Zum Leben verurteilt

von MIO

Die vergifteten Ozeane fressen sich jedes Jahr tiefer ins Festland. Das ist nicht der einzige Grund, weshalb ich seit siebzig Jahren in einem Flüchtlingscamp in Sibirien lebe. Nur der Kontakt zu meiner Schulfreundin Amalia verbindet  mich mit meiner Vergangenheit. Allein sie weiß, wo ich bin. Vor einer Woche bekam ich eine traurige Nachricht von ihr.

Liebe Sina,

Dein Vater liegt im Sterben. Er hat einen letzten Wunsch:

Er möchte dich noch einmal sehen.

Amalia

Während des Fluges beschleicht mich eine schlimme Vorahnung.

Als ich aus dem Flugzeug trete, weiß ich, dass es falsch war, meine innere Stimme zu ignorieren. Amalia hat mich verraten. Am Fuße der Rolltreppe stehen drei Genpos. Das sind Überwachungsroboter, die aus menschlichen Überresten gezüchtet werden. Ein Genpos stellt sich mir in den Weg. „Sina Lohmann?“

Ich nicke, weil leugnen zwecklos ist. Handschellen klicken. Er führt mich zu einer ihrer orangefarbenen Flugschalen. Durch die getönte Scheibe sehe ich auf die künstlich grünen Landschaften. Obwohl es viele Jahre her ist, erinnere ich mich gut an die gewaltigen Stürme. Bäume wurden samt Wurzeln aus dem Boden gerissen. Die Wälder sahen aus, als hätte Gott mit den Baumstämmen Mikado gespielt. In den Jahren danach verbrannte eine unbarmherzige Hitze das Leben auf der Erde.

Als das Fahrzeug hält, drücke ich mich tiefer in den Sitz. Der stechende Blick eines Genpos trifft mich. Ein missliches Kribbeln fährt durch meinen Körper. Willenlos erhebe ich mich und folge den Robotern in den grauen Gebäudekomplex.

In den unteren Geschossen befinden sich die Laboratorien.

Es stinkt nach Verwesung, künstlichen Aromen und Chlor.

Nachdem ich mein Zimmer bezogen habe, tritt ein Obergenpos ein. Er fixiert mich mit leblos, leuchtend gelben Augen. „Gut, dass Sie hier sind“, sagt er mit monotoner Stimme. „Wir helfen Ihnen. Ihr Verschleiß ist weit fortgeschritten.“

Zorn steigt in mir auf. „Ich brauche Ihre Hilfe nicht.“

„Sie haben schon zwei Mal versucht, sich das Leben zu nehmen. Das müssen wir ernst nehmen.“

„Ernst nehmen …“ hauche ich erschöpft. Das ist zweihundertsiebenundzwanzig Jahren her. Das zweite Mal war vor …“

Der Genpos nimmt die Codetafel und sucht nach meinen Daten. „Dreiundsiebzig Jahren. Damals haben sie die Behandlung abgebrochen. Das war keine kluge Entscheidung.“

Ich sehe auf die verblassten Narben an meinen Handgelenken. Nach dem ersten Mal fanden mich Freunde. Blutleer. Mehr tot als lebendig. Die Reanimation dauerte dreieinhalb Stunden.

Beim zweiten Mal wollte ich keinen Fehler machen. Das Seil schnürte mir die Kehle zu. Die Arterien am Hals schlossen sich. Ich fühlte einen tiefen Frieden. Tränen der Freude und Erleichterung liefen mir über die Wangen. Dann verlor ich das Bewusstsein. Mit aufgedunsenem Gesicht, violetten Lippen, aus Nase und Mund blutend, wurde ich in die Klinik gebracht. Ein zäher Kampf begann, den ich wieder verlor.

Der Obergenpos tippt in sein Tablet, während er spricht.

„In den nächsten Wochen injizieren wir Ihnen Enzyme und Mitochondrien-Gene. Wir stimulieren ihre Immunzellen, um die unerwünschte Ansammlung von Proteinen wegzuräumen und die vorhandenen Zellen zur Neuteilung anzuregen. Außerdem rate ich zu einer Therapie mit körpereigenen Stammzellen. Die werden wir genetisch verändern. Frau Lohmann, ich verspreche Ihnen: Sie werden sich wie neu geboren fühlen.“

Wie gelähmt liege ich auf dem Bett. Keiner hatte mich ernst genommen. Ich sei verrückt, haben sie gesagt. Diese Augen waren es, die sie verrieten. Diese starren, reglosen Augen. Anfangs waren es wenige. Sie trugen blaue Kontaktlinsen. Geschickt schlichen sie sich ein, waren flexibel und passten sich an. Sie funktionierten wie Roboter und übernahmen gezielt leitende Positionen. Bis heute weiß keiner, woher sie kamen. Ich vermute, von einem fernen Planeten, den sie vor unserem vernichtet haben. Für sie ist es ein Spiel.

Ein zweites Bett fährt, wie von Zauberhand gelenkt herein.  

„Ich bin Carolin“, krächzt die Frau heiser und hebt einen Beinstumpf wie eine gewonnene Trophäe in die Höhe. Eine transplantierte Hülle hängt daran, wie ein schlaffer Ballon.

„Was ist denn passiert?“, frage ich.

„Mir ist so ein Oldie mit seinem selbstfahrenden Auto über mein Bein gefahren.“

Sie zeigt auf den Ballon. „Hier ist Wachstumsgranulat drin. In drei Wochen kann ich wieder laufen und springen. Warum bist du hier?“

„Zellerneuerung und Gefühlsumstellung“, antworte ich.

„Zellerneuerung. Hab ich letztes Jahr machen lassen. Ist eine tolle Sache. Gefühlsmäßig bin ich im Lot.“

„Fehlt dir nichts?“

„Nein, was soll mir fehlen?“

„Kinderlachen. Der Geschmack von Schokoladeneis auf der Zunge, die Schönheit und der Duft einer blühenden Rose …“

Carolin schüttelt den Kopf, zieht die Kopfhörer über die Ohren und schließt die Augen. Einer der Wärter kommt mit einem Tablett herein. „Abendessen.“

Er reicht mir ein gepresstes Nährstoffkonzentrat und zwei bunte, mit weißem Pulver gefüllte Kapseln. Alles löst sich augenblicklich im Mund. Mir ist, als würden meine Gefühle von einem trockenen Schwamm aufgesaugt. Ich atme tief ein und in meine Hand tropft eine letzte, kostbare Träne.

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Ein Gedanke zu „Zum Leben verurteilt

  1. Eine traurige Vision!
    Schön und gefühlvoll geschrieben. Ich konnte die Gefühle von Sina gut nachvollziehen und war gespannt, wie die Story endet. Sie endet, wie sie enden musste.
    Die letzte kostbare Träne – wie schön!

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