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Monat: Januar 2021

SGZ-Woche 3 Ein runder Sarg

»Ich will einen runden Sarg!«
»Opa, bitte!«
»Meine Beerdigung muss etwas Besonderes sein. Ich will einen runden Sarg!«
»Bitte entschuldigen Sie, das Alter …«
»Ach, das ist kein Problem. Es gibt durchaus Särge, die an den Ecken abgerundet sind. Die sind geflochten, wie Körbe.«
»Ich will einen runden Sarg! Kreisrund!«
»Opa!«
»Meinen Sie vielleicht eine Urne? Da haben wir hier verschiedene hübsche Modelle …«
»Nein, keine Urne! Einen Sarg! Kreisrund!«
»Wie wäre es denn stattdessen mit einem runden Grabstein? Der Sarg kommt doch sowieso unter die Erde.«
»Ich will einen runden Sarg!«
»Ich meine ja nur …«
»Tja, der Opa …«
»Also es tut mir leid, Herr …?«
»Miesbach. Anton Miesbach.«
»Und das ist Herr Miesbach Senior, nehme ich an?«
»Ja, ganz recht.«
»Herr Miesbach, es tut mir leid, kreisrunde Särge haben wir nun wirklich nicht. Da müssen Sie sich wohl noch ein wenig gedulden.«
»Ich bin 102 Jahre alt. 102!«
»Oh, ich gratuliere.«
»Und was ist das hier? Das ist doch kreisrund!«
»Das ist ein Blumengesteck. Interessieren Sie sich für Trauerkränze, Herr Miesbach?«
»Ja, kreisrund!«
»Die sind fast immer ringförmig, also kreisrund, wenn Sie so wollen. Soll ich Ihnen eins einpacken, ja? Welches hätten Sie denn gerne?«
»Kreisrund!«
»Herr Miesbach, nun sagen Sie doch auch mal was.«
»Opa, ich glaube, das dort wäre ganz nett für den Karl-Heinz. Mit der blauen Schleife. Ein ehemaliger Schulfreund meines Großvaters ist gestorben, müssen Sie wissen. Schreiben Sie einfach: ›Dein Freund Hans‹, dann weiß die Familie Bescheid.«
»Möchten Sie auch unseren Särge-Katalog mitnehmen?«
»Nein, danke. Opa will seebestattet werden.«
»Also doch kein Sarg?«
»Bei jeder Beerdigung kaufen wir den Kranz woanders und ich lasse ihm die Freude.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 2 Autoren und Protagonisten unter sich

»Warum muss eigentlich jede scheißverdammte Geschichte ein Happy End haben?« Fiete zerknüllte seinen letzten Entwurf.
»Muss sie nicht«, sagte August, der Mälzer. »Wenn du mich am Ende opfern willst, dann tu das eben.« Er deutete eine Verneigung an, wie sie eher zu einem Japaner aus einem Jackie-Chan-Film gepasst hätte.
»Aber du bist doch meine Hauptfigur!« Fiete kritzelte August Japaner? auf seinen Notizblock. »Welche Aussage mache ich denn damit? Den strahlenden Helden kann ich nicht einfach so sterben lassen, das muss auch einen Sinn ergeben.«
»Dann eben Happy End, wie du willst.«
»Will ich nicht!« Fiete raufte sich die Haare. »Der Leser soll das Buch noch lange in Erinnerung behalten.«
»Das geht auch mit Happy End.« Der Mälzer schaute ins Mahlwerk.
»He, da passt was nicht!« Fiete strich Mälzer und ersetzte es durch Müller.
»Augustus, der Müller. Das ist mir auch lieber als Bier zu brauen. Alkohol ist nicht so meins. Daran gehen viele Familien zugrunde.«
Fiete notierte Alkohol!.
Neugierig sah Fietes Protagonist auf die unsortierten Notizen des Autors. »Hast du es mal mit einem Mind Map versucht?«
»Klappe, August!«
»Ich mein ja nur.« Er zuckte mit den Schultern.
»Du fällst gleich ins Mahlwerk!«
»Das ist ein schönes, blutiges Ende. Damit bin ich einverstanden.«
»Ich frag dich aber gar nicht.«
»Und warum falle ich da rein? Einfach so, aus Versehen? Ist es ein Unfall? Oder ein Mordkomplott?«
August verschlug es die Sprache. »So, nun ist Ruhe.«

