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Kategorie: Schreibwettbewerb 2021

Aus dem Alltag eines Hobbyautoren – schreibe eine Geschichte oder ein Gedicht über Deinen persönlichen Umgang mit den Höhen und Tiefen eines Hobbyautoralltags.

Über das Hobbyschreiben – Der Weg zur Lichtung von Emily Lotz


Der Waldboden verschluckte jegliches Geräusch meiner Schritte. Mein Atem ging schwer und ich rang nach Luft. Ich kannte diese Strecke. Und ich wusste, wo sie endete. Bei dem Gedanken daran, bekam ich eine Gänsehaut und trotzdem rannte ich unbeirrt weiter. Möglicherweise lag es auch daran, dass ich keine Kontrolle über das Geschehen hatte. Meine Füße trugen mich von selbst durch den Wald, ohne dass ich ihnen irgendeinen Befehl dazu gegeben hatte.
Ich näherte mich immer weiter dem Rand des Weges, was nichts Gutes bedeuten konnte. Aber ich wusste schließlich schon, was auf mich zukam.
Wie als hätte sie auf ihren Einsatz gewartet, griff eine Hand nach meinem Arm. Ich wurde augenblicklich herum gewirbelt und hinter einen Busch gezogen. Zwei grüne Augen starrten mich unverhohlen an und der Griff um mein Handgelenk zog sich wie ein Schraubstock immer fester. Ich versuchte erst gar nicht, mich zu befreien, denn aus früheren Erfahrungen wusste ich, dass es nichts brachte, der Situation entfliehen zu wollen. Also stand ich dort, mitten im Wald und starrte zurück.
„Warum hast du mich durch diese Tür gehen lassen?“, fragte mich das junge Mädchen mit ruhiger Stimme.
Mit jedem Wort lockerte sie ihren Griff ein Stückchen mehr. Ich zuckte mit den Schultern.
„Es passte einfach.“ Diese Diskussion hatte ich mittlerweile bestimmt schon über zwanzig Mal geführt und wusste damit umzugehen.
Mein Gegenüber nickte langsam zustimmend. „Und warum war sie aus Holz?“
Jetzt kam der völlig sinnlose Part der Unterhaltung. „Weil du eine Metalltür nicht so schnell aufbekommen hättest.“
Das Mädchen mit den grünen Augen schaute ihre Arme an, als könne sie ihre Muskelkraft an ihnen erkennen und schien meine Antwort als verständlich zu bewerten. Dann ließ sie los.
Ich kehrte kommentarlos zurück auf den Weg und begann weiter zu laufen. Diesmal in einem etwas gemütlicheren Tempo. Die erste Station hatte ich mit Leichtigkeit hinter mich gebracht. Ich spürte, dass ich mir an der linken Ferse eine Blase gelaufen hatte und kniete mich auf den Waldboden. Mit einem kräftigen Ruck zog ich an meinen Schnürsenkeln und das Problem war behoben. Diesen Trick hatte ich nach dem fünften Anlauf herausgefunden. Letztendlich war hier doch alles möglich. Ich richtete mich wieder auf und bog auf eine lange Gerade ein, an deren Ende eine kleine Hütte stand. Ohne Umwege ging ich direkt darauf zu ohne mir jegliche Gedanken darüber zu machen.
Der herbstliche Wald um mich veränderte sich mit jedem Schritt und langsam breitete sich eine weiße Schicht auf den Bäumen aus. Die Temperaturen sanken und ich zog die Jacke enger um mich, die ich immer an dieser Stelle des Weges von jetzt auf gleich trug. Mit
meinen schwarzen Sneakers begann ich plötzlich zu rutschen und stellte fest, dass ich über eine gefrorene Pfütze lief, die mit Laub bedeckt war.
Augenblicklich breitete ich meine Arme aus, um mein Gleichgewicht wieder zu finden, bevor ich nach hinten umkippte. Doch ehe ich mich versah, erwischte ich eine ziemlich glatte Stelle und im nächsten Moment lag ich auf dem Rücken. Für wenige Sekunden wurde mir schwarz vor Augen und ich blieb einfach liegen. Doch plötzlich hörte ich Schritte auf mich zukommen, die kurz vor mir stehen blieben.
Ich kniff die Augen zusammen und erkannte eine kleine Atemwolke über mir, die die Kälte sichtbar machte. Schon wieder kam mir eine Hand ins Sichtfeld. Aber diesmal griff sie nicht nach mir, als wöllte sie mich am liebsten entführen und erwürgen, sondern wurde mir als Hilfe zum Aufstehen angeboten. Ich atmete tief ein und nahm das Angebot fast schon dankend an.
Vermutlich hätte ich ansonsten noch eine Weile auf dem Boden herum gelegen. Trotzdem schlug mein Herz ein bisschen schneller, da dieser Part der Geschichte eindeutig neu und somit ungewohnt war. Was mir eigentlich ganz gelegen kam, da ich normalerweise zur Überwindung meiner Ängste vor dunklen Räumen in die eindeutig unbeleuchtete Hütte gezogen wurde.
