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Monat: September 2021

Eine Geschichte beenden

Frage: Was macht man, wenn man immer nur Anfänge schreibt und dann stecken bleibt?

Gerade, wenn man längere Geschichten, ganze Romane schreiben will, kann man an einem Punkt kommen, an dem es einfach nicht mehr weitergeht.
Neil Gaiman beschreibt auf der NaNoWriMo-Seite diese plötzliche Durststrecke anhand eines Gesprächs mit seiner Agentin, die ihn bei jedem Buch wieder daran erinnert mit den Worten: »Ach, an dieser Stelle des Buches sind Sie!« Gemeint ist die Stelle irgendwo in der Mitte, wenn die anfängliche Euphorie verflogen, und das Ende noch nicht in Sicht ist. Du bist kurz davor, aufzugeben. Du weißt nicht einmal mehr, warum Du überhaupt angefangen hattest, zu schreiben.
Die Lösung sieht so aus: Du schreibst an guten und an schlechten Tagen. Du schreibst einfach. Egal, ob das Schreiben erfüllend ist, ob es Deine Bestimmung ist oder nicht, das spielt keine Rolle. Wichtig sind jetzt die Wörter, eins nach dem anderen. Finde das nächste Wort. Schreibe es hin. Und das nächste, das nächste, das nächste.

Aber auch Schreiber von kurzen Geschichten sind nicht davor gefeit, einen wunderbaren Anfang nach dem nächsten zu schreiben und keine Geschichte zu Ende zu bringen. Woran liegt es? Kannst Du Dich nicht für eine Idee entscheiden? Oder hast Du noch gar keine?
Es kann vielleicht helfen, die Übung vom letzten Mal zu wiederholen, die wir bezüglich des Anfangs gemacht haben: Überlege doch einmal, wie das Ende überhaupt aussehen soll! Wenn ich nicht bereits mit einem klaren Ziel vor Augen in eine Geschichte starte, dann entwickle ich eine Idee für das Ende unterwegs. In unserer Kaktusgeschichte vom letzten Mal (siehe unten) war das der Moment, als ich Ewald auf die Gartenschere blicken ließ. Da hatte ich ein mögliches Ende vor Augen, aber ich weiß natürlich nicht, ob die Geschichte wirklich so ausgeht. Dadurch bleibt es für mich spannend, sie überhaupt zu Ende zu schreiben.

Handelt es sich eher um ein arbeitsorganisatorisches Problem? Vielleicht findest Du nicht die Zeit, zu Ende zu schreiben und beim nächsten Mal weißt Du nicht mehr, was Dir überhaupt vorschwebte. Das ist nicht schlimm!
In solchen Situationen hilft es mir immer, die Geschichte noch einmal zu lesen und mir zu erlauben, sie einen anderen Verlauf nehmen zu lassen, als vielleicht ursprünglich geplant. Dabei hilft mir, das bereits Geschriebene ein wenig zu überarbeiten, dadurch werde ich wieder warm mit der Geschichte.

Findest Du Deine angefangene Geschichte zu schlecht, um die Arbeit zu investieren, sie weiterzuschreiben? Nun, vielleicht ist das auch wirklich so, vielleicht solltest Du sie verwerfen, je nach dem, wie viel Arbeit Du bereits investiert hast.
Eine prominente Kollegin nimmt sich der Frage an, ob Geschichten unbedingt zu Ende geschrieben werden müssen: Jacky aka J. Vellguth Sie rät: Schreib sie auf jeden Fall zu Ende, um daraus für die nächste Geschichte zu lernen. Vielleicht holst Du sie eines Tages aus der Schublade, wenn Du einiges dazugelernt hast, und überarbeitest sie zu einer noch viel besseren Geschichte. 

Wenn Ideen für neue Geschichten immer verlockender sind als die bisherigen, weil es plötzlich keinen Spaß mehr macht, weiterzuschreiben, aber die neue Geschichte macht Dir Riesenspaß – dann solltest Du es vielleicht wirklich mal versuchen und wie eingangs empfohlen einfach weiterschreiben, auch wenn es keinen Spaß macht. Nur, um es einmal erlebt zu haben, eine zu Ende zu bringen.
Fang klein an: Eine Seite, zwei Seiten, fünf Seiten, zehn Seiten, zwanzig Seiten. Bevor Du einen Roman schreibst, ein mehrbändiges Epos in einer fiktiven Welt gar, versuche es erst mal mit einer Novelle.

