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Schlagwort: Tobias Ziemann

Voidcall – Das Rufen der Tiefe – Kapitel 1: Willkommen an Bord der Atharymn

Doktor Mantis J. Crowler beugte sich über seine Messungen. Wenn er Recht behalten sollte, war das eine Sensation, die ihn noch in den entlegensten Winkeln der galaktischen Föderation berühmt machen könnte. Der grauhaarige Mann in den besten Fünfzigern betrachtete seine Monitore durch eine Nickelbrille, in deren Glas sich der Schein der Bildschirme spiegelte und kratzte sich nachdenklich durch den samtigen Vollbart. Dann griff er in seinen weißen Kittel und fingerte eine Festplatte hervor, um sie mit seinen Datenquellen zu vernetzen. Wenn es darum ging, Informationen sicherzustellen, kannte Crowler kein Pardon.
Das Prasseln des Regens klopfte beständig an die verstärkten Fensterscheiben seiner Forschungseinrichtung, denn die zwei Sonnen Hercules und Ameus sorgten für ein hitziges und somit feuchtes Klima auf dem Planeten Nautilon, dessen Oberfläche gänzlich aus Wasser bestand und somit durch Verdunstung für permanente Regenströme sorgte. Eigentlich war Crowlers Abteilung dafür zuständig, medizinische Stoffe aus den Biotopen, die sich unter dem Wasser befanden, zu extrahieren und an die Fakultät auf Prospecteus zu liefern.
Eine mühselige und zweifelsohne gefährliche Aufgabe, wenn man bedachte, das die Gigantyras in den abgrundtiefen Schatten der Gewässer lauerten. Raubfische, groß wie ein halbes Hochhaus und mit der tollwütigen Aggression eines geifernden Hundes ausgestattet, der eher sterben würde, als seinen Biss zu lockern. Außerdem drangen gelegentlich hochexplosive Gase ohne Vorwarnung aus ihren Schlothöhlen, was ein wahnwitziges Problem darstellte, wenn man mit bemannten Bohrköpfen durch die Erde dringen wollte. 
Doch wenn man davon absah, war Nautilon eine Perle der Natur. Korallenriffe erstreckten sich kilometerweit durch den Ozean, ihre Farbenpracht und Artenvielfalt war nahezu grenzenlos. Riesige Kelpwälder tanzten im stillen Gleichklang durch die Gezeiten und Fischschwärme unterschiedlichster Größe schossen, auf der Suche nach Nahrung, in bunten Verbänden darum herum. Quallen, groß wie ein Lastwagen, trieben im Spiel des Wassers umher, ihre Fangarme schillerten silbern wie das Mondlicht und ihr Hut war mit ineinander vernetzten, türkisen Mustern ausgestattet, die in der Dunkelheit der Nacht so grell leuchteten wie eine Neonreklame auf Prospecteus. Und wenn seine Berechnungen stimmen sollten, hatten sie gerade einmal 2 Prozent der hiesigen Biotope erkundet und kartographiert. 
Doch das, was Crowlers Faszination erregt hatte, war etwas anderes. Am Rande der großen Sanddünen, die irgendwann einen senkrechten Abstieg in die abyssischen Tiefen des Planeten vollführten, hatten seine Scans eine ungewöhnliche Struktur signalisiert. Wenn diese Entdeckung an die Öffentlichkeit gelangen würde, könnte sich ihr ganzes Verständnis über den Warp verändern.
»Funk die Zentrale an!«, rief er laut durch das großräumige Labor, in der Hoffnung, dass sein Gehilfe Ronald ihn hören würde. »Und mach dich darauf gefasst, dass sich unser Leben bald maßgeblich verändern könnte.« 

                                                                ***

Daisy Lee stampfte kaugummikauend durch den Hangar. Ein neuer Job war ihr durchaus willkommen, nachdem sie ihre Anstellung bei Centaur Industries durch eine klitzekleine Meinungsverschiedenheit mit ihrem Vorgesetzten verloren hatte. Aber dass sie ab heute an Bord eines Patrouillenkreuzers dienen sollte, hatte ihr den nötigen Nervenkitzel verliehen, der ihren Job als Chefmechanikerin so interessant machte.
Und der Kommandant des Kreuzers. Archweyll Dorne. So wie der Relictor es gesagt hat. Ein weiterer Aspekt ist gefunden.
Dass sie vorher noch nie auf einem so großen Schiff gedient hatte, beeindruckte Daisy nicht im geringsten. Um bei Centaur Industries, dem renommiertestem Waffenhersteller der galaktischen Föderation, eine Anstellung als Putzfrau zu finden, musste man schon eine hohe Qualifikation an den Tag legen. Da blieb die Frage, was es bedeutete, einer der wichtigsten Ingenieure der gesamten Anlage zu sein, einfach ohne einer Antwort zu bedürfen im Raum stehen. 
Laute Rufe und elektronische Sirenen begleiteten ihren Weg, die Luft roch nach Dieselmotoren und Maschinenöl. 
Herrlich. 
Sie rückte ihre dreckige Wollmütze zurecht und atmete einmal tief durch. Hier roch es nach einer Menge Arbeit. Instinktiv hoffte sie, dass ihr neuer Vorgesetzter ein tiefgründigeres Gespür für ihre wertvolles Können an den Tag legen mochte, doch bei der Aussicht einem Befehlshaber des Militärs unterstellt zu sein, lief es ihr kalt den Nacken runter. Es gab kaum langweiligere Bürokraten, die sesselfurzend auf ihre Vorschriften pochten, aber insgeheim hofften, jeder würde in ihnen den harten Kerl erkennen. Solange er seinen Zweck erfüllt. Und wenn er mir Schwierigkeiten macht, lege ich ihn einfach um.
Plötzlich bäumte sich vor ihr ein riesiges Raumschiff auf. Auf der Außenbordwand ließ sich der rötliche Schriftzug, welcher den Namen des Schiffes veranschaulichen sollte, gerade noch erahnen. Atharymn. Ein Licht sprang auf grün, als sie sich näherte, und zischend öffnete sich eine Pforte, hinter der sich ein Aufzug befand. Daisy grub tief in den bodenlosen Taschen ihrer ölbefleckten Sicherheitshose herum, kramte Schraubenschlüssel, Zigaretten und einen Kugelschreiber hervor, bevor sie endlich fand, was sie gesucht hatte. Sie hielt die Karte, die ihr der Beamte ausgeteilt hatte, vor den Scanner und der Aufzug öffnete sich ratternd, beförderte sie in schwindelerregende Höhe. Wenn sie den jemals so etwas wie Schwindel empfinden konnte.
»Du wirst Technikstation B14 bemannen, es könnte sein, dass dein Vorgänger etwas … sagen wir: heikle Umstände herbeigeführt hat. Rechne also nicht unbedingt damit, mit offenen Armen empfangen zu werden«, hatte ihr der Beamte mit auf den Weg gegeben.
Ein Stirnrunzeln war ihre einzige Reaktion gewesen. Wenn der Kommandant sie fertig machen wollte, konnte er sich auf etwas gefasst machen. Ein Grinsen entwich ihren Lippen, bei dem Gedanken daran. 
Wir werden ja noch sehen, wer wen fertig macht.
»Abteilung 1 – Kommandobrücke«, krähte eine mechanische Stimme und die Türen öffneten sich quietschend. Nun sollte sich zeigen, wie sich Daisys mittelfristige Zukunft gestalten würde. 

                                                                    ***

»Bist du dir sicher, dass wir einen neuen Chefmechaniker brauchen? Der letzte hat sich als überaus widerspenstig erwiesen«, fragte Clynnt Volker bedächtig. Die Sorgenfalten auf seiner Stirn hatten ihn seit den damaligen Ereignissen fast gänzlich für sich eingenommen.
Archweyll quittierte ihn mit einem bellenden Lachen. »Bei all der Liebe, die ich für Bebsy hege, pflegen kann ich die alte Dame nicht. Da braucht es einen Profi und ich vertraue nur den besten.«
»Wie Howard Bering?«, erwiderte der Chefnavigator spitz. 
»Mein Gott, Clynnt, du bist ja heute in Topform«, lobte ihn der Kommandant mit einem Klopfer auf die Schulter, welcher den Navigatoren in seinen Grundfesten erschütterte. Doch als er sah, wer da aus dem Aufzug kam, wurde ihm dennoch mulmig zumute. 
»Das ist ja fast noch ein Kind«, flüsterte Clynnt und knirschte mit den Zähnen.
Die junge Frau, das auf sie zukam, kaute gelassen auf einem Kaugummi herum und schien den riesigen Rucksack auf ihrem Rücken kaum zu bemerken. Sie trug eine schwarze Lederjacke und eine farblose Mütze, ihre schweren Lederstiefel glitten fast geräuschlos über das Deck. Das krause blonde Haar hatte sie zu zwei Zöpfen zusammengebunden und auf ihren kecken Lippen lag ein breites, aber ehrliches Lächeln, das die Sommersprossen auf ihren zarten Wangen förmlich zum Glühen brachte.
Archweyll studierte sie eingehend und stellte fest, dass er noch nie so lebensfrohe blaue Augen gesehen hatte. Und Leben war etwas, das sie an Bord wahrlich gebrauchen konnten. Seit den Reparaturarbeiten lag der Kreuzer still und eine bedächtige Ruhe hatte seine Korridore erfüllt. Nun wurde es Zeit, wieder in den Warp aufzubrechen. 
»Ganz nett habt ihr es hier«, lachte ihnen die Frau entgegen. »Ich bin Daisy Lee und soll hier als Chefmechaniker antreten. Mache Meldung.« Sie salutierte gespielt ehrfürchtig. 
Clynnt rümpfte die Nase. »Wir werden schneller tot sein, als wir Babypuder rufen können«, flüsterte er forsch in Archweylls Ohr. Der Kommandant grunzte ihm etwas unverständiges entgegen.
»Oh nein«, der Chefnavigator trat einen Schritt zurück. »Diesen Gesichtsausdruck hast du erst einmal an den Tag gelegt, damals, als Tamara hier angeheuert hat. Bitte, nicht schon wieder, Arch.«
»Klappe«, knurrte der Kommandant. »Begrüßt man so einen Frischling?« er breitete feierlich die Arme aus. »Willkommen an Bord der Atharymn!«, rief er Daisy entgegen. »Ich bin Kommandant Archweyll und dieser gutaussehende, überaus sportliche Jungspund zu meiner Rechten, ist Cylnnt Volker, mein Chefnavigator.« 
Der Mann nickte knapp zur Begrüßung. 
»Er mag mich nicht. Das ist in Ordnung, solange er nicht in meiner Arbeit herumpfuscht«, antwortete Daisy gelassen.
Archweyll hörte, wie Clynnt scharf die Luft einsog, sich aber dann doch gegen einen Kommentar entschied. 
»Wie ich sehe, scheust du dich nicht davor, deine Meinung kundzutun«, begann er seine Ansprache, doch er wurde jäh unterbrochen. 
»Ihr werdet mit meiner Meinung leben müssen oder ich bin weg. Denn sonst kann ich meine Arbeit nicht so ausführen, wie es für alle das Beste wäre. Ich brauche niemanden, der mir sagt, woran ich bin. Das sehe ich von alleine.« Sie zwinkerte dem Kommandanten zu. »Und manchmal gefällt mir sogar, was ich sehe.« 
»Ich werde ja ganz verlegen«, räusperte sich Archweyll »Ich zeige dir alles, was du für deine Arbeit wissen musst«, erklärte er dann. Clynnts Kopfschütteln bekam er nur am Rande mit. 
»Wenn Tamara das rausfindet, bist du tot«, kicherte der Chefnavigator nur, bevor er sich wieder seiner Arbeit zuwandte.

