, wenn er ihn nicht retten konnte. 
»Die Lebenden haben kein Recht, hier zu wandeln«, wiederholte Garm knurrend. Dann machte er plötzlich einen Satz und sprang den jungen Nordmann an. 
Snorri konnte nicht schnell genug reagieren und der Höllenhund begrub ihn unter sich. Geifernde Zähne streckten sich ihm entgegen und nur mit Mühe und Not gelang es ihm, sie von seiner Kehle fernzuhalten. Er trat mit dem Stiefel nach der Schnauze der Bestie und knurrend wich sie einen Schritt zurück. Für einen Augenblick konnte Snorri aufatmen und es gelang ihm, sich aufzurappeln. 
Diesen Moment nutzte Garm aus, um sich abermals auf ihn zu werfen. Er traf den jungen Nord direkt vor der Brust und erneut stürzte Snorri zu Boden. Die Luft wich aus seinen Lungen und vor Schmerz musste er aufschreien. Schwarze Sterne spielten vor seinen Augen fangen. Er bemerkte erst im letzten Moment, wie sich das zähnefletschende Maul um seinen Stiefel schloss. 
Garm vergrub die Zähne in ihm und Snorri jaulte auf vor Pein. 
Er wandte sich in Qualen, warmes Blut lief sein Bein hinab. Dann vollführte er eine unbeholfene Drehung und schaffte es irgendwie, aus seinem Stiefel zu schlüpfen. Snorri rappelte sich auf und rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Vorbei an schwarzen Silhouetten, immer tiefer in die Finsternis hinein. Hinter sich vernahm er das Hecheln des Höllenhundes, er musste ihn jeden Augenblick eingeholt haben. Snorri verdoppelte seine Anstrengungen, auch wenn seine Lungen wie Feuer brannten, und doch gelang es ihm, vorne zu bleiben. Er passierte Kavernen und Tunnel, bis er irgendwann durch einen Spalt in der Wand schlüpfte, der für Garm einfach zu klein war. 
Wütend heulte ihm der Hund hinterher, während er sich schleunigst davonmachte.
Schwer atmend hielt Snorri für einen Moment inne. 
Die Luft hier unten war so kalt, dass sich Dampfwolken vor seinem Mund bildeten. Und dennoch schien er die Höhlen hinter sich gelassen zu haben, denn abermals erspähte er den Schimmer der Monolithen. Er war den großen Steinen ein ganzes Stück nähergekommen und irgendwie wusste Snorri, dass sie sein Ziel darstellten.
In einiger Entfernung begann eine gepflasterte Straße, die sich wie ein niederträchtiges Tier durch das schwarze Gestein schlängelte. Ein Tunnel führte von ihr aus zurück in die Kavernen, aus denen er gerade noch entkommen war. 
Auf der Straße wandelten die dunkeln Schemen, verdammte Seelen, denen der Zutritt zu Walhall endgültig verwehrt bleiben sollte. Selbst aus der Entfernung drang ihr Gesang in sein Ohr. Wieder und wieder formten sie Worte der Verzweiflung. 

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Irgendwo dort unter ihnen befand sich sein Bruder. Snorri musste ihn finden und zurückbringen, koste es was es wolle. Er konnte einfach nicht zulassen, dass Dyggur hier unten verrotten sollte. 
Langsam machte er sich an den Abstieg, das brüchige Gestein bot ihm keinen festen Tritt. Doch je länger er den Fels herunterkraxelte, desto besser kam er voran. Dann erreichte er endlich die Straße. 
Als er sich genauer umsah, stellte Snorri fest, dass es schwierig werden würde, unter all diesen Schemen seinen Bruder auszumachen. 
»Dyggur!«, er schrie so laut er konnte, doch der Gesang der Silhouetten schien alles zu übertönen. Wer war er schon, sie herauszufordern? Als nach wiederholtem Rufen niemand antwortete, beschloss Snorri, seine Taktik zu ändern. Der Straße bis zu ihrem Ende zu folgen, stellte vermutlich die beste Möglichkeit dar, die er besaß. Er schauderte bei dem Gedanken daran, was ihn dort womöglich erwarten mochte. Er biss die Zähne zusammen. 
Ich tue das für meinen kleinen Bruder, rief er sich immer wieder ins Gedächtnis. Diese Tatsache gab ihm die Kraft, die er brauchte, um weiterzumachen. 

Nachdem er eine Weile dem Verlauf der Straße gefolgt war, vollzog diese plötzlich eine steile Kurve. Als Snorri sie passierte, fand er sich unweit von den großen Monolithen wieder, die er schon zuvor gesehen hatte. Er erkannte die Runen auf dem Stein nicht, doch von ihnen ging eine unheimliche Aura aus. Es kam ihm so vor als würde sie das lebendige Fleisch von seinem Körper schälen und er verkniff sich nur mit Mühe einen gequälten Aufschrei. Der junge Nordmann zwang sich dazu, seinen Marsch zu beschleunigen, und kurz darauf stellte er fest, dass zwischen den beiden Monolithen eine Brücke aus reinem Gold verlief, die über einen reißenden Fluss pechschwarzen Wassers führte. Als er genauer hinsah, bemerkte er auf dieser Brücke eine riesige Frau, welche die Schemen etwas zu fragen schien, bevor sie ihnen gewährte zu passieren. Das muss eine Jötun sein.
Ihr Haar war so weiß wie ein Leichentuch und ihr Gesicht bedeckte eine seltsam deformierte Maske aus reinem Silber, die ihr ein tierisches Aussehen verlieh. Schwarze, kreisrunde Löcher stellten Augen und Mund dar und ihren sehnigen Körper bedeckten unzählige Narben. Sie lehnte auf einer Axt, die Snorri an Größe übertraf. Diese Magd lebte für den Kampf. 
»Welchen Namen trägst du, dass du erbittest die goldene Brücke Gjallarbrú zu überqueren?«, fragte sie wieder und wieder, wenn eines der Schemen sie passieren wollte. 
Diese antworteten aufrichtig und die Riesin ließ sie passieren. 
In Snorri jedoch keimten Zweifel auf. Je näher er der Jötun kam, desto ärger befürchtete er, sie würde ihn womöglich nicht passieren lassen oder sogar schlimmeres mit ihm anstellen. Seine Beine zitterten wie Espenlaub, während er immer näher an sie herantrat. Dann vernahm er jedoch etwas, das sein Feuer wieder entfachte.
»Dyggur aus Skiringssal erbittet Einlass«, krächzte eine Stimme mühsam hervor. 
Er war schon immer so labil, so nahe am Reich der Toten gebettet. Doch keiner vermochte es, mit Wort und Tat so viel Freude auszustrahlen wie er. Dann kam die Lepra und nahm ihm sein Leben.
Snorri schluckte, als ihn die Bilder der Vergangenheit einholten. 
Bilder, die allesamt damit endeten, dass der Körper seines Bruders langsam verfiel, bis er sämtliches Leben ausgehaucht hatte. Seine Gefühle bahnten sich einen Weg durch seinen Körper, bis sie sich in seiner Kehle zu einem entsetzlichen Schrei manifestierten. 
»Dyggur! Bleib stehen! Warte auf mich! Ich hole dich hier raus!« Snorri brüllte wie er noch nie in seinem Leben gebrüllt hatte. Er setzte sich in Bewegung und schoss auf die Riesin zu. Wenn es eine Gelegenheit gab, um seinen Bruder vor Hela zu bewahren, dann war sie nun gekommen. 
»Du wagst es, der Modgudr entgegenzutreten? Ich wache über die goldene Brücke und niemand, der lebt, darf sie passieren!« 
Das Hallen ihrer mächtigen Stimme fegte wie ein Sturm über Snorri hinweg. Ächzend ging er in die Knie. Die riesige Axt zischte ihm entgegen und für einen Augenblick sah er sein Leben an sich vorbeiziehen. Geistesgegenwärtig rollte er sich zur Seite. 
Mit einem entsetzlichen Kreischen traf die Schneide auf die Brücke und knackend brach diese entzwei. Risse bildeten sich im Gestein, bis es gänzlich zerbarst. 
Snorri versuchte panisch, sich in Sicherheit zu bringen, doch die Trümmer zogen ihn mit sich, in die alles ertränkende Tiefe. 
Er erhaschte einen letzten flüchtigen Blick auf Ghyddur, der an Modgudrs Hand in die Finsternis schritt. 
Ein alles erstickender Schrei entwich Snorris Kehle, als er ins Bodenlose stürzte. Dann drückte eine gewaltige Kraft sämtliche Luft aus seinen Lungen, bis er nicht mehr atmen konnte. Röchelnd und keuchend tauchte Snorri in ein alles verhüllendes Schwarz. 