Du schreibst nur aus Spaß und musst kein Geld verdienen mit dem Schreiben? Warum liest Du dann diesen Artikel? 😉

Schreibübung: Schreibe ein Ende für die Kaktusgeschichte vom letzten Mal! Wenn Du merkst, dass Du die Geschichte ändern musst, damit Du zu einem funktionierenden Ende findest, dann ändere sie. Überarbeiten gehört dazu!

Der Kaktus war sein ganzer Stolz gewesen. Vom kleinen Mitbringsel an, das auf dem Schreibtisch Platz gefunden hatte, hatte er ihn gehegt und gepflegt, bis er kaum noch durch die Terrassentür passte. Das war sicher auch der Grund dafür, dass seine Frau den armen Kojoten, wie Ewald die Kaktee in seiner Jugend getauft hatte, gestern Abend nicht ins Haus geholt hatte. Sie hatte das Risiko des Nachtfrosts auf die leichte Schulter genommen. Zugegeben, im Juli war das auch recht unwahrscheinlich. Trotzdem. Wie er jetzt aussah!
Kojote war nur noch ein jämmerlicher Haufen grüner Matsch. Es schnitt Ewald ins Herz, ihn so zu sehen. Seine einst so stolzen Äste hingen schlapp herunter, waren geborsten und sein Inneres war auf die Fliesen gelaufen. Sogar Kojotes hübscher blauer Blumentopf mit den weißen Blumen, den die Kinder bemalt und ihm, Ewald, zum Geburtstag geschenkt hatten, war zerbrochen. Offensichtlich hatte Christa es gut gemeint und den Kaktus am Vorabend besonders ausgiebig gegossen.
»Christa, sieh ihn dir an!« Ewald rannten die Tränen übers Gesicht.
In Morgenmantel und Hausschuhen schlurfte sie näher. »Wasn?«
»Kojote ist tot! Du hast ihn ermordet!«
»Ich hab was?!« Jetzt war seine Frau hellwach, obwohl sie noch nicht ihre erste Zigarette geraucht, geschweige denn Kaffee getrunken hatte. Das Frühstück bereitete Ewald üblicherweise erst für sie beide, nachdem er morgens als erstes nach Kojote gesehen hatte.
»Der Kaktus! Er ist nur noch Matsche! Was hast du getan?« Er wischte sich die Tränen ab, ballte jetzt die Fäuste, sein wutrotes Gesicht verzerrt.
»Na, ich hab ihn gegossen. War ganz ausgetrocknet. War det falsch?«
»Ersäufen ist eine Sache, da hätte ich was gegen tun können. Aber du hast ihn über Nacht draußen gelassen. Er ist erfroren!«
»Erfroren? Das geht?«
Ewald raufte sich die Haare. Sein Blick fiel auf die Gartenschere.
»Hättest ihn ja selbst reinholen können.«

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Lösung der Schreibblockade mit Qwertz – Peter Biro

Der von Schaffenskraft nur so strotzende Hobbyschreiber setzt sich in bester Absicht vor den Computer, um eine knallend lustige Kurzgeschichte zu schreiben. Dabei soll ein wirklich gelungenes Stück Literatur mit gesellschaftskritischen Untertönen entstehen, das obendrein auch noch unterhaltend ist.

Der routinierte Schreiber sorgt für bestes Dichtungsambiente. Dafür lässt er die Jalousien halb herunter, um die richtige Lichtmenge hereinzulassen; nicht zu viel und nicht zu wenig, gerade mal so, dass ihn die Schatten der sanft schwankenden Pappel nicht vom kreativen Schaffen ablenken. Er rückt den Stuhl zurecht; dieses Möbelstück ist nicht zu unbequem, um die Arbeit zur Tortur zu machen und auch nicht zu komfortabel, um ihn bei längeren Denkpausen matt werden zu lassen. Die kleine gelbe Quietschente, ein Geschenk seiner kleinen Nichte Lara und unentbehrliches Maskottchen des proliferativen Dichters, muss derweil hinter dem Bildschirm verschwinden. Dieses Ding könnte ihn, mit ihrem lächerlich großen, roten Schnabel, zu sehr von hochtrabenden dichterisch wertvollen Gedanken ablenken. Lara hatte das undicht gewordene Spielzeug nicht mehr brauchen können und vermachte es unter gewissen Auflagen ihrem schreibenden Onkel. Rechts von der Maus dampft schon griffbereit die angenehm duftende Tasse Hagebuttentee und wartet nur darauf, ihren unterstützenden Beitrag zur Entwicklung wohlformulierter künstlerisch überaus anspruchsvoller Eingebungen zu leisten.