August, der Müller, war nicht gut angesehen im Dorf. Die Menschen waren auf ihn angewiesen, weil sie Mehl brauchten. Deshalb wahrten sie den Schein und taten freundlich, doch ihnen gefiel nicht, wie er mit Frau und Tochter umging und auch der Sohn musste regelmäßig grundlos Prügel einstecken. Hermann war ein guter Junge von gerade vierzehn Jahren, als es passierte.
Irgendwie musste August ins Mahlwerk gestürzt sein. Alles war rot von Blut und das Mehl nicht zu gebrauchen. Niemand verstand, warum der Alte nicht gebrüllt hatte wie ein Schwein. Der junge Müller musste alles sorgfältig reinigen, bevor er Mehl herstellen konnte.
Neun Monate später gebar Hermanns unverheiratete Schwester ein Kind. Welch eine Schande! Auf die Fragen, wer denn der Vater sei, schwieg sie beharrlich. Das konnte ja nur August gewesen sein.
Das Kind trug an versteckter Stelle dasselbe Muttermal wie seine Großmutter.

Fiete zerknüllte auch diesen Entwurf. SHOW DONT TELL schrieb er auf das nächste Blatt und umkreiste es mehrmals.
Happy End?

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Rezension “Das Erbe der Braumeisterin” von Charlotte Thomas

(Bitte beachten. Zuerst findet ihr hier allgemeine Informationen zu dem Buch. Dann folgt auch schon die Rezension an sich.)

Titel: Das Erbe der Braumeisterin

Autor: Charlotte Thomas

Verlag: Bastei Lübbe

508 Seiten inkl. Nachwort, Details zur Kölner Biergeschichte und einem Glossar

ISBN: 9783404169061

Preis: 9,99 €

Hier gibt es Informationen zur Bibliografie der Autorin Charlotte Thomas

Charlotte Thomas – Bücher & Infos – BücherTreff.de (buechertreff.de)

Informationen zur Autorin

Charlotte Thomas – Bücher & Infos – BücherTreff.de (buechertreff.de)

Eva Völler – Wikipedia



Inhalt des Buches

Die Geschichte der Handlung von „Das Erbe der Braumeisterin“ spielt in Köln Mitte des 13. Jahrhunderts.

Madlen, seit einem knapp einem Jahr verwitwet, führt die Brauerei des verstorbenen Vaters in Eigenregie. Doch die Zunft der Brauer sitzt ihr im Nacken. Denn sie darf laut Gesetz das gutgehende Erbe des Vaters nach dessen Tod und dem des Ehemanns dieses nur ein Jahr alleine weiterführen.

Madlen denkt jedoch nicht daran erneut zu heiraten, auch wenn bereits mehrere Männer bereit sind sie zu eheligen.

Kurz nach einer Hinrichtung heiratet sie notgedrungen, den einstigen Kreuzritter Johann, der eigentlich hätte getötet werden sollen. Dies geschah durch eine Verbindung zu einem gleichaltrigen Mann, den sie durch ihren Vater kennt, denn auch dessen Eltern sind im Braugewerbe tätig.

Nun muss sie beweisen, dass die Ehe Bestand hat und keine Schande bringt. Allerdings haben Madlen und Johann Schwierigkeiten miteinander klar zu kommen. Vor allem deswegen, weil sie beide vorerst einen eigenen Weg verfolgen.

 

Eindruck und Fazit

Eigentlich bin ich nicht der Typ Mensch, der sich von Anfang an auf einen historischen Roman einstellen kann. Das heißt, dass mich die Handlung eigentlich schon von Beginn abholen muss.

Bei diesem Roman dauerte es jedoch einige Seiten bis mich die Handlung so in den Bann gezogen hat, dass ich mich zwingen musste um das alltägliche zu kümmern oder rechtzeitig in meinem Bett einzuschlafen.