Als er die Augen aufriss, dämmerte bereits der Morgen. 
Ein Traum, wurde ihm schnell klar. Mit pochendem Herzen versuchte er seine Erlebnisse wieder vor sein geistiges Auge zu rufen, während er sich den Schlaf aus dem Gesicht wischte. 
Ghyddur. Ich war zu schwach, um ihn zu retten.
Er ballte die Fäuste. Sollte die Hela ihn jemals wieder zu sich rufen, würde sie dafür bitter bezahlen. Mühsam schälte er sich aus seinem Schlafsack. Die aufregende Nacht hatte ihm kaum Erholung beschert.
Draußen bellte jemand Befehle. 
Knutson. Bei dem Gedanken an seinen heuchlerischen Schiffsmeister überkam ihn der Groll. Und eines war Snorri vollauf bewusst: Sollte es so weitergehen wie bisher, steuerten sie geradewegs in ihr Unheil hinein. 
Und böse Omen waren wahrhaft nichts, was er an Bord gebrauchen konnte.

Aufrufe: 1

Ad Infinitum

von Hari Patz

„Sehen wir uns heute Abend in der Hauptkuppel?“, fragte Miguel seine hübsche, rothaarige Kollegin hoffnungsvoll. Sie schwebte zu ihm an die Überwachungsmonitore und legte ihm leicht ihre Hand auf den Rücken.
„Natürlich werde ich da sein, wie alle, die keinen Dienst haben. Das will sich doch niemand entgehen lassen. Eine Jubiläumsfeier wie diese erlebt man schließlich nur einmal im Leben.“ Ihr Blick wanderte über die rötliche Oberfläche des Mars, bis hin zu einem Gebilde, das an die Seifenblasen eines Kindes erinnerte. Ein Konglomerat bläulich schimmernder Kuppeln unterschiedlicher Größe, die sich eng aneinanderschmiegten. Hier aus der Orbitalstation konnte man New Haven gut erkennen.

Für Angelique war es ein gewohnter Anblick, sie kannte nichts anderes. Sie gehörte zur ersten Generation der Mars-Geborenen, sie hatte die Erde nie kennengelernt. Fünfzig Jahre war es nun her, dass es den Menschen gelang, die erste dauerhafte Station auf dem Mars zu errichten. Die Entdeckung eines speziellen Quarzsandes, den es nur auf dem Mars gab, hatte diesem Unterfangen einen gewaltigen Schub gegeben. Aus diesem Sand konnte man ein Glas erzeugen, das von extremer Haltbarkeit und Formbarkeit war. Daraus entstanden dann die Kuppelbauten, lichtdurchlässig und von extremer Stabilität. Sie gaben über zweitausend Seelen eine Unterkunft und beherbergten auch die hydroponischen Farmen.

Die Orbitalstation diente den Robotschiffen mit Versorgungsgütern von der Erde als Anlaufstelle. Gleichzeitig sollte sie den Nahraum überwachen. Zwar funktionierte die Siedlung inzwischen weitgehend autark, jedoch gab es immer wieder dringend benötigte Dinge, die es nur auf der Erde gab. Für heute war kein Transport vorgesehen. Die Siedler dort unten waren fast alle mit den Vorbereitungen zur 50-Jahr-Feier beschäftigt. Miguel schwebte zu Angelique an die Aussichtsluke und schaute ebenfalls hinaus. „Ist es nicht immer wieder ein wundervoller Anblick? Schon bald werde ich eine dieser Kuppeln mein Eigen nennen.“
„Ach ja, hast du denn schon eine Partnerin dafür gefunden?“, fragte sie mit spöttischem Lächeln. Sie wusste genau, dass Singles nur in den Gemeinschaftsunterkünften wohnen durften. Die kleinen Wohnkuppeln waren nur für Paare, die hoffentlich die Population erweitern würden. Die vorhandenen Ressourcen ließen nur ein langsames und kontrolliertes Wachstum zu. Miguel war sehr daran interessiert, mit Angelique eine dieser Kuppeln zu beziehen, und sie wusste das. Hier oben, auf beengtem Raum lernte man sich sehr gut kennen und sie hatte Miguel schätzen gelernt. Liebe war nicht wirklich das Thema. Auf dem Mars zählten praktische Erwägungen mehr als Romantik. Gute Erbanlagen, die kompatibel waren, hatten mehr Bedeutung als Liebesschwüre. Es war wieder wie in den alten Pioniertagen, man schaute mehr auf das Gebiss als auf den Charakter.

Die Überwachungssensoren konnten einen großen Bereich abdecken, aber auf das, was da die Jupiterbahn passiert hatte, waren sie nicht vorbereitet, konnten sie nicht sein. Er hatte keinen Namen, keine Bezeichnung. Es war einfach nur ein schwarzer Materieklumpen in der ewigen Nacht des Alls. Ein imposanter Brocken mit einer gewaltigen Masse. Seine Oberfläche hatte die Struktur zerborstenen Glases mit abertausenden spitzen Zacken. Er bestand aus einem völlig fremdartigen Material, das noch kein Mensch zuvor gesehen hatte. Mit der besonderen Eigenschaft, die gesamte Strahlung des elektromagnetischen Spektrums aufzusaugen wie ein Schwamm und nichts davon wieder herzugeben. So entzog er sich jedem Radar oder anderen Sensoren und raste unbeirrt auf seiner Bahn weiter.

