Der Waldboden verschluckte jegliches Geräusch meiner Schritte. Mein Atem ging schwer und ich rang nach Luft. Ich kannte diese Strecke. Und ich wusste, wo sie endete. Bei dem Gedanken daran, bekam ich eine Gänsehaut und trotzdem rannte ich unbeirrt weiter. Möglicherweise lag es auch daran, dass ich keine Kontrolle über das Geschehen hatte. Meine Füße trugen mich von selbst durch den Wald, ohne dass ich ihnen irgendeinen Befehl dazu gegeben hatte.
Ich näherte mich immer weiter dem Rand des Weges, was nichts Gutes bedeuten konnte. Aber ich wusste schließlich schon, was auf mich zukam.
Wie als hätte sie auf ihren Einsatz gewartet, griff eine Hand nach meinem Arm. Ich wurde augenblicklich herum gewirbelt und hinter einen Busch gezogen. Zwei grüne Augen starrten mich unverhohlen an und der Griff um mein Handgelenk zog sich wie ein Schraubstock immer fester. Ich versuchte erst gar nicht, mich zu befreien, denn aus früheren Erfahrungen wusste ich, dass es nichts brachte, der Situation entfliehen zu wollen. Also stand ich dort, mitten im Wald und starrte zurück.
„Warum hast du mich durch diese Tür gehen lassen?“, fragte mich das junge Mädchen mit ruhiger Stimme.
Mit jedem Wort lockerte sie ihren Griff ein Stückchen mehr. Ich zuckte mit den Schultern.
„Es passte einfach.“ Diese Diskussion hatte ich mittlerweile bestimmt schon über zwanzig Mal geführt und wusste damit umzugehen.
Mein Gegenüber nickte langsam zustimmend. „Und warum war sie aus Holz?“
Jetzt kam der völlig sinnlose Part der Unterhaltung. „Weil du eine Metalltür nicht so schnell aufbekommen hättest.“
Das Mädchen mit den grünen Augen schaute ihre Arme an, als könne sie ihre Muskelkraft an ihnen erkennen und schien meine Antwort als verständlich zu bewerten. Dann ließ sie los.
Ich kehrte kommentarlos zurück auf den Weg und begann weiter zu laufen. Diesmal in einem etwas gemütlicheren Tempo. Die erste Station hatte ich mit Leichtigkeit hinter mich gebracht. Ich spürte, dass ich mir an der linken Ferse eine Blase gelaufen hatte und kniete mich auf den Waldboden. Mit einem kräftigen Ruck zog ich an meinen Schnürsenkeln und das Problem war behoben. Diesen Trick hatte ich nach dem fünften Anlauf herausgefunden. Letztendlich war hier doch alles möglich. Ich richtete mich wieder auf und bog auf eine lange Gerade ein, an deren Ende eine kleine Hütte stand. Ohne Umwege ging ich direkt darauf zu ohne mir jegliche Gedanken darüber zu machen.
Der herbstliche Wald um mich veränderte sich mit jedem Schritt und langsam breitete sich eine weiße Schicht auf den Bäumen aus. Die Temperaturen sanken und ich zog die Jacke enger um mich, die ich immer an dieser Stelle des Weges von jetzt auf gleich trug. Mit
meinen schwarzen Sneakers begann ich plötzlich zu rutschen und stellte fest, dass ich über eine gefrorene Pfütze lief, die mit Laub bedeckt war.
Augenblicklich breitete ich meine Arme aus, um mein Gleichgewicht wieder zu finden, bevor ich nach hinten umkippte. Doch ehe ich mich versah, erwischte ich eine ziemlich glatte Stelle und im nächsten Moment lag ich auf dem Rücken. Für wenige Sekunden wurde mir schwarz vor Augen und ich blieb einfach liegen. Doch plötzlich hörte ich Schritte auf mich zukommen, die kurz vor mir stehen blieben.
Ich kniff die Augen zusammen und erkannte eine kleine Atemwolke über mir, die die Kälte sichtbar machte. Schon wieder kam mir eine Hand ins Sichtfeld. Aber diesmal griff sie nicht nach mir, als wöllte sie mich am liebsten entführen und erwürgen, sondern wurde mir als Hilfe zum Aufstehen angeboten. Ich atmete tief ein und nahm das Angebot fast schon dankend an.
Vermutlich hätte ich ansonsten noch eine Weile auf dem Boden herum gelegen. Trotzdem schlug mein Herz ein bisschen schneller, da dieser Part der Geschichte eindeutig neu und somit ungewohnt war. Was mir eigentlich ganz gelegen kam, da ich normalerweise zur Überwindung meiner Ängste vor dunklen Räumen in die eindeutig unbeleuchtete Hütte gezogen wurde.
Als ich wieder auf den Beinen stand, klopfte ich mir also den Dreck von der Jeans und schaute mir danach erstmal meine nächste Bekanntschaft an. Ein Junge um die 18 stand im blauen Anzug vor mir und beobachtete mich bei jeder Bewegung. Ich erkannte ihn sofort und seufzte.
