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Gottes Hammer II

Als sie zum Rathausplatz zurückkehrten, war der Ehebrecher verschwunden. Stattdessen standen zwei Frauen am Pranger, vor ihnen eine Traube spöttischer Passanten, die sie mit höhnischen Beschimpfungen überhäuften. Ein Kerkerknecht verkündete mit lauter Stimme die Art ihres Verbrechens.

„Diesen zwei Weibern hier ward es nötig, auf dem Fischmarkt den Streit zu suchen! Fürderhin befand der Richter es als notwendig, sie in Schande zu läutern.“, rief er. Die Passanten johlten, als der Kerkerknecht begann, die beiden Frauen zu entkleiden. Saskia wandte sich ab. Die Szenerie brachte unerwünschte Erinnerungen zurück an die Oberfläche.

Teshin machte sich nicht erst die Mühe, den Vorgang eines Blickes zu würdigen. Er studierte angestrengt eine Karte, die er einem Straßenhändler abgekauft hatte. Er hasste es, unvorbereitet an unbekannte Orte zu reisen.

„Himmel!“, rief er frustriert, während eine der beiden Frauen laut zu schluchzen begann. „Wie soll man dieses Ding denn lesen? Wo ist denn da oben?“

Trotz der unschönen Hintergrundgeräusche breitete sich ein Lächeln auf Saskias Lippen aus. Tat er das mit Absicht? Gnädig streckte sie eine Hand aus und deutete auf das Kompasssymbol in der rechten oberen Ecke der Karte.

Einige Herzschläge lang starrte Teshin nur ihren Finger an, bevor er sich peinlich berührt am Hinterkopf kratzte. „Hm. Ja. Da, wo Norden ist.“

Als wäre dies das Stichwort, sprach ein junger Mann sie an. Er saß auf einem alten Pferd, das jeden Moment zusammenzubrechen drohte und trug eine schneeweiße Kutte. Offenbar handelte es sich um einen Geistlichen.

„Sind Sie die Söldner, die der hohe Herr Bürgermeister anheuerte?“, erkundigte sich der Kleriker höflich. Dabei warf er immer wieder nervöse Blicke in Richtung des Prangers. Der Vorgang schien ihm auch nicht mehr zu behagen als Saskia.

„Nein, ihre Stiefmütter.“, antwortete Teshin gut gelaunt, streckte dem Neuankömmling aber sofort die Hand entgegen. Der Geistliche ergriff sie zögerlich, offenbar unsicher wie er den Humor auffassen sollte.

„Es ist mir eine Ehre.“, sagte er schließlich. „Mein Name lautet Esben.“

„Die Ehre ist ganz auf unserer Seite!“, erwiderte Teshin lächelnd. „Ich bin Teshin und meine stumme Gefährtin hier heißt Saskia. Nehmen Sie’s ihr bitte nicht übel, wenn sie Sie anschweigt.“

Esben nickte verdattert. Er wirkte ungewöhnlich blass, wie Saskia bemerkte und warf immer wieder ängstliche Blicke auf den nahe gelegenen Kerker. Saskia konnte es ihm nachfühlen. Um keinen Preis würde sie mit der jungen Frau tauschen wollen, die an diesem Morgen von den Kerkerknechten hineingezerrt worden war. Offenbar hatte man sie der Hexerei bezichtigt und der Gerechtigkeit des hiesigen Inquisitors überantwortet. Saskia wusste nur allzu gut, wie diese Gerechtigkeit aussah.

„Ich führe Sie zu der Kirche.“, flüsterte Esben kaum hörbar, während der Spott der Passanten die staubige Luft erfüllte.

Saskia hatte sich immer ein Pferd gewünscht, doch als sie nun das Reittier des Geistlichen sah, änderte sie ihre Meinung. Dagegen wirkten ihre Esel schneller als der Blitz.

Esben erzählte nur wenig von sich. Er war der zuständige Priester in Aminas, was Saskia aufgrund seiner jugendlichen Ausstrahlung durchaus als bemerkenswert erachtete. Teshin versuchte, ihm mehr Informationen zu entlocken, aber Esben zeigte sich einsilbig. Etwas schien ihn stark zu beunruhigen.

Das hielt ihn jedoch nicht ab, Teshin mit Fragen zu löchern. Kaum hatten sie die Innenstadt hinter sich gelassen und einen Pfad durch die angrenzenden Felder betreten, begann er.

