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Monat: April 2021

SGZ-Woche 16 Was für ein Lauf!

Der Läufer nimmt souverän eine Hürde nach der anderen. Sieben Patzer gehen bisher auf sein Konto, doch er liegt gut in der Zeit, sehr gut. Wird er das letzte Hindernis meistern? Das Publikum hält den Atem an, wagt noch nicht zu klatschen, um den Sportler nicht in seiner Konzentration zu stören.
Jetzt setzt er zum Sprung an, herrlich glänzen seine Muskeln in der Sonne, und ja – das war es, das war es, das war das letzte Hindernis! Es bleibt stehen ohne einen einzigen Wackler. Schon hat er die Ziellinie überquert und es gilt nur noch, auszulaufen.
Ingo S. Anders gewinnt den Lauf der hundert Geschichten! Tosender Applaus bricht los, man versteht die Durchsagen der Lautsprecher nicht mehr. Erschöpft nimmt der umjubelte Läufer Danksagungen entgegen. Gönnen wir ihm ein paar Minuten, bevor wir ihn zu einem Interview bitten.
(Werbespot.)
(Musik.)
(Werbespot.)
»Glückwunsch zum ersten Platz! Herr Anders, was hat Sie zu diesem Lauf motiviert?«
»Ich weiß nicht, ich muss eine Wette verloren haben.« (Keucht.)
»Was für eine Wette?«
»Spaß! Ich wollte einfach ausprobieren, ob ich es kann.« (Lächelt.)
»Welche Bedeutung messen Sie persönlich den Hindernissen bei, die Sie nicht genommen haben?«
»Warum fragen Sie mich nach den 7 Hindernissen, die gefallen sind, und nicht nach den 93, die stehen geblieben sind?« (Zieht die Stirn kraus.)
»Haben Sie mit dieser riesigen medialen Aufmerksamkeit gerechnet?«
»Nein, auf gar keinen Fall.« (Zwinkert.)
»Welche Pläne haben Sie als Nächstes?«
»Ausruhen. Duschen. Mich vor eine Glotze werfen.« (Grinst.)
»Herr Anders, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Liebe Hobbyautoren – bitte habt noch ein wenig Geduld!

Liebe Hobbyautoren,

ihr werdet wohl bereits festgestellt haben, dass sich unsere Zeitangabe von ca. acht Wochen nun mit der angebrochenen neunten Woche dem Ende zu neigt. Vermutlich wartet schon der ein oder andere sehnsüchtig auf Feedback! Ja, wir sind dran. Es gibt so viele Texte (mit denen wir nicht gerechnet haben), die alle unbedingt unsere volle Aufmerksamkeit brauchen!

Bitte habt Nachsicht und geduldet euch noch ein wenig… lange kann es nicht mehr dauern :).

Eure Saigel

SGZ-Woche 15 Sieben mal sieben

»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte er leise.
»Gehen Sie von meinem Kind weg!«, rief die Mutter des Dreijährigen dem etwa zehn Mal so alten Mann zu.
»Nur spielen!«, gab der zurück.
»Na, Sie sind doch sicher drei mal sieben Jahre alt! Da ist das nichts mehr für Sie, im Sandkasten zu spielen. Schon gar nicht mit meinem Sohn!«
»Hören Sie, junge Frau«, sagte ein weißhaariger Mann auf der Bank neben ihr, »mein Sohn ist 34 Jahre alt und hat dasselbe Recht, im Sandkasten zu spielen wie Ihrer!«
»Hat er nicht! Der Spielplatz ist nur für Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre zugelassen.«
»Das bezieht sich auf die Spielgeräte, aufgrund des Gewichts. Ich habe mich bei der Stadt erkundigt. Und im Übrigen habe ich eine Sondergenehmigung für Jakob aufgrund seiner Behinderung.«
»Was für eine Behinderung? Ich sehe keine.«
»Sie sehen einen erwachsenen Mann auf dem Spielplatz im Sand sitzend in aller Seelenruhe sieben und Ihnen fällt nichts daran auf?«
»Na ja, in seinem Alter würde ich eher erwarten, dass er dort mit eigenen Kindern sitzt und diese spielen lässt.«
»Woher wissen Sie, dass Ihr Sohn sich jedes Jahr weiterentwickeln wird?«
»Na malen Sie den Teufel nicht an die Wand!«
»Das tue ich nicht. Das tun Sie.«
»Sieben mal sieben gibt feiner Sand«, säuselte Jakob und lächelte glücklich.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 14 Sie ist eine Hexe!