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Die Wölfe von Asgard – Das Zeichen der Götter (1/2)

Wir nähern uns dem Ende der Reihe. Nach diesem Kapitel folgt nur noch ein weiteres. Ich hoffe euch hat das Lesen genauso viel Spaß bereitet wie mir das Schreiben 🙂

Snorri spitzte die Ohren. 
Ein Wolf? Hier auf einer winzigen Insel?
Das erschien ihm unwahrscheinlich. Im Wald hatten sie weder Wildwechsel, noch Kotspuren von großen Tieren vorgefunden. Also was ging hier vor sich?
Die Ustenströmer schienen dasselbe zu denken wie er. Nervöse Blicke wanderten durch das Dickicht, suchten es nach potentiellen Gefahren ab. 
Snorri erblickte Aegir, der vor den Männern aus Ustenström in die Knie gegangen war. Sie entledigten ihn seiner Waffe und rissen ihn auf die Beine, wobei sie es sich nicht nehmen ließen, ihm einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.
»Schafft sie auf die Schiffe. Entkleidet sie und legt ihnen Ketten an. Nehmt euch von ihnen, was ihr kriegen könnt.« Magnar schritt mit einer feierlichen Geste durch die Reihen seiner Krieger. Von seinen Händen tropfte das Blut.
Als er an Snorri vorbeischritt, musste dieser kurz schlucken. Magnar löste in ihm eine innere Unruhe, eine kindische Angst aus, die ihn mit giftigen Fäden lähmte.
Vor Islav blieb der Jarl von Ustenström stehen. Sein Blick zeugte mehr von Belustigung, als von Abscheu. »Ich habe dich gewarnt. Das Schicksal deines Dorfes lag in deiner Hand. Und du hast sie verraten.«
Er legte Islav fast zärtlich eine Hand an die Wange, musterte ihn abschätzig. Dann schlug er mit der Faust mitten in sein Gesicht. 
Blut tropfte aus der Nase des Jarl. Sein Blick suchte den Boden.
»Ich reichte dir die Hand, unterbreitete dir einen Handel. Und du dachtest wirklich, es sei klug mich zu beleidigen, indem du meinem Hjalmaer -einem stolzen Sohn aus dem Geschlecht der Ustenströmer-, einen klapprigen Gaul vermachst, den er schwängern soll?«
Die Männer des Magnar lachten bitter. Dunkle Stimmen, voller Bosheit und Hohn.
Snorris Puls beschleunigte sich. Was immer gleich geschehen würde, niemand der Anwesenden war wirklich bereit dafür. 
»Doch vielmehr als das, ist sie die jüngere der beiden. Eine Tatsache, die du mir bisher verheimlichen wolltest, nicht wahr? Die Erbfolge ist dadurch ruiniert, unser Handel ungültig«, fuhr Magnar mit ausgebreiteten Armen fort. Er trat Islav mit einer ungeheuren Wucht in die Kniekehle, sodass der Jarl von Skiringssal ächzend zu Boden ging. 
»Ich würde es ja deinen eigenen Männern überlassen, dich zu zerfleischen«, verkündete Magnar und hob das Schwert, setzte es an Islavs Kehle an. »Wenn es mir nicht so einen ungeheuren Spaß machen würde, es selbst zu tun.«
Snorri riss vor Entsetzen die Augen weit auf. Ein Röcheln entfleuchte seiner trockenen Kehle. 
Dann schob sich plötzlich eine Wolke vor den Mond und für einen Augenblick tauchte sich die Welt in ein trostloses Schwarz. Ein schmatzendes Geräusch war zu vernehmen. Dann ein Schrei. Wüste Rufe. Hektische Schritte. 
Panisch versuchte Snorri etwas auszumachen, doch in der Dunkelheit wollte ihm dies nicht auf Anhieb gelingen.
Erst als das Licht des Mondes wieder auf die Lichtung fiel, erkannte Snorri, was passiert war.
Magnar von Ustenström kniete auf dem Boden, der Schaft eines Speeres ragte aus seiner Brust. Ein dünner Faden Blut rann seinen Mundwinkel hinab, dann brach er mit verwundertem Blick zusammen. 
»Nur mir ist es vergönnt, über diesen Mann zu richten«, keuchte eine kratzige Stimme aus einiger Entfernung. 
Hektische drehte sich alles in die Richtung um.
Deila stand auf einem großen Felsvorsprung, in den Händen hielt sie einen weiteren Speer, den sie auf Islav gerichtet hielt. 
Ihr Gewand war von Blut besudelt, ihre Haut hatte sich im Mondlicht schneeweiß gefärbt und dunkle Ränder zierten ihre weit aufgerissenen Augen, sodass es in der Dunkelheit mehr wie der blanke Schädel einer Toten aussah als wie das Gesicht einer Sterblichen. Sie zitterte leicht. Schwankte. Doch noch schien sie sich halten zu können.
»Valkyra«, flüsterte Snorri entsetzt und ballte die Hände zu Fäusten. 
»Wer versucht, sich in den Weg zwischen mich und das Leben dieses Mannes zu stellen, der wird sterben«, ächzte die Nordmaid gequält. »Das verspreche ich euch.« Eine silberne Träne rann ihre Wange hinab. Dann hob sie den Speer in den Himmel. »Für die Wölfe von Skiringssal!« Sie stieß ein markerschütterndes Heulen aus.
Snorris Nacken formte eine Gänsehaut, dann versteinerten sich seine Muskeln vor Anspannung. Für einen Augenblick fühlte er sich wie gelähmt. Dann brach die Welt über ihm zusammen.
Mit einem lauten Schrei warf Deila sich vom Felsen.
Im selben Moment stürmten unzählige Männer brüllend aus dem Dickicht hervor. Ihre Schwerte und Äxte trafen die völlig überraschten Ustenströmer, schon gingen die ersten kreischend unter dem Ansturm zu Fall. 
Snorri rannte wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Er entriss einem reglosen Leichnam zu seiner Rechten sein Schwert, gerade noch rechtzeitig, um den Angriff eines feindlichen Kriegers zu parieren. Die Wucht des Schlages wummerte durch seinen Arm, doch das kümmerte ihn nicht. Die Götter hatten ihnen eine zweite Gelegenheit sich zu beweisen eingeräumt und wenn sie diese nicht nutzten, waren ihre Leben verwirkt.
Snorri legte alle Kraft, die er aufbringen konnte, in seinen Schlag.
Die Parade seines Gegenüber erfolgte nicht schnell genug und das Schwert bohrte sich in seine Schulter. Brüllend ging der Mann zu Boden.
Snorri setzte nach, doch bevor die Klinge den Kopf des Mannes erreichte, schloss er die Augen. 
Ich kann es nicht mit ansehen.
Ein Ruck ging durch seinen Schwertarm und es knackte verheerend, als die Klinge ihr Ziel traf. Schnell wandte er sich ab und suchte sich einen neuen Feind. Sein Blick wanderte über das Schlachtfeld, das nur Verlierer kannte. Leichname und Blut bedeckten den Boden, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, Leiber wuselten hin und wieder zurück und der Mond schaute verächtlich auf das Ganze herab, verhöhnte das Leben aufgrund seiner Kurzweiligkeit. 
Snorri entdeckte Aegir, der damit beschäftigt war, dem Speer eines Gegners auszuweichen, während er sich händeringend nach einer Waffe umsah. 
Wie magisch angezogen, steuerte Snorri auf die beiden zu. Rannte. Überschlug sich fast.
Ein blutbesudelter Ustenströmer kreuzte seinen Weg, hieb mit der Axt nach ihm, doch Snorri tauchte im letzten Moment darunter hinweg. Das Blut rauschte in seinen Ohren, brachte seinen jungen Körper in Wallung. Dann erblickte er einen weiteren Feind, der sich Aegirs Dänenaxt angeeignet hatte. 
Warte nur Bruder, ich komme nicht mit leeren Händen.
Der Ustenströmer hob schnaufend die mächtige Waffe und hielt sowohl Yorrik als auch Knutson damit in Schach, drängte sie sogar zurück. 
Er hat das Boot repariert und uns gefunden. Und das keinen Moment zu früh, schoss es durch Snorris Kopf. 
Der Ustenströmer drehte ihm den Rücken zu.
Jetzt oder nie!
Mit einem Aufschrei bohrte er das Schwert durch den Rücken des Feindes. Er legte so viel Kraft in den Angriff, dass sie vorne aus der Brust wieder austrat. Die Klinge färbte sich in ein dunkles Rot, dann ging der Mann zu Boden.
Seine beiden Kameraden nickten ihm anerkennend zu, dann stürzten sie sich auf den nächstbesten Feind. 
Snorri gönnte sich keine Atempause. Er griff nach dem Stiel der Waffe und schaute sich in Windeseile um. 
Aegir sah sich immer noch seinem Feind gegenüberstehen, doch eine üble Wunde zierte sein Brustbein, wo der Speer ihn getroffen hatte.
Halte durch, Bruderherz.
Mit der Waffe in der Hand stürmte er los, sprang über zwei Leichname hinweg, schlängelte sich zwischen den Reihen der Kämpfer hindurch.
»Fang!« Snorri schleuderte die Axt wie einen Speer, doch sie flog nicht wie geplant, ging drei Schritte neben Aegir zu Boden. 
Schon versuchte der Ustenströmer, ihn mit seiner Waffe zurückzudrängen.
Doch der Riese war schnell wie ein Blitz. Er stürzte sich kopfüber auf die Waffe, ergriff sie und vollführte dann eine Hechtrolle, um dem Speer seines Gegners auszuweichen. Abermals stieß der Mann mit seiner Waffe nach ihm, doch Aegir schlug den Speer mit der Kraft eines Gottes entzwei. Holz splitterte in alle Richtungen, dann ertönte ein erschrockener Aufschrei.
Aegir wirbelte herum und die Axt traf den Mann genau vor die Brust. Knochen knackten, dann brach der Mann, von der Wucht des Schlages getroffen, reglos in sich zusammen. 
Keuchend sahen sich die beiden Brüder für einen Augenblick an. 
»Das war verdammt knapp«, ächzte Snorri erleichtert. »Ich dachte schon, ich verliere dich.«
»Noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.« Aegir eilte mit dem Blick eines Raubtieres zu ihm herüber. »Auf, ihr Männer von Skiringssal!«, schrie er aus voller Kehle, während er die Axt in die Höhe hielt. »Auf und bis ans Ende der Welt!«
Brüllend stürzte er sich in die Schlacht, schlug mit der Axt nach links und rechts. Hackte auf Fleisch und Metall gleichermaßen ein. Feinde fielen vor seinem Angesicht wie die Fliegen. Knochen brachen. Blut sickerte in die feuchte Erde. Schreie ertönten. Der Riese war zurückgekehrt und er kannte keine Gnade.