Auch wenn es ein fiktiver Plott ist, zeigt er doch einen Einblick auf die mittelalterliche Kultur, das damalige Leben und wie die Stadt zu der damaligen Zeit strukturiert war.
Im Großen und Ganzen ist es ein Roman, der den Leser in die mittelalterliche Zeit zurückversetzt. Durch die zusätzliche Liebesgeschichte in der Handlung findet sich auch für die Romantiker etwas. Rundum ein

Lasst euch nicht erschrecken, solltet ihr erst mal nicht in die Geschichte finden. Es wird besser.

SGZ-Woche 1 GEDÄCHTNIS (ohne Titel)

Ein lieber Freund von mir – genau genommen mein Trauzeuge oder eigentlich der meiner besseren Hälfte, meine Trauzeugin ist verstorben – hat mir heute eine SMS geschickt. Er hat an mich gedacht. Ich habe ihm ein frohes Neues gewünscht – ist ja erst der zehnte, da geht das noch – und mir fällt auf, dass ich sehr lange nicht an ihn gedacht habe. Nicht mal zum Jahreswechsel.
Ich weiß nicht, wann er Geburtstag hat, und habe mir auch seinen Hochzeitstag – wir waren damals, ich weiß schon gar nicht mehr wann, auch bei seiner Hochzeit dabei – nicht gemerkt. Wenn das nur mein Gedächtnis wäre. Ich meine, so was kann man sich doch aufschreiben. Mache ich aber nicht. Weil ich mich dann drum kümmern müsste. Kontakt aufnehmen, halten, pflegen. Liegt mir nicht. Ich kann aber auch nicht behaupten, dass mir lieber wäre, wenn Leute auf mich zukommen – am liebsten ist mir, ich bin für mich allein.
Natürlich nicht so ganz allein wie jetzt gerade beim Schreiben, ich besuche schon gerne meine Gruppen. Singen und Autorenstammtische. Da muss ich auch nicht dran denken, das findet regelmäßig statt und steht im Kalender. Ich hab einen Kalender für unterwegs und einen an der Wand und nachdem ich es zweimal aufgeschrieben hab, hab ich es meistens auch im Kopf.
Mein Gedächtnis ist nicht mehr das beste. Vom Kniffeln mit meiner ungeduldigen Ergotherapeutin habe ich bereits erzählt. Neulich habe ich etwas beim Verlassen der Wohnung vergessen – was, das habe ich vergessen – und bin schnell noch einmal hinein, um es zu holen. Ich weiß nicht, ob ich daran gedacht habe, das Fenster in meinem Schreibatelier zu schließen.

Ob meiner einmal gedacht werden wird, wenn ich nicht mehr bin? Höchst unwahrscheinlich. Dazu müsste ich schon Außergewöhnliches schreiben und da gehört ein Selbstmitleidsepos über Konzentrationsstörungen sicher nicht dazu.
Zu einem Leben als Schriftsteller gehören auch Tage, an denen ich nur Mist schreibe. Relativen Mist vielleicht. Nicht unbedingt solchen, auf dem ein Hahn kräht.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Evolution der Revolution

Ein hübsch plätschernder Bach folgt entlang der grünen Linie, ein Vogel sitzt auf kreischender Maschine, die sich dem Wind nicht beugt, die Luft nicht säugt und nicht von freundlicher Erscheinung zeugt. Ein sonst so idyllischer Traum gibt anderen Gefühlen Raum. Gibt kaum dem Saum des Talkleides ein lieblicheres Antlitz als das, des von Schienen zerfurchten Bergschlitz‘, der sein schreiendes Maul grässlich öffnet und widererwarten das metallene Ungeheuer verschluckt, um es dann, geduckt, wieder auszuspeien, unbeeindruckt von dem „Verspeist-Sein“ und immerdar kreischend, nach Achtung heischend und den zerfleischend, der sich ihm entgegenstellt, auf dieser eigentümlich schauderhaften Welt.

