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Monat: März 2021

SGZ-Woche 11 FUNKEN (Ohne Titel)

Feuer prasselte im Kamin, Funken stoben, als Vater die Scheite neu schichtete und Maximilian erfasste ein nie gekanntes Gefühl. Er streckte die Hände nach den Flammen aus, wollte ihnen nahe sein. Kaum spürte er die Hitze, hielt ihn seine Mutter zurück.
»Nein! Das ist zu gefährlich«, sagte sie.

Sobald Max erwachsen war, hielt seine Mutter ihn nicht mehr auf.
Die Frauen, mit denen er sich gelegentlich einließ, konnte er nur vor dem offenen Kamin befriedigen. In Gedanken umhüllte das Feuer sie, tränten ihre Augen vom beißenden Qualm, hörte er ihre angsterfüllten Schreie.
Er wollte nie wirklich jemandem schaden. Angezündet hatte er nur alte Schuppen und auch mal eine Lagerhalle.
Vom Geruch verkohlten Fleisches wurde ihm übel. Das wusste er von Experimenten in der Küche. Auf Grillfeiern mit anderen ließ er sich nicht mehr blicken, seit aufgefallen war, dass er den ganzen Abend ins Feuer starrte und die anwesenden Frauen – auch die Männer – keines Blickes würdigte.

Im Grunde seines Herzens war Max unglücklich. Als Teenager wäre er, wie alle anderen, gerne gewesen wie alle anderen. Als junger Mann verlangte er, so akzeptiert zu werden, wie er war. Mit Mitte dreißig hatte er den Wahnwitz dieser Idee erkannt. Es blieb ihm nur, sein Verlangen so langsam zu steigern, wie nur irgend möglich. Er onanierte Abend für Abend vor dem Kamin und fühlte sich doch unbefriedigt.

Zu seinem Vierzigsten machte er sich ein besonders Geschenk: Er trat bei der Freiwilligen Feuerwehr ein. Zu seiner Überraschung rückten sie nur höchst selten zu Bränden aus. Es blieben ihm in verlässlicher Regelmäßigkeit die Übungen.
Anders als die meisten, die davon träumten, eine Frau zu retten, die sich in sie verlieben sollte, wünschte Max sich eine Partnerin an seiner Seite, die ebenso dem Feuer ergeben war.
Er fand sie in Tina, einer Feuerwehrfrau. Gemeinsam loteten sie die Grenzen ihrer Fantasien neu aus.
Bei einem ihrer Abenteuer kamen sie in den Flammen um. Die Decke der Scheune, in der sie sich liebten, stürzte früher ein als von ihnen erwartet.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 10 KELLERFENSTER (Ohne Titel)

Durch das Kellerfenster sehe ich einen Streifen Mondlicht hereinscheinen. Ich wollte, ich würde hindurchpassen, dann wäre meine Gefangenschaft hier zu Ende.
Um mich abzulenken und auch zu beschäftigen, schreibe und schreibe ich, bis mir die Sehnenscheiden brennen. Wenn es soweit ist, komme ich wieder ins Nachdenken. Darüber, wie ich hier hereingeraten bin.
Ich nahm an einem Wettbewerb teil. Einzureichen waren Exposé und Leseprobe, dazu eine Vita. Ich nahm all meinen Mut zusammen und reichte ein frisch erdachtes Projekt ein, von dem es erst zwölf Seiten gab. Das war eigentlich aus Jux und Dollerei, weil ich mir selbst eine Deadline setzen wollte, indem ich mir vorstellte, meine Geschichte würde ausgewählt und man wolle drei Monate später mein Gesamtmanuskript sehen.
Tja. Dass es wirklich so kommen würde, daran hätte ich nie geglaubt.
Ich konnte dann natürlich nicht liefern, als der Termin verstrichen war. Man setzte mir eine Nachfrist. Einmal, zweimal. Dann lud man mich freundlich, aber bestimmt, zu einem »Schreibcamp« ein. Dort seien viele aufstrebende Autoren wie ich, mit denen ich mich austauschen könne.
Von wegen. Wir sind alle in Einzelkerkern untergebracht. Es gibt nicht mal Internet, nur einen hauseigenen Rechercheserver. Man Handy haben sie mir auch weggenommen. Ich habe eine Eieruhr, mit der ich mir zu Schreibsprints die Zeit stoppen kann. Das heißt, ich hatte – ich warf sie während der ersten Tage in einem Wutanfall an die Wand. Mittlerweile tut es mir leid, denn ich hätte sie gut brauchen können.
Zu trinken gibt es hier ausreichend, Essen geht so, nur das Bett knarzt erbärmlich, sodass ich nachts aufwache, wenn ich mich umdrehe. Das soll der Kreativität förderlich sein. Schlechter Schlaf befördert die Fantasie. Lassen Sie das nur keinen Maniker hören.
Ich bin froh, dass sie uns das Tageslicht gelassen haben, auch wenn es nur spärlich durch das Kellerfenster dringt. Doch so weiß ich wenigstens, wann Tag und Nacht ist. Ich bin Herr über meine Zeit, die hier vergeht. So weiß ich, dass ich schon seit 193 Tagen hier unten hocke. Es fehlt nicht mehr viel. Nur ein gutes Ende.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 9 Die Unglücks-Diät