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Die Wölfe von Asgard – In die Enge getrieben (2/2)

»Vorwärts!«, der Mann stieß Deila mit dem Schaft seines Speeres unsanft in den Rücken. »Der Jarl wird sich schon ergeben, wenn er erst einmal seine in Tränen aufgelöste Tochter vorgeführt bekommt. Welcher Vater würde das nicht tun?« Er stieß ein bellendes Lachen aus. 
Nur einer, dachte Deila grimmig, hütete jedoch ihre Zunge. Sollte der Mann erfahren, dass Islav vermutlich äußerst wenig an ihrem Fortbestehen lag, war ihr Leben ohnehin verwirkt. 
Er führte sie über das Deck und stieß sie dann grob über die Reling.
Ihre Hände hatte er schmerzhaft eng mit einem Seil zusammengebunden, außerdem griff er mit seinen Pranken in ihre Haare, damit sie nicht fortrennen konnte.
Nicht, dass Deila vorgehabt hätte zu fliehen. Wenn sie schon sterben musste, so wollte sie doch zuerst sehen, wie ihr Vater ins Verderben stürzte. Sein Tod sollte das köstlichste werden, dass sie in ihrer kurzen Lebensspanne je erblicken durfte.
Je tiefer sie in den Wald schritten, desto eindringlicher vernahm sie den Schlachtenlärm. 
Sie haben also schon damit begonnen, sich gegenseitig umzubringen.
»Hoffen wir, dass von deinem Vater noch etwas übrig ist«, gluckste der Ustenströmer verzückt. »Ansonsten werde ich mich bei dir dafür bedanken, dass ich den ganzen Spaß verpasst habe.« Er lachte laut.
Deila hörte ihm nicht wirklich zu. Vielmehr versuchte sie fieberhaft, die verschiedenen Eindrücke aus der Schlacht in sich aufzunehmen.
Der Geruch von Feuer biss sich durch ihre Nasenflügel und flackernde Schatten tanzten zwischen den Bäumen hervor. Eindringliche Rufe, Schreie und Verwünschungen hallten durch die Nacht, nur das schrille Aufeinandertreffen der Waffen schaffte es, das Stimmengewirr gelegentlich zu durchdringen.
Das Zeltlager brennt, womöglich dichter Rauch. Außerdem ist die Schlacht noch nicht entschieden. Dafür kämpfen noch zu viele Männer gegeneinander. Wenn ich es schaffe, diesen Hornochsen loszuwerden, finde ich vielleicht eine Möglichkeit, mich in die Schlacht zu stürzen, um wenigstens ein ruhmreiches Ende erwarten zu dürfen.
Doch der Griff des Mannes blieb bis sie die Lichtung erreichten gnadenlos. Er zerrte sie mit sich wie einen räudigen Köter und als sie im Zeltlager ankamen, stieß er ihr abermals den Schaft des Speeres in den Rücken.
Deila taumelte, stürzte jedoch nicht. Ihr Blick wanderte durch das Lager und unwillkürlich formte sich eine Gänsehaut auf ihrem Körper.
Niedergebrannte Zelte und reglose Leichen bedeckten die Lichtung. Beißender Rauch drang in ihre Nase und ließ sie würgen. 
Der Mann überging sie einfach. »Haltet ein, Jarl Islav! Ich bringe Euch Eure Tochter. Legt die Waffen nieder oder sieht mit an, wie ich sie von oben bis unten aufschlitze!«, er brüllte so laut, dass Deila vor Schreck zusammenfuhr.
Auf der gesamten Lichtung erstarrten die Kämpfer als wären sie plötzlich von Frost durchzogen. Lauernde Blicke richteten sich auf den Neuankömmling. Niemand senkte die Waffen.
»Das ist eine Lüge! Sie wollen uns täuschen!« 
Islavs Stimme drang durch den wabernden Rauch, doch Deila vermochte es nicht, ihn irgendwo dort drin auszumachen.
Eine letzte Demütigung. Deila die Wertlose. Deila das Pferd.
Ungewollt überkam sie bei diesen Gedanken ein Schluchzen. 
»Nun sag schon was«, knurrte der Ustenströmer sie an. »Sag ihm, wie gern du ihn hast.«
»Lügen sind etwas für Feiglinge«, zischte Deila zurück. 
Er griff in ihre Haare und zerrte sie schmerzhaft zurück. 
Die Nordmaid spürte kalten Stahl an ihrer Kehle aufsetzen. 
»Sprich. Oder du wirst es nie wieder können, das versichere ich dir«, raunte er in ihr Ohr. 
Deilas Herz pochte wie wild. Kaum fähig einen klaren Gedanken zu formen, rief sie: »Vater? Ich bin es. Deila. Deine Zweitgeborene.«
Schritte näherten sich. 
Durch den dichten Rauch konnte sie kaum etwas erkennen. Dann jedoch manifestierte sich eine Gestalt vor ihnen. 
Islav war kaum noch mehr als ein Schatten seiner Selbst. Blut sickerte aus einer Wunde an der Schulter und seine Haut hatte einen ungesunden Grauton angenommen. Seine traurigen Augen waren von schwarzen Ringen umrahmt und sein Blick schien leer und trüb. 
»Vater«, wisperte Deila entsetzt. 
Islav sah aus wie ein wandelnder Toter. Sein kranker Blick ruhte für einen Moment abschätzend auf ihr, dann verformte sich sein Gesicht zu einer wahnhaften Grimasse. »Ich habe nur eine Tochter, du Lügnerin«, krähte er mühselig hervor. Mit diesen Worten stieß er sein Schwert in Deilas Unterleib. 
Sie schrie auf vor Schmerz. Es war als würde sie innerlich gezweiteilt. Warmes Blut floss aus der Wunde und besudelte ihre Kleidung. Deila stürzte keuchend zu Boden, die Welt schlug über ihr zusammen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie, wie ihr Vater den fassungslosen Ustenströmer mit einem Seitwärtshieb enthauptete.
»Eine List! Tötet sie alle!«, schrie er aus voller Kehle. 
Brüllend stürzten sich die Skiringssaler auf die verdutzten Ustenströmer und es gelang ihnen, einige von ihnen niederzustrecken, bevor der Gegner sich gefangen hatte.
Er hat mich geopfert, nur für einen kleinen Vorteil.
Wogen der Pein brachen über sie hinein. Die Wunde pochte wie Hammerschläge in ihre Seite. Als sie die Hand darauf legte, stellte sie fest, dass sie viel zu viel Blut verlor. 
Ich verfluche dich, Vater. Mögest du den grausamsten aller Tode sterben.
Keuchend rollte sie sich auf den Rücken, jede Bewegung ließ sie schwerfällig ächzen. Dann schloss sie die Augen. Eine bleierne Schwere hüllte sie ein, machte sie taub und entzog ihr sämtliches Empfinden. 
Stimmen geisterten durch ihren Kopf, raunten und flüsterten.
Sterbe ich?
Deila schluckte. Die Angst schmiegte sich an ihre Brust wie ein Kätzchen. Die Stimmen veränderten sich, nun schienen sie zu summen. Selbst der Schlachtenlärm wich ihrem dröhnenden Gesang.
Und er formte Worte. Worte, die Deila zu verstehen glaubte:

Grauer Schorf,
tristes Kleid.
Ich bin fort,
wurd’ entzweit. 

Stummes Wort,
Hela weint.
Dieser Ort
kennt mein Leid.

Ihre Brust fühlte sich eiskalt an. Als sie die Hände darauf legte, stellte sie fest, dass sie zitterte. Deila schaffte es nicht, einen klaren Gedanken zu fassen. Die Stimmen überwältigten sie:

Nicht vermisst,
nicht beklagt.
Nimm mich mit,
neuer Tag.

Messers Stich.
Zorneswahn.
Erheb dich,
Valkyra.

Deila atmete ruhig. Sämtlicher Schmerz, der in Wogen durch ihren geschändeten Körper pulsierte, manifestierte sich zu einem Gefühl, das sie mit einer ungeahnten Stärke überkam: Wut. Unsagbare Wut. Eine Wut, groß genug, um diese Welt zu vertilgen. Und nun würde sie diese Wut entfesseln. Sie atmete ein letztes Mal tief ein und aus, völlig gefangen in diesem bittersüßen Rausch. Dann öffnete sie langsam die Augen und lächelte.

***

Aegir warf sich mit einem animalischen Aufschrei gegen die Holztür.
Er konnte nicht genau sagen, ob sie unter seinen kärglichen Versuchen auch nur einen Deut nachgegeben hatte. Ebenso wenig, wie er sich darüber im Klaren war, wie lange die Kämpfe bereits andauerten. Gefühlt musste es eine halbe Ewigkeit her sein. Wieder versuchte er, seine Schulter gegen das Holz zu stemmen, doch er besaß so wenig Spielraum, dass es aussichtslos erschien. 
Aber er konnte nicht aufgeben. Nicht jetzt, wo so viel auf dem Spiel stand. Nach einem weiteren erfolglosen Versuch überkam ihn das Gefühl, die Tür lache ihn aus. 
»Halt die Klappe!«, knurrte er sie an. Doch sofort kam er sich komisch dabei vor, mit einem Stück Holz zu sprechen.
Zersetzt sich langsam dein Verstand, altes Haus? Denk lieber nach, wie du hier lebendig raus kommst.
Doch je fieberhafter er nach einem Ausweg suchte, desto trüber wurden seine Gedanken. Irgendwann ließ er seufzend den Kopf gegen die Tür sinken.
Wenn ich doch nur die Fessel lösen könnte.
Genau in diesem Moment vernahm er Schritte. Wie ein abgeschossener Pfeil schnellte er in die Höhe. Dann knarzte auch schon das Schlüsselloch und die Tür wurde aufgerissen. 
»Aegir, zum Donner, du hattest Recht! Du hattest mit allem Recht!« Ein Mann schnellte in die Zelle und zerrte ihn hinaus. Sein Gesicht war blutverschmiert, in der linken Hand hielt er eine Klinge. Der Helm auf seinem Kopf saß schief und er zitterte vor Aufregung.
Der Riese erkannte seinen Waffenbruder aus längst vergangenen Tagen und konnte nicht umhin, ein spöttisches Grinsen aufzulegen.
»Ralof? Welch angenehme Wendung. Darüber unterhalten wir uns später. Jetzt gib mir meine Axt, na wird’s bald?«
Binnen eines Moment wechselte das mächtige dänische Mordinstrument seinen Besitzer.
»Wie du an sie gelangt bist, darfst du mir später erklären. Nun sparen wir uns das auf für den Kampf.«
Der Mann schluckte, dann nickte er. »Wir sollten Walhall nicht warten lassen«, sagte er dann zögerlich.
»Ich pfeife auf Walhall. Heute werden wir Blut vergießen, ein letztes Mal. Und danach stellen wir uns der Gnade unserer Herren.« 
Gemeinsam eilten sie an Deck des Schiffes und mit einem großes Satz ließ Aegir sich in den Sand fallen.
Sein Waffenbruder folgte ihm dichtauf. 
Der Riese rannte wie noch nie zuvor in seinem Leben. Das Schicksal hatte die Bestie in ihm erweckt und er war bereit sie zu entfesseln.
Er fegte Zweige und Gestrüpp aus seinem Weg, fast schien es so als fege er eine Schneise durch den Wald.
Ralof hatte Mühe mit ihm mitzuhalten. Als Aegir sich an eine große Fichte presste, um aus der Deckung das Schlachtfeld zu überblicken, holte er ihn mit einem Hecheln ein. 
»Du hast wahrlich nicht an Kraft eingebüßt. Man könnte meinen, selbst ein fränkisches Ross sei kein würdiger Kontrahent für dich.«
»Klappe«, knurrte Aegir, während er seine Augen wachsam auf das richtete, was vor ihnen lag. 
Das Zeltlager schien komplett heruntergebrannt, Asche wirbelte wie Schneeflocken durch die Luft, bedeckte den Wald mit einem Leichentuch. Innige Rufe halten durch die Luft, Flüche und Schreie derer, die bis jetzt überlebt hatten. 
Sein Blick fing ein paar Kämpfer ein, die gerade einen Leichnam plünderten. 
Ustenströmer und gleich drei auf einen Schlag.
Er mahnte sich zur Vorsicht, unterdrückte die aufkommende Vorfreude. Dann lauschte er.
»Ein paar scheinen sich in den Wäldern zu verstecken, Feiglinge, allesamt!« Der groß gewachsene Mann stützte sich auf seine Axt, während seine Kameraden die Taschen ihres Opfers leerten. »Doch der Jarl wird Magnar nichts vormachen können. Diese Jagd ist bald vorbei.« Er spuckte abfällig aus. Dann setzte er den Stiefel an das Gesicht des Toten und drehte es dadurch leicht nach rechts. 
»Arme Sau. Kaum mehr als ein Junge. Nur die Stärksten schaffen es, zu Kriegern heranzuwachsen. 
Die Stärksten und jene, die wissen sich bedeckt zu halten.
Aegir wollte sich gerade daran machen, sich näher an die Gruppe heranzuschleichen, als es ihn wie der Blitz durchfuhr.
Snorri!
Sein Gesicht verfinsterte sich mit einem Schlag.
»Was hast du vor?«, wisperte Ralof mit gerunzelter Stirn.
»Etwas Übles. Folge mir und kämpfe oder lauf und kreuze nicht meinen Weg, verstanden?«, grollte der Riese. Dann warf er sich mit einem Schrei auf die drei Männer.
Die Überraschung schien auf seiner Seite. Verdutzt wandten die Männer sich zu ihm um, doch viel zu spät, um seinem Zorn zu entgehen. 
Dem ersten trieb er die Axt ins Hirn, bevor er überhaupt aufschreien konnte. Den zweiten erwischte er mit einem gekonnten Aufwärtshieb, der seinen Gegenüber zu Boden beförderte. 
Der Dritte wich seinem Schlag aus und bugsierte sich mit einem Ausfallschritt in Sicherheit. »Dafür wirst du büßen, Skiringssaller Köter!«, presste er hinter gefletschten Zähnen hervor. 
Unbeeindruckt ging Aegir auf ihn los. 
Dem ersten Hieb entging der Mann, indem er unter der Schneise der Dänenaxt hinwegtauchte. Er versuchte es mit einem ruckartigen Konter, doch Aegir rammte ihm den Stiefel in die Magengrube, wirbelte einmal um die eigene Achse und enthauptete ihn, als bestünde sein Hals aus feinster Butter.
Keuchend wandte er sich dem Leichnam des Jungen zu. Erleichtert stellte er fest, dass es sich dabei um einen Ustenströmer handeln musste, denn das Gesicht wirkte wenig vertraut auf ihn.
»Das ging schnell«, stellte Ralof fest, als er aus dem Schatten der Bäume trat. »Der Skiringssaler Riese weiß immer noch zu töten.«
»Und man tut gut daran, ihm nicht dabei im Wege zu stehen«, beendete Aegir den Satz für ihn. Dann sah er sich um.
Die Wälder des kleinen Eilandes, auf dem sie ankerten, waren plötzlich von einer unheilverkündenden Stille umgeben. Kein Ruf, kein Stöhnen, nicht mal ein Winseln.
Der Boden war von derartig vielen Fußspuren durchzogen, die in alle Richtungen verliefen, sodass es ihm unmöglich schien, etwas zu deuten.
Leichen pflasterten die kleine Lichtung und das Mondlicht spiegelte sich glitzernd in den Helmen und Klingen der Gefallenen. Nur wo waren die Lebenden?
Plötzlich vernahm er Stimmen. Dann Schritte. Eine große Gruppe von Menschen näherte sich seiner Position. Noch bevor er reagieren konnte, eilten eine Handvoll Männer aus dem Dickicht hervor. 
Als Aegir erkannte, was geschehen sein musste, setzte sich ein kreischender Schwindel zwischen seinen Schläfen ab. Die wenigen verbliebenen Skiringssaler, hatten sich der Gnade des Magnar übergeben oder waren überrumpelt und gefangen genommen worden. Er erkannte Islav, Knutson und ein paar andere Männer. Als er Snorri erblickte, der ihn mit weit aufgerissenen Augen anstarrte, überkam ihn trotz ihrer ausweglosen Lage ein Gefühl der Erleichterung.
Er lebt! Ich habe als Bruder noch nicht versagt.
Die Männer des Magnar bauten sich mit schadenfrohen Gesichtern vor ihm auf. »Der ist ja ein richtiges Prachtexemplar«, feixte einer von ihnen grinsend. »Der wird uns in Konstantinopel eine Menge Geld einbringen.« 
Die Anderen fielen in sein Lachen mit ein.
Sklaven. Das soll unser Schicksal sein?
Die Erkenntnis, dass ihre Höllenfahrt womöglich gerade erst begann, erschütterte Aegir in seinen Grundfesten. Sein Griff um die Waffe versteinerte sich. 
Dann schob sich der Mond für einen kurzen Augenblick hinter den Wolken hervor und ließ die Lichtung in seinem silbernen Glanz erstrahlen. 
Ihr Götter, schickt mir ein Zeichen. Er war bereit, seinen letzten Dienst zu leisten.
Dann horchte er plötzlich auf. Ein schauderhafter Ruf wanderte durch den Wald. 
In der Ferne heulte einsam ein Wolf.

