Der von Schaffenskraft nur so strotzende Hobbyschreiber setzt sich in bester Absicht vor den Computer, um eine knallend lustige Kurzgeschichte zu schreiben. Dabei soll ein wirklich gelungenes Stück Literatur mit gesellschaftskritischen Untertönen entstehen, das obendrein auch noch unterhaltend ist.

Der routinierte Schreiber sorgt für bestes Dichtungsambiente. Dafür lässt er die Jalousien halb herunter, um die richtige Lichtmenge hereinzulassen; nicht zu viel und nicht zu wenig, gerade mal so, dass ihn die Schatten der sanft schwankenden Pappel nicht vom kreativen Schaffen ablenken. Er rückt den Stuhl zurecht; dieses Möbelstück ist nicht zu unbequem, um die Arbeit zur Tortur zu machen und auch nicht zu komfortabel, um ihn bei längeren Denkpausen matt werden zu lassen. Die kleine gelbe Quietschente, ein Geschenk seiner kleinen Nichte Lara und unentbehrliches Maskottchen des proliferativen Dichters, muss derweil hinter dem Bildschirm verschwinden. Dieses Ding könnte ihn, mit ihrem lächerlich großen, roten Schnabel, zu sehr von hochtrabenden dichterisch wertvollen Gedanken ablenken. Lara hatte das undicht gewordene Spielzeug nicht mehr brauchen können und vermachte es unter gewissen Auflagen ihrem schreibenden Onkel. Rechts von der Maus dampft schon griffbereit die angenehm duftende Tasse Hagebuttentee und wartet nur darauf, ihren unterstützenden Beitrag zur Entwicklung wohlformulierter künstlerisch überaus anspruchsvoller Eingebungen zu leisten.

Nun rückt er sich den Stuhl unter dem Hintern zurecht, setzt sich mit einer weit ausholenden Geste erwartungsvoll darauf und überprüft die Position der Tastatur, die sich genau auf Armlänge vor ihm im Panoramaformat ausbreitet. Ja, so ist es ideal! Mit einem elegant gesetzten Doppelklick öffnet er eine neue Worddatei im umlautfrei bezeichneten Ordner namens «Neue Entwuerfe», und betrachtet zufrieden die blendend weiße Oberfläche, die sich so einladend auf dem picobello aufgeräumten Bildschirm vor seinen Augen ausbreitet.

Einem Klaviervirtuosen nicht unähnlich setzt der gefeierte Autor seine zartgliedrigen Hände auf die Tastatur, voller Erwartung, dass seine gewohnte Kreativität nun sprudeln wird, was wiederum entsprechend sinnhafte Aktionsbefehle an seine zehn, Finger genannten, Ausführungsorgane auslösen würde. Noch ruhen acht seiner Aktionskünstler angespannt auf den Buchstaben A, E, R, N, I, O, K und Shift, während seine beiden Daumen symmetrisch auf der Pausentaste sitzen und bereitstehen, die erforderlichen Abstände zwischen den sogleich purzelnden, goldenen Worten des Meisters zu setzen.

Aber… es will einfach nichts purzeln.

«Was ist nur mit mir los?» fragt sich der sichtlich verunsicherte Schreiberling, der ganz überrascht ist vom nicht-einsetzen-wollenden Schreibschwall. «Das gibt’s doch nicht!» murmelt er leise in sich hinein, «Jetzt fällt mir gerade nichts ein. Ein wahrhaft ungewöhnliches Ereignis…», denkt es in ihm in seiner gewohnt erlesenen Sprachmelodie und mit einem leisen Anflug von Beunruhigung.

Glücklicherweise ist bis zur Verzweiflung noch ein langer Weg, eine Zeitstrecke, die noch mancherlei Chancen auf eine interessante Wortfindung offenlässt. Wenn nur ein solches, wohlformuliertes, erlösendes Wort aufkommen könnte! Nur eines, welches das Potenzial in sich trägt, zu einer netten, kleinen Kurzgeschichte ausgewalzt zu werden. Ein anspruchsvolles, gerne auch ein wenig geheimnisvolles Wort wie «Hypertrophie», oder «Hypotenuse» zum Beispiel, oder gar «Hyttenkäse», letzterer ein klassischer Anknüpfungspunkt für ganzheitliche, gesundheits- und ernährungsrelevante Ausführungen. Aber der einzige Begriff, der dem Autor jetzt aufkommt ist nur: «Schreibblockade», nichts Anderes. Und dazu fällt ihm partout nichts Verwendbares ein. Es liegt nun mal in der Natur der Sache.

