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Monat: Oktober 2020

NaNoWriMo Planung 2020

Die Planung für den NaNoWriMo im November 2020 konnte ich nun endlich zu gut 90 % fertigstellen. Auch wenn es nicht gerade einfach werden wird, so bin ich doch ziemlich positiv gestimmt. Denn ich habe mehr Zeit zum Schreiben als ich dachte. Diese Schreibzeit hängt von meinem Dienstplan ab, der dieses Mal mir doch recht in die Hände spielt.

Bereits in 2017 und 2018 habe ich am NaNoWriMo teilgenommen, allerdings nicht wirklich strukturiert.

Für 2020 bin ich anders als die bereits erwähnten Jahre ein wenig strukturierter an die Sache rangegangen. Ich möchte mehrere Szenen bzw. Kurzgeschichten zu meinem Großprojekt schreiben, wozu ich mir im Sommer einige Gedanken gemacht habe.

Zum Einen habe ich mir eine Liste erstellt, an der ich mich orientieren kann um meine kleinen Geschichten niederzuschreiben.

Und zum Anderen habe ich einige Szenen, die es nicht in das Projekt geschafft haben, vorliegen und nun davor stehen endlich ein Eigenleben zu bekommen.

Dies mache ich in erster Linie um Charaktere besser kennenzulernen oder auch gewisse Dinge für mich auszuarbeiten.

 

Sicherlich ist das Ziel mit 50.000 Wörtern recht groß, aber es gibt mehr als genug Menschen, die es immer wieder packen.

Also ran an das was ich vorbereitet habe und so viel geschrieben wie es nur geht.

kai.78 – Teil 2 von Saigel

Das System ist vollkommen zusammengebrochen. Die Einheiten sind auf der ganzen Welt verteilt, aber es ist nicht möglich, Kontakt zu ihnen herzustellen. Wir sitzen seit Jahren in der Basis fest und können aufgrund der Aschewolke nicht hinaus. Vorräte haben wir für die nächsten achthundert Jahre. Aber allmählich werden alle verrückt. Kein Tageslicht. Keine frische Luft. Dieser Bunker macht krank. Der Mensch ist nicht dafür gemacht, unter der Erde zu leben. Ich möchte wissen, ob wenigstens eine meiner Einheiten den Ausbruch überlebt hat.

„Kapitän“, ich drehe mich um. Es ist Morgan. „Der Sergeant bittet um die Abschaltung des Senders“.
„Nein“.
„Kapitän“, sie blickt verunsichert, aber sie hat ihre Befehle. „Der Sergeant bittet Sie. Das Signal ist der Grund, weshalb es bereits zu Ausschreitungen am unteren Westtor kam“.
„Der Sender wird nicht ausgeschaltet“. Ich sehe einen Schatten von Hoffnung über das Gesicht der Matrosin huschen. Doch dann besinnt sie sich wieder ihres Auftrags.
„Kapitän. Es hat niemand überlebt“.
Ich schüttele den Kopf. „Das können Sie nicht wissen. Und der Sergeant auch nicht. Ich schalte den Sender nicht aus“.
Morgan senkt den Blick.
Wir wissen beide, dass mich meine Sturheit sehr bald meine Position und vielleicht auch mein Leben kosten wird. Aber was ist schon ein Leben im Vergleich zu vielen anderen? Das Signal auszuschalten ist ein Todesurteil für jede einzelne Seele da draußen, die es irgendwie geschafft hat, zu überleben. Ich weiß das und Morgan weiß das auch. Morgan mag mich. In einer anderen Welt wären wir wohl ein Paar geworden und hätten Kinder gehabt. Aber in dieser Realität bin ich der Kapitän und sie eine Sklavin des Sergeants.
„Ich richte es dem Sergeant aus“, sagt Morgan leise und dreht sich zum Gehen um.
Ich versuche, ihr nicht nachzusehen. Ihr in Gedanken nicht noch den ganzen restlichen Tag nachzuhängen. Doch mir gelingt beides nicht.