„Was willst du Georg?“ Ich bekam keine Antwort. Georg stand immer noch wie erstarrt vor mir und fixierte mich. Seine braunen Haare fielen ihm in Strähnen ins Gesicht
„Haben wir irgendwie das Programm gewechselt? Müsstest du nicht eigentlich dort hinten stehen?“ Ich zeigte auf die dunkle Hütte ein paar Meter hinter uns. Immer noch keine Regung.
„Jetzt sag was oder ich gehe weiter. Hast du Fragen? Irgendwas in der Art? Hab ich dich auch durch eine Tür geschickt, die lieber aus Metall als aus Holz gewesen wäre?“ Langsam ries mir der Geduldsfaden.
So gerne ich Georg auch hatte, er konnte mich in den Wahnsinn treiben. Ich zog genervt die Augenbrauen hoch und schien mit dieser unbedachten Bewegung einen Punkt getroffen zu haben.
Georg zog langsam beide Mundwinkel zu einem lässigen Grinsen nach oben. „Du bist schon ganz niedlich, wenn du dich aufregst“, stellte er fest. Ich unterdrückte den Drang ihm eine zu klatschen und sah ihn weiter fragend an.
„Ich wollte dich einfach mal ein Stück begleiten“, kam dann doch die erhoffte Antwort.
„Na gut. Warum nicht.“
Eine Weile gingen wir schweigend nebeneinander her und ich genoss es fast, Gesellschaft zu haben. Es war wirklich eine schöne Abwechslung, mal das Programm zu ändern.
„Warum trägst du eigentlich einen Anzug?“, durchbrach ich die Stille mit einer Frage, die mich schon seit unserer Begegnung unter den Fingernägeln brannte.
„Du hast wohl gedacht, du könntest mein Aussehen mal wieder ändern. Die Lederjacke hat dir wohl nicht mehr gepasst. Warum es ein Anzug sein musste, frage ich mich tatsächlich auch.“
Ich erinnerte mich tatsächlich daran, dass ich mir Georg gut in einem Anzug vorstellen konnte. Mit einem Seitenblick bestätigte sich das auch.
„Und wie lange willst du jetzt mitgehen? Bis zur Lichtung?“
„Nein, ich gehe nur ein Stück mit dir“, antwortete mein Wegbegleiter mir und blieb im selben Moment auch schon stehen.
Ich drehte mich um, da er nicht mehr neben mir war und lief prompt gegen das nächste Hindernis. Ich stolperte ein paar Schritte zurück und fasste mir an den Kopf. „Autsch“, fluchte ich vor mich hin.
Der Winter hatte sich in den Frühling umgewandelt und ich nahm das Gezwitscher von Vögeln wahr. Ich öffnete meine Augen und erkannte, gegen was ich da eben gelaufen war.
Das große rote X stand mitten auf der Lichtung vor mir. Es leuchtete fast schon magisch und stand im starken Kontrast zu der sonst so grünen Umgebung. Ich seufzte und ließ mich in das grüne Gras fallen. Nicht schon wieder. Konnte dieser Spaziergang nicht mal woanders enden, als hier? Wenigstens hatte ich diesmal das Vergnügen mit nur zwei Bekanntschaften, die beide noch ganz in Ordnung waren. Auch wenn man das bei dem Mädchen mit den grünen Augen nicht wirklich glauben konnte. Ich hätte es schlimmer treffen können.
Obwohl ich es nur äußerst widerwillig tat, sah ich keinen anderen Ausweg. Irgendwann wollte ich doch nochmal nach Hause und nicht ewig in diesem Wald herum irren. Langsam hob ich meine Hand und legte sie in die Mitte des roten X. Ein Kribbeln breitete sich in meinem Körper aus und die lebhafte Natur um mich herum verstummte.
Etwas zog und zerrte an mir. Plötzlich verschwamm alles vor meinen Augen und es wurde dunkel um mich. Eine unsichtbare Kraft zog mich zurück durch den Wald zu dem Punkt an dem ich gestartet war.
Ein lauter Schlag ließ mich auffahren und ich saß kerzengerade auf meinen Schreibtischstuhl. Als ich mir müde über mein Gesicht fuhr, stellte ich fest, dass ich mal wieder auf der Tastatur meines Rechners eingeschlafen war und sich die Tasten in meine Haut gedrückt und rote Ränder hinterlassen hatten.
Meine Computermaus lag unter mir auf dem Boden.
Vor mir auf dem Bildschirm war immer noch die Datei mit meiner neuesten Idee für eine Story geöffnet. Der Mauspfeil lag auf dem roten Kreuz zum Löschen der Geschichte. Ich starrte auf den Bildschirm meines Laptops. Mit einem einzigen Klick beförderte ich das Geschriebene in den virtuellen Papierkorb.
Die Story war gelöscht.
Wie oft sollten mir meine selbsterfundenen Romanfiguren noch im Traum begegnen, bis ich endlich den richtigen Ansatz für das richtige Buch gefunden hatte. Ich seufzte und beschloss mir ein Glas Wasser in der Küche zu holen.