Nun verharrt er eine Weile inständig hoffend, dass irgendein halbwegs lustiger Gedankensplitter in seiner Phantasie aufkommt. Aber es kommt nichts. Nicht einmal irgendein plumpes Slapstick-Szenario mit fliegenden Torten und rutschigen Bananenschalen, das er, wie gewohnt, bis auf viereinhalb Seiten ausdehnen könnte. Nein, es kommt immer noch nichts. Er steckt in einer veritablen Schreibblockade.

Mit gesenktem Blick schaut er auf die vor seiner Nase breit ausgelegte Tastatur, deren mit weißen Großbuchstaben bezeichnete Würfelchen herausfordernd auf den bevorstehenden Andruck warten. Sie harren jener erlösenden Bewegung, die ihrem Bestimmungszweck entsprechend, sie zu einer mit Klickgeräuschen untermalten Choreographie verleitet, bei der lesenswerte Prosa entsteht. Deren Endergebnis wiederum sollte sich simultan auf der hell leuchtenden Oberfläche, direkt über den erwartungsvoll auf den Alphabetisierungsauftrag wartenden, kleinen Quadratschädeln ausbreiten. Doch nichts dergleichen geschieht. Er hat immer noch diese verdammte Schreibblockade.

Verärgert sucht der ratlose Hobbyschreiber im Arrangement der besagten Tasten nach einer wegweisenden Botschaft, nach irgendeinem versteckten Hinweis, der zu einer sinnvollen, gleichgültig wie gearteten Phrase führen würde. Wenigstens nur einen einleitenden Nebensatz oder seinetwegen nur ein einziges, weiterführendes Wort …

Und dann passiert es! Es dämmert ihm plötzlich: «Oh ja, das ist es!». Man muss nur genau hinsehen, da steht es weiß auf schwarz; links oben prangt das rettende Wort, zusammengesetzt aus den sechs ersten Tasten der obersten Buchstabenzeile: «QWERTZ». Erstaunlich, dass ihm das bisher noch nie aufgefallen war! «Qwertz» ist ein inhaltsschwerer Begriff mit dem ein geübter Romancier etwas anfangen kann. «Qwertz ist Trumpf und Trumpf ist Qwertz!». Das muss einmal klar gesagt und geschrieben werden.

Nun also, will der Übereifrige einen neuen Text auf «Qwertz» aufbauen. Das Wort ist gut und noch nicht abgegriffen, da kaum benutzt. Trotz seiner scheinbaren Künstlichkeit existiert er sehr wohl im Wortschatz gebildeter Kulturmenschen wie Sie und ich, und zwar als namensgebende Variante der üblichen, deutschsprachigen Schreibmaschinen-Tastatur. Sachkundig sprechen Eingeweihte davon, ganz im Gegensatz zur Qwerty-Tastatur, die ausserhalb der deutschsprachigen Welt üblich ist und keinerlei literarisch verwertbare Assoziationen hervorzurufen vermag. Nur muss der findige Autor den Qwertz-Begriff in einen wohlklingenden, sinnvollen Text gießen, was auch wieder nicht so einfach ist. Aber er müsste es hinkriegen, schließlich ist er ein anerkannter Meister skurriler Phantastereien, und seine Neuentdeckung scheint als Ausgangspunkt einer neuen Geschichte brauchbar und originell zu sein.

Folglich geht das dann so, dass er sich zunächst fragt, «Was will der geneigte Leser lesen?». Und prompt gibt er sich selbst die passende Antwort, die auch die meisten Fachleute geben würden: «Sex and Crime»: Erotisches mit einer Prise Gewaltanwendung. Leser wünschen sich wohldosierte Mengen Blut und Köpersäfte, die bei abendlichen Rumgelagen in der exotisch anmutenden, von Kokospalmen gesäumten Umgebung, in Strömen fließen. Das zieht.

