6.Teil – Flucht nach vorn (2/2)

Sie arrangierten es so, dass Fancan Khendrah finden sollte und sie dabei scheinbar überraschte. Khendrah war sicher, dass Fancan unter diesen Umständen nicht gleich ihre Waffe abfeuern würde, sondern erst mit ihr reden würde.
Dann war es so weit. Fancan schlich mit schussbereiter Waffe in den Schlafzimmerbereich, den sie dafür vorgesehen hatten. Als sie einen Vorhang beiseite schob, sah sie Khendrah, die angestrengt in die andere Richtung starrte – ebenfalls die Waffe in der Hand. Fancan brachte sich in eine gute Position und hielt die Waffe im Anschlag.
»Hallo Khendrah«, sagte sie. »Lass sofort deine Waffe fallen und schieb sie mit dem Fuß zu mir rüber.«
Khendrah tat überrascht und machte einen resignierenden Eindruck. Sie drehte sich herum und legte ihre Waffe auf den Boden. Dann gab sie ihr einen Stoß, worauf sie vor Fancans Füßen landete. Fancan beachtete sie nicht, sondern ließ Khendrah nicht aus den Augen.
»Du weißt, warum ich hier bin, nicht wahr?«
»Natürlich weiß ich das«, meinte Khendrah sarkastisch.
»Warum?«, fragte Fancan. »Du bist meine Freundin. Ich will dich nicht töten, aber du weißt, welche Strafe auf Verrat steht. Ich muss dich liquidieren. Ich würde nur gern wissen, warum du es getan hast. Ich möchte es einfach nur verstehen.«
»Willst du das wirklich? Ich bin nicht sicher, ob du es verstehen würdest.«
Fancan blickte suchend in verschiedene Richtungen. »Ihr wart vorhin zu zweit. Wo ist der andere?«
»Glaubst du, ich rette einen Menschen vor den Machenschaften der Behörde und gebe ihm dann nicht die Chance, zu überleben? Ich hab ihn fortgeschickt. Es wurde für ihn zu gefährlich, länger mit mir zusammen zu sein. Ich kann ihn nicht mehr beschützen.«
»Verdammt Khendrah! Du hast alles aufs Spiel gesetzt! Für ein Korrekturziel? Jetzt muss ich euch beide erledigen. Du glaubst doch nicht, dass sich ein Korrekturziel lange vor mir verstecken kann.«
In diesem Moment öffnete sich der Vorhang hinter Fancan und Thomas schlug ihr ein Regalbrett über den Kopf. Fancan schrie auf und drückte instinktiv die Waffe ab, aber Khendrah hatte sich schon mit einem Hechtsprung über das Bett in Sicherheit gebracht. Ein großes, rundes Stück des Bettes, wo sie eben noch gestanden hatte, fehlte. Fancan verfolgte sie mit dem Lauf der Waffe, doch ein weiterer Schlag mit dem Brett machte ihren Bemühungen, einen zweiten Schuss abzufeuern, ein Ende.
Khendrah war sofort wieder auf den Beinen und sicherte die beiden Waffen.
»Das Timing war gut«, lobte sie. »Du hast sie vollkommen überrascht. Ich glaube, sie hatte es mir wirklich abgenommen, dass ich dich fortgeschickt habe.«
Thomas stand noch immer mit dem Brett in der Hand und blickte auf die bewusstlose Fancan.
»Sie wird ordentliche Kopfschmerzen haben, wenn sie zu sich kommt«, sagte er. »Was tun wir nun mit ihr?«
»Erst einmal fesseln«, sagte Khendrah grinsend und zog diverse dicke Kordeln aus den Vorhängen der Dekoration. Geschickt fesselte sie Fancan an Händen und Füßen. Kurz darauf kam sie wieder zu sich und sah zu Khendrah empor.