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Die Wölfe von Asgard – In die Enge getrieben (1/2)

Aegir tastete sich vorsichtig durch den engen dunklen Raum, in den man ihn eingesperrt hatte. Er bot kaum Platz, um sich zu bewegen, und kaltes Holz umschloss seine breiten Schultern, wenn er versuchte, sich irgendwie zu rühren. Hätte man ihm die Hände nicht auf den Rücken gefesselt, hätte er vermutlich bessere Aussichten gehabt. Nun jedoch, schien er sich in einer ausweglosen Lage zu befinden. Aegir stieß einen gedämpften Fluch aus. Er hätte nicht so naiv sein dürfen, anzunehmen, dass Islav nichts von dem ganzen Spiel um ihn herum mitbekam.
Nun oblag es seinem Bruder Snorri, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Du wolltest ein Mann werden, Bruderherz. Nun hast du die Gelegenheit dazu. Und sie kommt schneller als du es für möglich gehalten hättest. Jetzt musst du Stärke zeigen oder wir werden heute Nacht zu unseren Vorfahren stoßen.
Langsam aber sicher versteiften sich seine Glieder. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, ihm sein Kettenhemd abzunehmen und langsam zerrte das Gewicht und seine geduckte Haltung an seinen Kräften.
Wartet nur, bis ich hier raus bin, grollte er innerlich. Seine aufgestaute Wut verdrängte jeden Gedanken an die Nächstenliebe, die ihn der Fremde gelehrt hatte. 
Vergib mir, Vater, denn ich werde eine Sünde begehen.
Plötzlich ertönte ein greller Schrei, so laut, dass Aegir stocksteif zusammenfuhr. Es klang so, als müsse jemand wieder und wieder durch das Feuer der Hölle selbst wandern. Dann war es für einen Augenblick totenstill. 
Jeder Muskel in seinem Körper zuckte vor Erregung. 
Es hat begonnen, wurde ihm klar. 
Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. 
Dann ertönten wütende Rufe. Schreie. Kampflärm. Die schrille Melodie von Stahl, der auf Stahl traf, wanderte durch Aegirs Ohren. 
Der Riese schloss die Augen und versuchte sich auf Einzelheiten zu konzentrieren, was ihn bei den Schreien der Männer einfach nicht gelingen wollte.
Ich muss hier raus. Nur wie?
Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg. Doch selbst wenn es einen gab, so offenbarte er sich nicht. Er war gefangen. Und somit verdammt, das Schicksal seiner Kameraden zu teilen. 
Selbst, wenn es den Untergang bedeutete.

***

Snorri rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Äste peitschten ihm entgegen, verkratzten sein Gesicht, doch es kümmerte ihn nicht. Seine Lungen brannten, verlangten nach Luft. Doch er durfte sie nicht gewähren lassen. 
Hinter ihm befand sich eine tosende Meute, bestehend aus über einem Dutzend Ustenströmern, die ihm hinterherjagten.
Blind vor Aufregung hatte er gehandelt, die Fackeln von sich geschleudert, Männer und Zelte in Flammen gehüllt. Dann hatte er die Beine in die Hand genommen und sich davongemacht, wie sie es geplant hatten. 
Bäume zogen an ihm vorbei, während er die Anhöhe emporhechtete. 
Ein kurzer Blick nach hinten verriet ihm, dass die Männer des Magnar allmählich aufholten. Snorri biss die Zähne zusammen. Er musste durchhalten, fast hatte er die Felsen erreicht. 
Ein Pfeil bohrte sich unweit von ihm in einen Baumstamm. 
»Verdammter Mist!« Die Anspannung ließ ihn Flüche zischen. 
»Komm endlich her, du elender Bastard! Stell dich wie ein Mann!«
Die Stimme kam ihm bekannt vor und dennoch gelang es Snorri gerade nicht, sie einzuordnen. 
Er stolperte über eine Wurzel und geriet ins Straucheln. Fast wäre er gestürzt. Im letzten Moment rappelte der junge Nordmann sich auf und rannte weiter. 
Endlich waren die großen Findlinge in Sicht. Hechelnd steuerte er darauf zu und wie eine Schlange wandte er sich zwischen ihnen hindurch. Dann erreichte er die Barrikade, wo genau ein Pfahl fehlte, damit er die Möglichkeit besaß, hindurchzuschlüpfen. 
Hastig eilte Snorri an den angespitzten Ästen vorbei, griff sich den letzten verbliebenen Pfahl und rammte ihn mit voller Wucht in die Erde. Dann zog er sein Schwert. 
Ihm blieb keine Zeit für eine Atempause.
Der erste Ustenströmer kam zwischen den Felsen hervorgeschnellt. Als er die angespitzten Pfähle bemerkte, blieb er mit weit aufgerissenen Augen ruckartig stehen.
Sein Nachfolger stolperte irritiert in ihn hinein und stieß seinen Vordermann dadurch in die schreckliche Todesfalle. 
Der Speer bohrte sich durch den Leib des Kriegers und brüllend vor Schmerz sackte er darauf zusammen. Ein kleiner Faden aus Blut rann an seinem Mundwinkeln hinab, während das Licht in seinen Augen erlosch.
»Es ist eine Falle!«, schrie einer der Männer des Magnar. 
Dann ertönte Kampflärm. 
Sie haben den anderen Zugang verriegelt. Jetzt oder nie!
»Steine!«, brüllte Snorri nach Leibeskräften. 
Auf seinen Ruf hin, tauchten die Männer auf den Findlingen auf und schleuderten die Felsen in die schäumende Menge. 
Es knackte entsetzlich, als das Genick eines Ustenströmers unter dem Gewicht zerbrach und er leblos zusammensackte. 
»Ihr Scheißkerle!«, zischte plötzlich die Stimme, die Snorri gerade schon erkannt zu haben glaubte. 
Der fettleibige Ustenströmer, der damals schon versucht hatte, ihn umzubringen, erschien hinter einem der Felsen. Sein wutverzerrter Blick traf Snorri mit der Kraft einer alles versengenden Flamme.
»Ich lass dich deine eigenen Gedärme fressen und daran ersticken, du Wurm!«, schrie er voller Hass und rannte auf den jungen Nord zu. 
Snorri machte sich bereit, dem Ansturm seines Gegners standzuhalten. 
Mit einer, für seinen wanstigen Leib ungeahnten Geschicklichkeit, steuerte der Mann an den Pfählen vorbei. Schon hatte er Snorri erreicht und deckte ihn mit einer Welle von Hieben ein, die ihn allmählich zurückdrängten. 
Ein stöhnender Schrei hallte durch die Klamm. Dann ein Aufschrei.
»Da kommen noch mehr! Formiert euch! Formiert euch!« Die Stimme gehörte Knutson. Er schien außer Atem. 
Snorri biss die Zähne zusammen. Er durfte seine Kameraden nicht im Stich lassen. Er duckte sich unter einem Schwerthieb hindurch und versuchte es mit einem Konter.
Sein Gegner parierte den Schlag mühelos. Sein nächster Hieb galt Snorris Kopf und er hätte ihn mit Leichtigkeit gespalten, wäre der junge Nord nicht im letzten Moment nach hinten ausgewichen. 
»Das nächste Mal kriege ich dich«, zischte sein Gegenüber und holte zum nächsten Schlag aus. Wieder und wieder drängte er Snorri zurück, fort von den anderen, hinein in den Wald. 
Der junge Nord suchte fieberhaft nach einer Gelegenheit für einen Gegenangriff, doch seine Schläge verpufften scheinbar wirkungslos.
»Ohne faule Tricks bist du ein Niemand«, höhnte der Dicke, während er Snorri mit einem scharfen Seitenhieb attackierte.
Die Wucht des Aufpralls ließ ihn straucheln. Schmerz pochte durch seinen Schwertarm, bis zur Schulter empor. 
Er hat Recht. Im direkten Kampf bin ich ihm deutlich unterlegen. Ich muss mir etwas einfallen lassen.
Wieder schlug sein Gegner zu und dieses Mal gelang es Snorri nicht, dem Hieb zu entkommen. Die Klinge rutschte an seiner eigenen ab und glitt über seinen linken Arm, wo sie die Haut aufschlitzte und eine blutige Schramme hinterließ. Vor Schmerz stöhnte der junge Nordmann laut auf. Das Blut rauschte in seinen Ohren und übertönte selbst den weit entfernten Schlachtenlärm.
Dann rammte der Ustenströmer ihm den Knauf seiner Waffe ins Gesicht und schickte ihn zu Boden. 
Schwarze Punkte spielten vor seinen Augen Fangen, während der Dicke sich grinsend vor ihm aufbaute. »Ich reiße dir jede Gliedmaße einzeln heraus«, quiekte er vergnügt, während er sein Schwert erhob. 
Snorris Schädel dröhnte von dem Schlag und er kämpfte mit der Ohnmacht. Warmes Blut sickerte aus seiner Nase, die sich schmerzhaft verbogen anfühlte. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. 
Dann erblickte Snorri einen Schemen, der ihn durch ein Gebüsch durchdringend anzuschauen schien. Es war ein Blick voller Wärme und Hoffnung, voller Träume und Sehnsüchte und dennoch ein Blick des qualvollen Todes.
Dyggur!
Als Snorri genauer hinsehen wollte, war der Schemen verschwunden. 
An seiner statt, traf ein Stiefel seine Rippen. 
Qualvoll ächzte der junge Nord auf. Sämtliche Luft wurde aus seinen Lungen gepresst.
»Und wieder kriechst du vor mir im Staub«, höhnte der Große. Er setzte zu noch einem Tritt an.
Staub! Das ist es!
Seine Reaktion folgte so instinktiv, dass es seinem Gegner nicht möglich war zu reagieren. Snorris Hand griff nach der trockenen Erde zu seinen Füßen und er schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht. 
Brüllend ließ der Mann sein Schwert auf ihn niedersausen, doch der Schlag blieb unpräzise und verfehlte ihn knapp. »Meine Augen! Du Hundesohn!« Der Mann schien den gesamten Wald niederschreien zu wollen, so laut brüllte er.
Snorri rollte zur Seite und griff seine Waffe. »Du bist auch wirklich zu blöde, zweimal auf denselben Trick reinzufallen«, keuchte er. Dann rammte er seinem orientierungslosen Gegenüber das Schwert in die Brust. Blut tropfte seine Klinge hinab, während der Körper seines Feindes erschlaffte und zu Boden sackte. Er drehte das Heft einmal herum, dann riss er die Waffe aus der Brust heraus. Schwer atmend hielt er inne. 
Ich habe es getan. Ich habe getötet. 
Nichts daran fühlte sich so an, wie er es sich vorgestellt hatte. Kein Glanz, kein Ruhm, nur eine endlose Leere. Er blickte zu dem Gebüsch, wo sich ihm gerade noch sein Bruder offenbart hatte.
Das war ein Zeichen der Götter. Wir können diese Schlacht gewinnen.
Er schüttelte sich einmal, als wolle er alles Schlechte von sich werfen, dann eilte er zurück zu den Findlingen. 
Leichen begrüßten ihn stumm, während die lauten Schreie von den Lebenden zeugten. 
Mittlerweile waren die anderen Krieger ein gutes Stück zurückgedrängt worden. 
Als Knutson ihn sah, eilte er auf ihn zu. Sein Kettenhemd war über und über mit Blut bespritzt und seine Gesichtszüge ähnelten mehr denen eines Raubtieres, als denen eines Menschen. 
»Bei Tyr, wo hast du gesteckt? Sie haben die Barrikade überwunden und uns mit Pfeilbeschuss von den Felsen gedrängt. Nun heißt es Mann gegen Mann, aber unsere Zahl schwindet, während die ihre zunimmt. Wir müssen uns zurückziehen!«
Snorri schluckte. Es war seine Aufgabe gewesen, die Bresche zu halten, doch sein Feind hatte ihn einfach in den Wald gedrängt. Dafür hatten Kameraden mit dem Leben bezahlt. 
»Keine Zeit zum Nachdenken. Wir ziehen uns zurück zur zweiten Barriere!«, schrie Knutson aus vollem Halse. 
Die Männer versuchten, so gut es ging Folge zu leisten.
So wenige nur noch? Es bestürzte Snorri, dass sie es nicht geschafft hatten. Der Feind war zu zahlreich und drohte sie zu überwältigen. 
Die wenigen Verbliebenen scharten sich zusammen und eilten tiefer in den Wald hinein, wo Knutson ein weiteres Hindernis errichtet hatte. 
Sie gelangten zu einer steilen Felswand, die mehrere Manneshöhen vor ihnen emporragte. Davor befanden sich weitere Speere, die der Nordmann zu ihrer Verteidigung in den Boden gerammt hatte. 
Die Aussicht auf etwas Schutz verlieh Snorri ein wenig Zuversicht, die jedoch binnen eines Augenblicks zwischen seinen Fingern zerrann. 
Denn nun befanden sie sich in einer Sackgasse und es gab keinen Ausweg mehr. Wenn sie hier scheiterten, würde das für sie das Ende bedeuten. 
Snorri schluckte einen Kloß, groß wie eine Faust herunter. Er bezog Stellung, hielt seine Waffe in festen Händen. Ein dumpfer Schmerz pochte durch seinen linken Arm, dort, wo die Wunde in seinem Fleisch klaffte. 
Dann stürmten ihnen die Ustenströmer brüllend entgegen und die Welt tauchte ein in Blut und Stahl. 

