Own Voices #diverserdonnerstag

Als Own Voices („eigene Stimmen“) bezeichnet man Menschen, die aus eigener Erfahrung schreiben.
Sie tragen die Merkmale ihrer Figuren selbst, haben etwa eine Krankheit, Behinderung, sexuelle Identität oder sind Angehörige und die Figur in der Geschichte ist ebenfalls angehörig. Üblicherweise sind marginalisierte Gruppen gemeint, aber nicht immer. Dabei kann die Geschichte fiktiv sein, vor allem im Fantasy-Bereich.

Begriffserklärung diesmal von mir und nicht aus der Wiki. Merkt man, oder?

Die Verlegerinnen Grit Richter und Ingrid Pointecker unterhalten sich in diesem Podcast (PhanLita, Folge 8) über das Thema Own Voice und erklären eingangs den Begriff.

Warum sind Own Voices wichtig?

Klischees in Geschichten prägen das Bild von Personengruppen in der Öffentlichkeit. Klischees landen vermehrt in Geschichten, wenn Autor:innen ihrer Fantasie freien Lauf lassen – das ist ja ihr Job! – und Vermutungen darüber anstellen, wie das Leben einer Figur im Alltag sein könnte. Das ist Bestandteil der Figurenentwicklung. Gehe ich dabei ausschließlich von mir aus (um nicht falsch zu machen), sind meine Figuren alle weiß, psychisch krank, berentet, schwul, trans*, männlich und haben eine Behinderung. Etwas einseitig, oder?

Denke ich mir einfach etwas aus, weil ich das vielleicht irgendwo schon so ähnlich gelesen oder in einem Film gesehen habe und hake nicht weiter nach (um mir Arbeit zu sparen), dann entsteht ein falsches Bild. Ich müsste also beispielsweise recherchieren, um jemanden in einem Beruf arbeiten zu lassen, den ich selbst nie ausgeübt habe – warum also nicht auch hinsichtlich anderer Lebenserfahrungen?

Weil wir Menschen Geschichten gerne glauben wollen, glauben wir auch, dass Polizisten und Pathologen ständig die Regeln brechen, um die Kriminellen zu überführen. Zumindest bis zum Ende des Films.

Bin ich erst Own Voice, wenn ich meine Erfahrung publik mache?

Von mir ein klares Ja. Als Leser erkenne ich eine:n Autor:in nur als Own Voice, wenn es auf dem Buch hinten draufsteht oder anderweitig kommuniziert wird. Für mein Selbstverständnis als Autor gilt natürlich etwas anderes. Ich kann schon aus eigener Erfahrung sprechen bzw. schreiben, ohne dies offenzulegen, und bin eben unerkannt Own Voice. Dann kann man sich leichter distanzieren, indem man sagt: eine Geschichte ist eine Geschichte ist eine Geschichte.
Das führt in der Öffentlichkeit zu einem anderen Image. Man muss sich eben gut überlegen, wie man (mit diesem Pseudonym) auftreten möchte.

Aus meiner Sicht muss sich niemand öffentlich zu seinen persönlichen Erfahrungen bekennen, aber dann kann dieser Aspekt natürlich nicht zur Vermarktung herangezogen werden. Doch genau darum geht es ja aus meiner Sicht: Man stellt sich als Experte aus eigener Erfahrung auf, um so den Leser:innen zu vermitteln, dass man weiß, wovon man schreibt. Dies ist dann Bestandteil der Marke.

Wenn man keine Ahnung hat, also einfach mal die Fresse halten?

Nein! Da wäre unser Buchmarkt doch bald sehr einseitig besetzt (s.o.). Ich bin zwar ein schwuler Transmann mit bipolarer Störung, aber ich darf auch über cis Menschen schreiben, egal ob Männer oder Frauen, ebenso über enbys, ich darf über heterosexuelle Menschen schreiben, ich darf über Autisten und Rollstuhlfahrer ebenso schreiben wie über Menschen ohne jede Diagnose. Ich muss mir nur eben mehr Wissen aneignen oder Hilfe dazuholen, kann das nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln.

Mich drängt es zwar eher dazu, als Schuster bei meinen Leisten zu bleiben, aber ich bin auch schon ins versehentlich ins Fantasy geglitten … ich kann nicht fliegen und ich kann auch nicht auf Drachen reiten. 😀 Trotzdem kann ich darüber schreiben und es gibt Menschen, denen es gefällt. Und das ist doch die Hauptsache, oder?

Wie schreibe ich sensibel über etwas, womit ich keine eigenen Erfahrungen habe?

„Zurückhaltend“ ist das erste Wort, das mir dazu  einfällt. Das tue ich leider wirklich und stehe mir damit selbst im Weg. Besser wäre, ich würde einfach runtertippen, was mir eben durch den Kopf spukt und die Rohfassung (oder irgendeine überarbeitete Fassung) erst danach ins Sensitivity Reading geben, zum Beispiel bei einer der hier unter „Themenbereiche“ aufgelisteten Personen: Sensitivity Reading. Teilweise wird auch angeboten, gleich im Vorfeld bei der Figurentwicklung behilflich zu sein.

Ich habe schon einmal bei einem Stammtisch von der Möglichkeit des Sensitivity Readings berichtet und da wurde mir mit der Frage begegnet, warum man denn nicht einfach vorher richtig recherchiere, dann brauche man doch hinterher kein Sensitivity Reading?
Nun, ich recherchiere sehr wohl vorher und auch während des Schreibens, sobald Fragen auftauchen. Ich denke nur, dass ein gezieltes Gegenlesen durch Own Voices noch einmal Schwachstellen zutage fördert, derer ich mir aufgrund mangelndem eigenen Erlebens nicht bewusst sein kann. Fragen, die ich selbst mir bei der Recherche nicht gestellt habe, werden dabei noch beantwortet und etwaige Mikroaggressionen aufgedeckt. Ohne Sensitivity Reading kein Sensitivity Writing.

Der Hashtag #diverserdonnerstag wurde ins Leben gerufen von equalwritesde. Zuletzt: Toxische Männlichkeit

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