Doch, horch – was kommt da noch? Ein brillierendes Gefährt, das freilich noch länger währt, als die vogelbesetzte Kreischemaschine, die auf ihrer Schiene fest eingefasste Routen fährt und keinen Ausflug in unbekannte Gefilde gewährt. Der Vogel kann auf ihm zwar nirgendwo mehr sitzen, aber seine Ausscheidungen auf den Scheiben verspritzen, um zu erklären: „ich bin noch da und du läufst Gefahr, mich auszurotten und mich, gleich wie tausend Motten, mit einem Wisch auf die Straße zu kehren und ich könnte mich noch nicht einmal wehren gegen diesen Glanz und diese Glorie, die mich, wie eine Hysterie, vor Wut schreien und mein Verblassen gedeihen lassen.“

Dennoch wusste der Vogel noch nichts angesichts des größten Wütenden, der sich in den Köpfen der Elenden vernetzt und sie in eine Realität versetzt, die es nicht gibt und ihnen dennoch oftmals mehr beliebt, als das Wahre, das verloren geht und in dunklen Ecken steht, dort das Gesicht verdreht und klammheimlich Dinge versteht, die virtuell nicht funktionieren und die den Display-Vernarrten und Online-Verharrten nicht mehr regieren. Die Gefühle, die echten. Die verschwinden im gerechten Nirwana der menschlich-technischen Evolution, die immer schon den Menschen auf den Thron gesetzt und ihn somit womöglich schlichtweg vergrätzt, um ihn sich selbst mit dem zu stürzen, was er am besten kann, dem Einzelgang
… solang …
bis dann die Kräfte wieder das Sein bedingen, das in der Balance zwischen den (klammheimlichen) Dingen durch gefühlvolles Leben gelingen lässt, dass der Mensch diese Realität gänzlich verlässt und den Schein erpresst, Berge zu brechen, Meere zu schwächen, Ozonschichten zu stechen und dennoch für den Wohlstand zu sprechen, die Expansion, eine Mediation von Stichen ins eigene Herz für Gewinne, für die das Gefühl sich eine Realität ersinne, die weniger selbstzerstörerisch erscheine – an der virtuellen Leine, die solange fest um den Hals verweile – bis das Auge ihn wieder zu sehen vermag: den Vogel, bei Nacht und bei Tag, so, wie er eben ist, ohne, dass der Mensch ihm menschliche Werte beimisst. Denn die Revolution vergisst, dass sie sich selbst auffrisst und das verschlingt, was durch sie bedingt, anders klingt.


100 Geschichten in 100 Tagen

In meinem eigenen Blog  habe ich es bereits angekündigt:

Ich habe vor, binnen 100 Tagen – ab dem kommenden Samstag, 09.02.21, täglich eine Geschichte zu schreiben.

100 Geschichten in 100 Tagen – wie soll das gehen?

Im Schreib-Forum machen wir jeden Abend von 20-21 Uhr eine Schreibübung namens »Schreiben gegen die Zeit« (SGZ).
Man hat genau diese Stunde Zeit, aus einem Begriff eine kleine Geschichte oder wie auch immer gearteten Text zu basteln. Das darf auch ein Gedicht sein oder auch ein Plotansatz, ein Ausschnitt eines Romans – ganz egal, Hauptsache man tippt möglichst hemmungslos irgendwas runter. Dabei gehts auch nicht um die Masse der Anschläge an sich, sondern darum, sich den Kopf freizuschreiben. Sich zu erlauben, auch mal schlecht schreiben zu dürfen. Den Kritiker geknebelt in die Ecke stellen. Um welchen Begriff es sich handelt, weiß man vorher nicht, der wird erst abends um acht bekannt gegeben. Danach wird dann gegenseitig gelesen und kommentiert.
Bei unserer wöchentlichen Übung habe ich natürlich seit Beginn nicht jede Woche teilnehmen können und so ist eine Liste mit über 100 Begriffen zustande gekommen, zu denen ich noch keine Geschichte geschrieben habe. Also wird es mal Zeit!