Als ich wieder auf den Beinen stand, klopfte ich mir also den Dreck von der Jeans und schaute mir danach erstmal meine nächste Bekanntschaft an. Ein Junge um die 18 stand im blauen Anzug vor mir und beobachtete mich bei jeder Bewegung. Ich erkannte ihn sofort und seufzte.
„Was willst du Georg?“ Ich bekam keine Antwort. Georg stand immer noch wie erstarrt vor mir und fixierte mich. Seine braunen Haare fielen ihm in Strähnen ins Gesicht
„Haben wir irgendwie das Programm gewechselt? Müsstest du nicht eigentlich dort hinten stehen?“ Ich zeigte auf die dunkle Hütte ein paar Meter hinter uns. Immer noch keine Regung.
„Jetzt sag was oder ich gehe weiter. Hast du Fragen? Irgendwas in der Art? Hab ich dich auch durch eine Tür geschickt, die lieber aus Metall als aus Holz gewesen wäre?“ Langsam ries mir der Geduldsfaden.
So gerne ich Georg auch hatte, er konnte mich in den Wahnsinn treiben. Ich zog genervt die Augenbrauen hoch und schien mit dieser unbedachten Bewegung einen Punkt getroffen zu haben.
Georg zog langsam beide Mundwinkel zu einem lässigen Grinsen nach oben. „Du bist schon ganz niedlich, wenn du dich aufregst“, stellte er fest. Ich unterdrückte den Drang ihm eine zu klatschen und sah ihn weiter fragend an.
„Ich wollte dich einfach mal ein Stück begleiten“, kam dann doch die erhoffte Antwort.
„Na gut. Warum nicht.“
Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her und ich genoss es fast, Gesellschaft zu haben. Es war wirklich eine schöne Abwechslung, mal das Programm zu ändern.
„Warum trägst du eigentlich einen Anzug?“, durchbrach ich die Stille mit einer Frage, die mich schon seit unserer Begegnung unter den Fingernägeln brannte.
„Du hast wohl gedacht, du könntest mein Aussehen mal wieder ändern. Die Lederjacke hat dir wohl nicht mehr gepasst. Warum es ein Anzug sein musste, frage ich mich tatsächlich auch.“
Ich erinnerte mich tatsächlich daran, dass ich mir Georg gut in einem Anzug vorstellen konnte. Mit einem Seitenblick bestätigte sich das auch.
„Und wie lange willst du jetzt mitgehen? Bis zur Lichtung?“
„Nein, ich gehe nur ein Stück mit dir“, antwortete mein Wegbegleiter mir und blieb im selben Moment auch schon stehen.
Ich drehte mich um, da er nicht mehr neben mir war und lief prompt gegen das nächste Hindernis. Ich stolperte ein paar Schritte zurück und fasste mir an den Kopf. „Autsch“, fluchte ich vor mich hin.
Der Winter hatte sich in den Frühling umgewandelt und ich nahm das Gezwitscher von Vögeln wahr. Ich öffnete meine Augen und erkannte, gegen was ich da eben gelaufen war.
Das große rote X stand mitten auf der Lichtung vor mir. Es leuchtete fast schon magisch und stand im starken Kontrast zu der sonst so grünen Umgebung. Ich seufzte und ließ mich in das grüne Gras fallen. Nicht schon wieder. Konnte dieser Spaziergang nicht mal woanders enden, als hier? Wenigstens hatte ich diesmal das Vergnügen mit nur zwei Bekanntschaften, die beide noch ganz in Ordnung waren. Auch wenn man das bei dem Mädchen mit den grünen Augen nicht wirklich glauben konnte. Ich hätte es schlimmer treffen können.
Obwohl ich es nur äußerst widerwillig tat, sah ich keinen anderen Ausweg. Irgendwann wollte ich doch nochmal nach Hause und nicht ewig in diesem Wald herum irren. Langsam hob ich meine Hand und legte sie in die Mitte des roten X. Ein Kribbeln breitete sich in meinem Körper aus und die lebhafte Natur um mich herum verstummte.
Etwas zog und zerrte an mir. Plötzlich verschwamm alles vor meinen Augen und es wurde dunkel um mich. Eine unsichtbare Kraft zog mich zurück durch den Wald zu dem Punkt an dem ich gestartet war.
Ein lauter Schlag ließ mich auffahren und ich saß kerzengerade auf meinen Schreibtischstuhl. Als ich mir müde über mein Gesicht fuhr, stellte ich fest, dass ich mal wieder auf der Tastatur meines Rechners eingeschlafen war und sich die Tasten in meine Haut gedrückt und rote Ränder hinterlassen hatten.
Meine Computermaus lag unter mir auf dem Boden.
Vor mir auf dem Bildschirm war immer noch die Datei mit meiner neuesten Idee für eine Story geöffnet. Der Mauspfeil lag auf dem roten Kreuz zum Löschen der Geschichte. Ich starrte auf den Bildschirm meines Laptops. Mit einem einzigen Klick beförderte ich das Geschriebene in den virtuellen Papierkorb.
Die Story war gelöscht.
Wie oft sollten mir meine selbsterfundenen Romanfiguren noch im Traum begegnen, bis ich endlich den richtigen Ansatz für das richtige Buch gefunden hatte. Ich seufzte und beschloss mir ein Glas Wasser in der Küche zu holen.