„Sind Sie gut bewaffnet?“

Teshin strich über seine Klinge. „Gut? Das ist gar kein Ausdruck, mein Herr. Dieses Schwert hier heißt Murakama. Sagt Ihnen der Name etwas?“

Esben wirkte ratlos. „Nein.“

Teshin seufzte theatralisch. „Alte Geheimnisse gehen zu schnell verloren. Es ist eine magische Waffe, müssen Sie wissen! Leicht zu schwingen und ausgesprochen tödlich! Da kann der Dämon ruhig kommen.“

Ihr Lächeln kehrte zurück. Saskia hatte während ihrer gemeinsamen Zeit gelernt, Teshin nicht alles zu glauben. Esben schienen die Ausführungen ebenfalls nicht zu überzeugen. Er räusperte sich, wie um Heiserkeit aus seinem Rachen zu vertreiben.

„Sie tragen keine Rüstung.“, warf er ein. „Dafür Ihr Weib schon!“

Saskia errötete. Teshin lachte auf. „Zwei Dinge, ehrwürdiger Herr. Erstens: wir sind nicht verheiratet. Zweitens: sie braucht eine Rüstung, ich nicht. Genug der Informationen?“

Esben errötete ebenfalls. „Aber …“, murmelte er. „ … das ist doch unschicklich … mit einer unverheirateten Frau zu reisen … “

„Stellen Sie sich vor, sie sei meine Schwester, ja?“

Danach kamen die Gespräche zum Erliegen. Sie passierten einige kahle Stellen, auf denen während des Krieges gebrandschatzt worden war, sowie einen Galgenbaum. Ein verwestes Skelett hing von einem Ast. Offenbar hatte es bisher niemand als Notwendigkeit betrachtet, die Leiche zu bestatten. Als Teshin den Pater darauf ansprach, zuckte dieser nur die Schultern und murmelte etwas von wegen Selbstmörder.

Endlich erreichten sie die Kirche. Saskia verstand nicht, weshalb sie außerhalb der Stadt lag. Normalerweise bildeten Gebetshäuser das Zentrum.

Doch offenbar unterschied sich dieses Gebäude grundsätzlich von den ihr Bekannten. Anstatt eines einzigen ragten vier Türme in den Himmel, jeder mit einer anderen Statue versehen. Sie zeigten Engel mit langen Lanzen, die Sünder in Ketten legten. Das Tor war von kaum lesbaren Symbolen bedeckt und ließ Saskia erschaudern. Diese Kirche erschien ihr falsch, wie eine grausame Parodie.

Esben brach sein Schweigen. „Meist zeigt der Dämon sich nachts.“, erklärte er. „Nur nicht bei Gebeten. Dann kommt er in der Regel sofort.“

Anspannung jagte durch Saskias Körper wie loderndes Feuer. Entschlossen griff sie nach ihrer langstieligen Axt. Einem Dämonen war sie noch nie gegenübergetreten. Sie hatte nur Geschichten von den Inquisitoren gehört. Ein Dämon besaß große Macht, konnte aber besiegt werden. Saskia wusste, was sie im Ernstfall tun musste. Fünfhundert Auris konnten ihr Leben lange sichern. Hierfür würde sie auch ein Geheimnis preisgeben, falls ihnen andere Optionen verwehrt blieben. Sie warf einen Seitenblick auf Teshin. Er wusste nichts von ihrer Vergangenheit und nichts von ihrem Trumpf. Wie auch? Sie konnte mit Müh und Not gerade einmal ihren Namen schreiben und ihre Stimme versagte ihr seit Jahren den Dienst.

Ihr Gefährte wirkte ungewöhnlich ernst, als er von seinem Esel glitt und das Tor öffnete. Eine Hand auf dem Griff der Klinge Murakama, betrat er die Kirche. Saskia folgte ihm mit einem mulmigen Gefühl.

Trotz der großen Buntglasfenster lag das Innere großteils im Dunkeln. Saskia zählte einundzwanzig Sitzreihen, bevor sie sich dem Allerheiligsten zuwandte. Normalerweise zierte ein Altar diesen geschützten Bereich, hier jedoch eine weitere Engelsstatue. Eine seltsame Kraft schien von ihr auszugehen. Saskia schluckte. Zahlreiche Legenden berichteten von der heiligen Magie, die diesen Teil einer Kirche beherrschte. Angeblich konnten gesalbte Inquisitoren in diesem Bereich sogar kurzzeitig ihre Stimmen zurückerlangen und sprechen. Saskia strich unbewusst über ihre Kehle. Gern hätte sie diese Kraft in Anspruch genommen.

Saskia und Teshin verweilten eine Zeit lang im Inneren. Als sich nichts regte, ließ Teshin sich vor der Statue nieder und sprach ein Gebet. Der Form halber tat Saskia es ihm nach, ihre Sinne geschärft. Doch nichts geschah. Kein Geräusch, kein unerwartetes Aufflammen von Magie. Den Dämon schien ihre Anwesenheit nicht zu stören.