2034 – 2084
50 Jahre New Haven


stand auf einem großen Transparent, das oberhalb des Rednerpultes und eines großen Monitors dahinter hing. Die Ansprachen und Reden voller Lob und Ermunterung waren vorbei. Es gab marsianischen Champagner zum Anstoßen. Angeliques Vater, ein Franzose, hatte seinerzeit Rebstöcke mitgebracht und erfolgreich kultivieren können. Sie stand mit Miguel an einem der Aussichtsfenster. Er wollte ihr heute die Fragen aller Fragen stellen. Mit schweißnassen Händen umklammerte er sein Glas.
„Angelique, willst du mich heiraten? Willst du eine Kuppel mit mir teilen?“
Mit glänzenden Augen und roten Wangen stand sie vor ihm, er fand sie nie begehrenswerter. Mit einem strahlenden Lächeln antwortete sie ihm: „Ja, mein Lieber, das will ich gerne tun.“
Nachdem sein Herz wieder da war, wo es hingehörte, nahm er sie in den Arm und küsste sie lang anhaltend.
„Auf das neue Paar, Gesundheit, Fruchtbarkeit und ein langes Leben!“, skandierten die umstehenden Siedler und hoben ihre Gläser …

Sie hatten keine Gelegenheit mehr, herauszufinden, was den Himmel so plötzlich verdunkelte. Die Seifenblasen zerplatzten ins Nirgendwo. Der Mars hatte einen riesigen Krater dazu bekommen, drehte sich aber unbeirrt weiter auf seiner vorgegebenen Bahn.

* * *

Aufrufe: 0

Gottes Hammer I

„Wir sind da!“, rief Teshin gut gelaunt. Saskia konnte nur nicken. Unter ihnen erstreckten sich die verwinkelten Gassen der Handelsstadt Aminas. Menschen tummelten sich wie Ameisen darin, die Straßen wirkten regelrecht verstopft. Saskia verdrehte die Augen. Zum Bürgermeister zu gelangen würde nicht einfach werden.

Teshin ließ sich davon nicht beirren. Vor sich hin pfeifend lenkte er seinen Esel den Hang hinab zum Tor. Saskia folgte ihm widerstrebend. Als reisende Söldner konnten sie auf Reittiere nicht verzichten. Gerne hätte sie ein Pferd gekauft, doch ihre Mittel reichten lediglich für zwei Maulesel.

Sie mussten einen seltsamen Anblick für die Torwächter bieten. Ein breit lächelnder Mann in einer Tunika und mit einem Breitschwert, sowie eine von Kopf bis Fuß in gehärtetes Leder gekleidete Frau, beide auf dem Rücken von Eseln. Der Soldat empfing sie mit hochgezogener Braue, verkniff sich aber einen Kommentar.

„Reisende?“, fragte er nur.

„Söldner.“, erwiderte Teshin vergnügt. „Wir hörten, ihr habt ein Problem.“

Der Wächter spuckte aus. „Und Ihr wollt diesen Auftrag alleine annehmen, mein Freund?“

„Wer sagt denn so was? Ich habe immer noch meine Partnerin.“ Teshin wies auf sie.

Die Augenbrauen des Wächters zogen sich zusammen. „Das ist eine Frau.“

„Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Beobachtungsgabe.“, erwiderte Teshin. „Dürfen wir hinein?“

Der Soldat murmelte etwas Unverständliches, winkte sie aber durch. Saskia betrachtete ihn erstaunt. Die Sicherheitsvorschriften sahen üblicherweise vor, dass Fremde bei ihrer ersten Ankunft in der Stadt durchsucht werden sollten.

Teshin erriet ihre Gedanken, während sie durch das große Tor trabten. „Man möchte meinen, nach fünfzig Jahren Krieg wären sie schlauer geworden.“ Er seufzte theatralisch. „Zu viel schlechtes Personal heutzutage.“

Saskia schluckte, während ihr Partner einen ausschweifenden Monolog führte. Ein prägnantes Gefühl des Unwohlseins erfasste ihre Glieder. Als sie vor einigen Jahren Aminas verlassen hatte, waren die Umstände keinesfalls erheiternd gewesen. Sie hoffte inständig, dass sich niemand an sie erinnern würde.

Auf den schlammigen Straßen türmten sich Schmutz und Abfall. Saskia beobachtete eine Frau dabei, wie sie einen großen Nachttopf ausleerte. Sein Inhalt verfehlte Teshin nur um Haaresbreite. Einige Männer zogen einen großen Karren, ihnen folgten zwei Kleriker. Saskia erschauderte. Deren weiße Roben erinnerten sie an die Tracht der Inquisitoren, unter denen sie während des Krieges gedient hatte. Sie warf einen schnellen Blick auf Teshin. Er ließ nicht erkennen, wie er zu den Lehren der Heiligen Denomination stand. Sie würde ihm nichts von ihrer Skepsis berichten.

Artig reihten sie sich in die wogende Menge aus Menschen ein. Als sie einen weitläufigen Marktplatz betraten, erfüllte lautes Geschrei die übelriechende Luft. Händler boten ihre Waren feil und präsentierten sie den anwesenden Bewohnern. Ein Fischverkäufer reckte sich und hielt Saskia eines seiner Produkte unter die Nase. „Was sagen Sie, meine Dame? Erstklassige Qualität zu einem guten Preis!“

Saskia merkte sich sein Gesicht. Im Strom der Massen wollte sie nicht anhalten. Wenn der Fisch tatsächlich billig angeboten wurde, könnte dies zumindest ihre finanziellen Sorgen vorzeitig mindern.

Das Rathaus fanden sie nur durch einen mehr oder weniger glücklichen Zufall. Zwei Kerkerknechte zogen eine schreiende Frau durch die Menge, die sich nur widerwillig teilte. Teshin und Saskia folgten ihnen, bis sie das Gefängnis erreichten. Daneben erhob sich das Rathaus.

„Ein schöner Bau!“, rief Teshin, während die Frau ihre Häscher verfluchte. Die beiden Knechte bugsierten sie unsanft durch die offene Tür in das düstere Gebäude daneben. Saskia blickte ihr mitleidig nach. Solche Szenen hatte sie bereits oft beobachtet. Wahrscheinlich war die Frau eine Diebin oder Verleumderin, vielleicht sogar eine Hexe. Saskia betete inständig, dass letzteres nicht zutraf. In solchen Fällen war immer ein Inquisitor zugegen. Diese mächtigen Magier standen im Dienste der Denomination und opferten dem Herrn ihre Stimme und ihre Identität. Dafür erhielten sie mächtige, heilige Fähigkeiten. Saskia wusste dies besser als jeder andere.

„Jetzt sieh mal einer an!“ Teshin pfiff durch die Zähne. „Schau mal, Sas, wer da kommt!“

Saskia begrub ihre Hoffnungen am Grunde ihrer Seele. Eine Garde gerüsteter Ordensritter geleitete einen maskierten Reiter mit Mantel und Mauritiusstab über den öffentlichen Platz. Die Menge teilte sich diesmal eilig. Ihre Furcht konnte Saskia beinahe spüren.

Als das Gefolge an ihnen vorüberzog, trafen sich kurz ihre Blicke. Die lodernden Augen des Inquisitors brannten sich durch die Sehschlitze seiner Maske in ihr Gesicht. Saskia neigte den Kopf, um ihnen zu entgehen. Ihr Herz fühlte sich schwerer an als ein Felsen. Immerhin hatte er sie nicht erkannt. Offenbar waren sie sich zuvor nie begegnet. Dennoch blieb die erwünschte Erleichterung aus.

„Ein Hexenprozess.“ Teshin seufzte. „Nicht schon wieder. Das ist schon der zweite in einem Monat, dem wir beiwohnen dürfen.“ Er strich über seine Wange. „Der ganze Rauch ruiniert noch meine Alabasterhaut.“

Saskia hörte weg. Ihr war nicht nach Lachen zumute.