Nun rückt er sich den Stuhl unter dem Hintern zurecht, setzt sich mit einer weit ausholenden Geste erwartungsvoll darauf und überprüft die Position der Tastatur, die sich genau auf Armlänge vor ihm im Panoramaformat ausbreitet. Ja, so ist es ideal! Mit einem elegant gesetzten Doppelklick öffnet er eine neue Worddatei im umlautfrei bezeichneten Ordner namens «Neue Entwuerfe», und betrachtet zufrieden die blendend weiße Oberfläche, die sich so einladend auf dem picobello aufgeräumten Bildschirm vor seinen Augen ausbreitet.

Einem Klaviervirtuosen nicht unähnlich setzt der gefeierte Autor seine zartgliedrigen Hände auf die Tastatur, voller Erwartung, dass seine gewohnte Kreativität nun sprudeln wird, was wiederum entsprechend sinnhafte Aktionsbefehle an seine zehn, Finger genannten, Ausführungsorgane auslösen würde. Noch ruhen acht seiner Aktionskünstler angespannt auf den Buchstaben A, E, R, N, I, O, K und Shift, während seine beiden Daumen symmetrisch auf der Pausentaste sitzen und bereitstehen, die erforderlichen Abstände zwischen den sogleich purzelnden, goldenen Worten des Meisters zu setzen.

Aber… es will einfach nichts purzeln.

«Was ist nur mit mir los?» fragt sich der sichtlich verunsicherte Schreiberling, der ganz überrascht ist vom nicht-einsetzen-wollenden Schreibschwall. «Das gibt’s doch nicht!» murmelt er leise in sich hinein, «Jetzt fällt mir gerade nichts ein. Ein wahrhaft ungewöhnliches Ereignis…», denkt es in ihm in seiner gewohnt erlesenen Sprachmelodie und mit einem leisen Anflug von Beunruhigung.

Glücklicherweise ist bis zur Verzweiflung noch ein langer Weg, eine Zeitstrecke, die noch mancherlei Chancen auf eine interessante Wortfindung offenlässt. Wenn nur ein solches, wohlformuliertes, erlösendes Wort aufkommen könnte! Nur eines, welches das Potenzial in sich trägt, zu einer netten, kleinen Kurzgeschichte ausgewalzt zu werden. Ein anspruchsvolles, gerne auch ein wenig geheimnisvolles Wort wie «Hypertrophie», oder «Hypotenuse» zum Beispiel, oder gar «Hyttenkäse», letzterer ein klassischer Anknüpfungspunkt für ganzheitliche, gesundheits- und ernährungsrelevante Ausführungen. Aber der einzige Begriff, der dem Autor jetzt aufkommt ist nur: «Schreibblockade», nichts Anderes. Und dazu fällt ihm partout nichts Verwendbares ein. Es liegt nun mal in der Natur der Sache.

Nun verharrt er eine Weile inständig hoffend, dass irgendein halbwegs lustiger Gedankensplitter in seiner Phantasie aufkommt. Aber es kommt nichts. Nicht einmal irgendein plumpes Slapstick-Szenario mit fliegenden Torten und rutschigen Bananenschalen, das er, wie gewohnt, bis auf viereinhalb Seiten ausdehnen könnte. Nein, es kommt immer noch nichts. Er steckt in einer veritablen Schreibblockade.

Mit gesenktem Blick schaut er auf die vor seiner Nase breit ausgelegte Tastatur, deren mit weißen Großbuchstaben bezeichnete Würfelchen herausfordernd auf den bevorstehenden Andruck warten. Sie harren jener erlösenden Bewegung, die ihrem Bestimmungszweck entsprechend, sie zu einer mit Klickgeräuschen untermalten Choreographie verleitet, bei der lesenswerte Prosa entsteht. Deren Endergebnis wiederum sollte sich simultan auf der hell leuchtenden Oberfläche, direkt über den erwartungsvoll auf den Alphabetisierungsauftrag wartenden, kleinen Quadratschädeln ausbreiten. Doch nichts dergleichen geschieht. Er hat immer noch diese verdammte Schreibblockade.

