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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 12 – Die Erdentilger

Die Manticor segelte galant in die Stratosphäre und ließ den Wolkenschleier des Planeten schnell hinter sich. Archweyll machte es sich auf der Brücke bequem, während die Atharymn immer größer wurde. 
Endlich lasse ich dieses verdammte Höllenloch hinter mir. 
Im Warp fühlte er sich wie zuhause, jedes Sternenfunkeln bedeutete ein Stück Heimat zu erblicken. 
Clynnt Volker trat an ihn heran. »Sie ist aufgewacht«, flüsterte er dem Kommandanten ins Ohr. 
»Ich danke dir«, erwiderte Archweyll und ließ sich entschuldigen. Während er nach hinten eilte, merkte er, wie Nervosität in ihm aufkeimte. Wie würde sie reagieren?
Tamara lag in einer offenen Schlafnische, ihr Kopf ruhte auf einem weichen Daunenkissen. 
Um ihre Stirn war eine Bandage gewickelt, die auch die Augen bedeckte und ein Zugang versorgte sie mit den notwendigen Elektrolyten. Die Schwellungen waren zurückgegangen und die Krampfadern verblasst. Ihr Brustkorb hob und senkte sich in einem flachen Rhythmus. Als der Kommandant eintrat, sah sie sich irritiert um.
Es zerriss Archweyll das Herz. Er konnte nicht anders, als sich eine Träne zu verdrücken. Dann griff er sich einen fest montierten Rollsessel und setzte sich neben sie. 
»Arch?«, flüsterte die Stoßtruppführerin mit zittriger Stimme. Ihre Hände griffen ziellos durch die Luft, um wenigstens etwas auszumachen. 
»Ich bin hier«, sagte er sanft und ergriff ihre Hand.
Instinktiv schien Tamara sich zu beruhigen. »Kann ich nicht den Verband abnehmen? Ich finde ihn furchtbar«, seufzte die junge Frau und griff mit der freien Hand nach ihren Bandagen, doch Archweyll hielt sie fest. Er holte tief Luft.
Er konnte durch den Warp reisen und Schlachten führen, doch auf diese Prüfung war er nicht vorbereitet. Er fühlte sich hilflos und entwaffnet und seine Brust drohte vor Kummer zu zerreißen. »Tamara…ich…«, begann er zu stottern. 
»Du lebst«, ihre wunderschönen Lippen formten ein bedingungsloses Lächeln. »Wie schön.«
Jetzt kam ihm doch eine Träne. Archweyll war froh, dass ihn so niemand sehen konnte und in der nächsten Sekunde strafte er sich schon dafür, auch nur diesen Gedanken geformt zu haben. »Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal getroffen haben?«, fragte er sie stattdessen, um irgendwie eine Brücke zwischen ihnen zu schaffen. 
»Wie könnte ich das vergessen«, kicherte sie spitzbübisch. »Ich habe dir eine reingehauen.«
»Ich habe eine Affinität mich in Schwierigkeiten zu bringen«, lächelte er matt. 
Und eine Affinität andere mit hineinzuziehen. 
Er ballte die Faust bis es wehtat. 
Das darf nie wieder passieren. Was für ein Kommandant lässt zu, dass seinen besten Leuten so etwas passiert? 
»Das stimmt. Ich fand das immer sehr bemerkenswert«, sagte Tamara und ihr Griff um seine Hand wurde etwas stärker. 
Er betrachtete ihre feuerrote Mähne und wollte sie schon streicheln, als ein innerer Instinkt ihn zurückfahren ließ. 
Du hast noch etwas zu erledigen. 
»Haben wir unsere Mission erfüllt?«, fragte die Stoßtruppführerin kaum vernehmbar.
»Das Skelett ist in die Tiefe gestürzt, aber die Frequenzen wurden trotz der Torpedierung weiterhin versendet. Sogar vermehrt. Ich hoffe, wir handeln uns damit keinen Ärger ein.«
Sie nickte matt. »Verstehe«, gab sie zurück.
Archweyll wusste sofort, dass es sie genauso ärgerte wie ihn. »Ich denke, es waren irgendwelche hochentwickelten Stoffe in den Knochenzellen, die sie in gewisser Weise zum Sprechen gebracht haben«, überlegte der Kommandant laut. »Ein Funksender im Gerippe, eindeutig praktisch.«
Wie lange willst du es noch hinauszögern, du alter Narr? 
»Was haben die Behörden gesagt?«, erkundigte sich Tamara. 
»Sie wollten Clynnt nicht glauben. Herr im Himmel, ich habe noch nie ein Lebewesen so üble Flüche und Verwünschungen per Funk versenden hören. Er hat mir die Aufzeichnungen gezeigt. Allerdings sind sie relativ kleinlaut geworden, als er ihnen die Scans übermittelt hat. 
Prospecteus wurde in Alarmbereitschaft versetzt.« 
Sie quittierte ihn mit einem schwachen Nicken. »Dann haben wir zumindest etwas erreicht«, seufzte sie. 
»Und dafür einen hohen Preis bezahlt.« Es war an der Zeit, sich dem Thema zu stellen. »Was du getan hast …«, begann er, doch sie winkte ab. 
»Was ich getan habe, hast du auch getan. Sonst wäre ich nicht hier, schon lange nicht mehr. Es ist etwas selbstverständliches.« 
Sein Griff wurde fester, bis Archweyll merkte, dass er zitterte. »Ich wusste direkt, dass du besonders bist«, gestand er und plötzlich merkte er, dass seine Kehle trocken wie Wüstenstaub war. 
»Deswegen hast du dir auch eine gefangen«, schmunzelte Tamara liebevoll. 
»Was ich dir sagen werde, wird dich möglicherweise schockieren«, Archweyll holte tief Luft.
»Es ist doch niemand gestorben?«, fragte Tamara erschrocken. 
Selbst jetzt sorgt sie sich noch mehr um ihre Leute, als um sich selbst. Verdammt Archweyll, warum nur kannst du es ihr nicht so vergüten, wie sie es verdient hätte? 
»Nein …«, begann er zögerlich. »Es ist so: du warst dort unten sehr lange dem Wasserdruck ausgesetzt. Ich habe sofort versucht dich da rauszuholen, aber ich war zu spät. Bitte verzeih mir.«
»Wieso warst du zu spät?« 
Sie weiß es noch nicht.
Um Archweyll schien sich alles zu drehen, während er ihr erklärte, was die Folgen ihres Abenteuers sein würden. 
Als Tamara seine Worte vernahm, wurde sie leichenblass. 
Jedes gesprochene Wort trieb einen Keil in Archweylls Brust, der sein Herz durchbohrte. 
Tamara nahm es kommentarlos entgegen, doch er bemerkte, wie ihr ganzer Körper unter einem Zittern erbebte. 
Sie weint, wurde ihm klar.
Sachte strich er über ihre Hand. 
»Ich werde alles erdenkliche geben, damit du wieder gesund wirst. Ich werde dich nicht verlieren, hörst du?« 
Schluchzte ich gerade? 
Vermutlich war es sein Körper nicht mehr gewöhnt, Emotionen dieser Art zu verarbeiten. 
Oder ist es, weil sie mich schwach macht? 
Plötzlich wurde ihm bewusst, dass dieser Gedanke falsch war. 
Sie macht mich stark, wurde ihm deutlich, bei dem Gedanken an die seltsame Stimme in seinem Kopf, als er fast vor dem Scheitern stand. Das war sie gewesen.
»Was wird jetzt geschehen?«, fragte Tamara und Verzweiflung kam in ihrer Stimme auf. 
Soldaten, die nicht mehr kampffähig waren, wurden gnadenlos ausgemustert. 
»Werde ich dich verlassen müssen? Wir haben doch gerade erst angefangen. Ich kann kämpfen, ich werde es dir beweis…«, überrascht verstummte sie, als Archweyll sie in seine breiten Arme schloss und sie zärtlich an sich drückte.
»Wir finden einen Weg«, sagte er. »Verlass dich auf mich.« 
Nach einer Sekunde der Überraschung erwiderte sie seine Annäherung und versank seufzend in seiner Umarmung. So sollten sie den Rest des Fluges verbringen, bis sie die Atharymn erreichten.

 »Bebsy, ich bin zuhause!«, frohlockte Archweyll mit dröhnender Stimme, als er die Kommandobrücke betrat. 
Die Mannschaft begrüßte ihn mit jubelndem Beifall. 
»Aber, aber, ich werde ja scharlachrot!«, feixte er weiter. Dann wurde sein Blick ernst. »Wir sollten verschwinden«, rief er den Navigatoren zu. »Clynnt, an die Arbeit. Du trödelst mir schon viel zu lange hier herum.« 
Er richtete seinen Blick in den Warp, der mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten vor ihm lag. Und erstarrte.
»Das … Das kann doch nicht sein« Archweylls Stimme war kaum mehr als ein Wispern. 
Auf der Brücke war es plötzlich totenstill. Sämtliche Arbeit wurde zugunsten eines Blickes aus der Frontscheibe eingestellt. 
Der Kommandant bemerkte, wie ein kalter Schauder seinen Rücken herunterlief und, wohin er auch kam, eine Gänsehaut hinterließ. Entsetzt taumelte er ein paar Schritte rückwärts. 
»Das kann doch nicht sein«, wiederholte er sich.
Das Entsetzen wurde allmählich zur Panik, als die Kreatur am Horizont größer und größer wurde. 
Und größer. Und größer. Und GRÖßER! 
»Sofort Scannen, Maschinen auf volle Leistung und Zielkoordinaten festlegen«, befahl der Kommandant. Es hatte einiges an Überwindung gekostet, sich aus der Schockstarre zu lösen.
Er stürzte förmlich in die Navigatorenkabine. 
»Was ist das?!«, brüllte Clynnt ihm entgegen, mit einer Lautstärke, die Archweyll sich nie von ihm erträumt hätte. Der Blick des Chefnavigatoren vergrub sich tief in seinen Monitoren, um dann wieder panisch zu Archweyll zu wechseln, in der Hoffnung, er könne ihm die Frage jetzt beantworten. 
»Keine Ahnung, bring uns hier weg!«, fluchte der Kommandant lautstark zurück. Er betrachte den Scann und das Ergebnis ließ seinen Magen flau werden. 
Das Wesen besaß drei Köpfe, die übereinander angeordnet und an unterschiedlich langen Hälsen befestigt waren. Jeder Kopf besaß den Umfang eines mittelgroßen Meteors und war von riesigen gelben Flecken übersäht, die wohl so etwas wie Augen sein mochten. Der unterste Schädel war mit einem auffällig leuchtenden Edelstein versehen, der elektrische Ladungen von sich gab, die alleine gereicht hätten, um eine Großstadt mit Energie zu versorgen. Im massigen beschuppten Bauch der Kreatur maß der Scan weitere Energieladungen, die zu noch weitaus mehr fähig waren, und nebenbei noch so etwas wie untergeordnete Lebensformen, die es sich darin gemütlich machten. Die Mäuler des Monsters waren gigantisch, groß genug, um die Atharymn mit einem beiläufigen Happs zu verschlingen. Mehrere Fangarme- , oder Beine, glitten, einem Insekt gleichend, aus ihr hinaus. Auf dem Rücken saßen käferähnliche Flügel, die jedoch gerade nicht in Benutzung waren. Das gesamte Wesen schien mit gepanzerten Dornen übersäht zu sein. Energie trat aus Öffnungen am ganzen Körper der Kreatur aus und hüllte sie gänzlich damit ein, tauchte sie in einen matten elektrischen Schimmer, der wie ein eigener Stern erstrahlte und von ungeheurer Macht erfüllt war. Mit einer Länge von fast zweieinhalb Kilometern war dieser Koloss deutlich größer als ihr Fund unter Wasser. Diese Kreatur strotzte jeder Logik.
»Das ist der Papa!«, Archweyll wurde so panisch, dass er die Kontrolle über seinen Humor verlor. 
Mit den Armen rudernd, gab Clynnt Befehle in seine Konsolen ein. 
Plötzlich veränderte sich das Energiegefüge des ganzen Warps um sie herum und für eine Sekunde hatte Archweyll das Gefühl, als würden die Sterne der Galaxie ihren Glanz verlieren. Der funkelnde Edelstein auf der Stirn des Monsterkopfes schien die gesamte Energie der Sterne angezapft zu haben. Für den Bruchteil eines Momentes stand die Zeit vollkommen still. Dann ertönte ein Rauschen das All, als würden sämtliche Realitäten in sich zusammenfallen, während die Energie aus dem Edelstein impulsartig austrat und Nautilon in eine Welt aus Scherben verwandelte. 
Angesichts der Fragmentierung eines gesamten Planeten vor ihren Augen, erstarrte die Mannschaft zu Eis. Niemand wagte es zu sprechen oder gar laut zu atmen. Manche hatten die Hände fassungslos über den Kopf geschlagen, andere schüttelten stumm den Kopf oder wandten sich ab. Das war eine Macht, die ihr Verständnis übertraf. Eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes. 
»Ich … wir … sollten verschwinden«, durchbrach Archweyll die Stille. 
Doch dann wurde ihm bewusst, was für ein schwerwiegender Fehler das wäre. 
Wenn sie jetzt fliehen würden, würde ihnen das Monster mühelos nach Prospecteus folgen. 
Und was dann geschehen würde, war kaum auszumahlen. 
Ein eiskaltes Gefühl umklammerte sein Herz, als Archweyll klar wurde, dass er seinen Heimatplaneten nie wiedersehen würde.

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Wildblumen

Gepflückt am Rand gepflegter Rasen.

Zurück bleibt nur der nackte Rumpf.

Köpfe kommen in die Vasen.

Trüber Tassen auserwählter Trumpf.

 

Langwierig durch kultivierte Schnitte

sind euren letzten Stunden auf dem Tisch.

Sterbende Ästheten in der Mitte.

Das Ende wilder Tage nähert sich.

by Lina Dinc

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Hätte werden können

Es stand geschrieben am Firmament,

dass dein Gesicht das meine fänd‘

und unsere Lippen sich berühren würden

in einem zeitlosen Moment.

 

Drum schaute ich zum Himmel auf.

Las Wolken und die Sterne auch.

Doch sah ich nicht

auf meinen Weg auf Erden.

 

Der Weg auf dem das Hätte

zum Werden

hätte werden können.

 

by Lina Dinc

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Korrekturen 27

27.Teil – Die letzte Flucht (3/6)

Die Beamten liefen gestikulierend hinter ihnen her, doch sie taten, als würden sie es nicht bemerken. Sie betraten das nächstgelegene Haus durch die offen stehende Tür und verschwanden darin. Die Beamten folgten ihnen schnell dort hinein.
»Halt!«, rief der Vordere der Männer, »Sie sind mit einem nicht zulässigen Fahrzeug hier in die Sperrzone gefahren. Ich will sofort die Fahrzeugpapiere und Ihre ID-Cards sehen!«
»In den Taschen sind Nadelwerfer mit Betäubungsnadeln«, flüsterte Giwoon Fancan ins Ohr, »nimm ihn heraus und schalte gleich die Männer aus, ja?«
Fancan nickte unmerklich.
Giwoon ging auf den Beamten zu.
»Ich habe da ein Problem«, sagte er laut, »wir besitzen leider keine Papiere, die wir Ihnen zeigen könnten.«
Der Polizist fingerte an seinem Gürtel und auch die anderen Beamten wollten ihre Waffen ziehen.
»Jetzt!«, rief Giwoon und Fancan drückte mehrfach auf den Auslöser des kleinen Nadelwerfers, der im Grunde aussah, wie ein Schreibstift.
Die Beamten sackten lautlos zusammen, während Giwoon und Khendrah sie festhielten, damit sie sich nicht verletzten.
»Ihr habt sie getötet?«, fragte Jake entsetzt.
»Quatsch!«, sagte Khendrah, »Das sind nur Betäubungsnadeln. In wenigen Stunden sind sie wieder munter. Wir sollten uns aber trotzdem schnell von hier entfernen, bevor die restlichen Polizisten am Kontrollpunkt neugierig werden.«
»Dann geht es aber hinten heraus«, schlug Thomas vor, »wenn wir vorn allein wieder auftauchen, wissen die Cops sofort, was die Stunde geschlagen hat.«
»Cops?«, fragte Giwoon.
»Meine Güte, Polizisten eben …«, meinte Thomas. »Es gibt sicherlich einen Hinterausgang.«
»Jake, wir danken Dir für die Hilfe, uns bis hierher zu bringen«, sagte Fancan, »aber jetzt trennen sich unsere Wege. Wir haben ein Ziel, dass wir so schnell, wie möglich, erreichen müssen.«
Jake riss verständnislos seine Augen auf.
»Moment, Leute«, rief er aus, »Ihr könnt mich doch jetzt nicht einfach hier zurücklassen. Was glaubt Ihr, was mit mir geschieht, wenn sie mich jetzt schnappen? Ich bin bei der hiesigen Polizei leider recht bekannt.«
Fancan und Khendrah sahen sich an.
»Was meinst du?«, fragte Fancan.
Khendrah nickte.
»Nehmen wir ihn mit«, sagte sie, »bei dem, was wir hier schon angerichtet haben, kann es sicher nicht schaden.«
»Wovon, verdammt noch ‘mal, redet Ihr eigentlich?«, fragte Jake, dem das alles noch nicht geheuer war.
»Wäre es ein Problem für Dich, hier einfach zu verschwinden, Jake?«, fragte Giwoon. »Oder bist du hier gebunden? Würde man Dich vermissen?«
»Das glaube ich kaum«, meinte Jake, »ich bin im Heim aufgewachsen. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt und eine Freundin habe ich nicht. Ich glaube nicht, dass mich jemand vermissen würde. Was habt Ihr denn vor?«
Giwoon blickte auf seine Armbanduhr, die noch weitere Funktionen hatte und mahnte:
»Wir sollten zunächst hier verschwinden. Jake, wir werden Dir alles erklären, aber jetzt ist es erst einmal wichtig, dass wir das Hyatts erreichen, bevor es zu spät ist.«
Er ging an Jake vorbei und suchte im hinteren Bereich des Hausflures nach einer Tür zum Hof, die er schnell fand und die auch nicht verschlossen war. Schnell schlüpften sie alle ins Freie und sahen sich um.
Der Hof war nach zwei Seiten hin durch einen hohen Zaun begrenzt, aber im hinteren Bereich war lediglich eine Hecke, die das Grundstück vom dahinter liegenden Grundstück eines Hauses einer Parallelstraße trennte.
»Dort kommen wir weiter!«, rief er, »Los!«
Er rannte voraus, ohne sich nach den Anderen umzusehen und war in wenigen Sekunden an der Hecke. Die Anderen folgten und zusammen fanden sie einen engen Durchgang auf den benachbarten Hof.
Nur wenige Minuten später standen sie wieder auf der Straße und mischten sich unter die zahlreichen Passanten.
Plötzlich begann die Armbanduhr an Giwoons Arm zu blinken und piepste durchdringend.
»Was hat das zu bedeuten?«, fragte Jake.
»Der Himalaja«, sagte Giwoon, »die Bombe hat gezündet.«
»Bombe?«, fragte Jake mit schriller Stimme. »Seid Ihr doch Terroristen?«
»Manche würden es sicher so bezeichnen«, gab Khendrah zu. »Jake, Du musst uns vertrauen. Du hast von uns nichts zu befürchten – ebenso wenig, wie alle diese Menschen hier. Wir haben im Himalaja eine Bombe deponiert, die soeben explodiert ist. Die Menschen dort waren jedoch gewarnt. Sie sollten die Anlage evakuieren. Uns ging es um die Vernichtung einer Anlage, die Energie von unserer Sonne abzapft, um sie zur Aufrechterhaltung einer Zeitreisevorrichtung bereitzustellen – vereinfacht ausgedrückt.«
Jake sah Khendrah mit offenem Mund an.
»Ihr wollt mich verscheißern, oder?«, fragte er. »Energie von der Sonne zapfen – Zeitreisevorrichtung. So’n Quatsch gibt es doch überhaupt nicht.«
Er blickte in ihre ernsten Gesichter und ein kalter Schauer lief ihm über den Körper.
»Ihr meint das wirklich ernst, nicht wahr? Ich will jetzt sofort wissen, was Ihr für Typen seid.«
»Wir kommen nicht aus dieser Zeit«, erklärte Giwoon. »Genau genommen stammen wir alle aus unterschiedlichen Zeiten, aber wir alle – bis auf Thomas – kommen aus der Zukunft – und zwar einer sehr fernen Zukunft, in der es Zeitreisen gibt und viele andere Dinge, die Du Dir nicht vorstellen kannst. Ich selbst stamme aus einer extrem weit entfernten Zukunft und wir litten dort unter den Aktivitäten einer Organisation, die sich massiv mit Zeitkorrekturen beschäftigte. Fancan und Khendrah sind Agentinnen dieser Organisation, die ich überzeugen konnte, dass es wichtig ist, diese Zeitkorrekturen ein für alle Mal zu unterbinden.«
»Was für eine Bombe habt Ihr denn dann hier bei uns im Himalaja gezündet, wenn Ihr alle aus der Zukunft stammt?«, wollte Jake wissen. »Das macht doch gar keinen Sinn.«
»Doch, das ergibt einen Sinn, wenn man weiß, dass man sich die Zeitreiseorganisation wie einen Schacht vorstellen muss, der durch alle Zeitalter bis in die fernste Zukunkft reicht. In diesem Schacht fahren Zeitkabinen hinauf und hinunter. So eine Einrichtung benötigt unglaublich große Energieen, die man selbst mit Euren Atomkraftwerken nicht in ausreichender Stärke erzeugen könnte. Also baute man – ganz im Geheimen – hier in dieser Zeit eine Sonnenenergiezapfanlage im Himalaja, die ständig riesige Mengen Energie aus der Sonne gewinnt, um sie in das Zeitreisesystem einzuspeisen. Die Versorgung muss aus technischen Gründen ganz unten erfolgen, also hier bei Euch.«
»Und was ist mit der Vergangenheit?«, fragte Jake, »Dieser merkwürdige Schacht, von dem Ihr gesprochen habt, wird doch sicher auch noch weit in die Vergangenheit reichen. Warum hat man dann diese Anlage ausgerechnet hier bei uns gebaut?«
Giwoon lachte.
»Du hast natürlich recht, Jake«, sagte er. »Das wäre logisch, aber der Schacht reicht eben nicht mehr weit in die Vergangenheit hinein. Er beginnt etwa im Jahre 2000. Ihr lebt hier in einer Zeit, die noch fast überhaupt nicht von den Zeitkorrekturen der Behörde manipuliert wurde. Und jetzt, wo die Zapfanlage nicht mehr existiert, wird sich der Schacht in den nächsten Wochen und Monaten auflösen und die Welt ist wieder frei und kann sich ungehindert entwickeln.«
»So ganz kann ich Euch noch immer nicht glauben«, sagte Jake, »aber eines möche ich noch wissen: Was wollt Ihr beim Hyatt?«
»Dort ist einer der Einstiege zu den Zeitreisekabinen«, sagte Khendrah. »Wir müssen sie erreichen, bevor sie beginnen, sich aufzulösen.«
»Und warum?«, fragte Jake verständnislos.
»Weil ich aus dem Jahre 2008 stamme«, sagte Thomas. »Sie bringen mich nach Hause, damit ich dort weiterlebe, wo ich hingehöre.«
»Nicht nur das«, sagte Khendrah, »ich werde auch dort bleiben oder glaubst du, dass du mich so schnell wieder los wirst?«
Thomas nahm Khendrah in den Arm und küsste sie sanft.
»Das will ich auch gar nicht«, versicherte er, »ich will mit Dir zusammen bleiben.«
»Und wir werden Euch ebenfalls in 2008 Gesellschaft leisten«, sagte Fancan, »nicht wahr, Giwoon?«
Giwoon nickte.
»Ja, auch für uns ist in 2008 Endstation. Wir werden nicht in meine Zeit zuückkehren. Womit auch? Mein Slider ist zerstört und die Aufzüge sind so gut wie vernichtet.«
»Es ist Euch schon klar, dass Ihr vier ganz schön durchgeknallt seid, oder?«, fragte Jake.
Diese Äußerung brachte Giwoon wieder auf ihre reale Situation zurück.
»Wir müssen uns beeilen«, mahnte er, »sonst stecken wir hier fest und das würde noch einmal Komplikationen verursachen, die wir nicht eingeplant haben.«
Sie machten sich auf den Weg. Unterwegs kamen sie an Geschäften vorbei, in denen eine Reihe eingeschalteter Fernsehgeräte standen. Auf ihnen sahen sie einen Bericht über eine verheerende Explosion im Himalaja, deren Ursache jedoch unklar war. Menschenleben seien nach bisherigen Informationen nicht zu beklagen gewesen. Jake starrte ungläubig auf die Bildschirme und musste gestehen, dass er bisher noch nicht wirklich geglaubt hatte, was die Anderen ihm erzählt hatten. Diese Nachrichten jedoch ließen die Erklärungen in einem völlig anderen Licht erscheinen.
Allmählich näherten sie sich dem Bereich des Hafens, wo auch das Hyatts-Hotel zu finden war. Kurz, bevor sie es erreichten, vernahmen sie ein eigenartiges Zischen und hinter ihnen hatte sich ein kleiner Teil der Fassade aufgelöst.
»Auf den Boden!«, brüllte Giwoon und warf sich lang hin. Noch im Fallen ließ er seinen Blick schweifen, um herauszufinden, woher der Schuss gekommen war. Es war definitiv ein Schuss aus einer Nihilationswaffe gewesen. Das konnte nur bedeuten, dass man ihnen auf den Fersen war.
»Hast du ‘was gesehen?«, fragte Fancan, die neben Giwoon gerobbt war.
»Es ist Ralph!«, rief Khendrah, die neben Thomas und Jake lag, »Er steht dort drüben. Es sind noch ein paar Männer dabei.«
Giwoon blickte sich vorsichtig um. Ausgerechnet jetzt waren keinerlei Passanten zu sehen. Ralph hatte sich also nicht endgültig von dem explodierenden Slider täuschen lassen. Vorsichtig öffnete Giwoon seine Gürteltasche, in der er diverse Gegenstände mit sich herumtrug und holte einige kleine Scheiben heraus. Geschickt warf er sie den Anderen zu und sagte:
»Schnell, packt Euch diese Scheiben direkt an den Körper und drückt auf den kleinen Knopf in der Mitte.«
»Was sind das für Dinger?«, wollte Khendrah wissen.
»Spielzeuge aus dem einhundertelften Jahrhundert«, antwortete er, »Sie können eine Weile Schüsse aus der Nihilationswaffe neutralisieren. Sie schaffen ein Feld, das die Energien der Waffe aufnimmt und umwandelt. Wenn das gegnerische Feuer nicht zu stark wird, wird es reichen. Ansonsten kann das Feld überlasten und dann sind wir geliefert. Also einschalten und dann los. Wir haben es nicht mehr weit bis zum Aufzug.«
Wie auf ein geheimes Kommando sprangen sie auf und liefen los. Von der anderen Straßenseite schlug ihnen Feuer entgegen, welches Teile des Gehweges und Mauerteile auflöste, ihnen jedoch keinen Schaden zufügte. Khendrah drehte sich um und brachte ihren kleinen Nadelwerfer in Anschlag. In schneller Folge feuerte sie einige Betäubungsnadeln auf ihre Gegner. Drei der Verfolger brachen zusammen.
Ralph und die restlichen Männer sprangen in ein Elektroauto, welches sie am Straßenrand geparkt hatten. Mit quietschenden Reifen starteten sie den Wagen und fuhren an ihnen vorbei, wobei sie mehrere wirkungslose Schüsse aus dem Seitenfenster auf sie abfeuerten.
»Was machen sie denn jetzt?«, fragte Fancan.
»Ist doch klar«, meinte Khendrah, »sie fahren direkt zum Aufzug und werden uns dort abfangen wollen. Wir können doch gar nicht vor ihnen fliehen – wir müssen und ihnen stellen.«
»Verdammt!«, entfuhr es Fancan, »Du hast recht. Der Dreckskerl kann es einfach aussitzen und auf uns warten.«
»Meint Ihr, dass der Typ gecheckt hat, dass ich zu Euch gehöre?«, fragte Jake plötzlich.
»Wieso?«, fragte Giwoon, »Warum fragst Du das?«
»Also ich bin nicht ganz so dämlich, wie Ihr vielleicht glaubt. Beantwortet mir nur die Fragen, wie viel diese kleinen Scheiben vertragen, bis sie überladen werden und wie man mit diesen winzigen Nadeldingern umgeht. Das Ganze kann natürlich nur klappen, wenn sie mich nicht als Mitglied der Gruppe identifiziert haben.«
»Ich denke, so vierzig bis fünfzig Schuss hält deine Scheibe sicher aus, bevor sie versagt«, sagte Giwoon. »Was hast du genau vor?«
»Ich bin Freund einfacher Lösungen«, sagte Jake, »ihr gebt mir einen dieser Nadeldinger und ich werde spazieren gehen. Zeigt mir vorher genau, wo dieser rätselhafte Aufzug zu finden ist und dann werde ich ganz unbefangen die Straße herunterschlendern, während Ihr den direkten Weg von vorn nehmt. Verwickelt diese Typen in ein Gesprächt. Gewinnt Zeit, bis ich auf Schussweite heran bin. Dann schieße ich jedem schnell eine Nadel in den Körper und das war’s. Was haltet Ihr davon?«
»Klingt einach und verrückt«, sagte Fancan. »Das könnte klappen.«
Khendrah fingerte an ihrem Gürtel und zog schließlich ihre Ersatzwaffe heraus, die sie Jake in die Hand legte.
»Sei vorsichtig damit, Jake«, mahnte sie. »Sie enthält zwar nur Betäubungsnadeln, doch wenn jemand von mehr als zehn Nadeln getroffen wird, bringt es ihn trotzdem um. Die Bedienung ist ganz einfach: Jeder Druck auf diesen kleinen Knopf hier verschießt eine Nadel. Das Magazin enthält etwa fünfhundert davon. Also einfach auf das Ziel richten und drücken – je schneller, desto besser.«
»Danke«, sagte Jake und testete den Bewegungsablauf einige Male, »das bekomme ich hin.«
Bevor Jake sich auf den Weg machte, nahm Fancan ihn einmal in den Arm und küsste ihn auf die Wange.
»Wofür war das jetzt?«, wollte er wissen.
»Einfach nur ein Dank, dass Du das für uns tust«, sagte sie.
»Nicht dafür«, entgegente Jake, »ganz im Gegenteil. Ich freue mich, dass ich einmal etwas wirklich Nützliches tun kann. Ihr seid seit Langem die Ersten, die mich ernst genommen haben. Deshalb möchte ich etwas für Euch tun.«
»Hier«, sagte Giwoon noch und hielt ihm ein winziges Gerät hin, »ein kleiner Kommunikator. Er passt ins Ohr. Einmal mit dem Finger gegen das Ohr klopfen, schaltet ihn ein, zweimal schaltet ihn wieder ab. Wir haben ebenfalls solche Geräte. Damit können wir uns absprechen.«
Jake grinste, steckte sich das Ding ins Ohr und tippte dagegen.
»Sprechprobe!«, rief er, während die Anderen zusammenzuckten.
»Du brauchst nicht so zu schreien«, mahnte Khendrah, »uns fliegt das Trommelfell weg.«
»Entschuldigung«, meinte Jake, »ich hab’s jetzt verstanden.«
Er wandte sich zum Gehen und winkte eines der Taxis heran, die in der Stadt umherfuhren und auf Kunden warteten. Er stieg ein und das Auto fuhr davon.
»Hoffentlich geht es gut«, meinte Giwoon, »meint Ihr, wir können ihm trauen?«
»Ich denke schon«, sagte Fancan, »außerdem wäre es jetzt auch ein Bisschen spät, meint Ihr nicht?«
In der Ferne konnten sie bereits das Hyatts-Hotel sehen. Bisher war noch niemand von ihnen während eines Auftrages hier in die Zeit hinausgetreten, doch waren sich Khendrah und Fancan absolut sicher, dass eine der Türen in der Halle sich für sie in eine Aufzugkabine des Zeitvektors öffnen würde – jedenfalls, solange es diesen Vektor noch gab. Es machte sie nervös, zu wissen, dass mit jeder Stunde, die sie noch hier verweilten, die Gefahr größer wurde, dass sie den Aufzug nicht mehr bis zum gewünschten Jahr hinunterfahren konnten.


Der nächste Teil erscheint am 23.11.2019

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Korrekturen 26

26.Teil – Die letzte Flucht (2/6)

