Man möchte meinen, dass es in einem beschaulichen kleinen Dorf wie Krähenflügel wenig Anlass zu Selbstjustiz gibt. Auch ich erlag in der Vergangenheit diesem Fehlschluss, als ich beschloss, mich hier zur Ruhe zu setzen. Ich hatte meine Kindheit in der Stadt Krähenberg verbracht und schätzte die Nähe zu meiner alten Heimat. Krähenflügel lag nur wenige Meilen entfernt. Man konnte sogar die beeindruckenden Zwillingstürme der Krähenberger Kathedrale vom Rathausplatz aus sehen.

Das Dorf selbst ist schwer zu beschreiben, denn Worte scheinen ihm nie gerecht zu werden. Zum einen wirkt es altehrwürdig und edel mit seinen stuckverzierten Häusern und den steinernen Wasserspeiern, zum anderen auch ungezähmt und wild, was vor allem an den ungezügelt wuchernden Sträuchern und Bäumen liegt, die ohne jede Vorwarnung zwischen den alten Gebäuden hervorbrechen. Ich erinnere mich, dass ich als Kind einen Abend lang mit meiner Familie in Krähenflügel einen Gasthof besuchte. Damals jagte mir der Anblick der emporgestreckten Zweige eiskalte Schauer über den Rücken. Mein Bruder verlachte mich, aber auch ihm waren sie nicht geheuer – zu sehr erinnerten sie uns an knochige Arme, die sich langsam nach den Passanten ausstreckten.

Krähenflügel besitzt auch mehrere Hügel, die ursprünglich das Dorf begrenzten und heute größtenteils bebaut sind. Nur einer verbleibt bis heute von jeglicher menschlichen Architektur verschont – es ist der Galgenhügel, an dem man vor etlichen Jahrhunderten die namenlose Frau aus Krähenberg hingerichtet wurde.

Wenn ich in der Dämmerung noch einen geruhsamen Spaziergang unternahm, führte mich der Weg direkt am Fuße des Hügels vorbei. Hier stand kein Haus und es gab keine Viehweide, nur ungezügelte Natur. Als ich zum ersten Mal dort vorbeikam, hielt ich unbedachterweise auf einem Baumstumpf Rast. Ich tupfte mir gerade die Stirn ab, als ich im Wispern des Windes plötzlich eine Stimme vernahm. Sie war leise und kaum hörbar, doch hörte ich die unverwechselbaren Klänge eines alten Kinderliedes. Ich versuchte, der Stimme zu folgen, doch schon bald veränderte sie sich. Sie klang abscheulich und bestialisch verzerrt, wie eine Steigerungsform blutrünstigen Knurrens. Mit einem Mal schienen die Zweige nach mir zu greifen und ich floh, so schnell ich konnte. Als ich endlich zu Hause ankam, raste mein Herz wie wild in meiner Brust.

Damals wäre es mir als lächerlich erschienen, irgendjemandem davon zu erzählen. Heute hingegen wünsche ich mir inständig, es getan zu haben. Vielleicht hätte ich die folgenden Ereignisse verhindern können.

Krähenflügel besitzt einen äußerst romantischen Friedhof, der, zwischen üppiger Vegetation versteckt, zwischen dem Rathaus und der Kirche verborgen liegt. Metallene Kreuze erheben sich aus dem Schotterboden, während die Pflanzen sie umschlingen. Der Totengräber ist zugleich mit einer Heckenschere ausgestattet, die er bei jedem meiner Besuche tatkräftig einzusetzen pflegte. Er war damals bereits ein stets betrübter Mann mit faltigem Gesicht und dürrem Körperbau, dem man das Führen einer Schaufel kaum zutraute. Dazu kam eine unnatürliche Blässe, die ihm ein nahezu gespensterhaftes Aussehen verlieh. Einmal konnte ich mich nicht zurückhalten und fragte ihn nach seinem Wohlergehen. Er seufzte dabei, schnitt ein vorstehendes Ästchen mit der Heckenschere ab und sagte dabei mit flüsterleiser Stimme: „Es sind die Gräber, Sibelius. Früher haben sie mich angeschwiegen; heutzutage lassen sie mich nachts nicht mehr schlafen.“

Ich glaubte zuerst, dass er nur in Metaphern sprach und fragte scherzhaft, welches Grab denn am lautesten sei. Daraufhin deutete er mit einem knochigen Finger mitten ins Dickicht.

„Es ist die Krypta“, wisperte er, während seine Augen sich vor Schrecken weiteten. „Mein Vorgänger hat sie zuwachsen lassen. Ich habe sie einmal besucht und seither tue ich nachts kein Auge mehr zu.“

Meine Neugier war geweckt. Ich wusste von keiner Krypta in Krähenflügel und bohrte hartnäckig nach. Doch der Totengräber zuckte bei jeder Frage zusammen und nahm mir schließlich mit bebenden Lippen das Versprechen ab, sie niemals aufzusuchen. Ich empfand sein Verhalten als befremdlich, respektierte seinen Wunsch jedoch und besuchte lediglich das schlichte Grab meiner Kindheitsfreundin. Ich bin froh, dass niemand ein Foto an das Kreuz geheftet hatte. Ich weiß nicht, ob ich die Tränen sonst hätte zurückhalten können.