Dem Sekretär des Bürgermeisters offenbar auch nicht. Er empfing sie mit einem mürrischen Knurren. Als sein Blick auf Saskia fiel, klappte sein Mund auf. Er hatte wohl noch nie eine Frau in Leder und mit einer Axt gesehen. Selbst als Teshin ihm freundlich erklärte, weshalb sie gekommen waren, klärte sich der verwirrte Gesichtsausdruck nicht. Er murmelte lediglich: „Der erlauchte Herr ist ein vielbeschäftigter Mann“ und verschwand eilig durch eine reich verzierte Tür, um sie anzumelden.

Saskia sah aus dem Fenster. Vorsorglich hatten sie ihre Esel vor dem Regierungsgebäude angebunden. Sie hoffte, dass daher niemand sie stehlen würde. Während sie die Straße betrachtete, kam ein Beamter in feinem Anzug vorbei, der sie misstrauisch musterte. Als er Saskias Waffe sah, schnaubte er ungläubig und verließ den Raum auf demselben Weg, auf dem er gekommen war.

„Nette Leute hier.“, kommentierte Teshin.

Der Sekretär kehrte kurze Zeit später zurück und bat sie in ins Büro des Bürgermeisters. Dabei handelte es sich um einen korpulenten Mann, beleibt und bebrillt, der gerade mit unverhohlenem Genuss eine Mahlzeit einnahm. Der volle Teller übertraf gewiss den niedrigen Aktenstapel daneben, den der weise Herr wohl an diesem Tage zu bearbeiten hatte.

„Söldner?“, fragte der Bürgermeister nur.

„Aus Überzeugung.“, erwiderte Teshin und schüttelte dem beleibten Mann lächelnd eine fettige Hand. Saskia knickste, um das Rollenbild nicht vollständig ins Lächerliche zu ziehen.

Ihre guten Absichten wurden nicht gewürdigt. Der Mann, der die Geschicke der Stadt lenkte, wischte sich mit dem Ärmel Soße von seinem Kinn und betrachtete sie mit unverhohlener Feindseligkeit.

„Was ist denn das für ein Mannsweib?“, knurrte er schließlich.

Teshin räusperte sich. „Darf ich vorstellen: Saskia. Eine Vertreterin der Gattung Mensch, besonders weit verbreitet in Gebieten nördlich von …“

Der Bürgermeister unterbrach ihn mit einer forschen Geste. Der spöttische Unterton war ihm gewiss nicht entgangen. „Kann dieses Ding nicht für sich selbst sprechen?“

Saskia verspürte den starken Drang, ihm ihr Können in seiner Gänze vor Augen zu führen. Sie strich über den Schaft ihrer Axt.

Teshin räusperte sich. „Das wird nur schwer möglich sein. Sie ist stumm, müsst Ihr wissen.“

Der Bürgermeister nickte, ohne dass sein Gesichtsausdruck sich aufhellte. „Das ist die beste Art von Frau. Wünschte, dass mein Weib auch so wäre.“

Teshin unterbrach sein Lächeln nicht, doch Saskia sah die Verachtung in seinen Augen. In dieser Situation wäre es ihr an seiner Stelle deutlich schwerer gefallen, höflich zu bleiben.

Als der Bürgermeister nicht weitersprach, räusperte Teshin sich erneut. „Euer Bote erwähnte einen lukrativen Auftrag …“

Der Mann grunzte zustimmend. „Fünfhundert Auris.“

Saskias Herz schlug schneller. Davon könnten sie ein Jahr lang leben!

Teshin wirkte ebenso überrascht. „Worin besteht die Aufgabe?“

„In einer Kirche in der Nähe haust eine Art Dämon.“ Der Bürgermeister steckte sich ein Fleischstück zwischen die Zähne. Die Soße tropfte auf den Teppich zu seinen Füßen. „Der Pöbel ist wütend, weil er wieder Wallfahrten machen will.“ Er grunzte, als ihm ein weiteres Fleischstück aus der Hand glitt und auf seinen Schoß fiel. „Bringt das Ding um und ihr kriegt das Geld.“

Teshin legte verwirrt den Kopf schief. „Wäre das nicht eigentlich Aufgabe der Denomination?“

Der Bürgermeister hatte das flüchtige Stück Fleisch eingefangen und biss herzhaft davon ab. „Scheit wann denken Schöldner?“, fragte er mit vollem Mund.

Teshin verstand die Worte trotz des Schmatzens. „Das ist eine Gabe. Haben nicht viele.“

Das amüsierte den hohen Herrn sosehr, dass ein Sprühregen aus Speichel und Soße auf Saskia niederging. „Ihr bekommt einen Führer.“, versprach er, als er sich wieder beruhigt hatte. „Wenn ihr es schafft, gibt es die Belohnung. Kein Vorschuss. Verstanden?“

Teshin lächelte. „Verstanden.“

Als sie das Rathaus verließen, wurde auf dem Platz gerade ein Ehebrecher ausgepeitscht. Einige Bewohner standen vor der Szenerie und feuerten den vollstreckenden Kerkerknecht voller Enthusiasmus an.

„Ich bin dafür, dass wir uns eine nette Herberge suchen.“, sagte Teshin laut, um die Schreie des Delinquenten zu übertönen. „Dann warten wir hier auf den netten Herrn Führer. Irgendwelche Einwände?“

Saskia schüttelte langsam den Kopf. Sie konnte ihren Blick kaum von der blutigen Peitsche abwenden. Erst als Teshin sie sanft wegführte, kam sie wieder zu Besinnung. Noch nie hatte sie sich sosehr gewünscht, sprechen zu können.

Aufrufe: 14

Korrekturen 01

In den folgenden Wochen werde ich – abgesehen vom jeweils letzten Samstag eines Monats – an dieser Stelle in Teilen einen SciFi-Roman von mir posten. Ich hoffe, dass er Euch gefallen wird. Über Feedback würde ich mich natürlich freuen. Hier also der erste Teil der Geschichte:

  1. Teil – 17. November 2008 (1/2)

Es war ein Tag wie jeder Andere. Thomas Rhoda war hundemüde. Der Job in der Chipfabrik war nicht schwer, aber die ständige Überwachung der Produktionsanlagen war auf Dauer doch sehr anstrengend. Am liebsten hatte er es, wenn etwas nicht so funktionierte, wie es sollte. Dann brachte es etwas Abwechslung in das tägliche Einerlei und er konnte endlich einmal die Kenntnisse zur Anwendung bringen, für die er ausgebildet worden war. Thomas war Spezialist für prozessorgesteuerte Mikroproduktionsanlagen, doch meistens kam er sich vor, wie ein ungelernter Kontrolleur. Zum Glück war jetzt Feierabend.
Gelangweilt zog er seinen Kittel aus und hängte ihn in seinen Spind zurück. Sein Kollege Claus Riedel sah ihn abschätzend von der Seite an.
»Wie sieht es aus, Thomas?«, fragte er, »Kommst du noch mit in den Krug? Ich denke, ein oder zwei Bier haben wir uns verdient, oder?«
»Sonst gern, Claus«, sagte Thomas, »aber ich bin ziemlich kaputt. Außerdem habe ich noch eine Verabredung.«
»Verabredung?«, fragte Claus interessiert, »Ein Date?«
»Ich treffe mich nachher noch mit Yvonne«, antwortete Thomas.
»Ach so«, meinte Claus enttäuscht, »du musst es ja selbst wissen. Ich an deiner Stelle hätte diese Yvonne schon längst auf den Mond geschossen. Meiner Meinung nach wirst du von der nur verarscht.«
Thomas zuckte mit den Schultern.
»Vielleicht hast du recht, aber bei mir stehen die Frauen nicht gerade Schlange, weißt du und da überlegt man sich …«, Thomas sprach den Satz nicht zu Ende.
»Mein Angebot steht«, sagte Claus und grinste ihn an, »gib dir ‘nen Ruck. Ein Bier …«
Thomas schüttelte den Kopf.
»Danke, aber ich fahre besser nach Hause. Yvonne hat es auch nicht gern, wenn ich eine Alkoholfahne habe.«
»Also ehrlich, Thomas, aber ich würde mich nicht so von diesem Weib unterbuttern lassen, aber du musst es halt selbst wissen. Vielleicht sehen wir uns ja noch im Krug – ansonsten wünsche ich dir noch einen schönen Abend.«
Claus schlug seinen Spind zu, hob noch einmal grüßend die Hand und ging dann.
Thomas blickte ihm nachdenklich hinterher. Irgendwo hatte Claus sogar recht. Was für eine Beziehung hatten Yvonne und er eigentlich? Ok, sie sah gut aus. Natürlich war es auch das Erste gewesen, das ihm aufgefallen war, als er sie vor ein paar Monaten in einer Diskothek gesehen hatte. Claus hatte ihn dorthin mitgeschleift, weil er der Meinung war, es könne nicht schaden, wenn er einmal ein paar Frauen kennenlernt. Er hatte nur zögernd zugestimmt, da ihm die Atmosphäre in Discos eigentlich überhaupt nicht lag. Es war ihm zu laut und zu voll und überhaupt … Deshalb hatte es ihn selbst überrascht, dass er den Mut gefasst hatte, Yvonne anzusprechen. Es stellte sich heraus, dass auch sie nur dort war, weil eine Freundin sie dazu überredet hatte. An diesem Abend hatte er sich einfach toll gefühlt. Er hatte mit Yvonne getanzt, sie hatten viel geredet, viel gelacht und sicher zu viel getrunken. Am nächsten Morgen war er über sich selbst entsetzt gewesen, als er in seinem Bett aufwachte und eine bildhübsche, brünette, nackte Frau neben sich entdeckte. Er konnte sich überhaupt nicht erinnern, Yvonne mit zu sich nach Hause mitgenommen zu haben. Es war so überhaupt nicht seine Art – und dann gleich am ersten Abend. Yvonne schien bemerkt zu haben, dass er sie anstarrte, denn sie war erwacht und hatte ihn lächelnd angesehen. Dann hatte sie sich eng an ihn gekuschelt und ihm einen Kuss gegeben. Er hatte sich wie im siebten Himmel gefühlt. Doch dann hatte sie ihm eröffnet, dass sie jetzt gehen müsse. In Windeseile hatte sie ihre Sachen angezogen, versprach ihm, ihn anzurufen und war verschwunden.
Claus hatte nur gegrinst, als er ihm davon erzählt hatte.
»Das wird auch Zeit, dass du ‘mal an eine Frau kommst«, hatte er gesagt, »halte sie dir warm. Ich hatte den Eindruck, dass die Chemie zwischen euch stimmt, als ihr gestern eng umschlungen aus der Disco verschwunden wart.«
Thomas war es unangenehm gewesen, zumal er sich noch nicht einmal daran erinnern konnte.
Es hatte Wochen gedauert, bis Yvonne sich wieder gemeldet hatte. In unregelmäßigen Abständen verabredete sie sich mit ihm und meist landeten sie später gemeinsam im Bett. In einer Art fühlte sich Thomas wie ein Lückenbüßer, andererseits hatte er sonst niemanden. Es war eine beschissene Situation.
Thomas blickte in den Spiegel seines Spindes und fragte sich:
»Brauche ich das eigentlich wirklich?«
Er schlug seinen Spind lautstark zu und drückte das Vorhängeschloss zu. Er löschte das Licht und machte sich auf den Weg.
Draußen war es bereits dämmerig – es war immerhin bereits November. Thomas blickte sich in beide Richtungen der Straße um. Sie war, wie immer um diese Zeit, vollkommen verstopft. Es hatte also keinen Zweck, auf den Bus zu warten. Er war besser bedient, wenn er von vornherein zu Fuß nach Hause ging. Thomas schlug seinen Kragen hoch, um die Kälte abzuwehren. Es fing leicht an zu nieseln. Die Stadt wirkte dadurch noch trostloser, als sonst. Er seufzte und machte sich auf den Weg.
An der nächsten Kreuzung stellte er sich unter einem schmalen Vordach unter und zog sein Handy hervor. Thomas musste noch mit Yvonne Kontakt aufnehmen, wenn er sie heute noch treffen wollte. Er ließ es endlos lange durchläuten, bis eine freundliche Stimme ihm erklärte, dass der Teilnehmer nicht antwortet. Er wiederholte es mehrere Male – jedes Mal mit dem gleichen Erfolg. Yvonne meldete sich nicht. Vermutlich hatte sie wieder einmal etwas Besseres vor. Thomas wusste ja, dass er nur der Notstopfen war, aber es versetzte ihm doch jedes Mal wieder einen Stich.
Er wollte gerade sein Telefon wieder wegstecken, als er den Blick hob und eine Frau bemerkte, die in einem beleuchteten Hauseingang auf der anderen Straßenseite stand und zu ihm hinübersah. Thomas kannte sie nicht. Sie fiel ihm nur deswegen auf, weil sie für die Jahreszeit völlig unpassend gekleidet war, mit sehr kurzem Rock und kurzer Jacke, dazu noch in schreienden Farben. Die Haare waren lang, auf der einen Seite blond, auf der anderen Seite schwarz. Sie war alles in allem eine skurrile Erscheinung. Sie schien ihn anzublicken, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen. Thomas betrachtete sie etwas genauer. Er hatte noch nie eine Frau gesehen, die sich so zurechtgemacht hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie ihre Augenpartie in Form eines schwarzen Streifens geschminkt hatte, dabei wirkte sie eigentlich sogar hübsch – wenn dieses verrückte Outfit nicht gewesen wäre. Er fragte sich, was wohl der Grund für ihre Erscheinung wäre. Bei ihrem Aussehen war es vielleicht eine Prostituierte, die auf Kundschaft wartete. Thomas schüttelte den Kopf, zog seinen Kopf tief in seinen Kragen und machte sich wieder auf den Weg durch das Nieselwetter.