»Du hast mich doch noch täuschen können«, stellte sie nüchtern fest. »Wieso hast du dir noch die Mühe gemacht, mich zu fesseln? Mach schon, jetzt musst du mich erledigen.«
»Wie kommst du darauf? Ich hab nicht vor, dich zu töten, Fancan. Wie du schon sagtest, sind wir Freundinnen. Im Gegensatz zu dir habe ich nicht den Auftrag, dich auszulöschen.«
»Du hast keine andere Wahl, Khendrah. Wenn du mich nicht tötest, werde ich dich jagen, bis ich dich habe. Du hast uns verraten. Du bist verurteilt.«
»Ich möchte dir jemanden vorstellen«, sagte Khendrah. »Das hier ist Thomas Rhoda, der dich überwältigt hat.«
»Überwältigt von der Zielperson«, sagte Fancan bitter. »So weit ist es mit mir schon gekommen. Ich kann dir nur raten, mich jetzt und hier zu liquidieren.«
»Mein Gott, ich kann mir dieses Gefasel nicht länger anhören!«, fuhr Thomas dazwischen. »Was trichtern sie euch eigentlich ein, damit Ihr diesen ganzen pathetischen Unsinn selbst glaubt? Eure ganze Behörde ist eine Realität gewordene Perversion!«
»Allein für diese blasphemischen Äußerungen hast du den Tod verdient, Thomas Rhoda«, sagte Fancan.
»Wir können uns noch lange gegenseitig fertigmachen, Fancan«, sagte Khendrah. »Aber er hat recht. Die Behörde hatte ursprünglich gute Ansätze. Sie wurde von Idealisten gegründet, jedoch von Menschen geführt. Menschen sind gierig und korrupt. Ich hatte herausgefunden, dass Ralph Geek-Thoben es war, der angeblich analysiert hatte, dass Thomas’ Tod erforderlich ist, um eine große Zahl von Menschenleben zu retten. Nach meiner Korrektur stellte ich fest, dass es gerade meine Korrektur war, die erst eine Gewaltdiktatur und die vielen Toten möglich gemacht hat.«
»Wir Agenten sind doch gar nicht in der Lage, alle Komponenten einer Korrektur zu überblicken, Khrendrah«, wandte Fancan ein. »Wie kannst du dir anmaßen, die Ergebnisse eines Analysten anzuzweifeln, der wirklich alle Faktoren kennt? Wir sind nur das Werkzeug, nicht mehr.«
»Fancan, ich kenne mehr Faktoren dieses Falles, als ich kennen dürfte. Ich habe mir die Daten beschafft. Ralph Geek-Thoben ist aus dem späten einundzwanzigsten Jahrhundert und der Diktator, den ich erst möglich gemacht habe, kommt im zweiundzwanzigsten Jahrhundert an die Macht und sein Name lautet Herwarth Thoben. In der ursprünglichen Geschichte konnte Herwarth Thoben nicht an die Macht kommen, weil ihm ein Gunter Manning-Rhoda im Weg war – ein Nachfahre meines Begleiters hier.«
»Du hast allen Ernstes die Akte des Analysten gelesen?«, fragte Fancan entgeistert. »Und da erwartest du Verständnis von mir?«
Khendrah verdrehte ihre Augen. »Fancan, muss ich dir erst Verstand einprügeln? Ja, ich habe Ralphs Akte gelesen. Ja, das ist ein gesetzliches Vergehen. Aber es ist nichts gegen das, was ich dabei herausgefunden habe! Das System ist korrupt. Wo kommen wir hin, wenn Analysten ihre Position ausnutzen können, um ihren Angehörigen, die sie eigentlich niemals mehr wiedersehen dürften, zu Reichtum und Macht zu verhelfen?«
»Khendrah, du bist verblendet«, warf Fancan ihr vor. »Sicher gibt es immer wieder Fehler, aber wir – die Behörde – sind auch diejenigen, die diese Fehler immer wieder beheben können. Ohne uns würde im Zeitfluss die totale Anarchie herrschen. Die Errichtung der obersten Behörde für Korrekturen ist das Größte, das die Menschheit jemals geschaffen hat. Stell diese Leistung bitte nicht infrage. Du kannst mich nicht überzeugen, Khendrah. Dieser Mann dort hat dich verwirrt. Töte ihn und die Zeit ist wieder im richtigen Gleichgewicht.«
Thomas blickte zwischen den beiden Frauen hin und her. Er spürte, dass sich sein Schicksal jetzt und hier entscheiden konnte.
