Autor:innen im Netz

Monat: August 2021

Eine Geschichte anfangen

Frage: Wie kommt man in Dialoge rein?

Ich möchte das gerne ausweiten zu der Frage, wie ich allgemein Geschichten anfange. Dabei ist der Dialog nur eine von drei Möglichkeiten, die ich hauptsächlich sehe: Innerer Monolog, Beschreibung oder Dialog. Idealerweise vermischt zu einer szenischen Darstellung wie in meinem dritten Textbeispiel.

In meiner Vorstellung ist immer zuerst ein Bild da, das ich beschreibe. Das kann ein Gegenstand wie ein Kaktus sein, der vielleicht beim ersten Frost über Nacht draußen stand und sich zu Matsch verwandelt hat, das sind aber bei mir in den allermeisten Fällen Menschen. Oft habe ich zu der Situation auch ein Gefühl. Ich versetze mich also in die Figur hinein und bin sie, agiere und reagiere aus ihrer Sicht heraus. Die Voraussetzung dazu ist also, wie Andi schon im Juni vermutete, dass ich meine Pappenheimer kenne. Ich muss wissen, welches Ziel sie haben und idealerweise sollten sie nicht dasselbe haben, sonst setzen sie sich gemeinsam aufs Sofa, gucken eine Liebesschnulze und mampfen Popcorn.
Ich bin kein Fan davon, Charakterbögen mit winzigkleinen Tabellen auszufüllen, aber andere nennen das ein Spiel und es macht ihnen Spaß, so what?
Es gibt unzählige Methoden, sich den Figuren zu nähern. Manche interviewen sie, manche lassen sie Gespräche mit den Protas anderer Autor:innen führen, meine erzählen mir freiwillig aus ihrer Sicht, wie sie die Geschichte erlebt haben.

Bleiben wir mal beim Kaktus. Das jämmerliche Bild, das er jetzt noch abgibt, kann man auch als Einstieg wählen. Ich stelle mir das arme Ding in immer mehr Details vor. Wo steht bzw. stand der Kaktus? Auf einer Terrasse? Gibt es dort eine Markise? Stand er in einer Garage? Im Hinterhof? Auf einem Balkon? Wie sah der Topf aus? Groß, klein, blau mit weißen Blumen daraufgemalt? Und der Kaktus selbst? Was für ein Kaktus war das überhaupt?
Was kann man hören, was riechen und vielleicht sogar schmecken? Was ertasten?
Da ich kein Plotter bin, überlege ich mir das alles nicht bewusst im Vorfeld, sondern ich entdecke die Geschichte, während ich aus dem Bauch heraus schreibe. Es macht also nichts, wenn die vielen Fragen Dich überfordern oder sogar abschrecken. Vergiss sie einfach!
Für eine detaillierte Beschreibung kann die Bildersuche einer Suchmaschine helfen. Achtet nur darauf, nicht zu sachlich zu werden.
Dazu passen zwei Figuren, die sich gegenseitig dafür die Schuld zuschieben wollen, dann haben wir auch schon einen Konflikt.

Hier ein Innerer Monolog als Texteinstieg:

Der Kaktus war sein ganzer Stolz gewesen. Vom kleinen Mitbringsel an, das auf dem Schreibtisch Platz gefunden hatte, hatte er ihn gehegt und gepflegt, bis er kaum noch durch die Terrassentür passte. Das war sicher auch der Grund dafür, dass seine Frau den armen Kojoten, wie Ewald die Kaktee in seiner Jugend getauft hatte, gestern Abend nicht ins Haus geholt hatte. Sie hatte das Risiko des Nachtfrosts auf die leichte Schulter genommen. Zugegeben, im Juli war das auch recht unwahrscheinlich. Trotzdem. Wie er jetzt aussah!

Hier eine Beschreibung als Texteinstieg:

Kojote war nur noch ein jämmerlicher Haufen grüner Matsch. Es schnitt Ewald ins Herz, ihn so zu sehen. Seine einst so stolzen Äste hingen schlapp herunter, waren geborsten und sein Inneres war auf die Fliesen gelaufen. Sogar Kojotes hübscher blauer Blumentopf mit den weißen Blumen, den die Kinder bemalt und ihm, Ewald, zum Geburtstag geschenkt hatten, war zerbrochen. Offensichtlich hatte Christa es gut gemeint und den Kaktus am Vorabend besonders ausgiebig gegossen.