Seine Wohnung befand sich in einer Seitenstraße und lag etwa eine gute halbe Stunde zu Fuß von seiner Arbeitsstätte entfernt. Thomas lief relativ schnell, da er keine Lust hatte, sich von dem ungemütlichen Nieselregen vollständig nassregnen zu lassen. Die ganze Zeit über lief er an stehendem und hupendem Verkehr vorbei. Es wurde in der letzten Zeit immer schlimmer. Es lohnte sich im Grunde überhaupt nicht, um diese Zeit mit dem Auto durch die Stadt zu fahren, doch die meisten der Autofahrer schienen das nicht zu begreifen. Ruhiger wurde es erst, nachdem er in seine Straße eingebogen war. Hier war es entschieden dunkler, als auf der Hauptstraße, da hier noch zum Teil alte Gaslaternen standen und den Gehweg nur trübe ausleuchteten. Obwohl man hier nicht schnell fahren durfte, hörte er von hinten ein Auto, welches sich schnell näherte. Thomas blickte sich um und bemerkte dabei, dass es genau in Höhe einer großen Pfütze an ihm vorbeifahren würde. Schnell sprang er in eine dunkle Einfahrt hinein, als eine Fontäne schmutzigen Wassers gegen die Hausfassade klatschte. Er selbst hatte Glück und bekam nichts davon ab. Erleichtert trat er aus der Einfahrt zurück auf den Gehweg und blickte vorsichtshalber noch einmal nach links, um nicht von einem weiteren Auto nassgespritzt zu werden. Dabei entdeckte er die Silhouette einer Person, die er gegen das Licht von der Hauptstraße nur deswegen sehen konnte, weil sie sich schnell in einen der Hauseingänge drückte, als er aus der Einfahrt blickte.
Er dachte sich nichts dabei. Wahrscheinlich auch nur jemand, der schnell Schutz vor dem miesen Wetter suchte und schnell ins Haus wollte. Trotzdem harrte er einen Moment länger aus, als nötig und starrte zurück in die Dunkelheit seiner Wohnstraße. Es rührte sich nichts mehr. Thomas setzte seinen Weg fort. Irgendwie hatte er ein ungutes Gefühl, ohne, dass er es begründen konnte. Von Zeit zu Zeit blickte er sich um und versuchte, zu erkennen, ob außer ihm noch jemand unterwegs war.
Ein Auto kam ihm entgegen und blendete ihn mit seinen Scheinwerfern. Thomas blinzelte und drehte sich zur Seite. Aus den Augenwinkeln bemerkte er eine Bewegung und wandte sich ganz um. Im Kegel des Scheinwerfers blitzte für einen kurzen Moment ein Haarschopf auf, der in einem Hauseingang zu sehen war. Da spürte Thomas, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Es war ein Kopf mit langen, teils blonden und teils schwarzen Haaren gewesen. Die Frau von der anderen Straßenseite.
Das konnte kein Zufall sein. Sie hatte zu ihm hinüber gesehen. Er hatte sich nichts dabei gedacht, doch wenn sie nun hier in seiner Straße war, musste sie ihm gefolgt sein. Doch wozu? Er kannte diese Frau nicht. Thomas war im Grunde kein ängstlicher Mensch, doch war es ihm schon etwas unheimlich, dass er von dieser Frau verfolgt wurde.
»Mach’ dir jetzt nicht ins Hemd«, sagte er zu sich selbst. »Sie ist höchstens Mitte zwanzig. Was kann sie mir anhaben. Vermutlich ist es doch Zufall, dass sie hier in derselben Straße ist, wie ich.«
Er wartete im Schutze der Dunkelheit, ob sich seine vermeintliche Verfolgerin noch blicken lassen würde, doch nichts geschah. Nach einiger Zeit setzte er seinen Weg fort. Einige Minuten später erreichte er das Haus, in dessen zweitem Stock er eine Wohnung gemietet hatte. Das Haus verfügte zwar über einen Aufzug, aber Thomas benutzte lieber die Treppen. Langsam stieg er die Stufen zu seiner Wohnung hinauf. Er lauschte, ob die Haustür nicht, wie üblich, laut ins Schloss fällt, doch er hörte nichts. Stattdessen hörte er, dass der Aufzug sich in Bewegung setzte. Die Unruhe, die er bereits die ganze Zeit über gespürt hatte, machte sich wieder breit. Wieso setzte sich der Aufzug in Bewegung? War jemand hinter ihm unbemerkt ins Haus eingedrungen, bevor die Tür sich geschlossen hatte?
Thomas fühlte sich nun äußerst unbehaglich und nahm drei Stufen auf einmal, um möglichst schnell in seine Wohnung zu kommen. Er hielt den Schlüssel bereits in der Hand, als er im zweiten Stock ankam. Ein Blick zum Aufzug ließ ihn erkennen, dass er ebenfalls im zweiten Stock halten würde. Nervös versuchte er, seinen Schlüssel ins Schloss zu bekommen, als sich die Tür des Aufzugs öffnete.
»Das trifft sich gut«, sagte eine Frauenstimme hinter ihm. »Das erspart mir, die Tür aufzubrechen.«
Thomas fuhr herum und blickte direkt in eine eigenartig geformte Waffe, die von der rätselhaften, merkwürdig gekleideten Frau gehalten wurde, die er bereits gesehen hatte.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte Thomas.
Sie machte eine Bewegung mit ihrer Waffe. »Schließen Sie die Tür auf! Und lassen Sie uns hineingehen. Denken Sie daran, dass ich eine Waffe besitze und ich kann Ihnen versichern, dass ich damit umgehen kann.«
Thomas schloss auf, öffnete die Tür und schaltete das Licht ein. Die Frau stieß ihn mit dem Lauf der Waffe an. »Hinein und keinen Laut!«
Mit dem Fuß stieß sie die Tür hinter sich zu und ließ Thomas nicht aus den Augen. Als sie im Wohnzimmer waren, deutete sie auf einen Sessel.
»Hinsetzen!«
»Ich verstehe noch immer nicht …«, stammelte er, verstummte aber sofort, als er in die kalten Augen der Frau blickte. Er zweifelte nicht daran, dass sie sofort von ihrer Waffe Gebrauch machen würde.
»Halten Sie Ihre Hände nach vorn«, sagte sie.
Thomas gehorchte, und sah, wie sie einen flexiblen Kunststoffstreifen aus einer winzigen Rocktasche zog und ihn lässig um seine Handgelenke warf. Die Enden des Streifens verbanden sich sofort miteinander und fesselten seine Hände aneinander. Das Gleiche tat sie mit seinen Fußgelenken. Nun war er vollkommen hilflos.
»Was wollen Sie von mir?«, fragte er. »Das kann doch nur eine Verwechslung sein.«
Sie legte ihre Waffe zur Seite und setzte sich ihm gegenüber auf die Couch.
»Sie sind Thomas Rhoda, nicht wahr?«, fragte sie und sah ihn mit unbeteiligtem Gesicht an.