»Fancan, du tust mir wirklich leid«, sagte Khendrah schließlich. »Wir werden dich nun hier zurücklassen müssen. Hoffentlich werden wir uns nicht mehr begegnen, bevor du deine Meinung geändert hast.«
Fancan zerrte an ihren Fesseln und sah Khendrah mit blitzenden Augen an. »Wenn du mich jetzt nicht tötest, werde ich dich jagen, Khendrah. Ich werde nicht diese lächerlichen Hemmungen haben. Ich werde meine Aufträge erfüllen.«
Khendrah griff zu ihrer Waffe und nahm einige Einstellungen daran vor.
»Das fürchte ich auch, Fancan. Ich geb jedoch die Hoffnung nicht auf. Du bist intelligent. Du solltest deinen Verstand irgendwann gebrauchen und nicht nur die eingetrichterten Programme ausführen. Thomas und ich werden einen Vorsprung brauchen, deshalb werde ich dich für etwa vierundzwanzig Stunden ausschalten. Ich wünsche uns allen Glück, Fancan. Du warst und bist meine beste Freundin.«
Fancan starrte Khendrah hasserfüllt an und zerrte immer wieder an ihren Fesseln. Khendrah hob ihre Waffe und schoss. Wie vom Blitz getroffen, kippte Fancan besinnungslos hinten herüber und blieb liegen.
»Du hast sie doch nicht umgebracht?«, fragte Thomas.
»Nein, die Waffe kann auch in den Betäubungsmodus geschaltet werden. In den nächsten vierundzwanzig Stunden wird es niemandem gelingen, sie wach zu bekommen. Lass uns gehen, bevor dieser Mann von vorhin wiederkommt. Es wird genug Aufsehen geben, wenn Fancan gefunden wird.«
Sie durchsuchte noch die Taschen von Fancans Kombination und steckte das Geld ein, das sie bei sich hatte. Ebenso steckte sie die Waffe und die restliche Munition ein. Den Funkscanner zerstörte sie mit ihrem Absatz. Sie wollte sich schon abwenden, als ihr noch etwas einfiel: der Jochbein-Kommunikator. Auch Fancan besaß ein solches Gerät, mit dem sie Verbindung zur Behörde aufnehmen konnte, da jede Verknüpfungsstelle, an der ein Aufzug halten konnte, auch über einen Empfänger verfügte.
»Thomas, du musst noch einmal etwas für mich tun«, sagte sie, »du musst auch Fancans Jochbein-Kommunikator zerstören.«
»Nein, nicht schon wieder!«, wehrte Thomas ab. »Das war grässlich.«
»Es ist notwendig!«, beharrte Khendrah energisch. »Sie kann sonst sofort die Basis alarmieren, sobald sie aufwacht.«
Mit gemischten Gefühlen zog Thomas sein Messer wieder aus der Tasche. Khendrah sah ihn an und entschied, dass er es wohl nicht über sich bringen würde, nochmals einen Dorn in das Gesicht einer Frau zu stoßen und nahm ihm das Messer ab. Sie klappte den Dorn hoch und tastete in Fancans Gesicht nach der richtigen Stelle. Danach überlegte sie nicht lange und stieß zu. Wieder ging ein Zittern durch den ganzen Körper. Thomas konnte es nicht mit ansehen und wandte sich ab. Nachdem es erledigt war, stieß sie Thomas an. »Wir müssen gehen. Es ist alles in Ordnung?«
Thomas nickte.
