9.Teil – Giwoon (1/2)

Fancan hatte es eigentlich überhaupt nicht vorgehabt, aber schließlich war sie doch bei Giwoon geblieben, bis dieser seine Schicht beendet hatte. Sie hatte ihm zugesehen, wie er mit einer schlafwandlerischen Selbstverständlichkeit seine Arbeit machte. Eigentlich war Giwoon nur Techniker, doch was er hier tat, waren zum Teil Arbeiten, die einem Analysten zustanden. Es wunderte Fancan zwar, doch wollte sie ihn nicht danach fragen, da sie die Zuständigkeiten in Basis 6000 nicht kannte.
Nach der Schicht waren sie zu Giwoon in die Wohnung gegangen und schließlich im Bett gelandet. Sie hatten sich meist geliebt, wenn sie in Giwoons Basis war und es war ihr auch klar, dass es verboten war, doch wusste sie auch , dass es nicht auffallen würde, wenn sie vorsichtig waren und so gönnte sie sich von Zeit zu Zeit ein paar entspannte Stunden mit ihrem heimlichen Freund.
Als sie am Morgen aufwachte, stellte sie fest, dass Giwoon bereits wach war, im Bett saß und sie ansah.
»Was ist?«, fragte sie verschlafen, »Warum siehst du mich so an?«
»Es ist nichts«, sagte Giwoon. »Ich mag es einfach, dir beim Schlafen zuzusehen. Ich will es genießen, solange es dauert.«
»Was meinst du damit?«, wollte Fancan wissen und richtete sich auf.
»Du glaubst doch nicht, dass es nicht irgendwann jemandem auffallen wird, dass du ungewöhnlich oft die Basis 6000 aufsuchst, oder?«
»Ich bin vorsichtig«, behauptete Fancan.
»Willst du noch immer Khendrah töten?«, fragte Giwoon.
»Was hat das jetzt mit uns zu tun?«, fragte Fancan.
»Ich halte es einfach für falsch, dass wir uns nun auch noch gegenseitig töten sollen«, sagte er bestimmt. »Ich halte es ja schon für falsch, überhaupt Korrekturen vorzunehmen … und dabei Menschen zu töten.«
»Sie ist eine Kriminelle«, sagte Fancan. »Und die Behörde sagt, dass es sein muss.«
»Du kommst hier her und schläfst mit mir«, konterte Giwoon. »Es gefällt mir sehr und ich will es nicht mehr missen, dich zu sehen, aber es ist verboten. Keine Beziehungen, keine Fortpflanzung. Das ist die Regel. So gesehen sind wir beide doch auch kriminell. Haben wir nun auch den Tod verdient?«
»Das ist doch ein Unterschied!«, ereiferte sich Fancan. »Ich bin immerhin keine Verräterin!«
»Du weißt doch überhaupt nicht, welche Gründe Khendrah hatte. Vielleicht liebt sie diesen Mann und versucht ihn deshalb zu retten. Wird sie dadurch zum Verräter?«
»Ich weiß überhaupt nicht, was du hast, Giwoon. Warum versuchst du, Khendrahs Verhalten zu rechtfertigen?«
»Ich will es nicht rechtfertigen, mein Schatz. Dazu weiß ich noch zu wenig über die Sachlage, aber es kann nicht richtig sein, dass du dir kein eigenes Urteil bildest und gleich mit der Waffe losstürmst. Wo ziehst du die Grenze? Was würdest du tun, wenn man mich zum Tode verurteilen würde, nur, weil wir uns lieben und uns nicht an das Verbot der Behörde halten?«
»Das ist doch nicht dasselbe!«
»Irgendwie schon.«
»Ich möchte mich nicht mit dir streiten, Giwoon«, sagte Fancan. »Lass uns das Thema wechseln.«
»So einfach kommst du mir nicht davon«, sagte Giwoon lächelnd. »Glaubst du an die Behörde?«
»Was soll die Frage? Ich bin eine Agentin der Behörde.«
»Das ist nicht die Antwort auf meine Frage«, sagte Giwoon. »Ich will wissen, ob du unumwunden an die Sache der Behörde glaubst. Bist du der Meinung, dass die Arbeit der Behörde für das Wohl und den Fortbestand der Menschheit notwendig und wichtig ist?«