»Ja, der bin ich, aber was habe ich denn getan? Wer sind sie überhaupt?«
»Sie geben es also zu? Sie sind tatsächlich Thomas Rhoda. Es geht überhaupt nicht darum, was Sie getan haben oder dass Sie etwas getan haben.«
»Ich verstehe überhaupt nichts mehr!«, rief Thomas.
Die Frau legte einen Zeigefinger an ihre Lippen.
»Wir wollen doch nicht, dass jemand auf uns aufmerksam wird.«
Sie musterte ihn nun äußerst eingehend und er erhielt Gelegenheit, auch sie näher in Augenschein zu nehmen. Sein erster Eindruck war durchaus zutreffend gewesen. Sie war ausnehmend hübsch und hatte eine tolle Figur. Auch ihre Beine würde er unter anderen Umständen sicher bewundert haben, doch stand ihm danach nicht der Sinn.
»Bitte sagen Sie mir doch endlich, was Sie von mir wollen. Wenn Sie Geld wollen – ich habe nicht viel im Haus, aber Sie können alles haben.«
»Geld?«, fragte sie. »Was soll das sein?«
»Na, Geld eben.«
Thomas starrte die Frau an.
»Sie wissen nicht, was Geld ist?«
Sie schüttelte den Kopf. »Erklären Sie es mir!«
»Nun, man braucht Geld, um sich etwas zu kaufen. Essen, Kleidung. Jeder braucht Geld. Verdammt, wer sind Sie, dass Sie das nicht wissen?«
Sie lächelte zum ersten Mal ein wenig. »Habe ich das richtig verstanden? Sie bieten mir Werte an? Zu welchem Zweck? Glauben Sie, dass ich bestechlich bin? Ist es das?«
»Sind Sie von der Polizei?«, fragte Thomas.
»Sie meinen Ordnungsbehörden?«, fragte sie. »So etwa könnte man es nennen. Ich bin Mitarbeiterin des Amtes für Korrekturen. Ich bin Agentin Khendrah, aber eigentlich hat Sie das nicht mehr zu interessieren. Ich werde Ihnen nur, um der Form Genüge zu tun, das Urteil zur Kenntnis geben, das in Abwesenheit vom Korrekturausschuss gefällt wurde. Anschließend werde ich es unverzüglich vollstrecken.«
»Vollstrecken?!«, schrie Thomas schrill, »Sind Sie wahnsinnig?«
Khendrah griff blitzschnell nach ihrer Waffe und richtete sie auf ihn.
»Seien Sie leise«, zischte sie. »Sonst bin ich gezwungen, sofort zu vollstrecken.«
»Hören Sie!«, sagte Thomas, »Das kann doch alles nur ein schlechter Scherz sein. Ich arbeite als Spezialist für Prozessorsteuerungen in der Chipproduktion, lebe allein, bin in keiner Partei und keinem Verein. Ich habe niemandem etwas getan. Ich habe auch keine Schulden – also was wollen Sie?«
»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass es nichts damit zu tun hat, was Sie getan haben«, sagte Khendrah genervt. »Es ist immer dasselbe. Ihr könnt es einfach nicht verstehen.«
In diesem Moment klingelte Thomas’ Handy. Khendrah zuckte zusammen.
»Was ist das?«, fragte sie barsch.
»Das ist nur … mein Handy«, sagte Thomas. »Es steckt dort in meiner Jacke.«
»Was ist ein Handy?«
Sie erhob sich und ging zu dem Stuhl, auf dem Thomas’ Jacke lag. Dabei ließ sie ihn nicht aus den Augen.
»Es ruft mich jemand an«, sagte Thomas und ein Hoffnungsschimmer stahl sich in seinen Blick. »Wenn ich mich nicht melde, wird man sicherlich misstrauisch werden.«
»Handy«, murmelte Khendrah. »Sie meinen einen Kommunikator? Einen externen Kommunikator?«
»Es ist mir scheißegal, wie Sie das nennen! Ich will endlich wissen, was hier eigentlich gespielt wird. Warum haben Sie mich gefesselt?«
Khendrah beachtete ihn nicht und zog das Handy aus der Jacke. Sie betrachtete den klingelnden Gegenstand, als hätte sie so etwas noch nie gesehen. Sie hob den Blick und sah Thomas fragend an.
»Gehen Sie schon ran!«, sagte Thomas wütend. »Sie benehmen sich ja, als hätten Sie noch nie ein Handy gesehen. Drücken Sie auf die grüne Taste.«
Khendrah tat es und hielt sich das Gerät umständlich ans Ohr.
»Ja?«, sagte sie.
»Nein, Sie können Thomas jetzt nicht sprechen.«
Sie versuchte, das Gespräch zu beenden, fand aber nicht die richtige Taste. Schließlich warf sie das Handy auf den Boden und zertrat es mit dem Fuß.
Thomas sah entgeistert zu, wie seine Bezwingerin die Einzelteile mit dem Fuß wegkickte und sich dann wieder ihm zuwandte.
»Ich brauche Antworten«, sagte sie. »Das war eine Frau. Eine Iwonn oder so ähnlich. Wer ist das?«
»Man könnte sie eine Freundin nennen«, meinte Thomas zögernd.
»Haben Sie Sex mit ihr?«
»Ich wüsste nicht, was Sie das …!«
»Antworten Sie!«, brüllte Khendrah dazwischen. »Haben Sie Sex mit ihr?«
»Ja«, sagte Thomas müde. »Einige Male sicherlich. Wenn es das ist, worauf …«
Khendrah brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
»Ist sie schwanger?«
»Jetzt reicht es mir allmählich!«, regte sich Thomas auf, »Sie tauchen hier auf, fesseln mich, bedrohen mich mit Ihrer eigenartigen Waffe. Was sollen diese Fragen? Binden Sie mich endlich los!«
»Ist sie schwanger?«, fragte Khendrah wieder und hielt Thomas den Lauf der Waffe direkt an die Schläfe.
Thomas brach der Schweiß aus. Es war zu viel für ihn.
»Nein, sie ist nicht schwanger«, flüsterte er.
»Sicher?«
»Sie ist garantiert nicht schwanger – jedenfalls nicht von mir.«
Khendrah schien zufrieden, denn sie nahm die Waffe von seiner Schläfe.
»Gut, das macht es leichter für mich«, sagte sie. »Ich will mich nun auch nicht länger mit Ihnen aufhalten. Der Korrekturausschuss hat in seiner siebenhundertzwölften Sitzung nach Prüfung der vorgelegten Unterlagen entschieden, dass Ihre Existenz zu beenden ist, um die Bildung eines faschistischen Regimes durch ihre Nachkommen in der fünften Generation zu verhindern. Die Simulation der vorgesehenen Korrektur zeigte, dass die Maßnahme nicht nur notwendig ist, sondern zudem den gewünschten Erfolg zeigt. Ihre Ausschaltung wird in über hundert Jahren Tausenden von Menschen das Leben retten. Im Interesse der Menschheit wurden Sie daher zum Tode verurteilt. Das Urteil ist sofort zu vollstrecken.«
Khendrah hob die Waffe und richtete sie auf Thomas.
»Warten Sie!«, rief Thomas mit vor Angst zitternder Stimme. »Was soll das für ein bescheuerter Ausschuss sein und wie kann er mich zum Tode verurteilen? Was soll das überhaupt heißen, dass es in über hundert Jahren Menschenleben retten soll?«
»Ich sagte ja, dass Ihr es nie versteht«, sagte Khendrah und drückte ab.
Man hörte keinen Laut, als sie die Waffe abfeuerte. Die Luft vor dem Lauf schien wie von Wärme bewegt, zu wabern. Das Wabern ergriff Thomas und hüllte ihn komplett ein. Sein Blick zeigte absolutes Entsetzen. Er riss seinen Mund auf, der jedoch keinen Laut hervorbrachte. Thomas schien einfach durchsichtig zu werden und nach wenigen Sekunden war er verschwunden.