«Also gut», sagt er zu sich, dabei neue Hoffnung schöpfend, «versuchen wir mal aus diesem Qwertz eine bewegende Kurzgeschichte mit exotischer Anmutung à la Lara Croft und die Grabräuber rauszukitzeln». Dann schreitet er zur Tat und im Stakkato seiner in die Tasten gehauenen Gedanken entsteht dieser aufregende Text:

Jolande findet den Qwertzalcoatl

Jolande van der Qwertz war eine junge, attraktive Archäologin, die sich in den mexikanischen Urwald aufgemacht hatte, um nach den Spuren früher Indiokulturen zu suchen. Und gegebenenfalls nach einem muskulösen Liebhaber unter den willigen, einheimischen Grabungshelfern. Aus einem qwertzsubventionierten Forschungsfond ihrer Universität hatte sie die erforderlichen Mittel erhalten, um eine sechsmonatige Grabungskampagne durchzuführen. Das war nicht viel, aber aus den Berichten früherer Kollegen ihres Instituts vermutete sie, dass es noch genügend unerforschte Stellen gab, an denen noch historisch qwertzvolle Funde ihrer Entdeckung harrten. An der Ausgrabungsstelle am Fuße der Tempelpyramide von Teotihuacán angekommen, suchte sie nach einer Statue oder Fries der aztekischen Schlangengottheit Qwertzalcoatl, dem Herrn über Wind, Himmel und Erde – und somit dem Garanten einer reichen Erdnussernte. Sie war überzeugt, dass am nördlichen Ende der bisherigen Grabungen, unter den Schichten aus Basaltbrocken und Qwertzsand noch ein unversehrtes Standbild der gesuchten Gottheit zu finden wäre; wenn man nur tief genug graben würde. Sie machte deshalb Probebohrungen mit ihrem speziellen, an eine übergroße Qwertzflöte erinnernden Bohrgestänge, um weiterführende Hinweise auf die Ausdehnung der von wucherndem Pflanzenbewuchs verdeckten Kultstätte zu erhalten. Ihre kreuz und qwertz entnommenen Bodenproben machten Hoffnung auf eine ergiebige Ausbeute. Daraufhin verlegte sie über das undurchdringliche Dickicht mehrere hölzerne Pfade aus grob behauenen Bohlen. Über diese qwertzfeldein führenden Holzwege hatte man einen erleichterten Zugang zu den neu angelegten Grabungen. Jolande stand am Rande der gerade ausgehobenen Grube und betrachtete mit Genugtuung das emsige Treiben ihrer gut gebauten, sich geschmeidig bewegenden Hilfsarbeiter. Deren Anblick löste bei Jolande jede Menge unsittlicher Gedanken aus. Aber, «Die Pflicht geht vor!», sagte sich die romantisch veranlagte Archäologin und verscheuchte ihre triebhaften Anwandlungen, allerdings mit der festen Absicht, in einem späteren Abschnitt der Geschichte darauf zurückzukommen, Die stählernen Arbeiter schoben derweil Karren mit Aushubmaterialien über die laut qwertztenden Balken. Die Arbeiten gingen zu Jolandes Genugtuung sehr rasch voran. Eile war geboten, denn sie stand unter enormen Zeit- und Erfolgsdruck. Daheim, am Göttinger Institut für Aztekische Geschichte und Mesoamerikanische Essgewohnheiten erwartete man den aufsehenerregenden Fund eines intakten, historisch qwertzvollen Qwertzalcoatls. Van der Qwertz war von Anfang an klar, dass sie nur dann in den Genuss der Qwertzschätzung ihres gestrengen Chefs käme, wenn sie den erhofften, spektakulären Fund vorweisen würde. Eine Rückqwertz mit leeren Händen war für sie schlicht und einfach undenkbar.

Ab hier weiß der Hobbyschreiber nicht mehr weiter. Immerhin hat sich die Schreibblockade zumindest für eine kurze Zeit gelöst und einen Text von fast einer ganzen Seite ermöglicht. Nun aber fallen ihm keine weiteren qwertzrelevanten Begriffe mehr ein und er beschließt, die Prosadichtung hier qwertzerhand abzubrechen.

«Es muss nicht jeder Text eine abschließende Pointe haben», sagt er leise vor sich hin in einem seiner gewohnten Anfälle von Großzügigkeit sich selbst gegenüber.