Hier ein Dialog (mit Beschreibung und innerem Monolog gemischt = szenische Darstellung) als Texteinstieg:

»Christa, sieh ihn dir an!« Ewald rannten die Tränen übers Gesicht.
In Morgenmantel und Hausschuhen schlurfte sie näher. »Wasn?«
»Kojote ist tot! Du hast ihn ermordet!«
»Ich hab was?!« Jetzt war seine Frau hellwach, obwohl sie noch nicht ihre erste Zigarette geraucht, geschweige denn Kaffee getrunken hatte. Das Frühstück bereitete Ewald üblicherweise erst für sie beide, nachdem er morgens als erstes nach Kojote gesehen hatte.
»Der Kaktus! Er ist nur noch Matsche! Was hast du getan?« Er wischte sich die Tränen ab, ballte jetzt die Fäuste, sein wutrotes Gesicht verzerrt.
»Na, ich hab ihn gegossen. War ganz ausgetrocknet. War det falsch?«
»Ersäufen ist eine Sache, da hätte ich was gegen tun können. Aber du hast ihn über Nacht draußen gelassen. Er ist erfroren!«
»Erfroren? Das geht?«
Ewald raufte sich die Haare. Sein Blick fiel auf die Gartenschere.
»Hättest ihn ja selbst reinholen können.«

Meine Textbeispiele können als fortlaufende Geschichte gelesen werden, aber sie funktionieren auch für sich als Einstieg. Du entscheidest, wo und wie Deine Geschichte beginnt. Fang also einfach innerhalb Deiner Komfortzone an und steigere Dich nach und nach mit kleinen Herausforderungen.
Viele von uns müssen sich erst mal warmschreiben und streichen den Anfang später weg. Auch ich gehöre dazu, weshalb ich bei Romanen vorher Zusammenfassungen aus Sicht der wichtigsten Figuren und aus der »Vogelperspektive« schreibe. Das ist dann schon der erste Entwurf für die Zusammenfassung des Inhalts für ein Exposé. Wenn Du lieber gleich ein Exposé schreibst, tu das, wenn man Dich damit jagen kann, bleib hier!

Schreibübung: Googel nach einem Foto von einer Pflanze, überlege dir, warum sie eingegangen ist und welche Auswirkung das auf zwei Figuren hat, die genau darüber sprechen.

Tipp: Was man machen kann, wenn einem so gar nichts einfällt, hatte ich in einem älteren Beitrag schon einmal beschrieben: Weg mit der Maurerblockade!

Habt ihr noch Fragen dazu? Habt ihr einen Wunsch für ein bestimmtes Thema?

Für konkrete Fragestellungen nutzt gerne die Kommentarfunktion oder schreibt mir über das Forum.

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Die Gewinner des Schreibwettbewerbs

Liebe Schreibkommune,

wir möchten uns nochmals in aller Form für die Verspätung entschuldigen und sind nun froh, endlich und wirklich die Gewinner des Schreibwettbewerbs 2021 verkünden zu dürfen!

Kategorie Geschichten:

  1. Platz: Peter Biro – Lösung der Schreibblockade mit Qwertz
  2. Platz: Nele Breyer – Zwischen den Welten
  3. Platz: Emily Lotz – Über das Hobbyschreiben – Der Weg zur Lichtung

Kategorie Gedichte:

  1. Platz: Heinz-Helmut Hadwiger – Mein Schreiben ist mehr wert als nur ein Steckenpferd
  2. Platz: Susanne Rzymbowski – Vom Schreiben
  3. Platz: Florian Tekautz – Schreiberling

Wir möchten uns an dieser Stelle nochmals in aller Form für die vielen Einsendungen und eure Geduld bedanken und werden alsbald die Gewinnertexte und andere auserwählte Texte dieses Schreibwettbewerbs auf dem Blog teilen!

 

Liebe Grüße,

 

eure Schreibkommune

Der neunte Attentäter (1/2)

„Und Sie wollen ein Bodyguard sein?“

Finn war die Bemerkung gewöhnt, aber er konnte ein verärgertes Schnauben nicht unterdrücken. Er wusste sehr wohl, dass er für sein Gewerbe ungewöhnlich klein und schmächtig war. Seine Hand umklammerte das goldene Medaillon in seiner Hosentasche. Musste jeder ihn daran erinnern?

Sein Kollege schien ihn sehr amüsant zu finden. Er stand mit einigen anderen Muskelpaketen in dunklen Anzügen am Flughafen und rauchte lässig eine Zigarette. Sie hatten sich in Sichtweite des nächsten Cafés platziert und präsentierten stolz die feuerfesten Uniformen, die sie als vorübergehende Gardisten der Hochrepublik Island auswiesen. Mehrere Frauen warfen ihnen immer wieder träumerische Blicke zu. Finn hörte das Klicken einer Handykamera. Er knirschte mit den Zähnen. Sein Griff um das Medaillon wurde fester.