Für meine Zwecke werde ich die Übung etwas abwandeln. Ich mache sie nicht abends um acht, sondern gleich nach dem Aufstehen.
Da ich sie alleine mache, habe ich niemanden, der mir den Begriff vorgibt. Deshalb habe ich mir etwas einfallen lassen, wie ich mich selbst überraschen kann, um dann spontan zu einem Wort etwas zu schreiben:
1. Jeder Begriff in der Liste hat eine Nummer. Ich verwende einen Zufallsgenerator, um eine Nummer zufällig (ja, liebe IT-ler, es heißt »Pseudozufall«) aus der Liste auswählen zu lassen.
2. Timer auf 60 Minuten stellen und spätestens beim Klingeln wird veröffentlicht. Tipp: In den letzten Minuten lese ich noch mal drüber und mache letzte Korrekturen.
3. Danach wird die Nummer aus der Liste gestrichen (Zeile löschen) und für die verbleibenden Begriffe werden die Nummern neu vergeben (einfach von oben nach unten ausfüllen).
4. Und am nächsten Tag fange ich wieder bei 1. an.
Wichtig ist nicht die Reihenfolge, sondern dass jede Nummer in der Liste nur einmal auftaucht und kein Begriff leer ausgeht.

Wer will, kann mitmachen!
Meine Liste mit den Begriffen werde ich demnächst – rechtzeitig vor Beginn der Aktion am 09.01.21 – in meinem Blog  zur Verfügung stellen. Es laufen dann jeweils nach meinem Beitrag 24 Stunden, innerhalb derer der eigene Beitrag gepostet werden kann.
Wer vor dem Schreiben des jeweiligen SGZ über den Begriffen brütet, pfuscht!

Ich behaupte, das ist zu schaffen, jeden Tag eine Stunde zu schreiben. Ob jeden Tag eine Perle daraus hervorgeht, wird sich zeigen. Aber es ist möglich!
Jeweils die beste Geschichte einer Woche wähle ich für die Schreibkommune aus. Ich veröffentliche hier also in den nächsten Wochen immer donnerstags eine Kurzgeschichte von mir, die erste schon am 14.01.21!
Ob ich die Aktion 100 Tage am Stück überhaupt durchhalte? Das sind immerhin über drei Monate! Ich weiß es nicht, aber da mich der letzte NaNoWriMo so beflügelt hat, dass ich innerhalb von drei Wochen meinen halb fertigen Roman zu Ende schrieb, kann ich es mir sehr gut vorstellen.

Wer möchte mitmachen? 😀

Sollte ich die Aktion abbrechen müssen, poste ich hier stattdessen bereits fertige Geschichten.

Walpurgisnacht

Man möchte meinen, dass es in einem beschaulichen kleinen Dorf wie Krähenflügel wenig Anlass zu Selbstjustiz gibt. Auch ich erlag in der Vergangenheit diesem Fehlschluss, als ich beschloss, mich hier zur Ruhe zu setzen. Ich hatte meine Kindheit in der Stadt Krähenberg verbracht und schätzte die Nähe zu meiner alten Heimat. Krähenflügel lag nur wenige Meilen entfernt. Man konnte sogar die beeindruckenden Zwillingstürme der Krähenberger Kathedrale vom Rathausplatz aus sehen.

Das Dorf selbst ist schwer zu beschreiben, denn Worte scheinen ihm nie gerecht zu werden. Zum einen wirkt es altehrwürdig und edel mit seinen stuckverzierten Häusern und den steinernen Wasserspeiern, zum anderen auch ungezähmt und wild, was vor allem an den ungezügelt wuchernden Sträuchern und Bäumen liegt, die ohne jede Vorwarnung zwischen den alten Gebäuden hervorbrechen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen Abend lang mit meiner Familie in Krähenflügel einen Gasthof besuchte. Damals jagte mir der Anblick der emporgestreckten Zweige eiskalte Schauer über den Rücken. Mein Bruder verlachte mich, aber auch ihm waren sie nicht geheuer – zu sehr erinnerten sie uns an knochige Arme, die sich langsam nach den Passanten ausstreckten.

Krähenflügel besitzt auch mehrere Hügel, die ursprünglich das Dorf begrenzten und heute größtenteils bebaut sind. Nur einer verbleibt bis heute von jeglicher menschlichen Architektur verschont – es ist der Galgenhügel, an dem man vor etlichen Jahrhunderten die namenlose Frau aus Krähenberg hingerichtet wurde.

