Das Paradies – Teil 2

Sebastian las diesen Absatz immer wieder, doch sein Inhalt veränderte sich nicht. Er würde nach Park reisen können – ins Paradies. Noch vor ein paar Stunden hatte er mit Bernd darüber diskutiert, dass es ihm überhaupt nicht darum ginge, von der Erde wegzukommen, nun hatte er tatsächlich die Möglichkeit dazu. Wie sollte er sich entscheiden? Was hielt ihn hier auf diesem verrottenden Planeten? Eigentlich nichts.
Überdeutlich nahm er die bedrückende Atmosphäre seiner Zelle wahr. Er befand sich im 31. Tiefgeschoss einer Stadt, deren Ebene 0 er erst einmal in seinem Leben mit eigenen Augen gesehen hatte. Es gab keine Fenster, die Luft war ein Dutzend Mal aufbereitet, bevor sie über die Ventilation der Tiefebenen verteilt wurde. Das Wasser war stets lauwarm und stank. Bevor man es trinken konnte, musste es gründlich abgekocht werden. Dann war da der Dreck. Dieser allgegenwärtige, schmierige, immer leicht feuchte Dreck überall in seiner Zelle. Man konnte nicht dagegen anputzen. Und Privatsphäre? Hatte es für ihn jemals so etwas gegeben? Die Teilzeitzelle war an sich der pure Luxus eines Normalbürgers. Als er noch jünger war, lebte er in einer Gemeinschaftsunterkunft in der 38. Tiefebene. Doch jetzt könnte er diesem Sumpf endgültig entkommen.
Fünfzehn Kilo könnte er mitnehmen! Er stellte fest, dass er sich entschieden hatte. Er würde nach Park gehen und er würde niemandem etwas sagen. Er würde einfach verschwinden …, wie Bernd es tun würde.
Schnell packte er seine wenigen Habseligkeiten zusammen und wusste nicht einmal, wie er das zulässige Gewicht von fünfzehn Kilo Gepäck überhaupt zusammenbekommen sollte. Alles, was ihm etwas bedeutete, passte in eine große Sporttasche hinein.
Jetzt, wo die Entscheidung getroffen war, konnte es ihm nicht schnell genug gehen. Er blickte sich ein letztes Mal in seiner Zelle um. Sollte Karl doch glücklich werden damit!
Er griff seine Tasche, steckte die Gewinnbenachrichtigung ein und verließ die Wohnung, ohne sich noch einmal umzublicken.
In den Gängen herrschte noch immer die gleiche Enge, wie vorher, als er von der Arbeit nachhause gekommen war. Ständig wurde er von unbekannten Menschen angerempelt, murmelte unverständliche Entschuldigungen oder schimpfte, wenn ein gar zu energischer Passant ihn anstieß. Als er vor den Aufzügen wartete, zog er die Folien aus seiner Tasche und las sie noch einmal, während er sie mit seiner Hand abschirmte, damit niemand sonst sie lesen konnte.
Expresslift stand dort. Er sollte mit dem Expressaufzug in die dritte Etage fahren. In die Dritte! Das bedeutete über der Erde!
Zögernd drückte er auf den Rufknopf des Expresslifts, worauf ihn einige der übrigen Wartenden interessiert musterten. Die ungerechtfertigte Benutzung der Sondereinrichtungen stand unter Strafe.
Als sich die Tür des Aufzugs öffnete, befanden sich nur zwei Wachen darin, die ihn mürrisch ansahen.
»Haben Sie diesen Aufzug gerufen?«, fragte einer der beiden. »Ich will sofort Ihren Chip sehen und ich garantiere, dass Sie es bereuen werden, wenn Sie keinen triftigen Grund hatten.«
Stumm hielt Sebastian ihnen seinen Unterarm hin und ließ es zu, dass die Wachen ihn scannten.
»Normalbürger?«, fragte der andere. »Das soll wohl ein Scherz sein, was? Sie wissen doch genau, dass Ihnen diese Einrichtung nicht zur Verfügung steht.«
Ohne ein Wort zog er die Gewinnbenachrichtigung aus der Tasche und zeigte sie den beiden. Erst wanderten ihre Augenbrauen nach oben, dann änderten die Männer ihre Haltung vollständig.