Da hatte Ella sich vielleicht etwas aufgehalst. Zehn Kilo abspecken bis zum nächsten Klassentreffen. Eine Schnapsidee im wahrsten Sinne des Wortes. Ein eigentlich realistisches Ziel und zwei Kilo hatte sie auch schon geschafft, nur dass schon zehn Monate rum waren. Zwei Monate also noch und noch acht Kilo zu viel auf den Rippen.
Warum musste sie auch immer den Mund so weit aufreißen? Wem wollte sie damit etwas beweisen? Jörg liebte sie so, wie sie war. In den letzten Monaten hatte sie sich in ein zuckergieriges Monster verwandelt, dass für ein Stück Schokolade hätte töten können. Und das für diesen lächerlichen Erfolg. Dieser ständige Verzicht machte sie noch wahnsinnig.
Kohlenhydrate waren tabu. Zu viel Fett war tabu. Junkfood war tabu. Bei fast jedem Bissen hatte sie ein schlechtes Gewissen.
Wie sollte sie nur in zwei Monaten acht Kilo loswerden? Vier Kilo pro Monat!
Das Schlimmste war, dass Jörg dieselbe Diät mitmachte und schon zwölf Kilo abgenommen hatte. Er strahlte aus jeder Pore und strotzte nur so vor Tatendrang. Er ging sogar wieder ins Fitnessstudio.
Jörg umschlang sie von hinten mit seinen Armen. »Einen Penny für deine Gedanken, Ella.«
»So billig kommst du mir nicht davon!« Sie machte sich los und verschränkte die Arme.
»Was habe ich dir denn getan, Chérie?« Aus seinen kastanienbraunen Augen sah er sie an.
Sie hasste sich zwar selbst am meisten, aber er war im Augenblick der einzige, an dem sie es rauslassen konnte, seit sie sich nicht mehr mit Süßigkeiten ruhigstellte. »Du bist mir einfach zu dünn geworden, Mann!«
»Aber du wolltest doch …«
»Ja, wollte ich.« Sie schluckte. »Ich wollte nicht alleine leiden.« Sie rührte einen dieser widerlichen Eiweißshakes an, von denen sie nur Dünnpfiff und miese Laune bekam. »Es ist für mich schwer zu ertragen, dass du ständig nur gute Laune hast, und mir geht es so beschissen.«
Er schüttelte langsam den Kopf. »Aber Ella, freust du dich denn gar nicht für mich?«
Natürlich sollte sie sich für ihn freuen, aber sie konnte einfach nicht. Sie hatte an gar nichts mehr Freude. Erst recht nicht an der verdammten Bewegung!
»Natürlich freue ich mich«, log sie. Mit Tränen in den Augen stapfte sie auf dem Trampolin herum.
»Ach, Chérie, komm mal her.« Jörg breitete die Arme aus.
Sie reagierte nicht, walkte verbissen weiter.
»Komm sofort da runter, Ella! Ich meine es ernst. Sieh dich doch mal an!«
Sie begann zu hüpfen.
»Jetzt reicht es mir!« Er hob sie vom Trampolin und stellte sie auf dem Fußboden ab, hielt sie fest in seinen Armen. »Hör zu, Ella. Wir müssen die Diät abbrechen. Das geht so nicht.«
»Und wenn es die nächsten acht Wochen nur noch Kohlsuppe gibt? Dann schaffe ich es bestimmt!«
»Du machst dir viel zu viel Druck.«
»Aber was sollen denn die Mädels denken? Die halten mich doch für eine Versagerin!«
»Nein, das tun sie bestimmt nicht. Die einzige, die das denkt, bist du.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Die Kinder Kains (2/3)

Trotz meines dicken Wintermantels war ich binnen weniger Minuten fast völlig durchgefroren. Der Wind heulte und fauchte wie eine hungrige Bestie.