Ruhig mischten sie sich unter die anderen Kunden und fuhren auf der Rolltreppe nach unten. Auf der Straße angekommen, wollte Thomas wissen, wie es nun weitergehen solle.
»Wir haben also genau einen Tag, dann ist uns diese Killerin wieder auf den Fersen«, meinte er.
»Das ist schon richtig, aber wir werden dann nicht mehr hier sein.«
»Nein?«, fragte Thomas zweifelnd. »Wo willst du dich denn verstecken, wenn deine Leute Möglichkeiten haben, diese ganze Zeitebene nach uns zu scannen?«
Khendrah lächelte ihn an und gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen. »Vertrau mir, Thomas. Niemand kennt die Zeit so gut wie ein Zeitagent.«
Sie griff seine Hand und zog ihn mit sich fort.
Thomas verstand diese Frau nicht. Erst wollte sie ihn ermorden, dann wieder rettete sie ihn. Sie war einmal kratzbürstig, dann wieder zeigte sie Ansätze von echter Zuneigung.
Er blieb stehen und hielt sie fest. »Ich gehe keinen Schritt weiter, wenn du mich nicht endlich in deine Pläne einweihst, Khendrah. Ich bin es leid, immer nur der Spielball zu sein. Wenn wir diese Sache hier schon gemeinsam durchziehen müssen, will ich auch zu den Spielern gehören und nicht zu den Spielfiguren.«
»Thomas, das ist von mir nicht so gemeint«, beschwichtigte sie ihn. »Es ist einfach nur, dass ich noch keinen festen Plan habe. Es steht nur fest, dass wir diese Ebene hier schleunigst verlassen müssen.«
»Wie stellst du dir das vor? Wie sollen wir diese Ebene verlassen – überhaupt: Ich kann diese Ebene nicht verlassen.«
»Wieso nicht?«, fragte Khendrah. »Ich habe als Agentin jederzeit Zutritt zum Zeittransportsystem. Wir dürfen uns nur nicht erwischen lassen, in dem wir ausgerechnet eine aktive Basis ansteuern.«
»Aber ich werde hier in dieser Ebene gebraucht, Khendrah. Ich kenne mich nicht mit diesem ganzen Zeug aus, aber ich bin auch nicht dumm. Du hast doch selbst gesagt, dass du mich gerettet hast, damit meine Nachkommen eine Diktatur in mehreren Generationen verhindern sollen. Ich habe aber noch keine Nachkommen. Ich hab nicht mal eine Freundin oder Ehefrau. Wenn ich hier verschwinde, wird es nie Nachkommen geben. Wir machen doch alles nur noch schlimmer.«
Khendrah war verblüfft über die zutreffende Analyse, die Thomas über seine Situation angestellt hatte.
»Daran hab ich noch gar nicht gedacht«, gab sie zu. »Wir können aber trotzdem erst einmal von hier verschwinden. Wir müssen nur im Auge behalten, dass du später wieder zurückkehrst, wenn alles vorbei ist.«
»Wird es vorbei sein – irgendwann?«
»Da bin ich sicher«, versprach Khendrah. »aber jetzt komm, lass uns ein Taxi in die Innenstadt nehmen. Dort ist der Eingang ins System der Korrekturbehörde.«
»Und du bist sicher, dass sie uns dort nicht sofort schnappen werden?«
»Vertrau mir«, sagte Khendrah mit einem verschmitzten Lächeln. »Ich stamme aus dem zweiundreißigsten Jahrhundert. Es war das Jahrhundert der Hacker. Alle guten Computertechniker der Behörde stammen von dort.«
Thomas fand, dass Khendrah einfach umwerfend aussah, wie sie so lächelnd vor ihm stand. Ehe sie sich versah, hatte er sie in seine Arme gezogen und küsste sie leidenschaftlich. Nur einen kurzen Moment lang spürte er einen leichten Widerstand, doch dann erwiderte sie seinen Kuss.