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (2/2)

Das dämmrige Licht in der Kajüte des Jarls zeugte von einer gewissen Trostlosigkeit. Die dunklen Planken waren mit Teer bestrichen worden und schienen das Licht regelrecht zu verschlucken. Ein großes Bett thronte in einer Ecke des Raums, ebenso wie ein edel geschnitzter Stuhl aus Eichenholz. 
Islav steuerte zu einem auf einer Vorrichtung ruhenden Fass und hielt Aegir einen Becher hin. »Bier?«, fragte er mit trockener Stimme.
Aegir bestätigte. 
Der Jarl öffnete den Verschluss und eine goldgelbe Flüssigkeit tropfte aus dem Fass. Dann hielt er dem Riesen den Becher hin. Tiefe Sorgenfalten zogen sich durch Islavs Gesicht und schwere blaue Tränensäcke zeugten von einer rastlosen Müdigkeit, die ihn befallen zu haben schien. 
Aegir war sich im Klaren darüber, dass er nach wie vor von der Trauer über den Verlust seiner Gattin aufgefressen wurde, jetzt jedoch schien es sich um etwas anderes zu handeln.
Der Jarl musste im Laufe der Fahrt um zehn Jahre gealtert sein. Islavs Bart schickte sich an, sich in filzige Knoten zu verheddern und sein Blick schien sich ins Leere zu verlieren, während er langsam auf dem Stuhl Platz nahm.
»Weshalb habt ihr mich gerufen, mein Herr?«, fragte Aegir mit harter Stimme. Wenn er den Jarl von der Gefahr überzeugen wollte, durfte er weder zögern noch Schwäche zeigen.
»Du wurdest vermisst«, blaffte Islav, während er eine ausladende Handbewegung vollführte. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus dem Becher, wobei das Bier in seinen Bart tropfte. Ungeschickt wischte er sich diesen mit dem Handrücken ab.
»Mit Verlaub, aber geht es Euch gut?«, fragte Aegir zögerlich. Niemals zuvor hatte er den Jarl in solch schlechter Verfassung vorgefunden. 
Islav starrte ihn an wie ein Geisteskranker. »Das sollte ich dich fragen. Kommst an Bord, nimmst dir Brot und Trank und als Dank dafür bleibst du auf dem Schiff, sobald es drauf ankommt?« Zorn spiegelte sich in seiner Stimme wieder.
Aegir sammelte seine Worte. Er wollte diesen Teil der Plünderfahrt gerne überspringen und stattdessen lieber über die eigentliche Gefahr sprechen. Er durfte sich jetzt nicht in einen Streit verwickeln lassen. Dann kam ihm eine Idee.
»Und die Götter sollen es preisen, denn ich habe etwas herausgefunden, was uns alle bekümmern sollte. Die Ustenströmer planen Verrat. Noch heute Nacht werden sie uns allen die Kehle aufschlitzen, wenn wir nichts unternehmen.«
Der Riese musterte Islav genaustens, um seine Reaktion einschätzen zu können.
Die Miene des Jarl verzog sich vor Wut. »Unsinn. Das Gebelle eines dummen Köters, der sein Herrchen verloren hat. Weißt du, was du Magnar da vorwirfst?«
Was Aegir weniger Sorge bereitete, als die unnötig harsche Zurechtweisung, war ein Zucken, das kurz durch Islavs Augen wanderte, während sie sprachen.
Weiß er es bereits? Aber warum? Und wieso will er nichts dagegen unternehmen?
Der Jarl erhob sich und langsamen Schrittes steuerte er auf die Tür zu.
Mit einem Knarren fiel sie hinter sich ins Schloss. »Wir sollten reden«, krächzte er mühsam.
Aegir verstand nicht. Es fiel ihm schwer, Islavs Verhalten einzuordnen. Dem Riesen kam es so vor, als könne die Stimmung in jedem Moment in eine beliebige Richtung kippen. 
Hoffentlich in die richtige. Ich muss ihm die Augen öffnen.
»Mit wem hast du bereits darüber gesprochen?«, verlangte Islav zu wissen.
»Mit niemandem. Ich hielt es für ratsam, zunächst Euch nach Eurer Meinung zu befragen«, log Aegir.
»Das ist gut.« Der Jarl drehte eine Runde durch die Kajüte. »Wir wollen ja nicht, dass die Männer durchdrehen. Und du wirst schweigen, hast du verstanden?« Islavs Ton duldete keinen Widerspruch.
Aegir konnte ein Stöhnen nicht unterdrücken. Das verlief nicht gerade wunschgemäß. Er musste nun alles auf eine Karte setzen, ansonsten würde er den Jarl nicht überzeugen können. »Mein Herr, sie halten Eure Tochter auf Hjalmaers Schiff gefangen. Ich fand sie, während ihr das Kloster ausgeraubt habt. Nehmt ein paar Männer mit und vergewissert Euch selbst.«
Die Augen des Jarl weiteten sich für einen Moment. »Nein, das kann nicht sein. Meiner kleinen Ylvie würden sie kein Haar krümmen, das wagen sie nicht! Ich habe es ihnen doch gesagt. Nicht meine Tochter!«
Aegir runzelte die Stirn. »Ich rede von Deila«, erwiderte er zähneknirschend. »Und nun heraus damit. Was wird hier gespielt und was hast du ihnen gesagt? Du wusstest es die ganze Zeit, habe ich Recht?«
»Also haben sie die Falsche. Das ist gut.« Islav schien Aegirs Frage einfach übergehen zu wollen. 
Er strahlte eine Gleichgültigkeit aus, die den Riesen vor Wut rasen ließ. Er packte den Jarl auf nichts achtend am Kragen und schmetterte ihn mit einer solchen Wucht gegen die Wand, dass sich die Luft keuchend aus seinen Lungen presste. »Ich habe bei Gott geschworen, niemandem mehr ein Leid zuzufügen, aber du lässt mich über diese Aussage gerade reichlich nachdenklich werden. Wenn du mir nicht schleunigst erzählst, was hier vor sich geht, reiße ich dir den Schädel vom Kopf!« Aegirs Augen versprühten reines Gift. Eine Verschwörung war hier im Gange und wenn Islav nichts unternehmen wollte, hatte er als Jarl versagt. 
Hustend richtete der Häuptling sich auf. »Du Narr hast ja keine Ahnung, was du da tust. Dass du es wagst, deine dreckige Hand an mich zu legen. Du! Ein Fischer! Pah!«, zischte er heiser, dann spuckte er Aegir vor die Füße. 
»Du solltest mir dankbar sein, dass ich dich nicht auf der Stelle vierteilen lasse! Du glaubst also, die Ustenströmer werden über uns herfallen, ja? Das hätten sie schon längst getan, hätte ich nicht mit Magnar eine Vereinbarung getroffen. Ich habe Hjalmaer die Hand meiner Tochter versprochen, sodass er der neue Jarl von Skiringssal wird, sollte ich einmal nicht mehr sein.«
Diese Worte trafen Aegir wie ein Schlag ins Gesicht. Das erklärte alles. Islav hatte Deila achselzuckend als Tribut angeboten, um das Dorf vor dem drohenden Unheil zu bewahren. Doch dann wurde er stutzig. »Aber Deila ist nicht deine älteste Tocher«, grübelte er laut. 
Dann verstand er. Langsam wanderte Aegirs Hand zu seinem Dolch. 
»Du hast es erfasst. Und von daher gibt es ein letztes Problem, dem ich mich entledigen muss«, gestand Islav mit einem üblen Lächeln auf den Lippen. »Zum Wohle des Dorfes wirst du als mein Nachfolger abdanken müssen. Dass ich meinen kostbarsten Schatz, meine wundervolle Tochter Ylvie, in die Hände eines derartigen Tölpels gelegt habe, lässt mich doch stark an meiner Urteilsfähigkeit zweifeln. Es ist an der Zeit, die Fehler der Vergangenheit zu begradigen.«
Die Tür flog auf und eine Handvoll Männer stürmte mit erhobenen Waffen in den Raum.
Aegir erkannte unter ihnen seine Waffenbrüder, mit denen er von Kindesbeinen an aufgewachsen war. Mit denen er etliche Schlachten geschlagen und endlose Meilen auf See hinter sich gelassen hatte. Nun betrachteten sie ihn mit harten Mienen, während sie ihn langsam umkreisten. 
Aegirs Versuch sich zu wehren erschlaffte. Gegen sie konnte er nicht die Hand erheben, ohne sich dabei in schwerer Sünde zu suhlen. Und dann, plötzlich, schoss ein Gedanke durch seinen Kopf. Ein kleiner Funke, der den letzten Rest der Erleuchtung in dieses verwirrende Spiel blies. 
Er hatte sich sofort gefragt, warum Islav ihn zum Schutze des Dorfes nicht direkt enteignet hatte, um Hjalmaer mit Ylvie zu verheiraten. 
Er wollte sie nicht hergeben. Also hat er Deila verkauft, um den Jarl von Ustenström zu täuschen. Ein netter Versuch, doch Magnar hat dich längst durchschaut. Und nun dürfte er tosen vor Wut. Eure Vereinbarung ist dahin und unsere Männer werden dafür mit dem Leben bezahlen. 
Bevor er aussprechen konnte, was er dachte, rammte ihm einer der Männer den Knauf seiner Axt in den ungeschützten Bauch. 
Ächzend ging Aegir auf die Knie. Sein Magen verkrampfte sich und Wellen der Übelkeit schwangen durch seinen Körper. »Du hast dich geirrt. Sie werden uns alle töten«, keuchte er schwer, bevor ein weiterer Schlag ihm das Bewusstsein raubte und sich alles in ein trostloses Schwarz tauchte. 


