8.Teil – Maulwürfe

Khendrah hatte einiges zu tun, Thomas die gesamte Station zu zeigen. Er war beeindruckt über die gewaltige Größe der Anlage. Hier würden sie es eine Weile aushalten können.
»Können wir denn sicher sein, dass wir hier keine unliebsamen Besucher bekommen?«, fragte Thomas, »nicht, dass irgendwann diese Fancan hier auftaucht und uns überrascht.«
»Ich kann den Zugang von hier aus versperren. Dann kann niemand den Aufzug hier verlassen.«
Thomas war etwas beruhigt.
»Sag mal, was machen wir eigentlich jetzt hier?«, wollte er wissen. »Wir können doch nicht auf ewig hier in dieser Station bleiben, oder?«
»Das will ich auch gar nicht«, beruhigte Khendrah ihn. »Ich brauche aber eine sichere Arbeitsplattform für meine Recherchen und dies ist eine sichere Plattform. Sie wird von den Scannern der Behörde nicht erfasst, da sie nur die reale Zeit draußen überprüfen.«
»Welche Recherchen willst du denn anstellen?«, fragte Thomas verständnislos. »Entweder, sie finden uns, oder sie finden uns nicht. In jedem Fall sind wir auf der Flucht.«
»Komm mit, Thomas«, sagte Khendrah. »Wir gehen jetzt in die Datenbankabteilung. Dort werde ich dir zeigen, was wir alles prüfen können.«
Khendrah führte ihn in die Datenbankabteilung, in der sich bei ihrem Betreten ebenfalls sofort das Deckenlicht einschaltete. Thomas sah sich um. Der ganze Raum war mit Monitoren und Konsolen angefüllt und wirkte äußerst verwirrend. Khendrah ging zielsicher auf eine Konsole zu und tippte einen Code in die Tastatur, worauf an der Konsole diverse Lämpchen aufleuchteten. Danach ging sie von einer Ecke in die andere und nahm einige Einstellungen vor. Thomas hatte keine Ahnung, was sie dort tat.
»Du scheinst dich hier aber gut auszukennen«, meinte er.
»Ich sagte doch, dass die Stationen alle identisch sind«, sagte Khendrah.
»Das meine ich nicht. Ich finde, du scheinst sehr genau zu wissen, was du zu tun hast.«
Khendrah lächelte und breitete ihre Arme aus.
»Das ist richtig. Vor dir steht eine der besten Hackerinnen, die innerhalb der Behörde zu finden sind. Ich stamme aus dem zweiunddreißigsten Jahrhundert. Es ist das Jahrhundert, in dem wir schon als kleine Kinder alles Mögliche programmieren. Wenn ich manchmal erlebt habe, was unsere sogenannten Programmierer hier leisten, dann musste ich schon häufiger darüber lachen.«
Sie wies auf eine schwere Tür an der hinteren Wand.
»Komm, dort ist unser Ziel. Das ist der eigentliche Datenraum. Von dort aus kann ich mich überall umsehen.«
Sie betraten einen dämmerig ausgeleuchteten Raum, der nur notdürftig von virtuellen Displays erleuchtet wurde. Sie nahmen an einem der wenigen Arbeitsplätze Platz und Khendrah begann, ihm die Funktionsweise der Anlage zu erklären. Thomas hörte gebannt zu und stellte von Zeit zu Zeit eine Frage, die Khendrah zeigte, dass Thomas das Wichtigste verstanden hatte.
»Wenn ich es richtig sehe, dürfte ich das alles hier überhaupt nicht sehen, oder?«, wollte er wissen.
»Niemals!«, bestätigte Khendrah. »Du bist ein Mann aus der äußeren Zeit. Allein, dass du hier bist, darf nicht sein. Aber was macht es jetzt noch aus? Wir sind dem Tode geweiht, es sei denn, ich finde Beweise für den Verrat meines Analysten und kann diese Beweise auch an die Kontrollorgane der obersten Behörde weiterleiten. Dann haben wir eine Chance.«
»Was für eine Chance, Khendrah? Wir haben in den letzten Tagen so viel zusammen erlebt und durchgemacht. Wir sind uns nahe gekommen. Hätten wir eine Chance, zusammen bleiben zu können?«
Khendrah griff nach Thomas’ Arm und drückte ihn.
»Das wird wohl nicht möglich sein. Du gehörst in deine Welt zurück, Thomas. Du hast eine Zukunft. Deine Nachkommen haben einen deutlichen Abdruck in der Geschichte hinterlassen, während ich hierher gehöre, in die Behörde.«
»Die verdammte Behörde kann mir gestohlen bleiben!«, schimpfte Thomas. »Warum kannst du nicht mit mir zurückgehen in meine Zeit?«
»Weil, weil das eben nicht geht. Du darfst es dir nicht so schwer machen. Wir kennen uns doch auch gar nicht richtig.«
»Aber wir hätten zumindest die Chance, uns besser kennen zu lernen.«
Khendrah schwieg. Thomas hatte ja recht. Auch sie hätte lieber eine Perspektive, entscheiden zu können, ihn näher kennen zu lernen, aber es ging nicht. Sie war eine Agentin und Agenten stand ein solches Privatleben nicht zu.