»Ich weiß nicht, was hier geschieht«, gestand Thomas, als sie sich wieder getrennt hatten.
»Meinst du, ich verstehe das?«, fragte Khendrah. »Meinst du, ich verstehe mich? Aber verdammt, es fühlt sich einfach richtig an.«
Er küsste sie noch ein weiteres Mal.
»Ich habe noch nie eine Frau wie dich getroffen.«
Khendrah grinste.
»Dann will ich mal darauf achten, dass das auch so bleibt«, sagte sie kokett.
Sie riefen ein Taxi und machten sich auf den Weg. In der Innenstadt stiegen sie an einer stark befahrenen Straße ganz in der Nähe von Thomas’ Wohnung aus. Khendrah hatte gemeint, dass es nur wenige Meter bis zum Einstieg in das Zeitsystem der Behörde wären. Er spielte mit dem Gedanken, noch kurz in seine Wohnung zu gehen, um sich frische Kleidung anzuziehen, doch verwarf er den Gedanken, ohne ihn Khendrah mitzuteilen. Er folgte ihr zu einem Hauseingang, der sich durch nichts von anderen Eingängen dieser Fassade unterschied.
»Du bist sicher, dass wir hier richtig sind?«
Sie blickte angestrengt auf ihre Uhr, die neben der Uhrzeit noch etliche andere, unverständliche Informationen anzeigte.
»Lass mich bitte einen Moment in Ruhe«, sagte sie. »Ich muss mich konzentrieren.«
Es dauerte recht lange und Khendrah war während dieser Zeit nicht ansprechbar. Thomas blickte die Straße entlang und hatte schon den Eindruck, dass jeder Passant sie anstarren würde, doch er täuschte sich. Niemand nahm von ihnen Notiz. Allmählich machte sich eine große Leere in seinem Magen breit und erinnerte ihn daran, dass er heute noch nichts gegessen hatte. Hoffentlich gab es dort, wo sie hin wollten, etwas zu essen.
Endlich war es so weit. Khendrah griff plötzlich an den Türknauf im Hauseingang und stieß die Tür auf.
»Schnell, komm rein, Thomas!«, rief sie und unterstrich es mit einer drängenden Geste ihrer Hand. »Das Fenster ist nur für wenige Sekunden offen.«
Er beeilte sich, ihr nachzueilen und Khendrah verschloss die Tür sofort, als beide in einer relativ winzigen Kabine standen.
»Ist das einer von diesen Zeitaufzügen?«, fragte er.
»Ja«, antwortete Khendrah knapp. »Sie sind in der Regel recht schlicht. Ich werde uns ins Jahr 3170 bringen.«
Thomas schluckte.
»Mein Gott, das sind mehr als Tausend Jahre in der Zukunft. Werden wir dort aussteigen?«
»Wir werden nicht in die Realität des Jahres 3170 hinaustreten, wenn du das meinst. Wir werden in der Jahresstation bleiben. Es gibt nämlich in jedem Jahr eine Station, die genau so ausgestattet ist, wie die Basen. Sie sind nur nicht aktiv, aber es war damals einfacher, die Layouts der Basen einfach in alle Jahre hinein zu klonen, als für jede Basis eine eigene Station zu bauen.«
»Du bist aber sicher, dass wir dort niemandem begegnen werden?«
»Absolut sicher. Ich war schon einmal dort. Die Anlagen sind zwar vorhanden, sind aber abgeschaltet. Die ganze Station wartet nur darauf, von uns in Besitz genommen zu werden.«
Thomas war noch immer nicht überzeugt. »Und das können sie nicht feststellen, wenn eine der nicht aktivierten Stationen plötzlich zum Leben erwacht?«
»Im Grunde schon, aber sie werden sich nichts dabei denken, wenn sie es zufällig sehen, denn es kommt immer mal vor, dass ein Agent irgendwo in der Zeit übernachtet. Ein Agent ist in der Wahl seiner Mittel frei und muss sich nicht melden, bevor er einen Auftrag erledigt hat. Wir haben sogar die Möglichkeit, den Zugang zu dieser Station zu blockieren. Wir werden also keine unliebsamen Besucher zu fürchten haben.«
Thomas war beruhigt. Inzwischen waren sie am Ziel angelangt. Khendrah machte sich an einer Klappe zu schaffen und öffnete sie. Thomas konnte nicht erkennen, was sie genau tat, aber nach wenigen Minuten schloss sie die Klappe wieder und öffnete die Tür.