Zwischen den Welten – Nele Breyer

Das Feuer tanzte im goldschwarzen Reigen über die Wände. Nur sein knackendes Flüstern füllte die Stille. Die Welt war verstummt und weit fortgerückt in die lichtlose See der Nacht. Worte einer längst vergessenen Sprache auf den Lippen, beugte Boranú sich näher über die Flammen und sie ließen die Runen über seine Haut kriechen. Der flimmernde Rauch trug den Duft von Eisen und Erde, den Geruch der Magie. Die Zeit war schwerelos und um ihn herum wurde die Finsternis lebendig.

Ich bin noch nicht ganz wach, da sind meine Gedanken schon aus dieser Welt in die nächste entglitten. Noch in die warme Decke und die letzten Traumfetzen geschmiegt, starre ich aus dem Fenster und, stelle mir vor, dass der Baum dort steht, in Larivas, in meiner magischen Welt. Ich verliere mich in dem Anblick des frühen Sonnenlichts, das zwischen den Zweigen hängt. Das Silbergrün der Rinde, jedes Blatt ein Smaragdsplitter, Tautropfen in unsichtbaren Spinnenfäden. In diesem Augenblick könnte ich ganze Seiten darüber füllen, wie sich der Morgen über die Moosflechten legt, aber später am Schreibtisch habe ich nicht einmal genug Worte, um ihre Farbe zu benennen.

Die Wände schienen näher zu rücken, ehe sie sich ausdehnten und unendlich wurden. Die Schwärze wurde dichter, greifbar, und die Schatten begannen, sich zu winden. Wispern und Raunen durchsetzten die Stille, der Widerhall von Boranús Beschwörungen. Er konnte sie spüren, ihre Stärke, ihre Erinnerungen. Der Schleier zwischen den Welten hatte sich gehoben.