»Sicher, ist sie das«, behauptete Fancan. »Wir haben durch unsere Arbeit schon unzählige Menschen gerettet. Willst du das etwa abstreiten?«
»Nein, absolut nicht«, sagte Giwoon. »Ich bin sogar überzeugt, dass es so ist, aber es gibt auch immer eine Kehrseite. Es werden Menschen getötet, um Korrekturen durchzuführen. Und: Wie viele Menschen wurden nur deshalb nicht geboren, weil die Behörde in deren Vergangenheit eine Korrektur vornahm?«
»Jetzt hör aber auf und komme mir nicht damit!«
Giwoon erhob sich vom Bett. »Komm zieh dir etwas an. Ich werde dir etwas zeigen.«
»Was willst du mir zeigen?«
»Das wirst du dann sehen. Ich werde es dir nicht verraten. Diesmal musst du dir selbst ein Urteil bilden und ich will und werde dich nicht beeinflussen.«
»Soll das ein Test sein?«, wollte Fancan wissen. »Bist du vom Kontrollausschuss der Behörde?«
Giwoon lachte leise. »Das bin ich gewiss nicht. Frag nicht weiter und begleite mich einfach.«
Sie zogen sich an und machten sich frisch, dann öffnete Giwoon die Tür und schaute hinaus. Es war noch früh und die Basis noch nicht wieder zum Leben erwacht. Giwoon war es gerade Recht, denn er wollte nicht gesehen werden, bei dem, was er vorhatte.
»Komm», sagte er und winkte Fancan zu, die verwirrt hinter ihm herlief.
Giwoon schlug den Weg zur Zeitkabine ein. Schnell öffnete er die Tür und hielt sie Fancan offen.
»Hinein mit dir, wir werden eine kleine Reise unternehmen.«
Fancan stieg ein und sah Giwoon fragend an.
»Wohin geht es denn?«
»Lass dich überraschen, Fancan«, sagte er lächelnd.
Er tippte das Jahr 7950 in die Tastatur ein und aktivierte die Kabine.
»Das ist aber sehr weit in der Zukunft«, sagte Fancan. »Wir haben nie darüber gesprochen, aus welchem Jahrhundert du ursprünglich stammst. Ich hätte nie gedacht, dass du fast am Ende der überwachten Zeitalter geboren bist.«
»Wer hat gesagt, dass ich von dort stamme?«, fragte Giwoon rätselhaft.
Ein Signal ertönte und sie erreichten ihr Ziel. Fancan wollte die Tür aufstoßen, doch Giwoon verstellte ihr den Weg.
»Wir sind noch nicht da, wo ich hin will«, sagte er und tippte die Zahl 9000 in die Tastatur ein.
»Um Himmels willen, Giwoon, das geht nicht!«, rief Fancan. »Das gibt eine Katastrophe!«
Sie versuchte einzugreifen, doch Giwoon hatte bereits den Startknopf gedrückt. Es dauerte nicht lange und die Kabine bekam einen Schlag, der sie beide fast von den Beinen holte.
»Was tun wir, wenn die Kabine jetzt einen Defekt hat?«, fragte Fancan mit vor Angst geweiteten Augen, »Warum hast du das getan?«
Die Anzeige in der Kabine zeigte das Jahr 8113 an. Es war nicht zu erkennen, ob die Zeitkabine noch intakt war oder nicht.
»Es war notwendig«, sagte Giwoon. »Ich musste ganz dicht an die Grenze heran. Lass uns aussteigen.«
»Hier wolltest du mit mir hin?«, fragte Fancan zweifelnd. »Was sollen wir hier? Ich habe die Berichte über die Grenze gelesen. Hier gibt es nichts …«
Giwoon versuchte die Tür zu öffnen, doch sie ließ sich nicht bewegen. Also nahm er etwas Schwung und warf sich mit aller Kraft dagegen. Mit einem lauten Kreischen sprang die Tür auf und schwang quietschend auf. Der Gang vor ihnen machte einen verwahrlosten Eindruck. Überall blätterte die Farbe ab und es klafften teilweise Risse in den Wänden.
»Das ist eine Jahresstation«, flüsterte Fancan.
»Warum flüsterst du?«, fragte Giwoon, »Hier draußen ist niemand.«
Er machte ein paar Schritte in den Gang hinein und Teile der Deckenbeleuchtung sprangen flackernd an.