Es geschah um diese Zeit, dass eines Nachts ein grässlicher Schrei meinen Schlaf störte. Der Mond hielt sich hinter dunklen, unheilschwangeren Wolken verborgen. Ich eilte sofort hinaus und blickte in die müden Gesichter vieler anderer Bewohner. Der Bürgermeister stand im Nachthemd neben seinem Sekretär und dem Feuerwehrkommandanten. Er begrüßte mich mit einem gewichtigen Nicken. Schließlich war ihm bestens bekannt, dass ich im Auffinden verlorener Personen und Dinge durchaus geübt war.

Mein geschultes Gehör war zu diesem Zeitpunkt zwar bei weitem nicht mehr so gut wie früher, doch meine Fertigkeiten reichten aus, um den Schrei beim Rathaus zu lokalisieren. Wenn ich heute zurückdenke, erscheint es mir ein wenig seltsam, dass sämtliche Dorfbewohner den Drang verspürten, nach der Quelle des Schreis zu suchen. Damals erschien es mir als völlig natürlich. Dem Schrei wohnte dermaßen fürchterliche Todesangst inne, dass uns der Klang alleine die Haare zu Berge stehen ließ. In dieser schrillen Stimme verbarg sich ein Funken jenes menschlichen Leides, das niemals die Schwelle unseres Unterbewusstseins übertreten sollte und die Seele eines Menschen verzehrt, wenn es dennoch in sein Herz gelangt.

Der Bürgermeister, der Feuerwehrkommandant und ich stürmten in den Rathauskeller. Man hatte ihn seit Jahrzehnten nicht mehr betreten. Wie ich wohl wusste, hatten sich in archaischen Zeiten darin die Zellen befunden – und die Folterkammer.

Der Feuerwehrkommandant und zwei seiner Jungspunde traten die morschen Türen ein und wir betraten die alten Räume mit zusammengepressten Lippen und geballten Fäusten.

Wenn ich mich heute frage, zu welchem Zeitpunkt der Wahnsinn sich in mein Innerstes schlich, so würde ich diesen Anblick angeben. Ein Mensch kann nur eine gewisse Anzahl an Anblicken ertragen – weitaus weniger, als die endlosen Weiten des Universums und der Realität ihn auszusetzen vermögen. In jenem Augenblick durchfuhren mich die rätselhaften Zeilen einer alten Krähenberger Steintafel, die ich vor Jahren entziffert hatte.

Post mortem manet ecclesia. Nach dem Tod bleibt die Versammlung.

In der feuchten Kammer bot sich uns ein Bild unaussprechlichen Grauens und Liebreizes. Wir sahen eine lächelnde junge Frau in weißen Gewändern, die uns aus treuherzigen Augen aufrichtig anblickte. Sie wirkte so zerbrechlich und unschuldig wie eine Elfe. Als ich meinen Blick senkte, wollte mein Gehirn das Bild zunächst nicht annehmen. Erst der metallische Gestank brachte mich zur Vernunft.

Zu Füßen der elfenhaften Frau kauerte ein blutiges Bündel, das kaum noch als Lebewesen zu erkennen war. Ich wage nicht, den Zustand dieses menschlichen Körpers zu beschreiben, dieses armen, kaum dem Kindesalter entwachsenen Mädchens. Bis heute kann ich nicht ermessen, welche gottlosen Teufelsmaschinen einen Menschen sosehr verdrehen können, dass die Glieder in dermaßen widernatürlicher Position hervorragen wie knochige, reglose Zweige. Allein der Gedanke an den Schmerz, den dieses Geschöpf vor unserer Ankunft hatte erdulden müssen, bringt mich heute an den Rand der Ohnmacht.

Von uns allen bewies allein der Feuerwehrkommandant die nötige Geistesgegenwart, den Rettungsdienst zu rufen. Wir anderen waren wie versteinert. Die elfenhafte Frau lächelte uns verführerisch an und ging. Ich kann mir noch immer nicht erklären, wie sie an uns vorbeikam, doch mit einem Mal stand sie hinter uns. Ich wandte mich wie gesteuert um, als sie mit einem Mal zu singen begann.