Am Spiegel kleben die Formeln für die Klausur morgen, Buchstaben und Zahlen, die in einem anderen Leben vielleicht meine Art der Magie wären. Vorwurfsvoll warten sie darauf, gelesen zu werden, und ich versuche es, ehrlich. Aber es gibt so viel schönere Weisen, Buchstaben zu verwenden. Schwarz auf weiß, in endloser Abfolge, ein geheimnisvolles Muster, hinter dem sich die Farben einer ganzen Welt verbergen. Tintendunkle Runen auf heller Haut vor Augen steige ich unter die Dusche. Das Wasser wäscht die Müdigkeit fort und überspült mich mit Worten, flüstert mit seiner Stimme in meinem Ohr. Ich höre seine Gedanken, Gesprächsfetzen, Erinnerungen an eine Kindheit, die nicht meine war, der Nachhall eines Schmerzes, den ich nie empfunden habe.

Und dann – plötzlich – ist sie da: die Idee, die Lösung, nach der ich seit Wochen suche, die geniale Wendung. Die perfekte Formulierung. Mein Herz steht in Flammen. Noch tropfend springe ich aus dem Bad, greife den erstbesten Fetzen Papier. Der Stift jagt übers Blatt, die Buchstaben fließen ineinander. Ich muss es festhalten, bevor es mir entgleitet. Aber die Worte überlagern einander, verschlucken sich. Die Idee bleibt, doch die Worte waren andere, besser, perfekter, ganz bestimmt. Da war noch ein Satz, noch eine atemberaubende Metapher. Sie ist längst im Abfluss verloren.

Nur die Wendung lässt mich nicht mehr los. Sie bleibt genial, auch auf Papier gefangen. Sie begleitet mich zum Kleiderschrank und schließlich hinaus in den Morgen. Natürlich, die stumme Dienerin, die sieht, ohne gesehen zu werden, die Frau ohne Sprache. Ich habe sie unterschätzt, wie jeder sie unterschätzt. Wie er, wie Boranú habe ich sie vergessen. Aber sie war all die Zeit dort, unbeachtet in den Schatten.

Die Bahn hat Verspätung; es stört mich nicht. Es macht mir nichts aus, zu warten. Mir wird nicht langweilig, niemals. Ich brauche nur mich und die Welt in mir und gelegentlich das Notizbuch in meiner Tasche, um sie lebendig werden zu lassen. Der Morgen zieht an mir vorbei, während ich mich immer tiefer in Intrigen, Liebe, Verrat und der lautlosen Sprache einer vergessenen Frau verstricke.

Boranú ging vor dem Feuer auf die Knie, versenkte die Hände in der Asche. Hitze griff nach seiner Haut. Die Flammen schnappten verspielt nach seinen Ärmeln. Funken tasteten mit brennender Neugier über sein Gesicht, versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Unbeirrt fuhren Boranús Finger durch das erkaltende Grau, zeichneten Linien, bannten seine Worte in Formen. Mit jedem Zug, jedem Strich schwoll das Flüstern der Schatten an, dröhnend wie der wilde Gesang der Wellen, die sich an den Felsen der Küste brachen. Aus der Dunkelheit sickerte die Zweite Welt nach Larivas.

Das Geräusch eifriger Finger über den Tasten bringt mich schier um den Verstand. Nur ein Klick, und ich könnte nach Larivas zurückkehren, zurück zu Boranú. Aber ich bin hier eingesperrt zwischen Mitschriften und Präsentationsfolien. Ich versuche, aufzupassen, zuzuhören, im Hier und Jetzt zu bleiben. Ich bemühe mich wirklich.

Dann nur ein verträumtes Wort, ein flüchtiger Gedanke, eine besondere Wolke auf ihrer Durchreise vor den Fenstern und zwischen die Formeln mischen sich fremdartige Namen, Satzfetzen und die Magie einer stummen Sprache.

In der Asche füllten sie die verschlungen Linien mit Feuer; was tot gewesen war, erwachte erneut zum Leben. Die Luft selbst war lebendig, durchdrungen vom Flüstern der Vergangenheit und den Träumen der Zukunft. Nie zuvor hatte Boranú eine solche Macht gefühlt. Sie war hell und stark und vielschichtig und dunkel und sie setzte die Runen auf seiner Haut in Brand. Boranú war voller Angst und Freude, voller Reue und Zuversicht. Niemals hätte er gedacht, dass dieser einfache Zauber so viel Kraft besaß. Nur ein paar Linien im Staub, nur Worte in Stille gefangen, aber sie bedeuteten die Welt.