»Verzeihen Sie, aber das haben wir nicht gewusst. Es dauert in der Regel immer ein paar Stunden, bis wir Nachricht vom Ergebnis der Auslosungen bekommen. Sie sind früh dran. Kommen Sie, wir bringen Sie nach oben.«
Für Sebastian war es bereits jetzt, als betrete er eine andere Welt. Die Kabine wirkte peinlich sauber und lief vollkommen lautlos in ihren Schienen. Wäre nicht ein leichter Andruck gleich zu Beginn gewesen – er hätte nicht gewusst, dass er sich nach oben bewegte. Niemand sprach ein Wort und er wagte es nicht, den Blick einer der Wachen zu suchen. Zu sehr war er durch die Jahre in den Sub-Ebenen darauf geprägt, sich als Normalbürger minderwertig zu fühlen.
Ein Glockenton kündigte an, dass die Kabine ihr Ziel erreicht hatte. Einer seiner Begleiter drückte auf einen Knopf und die Aufzugtüren öffneten sich für ihn in eine neue Welt. Das grell hereinflutende Licht ließ ihn seine Augen zusammenkneifen. Sie waren nicht an eine solche Lichtfülle gewöhnt.
»Wollen Sie nicht aussteigen?«, fragte die Wache freundlich. Sein Status schien durch die Gewinnbenachrichtigung in ihren Augen gestiegen zu sein.
»Oh, natürlich«, stammelte Sebastian und machte einen unbeholfenen Schritt nach vorn.
Die Wache hielt ihn am Oberarm und verhinderte so einen Sturz.
»Herzlichen Glückwunsch noch zu Ihrem Gewinn«, sagte er. »Ich spiele selbst seit Jahren in der Lotterie, aber es ist nie mehr als ein winziger Geldgewinn dabei herausgekommen. Sie glauben nicht, wie ich Sie um ihre Reise beneide.«
Als er Sebastians ratlosen Gesichtsausdruck bemerkte, zwinkerte er ihm zu und fügte hinzu: »Eines Tages werde ich auch nach Park reisen. Ich habe das so im Gefühl. Halten Sie mir dann einen Platz an einem der Strände frei, okay? Machen Sie es gut. Die Mädchen auf Park sollen ausnehmend hübsch sein …«
Sebastian nickte dem Mann zu und hob noch ein letztes Mal grüßend die Hand, dann machte er den entscheidenden Schritt und betrat den oberirdischen Teils des Gebäudes. Es war ein nüchterner, aber sauberer Flur mit einem echten Fenster auf der gegenüberliegenden Seite, durch welches das Licht der Sonne aus einem trüben Himmel hereinschien. Bis an den Horizont reichten Hochhäuser und Industrieanlagen und der Himmel war erfüllt von unzähligen Fliegern, die teilweise so eng aneinander vorbeiflogen, dass es an ein Wunder grenzte, dass sie nicht zusammenstießen.
Die Welt außerhalb des Gebäudes war zwar deutlich heller als in den Sub-Ebenen, jedoch nicht wirklich schöner. Dennoch stellte allein der Anblick der Sonne bereits eine Offenbarung für ihn dar.
»Herr Passlicki?«, schreckte eine volltönende Frauenstimme ihn aus seinen Betrachtungen. Sie gehörte der nicht minder angenehmen Erscheinung einer jungen Frau in einem dunkelblauen Hosenanzug. Sie deutete mit der Hand, ihr zu folgen und übernahm gleich die Führung.