Es ist endlich geschafft. Meine Modifizierung ist abgeschlossen. Mein dem Menschen nachempfundener Körper steht gegenwärtig knie abwärts auf robusten Rädern. Ich hoffe, sie sind geländegängig. Wissen kann ich es nicht. Ich konnte sie nicht wiegen und bin mir deshalb über ihr Gewicht im Unklaren. Somit konnte mein System keine Berechnungen diesbezüglich anstellen. Es belustigt mich, dass ich nicht alle Risikofaktoren analysieren kann. Kai hat sich nicht ohne Grund für mein Modell entschieden: ich riskiere niemals etwas. Das ist mein Typ. Ich habe die weltweit größten Datenbanken von ZARP in meinem System gespeichert. Durch den Datenabgleich kann ich Risiken passgenau berechnen. So soll Kais Überleben gesichert werden. Manchmal frage ich mich, was Kai wohl getan hätte, wenn er mein Ergebnis für das Risiko des Vulkanausbruchs abgefragt hätte. Es lag immerhin bei 89%. Allerdings existiert in meinem System keine Hinterlegung einer solchen Abfrage. Hinterlegt ist jedoch die Statistik, dass der Mensch zu 99,99% dazu neigt, die falschen Fragen zu stellen.

So mache ich mich also auf den Weg. Ich freue mich und bin lediglich zu drei Prozent nervös. Manchmal kann ich mich nur über kai wundern. Er entspricht von Zeit zu Zeit den Datensätzen eines Achtjährigen anstatt eines Dreihundertfünfundsechzigjährigen. Allerdings ist es Tatsache, dass die Menschen ihr Bewusstsein nicht mit ihren Gefühlen verknüpfen können. Freudig und wenig aufgeregt lasse ich also meine Räder drehen. Es ist einfach, aber es verbraucht viel Energie. Meine Akkus werden schnell leer sein. Aufladen kann ich sie mithilfe von Sonneneinstrahlung, radioaktiver Strahlung oder dem Umsatz von Plastik. Die Reibung der Fasern erzeugt in meinem System große Energien. Allerdings ist es ein Drahtseilakt. Die Reibung darf nicht zu forsch unternommen werden, da geschmolzenes Plastik meine Kontakte verschließt.

Die Umgebung wird in einem Abstand von zweieinhalb Millisekunden gescannt. Bis jetzt sind da nur sehr viele Steine. Ob es vulkanisches Gestein ist kann ich nicht klar bestimmen. Ich müsste eine Probe nehmen, allerdings sagt mir die Risikoberechnung, dass mich die Gesteinsanalyse für eventuelle Jäger als Ziel enttarnen könnte, da ich mich zu lange an einer Stelle aufhalten würde. Bewegung reduziert dieses Risiko beträchtlich. Dennoch kann ich nicht damit aufhören, die Gesteinsbrocken zu scannen. Etwas flattert in mir. Mein System analysiert es als Neugierde. Ein menschlicher Impuls. Normalerweise sollte mein System derartige Impulse unterdrücken. Andererseits habe vielleicht auch ich während der großen Katastrophe den ein oder anderen Schlag abbekommen. Meine Statistik ergibt, dass kais Impuls auf Dauer zu dominant wird, da die Neugier wächst, wenn ihr nicht nachgegangen wird. Ein seltsamer Zustand ist das. Ich kann mich lediglich darüber wundern, dass ich ein permanent ansteigendes, über die Maßen drängendes Flattern empfinde. Ich bin allerdings nicht darauf ausgerichtet, dass der Mensch in mir die Kontrolle übernimmt. Schließlich schlummert er! Wie empörend das doch ist, dass ich mich von dem Schatten eines schlummernden Bewusstseins derartig getrieben fühle? Ja. Ich möchte sie analysieren. Diese Steine. Jeden Einzelnen von ihnen. Ich bleibe stehen und bücke mich. Einer der kleineren schwarzen Steine liegt auf meiner Handfläche und ich zerdrücke ihn. Was ist das für eine Freude! Durch mein Innenleben geht ein gewaltiger Stoß. Mein System stottert. Ich kann es nicht mehr erwarten. Ein Stück des Steines wandert in meinen Mund und die Analyse beginnt. Doch, diese Freude! Was ist das? Ohne das Ergebnis abzuwarten bücke ich mich erneut. Ich hebe den nächsten Stein auf. Er ist schwerer. Was das wohl für ein Material ist? Wieder zerdrücke ich ihn. Ist das … Spaß? Meine Sensoren sind heiß. Das letzte Mal, dass eine Übertemperatur der Sensoren verzeichnet wurde ist genau 134 Jahre, neun Monate, 20 Wochen, sieben Tage, acht Stunden, 34 Minuten und 13 Sekunden her. Außergewöhnlich!
Der nächste Stein wandert in meinen Mund. Die Analyse ergibt ständig dasselbe: Vulkangestein. Und doch, ich kann nicht aufhören. Ich bücke mich, zerdrücke den Stein, analysiere ihn. Dieses Flattern! Vulkangestein. Mein System errechnet die 100%ige Chance, dass jeder Stein hier Vulkangestein ist. Trotzdem bücke ich mich weiter. Ich zerdrücke den Stein und ab damit in den Mund. Was für ein Gefühl!