„Augenscheinlich“, zischte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Sein Gegenüber erfüllte jedes Klischee. Er war braun gebrannt, mit einer Narbe am Kinn gezeichnet und lehnte lässig an der Wand. Eine Flügelpfeife hing in seinem Mundwinkel. Finn kannte sie. Sie stellte eine Miniaturausgabe jener Pfeifen dar, die Drachen verwendeten, um ihr Feuer unter Kontrolle zu behalten.

„Nur um ganz sicher zu gehen – Sie wollen den Premierminister in der Schweiz beschützen?“

Finn bemerkte, wie seine Kollegen grinsten. Sie waren sich ihrer Sache absolut sicher. Niemand wäre so dämlich, den Premierminister anzugreifen.

Finns Mundwinkel verzogen sich zu einem grausamen Lächeln. Das dachten sie zumindest.

„Ihr müsst euch damit abfinden“, entgegnete er und streckte die Hand nach seinem Sicherheitsausweis aus. Die Hochrepublik Island hatte ihm erst vor zwei Wochen einen ausgestellt, damit er heute hier arbeiten konnte.

Natürlich hob der Bodyguard den Arm über den Kopf, sodass Finn nicht mehr an seine Papiere kam.

Nicht schon wieder.

Solche Dinge geschahen immer, wenn er einer neuen Truppe zum ersten Mal begegnete.

„Komm, Zwergli, komm“, lachte der Bodyguard. „Hol ihn dir! Braves Zwergli!“

Die Leibwächter brachen in schallendes Gelächter aus. Aus dem Augenwinkel nahm ich blitzende Handys wahr, als Passanten die Szenerie für die Ewigkeit festhielten. Finn schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief ein, um sich unter Kontrolle zu halten. Er musste sich beruhigen. Vielleicht würde sich die Situation entspannen, wenn er seine Rolle spielte. Vielleicht wären sie dann zufrieden …

Natürlich waren sie es nicht.

Der Leibwächter mit seinen Papieren gab ihm einen Schubs. Normalerweise hätte so ein plumper Angriff Finn nie das Gleichgewicht verlieren lassen, aber er wurde überrascht und taumelte nach hinten. Ein anderer Leibwächter, der eine grüne Korallenkette um den Hals trug, stellte ihm zwinkernd ein Bein. Schmerzen überzogen Finns edelstes Körperteil, als er zu Boden ging.

Gelächter brandete über ihn hinweg wie eine Welle. Finn spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss. Seine Hände verkrampften sich zu Fäusten und Tränen verschleierten seine Augen.

Das reicht.

„Na, Zwergli? Willst du nicht nach Hause gehen?“, fragte der vernarbte Mann mit süffisantem Lächeln.

Finn erhob sich langsam. Er bewegte sich bedächtig und ohne Eile, während er seine Zurückhaltung aufgab. Er spürte, wie sich die Luft um ihn herum erwärmte. Er sah den Leibwächter kalt an. Er hätte diese Taktik von Anfang an anwenden sollen.

Der spöttische Ausdruck verschwand erst aus den Augen seines Gegenübers, als die Stichflamme ihn verzehrte.

Das allgemeine Gelächter erstarb und die Leibwächter vollführten einen kollektiven Sprung rückwärts, wobei sie ihre Pistolen zogen. Finn rührte sich nicht von der Stelle. Rauch quoll aus seinem Mund und nahm ihm die Sicht. Die Passanten filmten aus sicherer Entfernung.

Endlich stolperte der vernarbte Bodyguard aus der Rauchwolke. Er hustete und musterte Finn mit schreckgeweiteten Augen.

„Wie heißt du?“, fragte Finn ruhig.

„Johannes“, murmelte der Leibwächter reflexartig. Angst glitzerte in seinen Augen, als Finn seinen Ausweis zurücknahm. Er hatte darauf geachtet, nur den Oberkörper des Mannes zu treffen. Ohne die feuerfeste Uniform wäre ihm die Stichflamme zum Verhängnis geworden.

„Und du?“ Finn sah den Bodyguard mit der Korallenkette an.

„Markus.“ Er reckte stolz das Kinn, doch Finn sah, dass seine Hände zitterten. Ein Lächeln schlich sich auf seine Züge. Sie hatten kein Halbblut erwartet.

Finn räusperte sich. „Ich bin Finn und leite ab heute diese Einheit. Ich bin gerne bereit, diese Begrüßung zu vergessen – wenn solches Verhalten nicht noch einmal auftritt.“

Johannes‘ Augen nahmen die Größe von Handtellern an.