Schweigen hängt über dem Esstisch oder vielleicht hängt es auch bloß über mir. Ich bin hier, in unserer Küche, und doch bin ich ganz weit fort, entschwunden durch eine Tür, für die nur ich den Schlüssel trage. Hinter dieser Tür sitzt er mit mir am Tisch. Er ist mir so nah, so lebendig, dass die Worte von ganz allein um ihn herumfließen. Wie er mir seinen Kelch entgegenhebt, das leise Lächeln, das geschickt seine Gedanken verbirgt, die schwarzen Narben der Runen, die unter seinem Ärmel hervorblitzen. Er hat es bereits getan. Sein Geheimnis umgibt ihn wie ein flimmernder Nebel. Die Zeichen auf seiner Haut, die Zeichen in der Asche. Worte, Wissen. Schrift. Wir teilen dieselbe Magie.

An den Wänden nahmen die Schatten Gestalt an. Schwach zunächst, aber dann immer deutlicher. Szenen, die gewesen waren, Szenen, die sein würden. Szenen, die es in dieser Welt niemals geben konnte. Sie durchbrachen Zeit und Raum, versponnen Traum und Wirklichkeit miteinander. Flüsternd erzählten sie Boranú ihre Geheimnisse, Geschichten aus anderen Tagen und anderen Welten und er begann zu verstehen, warum diese Kunst verboten war. Sie war Wissen, sie war Macht. Sie war die Magie selbst.

An manchen Tagen frage ich mich, ob ich überhaupt gut bin. Machen die Wörter überhaupt Sinn, die ich da aneinanderreihe? Zu geschwollen oder doch zu platt? Ist das Kunst? Kann das weg?

Doch dann lese ich ein paar Zeilen, schreibe einige Sätze, versinke wieder in Larivas und dem Zauber des Schreibens. Es ist nicht von Bedeutung, wird mir klar. Von Bedeutung ist nur das flüssige Glück in meinen Adern, während mein Herz im Takt des Tastaturklapperns schlägt.

Noch waren die Bilder dunkel, an den Rändern verschwommen. Es würde noch die Kraft vieler Runen benötigen, sie bunt und klar zu zeichnen. Er würde mehr brauchen, so viel mehr, Unmengen an Zeichen, geschrieben und gelesen. Man erzählte sich von Orten, an denen sie ganze Hallen füllten, zwischen stoffdünne Scheiben und auf Rollen gebannt. Er würde sie finden, genug, um die Zweite Welt aus den Schatten zu locken und ihre Macht zu entfesseln. Er wusste bereits, wofür er sie nutzen würde.

Ich bin süchtig. Ich bin süchtig nach den geschwungenen Buchstaben auf Papier, nach dem Geruch von Notizbüchern und dem Gefühl des Stifts zwischen den Fingern. Tausend Leben habe ich gelebt, Welten erschaffen, Freunde gefunden und verloren, gelacht, geweint und ja, manchmal auch Gott gespielt.

Die Lernunterlagen warten. Draußen lockt der Sommer. Die Freundin hat nach heute Abend gefragt. Sollte ich gehen? Was ist mir wichtiger?

Larivas ruft nach mir. Nur wenige Stunden und ich bin schon wieder auf Entzug.

Verdammt. Ich bin süchtig.

Er konnte nicht glauben, dass ihnen all das verwehrt geblieben war. Ein einfacher Zauber mit der Macht, Ketten zu sprengen und Könige zu stürzten. Zwischen wenigen Strichen wartete eine zweite Welt, die tausend andere in sich trug. In diesem Moment hielt er die Gedanken der Zeit in seinen Händen.

Eine Welt war nicht genug.

Boranú begann, zu schreiben.

Endlich, endlich. Den ganzen Tag habe ich auf diesen Moment gewartet. Nur ich, hier am Schreibtisch, die Hände über der Tastatur. Vor den Fenstern senkt sich die Dämmerung herab, aber über Larivas geht eben die Sonne auf. Ich schließe die Augen und lasse mich fallen.

Eine Welt ist nicht genug.