Tiph bemerkte mein Zittern und hakte sich bei mir ein. Sie trug nicht einmal einen Pullover. Das gewaltige Schwert hielt sie locker in der linken Hand.

In diesem Moment ging mir erst auf, wie mächtig dieses junge Mädchen sein musste. Unsere Begegnung hatte sie kurz wie einen normalen Menschen wirken lassen.

Ich darf sie nicht falsch einschätzen. Sie könnte mich mit einer einzigen Handbewegung zu Asche verbrennen.

Sehnsüchtig richtete ich meinen Blick auf eine ferne Ansammlung warmer Lichter. Tiph führte mich immer weiter in die Wildnis der Alpen. Als der Schnee mir bis zur Hüfte reichte, hob sie ihr Schwert und zerschmolz ihn mit einem mitfühlenden Lächeln. Ich lächelte ebenfalls. Meine Hände zitterten in ihrer Gegenwart ohne Unterlass.

Dunkelheit breitete sich über den verschneiten Gipfeln aus, als wir eine versteckte Grotte erreichten.

Ich hielt überrascht inne. Ein schmuckloses Tor aus schroffem Stein versperrte den Eingang. Die zerklüfteten Felsen machten es unmöglich, sich der Grotte von oben zu nähern. Ein winziges Loch klaffte in der Tür. Uralte Zeichen glommen schwach im fahlen Mondlicht.

Ich wich unwillkürlich zurück. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf. Ich taumelte und verlor beinahe das Gleichgewicht. Mit einem Mal loderte sengender Schmerz in meiner Brust.

Er verschwand, als Tiphareth meine Schulter berührte. Sie übte sanften Druck auf meine Haut aus.

„Keine Angst“, sagte sie mit fester Stimme. „Dieser Ort ist nicht mehr gefährlich.“ Sie hob lächelnd ihr Schwert. „Gehen wir nach drinnen.“

Die Klingenspitze passte haargenau in das dunkle Loch. Tiph drehte ihre Waffe wie einen Schlüssel und plötzlich erbebte die Erde. Das Steintor schob sich langsam zur Seite und öffnete einen Spalt, der für uns gerade groß genug zum Durchschlüpfen war.

Im Inneren herrschte überraschende Wärme. Ich zog den Mantel aus und suchte nach einer Lichtquelle. Ohne viel Federlesens rammte Tiph ihr Schwert in den steinernen Boden. Weitere Einbuchtungen verrieten, dass sie das nicht zum ersten Mal tat. Die Klinge erglühte und warf mit ihrem rötlichen Lichtschein unheimlich verrenkte Schatten an die Wände.

„Setz dich.“ Tiph ließ sich auf dem Boden nieder und holte zwei Wasserflaschen hervor. Dankbar nahm ich sie an und trank in gierigen Zügen. Tiph musterte mich wie eine Mutter ihr Kind.

„Siehst du die Tür dort hinten?“ Tiph wies auf ein gewaltiges Steintor. Es wirkte neuer als die restliche Felsformation. Auf den zweiten Blick erkannte ich matt schimmernde Adern im Gestein. Sie glühten in derselben Farbe wie Tiphs Schwert.

„Gehen wir da auch hinein?“ Ich fragte mich bereits, was sich wohl dahinter befand.

„Nein!“ Tiphs Stimme klang scharf wie ein Messer. „Dieses Tor darf niemals geöffnet werden. Das ist das einzige, was du darüber wissen musst.“ Sie seufzte und holte tief Luft. Ihre Augen reflektierten das Licht des Schwerts.