Sie waren besessen davon, die angebliche Wahrheit aus ihrem Munde zu hören. Jedes Mittel war ihnen recht. Die heiligen Männer zogen ihre Zähne, verbrannten ihre Haut, brachen ihre Knochen. Die Rothaarige blieb standhaft.
»Du hast einen Zaubertrank gebraut und am Tag darauf ist des Müllers Sohn am Fieber gestorben. Leugne nicht!«
»Einen Scheiß hab ich!« Martha spuckte Blut aus. »Tötet mich doch, wenn ihr wollt! Niemals werde ich eure Lügen wiederholen!«
Ja, das Kind war gestorben. Aber sie hatte es nicht angefasst. Nicht einmal, um ihm zu helfen. Sie wusste, was passieren konnte. Neulich erst hatten sie die Elsbeth verhört, weil sie einem Alten Salbe aufgetragen hatte, um sein Leiden zu lindern. Die Schuld an seinem Tod gab man ihr und sie hatte unter der Folter gestanden. Dabei waren es nur harmlose Kräuter gewesen und der Mann schon lange krank.
Martha litt so starke Schmerzen wie noch nie in ihrem Leben und hoffte nur, dass es bald vorbei sein möge. Elsbeth hatten sie ertränkt, um ihren Glauben zu prüfen. Ihr würde der Scheiterhaufen blühen, wenn sie kein Geständnis erfand.
»Der Abt selbst hat gesehen, wie du Zauber gewirkt hast, Hexe!«
Der Kirchenobere hatte sie grob vergewaltigt, als sie ihm nicht für Geld zu Willen sein wollte. Sie hatte sich danach gereinigt und einen Sud aus schmerzlindernden und entzündungshemmenden Kräutern bereitet. Hätte sie das nicht getan, wäre das Sitzen auf dem Spanischen Pferd jetzt weitaus peinvoller.
Sie starrte den Folterknecht finster an, wich seinem Blick nicht aus.
»Du bist des Teufels!«, geiferte der Mönch.
»Ich bin eine ehrbare Frau. Wenn einer besessen ist, dann du.«

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

SGZ-Woche 13 LEUCHTTURM (Ohne Titel)

Seit fünf Jahren bin ich jetzt Leuchtturmwärterin. Anders als meine Kollegen halte ich mich an das Verbot, Touristen hineinzulassen. Ich mag sie auch nicht, diese umhertrampelnden Massen. Ich liebe das Meer und im Winter habe ich es für mich allein.
Mein Mann hat die Einsamkeit nicht ausgehalten. Er ist mit unserer Tochter in die Stadt gezogen. Ausgerechnet in die Hauptstadt. Als gebe es keine kleineren. Das ist typisch für ihn.
In meinem Leuchtturm habe ich nicht viel zu tun. Es ist ja nicht mehr wie früher, alles läuft computergestützt. Ich bin nur da, um die Maschinen am Leben zu erhalten. Ab und zu ein Kontrollgang zwischen Kabeln und Metall und fertig.
Von außen sieht der Turm noch romantisch aus wie eh und je. Wenn ich der Typ dafür wäre, könnte ich hier Gemüse anbauen und Hühner und Ziegen halten. Lieber lasse ich einmal die Woche aus dem Supermarkt liefern.
Ob es unbedingt Australien hat sein müssen, weiß ich nicht. Für mich ist ein Leuchtturm wie der andere. Weit weg von anderen Menschen.

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

Die Kinder Kains (3/3)

Ich konnte mich nicht mehr bewegen.

Die Erkenntnis überwältigte mich. Eine Flut aus Bildern, Stimmen und Eindrücken brach über meinen Verstand herein. Ich schluckte und barg den Kopf in Händen. Unzählige Punkte tanzten vor meinen Augen. Plötzlich glaubte ich, ferne Stimmen hinter dem Felsentor zu vernehmen. Sie sprachen lockende, hämische Worte.