Ich habe alle Steine gegessen. Es ist bereits dunkel und die Risikoanalyse hat einen systemischen Alarm ausgelöst. Ich fahre los und berechne die Wahrscheinlichkeit, dass kai aufgewacht sein könnte. Das Ergebnis liegt bei 0,000000023 Prozent. Es ist unmöglich. Er schlummert und dominiert dennoch das System. Ich fahre schneller. Über 80 Stundenkilometer. Unebenheiten im Boden lassen mich auf und ab springen. Manchmal hebt mich ein größerer Hügel hoch in die Luft und ich lande dennoch wieder ohne Schäden auf den Rädern. Ich beschließe, die Nacht für die Fahrt zu nutzen. Die Dunkelheit kann so manche Ablenkung verdecken. Wenn auch nicht alle. Allerdings belustigt mich ebenso die Geschwindigkeit. Ich bemerke, dass die Einsamkeit in den Hintergrund rückt. Der Schmerz vergeht.

Die Aneignung des Lebens

Ich könnte nun die Geschichte einer mutigen jungen Frau erzählen. Die Geschichte einer Frau, die sich entgegen aller Erwartungen unbegreiflichen Schrecknissen entgegenstemmt und letztlich mit wehenden Haaren aus den Fängen ihrer Häscher entkommt und auf dem Rücken eines Pferdes in die Nacht reitet. Das wäre eine finstere, dunkle Geschichte, aber sie hätte immerhin ein gutes Ende und einen sympathischen Hauptcharakter, der an den ihm auferlegten Prüfungen wächst.

Ich bedaure zutiefst, dass das Leben ein schlechter Autor ist.

Ich weiß nicht, warum ich die Begebenheiten hier aufschreibe. Meine Kerze ist beinahe heruntergebrannt und ich darf nicht annehmen, dass jemals irgendjemand diese vergilbten Pergamentseiten finden wird. Ich befinde mich tief unter der Erde in einem Raum ohne Fenster. Ich sitze auf dem einzigen Stuhl vor einem altertümlichen Schreibpult. Die einzige Tür ist fest verschlossen und ich werde sie niemals öffnen. Dieser Raum wird meine letzte Ruhestätte.

Ich habe mir immer gewünscht, vor meinem Tod etwas hinterlassen zu können. Doch ich hätte niemals vermutet, dass die Geschichte der Frau M. die letzte sein würde, die aus meinen Fingern fließt. Dennoch, ihr Gesicht, ihre Miene und ihr Name gehen mir nicht mehr aus dem Sinn. Ich will ihr meine letzten Stunden widmen.

Eigentlich wollte ich meinen Lebensabend in der Nähe des Schwarzen Buchs mit all seinen Versuchungen zubringen, doch es liegt unerreichbar weit entfernt in einem anderen Raum, in einer anderen Zeit meines Lebens. Es ist auch nicht nötig, einen weiteren Blick hineinzuwerfen. Die süßen Lehren auf diesen Seiten werden bis auf alle Ewigkeit in meinen Gedanken widerhallen. Auch in diesem Moment höre ich das Flüstern der verbotenen Worte in meinem Gedächtnis. Ich will sie hier nicht aufschreiben, denn das Aussprechen dieser Silben könnte den Verstand eines leichtfertigen Abenteurers sprengen und ihn bis an sein Lebensende zu einem zitternden Nervenbündel verdammen.

Als ich M. zum ersten Mal sah, saß ich tagsüber in einem Restaurant in einem Einkaufszentrum. Damals genoss ich ein Leben, das zur einen Hälfte aus eintönigem Arbeitsalltag und zur anderen aus dem Reiz nächtlicher Geheimnisse bestand, die in regelmäßigen Abständen einen bestimmten Tribut forderten. In diesem Einkaufszentrum befand ich mich auf Pirsch, hinter einer Zeitung und einer dampfenden Tasse Kaffee verborgen, und behielt alle möglichen Kandidaten im Auge. Ich tat dies nicht zum ersten Mal und hätte es unter Gewissheit auch nicht zum letzten Mal getan, wenn das Schicksal mich nun nicht zu diesem einsamen Tod unter der Erde verdammen würde.

Die Kriterien einer geeigneten Person sind mannigfaltig und doch dermaßen simpel, das ein perfekter Tribut auf den ersten Blick erkannt werden kann. Als ich M. sah, wusste ich, dass meine Suche zu Ende war.