***


»Sie haben was?!«, kreischte Snorri außer sich. Er packte seinen Kameraden am Kragen. 
»Es ist wahr«, keuchte der zweite der beiden Männer, die Snorri zur Geri geschickt hatte, um mit dem Jarl zu beratschlagen. »Sie haben Aegir in eine Zelle gesperrt. Von den anderen weiß niemand etwas über die drohende Gefahr. Zudem sagten sie uns, dass Islav gerade beschäftigt sei.«
Mit einem entsetzlichen Aufschrei ließ Snorri von seinem Kameraden ab und schlug gegen die nächstgelegene Tanne. 
Schmerz pochte durch seine Hand aber der tat ihm gerade richtig gut.
Sie hatten sich etwas abseits der anderen versammelt, um sich für die bevorstehende Nacht vorzubereiten. Nun ließ die Entfernung zum Lager es zu, dass er seine ganze aufgestaute Wut gewähren ließ. 
»Ich sage dir, da ist was faul«, brummte Knutson nachdenklich. Seit sie an Land gegangen waren, schien er in düstere Gedanken vertieft.
Doch Snorri vermutete, dass sein Kamerad sie nach wie vor nicht mit ihm teilen wollte.
Ein Plan muss her und zwar schnell. Wir sind ihnen drei zu eins unterlegen, wenn es drauf ankommt. 
Die Tatsache, dass sein Bruder zum Schweigen gebracht wurde, bestätigte für Snorri umso mehr, in welcher Gefahr sie gerade schwebten. Seine Augen wanderten durch den dichten Wald. 
Sie hatten eine steile Anhöhe erklommen, unter welcher das heutige Nachtlager lag. Als Snorri genau hinsah, konnte er die Ustenströmer unter sich erkennen, wie sie ihre Zelte aufschlugen und Feuer schürten. Wenn er sich einmal um sich selbst drehte, konnte er auf die offene See blicken, die in trügerisch stillen Wellenbewegungen an ihnen vorbeizog. Doch auch diese malerische Kulisse vermochte es nicht, ihm etwas Ruhe zu verleihen. 
»Wenn wir sie hier hochlocken, könnten wir ihnen eine Falle stellen«, überlegte Knutson laut, während er sich nach einem geeigneten Ort dafür umsah.
Snorri folgte ihm dichtauf. Als sie noch kleine Kinder gewesen waren, hatte Aegir ihm beigebracht, wie man Hasen und andere kleine Tiere mit Fallen erlegte. Jetzt konnte dieses Wissen womöglich von Nutzen sein. 
Sie erreichten eine moosbewachsene Felsgruppe, die in etwa die Höhe von zwei Männern besaß. Ein perfekter Ort für einen Hinterhalt. 
»Wie stellen wir es an?«, murmelte Knutson gedankenversunken, während er um die Findlinge herumschritt.
»Zwei von euch sammeln Steine. Je größer, desto besser. Am Ende des Durchgangs positionieren wir angespitzte Pfähle. Sobald sie hier hineinlaufen«, er vollführte eine Handbewegung, »riegeln wir den schmalen Eingang ab und bewerfen sie mit den Felsen.«
»Und wie sollen wir den Eingang abriegeln?«, warf einer der Männer zögerlich in die Runde.
Snorri vermutete, dass er die Antwort bereits wusste. Dennoch sprach er aus, was alle dachten. »Wir müssen es selber tun. Mit Axt und Schwert. Aber so haben wir immerhin einen erheblichen Vorteil.« Er blickte bedeutungsvoll in die Runde. 
Die Gesichter der Männer spiegelten ihre Furcht wieder. Viele von ihnen waren wie er das erste Mal mit dabei. Mit so etwas hätten sie kaum rechnen können. Er wollte gerade etwas sagen, als Knutson ihm ins Wort fiel.
»Na los, ihr habt ihn gehört. Eine bessere Gelegenheit wird sich uns so schnell nicht bieten. Ich stelle außerdem ein paar Pfähle bei weiteren Hindernissen im Wald auf, sodass wir eine Möglichkeit haben, uns im Notfall zurückzuziehen«, mit einer Handbewegung entließ er die Männer, damit sie ihrer Arbeit nachgehen konnten. Dann wandte er sich Snorri zu. »Hast du auch schon überlegt, wie du sie hierherlocken willst?«, fragte er mit skeptischem Blick.
Der junge Nordmann musste schlucken. Über diesen Teil des Plans hatte er am längsten nachgedacht und er gefiel ihm am wenigsten.
»Aye, das habe ich. Außerdem will ich unsere Männer ebenfalls wecken und aus den Zelten hervorlocken. Ich habe eine Idee und ihr müsst mir vertrauen. Auch, wenn es das gefährlichste wird, was wir jemals getan haben.«


***


Snorri lugte durch den schmalen Schlitz in seinem Zelt, dass er sich eigentlich mit vier anderen Männern teilte. Nun war er alleine. 
Die anderen hatten sich im Wald versteckt und warteten auf ihn.
Snorri war sich im Klaren darüber, dass ihr Überleben an seinem Erfolg hing. Wenn er es nicht schaffen würde, genügend Männer fortzulocken und die übrigen zu wecken, hatten sie so gut wie verloren. Er betrachtete die beiden Fackeln in seiner Hand als wären sie der Hammer Thors persönlich. Dann atmete er tief durch. Sein Herz pochte wie verrückt gegen seine Brust. So stark, dass er befürchtete, jederzeit entdeckt zu werden. 
So harrte er aus und wartete. Durch die Wipfel der Bäume, konnte er den Sternen auf ihrer Reise durch den Himmel zusehen. 
Das Feuer in der Mitte des Lagers war mittlerweile fast herunter gebrannt.
Nun lasst euch nicht so viel Zeit. Ich brauche die restlichen Flammen.
Instinktiv kam die Hoffnung in ihm auf, dass Aegir sich womöglich doch getäuscht hatte. Dass er etwas falsch verstanden hatte.
Doch diese Hoffnung wurde ihm zunichte gemacht, als sich in den Zelten langsam etwas regte.
Und dann erblickte er Magnar, wie er, in im Mondlicht glitzernde Ketten gehüllt, aus seiner Behausung trat. Die Axt, die er in seiner Hand hielt, sprach tausend Worte. Und jedes einzelne davon stand für Unheil. 
Snorri merkte, wie sich sein ganzer Körper unwillkürlich zusammenzog. Seine Kehle trocknete aus und sein Herz verfiel in einen ungesund schnellen Rhythmus. Für einen kurzen Augenblick zog sein bisheriges Leben an seinem inneren Auge vorbei. Er atmete ein letztes Mal tief ein. Dann zog er den Stoff des Zelteingangs beiseite und trat langsam ins Freie.

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Die Taschenwelt (Kindergeschichte)

»Bleib doch mal stehen, kleiner Angsthase!« Dennis grinste verschmitzt, während er, mit zwei anderen Jungen im Schlepptau, auf Lisa zusteuerte. 
Lisa wusste, was nun geschehen würde. 
Dennis und sie gingen in die gleiche Klasse und wie die meisten anderen, blickte er verächtlich auf sie herab. Er hatte es sich scheinbar zur persönlichen Aufgabe gemacht, ihr Leben in die Hölle selbst zu verwandeln und an dieser Aufgabe übertraf er sich jeden Tag aufs Neue. 
Noch bevor Lisa etwas dagegen unternehmen konnte, schnappte er sich ihren Rucksack und leerte seinen Inhalt auf dem Schulhof aus. 
»Das ist gemein!« Lisa ärgerte sich, dass sie so schwach klang. Das tat sie doch immer. Sie wollte nach dem Rucksack greifen, aber einer der Jungs hielt sie ohne Schwierigkeiten zurück. 
Mit einem genüsslichen Schmatzen ließ Dennis seinen Fuß auf ihr Etui niedersausen und sie hörte wie Stifte und Füller zu Bruch gingen. Tränen rannen an ihrer Wange hinab.
»Hört endlich auf!«, flehte sie mit zittriger Stimme. Doch jede Gegenwehr schien zwecklos. 
Ihr Einknicken schien Dennis nur noch weiter anzuheizen. »Dir ist doch wohl klar, dass du das verdient hast, nicht?«, kicherte er hämisch und schleuderte ihren Rucksack hoch in eine Baumkrone, wo er sich zwischen den Ästen verhakte. Dann stieß er sie auf den Boden, sodass Lisa hart auf den Knien landete. »Ich freue mich schon auf morgen«, hauchte er ihr ins Gesicht und tätschelte fast väterlich ihre Wange. 
Dann zogen sie endlich ab. 
Lisa kroch langsam zu ihren Sachen und versuchte sie so gut es ging zusammenzusammeln. Ein Blick in ihr Etui verriet ihr, dass fast alles darin zerstört war. Den Rucksack würde sie auch nicht wiederkriegen. Sie konnte nicht anders, als für einen Moment am Boden auszuharren und zu schluchzen. Als sie sich endlich erhob, stellte sie fest, dass ihre Strumpfhose an den Knien gerissen war und sich eine blutende Schürfwunde gebildet hatte. 
Wie sollte sie das nur ihrer Mutter erklären? Sie hatte diese wehleidigen Blicke so satt, ebenso wie die Gespräche ihrer Eltern, die sie hinter ihrem Rücken führten. Was sollen wir nur mit ihr machen?
Lisa wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und machte sich auf den Heimweg. 
Sie beschloss, noch einen Umweg über den Schreibwarenladen einzulegen, um wenigstens einen neuen Füller zu kaufen. Sie hoffte nur, dass ihr Geld reichen würde. Außerdem war der Besitzer, der alte Herr Dirk, bisher immer recht nett zu ihr gewesen. 
Als sie den Laden betrat, füllte er gerade die Zigaretten hinter der Ladentheke auf und musterte sie mit einem besorgten Blick. »Beim heiligen Himmel, was ist denn mit dir geschehen? Man könnte fast meinen du wärst von einem Rudel rasender Raptoren überfallen worden.« 
Lisa hörte ihm gerne beim Sprechen zu. Das klang immer so lustig. »Nein«, seufzte sie dann, »nur von einem Klassenkameraden.«
»Schon wieder? Du musst dich wehren, mein Kind«, Herr Dirk strich nachdenklich durch seinen grauen Bart.
»Aber das kann ich nicht. Nicht alleine. Und befreundet sein will niemand mit mir.« Lisa merkte, wie ihr wieder die Tränen ins Gesicht traten. Einsam sein fühlte sich so richtig blöd an.
»Dann habe ich was für dich. Ja, das wird genau das Richtige sein. Eine Schachtel für die junge Dame«, Herr Dirk schien mit sich selbst zu sprechen.
»Ich bin zu jung zum Rauchen«, entgegnete Lisa entrüstet. Wurde er langsam tüdelig? 
Herr Dirk verschwand für einen Moment, dann zauberte er eine kleine, unscheinbare Blechschachtel hervor, die mit einem winzigen Schlösschen versehen war. Der Schlüssel dazu, hing um seinen Hals und mit einer fast feierlichen Geste übereichte er ihn ihr. »Es wird Zeit, dass sie mal wen Neues kennenlernen. Etwas frischen Wind bekommen«, schmunzelte er verträumt. Noch bevor Lisa ihn fragen konnte, was er meinte, fuhr er fort: »Du musst die Dose heute um Punkt Mitternacht öffnen, verstanden? Und erzähle niemandem davon. Es ist ein wohlgehütetes Geheimnis.«
Schluckend versprach sie es. Was hatte sie sich da nur wieder eingehandelt? Grübelnd darüber, was sich wohl in der Kiste verbarg, eilte sie nach Hause. 
Die wehleidigen Blicke ihrer Eltern, bekam sie nur am Rande mit. Es musste einfach Mitternacht werden, um jeden Preis. Die Zeit schien förmlich stillzustehen, während sie, fast platzend vor Neugier, auf die Stunde des Mondes wartete. Einzuschlafen kam nicht infrage.
Dann endlich war es soweit. Lisa kramte die Schachtel unter dem Kopfkissen hervor und knipste das Nachtlicht an. Anschließend ließ sie den Schlüssel langsam in das Schloss gleiten und öffnete die Dose. 
Sofort ergriff sie etwas mit unsichtbaren, zerrenden Händen und riss sie mit sich in die Dose hinein. Lisa wollte aufschreien, doch jeder Laut erstickte in ihrer Kehle. Dann verschwand sie mit einem lauten Plop in der Schachtel und alles wurde schwarz.

