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Monat: Juli 2021

Lies mal, wer da quatscht – Dialoge in Prosa (2), Figuren und ihre Konflikte in Szene setzen

Wichtiger als die Form ist beim Entwerfen eines Dialogs der Inhalt, was auch damit im Zusammenhang steht, wer da miteinander spricht. Deshalb kann man die Figurenentwicklung auch meiner Ansicht nach nie so genau von der Handlung trennen – ich schreibe figurengetrieben, andere handlungsbasiert. Ich passe lieber die Geschichte dem an, wie sich die Leute in einer bestimmten Situation verhalten würden, als die Leute dem anzupassen, was ich mir für den Verlauf der Geschichte ausgedacht habe.
Aus diesem Grund steht bei mir immer zuerst der Dialog und alles andere folgt dann danach.
Ich gehe auch nicht so heran, dass ich eine Szene konstruiere und abhake, ob ich einen Konflikt drin habe, die Spannung zu- oder abnimmt und auch ja alle Motive-Relation-Units (MRU) hübsch ins Scene-Sequel-Schema passen. Damit befasse ich mich allenfalls bei der Überarbeitung, aber nicht beim Schreiben.

Wie entwerfe ich also einen Dialog?
Ich versetze mich in die Figur, aus deren Sicht die Szene oder die Geschichte erzählt wird und lasse sie sprechen. Meistens habe ich dazu ein Anfangsbild, in das ich eintauche. Ich nehme etwas wahr, meistens habe ich ein Gegenüber (sonst kein Dialog), ich höre also, was gesagt wird, ich sehe die andere Person, ich habe Gefühle als Reaktion auf die Einflüsse, die auf mich hereinprasseln – ich erlebe die Szene so, wie der Leser sie später bestenfalls auch erleben soll. Dabei weiß ich, dass in dessen Kopf ein anderer Film läuft als in meinem – Hauptsache, da läuft einer.
Gutes Stichwort!

Der Film lief gerade an, da wurde die Tür aufgestoßen.
»Nicht abspielen!«

Da haben wir gleich einen Konflikt. Jemand will verhindern, dass der Film abgespielt wird, der soeben angelaufen ist. Das sind zwei gegensätzliche Ziele.

»Gehts noch?! Sie können hier nicht so einfach reinplatzen. Bitte begeben Sie sich auf ihren Sitzplatz oder verlassen Sie den Saal.«
»Wissen Sie, was für ein Film das ist, den Sie da zeigen wollen?« Sie versuchte, an die Maschine zu gelangen. »Schalten Sie das ab!«
Er stellte sich ihr in den Weg. »Für wen halten Sie sich? Ich bin hier der Filmvorführer. Verlassen Sie den Saal, sonst lasse ich Ihnen Hausverbot erteilen.«
»Das ist nicht nötig. Hanne Müller-Meier, Kripo Dortmund. Stoppen Sie die Vorführung.« Sie zeigte ihre Marke.

Man kann das Kräfteverhältnis hin- und herschaukeln lassen und so die Sache immer weiter eskalieren lassen. Er widersetzt sich, sie zieht die Waffe, er ist ebenfalls bewaffnet, die Verstärkung wartet schon, es entpuppt sich als ein Hinterhalt, endlich trifft das SEK ein … und um was für brisantes Filmmaterial es sich eigentlich handelt, ist immer noch nicht aufgelöst.

Was wir hier noch nicht haben, ist eine klare Erkennbarkeit der Erzählperspektive und was völlig fehlt, sind die Gefühle. Es gibt keinerlei Innenschau, denn die gäbe es ja nur aus einer Perspektive. Vermutlich ist er der Perspektivträger, da die Szene mit ihm beginnt – man sollte immer mit demjenigen anfangen, aus dessen Sicht die Szene erzählt wird, um das (also den Point of View, kurz POV) gleich klarzustellen. Ich könnte jetzt auch sie wählen, indem ich den Anfang ändere. Aber bleiben wir mal bei ihm.

Der Film lief gerade an, da wurde die Tür aufgestoßen.
»Nicht abspielen!«
Was wollte die denn hier? »Gehts noch?! Sie können hier nicht so einfach reinplatzen.« Rolf schüttelte den Kopf und wies zur Tür. »Bitte begeben Sie sich auf ihren Sitzplatz oder verlassen Sie den Saal.«
»Wissen Sie, was für ein Film das ist, den Sie da zeigen wollen?« Sie versuchte, an die Maschine zu gelangen. »Schalten Sie das ab!«
Die tickte doch nicht sauber! Er stellte sich ihr in den Weg. »Für wen halten Sie sich? Ich bin hier der Filmvorführer. Verlassen Sie den Saal, sonst lasse ich Ihnen Hausverbot erteilen.« Demonstrativ verschränkte er die Arme, um Entschlossenheit zu zeigen, doch am liebsten würde er ihr das Feld überlassen.
»Das ist nicht nötig. Hanne Müller-Meier, Kripo Dortmund. Stoppen Sie die Vorführung unverzüglich.« Sie zeigte ihre Marke.
Erleichterung machte sich in ihm breit.