Sie aktivierte den Datenbankrechner und ließ ihn sich in die Hauptdatenbank der Behörde einklinken. Sie wusste, dass es durch einen Zufall nun durchaus feststellbar war, dass ein bisher nicht aktiver Rechner im Behördennetz arbeitete, aber dieses Risiko nahm Khendrah in Kauf.
»Glücklicherweise hat Ralph Geek-Thoben nicht die nötigen Kenntnisse, um seine Manipulationen in der Datenbank restlos zu tilgen«, sagte sie.
»Wer ist Ralph Geek-Thoben?«, wollte Thomas wissen.
»Das ist der Mann, der mir den Auftrag gab, dich zu töten«, erklärte Khendrah. »Er ist der Analyst unserer Basis. Das bedeutet, dass er Unregelmäßigkeiten im Zeitstrom analysiert, sobald sie entdeckt werden und herauszufinden versucht, wie man diese Unregelmäßigkeit ohne großen Aufwand beseitigen kann. Ralph hat jedoch die Analyse gefälscht und einen Auftrag erteilt, der seinem Neffen zu Macht und Reichtum verholfen hätte, wenn nicht ein Nachkomme von dir ihn daran gehindert hätte.«
Inzwischen hatte sie den Korrekturauftrag geöffnet und betätigte den Ausdruck. Sie wusste, dass die meisten ihrer Kollegen lieber nur am Bildschirm lasen, aber sie liebte es, die Informationen als feste Kopie in Händen zu halten. Sie zog die Ausdrucke aus dem Folienschreiber und reichte sie an Thomas weiter.
»Hier, lies dir das schon einmal durch, damit du begreifst, wie verwerflich Ralph gehandelt hat.«
»Du vergisst, dass ich diese ganzen Manipulationen schon für verwerflich halte«, stellte Thomas klar.
»Ja, ich weiß«, sagte Khendrah. Sie wurde auch allmählich immer schwankender in ihren Ansichten.
»Sie sind aber nun einmal vorgenommen worden und nun müssen wir versuchen, zu verhindern, dass Ralph durch eine erneute Maßnahme doch noch die Oberhand behält. Es kann sein, dass wir auch noch einmal eine Zeitkorrektur vornehmen müssen, um dich zu schützen. Das will ich versuchen, herauszufinden.«
Sie sah ihn eindringlich an. »Du willst doch leben, oder etwa nicht?«
Thomas schluckte hörbar und nickte unmerklich.
»Khendrah, warum tust du das alles eigentlich? Selbst, wenn wir das hier überleben, werde ich wieder zurückgehen müssen in meine eigene Zeitebene – mit dem Wissen über dich und die Korrekturbehörde. Du hingegen wirst hier bleiben und weiterhin das Schicksal der Menschen beeinflussen. Es ist alles so sinnlos.«
Khendrah erhob sich von ihrer Konsole und ging zu Thomas. Ihre Augen waren etwas feucht, als sie sich an ihn schmiegte und seufzte.
»Ich weiß nicht, was ich denken soll«, flüsterte sie. »Ich bin für so eine Situation nicht ausgebildet worden. Es war nie beabsichtigt, dass einer von uns seine sogenannte Zielperson näher kennen lernt, aber ich habe dich kennen gelernt und ich fürchte, ich habe mich in dich verliebt. Ich weiß eigentlich nicht, was Liebe ist, aber das, was sich Verwirrendes in mir abspielt, muss wohl Liebe sein. Ich weiß, dass ich dich wieder dorthin bringen muss, wo du herkommst, aber ich habe Angst davor.«
Thomas nahm sie fest in seine Arme und hielt sie. Er spürte, dass sie zitterte und spürte selbst ein irrationales Gefühl des Glücks, das er noch nie bei einer Frau in dieser Form gespürt hatte. Es war alles vollkommen verrückt. Er wurde sich immer sicherer, dass er nicht bereit war, Khendrah ohne Kampf aufzugeben. Sie genossen noch eine Weile jeweils die Nähe des Anderen und küssten einander mehrfach, bevor Khendrah sich wieder an die Arbeit machte.
