»Bleib doch mal stehen, kleiner Angsthase!« Dennis grinste verschmitzt, während er, mit zwei anderen Jungen im Schlepptau, auf Lisa zusteuerte. 
Lisa wusste, was nun geschehen würde. 
Dennis und sie gingen in die gleiche Klasse und wie die meisten anderen, blickte er verächtlich auf sie herab. Er hatte es sich scheinbar zur persönlichen Aufgabe gemacht, ihr Leben in die Hölle selbst zu verwandeln und an dieser Aufgabe übertraf er sich jeden Tag aufs Neue. 
Noch bevor Lisa etwas dagegen unternehmen konnte, schnappte er sich ihren Rucksack und leerte seinen Inhalt auf dem Schulhof aus. 
»Das ist gemein!« Lisa ärgerte sich, dass sie so schwach klang. Das tat sie doch immer. Sie wollte nach dem Rucksack greifen, aber einer der Jungs hielt sie ohne Schwierigkeiten zurück. 
Mit einem genüsslichen Schmatzen ließ Dennis seinen Fuß auf ihr Etui niedersausen und sie hörte wie Stifte und Füller zu Bruch gingen. Tränen rannen an ihrer Wange hinab.
»Hört endlich auf!«, flehte sie mit zittriger Stimme. Doch jede Gegenwehr schien zwecklos. 
Ihr Einknicken schien Dennis nur noch weiter anzuheizen. »Dir ist doch wohl klar, dass du das verdient hast, nicht?«, kicherte er hämisch und schleuderte ihren Rucksack hoch in eine Baumkrone, wo er sich zwischen den Ästen verhakte. Dann stieß er sie auf den Boden, sodass Lisa hart auf den Knien landete. »Ich freue mich schon auf morgen«, hauchte er ihr ins Gesicht und tätschelte fast väterlich ihre Wange. 
Dann zogen sie endlich ab. 
Lisa kroch langsam zu ihren Sachen und versuchte sie so gut es ging zusammenzusammeln. Ein Blick in ihr Etui verriet ihr, dass fast alles darin zerstört war. Den Rucksack würde sie auch nicht wiederkriegen. Sie konnte nicht anders, als für einen Moment am Boden auszuharren und zu schluchzen. Als sie sich endlich erhob, stellte sie fest, dass ihre Strumpfhose an den Knien gerissen war und sich eine blutende Schürfwunde gebildet hatte. 
Wie sollte sie das nur ihrer Mutter erklären? Sie hatte diese wehleidigen Blicke so satt, ebenso wie die Gespräche ihrer Eltern, die sie hinter ihrem Rücken führten. Was sollen wir nur mit ihr machen?
Lisa wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und machte sich auf den Heimweg. 
Sie beschloss, noch einen Umweg über den Schreibwarenladen einzulegen, um wenigstens einen neuen Füller zu kaufen. Sie hoffte nur, dass ihr Geld reichen würde. Außerdem war der Besitzer, der alte Herr Dirk, bisher immer recht nett zu ihr gewesen. 
Als sie den Laden betrat, füllte er gerade die Zigaretten hinter der Ladentheke auf und musterte sie mit einem besorgten Blick. »Beim heiligen Himmel, was ist denn mit dir geschehen? Man könnte fast meinen du wärst von einem Rudel rasender Raptoren überfallen worden.« 
Lisa hörte ihm gerne beim Sprechen zu. Das klang immer so lustig. »Nein«, seufzte sie dann, »nur von einem Klassenkameraden.«
»Schon wieder? Du musst dich wehren, mein Kind«, Herr Dirk strich nachdenklich durch seinen grauen Bart.
»Aber das kann ich nicht. Nicht alleine. Und befreundet sein will niemand mit mir.« Lisa merkte, wie ihr wieder die Tränen ins Gesicht traten. Einsam sein fühlte sich so richtig blöd an.
»Dann habe ich was für dich. Ja, das wird genau das Richtige sein. Eine Schachtel für die junge Dame«, Herr Dirk schien mit sich selbst zu sprechen.
»Ich bin zu jung zum Rauchen«, entgegnete Lisa entrüstet. Wurde er langsam tüdelig? 