Jede Faser meines Körpers schrie nach Flucht. Ich wollte mich erheben, aber meine Beine zitterten zu sehr. Ich war kurz davor, den Verstand zu verlieren, als Tiph meine Hand in ihre nahm.

Sofort verstummten die Stimmen.

Ich hob langsam den Kopf und sah Tiph so, wie sie wirklich war – ich sah Tiphareth Sefer Qadmon, die auserwählte Heldin, die die Welt gerettet hatte. Ihre Augen glühten wie funkelnde Sonnen und ein seltsames Schimmern ummantelte ihre Haut. Sie lächelte sanft, aber mir entging die Trauer in ihrem Blick nicht.

„Ich erinnere mich“, krächzte ich. Meine Hände zitterten unablässig. In meiner Erinnerung hörte ich die Stimmen tausender Menschen, die um Gnade winselnd vor mir im Staub lagen. Jedes Gesicht tauchte vor meinem inneren Auge auf. Ich schüttelte wie wild den Kopf und senkte den Blick. Die schroffen Felswände der Höhle schienen ihre Gesichtszüge hämisch zu imitieren.

„Du trägst keine Schuld, David“, sagte Tiphareth leise. „Du warst nicht du selbst.“

„Könnte das nicht jeder behaupten?“ Meine Stimme zitterte. Ich konnte es nicht verhindern. „Könnte nicht jeder diese Ausrede benutzen?“ Ein Schluchzen entfuhr meiner Kehle. „Großer Gott, ich habe es wirklich getan …“

Tiphareth zog mich näher an sich heran. Die Wärme ihres schimmernden Körpers vertrieb einen Teil der eisigen Furcht in meinem Herzen. Sanft streichelte sie meinen Kopf. Ich starrte sie mit großen Augen an.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass sie mir eher vergeben würde als ich mir selbst.

„Es ist einfach, ein Held zu sein“, flüsterte ich. „Ein Held tut immer das Richtige. Selbst wenn er scheitert – er hat sich nichts vorzuwerfen. Auf deinen Schultern lasteten die Hoffnungen der gesamten Menschheit. Niemand kann dir Vorwürfe machen.“ Ich schluckte. Die Worte kamen mir nur zögerlich über die Lippen. „Aber bei mir ist das anders. Wenn ich stärker gewesen wäre – wenn ich besser gewesen wäre – dann hätte die Eklipse nie stattgefunden.“ Entsetzt fuhr ich hoch. „All die Kinder in deiner Obhut – ihre Eltern würden noch leben!“

Tiphareth schwieg, bis ich wieder erschöpft zurücksank. Sie seufzte.

„Erinnerst du dich an den letzten Kampf?“

Ich versuchte es. Aber eine Ansammlung aus Schreien und schmerzverzerrten Gesichtern legte sich wie blutiger Nebel um meine Gedanken. Ich schüttelte den Kopf.

Tiphareth holte tief Luft. Ihre Augen schweiften in weite Ferne.

„Wir wurden damals verraten und mussten uns zurückziehen. Gerade hatten wir noch die Unterstützung der UNO – keine Woche später hatte der alte Mann auf dem Berg sämtliche Kontinente assimiliert. Wir zogen uns an den letzten Ort zurück, der uns blieb: in die Antarktis.“

Ich spitzte die Ohren. Auch davon hatte ich in offiziellen Stellungnahmen nichts gehört.

Tiph lächelte verträumt, als sie die Erinnerung erneut durchlebte.

„Wir waren nur noch zu fünft“, erzählte sie. „Ches, Nah und ich hatten als einzige Waffen. Die anderen beiden waren einfache Fischer. Mit einem viel zu kleinen Boot legten wir die gesamte Strecke von Neuseeland bis in die Antarktis zurück.“ Sie kicherte. „Zugegeben, wir wandten ein wenig Magie an, aber anders hätten wir es auch nicht geschafft.“

Beim Anblick ihres fröhlichen Gesichts formte sich sofort ein Bild in meinem Inneren, wie die drei zur Rettung der Welt über das Meer kreuzten. Ich musste ebenfalls lächeln.