„Sie?“, flüsterte er ungläubig. „Aber ich dachte …“

„Ehrenschwinge Gunnar Rodriksson ist leider unabkömmlich. Ich werde ihn vertreten. Der Premierminister selbst hat mich ausdrücklich vorgeschlagen.“

Finn beendete das Gespräch, indem er sich umdrehte und auf das mannshohe Fenster hinter ihnen zuging. Ohne auf seine Truppe zu achten, verschränkte er die Hände hinter dem Rücken und sah auf den leeren Flugplatz hinaus.

Es ist so lange her.

Er hatte Gungnir seit Jahren nicht mehr gesehen. Ob der Premierminister sich verändert hatte? Finn betrachtete sein Spiegelbild in der Scheibe. Wann war er so schrecklich dünn geworden? Mittlerweile kam er sich sogar selbst nur noch wie ein Skelett vor.

Aus den Augenwinkeln sah er einen Fernseher mit den neuesten Nachrichten an der Wand hängen. Der Nachrichtensprecher verkündete mit ernster Miene, was sie ohnehin schon alle wussten. Radikale Christen hatten erneut eine Nestgemeinschaft in den USA angegriffen. Ähnliche Fälle häuften sich auch in muslimischen Ländern. Außerhalb Asiens gab es wohl nur noch einen Ort, an dem Drachen sicher leben konnten …

„Sir!“ Finn wandte den Kopf und sah Markus, der salutierend vor ihm stand. Die grüne Kette schimmerte im spärlichen Sonnenlicht. Finn betrachtete ihn misstrauisch. Wollte er erneut Ärger machen?

„Ja?“, fragte er vorsichtig.

„Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?“

Auf einmal. „Aus welchem Grund?“

„Ich wollte Sie nur nach Ihrer Herkunft fragen. Es tut gut, wenn man weiß, an wessen Seite man sein Leben riskiert.“

Finn wandte den Blick und sah Johannes zu, der in sicherer Entfernung mit seinen Kameraden lachte. Er hielt die Flügelpfeife, so als ob er einen Akt der Liebe nachahmen wollte.

„Die anderen scheinen sich keine Sorgen darum zu machen“, erwiderte Finn.

Er konnte Markus‘ Augen hinter der Sonnenbrille nicht erkennen, aber ein ernsthafter Zug legte sich um seine Mundwinkel.

„Ich weiß, dass das hier nicht ungefährlich ist“, murmelte er und deutete mit dem Kinn auf den Fernseher.

Finn nickte langsam. Zumindest einer von ihnen hatte mehr Verstand im Kopf als in seinen Lenden. „Ich bin gebürtiger Deutscher. Nach dem Feuerei-Massaker bin ich in die USA emigriert. Ich habe dort meine Ausbildung abgeschlossen“, sagte er, ohne den Blick vom Fenster zu nehmen.

Die Erwähnung des Massakers ließ Markus aufhorchen. „Ich habe auch jemanden dort verloren“, murmelte er. „Ob Berlin wohl jemals wieder aufgebaut werden wird?“

Finn schloss die Augen. Einen Augenblick lang umgab ihn wieder Hitze und eine Kaskade unerträglicher Schmerzensschreie umtoste seine Ohren. Die Kanten des Medaillons gruben sich schmerzhaft in seine Handfläche, als sie sich verkrampfte.

Kollateralschaden, hatten sie gesagt. Deine Eltern waren Kollateralschaden.

„Einem Halbblut kann Feuer nichts anhaben, oder?“, fragte Markus. Er versuchte offenbar, das Thema zu wechseln, aber einen Moment später bemerkte er seinen Fehler.

„Dem Halbblut nicht“, entgegnete Finn grimmig. „Seinen Freunden schon.“

Markus kratzte sich verlegen am Hinterkopf. „Diese verfluchte Terroreinheit. Wie nennen sie sich? MJM?“

Milites Jesu et Mariae“, bestätigte Finn langsam.

„Glauben Sie, dass wir es mit denen zu tun bekommen?“

Finn sah ihn eingehend an. Markus meinte die Frage ernst. Er wollte wissen, ob der Premierminister wirklich in Gefahr schwebte.

Finn atmete tief ein. Er kannte die Antwort, aber er wollte die Gruppenmoral nicht gleich zu Beginn schmälern. Er war auch so schon als Anführer unbeliebt genug.

„Nicht auszuschließen“, erwiderte er leise und wandte sich wieder dem Fenster zu.

Markus wollte scheinbar noch etwas sagen, als sich plötzlich ein gigantischer Schatten über den Flugplatz schob. Der Fernseher änderte die Anzeige zu: Flug 32b aus Reykjavik eingetroffen. Finn konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

Der Premierminister ist da.

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