»Wir werden beobachtet«, informierte sie die Anderen.
Giwoon blickte nach oben und entdeckte ebenfalls den Mann, der einen Helm trug und seine Augen hinter dunklen Gläsern verborgen hatte.
»Das ist eine Motorradstreife«, sagte Thomas, »ein Polizist.«
»Muss mir das etwas sagen?«, fragte Khendrah, »Kann der uns gefährlich werden?«
»Die Polizei sorgt für die Einhaltung der Gesetze und die Aufrechterhaltung der Ordnung«, erklärte Thomas, »der Polizist dort oben wird sich sicher fragen, was wir hier verloren haben und wie wir überhaupt hierher gekommen sind. Wenn wir Pech haben, ist er neugierig genug, uns abzufangen, wenn wir drüben angekommen sind. Wir können sicher eine Befragung durch die örtlichen Behörden nicht gebrauchen, oder?«
Fancan schüttelte den Kopf.
»Auf keinen Fall. Wir müssen ihn irgendwie abschütteln, bis wir einen Ort erreicht haben, wo es mehr Menschen gibt.«
»Dort drüben ist tatsächlich ein Loch in dem Erdwall«, rief Giwoon und deutete nach vorn.
»Ein Tunnel!«, rief Thomas aus, »Dann lasst uns machen, dass wir darin verschwinden.«
»Wird dieser Mann dort oben nicht schon am anderen Ende warten?«, wollte Fancan wissen.
»Oh, ganz sicher nicht«, sagte Thomas bestimmt, »das ist ein Autobahnkreuz. Man kann nicht in jede Richtung fahren. Er wird erst einen weiten Bogen fahren müssen, um zum anderen Ende des Tunnels zu gelangen. Bis er dort eintreffen kann, müssen wir eben von dort verschwunden sein.«
Sie liefen los und sahen, bevor sie den Tunnel betraten, noch, wie der Polizist hektisch wieder auf sein Fahrzeug aufstieg. Im Tunnel war es nicht ganz dunkel. An den Wänden hingen trübe leuchtende Lampen und verhinderten durch ihren schwachen Schein, dass sie auf dem feuchten und schmierigen Boden stürzten. In der Ferne sahen sie den anderen Ausgang des Tunnels. So schnell sie konnten, liefen sie auf das ferne Licht zu, welches rasch näher zu kommen schien.
Endlich erreichten sie wieder das Tageslicht. Sowie sich ihre Augen wieder an das Sonnenlicht gewöhnt hatten, blickten sie sich um. Sie befanden sich auf einem großen, unbefestigten Platz, auf dem zahlreiche Reifenspuren zu sehen waren. Einige junge Leute bastelten an ihren Autos und sahen misstrauisch zu ihnen hinüber.
»Vielleicht können diese Leute uns helfen«, sagte Giwoon, »lasst uns sie fragen, ob sie uns mit in die Stadt nehmen können.«
Als sie sich der Autogruppe näherten, erhoben sich drei stämmige Männer in Lederjacken und kamen ihnen entgegen. Sie trugen schwere Schraubenschlüssel in ihren Händen und machten einen bedrohlichen Eindruck.
»Was wollt Ihr hier?«, fuhr sie der mittlere der drei – offenbar ihr Anführer – an, »Verpisst Euch, wenn Ihr keinen Ärger haben wollt!«
»Wir benötigen Hilfe«, sagte Giwoon freundlich, »wir müssen dringend in die Stadt.«
»Verschwindet dorthin, wo Ihr hergekommen seid!«, rief der Mann wieder und schlug sich mit dem Schraubenschlüssel in die Hand, »Wir können hier keine Schnüffler gebrauchen. Seid Ihr etwa Bullen?«
Sie kamen noch einen Schritt näher.
»Wir sind ganz sicher nicht von der Polizei«, sagte Thomas, dem allmählich dämmerte, dass die Autos, an denen die anderen jungen Leute herumschraubten, möglicherweise gestohlen waren, »wir haben uns einfach nur verlaufen. Es wäre wirklich nett, wenn Ihr uns in die Stadt mitnehmen könnt.«
Die Männer sahen sich einen Moment an, dann prusteten sie los und lachten.
»Sehen wir etwa nett aus?«, fragte der Wortführer der drei wieder, »Ich habe jetzt keine Lust mehr, mich weiter mit Euch zu befassen. Wir haben zu tun.«
Einer der Männer flüsterte dem Wortführer etwas zu, der plötzlich ein breites Grinsen im Gesicht hatte.
»Mein Freund hatte eine bessere Idee«, sagte er, »die Mädchen bleiben hier, aber Ihr verschwindet – und zwar sofort.«
»Das könnt ihr vergessen!«, entgegnete Khendrah abweisend.
»Na, na, nicht so kratzbürstig«, sagte der Mann und zog eine Pistole aus seinem Gürtel. Sein Lächeln war verschwunden.
»Also los. Die Mädchen kommen hierher und ihr verschwindet!«
Zum Beweis, dass er es Ernst meinte, schoss er zweimal vor Giwoons Füßen in den Boden. Khendrah und Fancen sahen sich kurz an und nickten sich unmerklich zu. Scheinbar resignierend kamen sie auf die Seite der drei Männer. Die beiden unbewaffneten Männer schnappten sich je eine von ihnen und begannen, sie mit ihren schmutzigen Fingern zu begrapschen. Die Frauen reagierten angewidert, was die Männer amüsierte.
»Wenn Ihr zu uns allen ein wenig nett gewesen seid, fahren wir Euch vielleicht sogar noch in die Stadt«, sagte einer der drei.
»Ich habe eine bessere Idee«, sagte Fancan und lächelte hintergründig.
Im nächsten Moment mussten die drei feststellen, wie es um die Fähigkeiten von Zeitagenten im Nahkampf bestellt war. Die ganze Angelegenheit hatte nur wenige Sekunden gedauert, dann lagen die beiden Männer, die bei den Frauen gestanden hatten, bewusstlos am Boden. Khendrah hielt dem Wortführer ihre Hand entgegen.
»Du gibst mir besser die Waffe, damit nicht noch etwas geschieht«, sagte sie auffordernd und deutete mit dem Kopf auf die am Boden liegenden Männer, »oder möchtest du dich zu deinen Freunden gesellen?«
Er riss die Waffe herum und richtete sie auf Khendrah, die jedoch damit gerechnet hatte und mit zwei schnellen Schritten bereits bei ihm war. Der Mann wusste nicht, wie ihm geschah, als er innerhalb einer Sekunde entwaffnet war und sich, mit dem Gesicht auf dem Boden liegend, wiederfand. Khendrah saß auf seinem Rücken und verbog seinen Arm auf eine Weise, die ihm sicher sehr weh tat.
»Ich mache dich fertig«, presste er unter Keuchen mühsam hervor.
»Muss ich mir deshalb Sorgen machen?«, fragte Khendrah, »Bisher hatten deine Drohungen jedenfalls keine Substanz.«
Mit geschickten Bewegungen band sie ihm die Arme mit seinen eigenen Schnürsenkeln auf den Rücken, dann stieg sie von ihm herunter. Inzwischen hatten ein paar der anderen Männer bei den Autos die Szene mitbekommen und sahen interessiert zu ihnen herüber. Khendrah gab Fancan ein Zeichen, ihr zu folgen und die beiden Frauen liefen zu den Autos hinüber.
»Ist sie nicht süß, meine Fancan?«, fragte Giwoon Thomas.
»Im Grunde sind die beiden regelrechte Kampfmaschinen«, antwortete er, »wenn ich nicht genau wüsste, dass sie auch anders sein können …«
»Nun ja, Kampfausbildung gehört schon irgendwie dazu, wenn man sich in der Zeit herumtreibt«, sagte Giwoon, »ich bin da auch nicht ganz ungeschickt, aber das eben konnten unsere Damen ganz allein regeln. Wie steht es mit dir? Verstehst du auch etwas von Nahkampf?«
»Theoretisch ja«, gab Thomas zu, »Khendrah hat mir im Vektor einen Hypnosekurs verpasst und danach mit mir trainiert. Es gab bisher keinen Ernstfall, aber vermutlich wüsste ich mir schon zu helfen, wenn ich angegriffen würde.«
Giwoon nickte.
»Das ist gut, zu wissen«, sagte er, »damit haben wir alle vier eine entsprechende Ausbildung.«
Inzwischen hatten Khendrah und Fancan die Fahrzeuge erreicht. Insgesamt sechs ölverschmierte Männer sahen ihnen entgegen.
»Ich gehe mal davon aus, dass das, was sich hier abspielt, nicht legal ist«, sagte Khendrah, »aber wir sind nicht von der Polizei. Wir brauchen lediglich eure Hilfe.«
Sie blickte von einem zum anderen, doch niemand sagte etwas.
»Was ist los mit euch?«, fragte Fancan, »Könnt Ihr nicht reden? Wer ist euer Anführer? Wir müssen lediglich in die Innenstadt und möchten, dass uns jemand dorthin bringt.«
Ein etwa zwanzigjähriger Mann in einen Overall deutete auf den hinter den Frauen auf dem Boden liegenden Gefesselten.
»Das ist unser Anführer«, sagte er leise, »den Sie da gefesselt haben. Das war eine reife Leistung.«
Die anderen stimmten murmelnd zu.
»Okay«, sagte Khendrah und hob ihre Hände, »ich stelle hiermit klar, dass es uns überhaupt nicht interessiert, was Ihr hier tut. Ich vermute zwar, dass Ihr die Polizei nicht zu euren Freunden zählt, aber das ist bei uns nicht anders. Also, wer kann uns in die Stadt fahren?«
»Ich kann das tun«, sagte der Mann im Overall, »sobald dieser Wagen hier fertig ist. Dauert vielleicht noch eine halbe Stunde. So lange müsst Ihr schon warten.«
»Wenn du das tust, brauchst du nicht zurückkommen!«, rief der Gefesselte ihm zu, »Denn, wenn ich dich in die Finger bekomme, mache ich dich fertig!«
»Ach, leck’ mich!«, rief der Junge zurück, »Ich habe die Schnauze so voll von Dir Dreckskerl! Du kommandierst immer nur herum, lässt uns die Drecksarbeit machen und das Risiko tragen und markierst hier den dicken Max. Ich mach das nicht mehr mit.«
Khendrah schaute von einem zum anderen.
»Also sind wir uns einig?«, fragte sie den jungen Mann, der sich gerade seine Hände an einem Lappen abwischte, »Sie bringen uns in die Nähe des Hafens?«
Er kam um den Wagen herum, an dem er arbeitete und hielt ihr seine Hand hin.
»Abgemacht«, sagte er, »ich bin Jake.«
Khendrah ergriff die Hand und meinte:
»Du wirst es nicht bereuen, Jake. Mein Name ist Khendrah.«
»Was ist denn das für ein Name?«, fragte Jake, »Ihr seid nicht von hier, oder?«
Fancan und Khendrah lächelten.
»Nein«, meinten sie, »das sind wir in der Tat nicht.«
Jake wartete, doch waren die beiden Frauen offenbar nicht bereit, mehr zu erzählen.
»Mach bitte deine Arbeit an diesem Fahrzeug fertig«, bat Khendrah, »wir haben es nämlich recht eilig.«
Jake zuckte mit den Schultern und beugte sich dann wieder über den Motorblock seines Wagens.
Khendrah und Fancan gingen zurück zu Giwoon und Thomas, die bei dem Gefesselten warteten. Die beiden anderen Männer waren inzwischen zu sich gekommen, verspürten aber keine Lust, sich mit den beiden Männern anzulegen. Wie es schien, waren sie alle ohne ihren Anführer relativ handzahm.
»Wenn ich diese Fessel los bin, mache ich euch alle fertig – und jeden, der mit euch gemeinsame Sache gemacht hat«, zischte der am Boden liegende, »niemand legt sich mit Rick Barlowe an.«
Giwoon beugte sich zu ihm hinunter und sagte:
»Wenn Rick nicht allmählich seine Klappe hält, wird er erleben müssen, was Giwoon tut und es wird ihm nicht gefallen. Haben wir uns verstanden?«
»Giwoon?«, fragte er keuchend, »Was seid Ihr eigentlich für Typen?«
»Das geht dich nichts an«, sagte Thomas, »für dich wäre es vielleicht besser, du vergisst, dass du uns jemals gesehen hast.«
Rick schluckte. Er begriff, dass diesen Menschen sein Name nichts sagte und er sie damit nicht beeindrucken konnte.
Wie Jake versprochen hatte, war der Wagen nach gut einer halben Stunde fertig. Er setzte sich ans Steuer und ließ den Motor an. Aus dem Seitenfenster winkte er ihnen zu und forderte sie auf, in den Wagen einzusteigen.
Khendrah stieg auf der Beifahrerseite ein und fragte die anderen Männer, ob sie ein Problem damit hätten, wenn sie sie mit Rick allein lassen würden. Einer der Männer lächelte böse.
»Wir werden uns um ihn kümmern«, sagte er, »er hat uns seit Monaten behandelt, wie den letzten Dreck, weil er die Kanone hatte und wir nicht. Das ist jetzt anders. Wir werden die Bedingungen jetzt neu aushandeln.«
»Okay«, sagte Khendrah, »ich will die Einzelheiten gar nicht wissen.«
Sie schloss die Beifahrertür und Jake fuhr los, als alle im Wagen saßen.
»Wo genau wollt Ihr eigentlich hin?«, wollte Jake wissen, »Die Stadt ist groß.«
»In der Nähe des Hafens gibt es ein Hotel«, sagte Khendrah, »es hat den Namen Hyatt. Dort müssen wir hin – und zwar so schnell, wie es eben geht.
Jake verzog sein Gesicht.
»Zum Hyatt? Das liegt ausgerechnet in der Umweltzone. Dort darf ich eigentlich mit diesem Wagen nicht hinein.«
»Warum nicht?«, wollte Giwoon wissen.
»Sag’ ich doch: Umweltzone. Dies hier ist ein 2005er Chevy mit Verbrennungsmaschine. Der fährt noch mit Benzin. In der Umweltzone dürfen nur noch Elektro-Autos fahren. Ich kann es versuchen, aber wir riskieren, angehalten zu werden.«
»Bitte versuche es, Jake«, bat Fancan, »wir haben es wirklich sehr eilig. Wir müssen dort sein, bevor es im Himalaja knallt.«
»Fancan!«, rief Giwoon ärgerlich.
»Moment«, fragte Jake, »was genau geht hier eigentlich ab? Ich seid doch keine Terroristen, oder? Was sollte das mit dem Himalaja?«
»Du würdest es wahrscheinlich nicht verstehen«, sagte Khendrah, »ich kann dir nur so viel sagen, dass dir und den Menschen hier keine Gefahr droht. Es wird etwas geschehen im Himalaja, aber das betrifft nur uns. Wir hätten ein Problem, wenn wir nicht rechtzeitig dort sind, wo wir hinwollen.«
Jake steuerte seinen Wagen geschickt durch den Verkehr der Innenstadt von San Diego und sie näherten sich relativ zügig dem Hafengebiet. Einige Warnschilder wiesen darauf hin, dass die Weiterfahrt in die Umweltzone für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren verboten war.
»Willkommen im Jahr 2014«, murmelte Jake, als er den Kontrollpunkt passierte und in die Zone hineinsteuerte, »ab jetzt kann es jederzeit geschehen, dass uns Polizei oder Ordnungskräfte entdecken. Dann werden sie uns anhalten. Ich muss nicht darauf hinweisen, dass eine Überprüfung dieses Fahrzeugs uns in Schwierigkeiten bringt, oder? Habt Ihr eigentlich Papiere dabei?«
»Papiere?«, fragte Giwoon, »Was meinst du damit?«
»Na, eben Papiere. Ausweise, Pässe. Das muss es doch auch dort geben, wo Ihr herkommt.«
»So etwas brauchen wir dort nicht, wo wir herkommen«, sagte Khendrah.
»Ihr wollt mich verscheißern«, schimpfte Jake, »jeder braucht Papiere. Ich sehe schon – ich habe mich hier auf einen Deal eingelassen, bei dem mich die Bullen hochnehmen werden.«
Fancan, Khendrah und Giwoon sahen sich fragend an. Sie verstanden nicht so recht, was Jake meinte.
»Wir können dich beschützen, wenn wir angehalten werden«, sagte Fancan.
Jake lachte humorlos auf.
»Ihr habt vielleicht Vorstellungen, Leute. Glaubt Ihr, Ihr könnt mit der Polizei dasselbe abziehen, wie mit diesem Drecksack Brian? Das könnt Ihr vergessen. Da könnt Ihr Euer Karatezeugs nicht bringen.«
»Brian?«, fragte Fancan.
»Ja, der Typ, den Ihr so nett verschnürt habt – was mir übrigens sehr gut gefallen hat.«
Jake grinste und ließ den Wagen in eine kleine Seitenstraße fahren.
»Ist das der Weg zum Hafen?«, fragte Giwoon.
»Nicht direkt, aber ich habe die Hoffnung, dass die Bullen nicht gerade in solchen Nebenstraßen lauern.«
»Wie weit ist es denn noch bis zum Ziel?«, wollte Thomas wissen.
»Nur noch ein paar Kilometer«, sagte Jake.
Er bog in die nächte Seitenstraße ein und fluchte.
»Scheiße, eine Polizeikontrolle!«, rief er aus und stoppte den Wagen, »Sie haben uns sicherlich schon bemerkt.«
»Dann sollten wir machen, dass wir zu Fuß weiterkommen«, sagte Giwoon, »schnappt Euch Eure Taschen und dann nichts wie ‘raus aus dem Wagen.«
In wenigen Sekunden hatten sie alle den Wagen verlassen und standen auf dem Gehweg. Ein paar der Beamten, die dabei waren, Fahrzeuge und ihre Fahrer zu kontrollieren, schauten interessiert zu ihnen herüber. Sie wandten sich ihnen zu und kamen auf sie zu.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Jake ängstlich, »Wenn sie mich schnappen, gehe ich für die nächsten Monate in den Bau.«
»Ganz ruhig«, sagte Giwoon, »wir gehen jetzt ganz ruhig weiter und gehen in das Haus da drüben.«


Der nächste Teil erscheint am 16.11.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 11 – Häppchenweise

Daisy Lee hatte ihn zuerst entdeckt.
»Verdammte Scheiße, was ist das?«, fragte sie argwöhnisch, als sie die vielen ballongleichen Pflanzen wahrnahm, mit denen Archweylls Scherenpanzer in die Höhe trieb.
»Das ist ein Aushängeschild. Ich wusste doch, dass er es schafft«, atmete Clynnt Volker aus und ballte triumphierend die Fäuste. Eine maßlose Erleichterung überkam ihn bei diesem Anblick.
Ich hoffe nur, er hat Tamara dabei.
Eine Hoffnung, die sich bestätigte, als die beiden geborgen wurden. 
»Ich brauche hier sofort einen Apothekaris!«, schrie Clynnt aus voller Kehle, als er ihren Gesundheitszustand erkannte. Tamaras Körper war von schwarzen Adern durchzogen und lag in einer verkrampften Haltung hinter dem Kommandanten. Blut floss aus ihrer Nase und ihren Ohren und sie war mit einer unbändigen Vielzahl verschiedenfarbiger Hämatome bedeckt, die ihr das Aussehen eines bewusstlosen Regenbogens verliehen. 
Um Archweyll stand es noch schlechter, doch Clynnt war sich bewusst, dass der Kommandant fast alles wegstecken konnte. Man musste ihm schon in den Kopf schießen, um ihn aufzuhalten. Hektische Schritte ließen den Boden erbeben, während Menschen hin- und her hetzten, um den Vermissten zu helfen. Archweyll und Tamara wurden schnellstmöglich im Krankenflügel des Zyklopen untergebracht. Dieser bestand aus einem kleinen, kreisrunden Saal mit zehn sterilen Betten und einer Arztstation, in der silberne Instrumente im trüben Neonlicht funkelten und ratternde Generatoren die Monitore und Gerätschaften mit Energie versorgten. Der Arzt begrüßte sie mit einem steifen Nicken und machte sich unverzüglich an die Arbeit. 
Clynnt merkte gar nicht, wie lange er da stand und ihm dabei zusah. Er wollte einfach nur sicherstellen, dass nicht schon wieder etwas schiefging. Doch irgendwann riss er sich zusammen und ließ den Mann seine Arbeit machen. 
»Wir machen uns auf den Weg zurück«, befahl der Chefnavigator, während er zurück auf die Kommandobrücke eilte.
»Verstehe, ihr habt noch ein Hühnchen zu rupfen«, erwiderte Daisy und machte sich auf den Weg zum Steuer. 
Clynnt klopfte ihr auf die Schulter. 
»WIR haben noch ein Hühnchen zu rupfen. Du bist jetzt Teil der Mannschaft und somit warst auch du hier unten in unnötiger Gefahr.« 
Auch wenn sie es zunächst verbergen wollte, konnte Daisy doch nicht umher, ein strahlendes Lächeln aufzusetzen. »Wir … Das ist ein Wort, an das ich mich gewöhnen könnte«, sagte sie lachend, während sie sich auf den Weg zur Forschungseinrichtung machten.



                                                                ***


Schwarze Schleier durchzogen sein Hirn und marterten es. Dinge passierten um ihn herum, am Rande seiner Wahrnehmung. Dem unaushaltbaren Druck der Schmerzen war eine bleierne Schwere gewichen, die alles belanglos erscheinen ließ. So lag er da und ruhte. 
Wenige Stunden fühlten sich wie Äonen an, während die Apothekaris seinen ruinierten Körper begutachteten, scannten und reaktivierten. Das Leben zog an ihm vorbei. Dann wurde wieder alles schwarz.


Archweyll öffnete die Augen. Er musste eingeschlafen sein. 
Die Tatsache, dass er in einem Bett lag und frischen Sauerstoff einatmete, erfüllte ihn zumindest mit etwas Genugtuung. Die trübe Beklommenheit des dunkeln Schlafes im Narkotikum wich Schritt für Schritt, auch wenn seine Glieder nach wie vor kaum zu einer Bewegung fähig waren. 
Immerhin muss ich nicht wieder Jaulen wie ein Seehund, dachte er verdrossen und dankte den Betäubungsmitteln in stiller Heimlichkeit. Sein Blick ging umher. Er befand sich eindeutig wieder in der Forschungsstation, sachter Regen prasselte gegen die große Glaskuppel, welche einen verschwommenen Ausblick auf den dahinterliegenden Ozean preisgab. Erst jetzt registrierte er das Team aus Ärzten, dass ein Bett am anderen Ende des Raumes belagerte. 
Clynnt Volker war unter ihnen und schien eine hitzige Diskussion zu führen. Als er Archweyll erspähte, verfinsterte sich seine Miene dramatisch und er eilte zum Kommandanten herüber.
»Schön, dich wach zu sehen«, sagte der Chefnavigator. Seinem Tonfall ließ sich direkt anmerken, dass ihn etwas zu bekümmern schien.
»Was ist los?«, keuchte Archweyll. Sprechen war noch keine der angenehmen Aufgaben. Aber er kannte seinen Körper, in weniger als ein paar Tagen würde er wieder auf den Beinen sein. 
»Du kannst mich hören? Das ist gut, denn es bedeutet, dass die Geräte funktionieren.« 
Archweyll schaute seinen Chefnavigator mit einer Mischung aus Angst und Belustigung an. »Bitte was?«, fragte er ungläubig. 
»Dein Gehör hat einen irreparablen Schaden erlitten. Wir haben einen Sensor eingebaut, der Schall empfängt und frequentiert. Dadurch bist du in der Lage mich zu verstehen. Außerdem solltest du dein Herz in nächster Zeit schonen. Es hat nach der Behandlung so unrhythmisch geschlagen, das wir es ersetzen mussten, andernfalls wärst du draufgegangen. Vor drei Tagen ist ein föderaler Medikus eingetroffen, er hat dich operiert.«
Erst jetzt fiel Archweyll auf, dass er ein steriles weißes Leinenhemd trug. Darunter befand sich ein Verband, der um die ganze Brust reichte.
»Gegen Infektionen, die Wunde hat sich durch Gerinnungshormone innerhalb von zwei Tagen versiegelt. Du dürftest nur noch wenig spüren«, merkte der Chefnavigator an.
»Wie lange liege ich schon hier?«, keuchte Archweyll unter zusammengepressten Zähnen. Sein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. 
»Fast zwei Wochen«, erwiderte Clynnt kopfschüttelnd.
»Tamara?« Archweyll saß bei dem Gedanken an seine Stoßtruppführerin plötzlich kerzengerade im Bett. 
Abermals schüttelte Clynnt den Kopf. 
»Sag mir was hier los ist!«, fluchte der Kommandant ungehalten. »Sie ist doch nicht etwa …?« Bei dem Gedanken daran, sie verloren zu haben, drehte sich alles um ihn. 
»Sie wird wieder aufwachen«, begann Clynnt.
Der Kommandant bemerkte, dass er bis gerade die Luft angehalten hatte. 
»Aber sie hat ebenfalls irreparable Schäden erlitten.« Man merkte dem Chefnavigator an, dass es ihm schwer fiel, darüber zu sprechen.
»Ihr Gehirn hat Schäden erlitten, ebenso wie ihr Herz, ihr Trommelfell und ihre Muskeln. Sie war einfach zu lange dem Druck ausgesetzt.« 
Archweyll griff mit der Hand nach Clynnts Kragen und schüttelte ihn. Doch nach einem Moment verließ ihn die Kraft dazu. »Was hat das zu bedeuten?!«, fuhr er den Navigator an. 
»Sie wird für immer blind sein, Arch. Außerdem ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt und sie braucht ebenfalls Hörgeräte. Die Hirnstruktur lässt sich leider nicht mehr medizinisch zusammenfügen. Es tut mir Leid.« Man merkte Clynnt an, dass er fest damit rechnete, gleich von Archweyll einen Schlag zu kassieren, denn er zuckte merklich zusammen. 
Doch Archweyll blieb ruhig. Er lehnte sich, ohne etwas zu sagen, in sein Kissen zurück und schloss die Augen. 
»Crowler?«, war das einzige Wort, was seinen Mund noch verlassen sollte.
»In Gewahrsam. Bewacht im Kommunikationsraum«, antwortete Clynnt und sein Gesicht nahm etwas Düsteres an. 



                                                                  ***


Schlechte Kunde ist schlechter Gast. Das war Clynnt so bewusst wie die Tatsache, dass Archweyll ihn vermutlich köpfen würde. 
Wie konnte er nur entkommen? Er war rund um die Uhr bewacht. 
Vor einer halben Stunde hatte die Wache ihn alarmiert, sie hatten den Kommunikationsraum abgesucht, aber keine Spur von Mantis J. Crowler entdecken können. Clynnt betrat den Krankenflügel, doch bis auf einen Arzt, der Tamaras Infusion wechselte, war niemand zu sehen. 
Wo ist Arch? 
Langsam wurde die Sache interessant. Er fand den Kommandanten draußen, es war ausnahmsweise nur bewölkt und regnete nicht in Strömen. Archweyll saß, immer noch nur in ein Nachthemd gekleidet, auf einem Anlegesteg. In einiger Ferne ruhte die Manticor, in deren Bauch der Zyklop einer strengen Reparatur unterzogen wurde. Daisy hatte das ganze veranlasst, nachdem mehrere Scherenpanzer und ihr Steuer arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. 
Neben Archweyll lag ein Eimer voller roter Pampe und deformierten Fleischbrocken. Eine einzelne Rippe ragte daraus hervor. Der Kommandant langte hinein und warf sie ins Wasser.
Direkt kam ein schillernder, türkiser Fisch daraus hervorgeschossen und schnappte sich die wertvolle Beute. 
»Was zur Hölle machst du hier? Solltest du nicht im Bett liegen?«, fragte Clynnt aufgebracht, während er sich neben den Kommandanten setzte.
Archweyll begrüßte ihn mit einem Grunzen.
Erst jetzt fiel dem Chefnavigator auf, dass Archweylls Hemd voller Blut war. »Was hast du angestellt?«, fragte er mit hochgezogener Augenbraue.
»Ich brauchte etwas, um die Fische zu füttern und Möhren kamen nicht infrage. Also habe ich mich etwas in der Speisekammer ausgetobt«, erwiderte der Kommandant gelassen. 
Dann warf er noch ein Häppchen ins Wasser.
Gierig verschlang der große Fisch den Fleischbrocken. 
Clynnt schluckte. Er hoffte nur, Archweyll würde ihn nicht direkt hinterherwerfen. Er räusperte sich verlegen. »Der Doktor ist entkommen. Spurlos verschwunden. Niemand hat ihn gesehen oder gehört.« Er atmete aus. Gleich würde es ein Donnerwetter geben.
Doch wieder einmal überraschte ihn der Kommandant. 
»Ist es nicht schön hier? All die bunten Fische«, antwortete Archweyll und warf abermals ein Häppchen Fleisch in die See. 
Sanft trugen es die Wellen gen Grund und hinterließen dabei rote Schlieren im Wasser. 
Verliert er jetzt völlig den Verstand?
Plötzlich eilte ein Soldat zu ihnen. Völlig außer Puste hielt er vor ihnen an. »Sir, wir haben Überreste einer Leiche gefunden und gehen stark davon aus, dass es Crowler ist. Er scheint sich suizidiert zu haben, indem er sich selbst in seinem eigenen Labor durch den Fleischwolf gejagt hat.«
Erst jetzt fiel Clynnt auf, wie weiß der Mann um die Nase war. 
»Der Anblick muss zum Fürchten gewesen sein«, erwiderte Archweyll mitleidig und erhob sich.
»Sir, es war furchtbar. Ich glaube so etwas habe ich noch nie gesehen.«
Der Kommandant klopfte dem Mann auf die Schulter. »Sorgen Sie dafür, dass die Sauerei beseitigt wird. Und dann ruhen Sie sich aus.«
Der Soldat salutierte und verschwand. 
Archweyll ließ seine Augen schelmisch in Richtung des Eimers wandern, dann trat er ihn um und versank den Inhalt achselzuckend im Meer. 
Clynnt schaute ihn entgeistert an. »Die Speisekammer hat wahrlich noch ergiebige Mengen erübrigt«, seufzte er und kopfschüttelnd folgte er dem Kommandanten hinein.

 

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Silvarum Nemora – Im Dunkel der Wälder (1/2)

,,Alter.“, flüsterte Ben leise. ,,Willst du das wirklich durchziehen?“

Matthias nickte entschlossen. Sein Herz klopfte wie wild in seiner Brust, er fühlte wie seine Glieder in der Kälte der Furcht erstarrten. Doch er durfte sich auf keinen Fall weigern. Er würde ohne Zweifel sein Gesicht verlieren.

Es war Samstag. Ben und er hockten in seinem Zimmer und warteten auf Mitternacht. Um Punkt zwölf Uhr nachts sollte Matthias allein in ein kleines, verlassenes Dorf gehen, dass sich im Wald hinter der Stadt befand. Anja hatte dies als Mutprobe in der Schule von ihm verlangt.

Matthias konnte sich lebhaft vorstellen, was seine Mutter von dem Vorhaben halten würde: Es ist viel zu gefährlich für einen fünfzehnjährigen Jungen, in der Nacht allein durch den Wald zu gehen! Betrunkene oder Diebe oder anderes Gesindel lauern einem da drin auf…

Matthias schüttelte den Kopf, um sich zu fokussieren. Nur noch zwei Minuten, dann musste er sich auf den Weg machen. Die Uhr an seinem Handgelenk, deren Ziffernblatt hell leuchtete, erschien ihm plötzlich wie ein Sendbote des Gerichts, der ihm ein verhängnisvolles Urteil verkündete…

Todesstrafe, vollzogen in zwei Minuten…

,,Lass mich wenigstens mitkommen, Alter.“, verlangte Ben. Seine Augen suchten den Kontakt, seine Stimme klang eindringlich. ,,Fällt doch nicht auf…“

Matthias schüttelte den Kopf. ,,Irgendwer muss hier die Stellung halten, falls meine Mom aufwacht und sich fragt, was los ist. Das musst du machen, Alter.“

,,Ja, aber Alter…“ Ben schien nach Worten zu suchen, um ein seltsames Gefühl auszudrücken, das wie eine Gewitterwolke zwischen ihnen hing. Es handelte sich um ein psychisches Echo, das Gefahr verkündete. Keine logische Aussage konnte ihre Anwesenheit belegen, doch Matthias fühlte, wie seine Instinkte reagierten. Sie rieten ihm, in Sicherheit zu bleiben, hinter hohen, schützenden Mauern zu verweilen, anstatt sich leichtfertig in Gefahr zu begeben.

Gefahr, was rede ich denn? Reiß dich zusammen, du Baby!, schalt er sich selbst. Da draußen sind nur Bäume und Tiere, aber keine Verbrecher…

,,Es ist soweit.“ Bens Stimme legte sich wie ein dunkles Tuch über ihn. Seine Uhr bestätigte seine Aussage. Die zwei Minuten waren verstrichen, obwohl sie sich eher wie zehn Sekunden angefühlt hatten.

Schweigend erhob sich Matthias und ging zur Tür seines Zimmers. Leise drückte er sie auf und schlich aus dem Raum. Trotz der Dunkelheit fand er die Treppe ohne Probleme. Im Erdgeschoss schlüpfte er in eine dunkle Jacke und in warme Stiefel. Ben, der ihm geräuschlos gefolgt war, drückte ihm eine starke Taschenlampe in die Hand. Matthias bedankte sich mit einem Nicken. Theoretisch könnte er auch die Funktion seines Handys benutzen, um seine Umgebung zu erhellen, jedoch zog er es vor, Akkuladung sparen zu können.

Kurz bevor Matthias die Tür öffnete, nickte er Ben zum Abschied zu. Obwohl es ihnen absurd erschien, erfüllte sie eine seltsame Furcht. Lag es am Schatten der Bäume, die nur wenige Meter hinter Matthias’ Elternhaus das Gras in Dunkelheit tauchten? Oder am Wispern der Blätter im Wind, das trotz geschlossener Fenster auf abstruse Weise seinen Weg zu den Ohren der Jungen gefunden hatte?

Keiner von beiden wusste es.

Matthias’ Herz klopfte ihm bis zum Hals. Er folgte einem schmalen Weg, der sich, von Blättern und Tannennadeln bedeckt, kaum vom restlichen Waldboden unterschied. Lediglich die starke Lampe in seiner rechten Hand bewahrte ihn davor, den Pfad zu verlieren.

Seine Gedanken wurden vom Gefühl der Gefahr, das sein Herz wie eine eisige Klaue umklammerte, nahezu erstickt. Die Sinne geschärft, die Muskeln angespannt, marschierte er leicht geduckt durch die nächtliche Landschaft. Sein Atem bildete vor ihm in der Luft Rauchwolken.

Matthias konnte nicht sagen, wie viel Zeit vergangen war, als er sich seinem Zielort näherte: einer großen Waldlichtung, die von baufälligen alten Häusern ausgefüllt wurde. Anja hatte grinsend von ihm verlangt, dort ein Video mit seinem Handy zu drehen und außerdem ein Holzstück von einem der Gebäude mitzunehmen.

Wieso habe ich Trottel mich darauf eingelassen?

Die Frage fegte wie ein plötzlicher Windstoß durch sein Gehirn. Er blieb stehen. Das Licht der Lampe in seiner Rechten entrang der Finsternis ein vermodertes Holzschild, das umgeworfen im Gras lag.

Ich kann jetzt nicht umkehren. Ich muss weitermachen.

Als er sich langsam wieder in Bewegung setzte, kam ihm ein Horrorfilm in den Sinn, den er erst vor Kurzem gesehen hatte. Die Protagonistin war in einer kalten Nacht wie dieser von einem verrückten Massenmörder überrascht worden. Der Mann lauerte halb verborgen im Gebüsch, versteckt durch die Dunkelheit und seinen Mantel, die Axt ruhig in der Hand. Er beobachtete sein Opfer, leckte sich in stiller Vorfreude über die Lippen, bis er schließlich des Wartens überdrüssig war. Wie ein Raubtier schoss er aus der Barriere aus Finsternis und fiel die Protagonistin an.

Das ist doch nur ein Film, Blödmann!

Trotzdem konnte sich Matthias eines Gefühls durchdringender Furcht nicht erwehren. Während er mit zitternden Knien das verlassene Dorf betrat, erfüllte ihn die nie gekannte Sicherheit, beobachtet zu werden.

Lauf!, rieten ihm seine Instinkte. Wen interessiert diese Mutprobe?

Trotzdem setzte er kontinuierlich einen Fuß vor den anderen, bis er in der Mitte des Kreises aus verfallenen Gebäuden stand. Ängstlich um sich blickend, griff er mit seiner zitternden linken Hand in seine Hosentasche, in der er sein Handy mit sich trug.

Plötzlich erklang ein Geräusch, das ihn sofort erstarren ließ. Direkt hinter ihm war soeben eine Tür mit rostigen Scharnieren geöffnet worden.

O mein Gott.

Matthias vermochte kaum zu atmen, während er wie eine Statue auf dem von Gras überwuchertem Boden stand. Alles in ihm schrie danach, sofort die Flucht zu ergreifen. Doch etwas hielt ihn zurück, eine merkwürdige Kraft. Sie glich einer seltsamen Sperre, ähnlich der, die einen in Rage gebrachten Menschen am Zuschlagen hindern will. Ein letztes Echo der Zivilisation, das sich zwischen Realität und der von Zorn vergifteten Geisteswelt schiebt.

,,Sieh an.“, sprach eine Stimme hinter ihm gut gelaunt. Sie klang überraschend menschlich, jagte Matthias aber dennoch einen Schauer über den Rücken. ,,Ein Junge. Wie nett. Aber um diese Uhrzeit solltest du wirklich nicht mehr alleine herumlaufen. Seltsame Gestalten treiben im Wald ihr Unwesen…“

Wie auf Kommando drehte Matthias sich um. Er konnte die Bewegung nicht aufhalten. Sein Wille war zerschellt wie eine edle Blumenvase, die zu Boden fiel.

Zu seinem Erstaunen stand er einem schlanken jungen Mann gegenüber, der ihn freundlich anlächelte. Er trug löchrige, ausgewaschene Jeans und am Oberkörper eine fleckige Weste über einem schwarzen T-Shirt. Seine schmutzigen, langen blonden Haare fielen ihm ungebunden auf die Schultern. Auf seinem Kopf saß ein großer Hut, die Hände steckten in den Hosentaschen.

Der Fremde wirkte lässig und auf seine Art unantastbar. Es handelte sich bei ihm um einen jener Menschen, die Matthias sich nicht als gedemütigte Opfer vorstellen konnte. Der Gedanke, diese Person könnte irgendwie Schwäche zeigen, erschien ihm völlig absurd.

,,Möchtest du nicht hereinkommen?“, fragte der junge Mann und deutete einladend auf eines der baufälligen Häuser. ,,Hier draußen ist es sehr kalt.“

Obwohl seine Furcht etwas nachließ, verspürte Matthias noch immer das dringende Bedürfnis, zu fliehen. Was, wenn er hier einem Psychopathen begegnet war, der seine Opfer im Wald suchte? Er durfte ihm auf keinen Fall vertrauen.

Doch wieder erschien jene seltsame Sperre. Die Vorstellung, sich zu verweigern, erschien Matthias unsittlich und böse. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, ging er auf den Fremden zu.

Dieser nickte zufrieden und hielt ihm die Tür auf. ,,Nenne mich Enki. Einfach den Gang entlang, Matthias.“

Woher weiß er meinen Namen? Ein Stalker?

Die eisige Klaue der Furcht schloss sich enger um Matthias’ Herz, als er den dunklen Gang durchquerte. Das Mondlicht erhellte durch Löcher in der Decke schwach den Boden. Wie mechanisch durchquerte er den langen Korridor, Enki direkt hinter ihm. Am Ende des Ganges versperrte ihm eine Tür den Weg.

,,Einfach den Knauf drehen.“, riet ihm Enki, als er stehen blieb. Obwohl Matthias am liebsten schreiend in die andere Richtung gelaufen wäre, befolgte er wie selbstverständlich die Anordnung. Die Tür schwang laut quietschend auf und enthüllte einen dunklen Raum. Die einzige helle Stelle bestand aus einem runden Tisch mit einer Kerze und zwei Stühlen, die sich gegenüberstanden.

,,Fühle dich wie zuhause.“ Enki ging lächelnd an ihm vorbei und ließ sich auf einen der beiden Stühle sinken. Ohne darüber nachzudenken, wählte Matthias den anderen. Kaum berührte er die Sitzfläche, erfüllte Taubheit seinen Körper. Er konnte sich nicht mehr bewegen.

O Gott, was passiert hier, was wird dieser Wahnsinnige mit mir anstellen? O Gott, wenn es dich gibt, dann bitte, bitte, bitte, bitte, rette mich, ich will noch nicht sterben, bitte, bitte, bitte, ich werde auch nie wieder mit jemandem streiten, bitte, bitte, bitte.

Enki betrachtete ihn interessiert über den Rand der Kerzenflamme hinweg. Der unregelmäßige Schein warf gespenstische Schatten an die Wand und verwandelte sein Gesicht in ein Schlachtfeld zwischen Licht und Dunkelheit. Erst jetzt fielen Matthias die seltsamen Augen des Fremden auf. Sie strahlten golden, doch erleuchteten sie die Umgebung in keinster Weise.

Schließlich durchbrach Enki die unheimliche Stille: ,,Ich muss schon sagen, Matthias, sehr schöne Sachen hast du da.“ Dabei glitt sein Blick über Matthias’ Kleidung. ,,I-Phone 11, Snipes-Pullover und Jeans von Tommy Hilfiger. Und erst die Schuhe…Desert Boots aus Leder…ebenfalls von Tommy Hilfiger…“ Enkis Augen wanderten zu seinem Kopf. ,,Hochgestellte Haare…Fußballer, nicht wahr?“

Matthias nickte automatisch. Er spielte im Verein und trainierte oftmals wöchentlich.

Enki nickte langsam…fast verträumt. Der seltsame Mann ließ sich in seinem Stuhl zurücksinken, bis sein Rücken die dünne Holzlehne berührte.

,,Erzähl mir doch mal ein bisschen von dir.“

Matthias wollte schweigen. Er litt immer noch an gewaltigen Ängsten und vollbrachte es kaum, zu atmen. Trotzdem entrangen sich seinem Mund die Worte, intimste Gedanken und Geheimnisse offenbart in der kaum erhellten Dunkelheit dieses Raumes. Enki lauschte dem Redefluss mit ruhiger Miene.

,,Ich bin Matthias, 15, Einzelkind, lebe mit meinen Eltern in Theresienfelden. Ich kicke im Verein, bin aber einer der schlechtesten von uns, obwohl ich immer behaupte, der Beste zu sein, um meine Freunde und die Mädchen zu beeindrucken. Außerdem gehe ich jeden Tag ins Fitnessstudio, damit ich fett Muskeln aufbaue, mein Bizeps ist schon echt groß, ich werde dafür echt beneidet. Meine besten Freunde sind Ben und Mert, ich hab’ auch noch’n paar Kumpels in der Klasse, alle finden mich cool und ich will auch cool sein, deswegen kaufe ich das ganze Zeugs, ich weiß, dass es Blödsinn ist, aber ich will es trotzdem, sieht voll geil aus…außerdem bin ich total in Anja verschossen, sie ist so geil, ich hab mir schon oft vorgestellt, dass wir auf ein Date gehen, aber es geht nich’ wirklich, ich weiß nicht, was ich tun soll und was, wenn sie nein sagt…ich hab’ richtig schlechte Noten, letztes Jahr sogar Nachprüfung, deshalb hasse ich die ganzen Streber in meiner Klasse, die sind so arrogant, wenn sie wieder davon reden wie gut ihre Noten sind, voll abartig, zum Kotzen, deshalb mache ich mich über sie lustig und verarsche sie öfters, eigentlich beneide ich sie ja, die Trottel haben keine Ahnung, wie gut sie es haben…ich habe schon oft Alkohol getrunken und oft gekotzt eigentlich finde ich ja, es schmeckt ziemlich bescheuert, aber naja…ich will, dass die anderen mich cool finden und ich habe sonst nichts, wo ich mein Selbstvertrauen herkriege, ist echt blöd, aber naja…meine Eltern wollen ständig, dass ich lerne, sind echt voll nervig, sie nehmen mir immer wieder mein Handy weg, weil sie denken, dass ich zu viel damit mache und naja…sie wollen mich in den Ferien in so ein Lerncamp schicken, wo man die ganze Zeit Bücher liest und so anderes Scheißzeug ist echt zum Kotzen…außerdem wollen sie mir nichts zum Geburtstag mehr schenken, wenn ich in Englisch nicht mindestens einen Dreier schaffe…echt zum Kotzen, ich will mir einreden, dass ich sie hasse, obwohl ich sie irgendwie verstehen kann, aber trotzdem, ich will nicht lernen, ich kann nicht, ich werde in so was nie gut sein, ist echt zum Kotzen…“

Enki hob ruhig die Hand. Wie durch Zauberhand schloss sich Matthias’ Mund und der Redeschwall endete. Einen Moment lang versank die Angst in einer Flut aus Peinlichkeit, die ihn zu ersticken drohte. Er hatte diesem Fremden soeben alles über sein Leben verraten, sogar Dinge, die er selbst nicht wusste.

Oder die ich mir nicht eingestehen wollte.

Der Gedanke erfüllte mit einem Mal Matthias’ Kopf, wirkte aber nicht, als stamme er von ihm.

Enki räusperte sich. Er sah Matthias ernst an. Seine goldenen Augen schienen dabei bis auf den Grund seiner Seele zu blicken. Schließlich sagte er:

,,Mein lieber Junge, darf ich dir etwas zeigen?“

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Gottes Hammer: Folkvang Ende?

Hallo Schreibkommune!

Seit Beginn der Geschichte sind einige Monate vergangen und es wird Zeit, dass sie nun endet. Es fehlt nur noch ein Teil. Bevor ich dn aber veröffentliche, möchte ich eine kleine Untersuchung vornehmen: Gottes Hammer wurde weitaus länger als beabsichtigt und weil mir durchaus bewusst ist, dass eine solche Seitenzahl den einen oder anderen abschreckt, würde ich gern ein kleines Experiment durchführen. Wer wirklich alle Teile gelesen hat und nun auch das Ende erfahren möchte, der schreibe mir eine kurze Nachricht: antares.hoerl@gmail.com

Das hier soll auch eine kleine Studie meinerseits werden, ob Geschichten solchen Umfangs überhaupt gut ankommen.

Danke für euer Verständnis!

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Nordliebe

Untergang kleidet den Horizont.
Quellwolken bluten wie Venen
auf Dünenwiesen in grün und blond.
Nordwind bewegt die Szenen.

Möwenlärm könnte nicht schöner sein.
Fischzähne schmücken die Brandung,
die Meer aus Wasser auf Meer aus Stein.
Körner reiben Verwandlung.

Farbschatten ziehen Laternen lang.
Sandfluten riechen nach Regen.
Die Leuchtturmbänke nach Algentang.
Wellen modern an Stegen.