Tiphareth lehnte sich leicht nach vorn, so als ob sie den Kindern im Waisenhaus eine Geschichte erzählen würde. Ihre Augen wurden groß und sie gestikulierte mit ihrer freien Hand. Sofort war ich im Bann der Geschichte.

„Tief unter dem Eis der Antarktis befindet sich eine alte, vergessene Zivilisation. Dort liegt der Ursprung des alten Manns – der Ursprung aller Entitäten, die wir Menschen schlicht über die Jahrhunderte hinweg vergessen haben. Aber sie leben fort – in unseren Geschichten, Ängsten, Legenden.“

Sie holte tief Luft. „Darum nannten wir diesen Ort auch die Stadt der Mythen. Er war unsere letzte Hoffnung.“

Ich hing an ihren Lippen. Als sie mich ansprach, fühlte ich mich, als hätte sie mich geschlagen.

„Dann kamst du“, fuhr sie fort. „Wir hatten ein paar Tage Vorsprung, aber du kamst bald über das Meer. Das endlose Weiß der Antarktis verwandelte sich in Rot. Die Stadt der Mythen leuchtete und hieß dich willkommen – wie in alter Zeit.“

Erinnerungen überwältigten mich. Diesmal waren es nicht meine. Ich sah den alten Mann auf dem Berg in seiner ursprünglichen, entsetzlichen Gestalt und wie er sich zwischen den gewaltigen Gebäuden im Eis langsam hin- und herwiegte, während seine einhundertvierundvierzigtausend Augen die Gestirne beobachteten und den Tag der Eklipse herbeisehnten. Ich musste einen Schrei unterdrücken. Mir entfuhr ein leises Wimmern.

„In der Stadt der Mythen kam es zum letzten Kampf. Und soll ich ehrlich zu dir sein? Ich wusste am Ende nicht, wie ich mich verhalten sollte.“

Ich sah überrascht auf. „Wie meinst du das?“

„Du wirktest so glücklich.“ Tiphareth musterte mich nachdenklich. „Die Präsenz des alten Manns gab dir Sicherheit – dir und all den anderen Menschen. Die beiden Fischer ließen sich überreden und liefen über. Am Ende gab es keinen einzigen Menschen mehr auf der Welt – nur noch Ches, Nah und mich.“ Sie seufzte. „Wir sind Wesen aus einer anderen Dimension. Haben wir das Recht, den Menschen eine Entscheidung abzunehmen? Nein.

Der alte Mann auf dem Berg richtete seine Stimme an uns. Sie war wie ein Chor aus Millionen von Menschen, jung und alt, reich und arm, gut und böse. Er wollte uns mit Worten überzeugen, dass wir niemanden retten müssten. Ich weigerte mich, es zu glauben. Aber in Wirklichkeit war ich kurz davor. Ches, Nah und ich hätten einfach in die endlose Kathedrale zurückkehren können. Unsere Mission wäre gescheitert, aber das betraf uns nicht. Wir waren – und sind – keine Menschen mehr.

Also überließen sowohl der alte Mann als auch ich die Entscheidung einem anderen.“

Dabei richtete sie den Blick ihrer flammenden Augen auf mich und lächelte. „Dir.“

Ich sah sie überrascht an. „Mir?“

„Du warst der erste, der dem alten Mann und mir begegnete. Du kanntest uns beide am längsten. Du warst der einzige Mensch, der den Anfang der Geschichte kannte – wir überließen es dir, ihr Ende zu schreiben.“

„Moment!“ Ich hob eine Hand. „Der alte Mann auf dem Berg kontrollierte mich doch – oder nicht?“

Plötzlich erklangen wieder die Stimmen hinter dem Felsentor. Diesmal klangen sie aber bedauernd, beinahe gekränkt.

„Er gab dich frei.“ Tiph lächelte. „Er wollte mir beweisen, dass ein Mensch sich aus freiem Willen für ihn entscheiden würde. Für eine neue Welt. Für eine bessere Welt.“

Die Erinnerung erfasste mich ohne Vorwarnung. Plötzlich stand ich wieder mitten in der Antarktis, auf der abgeflachten Spitze einer gewaltigen Pyramide. Unter mir breitete sich das gewaltige Bild einer riesigen Stadt aus, in der zeitlose Schatten zu kosmischen Flötentönen tanzten und mir ihre formlosen Hände wie im Gebet entgegenstreckten. Über meinen Köpfen schwebten zwei Götter.

