Saigels Irr(e)lichter – wie viel verkraftet dein Leser?

Immer wieder gerate ich beim Schreiben an den Punkt, an dem ich mich frage, ob das, was ich aufgeschrieben habe, überhaupt für andere verständlich ist. Für mich ist es glasklar: Ich habe einen Gedanken, während ich schreibe. Allerdings stellt sich mir die Frage, wie viel Erklärung mein Leser braucht, um den Gedanken, der mich zum Schreiben brachte, auf dieselbe Art und Weise fassen zu können wie ich.
Dann frage ich mich weiter, ob es überhaupt nötig ist, dass mein Leser einen klaren Text vor sich hat, der nur eine Art der Interpretation zulässt. Ist es nicht das, was das Lesen für uns alle so schön macht? Eigene Gedanken zu entwickeln, Ansichten des Autors entweder anzunehmen oder abzulehnen, oder sich Teile davon herauszunehmen und ein anderes, stimmiges Bild herum zu bauen?
Dennoch hat etwas Grundlegendes an einem Text nicht funktioniert, wenn der Leser sich weder seine eigenen noch die Gedanken des Autors machen kann. Natürlich kann das auch daran liegen, dass sich der Leser nicht auf den Text einlassen konnte. Die Gründe hierfür sind vielseitig und für den Autor undurchdringbar. Manch einer legt den Text weg, weil er schlicht in keinerlei Hinsicht seinem eigenen Geschmack entspricht. Ein anderer beendet seine Lektüre aus persönlichen Gründen. Vielleicht ist es das Thema, mit dem sich der Leser zu diesem Zeitpunkt nicht auseinandersetzen möchte. Oder es ist die Aussage des Textes, der der Leser sich nicht zuwenden möchte. Jedoch können noch völlig andere Beweggründe vorliegen, individuelle Mischformen aus vielen Antrieben, die oft dem Leser selbst nicht immer bewusst sein können.
Kann sich jedoch keiner der Leser einen Reim auf den Text machen, sollte sich der Autor wohl an die eigene Nase fassen. An diesem Punkt befinde ich mich immer wieder. Einmal habe ich an Informationen gespart, die zwar für mich selbstverständlich, für den Leser allerdings nicht zu erraten waren. Ein anderes Mal habe ich mich zu sehr hinreißen lassen und das Spiel mit der Sprache derartig ausgereizt, dass mein erschlagener Leser nicht mehr hinter diesen Wall von Worten spähen konnte. Das nächste Mal habe ich beides in einem Text vereint und kann es dennoch selbst beim Schreiben nicht so sehen, denn meine Gedanken sind für mich vollkommen klar …
Der Sprung vom Hobbyautor in die Professionalität sehe ich unter anderem genau an dieser Stelle. Ein Autor, der sich verständlich machen kann, der viele, wenn nicht sogar alle seine Leser auf die eine oder andere Weise erreicht, hat eine wertvolle Gabe. Bis jetzt habe ich für mich noch keine Regeln diesbezüglich festlegen können. Manchmal erreiche ich die Leser, manchmal nicht. Oft funktioniert es dann mit nachträglichen Erklärungen. Allerdings sehe ich hierin keine Lösung für das Problem.

Wie so oft beim Schreiben, behandle ich die Thematik als abstrakt. Sie scheint mir oft mehr Gefühl als Regelbefolgung zu sein, da zu viele unbekannte Größen jeden Fall anders aussehen lassen und allgemein gültige Leitlinien wohl nur bedingt greifen können. Ich hoffe, das entmutigt niemanden, der das hier liest. Ich, als absoluter Meister im unklaren Ausdruck habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, irgendwann einen gangbaren Weg für mich zu finden. Das ist das Schöne am Schreiben.

Eure Saigel

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4 Gedanken zu „Saigels Irr(e)lichter – wie viel verkraftet dein Leser?

  1. Tja, das ist natürlich ein schwieriges Thema.

    Es gibt Leute, die einen Text, der rein gar nichts aussagt, lesen, die Lücken mit ihren eigenen Gedanken füllen und dann dafür den Text feiern. Sie haben die Kunst quasi selber erschaffen, loben aber jemand anders dafür.

    Finde ich offen gestanden nicht sehr ehrlich und auch keine Kunst, denn es wird niemandem etwas geben, dass nicht eh schon da war. Für mich ist ein gelungener Text einer, dessen einzelne Bausteine sehr klar darin sind, was sie aussagen, der aber auf einer höheren Ebene, wenn man die Bausteine zusammen puzzelt, bestimmte Fragen anstoßen darf. Fragen kann man beantworten, wie es einem beliebt; Lücken füllen muss man aber nicht dafür. Sie sind ganze Sätze. Ich achte deshalb darauf, dass meine Leser sich nicht mühsam zusammenbasteln müssen, was in der Geschichte geschieht. Daraus kann nichts Gutes erwachsen, nicht lehrreich, nicht spannend, nicht amüsant, nichts. Interessante abweichende Interpretationen beginnen für mich erst da, wo die Leser darüber nachdenken, warum es geschieht oder welche weiteren Implikationen es haben könnte.

    1. Lieber Yann,

      danke für deinen Kommentar. Meinungen sind verschieden und über Kunst scheinen sich sowieso grundsätzlich alle Geister zu scheiden. Danke für deine Sicht auf die Dinge.

  2. Hallo Saigel, an dem Punkt befinde ich mich seit vielen Jahren. Immer hin und her gerissen von der Überzeugung, Szenen überfüllt und andere vernachlässigt zu haben. Mal glaube ich zu viele Informationen zu geben und ein anderes Mal wähnt sich der Leser ganz woanders, als in der eigentlichen Szene, da vergesse ich die Hälfte zu erwähnen.
    Ich weiß nicht wie viele AutorInnen jede einzelne Szene so erleben wie der Leser? Wie viele Gedanken machen Sie sich und wie viele interessiert es gar nicht? Sie schreiben etwas, irgendwer liest es und gut. Haben Sie ein Buch herausgebracht, bringen Sie vielleicht ein zweites heraus und irgendwann, gehört der Autorenname einfach in das Bücherregal.

    Wer literarische Werke erschaffen möchte kommt tatsächlich auf eine gezielte Auseinandersetzung mit der Frage “Welches Schweinderl hätten’s denn gerne” nicht herum.

    Ich bin in Sachen Bücher eher der banalen Fraktion zugehörend. Ich lese etwas und wenn ichdie ersten Seiten wie im Flug und das Ende in kürzester zeit erreicht habe, dann finde ich das Buch gut. Wenn ich unterschwellig eine Message heraus lese, die mich anspricht, dann lese ich sicher ein zweites Buch dieses Autors etc.

    Vielen Dank für deinen Blick auf die Situation – wie viel verkraftet der Leser.

    1. Lieber Andi,

      danke für deinen Kommentar. Es ist schön zu lesen, dass sich auch andere in diesem Konflikt befinden. Noch interessanter finde ich allerdings deine Sicht als Leser. Genau das scheint als Maßstab meistens ersteinmal wichtig: was will ich selber lesen? Was nicht?
      Geschmäcker sind eben verschieden und so auch die Leser :).

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