Als ich um die Ecke biege und die riesige Menschenansammlung vor den Absperrungen sehe, erschrecke ich. Der Platz ist voll, obwohl es noch gut drei Stunden sind, bis die Ausgabe der Transmitterspots beginnt. Immerhin werde ich nicht frieren. Sie haben tatsächlich Wärmelampen angebracht. Ein wahrlich edler Zug, bei der aktuellen Energieknappheit. Ich stelle mich zu den anderen Wartenden. Es ist erstaunlich still.

Leah, die letztes Jahr unterwegs war, hat sich geweigert, noch einmal zu reisen. Sie hat drei Tage durchgeweint, weil sie sich so geschämt hat. Dabei schmeckte alles sehr gut. Leider war es viel zu wenig, es reichte nicht zum Sattwerden.

Nervös greife ich in meine Hosentasche. Meine Finger suchen nach den fünf ID-Chips, die ich bei der Ausgabe vorzeigen muss. Einer gehört mir. Einer meiner Schwester Leah. Der nächste meinem kleinen Bruder Anton. Und die beiden letzten gehören Oma und Tante Gisela.
Tante Gisela hat mir vorgestern von ihren Reisen erzählt. Sie hat mich davor gewarnt, zu viel zu erwarten.

„Die Zeit ist sehr knapp, Jens“, hat sie mit ihrer tiefen Stimme gesagt. „Du darfst dir nicht so viel Druck machen. Wir sind dir dankbar für alles, was du ergattern kannst, auch wenn es nur wenig ist.“ Anschließend hat sie mir noch eine wirre Geschichte von vielen blinkenden bunten Lichtern erzählt. Naja, sie ist schon alt und nicht mehr so fit im Kopf.

Ich weiß aus dem Geschichtsunterricht, dass früher alles ganz anders war. Es gab keine Nährpaste. Die Menschen aßen Pflanzen und sogar Tiere. Und in ihren Häusern, die riesig waren und in denen oft nur wenige Menschen lebten, wurden Pflanzen zur Dekoration benutzt, für die Schönheit der Räume. Draußen, in der Natur, gab es überall Tiere, die frei umherliefen oder flogen. Manche Menschen hatten einen Garten, in dem sie Pflanzen für den Verzehr zogen. Für mich ist das alles kaum vorstellbar. Ich habe noch nie eine Pflanze oder gar ein Tier gesehen.
Tante Gisela meinte, die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Hund oder eine Katze sehen werde, sei groß. Mein Herz klopft wild vor Aufregung, wenn ich nur daran denke. Ich wünsche mir so sehr, dass das nicht ihrer wirren Fantasie entspringt,  sondern wahr werden wird. Die anderen aus meiner Klasse beneiden mich sehr. Immerhin musste ich eine Ausnahmegenehmigung beantragen, denn ich bin noch zu jung für die Zeitreise. Doch nachdem Leah wegen ihrer Nerven nicht mehr reisen darf, bleibe nur noch ich.

Endlich ist es so weit. Die Service-Roboter öffnen die Sperren und die Menschentraube löst sich in fünf ordentliche Reihen auf. Es geht schneller, als ich dachte. Am Ausgabeschalter lege ich die ID-Chips in die dafür vorgesehenen Aussparungen. Für jeden Chip erhalte ich sieben Transmitterspots. Sie werden einzeln auf mich geprägt und sind nun genau fünf Stunden aktiviert. Danach vernichten sie sich selbst. Die Menschenschlange bewegt sich zügig weiter zur Zeitmaschine. Nun werden die einzelnen Reihen wieder zusammengeführt. Es geht deutlich langsamer voran, aber doch noch so schnell, dass ich nicht ungeduldig werde. Und dann ist es so weit. Ich habe kaum Zeit den riesigen Lichtbogen über mir zu bewundern, da bin ich auch schon durch.

Frische Maronen! Gebrannte Mandeln! Kamelhaardecken!

Um mich herum wuselt es vor Menschen, die in alle Richtungen rennen, und aus kleinen Boxen heraus bieten Händler ihre Waren an. Und nun weiß ich auch, was Tante Gisela meinte, als sie von blinkenden bunten Lichtern erzählte. Ich kann mich gar nicht sattsehen, was für ein Genuss.

Ein Mann stößt mich grob zur Seite. „Kannst du nicht woanders  gaffen? Schau, dass du weiterkommst, Junge, hier wird gearbeitet.“

Ich gehe langsam weiter und versuche irgendeine Ordnung zu erkennen. Wie ist der Rundgang ausgezeichnet, wer darf welche Waren erstehen? Ich kann keine Markierungen finden. Anscheinend darf man hier laufen, wohin man gerade möchte. Wie seltsam.
An der Box direkt neben mir wird eine Art Gebäck angeboten. In einem Korb auf der Ablage liegen einige unverpackte Stücke. Es riecht wunderbar und es sieht so aus, als würde es Schokolade enthalten. Schokolade habe ich erst einmal gegessen, damals, als meine Eltern noch lebten. Ich werde den Geschmack nie vergessen. Als die Frau, die die Kekse verkauft, sich umdreht um etwas aus einer Metallflasche zu trinken, aktiviere ich einen meiner Transmitterspots und klebe ihn auf eine Tüte mit Gebäck. Der Spot wechselt seine Farbe von gelb nach grün und verschwindet mitsamt der Tüte. Ich atme erleichtert auf. Es funktioniert. Nun habe ich noch 34 Spots übrig. Die Frau dreht sich wieder um und sieht mich prüfend an.