Fahrräder knacksen den Muschelweg.
Flugdrachen fallen zu Boden.
Das Salz frisst genüsslich den Kuschelsteg.
Keiner hat sich belogen.

by Lina Dinc

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Korrekturen 25

25.Teil – Die Letzte Flucht (1/6)

Fancan entdeckte einen Ortungsimpuls auf der Navigationskugel.
»Leute, wir müssen nun wirklich hier weg!«, rief sie dazwischen, »Ich glaube, man hat uns entdeckt. Es nähert sich etwas unserem Standort.«
»Qorth, wir müssen los«, sagte Giwoon, »Sie haben es gehört. Wir bekommen Besuch. Wir wünschen Ihnen alles Gute, aber vergeuden Sie keine Zeit. Machen Sie, dass Sie die Station verlassen!«
Giwoon wartete die Antwort nicht mehr ab, sondern unterbrach die Verbindung und aktivierte die Antriebseinheiten.
»Es sind Kampfflugzeuge«, sagte Fancan, »ich habe jetzt noch zwei weitere Ortungen. Sie nähern sich uns sehr schnell.«
»Raketen!«, rief Giwoon, »Verdammt! Sie sind gegenüber unserem Slider zwar primitiv, aber dennoch sehr wirksam.«
Immer wieder hämmerte er auf die Steuerung ein, als würde es dadurch schneller gehen, bis die Zellen für die Horizontalbeschleunigung aufgeladen waren.
»Es reicht nicht!«, schimpfte Giwoon, »Vielleicht können wir ihnen nach oben entkommen, wenn ich unseren Flieger ganz kurz vor dem Aufschlag der Raketen hochziehe.«
Giwoon starrte konzentriert auf die Ortungsanzeige und presste, kurz bevor die Raketen sie erreichten, beide Hände auf die Höhenkontrollen. Der Slider stieg nach oben, als wäre er von einer Kanone abgefeuert worden, während die Raketen unter ihnen hindurch flogen. Eine der Raketen schlug ins Tal ein, wo sie keinen Schaden anrichtete. Die andere hingegen änderte ihren Kurs und wendete.
Giwoon stand der Schweiß auf der Stirn.
»Das Drecksding kommt zurück«, stellte er fest. Die Ladekontrolle der Antriebszellen erlosch und er drückte den Schubhebel voll durch. In diesem Moment erreichte sie die Rakete und streifte sie, als der Slider sich in Bewegung setzte. Die Druckwelle der explodierenden Rakete ließ den Slider wie ein welkes Blatt im Wind umherfliegen. Die Notschaltung aktivierte sich und brachte ihren Flieger schnell wieder in eine stabile Fluglage. Irgendwo ertönte ein Alarm.
»Die Kampfflugzeuge sind uns noch immer auf den Fersen«, meldete Fancan.
»Wir können sie jetzt abhängen«, sagte Giwoon.
Khendrah und Thomas standen etwas abseits und hielten sich krampfhaft an den Händen.
Ganz allmählich vergrößerte sich der Abstand zu ihren Verfolgern.
»Waren wir nicht auf unserem Hinweg schneller?«, wollte Thomas wissen.
»Ja«, sagte Giwoon mit zusammen gebissenen Zähnen, »die Druckwelle hat irgendetwas in der Antriebseinheit zerstört. Wir kommen nicht auf die volle Leistung. Außerdem nimmt die Ladung in den Zellen bereits wieder ab, als wenn der Reaktor sie nicht mehr ausreichend versorgen könnte, was eigentlich nicht sein kann.«
»Wie kommen wir eigentlich hier weg?«, fragte Khendrah, »Dies hier ist doch auch nicht unsere Zielzeit, oder wollen wir hier bleiben?«
»Nein, wir müssen es bis zum Jahr 2008 schaffen«, sagte Giwoon.
»Ich denke, der Slider kann keine Zeitreisen mehr unternehmen«, meinte Thomas.
»Wir müssen irgendwo einen Zeitaufzug erreichen«, sagte Giwoon, »einen Zeitaufzug des Vektors, solange es ihn noch gibt. Khendrah, Fancan – ich brauche Angaben, wo wir einen solchen Aufzug finden können. Ich fürchte, der Slider macht es nicht mehr besonders lange.«
Wie, um diese letzte Äußerung Giwoons zu bestätigen, leuchteten nun an den verschiedensten Stellen der Konsole Warnlampen auf. Aus einer Konsole drang ein wenig Qualm in die Kabine.
Giwoon hatte nicht darauf geachtet, in welche Richtung der Slider flog, als er den Antrieb aktiviert hatte. Für ihn war es in erster Linie darum gegangen, den Slider möglichst unbeschadet aus dem Einflussbereich der Kampfflugzeuge herauszubekommen. Erst jetzt stellte er fest, dass sie sich über dem Pazifischen Ozean befanden und ostwärts flogen. Wenn sie diesen Kurs beibehalten würden, würden sie irgendwann die US-amerikanische Küste erreichen. Dort würden sie ebenfalls zum Ziel von Radaranlagen und Kampfflugzeugen.
Khendrah schaute auf die Navigationskugel und deutete auf den vor ihnen liegenden Kontinent.
»Dort gibt es einen Aufzug«, sagte sie, »da bin ich mir sicher. Dort an der Küste, die Stadt San Diego. Dort müssen wir irgendwo landen und uns zur Station durchschlagen, in der der Aufzug versteckt ist.«
Giwoon bemerkte mehr als einmal das Auftreffen von Radarimpulsen, doch solange sie sich über dem Pazifik befanden, wurden sie nicht behelligt.
»Ich werde den Slider nun fast bis an die Grenze der Stratosphäre steigen lassen«, erklärte Giwoon, »sobald wir einen geeigneten Landeplatz entdeckt haben, werden wir extrem schnell und senkrecht landen. Ich glaube nämlich, dass ihre Radaranlagen mit senkrechten Bewegungen nicht so gut zurechtkommen, wie mit der normalen, horizontalen Fluglage.«
»Wollen wir es hoffen«, meinte Thomas, »was tun wir, wenn sie uns auch von dort Flugzeuge entgegenschicken, die uns angreifen?«
»Es darf eben nicht passieren!«, rief Giwoon aus.
Sie spürten alle, dass Giwoon längst nicht mehr so ruhig war, wie noch zu Beginn ihrer Reise. Der Slider begann zu steigen und zum ersten Mal spürten sie etwas von der Schieflage des Fliegers und auch ein wenig von der Beschleunigung. Die Absorber, die unter normalen Umständen dafür sorgten, dass Beharrungskräfte – gleich welcher Art – spürbar wurden, arbeiteten nicht mehr einwandfrei.
»Ihr solltet euch auf euren Sitzen anschnallen«, schlug Giwoon vor, »wie es aussieht, ist unser Flieger stärker angeschlagen, als ich bisher gedacht habe. Ich kann nicht mehr so hoch steigen, wie ich es gern täte. Hier, wo wir uns jetzt befinden, sind wir für die Abwehr der Menschen dort unten zu erreichen.«
Wenige Augenblicke später ging ein Funkspruch in englischer Sprache ein:
»Achtung, unbekanntes Flugzeug! Hier spricht die Küstenkontrolle der Vereinigten Staaten. Sie sind im Begriff, unseren Luftraum zu betreten. Bitte identifizieren Sie sich umgehend, sonst wären wir gezwungen, Sie zur Landung zu zwingen.«
Sie sahen sich alle erschreckt an.
»Ignorieren!«, entschied Giwoon, »wir müssen nur dort irgendwo landen können und verschwinden. So schnell werden sie uns schon nicht abschießen.«
»Da bin ich mir gar nicht so sicher«, meinte Khendrah und deutete auf einen Bereich der Steuerkugel, auf dem man erkennen konnte, dass sich ihnen mehrere Kampfjets näherten.
»Geht das jetzt schon wieder los?«, fragte Fancan, »Ich hätte nie gedacht, dass sie uns hier in diesen Zeiten überhaupt gefährlich werden könnten.«
Khendrah lachte freudlos auf.
»Was hast denn du geglaubt? Dass sie in diesen frühen Zeitaltern noch mit Pfeil und Bogen schießen? Ich würde mich entschieden wohler fühlen, wenn wir bereits wieder festen Boden unter den Füßen hätten.«
Ein heftiger Schlag traf den Slider und hätte sie alle durcheinandergewirbelt, wenn sie nicht angeschnallt gewesen wären.
»Was war das?«, wollte Thomas wissen, »Das können doch nicht die Amerikaner in den Jets gewesen sein.«
»Das waren sie auch nicht!«, rief Giwoon grimmig, »Wir haben Begleitung und die gefällt mir ganz und gar nicht.«
Auf der Kugel erschien das Gesicht eines alten Bekannten, mit dem sie überhaupt nicht mehr gerechnet hatten: Ralph Geek-Thoben, dem Analysten.
»Sie scheinen sich nicht zu freuen, mich zu sehen«, sagte Ralph, »dabei habe ich mir solche Mühe gegeben, Sie zu finden. Khendrah und Fancan kenne ich ja bereits. Vielleicht stellen sich mir die übrigen Teilnehmer der Attentätergruppe ja noch vor, bevor ich Ihren Flieger endgültig vom Himmel pusten werde.«
Ralph hatte ein boshaftes Lächeln aufgesetzt.
»Was wollen Sie?«, fragte Khendrah aggressiv, »Wie kommen Sie überhaupt hierher?«
Ralph lachte.
»Das würden Sie gern wissen, nicht wahr? Nun, Sie können sich denken, dass ein Analyst immer mehrere Wege errechnet, wie er aus einer ungünstigen Situation wieder herausfindet. Nachdem Sie meine Pläne so dumm durchkreuzt haben, nutzte ich einen der Ersatzwege, um wieder in den Vektor zurückzukehren, wo ich sehr interessante Nachforschungen gemacht habe. Erst habe ich nicht verstanden, was Sie mit Ihren Aktionen bezweckten, bis dann ein Alarm durch den gesamten Vektor hallte. Ich hätte Sie niemals für so dämlich gehalten, es mit dem gesamten Vektor aufzunehmen. Sie haben nun die Wahl: Wollen Sie leben, oder sterben? Geben Sie mir den Code zur Deaktivierung ihrer Bombe und ich nehme den Finger vom Feuerknopf meiner Primärwaffe.«
Giwoon schob sich vor das Aufnahmeobjektiv und sprach:
»Ob Sie auf uns feuern, oder nicht, spielt keine Rolle mehr. Es gibt keinen Deaktivierungscode. Wenn Sie die Bombe noch entschärfen wollen, müssen Sie sie finden und können es versuchen, doch ich würde davon abraten. Sie ist nun auf molekularer Ebene direkt mit der Sonnenzapfanlage verbunden. Der Versuch der Trennung wird sie auslösen.«
»Sie lügen!«, brüllte Ralph uns schlug auf die Feuertaste.
Giwoon ließ den Slider ausweichen, doch konnte er nicht verhindern, dass sie einen Streifschuss abbekamen. Aus verschiedenen Konsolen schlugen Funken und der Slider schüttelte sich.
Giwoon drehte den Ton der Kommunikationsanlage ab und wandte sich an die anderen:
»Es hat keinen Zweck. Unser Flieger ist nicht zu retten. Es ist Zeit für Notmaßnahmen. Jeder von euch schnappt sich die kleine Tasche, die unter dem Sitz klebt. Dann versammelt euch in dem kleinen, markierten Kreis vor der qualmenden Konsole dort. Beeilt euch!«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Es ist jetzt keine Zeit für Erklärungen! Sofort! Tasche greifen uns los! Wir alle müssen in fünfzehn Sekunden in dem Kreis stehen. Fasst euch am besten an den Händen!«
In fiebernder Eile riss jeder die kleine Tasche unter dem Sitz hervor und löste den Sitzgurt. Der kleine Kreis auf dem Boden begann blinkend zu leuchten und ein Countdown wurde in seinem Innern angezeigt. Sie stürzten zu der Stelle und drängten sich so zusammen, dass sie alle hineinpassten.
»Was tun wir hier eigentlich?«, fragte Thomas, wurde aber von Giwoon unterbrochen:
»Augen schließen!«
Sie hörten einen lauten Knall, es wurde unerträglich hell, dass sie trotz geschlossener Augen für einen Moment geblendet waren. Ein Hitzeschwall schien über sie hinweg zu ziehen, dann war es vorbei. Als sie ihre Augen wieder öffneten, standen sie auf einem Feld inmitten eines Gewirrs von Straßen, auf dem zahllose Fahrzeuge unterwegs waren.
»Wo sind wir hier?«, wollte Fancan wissen, als sie sich einmal um ihre eigene Achse gedreht hatte.
»Notschaltung«, sagte Giwoon knapp, »ein Transportsystem, das uns aus dem Flieger hierher übertragen hat. Es funktioniert nur ein einziges Mal und auch nur auf relativ kurze Distanz. Wenn Ralph den Slider nicht abschießt, wird er sich in Kürze selbst vernichten. Wenn wir Glück haben, können wir ihn täuschen und er glaubt, dass wir tot sind. Wir sollten jedenfalls machen, dass wir hier verschwinden und uns unter die Menschen mischen.«
»Wahrscheinlich hat uns dein Transportsystem mitten in einem Autobahnkreuz abgesetzt«, meinte Thomas, »ich war schon ‘mal in den Vereinigten Staaten und kann mich an solche Straßenzüge erinnern. Wir stehen hier nicht gerade günstig, wenn wir eine Möglichkeit suchen, hier zu verschwinden.«
»Wieso?«, fragte Fancan, »Hier fahren doch so viele Fahrzeuge herum, dass es nicht schwer sein wird, mitgenommen zu werden.«
Thomas lachte.
»Du hast Vorstellungen!«, sagte er, »Hier sind doch nirgends Haltemöglichkeiten. Außerdem sind wir zu viert. Da ist es nicht einfach, jemanden zu finden, der uns alle mitnimmt.«
»Ich würde trotzdem vorschlagen, dass wir dort zur nächstgelegenen Straße gehen und es versuchen«, schlug Giwoon vor, »es kann nämlich nicht gut sein, wenn wir hier wie auf dem Präsentierteller stehen, wenn Ralph nach uns suchen sollte.«
In diesem Moment ertönte ein ohrenbetäubender Knall. Weit über ihren Köpfen war etwas explodiert. Sie legten ihre Köpfe in den Nacken und blinzelten in die hoch stehende Sonne. Dabei konnten sie gerade noch erleben, wie ein ellipsenförmiges Fluggerät durch eine Wolke von expandierenden Partikeln schoss und danach schnell in der Ferne verschwand.
»Das war unser Slider, oder?«, fragte Khendrah.
Giwoon nickte.
»Es war die Selbstvernichtung. Der Trick scheint geklappt zu haben. Ralph macht sich aus dem Staub, um nicht von den Sicherheitskräften dieser Zeit entdeckt zu werden.«
»Dann haben wir es geschafft?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon lachte freudlos.
»Gar nichts haben wir geschafft, Freunde«, sagte er, »in wenigen Stunden wird der Sprengsatz im Himalaja zünden. Danach tickt unsere Uhr, denn der Vektor wird sich dann sehr schnell von unten her aufzulösen beginnen. Wenn wir noch ins Jahr 2008 reisen wollen, bleibt dann nicht mehr viel Zeit.
Etwas desorientiert blickten sie sich in alle Richtungen um. Es war überall das gleiche Bild: Sie waren von Straßen umgeben, auf denen reger Verkehr ein Überqueren fast unmöglich machte.
»Es nutzt nichts«, sagte Giwoon, »wir müssen hier weg. Wenn wir noch lange hier stehen bleiben, wird sich bestimmt bald jemand dafür interessieren, wer wir sind und was wir hier verloren haben.«
»Wenn wir noch diesen Aufzug erreichen wollen, bevor das ganze System zusammenbricht, sollten wir uns auch langsam auf den Weg machen«, schlug Khendrah vor.
»Leute«, sagte Thomas, »jetzt wäre es vielleicht einmal an der Zeit, jemandem zu vertrauen, der aus der Nähe dieser Zeit hier stammt.«
Khendrah sah ihn skeptisch an.
»Aus der ‘Nähe’ dieser Zeit?«, fragte sie, »Das mag zwar ungefähr stimmen, aber warst du schon einmal hier in dieser Stadt? Kannst du uns wirklich führen?«
»Nein, nicht wirklich«, gab Thomas zu, »aber ich weiß zumindest, dass es häufig in solchen Autobahnkreuzen Brücken gibt oder kleine Tunnel, die wir nutzen könnten, um unter solchen Fahrbahnen hindurch zu kommen. Es sollte einen Weg geben, ungefährdet aus diesem Straßengewirr entkommen zu können.«
»Und?«, fragte Fancan, »Was schlägst du vor?«
Er deutete auf eine, in weitem Bogen geführte, Auffahrt und meinte:
»Dort fangen wir mit unserer Suche an. Mir scheint, dass es dort einen Weg geben müsste.«
Die Frauen schauten Giwoon an, der jedoch nur mit den Schultern zuckte.
»Ein Weg ist so gut, wie der Andere«, meinte er dann, »Thomas kann ja recht haben. Immerhin kennt er diese Art, Straßen zu bauen, wie wir sie hier sehen.«
Sie machten sich auf den Weg – vier einsame Wanderer inmitten eines Auobahnkreuzes. Khendrah sah zu der Auffahrt hoch, als sie sich ihr näherten und bemerkte einen Mann auf einem zweirädrigen Fahrzeug, der am Rand der Auffahrt angehalten hatte und interessiert zu ihnen hinabblickte.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 09.11.2019

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Die Macht des Lesenden


Schicksalhaft gleitet der Blick
Suchend, Wägend, Findend
Und die Hand greift den einen Erwählten
Aus tausenden schlafender Träume


Allein die Kraft der Berührung
Dringt wie ein Impuls durch die Stille
Bringt schweigende Herzen zum Schlagen
Schafft einem Gott gleich Leben


Worte und Sätze schwellen an
Zum Zauber ungeahnter Macht
Der Helden, Wesen, Welten gebärt
Wo vorher nichts als Leere war


Ein stummer Schrei verendet
Zwischen leise raschelnden Seiten


Durch eine einzige plötzliche Laune
Jeder Lebenskraft beraubt
Zerfallen Helden, Wesen, Welten
Eben geboren zu Staub
Der sich unbemerkt verliert
Flackern einmal kurz noch auf
Und haben niemals existiert

by Rebekka Steltzer

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DSA – Was ist das? Ein Ausflug in einen anderen Bereich

In einem Kommentar zu einer Rezension von mir (Rezension zu „Die Philiasson Saga“’) wurde ich darauf hingewiesen, dass ich doch kurz auf das Thema DSA (Das schwarze Auge) eingehen soll.

DSA hat im weitesten Sinne nichts mit dem Thema Schreiben zu tun, aber ich versuche im folgenden einen kurzen Einblick hierauf zu geben. Nun folgt sie, die kleine Einführung.



Bei DSA (Das schwarze Auge) handelt es sich um ein Rollenspiel, auch Pen and Paper (https://de.wikipedia.org/wiki/Pen-%26-Paper-Rollenspiel – Information von wikipedia.de) genannt.

DSA ist eine fiktive Spielewelt, die vornehmlich auf Aventurien (dem Hauptkontinenten) spielt und die unterschiedlichsten Völker beheimatet. Entwickelt wurde DSA von Hans Joachim Alpers, Werner Fuchs und Ulrich Kiesow.

Es handelt sich um ein Fantasy-Spiel, das mit zwei verschiedenen Würfeln (W20 – 20-seitiger Würfel und W6 – 6-seitiger Würfel) bespielt wird.

Bevor man ein Abenteuer startet, entwickelt man einen Charakter. Dieser Charakter wird nach einem Punktesystem aufgebaut, welches sich nach folgenden Punkten richtet:

  • Rassen

  • Kulturen

  • Beruf

  • Vor- und Nachteile

Die Eigenschaften des Charakters wie Mut, Klugheit, Intuition, Konstitution, Körperkraft, Charisma, Fingerfertigkeit und Gewandheit werden mit einem W20 ermittelt. Die Anfangswerte liegen zwischen 8 und 14 während der Höchstwert die 21 ist.

Für die absolvierten Abenteuer erhalten die Charaktere Erfahrungspunkte mit denen die Werte der Eigenschaften gesteigert werden können.

Die bestehenden Abenteuer gibt es als Einzel- als auch Gruppenabenteuer. Teils werden diese auch von den Spielleitern selbst geschrieben.

Neben Conventions auf denen man sich eingehender mit DSA und anderen Rollenspielen eingehen und auch die Möglichkeit gibt mal reinzuschnuppern, gibt es auch diverse Gruppen z. B. bei Facebook, wo man sich erkundigen kann.



Abschließend möchte ich sagen, dass ich mich auf das Wichtigste konzentriert habe, denn bei dem Thema Pen and Paper handelt es sich um einen weitgefächerten Bereich, der auch die unterschiedlichsten Genre beinhaltet.

Ich hoffe, trotz allem einen Einblick gewährt zu haben und ebenso ein wenig Interesse hierfür.

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 10 – Waghalsiger Einsatz

Ein lautes Knacken ging durch den Scherenpanzer. Bald würden die Würmer die Außenbordwand durchdringen und sie holen kommen. Tamara hoffte, dass sie schon vorher tot sein würde, zerquetscht vom Druck oder durch eintretende Wassermassen. 
Immer mehr dieser abartigen Bestien wuselten sich windend um sie herum, quetschten ihre Rüssel gierig an die Scheibe und gruben ihre Fangzähne in ihren Kampfanzug. Aber sie sah gar nicht mehr hin.
Gut, dass es hier unten fast schwarz wie die Nacht ist. Dann muss ich wenigstens nicht genau mit ansehen, was hier passiert. 
Tamaras anfängliche Panik war einer gewissen Akzeptanz gewichen, darüber, dass sie hier unten sterben würde. Vor ihrem inneren Auge reflektierte sie ihr Leben und kam zu dem Schluss, dass es durchaus gute Seiten gehabt hatte, neben all den Schlachten, die sie ausfechten musste. Sie dachte an all die Schlagabtäusche mit Archweyll, die Momente, in denen sie gemeinsam gelacht oder geweint hatten. An die haarsträubenden Abenteuer im Warp und an die Atharymn, die für sie zur Heimat geworden war. Das alles würde sie nun hinter sich lassen. Doch wer wusste schon, was der Tod brachte? Möglicherweise lag nur ein weiteres Abenteuer vor ihr. Ein Lächeln huschte über Tamaras Lippen, bei dem Gedanken daran. Das Bohren der Würmer rückte in den Hintergrund und sie war ganz bei sich. 
Hoffentlich hat es Archweyll geschafft. Er hat es verdient, weitermachen zu dürfen. Wenn es einer verdient hat, dann er. 
Auch wenn er ihr Boss war, so war der Kommandant doch stets viel mehr als das für sie gewesen. Er war wie ein Vater, bester Freund und… sie weigerte sich, den Gedanken fortzuführen. Doch dann musste sie von ganzem Herzen lachen. 
Knallkopf. Vor allem bist du ein Knallkopf, schmunzelte sie. 
Plötzlich blendete sie ein Licht.
Ist es schon soweit? Bin ich tot? 
Das Schwarz hinter ihren geschlossenen Augenliedern verwandelte sich allmählich in ein glühendes rot. Angestrengt blinzelte sie den Lichtern entgegen. 
»Das kann nicht sein.« Staunend betrachtete sie das Gefährt, dass ihr aus dem Höhleneingang, den die Würmer geschaffen hatten, entgegenstampfte. Seine Scheinwerfer waren ein Hoffnungsfunke, der die Finsternis durchtrennte wie einen seidenen Faden. 
Das war eindeutig ein Scherenpanzer, nur fehlte ihm ein Arm. Darin saß Archweyll, doch er sah irgendwie merkwürdig aus. Seine Pupillen waren riesige schwarze Löcher und aus seinem Mund tropfte Schaum. Außerdem schien er manisch zu lachen und sie gar nicht wirklich wahrzunehmen.
»Hier unten!«, schrie Tamara aus vollem Halse. 
Hat er wieder Drogen genommen? 
Mit wedelnden Armen versuchte sie die Aufmerksamkeit des Kommandanten zu gewinnen. 
Doch jeder Versuch blieb erfolglos. Ein Knacken, lauter als zuvor noch, kündigte an, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. 
Was macht er denn nur? 
Jetzt, wo der Lebenswille sie erneut gepackt hatte, merkte Tamara, dass sie panisch wurde. »ARCH!«, schrie sie aus vollem Halse. »AAARCH!«

 

                                                                     ***


Er schwebte auf einem Regenbogen. 
Das Spektrum sämtlicher Farben breitete sich vor ihm aus und er war ihr Meister. Sie formten sich nach seinem Willen und Archweyll musste pausenlos kichern, während er den nörgelnden Kopf von Clynnt Volker in eine lila Tomate verwandelte oder eine Armada aus Raumschiffen in die Weiten des Warp entsandte. Wolken aus blauem Nebel hüllten ihn ein und von irgendwoher rief etwas nach ihm. Es war mehr ein inneres Ziehen, eine Sehnsucht, die ihn erfüllte. Dann erschien in einiger Höhe eine Lichtkugel vor ihm, die einen trüben Schimmer von sich gab und Archweyll wusste, dass war die Quelle der Macht des Ozeans. Je näher sie ihm kam, desto stärker wurde das Pochen seines Herzens. Mit einem erwartungsvollen Lachen und offenen Armen hieß er sie willkommen. Eine weitere Lichtkugel kam auf ihn zugeschossen. Von ihr ging ein Summen aus, dass ihn zutiefst befriedigte. Bald würde er auch ein Lichtwesen sein. Der Kommandant kicherte, bei dem Gedanken daran. 



                                                               *** 


Mit Entsetzen musste Tamara feststellen, wie die ganze Felsformation um sie herum plötzlich zum Leben erwachte. Schlote öffneten sich pumpend, als würden sie atmen. Aus dem Augenwinkel registrierte sie Bewegungen. Dort, wo einmal nackter Fels zu sein schien, befand sich nun grelles Fleisch und lange Fühler tasteten sich vorwärts. 
Zwei riesige Tentakeln schlichen sich an Archweyll heran, an ihrer Spitze befand sich ein trüber Lichtkörper. 
Vermutlich eine Falle. Die sind bestimmt zweihundert Meter lang. Irgendetwas lief hier gewaltig schief. 
Die Würmer waren nur ein Vorgeschmack. 
Ein Knurren entwich ihrer Kehle. Dann versuchte sie wieder auf sich aufmerksam zu machen, doch der Kommandant schien in seiner eigenen Welt zu sein. 
»Hast du Lack gesoffen? Du musst verschwinden!«, schrie Tamara so laut, dass es in ihren eigenen Ohren schmerzte. 
Aber Archweyll sah den Lichtern wie ein Kleinkind entgegen, das auf seine Weihnachtsgeschenke wartete. 
Wenn sie nichts unternahm, würde Tamara mit ansehen müssen, wie dieses Wesen ihrem Kommandanten den Kopf abriss. 
Und danach bin ich dran. 
Eine Idee begann sich in ihren Kopf zu schleichen, aber die gefiel ihr ganz und gar nicht. 
Das ist mein Ende. So oder so. Dann kann ich wenigstens verhindern, dass es ihn auch erwischt.
Tamara ballte die Fäuste. Ihre Entscheidung war gefallen. 
Sie griff sich einen Schraubenschlüssel und eilte zur großen Frontscheibe. Selbst ein genetisch optimierter Superkörper wie ihrer, war nicht in der Lage, in solchen Tiefen zu überleben. Der Druck war zu enorm. Vielleicht blieben ihr wenige Sekunden bis zur Bewusstlosigkeit und dann würde sie sterben. Aber das würde sie ohnehin. Zeit genug, um eine der Leuchtfeuerraketen zu aktivieren. 
Also gut. 
Tamara atmete tief durch. Dann öffnete sie manuell die Frontscheibe.



                                                                 ***



Archweyll lachte wie ein Kind. Maßloses Glück überkam ihn in Wogen der Wollust. »Nehmt mich auf, in eure Arme«, rief er sabbernd. 
Der Boden unter ihm geriet in Bewegung, senkte sich auf und ab, als würde er leben. 
Plötzlich zischte etwas auf ihn zu und explodierte in einem lauten Knall. Helles Licht erhellte den Meeresboden und er wurde rückwärts in seinen Sitz gepresst. 
Es war so, als wäre er damit auch rückwärts aus dem schönsten Traum seines Lebens gedrängt worden. Keuchend kam er zu Besinnung. Der Schreck saß tief in seinen Knochen.
Dem Farbenspektakel war ein dunkles Flimmern am Rande seiner Wahrnehmung gewichen und dröhnender Schmerz fraß sich durch sein Hirn wie Gewürm. 
Binnen einer Sekunde realisierte der Kommandant die Situation. 
Das Licht kam aus einem Sternenfeuertorpedo, den ein Scherenpanzer abgefeuert haben musste. Unter ihm fraß sich Getier durch den Boden, welcher sich auffällig bewegte. 
Die zwei trüben Lichter, die gerade noch auf ihn zugeschossen waren, schreckten zurück, angesichts der Helligkeit der Explosion. Was war hier los? 
Wo bin ich, was verdammt nochmal mache ich hier?
Die Erinnerung traf ihn wie ein Blitz. 
Das Gas! Verdammt! 
Und wer war hierfür verantwortlich? Kamen seine Retter, um ihn mitzunehmen?
Tamara? Nein! 
Maßlose Gräuel überkam den Kommandanten, als ihr lebloser Körper an ihm vorbeitrieb. Das durfte nicht passieren. Es wäre ein Verlust, den er nicht ertragen könnte. Mit einem gewaltigen Satz beförderte er den Scherenpanzer zu ihr.  
Ich bin zu spät. 
Er pustete sämtliche Luft aus den Lungen, damit sie nicht kollabierten. 
Dann öffnete er die Frontscheibe. Die Macht des Wasserdrucks überkam Archweyll wie ein Hammerschlag, sie drängte ihn zurück, trommelte wie Fäuste auf seinen Körper ein. 
Er spürte, wie Adern in ihm platzten und sein Herz aussetzte. 
Mit Anstrengung all seiner Willenskraft gelang es ihm, das Bewusstsein aufrecht zu erhalten. Denn er musste durchhalten. Tamra war alles, was ihm hier unten geblieben war, und seine treuste Gefährtin. Wenn er jetzt versagte, dann war es für immer.
Mit einem Ruck zerrte er sie in seinen Anzug. Schmerz fraß sich durch seinen Körper und machte ihn langsam. Mit aller Mühe, die er aufbringen konnte, verschloss der Kommandant die Scheibe, aktivierte die Pumpe und den Notfall-Dekompressor. 
Die Maschine analysierte den Schaden in seinem Körper und stellte sich auf die richtigen Verhältnisse ein. Binnen Sekunden wurde das Wasser aus dem Anzug befördert. 
Röchelnd griff er nach Tamara, die angesichts der Raumverhältnisse eng an ihn geschmiegt lag. Sie war alles, was zählte. Er prüfte sie auf Herzschlag und Atmung.
Sie lebt. Wenn auch gerade noch. Ich muss vorsichtig sein, sonst platzt sie wie eine reife Frucht. Ich muss hier verschwinden. Irgendwie. 
Sein Sichtfeld verschwamm erneut und Archweyll stöhne auf. Er platzierte seine Freundin so, dass sie an seinen massigen Rücken gelehnt lag, ihr Kopf ruhte regungslos auf seiner Schulter und die Arme legten sich ohne ein Zeichen von Leben um ihn. Archweyll atmete tief ein und aus, der Schmerz erfüllte jede Faser seines Körpers.Er fühlte sich restlos ruiniert an. Seine Lunge rasselte und sein Herz klopfte in unglaublichen Arrhythmien. Blut tropfte aus sämtlichen Öffnungen seines Gesichts und erschrocken stellte Archweyll fest, dass er außer einem strengen Summen nichts mehr hören konnte. Für eine Sekunde setzte er aus, sackte in seinem Sessel zusammen und wollte einfach nur tot sein. Sämtliche Adern in seinem Körper verkrampften sich simultan zu seinen Muskeln und jede Bewegung erfolgte schwerfällig und unter Aufwand all seiner Kräfte. 
Für eine Sekunde schoss ein scharfer Gedanke durch seinen Kopf. 
Ich muss hier weg, bevor es mich holt! 
Er sah die Fühler auf sich zurasen, aber Archweylls Bewegungen waren zu träge. Die Erschütterung des Treffers rumorten durch seinen ganzen Körper und der Kommandant verkrampfte sich vor Schmerz, während sein Scherenpanzer fortgeschleudert wurde. Ein tonloser Schrei entwich seiner Kehle und ein penetrantes Summen nahm alles für sich ein. 
Es weiß nicht, dass ich einen Panzer habe. Es denkt, ich wäre Beute!, schoss es durch seinen Kopf. Dann tauchte sich sein Sichtfeld für einen Moment in ein eindringliches Rot. Kreischend versuchte er, die Konsolen zu betätigen, aber der Schmerz drohte ihn zu überwältigen. Aus dem Augenwinkel registrierte er Bewegungen, die aus dem Fels auf ihn zukamen. 
Das ist kein Fels. Das ist nacktes Fleisch. Verdammt soll dieser Planet sein!
Tausende Fühler, die aussahen wie längliche Würmer mit Saugrüsseln, schossen auf ihn zu. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und zwang sich zum Weitermachen. Wieder setzte er für einen Moment aus, sein Bewusstsein verabschiedete sich langsam von ihm. 
Der Dekompressor arbeitet nicht effektiv genug. Nicht in diesen Tiefen. 
Sein Blick wandte sich besorgt zu Tamara, die aussah wie eine Leiche, die von schwarzen Adern durchzogen war. Ihr Blick war starr und Blut floss in Strömen aus ihrer Nase.
Ich werde nicht zulassen, dass es sie holt. Wir sind kein Futter.
Langsam erhob er sich, wobei jeder Zentimeter mit unerträglichen Qualen verbunden war. 
Archweyll heulte auf vor Schmerz, sein Brüllen musste noch den hintersten Winkel des Planeten durchdringen. Doch das Summen unterdrückte alle Geräusche. 
Erneut schossen die Fühler auf ihn zu und im Schimmer seines Lichtstrahles glaubte Archweyll in der Ferne eine Ansammlung riesiger liedloser Augen zu erkennen, die ihn hungrig anstarrten. Er setzte zu einem selbstmörderischen Sprint an, aber seine Bewegungen erschienen ihm bleiern und schwer. Öffnungen vor ihm gaben weitere Fühler frei, die sich auf ihn stürzten. 
Der Kopf eines Wurm-Fühlers krachte gegen seine Fensterscheibe. 
Archweyll biss die Zähne zusammen und vergrub seine Klinge tief im Rachen der Kreatur. 
Blut und Schädelteile bröckelten in Richtung der Wasseroberfläche. 
Was zur Hölle ist das für ein Lebewesen? Gehört das alles zusammen? 
Oder war das Ganze ein riesiges Ökosystem, dass symbiosierte? 
Er konnte die Frage nicht weiter verfolgen, denn weitere Fühler warfen sich auf ihn. 
Einer der Würmer griff nach seinem Bein und wickelte sich darum. 
Fast wäre Archweyll gestolpert. Mit Anstrengung all seiner Kräfte zerrte er sich frei und zerriss das Wesen dabei in seine Einzelteile.
Sein Messer wirbelte herum und spaltete den Kopf eines weiteren Angreifers. 
Weiter. Immer weiter. 
Nur der Schmerz antwortete ihm.
Über sich nahm er nun das vertraute Leuchten der augäpfeligen Pflanzen war. Sein Ziel schien so nah und doch so weit entfernt. Panisch drehte er sich um. 
Die riesigen Fühler waren in der Finsternis nicht auszumachen, doch nach wie vor schienen die Würmer zu versuchen, ihn zu packen. Archweyll unterdrückte einen Aufschrei. 
Sein Körper war eine Ruine und der Schmerz erfüllte jede noch funktionstüchtige Nervenfaser in seinem Körper. Ein Taubheitsgefühl überkam ihn und seine Wahrnehmung schien ihm Streiche zu spielen. Langsam näherte er sich dem Vorsprung.
Auf einmal krachte etwas gegen seine Frontscheibe. Ein Saugrüssel bedeckte das Fenster fast gänzlich. Rote Alarmleuchten signalisierten, dass der Scherenpanzer einen schweren Treffer kassiert hatte. Risse bildeten sich langsam auf der Scheibe. Der Druck hier unten würde sehr bald sein Werk vollrichten. 
Pumpend und schmatzend fuhr die Maulhöhle über die Scheibe, suchte nach einem Weg, um ins Innere zu gelangen. Panisch fuhr Archweyll herum. So einen großen Wurm hatte er noch nie in seinem Leben gesehen. Für eine Sekunde nahm sein Herzschlag alles für sich ein. Blut tropfte aus seiner Nase und klatschte auf die Anzeigen. 
Durchhalten. Durchhalten.
Der Wurm rang ihn nieder.
Archweylls Panzer ging in die Knie und war kurz vor einer gänzlichen Kapitulation. Schwarze Punkte tanzten vor seinem Auge einen Tanz des Todes. 
Plötzlich vernahm er Tamaras Stimme. Irritiert blickte er sich um, doch die Stoßtruppführerin war nach wie vor bewusstlos. Sie schien in seinem Kopf zu sprechen und verdrängte für den Bruchteil einer Sekunde das gequälte Summen, das seinen Schädel fast zum Platzen brachte. 
»Arch…«, flüsterte sie, dann verstummte die Stimme in seinem Kopf. 
Eine Einbildung, wurde ihm klar. Doch irgendwie gab ihm das Kraft. Die Kraft, die er brauchte, um durchzuhalten. Er war nicht alleine hier unten, Tamara hatte alles für ihn gegeben und wer wäre er, wenn er sie jetzt enttäuschen würde? Brüllend steuerte er seinen Greifarm in Richtung des grauseligen Saugnapfes und riss ihn einfach vom Körper. Heulend kam der Kommandant auf die Beine. Alles an ihm war dem Ende nahe. Schweiß und Blut vermengten sich zu einem Rinnsal des Schmerzes. Doch jetzt durfte er nicht aufgeben. Er setzte die letzten Schritte und erreichte den Hang. 
Hoffentlich ist das Gestein.
Stöhnend robbte er sich daran empor. Warum war auch der verdammte Antrieb defekt? 
Unter ihm nahmen die Fühler die Verfolgung auf. Auch jetzt war er nicht in Sicherheit. 
Sie strömten aus fast jeder erdenklichen Öffnung und schienen einfach nicht gewillt ihn aufzugeben. Er war so nahe. 
So nahe.
Mit den letzten verbliebenen Kräften erreichte er das Ende des Hanges. Archweyll zog sich auf die Beine und schleppte seinen Panzer zu den glühenden Leuchtkörpern. Er schwankte mehr, als das er lief und sein Blickfeld wurde in regelmäßigen Abständen gänzlich in Schwarz getaucht. Das Summen wurde schlimmer und schlimmer, wie tausende Hornissen brummte es in seinem Kopf. Er ließ seine Klinge auf den Stängel eine der Pflanzen sausen und trennte ihn durch. Wie er erwartet hatte, tauchte sie in Richtung Wasseroberfläche auf. 
Bingo.
Er sammelte immer mehr Pflanzen ein, bis er einen riesigen Haufen aus leuchtenden Augen um sich versammelt hatte. Langsam driftete sein Körper nach oben. 
Die Würmer, die unter ihm nach ihm geiferten, kassierten einen Mittelfinger und ein schmerzverzerrtes Grinsen. Jetzt musste der Zyklop ihn nur noch finden, dann wäre er in Sicherheit. Der Schmerz und die Überlastung forderte ihren Tribut. 
Archweyll übergab sich heftig und war nicht mehr in der Lage, sich dagegen zu wehren. Seine Augen fielen zu und er geriet in einen Dämmerzustand. Sein Bewusstsein verließ ihn. 
Das letzte, was er wahrnahm, waren zwei glühende Lichter, die sich auf ihn zubewegten. 
Verdammt, ich dachte es hätte aufgegeben?, war der letzte Gedanke, den er fassen konnte, bevor er regungslos zusammenbrach.