Verärgert sucht der ratlose Hobbyschreiber im Arrangement der besagten Tasten nach einer wegweisenden Botschaft, nach irgendeinem versteckten Hinweis, der zu einer sinnvollen, gleichgültig wie gearteten Phrase führen würde. Wenigstens nur einen einleitenden Nebensatz oder seinetwegen nur ein einziges, weiterführendes Wort …

Und dann passiert es! Es dämmert ihm plötzlich: «Oh ja, das ist es!». Man muss nur genau hinsehen, da steht es weiß auf schwarz; links oben prangt das rettende Wort, zusammengesetzt aus den sechs ersten Tasten der obersten Buchstabenzeile: «QWERTZ». Erstaunlich, dass ihm das bisher noch nie aufgefallen war! «Qwertz» ist ein inhaltsschwerer Begriff mit dem ein geübter Romancier etwas anfangen kann. «Qwertz ist Trumpf und Trumpf ist Qwertz!». Das muss einmal klar gesagt und geschrieben werden.

Nun also, will der Übereifrige einen neuen Text auf «Qwertz» aufbauen. Das Wort ist gut und noch nicht abgegriffen, da kaum benutzt. Trotz seiner scheinbaren Künstlichkeit existiert er sehr wohl im Wortschatz gebildeter Kulturmenschen wie Sie und ich, und zwar als namensgebende Variante der üblichen, deutschsprachigen Schreibmaschinen-Tastatur. Sachkundig sprechen Eingeweihte davon, ganz im Gegensatz zur Qwerty-Tastatur, die ausserhalb der deutschsprachigen Welt üblich ist und keinerlei literarisch verwertbare Assoziationen hervorzurufen vermag. Nur muss der findige Autor den Qwertz-Begriff in einen wohlklingenden, sinnvollen Text gießen, was auch wieder nicht so einfach ist. Aber er müsste es hinkriegen, schließlich ist er ein anerkannter Meister skurriler Phantastereien, und seine Neuentdeckung scheint als Ausgangspunkt einer neuen Geschichte brauchbar und originell zu sein.

Folglich geht das dann so, dass er sich zunächst fragt, «Was will der geneigte Leser lesen?». Und prompt gibt er sich selbst die passende Antwort, die auch die meisten Fachleute geben würden: «Sex and Crime»: Erotisches mit einer Prise Gewaltanwendung. Leser wünschen sich wohldosierte Mengen Blut und Köpersäfte, die bei abendlichen Rumgelagen in der exotisch anmutenden, von Kokospalmen gesäumten Umgebung, in Strömen fließen. Das zieht.

«Also gut», sagt er zu sich, dabei neue Hoffnung schöpfend, «versuchen wir mal aus diesem Qwertz eine bewegende Kurzgeschichte mit exotischer Anmutung à la Lara Croft und die Grabräuber rauszukitzeln». Dann schreitet er zur Tat und im Stakkato seiner in die Tasten gehauenen Gedanken entsteht dieser aufregende Text:

Jolande findet den Qwertzalcoatl

Jolande van der Qwertz war eine junge, attraktive Archäologin, die sich in den mexikanischen Urwald aufgemacht hatte, um nach den Spuren früher Indiokulturen zu suchen. Und gegebenenfalls nach einem muskulösen Liebhaber unter den willigen, einheimischen Grabungshelfern. Aus einem qwertzsubventionierten Forschungsfond ihrer Universität hatte sie die erforderlichen Mittel erhalten, um eine sechsmonatige Grabungskampagne durchzuführen. Das war nicht viel, aber aus den Berichten früherer Kollegen ihres Instituts vermutete sie, dass es noch genügend unerforschte Stellen gab, an denen noch historisch qwertzvolle Funde ihrer Entdeckung harrten. An der Ausgrabungsstelle am Fuße der Tempelpyramide von Teotihuacán angekommen, suchte sie nach einer Statue oder Fries der aztekischen Schlangengottheit Qwertzalcoatl, dem Herrn über Wind, Himmel und Erde – und somit dem Garanten einer reichen Erdnussernte. Sie war überzeugt, dass am nördlichen Ende der bisherigen Grabungen, unter den Schichten aus Basaltbrocken und Qwertzsand noch ein unversehrtes Standbild der gesuchten Gottheit zu finden wäre; wenn man nur tief genug graben würde. Sie machte deshalb Probebohrungen mit ihrem speziellen, an eine übergroße Qwertzflöte erinnernden Bohrgestänge, um weiterführende Hinweise auf die Ausdehnung der von wucherndem Pflanzenbewuchs verdeckten Kultstätte zu erhalten. Ihre kreuz und qwertz entnommenen Bodenproben machten Hoffnung auf eine ergiebige Ausbeute. Daraufhin verlegte sie über das undurchdringliche Dickicht mehrere hölzerne Pfade aus grob behauenen Bohlen. Über diese qwertzfeldein führenden Holzwege hatte man einen erleichterten Zugang zu den neu angelegten Grabungen. Jolande stand am Rande der gerade ausgehobenen Grube und betrachtete mit Genugtuung das emsige Treiben ihrer gut gebauten, sich geschmeidig bewegenden Hilfsarbeiter. Deren Anblick löste bei Jolande jede Menge unsittlicher Gedanken aus. Aber, «Die Pflicht geht vor!», sagte sich die romantisch veranlagte Archäologin und verscheuchte ihre triebhaften Anwandlungen, allerdings mit der festen Absicht, in einem späteren Abschnitt der Geschichte darauf zurückzukommen, Die stählernen Arbeiter schoben derweil Karren mit Aushubmaterialien über die laut qwertztenden Balken. Die Arbeiten gingen zu Jolandes Genugtuung sehr rasch voran. Eile war geboten, denn sie stand unter enormen Zeit- und Erfolgsdruck. Daheim, am Göttinger Institut für Aztekische Geschichte und Mesoamerikanische Essgewohnheiten erwartete man den aufsehenerregenden Fund eines intakten, historisch qwertzvollen Qwertzalcoatls. Van der Qwertz war von Anfang an klar, dass sie nur dann in den Genuss der Qwertzschätzung ihres gestrengen Chefs käme, wenn sie den erhofften, spektakulären Fund vorweisen würde. Eine Rückqwertz mit leeren Händen war für sie schlicht und einfach undenkbar.

Ab hier weiß der Hobbyschreiber nicht mehr weiter. Immerhin hat sich die Schreibblockade zumindest für eine kurze Zeit gelöst und einen Text von fast einer ganzen Seite ermöglicht. Nun aber fallen ihm keine weiteren qwertzrelevanten Begriffe mehr ein und er beschließt, die Prosadichtung hier qwertzerhand abzubrechen.

«Es muss nicht jeder Text eine abschließende Pointe haben», sagt er leise vor sich hin in einem seiner gewohnten Anfälle von Großzügigkeit sich selbst gegenüber.

Der neunte Attentäter (2/2)

Der Premierminister ist da.

Sie formierten sich und gingen gemeinsam die Treppe zum Ausgang hinab. Johannes wollte den Lift nehmen, aber Flinn brachte ihn mit einem drohenden Blick davon ab. Drachengardisten nahmen traditionell keine technischen Hilfsmittel in Anspruch. Auch wenn die Zahl der Halbblute drastisch geschrumpft war und die meisten Gardisten mittlerweile Pistolen verwendeten, konnten sie immerhin auf andere Bequemlichkeiten verzichten.

Im Vorbeigehen erhaschte Finn einen Blick auf mehrere Gruppen Jugendlicher, die verschwörerisch auf ihn deuteten und dabei ihr Handy präsentierten. Vermutlich zirkulierte seine Stichflamme bereits in einer Compilation in sämtlichen sozialen Medien der Welt. Finn seufzte. In Asien war es zum Trend geworden, sich von einem Halbblut mit Feuer anniesen zu lassen. In Europa existierten nicht genug, um ihn auch hier zu etablieren.

Ich hoffe, es kommt nie soweit.

Sie erreichten den Ausgang und setzten ihre Atemmasken auf. Finn hasste die unbequemen Stoffstücke genauso, wie er sie liebte. Einerseits konnte er unter ihnen kaum atmen, andererseits beschützten sie seine Nase vor dem intensiven Schwefelgeruch am Flugplatz.