Lösung der Schreibblockade mit Qwertz – Peter Biro

Der von Schaffenskraft nur so strotzende Hobbyschreiber setzt sich in bester Absicht vor den Computer, um eine knallend lustige Kurzgeschichte zu schreiben. Dabei soll ein wirklich gelungenes Stück Literatur mit gesellschaftskritischen Untertönen entstehen, das obendrein auch noch unterhaltend ist.

Der routinierte Schreiber sorgt für bestes Dichtungsambiente. Dafür lässt er die Jalousien halb herunter, um die richtige Lichtmenge hereinzulassen; nicht zu viel und nicht zu wenig, gerade mal so, dass ihn die Schatten der sanft schwankenden Pappel nicht vom kreativen Schaffen ablenken. Er rückt den Stuhl zurecht; dieses Möbelstück ist nicht zu unbequem, um die Arbeit zur Tortur zu machen und auch nicht zu komfortabel, um ihn bei längeren Denkpausen matt werden zu lassen. Die kleine gelbe Quietschente, ein Geschenk seiner kleinen Nichte Lara und unentbehrliches Maskottchen des proliferativen Dichters, muss derweil hinter dem Bildschirm verschwinden. Dieses Ding könnte ihn, mit ihrem lächerlich großen, roten Schnabel, zu sehr von hochtrabenden dichterisch wertvollen Gedanken ablenken. Lara hatte das undicht gewordene Spielzeug nicht mehr brauchen können und vermachte es unter gewissen Auflagen ihrem schreibenden Onkel. Rechts von der Maus dampft schon griffbereit die angenehm duftende Tasse Hagebuttentee und wartet nur darauf, ihren unterstützenden Beitrag zur Entwicklung wohlformulierter künstlerisch überaus anspruchsvoller Eingebungen zu leisten.

Nun rückt er sich den Stuhl unter dem Hintern zurecht, setzt sich mit einer weit ausholenden Geste erwartungsvoll darauf und überprüft die Position der Tastatur, die sich genau auf Armlänge vor ihm im Panoramaformat ausbreitet. Ja, so ist es ideal! Mit einem elegant gesetzten Doppelklick öffnet er eine neue Worddatei im umlautfrei bezeichneten Ordner namens «Neue Entwuerfe», und betrachtet zufrieden die blendend weiße Oberfläche, die sich so einladend auf dem picobello aufgeräumten Bildschirm vor seinen Augen ausbreitet.

Einem Klaviervirtuosen nicht unähnlich setzt der gefeierte Autor seine zartgliedrigen Hände auf die Tastatur, voller Erwartung, dass seine gewohnte Kreativität nun sprudeln wird, was wiederum entsprechend sinnhafte Aktionsbefehle an seine zehn, Finger genannten, Ausführungsorgane auslösen würde. Noch ruhen acht seiner Aktionskünstler angespannt auf den Buchstaben A, E, R, N, I, O, K und Shift, während seine beiden Daumen symmetrisch auf der Pausentaste sitzen und bereitstehen, die erforderlichen Abstände zwischen den sogleich purzelnden, goldenen Worten des Meisters zu setzen.

Aber… es will einfach nichts purzeln.

«Was ist nur mit mir los?» fragt sich der sichtlich verunsicherte Schreiberling, der ganz überrascht ist vom nicht-einsetzen-wollenden Schreibschwall. «Das gibt’s doch nicht!» murmelt er leise in sich hinein, «Jetzt fällt mir gerade nichts ein. Ein wahrhaft ungewöhnliches Ereignis…», denkt es in ihm in seiner gewohnt erlesenen Sprachmelodie und mit einem leisen Anflug von Beunruhigung.

Glücklicherweise ist bis zur Verzweiflung noch ein langer Weg, eine Zeitstrecke, die noch mancherlei Chancen auf eine interessante Wortfindung offenlässt. Wenn nur ein solches, wohlformuliertes, erlösendes Wort aufkommen könnte! Nur eines, welches das Potenzial in sich trägt, zu einer netten, kleinen Kurzgeschichte ausgewalzt zu werden. Ein anspruchsvolles, gerne auch ein wenig geheimnisvolles Wort wie «Hypertrophie», oder «Hypotenuse» zum Beispiel, oder gar «Hyttenkäse», letzterer ein klassischer Anknüpfungspunkt für ganzheitliche, gesundheits- und ernährungsrelevante Ausführungen. Aber der einzige Begriff, der dem Autor jetzt aufkommt ist nur: «Schreibblockade», nichts Anderes. Und dazu fällt ihm partout nichts Verwendbares ein. Es liegt nun mal in der Natur der Sache.