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Murks – von Saigel


„Guten Tag Herr Direktor. Sie wollten mich sprechen?“

„Ja bitte, nehmen Sie Platz, Inspektor Klotz.“

„Danke. Was gibt es denn so Dringendes?“

„Ich möchte mit Ihnen über Ihre Arbeit sprechen. Über die Akte 5869.“

„5869… Mhm.“

„Das war ziemlicher Murks.“

„Murks? Ja. Der wurde abgemurkst.“

„Nicht der Mord, Ihre Arbeit!“

„Ich habe niemanden getötet. Wie kommen Sie darauf?“

„Nein! Ihre Arbeit war Murks!“

„Meine Arbeit war es, zu ermitteln. Ich hatte nicht die Anweisung jemanden zu ermorden.“

„Ihre Ermittlung war Murks, Inspektor Klotz! Darüber möchte ich mit Ihnen sprechen! Die Leiche lag fünf Tage im Wasser bevor Sie sie da herausgezogen haben!“

„Aber das lag doch nicht daran, dass ich dem armen Teufel selbst den Hals umgedreht habe! Wir konnten nicht früher ans Wasser ran!“

„Warum nicht?“

„Na, wegen der Spurensicherung!“

„Im Wasser?!“

„Nein! Am Tatort! Da waren so viele Spuren!“

„Weil Sie mit Ihrer Mannschaft da durchgetrampelt sind, wie der Elefant im Porzellanladen!“

„Aber was hat das mit dem Abgemurksten zu tun?“

„Nichts! Sie haben das vermurkst und Sie werden die vollen Konsequenzen tragen! Vom Seuchenschutz bis zu den wütenden Angehörigen!“

„Komme ich jetzt ins Gefängnis?“

„Sie werden suspendiert, wenn Sie sich weiter so aufführen!“

„Also gut. Ich werde alles tun was sie verlangen, aber ich werde keinen Mord gestehen den ich nicht begangen habe!“

„Sie haben die Ermittlungen in den Sand gesetzt, Herr Klotz! Sie werden sich rechtfertigen!“

„Herr Direktor! Der Sand war nötig um die Leiche aus dem Wasser zu ziehen, das weiß doch nun wirklich jeder!“

„Ok, lassen Sie es mich anders formulieren: Sie haben die Ermittlungen verhackt!“

„Der war schon so, als wir zum Tatort kamen!!!“

„Verflucht Herr Klotz, verlassen Sie augenblicklich mein Büro!“

„Aber die Leiche! Bin ich jetzt verdächtigt, oder wie?“

„Raaaaaaus!“

„Otto! Was wollte jetzt der Chef?“

„Der meint, ich hätte den Mann aus 5869 selber abgemurkst.“

„Heftig!“

„Ich muss das Land verlassen, sonst fahre ich noch unschuldig ein!“

„Stimmt, mach lieber schell!“

„Ja ist besser so. Sicher ist sicher.“

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Bruder

Zwei Welpen im Wolfsbau
Spuren unter der Haut
Einsam zu zweit
Die Welt hart und laut
Bruder

Geschrien und getreten
Erpresst und gepetzt
Um die Liebe gekämpft
Und die Regeln verletzt
Bruder

Gelaufen, geflüchtet
Es hat nichts genützt
Doch wenn es drauf ankam
Hast du mich beschützt
Bruder

Gemeinsam gefürchtet
Gemeinsam versteckt
Und wenn es drauf ankam
Hab ich dich gedeckt
Bruder

Manches wird vergessen
Wochen, Jahre vergehen
Erinnerung verblasst
Und Träume verwehen
Bruder

Mögen Meilen uns trennen
Worte und Mauern
Wird unser Band
Die Zeit überdauern
Bruder

by Rebekka Steltzer

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Gottes Hammer: Folkvang XVIII

Berith wartete.

Er stand in aufrechter Haltung vor dem gewaltigen Doppeltor, das als einziger Zugang zum unterirdischen See Sökkvar diente. Zwei Statuen aus schwarzem Stein, die wie groteske Abgötter dem Besucher eine Peitsche und einen Apfel entgegenhielten, flankierten es. Er selbst hatte sich ihnen nun in ihrer endlosen Wache angeschlossen.

Er wusste, lange würde die seine nicht dauern.

Die Ereignisse überschlugen sich und der Köder, den er für Azrael ausgelegt hatte, würde seine Wirkung nicht verfehlen. Berith wusste, wie der Kampf ausgehen würde. Er konnte gegen Azrael und Halgin nicht bestehen.

Aber jemand anderes konnte es.

Berith lächelte. Er hörte ein Geräusch in der Finsternis. Das Flattern von Flügeln. Sie waren hier.

Er hätte nicht gedacht, dass ein Dämon sich vor dem Tod derartig frei und ungebunden fühlen konnte. Vermutlich fiel die Verantwortung dafür dem jahrhundertelangen Zermürbungsprozess zu, der nur die Machtgierigen verschonte. Azrael würde auch tausend Jahre überdauern, ohne Todessehnsucht zu verspüren. Er hingegen hatte sein Schicksal erfüllt. Der Folkvangstag war gekommen. Gottes Hammer würde endlich fallen.

Es tut mir wirklich leid, dass ich Ashaya nicht einweihen konnte. Die lebhafte Heilige war ihm ans Herz gewachsen. Sie glaubte immer noch, er würde einfach Irodeus wiedererwecken wollen. Dabei ist im Leben nichts einfach. Eine Lektion, die alle hier erst noch lernen müssen.

In der Dunkelheit flammte rotes Licht auf und Berith schloss die Augen. Das Geräusch zweier Stiefel, die sich kräftig vom felsigen Untergrund abstießen, wurde zu seinem Requiem.

Jetzt liegt alles an dir …

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Azrael zog die blutüberströmte Klinge überrascht aus der schlaffen Leiche. Die Präsenz des toten Dämons erlosch. Berith musste sie gehört haben. Warum hatte er keine Gegenwehr geleistet?

Worauf wartest du, Angnaur?“ Halgins ruhige Stimme ertönte aus der gesichtslosen Schwärze.

Auf nichts.“ Azrael nahm Murakama und fokussierte seine Energie. Das Blut auf dem Stahl verdampfte, während Wellen dämonischer Macht hindurchfuhren. „Müsst Ihr mich so nennen?“

Das fragst du? Du hast mir eindrucksvoll demonstriert, was du von Ehre hältst!“ Azrael zuckte zusammen, als sich die Krallen des unscheinbaren Vogels in seine rechte Schulter bohrten. Halgin betrachtete ihn aus klugen Augen, während er sich niederließ. „Diesen Titel hast du dir verdient.“

Azrael verdrehte die Augen. „Lasst es uns hinter uns bringen“, murmelte er und sprach ein Wort der Macht. Die beiden grotesken Statuen rotierten langsam um ihre eigene Achse und zogen die schweren Torflügel dabei mit sich. Wachsam trat Azrael ein. Als er Irodeus’ Geist herausgefordert hatte, war er bestens vorbereitet und in Begleitung von Malfegas und Velis gekommen. Nun wusste er nicht, was ihn erwartete.

Der Untergrundsee lag still und glatt da wie eine Glasfläche. Ein fernes Leuchten vom anderen Ufer empfing die beiden. Azrael schluckte. Halgin flatterte nervös mit den Flügeln.

Am Ufer stand eine kleine Gestalt. Als sie näherkamen, erkannte Azrael überrascht Iliana. Sie trug die neuwertige Kleidung eines Pagen der Tempelsöhne und blätterte in einem verstaubten Folianten. Azrael wusste sofort, um welches Buch es sich handelte.

Iliana!“, krächzte mit einem Mal Halgin. Azrael taumelte, als der König sich kräftig von seiner Schulter abstieß. „Iliana!“, rief er erneut. Er landete direkt vor ihr und blickte das Mädchen unverwandt an. Azrael näherte sich langsamer. Er hob Murakama vors Gesicht. Täuschte er sich oder glühten Ilianas Augen rot?

Iliana?“, fragte er leise.

Ein Knall ertönte, als Iliana das Buch zuschlug und sich ihnen zuwandte. Ein Lächeln breitete sich ungewohnterweise auf ihrem jungen Gesicht aus. Azrael konnte sich nicht erinnern, sie je lächeln gesehen zu haben. Als sie sprach, wusste Azrael, wen er vor sich hatte.

Der See Sökkvar“, murmelte Irodeus. „Seit Äonen ein heiliger Ort für jeden Dämon. Berith ermöglicht er, in fremde Träume einzudringen. Mir, in fremde Körper.“

Azrael hob drohend Murakama. „Du!“, schrie er wütend.

Welch ein Schauspiel!“, sprach Irodeus und seufzte theatralisch. „Endlich sind alle Kinder Arions wieder vereint! Nicht wahr, Majestät?“ Dabei betrachtete er Halgin, der entsetzt zurückwich.

Azrael fühlte sich wie von innen ausgehöhlt. „Was?“, flüsterte er.

Man entsinne sich einer Nacht vor fünfzig Jahren, als ein schrecklicher Krieg seinen Anfang nahm“, begann Irodeus. Ilianas Körper vollführte groteske Tanzbewegungen. „Ich erinnere mich an einen mutigen Bruder, der seine neugeborene Schwester einem Fremden übergab …“

Azrael schnappte nach Luft. Seine menschlichen Erinnerungen kehrten mit voller Wucht zurück und ließen ihn erbeben. Es fiel ihm wie Schuppen von den Augen. Der alte Fischer auf dem Boot, den er vor all den Jahren nach dem Fall Astavals aufsuchen hatte müssen, war der Dämonenkönig selbst gewesen!

Wie kann das sein?“, flüsterte er. „Ihr? Ihr habt mir meine Schwester … ?“

Ilianas Körper nickte grinsend. „Iliana war mein Preis, meine Sklavin und Vollstreckerin, bis dein närrischer Bruder kam und mich in sein Buch sperrte! Glücklicherweise brachte Berith sie schnell genug in Sicherheit. Sie kam zu Arinhild nach Raureif, wo der gute König der Navali natürlich schnell Gefallen an ihr fand. So ein unschuldiges, kleines Würmchen zu retten ist ein gefundenes Fressen für einen derartig ehrenhaften Vogel.“

Ein animalischer Laut löste sich aus Halgins Kehle. Azraels Gedanken vereinigten sich zu einem gewaltigen Wirbel. Er hatte seine Familie für vernichtet gehalten. Nun erfuhr er, dass sowohl sein Bruder als auch seine Schwester noch auf Erden weilten.

Wenn ich das Saskia erzählen könnte … Er würde nie den Blick aufrichtigen Mitleids vergessen, als er ihr vom Tod seiner Geschwister berichtete.

Irodeus lachte wie ein vergnügtes Mädchen. „Ist es nicht melodramatisch? Mein alter Freund Arion wollte sein Volk beschützen. Und was ist aus seinem Plan erwachsen? Sein ältester Sohn verbrennt wehrlose Frauen, sein Jüngster will die Welt beherrschen und seine Tochter ist die Dienerin des Königs von Hornheim! Und alle drei sind Dämonen!“ Ein weiteres Lachen erschütterte die gewaltige Höhle. Wut durchströmte Azraels Adern wie flüssiges Feuer. Er umklammerte Murakama fester. Nur wie sollte er gegen den Dämonenkönig kämpfen, ohne Iliana zu verletzen? Er sah Halgin nervös an. Der König der Navali wirkte ebenso unschlüssig.

Irodeus schien die Situation durchaus zu behagen. Ilianas Körper legte sich auf einen Felsen und ließ vergnügt die Beine baumeln. „Ich muss zugeben, vor meiner psychischen Gefangenschaft hätte ich nie vermutet, euch beide gemeinsam zu sehen. Teshin aus dem entvölkerten Herzogtum und Halgin, der ehrenhafte Vogelkönig … das grenzt an ein Wunder!“ Er breitete die Arme aus. „Ein Wunder, nur inszeniert für meine glorreiche Rückkehr!“

Halgin riss der Geduldsfaden. „Wie kommt es, dass du noch lebst, Irodeus?“, fragte er ungehalten. „Du bist gestorben!“

Irodeus lachte erneut. „Wenn du die traurigen Mordversuche von Arions Söhnen meinst …“

Das tue ich nicht.“ Halgin rührte keinen Muskel. „Ich spreche von damals, in Hrandamaer.“

Stille kehrte ein und die fröhliche Miene auf Ilianas Gesicht wich einer jähzornigen Maske. Azrael sah den vorangegangenen Dämonenkönig verwirrt an. „Halgin, was meint Ihr?“

Es war einmal ein König, der über ein wundervolles Reich herrschte. Aber weil er dem Schicksal trotzen wollte, wurde er zum Dämon und verfluchte sein Heimatland bis in alle Ewigkeit.“ Halgins Augen blitzten. „Nicht wahr, Androg?“

Kurz herrschte Stille. Als der Dämonenkönig erneut sprach, klang seine Stimme dunkel und bedrohlich. „Ja, Halgin. Ich habe mich damals mit letzter Kraft nach Hornheim geschleppt. Meine Götter haben mich zu Gunsten dieses neuen Gottes der Denomination verlassen und ich brauchte ein neues Reich … ein dämonisches, das meinem Geschmack entsprach.“ Er lachte und diesmal wohnte dem Laut nichts Kindliches mehr inne. „Aber das hielt mich nicht davon ab, meinen Machtbereich asuzuweiten.“ Ilianas rot leuchtende Augen wanderten zu Azrael. „Als mich dein Bruder versiegelte, habe ich mich getarnt in die Denomination geschlichen.“, fauchte der Dämon. „Ich war Erzbischof Drogan von Sankt Emerald.“ Ein breites Grinsen spaltete das kindliche Gesicht. „Menschen sind dermaßen vergesslich. Ich musste nur meinen ursprünglichen Namen verdrehen und schon wurde ich vom geächteten König aus den Legenden zum angesehenen Kleriker.“

Azrael hob Murakama. „Also habt Ihr von Anfang an die Fäden gezogen“, flüsterte er. „Ihr habt meinen Vater erst zur Dämonie gebracht, Ihr habt die Denomination manipuliert und den Krieg verursacht. Aber weshalb?“

Irodeus breitete die Arme aus, so als wollte er die gesamte Welt umfassen. „Die Antwort heißt Leid!“ Er lachte erneut und hob dann in gespieltem Ernst den Finger, wobei Grausamkeit Ilianas Augen verdunkelte. „Was würde einen Gott eher auszeichnen, als die Gabe, Leid nach Lust und Laune zu geben und zu nehmen? Meine Kerker waren stets mit Menschen gefüllt und ich habe es genossen, sie zu brechen. Jeder einzelne von ihnen war mein Jünger und ich ihr Gott. Wir lebten damals in einem Mikrokosmos, einer verkleinerten Version unserer wahren Welt. Was ihnen widerfuhr, lag in meinem Ermessen und in meinem Ermessen allein. Jegliche Hybris, jegliche Sünde wider mich, den Heiligsten aller Heiligen, habe ich mit aller Härte bestraft. Nach einem Tag verzweifelten sie, nach einer Woche verfielen sie dem Wahnsinn, nach einem Monat brüllten sie unter der Folter meinen Namen und nach deren zwei sprachen sie Gebete zu mir. Dasselbe wollte ich im Makrokosmos ebenfalls erreichen. Dein Vater ist der Rolle eines Sklaven nahegekommen. Welcher Mensch weiht seine Kinder denn auch einem unbekannten Dämon für die vage Hoffnung, sein Herzogtum zu retten? Ganz genau. Ein Held. Es gab damals viele Helden und ich habe sie alle für mich gewonnen und sie dazu gebracht, sich gegenseitig zu bekriegen. Ihr Wahnsinn war meine Freude, ihre Verluste waren meine Geschenke. Ich will den Menschen Leid und Krieg bringen, auf dass sie mir hörig werden!“ Ilianas Körper keuchte und Schweiß glitzerte auf ihrer Stirn. Irodeus wischte ihn mit einer energischen Handbewegung fort, bevor er erneut zu sprechen begann. „Wie nennst du dich nun? Azrael? Dann hör mir zu. So hättest du dir die Menschen untertan machen sollen. Unter der Folter glaubt ein Mensch an alles, auch an einen Dämon. Aber du wolltest es anders machen. Es steckt zu viel von deinem Vater in dir, du elender Held!“

Azrael wich angeekelt zurück. Auch wenn seine Menschlichkeit unter der Last seines dämonischen Daseins schwand, erschien ihm Irodeus’ Grausamkeit als unbegreiflich. Er selbst hatte auch Leid unter die Menschen gebracht, aber nie allein um des Leides willen. Mit einem Mal kamen ihm Zweifel. Konnte die Zeit einen Dämon zu einem solchen Ungeheuer reifen lassen?

Genug.“ Halgin klang kühl, als er sich vor Azrael stellte. „Drei Könige sind hier versammelt, wir stehen zwei gegen einen. Ich habe nicht die Äonen überdauert, um häretische Gespräche zu führen. Mein Interesse galt stets Hornheims Zerstörung und ich beabsichtige nicht, mein Vorhaben nun aufzugeben!“

Wie nett.“ Irodeus lächelte schmallippig. „Also gehe ich recht der Annahme, dass ihr zwei gegen mich kämpfen wollt?“

Halgin flatterte mit den Flügeln. „Erraten.“

Ilianas Körper zuckte mit den Schultern. „Ich dachte, Iliana sei Euch mehr wert … aber wenn Ihr darauf besteht …“

Er hatte noch nicht geendet, als drei Lichtblitze die Luft erfüllten.

Azrael fühlte Halgins machtvollen Zauber, während er selbst mit übernatürlicher Geschwindigkeit auf Irodeus zuschoss. Er musste versuchen, Murakama in Ilianas Fleisch zu treiben und dem alten König so seine Magie zu entziehen.

Irodeus aber blieb nicht untätig. Eine elektrisierende Welle dämonischer Energie erfasste Azrael und warf ihn zurück. Kaum landete er mit erhobenem Schwert, folgte ein Feuerstrom. Azrael fokussierte seine magische Macht und umgab sich mit einem Schutzschild aus reiner Energie. Er fühlte, wie Halgin sich an seinen abgeschirmten Rücken duckte.

Als die Flammen zurückwichen, hielt Irodeus mit einem Mal ein Schwert in der Hand. Azrael erkannte es.

Überrascht?“, fragte Irodeus ironisch. „Das ist Abigors Schwert Velfaunir, das nur die ältesten Söhne von Hrandamaer führen dürfen. Eure heidnische Magie kann es nicht aufhalten!“

Obwohl sein klopfendes Herz ihm aus der Brust zu springen drohte, hob Azrael kühl Murakama. „Ihr seid nicht der einzige, der eine heilige Waffe sein Eigen nennt.“

Arions Megingjormar? Berith erzählte mir, du hast ihm einen neuen Namen gegeben. Wie blasphemisch.“

Anstatt mit einer Erwiderung beantwortete Azrael den Satz mit einem Überkopfhieb. Funken sprühten, als die Klingen aufeinandertrafen. Azrael schluckte. Gegen ein Kind zu fechten war ungewohnt.

Irodeus nutzte seine Position und reagierte mit einem schnellen Streich. Azrael parierte, aber der Hieb kam von zu weit unten und die ungewohnte Stellung brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Iliana stürzte blitzschnell vor und Velfaunirs Stahl fuhr durch die magische Barriere in Azraels Oberarm.

Irodeus stieß einen triumphierenden Schrei aus und Azrael brachte sich mit einem Sprung in Sicherheit. Eilig befühlte er die blutende Wunde. Sie war nicht groß, aber tief. Der geweihte Stahl schien seine Adern berührt zu haben, denn Azrael taumelte mit einem Mal. Die Heiligkeit der Klinge küsste sein Blut und fuhr durch seinen Körper wie reinigendes Feuer. Es schien alles Dämonische aus ihm zu zwingen wollen.

Halgin deckte seinen Rückzug aus der Luft, aber Ilianas kleiner Körper tauchte unter dem magischen Angriff hinweg und attackierte Azrael erneut. Er parierte und verlor beinahe das Gleichgewicht, als er gegen einen aus dem Boden ragenden Stein stieß. Im Nahkampf konnte er dem alten König nichts entgegensetzen. Er musste den Kampf auf magische Weise entscheiden.

Während er sich gegen eine weitere Angriffsserie stemmte, stieß Azrael ein verbotenes Wort der Macht hervor, das den Eingang zu seiner Hölle öffnete. Mit einem Mal befanden sie sich inmitten von Schwefeldampf und magmatischen Quellen. In der Ferne konnte er die Umrisse der von den Menschen gegründeten Stadt ausmachen. Azrael fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten. Dies war sein Reich. Hier war er der einzige König.

Einen Moment lang wirkte Irodeus tatsächlich verblüfft. Azrael erkannte seine Chance und stieß als unmenschlich schneller Schemen mit Murakama zu. Die schlanke Spitze des Schwerts verfehlte Irodeus’ Schulter nur knapp. Der alte König brachte sich mit einer unmöglich weiten Hechtrolle in Sicherheit und entging mit einem lässigen Ausfallschritt Halgins Angriff. Er nutzte Velis’ Zauber, um als kaum zu fassender Schemen auszuweichen.

Dennoch, er wirkte verunsichert. Azrael sah, wie Ilianas dünne Arme zitterten. Gleichgültig, über welche Kräfte Irodeus gebot, er bewohnte den Körper eines Kindes und führte einen Bidenhänder. Selbst erwachsene Männer würden ein solches Gewicht nicht lange ertragen.

Azrael hob Murakama und fokussierte sich. Velfaunirs Kuss forderte seinen Tribut, aber er hielt der Wirkung der heiligen Klinge stand. In einem Zermürbungskampf würde er die Oberhand gewinnen.

Zu einem ähnlichen Schluss schien auch Irodeus zu kommen. Mit einer verächtlichen Bewegung ließ er Velfaunir verschwinden und hielt plötzlich einen Mauritiusstab in der Hand.

Der Choral der sieben Könige“, flüsterte er. „So hat alles begonnen, nicht wahr?“

Ehe Azrael reagieren konnte, begann Ilianas Körper mit glockenheller Stimme zu singen. Heilige Magie sammelte sich um den zierlichen Körper. Azrael erinnerte sich. Dieselbe Kampftechnik hatte Velis in der Gestalt von Medardus gegen ihn und Saskia angewandt. Irodeus jedoch sammelte weitaus mehr Magie, bis ein Nexus aus Heiligkeit sich um ihn legte.

Azraels Barriere glühte auf, als Halgin auf seiner Schulter landete. „Wir müssen von hier weg!“, krächzte der König panisch. „Wenn dieser Angriff uns trifft, werden wir bei lebendigem Leib verbrannt!“

Azrael dachte an Abigors Ableben und erschauderte. Velis’ Zauber in der verfluchten Kirche konnte kaum mit Irodeus’ Nexus verglichen werden. Azrael ballte wütend die Hände zu Fäusten. Ihnen blieb keine andere Wahl. Sie mussten fliehen.

Hastig hob er Murakama, um ein Portal zu öffnen. Er griff tief hinein in das Gebilde der Realität, doch ehe er es entwirren konnte, verschloss es sich ihm mit einem Mal. Entsetzt hielt Azrael inne und betrachtete seine Umgebung. Die Realität verzerrte sich um ihn herum. Irodeus erschuf eine abgegrenzte Welt innerhalb der Welt.

Er benutzt den selben Zauber wie ich damals!“, krächzte Halgin, während der Gesang anschwoll. „Los, kontere ihn, wie du meinen gekontert hast!“

Ich kann nicht!“, erwiderte Azrael hitzig. „Um ein Portal zu meiner Hölle zu öffnen, muss ich außerhalb dieser Hölle sein!“ Sie waren gefangen. Irodeus hatte sie vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Azrael fühlte, wie seine Kräfte ihn verließen. Dies war Irodeus’ Sphäre. Hier besaß der alte König unbegrenzte Macht.

Azrael hörte, wie Halgin einen letzten Segen murmelte, als Irodeus den Choral beendete und seine Umgebung in heiliges Licht tauchte.

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7 mm

Sieben Millimeter
Nicht mal ein Fingernagel
Noch gar nicht richtig echt
Im Grunde fast nicht da

Sieben Millimeter
Bringen alles durcheinander
Sind Freude und Hoffnung
Und schlaflose Nächte

Sieben Millimeter
Das sind winzige Finger
Ein Kopf, viel zu groß
Und ein Herz, das schlägt

Und schlägt
Und schlägt

Ganz dicht unter meinem
Fleißig und tapfer
Muss wachsen und formen
Werden und sein

Sieben Millimeter
Sind auf einmal die Welt
Machen Herzen weicher
Bande stärker Glück greifbar

Sieben Millimeter
Im Grunde fast nicht da
Sind jetzt schon geliebt
Behütet und nah

by Rebekka Steltzer

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Korrekturen 24

24.Teil – Das Ende des Zeitvektors (3/3)

Um so überraschter waren sie, als Giwoon mit unbewegtem Gesicht eine versiegelte Folie aus seiner Tasche zog und sie Rowan Qorth überreichte.
»Ich hoffe, Sie sind nun zufrieden«, sagte er dabei.
Der Wächter brach das Siegel und studierte die Unterlage gründlich. Schließlich gab er den Weg frei, hielt sie aber dann noch einmal zurück.
»Einen Moment noch«, sagte er, »bitte leeren Sie alle ihre Taschen. Ich will genau wissen, was Sie bei sich haben.«
Er lächelte maskenhaft.
»Wir wollen ja nicht, dass Sie etwas bei sich haben, das die Sicherheit der Anlage beeinträchtigen könnte.«
Sie leerten alles vor seinen Augen aus. Auch das Gerät zur Vernichtung des Sonnenzapfers befand sich darunter. Rowan Qorth wühlte etwas in den Gerätschaften herum, bis er schließlich das kleine Gerät in seinen Händen hielt, welches diese ganze Anlage vernichten sollte.
Fancan hielt ihren Atem an und hoffte, dass Rowan Qorth es nicht bemerken würde.
»Was ist das für ein Gerät?«, fragte er Giwoon, »So etwas habe ich noch nie gesehen.«
Giwoon blieb vollkommen ruhig.
»Das wundert mich nicht«, sagte er, »genau dieses Gerät ist der Grund, warum wir überhaupt hier sind. Die Techniker im fünfundsiebzigsten Jahrhundert haben herausgefunden, dass Energieerzeuger auf Quarks-Basis entgegen gängiger Meinung doch gewisse Emissionen abstrahlen, die für den menschlichen Organismus auf Dauer schädlich sein können. Wir sind hier, um sicher zu stellen, dass ihre Sonnenzapfanlage genügend abgeschirmt ist und nicht die Erdbevölkerung schädigen kann.«
Der Wächter machte ein gequältes Gesicht.
»Sie meinen, der Aufenthalt in der Nähe dieser Anlage könnte für unsere Gesundheit schädlich sein?«, fragte er.
»Nicht nur für Sie oder uns«, erklärte Giwoon, als sei es die natürlichste Sache der Welt, »nein, es könnte sich auf die gesamte Menschheit auswirken, da Quarks-Strahlung durchaus sogar massiven Fels durchdringen kann. Es ist daher wichtig, sofort festzustellen, ob die Energieversorgung des Vektors nicht bereits von Beginn an auf ungefährliche Energien umgestellt werden muss.«
Der Wächter bemühte sich, die Übrigen nicht erkennen zu lassen, dass er ein ungutes Gefühl dabei hatte, sich vorzustellen, dass er bereits seit vielen Jahren einer möglicherweise schädlichen Strahlung ausgesetzt war. Giwoon spürte, dass er gewonnen hatte. Rowan Qorth war nun mehr als nur bereit, ihnen schnell Zugang zur Anlage zu gewähren. Er gab seinen Mitarbeitern ein Zeichen, worauf sie ihre Waffen senkten.
»Wie lange dauert es, bis Sie brauchbare Ergebnisse haben werden?«, fragte er.
»Oh, das wird nicht lange dauern«, sagte Giwoon, »aber wir sollten keine weitere Zeit ungenutzt verstreichen lassen.«
Rowan Qorth deutete auf eine weitere Tür.
»Wenn Sie mich bitte begleiten würden«, sagte er, »hinter dieser Tür befindet sich unser Fuhrpark mit den Fahrzeugen, die wir hier in diesem Komplex benötigen.«
Sie schritten durch die Tür und sahen, dass sich dahinter eine Art Garage befand, in der verschiedene Fahrzeuge standen. Rowan Qorth wählte einen offenen Wagen mit dicken Ballonreifen, auf dem sechs Personen in zwei Reihen bequem Platz fanden.
»Khendrah, Fancan«, flüsterte Giwoon ihnen zu, »ihr müsst gleich diesen Wächter und vielleicht noch einen seiner Mitarbeiter ablenken.«
Fancan sah Giwoon skeptisch an.
»Wie sollen wir das bitte anstellen?«, fragte sie ebenso leise zurück.
»Lasst euch etwas einfallen. Habt ihr nicht bemerkt, wie sie euch hier alle anstarren? Ich bin sicher, dass sich nicht häufig Frauen in dieser Station aufhalten. Wenn sie dann auch noch zwei so hübsche Exemplare geboten bekommen, muss sie das doch fertigmachen. Ich bin sicher, dass ihr es schafft, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.«
Khendrah zuckte mit den Achseln und kletterte neben Rowan Qorth, der das Fahrzeug selbst steuern wollte. Sie richtete es so ein, dass sich ihre Schenkel berührten und der Wächter sich ihrer Nähe ständig bewusst wurde. Sie tat ganz unbefangen und fragte ständig nach irgendwelchen Dingen, an denen sie vorbeifuhren. Den dritten Sitz in der vorderen Sitzreihe hatte Thomas besetzt, der argwöhnisch beobachtete, wie seine Freundin mit dem Wächter flirtete.
In der hinteren Reihe saß Fancan neben Qorths Mitarbeiter, der seinen Blick nicht von Fancan nehmen konnte. So fiel den Männern nicht auf, dass Giwoon sich seine Umgebung sehr genau ansah, um den richtigen Standort für seine Bombe zu ermitteln.
Sie fuhren eine ganze Weile, wodurch klar wurde, dass der eigentliche Sonnenzapfer äußerst tief im Gebirge steckte. Immer wieder passierten sie kleine Stationen, in denen Männer einer rätselhaften Tätigkeit nachgingen. Allmählich wurde die Luft trockener und wärmer.
»Wir nähern uns jetzt dem Kernstück der Anlage«, erklärte Rowan Qorth, »Sie werden beeindruckt sein.«
Es folgten noch einige Gangbiegungen und man konnte schon ahnen, dass es an ihrem Ziel sehr hell sein würde. Trotzdem waren sie nicht auf das gefasst, was sie nun sahen: Sie betraten eine Halle von wahrhaft riesigen Ausmaßen. Die Decke der Höhle, die sich inmitten des Berges befinden musste, war so hoch, dass man sie nur erahnen konnte. Es war jedoch nicht die Deckenhöhe, welche die die Vier beeindruckte, sondern ein gigantisches Konstrukt im Zentrum der Halle. Es wirkte, als habe man eine kleine Sonne darin aufgehängt und ein Ring von Planeten würde sie auf einer Bahn umkreisen. Dabei war jeder dieser ‘Planeten’ durch ein Energieband mit der zentralen Sonne verbunden, welches in ständiger Bewegung war, wie man es von einem elektrischen Lichtbogen her kannte.
Rowan Qorth gönnte seinen Besuchern einen Moment des Staunens, dann erklärte er:
»Was Sie hier sehen, wirkt wie eine Übertragung von elektrischer Energie, aber in Wahrheit ist das nur die optische Wirkung des Quarksflusses aus dem in dieser Höhle stabilisierten Wurmloches, welches direkt ins Zentrum unserer Sonne führt. Diese Satelliten, die sie dort sehen, sind die eigentlichen Kollektoren. Sie fangen die gesamte Energie auf und führen sie den Speichern zu, die unter dieser Halle installiert sind.«
»Wie kann denn von hier aus der Vektor mit dieser Energie versorgt werden?«, wollte Khendrah wissen, »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich innerhalb des Vektors jemals etwas davon mitbekommen habe, dass solche Energiemengen eingespeist werden.«
»Das soll ja auch niemand«, sagte Rowan Qorth, »das System soll einfach nur stabilisiert werden und ansonsten im Hintergrund arbeiten.«
»Was wäre, wenn es hier zu einer Störung käme?«, fragte Thomas.
»Um Gottes Willen!«, entfuhr es dem Wächter, »Das darf niemals geschehen! Es würde das Gefüge unwiederbringlich destabilisieren.«
»Sie wollen mir doch nicht weismachen, dass Sie hier niemals Reparaturen vornehmen müssen«, sagte Khendrah.
»Natürlich müssen wir Wartungsarbeiten vornehmen und dazu auch schon mal die Zapfanlage herunterfahren. Dafür sind die Speicher schließlich da. Sie können die Stabilität für eine kurze Zeit überbrücken.«
»Gut«, sagte Giwoon, »wäre es Ihnen Recht, wenn ich jetzt mit meiner Arbeit beginne?«
Er griff sein angebliches Prüfgerät und schaltete es ein. Der kleine Monitor erwachte zum Leben und zeigte Daten an, die einem nicht Eingeweihten jedoch nichts sagten.
Qorth deutete mit der Hand auf das Szenario vor ihnen und meinte:
»Tun Sie Ihre Arbeit. Es ist ja auch in unserem Interesse, dass wir keinen Schaden erleiden, dadurch, dass wir jahrelang hier arbeiten.«
Giwoon glitt von seinem Sitz herunter und lief ein paar Schritte auf die Energiekonstruktion zu. Fancan schloss sich ihm an, während Qorth vom Fahrzeug aus beobachtete, was Giwoon tat. Er wusste nicht, warum, aber er hatte bei der ganzen Sache kein gutes Gefühl.
Giwoon hielt das kleine Gerät immer wieder in verschiedene Richtungen und tippte dann auf einer winzigen Tastatur herum.
»Was tust du hier eigentlich?«, fragte Fancan ihn leise.
»Das Gerät benötigt diverse Steuerungsparameter dieser Anlage«, erklärte er, »dadurch, dass wir in der glücklichen Lage sind, bis zur Anlage selbst vordringen zu können, sind wir auch in der Lage, sie vollständig zu übernehmen, wenn das Gerät alle Parameter entschlüsseln kann. In wenigen Augenblicken ist es soweit, dann gilt es nur noch, es hier untrennbar zu installieren.«
»Wie soll das gehen?«, fragte Fancan, »Selbst wenn du es versteckst, werden sie es finden können. Und wir können sicher nicht hier warten, bis es zum Leben erwacht, oder?«
»Oh nein«, sagte Giwoon, »wenn es losgeht, sollten wir einen deutlichen Abstand zu diesem Berg hier haben. Aber warte ab, gleich ist es so weit.«
Das Gerät gab ein schwaches Signal von sich und der Monitor meldete Einsatzbereitschaft. Giwoon überlegte.
»Zwölf Stunden sollten reichen, um hier zu verschwinden«, murmelte er und und tippte ein paar Daten ein. Dann schaltete er das Gerät scharf.
»So, das war es«, sagte er, »mein Schatz, ab jetzt bleiben uns zwölf Stunden, um hier zu verschwinden. Der Vorgang ist nicht umkehrbar.«
Fancan bemerkte, dass ihre Hände schweißig wurden.
»Dann lass’ uns auch hier verschwinden«, sagte sie, »ich muss gestehen, dass ich Angst bekomme, noch länger hier zu bleiben.«
»Bleib’ ganz ruhig, Schatz«, mahnte Giwoon, »wir müssen uns nun ganz ruhig zurückziehen, sonst merken sie noch etwas.«
Giwoon nahm das Gerät in die Hand und legte es auf das Gehäuse einer Steuerkonsole der Sonnenzapfanlage. Fancan glaubte, ihren Augen nicht zu trauen, als das kleine Gerät offenbar ganz langsam durch das dicke Metall der Steuerkonsole glitt und darin verschwand. Sowie es komplett eingedrungen war, schloss sich die Oberfläche wieder, wie eine Wasseroberfläche, nachdem man einen Stein hineingeworfen hat. Das Ganze war so schnell gegangen, dass es außer Fancan niemand bemerkt hatte.
Sie kehrten zum Fahrzeug zurück und stiegen ein.
»Und?«, fragte Rowan Qorth auffordernd, »können Sie mir schon etwas sagen?«
»Es ist wie eigentlich vermutet«,antwortete Giwoon, »es existiert keine Strahlung, die Ihnen hier schaden könnte.«
Der Wächter war erleichtert.
»Darf ich Sie vielleicht jetzt, nach dieser guten Nachricht, noch zu einem Essen in unserer Kantine einladen?«
»Nehmen Sie es uns nicht übel«, sagte Fancan, »aber wir würden es vorziehen, gleich wieder zu starten. Wir haben leider noch weitere Aufgaben zu erledigen und die Arbeit kann leider nicht warten.«
»Das verstehe ich«, sagte Rowan Qorth, »ich werde Sie dann gleich wieder zu ihrem Fahrzeug bringen. Ein bemerkenswertes Fahrzeug, wie ich feststellen muss. Vielleicht können Sie es ja einrichten, dass wir hier auch mit solchen Fliegern ausgestattet werden. Es wäre manchmal schon nett, wenn wir in dieses Zeitalter hier reisen könnten. Leider ist uns dieser Weg versperrt.«
»Ich werde sehen, was sich machen lässt«, sagte Giwoon.
Er musste sich krampfhaft zwingen, dem Wächter nicht bereits jetzt reinen Wein einzuschenken, doch das durfte er nicht, denn dann wäre der Wächter gezwungen, sie festzuhalten.
Der Rest der Fahrt verlief relativ schweigsam. Wieder am Slider angekommen, bestiegen die Vier gleich wieder das Fahrzeug. Allerdings bestand Rowan Qorth noch darauf, es sich von Giwoon eingehend erklären zu lassen. Thomas und Khendrah wurden allmählich nervös. Giwoon und Fancan hatten bisher keine Gelegenheit gehabt, sie darüber zu informieren, wie viel Zeit ihnen noch bleiben würde.
Endlich war es so weit und man verabschiedete sie. Das große Tor im Berg wurde geöffnet und der Slider glitt sanft aus der Schleuse hinaus in die kalte Bergwelt des Himalaja. Sie beobachteten, wie sich das schwere Tor hinter ihnen wieder schloss und die künstliche Öffnung wieder fast unsichtbar machte.
Ohne, dass es ihnen bewusst war, stießen sie alle erleichtert die Luft aus, die sie unwillkürlich angehalten hatten. Giwoon ließ den Slider noch vor dem Bergmassiv schweben.
»Jetzt wäre es wohl an der Zeit, der Besatzung der Station die Wahrheit über unseren Besuch mitzuteilen«, sagte er und öffnete einen Funkkanal zur Station.
Wenige Augenblicke später erschien das Gesicht von Rowan Qorth auf dem Monitor. Es zeigte eine sehr verständnislose Miene.
»Hören Sie gefälligst auf, auf diesem Band zu funken!«, herrschte er Giwoon an, »Man ist auch in dieser Zeit nicht dumm. Die Chinesen haben durchaus gute Ortungsanlagen und können ihren Sender anpeilen.«
»Ich fürchte, ich werde Ihnen noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten müssen«, sagte Giwoon ruhig, »weil es nämlich keine Rolle mehr spielen wird, ob die Chinesen dieses Zeitalters Ihren Standort erfahren, oder nicht.«
»Ich glaube, ich kann Ihnen nicht folgen«, sagte Qorth, »ich denke, Sie müssen deutlicher werden.«
»Gut«, meinte Giwoon, »Sie müssen alle diese Station innerhalb der nächsten elf Stunden verlassen haben, da es sie danach nicht mehr geben wird.«
»Sie sind wohl komplett verrückt geworden!«, rief Qorth aus, »Was haben Sie getan, als Sie bei uns waren?«
»Ich habe einen speziellen Sprengsatz direkt im Zentrum der Anlage installiert«, erklärte Giwoon, »machen Sie sich nicht die Mühe, danach zu suchen. Es ist ein sehr spezielles Gerät, das zu diesem Zeitpunkt bereits mit der Anlage verschmolzen ist. Es ist eine untrennbare Verbindung. In ca. elf Stunden wird mein kleines Gerät die Kontrolle über die Sonnenzapfanlage übernehmen und sie so übersteuern, dass es zum vollständigen Kollaps und damit zur Vernichtung der Anlage führen wird.«
»Sie sind wahnsinnig!«, stellte Qorth fest, »Es muss Ihnen doch klar sein, dass das zur Vernichtung des Vektors führen wird!«
»So ist es«, sagte Giwoon lapidar, »wir wollen den Vektor vernichten und die Welt von der Diktatur der Obersten Behörde befreien. Wir brauchen nicht mehr über Sinn oder Unsinn unserer Aktion diskutieren. Der Vorgang ist nicht umkehrbar. Sie sollten alle Ihre Sachen packen und Ihre Zeitaufzüge benutzen, um hier zu verschwinden, wenn Sie leben wollen.«
»Sie Irrer! Sie haben uns doch zum Tode verurteilt! Wenn der Vektor fällt, wird er auch uns verschlingen. Wo sollen wir denn noch hin?«
»Stellen Sie sich doch nicht dümmer, als Sie sind!«, sagte Giwoon genervt, »Sie alle haben doch irgendein Ursprungszeitalter, aus dem sie einmal in den Vektor gekommen sind. Reisen Sie zu diesen Zeiten oder irgendeiner Zeit Ihrer Wahl und treten Sie hinaus ins echte Leben. Sie werden Zeit genug dazu haben, denn der Vektor wird am frühesten Punkt seiner Existenz mit seiner Auflösung beginnen. Je weiter Sie in die Zukunft reisen müssen, umso länger haben Sie Zeit. Doch warten Sie nicht zu lange!«
Qorth schüttelte ungläubig den Kopf.
»Ihr Verbrechen macht mich sprachlos«, sagte er tonlos, »es wird Ihnen allen den Kopf kosten.«
»Das glaube ich kaum«, sagte Khendrah und mischte sich in das Gespräch ein, »da es keine Instanz mehr geben wird, die uns anklagen könnte.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 02.11.2019

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Gottes Hammer: Folkvang XVII

Ashaya!“, rief Azrael wütend. Sein Arm zitterte, als er herausfordernd Murakama hob. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

Kurz herrschte Stille. Azrael wog seine Chancen ab. Er könnte Ashaya schlicht ignorieren und nach Hornheim zurückkehren. Doch Irodeus hatte ihm nun schon einmal bewiesen, dass er über seine Portale Macht besaß. Wenn er es erneut versuchte, könnte er vielleicht mitten im Meer landen.