Als sie stöhnend die Augen öffnete, wurde ihr bewusst, dass sie träumen musste. Sie befand sich in einem unendlichen, dunklen Raum, der über und über mit den verschiedensten Lampenschirmen zugestellt worden war. Manche besaßen die Form von Trichtern, andere waren kugelrund, andere eckig. Manche bestanden aus Stoff, andere wiederum aus Glas. Und es gab sie in den unterschiedlichsten Größen. Der erste war nur groß wie ihre Faust, der zweite schon größer als mehrere Erwachsene übereinandergestapelt. Gemeinsam verwandelten sie den unendlichen Raum in ein flackerndes Lichtermeer. Dazwischen befanden sich immer wieder kleine Treppen aus glitzerndem Glas. 
Lisa merkte, dass sie keinen Boden unter sich spürte und auch keinen Himmel erkennen konnte. Dennoch gelang es ihr, auf die Lampen zuzuschreiten. 
Nachdem sie die ersten Schirme hinter sich gelassen hatte, traute sie sich, nach jemandem zu rufen. »Hallo? Ist hier irgendwer?« Ihr erster Anlauf zu Sprechen erschien ihr kaum mehr als ein Kratzen in der Kehle. Doch dann wurde sie lauter und lauter. 

Nach dem vierten oder fünften Anlauf vernahm Lisa auf einmal ein Getuschel und Geraschel. Kleine Schemen wuselten um die Schirme herum und schienen sich neugierig zu nähern. Dann lugte plötzlich ein kleiner Kopf um die Ecke, dann noch einer und noch einer. Alle besaßen sie grüne Haut, lange spitze Ohren, eine Knollennase und wirres weißes Haar, das in den undenkbarsten Frisuren zusammengesteckt worden war. Ihre gelb leuchtenden Augen musterten den Neuankömmling interessiert und sie schienen miteinander zu beratschlagen, was zu tun war. 
Dann torkelte plötzlich einer von ihnen aus der Reihe und hielt sich die Nase zu. Mit einem irren Lärm nieste er voller Inbrunst und hob dabei einige Meter vom Boden ab. 
Mit vor Staunen offenen Mund verfolgte Lisa seine Flugbahn.
Sanft wie eine Feder landete er vor ihr und verbeugte sich vornehm. »Killefitz Knisterfunk mein Name. Und unter uns .. «, er blickte sich schelmisch um, »der vornehmste und bestaussehenste aller Laternenlumpis.«
»Das ist gelogen!«, krähten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Killefitz hob beschwichtigend die Hände. »Und wen schickt uns Dirk da, hm?«, fragte er mit einer nachdenklichen Geste. »Doch wohl nicht wieder einen hämischen Herausforderer für den kraftstrotzenden Kampfsportkünstler Killefitz? Ich habe schon tausende Titanen tollwütig in den Tod gestoßen.« Er knuffte in die Luft wie ein Profiboxer.
»Das ist gelogen!«, johlten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Der Gnom ließ gespielt entnervt die Schultern hängen. 
Irgendwie konnte Lisa nicht anders, als schallend zu lachen. Diese kleinen Wesen waren wirklich merkwürdig. Und lustig. »Wer seid ihr? Und wo bin ich hier?«, fragte sie erstaunt.
»Du bist in der leuchtenden Lichterstadt. Und wir sind die legendären Laternenlumpis«, Killefitz vollführte eine untertänige Verbeugung. »Aber das hat Dirk dir sicher erzählt? Ein famoser Freund ist er, hah! Ich habe ihm nur unendliche Male das Leben gerett …«
Er hielt abrupt inne und blickte sich mit einem grimmigen Blick unter den anderen Lumpis um. »Ihr habt ja schon Recht, ihr Rabauken, ich bin ja schon ruhig«, knurrte er feixend. 
»Und ihr lebt wirklich in einer Dose?«, fragte Lisa ungläubig. Das konnte sie sich immer noch nicht vorstellen.
»Pah, jetzt werde nicht arrogant«, tadelte sie der Gnom. »Wer sagt denn, dass die morbiden Menschen nicht auch alle nur in einer Dose leben?«, er zwinkerte ihr verschlagen zu. 
»Die Wissenschaftler«, gab Lisa zurück.
Gejohle brauch über Killefitz zusammen und er gab sich geschlagen. »Ich sehe schon, dich kann man nicht so leicht beeindrucken«, lobte er feierlich. »Du bist ein mutiges Mädchen. Dann laden wir dich ein. Sei unser gepriesener Gast.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu einer Lampe, welche die Form eines riesigen Kürbisses besaß, größer als ein zweistöckiges Haus. 
Die anderen Laternenlumpis folgten ihnen.
»Das mit dem Nießen gerade, wie hast du das gemacht?«, erkundigte sich Lisa interessiert. 
»Nießen? Nie davon gehört. Das war mein Nitro-Nasketenantrieb«, er lachte verschmitzt. »Damit man nicht immer die Treppe nehmen muss.« 
Das Mädchen fiel in sein Lachen mit ein. »Redet ihr eigentlich immer so komisch daher?«, fragte sie neckisch.
»Du meinst, unsere Art alles in affige Alliterationen zu verpacken? Damit sind wir groß herausgekommen, hah! Frag mal die Bild, wo sie wäre, ohne die legendären Laternenlumpis!«
Lisa beließ es lieber dabei. 

In der Lampe angekommen, empfing sie ein gedämmtes Licht und eine riesige, gedeckte Festtafel. Lisa erkannte exorbitante Torten, Schüsseln voller Bonbons und Berge von Schokolade. 
»Das wollt ihr alles essen?«, fragte Lisa ungläubig. »Ist das nicht ungesund?«
»Nun, du musst wissen, wir Laternenlumpis reagieren allergisch auf alles, was gesund ist«, grübelte Killefitz laut. 
»Das ist gelogen!«, lachten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor. Dann machten sie sich in einem Affenzahn über das Festmahl her.
Während sie Unmengen an Bonbons in sich hineinstopfte, erzählte Lisa den Lumpis aus ihrem Leben. Vor allem von Dennis und ihren Eltern, aber auch von Herr Dirk und dass sie sich Freunde wünschte. 
»Na dasch ischt doch kein penibelesch Problem. Jede neue Nascht um schwölf kommscht du vorbei. Und dann laschen wir die Schau rausch«, nuschelte Killefitz, während er versuchte mit den drei Tortenstücken in seinem Mund fertigzuwerden. Er schluckte eifrig herunter. »Aber das mit diesem dämlichen Dennis klingt ja wirklich übel. Wir sollten ihm eine lehrreiche Lektion erteilen, findest du nicht?«
»Aber wie? Er ist groß und gemein.« Lisa wusste wirklich nicht, wohin das hier führen sollte. Sie kam die Lumpis gerne besuchen, aber sie waren doch noch kleiner als sie? Wie sollten sie ihr gegen Dennis helfen? Und er wusste dann doch auch, dass die Lumpis existierten, oder nicht?
»Ich sage dir mal was. Wir Lumpis haben eine zartbesaitete Zauberkraft«, erklärte Killefitz mit geschwollener Brust. »Wir können uns in die genialen Gedanken der Kinder verwandeln. Wollen wir es mal ausprobieren? Stelle dir einfach etwas vor. Nicht zu groß bitte, die dreimal-verfluchte-Decke, du verstehst?«
Lisa nickte, wobei sie nicht ansatzweise verstand, wie das, was Killefitz da erzählte, irgendwie möglich sein sollte. Dann formte sie einen Gedanken. »Bereit«, gab sie zu verstehen. 
»Und eins, zwei, drei«, Killefitz schnippte mit dem Finger.
Lisa entwich ein aufgeregtes Stöhnen, als der weiße Tiger aus ihren Gedanken direkt vor ihrer Nase auftauchte und ihr zärtlich über die Stirn leckte. Es kitzelte so sehr, dass sie nicht anders konnte als zu lachen. Sie vergrub ihr Kopf in seinem weichen Fell und vergaß für einen Augenblick jeden anderen Gedanken. 
»Nun, äh, du machst mich ja ganz verlegen«, lachte der Tiger mit Killefitz Stimme. Dann stand er wieder vor ihr. 
Da kam Lisa auf eine Idee. »Nun, vielleicht kannst du mir doch bei meinem Problem helfen«, kicherte sie diebisch. »Aber jetzt sollte ich fürs Erste in mein Bett zurück. Nicht, dass meine Eltern sich noch fragen, wo ich bin. Und morgen habe ich Schule.«
»Schule stinkt nach schnöder Socke. Aber wenn du unbedingt möchtest, schicke ich dich natürlich wieder zurück«, gab der Gnom achselzuckend zu verstehen. 
Draußen angekommen, griff er ihre Hand. »Mach dich bereit, das wird ein Ordentlicher«, erklärte Killefitz ernst, während er sich die Nase zuhielt.
Mit pochendem Herzen wartete Lisa ab, was geschehen würde. 
Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, als sie vom Boden abhoben und mit einer unfassbaren Geschwindigkeit in das schwarze Nichts katapultiert wurden. 
»Bis morgen!«, verabschiedete sich Killefitz, dann schleuderte er sie von sich. 
Wieder griffen unsichtbare Hände nach Lisa, doch dieses Mal erschien es ihr nicht so beängstigend. Nach einem weiteren heftigen Ruck riss sie die Augen auf und stellte überrascht fest, dass sie sich wieder in ihrem Zimmer befand. Ungläubig betrachtete sie den Schatz in ihren Händen. Die kleine, unscheinbare Schachtel, in der sich die Welt der Laternenlumpis befand. Schnell verstaute sie die Dose unter ihrem Kopfkissen und schleif sofort ein. 