Diesmal konnte ich meinen Schrei nicht unterdrücken. In meiner Erinnerung sah ich Tiphs wahre Gestalt.

Wenn der alte Mann eine schattenhafte Schlange war, glich sie einer riesigen, geflügelten Masse aus Licht. Ein einziges Auge schwebte darin und entblößte in seiner Iris ein funkelndes Dreieck, in dem sich das Universum selbst zu brechen schien wie in einer kosmischen Schnittstelle zwischen Zeit und Raum. Entsetzt fuhr ich herum und betrachtete die Tiphareth neben mir in der Höhle. In ihren Augen leuchtete ihre wahre, weltenzerbrechende Gestalt.

„Ich bin kein Mensch, David“, bekräftigte sie leise. „Ich bin von derselben Art wie der alte Mann. Dieser zerbrechliche Menschenkörper ist nur ein kleines Schmuckstück, ein Accessoire, mit dem ich spiele.“

Ich nickte. Ich konnte ihren Worten kaum noch einen Sinn abgewinnen. Die Erinnerung beherrschte mein Bewusstsein.

„Ich habe mich für dich entschieden“, flüsterte ich. „Aber warum?“

Tiph hob eine Augenbraue. „Das fragst du mich?“

Ich erhob mich und runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich, dass ich in euren Augen Bilder sah“, fuhr ich zerstreut fort. „Der alte Mann auf dem Berg zeigte mir Reichtum, Friede, Macht – aber auch Einsamkeit.“ Ich schüttelte den Kopf. „Was hast du mir gezeigt?“

Tiph zuckte verwirrt die Schultern. „Ich habe dir nichts gezeigt und der alte Mann auch nicht – du hast es dir wahrscheinlich eingebildet.“

Ich dachte noch lange darüber nach, selbst als wir uns auf den Weg zurück zur Villa Paradiso machten. Tiph warf mir immer wieder neugierige Seitenblicke zu. Wir schwiegen beide.

Eigentlich wollte ich mich unbemerkt aus dem Staub machen, sobald wir die Villa erreichten, aber Chessed Sefer Qadmon verstellte mir den Weg. Er war ein gutaussehender, junger Mann mit schneeweißen Zähnen und grünen Haaren, der mir sofort die Hand entgegenstreckte.

„Sie bleiben doch noch zum Abendessen, oder?“

Ich wollte eigentlich ablehnen, aber ein Blick in Binahs Augen überzeugte mich schnell anderweitig. Die Kinder nutzten diese kurze Ablenkung, um Tiph in den Bauch zu piksen. Sie quietschte schrill und die Kinder brachen in schallendes Gelächter aus.

Ich blieb noch bis zum späten Abend. Als die Kinder schliefen, begleitete mich Tiphareth allein zum Ausgang.

„Ich denke, ich weiß, was ich gesehen habe“, murmelte ich.

Tiphareth sah mich interessiert an. „Was?“

Ich lächelte. „Nicht so wichtig. Am Ende habe ich es mir doch nur eingebildet.“

Tiph zuckte mit den Schultern. „Diese Einbildung hat die Welt gerettet.“ Sie musterte mich forschend. „Wirst du der Welt die Wahrheit erzählen?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein. Ich glaube kaum, dass mir irgendeine Zeitung diese Story abkaufen würde.“ Ich rang mir ein raues Lachen ab. „Ich schätze, es wird bei der Schneewanderung bleiben.“

Wir verharrten kurz schweigend. Dann trat Tiphareth unvermittelt auf mich zu und schlang die Arme um mich. Ihre Wärme erfüllte mein Innerstes.

„Versprich mir eines“, flüsterte sie. „Vergiss niemals, dass du die Welt gerettet hast.“

Sie verharrte in der offenen Tür und winkte mir zu, bis mein Wagen die Einfahrt verlassen hatte. Ich lächelte und winkte zurück.

Dann nahm ich eine Biegung und die Heldin, die die Welt gerettet hatte, verschwand aus meinem Sichtfeld.