Ein Angebot?“, fragte er gereizt.

Ashaya setzte sich lächelnd auf den Dachfirst und ließ ihre Beine baumeln. Die Symbole auf ihren Schultern glühten.

Es ist ganz einfach. Bleibt hier bei mir, während mein Herr und König zurückkehrt. Danach dürft Ihr ihm gern die Treue schwören – Ihr werdet in Ruhe gelassen und dürft tun, was auch immer Ihr wollt. Indem Ihr Euch unterwerft, werdet Ihr wahre Freiheit erlangen – genau wie ich.“

Malfegas schnaubte und sein Schwanz peitschte wild umher. „Du unterstützt diesen Spinner? Weißt du eigentlich, was er getan hat?“

Ashaya zuckte gleichgültig mit den Schultern. „Ich weiß nur, was er nicht getan hat. Zum Beispiel die Menschheit unterwerfen, um sie vor sich selbst zu beschützen.“ Sie kicherte erneut und die Symbole flackerten wie violette Leuchtfeuer. „Kommt schon, so schlimm ist das auch nicht. Azrael, Ihr dürft Euch gerne ein Königreich der Menschen aussuchen und als Usurpator herrschen. Das ist meinem Herrn einerlei. Er will nur den Thron Hornheims.“

Azrael warf Velis einen besorgten Blick zu. Die mädchenhafte Herzogin zitterte am ganzen Leib. Sie wirkte bleich wie ein Gespenst und schlang die Arme um ihren dürren Körper. Seimos legte stellte sich schützend vor sie und sah Azrael entschlossen an. Er verstand.

Auch wenn sie als Brüder gewisse Differenzen hatten, sie beide verfolgten zumindest ein gemeinsames Ziel. Sie wollten Velis vor ihrem Vater beschützen. Azrael wandte sich wieder Ashaya zu. Ihr herausforderndes Lächeln machte ihn rasend.

Was wird mit Velis geschehen?“, fragte Azrael laut.

Ashaya schob die Unterlippe vor. „Och, das ist eine gemeine Frage.“ Im nächsten Moment schlich sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht und kurz funkelte Niedertracht in ihren großen Augen. „Sie ist des Königs Tochter. Also gehört sie dem König. So einfach ist das.“

Velis erbebte und schmiegte sich an Seimos. Dabei sah sie Azrael flehend an. Betroffen wandte er sich ab. Noch nie hatte er solches Entsetzen in den Augen eines Kindes erblickt.

Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich nach Hornheim zurückkehre und den König erneut töte?“, fragte er.

Ashaya kicherte. „Bitte, öffnet ein Portal! Wo werdet Ihr diesmal landen? In Hrandamaer? In den Ruinen von Astaval? Vielleicht in Folkvang?“ Sie lachte, doch nun hatte der Laut nichts Kindliches mehr. „Eure Bemühungen sind vergeblich. Ihr habt die Schlacht verloren, noch ehe sie begonnen hat.“

Azrael ballte die Hand zur Faust. Er kannte keinen Zauber, der Portale umleiten konnte. Berith hätte ihm mit seinem unfangreichen Wissen in dieser Situation gewiss dienlich sein können. Warum musste er ihn bloß zum Feind haben?

Azrael wagte einen letzten Versuch. „Wie wäre es mit einem Tausch?“

Ashaya legte den Kopf schief. „Ein Tausch?“

Azrael umklammerte Murakama fester. Er hasste es, sich erpressen zu lassen. „Was, wenn ich Berith das gäbe, was er sich wünscht? Wäre das genug, um mir seine Treue zu sichern?“

Ashaya lachte erneut. Tränen entflohen ihren Augen, während sie sich herzhaft auf die Schenkel klopfte.

Beriths größter Wunsch ist es, einen weisen und realistisch denkenden König zu haben!“, frohlockte sie. „Beides Eigenschaften, die Ihr offenbar nicht Euer Eigen nennt!“

Das war zuviel. Azrael knurrte und fühlte, wie seine magische Macht wuchs. Noch war er der König von Hornheim. Er würde sich nicht von einer falschen Heiligen Hrandamaers demütigen lassen.

Wie kannst du es wagen?“, brüllte Malfegas erregt, ehe Azrael handeln konnte. „Wenn du glaubst, dass ich mich Irodeus wieder unterwerfe, hast du dich gründlich getäuscht! Das kannst du ihm ausrichten, wenn ich dich in Einzelteile nach Hornheim zurückschicke!“

Der gewaltige Löwe stemmte sich auf seinen Hinterbeinen empor und beantwortete Ashayas Kichern mit einem wahren Inferno aus Feuer. Beriths Dienerin entkam knapp, aber im nächsten Augenblick erstarrte sie mitten in der Luft. Velis wirkte mit zitternden Händen und wütend zusammengekniffenen Augen ihren Gegenzauber.

Während Ashaya gen Erdboden fiel, stieß sich Azrael vom Boden ab. Seltsame Ruhe überkam ihn und er flüsterte ein Wort der Macht. Wie ein Blitz bewegte er sich auf den durch die Luft gleitenden Körper zu, seine Umgebung verschwamm zu einem Wirbel aus Farben und Murakama glich einem rötlichen Kometen. Im nächsten Augenblick stach er zu wie mit einer Turnierlanze und Ashaya schrie auf.

Der Geruch von Blut hing in der Luft und die Dienerin wand sich am Boden. Azrael flüsterte ein weiteres Wort. Während die Klinge in Ashayas Fleisch steckte, entzog sie den Symbolen auf ihren Schultern die Magie. Im nächsten Augenblick lag die Jungfrau von Hrandamaer als gewöhnlicher Mensch vor ihm auf dem Boden, den rechten Arm mit Stahl auf den Boden genagelt.

Malfegas knurrte zufrieden. Azrael musterte sorgenvoll die Blutspur, die sein abgetrenntes Bein hinterließ. Normalerweise konnten Waffen einem Dämon keine ernstzunehmenden Verletzungen zufügen, aber Abigors heiliges Schwert bildete die Ausnahme.

Ergrimmt beugte sich Azrael zu Ashaya hinab. „Berith hat dich verraten. Er hat dich zum Sterben hierhergeschickt. Du und Abigor, ihr hattet von Anfang an keine Chance gegen uns.“

Zu seiner Überraschung lachte Ashaya laut auf.

Wir haben getan, was wir tun mussten. Und mich werdet ihr so schnell nicht fassen.“

Azrael setzte zu einer Erwiderung an, als ihm eine altbekannte Präsenz den Atem raubte. Sie fühlte sich an wie von einer anderen Welt und schien als kosmischer Arm nach Ashaya zu greifen. Ihr grinsendes Gesicht verschwand in einem Lichtblitz. Murakama traf auf Stein. Die fremde Macht hatte sie binnen eines Augenblicks der Realität entrissen.

Azrael erkannte sie. „Irodeus“, flüsterte er entsetzt.

Malfegas brüllte frustriert und spieh Flammen wie ein Berserker. Velis sank zu Boden, die bleichen Arme vors Gesicht geschlagen. Mendatius zog langsam sein Schwert und Seimos umklammerte den Mauritiusstab.

Wie kann er von Hornheim aus … ?“, stieß der falsche Inquisitor ungläubig hervor. Er führte den Satz nicht zu Ende.

Malfegas tobte weiter, bis er, vom Blutverlust geschwächt, vor Velis’ Hrandar erschöpft zusammenbrach. Die Untoten wechselten unsichere Blicke, während ihre Herrin langsam begann, seine Wunden zu heilen. Rötliches Licht erhellte die Nacht.

Das war’s“, stöhnte Malfegas ermattet. „Hornheim ist mehrere Tagesreisen von hier entfernt. Wir können nie und nimmer rechtzeitig zurück sein.“

Mendatius fluchte verhalten. Seimos strich gedankenverloren über seinen hölzernen Stab. „Wir brauchen einen Plan“, murmelte er. „Wir müssen einen Zufluchtsort finden und unsere Kräfte sammeln. Vielleicht kann ich in Sankt Emerald mit dem Erzbischof sprechen. Als Clavis eines Heeres werde ich ihn mit Sicherheit überzeugen …“

Azrael schnitt ihm mit erhobener Hand das Wort ab, während er gedankenverloren Murakama betrachtete. Er fühlte die magische Macht, die er Ashaya entzogen hatte. Es gab eine Verbindung nach Hornheim. Eine Verbindung zu Irodeus. So gelang es ihr also, ohne Portal zu verschwinden.

Azrael seufzte. Es blieb ein Restrisiko, aber er musste es eingehen.

Es gibt eine Möglichkeit“, sagte er schließlich.

Aller Augen richteten sich auf ihn. Azrael strich langsam über sein Schwert. Die Klinge glomm rötlich.

Ashaya konnte einfach verschwinden, weil sie mit Irodeus verbunden ist. Er verleiht ihr die Kraft für diesen Zauber.“ Er hob das Schwert und sammelte seine Kräfte. „Ich habe ihr einen Großteil ihrer Magie entzogen. Somit existiert nun zwischen Murakama und dem alten König ebenfalls eine Verbindung.“ Azrael betrachtete die Klinge einen Moment lang. Er hoffte inständig, dass seine Vermutung zutraf. „Ich glaube, ich kann diesen Zauber kopieren.“

Kurz herrschte Stille. Malfegas meldete sich als Erster zu Wort.

Willst du … ich meine, wollt Ihr etwa alleine zu Irodeus?“, rief er entsetzt und machte Anstalten, sich zu erheben. Dabei stolperte er und fiel erneut hin. Velis unterband weitere Versuche mit einem strengen Blick.

Für mehrere Personen reicht dieser Zauber nicht aus“, entgegnete Azrael. „Abgesehen davon weiß ich, wo ich weitere Verbündete finden kann.“

Seimos trat vor. Seine lodernden Augen glitzerten unheilsschwanger.

Das kann nicht dein Ernst sein. Irodeus ist zu mächtig.“

Ich habe ihn schon einmal besiegt, Bruder. Und mit Berith werde ich auch fertig.“ Azrael grinste ihn an. „Er mag ja in Sachen Magie ein Meister sein, aber das trifft nicht auf Ashaya zu. Wie ironisch, dass ausgerechnet sie von Freiheit spricht, während sie ständig Magie anwendet, die ihr nicht einmal gehört.“

Er wandte sich ab und hob das Schwert. Die Energie des fremden Zaubers durchfloss seine Adern. „Wünscht mir Glück.“

Tut das nicht!“ Überrascht hielt Azrael inne. Malfegas sah ihn flehend an. Bestürzt sah Azrael Tränen in seinen rötlichen Augen.

Ich bitte Euch“, rief Malfegas. „Ohne Euch bin ich nur ein Tier. Bitte … kehrt lebend zurück. Liefert den Sängern keine weitere Tragödie, die sie grölen können!“

Dann doch noch eher eine Komödie“, entgegnete Azrael lächelnd und wirkte die fremdartige Magie.

Sorgenvolle Blicke musterten ihn, als der König von Hornheim verschwand.

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Heiße Luft empfing Azrael, als er dem Nichts entrann und sich materialisierte.

Unglaublich, es hat funktioniert. Und das sogar ohne Wort der Macht. Ich muss nach diesem Kampf unbedingt Nachforschungen anstellen.

Er befand sich in seiner Hölle, in der er Esben getötet hatte.

Er bereute die Tat. Er war nach ihrem Gespräch vollkommen sicher gewesen, dass der ehemalige Priester als Dämon zurückkehren würde. Aber scheinbar übertraf Esbens Frömmigkeit doch seine Verzweiflung.

Azrael ließ den Blick über seine Umgebung schweifen, um sich zu orientieren. Er entdeckte inmitten giftiger Dämpfe die kleine Höllenstadt. Ein Wort der Macht verkrümmte die von ihm geschaffene Realität und beförderte ihn sofort durch das Tor vor seinen Palast.

Die Menschen ließen sich nicht blicken. Der Hinrichtungsplatz lag verwaist inmitten der kleinen Gebäude. Eine neue Leiche lag dort, an ein Rad gefesselt. Ungoros, der Fleischklumpen, schwebte darüber.

Ungoros!“, rief Azrael. Er war erleichtert, den hässlichen Dämon wohlauf zu sehen. Scheinbar hatte Berith ihm nichts getan. „Was ist hier los? Wo sind die Menschen?“

Ungoros wandte sich langsam um. Obwohl er keine Miene besaß, die Azrael hätte deuten können, erkannte er die Trauer und die Verzweiflung des Dämons. Ungoros stieß einen kaum vernehmlichen Laut aus, der an ein Seufzen erinnerte.

Mein König.“ Die Stimme des Dichters klang merkwürdig dumpf. „Ihr seid zurückgekehrt.“

Alarmiert hielt Azrael inne und sammelte Energie. Hatte selbst Ungoros die Seiten gewechselt?

Es tut mir leid“, klagte Ungoros. Diesmal wob er keine poetischen Ergüsse in seine Worte mit ein. „Ich ertrage diese Menschen nicht mehr länger! Ich weiß, ich enttäusche Euch, ich werde Euch nicht gerecht, aber ich kann nicht der Engel der Verdammnis sein. Diese Hölle ist für mich eine größere Strafe als für ihre Insassen.“

Azrael blieb wachsam. „Also bist du nun für Irodeus als König?“

Ich weiß, er ist ein grässlicher Mann!“, rief Ungoros. „Aber unter seiner Herrschaft konnte ich tagein, tagaus dichten und tun, was mir beliebte. Es tut mir leid, Majestät, aber ich bin nicht der Richtige für die Rettung der Welt. Die Menschen sind mir ein Gräuel! Sie haben mich einst verkannt, gemartert und hingerichtet. Als Dämon bin ich glücklicher denn als Mensch.“

Bestürzung überkam Azrael. „Dann ist dir das viele Leid in der Welt gleichgültig? Ich habe das alles getan, um Menschen, die wie du sind, ein ähnliches Schicksal zu ersparen!“

Die Menschheit wird sich nie ändern“, erwiderte Ungoros. „Sie wird immer Brutalität mehr als Kultur schätzen. Wie viele Gelehrte gibt es und wie viele Soldaten? Nein, ich will mich als Dämon zurückziehen und alle empfangen, die ebenfalls von den Menschen verschmäht wurden!“

Azrael hob ruhig sein Schwert. Die Worte schmerzten ihn mehr, als er zuzugeben bereit war. „Ich verstehe. Ungoros, es steht dir frei zu gehen. Aber wenn du mich an meinem Vorhaben hinderst, muss ich dich töten.“

Kurz schien Ungoros tatsächlich einen Kampf in Erwägung zu ziehen. Doch im nächsten Moment wandte er sich mit einem weiteren Seufzen ab.

Ich hoffe, Ihr werdet Euren Frieden finden, Majestät“, sagte er leise, bevor er ein Portal öffnete und die Hölle verließ.

Der Verlust von Ungoros betrübte Azrael, aber zum Trauern blieb ihm keine Zeit. Irodeus musste seine Ankunft bereits gespürt haben. Es gab nur eine Person, die ihn jetzt noch unterstützen konnte.

Ein weiteres Wort der Macht beförderte Azrael in seinen kirchenähnlichen Palast, ein weiteres in dessen Gruft. Er hatte sie nach seinem Sieg über Irodeus anlegen lassen, als Gefängnis für künftige Feinde. Sie bestand aus Nachtkammern, dunkle Gräber, die ihre Insassen in finsteren Schlaf versetzten. In den steinernen Wänden zeigten düstere Portale den Eingang in immerwährende Träume.

Azrael wagte sich tief in die steinernen Räume vor. Allein das rötliche Licht seiner Augen erhellte die Umgebung spärlich.

Die Dunkelheit erinnerte ihn an das furchtbare Ende seiner Kindheit, an die eine Nacht, die ihn für immer veränderte. Er hatte alles verloren. Seine Eltern, seine Geschwister, sein Zuhause. Seimos nach all den Jahren wiederzubegegnen glich einem Spottgesang des Schicksals. Sein älterer Bruder hatte sich ebenfalls verändert. Sie beide verfolgten edle Ziele und sie beide opferten Menschenleben für die Verwirklichung ihrer Träume.

Sie kamen eben nach ihrem Vater.

Hatte Arion von Astaval nicht immer gesagt, der Wert eines Ritters bestünde in seiner Fähigkeit, sein Wohl dem der Gruppe unterzuordnen? Dies war seine Lebenseinstellung und er erwartete sie genauso von jeder anderen Person. Wie sonst konnte Azrael erklären, dass sein Vater ihn, sein eigenes Kind, zum Dämon gemacht hatte, um sein Herzogtum vor der Pest zu bewahren?

Ohne diesen Entschluss wäre er Teshin geblieben und Irodeus nie begegnet. Er wüsste nichts von Dämonen und von Hornheim. Vermutlich hätte er sich als Greis zur Ruhe gesetzt und würde nun seinen Lebensabend friedlich in Astavals Überresten verbringen. Wahrscheinlich wäre er nie zum Söldner geworden.

Der Gedanke rief ihm Saskias Gesicht in Erinnerung. Saskia … wieso nur hatte er sie getötet, in der Hoffnung, dass sie als Dämon zurückkehren würde? Er unterschied sich kaum von seinem Vater. Nein, er war sogar noch schlimmer. Arion handelte, um sein Herzogtum zu beschützen. Azrael handelte, um die Menschheit gegen ihren Willen zu versklaven. Behielt Ungoros nicht recht? War es wirklich klug, die Menschen ihrer Natur zu berauben?

Er war nun vor der tiefsten Nachtkammer angelangt. Mächtige Runen umgaben ihr schwarzes Doppeltor, auf dem eine grauenerregende Fratze Wache hielt. Langsam hob Azrael eine Hand und fokussierte seine magische Macht. Das Siegel zu erschaffen hatte viel Kraft gekostet. Es zu entfernen forderte sogar noch mehr Energie.

Ein Nexus aus Macht legte sich um ihn, Blitze zuckten und er hob Murakama. Die heilige Magie des Schwertes paarte sich mit seiner dämonischen Macht wie mit einem verloren geglaubten Bruder. Azrael vernahm ein Brüllen, das er als sein eigenes identifizierte. Im nächsten Augenblick erklang ein lautes Knacken, so als ob Stein zerbräche, und das Tor schwang auf. Schwarzer Nebel füllte den Gang. Azrael rümpfte die Nase. Als Dämon besaß er eine gewisse Immunität gegen dessen einschläfernde Wirkung, aber er nahm dennoch den stechenden Geruch wahr.

Eine kleine Gestalt regte sich in der Nachtkammer. Azrael räusperte sich. Wie sollte er sich bloß erklären?

Er wollte ihm würdevoll als König gegenübertreten, aber die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut. Azrael sank auf die Knie, die Hände in den Staub gepresst.

Ich brauche deine Hilfe“, sagte er schließlich.

Das überrascht mich nicht.“ Zu Azraels Überraschung klang die Stimme eher traurig als wütend. „Aber glaube nicht, dass ich deinen Thron verteidige. Ich habe die Zerstörung Hornheims noch nicht aufgegeben. Mein Feind ist Irodeus.“

Azrael neigte leicht den Kopf, als sein alter Verbündeter mit den Flügeln schlug.

Ich danke dir, Halgin.“

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Korrekturen 23

23.Teil – Das Ende des Zeitvektors (2/3)

»Du meinst Radar«, sagte Thomas, »wenn sie uns auf ihren Radarschirmen gesehen haben, kann es hier bald von Flugzeugen wimmeln, die nach dem Rechten sehen wollen.«
»Du kennst dich damit aus?«, fragte Giwoon.
»Nein, aber ich stamme aus einer Zeit – nicht weit von hier. Du erinnerst dich?«
»Jetzt geht nicht gleich aufeinander los!«, mahnte Khendrah.
»Das sagst du so«, meinte Thomas, »er lässt mich dauernd spüren, dass ich in seinen Augen so eine Art Saurier bin.«
Giwoon hatte diesen kleinen Dialog mitbekommen, während er den Antrieb des Sliders aktivierte.
»Tut mir Leid, Thomas«, sagte er, »ich meine das nicht so. Es ist ganz einfach so, dass für mich viele Dinge einfach normal sind, die für dich noch unvorstellbar sind. Denk’ einfach ‘mal darüber nach. Auch ich muss noch eine Menge lernen.«
»Schon in Ordnung«, sagte Thomas, schon wieder etwas versöhnt.
Der Slider setzte sich in Bewegung. Erst ganz langsam erhob er sich zwischen den Baumkronen des Urwaldes, in den sie gestürzt waren. Auf den Monitoren sahen sie, dass dieser Wald so weit reichte, dass sie sein Ende nicht sehen konnten. Giwoon hatte den Kurs eingegeben und sie setzten sich nun auch horizontal in Bewegung. Giwoon hatte einen kontinuierlichen Steigflug programmiert, der Rücksicht auf eventuelle fremde Flugkörper nehmen sollte, von denen es in dieser Zeit bereits eine Menge geben sollte.
Eine ganze Weile lang flogen sie weitgehend unbemerkt, was sich änderte, als sie den indischen Subkontinent überflogen. Der Steuercomputer des Sliders meldete das Auftreffen von Impulsen auf seiner Oberfläche. Nur wenig später empfingen sie Funkimpulse.
»Man versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen«, sagte Giwoon, »ich bin mir nicht sicher, ob ich darauf eingehen soll. Vielleicht ist es besser, einfach weiter zu fliegen.«
»Wenn sie dann ‘mal nicht auf uns schießen«, sagte Thomas skeptisch, »aber wahrscheinlich wirst du mir gleich von irgendwelchen geheimnisvollen Abwehrfeldern erzählen, die uns schützen, oder?«
Giwoon machte ein fragendes Gesicht.
»Was für Abwehrfelder?«, wollte er wissen, »Wir haben keine Abwehrfelder. Wozu auch? Wieso sollten sie überhaupt auf uns schießen?«
Thomas lachte sarkastisch.
»Du hast von der politischen Landschaft dieses Zeitalters wirklich keine Ahnung, was? Die ganze Erde ist in zahllose Einzelstaaten aufgeteilt, die alle ihre Territorien mit allen Mitteln schützen. Wenn wir einfach weiterfliegen ohne auf ihre Funkanfrage einzugehen, kann es sein, dass sie uns als Feinde einstufen und Raketen auf uns abfeuern oder uns Kampfjets schicken.«
»Kampfjets?«, fragte Giwoon, »Flugmaschinen, wie unsere?«
»Nicht ganz«, erklärte Thomas, »Kampfjets fliegen mit Düsenantrieb – sie komprimieren die Luft in den Triebwerken und stoßen sie nach hinten aus. Sie sind richtig schnell damit. Verdammt schnell sogar. Wichtiger aber ist, dass diese Dinger bis an die Zähne bewaffnet sind. Wenn du keinen geheimnisvollen Schutz bieten kannst, sollten wir machen, dass wir hier wegkommen.«
Giwoon ließ den Slider unbeeindruckt weiterfliegen. Die Fernbeobachtung zeigte, dass sie dicht besiedeltes Gebiet überflogen. Ganz allmählich näherten sie sich der chinesischen Grenze und damit ihrem Zielgebiet. Indien hatte ihnen noch einige Funkbotschaften übermittelt, doch sie ansonsten unbehelligt weiter fliegen lassen. China war da schon etwas anderes. Die Stationen an der Grenze hatten schon seit einiger Zeit den Funkverkehr der indischen Stationen abgehört und sicherheitshalber eine Staffel Kampfjets mit Luft-Luft-Raketen starten lassen.
Kaum, dass sie die Grenze zu China überflogen hatten, hefteten sich die chinesischen Jäger an ihre Fersen und flankierten ihren Flug. Auch sie forderten sie energisch auf, einen nahe liegenden Flughafen anzusteuern, da sie sonst gezwungen seien, auf den Slider zu schießen.
»Giwoon, wach’ auf!«, rief Thomas, »Du kannst diese Flugzeuge dort draußen nicht ignorieren. Wenn es stimmt, dass wir keinen vernünftigen Schutz haben, werden sie uns vom Himmel pusten, wenn wir ihren Forderungen nicht Folge leisten.«
Giwoon machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand.
»Wir haben zwar keine Abwehrmechanismen«, sagte er, »aber der Slider verfügt über hervorragende Flugeigenschaften. Wenn sie auf uns schießen, wird unser Computer den Schüssen ausweichen. Da unser Antrieb auch keine Wärme abstrahlt, sind die Hitzeortungssensoren ihrer Raketen nutzlos. Ich gebe allerdings zu, dass ich nicht wirklich damit gerechnet hatte, mit so schnell fliegenden Gegnern konfrontiert zu werden. Ich werde sie wohl abhängen müssen, bevor wir unser endgültiges Ziel ansteuern.«
»Was hast du vor?«, fragte Fancan.
»Schnallt euch an!«, befahl Giwoon, »Es wird jetzt etwas unruhig.«
Er hatte nicht zu viel versprochen. Giwoon ließ den Slider immer wieder ruckartig die Richtung wechseln und steigerte dabei kontinuierlich die Geschwindigkeit. Ihre Verfolger bemühten sich redlich, ihnen zu folgen und begannen schließlich, sie mit ihren Raketen zu beschießen. Die automatische Steuerung des Sliders griff ein und sorgte dafür, dass sämtliche Raketen ihr Ziel verfehlten. Bereits nach wenigen Minuten war der Spuk vorbei. Die Kampfflugzeuge hatten alle Waffen abgefeuert und waren nicht mehr in der Lage, der hohen Geschwindigkeit des Sliders zu folgen.
»Ich würde dir raten, ganz niedrig zu fliegen«, sagte Thomas, »Radar funktioniert nicht in niedriger Höhe. Wir könnten das Radar unterfliegen.«
Fancan deutete auf das Massiv des Himalaja, welches bereits den gesamten Monitor ausfüllte.
»Wie willst du in diesem Gelände niedrig fliegen?«, fragte sie.
»Oh, er hat durchaus recht«, meldete sich Giwoon zu Wort, »die automatische Steuerung könnte damit fertig werden, »Thomas, wie tief müssen wir den hinunter, um vor weiterer Ortung sicher zu sein?«
»Wenn ich mich recht erinnere, dürfen wir nicht höher als dreihundert Meter über dem Boden fliegen«, sagte er, »sonst können sie uns orten.«
»Das dürfte kein Problem für uns werden«, sagte Giwoon, »der einzige Nachteil dürfte sein, dass es dann bis zum Ziel ein unruhiger Flug sein dürfte.«
»Rede nicht lange herum und sorge dafür, dass wir unentdeckt bleiben!«, sagte Khendrah genervt, »Ich will, dass wir diese Sache schnell hinter uns bringen und hier verschwinden.«
»Das werden wir, Khendra«, antwortete Giwoon, »das werden wir.«
Giwoon ließ den Slider nun vollkommen von der Automatik steuern. Kein menschliches Wesen hätte so schnell reagieren können, wie es ein Computer konnte. Der Slider hielt stur eine Höhe von zweihundert Metern und raste durch die Täler des Himalaja auf das Ziel zu, welches ihr kleines Ortungsgerät anzeigte.
Nach einiger Zeit näherten sie sich ihrem Ziel. Von den Verfolgern fehlte inzwischen jede Spur.
»Mein Gott, sieh sich einer dieses Durcheinander von Gebirgen an!«, rief Fancan, »Wie sollen wir denn hier unser Ziel finden? Wir müssen doch möglichst dicht an die Sonnenzapfanlage heran.«
»Eigentlich finde ich diesen Standort hier in dieser Gegend gar nicht schlecht«, meinte Giwoon, »dann können wir mit der Vernichtung der Anlage auch niemandem schaden.«
»Haben wir denn schon eine genaue Position dieser Anlage?«, wollte Thomas wissen.
Giwoon deutete auf die Steuerkugel, auf der man die ganze Zeit über sehen konnte, wo sie sich befanden. Ein blinkender Punkt kennzeichnete die Stelle, wo sie ihr Gerät deponieren mussten.
»Dort muss es sein«, sagte er und versuchte die Bezeichnung zu lesen, die neben dem Ziel angezeigt wurde, »der Berg heißt Kongur Tagh und das Gebirge Kun Lun. Wir müssen nun nach optischen Hinweisen suchen. So eine Sonnenzapfanlage kann nicht klein sein. Immerhin versorgt sie den Vektor bis viele Jahrtausende in die Zukunft.«
»Sollte man nicht irgendetwas in der Atmosphäre sehen können, wenn solche gewaltigen Energien von der Sonne gezapft werden?«, fragte Thomas uns sah konzentriert auf die Monitore.
»Nein, man kann Quarkströme optisch nicht sehen«, erklärte Giwoon, »was ich meine, ist eine auffällige Erscheinung im massiven Fels. Eine Art Tor oder etwas in der Art. Ich bin sicher, dass sie es direkt in den Berg gebaut haben.«
Ihre Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Das Ortungsgerät behauptete, dass ihr Ziel direkt vor ihnen wäre, doch sie konnten nichts entdecken. Der Zugang zur gesuchten Anlage war offenbar gut getarnt. Immer wieder flogen sie um den Berg herum und scannten seine Oberfläche. Selbst die empfindlichen Instrumente des Sliders waren nicht in der Lage, unerklärliche Auffälligkeiten festzustellen. Als sie bereits für diesen Tag aufgeben wollten, sprach plötzlich ihr Funkgerät an.
»Die Chinesen!«, entfuhr es Thomas.
»Nein, das können nicht die Chinesen sein«, meinte Giwoon, »das ist eine Nachricht auf einer der Frequenzen des Vektors. Niemand auf der Erde funkt in diesem Band.«
»Hier spricht der oberste Wächter der Energiebasis, Rowan Qorth«, drang es aus dem Lautsprecher. Im nächsten Moment baute sich auch ein Bild des Sprechers auf dem Monitor auf.
»Wir haben festgestellt, dass es sich bei Ihrem Flieger nicht um einen der üblichen Patrouillenflieger des chinesischen Staatsgebietes handelt. Bitte identifizieren Sie sich.«
»Hier spricht Chefinspektor Giwoon. Ich bin von der obersten Behörde ermächtigt, Ihre Station zu inspizieren«, sagte Giwoon, »bitte öffnen Sie einen Zugang, der es unserem Fahrzeug ermöglicht, hineinzufliegen. Wir wurden von Einheiten der Chinesen verfolgt, konnten sie aber abhängen. Mit jeder Minute, die wir verstreichen lassen, vergrößert sich die Wahrscheinlichkeit, dass wir wieder entdeckt werden.«
Khendrah schlug sich eine Hand vor den Mund. Giwoons Dreistigkeit verschlug ihr die Sprache.
»Negativ«, sagte Rowan Qorth, der oberste Wächter, »es hat in der Geschichte der Energiebasis noch niemals den Fall gegeben, dass die oberste Behörde eine Inspektion durchführen ließ. Ich werde Sie nicht einlassen.«
»Was soll dieser Quatsch!«, fuhr Giwoon ihn an, »Was glauben Sie denn, wer wir sonst wären? Chinesen dieser Zeit? Machen Sie sich nicht lächerlich! Woher sollte ich sonst den Standort Ihrer Station kennen, wenn nicht die oberste Behörde mir den Auftrag persönlich gegeben hätte? Öffnen Sie endlich die Station, damit ich hier aus dem Luftraum verschwinden kann.«
»Ich weiß nicht Recht«, sagte der Wächter, »warum kommen Sie nicht über den Zeitaufzug, an den wir angeschlossen sind?«
»Zeitaufzug?«, fragte Giwoon, »Jetzt sagen Sie nicht, sie hätten einen direkten Anschluss an den Vektor! Ich werde mich nach meiner Rückkehr in den Vektor darüber beschweren, dass man mir diesen beschwerlichen Weg zugemutet hat und wenn Sie nicht langsam ein Schleusenschott öffnen und riskieren, dass wir hier draußen noch entdeckt werden, werde ich auch gleich eine Beschwerde über Sie hinzufügen!«
Die Dreistigkeit Giwoons hatte schließlich Erfolg. Der Wächter hatte kein Verlangen danach, seine Position in dieser Anlage zu verlieren, weil ein Inspektor der obersten Behörde sich über ihn beschwerte. Schweren Herzens betätigte er den Mechanismus, der mitten in der Felswand des Gebirges eine Öffnung entstehen ließ.
»In Ordnung«, sagte er, »ich werde Sie einlassen. Landen Sie Ihr Fahrzeug bitte auf einer der markierten Flächen.«
Er schaltete ab und im gleichen Moment begannen die schweren Flügel des Schleusenschotts, auseinander zu fahren. Es wirkte, als würde der Berg einen Mund öffnen, um sie zu verschlingen.
»Das sieht nicht sehr einladend aus«, meinte Khendrah, »sie haben noch nicht einmal eine Beleuchtung eingeschaltet.«
»Wie auch immer«, meinte Giwoon, »wir müssen dort hinein und unser Paket abliefern.«
»Hoffentlich kommen wir hier auch wieder weg«, sagte Fancan nachdenklich, »wenn dieser Wächter direkt Kontakt zur obersten Behörde aufnimmt, wird er erfahren, dass wir nicht das sind, was wir zu sein vorgeben.«
»Das müssen wir riskieren«, sagte Giwoon, »notfalls werde ich das Gerät gleich hier in der Schleusenkammer verstecken.«
»Ich bin ja nur ein dummer Mensch aus der Frühzeit der Geschichte«, wandte Thomas ein, »aber hieß es nicht, dass wir bis auf mindestens hundert Meter an das Zielobjekt heran müssen? Was, wenn die eigentliche Anlage noch tief im Berg verborgen ist? Dann wäre alles umsonst gewesen.«
»Du hast recht«, stimmte Giwoon zu, »wir müssen Wohl oder Übel erst in die Anlage hinein.«
Er steuerte den Slider in die Schleuse hinein, die sich augenblicklich hinter ihnen wieder schloss. Sie erkannten nun, dass der Hangar nicht vollständig dunkel war, sondern, dass einige trübe Lampen an der Decke etwas Licht abgaben. Giwoon setzte das Fahrzeug sanft auf einer blinkenden Fläche auf dem Boden auf. Das Außenschott des Fahrzeugs öffnete sich und ließ eiskalte Luft ins Innere strömen. Giwoon ärgerte sich, keine wärmende Kleidung mitgenommen zu haben. Er machte eine Geste mit der Hand in Richtung Tür.
»Auch wenn es draußen kalt ist«, sagte er, »wir müssen dort hinaus. Ich hoffe jedoch, dass es innerhalb der Station wieder angenehmer sein wird.«
Sie hatten kaum den Slider verlassen, da erschien bereits der Wächter Rowan Qorth mit einigen weiteren Wachen. Sie waren bewaffnet und hielten ihre Waffen auf sie gerichtet.
»Was soll das?«, herrschte Giwoon Rowan Qorth an. Er fühlte sich zwar nicht danach, doch musste er die einmal angenommene Rolle glaubwürdig weiterspielen.
Rowan Qorth blieb vor ihnen stehen. Dieser Mann war ein wahrer Riese. Er überragte Giwoon fast um Haupteslänge.
»Ich beuge mich dem Urteil der obersten Behörde, wenn sie eine Inspektion anordnet«, sagte er, »doch werde ich Niemanden in die Anlage führen, den ich nicht vorher überprüft habe. Dürfte ich bitte den Inspektionsbefehl sehen?«
Khendrah und Fancan sahen sich kurz an. Beide hatten unwillkürlich den Atem angehalten. Inspektionsbefehl? Einen solchen Befehl hatten sie natürlich nicht.