»Das ist gespenstisch«, sagte Fancan. »Wir befinden uns am Ende der Zeit.«
»Komm», forderte Giwoon. »Es ist hier nicht so interessant, um Wurzeln zu schlagen.«
Er lief in den trübe und flackernd ausgeleuchteten Gang hinein und Fancan beeilte sich, ihm zu folgen. Es handelte sich ohnen jeden Zeifel um eine Jahresstation, wie sie in jedem Jahr zu finden war – nur, dass sie verfallen und alt wirkte. Nichts wies darauf hin, dass sie jemals in Betrieb gewesen war. Warum also befand sie sich in einem solchen Zustand? Hatte es damit zu tun, dass es das Ende der Zeit war? Fancan fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut und war froh, nicht allein durch diese Gänge laufen zu müssen. Manchmal mussten sie über umgestürzte Schränke steigen oder etwas klettern, als ein Teil der Deckenkonstruktion mitten im Raum lag.
»Was suchen wir hier eigentlich?«, wollte Fancan wissen. »Wenn ich ehrlich bin, würde ich gern wieder zurückfahren.«
»Die Zeitkabine, mit der wir gekommen sind, wird sicher nicht mehr funktionieren«, sagte Giwoon, »aber keine Angst, es geschieht uns nichts. Wir sind gleich da.«
»Du warst schon einmal hier«, stellte Fancan aufgrund seiner Äußerung fest.
»Das ist richtig«, antwortete Giwoon ohne weitere Erklärungen.
Fancan stolperte blind hinter ihrem Freund her und wünschte sich, dass dieser Albtraum ein Ende haben würde. Dann war es so weit. Giwoon öffnete eine Tür und helles Licht flutete auf den verwahrlosten Flur hinaus.
»Wir sind da«, erklärte er, »tritt ein, dann geht es weiter.«
Sie folgte ihm und befand sich plötzlich in einem blitzsauberen Raum mit bequemen Sitzgelegenheiten, die um einen Tisch verteilt waren, über dem eine durchsichtige Kugel schwebte.
»Wo sind wir hier?«, fragte Fancan und schaute sich neugierig um.
»Willkommen in meinem Slider, Fancan.«
»Was, bitte schön, ist ein Slider?«
Giwoon deutete auf die Sessel.
»Nimm Platz, die Reise dauert noch eine Weile«, sagte er. »Ein Slider bringt uns durch die Zeit, wie es auch eine Aufzugkabine tut – nur eben etwas anders.«
Fancan war sprachlos. Stumm beobachtete sie, wie Giwoon seine Hände an die Kugel legte, die daraufhin aufleuchtete. Nach kurzer Zeit erschien ein Kopf darin, der Giwoon etwas ähnlich sah.
»Oh, Giwoon, Gott sei Dank«, sagte eine Stimme, die von überall zu kommen schien, »wir hatten uns bereits Sorgen gemacht. Kommst du zurück?«
»Ja Zedroog, ich bin auf dem Rückweg«, antwortete er, »es wäre nett, wenn du schon die Andockschleuse aktivieren könntest.«
»Schon erledigt!«, antwortete das Bild in der Kugel, »Wie ich sehe, bist du nicht allein. Wen bringst du uns denn da mit?«
»Darf ich dir Fancan vorstellen? Sie ist meine Freundin aus dem Zeitvektor. Ich will hoffen, dass Ihr euch benehmt und sie nicht gleich verschreckt.«
Der Kopf in der Kugel lachte sympathisch und wandte sich an Fancan: »Du bist herzlich willkommen, Fancan. Glaube Giwoon kein Wort, wir sind gar nicht so schlimm, wie mein Bruder immer tut. Ich werde veranlassen, dass Essen bereitsteht, wenn Ihr eintrefft.«
Die Kugel wurde einen Moment dunkel, dann erschienen auf ihrer Oberfläche komplizierte Bedienungselemente und Giwoon nahm einige Einstellungen vor, bevor er sich neben Fancan setzte.
Sie sah ihn noch immer verständnislos an.