Nun verharrt er eine Weile inständig hoffend, dass irgendein halbwegs lustiger Gedankensplitter in seiner Phantasie aufkommt. Aber es kommt nichts. Nicht einmal irgendein plumpes Slapstick-Szenario mit fliegenden Torten und rutschigen Bananenschalen, das er, wie gewohnt, bis auf viereinhalb Seiten ausdehnen könnte. Nein, es kommt immer noch nichts. Er steckt in einer veritablen Schreibblockade.

Mit gesenktem Blick schaut er auf die vor seiner Nase breit ausgelegte Tastatur, deren mit weißen Großbuchstaben bezeichnete Würfelchen herausfordernd auf den bevorstehenden Andruck warten. Sie harren jener erlösenden Bewegung, die ihrem Bestimmungszweck entsprechend, sie zu einer mit Klickgeräuschen untermalten Choreographie verleitet, bei der lesenswerte Prosa entsteht. Deren Endergebnis wiederum sollte sich simultan auf der hell leuchtenden Oberfläche, direkt über den erwartungsvoll auf den Alphabetisierungsauftrag wartenden, kleinen Quadratschädeln ausbreiten. Doch nichts dergleichen geschieht. Er hat immer noch diese verdammte Schreibblockade.

Verärgert sucht der ratlose Hobbyschreiber im Arrangement der besagten Tasten nach einer wegweisenden Botschaft, nach irgendeinem versteckten Hinweis, der zu einer sinnvollen, gleichgültig wie gearteten Phrase führen würde. Wenigstens nur einen einleitenden Nebensatz oder seinetwegen nur ein einziges, weiterführendes Wort …

Und dann passiert es! Es dämmert ihm plötzlich: «Oh ja, das ist es!». Man muss nur genau hinsehen, da steht es weiß auf schwarz; links oben prangt das rettende Wort, zusammengesetzt aus den sechs ersten Tasten der obersten Buchstabenzeile: «QWERTZ». Erstaunlich, dass ihm das bisher noch nie aufgefallen war! «Qwertz» ist ein inhaltsschwerer Begriff mit dem ein geübter Romancier etwas anfangen kann. «Qwertz ist Trumpf und Trumpf ist Qwertz!». Das muss einmal klar gesagt und geschrieben werden.

Nun also, will der Übereifrige einen neuen Text auf «Qwertz» aufbauen. Das Wort ist gut und noch nicht abgegriffen, da kaum benutzt. Trotz seiner scheinbaren Künstlichkeit existiert er sehr wohl im Wortschatz gebildeter Kulturmenschen wie Sie und ich, und zwar als namensgebende Variante der üblichen, deutschsprachigen Schreibmaschinen-Tastatur. Sachkundig sprechen Eingeweihte davon, ganz im Gegensatz zur Qwerty-Tastatur, die ausserhalb der deutschsprachigen Welt üblich ist und keinerlei literarisch verwertbare Assoziationen hervorzurufen vermag. Nur muss der findige Autor den Qwertz-Begriff in einen wohlklingenden, sinnvollen Text gießen, was auch wieder nicht so einfach ist. Aber er müsste es hinkriegen, schließlich ist er ein anerkannter Meister skurriler Phantastereien, und seine Neuentdeckung scheint als Ausgangspunkt einer neuen Geschichte brauchbar und originell zu sein.

Folglich geht das dann so, dass er sich zunächst fragt, «Was will der geneigte Leser lesen?». Und prompt gibt er sich selbst die passende Antwort, die auch die meisten Fachleute geben würden: «Sex and Crime»: Erotisches mit einer Prise Gewaltanwendung. Leser wünschen sich wohldosierte Mengen Blut und Köpersäfte, die bei abendlichen Rumgelagen in der exotisch anmutenden, von Kokospalmen gesäumten Umgebung, in Strömen fließen. Das zieht.