Wenn ich in der Dämmerung noch einen geruhsamen Spaziergang unternahm, führte mich der Weg direkt am Fuße des Hügels vorbei. Hier stand kein Haus und es gab keine Viehweide, nur ungezügelte Natur. Als ich zum ersten Mal dort vorbeikam, hielt ich unbedachterweise auf einem Baumstumpf Rast. Ich tupfte mir gerade die Stirn ab, als ich im Wispern des Windes plötzlich eine Stimme vernahm. Sie war leise und kaum hörbar, doch hörte ich die unverwechselbaren Klänge eines alten Kinderliedes. Ich versuchte, der Stimme zu folgen, doch schon bald veränderte sie sich. Sie klang abscheulich und bestialisch verzerrt, wie eine Steigerungsform blutrünstigen Knurrens. Mit einem Mal schienen die Zweige nach mir zu greifen und ich floh, so schnell ich konnte. Als ich endlich zu Hause ankam, raste mein Herz wie wild in meiner Brust.

Damals wäre es mir als lächerlich erschienen, irgendjemandem davon zu erzählen. Heute hingegen wünsche ich mir inständig, es getan zu haben. Vielleicht hätte ich die folgenden Ereignisse verhindern können.

Krähenflügel besitzt einen äußerst romantischen Friedhof, der, zwischen üppiger Vegetation versteckt, zwischen dem Rathaus und der Kirche verborgen liegt. Metallene Kreuze erheben sich aus dem Schotterboden, während die Pflanzen sie umschlingen. Der Totengräber ist zugleich mit einer Heckenschere ausgestattet, die er bei jedem meiner Besuche tatkräftig einzusetzen pflegte. Er war damals bereits ein stets betrübter Mann mit faltigem Gesicht und dürrem Körperbau, dem man das Führen einer Schaufel kaum zutraute. Dazu kam eine unnatürliche Blässe, die ihm ein nahezu gespensterhaftes Aussehen verlieh. Einmal konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Er seufzte dabei, schnitt ein vorstehendes Ästchen mit der Heckenschere ab und sagte dabei mit flüsterleiser Stimme: „Es sind die Gräber, Sibelius. Früher haben sie mich angeschwiegen; heutzutage lassen sie mich nachts nicht mehr schlafen.“

Ich glaubte zuerst, dass er nur in Metaphern sprach und fragte scherzhaft, welches Grab denn am lautesten sei. Daraufhin deutete er mit einem knochigen Finger mitten ins Dickicht.

„Es ist die Krypta“, wisperte er, während seine Augen sich vor Schrecken weiteten. „Mein Vorgänger hat sie zuwachsen lassen. Ich habe sie einmal besucht und seither tue ich nachts kein Auge mehr zu.“

Meine Neugier war geweckt. Ich wusste von keiner Krypta in Krähenflügel und bohrte hartnäckig nach. Doch der Totengräber zuckte bei jeder Frage zusammen und nahm mir schließlich mit bebenden Lippen das Versprechen ab, sie niemals aufzusuchen. Ich empfand sein Verhalten als befremdlich, respektierte seinen Wunsch jedoch und besuchte lediglich das schlichte Grab meiner Kindheitsfreundin. Ich bin froh, dass niemand ein Foto an das Kreuz geheftet hatte. Ich weiß nicht, ob ich die Tränen sonst hätte zurückhalten können.

Es geschah um diese Zeit, dass eines Nachts ein grässlicher Schrei meinen Schlaf störte. Der Mond hielt sich hinter dunklen, unheilschwangeren Wolken verborgen. Ich eilte sofort hinaus und blickte in die müden Gesichter vieler anderer Bewohner. Der Bürgermeister stand im Nachthemd neben seinem Sekretär und dem Feuerwehrkommandanten. Er begrüßte mich mit einem gewichtigen Nicken. Schließlich war ihm bestens bekannt, dass ich im Auffinden verlorener Personen und Dinge durchaus geübt war.

