Veränderung und Leben – von Saigel

Da kam es, das Gewitter. Heiß ersehnt schlug es auf uns nieder, überdeckte uns mit klarem, kühlen Nass, an dem wir uns labten und uns freuten. Zu lange schon hatten wir unsere Gesichter gen Himmel gestreckt, in der Hoffnung einen kleinen Tropfen Wasser abzubekommen. Tagelang hatten wir Durst gehabt, ja, manche von uns waren beinahe verdurstet. Die Hitze hatte sich über uns gelegt wie eine bleierne Schwere, die uns die Luft zum Atmen nahm. Dem Erstickungstod nahe, hatten manche von uns panisch versucht, sich dagegen zu wehren, sich abzuwenden, sich zu verkriechen, in die trockene Erde, die genauso nach Flüssigkeit verlangte wie wir selbst. Neben mir streckte die schönste von uns ihre Glieder, neigte sich immer weiter gen Boden, bis sie schließlich, erdrückt und erschöpft, den Kopf nicht mehr zu heben vermochte.
Dann zog sich der Himmel zusammen, große dunkle Wolkenmassen rollten aufeinander zu, kollidierten, brachen sich und bildeten neue Formationen. Ein tiefes Grollen erfüllte die Luft, Blitze erhellten die finstere Nacht. Dann kam der Regen und benetzte alles, was er finden konnte. Der heftige Wind führte ihn in Unterstände hinein, ließ Behälter überlaufen, ja, sogar manche von ihnen bersten. Das Unwetter verwüstete so manch menschliches Hab und Gut und keine menschliche Seele war mehr im Freien zu sehen. So plötzlich wie das Gewitter kam, so schnell hatten sich die Menschen in ihre Behausungen zurückgezogen, um dort auszuharren und die Gesichter dann und wann erwartungsvoll an die dicken Scheiben aus Glas zu drücken. Ein elektrisierter Lichtschein am schwarzen Nachthimmel erhellte ihre Augen, versetzte sie in Staunen. Die kleinen Kinder weinten und hatten Angst vor Mutter Naturs zorniger Seite.
Die Erde pulsierte. Jedwedes Kleingetier verschwand in seinem eigens gegrabenen Loch, schlüpfte tief hinein, um nicht den Tod in den großen Regenmassen zu finden. Wir spürten, wie sich die trockene Erde um uns herum belebte. Wie sie uns abgab von ihrer Energie, die uns durchströmte, wie die Elektrizität die Häuser der Menschen. Sie floss in uns hinein, ließ einen Teil dort, der hektisch zu zirkulieren begann, und nahm einen anderen Teil wieder mit, um die anderen auch davon kosten zu lassen. Peitschend umtoste uns das kühle Nass, zog an uns, riss an uns, und jene, die nicht gut verankert waren, flogen mit in die unendlichen Lüfte, aus denen es keine Rückkehr mehr gab. Wie grausam das nun auch klingen mag, so erschien uns selbst stets die Stagnation und das Leiden, dass mit ihr verbunden war, als weitaus grausamer. Der Wandel, die Veränderung, die so natürlich, so erwünscht und auch so verheerend sein konnte, sie war der Inbegriff des Lebens, des ewigen Prozesses, ohne den es nichts geben konnte.
Die ganze Nacht hindurch hielten wir dem Unwetter stand, zogen uns das heraus, was uns zum Vorteil gereichte, und hielten aus, was zu unserem Nachteil war. Danach ruhten wir und wuchsen, streckten uns, ließen den Genuss der neuen Kraft seine Wirkung zeigen. Am nächsten Morgen, als mir die abgekühlte Luft durch die Blüte strich, reckte ich mich nach oben und sah umher. Jede von uns war noch tausendmal schöner als zuvor. Meine Nachbarin stand wieder fest neben mir und lächelte verzückt. Die Wiese erstrahlte in Gelb, Rot, Lila und sattem Grün. Die Sonne versprach uns wieder einen heißen Tag. Doch nun, nach dieser plötzlichen Überraschung, nach dem Ausbruch aus der Monotonie, machte ich mir darüber keine Sorgen mehr.


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