Außerhalb des Gebäudes reihten sich die Leibwächter nach Vorschrift auf und salutierten. Finns Herz schlug aufgeregt, als er seinen alten Freund wiedererkannte.

Der Premierminister der Hochrepublik Island räkelte sich müde auf dem warmen Asphalt. Zwischen seinen Schuppen drang Dampf hervor und seine massiven Klauen steckte er in die vorgesehenen Wasserrillen am Boden, um sich abzukühlen. Ein Lastwagen brachte bereits seine Flügelpfeife. Gungnir öffnete sein gewaltiges Maul und nahm einen vollen Zug. Rauch stob aus dem anderen Ende der Pfeife.

Finn stemmte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen den so entstehenden Luftzug. Markus und Johannes strauchelten.

„Ahhhhh!“, machte Gungnir und streckte seine Glieder. „Was fürrr ein Flug!“ Er hob seine monumentale Google-Brille an und entblößte zwei blinzelnde, scharlachrot glitzernde Augen. „Wie ich sehe, steht mein menschliches Empfangskomitee schon berrreit.“ Er lächelte, als er Finn erkannte. „Scheinbarrr bist du noch immerrrr nicht gewachsen.“

„Scheinbar hat sich dein Akzent noch immer nicht verflüchtigt“, erwiderte Finn reglos. Einen Moment lang starrten sie sich nur an. Die Luft knisterte vor Spannung. Markus und Johannes tauschten ängstliche Blicke.

Dann brach Gungnir in Gelächter aus. Vorsorglich nahm er einen tiefen Zug an seiner Pfeife. Bei solchen Ausbrüchen konnte ein Drache sonst leicht einen Feuerschwall emittieren.

„Jungchen, du hast dich nicht verändert.“ Gungnir beugte sich ein wenig tiefer herab. Die Dämpfe aus seinem Maul ließen die übrigen Leibwächter einen Schritt zurückweichen. Finn blieb, wo er war. Als Halbblut erschien ihm dieser Geruch vertraut. Er schloss einen Moment lang die Augen. Ihn erinnerte er an Nestwärme, an das knisternde Geräusch eines selbstentfachten Feuers und an gewaltige Städte, deren Gebäude für einen Menschen wie die kolossalen Bauten eines Riesen wirkten.

Ich vermisse Island, dachte er bei sich.

„Erweise mir die Ehre.“ Gungnir hob eine Klaue zu ihm herunter und stellte sich auf die Hinterbeine. Finn spürte Johannes‘ und Markus‘ überraschte Blicke in seinem Rücken, als er ohne zu Zögern hinaufkletterte. Gungnir hob ihn sanft auf den Stuhl auf seiner Schulter. Er war fest gegurtet und für intime Gespräche mit Menschen gedacht.

„Ich habe eine Überraschung für dich“, knurrte der Premierminister, als Finn auf den weichen Stuhl kletterte.

Finn hob den Kopf. Der andere Sitz war nicht unbesetzt. Sein Herz stockte, als sich ein blonder Lockenschopf in sein Sichtfeld schob.

„Mina!“, rief er überrascht. Freude durchzuckte sein Herz, aber gleichzeitig nistete sich auch Furcht darin ein.

„Hallo, Nestbrüderchen!“

Mina schien keine Bedenken zu haben. Sie trug ein schneeweißes Kleid und grinste ihn verschmitzt an. Auch sie trug eine Googlebrille.

Finn starrte sie verwirrt an. „Was machst du denn hier?“

„Ich wollte mir die Schweiz ansehen“, erwiderte sie lächelnd. „Papa meint, dass ich vielleicht hier studieren werde.“

Gungnir brummte etwas Unverständliches, während er sich langsam in Bewegung setzte. Die übrigen Leibwächter mussten sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.

„In der Schweiz? Nicht an der himmlischen Universität in Reykjavik?“

Mina verzog das Gesicht. „Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte – ich habe keine Flügel.“

Das war ein triftiger Grund. Die meisten Teile der Hochrepublik Island lagen an für Menschen unerreichbaren Orten, weil ein Großteil ihrer Einwohner aus Drachen bestand.