Ich erkannte das gottlose Kinderlied, das ich zum letzten Mal auf dem Galgenhügel gehört hatte. Ohne dass ich es wollte, formten meine Lippen dieselben Worte und wir sangen, marschierten in einer Prozession an den staunenden Dorfbewohnern vorbei und sangen dabei ununterbrochen. Das Ereignis wirkte in seiner Unverständlichkeit wie ein paradoxer Albtraum auf mich. Dennoch hat sich jedes Bild in meinen Verstand eingeprägt, wie nur die Realität es zu tun vermag. Selbst an den Text des Liedes erinnere ich mich, doch wage ich nicht, ihn hier aufzuschreiben. Wir sangen abscheuliche, gotteslästerliche Worte in einer Sprache, die mir seither immer wieder unwillkürlich die Zunge verdreht. Nicht umsonst schrieb Bruder Petronius über die Hexen Krähenbergs: Dicunt bonum malum et malum bonum.

Die Frau führte uns zum Krähenberger Friedhof. Wir durchschritten das schmiedeeiserne Tor und erkannten aus den Augenwinkeln den Totengräber, der zwischen den Vorhängen seines Häuschens hervorlugte und dabei ein Kruzifix zitternd vor sich hielt. Wir beachteten ihn nicht länger und steuerten sofort auf das Dickicht zu, während der Gesang sich als gewaltiges, im Echo widerhallendes Klangnetz über den Gräbern aufspannte. Plötzlich bildeten wir eine große Versammlung aus geisterhaften Gestalten, die furchtlos ins Dickicht stürzten.

Endlich sahen wir die Krypta. Heute bin ich mir sicher, dass sie niemals als Grabmal, sondern als Gefängnis gedacht war. Ein rostiges, schmiedeeisernes Tor versperrte den Eingang, während Heiligenbildnisse und von zitternden Händen eingeritzte Psalmen dem Bösen Einhalt gebieten sollten. Steinerne Dämonen starrten wütend auf uns herab, doch sie waren kalt und tot, ungeboren, ohne jede Macht. Singend stiegen wir hinter der Frau die Treppe hinab und fanden uns schließlich in einem kreisrunden, unterirdischen Raum wieder. Er war leer, bis auf einen Sarg in der Mitte. Die Frau ließ sich darauf nieder, klatschte in die Hände und mit einem Mal entstiegen Geister den steinernen Wänden.  

Bis zum Zeitpunkt dieser Niederschrift klammere ich mich mit größter Verzweiflung an die Illusion, Opfer einer kollektiven Halluzination geworden zu sein. Doch in meinem Innersten weiß ich es besser. Einmal nur will ich diese Geschichte vollständig erzählen, um danach nie wieder daran denken zu müssen.

Die Geister waren schrecklich missgestaltet. Manche humpelten, aus manchen wuchsen grotesk verdrehte Glieder, andere wiederum krochen als formlose Masse über den steinernen Boden. Ich wollte fliehen, wollte diesem grässlichen Anblick entkommen, aber stattdessen hob ich auffordernd die Arme. Ein schrecklich entstelltes Mädchen taumelte auf mich zu, ich schloss es in die Arme und wir tanzten, ich singend, sie kehlig röchelnd, während abscheuliche Töne aus dem Sarg drangen. Ich weiß noch immer nicht, welche Instrumente solches Grauen heraufbeschwören können, doch in jenem Moment trieben die Klänge mich in einen seltsamen Zustand abstruser Glückseligkeit. Meine Gedanken erloschen wie Kerzen im Wind und ich lächelte, lächelte mit dem Wahnsinn um mich herum. Vor meinem inneren Auge zogen weitläufige, unvorstellbare Landschaften in mir völlig unbekannten Farben vorbei, während sich die trägen, flötenspielenden Körper alter Götter in schattenhafter Ekstase zwischen den Sternen wanden.

Ich hätte bis zum Hungertod weitergetanzt, wenn mich nicht ein weiteres Klatschen der elfenhaften Frau aus meiner Trance gerissen hätte. Ich blinzelte verwirrt und sah den Geist vor mir zum ersten Mal mit klaren Augen. Dabei erschrak ich beinahe zu Tode, nicht wegen der grausam verrenkten Glieder oder der verunstalteten Haut, sondern weil ich die in entsetzlichen Qualen verzerrten Gesichtszüge wiedererkannte.

Ein drittes Klatschen ertönte und die Geister verschwanden. Sie glitten in den Stein zurück, so als ob es sie niemals gegeben hätte. Als wir uns zum Sarg umwandten, erblickten wir statt der elfenhaften Frau eine einsame Urne auf dem Sarg.

Nach dieser Nacht besuchte ich täglich das Grab meiner Kindheitsfreundin. Der Totengräber hält den Kopf stets gesenkt, wenn ich durch das Tor trete und verweigert auch sonst sämtliche Kommunikation mit mir. Ich kann es ihm nicht verübeln.

Erst heute habe ich eine Rose auf das Grab gelegt. Ich kann nicht aufhören, ihren Tod zu beweinen. Wenn sie damals, vor meinem Umzug nach Berlin, nicht ein derart grausames Ende gefunden hätte, hätten wir dann vielleicht tatsächlich einmal miteinander getanzt?