Das ganze Kapitel zu schreiben habe ich diese Woche einfach nicht geschafft, aber ich möchte euch das bisherige Geschehen nicht vorenthalten. Also habe ich mich doch dazu entschieden, das Kapitel zu splitten. Der Rest folgt dann nächsten Donnerstag. 🙂






Die erste Nacht brach über sie herein. Der volle Mond spiegelte sich spielerisch auf der Wasseroberfläche des Meeres und verwandelte sie in glänzendes Glas. 
Das Rauschen der See wurde in regelmäßigen Abständen lediglich durch das eindringliche Knarren der Ruder unterbrochen, die das Schiff vorwärts zogen. 
Solange sie noch in Küstennähe blieben, konnten sie auch nachts noch etwas Strecke machen, bevor sie die Schiffe an Land zogen, um zu rasten. 
Snorri ließ es zu, dass ein inniges Gähnen über seine Lippen wich. Den ganzen Tag hatte er die Ruderbank bemannt und hinaus auf das Meer gestarrt. 
Jedes Mal, wenn er glaubte eine Insel auszumachen, stellte sich dieser Gedanke als trügerische Fehleinschätzung heraus. Nun schmerzten seine Knochen von der harten Arbeit an Deck. 
Wer nicht ruderte, musste sich um andere Dinge kümmern.
Knutson schien jede noch so nichtige Aufgabe einzufallen, um ihn zu beschäftigen. Deck schrubben. Vorräte inspizieren. Waffen putzen.
Snorri spuckte aus. Wäre dieser Mistkerl nicht unser Steuermann, würde ich ihn eigenhändig von Bord schmeißen. Soll Njörðr sich seiner erbarmen.
Seit Beginn ihrer Fahrt wirkte der erfahrene Nordmann so, als nagte der Zorn an ihm. 
Harsche Befehle schienen alles zu sein, was Knutson durch den Kopf ging, und einige der Männer begannen schon damit, hinter vorgehaltener Hand über seine Führung zu murren. 
Eine Tatsache, die Snorri in Alarmbereitschaft versetzte, denn schließlich waren die Männer aus Ustenström ihnen an Zahl dreifach überlegen. 
Dann endlich drehten sie bei und hielten auf einen seichten Strand zu, der ein einfaches Lager versprach. 

Als Snorri das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder festen Boden unter den Füßen fand, konnte er nicht umhin, etwas Erleichterung zu empfinden. 
Seine Stiefel versanken im weichen Sand und er begann damit, den Männern beim Entladen des Schiffes zu helfen. 
»He Bengel, das ist für uns, also pass besser drauf auf!«, bellte ihm ein wuchtiger Kerl aus Ustenström entgegen, bevor er ihm einen Beutel voll Stoff zwischen die Füße warf. Zelte für die Nacht. 
»Danach kannst du Holz hacken und, wenn du kannst, auch ein Feuer entzünden. Meine Männer wollen Fleisch, verstanden?« Der Krieger baute sich mit einem triumphierenden Grinsen vor Snorri auf, wobei er ihn bestimmt um einen Kopf überragte. 
Ein übler Gestank drang aus seinem Mund und seine fleischigen Wangen wackelten auf und ab, während er sprach, was Snorri instinktiv an ein Wildschwein auf Futtersuche erinnerte. 
»Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen oder mir lieber ernsthafte Sorgen über deinen Frauengeschmack machen sollte, wenn du mich wirklich für dein Weib hältst«, entgegnete er frech. 
Eine Handvoll Männer neigte bei diesen Worten den Kopf in seine Richtung. 
In einigen Gesichtern fand Snorri einen undefinierbaren Ausdruck. Er roch förmlich nach Gefahr. 
Noch bevor er reagieren konnte, packte ihn der Mann am Kragen. »Sag das nochmal und ich mache dich wirklich zu einer Frau«, grunzte er. In seinem Blick schwang eine unbändige Mordlust mit. 
»Loslassen!«, knurrte Snorri wutentbrannt. Was fiel diesem Kerl ein?
»Wie du meinst«, lachte der Mann und stieß ihm hart in die Rippen, sodass er keuchend in den Sand stürzte. 
Ein paar der Männer lachten derbe. »Einen Krug auf mich, wenn er das überlebt«, feixte einer von ihnen. 
Snorri spürte, wie die Wut in ihm aufkochte. »Na warte!« Er griff sich eine Handvoll Sand und schleuderte sie dem Ustenströmer ins Gesicht.
Fluchend bedeckte der Mann seine Augen.
Diesen Moment nutzte Snorri, um ihm die Faust ins Gesicht zu rammen. Schmerz pochte durch seine Hand, doch er verdrängte ihn. 
Aber der Nord ging nicht zu Boden. Er wischte sich den Sand aus den Augen und es gelang ihm Snorri zu packen. »Du bist ein toter Mann«, versicherte er und griff nach seinem Messer.
Panisch versuchte Snorri sich aus dem festen Griff zu lösen, doch es gelang ihm nicht. Dieses Mal schien das Glück nicht auf seiner Seite zu sein. »Du Bastard! Willst du mich etwas umbringen?!«, fluchte er lautstark, in der Hoffnung ihm würde jemand zur Hilfe eilen. Sein Blick traf auf Knutson, der dem ganzen Treiben mit gebleckten Zähnen zusah. Ist er wirklich so ein Hund? Liefert mich an die Ustenströmer aus? Ein grollendes Knurren entwich seiner Kehle. 