Finn grinste hämisch. „Du könntest einen Kommilitonen als Reittier anstellen. Das wäre dann quasi Fifty Shades of Mina …“

Mina entblößte scharfe Zähne und Rauch drang zwischen ihren schneeweißen Zähnen hervor. „Wir sehen uns jahrelang nicht und das ist deine beste Antwort?“

Finn lachte. „Ich kenne dich eben. Erinnerst du dich noch an den Vorfall mit Sorsals Höhle? Die Jungdrachen haben deine Lieblingspuppe verbrannt und du hast sie dafür verprügelt …“

„Hör auf! Sie haben mich dafür richtig fies gekratzt!“ Mina entblößte ihren Oberarm. Blutrote Schlieren überzogen die gebräunte Haut.

Finn überging den Kommentar. „Oder als du an Weihnachten dachtest, das böse Christkind kommt dich holen und du dich unter dem Weihnachtsbaum vor den Glocken versteckt hast …“

Finn wich instinktiv aus, als Mina so tat, als ob sie ihre Googlebrille nach ihm werfen würde.

„Nicht!“, mischte sich plötzlich Gungnir ein. „Die war teuer.“

„Ich weiß, ich weiß.“ Mina legte sie behutsam in ihren Schoß, während Gungnir den Flugplatz verließ und auf die Innenstadt zusteuerte. Die Straßen waren für den Staatsbesuch gesperrt. Finn hatte Bern noch nie so leer erlebt. Dafür drängten sich in den freien Straßen die Schaulustigen. Gungnir bedachte sie mit einem breiten Lächeln.

„Und?“, fragte Finn lachend. „Wie viele Folgen hast du während des Fluges geschafft?“

Mina errötete. „Woher weißt du das?“

„Wie gesagt, ich kenne dich.“

Mina verdrehte die Augen und seufzte. „Ich verlange einen Anwalt. Verrate du mir mal lieber, wo du die letzten vier Jahre gesteckt hast!“

Finn wurde ernst. Kurz hatten sie wieder ihre alten Rollen eingenommen – die der zwei Halbblute im Nest Gungnirs des Einzigartigen. Sie hatten sich gegenseitig ihre Sprachen gelehrt und eine wunderbare Zeit fernab anderer Menschen miteinander verbracht, bis … bis …

„Ich war an der drakonischen Militärakademie in New York“, erklärte Finn. „Zwischendurch auch in Peking und Tokio. Das hat dir Gungi doch sicher verraten.“

„Nenn mich nicht so“, fauchte Gungnir, ohne sein Lächeln zu unterbrechen. Finn grinste entschuldigend.

Mina verschränkte die Arme vor der Brust und zog einen Schmollmund. „Du weißt genau, was ich meine. Du bist einfach abgereist, ohne ein Wort zu sagen! Gerade hatten wir noch das Lichtfest für den Allvater gefeiert und am nächsten Tag warst du einfach weg! Ohne mir Bescheid zu geben!“

Finn wollte bereits kontern, aber er räusperte sich nur verlegen, als er ihren verletzten Blick bemerkte. Er hätte ihr zu gern die Gründe verraten, aber das musste bis nach dem Staatsbesuch warten.

„Es tut mir leid“, murmelte er.

Mina erwiderte nichts. Sie ritten eine Zeit lang schweigend, bis sie zwischen mehreren Wolkenkratzern der DracArchiCorp vorbeikamen und den Menschen die Sicht auf den Drachen kurz genommen wurde.

„Rechnest du mit der MJM?“, fragte Gungnir unvermittelt.

Finn sah ihn überrascht an. „Ja“, erwiderte er überrumpelt.

„Das dachte ich mir.“ Gungnir knurrte ein paar Worte in der Sprache seiner Ahnen. „Ich dachte eigentlich, dass mein Besuch im Vatikan ihnen den Wind aus den Flügeln nehmen würde, aber das war wohl ein Irrtum.“

„Religiöser Fanatismus braucht keine offiziell anerkannte Institution“, erwiderte Finn leise. „Nur weil Papst Franziskus dich als intelligentes Lebewesen anerkennt, gilt das nicht für alle Splittergruppen.“

Gungnir nickte. Seine Züge verhärteten sich. „Ich hätte meine Brüder mitnehmen sollen“, sagte er leise. „Aber wir konnten nur die Genehmigung für einen Drachen bekommen.“ Er warf einen Seitenblick auf Finns Truppe, die ihnen keuchend folgte. „Diese Menschen sind ein Witz.“

„Wir sind hier, um dich zu beschützen, Papa.“ Mina streichelte sanft seine Schnauze. „Aber du wirst sehen, es gibt keinen neunten Attentäter.“

Finn sah auf. „Wie meinst du das?“, fragte er.