Teshin versuchte es mit einem anderen Gebet. Diesmal bewegte Saskia ihre Lippen synchron zu seinen. Als sich noch immer niemand zeigte, erhob Teshin sich ratlos und ließ seinen Blick über die Sitzreihen schweifen. Nichts geschah. Saskia sah ihn verwirrt an. Teshin zuckte mit den Schultern und deutete nach draußen. Unverrichteter Dinge verließen sie das Gotteshaus wieder.

„Wie gesagt, er zeigt sich oft nur nachts.“, wiederholte Esben, als er ihre Mienen sah. „Vielleicht liegt es auch daran, dass Saskia stumm ist und kein Gebet sprechen kann. Wollen Sie es alleine probieren?“

Teshin schien einen Moment lang versucht, doch schließlich schüttelte er den Kopf. „Das ist zu riskant. Wir sollten uns nicht trennen, wenn wir hier bestehen wollen.“ Nachdenklich strich er über sein mäßig behaartes Kinn. „Wir müssen es heute Abend noch einmal versuchen. Kehren wir nach Aminas zurück.“

Esben schien die Aussicht nicht zu brüskieren. Offenbar veranlasste ihn nicht der eigene Enthusiasmus, sie zu unterstützen.

Die Sonne fand ihren Zenit, als sie wieder den Rathausplatz betraten. In ihrem Schein hatten sich unzählige Menschen vor dem Kerker versammelt. Teshin wirkte verwirrt, doch Saskia wusste, was folgen würde. Dem Inquisitor war seit ihrer ersten Begegnung genug Zeit geblieben, um die angebliche Hexe zu verhören. Ein Meister seines Fachs benötigte in der Regel nur eine halbe Stunde, um ein Geständnis zu erzwingen. Sie schluckte. Die hiermit verbundenen Erinnerungen waren weitaus schmerzvoller.

Esbens Gesichtsfarbe wandelte sich zu einem aschfahlen Grau, als er des Inquisitors ansichtig wurde. Der maskierte Mann stand breitbeinig und mit erhobenem Mauritiusstab vor der aufmerksamen Menge. Neben ihm verlas sein Assistent das Urteil. Selbst jetzt traten noch Menschen hinzu, um den Worten zu lauschen. Sogar der Bürgermeister lehnte sich aus einem Fenster, sich Soße und Fleisch vom Mund wischend.

„ … haben Wir, der Inquisitor Medardus, beschlossen, das ehrlose Weib dem Feuertode zu überantworten, wegen Buhlschaft mit dem Unaussprechlichen, Anwendung von dunklen Hexensprüchen auf Mensch und Tier und grässlichen Wetterzaubers, der nachweislich vor einem Jahr unbescholtene Bürger ihrer mühsam erwirtschafteten Ernte beraubte. Ferner wird das Urteil am morgigen Tage vollstreckt, hier auf dem Rathausplatz der Stadt Aminas, im Jahre …“

Die restlichen Worte gingen im Jubelgeschrei der Menge unter. Einige Männer warfen vor Freude ihre Hüte in die Höhe, Frauen tanzten ausgelassen. Aus dem wogenden Chaos des Pöbels erhob sich wie ein drohendes Mantra der Satz: ,,Morgen schon! Morgen schon!“

Saskia wandte sich angewidert ab. Wie konnte man einem solchen Anlass nur mit Enthusiasmus entgegenblicken? Dabei kannte sie die Antwort. Vor vielen, vielen Jahren hatte sie ebenso getanzt.

Plötzlich musste sie erschrocken mitansehen, wie sich eine Träne aus Esbens Augenwinkel löste und seine Wange benetzte. Er wirkte bleich wie ein Gespenst.

Teshin bemerkte es ebenfalls. Überraschend sanft führte er den Geistlichen vom Platz in eine Nebengasse.

„Fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragte er besorgt. Saskia hatte diesen nahezu väterlichen Unterton noch nie in seiner Stimme vernommen. Offenbar steckte in Teshin mehr als nur ein zynischer Söldner.

Esben antwortete nicht sofort. Er atmete schwer, die weit aufgerissenen Augen auf die schmutzige Hauswand ihm gegenüber gerichtet. Erst nach einigen Herzschlägen bewegten sich seine Lippen.

„Die Angeklagte ist meine Schwester.“, flüsterte er.

2 Kommentare

  1. Andre Marto

    Lieber Antares, die Geschichte zieht mich mehr und mehr in ihren Bann. Letztlich gelingt es dir wunderbar Informationen peu a peu zu erweitern. So kommen mehr und mehr gut platzierte Hintergrundinformationen über deine handelnden Personen zum Vorschein.
    Die Personen bleiben in ihren Handlungen authentisch. Wirklich Klasse…freue mich auf Teil 3

    • Antares

      Vielen Dank für Deine Rückmeldung! Das bedeutet mir sehr viel!

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