SGZ-Woche 12 Brühwarme Drabbles

(Wer keine Lust auf meinen Gedankensalat hat, überscrollt den kursiv markierten Text.)
Die Minuten rasen dahin, während die Zeilen, die ich schreibe, eher kriechen. Zu oft verwerfe ich erdachte Richtungen, in die die Geschichte gehen könnte, schreibe Sätze nicht, führe sie anders fort.
Wäre ich jetzt wirklich in Eile aufgrund eines anstehenden Termins, könnte ich das jetzt als »fertig« erklären und einfach nicht weiterschreiben. Aber ist ein Dreizeiler eine Geschichte? Nein, nicht wirklich. Selbst für ein Drabble fehlen mir noch einige Wörter, denn das muss aus exakt hundert Wörtern bestehen.
Reicht überhaupt eine reine Innenschau, ohne, dass etwas passiert? Gleich wird etwas passieren, dann stehe ich auf und gehe spazieren. Ende Geschichte.

Drabble fertig, aber richtig, richtig schlecht. Wenn man jetzt nur den ersten Abschnitt zählt. Und mit Rasen oder rasen hat der Text auch nur entfernt zu tun. Wie man merkt, bin ich wirklich im Schreibfluss und rotze jeden Mist raus.
Mal überlegen, ob mir noch was Gescheites einfällt.
»Hach, ist die Wiese schön grün.« Kennt ihr den? Loriot. Klassiker. Muss man gesehen haben. Meine Drabbles muss man nicht gelesen haben. Vielleicht sind sie so scheiße, dass sie schon wieder geil sind. Aber das steht mir nicht zu, zu beurteilen. Das muss das Publikum entscheiden. Noch vier Wörter. Ende.

Mal sehen, wie viele Drabbles ich schaffe. Rasen. Auf Rasen konzentrieren. Rasen nennt man auch Wiese. Auf eine Wiese kann man sich legen. Eine schöne Wiese mit Gänseblümchen. Ohne Hundekacke bitte. Mit Picknickdecke und Love Interest. Picknick mit Hund ist lustig. Der benimmt sich dann wie eine Katze und läuft über den »Tisch«, schnüffelt hier und da, klaut die Wurst und so. Es sei denn, der ist gut erzogen. Dann benimmt der sich natürlich einwandfrei. Gell. Das tun sie doch alle. Vor allem die, die nur spielen wollen. Ich könnte also eine Geschichte über ein Picknick auf dem Rasen schreiben.

Gute Idee. Picknick auf dem kurz geschorenen Rasen im Vorgarten eines feindlich gesinnten Nachbarn gefällt mir noch besser. Das bietet mehr Konfliktpotenzial als der Hund, aber der kann gern bleiben. Hunde sind drollig.
Der Nachbar also. Ich hab so eine Postkarte mit zwei Farmern, die mit Schrotflinten bewaffnet sind und richtig übel dreinschauen. Ich weiß den Spruch dazu nicht mehr, verdammt. Der war richtig gut, der Spruch. »Der Nachbar bleibt immer«, oder so. Könnte man ja auch als Titel nehmen für eine Geschichte. Dann hätte ich mal wieder eine mit Titel. Aber stört wohl die wenigsten meiner Leser, ihr Fehlen.

Paar mit Hund picknickt auf dem ondulierten Vorgartenrasen des griesgrämigen Nachbarn, der eben noch mit der Nagelschere die Rasenkanten begradigt hat. Oder so. Ja, das wird lustig. Und dann laufen lassen.
Sie trägt ein rosa Kleid und weißen Sommerhut, er blaues Hemd und Jeans. Zu kitschig. Er trägt Anzug. Echt, und dann auf die Wiese? Wenn er selbst in der Nachbarschaft wohnt, holt er sich doch bestimmt zu Hause was bequemeres. Badesachen? Nee, zu nackelig. Kleid und T-Shirt, vielleicht Muscle-Shirt zu Jeans. Kurze Jeans.
Fünftes Drabble übrigens. Ich brauche also fünf Sechstel Schrott im Kopf für eine Story, die funzt.