„Das ist deine letzte Chance, David. Du musst dich nicht mit diesem Wissen belasten. Du kannst noch einen Rückzieher machen.” Sie lächelte. „Eine Schneewanderung mit mir wäre doch auch einen Artikel wert, oder nicht?“

Einen Moment lang überwältigte mich die Versuchung schier. Ich spürte auf seltsame Weise die abgrundtiefe Dunkelheit, die hinter dem Steintor lauerte. Das Gefühl rief alte Erinnerungen wach. Ich musste schlucken.

Nein.

Ich atmete tief durch und sah Tiph direkt an.   

„Ich darf nicht mehr davor weglaufen“, erwiderte ich. „Ich muss die Wahrheit erfahren, egal wie schmerzhaft sie ist.“

Tiphareths Miene war nicht zu deuten. Wir verharrten in Stille, bis sie endlich seufzte und sich erschöpft gegen die Felswand lehnte.

„Wie du willst. Ich erzähle dir die Wahrheit.“

Mein Herz wollte beinahe zerspringen. Ich nickte. Ich hing an ihren Lippen.

„Hier, in dieser Grotte, hat alles begonnen“, murmelte Tiph leise. Es ist fünf Jahre her – ich kann mich trotzdem noch genau daran erinnern.“ Sie hielt kurz inne und starrte ihr Schwert an. Das Licht der Klinge flackerte wie ein Lagerfeuer.

„Anders als Binah und Chessed stamme ich nicht aus einer anderen Welt“, erklärte sie. „Ursprünglich war ich ein normaler Mensch. Ich hatte mich verirrt und kam zufällig hierher. Vor dem Grotteneingang türmten sich Skelette – davor lag ein Schwert.“ Sie wies mit dem Kinn auf ihre Waffe. „Decim.“

Der Name hallte machtvoll von den steinernen Wänden wider. Ich erschauderte. Respektvoll neigte ich den Kopf.

„Ich ergriff Decim und öffnete damit den Eingang.“ Sie schluckte. „Das war mein größter Fehler.

Seit Urzeiten erzählen sich die Bergleute Geschichten über einen uralten, bösen Geist, der im Inneren der Berge wohnen soll. Manche wurden aufgeschrieben, manche gingen verloren, die meisten werden nur noch flüsternd von sterbenden Generationen gehütet. Die Alten unter ihnen kennen das Geheimnis nur noch aus Erzählungen der Großeltern ihrer Großeltern – aber die Vorstellung blieb wach. Und soll ich dir etwas verraten?“ Ihr Mund kräuselte sich zu einem bitteren Lächeln. „Sie sind alle wahr.

Ich öffnete die Grotte und befreite dadurch den, den wir nur den alten Mann auf dem Berg nennen. Ich will nicht ins Detail gehen, Worte können ihn nicht beschreiben. Er entkam und ich lag mit dem Schwert im Schnee. Der alte Mann fuhr in den Körper eines Wanderers, der sich genau wie ich verirrt hatte und zufällig des Weges kam.“

Sie holte tief Luft. Die nächsten Worte schienen ihr besonders schwerzufallen.

Der Wanderer wurde zu einer Hülle für den alten Mann. Ich wollte mit dem Schwert gegen ihn kämpfen, aber er warf mich einfach zu Boden und … und …“ Ihre Stimme brach ab. Eine Träne glitzerte einen Moment lang in ihrem rechten Augenwinkel, dann blinzelte sie sie fort.

„Er tötete mich.“

Ich starrte sie entsetzt an. Ich wollte etwas sagen, aber meine Worte versagten. Diese Erzählung tauchte in keinem offiziellen Bericht auf, trotzdem kam sie mir vage vertraut vor.

„Der alte Mann auf dem Berg löste die Eklipse aus. Er dehnte die hereinbrechende Nacht. Er wollte sie ewig währen lassen. Im nächsten Dorf schlug er dann als erstes zu. Er verwandelte die Bewohner in seine abscheulichen Diener und sie zogen ihrerseits aus und verbreiteten seinen Fluch wie eine Krankheit.“

Ich nickte. Das war allgemein bekannt.

Tiph lächelte schwach. „Du weißt, was als nächstes passierte. Die Menschheit wurde von diesen Kreaturen überrannt. Überall auf der Welt entstanden Fronten. Die Welt stand plötzlich am Abgrund – nur weil ich diese Pforte aufstoßen musste.

Meine nächste Erinnerung setzt in der endlosen Kathedrale ein, Sagt dir der Begriff etwas?“

Ich schüttelte den Kopf. Das Wort kam mir auch vertraut vor, aber ich konnte es nicht zuordnen.

