Ein Liebesbrief von Marek Schaedel

Mein liebster Clarke,

längst wirst Du über meine Gefühle gegenüber Dir unterrichtet worden sein und auch aus diesem Anlass schreibe ich Dir. 
Die schönen Worte, die Du sagtest, bin ich bereit von Herzen zu erwidern, aber doch muss ich Dich hier verblüffen.
Denn es ist nicht die Emilia, die aus mir spricht, wohl aber die Cassandra.
Ich liebe Dich, Clarke und für immer spüre ich diesen Kuss, den Du mir schenktest, als wir am Brunnen saßen, letzten Sonntag nach der Vesper. Du hieltest ihre Hand und sahst in ihre Augen.
Liebster Clarke! So sind denn ihre Augen doch auch meine!
Du erschrakst, als ich – Cassandra – Dich erblickte, doch schon war ich von Deinem verliebten Antlitz überwältigt, das in mir die Emilia sah.
Ich glaube Dir, Clarke.
Wenn Du – so wie meine Zofe mit scheuem Blick und kurzem Wort – mir sagst, dass diese eine Frau mit dem einen Herzen, dem Haar aus Ebenholz und den zwei silberblauen Augen zwei Frauen in sich hat. Emilia und mich, Cassandra.
Emilia bin ich nie begegnet, aber ich glaube Dir, dass sie da ist, in mir.
Sag mir! Warum kannst Du nicht auch mich lieben? Dieselbe Frau, dasselbe Herz, dieselben Augen?
Küsstest Du nicht auch meine Lippen, als Du Emilia mit festem Griff umschlossest?
Was für ein wonnevoller, endloser Augenblick der Schönheit.
Aber dann erkanntest Du mich. Cassandra. Die erwachte beim ersten zarten Kuss von Dir. 
Natürlich! Natürlich, liebster Clarke!
Doch dann Dein Schreck, Dein Blick, Dein überstürzter Aufbruch! 
Kannst Du mich denn nicht lieben, so wie sie?
So stehe ich nun wieder hier am Brunnen und schreibe diese Zeilen auf.
Da unten vor mir wird sich bald das Schicksal zweier Frauen zu letztlich einem wenden.

Auf ewig Dein!
Cassandra

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