Herr Dirk verschwand für einen Moment, dann zauberte er eine kleine, unscheinbare Blechschachtel hervor, die mit einem winzigen Schlösschen versehen war. Der Schlüssel dazu, hing um seinen Hals und mit einer fast feierlichen Geste übereichte er ihn ihr. »Es wird Zeit, dass sie mal wen Neues kennenlernen. Etwas frischen Wind bekommen«, schmunzelte er verträumt. Noch bevor Lisa ihn fragen konnte, was er meinte, fuhr er fort: »Du musst die Dose heute um Punkt Mitternacht öffnen, verstanden? Und erzähle niemandem davon. Es ist ein wohlgehütetes Geheimnis.«
Schluckend versprach sie es. Was hatte sie sich da nur wieder eingehandelt? Grübelnd darüber, was sich wohl in der Kiste verbarg, eilte sie nach Hause. 
Die wehleidigen Blicke ihrer Eltern, bekam sie nur am Rande mit. Es musste einfach Mitternacht werden, um jeden Preis. Die Zeit schien förmlich stillzustehen, während sie, fast platzend vor Neugier, auf die Stunde des Mondes wartete. Einzuschlafen kam nicht infrage.
Dann endlich war es soweit. Lisa kramte die Schachtel unter dem Kopfkissen hervor und knipste das Nachtlicht an. Anschließend ließ sie den Schlüssel langsam in das Schloss gleiten und öffnete die Dose. 
Sofort ergriff sie etwas mit unsichtbaren, zerrenden Händen und riss sie mit sich in die Dose hinein. Lisa wollte aufschreien, doch jeder Laut erstickte in ihrer Kehle. Dann verschwand sie mit einem lauten Plop in der Schachtel und alles wurde schwarz.

Als sie stöhnend die Augen öffnete, wurde ihr bewusst, dass sie träumen musste. Sie befand sich in einem unendlichen, dunklen Raum, der über und über mit den verschiedensten Lampenschirmen zugestellt worden war. Manche besaßen die Form von Trichtern, andere waren kugelrund, andere eckig. Manche bestanden aus Stoff, andere wiederum aus Glas. Und es gab sie in den unterschiedlichsten Größen. Der erste war nur groß wie ihre Faust, der zweite schon größer als mehrere Erwachsene übereinandergestapelt. Gemeinsam verwandelten sie den unendlichen Raum in ein flackerndes Lichtermeer. Dazwischen befanden sich immer wieder kleine Treppen aus glitzerndem Glas. 
Lisa merkte, dass sie keinen Boden unter sich spürte und auch keinen Himmel erkennen konnte. Dennoch gelang es ihr, auf die Lampen zuzuschreiten. 
Nachdem sie die ersten Schirme hinter sich gelassen hatte, traute sie sich, nach jemandem zu rufen. »Hallo? Ist hier irgendwer?« Ihr erster Anlauf zu Sprechen erschien ihr kaum mehr als ein Kratzen in der Kehle. Doch dann wurde sie lauter und lauter. 

Nach dem vierten oder fünften Anlauf vernahm Lisa auf einmal ein Getuschel und Geraschel. Kleine Schemen wuselten um die Schirme herum und schienen sich neugierig zu nähern. Dann lugte plötzlich ein kleiner Kopf um die Ecke, dann noch einer und noch einer. Alle besaßen sie grüne Haut, lange spitze Ohren, eine Knollennase und wirres weißes Haar, das in den undenkbarsten Frisuren zusammengesteckt worden war. Ihre gelb leuchtenden Augen musterten den Neuankömmling interessiert und sie schienen miteinander zu beratschlagen, was zu tun war. 
Dann torkelte plötzlich einer von ihnen aus der Reihe und hielt sich die Nase zu. Mit einem irren Lärm nieste er voller Inbrunst und hob dabei einige Meter vom Boden ab. 
Mit vor Staunen offenen Mund verfolgte Lisa seine Flugbahn.
Sanft wie eine Feder landete er vor ihr und verbeugte sich vornehm. »Killefitz Knisterfunk mein Name. Und unter uns .. «, er blickte sich schelmisch um, »der vornehmste und bestaussehenste aller Laternenlumpis.«
»Das ist gelogen!«, krähten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Killefitz hob beschwichtigend die Hände. »Und wen schickt uns Dirk da, hm?«, fragte er mit einer nachdenklichen Geste. »Doch wohl nicht wieder einen hämischen Herausforderer für den kraftstrotzenden Kampfsportkünstler Killefitz? Ich habe schon tausende Titanen tollwütig in den Tod gestoßen.« Er knuffte in die Luft wie ein Profiboxer.
»Das ist gelogen!«, johlten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor.