„Na, möchtest du etwas kaufen, Junge?“

Ich schüttle den Kopf.

Sie reicht mir einen Keks. „Dann geh weiter, du vertreibst mir die Kundschaft, wenn du hier herumlungerst.“

Ich bedanke mich. Während ich den Keks esse, schaue ich mich um. Die Spots haben nur einen kleinen Wirkkreis. Ich muss sehr genau darauf achten, dass das komplette Teil, das ich in die Zukunft schicken möchte, erfasst ist, sonst kommt nichts an.
Ein Händler bietet lange Fleischstangen an. So ähnliche, aber viel kleinere, hat Leah letztes Jahr mitgebracht. Sie haben herrlich geschmeckt. Leider hat er keine kleinen Stangen im Angebot. Auch er schaut mich prüfend an. Anscheinend darf man nur vor den Boxen stehenbleiben wenn man etwas kaufen möchte. Ein paar Schritte weiter ist ein Obsthändler. Ich kenne einige Sorten, Biologie hat mich schon immer interessiert. Ich klebe je einen Transmitterspot auf eine Banane, eine Orange und eine Kokosnuss und schaue zufrieden zu, wie sie verschwinden. Und dann verschwinde ich selbst schnell im Gewühl, bevor ich wieder verjagt werde. Obwohl es eisig kalt ist, ist mir ganz heiß vor Aufregung.

Tante Gisela hat mir von großen Warenhäusern erzählt, in denen Tausende von verschiedenen Gegenständen angeboten werden. Ich glaube, ich habe gerade eins gefunden. Die Menschen drängen sich in eine gläserne Kabine die sich dreht und sie im Inneren des Gebäudes wieder ausspuckt. Das ist sehr praktisch, wieso gibt es bei uns so etwas nicht? Ich reihe mich ein und lasse mich treiben. Meine Nase führt mich zielsicher zu den Lebensmitteln. Hier verteile ich innerhalb kurzer Zeit zwanzig weitere Transmitterspots. Gerade freue ich mich darüber, wie viel ich schon geschafft habe, als mich ein Mann am Arm packt und mit sich zerrt. Ich versuche mich loszureißen, aber sein Griff ist eisern. Er schiebt mich in eine kleine Kabine und verlangt von mir meine Jacke, oder er werde die Polizei rufen. Ich gebe sie ihm. Er durchsucht die Taschen gründlich, wonach auch immer. Dann fährt er mir mit seinen Fingern über den Körper, zieht aus meiner Hosentasche die restlichen Transmitterspots, schaut sie kurz an und gibt sie mir wieder.

„Kannst dich wieder anziehen, Junge. Ich hätte schwören können, dass du etwas geklaut hast, aber ich muss mich wohl getäuscht haben. Entschuldige.“ Er schiebt mich aus der Kabine, tätschelt mir den Kopf und verschwindet in der Menge.

„Ganz so einfach ist es wohl doch nicht“, murmle ich leise vor mich hin und verlasse das Gebäude. Draußen ist es dunkel geworden, doch der Platz ist hell erleuchtet. Es sieht nun noch viel schöner aus, als vorhin. Ich schlendere ziellos umher und schaffe es, noch acht weitere Transmitterspots zu kleben.

Als die Boxen schließen und der Platz sich leert, geschieht es. Ich höre ein Rascheln und sehe sie majestätisch heranschreiten. Sie ist schwarz, hat bernsteinfarbene Augen und sie kommt direkt auf mich zu. Ich habe ein bisschen Angst, obwohl ich weiß, dass sie nicht gefährlich ist. Sie läuft mit hocherhobenem Schwanz zwischen meinen Beinen hindurch und ich kann mich nicht satt sehen. Eine echte Katze. Träume ich? Oder ist das wirklich wahr? Sie streicht maunzend um meine Beine, bis ich mich bücke und ihr das seidige Fell streichle. Laut schnurrend legt sie sich quer über meine Schuhe und ich spüre ihre Wärme. Dieser Augenblick darf einfach nie vergehen. Doch nach einer Weile steht sie auf und verschwindet in der Dunkelheit.

Meine Beine zittern vor Aufregung und mein Herz hüpft vor Freude. Ich setze mich auf eine nahegelegene Bank und hole tief Luft. Was für ein Erlebnis! Direkt vor mir steht ein riesiger Baum, der mit großen, roten Glaskugeln behängt ist. Darunter liegen  Pakete, die in bunte Folie eingepackt sind. Was das wohl bedeutet?

Es kann nun nicht mehr lange dauern, bis ich wieder in meine eigene Zeit zurückfalle und ich hoffe sehr, dass auch alles angekommen ist. Das wird ein Festmahl geben!