Der nächste Teil des Romans erscheint am 19.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 9 – Im Angesicht des Todes

Der Zyklop schob sich mit rasender Geschwindigkeit durch die Wassermassen, sein Verfolger ließ jedoch nicht locker. Der Gigantyras brüllte vor Zorn und schien Stück für Stück aufzuholen. 
Daisy Lee bemannte das Steuer und lieferte sich einen gnadenlosen Kampf mit ihren eigenen Nerven. 
Nur die Ruhe bewahren, denk nach! 
Die Steuerungselemente in ihren Handflächen vibrierten protestierend, als sie eine scharfe Rechtskurve vollzog.
»Ich brauche hier weitere Leuchtkörper, für die manuelle Steuerung!«, rief sie Clynnt zu. 
»Nun mach schon, Junge!«, beorderte dieser den Copiloten. 
Er tippte Befehle in seine Konsole ein und zischende Raketen erhellten ihnen den Weg. 
»Ich kann mich nicht in Schussreichweite positionieren, wir brauchen etwas, das uns einen Vorsprung verschafft«, schnaufte die Chefmechanikerin. Schweiß tropfte an ihr herunter und man konnte deutlich das pulsierende Wummern ihrer Halsschlagader erkennen. 
Clynnts Miene verzog sich für eine Sekunde zu einer schiefen Grimasse. »Möglicherweise habe ich eine Idee«, sagte er und schritt zum Mikrofon.
»N‘kahlu, seid ihr noch da draußen?«, fragte er mit kratziger Stimme.
»Aye, erwarten Befehle«, der Krieger schien kaum beeindruckt angesichts ihrer Lage, aber unter Wasser war er im Vergleich zu ihnen auch ein erfahrener Veteran. 
»Könnt ihr die Bestie irgendwie ablenken? Wir müssen den Zyklopen in Schussreichweite bringen«, erkundigte sich der Chefnavigator. 
Für eine Sekunde schien der Sergeant zu überlegen. »Ich denke, das kriegen wir hin«, knisterte es durch den Lautsprecher, dann brach die Verbindung ab.
»Das kann nur gut werden«, seufzte Clynnt, raufte sich durch die zerfurchten Haare und ließ sich in seinen Sessel fallen.

***

»Alles klar, wir haben Befehl erhalten, den Gigantyras aufzuhalten, sodass der Zyklop in Schussreichweite gelangen kann. Aber sie haben uns diesbezüglich keine konkreten Vorgaben gemacht, was bedeutet, wir dürfen das auf unsere Art und Weise machen«, bekundete Sergeant N’Kahlu durch den Funk. Seine Männer stimmten ein raues Lachen an. 
Ich hatte schon befürchtet, sie fragen uns gar nicht mehr.
»Phillista, Andrewx und Cossack kommen mit mir, der Rest schwärmt aus, um für die nötige Verwirrung zu sorgen, verstanden?«, ohne eine weitere Antwort zu erwarten, stieß sich N’kahlu von der Haltestange ab und schoss dem Gigantyras entgegen. 
Er brauchte keine weiteren Anweisungen zu geben. Jeder wusste, was zu tun war. 
Seine Männer folgten ihm den Bruchteil einer Sekunde verzögert. Während die Scherenpanzer, begleitet vom Rattern ihrer Motoren, in alle Richtungen ausschwärmten, näherte sich N’kahlus Trupp dem Gigantyras. 
Das Monster schien sich kaum für sie zu interessieren, was zweifelsohne kein Wunder war, angesichts seiner Größe. Jedoch war es ärgerlich, dass die ausschwärmenden Kämpfer ihn nicht ablenkten.
Der Sergeant biss die Zähne zusammen. »Erste Salve!«, befahl er lautstark. Wie brüllende Tiger preschten die Torpedos durch das Wasser, um dann in beeindruckend hellen Explosionen zu detonieren. 
Der Gigantyras quittierte sie mit einem Brüllen, das ebenso ein Achselzucken hätte gewesen sein können. 
Zu N‘kahlus Bestürzung schoss ihr Gegner mit unverändertem Tempo auf den Zyklopen zu. 
Du bist ein harter Brocken, was? Schauen wir mal, ob du hart genug bist. 
Er betätigte einen Regulator und verlieh seinem Heckantrieb maximale Leistung. Röhrend schwamm er auf seinen Feind zu. 
Die massiven Kiefer des Gigantyrass öffneten sich und ein Schlund messerscharfer Zähne, die größer als er selbst waren, schossen dem Sergeant entgegen. Die spinnenbeinartigen Greifer räkelten sich in freudiger Erregung. 
Mit einer eleganten Rolle wich N‘Kahlu dem eher halbherzigen Angriff aus, der Gigantyras schien ihn immer noch nicht als Bedrohung abzutun. 
Dann warte mal ab. 
Er schoss in Richtung des Kopfes und während seines Ansturms aktivierte er die Klinge, die im Armgelenk des Scherenpanzers verankert lag. Ein Blick auf seine Geräte zeigte ihm, dass seine Kameraden direkt hinter ihm waren. Mit einem Satz landete er auf dem Kopf des Gigantyras und hielt sich an dem beeindruckenden Horn fest. Dann stieß er mit der Klinge zu, um sich zu verankern. 
Sie glitt in den Kopf, schien allerdings nicht ansatzweise durch den Schädel des Ungetüms zu dringen. Der Gigantyras registrierte ihn nicht einmal.
Eine Sekunde später kam Cossack zu ihm geeilt. 
Der Sergeant griff ihn bei der Hand und schleuderte ihn vorwärts, während er sich mit seiner ganzen Kraft gegen den Strom stemmte. 
Cossack landete im Gesicht des Gigantyrass und trieb ihm seine Klinge wieder und wieder durch die Augen. Eine hellblaue, stark leuchtende Flüssigkeit trat daraus hervor, als das Messer sie zum Platzen brachte. Ein Kreischen drang durch den Ozean, das N‘Kahlu in seinen Grundfesten erschütterte. 
Du hast dich mit uns angelegt, jetzt zahle auch den Preis dafür, dachte er grimmig. Dann überschlugen sich die Ereignisse.
Einer der Greifarme des Gigantyras schoss auf Cossacks Scherenpanzer zu und bevor dieser reagieren konnte, drang die riesige Klaue durch seine Aspexylpanzerung, als wäre sie ein Stück Butter. 
Sie durchbohrte den Piloten und zerfetzte seinen Torso. Cossack starb in einer Fontäne aus Blut und Eingeweiden. Dann verschwand er, samt Anzug, im klaffenden Maul des Ungetüms und ein metallisches Knirschen verriet, dass der Gigantyras ihn gerade mit einer animalischen Wut zerkleinerte. 
»Verfluchte Scheiße!«, brüllte der Sergeant. Wut keimte in ihm auf.
Dann schien das Monster noch einmal an Geschwindigkeit aufzunehmen und N’Kahlu konnte nicht anders, als sich zurücktreiben zu lassen. Dass ihr Feind nicht mit seinen Augen navigierte, war ihm in dieser düsteren Tiefe ohnehin klar gewesen, aber immerhin schienen ihre Klingen dort Schaden und Schmerz anrichten zu können.
Verdammt Cossack, warum hast du nicht aufgepasst? 
Der minimale Abstand, den der Zyklop erlangt hatte, schmolz in wenigen Sekunden. 
Wir haben ihn allerhöchstens wütend gemacht, schoss es durch N‘Kahlus Kopf. 
Mit einem unglaublichen Satz schoss der Gigantyras auf das U-Boot zu und drosch mit seinem Schädel darauf ein. Seine Fangarme schnappten nach dem Zyklopen, konnten aber zunächst keinen Halt finden. Dann ertönte ein unheilverkündendes Grollen, als das Horn des Monsters durch den harten Panzer stieß. 

***

»Er hat uns getroffen!«, fluchte Daisy lautstark, während sie mit dem Gigantyras um die Beherrschung über das Schiff rang.
Im Griff des Feindes schaukelte es bedrohlich auf und ab und ihre Anzeigen leuchteten krebsrot auf. »Sein Horn hat den Panzer beschädigt, ich werde sicherheitshalber die hinteren Schotts schließen müssen.« Ein unglaublicher Ruck ging durch das U-Boot, als der Gigantyras erneut versuchte, seine Fangarme in die Außenbordwand zu rammen. Ein zorniges Brüllen verkündete, dass ihr Feind von seinen Misserfolgen gereizt zu sein schien, was ihn jedoch nicht davon abhielt, es nun umso heftiger zu versuchen. Die elektronischen Monitore flackerten für eine Sekunde auf. 
»Wenn er uns hier unten ein Leck schlägt, sind wir geliefert!«, fluchte der Chefnavigator lautstark. 
»Er umklammert das Steuer, ich kann nichts machen!«, zischte Daisy, Clynnts ständiger Missmut ging ihr allmählich auf die Nerven. Wieder durchzog den Zyklopen ein Beben und erschütterte ihn in seinen Grundfesten. Wenn das so weiterging, würde der Gigantyras wichtige Elemente des U-Boots zerstören und sie für ewig in diesem nassen Grab verrotten lassen. 
Daisy steuerte hart nach rechts, aber ein lautes Knacken, das unheilverkündend durch das U-Boot hallte, verdeutlichte ihr, dass sie dadurch allerhöchstens das Steuer verlieren würde. Ein Fluch entwich ihren Lippen.
Clynnt und sein neuer Freund, der Copilot, beäugten sie mit einem eindringlichen Blick. 
Daisy war sich bewusst darüber, dass sie sich ihr Vertrauen erst erarbeiten musste, aber gerade hatte sie schlimmere Sorgen.
Ein Ruck ging durch den Zyklopen, gefolgt von einem schauderhaften Brüllen. Eine Gänsehaut formte sich auf ihrem Nacken. 
»Er musste was wegstecken«, stellte die Chefmechanikerin fest, dann setzte sich das U-Boot wieder in Bewegung. 
Noch waren sie im Spiel. Die Frage war nur, wie lange.

***

Die Idee war fast so wahnwitzig, dass sie nur von ihm kommen konnte.
»Sicher, dass du das durchziehen willst?«, knisterte es durch den Funk und der Sergeant erkannte Phillistas argwöhnische Stimme wieder. »Nicht, dass du Cossack die Ehre erweist, ihm als nächstes zu folgen.« 
»Aber genau das ist der Plan«, feixte N’Kahlu. »Zweite Salve!«, erneut schossen die Sternenfeuertorpedos auf ihr Ziel ein. 
Die Scherenpanzer bedrängten den Gigantyras von allen Seiten, sodass dieser sich vom U-Boot trennen musste. 
Mit einem Kreischen schnappte er nach einem der Männer und erwischte das Fußgelenk. Knirschend brach es ab, doch der Soldat war zunächst unversehrt.
»Dann hoffen wir mal, dass er keinen Mundgeruch hat!«, rief N’Kahlu, dann sprang er dem Monster entgegen und wurde von ihm verschluckt. 
Knirschend schlossen sich die Kiefer um ihn, doch der Sog war auf seiner Seite. 
Mit einer wahnwitzigen Hechtrolle schob er sich an den Zähnen der Bestie vorbei und befand sich nun in ihrem Rachen. 
Wenn ich deinen Panzer nicht durchstoßen kann, werde ich es halt von innen versuchen. 
Allerdings war seine Klinge dafür nicht stark genug. 
Ein schelmisches Lächeln zauberte einen Sonnenaufgang auf N’Kahlus Gesicht, während er Befehle in seine Konsole eingab. Er hatte sehr viel Liebe und Arbeit in seinen Scherenpanzer gesteckt und ihn eigenhändig modifiziert. Eines seiner Lieblingswerkzeuge würde ihm gleich seine freudige Aufwartung machen. Wieder öffnete sich das Maul der Bestie und N‘Kahlu musste mit ansehen, wie einer der Scherenpanzer in einer Wolke aus Blut und Schrott zu einem kleinen Haufen zermalmt wurde. Das einströmende Wasser schoss ihm entgegen und holte ihn fast von den Füßen. Die Überreste eines mechanischen Greifarms krachten gegen seine Scheibe, diese blieb jedoch glücklicherweise unversehrt. Ein Blick auf den blutigen Brei, der sich dazwischen befand, ließ seinen Magen jedoch rebellieren. Wenn es einen Anblick gab, an den man sich nicht gewöhnen konnte, dann war es der von getöteten Kameraden. In Stille ging N’Kahlu ein kurzes Gebet durch, dann riss er seine Brustplatte auf und fingerte geschickt das riesige Kreissägeblatt hervor, welches er an den linken Arm anheftete. 
Mit einem Kreischen aktivierte sich die Rotation auf bis zu 15 Umdrehungen die Sekunde. 
Das ist für die Jungs. 
Mit einem Satz rammte er die Waffe in das Fleisch des Gigantyras. 
Eine Blutfontäne kam ihm entgegengespritzt, während er den Rachen des Feindes von innen heraus verstümmelte. 
Brüllend wandte sich das Tier in Qualen und riss immer wieder das Maul auf und zu. 
Fast wäre der Sergeant in die Fangzähne geraten, was ein tragisches Ende für ihn bedeutet hatte. Knirschend kauten sie auf und ab, während er mit der Beherrschung über seinen Anzug kämpfte. Wasser und Blut schossen ihm gleichermaßen entgegen und färbten alles in ein dunkles Rot. 
Ich muss tiefer hinein. 
N‘Kahlu folgte dem Wasser in die Speiseröhre. 
Was für ein riesiges Ungetüm.
Seine Kreissäge durchtrenne das Fleisch wie Wachs. 
Blut besudelte seinen gesamten Anzug und wohin er auch ging, er wurde stets von einem unappetitlichen Schmatzen begleitet. In der Ferne hörte er das unregelmäßige Dröhnen des Herzschlages. 
Plötzlich traf ihn erneut das Wasser und dieses Mal konnte er nicht standhalten. 
Die Flut zog ihn mit sich, während das Sägeblatt wild umschlug und willkürlich Fleisch durchtrennte. Plötzlich blieb er stecken und das Blatt kam zum Stillstand. 
Verfluchter Mist! 
Immer mehr Wasser drang auf ihn ein, bis der Strom so stark war, dass er die Verbindung zwischen Arm und Säge einfach entzwei riss. 
Er taumelte gegen eine Membran und verfing sich darin, als wäre er in einem Spinnennetz gelandet. Blut und Sekrete liefen an ihm herunter, während er verzweifelt versuchte, sich zu befreien. Das Mikrofon aktivierte sich knisternd. 
»Wir haben seine Augen zerstört. Und was zur Hölle du da drinnen auch gemacht hast, der Zyklop hat einiges an Vorsprung gewonnen. Komm da raus, wir feuern die Torpedos ab, bevor es zu spät ist.« 
»Ich hänge fest. Schießt, solange ihr noch könnt. Das ist ein Befehl«, erwiderte der Sergeant.
Am anderen Ende der Leitung blieb es still. 
Seinen Leuten war es bestens bewusst, dass er es nicht duldete, wenn sie sich seinetwegen in Gefahr brachten. Nicht wenn der Sieg so nahe war. Entweder er schaffte es heile hier raus, oder er würde mit dem Gigantyras untergehen. 
»Feuert endlich!«, fluchte er lautstark. »Bevor wir alle draufgehen.« 
Er versuchte abermals sich freizukämpfen. Erfolglos. Das klebrige Sekret hielt ihn eisern fest.
Ein letztes Mal räusperte sich der Mann am anderen Ende der Leitung. »Es war mir eine Ehre, Sir.«
N’Kahlu atmete tief durch und schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde zog sein gesamtes Leben an seinem inneren Auge vorbei. Dann brach die Hölle über ihn herein. 

***

Auf der Kommandobrücke des Zyklopen herrschte betretenes Schweigen, während der Feuerball der Mittelstrecken-Torpedosalve den Gigantyras in Stücke riss und seinen Leichnam in Richtung Meeresgrund sinken ließ. Drei Männer hatten sie gerade verloren, drei Männer, die niemals zu ihren Familien zurückkehren würden. Falls sie denn welche hatten. Daisy Lee wandte sich als erstes von ihrem zerstörerischen Werk ab. »Sind alle an Bord?«, fragte sie angespannt. »Wir sollten hier verschwinden, bevor noch mehr von diesen Ungeheuern auftauchen.« Sie blickte kurz zu Clynnt, der einen verdrießlichen Gesichtsausdruck an den Tag legte. »Und schnell die anderen finden«, sagte sie und war sich das erste Mal bewusst, dass sie das Richtige tat.

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Saigels Irr(e)lichter – Der Höhenflug

 

Als Hobbyautor verschieben sich ständig die Prioritäten. Zeitweise wird viel geschrieben und alles andere steht hinten an. Ja, es gibt Phasen, da wird ständig über eine Idee nachgedacht, ein Plot hin und her gewälzt, bis er endlich passt oder es wird geschrieben, korrigiert und wieder geschrieben. Solche Schreibphasen sind schön. Allerdings können sie auch vieles verdrängen, das es auch wert ist, genauer betrachtet zu werden.
Befinde ich mich am Ende eines solch schreibwütigen Abschnitts, atme ich oftmals tief auf. Dann beginne ich damit, wieder Bücher zu lesen, ich widme mich meinem privaten Umfeld, meinem Beruf, ich habe Freude daran am Abend die Schreibtischlampe auszulassen und mich völlig auf die Musik zu konzentrieren, die sonst schändlich verkannt im Hintergrund abläuft. Es fühlt sich so an wie ein „aus-dem-Schneckenhaus-kriechen“. Um den schriftstellerischen Exzess verdauen zu können, bleibe ich erst mal abstinent und bemerke all das, was mir durch diesen unwiderstehlichen Sog des „schreiben-Wollens“ entgeht.
Leider gibt es zumeist keinen Mittelweg. Eine Geschichte zu schreiben kann schnell auch mal zur Sucht werden. Erst dann, wenn die Fliege im Netz es geschafft hat sich zu befreien begreift sie, dass sie von der Spinne hätte gefressen werden können. Abstand tut gut und der Blick relativiert sich. Denn ein Autor verfällt oft zu gerne dem Gefühl, dass das was er oder sie da gerade aufschreibt ungeheuer wichtig ist. So wichtig, dass es beinahe nichts Wichtigeres geben kann. Ich würde das als Höhenflug beschreiben, auch wenn das Wort im allgemeinen negativen Gebrauch findet. Es ist ein Höhenflug, aber es muss nicht negativ sein, solange der Absprung doch immer wieder geschafft wird. Ein Autor braucht Erdung bevor er schreiben kann. Die Worte heben ihn dann wieder in die Lüfte, lassen ihn schweben, ihn träumen, ihn alles vergessen, was dort unten zu ihm gehört. Ein schöner Höhenflug, der alsbald wieder auf dem Boden enden muss um mit einem tiefen Aufatmen verlauten zu lassen, dass die Worte nur eine Sphäre im Leben bilden, die es sich lohnt zu erleben.

Eure Saigel

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Gottes Hammer: Folkvang XVI

Velis erstarrte. Eine längst vergessene Präsenz erhob sich.

Vater.

Ihre zitternden Finger wanderten zu dem Sklavenmacher um ihren Hals. Nie würde sie den Schmerz vergessen, aus dem ihr Leben in jenen Tagen bestanden hatte.

Die meisten Menschen hinterfragten die Möglichkeit, im strahlenden Sonnenschein einen Spaziergang zu unternehmen, kaum. Doch für Velis würde dies immer eine Besonderheit bleiben. Ihr Blick streifte Seimos, der seinen Bruder ernst musterte. Ihr erster Spaziergang mit ihm hatte sich wie der Beginn eines neuen Lebens voller Schönheit angefühlt.

Doch nun würde er ihr wieder alles nehmen. Sie wusste es. Gegen ihren Vater konnte sie noch nie bestehen. Er würde siegen und sie erneut an seinen Thron ketten, während die Schreie seiner zahlreichen Sklaven ihre Ohren erfüllten. Sie hörte sie in diesem Moment, diese nackten, sich krümmenden Gestalten. Ihre qualvoll zuckenden Glieder suchten sie noch heute in ihren Träumen heim.

Velis sah Azrael an. Zum ersten Mal erblickte sie Angst in seinen rot leuchtenden Augen. Ohne sie zu beachten griff er nach Murakama.

Plötzlich erschütterte ein Beben den Untergrund. Velis taumelte und vergrub ihre Finger in Malfegas’ Fell, der nervös knurrte. Azrael zog blank und Seimos musterte wachsam ihre schattenhafte Umgebung.

Ich würde sagen, die Auferstehung hat begonnen“, sagte der Inquisitor ernst. Seine Finger umklammerten den schlichten Mauritiusstab fester. „Wir haben keine Wahl, Teshin. Wir müssen zusammenarbeiten, wenn wir Irodeus besiegen wollen.“

Das hast du von Beginn an so eingefädelt, nicht wahr?“ Azrael wirkte eher bestürzt als wütend. „Wenn du mich vorgewarnt hättest …“

Du hättest mir nicht geglaubt. Abgesehen davon können wir Irodeus nicht für immer in einem Buch gefangen halten. Jedes Gefängnis wird einmal brüchig, auch ein magisches, Teshin.“

Mein Name ist Azrael“, knurrte der neue König, als ein neuerliches Beben die Erde erschütterte. Dunkle Wolken sammelten sich am Himmel. Velis schluckte. Rote Blitze zuckten am Horizont.

Was schlägst du vor?“, fragte Malfegas den Inquisitor.

Seimos seufzte. „Meine Tempelsöhne werden uns kaum von Nutzen sein. In den engen Räumen Hornheims entscheidet die Qualität des Einzelnen die Schlacht. Mendatius und ich werden euch zum unterirdischen See begleiten. Wir müssen die Schlacht beginnen, ehe er seine Kräfte sammeln kann.“ Er legte eine kurze Pause ein. „Wo ist Esben?“

Velis warf einen Blick auf Azrael. Der König wirkte zerknirscht. „Ich habe ihn getötet. Er wird als Dämon zurückkehren, dessen bin ich mir sicher.“

Seimos nickte langsam. „Falls das zutrifft, wird er uns in den ersten Stunden seines neuen Lebens kaum von Nutzen sein. Wir müssen schnell handeln.“ Er sah seinen Bruder an. Obwohl sich ihre Farbe verändert hatte, erkannte Velis die altbekannte Entschlossenheit in seinen lodernden Augen.

Kannst du uns nach Hornheim bringen?“, fragte Seimos.

Azrael nickte knapp. „Was ist mit deinen Tempelsöhnen? Lässt du sie einfach allein?“

Seimos’ Lippen kräuselten sich. „Was ist mit deinen Dämonen? Nimmst du sie nicht mit?“

Azrael seufzte. Velis erriet seine Gedanken. Wer konnte schon erahnen, wie weit Beriths Einfluss geraten war? Möglicherweise gab es noch weitere Dämonen in Hornheim, die Irodeus als König vorziehen würden.

Vergiss es, Seimos.“ Azrael hob Murakama und ein Blitz zerteilte die Luft. Langsam bildete sich am Rand der Lichtung ein Portal. „Ich vertraue nicht jedem hier. Wir müssen das alleine hinbekommen.“

Seimos nickte lächelnd. „Kaum zu glauben, dass wir noch einmal miteinander kämpfen würden, nicht wahr? Schließlich hast du mich umgebracht.“

Du hast es auch verdient.“

Du ebenfalls.“

Velis folgte den Brüdern unter die Nadelbäume. Wie ein stummer Schatten tauchte Mendatius neben ihr auf. Velis hatte den alten Tempelsohn lange genug gekannt, um seine grimmige Entschlossenheit zu bemerken. Malfegas schnaubte.

Das wird noch einmal wie in alten Zeiten, richtig?“, lachte der gewaltige Löwe.

Mendatius schnaubte, jedoch milderte sein funkelnder Blick die Geste.

Einen besseren Lebensabend kann sich ein alter Ritter nicht wünschen“, brummte er.

Velis teilte ihre Sicherheit nicht, als sie durch das Portal schritten. Hinter ihrer ruhigen Miene verbarg sie aufkeimende Panik.

Was zur Hölle?“

Als sich das Portal schloss, standen sie nicht in Hornheim. Stattdessen erhoben sich große Häuser um sie herum. Sie befanden sich auf einem weitläufigen Marktplatz, in dessen Zentrum sich eine Tribüne erhob. Velis erkannte ein prunkvolles Rathaus und einen unheilsschwangeren Kerker. Sie entdeckte keine Menschenseele. Sie waren allein.

Sind wir hier in Aminas?“, fluchte Malfegas. „Was soll das?“

Seimos schwieg. Seine Finger glitten über den Mauritiusstab. Mendatius zog sein Langschwert. Velis’ Finger wanderten erneut zu dem Sklavenmacher. Sie zuckte zusammen, als die feinen Stacheln die Haut berührten.

Einzig Azrael ergriff das Wort. „Mein Portal wurde umgeleitet“, stieß er hervor. „Aber wie … ?“

König Azrael!“, rief eine laute Stimme.

Sie fuhren herum. Vor einer kleinen Nebenstraße stand, das lange Breitschwert drohend erhoben, Abigor von Hrandamaer. Das fahle Mondlicht tanzte auf seiner reich verzierten Augenklappe.

Abigor.“ Azraels Stimme nahm bestialische Züge an. Velis erinnerte sich, dass Hrandamaer im fünfzigjährigen Krieg Astavals Untergang herbeigeführt hatte. Die Nachkommen der einst so stolzen Herzogtümer standen noch immer in erbitterter Fehde miteinander.

Seimos trat vor und musterte Abigor mit zusammengekniffenen Augen. „Was tut Ihr hier, Abigor? Warum seid Ihr nicht im Lager und unterstützt die unerfahreneren Tempelsöhne?“

Abigor warf den Kopf in den Nacken und stieß ein grässliches Lachen aus, das Velis das Blut in den Adern gefrieren ließ. Genauso hatten die Knechte gelacht, als sie sie vor langen Jahren mit dem Brandeisen marterten.

Lasst uns mit offenen Karten spielen, Seimos.“ Abigor wuchtete das gewaltige Schwert auf seine Schulter. Ein breites Grinsen spaltete sein grobschlächtiges Gesicht. „Ich bin hier, um einen Dämonenkönig zu töten.“

Ich auch.“ Seimos zuckte nicht mit der Wimper.

Zu schade.“ Abigor seufzte. Wahnsinn glitzerte in seinem verbliebenen Auge. „Ich kann euch allen nicht erlauben, meinen Meister zu stören.“ Langsam deutete er eine Duellverbeugung an.

So einfach verratet Ihr Eure Eide?“, rief Seimos überrascht. „Ich hielt Euch immer für einen Narren, aber immerhin für einen frommen. Ihr überrascht mich.“

Abigor lachte erneut, aber diesmal schlich sich Trauer in seinen müden Blick.

Das kann nur ein Sprössling Arions von Astaval sagen. Dieser elende Bastard war so darauf versessen, das Richtige zu tun, dass er sogar seine eigene Familie opferte. Oder etwa nicht, Teshin? Bist du nicht einem Dämon geweiht?“ Azraels Züge verhärteten sich. Velis betrachtete beunruhigt, wie sich eine kaum erkennbare Aura der Macht um den König legte, während seine Lippen wie Lefzen die Zähne entblößten.

Abigor griff mit seiner freien Hand nach der Augenklappe. Als er sie sich vom Gesicht riss, erkannte Velis die grässliche Wunde. Sie wirkte wie ein verkrusteter Krater, der sich unaufhaltsam in das weiche Fleisch gegraben hatte.

Glaubt mir, Seimos, ich habe alles erfahren. Ich weiß Dinge, die meinen Glauben zerstört und mein Leben in ein Spottgebilde verwandelt haben. Soll ich Euch etwas verraten? Ich scheiß auf die Denomination. Ich scheiß auf den Kampfesruhm. Berith allein kann mir Freiheit geben und nur das will ich!“

Noch ehe er geendet hatte, färbte sich sein verbliebenes Auge rot und ein bestialischer Schrei löste sich aus der Kehle des Ritters. Velis erinnerte sich, dass in den Adern der Ritter von Hrandamaer dunkles Blut floss, das ihnen nachts mehr Kraft gewährte.

Abigor erblickte Velis, nahm Anlauf und stieß sich kräftig vom Boden ab. Instinktiv ließ sie ihre dämonische Macht durch ihre Adern jagen und wich wie ein Schemen zur Seite aus. Eine Staubwolke erhob sich, als der kalte Stahl in den steinigen Untergrund fuhr. Velis’ Herz klopfte so stark, als würde es jeden Moment aus der Brust springen wollen.

Das ist lächerlich, Abigor!“, rief Seimos. Sorge spiegelte sich in seinen blutroten Augen und strafte seine Worte Lügen.. „Ihr habt keine Chance!“

Malfegas reagierte wortkarger. Ehe Abigor sein Schwert aus dem Boden befreien konnte, setzte der gewaltige Löwe zum Sprung an. Seine roten Augen glitzerten mordlustig und rotes Licht umhüllte die gekrümmten Pranken.

Plötzlich erschien ein ähnliches Licht vor Abigor. Malfegas prallte überrascht davon ab und landete fauchend auf dem Boden.

Ein Halbblut kann niemals Dämonenmagie einsetzen!“, knurrte er. „Sag, wer hilft dir?“

Abigor beantwortete die Frage mit einem weiten Schwerthieb. Malfegas bildete selbst eine Barriere, als die Klinge ihn zu erreichen drohte. Aber anstatt abzuprallen fuhr der Stahl hindurch wie durch Luft.

Blut spritzte und Malfegas heulte auf. Velis schlug entsetzt die Hände vor den Mund. Das Schwert hatte ihm ein Vorderbein abgetrennt.

Kommt ihm nicht zu nah!“, rief Seimos. „Das scheint die Klinge Velfaunir zu sein! Dämonische Magie wird sie nicht aufhalten!“

Erzähl mir was Neues!“, brüllte Malfegas und spie Feuer. Schnell wich Abigor mit einem Ausfallschritt vor den fauchenden Flammen zurück. Trotz des gewichtigen Schwerts bewegte er sich leichtfüßig über die schmutzigen Pflastersteine.

Schock durchdrang Velis wie ein Blitz. Sie konnte sich nicht erinnern, je in Lebensgefahr geschwebt zu haben. Stets umwölkte das unumstößliche Wissen ihren Verstand, dass ihre Magie jedem menschlichen Versuch, sie zu töten, Einhalt gebieten würde. Dieses Schwert degradierte sie zu einem unscheinbaren Mädchen, das jeder Hieb zu Fall bringen könnte.

Doch ihre Angst verwandelte sich schnell in Wut. Sie fühlte, wie der Sklavenmacher gegen ihre Magie aufbegehrte, aber sie war nicht mehr das hilflose Mädchen in Ketten. Sie war eine Herzogin Hornheims, eine Beraterin Azraels. Sie würde sich vor keinem Tempelsohn Blöße geben.

Zeitgleich mit Mendatius sprach sie ein Wort der Macht.

Der Greis hüllte sein Breitschwert in heiliges Licht und formte vor sich in der Luft eine Rune der Alten Sprache, die verheißungsvoll glomm. Velis’ Macht erschuf einen Abglanz der Finsternis um ihre Füße, einen giftigen Sumpf, geboren aus ihrer ketzerischen Existenz. Zufrieden sah sie, wie bleiche Hände aus dem dunklen Untergrund schossen. Ihre Hrandar versammelten sich.

Abigor machte Anstalten, Malfegas zu enthaupten, aber in einem scharlachroten Blitz drängte sich Azrael zwischen sie. Der Dämonenkönig deckte Abigor mit einer Reihe schneller Hiebe ein, die den Tempelsohn straucheln ließen. Zeitgleich begann Seimos einen Choral. Heilige Magie sammelte sich um den dämonischen Inquisitor und hüllte ihn in einen Kokon aus Licht.

Zu Diensten“, grüßte Berengar, während er sich mit den übrigen wandelnden Toten aus dem Untergrund erhob. Velis atmete tief durch. Seine Anwesenheit beruhigte ihn.

Helft Malfegas!“, befahl sie dreien der Toten. Berengar nickte sie zu. „Triff ihn von hinten.“

Berengar nickte grinsend. „Verstanden.“

Velis vollführte eine kurze Geste und verschleierte Berengars Gestalt. Als Schatten glitt er über den Boden, während Mendatius sich zu Azrael gesellte und Abigor von seiner blinden Seite attackierte.

Der Ritter von Hrandamaer brüllte wütend auf, als die beiden ihn weiter zurückdrängten. Zudem fühlte Velis, wie Azrael Magie für seinen Höllenzauber sammelte.

Dieser Kampf war entschieden.

Kurz erlangte sie ihre einstige Sicherheit wieder, als plötzlich ein Lichtblitz die Welt teilte.

Azrael hielt der Entladung mit erhobenem Schwert stand, aber Mendatius leuchtende Rune zerstob in Funken. Der alte Ritter taumelte und fiel zu Boden. Abigor lachte triumphierend. Stahl traf auf Stahl, als er Azrael attackierte.

Jemand hilft ihm, begriff Velis. Mit geschärften Sinnen untersuchte sie die Umgebung. Sie konnte niemanden spüren.

Vater? Bist du das?

Die Frage blieb unbeantwortet. Ergrimmt sprach Velis ein Wort der Macht und Berengar stürzte sich aus dem Schatten auf Abigor.

Erneut erhellte ein Blitz den Marktplatz und der Hrandar sank besinnungslos zu Boden.

Es kam aus dieser Richtung!“, schrie plötzlich Malfegas. Der verletzte Löwe erhob sich auf seine Hinterbeine und spie ein Wort der Macht aus. Feuer schoss aus seinem Maul und verbrannte einen leeren Pferdestall zu Asche. Velis erkannte einen schwarzen Schemen, der mit unmenschlicher Geschwindigkeit in das nächste Gebäude auswich.

Wer auch immer das ist, er verwendet meinen Ausweichzauber. Es gibt nur eine Person, die ihn lehren kann.

Malfegas erzeugte einen weiteren Feuerstrom, während Azrael und Abigor miteinander fochten. Velis erkannte ihre Chance und lief schnell zu Mendatius, um ihm aufzuhelfen.

Danke“, stöhnte der alte Ritter. Velis erkannte keine Verletzungen. Der Blitz schien ihn jedoch etwas konfus gemacht zu haben, denn er konnte nur beschwerlich ein Bein vor das andere setzen und hielt die Hand vor sich gestreckt wie ein Blinder. Velis sammelte all ihre magische Macht. Sollte Abigors rätselhafter Verbündeter auch sie angreifen, musste sie vorbereitet sein.

Ihre Hrandar standen wachsam um Malfegas, während dieser das Rathaus in Brand steckte. Velis sah geschmolzenes Gold und wertvolle Marmorstatuen, die sich in einer unförmigen Masse schwelender Materialien dem Erdboden zuneigten. Der Hass auf den dekadenten Bürgermeister im Volk verwunderte sie nun nicht mehr.

Wieder entkam der Schemen. Doch diesmal war Velis vorbereitet. Sie hob die Hand und rief ein Wort der Macht. Der Schemen strauchelte und fiel zu Boden. Mit triumphierendem Geheul setzte Malfegas nach, ihre Hrandar folgten ihm dicht.

Im nächsten Moment beendete Seimos seinen Choral. Ein Konglomerat heiliger Magie erfüllte den Marktplatz. Kurz glaubte Velis, himmlischen Gesang zu vernehmen. Eine Aura aus Frieden und Heiligkeit regierte die einstige Versammlungsstätte und fror die Zeit ein. Die Welt und ihre Bewohner schienen stillzustehen, um sich in frommer Eintracht im Gesang zu vereinen.

Im nächsten Augenblick zerstob die Vision und reinigendes Licht schoss aus dem Mauritiusstab wie weißes Feuer. Der Angriff erfasste Azrael und Abigor mitten während ihres Duells. Die Barriere des Dämonenkönigs hielt stand. Abigors Schutz hingegen schmolz wie Butter in der Sonne.

Das Schwert Velfaunir nahm einen großen Teil der heiligen Magie in sich auf, doch der Rest traf Abigor ohne Hindernis. Sein Harnisch schützte den hünenhaften Oberkörper, aber das heilige Feuer stürzte sich hungrig auf Abigors freiliegenden Kopf. Das rötliche Auge zerfloss zu Schlacke, während ihm das Schwert aus der Hand glitt. Einen Augenblick lang stand Abigor wie eine Statue auf den Pflastersteinen, unbändiges Entsetzen im Gesicht. Dann ergriff der Wahnsinn den Ritter und Bischof, als die Macht der Denomination eben jenen verschlang, der sie zu beschützen geschworen hatte.

Unter lautem Geschrei rannte er an Azrael vorbei gegen die Mauer des Kerkers, taumelte blind gegen die Tribüne und sprang in unmöglichen Verrenkungen umher, während sich seine zuckenden Gliedmaßen dem Mond entgegenstreckten. Velis sah fassungslos, wie Abigor von Hrandamaer schließlich zu Boden fiel und sich sein bis zur Unkenntlichkeit entstelltes Gesicht vor der Ewigkeit verneigte.

Mit klopfendem Herzen wandte sich Velis ab. Sie empfand Mitleid mit dem verzweifelten Ritter. Ein solches Schicksal sollte kein Mensch teilen.

Ihr blieb keine Zeit zum Trauern. Malfegas stürzte sich auf die schwarz gekleidete Gestalt, die Velis’ Gegenzauber aus der Luft geholt hatte. Doch bevor das Maul des Löwen sich schloss, wich sie katzengleich nach links aus, erklomm in Windeseile die Mauer des Kerkers und hielt auf dem Dach inne.

Erst jetzt erkannte Velis das grinsende Gesicht.