Mein geschultes Gehör war zu diesem Zeitpunkt zwar bei weitem nicht mehr so gut wie früher, doch meine Fertigkeiten reichten aus, um den Schrei beim Rathaus zu lokalisieren. Wenn ich heute zurückdenke, erscheint es mir ein wenig seltsam, dass sämtliche Dorfbewohner den Drang verspürten, nach der Quelle des Schreis zu suchen. Damals erschien es mir als völlig natürlich. Dem Schrei wohnte dermaßen fürchterliche Todesangst inne, dass uns der Klang alleine die Haare zu Berge stehen ließ. In dieser schrillen Stimme verbarg sich ein Funken jenes menschlichen Leides, das niemals die Schwelle unseres Unterbewusstseins übertreten sollte und die Seele eines Menschen verzehrt, wenn es dennoch in sein Herz gelangt.

Der Bürgermeister, der Feuerwehrkommandant und ich stürmten in den Rathauskeller. Man hatte ihn seit Jahrzehnten nicht mehr betreten. Wie ich wohl wusste, hatten sich in archaischen Zeiten darin die Zellen befunden – und die Folterkammer.

Der Feuerwehrkommandant und zwei seiner Jungspunde traten die morschen Türen ein und wir betraten die alten Räume mit zusammengepressten Lippen und geballten Fäusten.

Wenn ich mich heute frage, zu welchem Zeitpunkt der Wahnsinn sich in mein Innerstes schlich, so würde ich diesen Anblick angeben. Ein Mensch kann nur eine gewisse Anzahl an Anblicken ertragen – weitaus weniger, als die endlosen Weiten des Universums und der Realität ihn auszusetzen vermögen. In jenem Augenblick durchfuhren mich die rätselhaften Zeilen einer alten Krähenberger Steintafel, die ich vor Jahren entziffert hatte.

Post mortem manet ecclesia. Nach dem Tod bleibt die Versammlung.

In der feuchten Kammer bot sich uns ein Bild unaussprechlichen Grauens und Liebreizes. Wir sahen eine lächelnde junge Frau in weißen Gewändern, die uns aus treuherzigen Augen aufrichtig anblickte. Sie wirkte so zerbrechlich und unschuldig wie eine Elfe. Als ich meinen Blick senkte, wollte mein Gehirn das Bild zunächst nicht annehmen. Erst der metallische Gestank brachte mich zur Vernunft.

Zu Füßen der elfenhaften Frau kauerte ein blutiges Bündel, das kaum noch als Lebewesen zu erkennen war. Ich wage nicht, den Zustand dieses menschlichen Körpers zu beschreiben, dieses armen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchens. Bis heute kann ich nicht ermessen, welche gottlosen Teufelsmaschinen einen Menschen sosehr verdrehen können, dass die Glieder in dermaßen widernatürlicher Position hervorragen wie knochige, reglose Zweige. Allein der Gedanke an den Schmerz, den dieses Geschöpf vor unserer Ankunft hatte erdulden müssen, bringt mich heute an den Rand der Ohnmacht.

Von uns allen bewies allein der Feuerwehrkommandant die nötige Geistesgegenwart, den Rettungsdienst zu rufen. Wir anderen waren wie versteinert. Die elfenhafte Frau lächelte uns verführerisch an und ging. Ich kann mir noch immer nicht erklären, wie sie an uns vorbeikam, doch mit einem Mal stand sie hinter uns. Ich wandte mich wie gesteuert um, als sie mit einem Mal zu singen begann.

Ich erkannte das gottlose Kinderlied, das ich zum letzten Mal auf dem Galgenhügel gehört hatte. Ohne dass ich es wollte, formten meine Lippen dieselben Worte und wir sangen, marschierten in einer Prozession an den staunenden Dorfbewohnern vorbei und sangen dabei ununterbrochen. Das Ereignis wirkte in seiner Unverständlichkeit wie ein paradoxer Albtraum auf mich. Dennoch hat sich jedes Bild in meinen Verstand eingeprägt, wie nur die Realität es zu tun vermag. Selbst an den Text des Liedes erinnere ich mich, doch wage ich nicht, ihn hier aufzuschreiben. Wir sangen abscheuliche, gotteslästerliche Worte in einer Sprache, die mir seither immer wieder unwillkürlich die Zunge verdreht. Nicht umsonst schrieb Bruder Petronius über die Hexen Krähenbergs: Dicunt bonum malum et malum bonum.