»Ich muss weiterarbeiten, Thomas«, sagte sie entschuldigend. »Ich muss mich in Ralphs Leben hineinwühlen und herausfinden, was er bereits alles angestellt hat.«
Thomas versuchte, ihr zu helfen, so gut er konnte. Trotzdem dauerte es Stunden, bis sie ein komplettes Profil ihres Gegenspielers erstellt hatten. Als Khendrah fertig war, kannte sie ihren Analysten fast so gut, wie dieser sich selber. Sie wusste nun, dass er nicht wirklich freiwillig für die Behörde arbeitete, sondern als Jugendlicher gegen seinen Willen aus seiner Zeitebene entführt worden war. Die Behörde hatte seinen Lebenstraum zerstört. Das war bedauerlich und sicher nicht in Ordnung, aber es rechtfertigte nicht die willkürlichen, von ihm angeordneten Einsätze zur Förderung seiner eigenen Angehörigen. Sie fand sogar heraus, dass er von Zeit zu Zeit den Zeitvektor in seinem Ursprungsjahrhundert verlassen hatte. Was er dort getan hatte, konnte sie nicht eindeutig feststellen. Sie vermutete jedoch, dass er Kontakt zu seinen Leuten aufgenommen hatte, um sie mit unerlaubten Informationen zu versorgen.
Der immer gravierendere Personalmangel innerhalb der Behörde ließ Ralph Geek-Thoben immer mehr Macht auch innerhalb der Behörde erringen. Der Kontrollausschuss war seit Langem schon vollkommen überfordert und verließ sich nur zu gern auf die Analysten. Seit vielen Jahren schon funktionierte dieses System hervorragend.
Thomas las die Unterlagen und fühlte sich immer unwohler dabei.
»Kontrolliert Ihr eigentlich die Zeit bis in die entfernteste Zukunft?«, fragte er Khendrah.
»Nein«, sagte sie, »ursprünglich hatte man die Behörde im einundfünfzigsten Jahrhundert errichtet – etwa vier Jahrhunderte nach der Entdeckung der Zeitreisen. Damals reichte der Zeitvektor nur wenige Jahrhunderte weit. Nach und nach wurde der überwachte Bereich immer weiter ausgedehnt, abhängig davon, welche Technologien man sich aus den überwachten Zeitebenen nutzbar machen konnte. Allerdings scheint es Grenzen zu geben. Niemand weiß, wieso, aber es gibt eine Überwachung erst ab dem Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und nur bis etwa zum achtzigsten Jahrhundert. Es ist nie gelungen, die Kabinen über diese Grenzen hinaus zu steuern. Es ist oft versucht worden, die Zukunft weiter zu erforschen, aber die Kabinen bleiben einfach stehen, wenn man versucht, diese Grenze zu überschreiten.«
»Und man hat keine Erklärung dafür?«, fragte Thomas.
»Die Spezialisten vermuten, dass die Zeit selbst ihre Struktur verändert und wir mit unserer Technologie einfach nicht in der Lage sind, dieser Struktur zu folgen.«
»Abgesehen davon, dass ich Zeitreisen bis vor wenigen Tagen als Humbug abgetan hätte, erscheint mir diese Erklärung etwas an den Haaren herbeigezogen, oder nicht?«
Khendrah überlegte. »Ich verstehe zu wenig von der Natur der Zeit. Aber es spielt auch keine Rolle. Wir haben uns um etwa sechzig Jahrhunderte zu kümmern und selbst das hält die Behörde ganz schön auf Trab.«
Sie arbeiteten noch weiter bis in die Nachtstunden hinein. Khendrah suchte noch nach Fancan und stellte fest, dass sie sich offenbar nicht mehr im Jahre 2008 aufhielt. Vermutlich war sie bereits in den Zeitvektor zurückgekehrt. Sie versuchte, sie über das Kommunikationsnetz in der Basis im 3500. ausfindig zu machen, doch auch dort schien sie sich nicht aufzuhalten.
»Das beunruhigt mich etwas«, sagte sie. »Fancan ist sicher noch immer hinter uns her. Ich kann nicht einfach diese Station hier verlassen, wenn ich nicht weiß, wo sich unsere Verfolgerin aufhält. Sie könnte uns sonst eine Falle stellen, so wie wir es in dem Kaufhaus getan haben.«
»Kannst du nicht diesen Scan, den du in den Zeitebenen durchführst, auch hier im Zeitvektor durchführen?«
»Leider nein, es wurde hier nie installiert, weil man es für unmoralisch hielt, dass wir uns gegenseitig kontrollieren können.«
»Ihr habt wirklich Moralvorstellungen, die einem die die Tränen in die Augen treiben«, sagte Thomas. »Es verhindert aber sicher auch, dass die Anderen uns finden können.«
»Das ist richtig.«
Sie schaltete das Terminal ab.
»Ich kann nicht mehr«, sagte sie. »Ich muss jetzt etwas essen und dann will ich einfach nur schlafen.«
Sie lehnte sich an Thomas.
»Darf ich mich wieder an dich kuscheln?«, fragte sie.
»Ich glaube, das lässt sich einrichten«, antwortete er lachend und legte einen Arm um ihre Taille, als sie auf den Gang hinaustraten.