Ashaya!“, rief Azrael wütend und hob herausfordernd Murakama. „Hast du das Portal manipuliert?“

Ashaya kicherte wie ein kleines Mädchen. „ Es ehrt mich, dass Ihr dermaßen viel von mir haltet. Aber nein, mein Herr hat Euch zu mir gebracht, und zwar damit ich Euch ein Angebot unterbreiten kann, dass Ihr nicht abschlagen werdet.“

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Korrekturen 22

22. Teil – Das Ende des Zeitvektors (1/3)

Es war ihnen allen klar, dass sie hier nicht bleiben konnten. Die Sicherheitskräfte würden ihre Anstrengungen, ihre Maschine aufzubrechen, sicherlich bald erhöhen.
»Unser Ziel ist das Jahr 2008«, sagte Giwoon. »Bis dorthin sollte uns der Temporalprozessor noch bringen können.«
»Ins Jahr 2008?«, fragten Khendrah und Thomas. »Woher wisst Ihr …?«
»Später«, sagte Giwoon, der bereits dabei war, ihre Abreise aus dem Jahre 2110 vorzubereiten.
»Bitte setzt euch und schnallt euch an. Ich weiß nicht, ob die Maschine noch eine ruhige und sanfte Reise durch die Zeit gewährleisten kann.«
Er wartete noch, bis alle Sicherheitsgurte eingerastet waren, dann legte er seine Hand auf die Steuerkugel und aktivierte den Slider. Die Geräusche, die dabei entstanden, sprachen Bände. Es war sowohl Giwoon, als auch Fancan klar, dass etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem versank die Realität, die sie vorher noch über die Bildschirme im Innern der Maschine beobachten konnten, im Nebel. Sie waren auf der Reise. Es war ihnen klar, dass es nur eine kurze Reise werden würde, doch bereits wenig später ertönte ein Alarm.
Aufgeregt checkte Giwoon, die Steuerung.
»Festhalten, wir stürzen in die Realität zurück!«, brüllte er noch – dann war es auch schon geschehen. Auf den Bildschirmen tauchte das Bild eines ausgedehnten Waldes auf und im nächsten Moment stürzte der Slider in die Baumkronen hinein. Giwoon versuchte noch, etwas dagegen zu unternehmen, doch die Maschine schlug bereits auf dem Waldboden auf. Sie wurden hart in ihre Gurte gepresst und für einen Moment hatten sie das Gefühl, sie würden keine Luft mehr bekommen. Dann lag der Slider still.
»Was ist geschehen?«, fragte Khendrah, nachdem sie ihren Gurt gelöst hatte und sich vergewissert hatte, dass sie sich nicht ernsthaft verletzt hatte.
»Was soll schon geschehen sein?«, fragte Giwoon. »Es ist genau das passiert, was ich befürchtet habe: Dieser Slider wird uns nicht mehr durch die Zeit transportieren können.«
»Und was tun wir dann jetzt?«, wollte Thomas wissen, »Gibt es eine Möglichkeit, das Ding zu reparieren?«
Giwoon schüttelte den Kopf.
»Dazu fehlen uns Ersatzteile, deren Herstellung in dieser Epoche einfach nicht möglich ist.«
Er wandte sich seinen Instrumenten zu und schaltete daran herum. Nach einer Weile hellte sich seine Miene auf.
»Ganz so schlimm ist es nicht«, stellte er fest. »Der Slider ist noch immer flugtauglich und … wir befinden uns im Jahre 2014. Das reicht noch völlig aus, um unseren Auftrag noch zu erfüllen.«
»Auftrag?«, wunderte sich Khendrah. »Von was für einem Auftrag reden wir denn hier?«
Giwoon und Fancan sahen sie einen Moment schweigend an, dann brach Fancan das Schweigen:
»Wir sind im einhundertzwölften Jahrhundert aufgebrochen, um den Zeitvektor der obersten Behörde zu vernichten.«
»Wie bitte?«, fragte Khendrah entgeistert. »Seid Ihr vollkommen übergeschnappt? Und überhaupt: Wie wollt Ihr das anstellen? Der Vektor erstreckt sich über unzählige Zeitalter. Er ist unzerstörbar.«
»Das, mein Schatz, ist er sicherlich nicht«, entgegnete Fancan. »Das Zeitsystem des Vektors benötigt ungeheure Mengen an Energie, wie du dir sicher vorstellen kannst. Wir haben das immer einfach als naturgegeben hingenommen, weil es eben immer schon so war, aber Giwoon und seine Leute haben ermittelt, dass es eine Vorrichtung am unteren Ende der kontrollierten Zeit gibt, die ihre Energie für den gesamten Vektor direkt aus der Sonne bezieht. Wenn wir diese Vorrichtung zerstören, wird sich der Vektor Stück für Stück auflösen.«
Khendrah stand der Mund vor Staunen weit offen. Sie konnte nicht glauben, was ihre Freundin ihr da erklärte.
»Das kann doch nicht euer Ernst sein!«, protestierte sie. »Es würde alles im Chaos versinken.«
»Das ist nicht richtig«, stellte Giwoon klar. »Anders herum wird ein Schuh daraus. Ihr habt das Chaos erst möglich gemacht. Wir haben nur eine Chance: Die Vernichtung des Vektors, um der Zeit Gelegenheit zu geben, sich zu erholen.«
Khendrah schüttelte immer wieder den Kopf.
»Ihr könnt das System nicht vernichten«, wandte sie wieder ein. »Es arbeiten sicherlich viele Hunderttausend Menschen für die Oberste Behörde. Was würde mit ihnen geschehen, wenn die Energieversorgung gekappt wird. Würden sie nicht sterben?«
»Nein Khendrah, das werden sie nicht«, beruhigte sie Giwoon. »Das war eines unserer Hauptanliegen, dieses Projekt unblutig abwickeln zu können. Die Energie wird von der Sonnenzapfanlage ganz weit unten in der kontrollierten Zeit eingespeist und fließt dann entlang der Zeitlinien in die Zukunft. Jede aktive Abteilung entnimmt nur so viel Energie, wie sie benötigt, um das System zu stabilisieren. Wenn die Quelle versiegt, beginnt der Vektor von unten her, sich aufzulösen. Sobald das geschieht, wird es einen Alarm geben, der bis in die ferne Zukunft reichen wird. Jeder wird noch die Gelegenheit haben, in die Realität zu entkommen, bevor es zu spät ist. Der Prozess wird sich über Wochen hinziehen, besagen unsere Berechnungen.«
»Und wenn Jemand nicht rechtzeitig geht?«, fragte Khendrah.
»Dem ist auch nicht zu helfen«, antwortete Giwoon knapp. »Dafür tragen wir nicht die Verantwortung. Bist du nun dabei, oder nicht?«
Er blickte Khendrah forschend und erwartungsvoll an. Sie wandte sich Hilfe suchend an Thomas.
»Mich darfst du nicht fragen«, sagte dieser. »Ich habe noch nie viel davon gehalten, die Zeit zu manipulieren. Du erinnerst dich? Ursprünglich haben wir uns kennen gelernt, weil du mich töten wolltest.«
»Jetzt reite nicht wieder darauf herum!«, schimpfte Khendrah. »Es ist einfach schwer für mich, dass alles, an das ich bisher geglaubt habe, plötzlich infrage gestellt wird. Angenommen, wir schaffen es und können diese Sonnenzapfanlage wirklich zerstören, was wird dann geschehen? Was wird mit uns geschehen? Könnte nicht einfach ein Reparaturtrupp aus dem Vektor hier auftauchen und den Schaden beheben?«
»Hey!«, rief Fancan und wandte sich an Giwoon. »Khendrah hat nicht ganz Unrecht. Wenn hier ein Reparaturtrupp auftaucht, ist unsere ganze Arbeit vergebens und außerdem hätten wir auch noch den Sicherheitsdienst der Obersten Behörde am Hals.«
Giwoon lachte leise, was Fancan ärgerlich machte.
»Giwoon!«, schimpfte Fancan. »Das ist nicht zum Lachen! Wenn der Sicherheitsdienst hier auftaucht, sind wir geliefert. Sie würden uns ohne Weiteres liquidieren.«
Giwoon wurde wieder ernst.
»Ja, das ist ja auch ihre liebste Lösung«, sagte er bitter. »Wenn es Probleme gibt, muss eben Jemand sterben. Ihr wollt wissen, warum ich so gelacht habe? Das kann ich euch erklären: Ich habe von der Basis im Jahre 6000 aus meine Recherchen betrieben und dabei herausgefunden, dass die Oberste Behörde vor vielen Relativjahren eine Zeitkorrektur beschlossen hatte, die unter anderem dazu geführt hat, dass die Technologie des Sonnenzapfens verloren gegangen ist.«
»Wie bitte?«, fragte Fancan, »Das kann doch nicht sein. Wenn die Technologie nicht mehr verfügbar ist, kann die Anlage auch nicht installiert worden sein. Das wäre ein Paradoxon.«
»Ja, das wäre es, wenn nicht die Technologie vorher von der Obersten Behörde in den Vektor importiert worden wäre«, sagte Khendrah. »Das machen sie immer so. Im Vektor gelten andere Gesetze. Eine einmal importierte Technologie kann von uns Zeitagenten oder den Technikern angewendet werden, ohne, dass es zu einem Paradoxon kommen kann. Insoweit stehen wir noch immer vor dem Problem, dass ein Reparaturtrupp hier erscheinen könnte.«
»Nein«, sagte Giwoon schlicht. »Und zwar, weil ich die Daten in der zentralen Datenbank gelöscht habe. Das gleiche habe ich mit den Backups gemacht. Dann gab es noch die Kristallspeicher im 7500. Dort lagert all das alte Wissen aller Zeitalter. Was soll ich sagen? In meiner Eigenschaft als Techniker hatte ich uneingeschränkten Zugriff auf die Kristallspeicher. Vor längerer Zeit war ich dort und sorgte dafür, dass es einen kleinen Brand in einem der Lager gab. Vielleicht habt Ihr davon gehört. Die Hitze war so groß, dass sämtliche Kristallspeicher in diesem Raum unbrauchbar wurden. Ratet mal, welche Informationen dort gelagert haben.«
»Dann haben sie wirklich keine Möglichkeit, das System wieder in Gang zu bringen, wenn wir es zerstören«, stellte Khendrah fest.
Giwoon hielt ein kleines, handliches Gerät hoch.
»Das hier wird das Schicksal des Zeitvektors besiegeln«, sagte er. »Wir müssen es so nah wie möglich an die Sonnenzapfanlage bringen und dann zünden. Die freigesetzte Energie wird einen Impuls erzeugen, der jedes Gerät in einem bestimmten Umkreis zerbersten lassen wird.«
»Tolle Idee«, meinte Thomas. »Was willst du tun, wenn die Anlage irgendwo inmitten einer Stadt installiert wurde?«
»Das wird nicht der Fall sein«, machte Giwoon klar. »Man hatte kein Verlangen danach, dass diese Anlage gefunden wird. Zugänglich ist sie nur in den wenigen Jahren nach ihrer Installation und das ist in den ersten Jahren des einundwanzigsten Jahrhunderts. Wir können von Glück sagen, dass wir noch innerhalb dieser Zeitspanne gelandet sind, sonst könnten wir unseren Plan abschreiben. Ich vermute, dass wir uns irgendwo im Hochgebirge umsehen müssen.«
Er drückte eine Taste an dem Gerät, worauf es in Abständen zu piepsen begann. Ein kleiner Monitor an seiner Oberseite erhellte sich.
»Hast du dieses Ding jetzt etwa scharf gemacht?«, wollte Fancan wissen.
»Nein, ich habe nur die Suchfunktion aktiviert. Unsere Techniker haben es so konstruiert, dass es sein Ziel selbst suchen kann. Wir müssen nur dem Signal folgen, wenn die Suche erfolgreich ist.«
Gebannt starrten sie alle auf den kleinen Monitor auf dem Gerät in Giwoons Hand. Ein kleiner, sich drehender Zeiger signalisierte, dass es noch dabei war, seine Umgebung zu scannen.
»Wo befinden wir uns denn eigentlich selbst?«, fragte Thomas. »Ich habe zwar gesehen, dass wir in einen Wald gestürzt sind, aber wo ist dieser Wald?«
»Das haben wir gleich«, sagte Giwoon, »sie hatten damals bereits ein System, das ihnen eine Positionsbestimmung auf dem Planeten ermöglichte. Es war zwar recht primitiv, aber es sollte uns zumindest sagen können, wo wir uns ungefähr befinden.«
Er drehte an der Steuerkugel herum. Für Fancan war nie zu erkennen, was Giwoon da eigentlich genau tat, denn gleich, was er erreichen wollte, er drehte immer an dieser Kugel herum. Für sie machte es keinen Unterschied, ob er den Flug kontrollierte, oder nur die Kabinenbeleuchtung regulierte. Mit einem Mal wechselte die Anzeige auf der Kugel. Ein Abbild der Erde wurde angezeigt. Darauf blinkte ein kleiner roter Punkt.
»Da sind wir«, sagte Giwoon triumphierend und zeigte mit dem Finger auf den Punkt, »zentralafrikanischer Kontinent. Die Gegend hier ist selbst in dieser Zeit noch sehr einsam und verlassen.«
»Und wo müssen wir nun hin?«, wollte Khendrah wissen. »Wenn der Slider noch flugtauglich ist, sollten wir vielleicht bald von hier verschwinden, bevor Neugierige hier auftauchen.«
»Ich glaube zwar nicht, dass wir bei unserer Bruchlandung Zuschauer hatten, aber wir sollten uns wirklich nicht zu lange an einem Fleck aufhalten.«
Giwoon ließ die Aggregate für den atmosphärischen Flug anlaufen. Ein leises Summen erfüllte die Kabine.
»Schaut mal!«, rief Fancan, die das kleine Ortungs- und Zerstörungsgerät in der Hand hielt. »Jetzt zeigt der Monitor etwas an. Ich weiß nur nicht, was es bedeutet.«
Giwoon schaute darauf.
»Das sind Flugvektoren und Distanzdaten. Ich werde sie in die Steuerung eingeben, dann kann die Steuerkugel uns genau zeigen, wo unser Ziel liegt. Diktiere mir bitte mal die Zahlen, ja?«
Fancan gab sie ihm langsam und exakt durch, während Giwoon sie in das Terminal eingab. Anschließend zeigte die Steuerkugel eine gelbe Linie an, die vom roten Punkt ausging, der ihren Standort bezeichnete. Interessiert verfolgten sie diese Linie mit ihren Blicken und endeckten ihr Ende mitten im Himalaja.
»Wie ich es gesagt habe!«, rief Giwoon triumphierend. »Der Himalaja! Ein Zentralmassiv – nur dort können sie die Energieversorgung installiert haben, denn dort schauen nicht oft Menschen vorbei und man kann davon ausgehen, dass der Himalaja auch in vielen Tausend Jahren noch existieren wird.«
»Sag mal Giwoon«, meldete sich Thomas zu Wort, »wie kann ein so kleines Ding über so eine gewaltige Strecke hinweg ein Kraftwerk orten, dass sich inmitten eines Gebirges befindet? Das ist doch nicht möglich.«
Giwoon drehte sich verblüfft zu Thomas um.
»Natürlich kann es das«, sagte er verständnislos, doch dann fiel ihm etwas ein.
»Ach, ich weiß, was du meinst. In den unteren Jahrhunderten – vielleicht sogar in den unteren Jahrtausenden – nutzte man überwiegend elektrische Energiequellen. Wenn es eine Anlage wäre, die mit Elektrizität arbeitet, könnten wir sie in der Tat nicht orten.«
Er deutete auf die Darstellung des Himalaja und tippte mit dem Finger auf die Steuerkugel.
»Mit elektrischer Energie könnte man niemals ein Gebilde wie den Vektor aufrecht erhalten. Dazu braucht es schon eine weitaus effektivere Energiequelle. In diesem Fall nutzte man noch die in meiner Zeit bereits veraltete Quarkstrom-Technologie und die erzeugt ein Feld, das man sogar aus noch viel größerer Entfernung anmessen kann.«
»Quarkstrom-Technologie«, sagte Thomas ungläubig, »wenn du mich verscheißern willst, dann sag es besser gleich.«
»Ich will dich nicht veralbern«, verteidigte sich Giwoon, »nur, weil man sich zu deiner Heimatzeit noch keine praktische Nutzung der Quarks vorstellen konnte, muss es doch nicht heißen, dass spätere Zeitalter keine bahnbrechenden Entdeckungen mehr machen können. In meiner Heimatzeit versorgen wir uns mithilfe der Cherts mit Energie. Das ist sicher und umweltfreundlich.«
»Was sind Cherts?«, fragte Khendrah, »Ich bin zwar keine Physikerin, aber ich habe noch nie von so etwas gehört.«
Giwoon winkte ab.
»Lassen wir das«, sagte er, »ich denke, die Cherts sind bis zum oberen Ende des Vektors noch überhaupt nicht entdeckt worden.«
Er hielt wieder das Gerät hoch, welches das Ende des Vektors bedeuten sollte.
»Das Ding hier arbeitet mit Cherts«, erklärte er, »es wird niemals eine neue Energiequelle bekommen müssen. Es bezieht seine Energie direkt aus dem kosmischen Gravitationsfeld.«
»Mir wird das jetzt zu hoch«, gab Thomas bekannt.
»Meinst du, mir ginge es anders?«, fragte Khendrah und sah zu Fancan hinüber, die ebenfalls nur die Schultern zuckte.
»Vielleicht sollten wir allmählich aufbrechen«, schlug sie vor.
»Genau das werden wir jetzt auch tun«, sagte Giwoon. »Symeen, meine Mutter hatte mich nämlich davor gewarnt, dass es in dieser Zeit bereits eine recht einfache, aber effektive Methode gibt, Flugkörper zu orten. Sie strahlten ein Signal ab und wo es reflektiert wurde, musste zwangsläufig ein Flugkörper sein.«


Der nächste Teil des Romans erscheint am 12.10.2019

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Voidcall: Das Rufen der Tiefe – Kapitel 8 – Die Gashöhlen

Als der klaffende Schlund ihn verschluckte, war Archweyll noch nicht bewusst gewesen, welchen Gefahren er sich damit ausgesetzt hatte. Die abstrakten Felsformationen glitzerten im Licht seiner Scheinwerfer rostrot und formten grinsende Grimassen, die ihn aufgrund seiner hoffnungslosen Lage zu verspotten schienen. 
Verloren auf dem Grund des Ozeans. 
Er verkniff sich eine Reaktion und schritt weiter in die Tiefe. Surrend befolgten die Gelenke des Scherenpanzers seine Befehle. 
Es ging in einer leichten Senkung bergab und schnell bekam der Kommandant das Gefühl, in einem großen Canyon gelandet zu sein. Fast dreißig Meter ragten die Klippen nun über ihm auf und das matte Leuchten der seltsamen Pflanzen reichte kaum noch, um sich zu orientieren. Jedoch beruhigte ihn die Tatsache, dass er sich nicht durch eine enge Höhle oder ähnliches kämpfen musste. Das Gestein wurde von seltsamen grauen Pocken besetzt, die ihm irgendwie ein kränkliches Aussehen verliehen. Winzige silberne Schemen flitzten durch den Schein des Lichtes und waren wieder verschwunden, bevor Archweylls Auge sie genau erfassen konnte. Herkömmliche Pflanzen gab es hier keine. 
Wie denn auch, ohne Sonnenlicht? Instinktiv überkam den Kommandanten ein schauderhaftes Gruseln, als er sich die Frage stellte, was die seltsamen leuchtenden Augen angesichts dieser Tatsache dann für Lebewesen waren. 
Nachdem der Canyon einen steilen Knick vollführte, stand Archweyll plötzlich vor einer Wand. 
Eine Sackgasse. 
Er unterdrückte das drängende Gefühl, verächtlich ausspucken zu müssen. Seinen Schätzungen zufolge, war er kaum eine halbe Meile von der Quelle des metallischen Glitzerns entfernt. Aber jetzt umzukehren und einen neuen Weg zu finden, würde ihm Stunden, wenn nicht gar Tage an Zeit rauben. Und hier unten war nichts gewiss, das war das wohl einzig sichere. 
Plötzlich bemerkte Archweyll einen Spalt, der unter der Felswand durchzuführen schien, kaum groß genug, um sich hineinzuzwängen. Ein klaffendes schwarzes Loch öffnete sich im Boden unter ihm und schien ihn hungrig zu erwarten. Für eine Sekunde wägte der Kommandant seine Möglichkeiten ab. 
Er aktivierte den Scan, um weitere Informationen zu erhalten. 
Seinen Daten zufolge hatte er den Zugang in ein Labyrinth entdeckt, bestehend aus unzählbar vielen Gängen und Kreuzungen, Kavernen und Durchgängen. Wenn er Glück hatte, könnte er dadurch einen Umweg vermeiden. 
Allerdings war sich Archweyll durchaus bewusst, dass es auch mit einem hohen Risiko verbunden war, in ein unbekanntes Höhlensystem hinabzusteigen.  Doch andererseits… was für eine Wahl blieb ihm denn? Er war drauf und dran hinabzusteigen, als der Scan eine Warnung ausspuckte. »Achtung: Gasförmige Lebensform lokalisiert, unbekannte Auswirkungen auf Scherenpanzer. Gefahrenstufe gelb.« 
»Wenn es weiter nichts ist«, feixte der Kommandant, dann sprang er in das Loch.

                                                                          ***

Nichts wollte funktionieren. Die völlige Finsternis hatte ihre Hoffnung genauso verschluckt wie ihren Anzug. Es war Tamara wie eine Ewigkeit vorgekommen, bis sie endlich auf den Grund gestoßen war. Eine weitere Ewigkeit verharrte sie nun schon hier, in absoluter Stille. 
Die Aussicht, jemand würde kommen, um sie zu holen, schwand mit jeder verstrichenen Sekunde. Ihre Versuche, den Scherenpanzer wieder zum Laufen zu bringen, waren nicht von Erfolg gekrönt gewesen und spätestens nachdem sie versehentlich die Hauptleitung gekappt hatte, gab sie es auf. Tamara war eine Kriegerin, keine Technikerin. Und selbst wenn es ihr eigener Kodex verlangte, niemals aufzugeben, sah sie doch gerade kein Licht, am Ende des wirklich dunklen Tunnels. Ein einziges Mal hatte sie das Licht ihrer Lampe angemacht, um für eine Sekunde nach draußen zu leuchten, nur um sich von dem Anblick, der sich ihr bot, derart zu erschrecken, dass sie sich seitdem nicht mehr getraut hatte. 
Ein wurmähnliches Etwas hatte sich vor ihr durch den Boden gesaugt und ein weiteres war beim Anblick des Lichtes kreischend von einer Anhöhe auf sie hinabgestürzt, hatte aber ohne Schaden anzurichten wieder das Weite gesucht. 
Seitdem vernahm sie überall das Schmatzen dieser Lebewesen und das Wummern ihres eigenen Herzens. Oder bildete sie sich das nur ein? 
Die Schatten um sie herum formten wurmartige Schlangen, die sich förmlich an sie schmiegten.Ihr Gehirn spuckte allerlei grausame Szenarien aus, doch noch gelang es ihr, die Fassung zu bewahren. Für eine Sekunde schloss sie die Augen, nur um in sich zu kehren. Was sie brauchte, war ein Plan. Aber so fieberhaft sie auch einen suchte, derzeit kam ihr nichts in den Sinn, außer abwarten. Und das gefiel ihr gar nicht. Das Geräusch der arbeitenden Würmer wurde immer lauter und langsam ließ es Tamara panisch werden.
»Was zur Hölle ist hier nur los?«, brach es wütend und gleichzeitig ängstlich aus ihr heraus. 
Sie unterdrückte nur mit Mühe eine Panikattacke. Noch nie hatte sie sich so ausgeliefert gefühlt. 
Auf einmal ertönte unter ihr ein knackendes Geräusch. 
Bevor sie registrieren konnte, woher es stammte, brach plötzlich der Boden unter ihr zusammen. Tamaras Anzug fiel einige Meter in die Tiefe und tauchte ein in ein Meer aus sich windenden Leibern. Ein panischer Aufschrei entwich ihren Lippen und verwandelte sich in Sekundenschnelle in ein ängstliches Schluchzen. 
Die Würmer. Sie haben mich untergraben und jetzt kommen sie mich holen. 
Die Lebewesen machten sich daran, den Anzug zu zerlegen. Es würde ihnen zweifelsohne einiges abverlangen, durch das Metall zu kommen, aber Tamara war sich sicher, dass es sich nur um wenige Stunden handeln konnte, bevor sich eines dieser Wesen durch ihren Körper bohrte. 
Ein saugender Rüssel voller spitzer Zacken saugte sich schlürfend an der Frontscheibe fest. 
Schockiert und gleichzeitig angewidert drehte sie sich weg. 
»Arch, wo bist du?«, flüsterte sie, und ihre Stimme war kaum noch mehr als ein Flehen. 

                                                                  ***

Als sein Licht die massiven Höhlenwände überflog, geriet der Kommandant ins Staunen. 
Das Wasser hier unten schillerte wie Öl, in den Farben des Regenbogens. 
Zweifelsohne lag das an dem Gas, das hier unten durch die Kanäle waberte und in konzentrierter Form auftauchte. Allerdings war sein Scherenpanzer so dicht von außen abgeschottet, dass er nicht befürchtete, davon betroffen zu sein. 
Mit einem schnellen Blick versuchte Archweyll sich zu orientieren. Er war in einem Gang gelandet, der in zwei Richtungen führte. Nun würde der Scan ihm den Weg weisen. Schnell eilte er den engen kreisrunden Tunnel entlang, bedacht darauf, seinen Wänden nicht zu nahe zu kommen und stets einen Blick auf die Decke zu behalten. Jede mögliche Öffnung nach oben war ihm willkommen. Doch plötzlich hielt er abrupt inne. 
Dieser Tunnel war viel zu eben und perfekt gerundet, als das die Natur ihn jemals hätte von selbst erschaffen können. Hier hatte sich etwas durch das Gestein gewühlt und es war groß. 
Vorsichtig schlich Archweyll weiter, jeder Muskel in seinem Körper war angespannt, seine Augen weit aufgerissen. Wenn er genau hinsah, erkannte er viele kleine Löcher, die in den großen Tunnel mündeten. 
Hier unten lebt etwas. 
Mit einem Knopfdrücken fuhr er die Klinge aus, die am rechten Handgelenk seines Anzuges verankert lag, und hielt sie eisern umklammert. 
Sollen sie nur kommen. Ich werde sie wärmlichst empfangen.
Er ging leicht in die Hocke, um sich besser auf einen Angriffssprung vorzubereiten. 
Der Tunnel vollzog eine Wendung und in einiger Entfernung erkannte der Kommandant eine Öffnung, die an die Oberfläche zu führen schien. Plötzlich streifte sein Licht einen saugrüsselähnlichen Kopf. 
Kreischend warf sich der Wurm ihn entgegen, ein Geräusch, als würden zwei Kreissägenblätter im wütenden Kampf aufeinandertreffen. Er fuhr seinen Rüssel zu voller Länge aus und eine spitze, mit Dornen besetzte Zunge stieß daraus hervor, um die Panzerscheibe zu durchstoßen. Krachend prallte das Todeswerkzeug davon ab und ließ Archweyll die Zeit, die er brauchte, um anzugreifen. Er sprang nach vorne und rammte das Messer in das, was man einen Kopf nennen könnte. Blut ergoss sich wie dunkelroter Rauch in das Wasser. Die Kreatur war sofort tot. 
Eine rot leuchtende Anzeige und eindringliche Warnsignale erforderten die sofortige Aufmerksamkeit des Kommandanten. Schwer atmend studierte er die Monitore.
»Verflucht!«, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, als ihm bewusst wurde, dass der Angriff des Wurms einen Mikroriss in der Scheibe verursacht hatte. 
»Druckstabilisator aktiviert. Benötigte Energieleistung erreicht kritische Schwelle. Standby«, knisterte es aus dem Lautsprecher.
Archweyll ballte die Hände zu Fäusten. Er hatte seinen Feind unterschätzt. 
Auf einmal vernahm er einen eindringlichen Moschusduft. Noch bevor der Kommandant realisieren konnte, woher er stammte, nahm er aus dem Augenwinkel eine erneute Bewegung wahr, die ihn abermals ablenkte. Er richtete das Messer in die Richtung und ein Knurren entwich seiner Kehle. Der Geruch wurde intensiver. Archweyll merkte, wie sein Sichtfeld sich erweiterte. 
Er spürte die schwere Last des Wassers auf sich ruhen und der Tunnel verzerrte sich zu aberwitzigen Formen. Sein Herz begann zunehmend zu rasen und eine unsagbare Zufriedenheit hüllte ihn in eine daunengleiche Weichheit. 
Das Gas dringt ein, schoss es ihm durch den Kopf wie eine ordentliche Dosis. Erneut registrierte er eine Bewegung vor sich. Ein Schemen steuerte direkt auf ihn zu. Archweyll wischte sich gründlich die Augen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte. 
Tamara kam auf ihn zu geschwommen, ihr flammenrotes Haar wallte in der Strömung und anstelle von Beinen besaß sie eine lange schillernde Schwanzflosse. Ihr Oberkörper war unbedeckt und sie zwinkerte ihm für eine Sekunde ein verruchtes Lächeln zu. 
Kurz bevor sie ihn erreicht hatte, erstrahlte ihr Körper von innen heraus und das Licht tausender Sterne trat aus ihr heraus, verwandelte die Höhle in ein Explosion aus Farben, deren Spektrum sich wieder und wieder in unzählige Fragmente zerteilte. 
Archweyll spürte, wie ihm schwindelig wurde, der Tunnel erglühte in sämtlichen, ihm bekannten Farbvariationen, die sich einem Strudel gleichend um ihn bewegten. Wackelig machte er einen Schritt, dann noch einen. 
Ich muss es aufhalten, sonst wird es mich vernichten. 
Doch schon waren seine Gedanken wieder woanders. 
Sein Vater schwebte vor ihm, eine Flasche in der Hand. Mutter weinte. Dann ertönte ein undefinierbares Lachen. War doch alles gut? Menschen, deren Gesichter er nicht einordnen konnte, summten eine ihm vertraut vorkommende Melodie. Fassungslos ergab er sich dieser eigenartigen Welt. Unendliches Glück und tiefste Trauer erfüllten ihn gleichermaßen, er wollte lachen vor Freude und doch zerriss es ihm das Herz. Warum sollte er nicht ewig hier bleiben? Hier war alles, wie es sein sollte. Der Tunnel vor seinen Augen veränderte sich zu einem grünen Regenwald, der sich im Bruchteil einer Sekunde in glänzendes Glas verwandelte. Plötzlich erschien die Atharymn und segelte hindurch, verwandelte das ansehnliche Kunstwerk in ein Scherbenmeer, welches das Licht unendlich vieler Sonnen reflektierte. Sein Leben schien im Zeitraffer an ihm vorbeizuziehen. 
Er erlebte alles noch einmal: ihre Ankunft auf Nautilon, die schwere Zeit, während die Atharymn nicht einsatzfähig war, die Raumstation, die Leere, die Angst. Seine Beförderung zum Kommandanten zog an ihm vorüber, wie ein einzelnes Standbild, das an eine gewisse Emotion geknüpft war. Freude. Stolz. Weiter.
Er, als kleiner Junge, sein Vater erhob sich über ihm wie ein riesiges Monster. Angst. Hass. Weiter. Seine Mutter, sie lag im Sterben im hiesigen Apothekarium. Der Verlust. Die Leere. Weiter. Archweyll wurde bewusst, wenn er bei null angekommen sein sollte, war sein Leben verwirkt. Dann war er nie da gewesen, denn schließlich hatte es ihn nie gegeben. Archweyll Dorne hatte das Licht dieser Welt niemals erblickt. Emotionen brachen über ihn ein, die er nicht einordnen konnte. Und dann wurde alles schwarz und weiß. Er hatte das Ende erreicht.

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Das Hochzeitskleid

“Schau dir mal den Gast am Tisch hinter dir  an, den mit der Lederjacke, kommt der dir auch bekannt vor?”, flüstert Mira.

Ich drehe mich um und riskiere einen kurzen Blick. “Er sieht aus wie mein Englischlehrer aus der Oberstufe.”

“Ich kenne das Gesicht, kann es aber nicht zuordnen. Egal. Wo waren wir stehengeblieben?” Mira schaut frustriert auf ihren leeren Salatteller.

“Wir waren bei deinem ambitionierten Vorhaben, in zwei Wochen fünf Kilogramm abzunehmen”, antworte ich.

Mir gefällt das ja auch nicht, Sanne. Aber du hättest ihr Strahlen sehen sollen, als ich ihr sagte, ich trage ihr Kleid zu meiner Hochzeit. Ich kann sie einfach nicht enttäuschen. Außerdem ist das Kleid wunderschön. Ich möchte es unbedingt tragen. Es hilft nichts, der Speck muss weg.”

“Dann wirst du wohl noch einige Zeit von Luft und Liebe leben müssen”, antworte ich und widme mich meinen Spaghetti Bolognese. An Miras Gesichtsausdruck erkenne ich, dass ich gerade keine gute Freundin bin. “Tut mir leid Mira. Ich wollte dich nicht zusätzlich runterziehen. Kann ich dir helfen?”

Mira will gerade antworten als sich der Mann mit der Lederjacke zu uns umdreht.

“Entschuldigen Sie, ich habe ihr Gespräch zwangsläufig mitgehört. Ich kann Ihnen Hypnose empfehlen. In nur einer Sitzung verlieren Sie Ihren Appetit und das Fasten fällt Ihnen ganz leicht.”

Ich sehe Miras Augen aufblitzen und auch bei mir fällt der Groschen. Das Gesicht kenne ich von den vielen Plakaten, die überall in der Stadt hängen. Der Mann ist der Hypnotiseur, der damit wirbt, jeden zum Nichtraucher zu machen. Mit Erfolgsgarantie innerhalb eines Monats oder Geld zurück.

“Falls Sie Interesse haben, ich bin  noch drei Tage hier in ihrer schönen Stadt”, sagt er und reicht Mira seine Karte. Sie bedankt sich und läuft dabei rot an. Auch mir ist es peinlich, dass er seine Worte förmlich ins Lokal hineinposaunt. 

Bis ich mit dem Essen fertig bin, tauschen wir nur noch Belanglosigkeiten aus. Normalerweise ist es mir egal, ob mir Fremde zuhören, doch der Mann ist mir unsympathisch und ich fühle mich unwohl mit ihm im Rücken. Erst auf dem Heimweg, ich habe mich bei Mira eingehakt, komme ich darauf zurück.

“Du wirst da doch nicht hingehen wollen, oder?”

Mira zuckt mit den Achseln. “Was soll es schaden? Wenn es nicht hilft, hole ich mir einfach mein Geld zurück.”

“Du bist aber auch selten naiv”, poltere ich los. “Das ist ein Betrüger, der taucht unter und du wirst einen Anwalt brauchen, um an dein Geld zu kommen. Da der Anwalt auch nicht umsonst arbeitet, wirst du  Geld, aber kein Gewicht verlieren.”

“Ach Sanne, ich habe einfach nur Hunger und kann schon gar nicht mehr denken”, flüstert Mira so leise, dass ich meine Ohren spitzen muss um sie zu verstehen. Wir sind bei Mira angelangt. Eine Idee steigt in mir auf.

“Kann ich mir das Prachtstück einmal ansehen?”, frage ich.

“Natürlich. Ich habe es letzte Woche schon abgeholt, es muss ja noch in die Reinigung.”

Wir gehen nach oben in Miras kleine Dachwohnung. Das Kleid hängt am Fenster und es ist wirklich wunderschön.

“Ich verstehe dich jetzt, Mira. Das ist ja ein Traum von einem Kleid.”

Mira nickt. “Genau so etwas hätte ich mir gekauft, hätte ich es mir leisten können. Ich muss es einfach schaffen, mich da reinzuhungern.”

Ich schlage den Rock hoch und sehe mir das Innenleben des Kleides an.

“Mira, die Nähte sind auf Zuwachs gemacht. Du kannst locker an beiden Seiten zwei Zentimeter rauslassen.”

Sie schaut mich erst ungläubig an. Dann überzieht ein breites Grinsen ihr komplettes Gesicht.

“Komm, wir gehen nochmal essen”, sagt sie und zieht mich aus der Wohnung.”

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Gottes Hammer: Folkvang XV

Es waren Jahrzehnte vergangen, seit Azrael dieses Gesicht erblickt hatte. Dennoch erkannte er es sofort wieder. Die unverwechselbaren, fein geschnittenen Züge, die denen seines Vaters glichen, der leicht schmunzelnde Mund, die zusammengekniffenen Augen, in denen sich überwältigende Kühnheit mit lodernder Entschlossenheit paarte … es konnte kein Zweifel bestehen. Auch wenn die Zeit sein Haar gebleicht und seine Züge erweicht hatte, vor ihm stand sein totgeglaubter Bruder Seimos von Astaval.

Azrael taumelte. Er hörte, wie Malfegas aufkeuchte und wandte sich zu Velis um. Die Dämonin wich seinem Blick aus. Hatte sie etwa von Medardus’ wahrer Identität gewusst?

Seimos schien seine Gedanken zu erraten. „Gib nicht ihr die Schuld. Ich habe ihr meine Identität nie enthüllt. Zumindest nicht bewusst.“ Er trat einen Schritt näher und breitete seine Arme aus. „Teshin! Es ist so schön, dich wiederzusehen! Du hast dich kaum verändert!“ Ein Anflug von Spott begleitete die Worte.

Azraels Herz raste. Die Konfrontation verlief entschieden anders, als er geplant hatte. Er räusperte sich, um Zeit zu gewinnen. Er durfte keinesfalls die Fassung verlieren.

Du hast gesagt, du hättest die Denomination betrogen“, hob er an, ohne auf Seimos’ rührselige Worte einzugehen. „Aber allerorts spricht man von deiner Tapferkeit und Tugend. Und davon, dass du der erfolgreichste Hexenjäger seit Erzbischof Drogans Zeiten bist.“ Er konnte die Bitterkeit nicht aus seiner Stimme verbannen. „Weißt du, was Leute wie Esben deinetwegen durchmachen mussten?“

Seimos ließ die Arme sinken und das angedeutete Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. Trauer furchte seine Miene. Er musste bereits ein Greis gewesen sein, als sich die Verwandlung zum Dämon vollzog. Azrael konnte kaum glauben, dass ein geachteter alter Mann, noch dazu ein von der Denomination unterstützter Kleriker, willentlich einen solchen Pfad beschritt.

Kurz herrschte Totenstille. Nur das Krächzen einiger ferner Navali erklang auf der Lichtung. Nicht zum ersten Mal fragte sich der Dämonenkönig, ob sie trotz Halgins Abwesenheit ihre besondere Intelligenz beibehalten hatten.

Schließlich seufzte Seimos und schüttelte den Kopf, so als wollte er eine unangenehme Erinnerung verscheuchen. „Glaube mir, ich habe es nicht gern getan. Im Gegenteil. Aber was hätte ich sonst tun sollen? Das Volk glaubt an Hexen. Es schreit nach deren Blut. Die Menschen wollen Sündenböcke und sie wollen sie leiden sehen. Sie verstehen das Konzept von Magie nicht und erzählen sich stattdessen Geschichten von alten Weibern, die Unzucht treiben und mit ominösen Zaubertränken das Wetter beeinflussen. Wenn wir ihnen die Entscheidung überließen, wer zu verbrennen und wer zu verschonen ist, wie lange würde es dauern, bis allüberall Selbstjustiz herrscht? Es wäre wieder wie zu Beginn des Krieges, als falsche Hexenjäger die Städte terrorisierten und vor nichts Halt machten, um ihr Vermögen zu mehren.“

Dennoch!“ Azrael hob die Stimme. Er fühlte, wie seine Fäuste zu zittern begannen. „Du hast Unschuldige getötet! Du hast sie bei lebendigem Leib den Flammen übergeben!“

Seimos zuckte zusammen, so als hätte ihn jemand geschlagen. Aber im nächsten Moment kehrte die Sicherheit in seinen Blick zurück und er atmete tief durch.

Teshin … oder soll ich dich Azrael nennen? Wie stellst du dir einen Helden vor?“

Azrael bedachte seinen Bruder mit einem wütenden Blick. „Du weißt, was ich vorhabe. Ich betrachte denjenigen als einen Helden, der die Herde behütet und sie zähmt, der sie beherrscht und im Zaum hält. Er soll ihre Aggressionen nicht stützen, sondern ausmerzen!“

Der Anflug eines Lächelns entstand auf Seimos’ Gesicht. Doch diesmal schlich sich Verzweiflung in seine roten Augen. „Du wirst schon bald merken, dass das nicht möglich ist. Wer auch immer den Menschen erschaffen hat, er hatte einen sehr eigenartigen Sinn für Humor. Wir werden stets Hass und Wut empfinden und stets ein Ziel für beides brauchen. Ich gebe den Menschen ein Ziel, aber ich sorge dafür, dass ihre Wut kontrolliert zu Tage tritt und den kleinstmöglichen Schaden anrichtet. Ja, ich bin ein Mörder. Ja, ich bin ein Sünder. Aber letztlich bin ich auch ein Heiland, denn ich nehme die Sünden der Menschen auf mich. Ich werde zur Personifikation der Sünde, ich schlachte für die Menschen, ich bin das grauenerregende Idol des Hasses. Wenn die Leute verstehen, was sie wahrhaftig getan haben, wenn ihnen wirklich klar wird, dass sie eine unschuldige junge Frau dazu verdammt haben, unter grässlichen Qualen auf dem Scheiterhaufen zu sterben, während sie sich die schmelzende Lunge aus dem Leib brüllt, … ja, dann bin ich hier, um zum Sündenbock zu werden. Glaube mir, es gibt nichts, was ich mehr begehre.“

Azrael schwieg, während er die Worte sacken ließ. Er betrachtete Seimos genau. Sein Bruder musterte ihn mit der überwältigenden Sicherheit eines Mannes, der mit seinem Gewissen vollkommen im Reinen war. Seimos schien nicht daran zu zweifeln, das Richtige getan zu haben.

Bist du deshalb ein Dämon geworden?“, fragte Azrael leise.

Seimos neigte zustimmend den Kopf. „Mein Platz ist nicht im Himmel. Ich muss hier sein, auf der Erde. Ich muss den Menschen ein Feind und ein Heiliger sein, um ihre Ausschreitungen zu überwachen. Das ist mein Lebenszweck. Aber ich habe auch noch einen anderen.“ Er atmete tief durch, bevor er weitersprach. „Teshin, ich bin nicht deinetwegen nach Hornheim aufgebrochen. Ich bin hier, um den Dämonenkönig zu erschlagen.“

Azrael schüttelte verwirrt den Kopf. Scherzte sein Bruder? „Ich bin der Dämonenkönig, Seimos!“

Der Inquisitor schüttelte den Kopf und trat einen Schritt vor. Seine roten Augen loderten wie blutige Flammen.