Sie nickte wissend. Sie schien jeden meiner Gedanken zu kennen.

„Du musst nicht mehr darüber wissen. Die endlose Kathedrale steht am Rande unserer Realität. Kein Mensch hat sie je betreten oder gesehen – außer mir.“ Sie schluckte. „Ich erwachte. Chessed und Binah beugten sich über mich. Plötzlich war ich als Engel wiedergeboren und hatte eine Mission. Ich musste die Welt retten – mithilfe der beiden.“

Sie lächelte traurig. „Das ist alles.“

Ein unbeschreibliches Gefühl regte sich in mir. Meine Zähne schmerzten, so fest presste ich sie aufeinander.

„Wer war dieser Wanderer, Tiphareth?“, stieß ich mühsam hervor.

Sie zuckte zusammen, als ob ich sie geschlagen hätte.

„David, das tut doch nichts zur Sache …“

Das Gefühl steigerte sich zu unerträgliche Schmerzen. Ich kauerte mich zusammen. Wie besessen rückte ich von Decims warm leuchtender Klinge ab. Die Entfernung linderte meine Qual.

„Tiphareth, bitte!“, stieß ich hervor. „Bitte!“

Tiphareth litt ebenso wie ich. Ich verharrte mit flehendem Blick an Ort und Stelle. Sie kaute auf ihrer Unterlippe herum. Unsere Schatten wirkten wie grausam verrenkte Ungeheuer.

„Na gut“, flüsterte sie schließlich. Ihre Augen glommen wie Sonnen.

„Du warst der Wanderer, David.“

SGZ-Woche 8 ENGEL (Ohne Titel)

Save the date: Heiligabend ist dieses Jahr am 24.12.!
Unter einem Engel hatte ich mir etwas anderes vorgestellt. Keine stocksteife Gestalt, die einer besseren Klorolle ähnelte, beklebt mit rauen Fasern. Das sollte angeblich das beste Stück von all unserem Weihnachtsschmuck sein und ausgerechnet diese Hässlichkeit sollte nun oben auf unserem Baum thronen, nur weil sie noch von Muttern (also meiner Großmutter) stammt? Hat sie dieses Ding im Alter von fünf Jahren gebastelt?
Wir haben doch so schöne rot, golden und silbern glänzende Kugeln. Dazu passt dieser Bastelunfall von Flatterviech doch gar nicht.

So dachte ich damals. Und heute denke ich, dass ich überhaupt keine Vorstellung davon hatte, wie anders die Zeit war, in der meine Eltern aufgewachsen sind – und schon gar meine Großeltern. Woher auch?
Heute wäre es ein Leichtes, ein »Opa erzählt von Corona«-Vlog anzulegen, damit die noch nicht geborenen Enkel sich das später, nicht mehr live, aber in Farbe, anschauen können. Da kann man die Masken in die Kamera halten und die Vorzüge der verschiedenen Modelle erklären. Man kann dies und das verlinken. Das macht es sicher anschaulicher. So bekommt man auch einen Eindruck von dem Menschen, der Opa war, bevor er Opa wurde.
Meine Oma hat gern vom Krieg erzählt. Da starben Menschen (also nix gewaltfrei), suchten vor den Bomben Zuflucht in den Kellern (Oma und Opa hatten noch einen eigenen Bunker im Keller), zitterten dort vor Angst und sie als Säuglingskrankenschwester musste zeitweise auswählen, wem noch geholfen werden kann und wem nicht mehr. Triage. Das, wovor heute allen graut. Das zeigt nur, wie lange das nicht mehr notwendig war.
Die Weltkriege waren sicher die für meine Oma prägendste Zeit und die jetzige dürfte es für unsere Kinder und Jugendlichen sowie junge Erwachsene sein. Eigentlich für uns alle, aber die älteren Semester werden dieses frisch gepackte Säcklein nicht mehr so weit in die kommenden Generationen tragen, denke ich.

Sollte also das diesjährige Weihnachtsfest so stattfinden dürfen wie vor 2020, dann besorge ich mir zum allerersten Mal in meinem Leben einen Weihnachtsbaum und bastel eigenhändig aus einer nackten Klorolle einen Engel, der dann ganz oben thronen darf.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

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