Aufrufe: 2

Nur eine Minute

»Nur noch eine Minute, Schatz.«

»Eine Minute?« Sie schwieg. Ich wandte mich wieder dem Bildschirm zu und tippte weiter. Nur diese Szene noch, ein letzter Absatz.

»Von wegen eine Minute!« Sie stampfte mit dem Fuß auf. In mir verschmolz ihr Tritt mit dem Trampeln der Pferde, deren Reiter aufeinanderzuhielten und ging dann im Tosen der Menge unter, als einer der Männer den anderen mit der Lanze nur knapp verfehlte.

Ein flüchtiger Blick auf mein Mädchen zeigte mir ihren Schmollmund und die verschränkten Arme. Die erdachte holde Jungfer, um die beide Ritter kämpften, schrie entsetzt auf, da sie um ihren Favoriten bangte.

»Du hast mich gar nicht lieb!« Der Film auf meiner inneren Leinwand erlosch augenblicklich, ich wirbelte herum und sah sie ernst an.

»Andrea, natürlich hab ich dich lieb.« Ich breitete die Arme aus. Sie sah mich mit einem Stirnrunzeln an. Enttäuscht ließ ich die Arme sinken. »Warum glaubst du, ich hätte Dich nicht lieb?«

Sie funkelte mich an für ein »Mama hat immer Zeit für mich« und blickte dann zu Boden.

Immer. Soso. Ich wartete.

»Zeit hat man nicht, Zeit nimmt man sich!«, trumpfte meine Kleine auf.

Der Satz war mir aus dem Mund meiner Exfrau geläufig. Was meiner Tochter allerdings entgangen war, war die Tatsache, dass ich soeben meine Arbeit Arbeit sein gelassen hatte und mir Zeit für mein Kind nahm. Um dies zu verdeutlichen, drückte ich zwei Tasten, um meine Arbeit zu sichern, klappte den Laptop zu und stand auf.

»Andrea«, ich reichte ihr die Hand, »Draußen scheint die Sonne.«

Sie sah mich misstrauisch an und blinzelte.

»Wir könnten einen kleinen Spaziergang durch den Park machen und vielleicht ein Eis essen.«

Bei »Eis« hellte sich ihre Miene auf.

»Als Arbeitsessen sozusagen«, witzelte ich.

Jetzt nahm sie meine Hand.

Warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Das Abtippen der ohnehin fast fertig erdachten Geschichte war ja nur noch die Drecksarbeit, andererseits auch die einzige Tätigkeit, die mein Produkt und somit jeglichen Arbeitsfortschritt überhaupt fassbar machte. Spazieren gehen und Eis essen und währenddessen die Passanten beobachten, die ich später als Vorbilder für Figuren verwenden konnte, sah genauso wenig nach Arbeit aus wie die drei Stunden, die ich während der Zeit der großen Schreibblockade auf der Toilette verbracht hatte in der Hoffnung auf gute Einfälle. Judith hatte sich sicherlich nicht nur deshalb von mir getrennt, weil ich in meiner Besessenheit unser gemeinsames Kind bei der Nachbarin aufs Klo geschickt hatte.

»Woran denkst du?«

»Das willst du nicht wissen, Kleines.«

»Ich bin nicht klein!«, maulte sie.

»Siehst du, du willst nichtmal hören, was ich sage.« Ich sah sie herausfordernd an, aber da ihr Eis in der Sonne schmolz, war sie vollauf damit beschäftigt und legte zur Abwechslung mal nicht jedes meiner Worte auf die Goldwaage. Dabei war sie besser darin als mein Lektor, der auch noch Geld für seine gezähmte Korinthenkackerei bekam.

»Also gut«, versuchte ich es, »Ich denke nicht an ein rotes Fahrrad.«

»Geht ja gar nicht«, erwiderte sie gelangweilt.

Der Witz hatte aber auch schon einen Bart. In ihrem Alter war sie nicht mehr so leicht zu begeistern.

»Ich denke an die Geschichte, die ich vorhin aufschreiben wollte«, gab ich zu.

»Worum geht’s da?«, fragte sie.

Mir war nicht klar, ob sie nur höflich sein wollte, aber ich fasste kurz zusammen:

»Zwei Ritter sind in die selbe Frau verliebt. Sie aber nur in einen von beiden. Die Männer kämpfen gerade.«

»Und wer gewinnt?«

»Na der, in den sie verliebt ist.«

»Das ist klar, sonst gibt’s ja kein Happy End. Aber wer ist es?«

»Das weiß ich auch noch nicht. Und wenn ich Dir alles verrate, macht es ja keinen Spaß mehr, die Geschichte aufzuschreiben.«

»Heiraten die am Ende?«

»Klar.«

»So wie du und Mama?«

»Nein, anders. Damals gab es ja noch kein Standesamt und da feierte das ganze Dorf zusammen.«

Und Liebesgeschichten enden normalerweise, bevor das Brautpaar sich wieder scheiden lässt.

Als ob sie meine Gedanken gelesen hätte, fragte Andrea:

»Bist du noch traurig?«

Ich fühlte mich ertappt und zögerte. »Ja, manchmal. Und du?«

»Hmm«, nuschelte sie in die letzten Krümel der Waffel.

Plötzlich hatte ich überhaupt keine Lust mehr auf die bevorstehende Veröffentlichung, die anschließende bereits geplante Lesereise und die verdammte Abgabefrist und würde am liebsten fortan und für alle Zeit auf den schnöden Mammon verzichten. Spätestens beim nächsten Saunabesuch wäre ich jedoch wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen, da ich mir mit Geld eben nicht nur Eis kaufen konnte, sondern es mich eben auch in die Lage versetzte, das tun zu können, was ich gerne tat. Dass man sich einen Spaziergang mit der eigenen Tochter nicht kaufen konnte, stand auf einem anderen Blatt.

»Müssen wir uns nicht beeilen?«

Ich sah auf die Uhr. »Noch nicht«, erklärte ich. »Deine Mutter kommt Dich erst in zwei Stunden abholen.«

»Papa, wo ist mein grüner Pullover?«

»Meinst du den mit dem Herz drauf oder mit den Bärchis?«

»Papa! Den mit den Bärchis hab ich schon ewig nicht mehr!«

›Ewig‹ war gerade mal ein Dreivierteljahr, aber trotzdem ging der Punkt an Andrea. »Keine Ahnung, Schatz. Bist du sicher, dass Du den grünen dabei hattest?«

»Ja! Den hatte ich am Freitag in der Schule an und die Natalie fand den voll toll.«

Auch die Zeit, während der das Herz aus pinken Pailetten angesagt war, würde ihr Ende finden. Das gehörte zum Lauf der Welt, aber daran, dass meine Tochter nur alle zwei Wochen zu Besuch kam und ich bei meiner Familie nicht mehr zu Hause war, wollte ich mich nicht gewöhnen.

Es klingelte und vor der Tür stand die Frau, die mir eines Tages ihr Wort gegeben hatte, in guten wie in schlechten Zeiten zu mir zu stehen.

»Ich hab ihn!«, rief Andrea. Nun war es also soweit. Meine Tochter stand mit gepackter Tasche neben mir und ihre Mutter, meine ehemals Angetraute, mir gegenüber.

Ich wollte Judith von dem dämlichen Schreibwettbewerb erzählen, der maßgeblich zu unserer Trennung geführt hatte und den ich dann trotz aller Bemühungen natürlich doch nicht gewonnen hatte – aber ich entschied mich dagegen, um den Moment nicht mit den Scherben unserer Ehe zu verderben.

»Judith.« Ich legte ihr die Hand auf die Schulter.

Sie sah mich an.

»Du bist eine gute Mutter.«

Sie lächelte.

Aufrufe: 2

© 2019 Schreibkommune

Theme von Anders NorénHoch ↑

error

Gefällt Dir unser Blog? Bitte sage es weiter ;)

Zur Werkzeugleiste springen