»Wir können nun aussteigen«, meinte sie, »der Aufzug wird nun wie verrückt zwischen den Zeiten hin und her fahren. Man wird nicht mehr feststellen können, wer ihn wann zuletzt benutzt hat. Sie werden ihn reparieren müssen. In Kürze werden wir ihn wieder benutzen können, denn wir müssen ja auch wieder zurück.«
Als sie die Kabine verließen, schaltete sich im Gang, den sie betraten, das Licht automatisch ein. Eine angenehm klingende Computerstimme meldete sich: »Sie befinden sich in der Jahresstation 3170. Diese Station ist nicht in Betrieb. Wünschen sie, dass sie in Betrieb genommen wird?«
»Ja«, sagte Khendrah deutlich.
»Wünschen sie einen Anschluss an das Netz der Basisstationen und Vollfunktionsstatus, oder wünschen Sie lediglich einen Beherbergungsstatus?«
»Beherbergungsstatus.«
»Danke. Die Einrichtungen von Jahresstation 3170 stehen ihnen nun zur Verfügung.«
»Fühl dich wie zu Hause«, sagte Khendrah zu Thomas.
»Wo gibt es hier etwas zu essen?«, wollte Thomas wissen. »Ich hab einen Riesenhunger.«
»Das geht mir genauso. Komm mit, ich zeig dir die Kantine.«
Es war schon unheimlich, so völlig allein in dieser großen Station herumzulaufen. In der vollautomatischen Kantine bestellte Khendrah für sie beide ein Frühstück, wie man es auch im Jahre 2008 in einem Lokal hätte bekommen können. Khendrah wies aber darauf hin, dass alle Nahrungsmittel hier synthetisch hergestellt würden. Trotzdem war es recht schmackhaft und machte vor allem satt.
»Thomas, dir ist klar, dass wir uns hier mitten in der Höhle des Löwen befinden, oder?«, fragte Khendrah. »Ich hab nachgedacht. Deine Äußerung, dass die oberste Behörde darüber entscheidet, was im Weltgeschehen passieren darf und was nicht, hat mich verunsichert. Diese Station hier verfügt über alle Funktionen, über die auch eine aktive Basis verfügt. Ich will mich in die Datenbank einklinken und mir ein Bild verschaffen, über das, was die oberste Behörde in den letzten zehn Relativjahren angeordnet hat. Ich möchte, dass du mich dabei begleitest. Wir werden uns ansehen, wie die Geschichte vor und nach den Korrekturen ausgesehen hat. Vielleicht erfahren wir auf diesem Wege, ob die Arbeit der Behörde für die Menschheit gut oder schlecht war.«
»Wenn wir herausfinden sollten, dass es schlecht war, was willst du dann tun?«
Khendrah überlegte.
»Ich glaube, dann würde ich versuchen, dem allen hier ein Ende zu bereiten.«
»Du überraschst mich«, sagte Thomas. »Das ist ein gewaltiger Schritt für jemanden, der noch kurz zuvor zu den glühendsten Verfechtern der Zeitkorrekturen gehörte.«
»Es überrascht mich selbst«, gab Khendrah zu, »aber erst muss ich Beweise sehen.«