Gungnir schnaubte. „Acht Menschen wollten mich bereits ermorden. Es ist überall dasselbe. In Israel, in den USA, sogar im Vatikan … der achte hat sich selbst in die Luft gesprengt und dabei drei Kardinäle getötet. Wie kann man als gläubiger Mensch nur so etwas Schreckliches tun?“

Finn erschauderte, als er die Verzweiflung in Gungnirs Augen sah. Einen Moment später hatten sie die Hochhäuser umrundet und der Premierminister zeigte wieder ein strahlendes Lächeln.

„Ich habe nachgelesen“, murmelte Mina verbittert. „Sie berufen sich auf eine Bulle von Papst Innozenz VIII.“

Summis desiderantes affectibus“, erwiderte Finn grimmig. „Aus dem Jahre 1484.“

Minas Augenbrauen hoben sich überrascht, doch sie ging nicht näher darauf ein. Die Stimmung war auf den Nullpunkt gesunken, als das Rathaus von Bern langsam in Sicht kam.

Finn seufzte. Es würde ihm so leichter fallen.

„Mina“, murmelte er. „Ich habe dir dein Medaillon nie zurückgegeben.“

Mina sah ihn überrascht an. Kurz glitzerten ihre Augen schelmisch. „Du hast es noch?“

„Natürlich.“ Finn holte es aus seiner Tasche hervor und lächelte. „Man weiß nie, wozu es gut ist.“

Dabei öffnete er das Medaillon und entließ das rot-orangene Licht in die Welt.

Minas Gesicht verklärte sich einen Moment lang. Sie sah wieder aus wie ein Kind. Zum ersten Mal hatte sie ihm das Medaillon bei seinem ersten Lichtfest für den Allvater gezeigt. Die Drachen erzeugten solche Lichtsäulen normalerweise mit ihrem Atem, aber Halbblute bekamen wegen ihrer geringeren Flammenkraft auf diese Weise einen Teil ihres drakonischen Elternteils.

Finn schloss die Augen. Ein Halbblut verschenkte dieses Medaillon nur aus einem einzigen Grund – genauso wie es auch nur aus einem einzigen Grund zurückgegeben wurde.

Minas hoffnungsvolle Augen vergossen eine einzige Freudenträne, als der erste Schuss gellte.

Es ging alles blitzschnell. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde setzte Finn über Gungnirs gewaltigen Kopf und stieß Mina von seiner Schulter. Sie realisierte erst im Fallen, was geschah. Unglauben und Verwirrung spiegelten sich in ihrem Gesicht, als sie unzählige Meter in die Tiefe stürzte und in einem Kugelhagel verschwand.

Gungnir war nicht schnell genug. Er wollte seine Tochter beschützen, aber Finn saß bereits auf seiner Schnauze und zog die Magnum aus seinem Stiefel. Er zielte genau zwischen die Augen.

Egal, ob Mensch oder Drache – so ein Schuss war tödlich.

Gungnir heulte auf, als er seine Tochter am Boden sah. Vermummte Gestalten in goldenen Uniformen stürmten die Straße. Finn sah, dass Markus und Johannes verzweifelt Widerstand leisteten, aber schon nach kurzer Zeit waren sie umzingelt und ließen die Waffen fallen.

„Warum?“, rief Gungnir mit donnernder Stimme. Trauer und Schmerz wogten darin wie Wellen giftigen Wassers. „Ich habe dich nach dem Massaker aufgezogen wie meinen Sohn. Warum hast du das getan?“

„Erinnerst du dich noch an unser letztes gemeinsames Lichtfest?“, fragte Finn mit kalter Stimme. „Du hast mir endlich erzählt, was meine Eltern getötet hat. Nicht die MJM, sondern die Drachen, die ihre Eier beschützen wollten. Als die MJM ihre Nachkommenschaft stahl, liefen sie Amok.“

Gungnirs leuchtende Augen verengten sich zu Schlitzen. Doch er schien nicht mehr die Kraft für Widerstand aufzubringen.

„Warum Mina?“, fragte er leise.

„Kollateralschaden“, erwiderte Finn drohend. „Wie meine Eltern.“

Dann drückte er ab.

 

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