Ich verwende hier das Stilmittel der erlebten Rede. Jetzt merkt man, dass er ein ganz schöner Hasenfuß ist. Das hätte man vorher nicht gedacht, oder? Nun zeigt sich auch, dass die Wahl des POV die richtige war, denn man sollte immer aus Sicht der Figur erzählen, die die größte emotionale Herausforderung hat.
Da ich bei der Polizistin keine Innenschau zur Verfügung habe, um sie zu charakterisieren, habe ich ihr noch ein Wort in den Mund gelegt. Ihn habe ich Rolf genannt, was einen Hinweis auf sein fortgeschrittenes Alter geben könnte.
Die Stimmung der Szene ist hier im Übrigen am Anfang aufgeladen und am Ende ruhig. Ich hätte auch von davor erzählen können, wie der Mann in aller Ruhe die Filmrolle einlegt und dann am Ende abbrechen, als plötzlich die Frau im Raum steht, das wäre dann der umgekehrte Fall. Sind Anfang und Ende ruhig, ist die Szene langweilig.

Was man jetzt noch ergänzen könnte, um Atmosphäre zu schaffen, sind Sinneswahrnehmungen wie Gerüche, Geräusche, Ertastetes. Wie riechen die Filmrollen? Riecht es nach Maschinenöl? Wie ist das Licht in dem Raum? Gibt es eine knackende funzelige Deckenleuchte, kaltes Neonlicht oder sogar nur Rotlicht? Hört man die Zuschauer Popcorn knabbern, riecht man es? Ist der Boden rutschig, sind die Wände versifft oder frisch gestrichen?
Macht das doch mal als Übung!

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Rezension: “Die Bürde des Zerfalls” (Tobias Krampitz)

Pest ahoi, würde der Autor und Selfpublisher Tobias Krampitz jetzt sagen. Ich durfte den ersten Band seiner Reihe „Die Bürde des Zerfalls“ lesen. Was ich von dem Dark Fantasy-Roman halte, erfahrt ihr hier.

 

Eine zerfallen(d)e Welt

 

 Wir befinden uns in einem Land der Untoten und Vampire. Unser Protagonist Boris ist Teil der sogenannten Todeswache, die gegen Untote im Ghulwald vorgehen soll. Als er jedoch dem Vampir Festus begegnet und in einen mysteriösen, bestialischen Mord verstrickt wird, beginnt für den notorischen Feigling eine Reise in die gefährlichen freien Baronien. Zusammen mit Festus und einem mysteriösen jungen Mann namens Wolf macht er sich auf, den Mörder zu finden.

 

Helden? Wirklich?

 

Boris ist ein Antiheld in jeder Hinsicht. Er ist feige und egozentrisch und passt eigentlich überhaupt nicht auf die Beschreibung eines heroischen Protagonisten. Neben den übermächtigen Charakteren Festus und Wolf wirkt er eher wie eine Karikatur. Gerade dadurch entsteht jedoch die eigentümliche Dynamik der Hauptgruppe. Alle drei Charaktere besitzen ihre Hintergrundgeschichten und erweisen sich als komplex genug, um im Gedächtnis zu bleiben. Die Antagonisten hingegen bleiben im ersten Band noch sehr konturlos. Es ist kaum Platz, um ihnen mehr Substanz zu verleihen.

 

Ein kleiner Feigling auf großer Reise

 

Die Handlung gleicht einer klassischen Heldenreise mit überraschendem Ende. Dabei vermischt der Autor Elemente einer fantastischen Abenteuergeschichte mit dem Kriminalroman. Leider fehlt im Buch ein gewisser „Wow“-Effekt, wenn der wahre Täter am Ende des Buches in Erscheinung tritt. Der erste Band wirkt eher wie ein Präludium, der den Leser zunächst nur auf eine falsche Fährte locken soll. Nach der Lektüre des ersten Buches bleiben viele Fragen für die Fortsetzung offen.

 

Gewalt? Ja, bitte!

 

„Die Bürde des Zerfalls“ ist nicht für jedermann geeignet. Nicht nur behandelt das Buch Themen wie den UN-Tod; es treten auch Schilderungen exzessiver Gewalt auf. Fairerweise muss man einräumen, dass der Autor die schrecklichsten Vorgänge im Dialog seiner Charaktere verpackt und den Leser dadurch zumindest ein wenig schont. Durch das gehäufte Auftreten absolut unfassbarer Todesarten stumpft der Leser jedoch mit der Zeit ab. Nach zweihundert Seiten erscheint diese Gewaltdarstellung eher überzeichnet und unnötig dysphemistisch. In diesem Falle wäre etwas weniger mehr gewesen.

 

Ich persönlich hätte mir zudem mehr Beschreibungen der Umgebung erhofft. Als Fan der Dark Fantasy habe ich ebenfalls viel für düstere, unheilschwangere Landschaften mit atmosphärischem Horror übrig. Tobias Krampitz hätte seiner düsteren Welt auf diese Weise noch mehr Lebendigkeit verleihen können.   

 

Debüt mit Potenzial

 

Der Roman hat noch mit dem einen oder anderen Mangel zu kämpfen und ergeht sich in exzessiven Gewaltschilderungen, die sich in ihrer Häufigkeit eher gegenseitig behindern. Dennoch erweckt das Buch mit seiner Morbidität eine atmosphärische, düstere Welt mit zynischen Charakteren zum Leben, die jedem Dark Fantasy-Fan das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen werden. Eine unkonventionelle, gelungene Heldenreise.

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