»Ich bringe Sie jetzt zum Büro für Ausreiseangelegenheiten, wo man die letzten Formalitäten erledigen wird. Als Gewinner des Hauptgewinns der Lotterie haben Sie selbstverständlich Anspruch darauf, bevorzugt abgefertigt zu werden.«
»Ich dachte, es gäbe nur diese Lotterie, um nach Park zu gelangen?«, wunderte sich Sebastian. »Ihren Worten entnehme ich, dass es durchaus andere Möglichkeiten gibt, die langwieriger sind. Habe ich Sie da richtig verstanden?«
Die Frau lachte hell auf. »Natürlich gibt es die. Wie stellen Sie es sich denn vor, wie es auf diesem Planeten zugehen sollte? Irgendwer muss auch die Anlagen für die Versorgung bedienen und für die reguläre Bevölkerung sorgen, oder finden Sie nicht? Bei diesen Arbeitskräften handelt es sich oft um Spezialisten und sie rekrutieren sich aus besonderen Ausbildungsschichten. Da diese Menschen allerdings nicht den Hauptanteil der Reisenden ausmachen, wird das gern unter den Teppich gekehrt. Aber da Sie ja ein Lotteriegewinner sind … durfte ich Ihnen diese Information sicherlich geben. Sie können sich vorstellen, dass es zu einer wahren Flut von Anträgen käme, wenn das bekannt würde. Bei der derzeitigen Lage auf der Erde könnte es zu Unruhen kommen.«
Sebastian sah sie irritiert an.
»Machen Sie sich keine Gedanken, Herr Passlicki«, sagte sie und winkte mit der Hand ab. »Sie als Gewinner sollten das Paradies genießen, wie es ist.«
»Und Sie?«, fragte Sebastian. »Macht es Sie nicht verrückt, ständig Menschen zu sehen, die der Erde den Rücken kehren dürfen?«
Ihre Miene wurde schlagartig ernst.
»Ja es macht mich verrückt«, sagte sie leise, »aber es werden niemals ganze Familien geschickt. Ich müsste alles zurücklassen, was mir etwas bedeutet. Meinen Gefährten, die Kinder … Verstehen Sie? Ich würde nicht einmal gehen, wenn ich es dürfte …«
Sie erreichten eine Tür, an der »Kommandantur für Ausreiseangelegenheiten Park« angeschlagen war. Sie öffnete ihm die Tür und wies hinein.
»Viel Glück im Paradies«, sagte sie und wandte sich schnell ab. Sebastian hatte das Gefühl, dass es ihr deutlich schwerer fiel, als sie es sich selbst eingestand.
»Ah, unser Gewinner!«, rief ein kahlköpfiger, untersetzter Mann mittleren Alters und erhob sich hinter seinem Schreibtisch, kam zu ihm herum und schüttelte heftig Sebastians Hand.
»Es ist mir immer wieder eine Freude, einen glücklichen Menschen zu verabschieden. Sie freuen sich doch, oder etwa nicht?«
»Äh, natürlich.«
»Ich wusste es! Nehmen Sie Platz, Herr … Passlinski!«
»Passlicki!«
Er blickte kurz auf seine Unterlage.
»Oh, entschuldigen Sie bitte. Ich möchte Sie auch nicht lange aufhalten, müssen Sie wissen. Sie werden Ihre Reise ja bereits morgen Vormittag antreten und da will ich Ihnen nicht den Genuss unserer Suite für Lotteriegewinner vorenthalten. Haben Sie Ihre Papiere dabei?«
»Papiere?«, wunderte sich Sebastian. »Ich trage ein Chipimplantat, wenn Sie das meinen.«
»Oh, das ist noch besser. Reichen Sie mir bitte Ihren Arm.«
Sebastian schob den Ärmel seiner Jacke nach oben und hielt ihn dem Mann, der sich ihm gegenüber nicht vorgestellt hatte, hin. Mit einem Handscanner prüfte er seine Identität.
»Au!«, rief Sebastian, als er einen schmerzhaften Stich spürte.
»Mein Fehler!«, entschuldigte sich der Mann. »Die Entfernung der Chips ist oft mit einem kleinen Schmerz verbunden.«
»Entfernung der Chips?«
»Natürlich! Im Paradies benötigen wir solche Kontrollmechanismen nicht mehr. Haben Sie noch Geld dabei? Das müsste ich nämlich hier ebenfalls einziehen. Auf Park verwendet man kein Geld. Sie werden schon sehen …«
Schweren Herzens übergab Sebastian ihm seine hart erarbeiteten Ersparnisse. Der Mann zählte es durch.