Der Gnom ließ gespielt entnervt die Schultern hängen. 
Irgendwie konnte Lisa nicht anders, als schallend zu lachen. Diese kleinen Wesen waren wirklich merkwürdig. Und lustig. »Wer seid ihr? Und wo bin ich hier?«, fragte sie erstaunt.
»Du bist in der leuchtenden Lichterstadt. Und wir sind die legendären Laternenlumpis«, Killefitz vollführte eine untertänige Verbeugung. »Aber das hat Dirk dir sicher erzählt? Ein famoser Freund ist er, hah! Ich habe ihm nur unendliche Male das Leben gerett …«
Er hielt abrupt inne und blickte sich mit einem grimmigen Blick unter den anderen Lumpis um. »Ihr habt ja schon Recht, ihr Rabauken, ich bin ja schon ruhig«, knurrte er feixend. 
»Und ihr lebt wirklich in einer Dose?«, fragte Lisa ungläubig. Das konnte sie sich immer noch nicht vorstellen.
»Pah, jetzt werde nicht arrogant«, tadelte sie der Gnom. »Wer sagt denn, dass die morbiden Menschen nicht auch alle nur in einer Dose leben?«, er zwinkerte ihr verschlagen zu. 
»Die Wissenschaftler«, gab Lisa zurück.
Gejohle brauch über Killefitz zusammen und er gab sich geschlagen. »Ich sehe schon, dich kann man nicht so leicht beeindrucken«, lobte er feierlich. »Du bist ein mutiges Mädchen. Dann laden wir dich ein. Sei unser gepriesener Gast.« Er nahm sie bei der Hand und führte sie zu einer Lampe, welche die Form eines riesigen Kürbisses besaß, größer als ein zweistöckiges Haus. 
Die anderen Laternenlumpis folgten ihnen.
»Das mit dem Nießen gerade, wie hast du das gemacht?«, erkundigte sich Lisa interessiert. 
»Nießen? Nie davon gehört. Das war mein Nitro-Nasketenantrieb«, er lachte verschmitzt. »Damit man nicht immer die Treppe nehmen muss.« 
Das Mädchen fiel in sein Lachen mit ein. »Redet ihr eigentlich immer so komisch daher?«, fragte sie neckisch.
»Du meinst, unsere Art alles in affige Alliterationen zu verpacken? Damit sind wir groß herausgekommen, hah! Frag mal die Bild, wo sie wäre, ohne die legendären Laternenlumpis!«
Lisa beließ es lieber dabei. 

In der Lampe angekommen, empfing sie ein gedämmtes Licht und eine riesige, gedeckte Festtafel. Lisa erkannte exorbitante Torten, Schüsseln voller Bonbons und Berge von Schokolade. 
»Das wollt ihr alles essen?«, fragte Lisa ungläubig. »Ist das nicht ungesund?«
»Nun, du musst wissen, wir Laternenlumpis reagieren allergisch auf alles, was gesund ist«, grübelte Killefitz laut. 
»Das ist gelogen!«, lachten hundert vergnügte Stimmen gleichzeitig im Chor. Dann machten sie sich in einem Affenzahn über das Festmahl her.
Während sie Unmengen an Bonbons in sich hineinstopfte, erzählte Lisa den Lumpis aus ihrem Leben. Vor allem von Dennis und ihren Eltern, aber auch von Herr Dirk und dass sie sich Freunde wünschte. 
»Na dasch ischt doch kein penibelesch Problem. Jede neue Nascht um schwölf kommscht du vorbei. Und dann laschen wir die Schau rausch«, nuschelte Killefitz, während er versuchte mit den drei Tortenstücken in seinem Mund fertigzuwerden. Er schluckte eifrig herunter. »Aber das mit diesem dämlichen Dennis klingt ja wirklich übel. Wir sollten ihm eine lehrreiche Lektion erteilen, findest du nicht?«
»Aber wie? Er ist groß und gemein.« Lisa wusste wirklich nicht, wohin das hier führen sollte. Sie kam die Lumpis gerne besuchen, aber sie waren doch noch kleiner als sie? Wie sollten sie ihr gegen Dennis helfen? Und er wusste dann doch auch, dass die Lumpis existierten, oder nicht?