Amanda setzte sich vorsichtig auf die Picknickdecke, die Jim auf dem frisch ondulierten Rasen platziert hatte. Sie achtete darauf, ihr hübsches rosafarbenes Kleid nicht zu versauen, denn ein grünes Freestyle-Muster würde nicht dazu passen.
Jim kniete vor ihr und entkorkte gerade den Champagner. Würde er sie heute fragen? Aber doch nicht in Muscle-Shirt und Jeans-Shorts? Obwohl, zum Anbeißen sah er schon aus, wie er ihr lachend die Schüssel mit den Erdbeeren reichte, damit sie sich bedienen konnte.
Hoffentlich war der alte Griesgram von nebenan heute nicht da oder im Keller mit seiner Modelleisenbahn beschäftigt.
»Was fällt Ihnen ein?! Verschwinden Sie hier!«

»Herr Patzke, immer mit der Ruhe«, versuchte Jim, zu beschwichtigen. »Sie wissen doch, wir haben keinen eigenen Garten.«
»Das ist mir doch egal! Runter von meinem Grundstück!« Er trat einen Schritt näher. »Oder muss ich Ihnen Beine machen?«
»Nein, schon gut«, sagte Amanda und raffte ihr Kleid zusammen, um aufzustehen.
»Bleib sitzen, Schatz. Ich kläre das.« Er drückte ihr die Flasche in die Hand.
Der Alte bückte sich und zerrte an einer Ecke der Decke, woraufhin klirrend das Geschirr zusammenstieß.
»Herr Patzke, ich bitte Sie. Was ist es, dass Sie wollen?«
»Sind Sie schwerhörig?« Er wurde lauter. »Verpissen Sie sich von meinem Grundstück!«

»Schatz, wirklich, wir sollten gehen, Jim.« Sie begann, all ihre Habseligkeiten einzupacken.
»Amanda …«
»Wir gehen, bevor er noch die Polizei holt oder Schlimmeres passiert.«
Jim versuchte es ein letztes Mal. »Herr Patzke, wenn wir Ihnen etwas anbieten können …«
»Weg hier! Sofort!«
Amanda erhob sich, klappte den Picknickkorb zu und begann, die Decke zusammenzufalten. »Jim, hilf mir bitte mal.«
»So hab ich mir den Tag wirklich nicht vorgestellt.«
»Das macht nichts. Es ist ja nicht unsere Goldene Hochzeit oder so etwas.«
Er grinste.
»Es war einfach eine dumme Idee, hierherzukommen. Entschuldigen Sie bitte, Herr Patzke.«

Okay, das waren jetzt, meinem Anspruchsdenken nach keine richtigen Drabbles, weil ein Drabble ja eine Geschichte in exakt hundert Wörtern sein sollte und nicht irgendwelcher Text. Aber zum Messen des Verhältnisses von gedanklichem Ausschuss und brauchbarem Text ist das schon echt praktisch. Mittlerweile bin ich bei einem Verhältnis von fünf zu drei angekommen, also drei Achtel sind brauchbarer Text.
Jetzt versuche ich noch, das ganze in ein einziges Drabble zu stopfen. Zeit habe ich nicht mehr viel, aber das beflügelt mich geradezu. Was kann ich jetzt weglassen und was ist wirklich wichtig für die Story? Nicht ganz einfach. Mal sehen.

Um Amanda einen Heiratsantrag zu machen, hatte Jim sie zu einem Picknick mit Erdbeeren und Champagner eingeladen. Sie hatten es sich gerade gemütlich gemacht, da kam Fiesling Patzke von nebenan, auf dessen Rasen sie saßen und wollte sie verjagen.
»Runter von meinem Grundstück!«
Jim versuchte, mit dem alten Herrn zu reden und zu einer diplomatischen Lösung für sie alle zu finden. Vielleicht hätten sie ihm einen Gefallen tun können oder er wäre an Geld interessiert? Doch keine Chance.
Amanda hatte gleich erkannt, dass es nur die Möglichkeit gab, rasch alles einzupacken und von hier wieder zu verschwinden.
Auf gute Nachbarschaft!

Diese Geschichte ist im Rahmen der Mitmach-Aktion 100 Geschichten in 100 Tagen innerhalb von nur 60 Minuten entstanden und wurde bewusst nicht überarbeitet. 

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