Wie sollte ich sie beschreiben? Wenn ich sie vorher als Frau bezeichnet habe, so war das gnädiger Selbstschutz. M. war ein junges Mädchen von fünfzehn Jahren, das vor Lebenslust geradezu übersprühte. Sie besuchte das Restaurant an diesem Tag mit einigen Schulfreunden und wirkte geradezu wie eine elektrisierende Laterne reinsten Lichts zwischen den übrigen Jugendlichen. Sie trug lockere, bunte Kleidung, die ihre physischen Vorzüge auf sehr unschickliche Art und Weise hervorhob, dazu ein kleines Täschchen, in dem sie wohl ihr Handy und ihre Geldbörse aufbewahrte. Auf ihrem Kopf saß ein weißer Sommerhut, der mit den rabenschwarzen Haaren kontrastierte. Doch am meisten bannten mich ihre Augen – diese saphirblauen, schimmernden Augen! Das Leben schien geradezu aus ihnen herauszufließen wie klares Wasser aus einer Gebirgsquelle.

Als Apostel des einzig Wahren haben wir stets das Leben gesucht, denn es zerfloss uns zwischen den Fingern. Jeden Monat erinnert mich mein schwacher Körper an meine eigene Unwürdigkeit. Der Gott des Schwarzen Buches tauscht Leben gegen Leben, aber er ist unersättlich und unerbittlich.

Ich beschattete M. eine Zeitlang und schlich mich sogar in der Verkleidung eines Installateurs in ihre Schule. Allein die bloße Nähe zu ihr ließ mein Herz höher schlagen. Kein Zweifel, sie war die Person unserer Träume. Als ich in einer Pause ihr Lachen hörte, wählte ich die Nummer des Abts.

»Gut«, sagte er nur. Er sprach wie üblich mit dunkler, rasselnder Stimme und erinnerte mich dabei, dass auch seine Kräfte mit jedem Atemzug schwanden.

Die folgenden drei Nächte verbrachte ich nie im Bett. Gemeinsam mit meinen Brüdern beschattete ich M. und kundschaftete ihr Zuhause – ein schöner, weiß gestrichener Bungalow mit großer Glasfassade – aus. Unsere Sehnsucht einte uns auf unseren Beobachtungsposten. Wir alle wurden von dem Verlangen nach ihrem Licht verzehrt.

Zwei Nächte später war der große Augenblick gekommen. Wir alle boten einen schrecklichen Anblick und verhüllten unsere Mienen mit den dunklen Kapuzen, um nicht unsere bleichen, ausgemergelten Gesichter mit den hervortretenden Augäpfeln voller Gier und Mordlust sehen zu müssen. Die schwarzen Kutten streiften über den Boden und alarmierten den Vater, der uns auf dem Gang überraschte. Nach einem kurzen Handgemenge und einem erstickten Schrei erklang nur noch das Tropfen des Bluts auf den Stufen.

Es gab auch noch eine Mutter und einen Bruder, doch beide interessierten uns wenig. Selbst Bruder Malach, der eine große Liebe für Knaben hegt, war völlig auf unsere Auserwählte fixiert.

M. erwachte erst, als wir sie in ihrem Bett schon gefesselt und geknebelt hatten. Den Ausdruck des übermächtigen Entsetzens in ihren saphirblauen Augen werde ich niemals vergessen. In dem Moment, als sie sich aufbäumte und gegen die Ketten wehrte, spürten wir alle unsere Kräfte zurückehren.

Unentdeckt verließen wir das Haus und brachten M. mit dem Lastwagen einer Metzgerei (einer von uns besaß einen Schlachthof und ein Geschäft) ins Verlies. Auf dem Altar entkleideten wir sie zunächst, bevor wir die Ketten befestigten.

M. war völlig starr vor Schreck und schien bereits jegliche Gegenwehr aufgegeben zu haben. Erst während des Rituals kehrte ihre Energie zurück.

Der Abt las mit seiner wie üblich sonoren Stimme aus dem Schwarzen Buch, während wir unsere Rollen ausfüllten. Ms Schreie umschmeichelten unsere Ohren wie Wasser die Kehle eines Verdurstenden und erzeugten mit dem Geräusch klirrender Ketten, gegen die sie sich stemmte, ein blasphemisches Orchester. Kurz vor dem Höhepunkt flehte sie mich um Gnade an, während ihre saphirblauen Augen sich beinahe in die Höhlen drehten und das freudvolle Licht der Iris brach. Ihre Worte erfreuten mich besonders und wärmten mein Herz. Zum Dank erwies ich ihr besonders viel Zärtlichkeit.