»Ich sage dir mal was. Wir Lumpis haben eine zartbesaitete Zauberkraft«, erklärte Killefitz mit geschwollener Brust. »Wir können uns in die genialen Gedanken der Kinder verwandeln. Wollen wir es mal ausprobieren? Stelle dir einfach etwas vor. Nicht zu groß bitte, die dreimal-verfluchte-Decke, du verstehst?«
Lisa nickte, wobei sie nicht ansatzweise verstand, wie das, was Killefitz da erzählte, irgendwie möglich sein sollte. Dann formte sie einen Gedanken. »Bereit«, gab sie zu verstehen. 
»Und eins, zwei, drei«, Killefitz schnippte mit dem Finger.
Lisa entwich ein aufgeregtes Stöhnen, als der weiße Tiger aus ihren Gedanken direkt vor ihrer Nase auftauchte und ihr zärtlich über die Stirn leckte. Es kitzelte so sehr, dass sie nicht anders konnte als zu lachen. Sie vergrub ihr Kopf in seinem weichen Fell und vergaß für einen Augenblick jeden anderen Gedanken. 
»Nun, äh, du machst mich ja ganz verlegen«, lachte der Tiger mit Killefitz Stimme. Dann stand er wieder vor ihr. 
Da kam Lisa auf eine Idee. »Nun, vielleicht kannst du mir doch bei meinem Problem helfen«, kicherte sie diebisch. »Aber jetzt sollte ich fürs Erste in mein Bett zurück. Nicht, dass meine Eltern sich noch fragen, wo ich bin. Und morgen habe ich Schule.«
»Schule stinkt nach schnöder Socke. Aber wenn du unbedingt möchtest, schicke ich dich natürlich wieder zurück«, gab der Gnom achselzuckend zu verstehen. 
Draußen angekommen, griff er ihre Hand. »Mach dich bereit, das wird ein Ordentlicher«, erklärte Killefitz ernst, während er sich die Nase zuhielt.
Mit pochendem Herzen wartete Lisa ab, was geschehen würde. 
Dann ging ein Ruck durch ihren Körper, als sie vom Boden abhoben und mit einer unfassbaren Geschwindigkeit in das schwarze Nichts katapultiert wurden. 
»Bis morgen!«, verabschiedete sich Killefitz, dann schleuderte er sie von sich. 
Wieder griffen unsichtbare Hände nach Lisa, doch dieses Mal erschien es ihr nicht so beängstigend. Nach einem weiteren heftigen Ruck riss sie die Augen auf und stellte überrascht fest, dass sie sich wieder in ihrem Zimmer befand. Ungläubig betrachtete sie den Schatz in ihren Händen. Die kleine, unscheinbare Schachtel, in der sich die Welt der Laternenlumpis befand. Schnell verstaute sie die Dose unter ihrem Kopfkissen und schleif sofort ein. 

Am nächsten Tag fiel es Lisa überhaupt nicht schwer, in die Schule zu gehen. Sie rannte den Weg fast. Dann bemerkte sie Dennis, wie er ihr, mit den beiden Jungs im Schlepptau, in einem versteckten Winkel des Schulhofes auflauerte.
Na warte!
Als er sie erblickte, kam er ihr hämisch grinsend entgegen. »Na, kleiner Angsthase. Heute schon nach Mama geheult?«, rief er zu ihr herüber. 
Schnell öffnete Lisa die Dose und dachte dabei an den großen weißen Tiger, in all seiner Pracht.
Mit einem majestätischen Brüllen fegte Killefitz über die Straße und rannte den Jungs mit gefletschten Zähnen entgegen. 
Dennis brachte nur noch ein Quicken zustande, während er panisch kreischend versuchte, sein Leben zu retten. »Mamaaa!«
Die anderen Jungs folgten ihm dichtauf.
Lisa kamen die Tränen vor Lachen. »Ich danke dir«, hauchte sie, gerührt vom Einsatz des Laternenlumpis.
»Hat er dich gerade Angsthase genannt?«, erwiderte Killefitz lachend, während er an ihr vorbeieilte und schnell wieder in der Dose verschwand. 
Dann rauschte auch schon Dennis aus dem Schulgebäude, in Begleitung der Klassenlehrerin. »Ich sage es doch, der Tiger war hier, Frau Jeken«, versuchte er wieder und wieder zu erklären, während er sich die Tränen aus dem Gesicht wischte.
Auf den fragenden Blick der Lehrerin erwiderte Lisa nur: »Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon er spricht.« Sie tastete nach der Dose in ihrer Tasche und lächelte kurz. Dann schritt sie an ihnen vorbei ins Schulgebäude.