»Was hat das alles zu bedeuten? Wieso ist dieser andere Mann dein Bruder?«
»Fancan, ich habe nicht immer für die Behörde gearbeitet«, erklärte er. »Im Grunde habe ich eigentlich nie für die Behörde gearbeitet. Im Moment fahre ich mit dir zu mir nach Hause. Das ist im einhundertzwölften Jahrhundert.«
»Das ist nicht möglich!« rief Fancan aus, »Wir waren doch am Ende der Zeit. Von dort geht es nicht weiter.«
»Weil wir es nicht zulassen«, sagte Giwoon. »Eure sogenannte Behörde, hat über endlos viele Zeitalter ein solches Chaos angerichtet, dass wir als Rasse fast ausgestorben wären, wenn wir euch weiterhin hätten gewähren lassen. Die wenigen Menschen, die die Turbulenzen der dunklen Jahrhunderte – wie wir sie nennen – überstanden haben, fanden schließlich zu ihrer alten Größe und Wissenschaft zurück. Wir entdeckten die Technik des Zeitreisens neu und entschlossen uns dagegen, diese Technologie zur Manipulation einzusetzen. Leider wurde in den früheren Jahrhunderten immer weiter manipuliert und die von euch veränderten Bereiche dehnten sich immer weiter aus. Wir beschlossen, ein letztes Mal eine Manipulation vorzunehmen und installierten eine für euch undurchdringliche Sperre. Diese Sperre sichert unsere Existenz, denn es dauert lange, bis sich der Zeitstrom – wenn er einmal in Unordnung geraten ist – wieder beruhigt.«
»Du … Ihr … ich … ich bin vollkommen sprachlos«, sagte Fancan. »Du hast mich in eine Zeit entführt, die es eigentlich nicht geben dürfte und behauptest sogar noch, dass du aus dieser Zeit stammst. Ich kenne dich doch, Giwoon. Ich habe dich schon so oft besucht – wir haben uns geliebt. Jetzt komme mir bitte nicht mit solchen Ammenmärchen!«
»Fancan, bitte denke nach!«, sagte Giwoon eindringlich. »Ich bin mit dir ans Ende deiner Zeit gefahren. Du hast doch selbst gesehen, dass dort nur noch das Chaos regiert. Ich bin mit dir durch die Trümmer geklettert und jetzt sind wir hier. Was glaubst du denn, was das hier ist?«
In diesem Moment wurden sie durch ein Glockensignal unterbrochen.
»Wir sind da«, sagte Giwoon, »jetzt wirst du meine Welt und meine Zeit kennenlernen.«
Er legte seine Hand auf die schwebende Kugel, die daraufhin verblasste. Gleichzeitig öffnete sich die Tür und helles Licht flutete hinein.
»Bitte Fancan, sieh selbst.«
Sie erhob sich und ging langsam zur Tür. Es war kein Gang dort draußen, wie sie es insgeheim erwartet hatte, sondern das Licht war Sonnenlicht. Sie beschattete ihre Augen mit der Hand und blickte ins Freie. Ihr Fahrzeug stand auf einer saftigen, grünen Wiese und in einiger Entfernung erblickte sie einen Wald mit hohen Bäumen.
»Geh ruhig hinaus«, sagte Giwoon. »Es droht dir keine Gefahr dort draußen. Wir haben noch einen kleinen Weg vor uns, bis wir das Haus meiner Familie erreichen.«
Zögernd trat Fancan hinaus und spürte den federnden Untergrund des Grases unter ihren Füßen. Das Fahrzeug stand mitten auf einer ausgedehnten Lichtung im Wald. Die Sonne schien warm aus einem fast wolkenlosen Himmel. Ein Schwarm geflügelter Tiere zog über ihnen dahin und kleine, bunte Insekten flatterten ziellos über das Gras. Fancan kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Sie stammte aus einem stark industrialisierten Zeitalter, an das sie sich nur noch schwach erinnerte. Jedenfalls war sie selbst in ihren Einsätzen fast noch nie mit so viel Natur konfrontiert worden. Giwoon ließ ihr Zeit, sich in Ruhe umzusehen. Als sie ihn wieder verstört ansah, deutete er hinter den Slider.
»Dorthin müssen wir«, sagte er.
Erst jetzt bemerkte sie einen kleinen Weg, der sich um ein paar dicke Bäume herumwand und im Wald verschwand. Sie ging auf Giwoon zu und griff nach seiner Hand. Dieser Mann, den sie zu kennen geglaubt hatte und der sich als fremder erwiesen hatte, als sie es sich vorstellen konnte, schien trotzdem noch die einzige Sicherheit zu sein, die sie in dieser Welt hatte.