»Aufhören, alle beide! Sofort!«, schnitt plötzlich eine Stimme durch die Luft, scharf wie ein Schwert. Islav schritt an die Gruppe heran, Aegir und ein paar weitere bekannte Gesichter folgten ihm dichtauf. 
Snorri atmete erleichtert aus. Heute würde er noch nicht sterben. 
Der Griff seines Gegenüber erschlaffte. »Ein vorlauter Bengel wie er hier sollte sich lieber zweimal überlegen, ob er einen Mann aus Ustenström verärgert!«, rief er der Menge schäumend entgegen. 
Die anderen Männer, die sich noch an Bord der Donnermaid befunden hatten, stellten sich mit verschränkten Armen hinter ihm auf.
Die sind viel mehr als wir. Ich hoffe das geht gut aus. Snorri merkte, wie sich sein Körper verkrampfte. Das Pochen in seiner Hand nahm an Intensität zu, bis er letztendlich sogar ein eindringliches Rauschen in den Ohren wahrnahm.
Er biss sich ungewollt auf die Lippe. Ein bitterer Geschmack erfüllte seinen Mund. 
»Du bist nicht mein Jarl. Ich pfeife drauf was du sagst!«, fauchte der Mann in Islavs Richtung und sein Griff um das Messer versteinerte sich. 
Aufgeregte Schrei ertönten und plötzlich warfen sich beide Seiten wüste Beschimpfungen an die Köpfe. Einige der Männer griffen nach ihren Waffen. 
Islav rief seine Männer zur Ordnung auf, doch die Situation drohte zu eskalieren. 
Snorri fletschte die Zähne. Wenn sie sich dazu entscheiden würden, anzugreifen, war er bereit. 
»Kommt doch!«, bellte Yorrik, während er seine Axt durch die Handfläche kreisen ließ. 
Ein Mann aus Ustenström quittierte seine Herausforderung mit einem unflätigen Fluch.

Dann schritt Magnar in die Menge und hob beschwichtigend die Hände. »Knarr, du hältst jetzt dein dreckiges Maul und steckst sofort das Messer weg, haben wir uns verstanden?«
Snorri bemerkte sofort, dass dieser Mann es gewohnt war Befehle zu erteilen. 
Ohne ein Widerwort gehorchte Knarr. Für einen Moment herrschte eine bedrückte Stille. 
»Ich denke, das sollte reichen«, der Jarl aus Ustenström nickte Islav kurz zu, dann winkte er seine Männer fort und befahl ihnen ein Lager zu errichten. 
Auf Snorris Nacken formte sich eine Gänsehaut. Magnar war ihm unheimlich. Dieser Blick. Darin lag eine eisenharte Grausamkeit.
Er versuchte den Gedanken auszublenden, was ihm nicht sofort gelang. 

Dann packte ihn jemand bei der Schulter. »Willst du dich unbedingt umbringen lassen?«, zischte ihm Aegir ins Ohr. 
»Was soll ich denn sonst tun? Mich wie ein Mädchen behandeln lassen? Er hat mich herausgefordert und bekommen, was er verdient hat.« Auf den Tadel seines Bruders konnte Snorri jetzt getrost verzichten.
»Er hätte dich fast ausgeweidet. Ich will nicht mit ansehen müssen, wie jemand meinen kleinen Bruder ermordet, bevor er überhaupt das erste Mal wirklich zur See gefahren ist. Du reißt dich jetzt besser zusammen«, forderte der Riese eindringlich. »Auch Islavs Geduld kann ihr Ende finden und dann wehe dir Gott.« Er wandte sich ab und stampfte davon. 

Snorri blickte ihm ungläubig hinterher. Was hat er da gerade gesagt? Wehe mir Gott? Diese Floskel war ihm bisher noch nie untergekommen. Kann es sein, dass…? 
Finstere Gedanken voller übler Vorahnung legten sich um ihn und drückten schwer auf sein Gemüt. Selbst als das Zelt stand und ein fetttriefender Keiler über dem Feuer brutzelte, verbesserte sich seine Stimmung nicht. 
Die Gespräche der anderen, über den heutigen Vorfall mit den Ustenströmern, bekam er nur am Rande mit. Alle seine Gedanken drehten sich um seinen großen Bruder Aegir und das flaue Gefühl in seinem Magen. 
Irgendwann beschloss Snorri, dass es vermutlich besser war den heutigen Tag einfach zu vergessen. Er verabschiedete sich von den anderen und legte sich schlafen. Unruhig wälzte er sich auf und ab, bis er in einen dunklen Traum stürzte.