Ich spreche vom wahren König. Von Irodeus.“

Kurz herrschte Stille. Dann brach Malfegas plötzlich in nervöses Gelächter aus. Rauch stob aus dem Maul des monströsen Löwen.

Du bist zu spät gekommen, Medard – … ich meine, Seimos!“, rief er. „Wir haben ihn längst erledigt!“

Azrael nickte. „Seimos, ich weiß, du hast vor vierzig Jahren gegen Irodeus gekämpft und Velis befreit. Du hast ihn damals nur versiegelt, das ist richtig. Irodeus’ Seele ist danach in den See Sökkvar geflohen, aber ich habe ihn vor einigen Monaten vernichtet. Er ist nicht mehr.“

Nun war es an Seimos zu lachen. „Hat dir Berith das erzählt? Ich fürchte, du wurdest in die Irre geführt.“

Azrael straffte sich. „Wie meinst du das? Ich habe deutlich gespürt, wie Irodeus’ Seele von dieser Welt verschwand!“

Ja, ein Teil von Irodeus’ Seele“, entgegnete Seimos. „Der andere Teil befindet sich in Esbens Buch.“

Azrael starrte Seimos schockiert an. Er fühlte Übelkeit in sich aufsteigen. „In Androgs Folianten? Aber …“ Seine Gedanken rasten. „Esben war doch in deinem Lager! Wieso hast du nicht … ?“

Seimos schüttelte den Kopf. „Glaubst du, ich wollte Irodeus mitten im Lager bekämpfen? Du wirst es nicht wissen, aber die glorreichen Tage der Tempelsöhne sind vorbei. Könnten sie den Dämonenkönig besiegen? Wahrscheinlich. Würde es viele Opfer geben? Mit Sicherheit. Ich habe zugelassen, dass Esben betäubt und nach Hornheim entführt wird, weil ich wusste, dass Berith sich diese Chance, seinen wahren Meister wiederzubeleben, nicht entgehen lassen würde. In Kürze wird Irodeus wiederauferstehen und dann müssen wir beide, du und ich, zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Berith ist absolut loyal! Er würde doch niemals diesen Verrückten …“

Nicht? Vergiss nicht, unter Irodeus genoss jeder Dämon vollkommene Freiheit. Berith konnte forschen und Sitraxa konnte foltern. Aber dann bist du gekommen und hast Ordnung in das Chaos gebracht.“ Seimos seufzte. „Nicht wahr, Malfegas?“

Der Löwe wirkte nun nicht mehr amüsiert. Sein schlangenartiger Schwanz peitschte wild umher.

Es ist wahr“, knurrte Malfegas. „Freiheit ist Berith wichtiger als alles andere.“

Azrael schüttelte den Kopf. „Ich verstehe nicht. Gerade ein akurater Gelehrter wie er …“

Seimos lächelte. „Wissenschaft und Kunst können mit Einschränkungen nun einmal nicht florieren. In deiner absoluten Gottesmonarchie ist kein Platz für Visionen, Bruder.“

Azrael setzte zu einer wütenden Erwiderung an, als sich plötzlich eine unheilige Präsenz erhob. Er schnappte nach Luft und fasste sich an die Brust. Sein Herz schien von eiskalten Klauen zerrissen zu werden.

Es ist Zeit, hauchte die Stimme in seinem Kopf hämisch.

Mit einem Mal kannte Azrael ihre Herkunft.

Du! Wieso lebst du noch? Ich habe dich vom Antlitz dieser Welt gebrannt!, rief er in Gedanken verzweifelt.

Man kann Feuer nicht mit Feuer bekämpfen. Das ist nur eine der zahlreichen Lektionen, die du noch lernen musst.

Azrael griff mit zitternden Fingern nach Murakama. Ehe er die Klinge aus der Scheide befreien konnte, begann die Erde zu beben.

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Esben schlief. Friede umhüllte ihn wie ein seidenweiches Leichentuch. Kein Traum suchte ihn heim. Keine Erinnerung knechtete ihn. Er besaß das Privileg, allein und ohne Bürde im Nichts zu existieren.

Mit einem Mal spaltete ein Lichtstrahl sein Bewusstsein. Bilder erfüllten Esbens Verstand. Er sah seine Schwester, die frommen Gesichter seiner Gemeinde in Aminas, Teshin und Saskia auf ihren Eseln, den Inquisitor Medardus und schließlich die unerbittlichen Schreie der wütenden Menge. Er sah den ketzerischen Folianten, Halgin und Iliana, den Eingang Hornheims, Sitraxas Kerker und Velis’ schreckliches Herzogtum. Das Lager der Tempelsöhne und Azraels Hölle folgten. Und am Schluss stand der Schmerz der Erkenntnis, dass es nie Frieden geben konnte. Das Bild, als Azrael ihn mit Murakama durchbohrte, ließ ihn erbeben.

War er tot? Befand er sich auf dem Prüfstand oder wurde er gerade in die Hölle geworfen? Verwandelte er sich in diesem Moment in einen Dämon?

Ehe er den Gedanken zu Ende geführt hatte, fühlte er ein verführerisch glimmendes Licht am Rande seines Bewusstseins. Obwohl er es nicht sah, spürte er die warme rote Farbe und fühlte sich von ihr angezogen. Ohne ein Gefühl für den Raum zu besitzen, kam er dem Licht näher und streckte etwas aus, das einem Arm wohl am nächsten kam. Ungeahnte Macht durchströmte ihn.

Doch plötzlich hauchte ihm eine Stimme ein Wort ins Ohr. „Nicht!“

Esben kannte sie. Er hatte sie vor langer Zeit gehört.

Wie auf Befehl ließ er von dem roten Licht ab. Sein verführerisches Glimmen erschien ihm nun heuchlerisch und voller Niedertracht. Dort wartete nur ein Leben voller Hass und Gewalt auf ihn.

Stattdessen begab er sich zu der Stimme und ehe er sich versah, erwachte er.

Das Gefühl kehrte nur langsam in seine schmerzenden Gliedmaßen zurück. Mühselig setzte sich Esben auf.

Er befand sich in einer kreisrunden Halle ohne Wände. Prächtige Säulen stützten eine vielfach verzierte Decke. Fresken stellten einen Kampf zwischen Engeln und Dämonen dar. Er glaubte, darin eine Szene aus dem Epilog von Sankt Esbens Bußlehre zu erkennen.

Ein Windstoß fegte durch die Säulen und Esben erschauderte. Nicht wegen der Kälte, sondern aufgrund der überwältigenden Präsenz, die vor ihm stand.

Eine hochgewachsene Frau in einem Harnisch aus Mondlicht mit gespreizten Flügeln war in der Mitte der Säulenhalle aufgetaucht. Sie stand vor einem einsamen Thron, auf dem eine einzelne Feder ruhte, und musterte Esben lächelnd.

Esbens Beine zitterten, als er sich langsam erhob. Er kannte die Frau.

Saskia?“

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Leben im Meer

Tag für Tag gehe ich die Straße entlang. Baustellenlärm umhüllt mich. Ich sehe den tristen Backsteinhäusern dabei zu, wie sie die Segel setzen und sich stetig weiter in Schwindel erregende Höhen hinauf schrauben. Stets sind die Menschen bestrebt darum, den höchsten Punkt der Stadt für ihre Beobachtungszwecke zu nutzen. Es ist ein Privileg, die sich aneinander brechenden Wellen aus Stein und Stahl, die wild spritzende Gischt von Menschen und Autos sowie die ewig grollende Geräuschkulisse der lebendigen Stadt aus sicherer Entfernung zu betrachten. Über immense Höhen durch unzählige Stockwerke gefiltert, ist kaum noch etwas von den Ausmaßen der aufeinanderprallenden Ungetüme zu hören, die hier im endlosen Meer der Großstadt ihren jahrhundertealten Zwist miteinander austragen.
Ich war noch nie dort oben in den Wolken, von wo aus dieses staubaufwirbelnde Wirrwarr lediglich zu beobachten ist. Ich bin hier unten, eigentlich schon immer. Dennoch bin ich nicht traurig darum, da mich die tosenden Gewalten selten noch mit Angst und Schrecken erfüllen. Sie wüten in blinder Raserei die Straßen entlang und doch bin ich froh, sie mit ihren eigenen Konflikten beschäftigt zu sehen. Denn wenn ich auf meinem Heimweg den ewigen Kampf beobachte, der so vollkommen in sich verstrickt, nicht ein einziges Mal zu mir aufsieht und mich schlicht nicht bemerkt, erinnere ich mich des Öfteren an andere Zeiten.

Damals war ich noch ein junges Mädchen, unfähig, die Gewaltigkeit um mich herum zu begreifen, unmündig, gehetzt, nach Sicherheit und Frieden lechzend. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie noch vor mir: laut miteinander zankend, in solch ungeheuerlicher Wut ineinander verbissen und gekrallt, durch die Straßen tobend, ohne ein Ende zu sehen, ohne sich loszulassen, ohne zu vergeben.
Hass floss durch die Stadt, vergiftete Gischt und Herzen, nistete sich ein, erfüllte die Luft, kontaminierte selbst den letzten Aufrechten mit schaurig fauligem Atem. Nichts und niemand konnte fliehen. Wie durch Marionettenfäden geführt, entwickelte sich ein grausiges Schauspiel, das die Meereswasser mit dem Anblick der Zerstörung und des Todes färbte.
Die Tränen, die ich und die anderen Verlorenen in die brüllenden Strudel weinten, wurden sofort blutrot, unfähig, der bereits verdorbenen Flüssigkeit Mitgefühl beizumischen.
 
Heute begebe ich mich gerne auf die belebten Straßen. Nach einem langen Tag genieße ich es, nachhause zu spazieren, hier und da stehen zu bleiben und mein rotes Kopftuch zurechtzurücken, das ich zu meinem Schutz trage. Sollten sich einmal die Wassermassen schlagartig ändern und mich mitreißen, werden mich die Gaffer dieses Mal nicht von oben erkennen. Die grollende Welle wird mich mitnehmen, mich entweder ertränken, oder mich leben lassen. Habe ich doch zu lange Zeit auf Hilfe von oben gehofft, mich nach starken Händen gesehnt, die sich mir, durch die Wasseroberfläche drängend, geöffnet darboten. Ich wünschte, sie als rettenden Anker zu ergreifen und mich zu ihnen herauf zuziehen, in das abgeschottete Nichts der Höhe, die unberührt und trocken keinerlei Gefahren barg.
Schmerzlich sticht mich die Erinnerung an weit aufgerissene Augen, zusammengepresste Münder, die ihre Hände fest hinter dem Rücken verschränkt, dort oben verweilten, und keine Anstalten machten, ihr Exil zum Teilen anzubieten. Wie sehr beweinte ich mein dunkles, langes Haar, das sich klar abzeichnete, sich, wild um meine Ohren peitschend, in den speienden Fluten kräuselte. Schmerz, Enttäuschung und Angst bündelten sich in der niederschmetternden Erkenntnis, dass ich mein Elend ertragen musste, alleine, ohne Hilfe, wie ein Ausstellungsstück im Museum. Hinter dickem Glas, um die wütenden Gewässer nicht zu den Zuschauern hindurchzulassen, beobachteten sie meinen Überlebenskampf. Gerührt, manche von ihnen indifferent, andere gelangweilt, alle jedoch untätig verharrend ob der Möglichkeit, die Geschichte zu ändern. Das passive Kollektiv hatte mir den Lebensfunken genommen, einfach so, gestohlen und als wertlos ausrangiert. Diese schweigende Gemeinschaft, der Grund, weshalb das Wasser erst in derart unwirtliche Höhen ausschlagen konnte, ließ die Hoffnungslosigkeit Einzug halten und schmerzte mich in dieser ohnehin dunklen Zeit auf grausamste, unmenschliche Weise.
Heute trage ich es, das rote Kopftuch. Das mich unsichtbar macht, mich ohne wallendes Haar durch die blutigen Ströme irren, mich ungesehen und unbemerkt verschwinden lässt, ohne Aussicht auf Rettung. Ohne Hoffnung, die, einst bitter enttäuscht, den sicheren Tod für mich bedeutete, ließe ich sie ein zweites Mal aufglimmen. An der Wurzel reiße ich die Zuversicht in jene dort oben jeden Tag erneut aus der Erde, bis ich sicher bin, dass kein Körnchen mehr ein Nachwachsen bedingen, dass es auf immer fort ist und nie wiederkehren kann. Mein Kopftuch fest auf dem Haupt, blutrot und scheußlich, lässt mich ohne Angst vor dem, was noch kommen kann, die friedlichen Tage genießen.
 
Ich wende mich nach links und betrete den schmalen gepflasterten Weg, aus dessen Ritzen grün lebendige Pflanzen hervorschauen. Ich lächle und schüttele meine Gedanken an die Vergangenheit ab. Erleichtert sauge ich klare Luft ein, die von den Bäumen in meinem Garten gefiltert und fein durch meine Lungen fährt wie die leibhaftige Erlösung. Die Haustür ist klein und unscheinbar, doch sie verbirgt eine Oase der Ruhe und Harmonie.
Ich öffne die Tür und entgegen schwappen mir zwei Enkelkinder, die schon zappelig darauf gewartet haben, mich endlich wieder in ihre Arme schließen zu können. Meine Tochter und ihr Mann bereiten, sich verliebt neckend, in der Küche das Abendessen zu.
Mein Mann sitzt in seinem Schatten vor dem Kamin und blickt ins Feuer, das das kühle Nass für diesen Moment noch von ihm fernhält. Auch wenn er es möchte, kann er zunehmend weniger die Haustür hinter sich schließen. Ich bin dankbar dafür, dass ich das noch kann. Von ganzem Herzen lachend begrüße ich ihn mit einem Kuss auf die Stirn und folge den Kindern, den für sie unsichtbaren Schatten noch einmal abschüttelnd, um ihre neu gebaute Höhle ehrfürchtig zu bestaunen. Das Abendessen schmeckt köstlich, gerade so, als seien alle Zutaten aus dem süßesten Zucker. Hier möchte ich sein. Zuhause.
Oftmals bemerke ich die gewaltigen Wogen an unseren Fensterläden vorbeiziehen, spüre die Blicke aus unbedrohter Höhe auf mir und erkenne die Angst fadenscheinig anklopfen, heuchlerisch lächelnd, wohl wissend, dass ich gegen ihr Eintreten machtlos bin. Dann versuche ich mich abzulenken, mich mit den Kindern in einem Buch zu verlieren oder mich mit meiner Tochter in einem langen Gespräch zu amüsieren.
Bin ich jedoch ganz allein und nähere mich dem Sessel vor dem Feuer, der bald schon nur noch eine dunkle, leere Hülle beherbergt, dann erinnere ich mich an mein Kopftuch, das an einem Haken neben der Haustür aufgehängt, hier drinnen zuweilen einem nutzlosen Gegenstand glich, der mit wachsender Hoffnung an Wert verlor… und dann bin ich sicher, dass ich den einen Schatz besitze, der mich aus den Tiefen des Meeres nach dort droben hinauflächeln lässt.

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Korrekturen 21

21.Teil – Das Treffen (3/3)

»Was zum Teufel …«, entfuhr es Gunter, »wie fliegt denn dieser Irre?«
Im nächsten Moment schlug die Maschine in ihrer unmittelbaren Nähe ins Gebäude ein. Es konnte nur wenige Räume von ihnen entfernt sein. Das gesamte Gebäude schien zu vibrieren. Ein Teil der Deckenverkleidung stürzte herab, verletzte jedoch niemanden.
»Kann das ein weiterer Angriff von Thoben sein?«, fragte Thomas.
»Das ist eigentlich nicht möglich«, meinte Khendrah, »ich frage mich auch die ganze Zeit über, was das für eine Flugmaschine war. Ich kann mich nicht erinnern, so einen Flieger in den Aufzeichnungen dieser Zeit gesehen zu haben.«
»Dieser Zeit?«, echote Gunter, »Sie stammen aus einer anderen Zeit?«
Khendrah sah ihn ernst an, sagte jedoch nichts.
»Dann stimmt es also tatsächlich«, stellte Gunter fest.
Er hatte eine ungemein schnelle Auffassungsgabe.
»Jetzt verstehe ich auch, dass Sie mir nichts erzählen dürfen«, sagte er, »Sie kommen aus der Zukunft und sollen mich retten. Ist das richtig?
»Na gut«, gab Khendrah nach, »es wird nicht schaden, wenn ich Ihnen diese Kleinigkeit erzähle. Thoben wird von einem unserer Leute beraten, der abtrünnig geworden ist und nun eigene Ziele verfolgt. Er besitzt gewisse Kenntnisse über die relative Zukunft der nächsten Jahre. Um seine Ziele durchzusetzen, muss er Sie beseitigen lassen. Er hat Thoben davon überzeugt, dass er sie jetzt und hier ausschalten muss. Glücklicherweise erhielten wir Kenntnis davon und konnten seine Pläne durchkreuzen.«
»Aber, wenn er die Zukunft kennt, wird er immer wieder einen Schritt voraus sein und mich erledigen können«, meinte Gunter.
»Nein, denn wir haben seine Pläne durchkreuzt und somit die Zukunft bereits jetzt verändert. Seine Kenntnisse nutzen ihm nichts mehr. Er müsste zurückkehren und die Veränderung studieren, doch dieser Weg ist ihm für alle Zeiten verschlossen, beziehungsweise wir werden ihn verschließen.«
Ein Lärm im hinteren Teil des Raumes ließ sie aufhorchen. Khendrah und Thomas fuhren herum und sahen gerade noch, wie eine breite Tür aufgestoßen wurde. Es war hell im Hintergrund, doch verhinderten dicke Rauchschwaden, die Sicht auf den Raum hinter der Tür. Zwei menschliche Schatten tauchten daraus auf und betraten den Raum.
»Das ist Fancan!«, rief Thomas, »pass’ auf Khendrah!«
Khendrah war bereits in Deckung gegangen und hatte ihre Waffe gezogen.
»Gunter, gehen Sie sofort in Deckung«, sagte sie, »wir kennen diese Leute.«
Khendrah zielte locker in Richtung der beiden Neuankömmlinge und drückte ab. Ein Teil der Wand neben der Tür verschwand. Fancan und Giwoon hatten sich bereits mit einem Hechtsprung in Sicherheit gebracht.
»Khendrah!«, rief Fancan, »Nicht schießen! Wir wollen dich nicht töten!«
»Das soll ich dir glauben?«, fragte Khendrah, »Nach den Ereignissen im Jahre 2008? Wer ist das bei dir? Ein neuer Killer?«
»Khendrah bitte!«, rief Fancan, »Wir müssen reden – und ich meine reden. Ich werde mich jetzt erheben und meine Waffe fortwerfen. Bitte schieß’ nicht mit dem Anihilator auf mich.«
»Ist das ein Trick?«, fragte Khendrah, »Ich weiß genau, dass du den Auftrag hast, mich und Thomas zu liquidieren. Wie hast du mich überhaupt gefunden?«
Fancan erhob sich zögernd mit erhobenen Händen hinter einigen Schranktrümmern. Deutlich sichtbar warf sie ihre Waffe in den Raum.
Khendrah erhob sich nun auch, behielt aber ihre Waffe im Anschlag.
»Wo ist der Andere?«, fragte sie, »Ich will, dass auch er sich erhebt und seine Waffe wegwirft.«
»Giwoon, du kannst ihr trauen«, sagte Fancan, »tue, was sie sagt.«
Plötzlich tauchte ein Mann an einer Stelle auf, an der Khendrah nicht damit gerechnet hatte. Sie schluckte. Er hätte sie durchaus überrumpeln und töten können, hatte es aber nicht getan. Der Mann hielt ihr seine Handflächen entgegen und sagte mit sonorer Stimme:
»Ich bin nicht bewaffnet.«
»Ein Killer, der nicht bewaffnet ist?«, fragte Khendrah, »Für wie dumm hält mich die oberste Behörde eigentlich?«
»Khendrah«, sagte Fancan, »die Dinge haben sich gewaltig verändert. Giwoon ist kein Killer. Er war im Rechenzentrum des 6000. beschäftigt – so dachte ich wenigstens. Er ist mein Freund.«
Khendrah starrte ungläubig zwischen den Beiden hin und her.
»Du willst mir also weismachen, dass du eine Beziehung zu einem Mann innerhalb der Behörde hattest? Unbemerkt von allen?«
Sie machte eine Bewegung mit der Waffe.
»Kommt her!«, befahl sie, »Die Hände bleiben schön oben, damit ich sie sehen kann.«
Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete sie jede Bewegung der Beiden. Im Falle einer falschen Bewegung hätte sie nicht gezögert, von ihrer Waffe Gebrauch zu machen.
»Auf die Knie!«, befahl sie weiter, »Die Hände hinter den Kopf!«
»Sag’ Khendrah, was hast du vor?«, fragte Thomas, dem die Situation nicht gefiel.
»Das weiß ich auch noch nicht«, antwortete sie, »aber jetzt will ich Antworten.«
»Mein Name ist Giwoon«, sagte der Mann ruhig, »ich arbeitete zum Schein als Techniker in der Jahresstation 6000. Dort lernte ich auch Fancan kennen, die wegen einer Recherche in unsere Station kam. Ich verliebte mich sogleich in sie und ich denke, ihr ging es genauso.«
»Wie romantisch«, sagte Khendrah ironisch, »und jetzt will dieses nette Pärchen und auslöschen, was?«
»Das ist doch Blödsinn!«, ereiferte sich Fancan.
»Lass’ mich weitererzählen, Fancan«, bat Giwoon, »du bist mir zu emotional. Also ich gehöre ursprünglich nicht zur Behörde, denn ich stamme aus einer Zeit weit in der Zukunft, weit jenseits des Jahres 8000. Ich stamme aus dem einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das, …das … das ist nicht möglich«, sagte Khendrah, »es ist nie gelungen, die Grenze um das Jahr 8000 zu überschreiten. Die Zeit verändert dort ihren Charakter und ist für Zeitreisen nicht mehr verwendbar.«
Giwoon grinste.
»Das solltet ihr glauben«, sagte er, »damit wir in Frieden leben können. Wir haben eine Sperre installiert, die euch daran hindert, bis zu unserer Zeit vorzudringen. Doch wir mussten lernen, dass auch das nicht ausreicht, eure dilletantischen Zeitmanipulationen von uns fernzuhalten. Ich habe Fancan mit in meine Zeit genommen, um ihr zu zeigen, wie wichtig es ist, etwas gegen eure oberste Behörde zu unternehmen.«
»Das sind doch Märchen!«, brauste Khendrah auf.
»Nein, es stimmt alles!«, rief Fancan, »Wir sind mit einem Slider in Giwoon Zeit gestartet, um euch hier zu treffen. Im einhundertzwölften Jahrhundert ist man äußerst exakt darüber informiert, was in der Zeit vorgeht. Wir sollen euch hier treffen und mitnehmen.«
»Mitnehmen? Wohin?«
»Könnten wir uns darauf einigen, dass wir nicht beabsichtigen, euch zu schaden?«, fragte Giwoon, »Meine Arme schlafen allmählich ein. Fancan und ich sind unbewaffnet und haben wirklich nicht vor, euch anzugreifen oder gar zu töten.«
Zögernd ließ Khendrah ihre Waffe sinken.
»Gut, steht auf«, sagte sie, »aber ich werde meine Waffe schussbereit halten.«
Fancan lächelte.
»Du warst immer schon die professionellere Agentin von uns beiden, nicht wahr? Wir waren Freundinnen, Khendrah. Wir sollten uns nicht mit der Waffe in der Hand gegenüberstehen.«
»Ach ja?«, fragte Khendrah verächtlich, »Ist mir etwas entgangen, als du uns an der Bushaltestelle aufgelauert hattest? Wer hatte denn dort eine Waffe in der Hand?«
»Es war ein Auftrag, Khendrah«, sagte Fancan, »du kennst doch das Spiel. Du hast es doch lange genug selbst gespielt. Ich hatte doch keine andere Wahl, als zu glauben, du wärst schuldig und müsstest liquidiert werden.«
»Darüber kann man geteilter Meinung sein!«, brauste Khrendrah auf.
»Khendrah!«, fuhr Fancan sie an, »Jetzt mach’ ‘mal einen Punkt! Tue jetzt bitte nicht so, als hätten wir in der Vergangenheit die Befehle und Anweisungen unserer Vorgesetzten hinterfragt! Wir bekamen einen Auftrag und führten ihn aus. Fertig! Genauso war es auch bei meinem Auftrag, dich zu liquidieren.!«
»Und was bringt dich auf einmal zum Nachdenken?«, wollte Khendrah skeptisch wissen.
»Giwoon und seine Mutter haben mir die Augen geöffnet«, sagte Fancan, »sie haben mir gezeigt, was unsere Behörde durch ihre Arbeit angerichtet hat und noch immer anrichtet. Khendrah, ich will dich nicht töten – ich will wieder mit dir zusammenarbeiten.«
Man konnte es Khendrah ansehen, dass sie angestrengt nachdachte.
»Du hast dich doch auch schon von deinen früheren Idealen gelöst«, fuhr Fancan fort, »du solltest deinen Freund hier liquidieren. Statt dessen ziehst du nun mit ihm zusammen los und startest auf eigene Faust Missionen, für die du überhaupt nicht autorisiert bist.«
Khendrah warf Thomas einen Seitenblick zu.
»Das verstehst du nicht, Fancan«, sagte sie, »die Dinge haben sich geändert. Mein Auftrag war ungesetzlich. Er war von einem Vorgesetzten erteilt, der eigene Interessen verfolgte. Das muss ich mit allen Mitteln bekämpfen. Das ist meine Pflicht.«
»Mach’ dir doch nichts vor«, sagte Fancan, »würde dir heute jemand sagen, der Auftrag wäre doch rechtmäßig. Würdest du deine Waffe ziehen und Thomas töten?«
Der entsetzte Ausdruck in Khendrahs Gesicht sprach Bände.
»Nein, das würde ich nicht tun«, sagte sie.
Sie blickte Thomas erneut an.
»Ich könnte es nicht. Ich liebe ihn.«
»Na bitte«, sagte Fancan, »endlich bist du einmal ehrlich.«
Gunter Manning-Rhoda, der die ganze Zeit über versucht hatte, diese verrückte Situation zu verstehen, fragte:
»Dürfte ich vielleicht erfahren, was hier eigentlich gespielt wird?«
»Das dürfen Sie nicht!«, riefen Khendrah und Fancan wie aus einem Mund. Sie blickten sich überrascht an, hielten einen Moment inne und brachen dann in schallendes Gelächter aus.
Gunter wandte sich verärgert an Giwoon, doch auch dieser war nicht bereit, mehr dazu zu sagen.
»Sie haben bereits mitbekommen, dass wir Zeitreisende sind. Das ist mehr, als sie eigentlich erfahren durften. Sprechen Sie in Ihrem eigenen Interesse bitte niemals darüber. Führen Sie Ihren Wahlkampf weiter, wie bisher und gewinnen Sie die Wahl. Damit wäre allen gedient.«
»Aber Herwarth Thoben und die PEV?«, wandte Gunter ein.
»Das Problem werden Sie als Regierungschef sicher lösen können«, sagte Giwoon mit süffisantem Lächeln.
Sie wurden unterbrochen, als eine Gruppe der örtlichen Polizeikräfte durch die Tür vom Flur hereinstürmte.
»Keine Bewegung!«, brüllte einer der Polizisten und hob seine Waffe, »Legen Sie sofort Ihre Waffen nieder!«
Khendrah, Fancan, Giwoon und Thomas starrten die in den Raum drängenden Polizisten schweigend an. Es war ihnen klar, dass es höchste Zeit war, von hier zu verschwinden. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis nach diesem Kampf und dem dadurch verursachten Lärm Sicherheitskräfte auftauchen würden.
»Wir werden uns jetzt zurückziehen«, flüsterte Giwoon Gunter zu, »bitte lenken Sie die Leute dort etwas ab.«
Gunter sah in fragend an.
»Bitte«, flüsterte Giwoon, »wir müssen verschwinden und wir wollen nicht noch gegen Polizisten dieser Zeit kämpfen müssen.«
Gunter nickte unmerklich.
»Gut, dass Sie kommen, meine Herren!«, rief er den Polizisten zu, »Ich bin Gunter Manning-Rhoda und mir galt der Angriff durch diese Attentäter.«
Er deutete auf die herumliegenden Leichen.
Die Beamten betrachteten die Szenerie. Sie waren eine Menge gewohnt, doch das, was sie sahen, brachte auch sie aus der Fassung.
Fancan hatte bereits unmerklich ihren Nihilator auf den Boden zu ihren Füßen gerichtet und löste ihn aus. Ohne ein Geräusch löste sich der Boden auf und gab den Blick in das Stockwerk darunter frei. Sie gab ein Zeichen und die Vier sprangen durch das Loch im Boden in die untere Etage.
Die Bewegung blieb den Beamten nicht verborgen und einer der Männer schoss, doch es war zu spät.
Die Vier hatten Glück, dass der Raum unter Gunters Suite leer stand, so wurden sie nicht weiter aufgehalten.
»Los, weiter«, drängte Giwoon, »sie werden sicher nicht lange zögern, uns zu folgen.«
Als er mit Khendrah und Thomas den Ausgang des Raumes erreicht hatte, sah er, dass Fancan ihnen nicht folgte.
»Fancan, was treibst du da?«, fragte er, »Wir müssen hier weg. Wir sind erst sicher, wenn wir den Slider erreicht haben.«
»Ich habe mir den Fuß verstaucht!«, rief Fancan mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, »Ich kann nicht laufen.«
Giwoon und Thomas sahen sich schweigend an. Ohnen ein Wort machten sie kehrt, griffen Fancan unter die Arme und trugen sie weg. Inzwischen peitschten die ersten Schüsse der Polizisten durch das Loch in der Decke und verfehlten sie nur knapp. Khendrah hielt die Tür offen und ließ die Drei hindurchlaufen. Anschließend verschloss sie von außen die Tür und verstellte ihre Waffe auf Hitzewirkung. Dann verschmolz sie die Tür, die glücklicherweise aus Metall bestand, mit dem Rahmen. Das würde ihre Verfolger eine Weile beschäftigen.
»Wo ist nun euer Slider?«, fragte sie, während sie durch den Gang zum Treppenhaus hasteten.
»Wir müssen wieder nach oben«, sagte Giwoon, »betet, dass sie das Fahrzeug bis dahin noch nicht entdeckt haben.«
»Was machen wir, wenn das der Fall ist?«, wollte Thomas wissen.
»Dann müssen wir uns den Weg freischießen«, erklärte Fancan keuchend, wir können zwar auch im Betäubungsmodus feuern, doch sind wir dadurch nicht immun gegen die Projektilwaffen der Sicherheitskräfte.«
»Hier ist eine Treppe!«, rief Khendrah und deutete nach oben.
»Ab nach oben!«, befahl Giwoon, »Der Slider muss ganz in der Nähe sein.«
Als sie auf der oberen Ebene angekommen waren, sahen sie ihr Fahrzeug, welches von Trümmern der Decke und der Außenwand des Gebäudes bedeckt war. Die Schleuse stand weit offen und ihr Licht schien in den Gang hinein.
»Keine Zeit verlieren!«, rief Giwoon, »Fancan, geht es noch?«
»Es muss gehen!«, antwortete sie und biss ihre Zähne zusammen. Khendrah schaltete ihre Waffe vorsichtshalber auf Betäubung und gab Thomas ein Zeichen, es ebenfalls zu tun.
Die letzten Meter schienen eine Ewigkeit zu dauern. Sie hörten bereits die Schritte der Verfolger, die sich ebenfalls schnell dem Slider näherten. Sie erreichten das Fahrzeug zuerst und retteten sich ins Innere der Maschine. Kurz bevor sich die Schleuse endgültig geschlossen hatte, drangen einige Projektile der automatischen Waffen der Sicherheitskräfte durch den sich schließenden Spalt und schlugen in die Seitenkonsolen des Sliders ein.
»Oh Gott, hoffentlich hat der Temporalprozessor nichts abbekommen!«, rief Giwoon.
»Ich dachte, dieses Ding hier wird über diese Kugel dort gesteuert«, wunderte sich Fancan.
»Das schon, aber die Technik selbst ist in den Seitenkonsolen untergebracht«, erklärte Giwoon, der hektisch dabei war, die Funktionsfähigkeit des Systems zu prüfen.
Von draußen dröhnten heftige Schläge gegen die Hülle des Sliders.
»Sind wir hier drin auch sicher?«, fragte Thomas.
»Wenn du wissen willst, ob sie es schaffen können, hier einzudringen, dann sage ich ja, wir sind sicher. Aber wenn wir einen Defekt haben und nicht mehr starten können, dann müssen wir irgendwann hier heraus. Dann haben wir ein Problem.«
Sie ließen Giwoon in Ruhe arbeiten und nach einer Weile stieß er deutlich hörbar die Luft aus.
»Und?«, fragte Khendrah, »Wie sieht es aus?«
»Es sieht schlimm aus, aber nicht so schlimm, wie ich es befürchtet habe«, meinte Giwoon, »wir werden hier wegkommen. Das ist die gute Nachricht.«
»Und weiter?«, fragte Thomas auffordernd, »Nun mach’ es nicht so spannend.«
»Der Temporalprozessor hängt am seidenen Faden«, sagte er, »wir sollten uns darauf einrichten, dass wir noch eine Zeitreise damit machen können und diese sollte nicht sehr weit in die Zeit hinein reichen.«
»Heißt das, du wirst nicht mehr nach Hause fliegen können?«, fragte Fancan mitfühlend.
»Genau das bedeutet es«, sagte er tonlos, »jetzt weiß ich auch endlich, warum meine Mutter sich so gründlich von mir verabschiedet hat. Ich werde weder Symeen oder Zedroog, noch meine Schwester Yshaa jemals wiedersehen.«
Fancan fasste seine Hand und drückte sie. Giwoon sah sie dankbar an und zog Fancan an sich. Erst jetzt wurde es Khendrah klar, dass es Fancan ebenso erging, wie ihr: Sie hatte sich verliebt, was einer Zeitagentin niemals gestattet war.


Die nächste Folge dieses Romans erscheint an dieser Stelle am 05.10.2019

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Kritik – wie äußert man sie und was sollte man hierbei beachten.

Das Thema Kritik und der Umgang ist für mich und auch viele andere ein heikler Bereich. Je nachdem, wie diese Form des Feedbacks geäußert wird, kann es den Empfänger recht ins Straucheln bringen.

Sicherlich ist es nie einfach, Kritik zu empfangen und mit dieser umzugehen. Und doch ist es ebenso schwierig, sie jemandem zu vermitteln den man vielleicht gar nicht kennt.

Also habe ich mich dran gemacht und ein wenig recherchiert. Außer den Recherchen habe ich bereits geführte Gespräche versucht in den folgenden Text mit einzubeziehen versucht. Natürlich unter dem Gesichtspunkt, was für den ein oder anderen nützlich sein könnte.

So hoffe ich, das Wichtigste in einer angenehmen Anordnung zusammengefasst zu haben.



Definition Kritik

Bei einer Kritik handelt es sich um eine Beurteilung oder auch eine Einschätzung einer künstlerischen Leistung.



Unter den gefühlt zahllosen Definitionen zu diesem Begriff war dies diejenige, die am besten in dem Bereich des Schreibens passte. Auch wenn es sich hierbei um eine klare Orientierung handelt. Also begab ich mich auf die Suche nach einer Art Aufbau für ein Feedback. Besonders dann, wenn dieses Feedback geäußert wird, um es dem Empfänger zu verdeutlichen.

So fand ich bei der Beigroup GmbH (Link zu dem Thema Kritik: static.bei-training.com/files/div/Checkliste_Richtig_kritisieren_betraining-v1-0.pdf) eine Übersicht zu dem Aufbau bzw. was man berücksichtigen kann oder sollte.

Von diesem Dokument habe ich eine kurze Zusammenfassung gemacht, die ich hier folgend aufführen möchte.

Laut dieser Hilfe für das Kritisieren sollte man in Betracht ziehen, ob die Kritik sinnvoll ist und ob es einen triftigen Grund dafür gibt.
Ist man zu dem Ergebnis gekommen, dass dem so ist, so sollte die Kritik so präzise wie möglich und mit Beispielen unterlegt sein. Die Sachlichkeit darf hierbei natürlich nicht außer Acht gelassen werden.

Die Kritik sollte zeitnah erfolgen, damit es keine Missverständnisse zwischen Kritikgeber und Empfänger kommt. In seiner Äußerung sollte man jedoch auch nicht vergessen, die Kritik so positiv und neutral wie möglich zu halten.

Ist eine positive Basis bei der Kritik gegeben, so ist die Konstruktivität des Empfängers der Botschaft weniger gehemmt, sodass ein entsprechendes Ergebnis erzielt werden kann.

Hinzu kommt, dass das Feedback in der Ich-Form gehalten sein sollte. Ist die Kritik all zu negativ behaftet, sollte der Verfasser in Betracht ziehen, wie sich das Gegenüber fühlt oder ob die vorgetragene Form zu akzeptieren ist.

Ist man diese Punkte durchgegangen, ist es vonnöten, sich zu überlegen, wie es möglich ist, die Kritik mit einem guten Gedanken zu beenden.



Im Folgenden habe ich die mir notierten Fragen aufgelistet und so gut ich konnte beantwortet. Allerdings möchte ich darauf hinweisen, dass ich hier die aus meiner Sicht wichtigsten Fragen aufliste, damit auch so eine gewisse Übersicht vorhanden ist.



Wie gehe ich mit einer Kritik um, die mich trotz allem trifft?

Hierbei handelt es sich um eine Frage, die nicht gerade einfach zu beantworten ist. Denn jeder verarbeitet bzw. verkraftet ein negatives Feedback natürlich auf seine ganz besondere Art und Weise. Vor allem das schlechte Gefühl, das sich breitmacht, wenn man mit dem ein oder anderen Kritikpunkt konfrontiert wird, kann das Schreiben an sich hemmen. Man darf sich nicht unterkriegen lassen und dem Gedankenkarussell, das von Selbstzweifeln begleitet werden kann, die Überhand lassen.

Denn je öfter man mit den unterschiedlichsten Gedankengängen anderer Schreiber, desto sicherer wird man mit seinem eigenen Schreibstil und lernt mit der Zeit, schon im vornherein die ein oder andere Fehlerquelle zu umgehen.



Wie nutzt man Kritik für sich selbst und vor allem dann auch für die Texte?

Egal wie die Kritik ausfällt, sollte man nicht aus den Augen verlieren, was man mit dem Text ausdrücken möchte.

Erst dann kann man das Feedback nach seinem Bauchgefühl und an den passenden Stellen in das Geschriebene einbauen. Wichtig hierbei ist, zu beachten, dass man sich das Wichtigste notiert.



Kritik ein Nehmen und Geben?

So objektiv wie möglich gesehen ist das so. Denn möchte man, dass die eigenen Texte kommentiert werden, so muss man sich auch die Zeit nehmen, die Texte von anderen zu kommentieren.

Hier trifft das Sprichwort „Eine Hand wäscht die andere“ zu.

Zudem lernt man wie man das eigene Werk ein wenig anders zu sehen.



Mein Fazit zu meiner Recherche zur Kritik und was ich aus dem allen für mich mitnehme…

Während der Recherche und dem Schreiben des Beitrages konnte ich meinen teils recht fixen Blickwinkel aufbrechen. Ausschlaggebend waren andere Sichtweisen als auch einige Tipps um auch mal um die Ecke zu denken. Besonders wichtig für mich waren die Anregungen zur Formulierung von einer Kritik, die mich zu dem Entschluss brachten Feedbacks in Zukunft ein wenig strukturierter anzugehen.

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