Am nächsten Tag fiel es Lisa überhaupt nicht schwer, in die Schule zu gehen. Sie rannte den Weg fast. Dann bemerkte sie Dennis, wie er ihr, mit den beiden Jungs im Schlepptau, in einem versteckten Winkel des Schulhofes auflauerte.
Na warte!
Als er sie erblickte, kam er ihr hämisch grinsend entgegen. »Na, kleiner Angsthase. Heute schon nach Mama geheult?«, rief er zu ihr herüber. 
Schnell öffnete Lisa die Dose und dachte dabei an den großen weißen Tiger, in all seiner Pracht.
Mit einem majestätischen Brüllen fegte Killefitz über die Straße und rannte den Jungs mit gefletschten Zähnen entgegen. 
Dennis brachte nur noch ein Quicken zustande, während er panisch kreischend versuchte, sein Leben zu retten. »Mamaaa!«
Die anderen Jungs folgten ihm dichtauf.
Lisa kamen die Tränen vor Lachen. »Ich danke dir«, hauchte sie, gerührt vom Einsatz des Laternenlumpis.
»Hat er dich gerade Angsthase genannt?«, erwiderte Killefitz lachend, während er an ihr vorbeieilte und schnell wieder in der Dose verschwand. 
Dann rauschte auch schon Dennis aus dem Schulgebäude, in Begleitung der Klassenlehrerin. »Ich sage es doch, der Tiger war hier, Frau Jeken«, versuchte er wieder und wieder zu erklären, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
Auf den fragenden Blick der Lehrerin erwiderte Lisa nur: »Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon er spricht.« Sie tastete nach der Dose in ihrer Tasche und lächelte kurz. Dann schritt sie an ihnen vorbei ins Schulgebäude.

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Die Wölfe von Asgard – Die Falle schnappt zu (1/2)

Deila betrachtete ihre Fingernägel, von denen kaum mehr als blutige Fetzen übrig waren. 
Nachdem Hjalmaer und seine Männer das Schiff zum Plündern verlassen hatten, hatte sie sich so wild gegen die Tür geworfen wie nur irgendwie möglich. Ihre Schultern schmerzten noch von dem unnachgiebigen Holz, das sich unter ihrem Gewicht keinen Deut gerührt hatte. Nachdem Deila festgestellt hatte, dass sie ihr Gefängnis nicht würde verlassen können, hatte sie es mit Rufen versucht, bis ihre Stimme brüchig und heiser geworden war. Am Ende blieb ihr nur noch das verzweifelte Kratzen an den Dielen. Einfach raus hier, irgendwie. Doch auch das hatte nicht funktioniert. 
Deila betrachtete die Planken, dort, wo ihre Tränen noch im Begriff waren zu trocknen. Sie merkte sich am Ende ihrer Kräfte. 
Gerade in dem Moment, wo ihre Gedanken sich darauf zu richten begannen, ihr Leben zu beenden, bevor alles noch schlimmer werden würde, vernahm sie Schritte von draußen. 
Irgendwer schlich über das Deck und kam dabei beständig näher. Dann hörte sie, wie jemand die Treppe herunterhuschte. 
Ruckartig setzte sie sich auf und presste sich dicht neben die Tür. Wenn jemand sich an ihr vergehen wollte, musste er zunächst in die Kajüte gelangen. Vielleicht konnte sie ihn überwältigen. Womöglich ihre einzige und letzte Gelegenheit, hier lebendig herauszukommen. Dann vernahm sie eine bekannte Stimme und eine endlose Erleichterung überkam sie.
»Deila? Deila, bist du hier unten?«, raunte Aegir grimmig.
»Bei den Göttern, ich bin es«, flüsterte sie und lehnte ihren Kopf für einen Moment voller Dankbarkeit gegen die Tür. 
»Ich habe dich rufen hören. Wir haben wenig Zeit, bald sind die Männer zurück. Warum zum Donner bist du hier unten?« In Aegirs Stimme schwangen seine ärgsten Befürchtungen mit.
Es war als hätte man in ihr einen Wasserfall aufgestaut und nun den einen, wichtigen Stein losgetreten, der den Damm entzweibrach. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und überschlugen sich förmlich dabei. Deila merkte, wie sie zu zittern begann, während sie dem Riesen erzählte, was ihr seit dem Aufbruch wiederfahren war.
Aegir unterbrach sie nicht ein einziges Mal. 
Als sie fertig war mit erzählen, legte sich für einen Moment eine unheilverkündende Stille über das Schiff.
Dann krachte Aegirs Faust mit einer solchen Wucht gegen das Holz, dass sie erschrocken zusammenfuhr.
»Hunde, alle miteinander! Ich habe von Anfang an geahnt, dass hier etwas faul ist.« Er brüllte fast, dann mäßigte er seine Stimme wieder. 
»Was machen wir jetzt?«, wisperte Deila besorgt. Wenn die Falle der Ustenströmer zuschlug, würde es kaum eine Möglichkeit mehr geben ihr lebendig zu entkommen. 
Wieder herrschte Stille. 
»Ich werde mir etwas überlegen. Lass mich zunächst schauen, ob ich dich nicht hier herausholen kann«, antwortete der Riese. 
Er schien Anlauf zu nehmen, dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür. Das Holz knirschte, doch noch gab sie nicht nach.
»Noch einmal!« Deila merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Er musste es schaffen. Er musste einfach. Sonst würde man sie für immer hier unten einpferchen und sich nach Belieben an ihr vergehen. Der Gedanke daran ließ sie vor Bitterkeit würgen.
Doch auch die weiteren Versuche des Riesen blieben ohne Erfolg.
Dann vernahm sie lautes Gegröle in der Ferne und alles in ihr zog sich unwillkürlich zusammen. »Sie kommen zurück! Du musst verschwinden und die anderen warnen!«, zischte sie hastig.
»Und was ist mit dir?« Er klang verunsichert. 
Als Deila aussprach, was sie dachte, drehte sich ihr Magen um. »Ich bleibe hier unten und spiele ihr Spiel mit.« Dann nahm ihre Stimme etwas an, das im Vergleich selbst die Dunkelheit ihrer Zelle zu einem lichtdurchfluteten Ort werden ließ. »Und wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bringe ich sie alle um.«

***

Yorrick wischte sich die nasse Stirn mit dem Handrücken ab. 
Die beiden Bäume über die steilen und dicht bewucherten Klippen zu befördern, hatte einen immensen Kraftaufwand gefordert und sie um fast einen halben Tag zurückgeworfen. Doch die Planken des Bugs mussten erneuert werden und das Ruder galt es ebenfalls zu reparieren. Aufgaben, die, in Anbetracht der sommerlichen Hitze, nicht ohne Folgen blieben. Die Tatsache, dass ihre Wasserreserven begrenzt waren, verbesserte die Umstände nicht wirklich ungemein. 
Yorrick sog scharf die salzige Seeluft ein, die durch die an Land geschwemmten Algen eine gewisse Strenge angenommen hatte, dann ließ er seine Axt wieder auf den Baum krachen. 
Zwei junge Kiefern hatten sie gefällt, nun mussten sie diese notdürftig in etwas brauchbares formen. Das junge Holz bot die benötigte Dehnbarkeit, um es in Planken zu verarbeiten. Hätte der Schiffsbaumeister sein Werkzeug dabeigehabt, wäre diese Aufgabe sicherlich leichter zu bewältigen gewesen. 
Eine gute Idee für die nächste Fahrt.
Nun erforderte jeder Hieb gewaltige Präzision und nicht jeder der Männer war für diese Art von Arbeit geschaffen. 
Bei dem Gedanken daran, wie der grobschlächtige Olaf es wohl angestellt hätte, musste Yorrick kurz schmunzeln. Gut, dass er an Bord gewesen war. Die Mannschaft hätte kaum genug Bier herankarren können, um Olafs ungeduldigen Zorn zu ertränken.
Mittlerweile bedeckten die ersten Bretter den groben, gelben Sand des Strandes und der Schiffsbaumeister sah sich unter ihnen nach besonders vielversprechenden Exemplaren um. Nachdem er eine sorgfältige Auslese durchgeführt und die Männer damit beauftragt hatte, sie in die entsprechende Form zu biegen, widmete er sich dem zerstörten Ruder. Achselzuckend stellte er fest, dass es völlig hinüber war und sie ein neues anbringen mussten. Angesichts der wenigen Zeit, die sie noch besaßen, bevor die Vorräte ausgingen, würden sie mit einem spärlichen Ersatz vorlieb nehmen müssen. 
»Ich brauche ein Seil, so dünn und fest wie möglich!«, rief er niemand bestimmtem zu. »Und einen Ast, dick wie mein Arm.«
Es dauerte nicht lange, bis Jorleif ihm die geforderten Gegenstände knapp nickend in die Hand drückte. 
Dann machte er sich auf die Suche nach einem, für sein Vorhaben ideal geeignetem Stück Kiefer, das er als Ruderbrett verwenden konnte. 
Yorrick nahm das eine Ende des Astes und bearbeitete ihn solange mit der Axt, bis er eine handgroße Fuge in ihn hineingeschnitzt hatte. Gerade groß genug, dass das Ruder hineinpasste, auch wenn er mit väterlichen Klopfern nachhelfen musste. 
Dass es nicht von alleine herausrutscht, ist von Vorteil. Aber wenn wir es noch einmal mit einem ausgewachsenen Sturm zu tun bekommen, wird das kaum ausreichen.
Bitter lachend spuckte er aus. Dass er noch nicht der Rán in die Hände gefallen war, verdankte er seinem Geschick. Doch irgendwann würde er der alten Mutter einen Besuch abstatten. 
Mit einem enormen Aufwand von Geduld, Fingerfertigkeit und Erfahrung wickelte er fürsorglich das Seil um den Punkt, wo Planke und Ast sich verbanden, wobei er das ein oder andere Mal zusätzlich einen Knoten schlug, um die Last hinterher besser zu verteilen. Dann, zufrieden mit seinem Werk, vertäute er das Ruder an der hinteren Reling und widmete sich der anderen Aufgabe. 
Denn auch der Bug erforderte seine Aufmerksamkeit. 
Unter Yorricks Aufsicht rissen die Männer die ramponierten Planken heraus und ersetzten sie durch neue. Eine Feinarbeit, die nicht ohne gedämpfte Flüche, gedrungenes Gestöhne und genervte Aufschreie vollendet wurde. 
Olaf verlor fast einen Finger, als er mit dem Hammer ungenau zielte und Jorleif verhedderte sich mit dem Bart in einem Nagel, was zur Folge hatte, dass er sich brüllend wie ein gereizter Bär ein ganzes Büschel Haare herausriss. 
Dann endlich, als die Sonne dem Horizont bereits einen roten Kuss schenkte, schien ihre Arbeit vollendet. 
Schwer atmend ließ Yorrick sich in den Sand fallen.
»Du hast es mal wieder geschafft, du alter Sauhund!«, lobte Olaf feierlich, während er sich erschöpft neben ihn pflanzte. 
»Ein Hoch auf den Schiffbaumeister!«
Die Menge johlte ihm zu. 
Yorrick hob beschwichtigend die Hände. »Ich weiß, ich habe mich mal wieder selbst übertroffen«, feixte er grinsend. »Jetzt rastet, in der Früh brechen wir auf. Sollten wir morgen untergehen, ist das natürlich diesem Pfuscher hier zu verdanken.« Er klopfte Olaf freundschaftlich auf die breite Schulter. 
Alle mussten lachen, Olaf am lautesten. 
Yorricks Blick wanderte von den Männern zu dem Schiff, auf die offene See hinaus. Trügerisch ruhig glitzerten die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der sanften Brandung. 
Mögen die Götter uns gnädig sein, dachte er wehmütig, während er im Himmel sorgenschwer nach weiteren Anzeichen für einen Sturm suchte. 
Und beten, dass sie uns den morgigen Tag überstehen lassen.

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