Die Frau führte uns zum Krähenberger Friedhof. Wir durchschritten das schmiedeeiserne Tor und erkannten aus den Augenwinkeln den Totengräber, der zwischen den Vorhängen seines Häuschens hervorlugte und dabei ein Kruzifix zitternd vor sich hielt. Wir beachteten ihn nicht länger und steuerten sofort auf das Dickicht zu, während der Gesang sich als gewaltiges, im Echo widerhallendes Klangnetz über den Gräbern aufspannte. Plötzlich bildeten wir eine große Versammlung aus geisterhaften Gestalten, die furchtlos ins Dickicht stürzten.

Endlich sahen wir die Krypta. Heute bin ich mir sicher, dass sie niemals als Grabmal, sondern als Gefängnis gedacht war. Ein rostiges, schmiedeeisernes Tor versperrte den Eingang, während Heiligenbildnisse und von zitternden Händen eingeritzte Psalmen dem Bösen Einhalt gebieten sollten. Steinerne Dämonen starrten wütend auf uns herab, doch sie waren kalt und tot, ungeboren, ohne jede Macht. Singend stiegen wir hinter der Frau die Treppe hinab und fanden uns schließlich in einem kreisrunden, unterirdischen Raum wieder. Er war leer, bis auf einen Sarg in der Mitte. Die Frau ließ sich darauf nieder, klatschte in die Hände und mit einem Mal entstiegen Geister den steinernen Wänden.  

Bis zum Zeitpunkt dieser Niederschrift klammere ich mich mit größter Verzweiflung an die Illusion, Opfer einer kollektiven Halluzination geworden zu sein. Doch in meinem Innersten weiß ich es besser. Einmal nur will ich diese Geschichte vollständig erzählen, um danach nie wieder daran denken zu müssen.

Die Geister waren schrecklich missgestaltet. Manche humpelten, aus manchen wuchsen grotesk verdrehte Glieder, andere wiederum krochen als formlose Masse über den steinernen Boden. Ich wollte fliehen, wollte diesem grässlichen Anblick entkommen, aber stattdessen hob ich auffordernd die Arme. Ein schrecklich entstelltes Mädchen taumelte auf mich zu, ich schloss es in die Arme und wir tanzten, ich singend, sie kehlig röchelnd, während abscheuliche Töne aus dem Sarg drangen. Ich weiß noch immer nicht, welche Instrumente solches Grauen heraufbeschwören können, doch in jenem Moment trieben die Klänge mich in einen seltsamen Zustand abstruser Glückseligkeit. Meine Gedanken erloschen wie Kerzen im Wind und ich lächelte, lächelte mit dem Wahnsinn um mich herum. Vor meinem inneren Auge zogen weitläufige, unvorstellbare Landschaften in mir völlig unbekannten Farben vorbei, während sich die trägen, flötenspielenden Körper alter Götter in schattenhafter Ekstase zwischen den Sternen wanden.

Ich hätte bis zum Hungertod weitergetanzt, wenn mich nicht ein weiteres Klatschen der elfenhaften Frau aus meiner Trance gerissen hätte. Ich blinzelte verwirrt und sah den Geist vor mir zum ersten Mal mit klaren Augen. Dabei erschrak ich beinahe zu Tode, nicht wegen der grausam verrenkten Glieder oder der verunstalteten Haut, sondern weil ich die in entsetzlichen Qualen verzerrten Gesichtszüge wiedererkannte.

Ein drittes Klatschen ertönte und die Geister verschwanden. Sie glitten in den Stein zurück, so als ob es sie niemals gegeben hätte. Als wir uns zum Sarg umwandten, erblickten wir statt der elfenhaften Frau eine einsame Urne auf dem Sarg.

Nach dieser Nacht besuchte ich täglich das Grab meiner Kindheitsfreundin. Der Totengräber hält den Kopf stets gesenkt, wenn ich durch das Tor trete und verweigert auch sonst sämtliche Kommunikation mit mir. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Erst heute habe ich eine Rose auf das Grab gelegt. Ich kann nicht aufhören, ihren Tod zu beweinen. Wenn sie damals, vor meinem Umzug nach Berlin, nicht ein derart grausames Ende gefunden hätte, hätten wir dann vielleicht tatsächlich einmal miteinander getanzt?

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