«Also gut», sagt er zu sich, dabei neue Hoffnung schöpfend, «versuchen wir mal aus diesem Qwertz eine bewegende Kurzgeschichte mit exotischer Anmutung à la Lara Croft und die Grabräuber rauszukitzeln». Dann schreitet er zur Tat und im Stakkato seiner in die Tasten gehauenen Gedanken entsteht dieser aufregende Text:

Jolande findet den Qwertzalcoatl

Jolande van der Qwertz war eine junge, attraktive Archäologin, die sich in den mexikanischen Urwald aufgemacht hatte, um nach den Spuren früher Indiokulturen zu suchen. Und gegebenenfalls nach einem muskulösen Liebhaber unter den willigen, einheimischen Grabungshelfern. Aus einem qwertzsubventionierten Forschungsfond ihrer Universität hatte sie die erforderlichen Mittel erhalten, um eine sechsmonatige Grabungskampagne durchzuführen. Das war nicht viel, aber aus den Berichten früherer Kollegen ihres Instituts vermutete sie, dass es noch genügend unerforschte Stellen gab, an denen noch historisch qwertzvolle Funde ihrer Entdeckung harrten. An der Ausgrabungsstelle am Fuße der Tempelpyramide von Teotihuacán angekommen, suchte sie nach einer Statue oder Fries der aztekischen Schlangengottheit Qwertzalcoatl, dem Herrn über Wind, Himmel und Erde – und somit dem Garanten einer reichen Erdnussernte. Sie war überzeugt, dass am nördlichen Ende der bisherigen Grabungen, unter den Schichten aus Basaltbrocken und Qwertzsand noch ein unversehrtes Standbild der gesuchten Gottheit zu finden wäre; wenn man nur tief genug graben würde. Sie machte deshalb Probebohrungen mit ihrem speziellen, an eine übergroße Qwertzflöte erinnernden Bohrgestänge, um weiterführende Hinweise auf die Ausdehnung der von wucherndem Pflanzenbewuchs verdeckten Kultstätte zu erhalten. Ihre kreuz und qwertz entnommenen Bodenproben machten Hoffnung auf eine ergiebige Ausbeute. Daraufhin verlegte sie über das undurchdringliche Dickicht mehrere hölzerne Pfade aus grob behauenen Bohlen. Über diese qwertzfeldein führenden Holzwege hatte man einen erleichterten Zugang zu den neu angelegten Grabungen. Jolande stand am Rande der gerade ausgehobenen Grube und betrachtete mit Genugtuung das emsige Treiben ihrer gut gebauten, sich geschmeidig bewegenden Hilfsarbeiter. Deren Anblick löste bei Jolande jede Menge unsittlicher Gedanken aus. Aber, «Die Pflicht geht vor!», sagte sich die romantisch veranlagte Archäologin und verscheuchte ihre triebhaften Anwandlungen, allerdings mit der festen Absicht, in einem späteren Abschnitt der Geschichte darauf zurückzukommen, Die stählernen Arbeiter schoben derweil Karren mit Aushubmaterialien über die laut qwertztenden Balken. Die Arbeiten gingen zu Jolandes Genugtuung sehr rasch voran. Eile war geboten, denn sie stand unter enormen Zeit- und Erfolgsdruck. Daheim, am Göttinger Institut für Aztekische Geschichte und Mesoamerikanische Essgewohnheiten erwartete man den aufsehenerregenden Fund eines intakten, historisch qwertzvollen Qwertzalcoatls. Van der Qwertz war von Anfang an klar, dass sie nur dann in den Genuss der Qwertzschätzung ihres gestrengen Chefs käme, wenn sie den erhofften, spektakulären Fund vorweisen würde. Eine Rückqwertz mit leeren Händen war für sie schlicht und einfach undenkbar.

Ab hier weiß der Hobbyschreiber nicht mehr weiter. Immerhin hat sich die Schreibblockade zumindest für eine kurze Zeit gelöst und einen Text von fast einer ganzen Seite ermöglicht. Nun aber fallen ihm keine weiteren qwertzrelevanten Begriffe mehr ein und er beschließt, die Prosadichtung hier qwertzerhand abzubrechen.

«Es muss nicht jeder Text eine abschließende Pointe haben», sagt er leise vor sich hin in einem seiner gewohnten Anfälle von Großzügigkeit sich selbst gegenüber.

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