Unsere Kräfte wuchsen und wuchsen. Meine Haut straffte sich, meine Hände gewannen ihre alte Kraft und Gewandtheit und mein Atem ging leicht, ohne zu rasseln. Es geschah zu diesem Zeitpunkt, dass der Herr des Schwarzen Buchs unter uns wandelte.

Wir nahmen ihn nur als schattenhafte Figur wahr, deren Oberfläche sich kontinuierlich verwandelte. Wie lebendiger Rauch zeigten sich in seiner Körperform verschiedenste Umrisse. Ich glaubte, die Gesichter vergangener Tribute darin zu sehen, während Bruder Malach verzückt den Namen eines verstorbenen Knaben rief.

Bis zu diesem Zeitpunkt verlief alles auf gewohnte Art und Weise. Jedoch begannen nun aus völlig unerfindlichen Gründen Zweifel in mir zu sprießen. Sie kamen nicht in Form von Worten oder vernünftigen Gedanken, sondern in Form von Bildern, die ich längst vergessen glaubte. Da erkannte ich mit einem Mal, woran mich M. wirklich erinnerte und warum ich mich so zu ihr hingezogen fühlte. Entferntes Kinderlachen drang in jenem Moment an meine Ohren. Beinahe glaubte ich, eine kleine Hand zwischen meinen Fingern zu spüren.

Ich kann mich nur noch schemenhaft an das Folgende erinnern. Meine sanften Zweifel lösten eine Kakophonie des Grauens aus, als es an mir lag, Ms Blut dem Herrn darzubieten. Grässliches Geschrei ertönte und einen Augenblick lang hüllte mich ein dunkles Meer aus wutverzerrten Gesichtern ein. Schattenhafte Hände griffen nach mir und meinen Brüdern und im nächsten Augenblick hörte ich ein seltsames Geräusch aus der Kehle des Abts, so als ob eine gewaltige Menge Körperflüssigkeit unter Zwang durch eine viel zu enge Öffnung nach außen gedrückt werden würde. Die anderen Brüder erlitten ähnliche Schicksale.

Blind vor Panik eilte ich davon. Ich fand eine Tür und stieß sie hinter mir zu. Ehe ich mich versah, wurde sie von außen abgesperrt. Ich zog und zerrte an dem Schloss herum, doch es erklang nur schauriges Gelächter.

Ich bin hier eingesperrt und dazu verdammt, elend zu verdursten. Der Herr des Schwarzen Buchs mag mich beim Ritual verschont haben, doch das war kein Akt der Gnade. Er lauert im Verborgenen und sieht mir zu, sieht mir dabei zu, wie meine Schrift immer fahriger und mein Atem immer unregelmäßiger wird. Immer wenn der Kerzenschein flackert, vermeine ich in der Dunkelheit seine schattenhafte Gestalt zu erkennen, aber immer nur aus den Augenwinkeln, sodass ich nie Gewissheit haben kann.

Mir fehlt die Kraft, mich gegen das Schicksal aufzulehnen. Ich besaß nie die nötige Kraft dazu. Als das Schwarze Buch mir auf meine brennenden Fragen blasphemische Antworten bot, ließ ich mich nur allzu gern davon führen. Wie hätte ich sonst auch in dieser grausamen Welt überleben sollen? Nur das Schwarze Buch konnte mir die nötige Kraft verleihen.

Doch es ist noch nicht vorbei. Ich höre etwas auf der anderen Seite der Tür – ein Klirren von Ketten. M. ist vielleicht noch am Leben. Wenn sie mich befreit, könnte ich Vergebung erbitten …

 

Anmerkung von Damian von Liebgard

Meinen Quellen nach zu urteilen wurde dieses Schreiben vor einigen Jahren in einem alten Verlies unterhalb der Rabengruft-Villa in Krähenberg gefunden. Daneben lag die Leiche eines erwachsenen Mannes, mit stacheligen Ketten umschlungen. Außerdem fand man die blutigen Kleider eines jungen Mädchens – ein rosarotes T-Shirt und eine kurze Hose. Auffallend war zudem ein steinerner Altar mit geschwärzter Oberfläche.

Bei der männlichen Leiche handelt es sich um den Bürger Hans S. Die Überreste seiner Ordensbrüder konnten wir nicht finden. Hans S. war auch der einzige Bürger Krähenbergs, der an jenem Tag den Tod fand. Könnten die Ordensbrüder aus einer anderen Stadt stammen?

Die Archive verraten auch nichts von einem Einbruch, einem Mord oder einer Entführung in sämtlichen Städten der Umgebung zu diesem Zeitpunkt.

Wie weit sind die Ordensbrüder gefahren? Was hat sich in dieser Nacht tatsächlich ereignet?

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