»Gibt es jemanden, dem Sie diesen Betrag zugutekommen lassen wollen? Es ist üblich – Sie brauchen mir nur angeben, wen Sie bedenken möchten.«
Sebastian kam sich schon seit seiner Ankunft wie in einem Traum vor. Er war überhaupt nicht mehr in der Lage, zu begreifen, was um ihn herum geschah. Fast automatisch schrieb er Bernds Namen und Anschrift auf das Formular. Sollte sein alter Kollege seine »Reichtümer« erben, während er ins Paradies reiste.
»Von hier aus bringen wir Sie in die Gewinner-Suite. Sie dürfen dort sämtliche Einrichtungen benutzen. Alles ist frei – natürlich … Sie können sich zu Essen und Trinken bestellen, was immer Sie wünschen. Sie dürfen sogar ein Bad nehmen und dazu frisches Wasser verwenden. Da wäre nur eines …«
»Und was?«, fragte Sebastian, der die ganze Zeit über nach einem Haken an der Sache gesucht hatte.
»Sie werden diese Suite nicht allein nutzen können. Wir besitzen nur diese eine Suite, aber diesmal zwei Gewinner. Es gibt Platz genug, Sie sind eben nur nicht allein. Vielleicht ist es Ihnen aber auch recht, wenn Sie einen Gesprächspartner haben, der – wie Sie – ebenfalls nach Park reisen wird.«
Sebastian war nicht begeistert von dieser Aussicht, doch im Grunde war er ja gewohnt, Wohnraum mit jemandem teilen zu müssen. Der Leiter der Kommandantur verabschiedete Sebastian und wünschte ihm noch einmal alles Gute und viel Glück in der neuen Heimat. Dann schob er ihn auf den Flur hinaus, wo ihn die junge Frau, die ihn hierher geführt hatte, bereits erwartete.
Die Suite lag in einem vollkommen anderen Stadtteil und die Fahrt dorthin legten sie in einer Rohrbahn zurück, die im Gegensatz zu denen in den Sub-Ebenen über Fenster verfügte. Die Entfernung zum Ziel war groß. Die Wohn- und Verwaltungsanlagen ließen sie weit hinter sich und sie durchquerten weitläufige Industriekomplexe und Fertigungsanlagen. Mitten in diesen Anlagen kam die Bahn zum Stehen.
»Hier sind wir richtig?«, fragte er seine Begleiterin.
Sie nickte.
»Das ist bereits der Transmitterkomplex. Von hier aus werden Sie morgen Ihre Reise antreten. Die Suite befindet sich ebenfalls in diesem Gebäude, aber keine Angst: Sie ist wirklich sehr komfortabel.«
Sie liefen nur noch einige Schritte, bis sie den Eingang erreicht hatten. Dort verabschiedete sie ihn endgültig und ließ ihn allein vor der Tür stehen. Zögernd klopfte er an. Als sich niemand meldete, drückte er gegen den Öffner und sie sprang auf.
Er stand in einer geräumigen Diele, die einem Bewohner der Sub-Ebenen als absolute Platzverschwendung erschien. Es zweigten einige Räume ab, deren Türen verschlossen waren. Sebastian schaute der Reihe nach hinein und entdeckte ein riesiges Badezimmer mit echten Fliesen an den Wänden, einer Badewanne und zusätzlich einer luxuriösen Dusche. Im nächsten Raum befand sich ein großes Doppelbett und es gab sogar noch eine Menge ungenutzten Platz darum herum, was ihm fast unvorstellbar erschien. Der Gipfel hingegen war das eigentliche Zimmer, das ihm wie ein Ballsaal vorkam, wie er ihn sich jedenfalls vorstellte. Es gab eine Fensterwand, die den Blick auf eine gigantische Fabrik frei gab. Davor stand eine bequem aussehende Sitzgruppe mit einem niedrigen Tisch. Ein Stück davon entfernt gab es einen normalen Tisch mit echten Holzstühlen darum herum. An der Wand stand ein riesiger Kühlschrank. Er konnte sich an all den Luxusgütern nicht sattsehen.

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Die Geschichte wird am 12.01.2019 fortgesetzt.